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	<title>Perspektiven Archives -</title>
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		<title>Die globale Krise 1973-75: ein Wendepunkt des Kapitalismus</title>
		<link>https://derkommunist.de/die-globale-krise-1973-75-ein-wendepunkt-des-kapitalismus-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Adam Booth]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 08 May 2026 10:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Ölkrise]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Konflikte im Nahen Osten. Die anhaltende Inflationsgefahr. Globale wirtschaftliche Instabilität. Eine Welle von Arbeitskämpfen. Revolutionäre Bewegungen, die in einem Land nach dem anderen ausbrechen. Nein, dies ist weder ein politischer [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p>Konflikte im Nahen Osten. Die anhaltende Inflationsgefahr. Globale wirtschaftliche Instabilität. Eine Welle von Arbeitskämpfen. Revolutionäre Bewegungen, die in einem Land nach dem anderen ausbrechen.</p>



<p>Nein, dies ist weder ein politischer Rückblick auf das Jahr 2023 noch eine Zusammenfassung unserer Perspektiven für die kommende Zeit.</p>



<p>Vielmehr handelt es sich um eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse vor einem halben Jahrhundert, als das kapitalistische System in seine erste synchronisierte weltweite Rezession eintrat, die das endgültige Ende des Nachkriegsbooms markierte – und eine neue Phase der Unruhen und Turbulenzen einläutete.</p>



<h3 class="wp-block-heading" style="font-size:22px"><strong>Zufall und Notwendigkeit</strong></h3>



<p>Für oberflächliche bürgerliche Kommentatoren lässt sich die Krise von 1973–75 als ein bedauerliches zufälliges Ereignis abtun. Die Apologeten des Kapitalismus behaupten, diese globale Rezession sei lediglich das Resultat eines internationalen „Ölpreisschocks“ gewesen.</p>



<p>Es stimmt zwar, dass die Energiepreise infolge eines Embargos der arabischen Ölstaaten gegen die westlichen imperialistischen Mächte, als Reaktion auf deren Unterstützung Israels im Jom-Kippur-Krieg, in die Höhe schossen.</p>



<p>Es darauf zu reduzieren, wäre jedoch eine rein empirische Analyse, die die Situation nur oberflächlich analysiert und die tiefer liegenden Prozesse und sich anhäufenden Widersprüche, die das gesamte System an den Rand des Zusammenbruchs gebracht haben, nicht versteht. Marxisten verstehen solche „Zufälle“ in ihrem größeren Zusammenhang: in diesem Fall in dem fragilen Zustand, in dem sich die Weltwirtschaft zu diesem Zeitpunkt befand.</p>



<p>Bei einem Kartenhaus reicht schon ein kleiner Ruck oder ein unerwarteter Windstoß, um das gesamte Gebäude zum Einsturz zu bringen. Ebenso braucht ein durch monatelange Dürre ausgetrockneter Wald nur einen kleinen Funken, um das gesamte angesammelte brennbare Material zu entzünden und einen Flächenbrand auszulösen.</p>



<p>Das ist es, was mit der dialektischen Aussage gemeint ist, dass „sich die Notwendigkeit durch den Zufall ausdrückt“.</p>



<p>Wenn ein System – sei es in der Natur oder in der Gesellschaft – von einer Krise geprägt ist, können eine Vielzahl von sekundären Faktoren oder Ereignissen einen Wandel oder Zusammenbruch auslösen. Die Ansammlung kleiner quantitativer Veränderungen führt zu einer qualitativen Transformation. Objektive Dynamiken spiegeln sich in und durch scheinbar zufällige oder zufällige Ereignisse wider.</p>



<p>Dies war in den 1970er Jahren weltweit beim Kapitalismus der Fall. Die Weltwirtschaft war voller Widersprüche und Spannungen. Das System stand kurz vor dem Zusammenbruch. Und als es schließlich soweit war, begann eine neue Epoche: eine Epoche der Krise und des Klassenkampfs, eine Epoche, in der wir bis heute leben.</p>



<h3 class="wp-block-heading" style="font-size:22px"><strong>Die Voraussetzungen der Krise</strong></h3>



<p>In Wirklichkeit war der Crash von 1973-75 Ausdruck einer organischen Krise des Kapitalismus, wie sie Marx bereits vor über 150 Jahren in seinen ökonomischen Schriften beschrieben hatte.</p>



<p>Wie Marx ebenfalls erklärte, muss man, um eine kapitalistische Krise wirklich zu verstehen, zuerst die Zeit davor untersuchen. Die wahre Ursache solcher Krisen sind die zuvor entstandenen Bedingungen – nicht der unmittelbare „zufällige“ Auslöser oder Schock. Das Gleiche gilt für die Rezession Mitte der 1970er.</p>



<p>In dieser Hinsicht war die Krise der 70er Jahre das Ergebnis aller Widersprüche, die sich während (und als Folge) des Nachkriegsbooms angehäuft hatten. Alle Faktoren, die zu dem lang anhaltenden Wirtschaftsaufschwung geführt hatten, kehrten sich ins Gegenteil um.</p>



<p>Dieser jahrzehntelange Aufschwung war ein goldenes Zeitalter für den Kapitalismus, eine beispiellose Ära der Entwicklung der Produktivkräfte auf weltweiter Ebene. Aber in diesem erstaunlichen Wachstumsschub lag auch der Keim für den eigenen Niedergang.</p>



<p>Ted Grant – der ursprüngliche Gründer unserer Organisation und nach dem Tod von Leo Trotzki der international führende marxistische Theoretiker – hat in einem Artikel aus dem Jahr 1960 mit dem Titel „<a href="https://marxist.com/ted-grant-will-there-be-a-slump.htm">Will There be a Slump?</a>“ (<a href="https://derfunke.at/20088-ted-grant-kommt-der-wirtschaftseinbruch-1960">Kommt der Wirtschaftseinbruch?</a>) die Gründe für den Nachkriegsboom brillant dargelegt.</p>



<p>Zu einer Zeit, als sich der Rest der „Linken“, darunter viele sogenannte Marxisten, den damals vorherrschenden reformistischen, <a href="https://marxist.com/marx-keynes-hayek-and-the-crisis-of-capitalism-part-one.htm">keynesianischen Ideen</a> angepasst hatte, erklärte Ted die verschiedenen Faktoren, die den Boom befeuerten. Und er sagte zutreffend voraus, dass dieselben Kräfte sich irgendwann ins Gegenteil verkehren und das System in eine Krise stürzen würden.</p>



<h3 class="wp-block-heading" style="font-size:22px"><strong>Politische Faktoren</strong></h3>



<p>Von entscheidender Bedeutung für den robusten Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg waren die politischen Bedingungen der damaligen Zeit.</p>



<p>Als der Konflikt zu Ende ging und die Gesellschaft aus der Dunkelheit und Zerstörung des Krieges heraustrat, stand in einem Land nach dem anderen die Revolution auf der Tagesordnung. Aber der Verrat der stalinistischen und reformistischen Führer sorgte dafür, dass diese Bewegungen niedergeschlagen wurden, sodass die herrschende Klasse an der Macht bleiben konnte.</p>



<p>Im zerstörten Westdeutschland und Japan beispielsweise fungierten die Arbeiterführer als Handlanger der imperialistischen Besatzungsmächte und halfen dabei, die radikalisierten Massen zurückzuhalten, die die gestürzten faschistischen Regime durch kommunistische ersetzen wollten.</p>



<p>In ähnlicher Weise trugen die „kommunistischen“ Führer in Frankreich, Italien und Griechenland dazu bei, die Stabilität des Kapitalismus nach dem Krieg zu sichern. Und in Großbritannien führte die Labour-Regierung unter Clement Attlee 1945 Reformen von oben durch, um eine Revolution von unten zu verhindern.</p>



<p>Nur auf dieser Grundlage, mit einer unterworfenen Arbeiterklasse, konnte der Kapitalismus überleben und später prosperieren. Dieser Verrat schuf die politischen Voraussetzungen für den Aufschwung.</p>



<h3 class="wp-block-heading" style="font-size:22px"><strong>Welthandel</strong></h3>



<p>Ein weiteres wesentliches Element hinter dem Boom war die Vormachtstellung des US-Imperialismus, der den britischen Imperialismus als weltweit dominierende Macht abgelöst hatte.</p>



<p>Aufgrund der Tatsache, dass auf heimischem Boden nicht gekämpft wurde, ging der amerikanische Kapitalismus mit vollständig intakten Fabriken, Maschinen und Infrastrukturen aus dem Krieg hervor. Darüber hinaus hatten die Investitionen und Modernisierungen während des Krieges die US-Industrie enorm gestärkt.</p>



<p>Infolgedessen wuchs die US-Wirtschaft zwischen 1938 und 1950 um durchschnittlich 6,5 Prozent pro Jahr, die Produktion pro Stunde im privaten Unternehmenssektor stieg um 2,7 Prozent pro Jahr<a href="https://marxist.com/the-global-crisis-of-1973-75-a-turning-point-for-capitalism.htm#_ftn1"><sup>[1]</sup></a> und die Industrieproduktion verdoppelte sich fast.<a href="https://marxist.com/the-global-crisis-of-1973-75-a-turning-point-for-capitalism.htm#_ftn2"><sup> [2]</sup></a></p>



<p>Alle großen Rivalen der USA hatten sich gegenseitig vernichtet und waren nun verwundet und verschuldet. Ausgehungert und verzweifelt wurden Westeuropa und Japan von den Amerikanern abhängig, um das Kapital und die Ressourcen zu erhalten, die sie für den Wiederaufbau ihrer eigenen Industrien und Städte benötigten.</p>



<figure class="wp-block-image" id="attachment_27352"><img decoding="async" src="https://derfunke.at/wp-content/uploads/2026/04/keynesbrettonwoods.jpg.webp" alt="" class="wp-image-27352"/><figcaption class="wp-element-caption">Der Dollar wurde defacto zur Weltwährung, wie im Bretton Woods Abkommen festgelegt.</figcaption></figure>



<p>Dazu gehörte auch der Zugang zu Dollar – sowohl in Form von Hilfsgeldern aus dem Marshallplan als auch in Form anderer Kredite. Natürlich war diese finanzielle Unterstützung an Bedingungen geknüpft, die die Empfänger dazu verpflichteten, Waren von US-Lieferanten zu kaufen, was wiederum die amerikanischen Profite weiter steigerte.</p>



<p>Dank der Stärke und Dominanz des US-Kapitalismus, der 1950 einen Anteil von 58 Prozent an der Wirtschaftsleistung der fortgeschrittenen kapitalistischen Länder hatte<a href="https://marxist.com/the-global-crisis-of-1973-75-a-turning-point-for-capitalism.htm#_ftn3"><sup>[3]</sup></a>, war der Dollar durch das Bretton-Woods-Abkommen zur De-facto-Weltwährung geworden.</p>



<p>Auf dieser Grundlage gelang es dem US-Imperialismus, Handelsbarrieren im Interesse der amerikanischen Großunternehmen abzubauen. Dazu gehörten die Senkung und Abschaffung verschiedener protektionistischer Zölle. Darüber hinaus eröffnete die nationale Befreiung der Kolonialländer neue Märkte in Gebieten, die zuvor zur Domäne älterer Imperien wie Großbritannien und Frankreich gehört hatten.</p>



<p>All dies gab dem Welthandel einen enormen Schub. Das Volumen des globalen Handels mit Industriegütern stieg zwischen 1951 und 1971 um 349 Prozent, während die Produktion „nur” um 194 Prozent zunahm. Für die entwickelten Industrieländer war der Anstieg des Handels mit Industriegütern in diesem Zeitraum mit 480 Prozent sogar noch größer.<a href="https://marxist.com/the-global-crisis-of-1973-75-a-turning-point-for-capitalism.htm#_ftn4"><sup>[4]</sup></a></p>



<p>Dies war einer der wichtigsten Faktoren für den Nachkriegsboom. Der zunehmende internationale Handel führte zu einer stärkeren Integration des Weltmarktes. Dies wiederum führte zur Entstehung riesiger multinationaler Monopole, die nun Verbraucher in weit entfernten Ländern in zuvor unvorstellbarem Ausmaß bedienten.</p>



<p>Diese enorme Expansion und Reichweite wurde durch Entwicklungen in den Bereichen Kommunikation, Transport und anderen Technologiebereichen ermöglicht. Aber sie ebnete auch den Weg für ein weiteres explosives Wachstum der Produktivität.</p>



<p>Die neue internationale Arbeitsteilung führte zu einer verbesserten Spezialisierung und Effizienz. Die Konzentration des Kapitals führte zu Skaleneffekten (Senkung der Stückkosten durch Massenproduktion). Und der verschärfte Wettbewerb zwischen verschiedenen nationalen Monopolen – die sich nicht mehr hinter dem Schutz territorialer Beschränkungen und traditionell lokal begrenzter Märkte verstecken konnten – trug dazu bei, Investitionen in neue Maschinen und Methoden voranzutreiben.</p>



<p>Dieser Prozess ähnelte auffallend dem, was Marx und Engels im <a href="https://www.derfunke.at/html/pdf/marxistischebasics/marx_engels_manifest.pdf">Kommunistischen Manifest</a> als Blütezeit des Kapitalismus beschrieben hatten:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p><em>Der Weltmarkt hat dem Handel, der Schiffahrt, den Landkommunikationen eine unermeßliche Entwicklung gegeben. Diese hat wieder auf die Ausdehnung der Industrie zurückgewirkt […]</em></p>



<p><em>Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird, durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten. […]</em></p>



<p><em>An die Stelle der alten, durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedigung erheischen. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander.</em></p>
</blockquote>



<h3 class="wp-block-heading" style="font-size:22px"><strong>Kapitalistische Akkumulation</strong></h3>



<p>Die beeindruckendsten Wachstumsraten wurden in Westdeutschland und Japan verzeichnet. Beide Länder waren durch den Krieg stark zerstört worden. Für die normale Bevölkerung war das verheerend, aber für den Kapitalismus war es ein fruchtbarer Boden, um zu gedeihen.</p>



<p>Zerstörte Industrien und Infrastrukturen konnten auf der Grundlage modernster Technologien und Techniken wieder aufgebaut und organisiert werden. Wie in anderen fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern konnten wissenschaftliche Entwicklungen aus der Kriegszeit – wie Luftfahrt, Elektronik, Kunststoffe und Atomenergie – umfassend in der gesamten Wirtschaft angewendet werden. Andere Schlüsselbranchen wie Metall, Chemie und Elektrotechnik erlebten ebenfalls einen Aufschwung.</p>



<p>Die Arbeiterbewegung war unterdessen durch Jahre faschistischer Herrschaft und anschließender politischer Unterdrückung durch imperialistische Besatzer und ihre lokale Kompradorenbourgeoisie (Anm: eine lokale herrschende Klasse, die internationale Interessen bedient) stark geschwächt.</p>



<p>In Verbindung mit einem stetigen Zustrom von Wanderarbeitern vom Land in die Städte war den Kapitalisten so ein reichliches Angebot an Niedriglohnarbeitern sicher, mit dem Vorteil, dass diese Arbeitskräfte im Verhältnis zu ihren Kosten über ein hohes Qualifikations- und Bildungsniveau verfügten.</p>



<p>Während dieser Jahrzehnte blieb die Produktivität in Deutschland und Japan in Bezug weit hinter dem US-Kapitalismus zurück, da der durchschnittliche amerikanische Arbeiter mit weitaus mehr Maschinen produzierte als die Arbeiter in diesen ehemaligen Ländern.</p>



<p>Bis 1970 lag die Produktivität der deutschen und japanischen Fertigungsindustrie immer noch bei nur 30 Prozent bzw. 27 Prozent des US-Niveaus.<a href="https://marxist.com/the-global-crisis-of-1973-75-a-turning-point-for-capitalism.htm#_ftn5"><sup> [5]</sup></a> Dies wurde jedoch teilweise durch die vergleichsweise niedrigen Lohnkosten ausgeglichen. Im selben Jahr lagen die Stundenlöhne in Deutschland und Japan bei 57 Prozent bzw. 23 Prozent im Vergleich zu den durchschnittlichen Löhnen in den USA in diesem Sektor. <a href="https://marxist.com/the-global-crisis-of-1973-75-a-turning-point-for-capitalism.htm#_ftn6"><sup>[6]</sup></a></p>



<p>Da die Löhne niedrig blieben und sich die Produktivität allmählich verbesserte, wurden die deutschen und japanischen Exporte auf globaler Ebene zunehmend wettbewerbsfähiger. In einer Branche nach der anderen begannen die Unternehmen dieser Länder, sich auf ausländischen Märkten zu behaupten, die US-Monopole herauszufordern und sich einen Teil der Profite zu sichern.</p>



<p>Dieser internationale Wettbewerb wiederum spornte die Kapitalisten in allen fortgeschrittenen Volkswirtschaften dazu an, die Produktion weiter zu modernisieren und die Produktivität durch neue Kapitalinvestitionen zu steigern. So entstand eine mächtige, weltweite Dynamik der kapitalistischen Akkumulation und des Wachstums – <a href="https://marxist.com/marx-capital-guide/8-chapters-23-25-accumulation.htm">wie sie Marx in „Das Kapital“ skizziert hat</a> –, die durch einen expandierenden Weltmarkt erzeugt, befeuert und geschmiert wurde.</p>



<h3 class="wp-block-heading" style="font-size:22px"><strong>Fiktives Kapital</strong></h3>



<p>Auch staatliche Konjunkturmaßnahmen trugen zur Verstärkung und Verlängerung des Nachkriegsbooms bei.</p>





<p>Neue Technologien, die dank der Planung in der Kriegswirtschaft entwickelt wurden, trugen zur Steigerung der Produktivität bei. Ähnlich verhielt es sich mit der Verstaatlichung wichtiger – aber maroder – Industriezweige wie Kohle, Stahl und Eisenbahn in Großbritannien, die modernisiert werden mussten, um private Unternehmen zu unterstützen.</p>



<p>Das keynesianische „Nachfragemanagement”, einschließlich Sozialleistungen und anderer öffentlicher Programme, wirkte ebenfalls stimulierend.</p>



<p>Darüber hinaus führten die Militärausgaben der imperialistischen Mächte zu Investitionen in einer Reihe von angrenzenden Sektoren. In den USA beispielsweise machten die Ausgaben für Rüstungsgüter in der Hochphase etwa 10 Prozent des jährlichen BIP aus. <a href="https://marxist.com/the-global-crisis-of-1973-75-a-turning-point-for-capitalism.htm#_ftn7"><sup>&nbsp;[7]</sup></a></p>



<p>Diese Ausgaben stellten jedoch ein zweischneidiges Schwert dar, denn sie wurden zu einer immer größeren Belastung für die Realwirtschaft. Die Rüstungsausgaben waren ein enormer finanzieller Belastungsfaktor, der Geld aus produktiven Investitionen abzog. Außerdem wurden Staatsausgaben im Allgemeinen – sei es für Bomben oder Sozialleistungen – zunehmend durch „Defizitfinanzierung” finanziert, d. h. durch das Drucken von Geld und staatlicher Kreditaufnahme.</p>



<p>Das Ergebnis war ein gewaltiges Anwachsen dessen, was Marx als „fiktives Kapital“ bezeichnete: Geld, das ohne einen Gegenwert in realen Werten, wie sie in tatsächlichen Waren verkörpert sind, zirkuliert.</p>



<p>Dies wiederum führte zu einem inflationären Druck im gesamten System – ein Druck, der in den 1970er Jahren deutlich an die Oberfläche zu drängen begann.</p>



<p>Ähnlich wie in der jüngeren Vergangenheit versuchten die Kapitalisten und ihre Sprachrohre, die Schuld für diese Inflation den Arbeiter und ihren Gewerkschaften zuzuschieben, indem sie behaupteten, „unangemessene“ Lohnforderungen seien für die Entstehung einer „Lohn-Preis-Spirale“ verantwortlich.</p>



<p>In Wahrheit waren es jedoch die herrschende Klasse – und das anarchische kapitalistische System, das sie verteidigt –, die die Inflation anheizten. Und das ist auch heute noch der Fall.</p>



<h3 class="wp-block-heading" style="font-size:22px"><strong>Klassenkämpfe</strong></h3>



<p>Nach fast 25 Jahren praktisch ununterbrochenen Wirtschaftswachstums blinkten Ende der 60er Jahre die Warnleuchten auf dem Armaturenbrett der Kapitalisten.</p>



<p>Am auffälligsten war dabei das Wiederaufleben militanter Arbeitskämpfe und intensiver Klassenkämpfe nach einer langen Phase steigender Lebensstandards, Vollbeschäftigung und relativen sozialen Friedens.</p>



<p>Ereignisse wie der Mai 1968 in Frankreich und der „heiße Herbst” 1969 in Italien waren Anzeichen dafür, dass die Ära des Klassenkompromisses vorbei war.</p>



<p>Im Grunde genommen waren diese Bewegungen eine Reaktion auf die sich verschärfenden wirtschaftlichen Bedingungen für die Arbeiterklasse, die wiederum die intrinsische Dynamik des kapitalistischen Systems widerspiegelten.</p>



<p>Im „Kapital“ erklärte Marx, dass es im Kapitalismus eine allgemeine Tendenz gibt, dass die Profitrate im Laufe der Zeit sinkt, da die Kapitalisten ihre Überschüsse in neue Maschinen und Automatisierung reinvestieren.</p>



<p>Letztendlich ist es die Arbeiterklasse, die durch ihre Arbeit den gesamten gesellschaftlichen Wohlstand erzeugt. Dazu gehört auch der Mehrwert, den sich die Kapitalisten in Form von Profit, Pacht und Zinsen aneignen und der aus der unbezahlten Arbeit der Arbeiterklasse stammt.</p>



<p>Da immer mehr in Produktionsanlagen und -ausrüstung investiert wird, was Marx als konstantes Kapital bezeichnete, sinkt der Anteil, den die Kapitalisten für Löhne ausgeben, um die Arbeitskraft der Arbeiter zu kaufen.</p>



<p>Da jedoch gerade dieser Teil ihrer Ausgaben, das variable Kapital, für die Schaffung von Mehrwert verantwortlich ist, bedeutet dies, dass die Kapitalisten (unter sonst gleichen Bedingungen) tendenziell einen Rückgang der durchschnittlichen Profitrate erleben, wenn Maschinen eingeführt werden und die Produktion expandiert.</p>



<p>Einzelne Kapitalisten, die neue Technologien und Techniken in ihre Produktionsprozesse einführen, erzielen vorübergehend Extraprofite. Durch die Automatisierung können diese Unternehmer mit weniger Arbeitskräften mehr Waren produzieren und so ihre Kosten unter die Kosten ihrer Konkurrenten senken.</p>



<p>Im Durchschnitt der gesamten Wirtschaft führt dies jedoch zu einer Senkung der allgemeinen Profitrate, da es die Arbeit der Arbeiter ist, die den gesamten neuen Wert – einschließlich des Mehrwerts – erzeugt.</p>



<p>Genau das geschah in der Nachkriegszeit. Wie bereits erwähnt, veranlasste der globale Wettbewerb die Kapitalisten in allen fortgeschrittenen Ländern dazu, in immer höhere Technologien und Automatisierung zu investieren, um die Produktion zu rationalisieren und zu straffen.</p>



<p>Eine Zeit lang gab es angesichts der überall expandierenden Märkte noch keinen Grund zur Sorge. Aber die Profitrate sank: von über 16 Prozent für US-amerikanische und britische Nicht-Finanzunternehmen im Jahr 1950 nach einigen Maßstäben auf weniger als 10 Prozent im Jahr 1970<a href="https://marxist.com/the-global-crisis-of-1973-75-a-turning-point-for-capitalism.htm#_ftn8"><sup>[8]</sup></a>; ein Rückgang von rund einem Fünftel für die Industrieländer insgesamt und von einem Drittel für den amerikanischen Kapitalismus vom Höchststand der Nachkriegszeit. <a href="https://marxist.com/the-global-crisis-of-1973-75-a-turning-point-for-capitalism.htm#_ftn9"><sup>[9]</sup></a> Wichtig ist jedoch, dass die absolute Gewinnsumme der Großunternehmen weiterhin anstieg.</p>



<p>Ähnlich verhielt es sich in Amerika, Großbritannien, Frankreich und Italien, wo die Kapitalisten zwar Marktanteile an ihre deutschen und japanischen Konkurrenten und später an die sich rasch industrialisierenden Länder Südostasiens verloren, ihre Gesamtgewinne aber dennoch weiter stiegen. Doch schließlich gingen die Unternehmer in die Offensive – sie setzten die Arbeiterklasse stärker unter Druck, um der sinkenden Rentabilität entgegenzuwirken.</p>



<p>Die Arbeiterklasse war jedoch dank des Booms enorm gestärkt worden. Und nach Jahren des Schlummers begann diese mächtige Kraft, ihren Kopf zu erheben und ihre Muskeln spielen zu lassen, und brachte die herrschende Klasse zum erzittern.</p>



<h3 class="wp-block-heading" style="font-size:22px"><strong>Bretton Woods</strong></h3>



<p>Ein weiteres deutliches Symptom für die Verwerfungen in der Weltwirtschaft – und Vorbote des Abschwungs von 1973 – war der langsame Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems.</p>



<p>Dieses Währungssystem war im Wesentlichen ein dollarbasierter Goldstandard, der durch die unangefochtene Dominanz des US-Kapitalismus zum Zeitpunkt der Aushandlung des Abkommens im Jahr 1944 ermöglicht wurde.</p>



<p>Zu diesem Zeitpunkt gab es eine weltweite Nachfrage nach Dollar zur Finanzierung des Wiederaufbaus nach dem Krieg. Da sich mehr als zwei Drittel der weltweiten Goldreserven in Fort Knox befanden, galt die Dollarnote als ebenso wertvoll wie Gold.</p>



<p>Darüber hinaus verzeichnete die US-Wirtschaft zu dieser Zeit einen Überschuss, sowohl im Hinblick auf den Staatshaushalt als auch in Bezug auf die Handelsbilanz mit anderen Ländern und die finanziellen Verpflichtungen gegenüber diesen.</p>



<p>Im Laufe der Jahre jedoch, als der US-Kapitalismus einen relativen Niedergang erlebte, kehrte sich die Situation um. Die Importe aus dem Ausland nahmen zu. Die amerikanischen Exporte wurden weniger wettbewerbsfähig. Die Staatsausgaben stiegen sprunghaft an. Und Anfang der 1970er Jahre hatte das Weiße Haus mit Haushalts- und Zahlungsbilanzdefiziten zu kämpfen.<a href="https://marxist.com/the-global-crisis-of-1973-75-a-turning-point-for-capitalism.htm#_ftn10"><sup>[10]</sup></a></p>



<p>Zu dieser volatilen Mischung kam noch eine Flut wertloser Dollar hinzu, die in der Weltwirtschaft zirkulierten.</p>



<p>Der US-Kapitalismus missbrauchte seine Position als Emittent des offiziellen globalen allgemeinen Äquivalents und kaufte mit von amerikanischen Banken gedruckten Dollars profitable ausländische Vermögenswerte und strategische Industrien auf. Dasselbe gilt für den US-Imperialismus und seine enormen Militärausgaben.</p>



<p>Dieses Geld hatte jedoch keine Deckung in der Realwirtschaft. Daher baute sich überall Inflationsdruck auf, dank der rücksichtslosen Versuche der amerikanischen herrschenden Klasse, den Niedergang des US-Kapitalismus auf Kosten seiner Konkurrenten aufzuhalten.</p>



<p>Angesichts der Dollar-Flut und der relativ geringen Goldreserven der USA, die diese deckten, kamen zunehmend Zweifel an der Konvertibilität des Dollars in Gold auf – dem Rückgrat des Bretton-Woods-Systems. Dies führte zu Spekulationsgeschäften mit dem eindeutig überbewerteten US-Dollar.</p>



<p>Nach einer Reihe gescheiterter Versuche, die Krise zu exportieren, indem rivalisierende Mächte zu einer Aufwertung gezwungen wurden, um ihre eigenen Exporte weniger wettbewerbsfähig zu machen, brach dieses instabile, unhaltbare System schließlich zusammen.</p>



<p>Genau wie zuvor der Goldstandard oder später die Einheitswährung Euro konnte das Bretton-Woods-System mit festen Wechselkursen für eine gewisse Zeit den Welthandel und die Finanzstabilität fördern, solange der Kapitalismus boomte und alle Volkswirtschaften in die gleiche Richtung gingen.</p>



<p>Als sich jedoch die Weltwirtschaft abzukühlen begann und die verschiedenen kapitalistischen Mächte unterschiedliche Richtungen einschlugen, wurde die Rigidität des Währungssystems zu einem Hemmschuh, und die Schranke des Nationalstaats trat erneut deutlich zutage. Die Politik des „Beggar-thy-Neighbour“ kehrte zurück (Anm: Beggar-thy-Neighbour-Politik beschreibt eine Politik, bei der die eigene Wirtschaft auf Kosten anderer durch Abwertung und Zölle gestärkt wird).</p>



<p>Am 15. August 1971 setzte US-Präsident Nixon einseitig die Konvertibilität des Dollars in Gold aus. Bretton Woods wurde daraufhin zugunsten flexibler Wechselkurse und wettbewerbsorientierter Abwertungen aufgegeben. Der Todesstoß für die Nachkriegswirtschaftsordnung war gefallen.</p>



<h3 class="wp-block-heading" style="font-size:22px"><strong>Überproduktion</strong></h3>



<p>Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die Ölkrise von 1973 kein isoliertes Ereignis war, sondern eine von vielen Krisen, die in dieser Zeit in schneller Folge die Weltwirtschaft erschütterten – ein Spiegelbild der wachsenden Widersprüche, die zu diesem Zeitpunkt bereits die Grundlagen des kapitalistischen Systems durchdrungen hatten.</p>



<p>Zu den bereits beschriebenen zahlreichen Problemen kam ein weiterer schwerwiegender wirtschaftlicher Widerspruch hinzu, mit dem der Kapitalismus nun konfrontiert war: die Überproduktion.</p>



<p>Marx hatte diesen dem Kapitalismus innewohnenden Widerspruch schon vor langer Zeit erklärt. Er hob hervor, dass die Anarchie und die Grenzen des Privateigentums dazu führen, dass die Produktivkräfte im Kapitalismus unweigerlich die Beschränkungen des Marktes übersteigen. Die Produktionskapazität der Gesellschaft übersteigt das, was die „effektive Nachfrage“ (die Zahlungsfähigkeit von Verbrauchern und Unternehmen) aufnehmen kann.</p>



<p>Der Kapitalismus, so Marx und Engels im Kommunistischen Manifest, zaubert „gewaltige Produktions- und Verkehrsmittel“ hervor, wie ein „Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor“.</p>



<p>Nach Jahrzehnten der Akkumulation und des Wachstums zeigte sich diese Überproduktion in der gesamten Weltwirtschaft. Am symptomatischsten für diese Entwicklung war die „Überkapazität“, die eine Branche nach der anderen heimsuchte, da die gierigen Kapitalisten blindlings investierten und expandierten und alle chaotisch nach immer größeren Profiten strebten.</p>



<p>In den USA beispielsweise sank die Kapazitätsauslastung im verarbeitenden Gewerbe von einem Boom-Höchststand von 92 Prozent im Jahr 1966 auf einen Rezessions-Tiefstand von 75 Prozent im Jahr 1971 und dann sogar noch weiter auf einen Tiefpunkt von 65 Prozent im Jahr 1975. <a href="https://marxist.com/the-global-crisis-of-1973-75-a-turning-point-for-capitalism.htm#_ftn11"><sup>[11]</sup></a> Ausgehend von Schlüsselbranchen der amerikanischen Wirtschaft wie der Automobilindustrie und dem Baugewerbe äußerte sich diese Überproduktion in Form von übersättigten Märkten und sinkenden Absatzzahlen. Dies wiederum führte zu einem Teufelskreis aus fallenden Preisen, sinkenden Gewinnen, rückläufigen Investitionen und wachsender Arbeitslosigkeit.</p>



<p>Die Dynamik der kapitalistischen Krise setzte ein.</p>



<h3 class="wp-block-heading" style="font-size:22px"><strong>Vom Boom in die Krise</strong></h3>



<p>Die Energiekrise verschärfte das Problem noch, indem sie zu einem Inflationsschub führte und die Kaufkraft der Arbeiter in einer Zeit bereits gedämpfter Nachfrage weiter einschränkte.</p>



<p>Die Bemühungen der herrschenden Klassen, die steigenden Preise durch deflationäre Maßnahmen einzudämmen, trieben die Wirtschaft unterdessen weiter in die Rezession.</p>



<p>Der Boom verwandelte sich in einen veritable Krise. Und da die Weltwirtschaft stärker denn je zuvor integriert war, griff die Krise bald auf die übrigen fortgeschrittenen kapitalistischen Länder über.</p>



<p>Die Industrieproduktion in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften sank zwischen Juli 1974 und April 1975 um 10 Prozent<a href="https://marxist.com/the-global-crisis-of-1973-75-a-turning-point-for-capitalism.htm#_ftn12"><sup>[12]</sup></a> und in Ländern wie den USA und Japan sogar noch stärker. Die Aktienmärkte brachen ein, wobei die Aktienkurse im Vereinigten Königreich zwischen September 1974 und September 1975 um 55 Prozent fielen.<a href="https://marxist.com/the-global-crisis-of-1973-75-a-turning-point-for-capitalism.htm#_ftn13"><sup>[13]</sup></a> Und Banken brachen zusammen – allen voran etwa die größte deutsche Privatbank Herstatt am 26. Juni 1974.</p>



<p>Die herrschende Klasse wurde hin und her geworfen. Gefangen zwischen der Rezession und der Inflation schwankte sie zwischen einer expansiven Politik (um zu verhindern, dass der Abschwung zu einer Depression wurde) und Sparmaßnahmen und Kürzungen (um die steigenden Preise zu bekämpfen).</p>



<p>Ende 1975 begann sich die Wirtschaft wieder zu erholen. Aber der Aufschwung erwies sich als fragil und kurzlebig. Und an den meisten Orten wuchs nur die Zahl der Arbeitslosen, da das Gespenst der Massenarbeitslosigkeit die Gesellschaft heimsuchte.</p>



<p>Die Gesamtzahl der Arbeitslosen in den OECD-Ländern stieg von 8 Millionen vor der Rezession auf 15 Millionen danach.<a href="https://marxist.com/the-global-crisis-of-1973-75-a-turning-point-for-capitalism.htm#_ftn14"><sup>[14]</sup></a> Und von da an stieg die Arbeitslosigkeit weiter an und erreichte 1978 schätzungsweise 17 Millionen. <a href="https://marxist.com/the-global-crisis-of-1973-75-a-turning-point-for-capitalism.htm#_ftn15"><sup>[15]</sup></a> Als 1979 erneut eine „Stagflation“ – stagnierende Produktion bei gleichzeitig steigender Inflation – einsetzte, beschlossen die Vertreter des US-Kapitalismus, die gesamte Last der Krise auf die Schultern der Arbeiterklasse abzuwälzen.</p>



<p>Paul Volcker, Vorsitzender der US-Notenbank, erhöhte die Zinssätze, um die Geldmenge zu verknappen und die Inflation zu senken. Kurz darauf wurde Ronald Reagan zum Präsidenten gewählt. Zusammen mit Margaret Thatcher in Großbritannien und anderen kapitalistischen Politikern weltweit startete er eine Offensive gegen die organisierte Arbeiterklasse.</p>



<p>Das Problem für die Kapitalisten war jedoch, dass ihre bittere Medizin den Patienten zu töten drohte.</p>



<p>Um die Rentabilität wiederherzustellen, musste die herrschende Klasse große Teile des Kapitals zerstören, das in veralteten und überholten Industrien gebunden war; sie musste die Produktion rationalisieren und modernisieren, auf Kosten von Arbeitsplätzen, Löhnen und Arbeitsbedingungen der Arbeiter; und sie musste die Löhne drücken und die Arbeit intensivieren, um die Ausbeutungsrate zu erhöhen.</p>



<p>Aber die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel waren grob und schwerfällig: eine straffe Geldpolitik und die sogenannte „kreative Zerstörung”, die rücksichtslos alles zerstörten und die Entwicklung neuer produktiver Unternehmen erstickten. Darüber hinaus gab es staatliche Repressionen gegen die militantesten Gewerkschaften, die zu einer immensen sozialen und politischen Instabilität führten.</p>



<p>Letztendlich erreichten die „Monetaristen“ ihre Ziele zumindest teilweise. Es kam zu einem neuen Aufschwung des Kapitalismus. Dieser wurde jedoch auf Kosten der Arbeiterklasse erreicht. Und für große Teile der Bevölkerung konnte der Lebensstandard nur dank einer explosionsartigen Ausweitung der Kreditvergabe aufrechterhalten werden.</p>



<p>Der Zusammenbruch der Sowjetunion und die Wiedereingliederung Chinas in den Weltmarkt verliehen dem Kapitalismus in den folgenden Jahrzehnten neuen Auftrieb.</p>



<p>Die Globalisierung – mit ausgelagerter Produktion und ausgedehnten Lieferketten – verschaffte den imperialistischen Mächten und ihren multinationalen Monopolen Zugang zu billigen Arbeitskräften und Rohstoffen im Ausland, was dazu beitrug, die Inflation in Schach zu halten und die Gewinne zu steigern.</p>



<p>Zu Hause hingegen ermöglichte die Nachgiebigkeit der Gewerkschaftsführer den Unternehmer, ungestraft davonzukommen.</p>



<p>Aber die überheblichen Äußerungen des liberalen Establishments über das angebliche „Ende der Geschichte“ erwiesen sich als äußerst fehlgeleitet. Im Nachhinein betrachtet war der Zusammenbruch des Stalinismus nur der Auftakt zu einem weitaus größeren Zusammenbruch: dem des Kapitalismus.</p>



<h3 class="wp-block-heading" style="font-size:22px"><strong>Eine revolutionäre Perspektive</strong></h3>



<p>Auch nach fünfzig Jahren sind die Nachwirkungen des wirtschaftlichen Erdbebens der 1970er noch zu spüren.</p>



<figure class="wp-block-image" id="attachment_27350"><img decoding="async" src="https://derfunke.at/wp-content/uploads/2026/04/Revolutionary-Communist-International-illustration.jpg.webp" alt="" class="wp-image-27350"/><figcaption class="wp-element-caption">Wir müssen aus dieser Zeit der Krise und des Klassenkampfs die entsprechenden Schlussfolgerungen ziehen. / Bild: communist.red</figcaption></figure>



<p>Die Rezession von 1973 bis 1975 war ein historischer Wendepunkt für den Kapitalismus; ein schwerer Schlag für das System, von dem es sich allen Anzeichen nach nie wirklich erholt hat. Seit diesem Zeitpunkt reagierte die herrschende Klasse angesichts eines gordischen Knotens von Widersprüchen, einer mächtigen weltweiten Arbeiterklasse und der Gefahr einer Revolution auf jede neue Krise mit der Rettung des Kapitalismus durch staatliche Interventionen, Steuergelder und billige Kredite. Infolgedessen hat sich weltweit ein Berg von Schulden – von Staaten, Unternehmen und Privathaushalten – angehäuft, der schwer auf der Weltwirtschaft lastet.</p>



<p>Soweit es nach den 1970er eine Erholung gab, dann war sie auf Sand gebaut – und ebnete den Weg für die noch tiefere und umfassendere Krise von 2008. Dies hat wichtige Auswirkungen auf die heutigen Perspektiven.</p>



<p>Weit davon entfernt, eine Wiederholung des Nachkriegsbooms zu erleben, sind die Aussichten für den Kapitalismus von zunehmender Instabilität und sich verschärfenden Krisen auf allen Ebenen geprägt: wirtschaftlich, ökologisch, militärisch, sozial und politisch.</p>



<p>Wir befinden uns nicht in einer Epoche der Reformen, sondern der Konterreformen und brutalen Angriffe, in der alle hart erkämpften Errungenschaften früherer Generationen von den Kapitalisten und ihren Vertretern ausgehöhlt und weggenommen werden.</p>



<p>Die Ideen des Keynesianismus sind vollständig diskreditiert worden. Gleichzeitig hat auch der monetaristische Flügel der Bourgeoisie keine Lösungen zu bieten. Das System befindet sich in einer Sackgasse.</p>



<p>Es beginnt daher ein neues Kapitel: ein Kapitel revolutionärer Umwälzungen in allen Ländern, wie wir es in den 1970er gesehen haben – mit explosiven Bewegungen und militanten Kämpfen in Spanien, Griechenland, Portugal, Chile, Großbritannien und anderswo –, aber diesmal auf einer höheren Ebene.</p>



<p>Wir müssen die Lehren aus dieser Zeit der Krise und des Klassenkampfs ziehen und die entsprechenden Schlussfolgerungen daraus ziehen. Der Kapitalismus lag in diesem Jahrzehnt am Boden und war bereit, einen tödlichen Schlag zu erhalten. Aber leider gab es keine revolutionäre Führung, die in der Lage war, diese notwendige Aufgabe zu erfüllen.</p>



<p>Das ist der Hauptwiderspruch, den wir heute überwinden müssen: die Kluft zwischen den objektiven Erfordernissen der Geschichte und dem Fehlen des subjektiven Faktors – der revolutionären Partei.</p>



<p>Es liegt an uns, die Kräfte des Kommunismus aufzubauen und das sterbende kapitalistische System ein für alle Mal aus seinem Elend zu befreien.</p>



<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity"/>



<p><a href="https://marxist.com/the-global-crisis-of-1973-75-a-turning-point-for-capitalism.htm#_ftnref1">[1]</a> <em>The economics of global turbulence</em>, Robert Brenner, <em>New Left Review</em> issue 229, p48-49</p>



<p><a href="https://marxist.com/the-global-crisis-of-1973-75-a-turning-point-for-capitalism.htm#_ftnref2">[2]</a> <em>Capitalism since World War II</em>, Armstrong, Glyn, and Harrison, p69</p>



<p><a href="https://marxist.com/the-global-crisis-of-1973-75-a-turning-point-for-capitalism.htm#_ftnref3">[3]</a> Ibid, p212</p>



<p><a href="https://marxist.com/the-global-crisis-of-1973-75-a-turning-point-for-capitalism.htm#_ftnref4">[4]</a> Ibid, p214</p>



<p><a href="https://marxist.com/the-global-crisis-of-1973-75-a-turning-point-for-capitalism.htm#_ftnref5">[5]</a> Ibid, p212</p>



<p><a href="https://marxist.com/the-global-crisis-of-1973-75-a-turning-point-for-capitalism.htm#_ftnref6">[6]</a> Ibid, p221</p>



<p><a href="https://marxist.com/the-global-crisis-of-1973-75-a-turning-point-for-capitalism.htm#_ftnref7">[7]</a> <em>The economics of global turbulence</em>, p56</p>



<p><a href="https://marxist.com/the-global-crisis-of-1973-75-a-turning-point-for-capitalism.htm#_ftnref8">[8]</a> <em>The second slump</em>, Ernest Mandel, Verso 1980 edition, p22-23</p>



<p><a href="https://marxist.com/the-global-crisis-of-1973-75-a-turning-point-for-capitalism.htm#_ftnref9">[9]</a> <em>Capitalism since World War II</em>, p257</p>



<p><a href="https://marxist.com/the-global-crisis-of-1973-75-a-turning-point-for-capitalism.htm#_ftnref10">[10]</a> <em>The economics of global turbulence</em>, p119</p>



<p><a href="https://marxist.com/the-global-crisis-of-1973-75-a-turning-point-for-capitalism.htm#_ftnref11">[11]</a> <em>The second slump</em>, p26</p>



<p><a href="https://marxist.com/the-global-crisis-of-1973-75-a-turning-point-for-capitalism.htm#_ftnref12">[12]</a> <em>Capitalism since World War II</em>, p314</p>



<p><a href="https://marxist.com/the-global-crisis-of-1973-75-a-turning-point-for-capitalism.htm#_ftnref13">[13]</a> Ibid, p317</p>



<p><a href="https://marxist.com/the-global-crisis-of-1973-75-a-turning-point-for-capitalism.htm#_ftnref14">[14]</a> Ibid, p324</p>



