Israels „Gazafizierung“ des Libanon

Israel unterzieht den Libanon einer regelrechten „Gazafizierung“. Unter dem Vorwand des „Kampfes gegen die Hisbollah“ werden systematisch Dörfer zerstört, Menschen vertrieben sowie Journalisten und medizinisches Personal angegriffen. Offenkundig verfolgt Israel damit das Ziel, jede Waffenruhe zwischen den USA und Iran zu sabotieren und gleichzeitig libanesisches Territorium zu besetzen, während die mediale Aufmerksamkeit auf den Iran gerichtet ist.

Nur drei Tage nach Beginn des Iran-Krieges verschärfte Israel seine Militäroperationen im Libanon und startete eine weitere Bodenoffensive im Südlibanon. Mindestens 2.500 Menschen wurden getötet und 1,2 Millionen vertrieben, also ein Fünftel der Bevölkerung.

Besatzung und ethnische Säuberung im Süden

Im Südlibanon wurden ganze Städte zerstört und unbewohnbar gemacht. Eine militärische Quelle erklärte offen: „Das ist das Gaza-Modell, aber im Libanon.“ Bereits im März erklärte der israelische Finanzminister und Siedler im Westjordanland, Bezalel Smotrich, Israel müsse Gebiete bis zum Litani-Fluss annektieren, was einer Besatzung von rund 10% des Libanon entspricht.

Am abscheulichsten ist jedoch, dass Israel offen eine Politik ethnischer Säuberung betreibt und im „Kampf gegen die Hisbollah“ die schiitische Bevölkerung insgesamt ins Visier nimmt. Laut dem israelischen Reserve-Brigadegeneral Assaf Orion hätten lediglich christliche und drusische Dörfer eine Chance, die „Politik der verbrannten Erde“ der israelischen Armee zu überstehen.

Mehr noch: Dorfvorsteher in mehrheitlich christlichen und drusischen Regionen im Südlibanon wurden von israelischen Offizieren aufgefordert, schiitische Bewohner aus ihren Gemeinden zu vertreiben. Aus Angst vor Bombardierungen und völliger Zerstörung haben einige dem nachgegeben.

Zerstörung und Barbarei

Die Kampagne der israelischen Armee ist ebenso rücksichtslos wie zynisch. Am 8. April, genau an dem Tag der Ankündigung einer Waffenruhe zwischen den USA und Iran, bombardierte Israel innerhalb von nur zehn Minuten mehr als hundert Ziele. Getroffen wurden Geschäftsviertel und Wohngebiete in Beirut. Mindestens 357 Menschen wurden getötet, über 1.200 verletzt.

Bemerkenswerterweise war die Beendigung der Militäroperationen gegen den Libanon eine der „roten Linien“ des Irans in den Friedensverhandlungen, die im April in Islamabad stattfanden und schnell zusammenbrachen. Diese mörderischen Luftangriffe (mit dem Codenamen „Operation Ewige Dunkelheit“) waren ein offenkundiges Manöver, um die USA weiterhin in den Konflikt mit dem Iran hineinzuziehen.

Die israelische Armee (IDF) greift auch medizinisches Personal gezielt an. So führte sie am 15. April einen sogenannten „Triple-Tap“-Angriff durch, bei dem drei Sanitäter getötet wurden, als sie versuchten, Verwundete in der Stadt Mayfadoun zu retten.

Die ohnehin brüchige Waffenruhe zwischen den USA und Iran wurde später auch auf den Libanon ausgeweitet, obwohl Donald Trump den Krieg zunächst als „separates Scharmützel“ bezeichnet hatte. Doch nur zwei Tage nach einer erneuten Verlängerung der Waffenruhe befahl Premierminister Netanyahu der IDF, „Hisbollah-Ziele mit voller Härte anzugreifen“. Israel hat offensichtlich nicht die geringste Absicht, das Blutvergießen zu beenden.

Israels Straflosigkeit

Eines der Kriegsziele Israels ist die Eroberung von Territorium. Der Südlibanon steht seit langem im Visier Israels. Bereits 18 Jahre lang war die Region von Israel besetzt, bis die Besatzung im Jahr 2000 beendet wurde.