<p><a href="https://marxist.com/the-global-crisis-of-1973-75-a-turning-point-for-capitalism.htm#_ftnref15">[15]</a> <em>The second slump</em>, p88</p>
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		<title>Wie die globale Krise Russland stärkt</title>
		<link>https://derkommunist.de/wie-die-globale-krise-russland-staerkt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Alexandra Sablina]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 07 May 2026 10:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Asien]]></category>
		<category><![CDATA[Weltgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Auch wenn die Analysten über Ölpreise und geopolitische Kalküle diskutieren: Die Realität des Krieges im Nahen Osten lässt sich nicht in Diagrammen ausdrücken, sondern in Menschenleben messen. Innerhalb weniger Tage [&#8230;]</p>
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<p>Auch wenn die Analysten über Ölpreise und geopolitische Kalküle diskutieren: Die Realität des Krieges im Nahen Osten lässt sich nicht in Diagrammen ausdrücken, sondern in Menschenleben messen. Innerhalb weniger Tage wurden mehr als tausend Menschen getötet. Unter ihnen waren 165 Schülerinnen und Angestellte, die bei Angriffen auf zivile Infrastruktur im Iran ums Leben kamen.</p>



<p>In der gesamten Region – vom Gold bis zur Levante – verstecken sich Zivilisten in Kellern und Tiefgaragen, während Raketen über ihre Köpfe hinwegfliegen. Was als Machtdemonstration begann, ist zu einem Konflikt eskaliert, der zunehmend der Kontrolle des amerikanischen Imperialismus entgleitet.</p>



<p>Für die Vereinigten Staaten und Donald Trump persönlich hat sich diese Kampagne als weitaus komplizierter erwiesen als die üblichen geopolitischen Abenteuer der letzten Monate. In die Enge getrieben und mit wenig Rückzugsmöglichkeiten hat der Iran äußerst aggressiv reagiert. Länder, die eng mit Washington verbündet sind wie Katar, Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien befinden sich nun inmitten des eskalierenden Konflikts.</p>



<p>Im Zentrum der Krise liegt die Straße von Hormus, eine wichtige Lebensader des globalen Energiesystems. Ein großer Teil des weltweiten Öls und Gases fließt durch diese Meerenge. Deshalb versetzt jede Störung dort die globalen Märkte sofort in Aufruhr. Ein einziger regionaler Konflikt hat nun das Potenzial, die gesamte Struktur des globalen Kapitalismus zu destabilisieren.</p>



<p>Doch während Millionen leiden, profitieren andere. Paradoxerweise könnte einer der wirtschaftlichen Nutznießer des Konflikts Russland sein. Das liegt nicht daran, dass Russland den Krieg begonnen hat oder direkt involviert ist. Es ist auch unwahrscheinlich, dass Moskau direkt militärisch zugunsten des Iran interveniert. Das ist aber auch gar nicht unbedingt notwendig. Die Asymmetrie des Konflikts bedeutet, dass der Iran gewinnt, wenn er nicht verliert, während spekuliert wird, dass Russland möglicherweise mit Satellitenaufklärung und wirtschaftlicher Unterstützung hilft. Doch gerade weil Russland außerhalb des Konflikts bleibt, kann es von der daraus resultierenden globalen Instabilität profitieren.</p>



<p>Das heutige russische Regime ist geschickt darin geworden, globale Turbulenzen zu meistern. Steigende Ölpreise, Verschiebungen der Handelsströme und Störungen bei konkurrierenden Lieferanten können Russlands Position als bedeutender Rohstoffexporteur stärken. In diesem Sinne könnte der Nahostkonflikt die russische Wirtschaft vorübergehend stabilisieren.</p>



<p>Ein tiefgreifender Wandel ist im Gange. Dieser wird einerseits angetrieben durch den relativen Niedergang des US-Imperialismus, der seine Position der vollständigen Vorherrschaft als Weltmacht verloren hat. Andererseits herrscht aufgrund der organischen Krise des Kapitalismus ein Wettlauf um die Kontrolle über Märkte, Ressourcen, Lieferketten und Einflusssphären, vor allem zwischen den USA und China. Und genau in diesem imperialistischen Gemetzel versucht Russland, sich zu etablieren.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Öl und das Blut der Weltwirtschaft</strong></p>



<p>Die Rolle der fossilen Brennstoffe für die russische Wirtschaft wird im Westen oft übertrieben dargestellt. Diese ist weitaus komplexer als die bloße Förderung von Brennstoffen. Dennoch stammen 17% des BIP und 30% der Einnahmen der Regierung aus Gas und Öl, die den Löwenanteil der russischen Exporte ausmachen.</p>



<p>Wenn imperialistische Spannungen – etwa ein Krieg im Nahen Osten – Versorgungswege wie die Straße von Hormus bedrohen, steigen die weltweiten Ölpreise fast augenblicklich. Für einen großen Exporteur wie Russland bedeuten höhere Preise direkt höhere Exporteinnahmen, selbst wenn sein Öl aufgrund von Sanktionen mit einem Preisnachlass verkauft wird.</p>



<p>Trump hat die Sanktionen gegen russisches Öl vorübergehend gelockert, um den Preisanstieg abzumildern. Zudem musste er seine Versuche aufgeben, Indien dazu zu zwingen, weniger russisches Öl zu kaufen. Indische Raffinerien haben seit Beginn des US-Kriegs gegen den Iran bereits 30 Millionen Barrel russisches Öl gekauft.</p>



<p>Die russischen Produktionskosten sind relativ niedrig, was bedeutet, dass ein Anstieg der Weltmarktpreise die Gewinnmargen der Energieunternehmen deutlich vergrößert und die Steuereinnahmen des Staates erhöht. Dies verschafft Moskau zusätzliche Deviseneinnahmen, stabilisiert den Haushalt und hilft bei der Finanzierung staatlicher Ausgaben, einschließlich der Militärausgaben.</p>



<p>Auf der anderen Seite schwächen Energieengpässe einige von Russlands Konkurrenten, indem sie die Volatilität auf den globalen Märkten erhöhen und gleichzeitig große Importeure – insbesondere in Asien – dazu zwingen, sich alternative Lieferquellen zu sichern. Infolgedessen kann sich Russland in Zeiten der Instabilität als relativ zuverlässiger Lieferant positionieren. So stärkt Russland und seinen wirtschaftlichen Einfluss und seine diplomatische Verhandlungsmacht.</p>



<p>Kurz gesagt: Eine Ölkrise macht die russische Wirtschaft nicht gesünder, aber sie stärkt vorübergehend ihren zentralen Vorteil, nämlich der Kontrolle über groß angelegte Energieexporte in einer Welt, die plötzlich verzweifelt nach stabilen Lieferungen sucht.</p>



<p>Doch selbst diese vorübergehende Stabilisierung wäre ohne eine tiefgreifende Umstrukturierung der außenwirtschaftlichen Beziehungen Russlands im Verlauf des Krieges in der Ukraine nicht möglich gewesen. Das nach 2022 verhängte Sanktionsregime zwang Moskau dazu, Handel, Finanzströme und Lieferketten rasch von Europa weg und hin zu asiatischen Märkten umzulenken.</p>



<p>Bei dieser Transformation hat China eine zentrale Rolle gespielt. In den letzten Jahren ist Peking zu Russlands größtem Handelspartner geworden. China hat einen erheblichen Anteil der umgeleiteten Energieexporte aufgenommen, während es gleichzeitig Maschinen, Elektronik, Fahrzeuge und andere Industriegüter liefert, die viele westliche Importe ersetzen.</p>



<p>Chinesische Unternehmen und Finanzinstitute haben zudem die parallelen Handelsnetzwerke gefördert, die Russland den Zugang zu Komponenten und Technologien ermöglichen, die ansonsten durch Sanktionen eingeschränkt wären. Gleichzeitig hat die Verwendung des chinesischen Yuan im bilateralen Handel und in den russischen Finanzreserven dramatisch zugenommen und die Rolle, die zuvor westliche Währungen spielten, teilweise ersetzt.</p>



<p>Dieser Wandel hat es der russischen Wirtschaft ermöglicht, den Zusammenbruch zu vermeiden, den viele Analysten ursprünglich vorausgesagt hatten, als die Sanktionen gegen Russland erstmals verhängt wurden. Wir hingegen argumentierten, dass Europa infolge ihrer eigenen Sanktionen einen größeren Schlag erleiden würde. Die Realität hat unsere Vorhersagen voll und ganz bestätigt.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Wende nach Osten</strong></p>



<p>Um die aktuelle russische Außenpolitik zu verstehen, müssen wir auf die frühen 2000er Jahre zurückblicken. In dieser Zeit versuchte Russland nach dem Zusammenbruch der UdSSR, sich in das westliche Wirtschaftssystem zu integrieren. China baute währenddessen seine Wirtschaft rasch aus und nutzte dabei eine Kombination aus staatlicher Zentralisierung und Marktmechanismen.</p>



<p>Im Laufe von zwei Jahrzehnten machte die chinesische Wirtschaft einen kolossalen Sprung und China entwickelte sich zum wichtigsten wirtschaftlichen Konkurrenten der Vereinigten Staaten. Russland versuchte in dieser Zeit, zwischen verschiedenen Machtzentren zu balancieren. Das russische Regime hoffte, Teil des westlichen Clubs imperialistischer Mächte zu werden, an der G8 teilzunehmen und Einflusssphären mit Europa und den Vereinigten Staaten zu teilen. Doch diese Illusionen schwanden allmählich. Der Wendepunkt kam mit der globalen Krise von 2008 und der fortgesetzten Osterweiterung der NATO.</p>



<p>Die russische herrschende Klasse empfand die Pläne der Ukraine und Georgiens, der NATO beizutreten, als direkte Bedrohung ihrer Interessen. Nach den Ereignissen von 2014 und den darauf folgenden Sanktionen begann Russland, seine Wirtschaftsstrategie rasch nach Osten auszurichten. Damals begann eine echte Annäherung an China.</p>



<p>Zuvor waren die Beziehungen zwischen den Ländern eher punktuell und regional begrenzt und führten meist eher zu Absichtserklärungen als zu konkreten Wirtschaftsprojekten. Nach 2022 und der Verhängung westlicher Sanktionen konnte Russland jedoch einen wirtschaftlichen Zusammenbruch dank China weitgehend vermeiden.</p>



<p>Bis zu 80% der russischen Ölexporte wurden nach Indien und China umgeleitet. Natürlich ging dies mit erheblichen Preisnachlässen einher – bis zu 20 bis 30 Dollar pro Barrel. Doch angesichts der enormen Mengen Russlands und der hohen weltweiten Ölpreise wuchs das BIP. Der Verlust des europäischen Marktes war für Russland keine Katastrophe.</p>



<p>China spielt auch eine Schlüsselrolle bei der Umgehung von Sanktionen: Es liefert Elektronik, erleichtert Parallelimporte, beteiligt sich an der Finanzierung von Energieprojekten und gewährt großen russischen Konzernen Kredite.</p>



<p>In der russischen Luftfahrt, Pharmaindustrie und IT füllen chinesische Lieferungen eine erhebliche technologische Lücke. Sogar die Währungsstruktur der russischen Reserven hat sich verändert: Der Yuan ist zur wichtigsten Reservewährung für den russischen Staat geworden. Ein Paradebeispiel ist das Flugzeug MS-21, eine russische Entwicklung, die potenziell westliche Flugzeuge im russischen Luftfahrtsektor ersetzen könnte. Russland ist das einzige Land der Welt, das ein Flugzeug vollständig selbst bauen kann, wenn auch unter Verwendung chinesischer Komponenten. Das ist sehr aufschlussreich.</p>



<p>Russland ist seit langem einer der weltweit führenden Waffenexporteure und der andauernde Krieg in der Ukraine hat diese Position auf paradoxe Weise weiter gestärkt. Trotz Sanktionen und politischer Isolation spielt der russische militärisch-industrielle Komplex weiterhin eine bedeutende Rolle auf dem globalen Waffenmarkt.</p>



<p>Der Konflikt hat Russland praktisch zu einem groß angelegten Testfeld für moderne Kriegsführung gemacht, auf dem Waffensysteme, Drohnen, Mittel der elektronischen Kriegsführung, Luftabwehrtechnologien und die Logistik auf dem Schlachtfeld ständig angepasst und verfeinert werden. Diese realen Kampferfahrungen sind in der globalen Rüstungsindustrie äußerst wertvoll, da potenzielle Käufer genau beobachten, wie sich Waffen unter realen Kampfbedingungen bewähren.</p>



<p>Infolgedessen bewahrt Russland nicht nur seinen Ruf als bedeutender Waffenlieferant – insbesondere für Länder in Asien, Afrika und dem Nahen Osten –, sondern sammelt auch operative Erfahrungen, die die Wettbewerbsfähigkeit seines Verteidigungssektors stärken.</p>



<p>Die Beteiligung Nordkoreas an der Unterstützung Russlands während des Konflikts hat ebenfalls wichtige Auswirkungen. Moskau ist es gelungen, ein Netzwerk von Verbündeten zu festigen, die trotz Sanktionen zur wirtschaftlichen, militärischen und politischen Zusammenarbeit bereit sind. Aus Pekings Sicht deutet Russlands Fähigkeit, die Kriegsanstrengungen aufrechtzuerhalten, die Beziehungen zu nicht-westlichen Partnern zu vertiefen und die innere Stabilität zu wahren, darauf hin, dass sich das Kräfteverhältnis in Eurasien verschiebt.</p>



<p>In diesem Sinne hat der Konflikt Russlands geopolitische Stellung nicht so sehr geschwächt, wie viele Analysten erwartet hatten. In mancher Hinsicht hat er sogar Moskaus Rolle als zentraler Akteur in der sich abzeichnenden multipolaren Ordnung gestärkt.</p>



<p>Es wäre ein Fehler, Russlands Rolle in der Weltwirtschaft auf das Klischee einer bloßen „Tankstelle mit Atomwaffen“ zu reduzieren. Diese Beschreibung wurde in den letzten zehn Jahren in westlichen politischen Kommentaren populär, doch die jüngsten Entwicklungen haben gezeigt, wie irreführend sie sein kann. Europa selbst hat bereits den Preis dafür bezahlt, die strukturelle Bedeutung russischer Energie und Rohstoffe unterschätzt zu haben.</p>



<p>Aus ähnlichen Gründen sollte die zunehmend enge Beziehung zwischen Russland und China nicht als einfache Verwandlung Russlands in eine chinesische Kolonie interpretiert werden. Natürlich ist die Partnerschaft zwischen den beiden Ländern eindeutig asymmetrisch: Chinas Wirtschaft ist deutlich größer, seine industrielle Basis weiter fortgeschritten und seine technologischen Fähigkeiten breiter gefächert. Asymmetrie bedeutet jedoch nicht automatisch Abhängigkeit im kolonialen Sinne.</p>



<p>Ein entscheidender Unterschied liegt im Eigentum an den Produktionsmitteln. China kontrolliert nicht die Schlüsselbereiche der russischen Wirtschaft. Die großen Öl- und Gasunternehmen, die Energieinfrastruktur, die Industrieanlagen und die natürlichen Ressourcen bleiben unter der Kontrolle des russischen Staates oder des inländischen Kapitals.</p>



<p>Es gibt zwar chinesische Investitionen, doch diese konzentrieren sich auf bestimmte Projekte und Sektoren, anstatt eine systemische Kontrolle über die russischen Produktionsmittel darzustellen. Dies ist ein wichtiger Unterschied zu klassischen Mustern kolonialer oder halbkolonialer Abhängigkeit.</p>



<p>Die Energiezusammenarbeit zwischen den beiden Ländern veranschaulicht diese Beziehung besonders gut. Der geplante Ausbau der Pipeline-Infrastruktur, insbesondere durch das Projekt „Power of Siberia 2“, dürfte die russischen Gasexporte nach China drastisch steigern. Sobald die Pipeline in Betrieb ist, könnte sie Mengen liefern, die fast dem Umfang entsprechen, den Russland zuvor nach Europa geliefert hat.</p>



<p>Mit anderen Worten: Während Russland einen Großteil seines europäischen Gasmarktes verloren hat, baut es gleichzeitig eine langfristige Alternative in Asien auf. Die strategische Bedeutung dieser Verlagerung zeigt sich bereits in den politischen Diskussionen in Russland. Präsident Wladimir Putin hat die Regierung sogar angewiesen, die Möglichkeit eines vollständigen und beschleunigten Rückzugs aus dem europäischen Energiemarkt zu prüfen. Dies begründet er damit, dass es für Russland möglicherweise rationaler sei, seine Position in den aufstrebenden asiatischen Märkten zu festigen, anstatt auf weitere europäische Restriktionen zu warten.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Imperialistisches Tandem</strong></p>



<p>Die Zusammenarbeit zwischen Russland und China beschränkt sich nicht auf den Handel mit Rohstoffen oder die Umleitung von Energieflüssen. Sie erstreckt sich auch auf mehrere strategische Industriezweige, in denen beide Staaten langfristige geopolitische und wirtschaftliche Vorteile sehen.</p>



<p>Zu den wichtigsten dieser Industriezweige zählen die Kernenergie, die Rohstoffgewinnung in der Arktis und groß angelegte Infrastrukturprojekte für Flüssigerdgas (LNG). Diese Projekte veranschaulichen, wie die Partnerschaft zwischen Moskau und Peking in der Praxis funktioniert: Sie verbindet russische Rohstoffe, ingenieurtechnisches Know-how und staatliche Energiekonzerne mit chinesischem Kapital, industriellen Lieferketten und einer langfristigen Energienachfrage.</p>



<p>Einer der politisch bedeutendsten Bereiche der Zusammenarbeit ist die zivile Kernenergie. Das russische Staatsunternehmen Rosatom arbeitet seit Jahrzehnten mit China zusammen und ist nach wie vor eines der wenigen ausländischen Unternehmen, die tief in Chinas Ausbau der Kernenergie eingebunden sind. Russische Ingenieure waren am Bau des großen Kernkraftwerks Tianwan beteiligt und vor kurzem vereinbarten die beiden Länder den Bau weiterer Reaktoren an den Standorten Tianwan und Xudapu.</p>



<p>Bei diesen Projekten stellt Russland Reaktortechnologie, Kernbrennstoff und ingenieurtechnisches Know-how bereit, während China die Finanzierung, Baukapazitäten und den Zugang zu einem der am schnellsten wachsenden Strommärkte der Welt beisteuert. Obwohl das direkte Handelsvolumen der nuklearen Zusammenarbeit geringer ist als das des Öl- oder Gashandels, ist ihre strategische Bedeutung erheblich.</p>



<p>Ein weiterer wichtiger Bereich der Zusammenarbeit ist die Erschließung der Energieressourcen in der Arktis. Die Arktis hat sich aufgrund der sich dort öffnenden Schifffahrtswege sowie ihrer riesigen Vorkommen an Erdgas, Öl und kritischen Mineralien zu einer der strategisch am meisten umkämpften Regionen der Welt entwickelt. Russland kontrolliert den größten Teil der arktischen Küstenlinie und verfügt über umfangreiche technische Erfahrung bei der Arbeit unter extremen polaren Bedingungen.</p>



<p>Die Erschließung dieser Felder erfordert jedoch enorme finanzielle Mittel, spezialisierte Infrastruktur und Zugang zu globalen Märkten. Aus diesem Grund wendet sich Moskau zunehmend an asiatische Partner – insbesondere China –, um Hilfe bei der Finanzierung und Unterstützung großer Arktis-Projekte zu erhalten.</p>



<p>Das bekannteste Beispiel ist das Yamal-LNG-Projekt, das vom russischen Unternehmen Novatek betrieben wird. Chinesische staatliche Einrichtungen, darunter die China National Petroleum Corporation (CNPC) und der Silk Road Fund, investierten Milliarden von Dollar in das Projekt und stellten über chinesische Banken umfangreiche Kredite bereit.</p>



<p>Diese Finanzierung trug dazu bei, den Rückzug westlichen Kapitals nach der Verhängung von Sanktionen auszugleichen. Das Projekt hat sich seitdem zu einem der größten LNG-Exportknotenpunkte in der Arktis entwickelt und versendet Lieferungen über die Nordostpassage in asiatische und europäische Märkte. Chinesische Unternehmen haben auch in das Folgeprojekt Arctic LNG 2 investiert, das darauf abzielt, Russlands Flüssigerdgas-Kapazitäten in der Region weiter auszubauen.</p>



<p>Die arktische Partnerschaft erstreckt sich auch auf Offshore-Fördertechnologien und Infrastrukturplattformen. Russland hat spezielle technische Lösungen für den Betrieb in arktischen Meeren entwickelt, darunter Offshore-Anlagen, die extremen Temperaturen und Eisdruck standhalten können.</p>



<p>Ein bekanntes Beispiel ist die Priraslomnaja-Plattform, die in der Petschorasee in Betrieb ist. Sie stellt eine der ersten arktischen Offshore-Ölförderanlagen dar, die speziell für polare Bedingungen gebaut wurden. Projekte dieser Art erfordern fortschrittliche Bohrtechnologie, eisbeständige Konstruktionen und ein komplexes logistisches Netzwerk aus Eisbrechern, Versorgungsschiffen und spezialisierten Häfen.</p>



<p>Für China bietet die Beteiligung am arktischen Energieausbau nicht nur Zugang zu Ressourcen, sondern auch zu technologischem Know-how und neuen Transportwegen. Peking hat zunehmend das Konzept einer „Polaren Seidenstraße“ gefördert, das arktische Schifffahrtsrouten mit seiner umfassenderen „Belt and Road Initiative“ verbindet.</p>



<p>Die Nordostpassage entlang der russischen Arktisküste kann die Transportzeiten zwischen Asien und Europa im Vergleich zu traditionellen Routen durch den Suezkanal erheblich verkürzen. Infolgedessen zeigen chinesische Reedereien, Energieunternehmen und Finanzinstitute wachsendes Interesse an arktischen Infrastrukturprojekten, LNG-Terminals und Transportkorridoren, die mit russischen Häfen verbunden sind.</p>



<p>Die russisch-chinesischen Beziehungen sind weder eine koloniale Abhängigkeit noch ein perfekt ausgewogenes Bündnis. Vielmehr handelt es sich um eine pragmatische strategische Partnerschaft, die durch die konvergierenden Interessen zweier Großmächte geprägt ist, die ihre Position in einem sich wandelnden globalen Wirtschaftssystem stärken wollen.</p>



<p>Was Anfang der 2000er Jahre als vorsichtige Beziehung begann, hat sich zu einer viel engeren politischen und wirtschaftlichen Annäherung entwickelt. Beide Länder betrachten die Vereinigten Staaten zunehmend als das zentrale Hindernis für ihre strategischen Ambitionen. Sie haben eine gemeinsame Basis gefunden, um sich gegen die Dominanz der amerikanischen Großmacht in globalen Institutionen und Handelsstrukturen zu stellen.</p>



<p>Währenddessen ist Europa selbst in eine Phase interner Krisen eingetreten. Wirtschaftliche Stagnation, Energieunsicherheit, politische Fragmentierung und zunehmende soziale Spannungen haben den Zusammenhalt des europäischen Projekts geschwächt.</p>



<p>Ironischerweise sind die europäische Energiewende und die Abkehr weg von Russland selbst zu einer Quelle politischer Konflikte innerhalb der Europäischen Union geworden. Meinungsverschiedenheiten zwischen den Mitgliedstaaten über Sanktionen, Transitrouten und Energieversorgung haben erhebliche Risse offenbart. Ein besonders sichtbares Beispiel war der Streit zwischen Ungarn und der Ukraine über Gastransit- und Liefervereinbarungen.</p>



<p>Vor allem aber hat der Verlust der billigen russischen Gasimporte die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie auf dem Weltmarkt offenbart. Dies hat daher dazu beigetragen, einen Prozess der Deindustrialisierung auf dem gesamten Kontinent voranzutreiben. Inmitten dieser Krise bemühen sich die 27 verschiedenen europäischen Staaten, ihre eigenen nationalen Interessen zu sichern.</p>



<p>Diese Risse haben es den europäischen Regierungen erschwert, eine einheitliche geopolitische Strategie gegenüber Russland und China aufrechtzuerhalten.</p>



<p>Das Ergebnis der sich wandelnden globalen Landschaft ist eine neue Konstellation, in der sowohl Russland als auch China ihre Positionen stärken konnten. China profitiert vom Zugang zu vergünstigten Energieressourcen, erweiterten Handelswegen und einem stabilen strategischen Partner in Eurasien.</p>



<p>Und Russland gewinnt einen riesigen Markt für seine Exporte, technologische Alternativen zu westlichen Importen und einen mächtigen Verbündeten in der umfassenderen Konfrontation mit den Vereinigten Staaten. Die Partnerschaft ist in vielerlei Hinsicht ungleich, aber unter den aktuellen globalen Bedingungen für beide Seiten vorteilhaft.</p>



<p>Mit anderen Worten: Der Versuch der Vereinigten Staaten und ihrer europäischen Verbündeten, Russland zu isolieren, hat nicht zu dem von ihnen erwarteten geopolitischen Ergebnis geführt. Stattdessen hat er die Konsolidierung einer eurasischen Wirtschaftsachse beschleunigt, in deren Mittelpunkt Russland und China stehen – eine Achse, die zunehmend in der Lage ist, die wirtschaftliche und politische Vorherrschaft des Westens herauszufordern.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Reiten auf den Wellen der globalen Krise</strong></p>



<p>Trotz des Drucks durch Krieg, Sanktionen und globale wirtschaftliche Turbulenzen weist das russische politische System derzeit ein beträchtliches Maß an innerer Stabilität auf. Diese Stabilität bedeutet nicht, dass es keine Spannungen innerhalb der herrschenden Klasse gäbe. Im Gegenteil: In den letzten Jahren kam es zu sichtbaren Konflikten, Umbesetzungen und Antikorruptionskampagnen innerhalb von Teilen der Elite.</p>



<p>Mehrere hochrangige Beamte wurden ihres Amtes enthoben, darunter ein stellvertretender Verteidigungsminister und andere hochrangige Funktionäre, denen Korruption vorgeworfen wurde. Solche Vorfälle sollten jedoch nicht als Anzeichen für einen Zusammenbruch des Regimes interpretiert werden – Anzeichen, die westliche Kommentatoren stets zu erfinden und aufzubauschen versuchen. Vielmehr spiegeln sie ein Muster wider, das für bonapartistische politische Systeme typisch ist, in denen die Zentralgewalt ihre Dominanz aufrechterhält, indem sie rivalisierende Fraktionen innerhalb der Elite regelmäßig diszipliniert und diese Maßnahmen gleichzeitig als Kampagne gegen „Korruption“ oder „Ineffizienz“ präsentiert.</p>



<p>In diesem Sinne dienen interne Säuberungen und Personalwechsel weniger als Strukturreformen, sondern vielmehr als Mechanismen zur Aufrechterhaltung des Machtgleichgewichts innerhalb des herrschenden Blocks.</p>



<p>Gleichzeitig hat sich die russische Wirtschaft als widerstandsfähiger erwiesen, als viele Beobachter in Europa und den Vereinigten Staaten ursprünglich erwartet hatten. Es gibt zwar Inflation und sie bleibt ein erhebliches Problem für die Haushalte. Doch sie ist nicht außer Kontrolle geraten.</p>



<p>Tatsächlich lag die Inflationsrate in Russland in mehreren Zeiträumen sogar unter der in Teilen Europas. Eine Kombination aus Kapitalkontrollen, umgeleiteten Handelsströmen, hohen Rohstoffeinnahmen und staatlichen Ausgaben hat es der Regierung ermöglicht, trotz des Krieges und der Sanktionen die Stabilität aufrechtzuerhalten. Energieexporte, insbesondere Öl, sorgen weiterhin für hohe Deviseneinnahmen, während der Handel mit asiatischen Märkten die verlorenen wirtschaftlichen Verbindungen zu Europa teilweise ersetzt hat.</p>



<p>Die Stabilität des Regimes und die Widerstandsfähigkeit des makroökonomischen Systems sollten jedoch nicht mit einer allgemeinen Verbesserung der sozialen Verhältnisse verwechselt werden. Die wirtschaftlichen Vorteile, die durch hohe Ölpreise und geopolitische Instabilität entstehen, konzentrieren sich in erster Linie auf eine kleine Schicht staatlich verbundener Unternehmen und politischer Eliten.</p>



<p>Energieunternehmen, Finanzinstitute und große Industriekonzerne, die mit dem Staatsapparat verbunden sind, vereinen den Großteil der zusätzlichen Einnahmen aus den globalen Energiepreisschocks auf sich. Ein kleiner Teil hochqualifizierter Arbeitskräfte im Energie- und militärisch-industriellen Sektor konnte zudem indirekte Vorteile durch höhere Löhne oder eine gestiegene Nachfrage nach ihrer Arbeitskraft erfahren.</p>



<p>Die breite Bevölkerung erlebt die Situation ganz anders. Die öffentlichen Ausgaben verlagern sich zunehmend in Richtung Militärproduktion, Sicherheitsstrukturen und strategische Industrien. Sie fließen nicht in Richtung sozialer Dienstleistungen und Sozialleistungen. Infolgedessen führen die durch hohe Energiepreise generierten Mehreinnahmen für die meisten Menschen nicht zu einer signifikanten Verbesserung des Lebensstandards. In vielen Sektoren stagnieren die Realeinkommen oder sind sogar gesunken, wenn man Inflation und steigende Lebenshaltungskosten berücksichtigt.</p>



<p>Diese Situation trägt zu einem umfassenderen Problem bei, nämlich einer Krise der Reproduktion der Arbeitskraft.</p>



<p>Eine stabile wirtschaftliche Entwicklung erfordert nicht nur Produktion, sondern auch die Fähigkeit der Gesellschaft, ihre Arbeitskräfte zu reproduzieren – durch bezahlbaren Wohnraum, zugängliche Gesundheitsversorgung, Bildung und Strukturen zur Familienunterstützung.</p>



<p>In Russland sind viele dieser Voraussetzungen jedoch nach wie vor fragil. Steigende Lebenshaltungskosten, begrenzte langfristige Karriereaussichten in vielen zivilen Sektoren und die zunehmende Militarisierung der Wirtschaft machen es jüngeren Generationen schwer, sich eine stabile Zukunft vorzustellen.</p>



<p>Diese Belastungen spiegeln sich bereits in den demografischen Trends wider. Russland sieht sich mit sinkenden Geburtenraten, einer alternden Bevölkerung und zunehmenden regionalen Ungleichheiten konfrontiert. Für viele junge Arbeiter bleiben die wirtschaftlichen Anreize zur Familiengründung schwach, während die Kosten für die Kindererziehung – insbesondere in großen städtischen Zentren – weiter steigen.</p>



<p>Mit anderen Worten: Die aktuelle Situation mag den russischen Staat vorübergehend stärken und das politische Regime stabilisieren, löst jedoch nicht die tieferen strukturellen Widersprüche innerhalb der russischen Gesellschaft. Die Gewinne, die durch hohe Energiepreise und geopolitische Instabilität erzielt werden, stärken in erster Linie das bestehende System der Macht- und Vermögensverteilung.</p>



<p>Es gibt Widersprüche im russischen Kapitalismus, doch derzeit sind sie anderer Art als jene, die wir im Westen beobachten. Im Westen mangelt es an rentablen Investitionsbereichen. In Russland tendiert die Wirtschaft nicht zur Stagnation, sondern zur Überhitzung; es gibt nicht genügend Arbeitskräfte.</p>



<p>Aktuell hat die Krise im Nahen Osten das Potenzial, das Haushaltsdefizit Russlands zu verringern, die Finanzmärkte zu stabilisieren und Moskaus diplomatischen Einfluss in globalen Verhandlungen zu stärken. Doch die Arbeiter werden davon nicht profitieren.</p>



<p>Im breiteren Kontext der anhaltenden Krise des globalen Kapitalismus dürften sich die zugrunde liegenden Widersprüche innerhalb der russischen Gesellschaft eher verschärfen als verschwinden. Die Kluft zwischen Arbeit und Kapital, zwischen staatlich gelenkter Ressourcenakkumulation und den alltäglichen wirtschaftlichen Lebensbedingungen der Bevölkerung, wird immer größer. Die durch hohe Rohstoffpreise erreichte wirtschaftliche Stabilisierung wirkt als vorübergehender Puffer, der das Auftreten tieferer struktureller Spannungen hinauszögert.</p>



<p>In diesem Sinne ist Russlands derzeitige Position nur aufgrund der durch den amerikanischen Imperialismus verursachten Instabilität in der Welt stark. Die Krise ist nicht verschwunden. Sie wurde lediglich aufgeschoben. Und wenn sie eintritt, müssen die Kommunisten in Russland darauf vorbereitet sein.</p>
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		<title>Ungarn: Orbán ist weg, aber hat Magyar die Antworten?</title>
		<link>https://derkommunist.de/ungarn-orban-ist-weg-aber-hat-magyar-die-antworten/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nye Shaw]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 03 May 2026 10:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Orbán wurde von Péter Magyar, dem Vorsitzenden der Tisza-Partei, besiegt. Obwohl Tisza faktisch erst seit zwei Jahren als bedeutende Kraft existiert, hat sie die Zweidrittel-Hürde im Parlament überschritten, die es [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Orbán wurde von Péter Magyar, dem Vorsitzenden der Tisza-Partei, besiegt. Obwohl Tisza faktisch erst seit zwei Jahren als bedeutende Kraft existiert, hat sie die Zweidrittel-Hürde im Parlament überschritten, die es einer Regierung ermöglicht, die Verfassung zu ändern.</p>



<p>Was die Nation elektrisiert und die Wähler dazu gebracht hat, in Rekordzahlen zur Wahl zu gehen, ist nicht ihre tiefe Liebe zu Magyar, sondern ihr tiefer Hass auf Orbán und Fidesz. Es ging nicht darum, für Magyar zu stimmen, sondern vielmehr darum, gegen Orbán zu stimmen.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Wirtschaftlicher Niedergang</strong></p>



<p>Eine Zeit lang gelang es Orbán, relativ erfolgreich zwischen der EU und Russland zu lavieren. Ungarn profitierte sowohl von EU-Subventionen in zweistelliger Milliardenhöhe als auch von billigem russischem Öl und Gas sowie von russischen Investitionen.</p>



<p>Dies verdeckte jedoch lediglich tiefgreifendere Probleme der ungarischen Wirtschaft. Als die Weltwirtschaft immer tiefer in die Krise rutschte und Ereignisse wie der Krieg in der Ukraine weiter Öl ins Feuer kippten, begann die ungarische Wirtschaft zu stagnieren.</p>



<p>Ungarn verzeichnet seit 2020 eine der höchsten kumulativen Inflationsraten in der EU; die Preise in Ungarn sind in den letzten sechs Jahren um 57% gestiegen.</p>



<p>Ein Eckpfeiler von Orbáns Programm war es, die einheimische ungarische Kapitalistenklasse durch massive staatliche Eingriffe zu stärken. Diese Bemühungen haben kaum Früchte getragen.</p>



<p>In einem nationalistischen Versuch, Ungarns Bedarf an Arbeitsmigranten zu verringern, versuchte Orbán, die Geburtenrate anzukurbeln. Durch Steuererleichterungen und zinslose Darlehen hat die ungarische Regierung rund 5% ihres BIP für dieses Vorhaben ausgegeben … und es ist völlig gescheitert. Seit 2011 ist die Bevölkerung um 500.000 Menschen zurückgegangen. Über 8.500 Ärzte haben das Land in den letzten zehn Jahren auf der Suche nach besseren Löhnen und Arbeitsbedingungen verlassen, sodass Ungarn mittlerweile nur noch 3,5 Ärzte pro 1.000 Einwohner hat.</p>



<p>Dazu wurde Orbáns Regierung vier Jahre in Folge als das korrupteste EU-Mitglied eingestuft. Dies gilt insbesondere für den Bereich des öffentlichen Beschaffungswesens, in dem Regierungsaufträge durchweg an Personen vergeben wurden, die dem engsten Kreis um Orbán nahestehen.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Auftritt: Magyar</strong></p>



<p>Vor diesem Hintergrund traten Péter Magyar und die neue Partei Tisza ins Rampenlicht. Magyar war fast sein ganzes Leben lang Mitglied der Fidesz. Im Jahr 2024 kam es zu einem Skandal, als die Regierung dem stellvertretenden Leiter des Kossuth-Zsuzsa-Kinderheims, der dort sexuellen Missbrauch vertuscht hatte, eine Begnadigung gewährte.</p>



<p>Magyar witterte eine Chance, verließ Fidesz und startete eine landesweite Kampagne gegen Korruption. Unter vielen Wählern herrscht Einigkeit darüber, dass sie zwar auch keine Fans von Magyar sind, ihr Hass auf Orbán nach 16 Jahren Herrschaft jedoch ausreichte, um für das „kleinere Übel“ zu stimmen.</p>



<p>Da er mit einer Mehrheit gewählt wurde, die groß genug ist, um die Verfassung zu ändern und viele seiner politischen Vorhaben mühelos umzusetzen, richten sich nun alle Augen auf Magyar, damit er die Probleme löst, mit denen das ungarische Volk konfrontiert ist. Doch Magyar wird nicht die Bedingungen relativer Stabilität und des Wachstums genießen können, die sein Vorgänger vorfand.</p>



<p>Die Weltwirtschaft ist in einem weitaus schlechteren Zustand als zuvor, insbesondere angesichts der massiven Instabilität, die durch die Sperrung der Straße von Hormus hervorgerufen wurde. Diese hat dazu geführt, dass die Ölpreise in die Höhe geschnellt sind, was die Inflation weiter steigen lassen wird.</p>



<p>Darüber hinaus bringen engere Beziehungen zur EU, für die Magyar steht, bestimmte Auflagen mit sich. Ungarns jährliches Haushaltsdefizit gehört zu den höchsten in der EU; daher wird der Druck aus Brüssel zunehmen, Ausgaben zu kürzen, um es an den EU-Standard anzupassen.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Orbán ohne Orbán</strong></p>



<p>Tatsächlich hat Magyar zeitweise versucht, Fidesz rechts zu überflügeln, und Orbán einmal dafür kritisiert, in der Einwanderungsfrage zu nachgiebig zu sein.</p>



<p>In der Ukraine-Frage beispielsweise haben viele Artikel Magyars Wahl als neuen Wendepunkt im Ukraine-Krieg gepriesen, da Orbán wiederholt sein Veto gegen EU-Hilfe für die Ukraine eingelegt hat. Es stimmt zwar, dass Magyar versprochen hat, die Blockade des aktuellen 90-Milliarden-Euro-EU-Pakets für die Ukraine zu beenden, doch er hat auch erklärt, dass er Orbáns Politik fortsetzen werde, kein ungarisches Geld für dieses Vorhaben bereitzustellen.</p>



<p>Magyar versprach zwar, die Abhängigkeit von russischem Öl und Gas zu verringern, betonte aber im gleichen Atemzug, dass „man die Geografie nicht ändern kann“.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Wo ist die Linke?</strong></p>



<p>Vor der Wahl verfügte die Ungarische Sozialistische Partei (MSZP) nur über zehn Sitze im Parlament, und nun stellte sie gar keine Kandidaten auf, um die Stimmen für Magyar zu stärken.</p>



<p>Die MSZP war in den 2000er Jahren lange Zeit an der Macht und hat sich dabei gründlich diskreditiert, indem sie durch Sparmaßnahmen Angriffe auf die Arbeiterklasse zuließ. Es war gegen die diskreditierte „sozialistische“ Regierung, dass Orbán 2010 an die Macht gelangen konnte. Doch nach 16 Jahren war der Mehrheit der Wählerschaft klar geworden, dass es ihm nicht gelungen war, auch nur eines der Probleme zu lösen, die er sich vorgenommen hatte. Magyar hat dieselben Rahmenbedingungen geerbt wie Orbán und diese werden sich nur noch weiter verschlechtern.</p>



<p>Die Diskreditierung von Orbán ist der erste Schritt auf dem Weg zu einer Vertiefung des Klassenbewusstseins. Die nächste Phase wird durch die Diskreditierung Magyars vorbereitet werden. Dadurch wird sich auf der Linken ein Raum öffnen. Die Frage ist: Was wird diesen Raum füllen? Der einzige Ausweg aus der gegenwärtigen Sackgasse besteht darin, dass eine echte Arbeiterpartei auf der Bildfläche erscheint, deren Programm die Verstaatlichung aller wichtigen wirtschaftlichen Ressourcen des Landes unter Arbeiterkontrolle in den Mittelpunkt stellt. Eine solche Partei muss aufgebaut werden.</p>



<p></p>
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		<title>Kampf gegen „Industrial Relations Act“: Britische Arbeiterklasse verteidigt Streikrecht</title>
		<link>https://derkommunist.de/kampf-gegen-industrial-relations-act-britische-arbeiterklasse-verteidigt-streikrecht/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Lukas Kutschera]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 02 May 2026 10:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven]]></category>
		<category><![CDATA[RKI]]></category>
		<category><![CDATA[Strategie & Organisation]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Inflation, Spar- und Kürzungspolitik, Deindustrialisierung, die Einschränkung demokratischer Rechte, Aufrüstung und Krieg: Die Angriffe der Herrschenden nehmen zu und erfordern eine entschlossene Antwort. Doch ausgerechnet jene, die Gegenwehr organisieren könnten, [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Inflation, Spar- und Kürzungspolitik, Deindustrialisierung, die Einschränkung demokratischer Rechte, Aufrüstung und Krieg: Die Angriffe der Herrschenden nehmen zu und erfordern eine entschlossene Antwort. Doch ausgerechnet jene, die Gegenwehr organisieren könnten, entziehen sich dieser Verantwortung.</p>



<p>Die reformistische Führung im Deutschen Gewerkschaftsbund behauptet, dass politische Streiks hierzulande verboten seien. Wer diese Logik akzeptiert, kann den Attacken der Bosse und ihrer politischen Vertreter in den Parlamenten und Regierungen nichts entgegensetzen.</p>



<p>Ein Blick in die Geschichte der Arbeiterbewegung beweist jedoch, dass wir die Spielregeln der herrschenden Klasse nicht hinnehmen müssen. Im Großbritannien der 1970er Jahre stemmten sich die Massen erfolgreich einem neuen, restriktiveren Streikrecht entgegen.</p>



<p>Auf Grundlage dieses „Industrial Relations Act“ verhaftete Gewerkschafter konnten durch Klassenkampf aus dem Gefängnis befreit werden. Am Ende gelang es der britischen Arbeiterklasse sogar, das verhasste Gesetz durch den Sturz der Regierung vollständig zu kippen.</p>



<p><strong>Regierung der Angriffe</strong></p>



<p>Gestürzt wurde Edward Heath, der 1970 für die konservative Tory-Partei zum Premierminister gewählt worden war. Großbritannien befand sich damals in einer tiefen ökonomischen Krise. Aufgrund von über Jahrzehnte verschleppten Investitionen konnte die britische Wirtschaft im internationalen Wettbewerb nicht mehr mithalten.</p>



<p>Heaths Auftrag war klar: Er sollte die Konkurrenzfähigkeit durch eine Steigerung der Ausbeutung der Arbeiterklasse wiederherstellen. Um diese Angriffe durchzusetzen, verschärfte seine Regierung mit dem „Industrial Relations Act“ das Streikrecht massiv.</p>



<p>Fortan durften nur registrierte Gewerkschaften zu Streiks aufrufen. Welche Gewerkschaften zugelassen wurden, entschied wiederum der Staat. Dieser konnte auch die Aufschiebung eines Streiks fordern. Solidaritätsstreiks wurden verboten. Und denjenigen, die sich dem neuen Gesetz widersetzten, drohten drakonische Strafen.</p>



<p><strong>Streik lautet die Antwort</strong></p>



<p>Von unten entwickelte sich eine gewaltige Protestbewegung gegen das Gesetz. Am 21. Februar 1971 protestierten in London 300.000 Menschen – die größte Demonstration Großbritanniens seit der Chartisten-Bewegung Mitte des 19. Jahrhunderts.</p>



<p>So enorm war der Druck, dass sich auch die Führungen des britischen Gewerkschaftsbunds, dem „Trades Union Congress“ (TUC), und der Labour-Partei gegen das Gesetz aussprechen mussten. Doch einen Generalstreik bis zu dessen Aufhebung organisierten die Reformisten nicht, aus Angst vor der unberechenbaren Dynamik, die ein solcher Schritt entfaltet hätte.</p>



<p>Zwischen Juli 1970 und Juli 1974 gingen bei politischen Proteststreiks gegen den „Industrial Relations Act“ mehr als drei Millionen Arbeitstage verloren. Die Arbeiterklasse ignorierte das Gesetz in der Praxis. Beim landesweiten Kampf der Bergarbeiter im Januar/Februar 1972 z.B. streikten etliche Berufsgruppen trotz Verbot in Solidarität mit ihren Klassenbrüdern.</p>



<p>Die Regierung war sich angesichts dieser Stimmung bewusst, dass sie das Gesetz nicht mit Gewalt durchsetzen konnte. Eine Niederschlagung der Bewegung hätte den Klassenkampf nur angeheizt. Gleichzeitig war die Energieversorgung durch die Streiks zum Erliegen gekommen. Viele Industriezweige führten deshalb eine Drei-Tage-Woche ein. So war Heath gezwungen, den Bergarbeitern Zugeständnisse anzubieten.</p>



<p>„<strong>Pentonville Five“ befreit</strong></p>



<p>Doch auch das Einknicken der Regierung befeuerte den Klassenkampf. Im Sommer 1972 forderten die Hafenarbeiter ebenfalls einen landesweiten Streik. Da die offizielle Führung der zuständigen „Transport and General Workers&#8216; Union“ diesen Kampf nicht führte, rief die Gewerkschaftsbasis selbst zum Arbeitskampf auf. Solche „wilden Streiks“ waren durch den „Industrial Relations Act“ jedoch verboten.</p>



<p>Um eine größere Bewegung abzuschrecken, wurden fünf Gewerkschafter, die zu den Streiks aufgerufen hatten, am 21. Juli 1972 im Pentonville-Gefängnis inhaftiert. In Reaktion auf die Verhaftung der „Pentonville Five“ legten 44.000 Hafen- und 130.000 andere Arbeiter ihre Arbeit nieder. Der TUC war gezwungen, einen 24-stündigen Generalstreik für den 31. Juli 1972 anzukündigen.</p>



<p>Die Tory-Regierung knickte noch vor dem Generalstreik ein. Sie interpretierte ihr Gesetz so um, dass für Verstöße gegen den „Industrial Relations Act“ nicht einzelne Arbeiter, sondern nur die Gewerkschaften belangt werden können. Die „Pentonville Five“ wurden freigelassen. Im August 1972 endete auch der ökonomische Kampf der Hafenarbeiter in Zugeständnissen seitens der Regierung.</p>



<p><strong>Heath fällt – sein System bleibt</strong></p>



<p>Doch erst 1974 wurde der „Industrial Relations Act“ vollständig besiegt. Als die Bergarbeiter für den 9. Februar 1974 einen erneuten landesweiten Streik ankündigten, löste Heath das Parlament auf und kündigte Neuwahlen an. Mit der Frage „Wer regiert das Land – das Parlament oder die militanten Gewerkschafter?“ versuchte er, die Bergarbeiter als Bedrohung für die Demokratie darzustellen.</p>



<p>Wer tatsächlich diesbezüglich eine Gefahr darstellte, zeigte sich nach der Wahl. Auf Grundlage eines radikalen Programms gewann die Labour-Partei einen Erdrutsch-Sieg. Der neue Premierminister Harold Wilson versprach etwa, die 25 größten Monopole zu verstaatlichen. Konfrontiert mit dieser Perspektive drohten die Unternehmen mit Kapitalflucht und die Generäle mit einem Militärputsch gegen die demokratisch gewählte Regierung.</p>



<p>Wilson hätte die Massen, die ihre Bereitschaft in den vergangenen Kämpfen bewiesen hatten, zur Umsetzung seines Programms mobilisieren können. Das hätte den Sturz des Kapitalismus in Großbritannien bedeutet. Weil er sich aber weigerte, mit dem System zu brechen, musste sich der Premierminister schließlich dem Willen der Kapitalisten beugen.</p>



<p>Zwar schuf Wilson den „Industrial Relations Act“ wieder ab. Auf die Verstaatlichungen verzichtete er jedoch und setzte mit der Unterstützung der TUC-Führung stattdessen Austeritätspolitik um. So wurde diese Chance, den Sozialismus zu erkämpfen, vergeudet.</p>



<p><strong>Keine juristische Frage</strong></p>



<p>Die Ereignisse in Großbritannien zeigen deutlich: Ob politische Streiks „erlaubt“ sind oder nicht, ist keine juristische Frage. Entscheidend ist das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen. Angesichts einer Welle des Klassenkampfs bestand der „Industrial Relations Act“ nur auf dem Papier – bis er vollständig zurückgenommen wurde.</p>



<p>Die reformistischen Führungen des TUC und der Labour-Partei waren nicht bereit, den Kampf konsequent zu führen. Sie hätten die Einführung des Gesetzes direkt mit einem Generalstreik beantworten können. Allein der Druck der Massen, die Basis der Macht der Bürokraten, zwang sie zum Kämpfen.</p>



<p>Denn die britische Arbeiterklasse hatte verstanden, dass die Herrschenden die Krise auf sie abwälzen und kollektive Gegenwehr verhindern wollten. Ihre Antwort auf die Einschränkung des Streikrechts lautete Demonstrationen, Solidaritätsaktionen und Massenstreiks.</p>



<p>Die Angriffe der herrschenden Klasse werden den Massen auch in Deutschland die zentrale Lektion vermitteln: Die entscheidende Frage ist nicht, was erlaubt ist, sondern was durchgesetzt werden kann. Politische Streiks werden nicht gewährt – sie müssen erkämpft werden.</p>



<p></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Der Todeskampf des Deutschen Imperialismus und die Aufgaben der RKP</title>
		<link>https://derkommunist.de/der-todeskampf-des-deutschen-imperialismus-und-die-aufgaben-der-rkp/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Die Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Apr 2026 15:41:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Imperialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven]]></category>
		<category><![CDATA[RKP]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Perspektivenresolution der RKP 2026. Beschlossen durch den Parteitag am 22. März 2026 Warum Perspektiven? Die Zeiten der relativen Stabilität des kapitalistischen Systems sind vorbei. Wirtschaftlicher Zerfall, politische Krisen, Zerwürfnisse in [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="has-medium-font-size"><em>Perspektivenresolution der RKP 2026. Beschlossen durch den Parteitag am 22. März 2026</em></p>



<p class="has-medium-font-size">Warum Perspektiven?</p>



<p>Die Zeiten der relativen Stabilität des kapitalistischen Systems sind vorbei. Wirtschaftlicher Zerfall, politische Krisen, Zerwürfnisse in den Weltbeziehungen, Handelskonflikte und Kriege, aber auch Massenbewegungen und Revolutionen prägen die internationale Situation. Solche Ereignisse sind keine zufälligen Ausreißer, sondern Ausdruck des grundlegenden Charakters unserer Epoche: der organischen Krise des Kapitalismus.</p>



<p>Diese globalen Entwicklungen treffen Deutschland als rohstoffarmes und stark exportabhängiges Land besonders hart. Einst galt die BRD als Stabilitätsanker. Doch heute wirkt der Niedergang der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt und der dominanten Ökonomie Europas selbst als Brandbeschleuniger des allgemeinen Zerfalls.</p>



<p>Der Anspruch dieses Dokuments ist es, die zentralen Entwicklungstendenzen der Krise des deutschen Imperialismus, seiner industriellen Basis und seines Regimes aufzuzeigen – und zu bestimmen, wie sich diese Prozesse auf das Bewusstsein der unterschiedlichen Schichten der Arbeiterklasse und den Klassenkampf auswirken. Von diesen Perspektiven leiten wir die Orientierung und die Aufgaben unserer Partei ab.</p>



<p>Dafür müssen wir den Molekularprozess der Revolution verstehen. Trotzki beschreibt mit diesem Konzept, wie sich unter der Oberfläche beständig Frustration, Wut und Verbitterung in der Arbeiterklasse ansammeln und wie sich dieser unterirdische Druck an bestimmten Punkten in plötzlichen Explosionen des Klassenkampfs bahnbrechen muss.</p>



<p>Auch in Deutschland sind solche sozialen Erschütterungen unausweichlich. Für uns gilt es zu erkennen, welche Entwicklungen den Molekularprozess der Revolution hierzulande bestimmen. Nur so kann unsere Partei sich zielgerichtet vorbereiten, ihre Kräfte auf die entscheidenden Angriffspunkte fokussieren und bewusst in das Geschehen eingreifen. Genau diesen Zweck sollen Perspektiven erfüllen.</p>



<p>Dieses Dokument soll uns im Chaos der bevorstehenden Ereignisse Orientierung geben. Dazu muss es das Wesentliche herausarbeiten und sich auf die entscheidenden Entwicklungslinien konzentrieren, statt sich in nebensächlichen Details zu verlieren. Darüber hinaus sind marxistische Perspektiven keine statischen Prophezeiungen, sondern stets bedingte Arbeitshypothesen. Anhand der konkreten Fakten und tatsächlichen Entwicklungen müssen wir sie ständig überprüfen, konkretisieren und weiterentwickeln.</p>



<p class="has-medium-font-size">Die organische Krise des Kapitalismus</p>



<p>Die organische Krise des Kapitalismus bildet den grundlegenden Rahmen aller heutigen Entwicklungen. Sie ist die Ursache für die zunehmende wirtschaftliche, politische und soziale Instabilität, die massive Aufrüstung und die wachsende Zahl an Kriegen.</p>



<p>Wir leben im Zeitalter des Imperialismus – der Epoche, in der das kapitalistische System seine historischen Grenzen erreicht hat. Der Kapitalismus schuf gewaltige Produktivkräfte. Doch heute sind seine Säulen – das Privateigentum an den Produktionsmitteln und der Nationalstaat – zu Fesseln des gesellschaftlichen Fortschritts geworden.</p>



<p>Trotz enormer technischer Möglichkeiten stagniert die Entwicklung der Produktivkräfte. Fallende Wachstumsraten, wachsende Schuldenberge, niedrige Investitionen sowie sinkende Arbeitsproduktivitäts- und Profitraten bestimmen die allgemeine Entwicklung der Weltwirtschaft.</p>



<p>Diese Erscheinungen sind die Konsequenzen einer globalen, verallgemeinerten Überproduktion. Das bedeutet, dass mehr Waren produziert werden, als weltweit profitabel absetzbar sind. Die Märkte sind übersättigt, das angehäufte Kapital lässt sich nicht mehr rentabel verwerten.</p>



<p>Eine klassische Marktbereinigung bleibt jedoch aufgrund der hohen Kapitalkonzentration aus. Die wichtigsten Monopole und Banken gelten als „too big to fail“: Ein Bankrott dieser Giganten hätte aufgrund ihrer herausragenden wirtschaftlichen Bedeutung verheerende politische und soziale Konsequenzen. Deshalb greifen die Staaten immer wieder rettend ein. Doch alles, was sie tun können, verschärft die Krise letztlich nur.</p>



<p>Die Weltwirtschaftskrise 2008 markierte diesbezüglich einen entscheidenden Wendepunkt. Um ihre Konzerne vor der Pleite zu bewahren, blähten damals die herrschenden Klassen dieser Welt die Staatsverschuldung und Geldmenge in historischem Ausmaß auf. Während der Corona-Pandemie wurde diese Politik wiederholt und sogar verschärft. Im dritten Quartal 2025 stieg die globale Verschuldung auf mittlerweile 345,7 Billionen US-Dollar – dem höchsten Stand jemals. Die Summe entspricht 315% des weltweiten Bruttoinlandsprodukts (BIP).</p>



<p>Doch trotz dieser Geldflut investieren die Kapitalisten nicht in die Produktion. Denn das lohnt sich für sie angesichts der globalen Überproduktion nicht. Die Herrschenden sprechen von „Überkapazitäten“: Die Produktionsanlagen laufen bereits deutlich unter der maximal möglichen Auslastung. Neue Investitionen würden lediglich zusätzliche Kapazitäten schaffen, die ungenutzt blieben. Stattdessen wird das Geld verspekuliert, für Aktienrückkäufe eingesetzt, zur Übernahme von Konkurrenten aufgewandt oder schlicht gehortet.</p>



<p>Ohne Investitionen gibt es aber kein nachhaltiges oder kräftiges Wirtschaftswachstum. Das heißt auch, dass die parasitäre Abhängigkeit der Unternehmen von Schulden und staatlicher Hilfe immer mehr zunimmt. Die Volkswirtschaften sind schon jetzt von sogenannten Zombie-Unternehmen durchzogen, die ihre Zinslast nicht mehr aus ihrem Umsatz decken können und nur durch eine permanente Zufuhr von Krediten und Subventionen am Leben gehalten werden.</p>



<p>Die Ausweitung der Liquidität trieb jedoch die Inflation in die Höhe. Deswegen mussten die Zentralbanken die Leitzinsen erhöhen und können nicht mehr zum früheren Niedrigzinsregime zurückkehren. Hinzu kommt, dass die Zinsen grundsätzlich steigen, je mehr Kredite man aufnimmt. Zahlungsausfälle, Währungsinstabilitäten und Staatsschuldenkrisen sind deshalb mit der stetig zunehmenden Verschuldung in der Situation angelegt.</p>



<p>Die Arbeiterklasse wird seit Jahrzehnten gezwungen, diese wachsenden Schuldenberge mit Sparprogrammen, Sozialabbau und einer Steigerung ihrer Ausbeutung zu bezahlen. Dabei offenbart sich jedoch die bürgerliche Demokratie immer mehr als das, was sie ist: die Diktatur der Reichen. Das Misstrauen gegenüber den etablierten Parteien und Institutionen steigt daher weltweit.</p>



<p>Weil die reformistischen Arbeiterorganisationen die Politik der Herrschenden mittragen, drückt sich die Ablehnung des Status quo derzeit auch im Aufstieg rechter Demagogen wie Donald Trump in den USA, Marine Le Pen in Frankreich, Georgia Meloni in Italien oder der AfD in Deutschland aus. Doch weil auch sie keinen Ausweg finden können aus der Sackgasse des Kapitalismus, sind soziale Explosionen vorprogrammiert.</p>



<p>Deshalb nimmt der Klassenkampf weltweit bereits spürbar zu. Im Herbst des vergangenen Jahres schwappte die Welle der Gen-Z-Revolutionen über den Planeten: In Nepal, Madagaskar, Marokko, Indonesien, den Philippinen, Peru, Paraguay, Togo, Kenia und Osttimor erhoben sich die Massen. Im selben Zeitraum kam es zu Generalstreiks in Portugal, Griechenland, Spanien, Italien und Frankreich.</p>



<p>Solche heftigen Ausbrüche des Klassenkampfs sind weder Zufälle noch Ausnahmen. Denn die organische Krise bedeutet: Der Versuch, das ökonomische Gleichgewicht wiederherzustellen, lässt sich nur auf Kosten des politischen und sozialen Gleichgewichts unternehmen – und umgekehrt. Überall sind die herrschenden Klassen mit einer ausweglosen Situation konfrontiert. Auf kapitalistischer Grundlage gibt es keine Lösung, keine neue Stabilität. Deshalb leben wir in einer revolutionären Epoche.</p>



<p class="has-medium-font-size">Die imperialistische Neuaufteilung der Welt</p>



<p>Auch die Weltbeziehungen werden von der organischen Krise bestimmt. Aufgrund der globalen Überproduktion spitzt sich der internationale Konkurrenzkampf zwischen den imperialistischen Mächten zu. Jeder will die Krise auf die anderen abwälzen und versucht, den eigenen Einflussbereich vor den Gegenspielern zu schützen. Die Zeiten der Globalisierung und des Freihandels sind vorbei. Protektionismus, Militarismus und Kriege sind stattdessen an der Tagesordnung.</p>



<p>Die Zahl politischer Konflikte – darunter fallen neben Kriegen auch Konflikte ohne Gewaltmaßnahmen (zum Beispiel wirtschaftliche Sanktionen oder diplomatische Konfrontationen) – war 2025 höher als jemals zuvor. Auf einem Allzeithoch liegt auch die Summe, die weltweit in Rüstungsausgaben fließt. Schon 2024 wurde so viel wie nie in der Geschichte für Aufrüstung ausgegeben. Und vergangenes Jahr nahm die Zahl noch zu.</p>



<p>Im imperialistischen Wettstreiten ist China zu einem bestimmenden Faktor geworden. Es verfügt mittlerweile selbst über gigantische Überkapazitäten und entlädt diese erfolgreich auf den Weltmarkt. Die chinesische Wirtschaft wächst weiterhin deutlich stärker als die der USA, während die europäische Wirtschaft stagniert. Der Anteil Chinas am globalen BIP steigt. Der der USA sinkt dagegen, wenn auch weniger heftig als der Anteil Europas.</p>



<p>Dass China die USA überholen wird, ist jedoch unwahrscheinlich. Denn auch dort verlangsamt sich das Wirtschaftswachstum, während der Schuldenberg wächst. Trotzdem stellt der Aufstieg des chinesischen Imperialismus eine völlig neue Qualität in der Weltsituation dar: Die USA sind weiterhin die reaktionärste Macht des Planeten, aber nicht mehr der unangefochtene Hegemon. Der US-Imperialismus befindet sich in einem realen, wenn auch relativen Niedergang.</p>



<p>Trump erkennt diese veränderte Weltlage an. Die USA sind nicht mehr mächtig genug, um Weltpolizei zu spielen. Deswegen fordert der US-Präsident, dass sich der US-Imperialismus auf seine Kerninteressen zurückzieht und diese gegen China verteidigt. Anspruch ist es, so den chinesischen Imperialismus zurückzudrängen, zu schwächen und den US-Imperialismus zu stärken.</p>



<p>Die Voraussetzung dafür ist eine starke industrielle Basis. Trumps Zollpolitik ist einerseits ein Eingeständnis, dass immer mehr Bereiche der US-Wirtschaft im Freihandel nicht mehr mit China konkurrieren können. Andererseits aber richten sich die protektionistischen Maßnahmen seiner Regierung nicht alleine gegen die chinesische Konkurrenz. Sie sind breiter angelegt und treffen auch Verbündete wie die EU, um die US-amerikanische Industrie allgemein zu stärken und neue Investitionen ins Land zu locken.</p>



<p>In Lateinamerika und dem Indo-Pazifik, dem traditionellen Hinterhof des US-Imperialismus, wächst der Einfluss Chinas. Militärisch werden jedoch wichtige Ressourcen der USA in der Ukraine und Europa gebunden. Trump will deshalb, dass die europäischen NATO-Staaten selbst für ihre Verteidigung zahlen, und versucht den Krieg mit Russland zu beenden.</p>



<p>Doch der russische Imperialismus ist nicht an einer Kompromisslösung interessiert. Denn Russland gewinnt den Ukraine-Krieg. Entweder wird der Konflikt bis zum Sieg fortgesetzt oder ein Frieden zu den Bedingungen des russischen Imperialismus geschlossen. Andere Optionen gibt es aus der Perspektive Moskaus nicht.</p>



<p>Trump aber kann den Krieg nicht zu den Maximalforderungen Russlands beenden, ohne dass die USA international ihr Gesicht verlieren. Gleichzeitig sind sie nicht fähig, sich gegen den russischen Imperialismus durchzusetzen. Auch das bisherige Scheitern der Friedensverhandlungen verdeutlicht den relativen Niedergang des US-Imperialismus.</p>



<p>Insgesamt sehen wir völlig neue globale Kräfteverhältnisse. Die alte, „regelbasierte“ Weltordnung, die auf der unangefochtenen Dominanz der USA beruhte, zerbricht. Die Neuaufteilung der Welt unter den Imperialisten drückt sich in einer Zunahme der Aufrüstung und diplomatischen Spannungen sowie von Handelskonflikten und offenen Kriegen aus.</p>



<p>Diese Entwicklungen haben wiederum tiefgreifende Rückwirkungen auf die Weltwirtschaft: Protektionismus und militärische Konflikte zerrütten den Handel und Lieferketten. Die explodierenden Rüstungsausgaben lassen die Schuldenberge noch weiter wachsen. Gleichzeitig birgt die imperialistische Barbarei selbst gewaltige soziale Sprengkraft, wie die internationale Bewegung gegen den Genozid in Gaza bereits bewiesen hat. Imperialistischer Krieg geht immer mit der Revolution schwanger.</p>



<p class="has-medium-font-size">Europa im Niedergang</p>



<p>Im Kampf um die Neuaufteilung der Welt können sich die europäischen Imperialisten (insbesondere Deutschland, Frankreich und Großbritannien) nicht behaupten. Ökonomisch fallen sie deutlich hinter China und den USA zurück. Der Verlust von billigem russischem Öl und Gas – vor dem Ukraine-Krieg ein entscheidender Wettbewerbsvorteil – beschleunigt den wirtschaftlichen Niedergang. Militärisch konnte sich Russland gegen die vereinte Kraft der europäischen Imperialisten und des US-Imperialismus durchsetzen.</p>



<p>In der Nachkriegszeit rüsteten die USA ihre Verbündeten in Europa zum Bollwerk gegen den einzigen damaligen Gegenspieler, die Sowjetunion, hoch. Dafür wurde die NATO gegründet. Mit dem US-Imperialismus im Rücken konnten die Mächte Europas jahrzehntelang über ihrem eigentlichen Gewicht boxen. Doch heute liegt der Hauptfeind der USA mit China am Pazifik.</p>



<p>Ein geeintes Europa hätte das Potenzial, eine selbstständige Rolle zu spielen. Doch die EU besteht aus 27 verschiedenen herrschenden Klassen mit jeweils eigenen nationalen Interessen, die besonders jetzt in der Krise in den Vordergrund drängen. Es gibt keine gesamteuropäischen Monopole, die über kontinentale Ressourcen oder eine entsprechende Infrastruktur verfügen wie ihre US-amerikanischen oder chinesischen Konkurrenten.</p>



<p>Versuche, diese Probleme zu überwinden, scheitern immer wieder an den unterschiedlichen Interessen der Mitgliedsländer und dem allgemeinen wirtschaftlichen Niedergang. Statt gemeinsame Investitionen sehen wir Austeritätspolitik und Haushaltskrisen in den EU-Staaten. Europäische Unternehmensfusionen und -kooperationen zerbrechen immer wieder an der Frage, wer den größten Teil des Profits einstreicht.</p>



<p>Gleichzeitig ist Europa selbst Arena der Neuaufteilung der Welt. Nicht nur wollen die USA, China und Russland ein Teil des Kuchens. Besonders auch Deutschland und Frankreich, die dominanten Ökonomien der EU, versuchen, ihre Krise auf Kosten des Rests zu exportieren. So wird von allen Seiten die Einheit des europäischen Kontinents untergraben.</p>



<p>Auch außenpolitisch findet die EU keine gemeinsame Linie. Mitgliedsstaaten wie Ungarn, die Slowakei oder Tschechien versuchen durch das Balancieren zwischen der EU und Russland den bestmöglichen Deal für ihre herrschende Klasse herauszuschlagen. Überall befinden sich rechte Demagogen im Aufwind, die für denselben Kurs einer derartigen Annäherung mit dem russischen Imperialismus stehen.</p>



<p>Ein Sieg Russlands in der Ukraine würde dessen Anziehungskraft in Europa stärken. Das ist einer der zentralen Gründe, warum die europäischen Imperialisten einen Frieden zugunsten des russischen Imperialismus verhindern wollen. Sie lehnen Gebietsabtretungen an Russland kategorisch ab und bestehen auf „Sicherheitsgarantien“ in Form von westlichen Truppen in der Ukraine. Der russische Imperialismus führt diesen Krieg jedoch gerade, um NATO-Soldaten an seiner Grenze zu verhindern, und sieht die Krim, Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja als sein Staatsgebiet.</p>



<p>Weil Russland gewinnt, wird es die Bedingungen Europas niemals akzeptieren. Genau das ist aber das Kalkül der Kriegstreiber in Berlin, Paris, London und Co. Sie können die Auswirkungen einer Niederlage nicht akzeptieren und versuchen, den militärischen Rückzug der USA aus Europa aufzuhalten oder zumindest zu verzögern, indem sie das Leiden in der Ukraine verlängern. Damit nehmen diese Heuchler, die ihren imperialistischen Stellvertreterkrieg gegen Russland mit der Verteidigung der Souveränität der Ukraine rechtfertigen, deren vollständige Zerschlagung durch den russischen Imperialismus in Kauf.</p>



<p>Zur selben Zeit sehen wir eine bis zur Selbstverleugnung gehende Anbiederung der europäischen Imperialisten an Trump. In der Hoffnung, die militärische Unterstützung der USA nicht vollständig zu verlieren, rüsten sie wie vom US-Präsidenten gefordert massiv auf, was aufgrund der wirtschaftlichen Stagnation ihren Niedergang enorm beschleunigt.</p>



<p>Wegen seiner Zersplitterung und Gespaltenheit hat Europa jedoch nicht das notwendige Gewicht, die Abkehr der USA aufzuhalten oder eine selbstständige Rolle zu spielen. So wird die EU zwischen dem russischen, dem chinesischen, und dem US-Imperialismus zerrieben werden in der Neuaufteilung der Welt. Der Kontinent steht damit vor einem unvergleichlichen Niedergang.</p>



<p class="has-medium-font-size">Der Deutsche Imperialismus in einer neuen Weltsituation</p>



<p><a></a><a></a> Lange Zeit konnte der deutsche Imperialismus auf der Weltbühne in vorderster Reihe mitspielen. Diese herausragende Stellung im internationalen Konkurrenzkampf war die Grundlage für die relative soziale und politische Stabilität hierzulande und in Europa. Aber diese Stabilität fußte auf konkreten historischen Bedingungen, die heute der Vergangenheit angehören.</p>



<p>Es war die Unterstützung der USA, die auch dem deutschen Imperialismus militärisch und diplomatisch seine Schlagkraft verlieh und gleichzeitig dessen Militärausgaben geringhielt. Einst konnte sich Deutschland darauf verlassen, dass der US-Imperialismus im Zweifel zur Hilfe eilt. Jetzt stellt Trump jedoch die NATO-Beistandspflicht in Frage, wenn die Mitgliedstaaten nicht mindestens 5% ihres BIP für Aufrüstung ausgeben.</p>



<p>In den multilateralen Organisationen wie den Vereinten Nationen, dem Internationalen Währungsfonds oder der Weltbank hatte Deutschland einen festen Platz am Tisch. Doch für den jetzigen US-Präsidenten verlieren diese Institutionen der alten „regelbasierten Weltordnung“ an Bedeutung. In der Ukraine-Frage zum Beispiel verhandelt Trump lieber direkt mit Russland, statt seine europäischen Verbündeten einzubinden.</p>



<p>Im Zuge des Nachkriegsaufschwungs wurde die BRD zur größten Volkswirtschaft Europas. Aus dieser Position der Stärke heraus konnte sie die europäische Integration zu ihren Gunsten gestalten und dominieren. Die EU bedeutet für die Wirtschaft Deutschlands einen größeren Binnenmarkt und ist ein wichtiges Werkzeug des deutschen Imperialismus, um auf der Weltbühne mitspielen zu können sowie um wirtschaftlich und politisch eine gewisse Unabhängigkeit von den USA zu erlangen. Heute sehen wir aber, wie heftige Zentrifugalkräfte dieses Machtinstrument zunehmend zerstören.</p>



<p>Die Annexion der DDR, die Agenda 2010 und kontinuierliche Austeritätspolitik („Schwarze Null“) sicherten Deutschlands Dominanz in Europa. Diese Angriffe auf die Arbeiterklasse diskreditierten jedoch die etablierten Parteien und führten zum Aufstieg der AfD. Nun lähmt die Krise des bürgerlichen Regimes die herrschende Klasse.</p>



<p>Die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen mit Russland waren weitere wichtige Faktoren, die dem deutschen Imperialismus ein Stück Selbstständigkeit gegenüber den USA gewährten. Trumps Vorgänger Joe Biden wollte mit dem Ukraine-Krieg den russischen Imperialismus von der Weltbühne verdrängen, woran er scheiterte. Gelungen ist ihm aber ein anderes Ziel: Die Verbindung Deutschlands, das immer auch ein Konkurrent der USA war, mit Russland zu kappen. Zähneknirschend folgte der deutsche Imperialismus dem „großen Bruder“ in den Konflikt und verlor so den Zugang zu russischem Öl und Gas, auf den er als das industrielle Herz Europas besonders angewiesen war.</p>



<p>Mittlerweile ist die herrschende Klasse Deutschlands eine glühende Verfechterin des Ukraine-Kriegs. Nicht nur, weil ein gestärktes Russland die Einheit der EU untergräbt, sie den Konflikt ausnutzen will, um Trump an Europa zu binden, und ihn als Vorwand für die eigene Aufrüstung missbraucht. Auf dem Spiel steht auch die traditionelle Einflusssphäre des deutschen Imperialismus. Osteuropa ist einer der wichtigsten Absatzmärkte deutscher Exporte und dient als verlängerte Werkbank der deutschen Industrie. Durch das im Vergleich zur Produktion in Deutschland deutlich niedrigere Lohnniveau bei trotzdem gut ausgebildeten Arbeitskräften für den industriellen Sektor sowie der aufgrund der geographischen Nähe kurzen und resilienten Lieferwege dienen die osteuropäischen Industrien als extrem wichtige Zulieferer für die deutsche Industrie. Damit ist Osteuropa eine ihrer zentralsten Stützen. Ein Verlust dieses Modells würde den Prozess des Verlusts der internationalen Konkurrenzfähigkeit Deutschlands auf dem Weltmarkt massiv beschleunigen.</p>



<p>Auch im Handelskonflikt mit China fordern die USA die Unterordnung Deutschlands. Doch die deutsche Wirtschaft ist auf den Import von kritischen Rohstoffen und Zwischenkomponenten aus China angewiesen. Gleichzeitig ist der chinesische Markt neben der EU an erster und den USA an zweiter Stelle das wichtigste Ziel von Exporten aus Deutschland.</p>



<p>Die Frage der „Entkopplung“ von China ist eine der bedeutendsten Spaltungslinien innerhalb der herrschenden Klasse Deutschlands. Die Industriekonzerne des DAX investieren nicht nur in den USA, sondern nach wie vor auch in China, weil sie dort einen relevanten Teil ihrer Profite machen. Die sogenannten „mittelständischen“ Unternehmen haben ihre Investitionen in China vor einigen Jahren bereits eingestellt und orientieren für Investitionen auf die USA. Gleichzeitig steigt der Druck durch den US-Imperialismus und von Seiten der engstirnigsten Transatlantiker in Deutschland und der EU, eine Entkopplung von China durchzuführen, auch auf Kosten der deutschen Industriekonzerne und damit der europäischen Industrie.</p>



<p>Die Ausrichtung Deutschlands ist umkämpft, was die Handlungsfähigkeit des deutschen Imperialismus untergräbt. Die herrschende Klasse kann keine gesamthafte und ihre Interessen vereinigende Strategie entwickeln. Egal wie dieser Konflikt schließlich ausgeht: Sowohl der Einbruch der Beziehungen zu den USA als auch zu China wird heftige Konsequenzen für die deutsche Wirtschaft haben, da sie von beiden abhängig ist.</p>



<p class="has-medium-font-size">Industrieller Zerfall des Standorts Deutschland</p>



<p>Der Zusammenbruch der alten Weltordnung, auf die der deutsche Imperialismus ausgerichtet ist, hat bereits gravierende Rückwirkungen auf seine industrielle Basis. Seit 2019 ist die Wirtschaft hierzulande nicht mehr gewachsen, seit 2023 befindet sie sich sogar in einer Rezession – der längsten in der Geschichte der BRD. In anderen EU-Ländern oder den USA wächst das BIP jedoch. Deutschland befindet sich damit in einer besonderen Krise.</p>



<p>Ein zentraler Grund dafür: Im Vergleich zu Ländern wie Frankreich, Großbritannien und den USA ist der Anteil der Industrie an der Wertschöpfung in Deutschland noch besonders hoch. Diese ist vollständig auf den Export ausgerichtet. Seit 2017 bricht deswegen die hiesige Industrieproduktion regelrecht ein. Im vergangenen Jahr ist sie auf das Niveau von 2005 gefallen.</p>



<p>Das heißt: Die Wettbewerbsvorteile, die der Produktionsstandort hatte durch zwei Jahrzehnte der Austeritätspolitik und Angriffe auf die Arbeiterklasse, sind nicht mehr gegeben. Deshalb hat die herrschende Klasse eine neue Welle von Angriffen in Gang gesetzt. Seit 2019 sind bereits über 245.000 Stellen abgebaut worden, weitere Hundertausende sind akut gefährdet. Für 2026 planen in der Industrie 41% der Unternehmen, Personal zu streichen.</p>



<p>Immer wieder haben wir gesagt: Die Exportabhängigkeit der deutschen Wirtschaft ist ihre Achillesferse. Jeder vierte Arbeitsplatz hierzulande hängt vom Außenhandel ab. 2024 machten Exporte 42,1% des gesamten deutschen BIP aus.</p>



<p>59% der Fahrzeughersteller, 48% der Maschinenbauer und 46% der Chemie-Unternehmen – die drei wichtigsten Branchen für den Export – geben wiederum an, von chinesischen Vorprodukten abhängig zu sein. Der zunehmende Protektionismus trifft die deutsche Wirtschaft deswegen doppelt hart.</p>



<p>Im August des vergangenen Jahres hat Trump einen Zoll von 15% auf alle Exporte aus Europa in die USA verhängt. Hinzu kommen Zölle von 50% auf verarbeitete Stahl- und Aluminiumkomponenten. Die Ausfuhr deutscher Waren in den bedeutenden US-Markt nimmt wegen dieser Handelsbarrieren kontinuierlich ab. Die Herrschenden Europas verzichteten in diesem Zollstreit auf Gegenmaßnahmen und haben deshalb mit zollfreier Konkurrenz von US-Waren in ihrem eigenen Markt zu kämpfen.</p>



<p>In der Vergangenheit war China ein Wachstumstreiber für die deutsche Industrie. Heute kann sie sich im chinesischen Markt nicht mehr durchsetzen. Beispielsweise sanken von Januar bis September 2025 die Zulassungen von E-Autos deutscher Hersteller in China um 46,2%, während dort die Zulassungen von Fahrzeugen dieser Antriebsart insgesamt um 33,8% stiegen. 2025 war das erste Jahr, in dem bezüglich Investitionsgüter ein Handelsdefizit mit China bestand.</p>



<p>2008 konnte Deutschland die Krise noch in den EU-Binnenmarkt exportieren. Mittlerweile drängen jedoch Waren aus China in den europäischen Markt und setzen sich durch. So zum Beispiel im Maschinenbau: Chinesische Anbieter haben einen Preisvorteil von oft bis zu 30% gegenüber deutschen Firmen. Die Verkäufe in Europa des chinesischen E-Auto-Herstellers BYD, dem Weltmarktführer in seiner Sparte, steigen rasant – und das trotz eines Zolls der EU von 45,3% auf Elektrofahrzeuge aus China.</p>



<p>Seit 2017 sind die Exportmarktanteile Deutschlands insgesamt rückläufig. Besonders bemerkenswert: In den Ländern, in denen China seine Marktanteile ausbaut, verliert die deutsche Wirtschaft ihre. Auch bei Branchen, in denen Deutschland einst dominierte, wie der Automobilindustrie, dem Maschinenbau und der Chemie-Industrie, ist das der Fall. Etwa haben chinesische Fahrzeughersteller ihre deutsche Konkurrenz als Exportweltmeister abgelöst.</p>



<p>Der Streit um das Verbrenner-Aus steht sinnbildlich für den Niedergang der deutschen Industrie. Nach jahrelangen Diskussionen beschloss das EU-Parlament 2022, ab 2035 nur noch emissionsfreie Neuwagen zuzulassen. Doch auf massiven Druck der Autolobby sowie konservativer und liberaler Parteien in ganz Europa, insbesondere in Deutschland, wurde das Verbrenner-Aus im Dezember 2025 teilweise zurückgenommen, sodass auch nach 2035 bestimmte Verbrenner- und Hybridfahrzeuge neu zugelassen werden können.</p>



<p>Die Folge ist, dass eine veraltete Technologie am Leben gehalten wird, obwohl sich der Weltmarkt zunehmend vom Verbrennermotor abwendet. Statt Investitionen, Forschung, Lieferketten und Arbeitsplätze konsequent auf Elektromobilität auszurichten, werden diese weiter an den Verbrenner gebunden. Kurzfristig verschaffen sich die Herrschenden damit eine Atempause, indem sie der Autoindustrie den europäischen Markt sichern. Langfristig untergraben sie auf diese Weise jedoch ihre Konkurrenzfähigkeit vor allem gegenüber China, besonders auf den Auslandsmärkten, von denen die deutsche Autoindustrie abhängig ist.</p>



<p>Die Herrschenden in Deutschland haben sich – statt zu investieren – auf Bedingungen ausgeruht, die mittlerweile nicht mehr vorhanden sind. Der Bundeverband der Deutschen Industrie (BDI) schätzt, dass es an rund 400 Milliarden Euro staatlicher Investitionen in die Daseinsvorsorge und Infrastruktur fehlt. Eine Billion Euro müssten laut BDI von privater Seite in die Industrie investiert werden, um deren Konkurrenzfähigkeit wiederherzustellen. Das ist das Resultat von jahrzehntelanger Austeritätspolitik und verschleppter Investitionen.</p>



<p>Der Wegfall russischer Energieträger, die Fragmentierung der Weltwirtschaft und die Konkurrenz aus China haben den Todeskampf des Standorts Deutschland eingeläutet. Die herrschende Klasse wird versuchen, diesen Prozess aufzuhalten. Dabei verfügt sie noch über gewisse Fettreserven, die den Niedergang hinauszögern können. Doch ein neues Polster wird sie sich nicht anfressen können.</p>



<p>Auch die Abkommen zwischen der EU und dem Mercosur und Indien werden diesen Prozess nicht aufhalten. Diese Versuche der europäischen Kapitalistenklassen, neue Märkte zu erschließen, um Profite inmitten industrieller Stagnation und sozialer Krise zu sichern, können den Verlust von Marktanteilen in China und USA niemals aufwiegen. Für Deutschland bieten sie möglicherweise kurzfristig Chancen für die Exportindustrie, was die Deindustrialisierung leicht verlangsamen könnte. Auf der politischen und sozialen Ebene spitzen diese Abkommen die kapitalistische Krise weltweit und insbesondere in Europa zu.</p>



<p>Für Südamerika bedeutet das Abkommen eine Stärkung der Landwirtschaft, insbesondere von Soja und Viehzucht, was direkt zu größerer Umweltzerstörung und sozialen Gegenreaktionen führt. Die europäischen sozialen und ökologischen Kosten fallen auf Arbeiter, Kleinbauern und die Umwelt, während die europäische Landwirtschaft unter Druck gerät und Proteste, gerade in Frankreich, auslöst. Im Januar 2026 zeigte sich innerhalb der Grünen eine starke Spaltung über das Abkommen, wobei ein Teil des Parteiapparats auf verbindliche Umweltauflagen pochte, während andere Fraktionen eine pragmatische Zustimmung zur Förderung der Industrie befürworteten. Gleichzeitig vergrößert das Abkommen die Wählerbasis der AfD, insbesondere unzufriedene Landwirte, Arbeiter und konservative Protestwähler, wodurch die Partei weiter gestärkt wird.</p>



<p>Soziale und politische Instabilität in Europa nehmen auch durch solche Freihandelsverträge zu, weil sie die allgemeine Entwicklung der Weltwirtschaft zum Protektionismus nicht aufwiegen, geschweige denn aufhalten können.</p>



<p>Deutschland steht vor einem langgezogenen Prozess des Dahinsiechens, der von heftigen Einbrüchen begleitet sein wird in Form von Stellenabbau, Standortschließungen, heftigen Attacken auf den Lebensstandard und politischen Krisen.</p>



<p class="has-medium-font-size">Versuche einer Neuausrichtung</p>



<p>Die industrielle Basis des deutschen Imperialismus erodiert, während der Rückzug der militärischen Unterstützung durch die USA und die zunehmende Gespaltenheit der EU seine Position im imperialistischen Weltgefüge gefährden. Wegen des ausbleibenden Wirtschaftswachstums explodiert die Verschuldung Deutschlands. Nach Jahrzehnten der Angriffe auf die Arbeiterklasse sind alle etablierten Parteien diskreditiert, was sich politisch besonders im scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg der AfD ausdrückt. Das sind die Herausforderungen, vor denen die Regierung aus CDU/CSU und SPD steht, die im Mai 2025 ihr Amt antrat, nachdem die Ampel-Koalition an diesen Aufgaben zerbrochen war.</p>



<p>Die Bundeswehr soll „konventionell zur stärksten Armee Europas“ hochgerüstet werden, verkündete Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) gleich in seiner ersten Regierungserklärung. Er schaffte die Schuldenbremse für Rüstungsausgaben über 1% des BIP ab, bekannte sich zu Trumps Fünf-Prozent-Ziel bezüglich der Aufrüstung der NATO-Länder und brachte die Wiedereinführung der Wehrpflicht auf den Weg.</p>



<p>Die Militärausgaben (Haushalt und Sondervermögen zusammengerechnet) lagen 2025 bei 86,49 Milliarden Euro – so hoch wie nie seit dem 2. Weltkrieg. Bis 2029 soll das Verteidigungsbudget auf über 150 Milliarden Euro steigen, was 3,5% des aktuellen BIP gleichkäme. Weitere 1,5% des BIP sollen aufgewandt werden, um die Infrastruktur kriegstüchtig zu bekommen. Insgesamt würden 2029 so 215 Milliarden Euro in Militärausgaben fließen. Diese Summe entspräche 45% des gesamten Bundeshaushalts von 2024.</p>



<p>Im Dezember des vergangenen Jahres hat die Bundesregierung einen neuen Wehrdienst beschlossen. Die Herrschenden betonen dessen Freiwilligkeit. Ab 2026 müssen alle 18-jährigen Männer zunächst nur einen Fragebogen zu ihrer Bereitschaft zu dienen ausfüllen, ab 2027 ist eine Musterung für sie verpflichtend. Die Entscheidung soll jedoch vorerst den potentiellen Rekruten selbst überlassen werden.</p>



<p>Sollten sich aber nicht genügend Freiwilligen finden, ist nach dem beschlossenen Gesetz eine Wehrpflicht explizit vorgesehen. Dieser Fall ist höchstwahrscheinlich, zumindest angesichts der derzeitigen Pläne bezüglich der Truppenstärke: Bis 2030 sind 260.000 aktive Soldaten vorgesehen – etwa 80.000 mehr als 2025. Zuletzt ist die Bundeswehr jedoch personell sogar geschrumpft, jeder Vierte brach den Wehrdienst 2024 bereits in der Probezeit wieder ab.</p>



<p>Der Zweck dieser Militarisierung: Der deutsche Imperialismus soll sich in der Neuaufteilung der Welt militärisch und diplomatisch behaupten können. Dafür muss er das gespaltene Europa hinter sich vereinen. Mit Deutschland an der Spitze soll der europäische Kontinent zum unverzichtbaren Verbündeten für die USA werden oder im Zweifel auf eigenen Beinen stehen. Das ist es, was hinter dem Anspruch der Herrschenden der deutschen „Führungsrolle“ in Europa steckt. Das soll die Arbeiterklasse mit ihrem Lebensstandard und im Zweifel mit ihrem Blut bezahlen.</p>



<p>Neben der Hochrüstung hat sich die Merz-Regierung ein weiteres zentrales Ziel auf die Fahne geschrieben: die deutsche Wirtschaft aus der Krise zu retten. Mit seiner „Agenda 2030“ – einem Programm aus Investitionen und Strukturreformen – war er der bevorzugte Kandidat des Finanzkapitals in der Bundestagswahl. Er trat an für eine Verlagerung der Staatsausgaben, weg vom Sozialstaat und hin zur Aufrüstung, zu Subventionen und Investitionen. Diese Linie ist es, die die herrschende Klasse verlangt.</p>



<p>Merz ließ das Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität mit einem Umfang von 500 Milliarden Euro verabschieden – vornehmlich, um den Investitionsstau zu beheben. Doch jeder zweite Euro des Topfes wird zweckentfremdet, etwa um Löcher in den Haushalten der Bundesländer und der Krankenkassen zu stopfen oder für die Aufrüstung.</p>



<p>2026 soll das Subventionsvolumen des Bundes 77,9 Milliarden Euro umfassen – fast das Dreifache des Werts von 2020. Im vergangenen Jahr enthielten 22% der Betriebe mit mehr als 500 Beschäftigten staatliche Zuwendungen. Ziel ist es, mit Steuererleichterungen und Fördermitteln private Investitionen und damit Wachstum anzuregen.</p>



<p>Die Rechnung für diese Geldgeschenke tragen soll nach Merz die Arbeiterklasse. Er sagt: „Wir müssen in diesem Land wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten.“ Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance sei der Wohlstand hierzulande nicht zu halten. Zudem soll eine Steigerung der Ausbeutung die Konkurrenzfähigkeit des Standorts Deutschland stärken.</p>