Doch das eigentliche Motiv besteht darin, Hindernisse für die israelische Vorherrschaft in der Region auszuschalten. Der Irankrieg verfolgt das Ziel, einen mächtigen Rivalen dauerhaft zu zerschlagen. Sollte sich die USA zurückziehen, würde der Iran gestärkt aus dem Konflikt hervorgehen, ein Alptraum für die herrschende Klasse Israels. Der Krieg im Libanon dient deshalb auch dazu, jede Friedenslösung zu sabotieren.

Aus Sicht Netanyahus hat die Eröffnung eines weiteren Kriegsschauplatzes zudem den Nutzen, sich durch den permanenten Ausnahmezustand an der Macht zu halten und einer Verurteilung wegen Korruptionsaffären zu entgehen.

Doch diese Strategie könnte sich als katastrophaler Fehler erweisen. Trotz der völligen Verwüstung Gazas seit Oktober 2023 wurde das Ziel, die Hamas zu zerschlagen, nicht erreicht. In den nicht direkt besetzten Teilen Gazas übt sie weiterhin Kontrolle aus.

Und wenn Israel schon gegen die Hamas scheitert, verheißt das wenig Erfolg im Kampf gegen die weitaus besser bewaffnete und erfahrene Hisbollah. Der Südlibanon ist nicht Gaza: Das Gebiet ist größer, gebirgig und offen zugänglich, was Guerillakämpfern bessere Bewegungsmöglichkeiten verschafft.

Auch Israels Versuch, religiös-sektiererische Spannungen zu schüren, stößt an Grenzen. Über Jahrzehnte versuchte Israel, Teile der christlichen und drusischen Bevölkerung gegen die Schiiten auszuspielen. Doch die wahllose Brutalität des aktuellen Krieges hat stattdessen einen allgemeinen Hass auf die IDF hervorgebracht.

Die Lage verschärfte sich zusätzlich, nachdem sich online Videos verbreiteten, in denen ein israelischer Soldat mit einem Vorschlaghammer auf den Kopf einer Christusfigur am Kreuz einschlägt, die in einem christlichen Dorf von einer Kirche gestürzt war.

Spaltungen im Westen

Die Eskalation im Libanon verschärft zugleich die Spannungen im westlichen Lager. Trump schleudert den europäischen Staaten, die sich weigern, ihre Marinen zur Öffnung der Straße von Hormus einzusetzen, Drohungen entgegen. Dazu gehören der NATO-Austritt, die Überarbeitung des im vergangenen Jahr unterzeichneten Wirtschaftsabkommens oder sogar die Annexion Grönlands.

In einer gemeinsamen Erklärung verurteilten die Regierungen Kanadas, Frankreichs, Deutschlands, Italiens und Großbritanniens (bezeichnenderweise fehlten die USA) die „inakzeptablen“ israelischen Angriffe im Libanon und forderten die Einhaltung des Völkerrechts.

Dass die europäischen Mächte trotz ihrer Abhängigkeit von den USA plötzlich vorsichtiger auftreten, hat jedoch nichts mit Friedensliebe zu tun. Zwei Jahre lang unterstützten und finanzierten sie Israels Massaker an den Palästinensern. Der eigentliche Grund ihrer Kritik liegt darin, dass Israels Regierung jede Aussicht auf einen Frieden mit dem Iran sabotiert und damit einen Krieg verlängert, dessen Folgen vor allem Europa treffen.

So bezeichnete der britische Premierminister Keir Starmer die israelischen Luftangriffe zwar als „falsch“, wiederholt aber gleichzeitig Israels Forderung, die Hisbollah müsse „entwaffnet“ werden. Wie immer verlangen die westlichen Staatschefs von den Opfern israelischer Aggression die Entwaffnung, während die IDF bis an die Zähne bewaffnet ist und ungehindert in der Region wüten kann.

Der Krieg im Libanon ist ein weiteres blutiges Kapitel in der Geschichte des Nahen Ostens. Die Spirale aus Zerstörung und Chaos kann nur beendet werden, indem dem Imperialismus ein Ende gesetzt wird und das bedeutet, die herrschenden Klassen in unseren eigenen Ländern zu stürzen.

SCHLIESS DICH DEN KOMMUNISTEN AN!

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