<p>CDU/CSU und SPD haben im Koalitionsvertrag vereinbart, die tägliche Höchstarbeitszeit von in der Regel acht Stunden und im Ausnahmefall zehn Stunden auf ein wöchentliches Maximum von 48 Stunden umzustellen. Bereits beschlossen wurde die sogenannte „Aktivrente“, die mit Steuererleichterungen dazu locken soll, im Rentenalter weiterzuarbeiten.</p>



<p>Außerdem hat die Regierung das Bürgergeld zugunsten einer „Grundsicherung“ abgeschafft. Bei drei verpassten Terminen im Jobcenter sollen nun jegliche Leistungen gestrichen werden. Auch der Verlust der Wohnkostenübernahme droht. In einer Zeit, in der Stellenabbau auf der Tagesordnung steht, lautet die Wahl: Hungern, Obdachlosigkeit oder jeden Job annehmen, den der Staat einem aufzwingt. Auf diese perverse Weise soll der Niedriglohnsektor gestärkt und Kosten durch wegfallende Leistungen eingespart werden.</p>



<p>Doch tatsächliche Strukturreformen wie der von Merz groß angekündigte „Herbst der Reformen“ blieben bislang aus zum Entsetzen des Finanzkapitals. Die Kapitalverbände fordern nichts weiter als einen Generalangriff auf die Sozialsysteme, die Wochen- und Lebensarbeitszeit sowie die Löhne.</p>



<p>Die Regierung fürchtet aber die politischen und sozialen Konsequenzen von solchen Attacken auf die Arbeiterklasse. Deswegen hat sie die Schuldenbremse für die Militarisierung abgeschafft, zweckentfremdet das Sondervermögen und nimmt fleißig neue Kredite auf. Im Zeitraum von 2025 bis einschließlich 2030 soll die Neuverschuldung mit insgesamt einer Billion Euro einen Rekordwert erreichen. Experten rechnen damit, dass der Schuldenstand der BRD bis 2040 sogar die 120-Prozent-Marke knacken könnte.</p>



<p>Trotz der Kredite klaffen jedoch schon jetzt gewaltige Lücken in den kommenden Bundeshaushalten. Denn mit der wachsenden Verschuldung muss ein immer größerer Teil der Etats für die Tilgung von Schulden und Zinsen aufgewandt werden. Außerdem fehlen dem Bund Einnahmen durch das ausbleibende Wirtschaftswachstum und die Steuererleichterungen im Zuge der Subventionspolitik der Regierung.</p>



<p>Allgemein lässt sich ein Trend, der den Herrschenden schlaflose Nächte bereitet, deutlich erkennen: Während Staatsausgaben und Verschuldung steigen, stagniert das BIP und die privaten Investitionen sinken sogar. Die Unternehmen klagen über zu hohe Steuern und Sozialabgaben, zu teure Energie und zu viel Bürokratie, weswegen sie nicht investieren würden.</p>



<p>Doch angesichts der globalen Überproduktion werden die Kapitalisten auch bei massiven Angriffen auf die Arbeiterklasse nicht in die Produktion investieren. Das wäre aber zwingend notwendig, um im Konkurrenzkampf mit China, das über die modernsten Produktionsanlagen verfügt, zu bestehen. Denn allein einen Unterbietungswettbewerb bezüglich des Lohnniveaus kann Deutschland, ohne gewaltige soziale Explosionen zu provozieren, kaum gewinnen: Hierzulande kostet den Kapitalisten eine Stunde Arbeitskraft ungefähr 40 Euro. Etwa 3 bis 6 Euro müssen Unternehmen in China dafür zahlen.</p>



<p>Diese Gemengelage bedeutet, dass der industrielle Niedergang Deutschlands unausweichlich ist. Stellenabbau und Standortschließungen werden nur zunehmen. Gerade bei ausbleibendem Wirtschaftswachstum wird der Konsolidierungsdruck der aktuellen und kommenden Regierungen steigen. Haushaltskrisen und große Attacken auf den Lebensstandard sind vorprogrammiert in einer Situation, in der die Ablehnung des Status quo bereits gewaltig ist.</p>



<p>Der wachsende Schuldenberg wird den inflationären Druck erhöhen. Die unmittelbare Perspektive ist eine anhaltende Stagflation – kein nennenswertes Wachstum bei gleichzeitig steigenden Preisen – mit wiederkehrenden enormen Wirtschaftseinbrüchen. Das Gefühl von allgemeinem gesellschaftlichem Rückschritt wird das Massenbewusstsein in den kommenden Jahren prägen und zu Ausbrüchen des Klassenkampfs führen.</p>



<p>Die hohen Kosten der Militarisierung werden diesen Niedergang befeuern und damit den von der herrschenden Klasse gewünschten Zweck nicht erfüllen. Statt zum starken Zentrum der EU entwickelt sich Deutschland zum Krisenherd. Die Wertschöpfung der deutschen Wirtschaft macht heute ein Viertel der der gesamten EU beziehungsweise ein Drittel der des Euroraums aus. Niedergang in Deutschland bedeutet daher Niedergang des kompletten Kontinents.</p>



<p>Ein solches Europa kann keine selbstständige Rolle spielen und wird jeglichen Wert als Verbündeter für die USA verlieren. Die Weltmachtfantasien der Herrschenden sind völlige Luftschlösser. Deutschland wird in der Neuaufteilung der Welt seine Einflusssphären, insbesondere mit Europa seine wichtigste, nicht behaupten können.</p>



<p>Die Mittel, sich sozialen Frieden und Stabilität zu erkaufen, schmelzen damit dahin. Dieser unaufhaltsame Niedergang wird die sozialistische Revolution in Deutschland und damit in Europa auf die Tagesordnung setzen. Die Massen werden einen Ausweg suchen und dabei lernen: Nur wenn die Arbeiterklasse ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt, ist ein Ende der kapitalistischen Barbarei möglich.</p>



<p class="has-medium-font-size">Die Krise der bürgerlichen Demokratie</p>



<p>Die Regimekrise in Deutschland ist zugleich Ausdruck des Niedergangs des deutschen Imperialismus und ein Brandbeschleuniger dieses Prozesses. Deren Grundlage ist die Krise des Kapitalismus. Nur unter Bedingungen des organischen Aufschwungs kann die herrschende Klasse ihre inneren Widersprüche und Differenzen, die sich aus ihrer gegenseitigen Konkurrenz um Profit und ihren spezifischen Interessen ergeben, übertünchen. Für alle fällt ein mehr oder weniger großes Stück des Kuchens ab. Die kleinen Kapitalisten und kleinbürgerlichen Unternehmen werden zwar stets von den größeren verdrängt, aber in Zeiten des ökonomischen Fortschritts kann das Finanzkapital diese unteren Schichten der Kapitalistenklasse politisch über diverse Ausgleichsmechanismen einhegen und unschädlich machen.</p>



<p><a></a> In der organischen Krise jedoch schwinden die Möglichkeiten des Finanzkapitals diese Schichten ihrer Klasse einzuhegen. Es kommt zu Spaltungen zwischen dem Finanzkapital und den kleineren Kapitalisten, die sich beginnen eigenständig zu organisieren, um ihren Interessen einen politischen Ausdruck zu geben.</p>



<p>Die AfD ist ein Produkt der Spaltung der herrschenden Klasse und ihr Aufstieg vertieft diese Spaltung. Schichten des Klein- und mittleren Bürgertums beginnen immer deutlicher und offener auf die AfD zu orientieren. Zum Schutz ihres konkurrenzunfähigen Kapitals wollen sie eine protektionistische Neuausrichtung der Außenpolitik und extreme Angriffe auf die Errungenschaften der Arbeiterbewegung.</p>



<p>Die AfD gibt diesem Teil der Kapitalistenklasse, der früher bei der CDU/CSU und FDP eingegliedert war, aber von deren Politik nicht mehr eingehegt werden kann, das Programm: Ausstieg aus Euro und EU; unilaterale und geheime Bündnisdiplomatie im Stile Bismarcks; Abschaffung sämtlicher Kapitalsteuern; völlige Deregulierung der staatlichen Kontrolle über Unternehmen; Angriffe auf die Sozialsysteme (insbesondere Privatisierung der Rente); Nationalismus und Rassismus zur Spaltung; usw.</p>



<p>Teile dieses Programms decken sich mit den Interessen des Finanzkapitals, jedoch kann dieses einen Austritt aus Euro und EU sowie aus den multilateralen und Freihandelsinstitutionen nicht akzeptieren, weil sie dessen wirtschaftlicher Erfolg maßgeblich ermöglichen. Deswegen bekämpft es die AfD.</p>



<p>Die andere Seite der Regimekrise und ein wesentlicher Treiber des Aufstiegs der AfD ist die schwindende Möglichkeit des Finanzkapitals, die Massen an sich zu binden, weil sie die kapitalistische Krise auf sie abwälzen. So offenbart die bürgerliche Demokratie ihren Klassencharakter, deren Einrichtungen und die Parteien verlieren ihre soziale Bindekraft.</p>



<p>Den krassesten Ausdruck findet die Regimekrise im Untergang der CDU/CSU, der traditionellen Partei des Kapitals und des Kleinbürgertums, und der SPD, der traditionellen Partei der Arbeiterklasse. Zwischen 1957 und 1987 teilten sie sich 80 bis 90% der Stimmen in den Bundestagswahlen. Seitdem hat ein schleichender Zerfall eingesetzt, der sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten stark beschleunigte.</p>



<p>In der letzten Bundestagswahl konnten CDU/CSU und SPD nur noch 45% der Stimmen auf sich vereinen, in den aktuellen Umfragen liegen sie bei 40%. Eine dieser beiden Parteien hat stets die Regierungen angeführt und die Krisen des Kapitalismus auf die Massen abwälzt. So haben sie sich in den Augen großer Teile der Massen diskreditiert.</p>



<p>Der Niedergang der CDU/CSU und SPD geht mit einem starken Schwanken der öffentlichen Meinung einher, die ein Suchen und Austesten politischer Alternativen zum Establishment widerspiegelt. Was wir gerade sehen, ist kein gesellschaftlicher Rechtsruck, sondern eine Polarisierung – eine Abkehr von den etablierten Parteien. Diese Entwicklung ist ein bedeutender Schritt im Molekularprozess der Revolution.</p>



<p>Beispielsweise profitierten zeitweise die Grünen vom Aufschwung der Klima-Bewegung, enttäuschten deren Hoffnungen in der Ampel-Regierung jedoch rasch. Das BSW legte einen noch kometenhafteren Aufstieg und Fall hin. Bereits kurze Zeit nach ihrer Abspaltung von der LINKEN war die Partei so stark, dass sie in Landesregierungen mit den etablierten Parteien treten konnte. In Brandenburg und Thüringen ging das BSW diesen Schritt, verlor dadurch jedoch sein Image als Alternative zu den Kriegstreibern und scheiterte dann bei der Bundestagswahl an der Fünf-Prozent-Hürde.</p>



<p>DIE LINKE konnte sich bei den Massen ebenfalls nach ihrer Beteiligung an bürgerlichen Landesregierungen und ihrer Rolle als loyale Opposition nicht bewähren. In allen entscheiden Fragen, wie der Corona-Politik, dem Ukraine-Krieg oder den Genozid in Gaza, stellte sie sich klar auf die Seite des Establishments, sodass vor der Bundestagswahl lange sogar ihr Wiedereinzug ins Parlament gefährdet war.</p>



<p>Erst die gemeinsame Abstimmung von CDU/CSU und AfD über einen Migrationsantrag verschaffte der Partei neuen Aufwind, insbesondere unter jungen Wählern. In dieser Schicht galt sie als die konsequenteste Kraft gegen die AfD und als einzige glaubhafte Alternative zum Rassismus, zur Politik der sozialen Härte der etablierten Parteien und deren Kriegstreiberei. Der derzeitige Erfolg der LINKEN ist eine progressive Entwicklung: Er zeigt den Willen und die Bereitschaft vor allem in der Jugend und jüngeren Schichten der Arbeiterklasse, gegen diese Zustände zu kämpfen.</p>



<p>Doch DIE LINKE setzt weiterhin auf Zusammenarbeit mit den verhassten etablierten Parteien und fokussiert sich allein auf die Arbeit im Parlament, wodurch sie einen ernsthaften Kampf verhindert. Bereits jetzt sehen wir deswegen, wie sich eine sehr fortgeschrittene Schicht von der Partei abwendet und nach einer revolutionären Alternative sucht. Weitere werden ihr folgen, weil DIE LINKE mit ihrer Politik der Klassenzusammenarbeit keine Antwort auf die Krise bieten kann.</p>



<p>Für die Massen bleibt damit gerade nur die AfD als einzige scheinbare Fundamentalopposition. Ihr Programm ist zwar durch und durch arbeiterfeindlich. Doch mit ihrem demagogischen Auftreten gelingt es der AfD, an der wachsenden Ablehnung des verrottenden Status quo anzuknüpfen.</p>



<p>Denn die alten Parteien haben sich über einen langen Zeitraum von Jahrzehnten hinweg diskreditiert. Der organisierte Reformismus zwingt die Arbeiterklasse weiterhin zur Passivität, indem er sich weit in den Staat integriert und mitregiert (SPD), die Regierungspolitik mitträgt (DGB) oder sie nur in Worten anprangert, ohne aber Gegenwehr zu organisieren (DIE LINKE). Anstelle von Reformen für die Arbeiterklasse ermöglicht der Reformismus der herrschenden Klasse Konterreformen durchzusetzen.</p>



<p>Der Verrat des Reformismus ist der Haupttreiber des Aufstiegs der AfD. Er ermöglicht es der Partei, die Anti-Establishment-Stimmung der Massen in großen Teilen aufzufangen. Diese Situation beunruhigt das Finanzkapital und seine politischen Vertreter, weil die ohnehin tief erschütterten sozialen und politischen Gleichgewichte durch den Aufstieg der AfD noch stärker zerrüttet werden.</p>



<p>Der Aufstieg der AfD und ihr Programm sind eine Kampferklärung eines Teils der Kapitalistenklasse (vor allem ökonomisches Kleinbürgertum und Teile des kleinen/mittleren Kapitals) an die Interessen des Finanzkapitals und ihrer politischen Vertreter in der CDU, FDP, Grüne, SPD sowie in den Medien, der staatlichen Bürokratie usw. Für sich genommen können die unteren Schichten der Kapitalistenklasse keine selbständige Rolle spielen, denn sie sind ökonomisch komplett vom Großkapital abhängig. Doch die AfD bietet ihnen einen Hebel im Kampf um die Kontrolle des Staates und der Ausrichtung der Politik, indem die Partei sich demagogisch auf die Wut der Massen stützt.</p>



<p>Das Finanzkapital verliert die Kontrolle. Aber es ist kein passiver Beobachter ihres Schicksals. Sie ist eine lebendige Kraft und kämpft darum, die Kontrolle zurückzugewinnen. Sie und ihr politisches Personal wollen den Griff über Staat, Medien usw. nicht lösen. Es ist aus ihrer Position ein existenzieller Kampf.</p>



<p>Dabei kann der Kampf gegen die AfD nicht unabhängig vom Zusammenbruch der „regelbasierten Weltordnung“, dem militärischen Rückzug des US-Imperialismus durch die Trump-Regierung, dem Aufstieg Chinas und der neuen Todfeindschaft gegen Russland im Kampf um die Kontrolle über Osteuropa, gesehen werden.</p>



<p>Der Druck zum ökonomischen Nationalismus (Protektionismus) und damit zum politischen ist ein Produkt der globalen Krise des Kapitalismus. Deutschlands Produktionsstandort ist auf einen wachsenden und offenen Weltmarkt angewiesen, der jedoch gegenwärtig von Zollschranken und anderen Handelsbarrieren fragmentiert wird. Deshalb schrumpft der Anteil der drittgrößten Wirtschaftsmacht am Weltmarkt. Damit wird auch eine entscheidende Grundlage der zusammenhaltenden Kräfte der EU zerstört (die deutsche Industrie) und mit dem Niedergang der EU ein entscheidender imperialistischer Machtfaktor Deutschlands.</p>



<p>Der tonangebende Teil der herrschenden Klasse und sein politisches Personal führen einen Kampf um die Stellung des deutschen Imperialismus und damit ihre eigene Stellung in der Welt. Der Kampf gegen die AfD ist ein Teil davon, weil diese zu viele der lebenswichtigen Grundpfeiler des deutschen Kapitalismus untergräbt. Die Antworten der AfD auf die Krise und ihr Rezept für eine „Lösung“ schmecken dem Finanzkapital noch nicht – mehrheitlich versucht es noch eine andere Lösung zu finden, die auf die EU und freien Handel setzt. Durch den Druck der objektiven Entwicklung wird sich das Finanzkapital auch in der AfD-Frage spalten und sich in Teilen auf sie stützen – wenn die objektive Entwicklung offenlegt, dass die Versuche, die alte Ordnung zu retten, völlig illusorisch sind.</p>



<p>Wie tief das Misstrauen des Finanzkapitals gegen die AfD aber gegenwärtig geht, hat eine kleine Episode im letzten Jahr gezeigt. Die Präsidentin des Verbands „Die Familienunternehmer“, Marie-Christine Ostermann (FDP), hatte im November 2025 für den Verband erklärt, dass das „Kontaktverbot“ zu AfD-Bundestagsabgeordneten aufgehoben worden sei und es in Teilen der Landesverbände „diese Art der Brandmauer noch nie gegeben“ habe. Bereits davor, Anfang Oktober 2025, lud der Verband Vertreter der AfD zu einem parlamentarischen Abend ein und beendete damit die bisherige Praxis, AfD-Politiker grundsätzlich nicht zu Veranstaltungen einzuladen.</p>



<p>Die Begründung für diesen Kurswechsel: Die „Brandmauer“ hat nicht funktioniert, auf kommunaler Ebene arbeiten Unternehmer mit gewählten AfD-Räten zusammen und auch immer mehr Unternehmer orientieren sich hin zur AfD, was der Verband durch eine „inhaltliche“ Debatte kontern wolle. In Reaktion kündigte die Deutsche Bank an, dem Verband keine Flächen mehr zur Verfügung zu stellen. Die Unternehmen Rossmann und Vorwerk kündigten ihre Mitgliedschaft im Verband.</p>



<p>Die Reaktion des Finanzkapitals, der etablierten Parteien, Medien und von Unternehmen zeigt, dass es in den Wahlkämpfen in diesem Jahr (Kommunalwahlen in Bayern, Hessen und Niedersachsen; Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, und Berlin) sehr heiß zugehen könnte.</p>



<p>Mit ihrer Verweigerungshaltung, der „Brandmauer“, fördern die Herrschenden jedoch den Aufstieg der AfD, da sie so die alleinige ungetestete Alternative zum Block des Establishments bleibt. Doch auch ein Verbot der Partei, wie es selbst Teile der CDU/CSU fordern, oder ihr Zähmen durch andere Repressionen bietet keinen Ausweg. Der Erfolg der AfD ist Ausdruck der Sackgasse des kapitalistischen Systems. Die rechten Demagogen bleiben, solange es keinen tatsächlichen Kampf gegen diesen Niedergang gibt. Die herrschende Klasse kann dieses Problem daher nicht lösen.</p>



<p>Der Druck, die „Brandmauer“ einzureißen, wird deshalb stetig steigen. In Sachsen-Anhalt, wo im September 2026 die Landtagswahl stattfindet, liegt die AfD in Umfragen bereits bei bis zu 40%. Es ist nicht auszuschließen, dass sie dort alleine regieren könnte oder es eine Allparteienregierung bräuchte, um die AfD aus einer Koalition herauszuhalten.</p>



<p>Die Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern könnte in mehreren Szenarien zu einer weiteren einschneidenden Zuspitzung der Regimekrise führen: Eine AfD-Regierung würde einerseits den Kampf um den Staatsapparat entfachen, andererseits könnte eine solche Regierung bundesweit Bewegungen gegen sich provozieren. Das Potenzial für eine Bewegung bestünde umso mehr, wenn die „Brandmauer“ fallen würde. Doch auch eine instabile Allparteienregierung könnte diese Krise auslösen.</p>



<p class="has-medium-font-size">Krisenregierung Merz</p>



<p>Die Zersplitterung der Parlamente stellt die herrschende Klasse vor große Herausforderungen. Diese erschwert nicht nur die Bildung von stabilen Regierungen. Auch in den Parteien und Fraktionen gewinnen bei knappen Mehrheiten einzelne Politiker an Gewicht. So ist jeder ein kleiner König und gleichzeitig ein potentieller Königsmacher. Die Abgeordneten müssen mit der AfD im Nacken sowieso bereits um ihre Mandate fürchten. Sie wissen: Bei der nächsten Wahl könnten sie ihren Platz am staatlichen Futtertrog verlieren. Diese Gemengelage ist die beste Grundlage für Begehrlichkeiten, Korruption und Intrigen.</p>



<p>Da es für die herrschende Klasse keinen Ausweg aus der Krise gibt, muss jede kommende Regierung, egal ob auf Bundes- oder Landesebene, zwangsläufig eine Krisenregierung sein. Weil es nicht die eine richtige Linie gibt, sind die Herrschenden zunehmend gespalten und damit handlungsunfähig. Diese Lähmung ist selbst wiederum ein Brandbeschleuniger des Niedergangs und der Delegitimation des bürgerlichen Regimes.</p>



<p>Die schwarz-rote Bundesregierung ist eine Krisenregierung par excellence. Merz war bereits vor seinem Amtsantritt der unbeliebteste Kanzler in der Geschichte der BRD, die Koalition und selbst seine eigene Partei sind tief gespalten. Deswegen ist die Regierung enorm schwach. Es ist offen, ob sie ihre Legislaturperiode überstehen oder wie die Ampel-Koalition zuvor zerbrechen wird.</p>



<p>Schon bevor die Regierung überhaupt zusammentrat, steckte sie bereits in einer Krise. Merz gelang es nicht, im ersten Wahlgang zum Kanzler gewählt zu werden. Früher war es normal, dass nie alle Fraktionsmitglieder der Koalition für den Kandidaten stimmten. Teilweise haben 50 und mehr dem Kanzler ihre Stimme verweigert und trotzdem wurden alle Vorgänger von Merz ohne Probleme in der ersten Wahlrunde gewählt.</p>



<p>Vor der Kanzler-Wahl hatte Merz mit SPD und Grüne im Bundestag sowie mit der LINKEN im Bundesrat gegen das neugewählte Parlament geputscht, um die Schuldenbremse für Aufrüstung aufzuheben und das Sondervermögen für Infrastruktur durchzusetzen. Ein Teil der CDU/CSU-Fraktion, der energisch für Kürzungspolitik eintritt, hat ihm dafür höchstwahrscheinlich eine Klatsche erteilt. Der gescheiterte erste Wahlgang war eine Warnung.</p>



<p>Schon im Juli entbrannte die nächste Regierungskrise, entlang der Wahl der Verfassungsrichter, die sich zu einem Kulturkampf entwickelte. Die SPD schlug Frauke Brosius-Gersdorf als Kandidatin vor. Der rechte Flügel der CDU/CSU, der von der AfD unter Druck steht und um seine Wahlkreise fürchtet, entfesselte angefeuert von FAZ, BILD, Nius und „Junge Freiheit“ eine reaktionäre Hetz-Kampagne gegen die Juristin wegen ihrer Position zum Abtreibungsrecht.</p>



<p>Liberale Kreise drängten Brosius-Gersdorf zum Verzicht auf ihre Kandidatur. In der „Süddeutschen Zeitung“ hieß es etwa: „Der Graben mitten durch die Mitte, zwischen progressiven und konservativen Demokraten, würde umso tiefer, je länger dieser Streit andauerte“, und weil das nur der AfD nütze, sollte man nachgeben, um die „Mitte“ und die „Demokratie“ zu retten. So knickte die SPD ein. Doch diese zweite Krise hat die Koalition nachhaltig beschädigt. Es gibt so ziemlich kein Vertrauen zwischen und selbst innerhalb der Fraktionen. Die Regierungsparteien bekämpfen sich gegenseitig in der Öffentlichkeit.</p>



<p>Im Dezember folgte dann der nächste Krach. Die Regierung einigte sich, das gesetzliche Rentenniveau bis Juli 2031 auf 48% eines Durchschnittslohns zu stabilisieren. Dem stellte sich das gesamte Finanzkapital entgegen und drängte auf massive Einschnitte und eine Privatisierung der Rente. In den bürgerlichen Medien wurde eine entsprechende Kampagne gefahren.</p>



<p>Auch die CSU, die Junge Union (die Jugendorganisation der CDU/CSU) und die „Junge Gruppe“ der CDU/CSU-Bundestagsfraktion stellten sich gegen den Entwurf der Regierung. Merz warnte die Abweichler: Mit einem Unterbietungswettbewerb um das niedrigste Rentenniveau könne man keine Wahlen gewinnen. Ältere und Rentner sind die wichtigste Wählergruppe ihrer Partei.</p>



<p>Am Ende kam das Gesetz durch die Abstimmung im Bundestag. Trotzdem offenbart diese dritte Krise der Koalition innerhalb eines halben Jahres die tiefen Gräben innerhalb CDU/CSU und der Regierung in einer entscheidenden Frage: Auf Kosten der eigenen Beliebtheit mit heftigen Attacken auf die Arbeiterklasse den deutschen Kapitalismus retten oder sich solange wie möglich an den staatlichen Machthebeln bleiben, während der Standort Deutschland untergeht?</p>



<p>Diese Frage wird sich wieder und wieder stellen, vor allem in den kommenden Haushaltsdiskussionen. Es ist nicht auszuschließen, dass die Merz-Regierung an ihr zerbrechen wird. Eine richtige Antwort gibt es sowieso nicht: Egal ob bald der Frontalangriff kommt oder der Niedergang sich schleichend vollzieht – beides vertieft letztlich die Krise des Regimes und bereitet soziale Explosionen vor.</p>



<p>Die Spaltung in der CDU/CSU nimmt bereits immer mehr Fahrt auf. Mittlerweile hat Saskia Ludwig (CDU Brandenburg, Unternehmerin), die auch Rädelsführerin der reaktionären Kampagne gegen Brosius-Gersdorf war, öffentlich erklärt, dass sie als Mitglied der CDU-Bundestagsfraktion zu keinen weiteren Schulden zustimmen wird. Damit verleiht sie der „Jungen Gruppe“ noch mehr Gewicht und erhöht den Druck des Finanzkapitals auf die Regierung zu harten Einschnitten und Austerität.</p>



<p>Gleichzeitig aber ist sie auch Teil derjenigen Schichten in der Kapitalistenklasse, die anders als das Finanzkapital es will, immer mehr auf eine Öffnung und Zusammenarbeit mit der AfD hinwirkt. Beweggründe sind dabei unterschiedlich: Angst vor dem Verlust eigener Wahlkreise; Übereinstimmung mit dem Programm der AfD; Hass auf die „Roten“ (alles ab SPD) und die Arbeiterbewegung usw. Diese Leute könnten sowohl die Bundesregierung zum Zusammenbruch bringen in den kommenden Haushaltsdebatten als auch eine Koalition mit der AfD in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt bilden.</p>



<p>Die Landtagswahlen in beiden Bundesländern haben das Potenzial, die Regimekrise einschneidend zuzuspitzen. Ebenso ein Zusammenbruch der Merz-Regierung und darauffolgende Neuwahlen. Die herrschende Klasse ist in einer zunehmend ausweglosen Situation, zumindest hat sie keine guten Optionen mehr. Jede Entscheidung führt nur zu mehr Krise, Spaltung und Verwerfungen.</p>



<p>Der deutsche Kapitalismus ist in einer sehr erratischen und konvulsiven Dynamik. Die Krise des Standorts wird nur schlimmer. Die Spaltung der herrschenden Klasse wird sich vertiefen und immer mehr Spaltungslinien werden hinzukommen bzw. voll an die Oberfläche treten (Russland, China, USA, EU, Umgang mit AfD und DIE LINKE usw.). Das wird die Regimekrise, die allgemeine Lähmung und das Siechtum der Gesellschaft vertiefen.</p>



<p>Die AfD wird vorerst weiter aufsteigen. Vom Reformismus geht nach wie vor keine Initiative für den Klassenkampf aus. Die Polarisierung nach rechts und links nimmt zu. Irgendwie wird sich diese Dynamik den Weg an die Oberfläche bahnen. Es hat bereits jetzt enorme Auswirkungen auf das Bewusstsein aller Klassen und Schichten. Umschichtungen in der herrschenden Klasse, im Staatsapparat, in den Parteien, den Arbeitermassenorganisationen, der Jugend usw. – plötzliche und scharfe Wendungen sind unausweichlich.</p>



<p>Wir können sagen, dass der Prozess der Revolution bereits begonnen hat – auch in Deutschland. Lenin hat hervorgehoben, dass die Revolution an der Spitze der Gesellschaft beginnt, wenn die herrschende Klasse sich spaltet und nicht mehr wie gewohnt ihre Interessen durchsetzen kann. Dieser Prozess beginnt sich zu entfalten.</p>



<p class="has-medium-font-size">Demagogie und Repressionen</p>



<p>Um Wahlen zu gewinnen, müssen Parteien die Gunst der Arbeiterklasse genießen. In der Krise können sie jedoch keine realen Verbesserungen anbieten. Deshalb greifen die Herrschenden und ihre politischen Vertreter zunehmend auf Demagogie zurück. Sie versuchen damit, von den eigentlichen Ursachen des Niedergangs abzulenken, mit Kulturkampf die Arbeiterklasse zu spalten und sie mit Appellen zur „Verteidigung der Demokratie“ und der nationalen Einheit hinter ihrem Programm zu vereinen.</p>



<p>Sündenböcke lassen sich viele finden: Merz hetzt von „Problemen im Stadtbild“ und meint damit Migranten und Flüchtlinge; CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann hat es auf die Rentner abgesehen, die angeblich zu wenig arbeiten; für die Chefin der Arbeitsagentur Andrea Nahles (SPD) ist es die junge Generation, die nicht genügend ackert; Arbeitslose verunglimpft die Regierung als Sozialschmarotzer und will ihnen die Leistungen streichen. Wie bei der AfD richtet sich diese Demagogie gegen die schwächsten der Gesellschaft.</p>



<p>Die Militarisierung rechtfertigt die herrschende Klasse, indem sie Kriegsangst schürt. Bis 2029 sei Russland in der Lage, ein NATO-Land anzugreifen, heißt es. Um das „Vaterland“, „Freiheit“ und „Demokratie“ zu verteidigen, sollen alle den Gürtel enger schnallen. Gleichzeitig unterstützt das gesamte Establishment Israels Genozid an den Palästinensern und billigte die US-Angriffe auf den Iran und Venezuela. Damit demonstrieren die Herrschenden, dass das sogenannte Völkerrecht wertloses Papier ist, an das sich nur zu halten hat, wer nicht zur „westlichen Wertegemeinschaft“ gehört. So sehen die Regeln der „regelbasierten Weltordnung“ aus.</p>



<p>Auch im Inneren sollen „Freiheit“ und „Demokratie“ verteidigt werden, nämlich gegen die AfD. Das Establishment verkauft sich als das geringere Übel und beschwört die Einheit der „demokratischen“ Parteien. Instabilität würde die AfD nur stärken, deswegen müssten alle „Demokraten“ ihre Differenzen beiseitelegen und reibungslos zusammenarbeiten.</p>



<p>Doch auch hier offenbart sich die bodenlose Heuchelei der Herrschenden: Sie sind es, die demokratische Rechte wie Versammlungs-, Meinungs- und Pressefreiheit oder das Streikrecht zunehmend in Frage stellen und auch tatsächlich einschränken. Die Palästina-Bewegung war mit Demo-Verboten, willkürlicher Polizeigewalt und an den Haaren herbeigezogene Gerichtsprozessen, Einreiseverboten für Politiker, dem Entzug von Veranstaltungsräumen, Kontosperrungen und Kündigungen wegen Äußerungen zum Genozid konfrontiert. Gegen Klima-Aktivisten werden Berufsverbote verhängt.</p>



<p>Solche Angriffe auf demokratische Rechte gelten nicht nur Aktivisten, sondern auch den Massen. Sie sollen jeglichen Widerstand gegen die herrschende Politik im Keim ersticken. So werden auch Arbeitskämpfe verboten, wie etwa der der Kita-Beschäftigten in Berlin im Herbst 2024. Rainer Dulger, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, fordert heftige Einschränkungen des Streikrechts.</p>



<p>Derartige Repressionen sind kein Zeichen der Stärke. Weil sie sich immer weniger durchsetzen kann, greift die herrschende Klasse zunehmend die Errungenschaften von vergangenen Klassenkämpfen an. Damit entblößt sie aber den wahren Charakter der bürgerlichen Demokratie, was ihren Rückhalt nur weiter schmälert, und provoziert Klassenkampf.</p>



<p>An einem bestimmten Punkt werden die Herrschenden in Versuchung geraten, auf die eine oder andere Weise zur offenen Diktatur zu greifen. Aber das wird erst eine realistische Perspektive sein, wenn die Arbeiterklasse eine Reihe von schweren Niederlagen erlitten hat, wie es in der Weimarer Republik der Fall war. Lange bevor das eintreten wird, wird die Arbeiterklasse jedoch viele Gelegenheiten haben, ihre Stärke gegenüber dem bürgerlichen Staat zu testen und die Macht in die eigenen Hände zu nehmen.</p>



<p class="has-medium-font-size">Bremsklotz Reformismus</p>



<p>Der Reformismus ist eine zentrale Stütze der bürgerlichen Demokratie und des Kapitalismus, auf die die herrschende Klasse nicht so schnell verzichten wird. Er hat die Aufgabe, die Massen durch Zugeständnisse mit ihrer Ausbeutung auszusöhnen und passiv zu halten. Dazu tauscht die herrschende Klasse Reformen gegen sozialen Frieden ein und integriert die bürokratischen Führungen der reformistischen Massenorganisationen wie SPD und den DGB in den Staatsapparat. Auf diese Weise bindet sie diese an sich und an das kapitalistische System.</p>



<p>Doch in der Krise schwindet der Spielraum für Reformen immer mehr. Dadurch diskreditiert sich die Führung der Arbeiterorganisationen zunehmend in den Augen ihrer sozialen Basis, der Arbeiterklasse. Dieser Prozess ist die Ursache des Niedergangs der SPD und der Krisenschwankungen der LINKEN. Weil es keinen anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung geben wird, ist es auch ausgeschlossen, dass der Reformismus die Massen wieder längere Zeit an sich binden können wird wie in der Nachkriegszeit.</p>



<p>Die Aufgabe der SPD in der derzeitigen Bundesregierung ist es, die Angriffe auf die Arbeiterklasse als Notwendigkeit zur „Sicherung des Standorts Deutschland“ sowie zur „Rettung der Demokratie“ innen gegen die AfD und außen gegen Russland, China und die USA unter Trump zu verkaufen. Differenzen mit der CDU/CSU bestehen lediglich bezüglich des Tempos: Auch wenn Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) Attacken auf den Sozialstaat als „Bullshit“ bezeichnet, sprechen sie und ihre Partei von notwendigen „Reformen“ der Sozialsysteme.</p>



<p>Zwar sagt der DGB, dass er gegen Spar- und Kürzungspolitik sei, und schlägt sogar eine Reichensteuer vor. Doch trotz seiner rund 5,6 Millionen Mitglieder mobilisiert er keinen entsprechenden Kampf, sondern setzt wie die SPD allein auf Verhandlungen mit der herrschenden Klasse. In diesen Verhandlungen müssen die Reformisten die Prämissen der Herrschenden übernehmen, weil sie sich mit dem Kapitalismus abgefunden haben.</p>



<p>So landen die Führungen der Massenorganisationen bei einem vollständig bürgerlichen Standpunkt, besonders bezüglich des Militarismus. Im Aufruf des DGB zum letzten Antikriegstag, der sich hinter die Aufrüstung Deutschlands stellt, heißt es beispielsweise: „Wir brauchen in Europa ein klares gemeinsames Bekenntnis, worum es uns bei der Stärkung der eigenen Verteidigungsfähigkeit eigentlich geht – nämlich um die Verteidigung unserer liberalen Demokratie und unseres Modells der Sozialen Marktwirtschaft.“</p>



<p>Die reformistische Bürokratie hat sich in der bestehenden Ordnung bequem eingerichtet. Sie ist die Grundlage ihrer Privilegien und Pöstchen. Deswegen ruft sie offen zu deren militärischen Verteidigung auf, deswegen steht sie auch hinter Israel und der Ukraine. Diese sozialchauvinistische Position ist eine Fortsetzung der „Standortlogik“: Die Reformisten nehmen an, dass wenn sich der deutsche Imperialismus in der Neuaufteilung der Welt behaupten kann, dann ein Teil der Beute an die Arbeiterklasse und besonders ihre Führung geht.</p>



<p>Auch die Führung der LINKEN predigt Sozialchauvinismus: Sie redet ebenfalls davon, dass Deutschland und die EU mehr Verantwortung übernehmen müssen zur Aufrechterhaltung der „regelbasierten Weltordnung“. Damit setzt auch sie sich dafür ein, die Stellung der europäischen Mächte in der Welt zu retten. Jedoch hält sie Abrüstung, Verhandlungen und Völkerrecht für das Mittel der Wahl, das zu erreichen. Wer mit solchen pazifistischen Phrasen argumentiert, verschleiert die tatsächliche Ursache von Militarismus und Krieg – die imperialistische Neuaufteilung der Welt – und verhindert einen wirklichen Kampf.</p>



<p>Diese Position ist ebenfalls kein Zufall. Auch wenn DIE LINKE eine radikalere Rhetorik als SPD und DGB an den Tag legt, will sie ebenfalls den Kapitalismus nicht abschaffen. Weil sie die revolutionäre Rolle der Arbeiterklasse nicht versteht, sieht die Arbeit im Parlament und Regierungsbeteiligungen als einzigen Weg für Veränderung. Und wer diesen Weg einschlägt, muss zwangsläufig mit den Herrschenden zusammenarbeiten. Deswegen hat sich die Führung zum Beispiel nicht konsequent auf die Seite der Palästinenser gestellt.</p>



<p>Da sich die reformistischen Organisationen der herrschenden Klasse unterordnen, während diese die Krisenlast auf die Massen abwälzt, besteht ein wachsendes kollektives Bedürfnis einer politischen Alternative zum Status quo. Dieses Bedürfnis nutzt derzeit teilweise die AfD aus. Dennoch dürfen wir den Reformismus nicht abschreiben.</p>



<p>Der Wahlerfolg und die Eintrittswelle in DIE LINKE im Zuge der letzten Bundestagswahl hat gezeigt, dass die Reformisten noch immer mobilisieren können, wenn sie kämpferisch auftreten. Trotzdem ist es mit dem Niedergang des deutschen Imperialismus ausgeschlossen, dass sich der Reformismus anhaltend verfängt. Schnelle Enttäuschungen sind vorprogrammiert, weil der Kampf um Reformen heute Methoden des revolutionären Klassenkampfs erfordert.</p>



<p>Die Landtagswahlen in diesem Jahr und ihre Folgen werden das einer breiten Schicht der Jugend vor Augen führen. DIE LINKE schürt hysterische Angst vor der AfD, um im Wahlkampf Erfolge zu erzielen. Diese Angst nutzt sie wiederum, um ihre „Politik des kleineren Übels“ vor der Jugend und Arbeiterklasse zu rechtfertigen. Unter dem Vorschlag einer Volksfront aller „progressiven Kräfte“ (darunter versteht sie: Grüne, SPD, Sozialverbände, Kirchen usw.) gegen die AfD und die Angriffe der herrschenden Klasse tarnt sie ihr Andienen an die Herrschenden.</p>



<p>Jan van Aken, Parteivorsitzender der LINKEN, hat ohnehin offengelegt, was hinter Volksfront und der „Politik des kleineren Übels“ wirklich steht: DIE LINKE wird eine CDU-geführte Minderheitsregierung in Sachsen-Anhalt als „konstruktive Opposition“ stützen, weil es „überhaupt nicht in Frage“ komme, die „AfD an die Macht zu lassen“. Eben diese Politik führt DIE LINKE in Sachsen bereits durch und hat dort einen Sparhaushalt der CDU-Minderheitsregierung ermöglicht. Ähnliche Unterstützung für Austerität gab es von Seiten der LINKEN bereits in Sachsen-Anhalt, wo sie die Einführung der Schuldenbremse in die Landesverfassung mittrug – dort liegt die AfD jetzt bei 40% in den Umfragen.</p>



<p>Die gesamte Politik der LINKEN hat nicht das Ziel, den Kapitalismus zu überwinden, sondern die bürgerliche Demokratie und damit den Kapitalismus zu stabilisieren. Das ist völlig unmöglich und führt zum direkten Ausverkauf der Interessen der Arbeiterklasse. Die AfD und die Angriffe der herrschenden Klasse lassen sich nicht durch Bündnisse mit den „progressiven Kräften“ im bürgerlichen Lager bekämpfen. Das zeigt jede Regierungsbeteiligung der LINKEN sowie jede Bewegung, die diesen Weg genommen hat (zum Beispiel Fridays for Future).</p>



<p>Durch die Politik der Zusammenarbeit mit den Bürgerlichen macht sich DIE LINKE selbst zum linken Feigenblatt des Establishments und die AfD kann vor den Massen als einzige Oppositionskraft erscheinen. Die Politik, mit der DIE LINKE vorgibt, die AfD zu bekämpfen, befeuert ihren Aufstieg.</p>



<p>Unsere Position ist: Wir lehnen die Politik des kleineren Übels und die Volksfront vollständig ab, sie schürt Illusionen in den Kapitalismus und die bürgerlichen Kräfte. Das schwächt die Arbeiterklasse und die Jugend.</p>



<p>Deshalb erklären wir, dass DIE LINKE den Wahlkampf als Klassenkampf führen und als klassenkämpferische Opposition den Widerstand in Betrieben, Bildungseinrichtungen und auf der Straße organisieren sollte. Das wird sowohl die Merz-Regierung, die bürgerlichen Landesregierungen als auch die AfD in Bedrängnis bringen, weil sie dann die Austerität nicht durchsetzen können, ohne soziale Explosionen zu riskieren. So eine Strategie kann dann in eine Offensive der Arbeiterklasse und Jugend verwandelt werden, um echte Reformen zu erkämpfen und den Kapitalismus revolutionär zu überwinden.</p>



<p>In Berlin hat DIE LINKE die Möglichkeit, einen Wahlkampf auf genau dieser Grundlage zu führen. Dort tritt sie dafür an, eine „Rote Metropole“ zu erkämpfen. Darunter versteht sie eine „Stadt, in der die Menschen bestimmen, wo es lang geht, nicht der Markt“. Dafür setzt sie in erster Linie auf „Steuergerechtigkeit“, die mögliche Verstaatlichung von Immobilienkonzernen und Teilen der Daseinsvorsorge („Infrastruktur-Sozialismus“).</p>



<p>Wir erklären, dass eine „Rote Metropole“ nur durch Klassenkampf erkämpft werden kann. Dafür muss man die Arbeiterklasse und Jugend organisieren und mobilisieren – das heißt die Selbstaktivität der Massen dauerhaft fördern. Das geht wiederum nur auf der Grundlage eines Programms, das die Kapitalisten enteignet und stürzt. Es reicht aber nicht aus, nur Teile der Infrastruktur oder die Immobilienkonzerne zu verstaatlichen. Alle großen Unternehmen, die Banken und die Vermögen der Milliardäre und Millionäre müssen enteignet werden. Dann kann mit dem Sparzwang gebrochen werden und die Gesellschaft unter Kontrolle und Verwaltung der Arbeiterklasse nach den Bedürfnissen der Massen eingerichtet werden.</p>



<p>Wir erklären diese Positionen mit Geduld allen denjenigen, die noch Hoffnungen und Illusionen in die reformistische Politik der LINKEN haben, die auf die Linksjugend, den SDS und andere reformistische Organisationen schauen. Denn vorläufig werden diese Organisationen wieder von der Breite der fortschrittlichen und aktivsten Schichten der Arbeiterklasse als Instrumente des Kampfes angesehen.</p>



<p>Mit der AfD droht uns kein Faschismus. Mit der Politik der LINKEN aber kann der Aufstieg reaktionärer Kräfte nicht aufgehalten werden. Dafür braucht es die RKP. Vor allem nach den Wahlen, wenn die Ernüchterung wieder einsetzen wird, werden wir diejenigen für unser Programm gewinnen, die durch ihre Erfahrung zu revolutionären Schlussfolgerungen kommen werden. Deshalb gilt es immer einen freundlichen Ton zu behalten und solidarisch und geduldig zu erklären.</p>



<p>Das ist bereits absehbar. Die reformistische Führung schiebt selbst einen Keil zwischen sich und die radikalisierten neuen Mitglieder der DIE LINKE. Insbesondere entlang der Palästina-Frage, ist diese Spaltung deutlich. Die pro-palästinensische Positionierung der Linksjugend im November 2025 ist schwer mit der Politik der Anbiederungen an die Herrschenden vereinbar. Mehr und mehr AGs und ganze Ortsverbände der Linksjugend stehen in Opposition mit dem Kurs der Führung der LINKEN. Manche fordern den Parteiausschluss des rechten Flügels. Insgesamt findet aber auch vom linken Flügel der Linksjugend und der LINKEN kein organisierter Kampf für ihre Position statt. Die Parteiführung und -bürokratie sabotiert zudem jeden noch so zahmen Versuch, eine palästinasolidarische Position im Programm zu verankern. Sie antwortet mit Hetz- und Säuberungskampagnen. Auf Grund dieser Gemengelage wenden sich viele der neuen Mitglieder und breitere Schichten der radikalisierten Jungend wieder von der LINKEN ab – nicht wenige ziehen dabei revolutionäre Schlussfolgerungen.</p>



<p>Mit der Passivität der reformistischen Massenorganisationen und dem Aufstieg der AfD ist der Arbeiterklasse die politische Arena aktuell versperrt. Das bedeutet, dass sich der Klassenkampf vor allem an der ökonomischen Front und in spontanen Bewegungen entfalten wird. Beides wird den Bewusstwerdungsprozess der Arbeiterklasse enorm voranbringen. Denn nur im Kampf wird sie reformistische Illusionen wirklich überwinden, statt sich nur von SPD und LINKE abzuwenden und weiterhin passiv zu bleiben.</p>



<p>Einerseits legen allgemeine Stagflation, industrieller Niedergang und anhaltende Spar- und Kürzungspolitik, die die Tarifverhandlungen im Öffentlichen Dienst unmittelbar bestimmt, die Grundlage für eine Wiederbelebung der Arbeiterbewegung. Schon jetzt lässt sich beobachten, wie die Zahl und Intensität der Streiks tendenziell zunehmen. Dieser Prozess verläuft jedoch nicht geradlinig. Trotz gewaltiger Kampfbereitschaft akzeptierte beispielsweise die IG-Metall-Führung massiven Stellenabbau bei VW und beim Kölner Ford-Werk im Gegenzug für den Erhalt der Standorte. In Folge dessen verlor die Gewerkschaft allein in Wolfsburg Tausende Mitglieder.</p>



<p>Doch nicht nur Desillusionierung ist die Folge solcher Niederlagen: Auf Grundlage der Erfahrung im Kampf wird die fortschrittlichste Schicht erkennen, dass es eine Neuausrichtung der Gewerkschaften braucht – dass die alte Führung ersetzt werden muss. Auch im Apparat wird sich allein schon aus bürokratischem Selbsterhalt oppositionelle Stimmung bilden. Allgemein wird der Druck zu kämpfen steigen. Kämpfende Gewerkschaften wachsen und ziehen auch unorganisierte Arbeiter in den Kampf. So wird die Bewusstheit und Organisierung der Arbeiterklasse zunehmen.</p>



<p>Andererseits haben wir mit den Gen-Z-Revolutionen und den Generalstreiks in Italien oder Frankreich gesehen, wie sich spontane Massenbewegungen außerhalb der etablierten Parteien und Gewerkschaften bilden. Das Potenzial für solche Explosionen besteht auch in Deutschland. Fragen, an denen sie sich in der kommenden Periode hierzulande entzünden könnte, gibt es etliche – zum Beispiel entlang der Spar- und Kürzungspolitik, dem Aufstieg der AfD, Militarismus oder Palästina.</p>



<p>Die Massenbewegungen im letzten Jahr hatten wiederum häufig Rückwirkungen auf die Gewerkschaften, die durch sie zum Kämpfen genötigt wurden aufgrund der Stimmung in ihrer Basis. Natürlich versuchten deren reformistische Führungen, die Bewegungen abzuwürgen statt sie zu ihrer logischen Konsequenz – dem Sturz des Kapitalismus – zu führen. Doch solche Erfahrung mit dem Reformismus sind wichtige Hammerschläge, die das Bewusstsein der Massen formen auf dem Weg zur sozialistischen Revolution.</p>



<p>Wir dürfen uns nicht von der scheinbaren Ruhe in Deutschland täuschen lassen. Durch den Niedergang des deutschen Imperialismus wird sich mehr und mehr entflammbares Material ansammeln. Ein scheinbar zufälliges und unbedeutendes Ereignis reicht in einer solchen Situation aus, um einen Flächenbrand zu entfachen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis dieser Funke kommt.</p>



<p class="has-medium-font-size">Die Jugend als Avantgarde</p>



<p>Derzeit ist die Mehrheit der Arbeiterklasse noch passiv. Ein wachsender Teil der Jugend dagegen will jedoch bereits heute kämpfen. Allgemein sind Politisierung und Polarisierung unter jungen Menschen am deutlichsten und so ausgeprägt wie schon lange nicht mehr. Bei der letzten Bundestagswahl zum Beispiel war unter den 18- bis 24-Jährigen mit 25% der Stimmen DIE LINKE stärkste Kraft, gefolgt von der AfD mit 21%.</p>



<p>Eine derartige Abwendung vom Status quo ist Ausdruck der organischen Krise des Kapitalismus und daher ein weltweites Phänomen. Die Weltwirtschaftskrise 2008, die Eurokrise, die Corona-Pandemie, die drohende Klima-Katastrophe, der Krieg in der Ukraine oder der Genozid in Gaza – solche Ereignisse prägten das Bewusstsein der heutigen Jugend. Sie kennt das kapitalistische System nur in seinem Niedergang und hat dementsprechend kaum Illusionen in ein Zurück zu einer vermeintlichen „guten alten Zeit“. So sind besonders viele junge Menschen auf der Suche nach Alternativen.</p>



<p>In den letzten Jahren fanden wiederholt Massenbewegungen statt, die sich an Fragen von Unterdrückung entfachten. Weltweit fanden Kämpfe für die Frauenbefreiung statt, von MeToo über Kämpfe für Abtreibungsrechte bis hin zum Kampf gegen Femizide. 2020 erreichte der Kampf gegen Rassismus einen Höhepunkt mit der BlackLivesMatter-Bewegung, im selben Jahr fand in Deutschland der rassistische Anschlag in Hanau statt, der die Bewegung hierzulande befeuerte. Dominiert wurden diese Kämpfe allerdings vom Postmodernismus und der Identitätspolitik, welche letztlich diese Bewegungen in eine Sackgasse führten und zum Scheitern verurteilten.</p>



<p>Diese Massenbewegungen waren trotz ihrer Führung ein enormer Fortschritt für das Bewusstsein und den Klassenkampf. Angetrieben werden sie vom tiefen Hass der Jugend und jüngeren Schichten der Arbeiterklasse gegen Unterdrückung, Spaltung und Gewalt. Dieser Hass trägt einen klassenbewussten Kern in sich. Viele junge Menschen und besonders Teile der Avantgarde radikalisieren sich über diese Fragen und haben jetzt entscheidende Erfahrungen im politischen Kampf gesammelt. Durch den kapitalistischen Niedergang und zunehmende Angriffe der herrschenden Klasse auf die Errungenschaften der Arbeiterbewegung, den reaktionären Kulturkampf und die wachsende gesellschaftliche Barbarei erleben wir schon jetzt, wie reaktionäre Ideen wie Sexismus, Rassismus und damit verbundene Gewalt wieder zunehmen.</p>



<p>Statt einem Fortschritt in der Befreiung erleben wir deutliche Rückschritte. Das formt das Bewusstsein der Massen und ist ein wesentlicher Motor für Radikalisierung und Klassenkampf. Die Hinwendung zur LINKEN in der Bundestagswahl 2025 ist eine direkte Reaktion auf diese reaktionäre Politik der herrschenden Klasse.</p>



<p>Die weltweiten Umbrüche und die Erfahrungen der Massen in den vergangenen Jahren haben den Postmodernismus und die Identitätspolitik in den Augen der aktivsten radikalsten Schichten diskreditiert. Deshalb sind diese Ideen im Niedergang begriffen. Beschleunigt wird der Niedergang dadurch, dass die materielle Basis dieser Ideologien nicht mehr existiert: Die Systemkonkurrenz zwischen dem „westlichen Imperialismus“ und der stalinistischen Sowjetunion, der Freihandel, die Globalisierung und die „regelbasierte Weltordnung“. Der Postmodernismus und die Identitätspolitik haben den Klassenkampf jahrzehntelang vergiftet und die Arbeiterklasse und die Jugend ideologisch verwirrt und gespalten. Aber jetzt verlieren sie ihren Nutzen für die herrschende Klasse.</p>



<p>Wir begrüßen den „Death of woke“. Unsere harte Position gegen die Identitätspolitik und den Postmodernismus hat sich bewährt. Wachsende Teile der Jugend radikalisieren sich weiter und die Avantgarde ist nun auf der Suche nach Antworten, denn die liberalen und postmodernen Ideen bringen die Kämpfe nicht mehr voran – es braucht neue Ideen. Die reformistischen Parteien haben keine Erklärungen für die aktuellen Entwicklungen zu bieten außer „Rechtsruck“ und „Faschisierung“. Aber sie zeigen auch in dieser Frage keinen Weg vorwärts.</p>



<p>Die Kämpfe gegen die Unterdrückung werden in den nächsten Jahren zunehmen, schon jetzt hatten wir die größte Palästina-Bewegung seit Jahren. Über den ganzen Globus wurde für die Befreiung dieser unterdrückten Nation gekämpft! Die Kämpfe für die Befreiung der Frau, Kämpfe gegen Rassismus, gegen Spaltung und gegen Gewalt werden immer mehr den Charakter von Klassenkämpfen bekommen. Die Ideen der Identitätspolitik und des Postmodernismus werden nicht mehr in der Lage sein, das Bewusstsein unangefochten zu dominieren. Die Ideen sind nicht weg, aber im Niedergang begriffen.</p>



<p>Diese Entwicklungen drücken sich auch in einer klaren Politisierung nach links aus Zehntausende traten im Zuge der Bundestagswahl in DIE LINKE ein, weil sie versprach, „auf die Barrikaden“ zu gehen. Viele wenden sich bereits enttäuscht wieder ab, da dieses Versprechen nicht eingelöst wird. Hundertausende verfolgen kommunistische Streamer wie Dekarldent. Selbst auf dem flachsten Land bilden sich vielerorts lokale Gruppen, die sich mit revolutionären Ideen auseinandersetzen.</p>



<p>Diese Entwicklungen in einem Teil der Jugend stellt nichts anderes dar als die Herausbildung einer revolutionären Avantgarde – einer Schicht, die bereits vor den Massen die Notwendigkeit des Kampfes gegen den Kapitalismus erkannt hat. Doch dieser Avantgarde fehlt es noch an der Organisiertheit sowie den richtigen Ideen und Methoden, um bewusst und wirksam in den Klassenkampf einzugreifen.</p>



<p>In den Gen-Z-Revolutionen sowie in den Bewegungen in Frankreich und Italien stand die Jugend an der Spitze der Proteste. Weil es ihr gelang, an die weit verbreitete Ablehnung des Status quo anzuknüpfen, konnte sie breitere Schichten der Arbeiterklasse mobilisieren. Der Generalstreik in Italien nahm sein Ausmaß nur an, weil er den Kampf für ein freies Palästina mit dem Kampf gegen die Regierung verband.</p>



<p>Die großen internationalen Klassenkämpfe im vergangenen Jahr sind der lebendige Beweis dafür, dass eine Bewegung der Jugend die Massen schon heute aus ihrer Passivität reißen kann. Dennoch waren es spontane Bewegungen, denen dieser Schritt unbewusst gelang. Aufgrund des Fehlens eines klaren revolutionären Programms endeten sie in Niederlagen. Zudem gibt es keine ausreichend große Kraft, die jetzt den Massen dabei hilft, die richtigen Schüsse aus dem Scheitern zu ziehen. So bleibt auch das dem Zufall überlassen.</p>



<p class="has-medium-font-size">Die Aufgaben der RKP heute</p>



<p>Unsere Aufgabe als RKP ist es heute, uns zu befähigen, zukünftig dieses Vakuum zu füllen. Wir können zwar keine Bewegung der Jugend aus dem Boden stampfen, aber wir können schon jetzt in aktiven Bewegungen intervenieren und unsere Positionen hineintragen. Denn mit unseren Kräften ist es durchaus machbar, in Teilen der Avantgarde Klarheit zu schaffen über die Notwendigkeit des sozialistischen Programms und des Aufbaus unserer Partei. So legen wir jetzt die Grundlage, den Klassenkampf in Deutschland bewusst voranzutreiben und schließlich die Massen zu erobern.</p>



<p>Dafür ist der erste Schritt ein klares Verständnis innerhalb unserer Partei. Deshalb setzen wir uns mit Perspektiven, der marxistischen Theorie und den Lehren vergangener Kämpfe auseinander. Doch das ist nie Selbstzweck: Unser Ziel ist es, die Avantgarde für diese Ideen zu gewinnen und in einer bolschewistischen Kaderpartei zu vereinen.</p>



<p>Ein Kader muss in der Lage sein, am unfertigen Bewusstsein seines Gegenübers anknüpfen zu können und von dort aus die Brücke zu schlagen zur sozialistischen Revolution. Wir sind keine Sektierer. Auch in den fortschrittlichsten Schichten bestehen allerhand Illusionen, die wir aufklären können müssen. Diese Fähigkeit kann man jedoch nicht im Studierzimmer erlernen. Wir erkämpfen sie uns in jeder Intervention, jedem Kontaktgespräch, jeder Ortsgruppendiskussion.</p>



<p>Was wir heute tun, wird uns später in der Lage versetzen, mit der Einheitsfront-Taktik und der Übergangsmethode die Arbeiterklasse in ihrem Bewusstwerdungsprozess zu begleiten und ihr dabei zu helfen, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Das ist die Perspektive, mit der wir an unsere Aufbauarbeit in der Jugend gehen.</p>



<p>Der Todeskampf des deutschen Imperialismus wird unweigerlich ein langwieriger sein. Erstens wegen des Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen: Die Arbeiterklasse, heute so mächtig wie nie zuvor, ist nicht durch große Niederlagen demoralisiert. Die Herrschenden fürchten deswegen die sozialen Konsequenzen eines Frontalangriffs, auch wenn ihre Mittel zur Beruhigung des Klassenkampfes dahinschmelzen. Zweitens ist das Kleinbürgertum, die soziale Reserve der Reaktion, entweder auf randständige Minderheiten geschrumpft oder wurde selbst proletarisiert (Studenten, Lehrer, usw.). Drittens aber ist der subjektive Faktor für eine erfolgreiche Revolution, unsere Partei, noch zu klein.</p>



<p>Das Positive daran ist, dass wir mehr Zeit haben, um unsere Kräfte politisch und organisatorisch zu entwickeln. Wir dürfen diese Chance nicht vergeben. In der bevorstehenden Periode wird es nicht an Ereignissen und Möglichkeiten mangeln, um unsere Partei für die bevorstehenden Aufgaben zu stählern.</p>



<p>Nur wenige Monate vor seiner Ermordung schrieb Trotzki folgende Zeilen, die aktueller nicht sein könnten: „Für die kapitalistische Welt gibt es keinen Ausweg, es sei denn, man betrachtet einen hinausgezögerten Todeskampf als einen solchen. Es ist notwendig, sich auf lange Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, des Krieges, der Aufstände, kurzer Atempausen neuer Kriege und neuer Aufstände vorzubereiten. Eine junge revolutionäre Partei muss sich auf diese Perspektive gründen. Die Geschichte wird ihr genug Gelegenheiten und Möglichkeiten liefern, sich zu prüfen, Erfahrungen zu sammeln und zu reifen. Je rascher sich die Reihen der Vorhut zusammenschließen, desto mehr wird die Epoche der blutigen Erschütterungen verkürzt, desto weniger Zerstörung wird unser Planet erleiden. Aber das große historische Problem wird auf keinen Fall gelöst werden, bevor nicht eine revolutionäre Partei an der Spitze des Proletariats steht. Die Frage des Tempos und der Zeitintervalle ist von enormer Bedeutung; aber sie ändert weder die allgemeine historische Perspektive noch die Richtung unserer Politik. Die Schlussfolgerung ist einfach: Es ist notwendig, die Arbeit der Erziehung und Organisierung der proletarischen Avantgarde mit zehnfacher Energie weiterzutreiben.“</p>



<p></p>
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		<title>Über 50.000 Schüler streiken gegen die Wehrpflicht!</title>
		<link>https://derkommunist.de/ueber-50-000-schueler-streiken-gegen-die-wehrpflicht-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Franz Rieger]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 16 Mar 2026 14:53:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Empfohlen]]></category>
		<category><![CDATA[Jugend]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven]]></category>
		<category><![CDATA[Wehrpflicht]]></category>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p>“Die Reichen wollen Krieg &#8211; Die Jugend eine Zukunft!” war der zentrale Slogan von über 50.000 Schülern, die am 05. März in über 140 deutschen Städten während der Schulzeit gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht streiken. In Berlin waren es knapp 10.000, in Hamburg 5.000 und in München über 800. Bereits am 5. Dezember letzten Jahres waren über 55.000 auf der Straße gewesen.</p>



<p>Die Wut war spürbar! Sie richtete sich unter anderem gegen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und seine Regierung. Die Berliner Polizei hielt es sogar für klug und notwendig, einen <a href="https://www.stern.de/politik/deutschland/-merz-leck-eier--plakat--polizei-ermittelt-nach-demo-gegen-18-jaehrigen-37197522.html">obszönen Demospruch in Bezug auf Merz</a>&nbsp; zu verbieten und Anzeige zu stellen.&nbsp;</p>



<p>Aber die meisten Parolen richteten sich gegen die Kapitalistenklasse. Ein Schüler sagte der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung: “Wir sitzen in kaputten Schulen mit zu wenig Lehrern, während Milliarden an Rheinmetall und Co. fließen.” Eine andere Schülerin erklärt: “Für den Preis von einem Panzer könnte man über 100 Lehrer ein Jahr lang bezahlen.” Der Tenor ist klar: Diese Aufrüstung und die drohenden imperialistischen Kriege sind allein im Interesse der Reichen und nicht in unserem. Nicht wenige Schüler kamen mit roten Fahnen, roten Sternen oder Hammer und Sichel auf ihren Plakaten.</p>



<p>Viele gingen auch für ihre jüngeren Geschwister auf die Straße. Ein 19-jähriger Student erklärte: „Ich bin hier, weil ich nicht will, dass mein kleiner Bruder was damit zu tun haben muss. Der ist konfliktscheu und nicht dafür gemacht. Ich will das nicht.“ Eine 20-jährige Studentin sagte, die Jugend dürfe keine Kriege unterstützen “von einem Land, das uns als Kanonenfutter benutzen will. In meinem Freundeskreis bekommen die Brüder dieses Jahr ihre Musterungsbriefe. Jetzt ist es wichtig, Zeichen zu setzen.”</p>



<p>Die meisten Schüler waren etwa zwischen 14 und 18 Jahren alt, obwohl auch eine wahrnehmbare Menge sehr junger Schüler um die 12 oder sogar 10 Jahre da waren und ihren Protest gegen Kriege <a href="https://www.rbb24.de/av/video/av24/2026/03/video-schulstreik-berlin-wehrpflicht.html">in die Fernsehkameras erklärten</a>.&nbsp;</p>



<p>Auch einige Eltern und Lehrer waren da. Andere sympathisierende Lehrer hatten wohl ihre Klausuren extra nicht auf den Streiktag gelegt, um ihren Schülern die Teilnahme am Protest zu erleichtern. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), in der die meisten Lehrer organisiert sind, stellte sich zumindest in Worten hinter den Schulstreik. Sie gab ihren Mitgliedern Hinweise, wie sie durch legale Tricks (“Schulausflug”) gemeinsam mit ihrer Klasse zum Streik kommen könnten.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Wehrpflicht für den Imperialismus</strong></p>



<p>Die deutsche Bundesregierung plant die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Im Dezember hat sie als ersten Schritt dahin einen verpflichtenden Fragebogen für alle achtzehnjährigen Männer zur Wehrtauglichkeit beschlossen. Sollten sich in den nächsten Jahren nicht genügend freiwillig melden, wird der Bundestag die Wehrpflicht einführen.</p>



<p>Die Wiedereinführung der Wehrpflicht ist Teil der allgemeinen Aufrüstung der deutschen herrschenden Klasse. Die Kapitalisten behaupten, es ginge dabei um Landesverteidigung und verbreiten Hysterie über einen bevorstehenden russischen Angriff, um unter den Massen Akzeptanz für die Aufrüstung zu erreichen. In Wahrheit soll nicht das Leben einfacher Menschen in Deutschland verteidigt werden, sondern das <a href="https://derkommunist.de/wehrpflicht-die-reichen-wollen-krieg-stuerzen-wir-sie/">Recht und die Fähigkeit Deutschlands andere Länder imperialistisch auszubeuten</a> &#8211; besonders in Osteuropa. Die Aufrüstung stellt zudem eine kriegstreiberische Bedrohung und Provokation gegenüber Russland dar.&nbsp;</p>



<p>Die Rechnung dafür soll die Arbeiterklasse bezahlen: Mit Kürzungen im Sozialstaat, niedrigeren Löhnen und eben auch, in dem ihre Söhne für’s deutsche Kapital in den Schützengraben müssen.&nbsp;</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Einschüchterungsversuche</strong></p>



<p>Aber die Jugend ist dazu nicht bereit! Etwa zwei Drittel der Jugend lehnen die Wehrpflicht ab. Um Aufrüstung und Wehrpflicht dennoch durchzusetzen, hat die herrschende Klasse eine wütende Kampagne gegen alle vom Zaun gebrochen, die sich dem in den Weg stellen.&nbsp;</p>



<p>Im Deutschlandfunk, dem größten deutschen Radiosender und glühenden Verfechter der liberalen Demokratie, wurde der Pressesprecher der Schülerstreikbewegung mit Fragen interviewt, die einer “Gewissensprüfung” für Kriegsdienstverweigerer zur Hochzeit des Kalten Kriegs würdig gewesen wären: “Gäbe es die Ukraine oder den Staat Israel heute noch, wenn sich die jungen Mensche dort so verhielten wie Sie?”, “Wie sähe Europa heute aus, wenn Briten, Amerikaner und Russen vor 80 Jahren gesagt hätten, wir sagen ‘Nein zur Wehrpflicht’?”, “Verteidigungspolitiker der Mitte-Parteien sagen, Russland bedrohe die Staaten der EU und auch Deutschland; der AfD-Vorsitzende Tino Chrupalla hat gesagt, Russland bedrohe Deutschland nicht &#8211; Wem glauben Sie?” Der Subtext ist klar: Wer gegen die Wehrpflicht ist, nehme den Sieg des Faschismus in Kauf.</p>



<p>Und auch manche Schulleitungen taten ihr Möglichstes, um die Schülerproteste im Interesse der Herrschenden zu verhindern. Eine Schule in Kassel führte an diesem Tag die Attestpflicht ein. Schulen in Frankfurt am Main und in Halberstadt sperrten wohl die Schule von innen ab. An einer Schule in Cottbus wurden Taschenkontrollen eingeführt, um nach Flyern und Plakaten für den Schülerstreik zu fahnden. Und die Behörden in Stralsund wollten keine Anmeldung einer Versammlung während der Schulzeit akzeptieren. In München griff die Polizei Schüler von der Straße auf und brachte sie zurück in die Schule.</p>



<p>Trotz all dieser Einschüchterungsversuche gingen im ganzen Land Zehntausende Jugendliche auf die Straße.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Wie weiter für die Bewegung?</strong></p>



<p>Die Schulstreikbewegung gegen die Wehrpflicht weckt Erinnerungen an die Klimastreiks von Fridays for Future 2019 und 2020, an deren Höhepunkt 1,4 Millionen Menschen auf der Straße waren. Ob und wie schnell die Proteste anwachsen, wird sich zeigen. Der nächste Schulstreik ist für den 8. Mai geplant. Und die Bundesregierung spricht darüber, womöglich schon 2027 die Wehrpflicht einführen, denn die Freiwilligen reichen nicht, um das Mannstärkeziel zu erreichen und 20% von ihnen brechen den Wehrdienst nach kurzer Zeit wieder ab. Wenn die Wehrpflicht tatsächlich kommt, wird spätestens das der Bewegung höchstwahrscheinlich einen Aufschwung verschaffen.</p>



<p>Aber nur wenn die Arbeiterklasse mit in den Kampf tritt, kann die Bewegung erfolgreich sein. Denn nur sie hat wegen ihrer Stellung im Produktionsprozess die nötige gesellschaftliche Macht.</p>



<p>Das größte Hindernis auf diesem Weg sind die reformistischen Führer der DGB-Gewerkschaften und der Linkspartei. Es wäre ihre Pflicht, die Arbeiterklasse für den Kampf gegen Militarismus und Kürzungen zu mobilisieren.</p>



<p>Aber sie haben dem Klassenkampf schon lange abgeschworen und sehen ihre Aufgabe darin, Kompromisse mit den Herrschenden zu machen und zu verhindern, dass sich in der Arbeiterklasse ernsthafter Widerstand dagegen regt.</p>



<p>Auch in außenpolitischen Fragen übernehmen sie den Standpunkt des deutschen Kapitals. Sie unterstützten den Ukrainekrieg, genauso wie Israels „Recht auf Selbstverteidigung“. Die IG-Metall berät mit der Rüstungsindustrie, wie Deutschland am besten aufrüsten kann!</p>



<p>GEW und Ver.di stellen sich in Worten gegen die Wehrpflicht. Das ist gut! Aber sie unternehmen keine Schritte, um einen ernsthaften Kampf dagegen zu führen, der über Symbole hinausgeht! Statt kämpferische Streiks im sozialen Sektor zu organisieren, die Kürzungen verhindern und damit die Aufrüstung lähmen, führen die Gewerkschaftsbürokraten diese Arbeitskämpfe in vorzeitige Niederlagen mit schlechten Tarifabschlüssen.</p>



<p>Die Schulstreikbewegung hat bei ihrer Konferenz in Göttingen beschlossen, sich mit den Gewerkschaften zu „vernetzen“. Dahinter steckt ein richtiger Gedanke! Aber so formuliert heißt das erstmal nicht viel. Gemeinsame Pressemitteilungen oder Demos reichen nicht aus!</p>



<p>Die Schülerbewegung muss Forderungen aufstellen, die die Arbeiterklasse in den Kampf ziehen können – angefangen bei „Bildung statt Bomben, Renten statt Raketen, Pflege statt Panzer!“ Sie muss an alle Beschäftigten – auch Lehrer und Eltern – appellieren, gegen Aufrüstung, Krieg und Wehrpflicht zu streiken. Sie muss von den Gewerkschaftsführungen öffentlich einfordern, endlich ihrer Pflicht nachzukommen und den Klassenkampf gegen die Reichen aufzunehmen. Gewerkschaften dürfen in Sachen Militarismus nicht mit den Herrschenden kooperieren, sondern müssen sie bekämpfen, und zwar mit Streiks, die ihnen wehtun.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Die Reichen wollen Krieg? Stürzen wir sie!</strong></p>



<p>Die Kommunisten der RKP kämpfen gegen die Wehrpflicht, aber das Ende der Wehrpflicht wird keine imperialistischen Kriege verhindern. Wenn es drauf ankommt, ist das „Recht auf Kriegsdienstverweigerung“ wertlos! Das sehen wir in der Ukraine, wo dieses angebliche Grundrecht zu Kriegsbeginn abgeschafft wurde.</p>



<p>Solange es die Reichen gibt, werden sie Kriege für ihre Kapitalinteressen führen. Dafür sind sie bereit, uns zu opfern. Deswegen sagen wir als RKP: Die Reichen wollen Krieg? Dann stürzen wir sie! Wenn sie bereit sind, uns in ihren Kriegen zu opfern, sind wir bereit sie zu stürzen!</p>



<p>Als RKP kämpfen wir für die Enteignung der Großkonzerne und Banken, die von der Ausbeutung der Arbeiterklasse in anderen Ländern und zuhause profitieren! Und für die Enteignung der Rüstungsindustrie und anderer Kriegsgewinnler! Stattdessen wollen wir eine Planwirtschaft unter Arbeiterkontrolle, die das Leben für alle besser macht und anderen Völkern in Frieden und Freundschaft gegenübertritt.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Kämpf’ mit der RKP gegen Wehrpflicht und Kapitalismus!</strong></p>



<p>Wir lassen uns nicht von den Reichen an die Front schicken, sondern nehmen unsere Zukunft in die eigenen Hände! Wir bauen eine Organisation von Kommunisten in Schulen, Unis und Betrieben in allen Städten Deutschlands auf, die ihre Mitschüler, Kommilitonen und Kollegen auf der Grundlage eines solchen revolutionären Programms für den Streik gewinnen können. Gemeinsam setzen wir uns für diese Ideen in der Bewegung ein. So bereiten wir die nächste große Mobilisierung am 8. Mai vor. Werde Mitglied der RKP, wenn du Teil davon sein willst!</p>
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		<title>Merz-Regierung und AfD bekämpfen! Kapitalismus stürzen!</title>
		<link>https://derkommunist.de/merz-regierung-und-afd-bekaempfen-kapitalismus-stuerzen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Alexander Kalabekow]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 12 Mar 2026 09:01:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Anti-AfD]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Empfohlen]]></category>
		<category><![CDATA[Leitartikel]]></category>
		<category><![CDATA[Merz]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven]]></category>
		<category><![CDATA[Reformismus]]></category>
		<category><![CDATA[Sparpolitik]]></category>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p>Der deutsche Kapitalismus ist in einer fundamentalen Krise. Die Herrschenden kennen nur einen Ausweg: Die Arbeiterklasse soll den Gürtel bedeutend enger schnallen. Über Jahre hat das Finanzkapital Friedrich Merz für das Kanzleramt aufgebaut. Er organisiert eine allgemeine Offensive der herrschenden Klasse gegen die Arbeiterklasse vermittels des Staates.</p>



<p>Sein Auftrag ist Austerität, Kahlschlag bei den Sozialversicherungen und der Unternehmensregulierung, damit die Produktionskosten – der Lebensstandard der Arbeiterklasse – sinken und die Profite der Kapitalisten steigen. Zudem soll der Staat den Konzernen mit Garantien und Subventionen aufwarten und die Profite zusätzlich heben. Umverteilung von unten nach oben ist das Programm der Schwarz-Roten Koalition.</p>



<p>Aber der herrschenden Klasse geht es nicht schnell genug. Im November letzten Jahres waren bereits 77% der Unternehmer mit der Regierung unzufrieden, bei mittelgroßen Unternehmen mit 50 bis 249 Beschäftigten sogar 83%. Die Stimmung unter Unternehmern und Managern gegenüber der Regierung sei „extrem negativ, teils regelrecht aggressiv“, sagt der Präsident des Bundesverbands der deutschen Industrie (BDI), Peter Leibinger. Die Kapitalisten drängen zum schnelleren Kahlschlag und pochen darauf, dass Merz endlich durchgreift und der Koalition mittels seiner „Richtlinienkompetenz“ das Programm der herrschenden Klasse diktiert.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Die SPD wird abgerichtet</strong></p>



<p>Der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Rainer Dulger, erklärt: „Ich gebe der Regierung noch Zeit bis ins nächste Frühjahr“. An die Adresse der SPD heißt es seinerseits, er „hoffe auf die Reformfähigkeit der Sozialdemokratie“, d.h. darauf, dass sie an der Agenda 2010 von Schröder und Müntefering anknüpft und eine Agenda 2030 umsetzt.</p>



<p>Jedoch steht die SPD so schwach in der Wählergunst da wie nie zuvor und versucht aus Erhaltungstrieb, die harten Angriffe, die das Kapital fordert, durch Verschuldung hinauszuzögern. Doch das Finanzkapital erhöht den Druck auf die SPD, die es in die Regierung genommen hat, damit sie die Arbeiterklasse unter der Betondecke des Reformismus passiviert und die Kürzungspolitik durchsetzt.</p>



<p>Schon im letzten Jahr opponierte die „Junge Gruppe“ der CDU/CSU-Fraktion im Interesse des Finanzkapitals in der Rentenfrage gegen den Regierungskurs, der ein Zugeständnis an die SPD war. Jetzt folgte der nächste Stich von Saskia Ludwig (CDU-Fraktion). Im Interview mit der Berliner Zeitung erklärte sie, sie würde „keinem Antrag der Regierung mehr zuzustimmen, der eine zusätzliche Verschuldung nach sich zieht“. Das ist eine direkte Absage an die SPD-Politik und auch eine Warnung an den Kanzler.</p>



<p>Damit gibt Ludwig der Stimme der Kapitalisten weiteren Nachdruck in der CDU-Fraktion und droht der SPD mit dem Regierungsaus: Es sei „schwer vorstellbar“, dass „die Koalition mit einer Sozialdemokratie, die sich scheinbar selbst aufgegeben hat“, die Legislatur durchhält. Schließlich greift sie die SPD-Arbeitsministerin Bärbel Bas persönlich an. Diese habe „dem Mittelstand in Deutschland den Krieg erklärt, gegen den sie gemeinsam mit den Linken und Linksextremen in diesem Land kämpft.“ Auch der Verband der Chemischen Industrie ermahnt die SPD: „Wir sind nicht im Klassenkampf.“</p>



<p>Das Finanzkapital und die CDU versuchen, die SPD-Fraktion auf Linie zu peitschen. Ein zentrales Werkzeug hierfür ist für das Finanzkapital der Aufstieg der AfD. Es macht sich diesen zunutze, um die SPD mit dem Schreckgespenst des „Faschismus“ auf den geforderten Kürzungskurs zu drängen – dieser notwendig um die „Demokratie“ zu „retten“. „Ich appelliere an alle, die Gefahr des Rechtsextremismus nicht auf die leichte Schulter zu nehmen“, sagt Bundesbankpräsident Joachim Nagel, „das bedroht unseren Wohlstand“ – ein „Wohlstand“, der für die Arbeiterklasse und Jugend ewige Sparpolitik bedeutet.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Spaltungslinien in den besitzenden Klassen</strong></p>



<p>Unter dem Druck der tiefen ökonomischen Krise entwickelt sich derweil eine Spaltung in den besitzenden Klasse, die sich auch zunehmend in der CDU selbst ausdrückt. Der Kanzler Friedrich Merz erklärt noch, dass mit einem „Unterbietungswettbewerb“ keine Wahlen zu gewinnen sind, und setzt damit, wie der tonangebende Teil der herrschenden Klasse, darauf, dass die Kürzungen erfolgreich im Rahmen der „Sozialpartnerschaft“ durchgesetzt werden.</p>



<p>Während das Finanzkapital die AfD noch aus der Regierung raushalten will, drängt ein wachsender Teil des Kleinbürgertums und Schichten von kleineren Kapitalisten darauf, die AfD ins Boot zu holen. Mittlerweile sagt ein Drittel der Unternehmer und Manager, dass sie die AfD wählen würden. Und auch im rechten Flügel der CDU formiert sich eine Strömung, die diese Entwicklung repräsentiert und dem vom Kanzler untersagten Unterbietungswettbewerb Auftrieb gibt, wie die „Lifestyle-Teilzeit“-Hetze zeigt.</p>



<p>Zugespitzt stellt sich folgende Frage in den besitzenden Klassen immer schärfer: Setzen sie ihr Programm zusammen mit den „Sozialpartnern“ (SPD und DGB-Vorstände) durch, oder setzen sie auf eine Bürgerblockregierung und treten ihrem „Sozialpartner“ zumindest vorläufig in den Hintern.</p>



<p>Die kommenden Landtagswahlen im Osten werden in dieser Hinsicht zu einem Kräftemessen zwischen verschiedenen Flügeln der besitzenden Klassen. Die Krise des Kapitalismus vertieft die Krise der bürgerlichen Demokratie immer weiter. In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern wird dieses Jahr gewählt und die AfD liegt dort gegenwärtig bei knapp 40%. Eine Minderheit der CDU pocht dort auf die Zusammenarbeit mit der AfD und erhofft sich durch gemeinsame Bürgerblock-Regierungen, widerstandslos ein hartes Sparprogramm durchzusetzen.</p>



<p>Das Finanzkapital fürchtet noch, dass die AfD in Regierungen verantwortungslos handelt. Vor allem aber fürchtet es die Reaktion aus der Arbeiterklasse und der Jugend gegen so eine Regierung der sozialen Angriffe, die sich nicht der Zusammenarbeit mit den DGB-Führungen sicher sein kann. Es fürchtet, dass die Stimmung der Massen in einen offenen Klassenkampf umschlagen könnte. Die Arbeiterklasse, die größte und stärkste soziale Kraft in der Gesellschaft, ist sehr politisiert, wütend und vieler Illusionen in die bürgerlichen Institutionen beraubt.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Reformismus und Aufstieg AfD</strong></p>



<p>Trotz dieser Abwehrhaltung des Finanzkapitals gegen die AfD ist diese rechte, demagogische Partei Teil der allgemeinen Offensive der herrschenden Klasse gegen die Arbeiterklasse. Sie ist ein Produkt der Krise des Kapitalismus. Jetzt, wo die AfD in den Umfragen und bei Wahlen sehr stark abschneidet, sehen Teile des Kleinbürgertums und der herrschenden Klasse, denen selbst die SPD zu „rot“ ist, in der AfD ein Werkzeug für die Durchsetzung ihrer Interessen. Sie wollen extreme Einschnitte im Lebensstandard der Arbeiterklasse sehen, um ihre Profite zu steigern.</p>



<p>Ihnen ist die rassistische und soziale Demagogie der AfD ein nützliches Werkzeug, um die Wut von den Teilen der Arbeiterklasse zu kanalisieren, die durch die passivierende Betondecke des Reformismus zutiefst verbittert und im Klassenbewusstsein zurückgeworfen sind. Die AfD hält so die Passivität und Spaltung der Arbeiterklasse aufrecht, was der gesamten herrschenden Klasse nützt.</p>



<p>Aber die Demagogie und die verbalen Angriffe der AfD gegen das „Establishment“, die „Kartell-Parteien“ usw. destabilisieren gleichzeitig das gesamte Herrschaftsgefüge des Finanzkapitals, weil sie das Vertrauen der Massen in die Institutionen der bürgerlichen Herrschaft zusätzlich schleifen. AfD-Regierungen wären mindestens genauso instabil und krisengebeutelt wie die Regierungen der etablierten Parteien. Zudem könnte deren reaktionäre Politik die Wut in den klassenbewussten Schichten der Jugend und Arbeiterklasse schneller zuspitzen und den Klassenkampf früher entflammen.</p>



<p><a></a>Deshalb macht der tonangebende Teil der herrschenden Klasse noch an der Kampagne gegen die AfD mit. Wir dürfen uns aber nicht von dieser Politik täuschen lassen. Weil die Herrschenden die AfD nicht mehr kleinhalten können, versuchen sie gleichzeitig, die AfD so hinzubiegen, dass sie in Regierungen teilnehmen kann. Dafür sorgen der Verfassungsschutz, die Presse, aufgebauschte Skandale usw. Das zeigt Wirkung: Die Führung der AfD schniegelt sich längst für mögliche Regierungsbeteiligungen.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Linkspartei behindert Klassenbewusstsein</strong></p>



<p>Aber die Entwicklung der Gesellschaft geht nicht nur in eine reaktionäre Richtung. Der Aufstieg der AfD sowie die Politik der Merz-Regierung, die nur Austerität und Aufrüstung verfolgt, erzeugt Radikalisierung nach links in der Jugend und in Schichten der Arbeiterklasse. Sie suchen einen Weg zum Klassenkampf und einer sozialistischen Gesellschaft.</p>



<p>Die Linkspartei versucht mit ihren Warnungen vor einer „Faschisierung“ der Gesellschaft diese Stimmung einzufangen. Sie schlägt vor, die AfD und die Merz-Regierung durch eine „Volksfront“-Bewegung zu bekämpfen und dadurch die Grundlage für eine „antifaschistische Regierung“ mit SPD und Grünen zu legen – Parteien, die für Militarismus, Krieg und Austerität stehen. Im Kern verfolgt die Linkspartei das gleiche Programm wie die tonangebenden Teile der herrschenden Klasse. Sie versucht, die „Demokratie zu retten“ – d.h. die Herrschaft der Kapitalistenklasse. Sie möchte lediglich die Krisenlasten „gerechter“, durch Steuern und Schulden, zwischen den Klassen verteilen.</p>



<p>Deshalb erklärt sie, dass die linke Bewegung ausdrücklich auf eine „reine Strategie ‚Klasse gegen Klasse‘“ verzichten sollte. Das heißt, sie soll darauf verzichten, den Kapitalismus, die Ursache der Angriffe des Finanzkapitals und des Aufstiegs der AfD, zu bekämpfen. Wir warnen vor solcher Politik, die mit Teilen der herrschenden Klasse eine Übereinkunft sucht. Damit wirft der Reformismus die Arbeiterklasse und die Jugend den Reichen zum Fraß vor.</p>



<p>Der Verzicht auf Klassenkampf in einer Situation, in der die herrschende Klasse eine allgemeine Offensive organisiert, stärkt nur die Betondecke des Reformismus. Damit hindert die Führung der Linkspartei die klassenbewussten Schichten der Jugend und Arbeiterklasse daran, sich effektiv gegen die Angriffe der herrschenden Klasse zu wehren und die AfD erfolgreich zu bekämpfen. Das führt dazu, dass die gesamte Arbeiterklasse passiviert, demobilisiert und gespalten wird. Die reformistische Politik ist der wichtigste Treiber der Zustimmungswerte für die AfD in der Arbeiterklasse.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Es braucht revolutionäre Politik</strong></p>



<p>Deshalb schlagen wir Kommunisten den klassenbewussten Schichten der Jugend und Arbeiterklasse eine reine „Klasse gegen Klasse”-Strategie vor, um die Spaltungen in der Arbeiterklasse zu überwinden. Wir treten für ein kommunistisches Programm ein, dass das Ziel hat, den Kapitalismus zu stürzen und die Macht über Wirtschaft und Politik in die Hände der Arbeiterklasse zu legen.</p>



<p>Die herrschende Klasse will zwar in die Offensive, aber sie kann das nur, wenn die Arbeiterklasse sich nicht wehrt. Wenn die Arbeiterklasse sich bewegt und einen Abwehrkampf gegen die Angriffe des Kapitals führt, dann kann sie die Betondecke des Reformismus durchbrechen, die Herrschenden in die Schranken weisen und ihr System stürzen.</p>



<p>So ein Klassenkampf lässt sich nur mit einem kommunistischen Programm organisieren, weil es die Interessen der gesamten Klasse formuliert. Wenn so ein Programm in der Arbeiterklasse Wurzeln schlägt, dann kann es sie aufrütteln, aufklären, organisieren und zum Kampf bewegen.</p>



<p>Der Ansatzpunkt dafür liegt in den Schichten der Jugend und der Arbeiterklasse, die sich stark nach links radikalisieren. Immer mehr wollen die Ausbeutung und Unterdrückung des Kapitalismus nicht mehr dulden. Das drückt sich in der Anti-Wehrpflicht-Bewegung aus, in Kämpfen gegen Rassismus und die AfD, in den Bewegungen für die Befreiung von Palästina und Kurdistan, in der Solidarität mit Venezuela und Kuba sowie im Hass auf die „Epstein-Klasse“.</p>



<p>Aber auch breitere Schichten der Arbeiterklasse versuchen ihre Interessen gegen die Angriffe der herrschenden Klasse zu verteidigen: in Tarifkämpfen für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen, in Abwehrkämpfen gegen Austerität, Entlassungen und Werkschließungen.</p>



<p>Alle diese Bewegungen und Kämpfe müssen letztendlich den Kapitalismus herausfordern und Teil einer allgemeinen Gegenoffensive der Arbeiterklasse und Jugend werden, um Erfolge zu erzielen.</p>



<p>Der Klassenkampf braucht dich! Bau die RKP mit uns auf und gibt so dem Kommunismus eine laute Stimme und ein sichtbares Banner in der Arbeiterbewegung. Pack mit an für die sozialistische Weltrevolution, um dem Kapitalismus ein Ende zu setzen und eine Gesellschaft in Frieden, Wohlstand und Solidarität zu errichten.</p>
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		<title>Karl-Marx-Seminar 2025: Ein neuer Meilenstein der RKP</title>
		<link>https://derkommunist.de/karl-marx-seminar-2025-ein-neuer-meilenstein-der-rkp/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Revolutionare Kommunistische Partei]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 18 Dec 2025 11:35:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven]]></category>
		<category><![CDATA[RKI]]></category>
		<category><![CDATA[RKP]]></category>
		<category><![CDATA[Strategie & Organisation]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Vom 5. bis zum 7. Dezember fand das Karl-Marx-Seminar 2025, das nationale Bildungsseminar der deutschen Sektion der Revolutionären Kommunistischen Internationale (RKI), in Berlin statt. </p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p>Vom 5. bis zum 7. Dezember fand das Karl-Marx-Seminar 2025, das nationale Bildungsseminar der deutschen Sektion der Revolutionären Kommunistischen Internationale (RKI), in Berlin statt.&nbsp;</p>



<p>Mit 15 marxistischen Workshops und 240 Teilnehmern war es eine inspirierende Veranstaltung und das größte Seminar, das wir bisher veranstaltet haben.</p>



<p>Der zentrale Grund, warum wir das KMS so groß aufziehen konnten, war die theoretische Weiterentwicklung unserer Partei. Seit wir von 2023 bis 2024 in kurzer Zeit von etwas über 100 auf 300 Genossen gewachsen sind, stand die RKP auf einem Wachstumsplateau. Um wieder neue Ziele zu erreichen, mussten die vielen neuen Genossen in den Grundfesten des Marxismus ausgebildet werden und aus denen, die schon davor dabei waren, echte revolutionäre Kader gemacht werden. Denn nur durch ein gutes theoretisches Verständnis sind wir auch in der Lage unsere Ideen und Analysen an die Avantgarde in Jugend und Arbeiterklasse zu tragen und davon zu überzeugen, aktiv bei uns zu werden.</p>



<p>Beim KMS wurde gezeigt, dass unsere innerparteiliche Konsolidierungsarbeit nach einem Jahr ersichtliche Früchte getragen hat. Im Herbst haben unsere Ortsgruppen 49 lokale Veranstaltungen abgehalten und bei 150 Zeitungsverkäufen 700 Zeitungen verkauft. Gegenwärtig sind wir mit etwa 120 Interessierten in Diskussion über unsere Ideen und unser Programm, um sie vom Beitritt in die RKP zu überzeugen. Das und der Fakt, dass 50 der Teilnehmer beim KMS zum Zeitpunkt der Veranstaltung noch keine Mitglieder waren, zeigt, dass wir jetzt besser in der Lage sind, unsere Ideen nach außen zu tragen als je zuvor.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Der Kampf gegen den Reformismus</strong></p>



<p>Dass der Untertitel des Seminars &#8222;Der Weg zum Sozialismus: Reform oder Revolution&#8220; lautete, war kein Zufall. Ob die GenZ Revolutionen oder der Aufstieg Zohan Mamdanis in New York. Sie alle zeigen, dass große Schichten der Arbeiterklasse und Jugend nach Lösungen gegen die prekären Umstände suchen, unter denen sie im Kapitalismus leiden. Doch all diese Bewegungen brechen nicht fundamental mit dem Kapitalismus und sind daher dazu gezwungen, auf die eine oder andere Weise seine Regeln zu akzeptieren.</p>



<p>Auch in Deutschland hat die linksreformistische Linkspartei bei der Bundestagswahl im März schlagartig trotz vorheriger Umfragen von 3%, beinahe 9% erreicht. Der Träger für diesen Sieg war die Jugend, die die Partei durch ein rebellisch anmutendes Auftreten gewinnen konnte. Doch es setzte schnell Ernüchterung ein.&nbsp;</p>



<p>Die Führung der Landesverbände in Bremen und Mecklenburg-Vorpommern, die jeweils in der Regierung ihres Bundeslandes vertreten sind, stimmten dem 500 Mrd. € Sondervermögen für Aufrüstung zu. Die Partei positioniert sich nicht klar gegen Zionismus und statt eine klassenkämpferische Opposition aufzubauen wollen sie sich gegenüber den Herrschenden lieber als vertrauenswürdige Partner zeigen. Das hat sich gezeigt, als sie für einen zweiten Wahlgang bei der Merz’ Kanzlerwahl gestimmt haben, und es hat sich vor kurzem wieder gezeigt, als sie sich beim Rentenpaket der Regierung enthalten haben, um das Scheitern der Regierung zu verhindern.</p>



<p>Viele, die auf die LINKE blicken, durchschauen dieses falsche Spiel. Sie haben mit dem Kapitalismus gebrochen und wollen radikale Antworten. Das hat sich gezeigt, als die Linksjugend bei ihrem Kongress einen Antrag beschlossen hat, in dem Israel verurteilt und die Befreiung der Palästinenser in Kontext mit der internationalen sozialitischen Revolution gesetzt wurde. Die Aufgabe von Kommunisten ist es, an die radikale Stimmung der Jugend anzuknüpfen und sie mit dem Marxismus zu schärfen.&nbsp;</p>



<p>Das erste Referat am Freitag vom Genossen Francesco Merli vom Internationalen Sekretariat der RKI hat in diesem Sinne aufgezeigt, in welcher Situation sich der Kapitalismus heute befindet. Während sich die imperialistischen Nationen Europas im Niedergang befinden, findet auf Weltebene ein erbitterter Konkurrenzkampf zwischen den Vereinigten Staaten, China und Russland statt. Gleichzeitig findet in kaum einem Land eine Regierung breite Unterstützung bei ihrer Bevölkerung. Die herrschende Klasse befindet sich in einer politischen Legitimationskrise, während ein Teil der Wut der Massen von linken Reformisten oder den rechten Demagogen aufgefangen wird. Beide Richtungen können final aber nur in eine Sackgasse führen.&nbsp;</p>



<p>Wir müssen allen, die den Kapitalismus ablehnen, die Hand reichen und gleichzeitig einen politischen Kampf gegen den Einfluss des Reformismus in der Arbeiterbewegung kämpfen. Die Referate beim KMS deckten zu diesem Zweck eine Vielzahl von Themen ab. Von den Grundlagen des Marxismus, hin zum Charakter und dem Kampf gegen die AfD in Deutschland, dem Kampf gegen Austerität, der Frage, wie wir den Sozialismus mehrheitsfähig machen oder den historischen Erfahrungen der jungen KPD in Deutschland und der Oktoberrevolution in Russland.&nbsp;</p>



<p>Aus den Workshops ging hervor, dass der Sozialismus nur durch revolutionären Klassenkampf zu erreichen ist und, dass wir dazu heute eine Kaderpartei aufbauen müssen mit einem theoretisch fundierten Verständnis von Strategie und Taktik, durch das wir in der Lage sind, Wurzeln in der Arbeiterklasse zu schlagen.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Das politische Niveau erhöhen</strong></p>



<p>Um die Partei auf das Wochenende vorzubereiten, wurde im Oktober eine Leseliste auf unserer Website hochgeladen, mit Artikeln, Büchern und Vorträgen zu den diversen Referatsthemen. Jede Ortsgruppe hat Themenschwerpunkte unter ihren Genossen verteilt, die für die nächsten Monate der Fokus ihrer theoretischen Ausbildung sein sollen. Angefangen mit der Vorbereitung auf die Referatsthemen, wird nun jeder Genosse nach dem Seminar ein oder mehrere Bücher zum jeweiligen Themenschwerpunkt studieren. Durch diesen geduldigen Zugang zu Theorie, in dem Genossen sich gründlich mit einem Thema befassen, statt voreilig zum nächsten zu springen, wollen wir das Verständnis für die marxistische Methode verankern.</p>



<p>Die Begeisterung für Theorie und die Vorarbeit der Genossen auf das Seminar hat sich in der großen Beteiligung neuer und alter Genossen an den Diskussionen im Anschluss der Referaten gezeigt, für die viele Genossen über Wochen qualitativ hochwertige Redebeiträge vorbereitet haben. Beim Literatur- und Merchandise-Tisch haben wir außerdem einen neuen Rekord aufgestellt und fast eine Verdreifachung der Verkäufe unserer letzten Veranstaltung erreicht. Insgesamt wurden 246 Bücher gekauft, was im Durchschnitt bedeutet, dass sich ungefähr jeder Teilnehmer ein Buch gekauft hat.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Bolschewistische Finanztradition</strong></p>



<p>Ein weiteres Highlight des Wochenendes war die Spendensammlung am Sonntag, bei der wir erneut einen neuen Rekord aufgestellt haben. Der Finanzvortrag hat meisterhaft aufgezeigt, wie die Bolschewiki ohne eine opferbereite Finanztradition niemals in der Lage gewesen wären, eine starke Führung, eine populäre Zeitung und einen Stamm von Berufsrevolutionären aufzubauen. Beim Seminar hat sich gezeigt, warum auch wir diesem Beispiel folgen müssen. Denn ohne die finanziellen Opfer unserer Genossen, wären wir nicht in der Lage ein großes Karl-Marx-Seminar zu finanzieren, einen Apparat von Hauptamtlichen zu unterhalten, die das Seminar organisieren und die vielen Referate mit den Referenten politisch vorzubereiten und die Ideen des Marxismus so in die Mitgliedschaft tragen. Aus diesem Grund haben wir Geld für unser Büro gesammelt, in dem die ganze Arbeit der Führung zentralisiert ist, sowie für unsere Internationale, die durch ihre Analysen und ihr theoretisches Material uns und unseren Schwesterparteien unbezahlbare politische Orientierung liefert, ohne die wir nicht in der Lage wären, die kommunistische Bewegung weltweit aufzubauen.&nbsp;</p>



<p>Der Finanzvortrag hat erklärt, dass dieses finanzielle Opfer keine Kleinigkeit ist, das wir mal eben zusammenkratzen können. Doch weil uns der Marxismus die politische weitsicht gibt, nicht vor dem Unmittelbaren einzuknicken, sondern die Möglichkeiten zu erblicken, die sich mit jeder Situation entwickeln, schauen wir nicht pessimistisch in die Welt. Wir sehen, dass die Arbeiterklasse gezwungen ist aufzustehen, wir sehen eine Periode von harten Klassenkämpfen auf uns zukommen. Diese Einsicht in die realen Weltprozesse gibt uns den revolutionären Optimismus und die Opferbereitschaft, mit der wir in der Arbeiterklasse und Jugend für unsere Ideen kämpfen und diesen Kampf auch finanziell unterstützen.</p>



<p>Dass wir bei der gesammelten Summe einen neuen Rekord aufstellen konnten, setzt ein klares Zeichen. Unsere Partei sucht nicht nach Entschuldigungen, unsere Partei meint es ernst und sie ist hier, um zu bleiben.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Vorwärts ins nächste Jahr!</strong></p>



<p>Das Karl-Marx-Seminar hat erneut gezeigt, dass die RKP in ihrem politischen Reifeprozess weiter vorangekommen ist. Doch dieser Prozess ist noch lange nicht vorbei.&nbsp;</p>



<p>Die vielen Interessierten, die wir im Herbst kennenlernten und zum KMS mobilisiert haben, stellen unsere junge Partei vor neue Herausforderungen, eine stabile politische Ausbildung in unseren Reihen zu etablieren.</p>



<p>Die Hauptverantwortung, diese Aufgabe zu lösen, trägt die Führung. Darum haben wir dieses Jahr damit begonnen, eine Bildungsabteilung im Hauptamt aufzubauen, die jetzt von einer Abteilung für Außenarbeit gefolgt wird. Beide haben die Aufgabe, Material auszugeben und Impulse zu setzen, mit denen diese beiden Arbeitsbereiche in den Ortsgruppen professionalisiert werden sollen.</p>



<p>Zu diesem Zweck haben beide Abteilungen ein Einstiegsheft für neue Genossen und Interessierte entworfen, das auch auf dem KMS besprochen wurde. Das Heft soll einen Leitfaden für unsere Ausbildungsarbeit liefern, indem mit neuen Genossen sofort die Kernideen der RKP und der RKI diskutiert werden und ihnen für das erste Jahr ihrer Mitgliedschaft zentrale marxistische Werke an die Hand gegeben werden.</p>



<p>Die Führung der RKP wird sich weiter daran setzen, alle unsere Lücken zu füllen und die Partei über Hindernis zu Hindernis zu hieven.</p>



<p>So werden wir die vielen Genossen, die wir kennenlernen und rekrutieren, zu marxistischen Kadern machen und so werden wir auch im Jahr 2026 neue Rekorde aufstellen.</p>



<p></p>
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		<title>Von Sri Lanka bis Nepal: Lehren aus der revolutionären Welle</title>
		<link>https://derkommunist.de/von-sri-lanka-bis-nepal-lehren-aus-der-revolutionaeren-welle/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ben Curry]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 Nov 2025 14:03:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Revolutionen]]></category>
		<category><![CDATA[Weltgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Anti-Establishment]]></category>
		<category><![CDATA[Jugend]]></category>
		<category><![CDATA[Korruption]]></category>
		<category><![CDATA[Massenbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Perspektiven]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Gestern schien das Land noch ruhig und die herrschende Clique fest im Sattel der Macht zu sitzen. Einen Tag später stehen die revolutionären Massen vor dem brennenden Parlamentsgebäude. Die Polizei [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p>Gestern schien das Land noch ruhig und die herrschende Clique fest im Sattel der Macht zu sitzen. Einen Tag später stehen die revolutionären Massen vor dem brennenden Parlamentsgebäude. Die Polizei ist weg, die Abgeordneten sind geflohen – inklusive des Premierministers. Die Fotos und Videos, die vor Kurzem aus&nbsp;<a href="https://marxist.com/rulers-cower-as-nepalese-masses-seek-to-burn-the-system-down.htm">Nepal</a> kamen, waren erstaunlich. Erstaunlich ähnlich sind sie auch den Szenen, die wir bereits in&nbsp;<a href="http://marxist.com/sri-lanka-lessons-from-the-struggle.htm">Sri Lanka</a>,&nbsp;<a href="https://marxist.com/where-next-for-bangladesh.htm">Bangladesch</a>,&nbsp;<a href="https://marxist.com/kenya-welcome-to-the-gen-z-revolution.htm">Kenia</a> und&nbsp;<a href="https://marxist.com/indonesia-the-wheel-of-revolution-has-turned.htm">Indonesien</a> gesehen haben.</p>



<p>Was ist die Bedeutung dieser Ereignisse? Einige Linke, beeindruckt von diesen Szenen, lassen sich von der Flut mitreißen, ohne einen Moment innezuhalten und zu fragen, wohin die Flut überhaupt spült. Sie verhalten sich wie reine Cheerleader für die Massen, was das Letzte ist, was die Massen in einer Revolution brauchen.</p>



<p>Andere wiederum betrachten das Ganze eher zynisch. Sie schauen sich Nepal, Sri Lanka oder jedes andere dieser Beispiele an und vergleichen es mit dem Schema, das in ihren Köpfen steckt, wie eine Revolution&nbsp;<em>auszusehen hat</em>.</p>



<p>Sie finden keine Arbeiterräte, Sowjets, vor. Vielmehr sind die Massen um zufällig entstandene Führungen oder sogar lediglich Social-Media-Hashtags organisiert, sofern sie überhaupt organisiert sind. Sie sehen auch keine roten Fahnen, sondern stattdessen sri-lankische, kenianische, bangladeschische und nepalesische Flaggen.</p>



<p>Die wenigen Forderungen dieser Bewegungen, sind für ihren Geschmack zu schwammig und begrenzt, besonders im Vergleich zu dem vollendeten Programm einer sozialistischen Revolution, und sie weisen auf die unbestreitbare Tatsache hin, dass diese Revolutionen bisher kaum grundlegende Veränderungen bewirkt haben. Spöttisch erklären sie, dass das überhaupt keine Revolutionen seien und dass man sie doch wieder aufwecken solle, wenn die&nbsp;<em>echte</em>&nbsp;Revolution da ist.</p>



<p>Als ernsthafte Kommunisten können wir uns weder von oberflächlichen Erscheinungen beeindrucken lassen, noch können wir erwarten, dass sich Revolutionen nach vorgefassten Schemata richten. Wir müssen das Wesen der konkreten Ereignisse analysieren und konkrete Lehren ziehen.</p>



<p>Was also ist unsere Haltung gegenüber diesen sich abspielenden Ereignissen?</p>



<p>Von Sri Lanka bis Nepal, haben all diese Revolutionen ihre eigenen, einzigartigen Charakteristika. Aber inzwischen zeichnen sich klare und unmissverständliche Muster ab, die, zusammengenommen, eine Menge über den Charakter der Epoche, in die wir eingetreten sind, aussagen.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Die Macht der Massen</strong></p>



<p>Zuerst einmal muss gesagt werden, dass wir von den revolutionären Massen mehr Anstrengung oder Heroismus nicht hätten verlangen können. Sie haben gezeigt, welche gewaltigen Kräfte in ihnen schlummern.</p>



<p>Vor drei Jahren, als das Volk in Sri Lanka den Präsidentenpalast erstürmte und damit den ersten Dominostein zu Fall brachte, wurde die Polizei wie Spielzeug beiseite gefegt und die Rajapaksas flohen. Keine andere Kraft in der Gesellschaft könnte sich auch nur im Entferntesten mit dieser Macht messen.</p>



<p>Das Regime stand mit einem Mal völlig hilflos da und war der Revolution schutzlos ausgeliefert, die es an Ort und Stelle hätte zerschlagen können. In Wirklichkeit lag die Macht in den Händen der Massen auf der Straße und alles, was gefehlt hätte, wäre, das alte Regime für abgesetzt zu erklären. Jedoch waren die Massen sich dieser Macht nicht bewusst und es gab keine Partei, die durchsetzungsfähig genug war, um in ihrem Namen die Macht zu ergreifen.</p>



<p>So kam es dazu, dass an demselben Abend, an dem dieser atemberaubende Sieg errungen wurde, es nichts weiter für die revolutionären Massen zu tun gab, als den Präsidentenpalast zu räumen und nach Hause zurückzukehren. Worauf das alte, verhasste Parlament, in der die herrschende Rajapaksa-Partei eine Mehrheit hatte, seinen Ersatzpräsidenten wählte.</p>



<p>Am 5. August 2024 fand sich das Regime in Bangladesch in der gleichen verzwickten Lage wieder. Die Polizei, die in den Wochen zuvor noch eine Schreckensherrschaft ausgeübt hatte, trat mit einem Mal in den ‚Streik‘. In Wahrheit waren sie geflohen, weil sie sich vor der Vergeltung der Massen fürchteten. 450 der 600 Polizeistationen im Land waren nur noch rauchende Ruinen und die verhasste Premierministerin Sheikh Hasina wurde von den führenden Militärs in einen Helikopter geladen und aus dem Land befördert.</p>



<p>Die revolutionären Massen hatten die Macht und hätten&nbsp;<em>ihre eigene</em>&nbsp;revolutionäre Regierung errichten können. Aber sie waren sich, wie schon gesagt, ihrer Macht nicht bewusst. Das alte Regime war besiegt. Die alten Generäle und Richter hätte man beiseite werfen können und sollen. Stattdessen gingen die Führer der Studentenbewegung auf die besiegten Generäle zu, um mit ihnen zu&nbsp;<em>verhandeln</em>. Sie einigten sich auf eine Übergangsregierung unter Führung eines Ex-Bankiers, in der sie symbolisch Ministerposten bekamen.</p>



<p>In Kenia wurde trotz all der Opfer und all des Blutvergießens, sogar noch weniger erreicht. Präsident Ruto bleibt weiterhin an der Macht.</p>



<p>Das zentrale Rätsel in all diesen Fällen ist der Kontrast zwischen der überwältigenden Macht, die die Massen entfalteten, und wie wenig von Bedeutung sich veränderte.</p>



<p>Dies ist das Ergebnis eines fehlenden Faktors, auf den wir wiederholt zurückkommen werden: das Fehlen einer revolutionären Führung. Ohne Führung herrscht Verwirrung über das Programm und das Endziel der Revolution. So blieben all diese Revolutionen auf halbem Weg stehen.</p>



<p>Aber denen, die behaupten wollen, dass dies überhaupt keine Revolutionen waren, sagen wir:&nbsp;<em>Keine andere Art Revolution war unter diesen Umständen möglich</em>. Lenin beantwortet diesen Einwand mit Bestimmtheit in seiner Antwort an diejenigen, die die revolutionäre Bedeutung des irischen Osteraufstands von 1916 verleugneten und ihn auf einen bloßen ‚Putsch‘ zu reduzieren versuchten:</p>



<p>„Denn zu glauben, dass die soziale Revolution denkbar ist ohne Aufstände kleiner Nationen in den Kolonien und in Europa, ohne revolutionäre Ausbrüche eines Teils des Kleinbürgertums mit allen seinen Vorurteilen, ohne die Bewegung unaufgeklärter proletarischer und halbproletarischer Massen gegen das Joch der Gutsbesitzer und der Kirche, gegen die monarchistische, nationale usw. Unterdrückung &#8211; das zu glauben heißt der sozialen Revolution entsagen. Es soll sich wohl an einer Stelle das eine Heer aufstellen und erklären: „Wir sind für den Sozialismus“, an einer anderen Stelle das andere Heer aufstellen und erklären: „Wir sind für den Imperialismus“, und das wird dann die soziale Revolution sein! Nur unter einem solchen lächerlich-pedantischen Gesichtspunkt war es denkbar, den irischen Aufstand einen ‚Putsch‘ zu schimpfen. Wer eine ‚reine‘ soziale Revolution erwartet, der wird sie niemals erleben. Der ist nur in Worten ein Revolutionär, der versteht nicht die wirkliche Revolution.“ (Lenin,&nbsp;<a href="https://www.marxists.org/archive/lenin/works/1916/jul/x01.htm"><em>Die Ergebnisse der Diskussion über die Selbstbestimmung</em></a>)</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Das Problem der Führung</strong></p>



<p>Es fehlt zwar an klarer Führung, aber das Entscheidende ist, dass die Massen unter solch verzweifelten Umständen leben, dass es für sie zu einem Ding der Unmöglichkeit wird, auf diesen fehlenden Faktor zu warten. Die Jugend ist noch am wenigsten dazu bereit, geduldig abzuwarten, bis die Bedingungen genau richtig sind.</p>



<p>Ein weiteres markantes Merkmal all dieser revolutionären Umbrüche ist die Art und Weise, wie eine ganz neue Generation von Jugendlichen die Bühne betreten hat. Die Jugend, der ihre Zukunft geraubt wurde, die am wenigsten zu verlieren und am meisten zu gewinnen hat, die energischste Schicht, nicht belastet durch vergangene Niederlagen, stand überall an vorderster Front.</p>



<p>In Nepal und Kenia wurde die Bewegung sogar „Gen Z Revolution“ getauft. In Serbien und Bangladesch kanalisierten riesige Studentenbewegungen die Wut von Millionen einfacher Arbeiter und armer Menschen wie ein Blitzableiter.</p>



<p>Auch wenn es von Land zu Land Unterschiede gibt, stellte meist die Jugend das bisschen an organisierter Führung, das es gab. Bringt sie Verwirrung mit sich? Selbstverständlich. Aber wessen Schuld ist das? Darauf antworten wir mit Nachdruck: es ist die Schuld der Führer der Arbeiterorganisationen, deren Aufgabe es ist, zu führen.</p>



<p>Es ist eine zu verurteilende Tatsache, dass ihre feige Abwesenheit das schmachvolle Gegenstück zu dem Mut der Jugend in der Vorhut bildet.</p>



<p>So wie die Generäle in Kenia und Bangladesch die Soldaten in Kasernen einsperrten, um zu verhindern, dass sie mit der Revolution infiziert wurden, so bekamen im selben Maße die schweren Bataillone der Arbeiterklasse von den Arbeiterführern ‚Ausgangssperre‘.</p>



<p>Das ist kriminell. Letztendlich hat nur die Arbeiterklasse die Macht in ihren Händen, um den Kapitalismus, der die wahre Quelle allen Elends und Leidens der Massen ist, mitsamt Wurzel zu vernichten.</p>



<p>Die Jugend hat in vielen Fällen versucht, sich mit den Arbeitern zu verbinden. So muss man den Studenten in Serbien zugutehalten, dass sie&nbsp;<em>richtigerweise</em>&nbsp;die Gewerkschaften dazu aufgefordert haben, einen Generalstreik gegen das Vučić-Regime zu organisieren und zur Bildung von <em>zborovi</em>&nbsp;(Massenversammlungen) am Arbeitsplatz aufgerufen haben. Aber die engstirnigen Bürokraten in den Gewerkschaftsbüros widersetzten sich all diesen Aufrufen, die sie als Eingriffe in ihre eigenen kleinen Fürstentümer betrachteten.</p>



<p>In Kenia verteidigte sogar der elende Generalsekretär des COTU-K Gewerkschaftsdachverbandes Rutos regressives Finanzgesetz von 2024, das die ganze Bewegung überhaupt vom Zaun gebrochen hatte!</p>



<p>Und 2022, auf dem Höhepunkt des <em>Aragalaya&nbsp;</em>(‚Kampf‘) in Sri Lanka, wurde die Idee, einen<em> hartal</em> (revolutionären Generalstreik) zu führen, weit verbreitet. Aber die Gewerkschaften weigerten sich, zu irgendetwas anderem als einem eintägigen Streik aufzurufen.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Gegen Korruption</strong></p>



<p>Im Verlauf dieser Bewegungen haben wir gesehen, wie die Massen die offensichtlichsten und wirkungsvollsten Symbole ins Visier genommen haben, die ihre Wut hervorrufen.</p>



<p>Die korrupten herrschenden Cliquen, die diese Länder dominieren und sowohl wegen ihrer Brutalität als auch wegen ihrer Korruption verhasst sind, haben die ganze Wut der Massen auf sich gezogen: die Rajapaksa-Clique in Sri Lanka; die Hasina-Clique in Bangladesch; die Ruto-Clique in Kenia; die Herrscher und ihre „Nepo-Kinder“ in Nepal; die Politiker, die sich in Indonesien fabelhafte Gehaltserhöhungen zahlten; und Vučić und seine Schergen in Serbien.</p>



<p>Aber in erster Linie greifen die Massen in Sri Lanka, Kenia, Bangladesch, Nepal, Indonesien und anderswo die&nbsp;<em>Korruption </em>an.</p>



<p>Viele Skeptiker weisen darauf hin und spotten, dass das der Beweis für ihre Behauptungen ist, dass dies keine Revolutionen sind. Eine echte Revolution, sagen sie, wäre gegen den Kapitalismus und nicht gegen Korruption.</p>



<p>Aber Korruption ist nur das stärkste und extremste Symptom der ganzen Fäulnis des kapitalistischen Systems selbst. Die Massen sind von einem tiefen Gefühl der Ungerechtigkeit, des Hasses und der Empörung erfüllt, wenn sie an die unfassbaren Reichtümer denken, die sie umgeben. Aber aus ihrer Sicht wird dieser Reichtum von einer korrupten Elite abgezweigt.</p>



<p>Westliche Kommentatoren erklären, dass Korruption ein bedauerliches Merkmal der sogenannten „Dritten Welt“ ist und verweisen darauf als Ursache ihrer Unterentwicklung. Selbstverständlich tun sie dies, um die Rolle des&nbsp;<em>Imperialismus</em>, der Hauptursache für Armut und Unterentwicklung, zu verschleiern.</p>



<p>Aber ähnliche Korruption grassiert in&nbsp;<em>allen</em>&nbsp;kapitalistischen Ländern, nicht zuletzt in Europa. Betrachten wir die Ähnlichkeit zwischen dem Verbrechen des Einsturzes des Bahnhofsdachs von Novi Sad in Serbien und der Eisenbahnkatastrophe von Tempi in Griechenland, die beide riesige Massen auf die Straßen brachten. In beiden Fällen sind korrupte Politiker schuld. Sie zählen das Geld, das sie durch Bestechung und korrupte Geschäfte gemacht haben, während die Armen ihre Toten von den Katastrophen zählen, die diese Korruption verursacht hat.</p>



<p>Unterdessen muss ein armer Rikscha-Fahrer in Sri Lanka oder Bangladesch nur seinen knurrenden Magen mit luxuriösen Prestigeprojekten wie dem Lotus Tower in Colombo oder der Padma-Brücke über den Ganges vergleichen, um die enorme Kluft zu spüren, die ihn von seinen Herrschern trennt. Während Jakarta für die Armen eine Hölle auf Erden darstellt, ist die indonesische Regierung damit beschäftigt, eine neue, glitzernde Hauptstadt meilenweit entfernt von der Armut und dem Schmutz der heutigen Hauptstadt zu bauen.</p>



<p>Als die Massen in Sri Lanka, Indonesien, Bangladesch oder Nepal gegen ihre Regime aufstanden, waren es diese verwöhnten Heuchler, diese „Führer der Nation“, die sie angriffen. Instinktiv trafen sie den Kopf dieser verdorbenen Cliquen und brachten uns die Szenen von gestürmten Parlamentsgebäuden, geplünderten Präsidentenpalästen, brennenden Parteibüros und den brennenden Häusern von Parlamentariern.</p>



<p>Die Massen zeigten den richtigen Instinkt, indem sie diese korrupten Gangster angriffen, die sich durch ihre Ämter über die Maßen bereichert hatten. Jedoch, selbst wenn diese Leute hochkant vor die Tür befördert wurden, stehen letztendlich doch nur wieder andere bereit, ihren Platz einzunehmen. Die Sache ist die, dass wir, um Korruption zu beenden, die Herrschaft des Kapitals beenden müssen. Das bedeutet, das Privateigentum abzuschaffen und die bewaffneten Formationen des kapitalistischen Staates, die die Basis der Macht der herrschenden Klasse bilden.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Hass auf alle Parteien</strong></p>



<p>In all diesen Bewegungen herrscht das Gefühl, dass nicht nur die jetzige herrschende Clique, sondern&nbsp;<em>alle</em>&nbsp;Politiker und Parteien gleich schlecht sind. Die sogenannte ‚Opposition‘ hat sich in den meisten Fällen als genauso korrupt herausgestellt wie die Regierung.</p>



<p>Und sie sind nicht nur aufgrund ihrer Korruption verhasst. Allein die Tatsache, dass sie an denselben verhassten parlamentarischen Spielchen teilnehmen und dieselbe verlogene Politiker-Sprache sprechen, diskreditiert die Opposition in den Augen der Massen genauso wie die Amtsinhaber.&nbsp;</p>



<p>So erhoben die Massen in Sri Lanka neben dem Slogan „Go home Gota“ (Gota, geh heim), der auf den korrupten Präsidenten Gotabaya Rajapaksa abzielte, den Slogan „Go home 225“ – mit dem alle 225 Abgeordneten des Parlaments gemeint waren.</p>



<p>In Kenia bezeichnen die Jugendlichen die Abgeordneten als ‚MPigs‘ (‚Abgeordnetenschweine‘). Das ist absolut richtig! Während sie Gesetze erlassen, um die Armen ärmer zu machen, haben diese ‚Abgeordnetenschweine‘ – ohne Ausnahme – ihre Schnauzen tief im Futtertrog der parlamentarischen Diäten und Privilegien. Die kenianische Jugend will mit Ruto nichts zu tun haben, aber genauso wenig mit Oppositionsführern wie Odinga, der sich schnell, aus Angst vor der revolutionären Jugend, schutzsuchend hinter Rutos Stiefel verkrochen hatte.</p>



<p>Ihr Slogan „Kein Stamm, kein Anführer, keine Partei“ erfasste eine sehr gesunde instinktive Ablehnung all jener stammeskapitalistischen Banden, die in Kenia als „politische Parteien“ durchgehen.</p>



<p>Aber wenn alle existierenden Parteien Werkzeuge dieser oder jener korrupten Fraktion der herrschenden Klasse sind, bedeutet das, dass die Arbeiter und die Jugend ohne Partei auskommen können? Die Antwort lautet: Nein. Die Situation schreit nach einer&nbsp;<em>eigenen</em>&nbsp;Partei und Führung, die&nbsp;<em>ihre</em>&nbsp;Interessen vertritt.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Die politische Linke: keinen Deut besser</strong></p>



<p>Diese Ablehnung&nbsp;<em>aller</em>&nbsp;politischen Parteien spiegelt auch die Tatsache wider, dass in den meisten Fällen die sogenannten „linken“ Parteien genauso schlecht sind wie die rechten Parteien!</p>



<p>In manchen Fällen wurden die „linken“ Parteien genauso korrupt wie die rechten Parteien. Häufig stellen sich diese eifersüchtigen Sozialaufsteiger sogar als noch schlimmer heraus und ziehen das Wort „links“ in den Schmutz.</p>



<p>Das ist nicht nur das Produkt eines moralischen Defekts oder Versagens der Linken. Diese Fäulnis ist in falschen theoretischen Prinzipien verwurzelt. Schuld an diesem traurigen Zustand trägt insbesondere der Stalinismus mit seiner unheilbringenden „Etappentheorie“, die direkt dazu geführt hat, dass sich viele Parteien der Linken mit den schlimmsten, korruptesten Elementen der herrschenden Klasse verbünden.</p>



<p>Denn nach dieser Theorie sind die drängendsten Aufgaben in unterentwickelten Ländern nicht sozialistische, sondern bürgerlich-demokratische Aufgaben. Darin steckt ein Fünkchen Wahrheit.</p>



<p>Der klarste und drängendste Wunsch der Massen in rückständigen kapitalistischen Ländern wie Nepal, Bangladesch, Sri Lanka und Indonesien ist es, die korrupte und willkürliche Herrschaft der gegenwärtigen Regime zu brechen. Vor allem anderen wollen die Massen, die unter diesen brutalen Regimen leben, frei atmen. Sie wollen demokratische Rechte.</p>



<p>Diese Aufgaben sind an sich nicht von sozialistischer Natur. Sie sind das, was Marxisten als „bürgerlich-demokratische“ Aufgaben bezeichnen würden.</p>



<p>Aber von dem Punkt ausgehend, dass die Revolution sich mit bürgerlich-demokratischen Aufgaben konfrontiert sieht, zieht die stalinistische „Etappentheorie“ den Schluss, dass man einen „progressiven“ Flügel der Bourgeoisie finden muss, der diese Revolution anführen kann. Erst nach Jahren kapitalistischer Entwicklung, die das national-bürgerliche Stadium der Revolution einleiten soll, würde das Land schließlich reif für den Sozialismus werden.</p>



<p>Es gibt nur einen kleinen Haken bei der Sache: Es gibt heutzutage in keinem rückständigen Land einen solchen „progressiven“ Flügel der Kapitalistenklasse. Es handelt sich um eine völlig parasitäre Klasse, die vollständig vom Imperialismus abhängig ist. Sie hat Angst vor den revolutionären Massen und vor allem vor der einzigen konsequent revolutionären Klasse in der Gesellschaft, der Arbeiterklasse. All ihre Politik, Handlungen und Äußerungen belegen dies.</p>



<p>Auf ihrer Jagd nach dem Einhorn eines ‚progressiven‘ Flügels der Kapitalistenklasse haben sich die Stalinisten immer ans Bein dieser oder jener korrupten Clique geklammert.</p>



<p>Die Kommunistische Partei Bangladeschs hat über Jahrzehnte die Awami-Liga von Hasina und ihrem Vater Mujib unterstützt. Sie bezeichneten die Awami-Liga als „fortschrittliche“ Verteidiger der nationalen Befreiung Bangladeschs und begründeten ihre anhaltende Unterstützung damit, dass die „säkulare“ Awami-Liga ein geringeres Übel als die religiösen Fundamentalisten von Jamaat-e-Islami sei.</p>



<p>Jetzt sind sie in den Augen der Massen ganz genau so diskreditiert wie Hasina, während die Reaktionäre von Jamaat-e-Islami sich als Märtyrer im Kampf gegen Hasinas Awami-Liga-Regime darstellen können.</p>



<p>Ohne revolutionäre Partei, die die Frage der Korruption mit dem Kapitalismus in Verbindung bringen konnte, stellten sich die Islamisten an die Spitze und begannen, selbst von der „Bekämpfung der Korruption“ zu sprechen. „Ja, auch wir sind gegen korrupte Politiker“, sagen sie. „Wir brauchen eine sauberere Politik und neue Gesichter anstelle der alten“. Diese Reaktionäre lenken die Schuld für Korruption vom Kapitalismus weg und auf andere vermeintliche Ursachen, wie einen Mangel an Moral oder Frömmigkeit seitens der Säkularisten.</p>



<p>Die vielleicht vernichtendste Anklage gegen die stalinistische „Etappentheorie“ lässt sich anhand des Falls der nepalesischen Maoisten erheben, die das Land politisch dominieren.</p>



<p>Damals, im Jahr <a href="https://marxist.com/victory-nepalese-maoists-elections.htm">2006</a>, wurden die Maoisten nach einem jahrzehntelangen Aufstand auf der Grundlage einer revolutionären Welle an die Macht gebracht. Was haben sie also getan? Sie unterzeichneten umgehend eine gemeinsame 12-Punkte-Vereinbarung mit offen bürgerlichen Parteien wie der nepalesischen Kongresspartei und seitdem wird das Land von Koalitionen zwischen sogenannten „Kommunisten“ und diesen bürgerlichen Elementen regiert.</p>



<p>Ihre Rechtfertigung dafür war, dass sich alle „fortschrittlichen“, „antifeudalen“ Kräfte vereinen müssten, um die Monarchie zu stürzen und eine Republik aufzubauen. Dies würde zur Entwicklung des nepalesischen Kapitalismus führen, der zu einem bestimmten Zeitpunkt die Grundlage für eine sozialistische Revolution in Nepal legen würde.&nbsp;</p>



<p>Zwischen 2008 und 2025 wurden jedoch keine Fortschritte verzeichnet. Nepal ist im Index&nbsp;der menschlichen Entwicklung&nbsp;<a href="https://nepaldiplomat.com/3795/">aus 193 Ländern von Platz 140&nbsp;auf Platz 145</a> gefallen. Jedes Jahr fliehen Tausende Jugendliche aus der Armut des Landes, indem sie im Ausland arbeiten, sodass ein Drittel des BIPs aus Überweisungen aus dem Ausland besteht.</p>



<p>Nachdem sie anderthalb Jahrzehnte lang den Staat im Interesse der Kapitalisten verwaltet haben, sind die maoistischen Politiker selbst zum Gegenstand des Hasses der Massen geworden. Sie sind genauso korrupt wie die offen bürgerlichen Parteien.</p>



<p>Unter den „Nepo-Kindern“, deren prunkvoller Reichtum die jüngsten Ereignisse ausgelöst hat, finden wir wen? Junge Leute wie Smita Dahal, die mit Handtaschen, die ein Vielfaches eines durchschnittlichen Monatsgehalts eines nepalesischen Arbeiters kosten, durch die Gegend stolziert, und deren Vater kein anderer als der ehemalige Anführer der maoistischen Guerillas, der Vorsitzende Prachanda ist.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Farbrevolutionen?</strong></p>



<p>Es gibt eine Ansicht – die bei den Befürwortern der neuen „multipolaren“ Welt beliebt ist – das, was wir sehen, das genaue Gegenteil von Revolution ist. Sie sagen, dass dies&nbsp;Konterrevolutionen oder „Farbrevolutionen“ sind. Das heißt, dass es sich hierbei um finstere Verschwörungen westlicher Geheimdienste handele, die die Massen manipulieren sollen.</p>



<p>Dasselbe wurde oft über den Arabischen Frühling gesagt, der viele Ähnlichkeiten mit der gegenwärtigen Welle von Revolutionen aufwies. Wir können verstehen, warum einige Leute fälschlicherweise denken, dass hinter dem Arabischen Frühling eine Verschwörung steckte. Die Arbeiterklasse in Ägypten war nicht in der Lage, die Macht zu ergreifen. Das Ergebnis? Mubarak wurde durch Al-Sisi ersetzt und heute ist die Lage in Ägypten hundertmal schlimmer als 2010. Libyen und Syrien konnte der Imperialismus in einen barbarischen Bürgerkrieg stürzen.</p>



<p>Die Tatsache, dass die gegenwärtige Welle von Revolutionen in Südasien konzentriert ist und dass einige der betroffenen Regime tendenziell China nahestehen, verleiht der Idee, dass dies vom Westen eingefädelte Regimewechsel sind, etwas Glaubwürdigkeit.</p>



<p>Die Idee, dass es sich hier um eine Welle an Farbrevolutionen handeln könnte, hat jedoch eine gewisse Ironie an sich.</p>



<p>Die Verteidiger der „multipolaren Welt“ behaupten, dass die Linke, um den Imperialismus zu bekämpfen, „progressive“, „antiimperialistische“ bürgerliche Regime im „globalen Süden“ unterstützen muss. Aber sie sind blind gegenüber der Tatsache, dass die Linken gerade eben deshalb so diskreditiert sind, weil sie seit Jahren dasselbe Märchen einer „progressiven“, „antiimperialistischen“ nationalen Bourgeoisie hochhalten, dass sie ein Vakuum hinterlassen. Das können die Reaktionären versuchen zu füllen!</p>



<p>Die Vorstellung, dass dies „Farbrevolutionen“ sind, ist falsch. Was wir erleben, lässt sich nicht als Verschwörung erklären. Jedoch ist es eine falsche Idee, die ein Fünkchen Wahrheit enthält. Ohne revolutionäre Führung&nbsp;kann&nbsp;die Konterrevolution die Oberhand gewinnen, die Imperialisten&nbsp;können Möglichkeiten&nbsp;finden, um einzugreifen, und die Dinge&nbsp;können&nbsp;in eine sehr reaktionäre Richtung degenerieren.</p>



<p>Wir müssen unverblümt sagen, dass die Bilanz dieser Revolutionen dies bestätigt und dass dies eine Lehre ist, die gezogen werden muss.</p>



<p>Das Scheitern der syrischen Revolution, ein proletarisches Programm zu formulieren, erlaubte den Imperialisten, die Bewegung zu kapern und in einen islamistischen Aufstand zu verwandeln. Ebenso driftete der iranische Jugendaufstand 2018, der keinen klaren Klassenansatz entwickelte, in die Umlaufbahn der vom Westen unterstützten liberalen Opposition.</p>



<p>Und in diesen neueren Beispielen? In Kenia bleibt Ruto weiterhin an der Macht. Die nüchterne Wahrheit ist, dass die Jugend es nicht geschafft hat, ihn durch einfache Aktionstage zu Fall zu bringen. In Bangladesch und Sri Lanka wurde das alte Regime gestürzt und doch führen die Regierungen in allen drei Ländern Sparmaßnahmen durch und greifen die Arbeiterklasse und die Armen auf Geheiß des IWF an. Sie alle sind gezwungen, diese Politik durchzuführen, weil sie die einzige Politik ist, die unter dem Kapitalismus möglich ist.&nbsp;</p>



<p>Inmitten der überschwänglichen Begeisterung für die wirtschaftliche „Erholung“ in Sri Lanka blieb die Armutsrate bis zum letzten Jahr doppelt so hoch wie Anfang 2022. Die Jugend versucht auszuwandern, wenn es geht, und ist ansonsten gezwungen, endlos viele Stunden zu arbeiten, um zu überleben. In Bangladesch sind seit der Bewegung im Juli 2024 rund&nbsp;<a href="https://www.thedailystar.net/news/bangladesh/news/21m-people-lost-jobs-and-86-them-women-3904316">2,1 Millionen Arbeitsplätze</a>&nbsp;verloren gegangen.</p>



<p>Die Bedingungen verschlechtern sich weiter. Tatsache ist, dass die Wurzel des Leidens und der Unzufriedenheit der Massen in der Krise des Kapitalismus liegt und dass diese Revolutionen nicht die Wurzel des Kapitalismus angegriffen haben.</p>



<p>Auch die Korruption wurde nicht beendet. In Bangladesch haben die Studentenführer den größten Teil ihrer Autorität verbraucht. Das Sahnehäubchen ist, was mit dem Quotensystem passiert ist, das die Revolution in Bangladesch ausgelöst hatte. Im vergangenen Jahr mobilisierten die Studenten, um Diskriminierung zu beenden: die Quoten für gut bezahlte Stellen im öffentlichen Sektor für die Angehörigen der Veteranen des Unabhängigkeitskriegs von 1971 zu beenden, um genau zu sein. Ein System, das&nbsp;<em>de facto</em> für die Lakaien von Hasina und dem Awami-Liga-Regime Arbeitsplätze schaffte.</p>



<p>Dieses Quotensystem wurde in der Tat auf den Müll befördert &#8230; und durch ein Quotensystem mit zugewiesenen Arbeitsplätzen für die Familienmitglieder der Veteranen des Aufstands vom Juli 2024 ersetzt!</p>



<p>Alles, was unter dem Kapitalismus möglich ist, ist eine Neuaufteilung der Beute, aber es gibt nie ein Ende der Plünderung.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Unvollendete Prozesse</strong></p>



<p>Revolutionen sind keine Dramen mit nur einem Akt und das ist nicht das Ende der Geschichte. In Sri Lanka, Nepal und Bangladesch wurden die alten, verhassten Regime gestürzt. Die ersten Siege, die die Massen erzielten, waren überwältigend. Doch bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, dass die Siege eher die Erscheinung, als die Substanz des Regimes trafen. Die Köpfe der Regime sind weg, aber der alte Staat, die alte herrschende Klasse, hat immer noch die Macht.</p>



<p>Es gibt Gemeinsamkeiten zwischen dem, was wir hier erlebt haben, und den Ereignissen in Russland im Februar 1917.</p>



<p>Die russischen Arbeiter erstürmten mit einem revolutionären Generalstreik die Bühne. Innerhalb weniger Tage musste der Zar abdanken und eine provisorische Regierung wurde gebildet. Aber als die Begeisterung nachließ, stellte sich heraus, dass die alten monarchistischen Generäle und Bürokraten an Ort und Stelle blieben. Die Kapitalisten besaßen weiterhin die Fabriken, die Grundbesitzer das ganze Land. Es blieb der Zarismus, nur ohne den Zaren.</p>



<p>Der Sieg war erst dann vollendet, als der alte Staat zerschlagen und die Arbeiter&nbsp;<em>selbst</em>&nbsp;die Macht übernommen hatten. Dies geschah in der Oktoberrevolution von 1917. Und das war nur möglich dank der bolschewistischen Partei, die die Ziele der Revolution klärte und die Arbeiterklasse und andere unterdrückten Massen Russlands um ihr Banner scharen konnte.</p>



<p>Wäre sie nicht da gewesen, hätte die alte herrschende Klasse Russland in die Barbarei hinabgezogen. Bürgerkrieg, begleitet von Pogromen, hätte auf der Tagesordnung gestanden. Aller Wahrscheinlichkeit nach wäre Russland zwischen den imperialistischen Mächten aufgeteilt worden und viele Millionen wären gestorben.</p>



<p>Mit anderen Worten: Russland hätte ein ähnliches Schicksal erlitten wie der Sudan heute. Dort hatten die revolutionären Massen&nbsp;<a href="https://marxist.com/sudan-uprising-has-ousted-dictator-but-the-regime-tries-to-stay-in-power.htm">2019 die perfekte Gelegenheit,</a>&nbsp;die Macht zu ergreifen. Die Führung ließ sie an sich vorbeiziehen und jetzt wird das Land von einem&nbsp;<a href="https://marxist.com/sudan-bloody-clash-erupts-within-counter-revolution.htm">barbarischen Bürgerkrieg</a> zwischen zwei reaktionären bewaffneten Banden und den verschiedenen imperialistischen Mächten, die hinter diesen Banden stehen, zerrissen.</p>



<p>Natürlich sind solch verheerende reaktionäre Folgen, wie wir sie jetzt im Sudan erleben, keineswegs unausweichlich. Die Stärke der Arbeiterklasse und eine ganze Reihe anderer Faktoren spielen bei der Bestimmung des Ausgangs eine Rolle. Nichtsdestotrotz ist es eine brutale Warnung.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Wer ist als Nächstes an der Reihe?</strong></p>



<p>Die revolutionären Ereignisse, die wir gesehen haben, werden sich wahrscheinlich über einige Jahre in Sri Lanka, Bangladesch, Nepal, Indonesien, Kenia und anderswo fortsetzen. Die Entwicklungen werden manchmal abebben, manchmal sich zuspitzen und zweifellos sogar neue Aufstände hervorbringen.</p>



<p>Wenn uns die Geschichte des Bolschewismus von 1903 bis 1917 eines lehrt, dann, dass eine Partei&nbsp;<em>vor</em>&nbsp;der Revolution aufgebaut werden muss, wenn sie eine entscheidende Rolle spielen soll. Wir wollen nicht völlig auszuschließen, dass eine revolutionäre Partei nicht auch unter den Bedingungen der Revolution aufgebaut werden kann, aber das ist keine leichte Aufgabe.</p>



<p>Wir richten das, was wir jetzt zu sagen haben, an die fortschrittlichsten revolutionären Arbeiter und Jugendlichen im Rest der Welt, der noch nicht von der Revolution erfasst wurde. Die Aufgabe, die revolutionäre Partei aufzubauen, muss dringend in Angriff genommen werden, und zwar jetzt! Alle diese Vorkommnisse, die wir aufgelistet haben, weisen auf diese Tatsache hin.</p>



<p>Es braucht Zeit, um den Kaderstamm einer zukünftigen revolutionären Massenpartei aufzubauen. Aber Zeit haben wir nicht im Überfluss. Die Bedingungen, die die Revolutionen in allen zuvor genannten Ländern hervorgebracht haben, reifen&nbsp;<em>überall</em> schnell heran.</p>



<p>Es ist auffällig, wie ähnlich diese Bedingungen waren.</p>



<p>Auf den ersten Blick waren dies nicht einmal die krisenreichsten Länder der Welt. Ganz im Gegenteil, sie erlebten Booms mit Wachstumsraten, die die Wirtschaftsexperten der fortgeschrittenen kapitalistischen Länder vor Neid erblassen lassen würden.</p>



<p>Nepal verzeichnete zwischen 2010 und 2024, das Pandemiejahr 2020 ausgenommen, ein jährliches Wachstum von 4,7 Prozent, Kenia 5,2 Prozent und Indonesien 5,23 Prozent. Sri Lanka geriet früher in die Krise, verzeichnete aber auch in den Jahren 2010 bis 2018 ein durchschnittliches Wachstum von 6,43 Prozent pro Jahr.</p>



<p>Kratzt man jedoch an der Oberfläche, findet man was? Extrem ungleichmäßiges, „beschäftigungsloses“ Wachstum, anhaltende Armut und ein Berg unbezahlbarer Wucherschulden, die den Imperialisten geschuldet werden. Am bedrohlichsten für die herrschende Klasse sind die hohe Jugendarbeitslosigkeit und das Fehlen einer anständigen Zukunft.</p>



<p><a href="https://www.statista.com/statistics/813026/youth-unemployment-rate-in-sri-lanka/">In Sri Lanka</a> lag die Jugendarbeitslosigkeit 2021 bei 25 Prozent, dem Vier- bis Fünffachen der durchschnittlichen Quote. 7 Millionen der 44 Millionen Jugendlichen Indonesiens sind arbeitslos. In Bangladesch hat weniger als jeder fünfte 25- bis 29-Jährige einen sicheren Arbeitsplatz mit einem Vertrag, der länger als ein Jahr andauert. Vor der Pandemie waren 39 Prozent aller Bachelorabsolventen <a href="https://thefinancialexpress.com.bd/economy/bangladesh/nearly-39pc-university-graduates-jobless-1556339685">in Bangladesch</a> arbeitslos.</p>



<p>Wie ein kenianischer Jugendlicher es ausdrückte: „Wir haben keine Arbeitsplätze und keine Zukunft, also haben wir alle Zeit der Welt, euch zu stürzen, und nichts zu verlieren, wenn wir euch bekämpfen“.</p>



<p>Sind dies einzigartige Merkmale dieser Länder? Nein, sind sie nicht. In vielen, vielen anderen Ländern sind die Bedingungen bemerkenswert ähnlich.</p>



<p>Stand 2023 sind&nbsp;<a href="https://marxist.com/debt-crisis-predatory-powers-fight-over-scraps-in-pillage-of-poor-nations.htm">21 Länder</a> mit zusammengenommen 700 Millionen Einwohnern bankrott oder stehen kurz vor dem Bankrott. <a href="https://www.independent.co.uk/news/ap-antonio-guterres-international-monetary-fund-united-states-african-b2374201.html">3 Milliarden Menschen weltweit</a>&nbsp;leben in Ländern, die mehr für die Abzahlung von Schuldzinsen ausgeben als für Gesundheit oder Bildung.</p>



<p>Bereits während der ‚guten Zeiten‘, haben die Massen damit gekämpft, den Kopf über Wasser halten zu können. Dies gilt insbesondere für arme und sogenannte Länder mit mittlerem Einkommen, die nicht über die notwendigen Reserven verfügten, um die Verwüstungen der durch die COVID-19-Pandemie ausgebrochenen Krise zu überstehen.</p>



<p>Als Sri Lanka 2022 von der Revolution erfasst wurde, sagten wir voraus, dass ähnliche Ereignisse in einem Land nach dem anderen stattfinden würden, da sie dieselben grundlegenden Merkmale aufweisen. Und so ist es auch passiert und wir gehen zuversichtlich davon aus, dass die lange Liste an Ländern noch nicht vollständig ist. Die herrschenden Klassen Indiens und Pakistans – und ihre vielen ‚Nepo-Kinder‘! – schlottern wahrscheinlich schon mit den Knien, während sie diese Ereignisse beobachten.</p>



<p>Diese revolutionäre Welle hat in den ärmeren, weniger weit entwickelten Ländern begonnen, aber sie wird nicht auf sie beschränkt bleiben. Wie Trotzki erklärte: „Gicht beginnt mit dem kleinen Finger oder dem großen Zeh, aber wenn sie einmal begonnen hat, schreitet sie voran, bis sie das Herz erreicht.“</p>



<p>Die Flammen der Revolution lecken bereits an den Rändern Europas in Serbien, und die&nbsp;Bloquons&nbsp;<em>tout-Bewegung</em>&nbsp;in Frankreich zeigt, dass die Revolution tatsächlich bis ins Herz vordringt. Die Welt steht in Flammen und revolutionäre Explosionen stehen auf der Tagesordnung. Wir müssen diese Tatsache verinnerlichen und damit auch die Verantwortung wahrnehmen, die uns als Revolutionären auferlegt wird, dringend die Internationale aufzubauen.</p>
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		<title>Die Welt steht Kopf – ein System in der Krise </title>
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		<pubDate>Sun, 29 Jun 2025 08:00:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Weltgeschehen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wir leben in einer Periode scharfer Wendungen und plötzlicher Veränderungen der Weltlage. Die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten und seine Politik haben eine enorme Instabilität in die Weltpolitik, die Weltwirtschaft [&#8230;]</p>
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<p>Wir leben in einer Periode scharfer Wendungen und plötzlicher Veränderungen der Weltlage. Die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten und seine Politik haben eine enorme Instabilität in die Weltpolitik, die Weltwirtschaft und die Beziehungen zwischen den Weltmächten hineingetragen.</p>

<p>Trump hat dieses Chaos nicht verursacht. Es ist ein Ergebnis der Krise des Kapitalismus. Doch sein Handeln beschleunigt den Prozess erheblich. Widersprüche, die sich unter der Oberfläche seit langer Zeit zugespitzt hatten, sind auf einmal hervorgebrochen und haben die gesamte Situation aufgewühlt. Die sogenannte liberale Weltordnung, die über Jahrzehnte bestand, bricht nun unmittelbar vor unseren Augen zusammen.</p>

<p>Wenn wir die Weltlage untersuchen, müssen wir bei den Grundlagen beginnen. Der Kapitalismus ist ein System, das seine historische Funktion längst überlebt hat. In der Epoche seines Verfalls erzeugt er Kriege, Krisen und Umweltzerstörung, was auf lange Sicht das Fortbestehen des Lebens auf unserem Planeten gefährdet. Dieses Dokument soll die Hauptmerkmale dieser Krise umreißen und die Notwendigkeit betonen, eine revolutionäre Organisation aufzubauen, die den Kapitalismus stürzen kann. Nur so lässt sich sicherstellen, dass die Menschheit eine Zukunft hat.</p>

<p>In letzter Instanz ist die Ursache der Krise, dass das kapitalistische System unfähig ist, die Produktivkräfte weiterzuentwickeln. Die Wirtschaft wird in die Grenzen des Nationalstaates und des Privateigentums an den Produktionsmitteln eingezwängt. Jahrzehntelang haben die Kapitalisten verschiedene Methoden eingesetzt, um zu versuchen, diese Beschränkungen zu überwinden. Sie haben die Liquidität ausgeweitet, den Welthandel entwickelt usw. All diese Maßnahmen verwandeln sich jetzt in ihr Gegenteil.</p>

<h3><strong>Die Wahl von Donald Trump</strong></h3>

<p>Die Wahl von Donald Trump im November 2024 stellte einen entscheidenden politischen Wandel dar. Sie drückt die Legitimationskrise der bürgerlichen Demokratie aus, die es nicht nur in den USA, sondern in allen Ländern gibt. Trotz gewaltiger Anstrengungen der Hauptfraktion der herrschenden Klasse und des Establishments der USA, seinen Sieg zu verhindern, sicherte sich Trump einen deutlichen Sieg.</p>

<p>Dieses Wahlergebnis wurde weithin, vor allem von liberalen Kommentatoren, von den Mainstreammedien und von Teilen der „Linken“ als Indiz für einen allgemeinen Rechtsruck interpretiert, der sich in den USA und weltweit vollziehe.</p>

<p>Solche „Erklärungen“ sind oberflächlich und irreführend. Sie laden außerdem zu außerordentlich gefährlichen Schlussfolgerungen ein. Als wären Joe Biden und die Demokraten irgendwie fortschrittlicher oder „demokratischer“. Solche Behauptungen sind mit den Tatsachen völlig unvereinbar.</p>

<p>Die Biden-Regierung war absolut reaktionär. Das zeigte sich vor allem an der Außenpolitik. Vergessen wir nicht, dass „Genocide Joe“ Netanjahu einen Blankoscheck zum Abschlachten der Palästinenser in Gaza ausstellte. Er führte zudem eine Kampagne brutaler Repression gegen Studierende und andere, die es wagten, sich dieser reaktionären Politik zu widersetzen.</p>

<p>Ähnlich war es im Fall der Ukraine, wo er für die absichtliche Provokation eines Konflikts verantwortlich war, der zu einem blutigen Gemetzel geführt hat. Er versorgte das reaktionäre Regime in Kiew mit Bargeld und Militärhilfen im Umfang von Milliarden Dollar und betrieb eine Politik der Provokation gegenüber Russland, die die USA an den Rand eines Dritten Weltkriegs brachte.</p>

<p>Im Wahlkampf positionierte sich Trump als „Friedenskandidat“ im Gegensatz zur Kriegstreiberpolitik der Biden-Clique. Diese Unterscheidung war vor allem in Wahlsprengeln mit großer muslimischer oder arabischer Bevölkerung bedeutsam.</p>

<p>Es gehört zwar auch eine Schicht reaktionärer Elemente zu Trumps Unterstützerbasis, aber das allein kann das Ausmaß seines Erfolgs nicht erklären – seine Unterstützung ist in jeder demographischen Kategorie angestiegen, sogar unter schwarzen und Latino-Arbeitern. In einigen Staaten, wo Trump gute Ergebnisse hatte oder seine letzten Ergebnisse verbesserte, unterstützten die Wähler gleichzeitig fortschrittliche Abstimmungsinitiativen, wie etwa Maßnahmen zum Schutz des Abtreibungsrechts oder zur Erhöhung des Mindestlohns.</p>

<p>Der Hauptfaktor hinter Trumps Sieg ist seine Fähigkeit, eine weit verbreitete und tief verwurzelte, die amerikanische Gesellschaft durchziehende Wut auf das Establishment zu erfühlen, auszudrücken und zu mobilisieren.</p>

<p>Ein schlagendes Beispiel dafür ist die Reaktion der Öffentlichkeit auf die Ermordung des CEOs von United Healthcare durch Luigi Mangione. Die Tat selbst war schockierend, doch die Reaktion der Öffentlichkeit, die sich eher hinter den Täter als hinter sein Opfer stellte, war noch bezeichnender. Mangione ist für viele zu einer Art Volksheld geworden – und das nicht nur unter Linken, sondern auch unter einigen Konservativen und Wählern der Republikaner, auch Unterstützern von Trump.</p>

<p>Das ist eine paradoxe Situation. Obwohl Trump selbst Milliardär ist und sich mit seinesgleichen umgibt, hat er sich erfolgreich als Stimme der Wut auf das Establishment positioniert. Dieser Widerspruch unterstreicht die unklare und verzerrte aktuelle politische Stimmung. Die Situation drückt aber dennoch aus, dass es real eine weit verbreitete Unzufrieden­heit mit den etablierten Institutionen gibt: Mit Big-Business, mit den politischen Eliten und mit dem ganzen Staatsapparat.</p>

<p>Die tiefere Ursache dieser Wut auf das Establishment ist die Krise des Kapitalismus. Sie hat seit der Krise von 2008 enorme Ausmaße angenommen, von der sich das System bis heute nicht vollständig erholt hat. Die Unterstützung für die bürgerliche Demokratie in den hochentwickelten kapitalistischen Ländern stützte sich jahrzehntelang auf die Vorstellung, dass der Kapitalismus zumindest einige Grundbedürfnisse der Arbeiterklasse (Gesundheitsversorgung, Bildung, Renten …) befriedigen könne – und auf der Erwartung, dass sich der Lebensstandard jeder Generation, wenn auch nur geringfügig, im Vergleich zur vorangegangenen Generation verbessern würde. </p>

<p>Das ist nicht länger der Fall. 1970 verdienten in den USA 90 % der 30-Jährigen mehr als ihre Eltern im selben Alter verdient hatten. 2010 war dieser Anteil um die Hälfte gesunken. 2017 gingen nur noch 37 % der Amerikaner davon aus, ihre Kinder würden ein besseres Leben haben als sie selbst.</p>

<p>Laut dem Bureau of Labor Statistics sind die Reallöhne amerikanischer Arbeiter seit 1980 entweder gleich geblieben oder gesunken, während Jobs ins Ausland exportiert wurden. Das Economic Policy Institute berichtet, dass die Einkommen mittlerer und armer Haushalte seit den späten 1970er Jahren nicht gestiegen sind, die Lebenshaltungskosten aber schon.</p>

<p>Gleichzeitig gibt es eine enorme Ungleichverteilung des Reichtums. Auf einer Seite vergrößern ein paar Milliardäre ihr Vermögen. Auf der anderen Seite wird es für immer mehr arbeitende Menschen immer schwieriger, zurechtzukommen. Sie sind mit Sparmaßnahmen, Kaufkraftverlust durch Inflation, steigenden Energiekosten, mangelndem Wohnraum usw. konfrontiert.</p>

<p>Die Medien, die Politiker, die etablierten politischen Parteien, Parlamente, die Justiz – all das gilt jetzt zurecht als Ausdruck der Interessen einer kleinen, privilegierten Elite, die Entscheidungen trifft, um ihre eigenen, engen, egoistischen Interessen zu verteidigen, anstatt den Bedürfnissen der Vielen zu dienen.</p>

<p>Auf die Krise von 2008 folgten brutale Sparmaßnahmen in allen Ländern. Alle Errungenschaften der Vergangenheit wurden angegriffen. Der Lebensstandard der Massen ging zugrunde, während die Banken gerettet wurden. Das führte zu enormer Wut, zu Massenprotestbewegungen und vor allem zu einer beispiellosen Legitimationskrise aller bürgerlichen Institutionen.</p>

<p>Zunächst drückte sich diese Stimmung links aus: In den Massenbewegungen gegen die Sparpolitik ab etwa 2011. Es gab einen Aufschwung linker Anti-Establishment-Figuren in Europa und den USA: Podemos, Syriza, Jeremy Corbyn, Bernie Sanders und weitere. Doch jede dieser Bewegungen verriet am Ende die Erwartungen, mit denen sie begonnen hatte. Die Grenzen der reformistischen Politik ihrer Führer wurden offenbar.</p>

<p>Das elende Scheitern dieser Linken bereitete reaktionären Demagogen wie Trump den Weg.</p>

<p>In den meisten fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern spielt sich der gleiche Prozess ab: Die Krise des Kapitalismus, Angriffe auf die Arbeiterklasse, Bankrott der Linken und Aufstieg rechter Demagogen, die sich auf eine Anti-Establishment-Stimmung stützen.</p>

<h3><strong>Drohen Faschismus oder Bonapartismus?</strong></h3>

<p>Schon bevor Trump gewählt wurde, wurde er in den bürgerlichen Medien und in der Linken mit einer lärmenden Kampagne als Faschist denunziert.</p>

<p>Der Marxismus ist eine Wissenschaft. Wie alle Wissenschaften hat er eine entsprechende Terminologie. Wörter wie „Faschismus“ haben für uns bestimmte Bedeutungen. Es sind nicht bloße Schimpfwörter oder Etiketten, die man praktischerweise jeder Person aufkleben kann, die nicht unsere Zustimmung findet.</p>

<p>Beginnen wir mit einer präzisen Definition des Faschismus. Im marxistischen Sinn ist der Faschismus eine konterrevolutionäre Bewegung – eine Massenbewegung, die sich vor allem aus dem Lumpenproletariat und dem wütenden Kleinbürgertum zusammensetzt. Sie dient als Rammbock, um die Arbeiterklasse zu zerschlagen und zu atomisieren und einen totalitären Staat zu errichten, indem die Bourgeoisie die Staatsmacht einer faschistischen Bürokratie übergibt. </p>

<p>Die Hauptmerkmale eines faschistischen Staates sind extreme Zentralisierung und eine absolute Staatsmacht. In einem solchen Staat sind die Banken und großen Monopole zwar geschützt, aber starker zentraler Kontrolle durch eine mächtige faschistische Bürokratie unterworfen. Im <em>Porträt des Nationalsozialismus </em>erklärt Trotzki:</p>

<p>„Der deutsche wie der italienische Faschismus stiegen zur Macht über den Rücken des Kleinbürgertums, das sie zu einem Rammbock gegen die Arbeiterklasse und die Einrichtungen der Demokratie zusammenpressten. Aber der Faschismus, einmal an der Macht, ist alles andere als eine Regierung des Kleinbürgertums. Im Gegenteil: Er ist die grausamste Diktatur des Monopolkapitals.“</p>

<p>Das sind im Wesentlichen die Haupteigenschaften des Faschismus. Wie verhält sich das zur Ideologie und dem Inhalt des Trump-Phänomens? Es hat schon eine Trump-Regierung gegeben. Wir haben nicht die Erfahrung gemacht, dass sie die Demokratie abschaffte – trotz entsprechender Warnungen der Demokraten und des übrigen liberalen Establishments.</p>

<p>Es wurde nichts Bedeutendes unternommen, um das Streik- und Versammlungsrecht zu beschränken. Erst recht wurden die Gewerkschaften nicht abgeschafft. Es gab Wahlen wie immer. Trotz einigen Getöses wurde Trump schließlich von Joe Biden in einer Wahl abgelöst. Man kann über die Trump-Regierung sagen, was man will. Mit Faschismus hatte sie nichts zu tun.</p>

<p>Des Weiteren hat sich das Kräfteverhältnis der Klassen seit den 1930ern entscheidend verändert. In den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern wurde die Bauernschaft, die einst ein Großteil der Bevölkerung war, auf eine winzige Anzahl reduziert. Berufe, die früher zur „Mittelschicht“ gehörten (Beamte, Ärzte, Lehrer) wurden proletarisiert. Jetzt sind sie gewerkschaftlich organisiert und streiken. Das soziale Gewicht der Arbeiterklasse wurde durch die Entwicklung der Produktivkräfte während des Nachkriegsaufschwungs enorm vergrößert.</p>

<p>Insofern der Trumpismus überhaupt eine Ideologie hat, hat sie mit dem Faschismus sehr wenig zu tun. Trump will alles andere als einen starken Staat. Sein Ideal ist eine freie Marktwirtschaft, in der der Staat keine oder kaum eine Rolle spielt (mit protektionistischen Zöllen als Ausnahme).</p>

<p>Andere haben behauptet, das Trump-Regime sei bonapartistisch. Hier geht es wieder darum, Trump als Diktator darzustellen, der sich auf dem Weg befindet, die Arbeiterklasse zu zerschlagen. Aber solche Etiketten erklären nichts. In Wirklichkeit hat Trump überhaupt nicht vor, die Arbeiterklasse zu zerschlagen, sondern wendet sich demagogisch an sie und versucht sie ruhigzustellen. Als bürgerlicher Politiker vertritt er natürlich Interessen, die denen der Arbeiterklasse diametral entgegenstehen. Aber das macht ihn nicht zu einem Diktator.</p>

<p>Es gibt in der gegenwärtigen Situation dieses oder jenes Element, das man bonapartistisch nennen könnte. Aber das gilt für so gut wie jedes bürgerlich-demokratische Regime der letzten Zeit.</p>

<p>Bloß weil einige Elemente eines Phänomens da sind, heißt das noch nicht, dass es selbst auch schon da ist. Natürlich kann man sagen, dass es im Trumpismus bonapartistische Elemente gibt. Das ist aber überhaupt nicht das gleiche, als würde der Bonapartismus in den USA wirklich existieren.</p>

<p>Das Problem ist, dass „Bonapartismus“ ein sehr elastischer Begriff ist. Er deckt einen Haufen Dinge ab. Der klassische Bonapartismusbegriff – die Herrschaft des Schwerts – ist dabei nur der Anfang. Es bringt nichts, die gegenwärtige Trump-Regierung in Washington so zu beschreiben. Trotz aller Eigentümlichkeiten ist das eine bürgerliche Demokratie. Uns geht es nicht darum, den Dingen Etiketten aufzukleben, sondern den Prozess in seiner Entfaltung nachzuvollziehen und das Wesentliche daran zu erfassen.</p>

<h3><strong>Tektonische Plattenverschiebungen in den Weltbeziehungen</strong></h3>

<p>Trumps Außenpolitik stellt eine kolossale Wende in den internationalen Beziehungen dar. Sie ist das Ende der liberalen Weltordnung, die nach dem Zweiten Weltkrieg für 80 Jahre existierte. Sie ist eine Anerkennung des <em>relativen</em> Niedergangs des US-Imperialismus und des Bestehens konkurrierender imperialistischer Mächte – Russlands und insbesondere Chinas, des Hauptrivalen des US-Imperialismus in der Welt.</p>

<p>Die USA gingen deutlich gestärkt aus dem Zweiten Weltkrieg hervor. Europa und Japan waren durch den Krieg ruiniert. Amerika produzierte 50% des weltweiten BIP und 60% der Industrieproduktion. Sein einziger ernsthafter Rivale auf der Weltbühne war die Sowjetunion, die ebenfalls gestärkt aus dem Krieg hervorging, nachdem sie Nazideutschland besiegt und tief in den Kontinent eingedrungen war.</p>

<p>Die chinesische Revolution stärkte den stalinistischen Block weiter. Die USA bauten Westeuropa und Japan wieder auf, um den „Vormarsch des Kommunismus“ einzugrenzen. Die Sowjetbürokratie hatte kein Interesse an der Weltrevolution und war absolut bereit, ein Auskommen mit Washington zu finden. Diese Politik nannte sie „friedliche Koexistenz“.</p>

<p>So kam es zum relativen Gleichgewicht zwischen den Nuklearmächten USA und UdSSR, das als kalter Krieg bezeichnet wurde. Gestützt auf die Weltherrschaft der USA wurden eine Reihe formell multilateraler Institutionen eingerichtet, um die internationalen Beziehungen zu regeln (die UNO) und die Weltwirtschaft zu verwalten (der Internationale Währungsfonds IWF und die Weltbank, die auf der Bretton-Woods-Konferenz gegründet wurden). Dieses Gleichgewicht wurde weiter gestützt vom Wirtschaftsaufschwung der Nachkriegszeit. Das war eine Periode außerordentlichen Wachstums der Produktivkräfte und des Weltmarkts.</p>

<p>Diese Periode dauerte an bis zum Untergang des Stalinismus 1989-1991 und der Wiederherstellung des Kapitalismus in Russland und China. So kam es zu einer weiteren bedeutenden Wende in der Weltsituation. Die Vereinigten Staaten wurden zur herrschenden imperialistischen Macht, die von niemandem mehr herausgefordert wurde.</p>

<p>Der imperialistische Krieg gegen den Irak 1991 wurde mit dem Segen der UNO durchgeführt. Russland stimmte dafür und China enthielt sich lediglich. Es schien keine Opposition zur Herrschaft des US-Imperialismus zu geben. Aus ökonomischer Sicht trieb Washington die Globalisierung und den „Neoliberalismus“ an: Also die weitere Integration des Weltmarktes unter Herrschaft des US-Imperialismus sowie den Abbau des Staates.</p>

<p>Diese Zeit der unbeschränkten Herrschaft des US-Imperialismus erodierte langsam über die letzten 35 Jahre. Jetzt hat sich eine völlig neue Situation ergeben. </p>

<p>Ihre extreme Arroganz brachte die USA dazu, im Irak und in Afghanistan einzumarschieren. Doch dort begann die Geschichte, ihren Lauf umzukehren. Die Amerikaner wurden für 15 Jahre in diese ungewinnbaren Kriege verstrickt. Das verursachte ihnen hohe Materialkosten und große Personalverluste. Im August 2021 wurden sie zu einem demütigenden Rückzug aus Afghanistan gezwungen.</p>

<p>Nach diesen Erfahrungen hatte die US-Öffentlichkeit keine Lust mehr auf weitere Militärabenteuer. Auch ihre herrschende Klasse wurde sehr vorsichtig mit weiteren Truppenverlegungen ins Ausland. Neue regionale und Weltmächte stiegen auf und das relative globale Kräfteverhältnis verschob sich. Der US-Imperialismus lernte nichts aus diesen Erfahrungen. Er weigerte sich, das neue Kräfteverhältnis anzuerkennen, versuchte stattdessen, seine Herrschaft zu verteidigen und verstrickte sich so in eine ganze Reihe von Konflikten, die er nicht gewinnen konnte.</p>

<h3><strong>Eine multipolare Welt?</strong>  </h3>

<p>Die Weltlage ist geprägt von einer enormen Instabilität der internationalen Beziehungen. Das ergibt sich aus dem Kampf der USA – der mächtigsten imperialistischen Weltmacht, die sich in relativem Niedergang befindet – und China, einer jüngeren, dynamischeren, aufsteigenden imperialistischen Macht – um die Weltherrschaft. Wir sind Zeugen einer gewaltigen Wende. Sie ist vergleichbar mit der Verschiebung der tektonischen Platten in der Erdkruste. Solche Bewegungen werden von Explosionen aller Art begleitet. Der Krieg in der Ukraine – wo den USA und der NATO eine demütigende Niederlage bevorsteht – und der Konflikt im Nahen Osten sind Ausdruck dieser Tatsache.</p>

<p>Trumps Herangehensweise an die internationalen Beziehungen stellt einen Versuch dar, anzuerkennen, dass die USA nicht der einzige Weltpolizist sein können. Aus seiner Perspektive und der seiner engen Mitarbeiter ist der Versuch der USA, ihre Hegemonie und Herrschaft aufrechtzuerhalten, äußerst kostspielig, unpraktisch und schädlich für ihre nationalen Kerninteressen.</p>

<p>Natürlich bleiben die USA trotzdem eine imperialistische Macht und natürlich ist Trumps Politik nicht im Interesse der unterdrückten Völker auf der Welt. Etwas anderes zu behaupten, wäre absolut falsch. Trumps Außenpolitik bedeutet einfach eine scharfe Differenzierung dar: Was kann man wirklich zu den Kern-Sicherheitsinteressen der USA zählen und was nicht? – beginnend in Nordamerika.</p>

<p>Wenn Trump sagt, dass Amerika die Kontrolle über den Panamakanal und Grönland <em>braucht</em>, spricht er aus, was der US-Imperialismus braucht. Der Panamakanal ist eine entscheidende Handelsroute, die den Pazifik mit dem Golf von Mexiko verbindet. 40% des Containerverkehrs der USA gehen durch diesen Kanal.</p>

<p>Auch Grönland hatte immer eine wichtige geostrategische Lage. Deshalb haben die USA dort auch schon einen Militärstützpunkt. Die globale Erwärmung hat zu einem Anstieg des Handelsverkehrs zwischen dem Pazifik und dem Atlantik über die Arktis geführt. Weniger Polareis bedeutet einfacheren Zugang zum Meeresboden, unter dem es gewaltige Reserven seltener Erden gibt. Die Insel selbst hat ebenfalls wichtige Vorkommen entscheidender Mineralien (seltene Erden, Uran) sowie Öl- und Gasvorkommen. Auch diese sind durch die globale Erwärmung zugänglicher geworden. Die USA konkurrieren mit China und Russland um die Kontrolle über diese Handelsrouten und Rohstoffe.</p>

<p>Trumps Außenpolitik stützt sich auf eine Anerkennung der Begrenzungen der US-amerikanischen Macht. Deshalb versucht er, Amerika durch Deals aus einer Reihe teurer Konflikte (Ukraine, Naher Osten) herauszuziehen, um seine Macht wieder aufzubauen und sich auf seinen Hauptrivalen China zu konzentrieren.</p>

<p>In der ganzen Periode seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs – vielleicht auch schon davor – hielt der US-Imperialismus die Fassade aufrecht, er handle im Namen der Menschenrechte, er verbreite die Demokratie und die „regelbasierte Ordnung“, er verteidige „das heilige Prinzip der Unverletzlichkeit der Staatsgrenzen“ und dergleichen.</p>

<p>Sie handelten durch „multilaterale“ internationale Institutionen, die scheinbar neutral waren und in denen alle Länder etwas zu sagen hatten: Die UNO, die Welthandelsorganisation, der IWF und so weiter. Das war in Wirklichkeit nur ein Feigenblatt. Es war von Anfang an eine Farce. Diese Institutionen hatten die Wahl, die Interessen der USA auszudrücken oder von den USA ignoriert zu werden. Der Unterschied ist jetzt nur, dass Trump dieses Schauspiel völlig egal ist. Er scheint entschlossen zu sein, das ganze Regelwerk zu zerreißen und die Dinge eher so auszusprechen, wie sie wirklich sind.</p>

<p>Man hat verschiedentlich behauptet, dass eine multipolare Welt verglichen mit der unbeschränkten Macht der USA etwas Progressives wäre, das unterdrückten Ländern mehr Souveränität ermöglichen würde, und dass man deshalb für dieses Ideal kämpfen solle. Jetzt können wir schon erahnen, wie eine „multipolare“ Welt aussehen würde: Imperialistische Mächte teilen sich die Welt in Einflusssphären auf und zwingen die Länder, sich der einen oder anderen Seite zu unterwerfen.</p>

<h3><strong>Der <em>relative </em>Niedergang der US-Imperialismus</strong></h3>

<p>Wir müssen betonen, dass wir mit dem Niedergang des US-Imperialismus einen <em>relativen</em> Niedergang meinen. Es ist ein Niedergang gegenüber seiner früheren Position im Verhältnis zu seinen Konkurrenten. In jeder Hinsicht bleiben die USA die mächtigste und reaktionärste Kraft der Welt.</p>

<p>1985 machten die USA 36 % des weltweiten BIP aus. Jetzt sind es nur noch 26 % (2024). In der gleichen Zeit ist der Anteil Chinas von 2,5 % auf 18,5 % gestiegen. Japan erreichte 1995 mit 18 % seinen Höchstwert und ist jetzt nur noch bei 5,2 %.</p>

<p>Die USA dominieren die Weltwirtschaft weiterhin durch ihre Kontrolle über die Finanzmärkte. Ganze 58 % der weltweiten Währungsreserven werden in US-Dollar gehalten (während es beim chinesischen Renminbi nur 2 % sind) – auch wenn dieser Wert seit 2001 (damals 73 %) gesunken ist. 58 % der weltweiten Exporte werden außerdem in Dollar bezahlt. Betrachtet man den Nettoabfluss ausländischer Direktinvestitionen (als Indikator für den Kapitalexport), liegen die USA mit 454 Billionen US-Dollar weltweit an der Spitze, während China (inklusive Hongkong) mit 287 Billionen US-Dollar an zweiter Stelle folgt.</p>

<p>Das ökonomische Gewicht eines Landes gibt ihm weltweit Macht. Aber dazu gehört auch militärische Macht. Die Rüstungsausgaben der USA machen 40 % der gesamten Rüstungsausgaben auf der Welt aus. Die chinesischen machen 12 % und die russischen 4,5 % aus. Die US geben dafür mehr Geld aus als die nächsten 10 Länder <em>zusammen</em>.</p>

<p>Und doch können die USA nicht länger von sich behaupten, der unbestrittene Alleinherrscher der Welt zu sein. Die gewaltige Wirtschaftsmacht Chinas und, in weiterer Folge, dessen militärische Fortschritte, sowie die militärische Überlegenheit, die Russland auf den Schlachtfeldern in der Ukraine unter Beweis gestellt hat, bedeuten eine enorme Herausforderung für die USA. Von allen Seiten werden die Schranken der globalen Macht Amerikas erbarmungslos bloßgelegt.</p>

<p>Dieser relative Niedergang manifestiert sich ökonomisch darin, dass das Kapital teilweise aus dem Dollar, aus US-Staatsanleihen und amerikanischen Aktien flieht. Die US-Monopole sehen sich stärkerer Konkurrenz seitens internationaler Rivalen wie China ausgesetzt. Deshalb gelten ihre Aktien nicht länger als so sicher wie früher. Der Schuldenberg der USA wächst und die US-Regierung verschuldet sich weiter. Folglich sind auch die US-Staatsanleihen (also Titel auf US-Staatsschulden) nicht mehr so sicher wie früher. All das führt zu einer Schwächung des Dollars – trotz der US-Zölle – und seiner Vorherrschaft im weltweiten Finanzsystem.</p>

<p>Es handelt sich um eine „Marktkorrektur“, durch die der Preis der amerikanischen Währung, Vermögenswerte und Anleihen in Einklang mit der Tatsache gebracht wird, dass die reale ökonomische Position des US-Kapitalismus in Wirklichkeit geschwächt ist. Dennoch gibt es – wie im Falle der US-Militärmacht und der früheren Rolle Amerikas als Weltpolizist – keine tragfähige Alternative zum Dollar im Welt­handel und in der globalen Finanzarchitektur. Daher die wachsende Unruhe der bürgerlichen Strategen: Bricht das Vertrauen in den Dollar zusammen, wären die Folgen für das Weltfinanzsystem und die Weltwirtschaft chaotisch. </p>

<p>Auch auf diese Weise werden der relative Niedergang des US-Kapitalismus und die entstehende „Multipolarität“ zu wachsender Unsicherheit und Instabilität auf der ganzen Welt beitragen. Alle Säulen der Nachkriegsordnung werden nacheinander ausgehöhlt und untergraben – mit explosiven Folgen, wirtschaftlich, militärisch und politisch.</p>

<h3><strong>Russlands militärisches Gewicht</strong></h3>

<p>Russland ist zwar kein wirtschaftlicher Koloss wie China, aber es hat eine solide wirtschaftliche und technologische Basis. Damit konnte es der beispiellosen wirtschaftlichen Aggression erfolgreich standhalten, die der Westen unter dem Banner der „Sanktionen“ gegen es verübt hat. Und das, während es einen Krieg geführt hat, in dem es all die Waffensysteme besiegt hat, die der westliche Imperialismus ihm entgegengeschleudert hat. Es hat eine starke Armee aufgebaut, die den vereinten Kräften der europäischen Länder ebenbürtig ist; es hat eine gewaltige Rüstungsindustrie aufgebaut, die sowohl die USA als auch Europa in der Produktion von Panzern, Artillerie, Munition, Raketen und Drohnen übertrifft; und es besitzt das größte nukleare Waffenarsenal der Welt, das ihm die UdSSR hinterlassen hat.</p>

<p>Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der darauffolgenden Ausplünderung der Planwirtschaft spielte die russische herrschende Klasse mit dem Gedanken, von den anderen Staaten als gleichberechtigter Partner akzeptiert zu werden. Sie wollten sogar der NATO beitreten. Das wurde jedoch abgelehnt. Die USA wollten die uneingeschränkte und vollständige Weltherrschaft ausüben und sahen keinen Grund, die Macht mit einem schwachen, krisengeschüttelten Russland zu teilen.</p>

<p>Die Erniedrigung Russlands wurde deutlich sichtbar, als zuerst Deutschland und die USA die reaktionäre Zerstückelung Jugoslawiens – traditionell in der russischen Einflusssphäre – in die Wege leiteten, und dann durch die Bombardierung Serbiens 1999. Jelzin, ein trunksüchtiger Clown und eine Marionette des US-Imperialismus, verkörperte dieses Verhältnis der Unterordnung.</p>

<p>Doch je mehr sich Russland von seiner Wirtschaftskrise erholte, desto weniger waren seine herrschenden Kreise bereit, ihre Erniedrigung auf der Weltbühne hinzunehmen. Das war die Ursache für den Aufstieg Putins, des gerissenen Bonapartisten, der sich mit allerlei Manövern die Macht erschlich.</p>

<p>Russland begann, sich der NATO-Osterweiterung zu widersetzen, die einen Bruch aller Versprechen darstellte, die man den Russen 1990 gemacht hatte: Im Gegenzug für ihre Zustimmung zur Einheit Deutschlands sollte die NATO darauf verzichten, sich nach Osten auszudehnen.</p>

<p> 2008 führte Russland einen kurzen und effektiven Krieg gegen Georgien und zerstörte die Armee dieses Landes, die von der NATO ausgebildet und ausgerüstet worden war. Das war Russlands erster Warnschuss: Es würde die Vorstöße des Westens nicht länger akzeptieren. Dann kamen Syrien und die Ukraine. In jedem dieser Länder wurde das Kräfteverhältnis zwischen Russland und dem US-Imperialismus auf die Probe gestellt. Der relative Niedergang des US-Imperialismus zeigte sich zudem erneut beim demütigenden Rückzug aus Afghanistan im August 2021.</p>

<p>Die russische Invasion in der Ukraine war die logische Folge der Weigerung des Westens, Russlands nationale Sicherheitsinteressen anzuerkennen – konkret in der Forderung nach der Neutralität der Ukraine und einem Ende der NATO-Osterweiterung. Wenn Donald Trump behauptet, dieser Krieg sei unnötig gewesen und hätte unter seiner Präsidentschaft niemals stattgefunden, hat er wohl recht. Dem US-Imperialismus und seinen europäischen Verbündeten war vollkommen klar, dass eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine aus russischer Sicht eine rote Linie darstellte. Dennoch beschlossen sie 2008, die Ukraine zur Bewerbung um die NATO-Mitgliedschaft einzuladen. Das war eine offenkundige Provokation, die zwangsläufig die schwerwiegendsten Folgen nach sich ziehen musste. Dieser fatale Schritt führte schließlich zum Krieg.</p>

<p> Der Westen bestand darauf, die Ukraine hätte ein „Recht, der NATO beizutreten“, obwohl es Übereinkommen über deren Neutralität, das Verbot ausländischer Militärbasen auf ihrem Territorium und ihre Nichtteilnahme an Militärbündnissen gab. Das stand sogar in ihrer Unabhängigkeitserklärung. CIA-Chef William J. Burns warnte wiederholt davor. Doch Joe Biden und die Kriegstreiberbande, die seine Außenpolitik bestimmte, waren anderer Meinung.</p>

<p>Biden glaubte, er könne die Ukraine als Kanonenfutter verwenden, um Russland zu schwächen und dessen globale Position zurechtzustutzen. Russland, einem Rivalen des US-Imperialismus, konnte nicht erlaubt werden, die globale Hegemonie der USA in Frage zu stellen. Im März 2022 verstieg sich der arrogant-aufgeblasene Biden sogar dazu, einen Regimewechsel in Moskau vorzuschlagen! Gemeinsam mit den Europäern war er überzeugt, dass wirtschaftliche Sanktionen und militärische Erschöpfung Russland zum Zusammenbruch treiben würden. Sie unterschätzten dabei jedoch gravierend das Ausmaß der wirtschaftlichen und militärischen Stärke Russlands. Folglich hat sich der US-Imperialismus in einen ungewinnbaren Krieg verstrickt, der für seine finanziellen und militärischen Ressourcen eine gewaltige Belastung bedeutet.</p>

<p>Trump besteht jetzt darauf, an dem Desaster nicht schuld zu sein. Er sagt: „Das ist nicht mein Krieg. Das ist Joe Bidens Krieg.“ Das stimmt auch. Die Strategen des Kapitals sind absolut fähig, sich zu verrechnen und Fehler zu machen. Das ist ein Beispiel dafür. Wenn Trump sagt, dass der Krieg in der Ukraine den „Kerninteressen“ Amerikas nicht entspricht, hat er recht. Amerika hat mit Chinas wachsender Macht in Asien und dem Pazifik ein viel größeres Problem; ebenso hat es Probleme im Nahen Osten und eine Wirtschaftskrise. Deswegen hat es Trump so eilig damit, den US-Imperialismus aus dem tückischen Sumpf der Ukraine herauszuziehen. Doch die Probleme, die Biden und seine europäischen Schergen angerichtet haben, lassen sich nicht so leicht lösen.</p>

<p>Die Herrschaften, die in Washington, London, Paris und Berlin den Ton angeben, haben jeden Versuch, eine friedliche Lösung zu finden, systematisch sabotiert. Im April 2022 waren die Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland in der Türkei schon recht weit fortgeschritten und hätten zu einem Ende des Krieges führen können, wenn die Ukraine eine Reihe russischer Forderungen akzeptiert hätte. In der Person Boris Johnsons vereitelte der westliche Imperialismus diese Verhandlungen, indem er Selenskyj unter Druck setzte, nicht zu unterschreiben, und unbegrenzte Unterstützung zusicherte, die einen vollständigen Sieg der Ukraine ermöglichen sollte.</p>

<p>Heute steht den USA in der Ukraine eine demütigende Niederlage bevor. Die Sanktionen haben ihr Ziel verfehlt. Russlands Wirtschaft ist keineswegs zusammengebrochen, vielmehr hat es stabile und höhere Wachstumsraten genossen als der Westen. Es wurde keineswegs isoliert, sondern hat jetzt engere wirtschaftliche Beziehungen zu China und einer Reihe von Schlüsselländern, die eigentlich zur US-Einflusssphäre gehören sollten. Länder wie Indien, Saudi-Arabien, die Türkei und weitere haben ihnen geholfen, die Sanktionen zu umgehen.</p>

<p>Ihre Gegnerschaft zur US-Weltherrschaft macht China und Russland jetzt zu viel engeren Verbündeten. Um sie schart sich noch eine ganze Reihe weiterer Länder. Wenn die Niederlage der USA in der Ukraine schlussendlich verwirklicht wird, werden die Konsequenzen für die internationalen Beziehungen gewaltig und von Dauer sein. In der ganzen Welt wird der US-Imperialismus weiter geschwächt werden.</p>

<p>Die Niederlage von USA und NATO in der Ukraine wird ein mächtiges Signal sein. Die stärkste imperialistische Macht der Welt kann ihren Willen nicht immer durchsetzen. Russland wird mit einer gewaltigen Armee daraus hervorgehen, die in den neuesten Methoden und Techniken der Kriegsführung erprobt ist, und über einen mächtigen militärisch-industriellen Komplex verfügen.</p>

<p>Trumps Politik stellt hier eine scharfe Kehrtwende gegenüber der bisherigen Politik des US-Imperialismus dar. Er hat erkannt, dass der Krieg gegen Russland nicht gewonnen werden kann und versucht einen Rückzug der USA zu erreichen. Er spekuliert außerdem darauf, dass ein Deal mit Russland, bei dem auf dessen (also des russischen Imperialismus) nationale Sicherheitsinteressen eingegangen wird, dessen enges Bündnis mit China (dem Hauptrivalen des US-Imperialismus) unterlaufen könnte. Diese Spekulation wird wahrscheinlich nicht aufgehen. Während der drei Kriegsjahre hat der Westen Russland zu eng an China gebunden, um diesen Prozess nun einfach rückgängig zu machen. Die jüngsten Äußerungen und Handlungen sowohl der russischen als auch der chinesischen Regierung zeigen, dass beide Seiten ihre Annäherung als strategisch betrachten.</p>

<h3><strong>Chinas Aufstieg als imperialistische Macht</strong></h3>

<p>In der modernen Geschichte ist Chinas rasante Verwandlung von extremer ökonomischer Rückständigkeit zu einer mächtigen kapitalistischen Macht nahezu einmalig. In erstaunlich kurzer Zeit ist das Land so weit aufgestiegen, dass es den mächtigen US-Imperialismus herausfordern kann.</p>

<p>China hat heute absolut nichts mehr mit dem schwachen, halbfeudalen und halbkolonialen, unterdrückten Land gemeinsam, das es 1938 war. Gegenwärtig ist China tatsächlich nicht nur ein kapitalistisches, sondern ein ausgewachsenes imperialistisches Land.</p>

<p>Man kann diese Transformation nicht verstehen, ohne die entscheidende Rolle der chinesischen Revolution 1949 zu verstehen, die das Grundeigentum und den Kapitalismus abgeschafft und die Grundlage für eine staatliche Planwirtschaft geschaffen hat. Das war die Vorbedingung, um China von einem rückständigen, halbkolonialen Land zu dem zu machen, was es jetzt ist: Ein wirtschaftlicher Gigant.</p>

<p>Es betrat erst spät die internationale Arena. Daher musste es um Rohstoff- und Energiequellen für seine Industrie kämpfen, um Investitionsfelder für sein Kapital, um Handelsrouten für Importe und Exporte und um Märkte für seine Produkte. Auf all diesen Gebieten hat es bemerkenswerte Erfolge erzielt. </p>

<p>Der dreißigjährige Aufstieg Chinas war das Ergebnis massiver Investitionen in die Produktionsmittel und die Orientierung auf die Weltmärkte. Anfänglich nutzte es seine gewaltigen Reserven an billiger Arbeitskraft, um Güter wie Textilien oder Spielzeuge auf dem Weltmarkt zu exportieren.</p>

<p>Es ist jetzt eine technologisch hochentwickelte kapitalistische Wirtschaft und nimmt in einer Reihe von High-Tech-Märkten (Elektrofahrzeuge und Batterien für Elektrofahrzeuge, Photovoltaik-Zellen, Wirkstoffe für Antibiotika, kommerzielle Drohnen, Infrastruktur für 5G-Mobilfunkkommunikation, Kernkraftwerke usw.) eine weltweit führende Position ein – nicht nur hinsichtlich des Handelsvolumens, sondern auch der Innovationen. </p>

<p>China ist auch weltweit führend auf dem Gebiet der Robotik. Es steht mit 470 Robotern pro 10.000 Produktionsarbeitern auf Platz 3 der Länder mit der höchsten Dichte an Industrierobotern, und das bei einer Industriearbeiterschaft, die über 37 Millionen umfasst. Nur Südkorea (1012) und Singapur (770) stehen noch darüber, während China höher steht als Deutschland (429) und Japan (419) – und deutlich höher als die USA (295). Das sind Zahlen für 2023 und wahrscheinlich hat sich Chinas Position auf dieser Rangliste seitdem noch verbessert. 2023 wurden 51 % aller neuen Industrieroboter in China installiert.</p>

<p>Beim Export von Kapital liegt China weltweit an zweiter Stelle, nur hinter den USA. Im Jahr 2023 entfielen 32,8 % der globalen Auslandsdirektinvestitionen (FDI) auf die USA, während China und Hongkong zusammen 20,1 % ausmachten. Beim gesamten Bestand an akkumulierten FDI hielt die USA 15,1 % des Weltvolumens, während China und Hongkong auf 11,3 % kamen.</p>

<p>Durch die Art und Weise, wie der Kapitalismus in China wiederhergestellt wurde, spielt der Staat eine wichtige Rolle in der Wirtschaft. Er verfolgt eine bewusste Politik zur Förderung und Finanzierung technologischer Entwicklung. „Made in China 2025“ zielte darauf ab, in Schlüsselbranchen einen großen Sprung nach vorn zu erreichen und das Land unabhängig vom Westen zu machen. Die Ausgaben Chinas für Forschung und Entwicklung sind deutlich gestiegen und liegen inzwischen fast auf dem Niveau der USA.</p>

<p>Dieser Erfolg ging wiederum mit wachsenden Widersprüchen und Konflikten mit anderen kapitalistischen Ländern einher und führte schließlich zum gegenwärtigen Handelskrieg mit den USA.</p>

<p>Nach dem Untergang der Sowjetunion und der Öffnung neuer Märkte durch die Politik der Globalisierung betrachteten die westlichen Ökonomen und Investoren das Wachstum der kapitalistischen Wirtschaft in China zunächst als goldene Gelegenheit.</p>

<p>Westliche Investoren überschlugen sich in ihrem Eifer, Fabriken in China zu errichten, wo ihnen eine scheinbar unerschöpfliche Reserve billiger Arbeitskräfte zur Verfügung stand. Zwischen 1997 und 2019 entfielen 36 % des weltweiten Kapitalstockwachstums auf China. Die Durchdringung Chinas durch US-Kapital war so groß, dass beide Volkswirtschaften zeitweise untrennbar miteinander verbunden schienen.</p>

<p>Mehrere Jahrzehnte lang war das Wachstum Chinas entscheidend für die Entwicklung der Weltwirtschaft. 2008 hofften die westlichen Bourgeois sogar, China werde die Weltwirtschaft aus der Rezession ziehen. Wie wir allerdings schon damals aufzeigten, ging das mit einem ernsthaften und bedrohlichen Nachteil für sie einher.</p>

<p>Diese Fabriken mit ihrer modernen Technologie mussten zwangsläufig gewaltige Mengen billiger Waren produzieren, die dann exportiert werden mussten. In China selbst gab es nicht ausreichend Nachfrage dafür. Das hat schließlich zu enormen Problemen für die Vereinigten Staaten und andere westliche Volkswirtschaften geführt.</p>

<p>Alles hat sich in sein Gegenteil verwandelt. Immer dringlicher stellte sich die Frage: Wer hilft hier wem? Westliche Investoren machten zwar große Profite, aber China erhielt fortgeschrittene Produktionskapazitäten, technologisches Know-How, Infrastruktur und eine ausgebildete Arbeiterschaft. Das wurde vor allem in den USA immer mehr als Bedrohung wahrgenommen.</p>

<p>China ist inzwischen ein unersetzlicher Zulieferer für die globale Industrie – sowohl bei fertigen Konsumgütern wie iPhones als auch bei wichtigen Investitionsgütern und Bauteilen. China ist der Hauptlieferant für 36 % der US-Importe und deckt bei diesen Produkten mehr als 70 % des US-Bedarfs.</p>

<p>China ist zum systemischen globalen Rivalen der USA geworden. Das ist die wahre Bedeutung von Trumps Handelskrieg gegen dieses Land. Es ist ein Kampf zwischen zwei imperialistischen Mächten, um ihr Kräfteverhältnis auf dem Weltmarkt festzulegen.</p>

<p>Dazu war Washington jedes Mittel recht. Der Verkauf der fortschrittlichsten Mikrochips an China wurde untersagt, ebenso der Export modernster Lithografie­maschinen. Zudem wurde Unternehmen wie Huawei in mehreren Ländern verboten, sich an Ausschreibungen für 5G-Infrastruktur zu beteiligen, und so weiter.</p>

<p>Doch die Versuche der USA, Chinas Fortschritte im Bereich Spitzentechnologie zu blockieren, hatten den gegenteiligen Effekt. Als Reaktion darauf hat China seinen Kurs auf technologische Eigenständigkeit beschleunigt. Zwar gibt es weiterhin Engpässe – etwa, weil China keinen Zugang zu den modernsten EUV-Lithografie­maschinen hat, die für die Herstellung der fortschrittlichsten Mikroprozessoren benötigt werden –, doch China hat mit Einfallsreichtum teilweise alternative Lösungen gefunden. </p>

<p>Es stimmt, dass es in der chinesischen Wirtschaft trotz ihres Fortschritts große Widersprüche gibt. Durch die Entwicklung der Wissenschaft, Industrie und Technologie ist in China die Arbeitsproduktivität gestiegen. In Europa stagniert sie seit langem. In den USA ist sie in den letzten Jahren nur schwach gestiegen. Doch die chinesische Arbeitsproduktivität bleibt immer noch weit hinter der der USA zurück. Dieser Abstand wird sich so schnell nicht schließen.</p>

<p>Man kann durchaus auch davon ausgehen, dass die beispiellosen Wachstumsraten, die China in den vergangenen Jahrzehnten erzielt hat, sich nicht halten werden lassen. Tatsächlich hat die Verlangsamung bereits eingesetzt. In den 1990er Jahren wuchs China jährlich um atemberaubende 9 %, mit Höchstwerten von 14 %. 2012 bis 2019 erreichte es zwischen 6 % und 7 %. Jetzt befindet es sich bei etwa 5 %. Allerdings wächst die chinesische Wirtschaft als Ganzes immer noch schneller als die fortgeschrittenen kapitalistischen Länder des Westens.</p>

<p>Nachdem China jetzt ein kapitalistisches Land geworden und obendrein tief in den Weltmarkt integriert ist, muss es sich natürlich früher oder später auch den Problemen stellen, die damit einhergehen. Es gibt dort schon regionale Missverhältnisse in der wirtschaftlichen Entwicklung und eine enorme Einkommensungleichheit. Unter den Wanderarbeitern und Jugendlichen steigt die Arbeitslosigkeit.</p>

<p>Gewaltige Konjunkturpakete, keynesianische Maßnahmen, haben das Schuldenvolumen vergrößert. 2000 machte die Staatsverschuldung noch 23 % des BIP aus; 2024 sind es 60,5 %. Das ist ein beträchtlicher Anstieg, aber der Wert ist immer noch geringer als in den meisten fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern. Das Gesamtschuldenvolumen (des Staates, der Unternehmen und Haushalte) hat jedoch 300 % des BIP erreicht. </p>

<p>Der Aufstieg des Protektionismus und die Verlangsamung des Welthandels werden China mit Sicherheit treffen. Es wird diese Krise nur überwinden können, indem es seine Überproduktion noch angestrengter auf dem Weltmarkt ablädt. Das wird die weltweiten Spannungen noch verschärfen und wiederum die Gesamtkrise des Systems vertiefen.</p>

<p>In diesem titanischen Ringen zwischen zwei Wirtschaftsriesen stellt sich die Frage ganz direkt: Wer gewinnt? Die westliche Presse ist voller Pessimismus und finsterer Warnungen über die Zukunft der chinesischen Wirtschaft.</p>

<p>Die westliche Presse versucht unablässig, die chinesische Wirtschaft in den schwärzesten Farben zu malen. Das tut sie auch mit der russischen Wirtschaft, die allerdings ebenfalls noch ein gesundes jährliches Wachstum von 4-5 % aufweist. Das weist kaum auf eine Wirtschaft hin, die vor dem Zusammenbruch steht.</p>

<p>China ist sicher nicht immun gegen Krisen. Es hat allerdings beträchtliche Reserven, um dieser Herausforderung zu begegnen und sie mit viel weniger Schaden zu überstehen, als man in der westlichen Presse oft vermutet. Man darf vor allem nicht vergessen, dass China zwar ein kapitalistisches Land ist, aber trotzdem einige Besonderheiten hat.</p>

<p>Seine Wirtschaft hat tatsächlich noch beträchtliche Elemente staatlicher Kontrolle, Intervention und Planung. Das kommt ihm, verglichen mit Ländern wie den USA, sehr zugute.</p>

<p>In jedem Konflikt mit fremden imperialistischen Mächten können ebenso wichtige politische, kulturelle und psychologische Faktoren eine entscheidende Rolle spielen. Mit Erbitterung erinnert sich das chinesische Volk seiner langen Unterdrückung, Ausbeutung und Erniedrigung durch den Imperialismus. </p>

<p>So sehr es auch seine eigene herrschende Klasse hassen mag – der Hass auf ausländische Imperialisten ist weit größer und kann für das Regime in seiner Auseinandersetzung mit den USA als gewaltige Stütze dienen.</p>

<p>Die herrschenden Kreise der USA schauen mit wachsender Panik auf den Aufstieg Chinas. Sie führen sich jetzt ziemlich kriegerisch auf. Das merkt man einerseits an Trumps drastischen Zoll­erhöhungen und andererseits an ständigen Provokationen im Zusammenhang mit Taiwan.</p>

<p>Die Kriegstreiber in Washington werfen China ständig vor, eine Invasion jener Insel zu planen, die die Chinesen als abtrünnig betrachten und für einen rechtmäßigen Teil ihres Staatsgebiets halten.</p>

<p>Doch die herrschenden Kreise Chinas werden von Menschen angeführt, die längst gelernt haben, in der Diplomatie geduldig zu sein. Sie müssen nicht in Taiwan einmarschieren. Sie wissen: Früher oder später wird es mit dem Festland wiedervereinigt. Sie haben jahrzehntelang gewartet, bis sie die Kontrolle über Hong Kong wieder von den Briten zurückerhalten konnten. Sie sehen keinen Grund, übereilt nach einer militärischen Lösung zu suchen.</p>

<p>Nur eine schwere Fehleinschätzung der Kriegstreiber in Washington oder eine übereilte Unabhängigkeitserklärung taiwanesischer Nationalisten könnte sie dazu provozieren, militärische Maßnahmen zu ergreifen. In diesem Fall hätte Peking alle Trümpfe in der Hand.</p>

<p>Es ist ausgeschlossen, dass Taiwan sich gegen die Übermacht der chinesischen Armee und Marine länger halten könnte. Diese sind nur wenige Kilometer entfernt stationiert, während die USA eine große Streitmacht über einen ganzen Ozean hinweg in schwierige und gefährliche Bedingungen schicken müssten.</p>

<p>Es weist jedenfalls nichts darauf hin, dass Donald Trump von sich aus einen militärischen Konflikt mit China anstrebt. Er zieht andere Methoden vor – erdrückende Sanktionen und höhere Zölle, um China zur Unterwerfung zu zwingen. Doch China will sich nicht unterwerfen – weder in einem Wirtschaftskrieg, noch in einem wirklichen Militärkonflikt.</p>

<p>Bis vor Kurzem übte China seine Macht hauptsächlich mit ökonomischen Mitteln aus, doch es rüstet auch militärisch auf. Vor Kurzem kündigte es eine Erhöhung der Militärausgaben um 7,2 % an. Es besitzt bereits ein gewaltiges und starkes Heer und baut sich jetzt eine ebenso mächtige und moderne Marine auf, um auf hoher See seine Interessen zu verteidigen.</p>

<p>Ein kürzlich erschienener Artikel der BBC behauptet, dass China jetzt die größte Marine der Welt hat und die USA übertrifft. Es stimmt auch nicht, dass die Technologie und Ausrüstung seiner Streitkräfte veraltet wäre. Dieser Artikel behauptet:</p>

<p>„Laut dem US-Verteidigungsministerium konzentriert sich China mittlerweile vollständig auf die Entwicklung einer ‚intelligenten Kriegsführung‘, also zukünftiger militärischer Verfahren, die auf disruptiven Technologien beruhen – insbesondere der künstlichen Intelligenz.“</p>

<p>Er fügt hinzu: </p>

<p>„Die Akademie der Militärwissenschaften Chinas hat den Auftrag erhalten, dies durch die sogenannte ‚zivil-militärische Fusion‘ sicherzustellen – also durch die Vernetzung chinesischer Technologieunternehmen aus dem privaten Sektor mit der Rüstungsindustrie des Landes. Berichten zufolge setzt China bereits künstliche Intelligenz in militärischen Robotik- und Raketenleitsystemen sowie bei unbemannten Luft- und Seefahrzeugen ein.“</p>

<p>Außerdem hat China eines der aktivsten Raumfahrtprogramme der Welt. Zu seinen ambitionierten Plänen gehören der Bau einer Raumstation auf dem Mond und ein Besuch auf dem Mars. Diese Pläne sind nicht nur an sich wissenschaftlich wertvoll, sondern offensichtlich auch mit einem höchst ehrgeizigen Aufrüstungsprogramm verknüpft.</p>

<p>Die Entwicklung der Produktivkräfte in China ist jetzt eine vollendete Tatsache. Sie ist unbestreitbar. Das ist vom Standpunkt der Weltrevolution auch durchaus nichts negatives. Es hat eine gewaltige Arbeiterklasse hervorgebracht, die über lange Zeit an eine ständige Verbesserung ihres Lebensstandards gewöhnt wurde. Es ist eine junge, frische Arbeiterklasse, unbefleckt von Niederlagen, ungebunden an reformistische Organisationen.</p>

<p>„China ist ein schlafender Drache. Lasst China schlafen, denn wenn es erwacht, wird es die Welt erschüttern“ – so ein Ausspruch, der oft Napoleon zugeschrieben wird. Ob er das tatsächlich gesagt hat oder nicht, ist letztlich egal: Für das mächtige chinesische Proletariat trifft er in der Gegenwart auf jeden Fall zu. Der Moment der Wahrheit mag sich noch eine Weile hinauszögern. Doch wenn diese gewaltige Kraft erst einmal in Bewegung gerät, wird sie eine Erschütterung von seismischem Ausmaß auslösen.</p>

<h3><strong>Balancieren zwischen den Mächten</strong></h3>

<p>Der relative Niedergang des US-Imperialismus und der Aufstieg Chinas haben eine Situation erzeugt, in der einige Länder beide gegeneinander ausspielen und so eine gewisse Autonomie erreichen können, um zumindest auf regionaler Ebene ihre eigenen Interessen zu verfolgen. Dazu gehören Länder wie die Türkei, Saudi-Arabien, Indien und andere in unterschiedlichem Ausmaß.</p>

<p>Der Aufstieg der BRICS, die 2009 formal gegründet wurden, drückt einen Versuch Chinas und Russlands aus, ihre internationale Position zu stärken, ihre Wirtschaftsinteressen zu schützen und eine ganze Reihe von Ländern in ihrer Einflusssphäre zu binden. </p>

<p>Die Einführung umfassender Sanktionen des US-Imperialismus gegen Russland hat diesen Prozess beschleunigt. Russland hat sich, um damit zurecht zu kommen, mit anderen Ländern zusammengetan, darunter Saudi-Arabien, Indien, China und viele weitere. </p>

<p>Anstatt die Macht der USA zu demonstrieren, enthüllte das Scheitern der Sanktionen die Begrenztheit ihrer Fähigkeit, ihren Willen durchzusetzen. So begann eine Reihe von Ländern, Alternativen zur US-Herrschaft über das Finanzsystem in Erwägung zu ziehen. Neue Länder haben sich um Mitgliedschaft in den BRICS beworben oder haben Einladungen erhalten, beizutreten.</p>

<p>Man braucht hier aber einen Sinn für Proportionen. So wichtig diese Veränderungen auch sein mögen – die BRICS sind von mannigfaltigen Widersprüchen durchzogen. Brasilien etwa gehört sowohl zu den BRICS als auch zu Mercosur, dem südamerikanischen Freihandelsblock, der aktuell über ein Freihandelsabkommen mit der EU verhandelt.</p>

<p>Indien ist auch Mitglied, will aber nur ungern weitere Länder aufnehmen, um sein eigenes Gewicht im Bündnis nicht zu schmälern. Es hat auch eine „strategische Partnerschaft“ mit den USA; es gehört zum sicherheits- und militärpolitisch ausgerichteten Quad-Bündnis mit den USA, Japan und Australien; und seine Marine macht regelmäßig Militärübungen mit den USA.</p>

<p>Das Wichtige daran ist, dass ein Land wie Indien, als US-Verbündeter und Rivale Chinas, Russland entscheidend dabei unterstützt hat, die US-Sanktionen zu umgehen. Indien kauft russisches Öl zu Dumpingpreisen und verkauft es in Form weiterverarbeiteter Produkte weiter nach Europa. Die USA haben noch keine Maßnahmen dagegen ergriffen.</p>

<p>Bis jetzt sind die BRICS nur eine lose Gruppe von Ländern. Das imperialistische Mobbing seitens der USA treibt ihre Rivalen dazu, immer enger zusammenzurücken und andere einzuladen, es ihnen gleichzutun. </p>

<h3><strong>Die Krise in Europa</strong></h3>

<p>Während die USA also global einen relativen Niedergang ihrer Macht und ihres Einflusses erleben, sind die alten imperialistischen Mächte Europas – Großbritannien, Frankreich, Deutschland und die anderen – seit den Zeiten ihres früheren Ruhms noch weitaus tiefer gefallen und auf den Status zweitrangiger Weltmächte abgesunken. Bemerkenswert ist dabei, dass Europa als imperialistischer Block im letzten Jahrzehnt besonders geschwächt wurde. So hat etwa eine Serie von Militärputschen Frankreich aus Zentralafrika und der Sahelzone verdrängt – größtenteils zugunsten Russlands.</p>

<p>Die europäischen Mächte folgten dem US-Imperialismus in den Stellvertreterkrieg gegen Russland. Das hatte katastrophale Konsequenzen für ihre Wirtschaft. Seit dem Zusammenbruch des Stalinismus 1989-1991 hatte Deutschlands Politik darin bestanden, seinen Einfluss nach Osten auszudehnen und enge wirtschaftliche Verbindungen zu Russland aufzubauen. Die deutsche Industrie profitierte von billiger russischer Energie. Bis zum Ukrainekrieg kamen mehr als die Hälfte des deutschen Erdgases, ein Drittel seines Öls und die Hälfte seiner Kohleimporte aus Russland.</p>

<p>Das war einer der Gründe für den weltweiten Erfolg der deutschen Industrie. Die anderen zwei Gründe waren die Deregulierung des Arbeitsmarkts (durchgeführt von sozialdemokratischen Regierungen) und die Investitionen in die Industrie in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Die Dominanz der deutschen herrschenden Klasse in der Europäischen Union sowie der Freihandel mit China und den USA ergaben zusammen einen Kreislauf, der es Deutschland ermöglichte, aus der Krise von 2008 scheinbar unbeschadet hervorzugehen.</p>

<p>Die ganze EU befand sich in einer ähnlichen Lage. Russland war zuvor der größte Lieferant von Erdöl (24,8 %), Pipelinegas (48 %) und Kohle (47,9 %) gewesen. Die Sanktionen der EU gegen Russland nach dem Ukrainekrieg führten zu viel höheren Energiepreisen mit Dominoeffekt: Inflation und schwindende Konkurrenzfähigkeit europäischer Exporte. Am Ende musste Europa viel teureres Flüssiggas (LNG) aus den USA und überteuerte russische Mineralölprodukte über Indien importieren. </p>

<p>Tatsächlich kommt ein Großteil der deutschen Gasimporte immer noch aus Russland, aber jetzt zu viel höheren Preisen in Form von LNG. Die deutsche, französische und italienische herrschende Klasse haben sich selbst ein Bein gestellt und zahlen jetzt den Preis dafür. Schon unter Biden zeigten sich die USA ihren europäischen Verbündeten erkenntlich, indem sie einen Handelskrieg gegen sie führten – mit einer ganzen Reihe protektionistischer Maßnahmen und Industriesubventionen.</p>

<p>Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und später die Europäische Union stellten den Versuch der geschwächten imperialistischen Mächte des Kontinents dar, sich nach dem Zweiten Weltkrieg zusammenzuschließen, um sich in der Weltpolitik und der Weltwirtschaft größeres Gewicht zu verschaffen. In der Praxis dominierte das deutsche Kapital die anderen, schwächeren Volkswirtschaften. Es gab Wirtschaftswachstum, einen gewissen Grad an wirtschaftlicher Integration und am Ende sogar eine gemeinsame Währung.</p>

<p>Doch die herrschenden Klassen der verschiedenen Länder, aus denen die EU besteht, existieren weiterhin. Jede hat ihre eigenen Einzelinteressen. Trotz aller Rhetorik gibt es weder eine gemeinsame Wirtschaftspolitik, noch eine einheitliche Außenpolitik oder eine gemeinsame Armee, um eine solche durchzusetzen. Während das deutsche Kapital sich auf wettbewerbsfähige Industrieexporte stützte und seine Interessen im Osten lagen, zieht Frankreich große Summen an Agrarsubventionen aus der EU und seine imperialistischen Interessen konzentrieren sich auf die ehemaligen französischen Kolonien, hauptsächlich in Afrika.</p>

<p>Durch die Staatsschuldenkrise nach der Rezession von 2008 wurde die EU bis zum Zerreißen angespannt. Die Lage hat sich seither weiter verschärft. Der aktuelle Bericht des ehemaligen EZB-Präsidenten Mario Draghi beschreibt die Krise des europäischen Kapitalismus mit alarmierenden Worten und hat ganz Recht damit. Im Kern liegt der Grund für die mangelnde Konkurrenzfähigkeit der EU gegenüber ihren imperialistischen Rivalen darin, dass sie tatsächlich keine wirtschaftlich-politische Einheit, sondern einfach eine Sammlung einiger kleiner und mittlerer Volkswirtschaften ist, die jeweils eine eigene herrschende Klasse, eine eigene nationale Industrie, ihre eigenen Regelwerke usw. haben. Europas Wirtschaft ist sklerotisch und wurde im Produktivitätswachstum von ihren Rivalen längst überholt.</p>

<p>Die Produktivkräfte sind über den Nationalstaat hinausgewachsen. Dieses Problem ist in den kleinen, aber hochentwickelten europäischen Volkswirtschaften besonders ausgeprägt.</p>

<p>Der lang andauernde Niedergang der europäischen imperialistischen Mächte wurde dadurch verdeckt, dass die USA deren Verteidigung finanzierten und die EU politisch unterstützten. 80 Jahre lang wurde Europa vom US-Imperialismus unter seiner Vorherrschaft gestützt – als Bollwerk gegen die Sowjetunion. Für den europäischen Kapitalismus war das äußerst vorteilhaft, da er einen beträchtlichen Teil seiner Verteidigungskosten an seinen mächtigen Cousin jenseits des Atlantiks auslagern konnte.</p>

<p> Damit ist jetzt Schluss. Unter Trump hat der US-Imperialismus beschlossen, mit seinem relativen Niedergang umzugehen, indem er versucht, ein Übereinkommen mit Russland zu finden, um sich besser auf seinen Hauptrivalen konzentrieren zu können: China. Das Zentrum der Weltpolitik und -wirtschaft ist nicht länger der Atlantik, sondern der Pazifik. Diese Verschiebung deutete sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs schon an, aber jetzt ist sie explosiv schlagend geworden.</p>

<p>Diese brutale Erschütterung der internationalen Beziehungen kann niemand ignorieren. Wenn die USA jetzt ein Übereinkommen mit Russland anstreben, ist der europäische Imperialismus in einer äußerst schwachen Position. Die USA sind nicht mehr sein Freund und Verbündeter. Es ist sogar schon behauptet worden, dass Washington Europa jetzt als Rivalen oder Feind betrachtet.</p>

<p>Trump hat mindestens klargemacht, dass die USA nicht länger bereit sind, die Verteidigung Europas zu subventionieren. Der Abzug des US-Schutzschirms, wie es einige genannt haben, hat in grelles Licht gerückt, wie sich die Schwächen des europäischen Imperialismus über Jahre angestaut haben.</p>

<p>Die Krise des europäischen Kapitalismus hat entscheidende politische und soziale Implikationen. Der Aufstieg rechtspopulistischer, euroskeptischer, Anti-Establishment Kräfte auf dem Kontinent ergibt sich direkt daraus. Die europäische Arbeiterklasse wird nicht kampflos akzeptieren, dass es eine weitere Runde von Sparmaßnahmen und Massenentlassungen gibt, denn ihre Kräfte sind großteils intakt und unbesiegt. Die Bühne ist bereitet für eine Explosion des Klassenkampfes.</p>

<h3><strong>Der Krieg im Nahen Osten</strong></h3>

<p>Der gegenwärtige Konflikt im Nahen Osten lässt sich nur vor dem Hintergrund der Weltlage begreifen. Der US-Imperialismus war im Nahen Osten geschwächt worden – Russland, China und der Iran wurden gestärkt. Israel fühlte sich bedroht. Der Angriff vom 7. Oktober war für die herrschende Klasse Israels ein schwerer Schlag. Er zerstörte den Mythos von der Unbesiegbarkeit des zionistischen Staates und stellte seine Fähigkeit in Frage, seine jüdischen Bürger zu schützen. Das aber war die Hauptfrage, die von der herrschenden Klasse Israels genutzt wurde, um die Bevölkerung hinter sich zu vereinen.</p>

<p>Damit wurde auch das Scheitern der Oslo-Abkommen, die im Zuge des Zusammenbruchs des Stalinismus unterzeichnet wurden, deutlich sichtbar. Das Ganze war von Anfang bis Ende ein zynischer Betrug. Die zionistische herrschende Klasse hatte nie wirklich vor, den Palästinensern ein lebensfähiges Heimatland zuzugestehen. Sie betrachtete die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) lediglich als Mittel, die Kontrolle und Überwachung der Palästinenser auszulagern. Das diskreditierte die Fatah und die PA, die völlig zurecht als bloße Marionetten Israels betrachtet wurden, und führte mit Billigung Israels zum Aufstieg der Hamas, die von vielen als einzige Kraft angesehen wurde, die weiterhin für die nationalen Rechte der Palästinenser kämpfte.</p>

<p>Doch in Wirklichkeit führten die reaktionären Methoden der Hamas die Palästinenser in eine Sackgasse, aus der kaum ein Ausweg zu sehen ist.</p>

<p>Die Abraham-Abkommen, die 2020 unter dem Druck der ersten Trump-Regierung unterzeichnet wurden, sollten Israels Stellung als legitimer Akteur in der Region festigen und die Handelsbeziehungen zwischen Israel und den arabischen Staaten normalisieren. Das hätte das Ende der nationalen Bestrebungen der Palästinenser bedeutet, was die reaktionären arabischen Regime nur zu gerne akzeptierten. Der Angriff vom 7. Oktober war eine verzweifelte Antwort darauf.</p>

<p>Die Palästinenser reagierten zunächst begeistert auf diesen Angriff, aber er hatte fürchterliche Konsequenzen. Netanjahu erhielt dadurch eine perfekte Ausrede, einen genozidalen Feldzug gegen Gaza zu beginnen, nachdem es für lange Zeit Massenproteste gegen ihn gegeben hatte. Ein Jahr später hatte Israel Gaza zu einem rauchenden Trümmerhaufen gemacht, aber seine erklärten Ziele nicht erreicht: Die Freilassung der Geiseln und die Zerstörung der Hamas. Das führte zu Massendemonstrationen, an denen sich Hunderttausende Israelis beteiligten, und sogar zu einem kurzen Generalstreik im September 2024. </p>

<p>Diese Demonstrationen waren nicht durch die Unterstützung der palästinensischen Sache charakterisiert, auch nicht durch eine Opposition gegen den Krieg <em>an sich</em>. Trotzdem ist die Tatsache, dass es mitten im Krieg einen solchen Massenwiderstand gegen den Premierminister gab, bezeichnend für die Tiefe der Spaltungen in der israelischen Gesellschaft.</p>

<p>Weil seine Unterstützung zusammenbrach, war Netanjahu gezwungen, die Situation zu eskalieren, indem er im Libanon einmarschierte und die Hisbollah angriff, während er ständig den Iran provozierte. Er hat wiederholt gezeigt, dass er bereit ist, einen Regionalkrieg zu entfesseln und so die USA zu zwingen, direkt an seiner Seite zu intervenieren, um sich politisch zu retten.</p>

<p>Trotz der Gefahr, dass das Massaker in Gaza zur revolutionären Destabilisierung der reaktionären arabischen Regime (in Saudi-Arabien, Ägypten und vor allem in Jordanien) führen könnte, stellte Biden klar, dass seine Unterstützung für Israel „felsenfest“ sei. Netanjahu löste diesen Blankoscheck immer wieder ein und eskalierte zielstrebig weiter in Richtung eines regionalen Krieges. Neben dem genozidalen Massaker in Gaza startete er eine Bodenoffensive im Libanon, Luftangriffe gegen den Iran, Jemen und Syrien sowie anschließend eine Bodenoffensive in Syrien.</p>

<p>Der plötzliche und unerwartete Zusammenbruch des Assad-Regimes in Syrien hat das Kräfteverhältnis erneut verändert. Die Türkei ist im Kontext der Weltwirtschaft nur eine kleine kapitalistische Macht, aber regional hat sie große Ziele. Erdogan hat den Konflikt zwischen dem US-Imperialismus und Russland ziemlich geschickt für sich genutzt.</p>

<p>Da Erdogan spürte, dass der Iran und Russland – mit denen er 2016 in Syrien einen Deal geschlossen hatte – anderweitig gebunden waren (Russland in der Ukraine, Iran im Libanon), entschied er sich, die Offensive der HTS-Dschihadisten aus Idlib zu unterstützen. Völlig überraschend führte das zum vollständigen Zusammenbruch des Regimes. Das Ausmaß, in dem es bereits durch Wirtschaftssanktionen, Korruption und Sektierertum ausgehöhlt war, war viel größer, als irgendjemand vermutet hatte. Die derzeitige Aufteilung Syriens ist die Fortsetzung von mehr als hundert Jahren imperialistischer Einmischung, die bis zum Sykes-Picot-Abkommen zurückreicht.</p>

<p>Es kann im Nahen Osten keinen Frieden geben, ehe die nationale Frage in Palästina gelöst ist. Das ist im Kapitalismus aber unmöglich. Die Interessen der zionistischen herrschenden Klasse in Israel (hinter der die stärkste imperialistische Macht der Welt steht) erlauben nicht, dass es ein wirkliches Heimatland für die Palästinenser gibt – und erst recht nicht, dass Millionen Flüchtlinge nach Palästina zurückkommen können.</p>

<p>Aus einer rein militärischen Perspektive können die Palästinenser Israel nicht besiegen. Es ist eine moderne imperialistische Macht mit höchstentwickelter Militärtechnologie. Sein Geheimdienst hat keine Konkurrenz. Der ganze US-Imperialismus steht hinter ihm.</p>

<p>Welche Mittel stehen den Palästinensern also sonst zur Verfügung? Auch den reaktionären arabischen Regimes können sie nicht vertrauen. Diese leisten Lippenbekenntnisse für die Sache der Palästinenser, haben sie aber immer verraten und mit Israel und dem Imperialismus zusammengearbeitet.</p>

<p>Nur auf den arabischen Straßen findet man die wirklichen Freunde der Palästinenser – die unterdrückten Massen der Arbeiter, Bauern, Kleinhändler und Armen in Stadt und Land. Doch ihre unmittelbare Aufgabe ist es, mit ihren eigenen reaktionären Herrschern abzurechnen. Das setzt die Frage der Abschaffung des Kapitalismus durch die Enteignung der Landbesitzer, Banker und Kapitalisten auf die Tagesordnung. Das ist notwendig, damit die Revolution in Nordafrika und im Nahen Osten Erfolg hat. </p>

<p>Es gibt in der Region eine mächtige Arbeiterklasse, vor allem in Ägypten und der Türkei, aber auch in Saudi-Arabien, den Golfstaaten und Jordanien. Wenn ein erfolgreicher Aufstand in einem beliebigen dieser Länder die Arbeiterklasse an die Macht brächte, würde sich das Kräfteverhältnis verändern. Es würde die Bedingungen für die Befreiung der Palästinenser verbessern und den Weg zu einem revolutionären Krieg gegen Israel eröffnen, was die logische Konsequenz der ganzen Situation wäre.</p>

<p>Der Staat Israel und seine reaktionäre herrschende Klasse können nur besiegt werden, wenn seine Bevölkerung entlang von Klassenlinien gespalten wird. Eine klassenmäßige Spaltung Israels sieht derzeit wie eine ferne Perspektive aus. Doch der ständige Krieg und die Konflikte können schließlich dazu führen, dass ein Teil der israelischen Massen den Schluss zieht, dass nur eine gerechte Lösung der nationalen Frage in Palästina den Frieden bringen kann.</p>

<p>Ohne die Perspektive einer revolutionären sozialistischen Veränderung der Gesellschaft, werden die endlosen Kriege, geführt von reaktionären Regierungen als Marionetten der imperialistischen Mächte, zu gar nichts führen. Unter der Herrschaft des Imperialismus sind vorübergehende Waffenstillstände und Friedensabkommen nur die Vorbereitung des nächsten Krieges. Doch die allgemeine Instabilität, die sowohl Ursache als auch Folge der Kriege ist, wird auch die Bedingungen für eine revolutionäre Bewegung in der kommenden Periode schaffen.</p>

<p>Die palästinensische Revolution wird entweder als sozialistische Revolution und als Teil eines allgemeinen Aufstandes der Masse der armen Arbeiter und Bauern gegen die reaktionären Regime der Region triumphieren oder gar nicht. Die Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas besitzen gewaltige ungenutzte Ressourcen, die eine florierende und wohlhabende Gesellschaft gewährleisten könnten. Stattdessen ist die gesamte Geschichte des Nahen Ostens und Nordafrikas nach der sogenannten Unabhängigkeit von der direkten imperialistischen Herrschaft für die Mehrheit der Bevölkerung nichts als ein Albtraum gewesen. Die Bourgeoisie hat sich als unfähig erwiesen, auch nur eines der grundlegenden Probleme zu lösen.</p>

<p>Die Stalinisten haben eine höchst verhängnisvolle Rolle gespielt, indem sie sich auf die falsche Theorie der „zwei Etappen“ stützen, die künstlich die proletarische Revolution von der sogenannten bürgerlich-demokratischen Revolution abtrennt. Diese reaktionäre Theorie hat zu einer Katastrophe nach der anderen geführt und die Bedingungen für den Aufstieg reaktionärer und unterdrückerischer Diktaturen sowie für den Irrsinn des religiösen Fundamentalismus in einem Land nach dem anderen geschaffen. Nur eine siegreiche sozialistische Revolution kann diesen Albtraum beenden.</p>

<p>Nur eine sozialistische Föderation kann die nationale Frage ein- für allemal lösen. Alle Völker, Palästinenser, israelische Juden, aber auch Kurden, Armenier und alle anderen, könnten in einer solchen sozialistischen Föderation in Frieden leben. Das ökonomische Potential der Region könnte mit einem gemeinsamen sozialistischen Produktionsplan voll ausgenutzt werden. Arbeitslosigkeit und Armut wären Vergangenheit. Erst auf dieser Grundlage könnten die alten nationalen und religiösen Feindseligkeiten überwunden werden – sie wären nur noch wie die Erinnerung an einen Albtraum.</p>

<p>Das ist die einzige Hoffnung für die Völker des Nahen Ostens.</p>

<h3><strong>Wettrüsten und Militarismus</strong></h3>

<p>Signifikante Änderungen im relativen Kräfteverhältnis zwischen den verschiedenen imperialistischen Mächten wurden in der Geschichte normalerweise durch Krieg ausgetragen, insbesondere durch die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert. Heute ist durch die Existenz von Nuklearwaffen ein offener Weltkrieg in der kommenden Periode ausgeschlossen.</p>

<p>Die Kapitalisten ziehen in den Krieg, um sich Märkte, Investitionsfelder und Einflussgebiete zu sichern. Ein Weltkrieg würde heute zur kompletten Zerstörung von Infrastruktur und Leben führen, wovon keine Macht profitieren würde. Es bräuchte einen verrückten bonapartistischen Herrscher über eine Nuklearmacht, damit ein Weltkrieg passieren könnte. Das wiederum wäre nur möglich, wenn die Arbeiterklasse entscheidende Niederlagen einfahren würde. Vor dieser Perspektive stehen wir nicht.</p>

<p>Trotzdem wird die Weltsituation vom Konflikt zwischen den imperialistischen Mächten bestimmt, der sich im Kampf um die Neuaufteilung der Welt ausdrückt. Das zeigt sich in mehreren regionalen Kriegen, die massive Zerstörungen verursachen und zehntausende Menschenleben kosten, und in den ständig wachsenden Spannungen im Handel und in der Diplomatie. Im letzten Jahr gab es die meisten Kriege seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.</p>

<p>Das hat zu einem neuen Wettrüsten geführt, zum Anstieg des Militarismus in den westlichen Ländern und zu einem erhöhten Druck, die Armeen überall wieder aufzubauen, neu auszurüsten und zu modernisieren. Die USA planen, über die nächsten 30 Jahre geschätzte 1,7 Billionen US-Dollar für die Modernisierung ihres Atomwaffenarsenals auszugeben. Sie haben beschlossen, zum ersten Mal seit dem Kalten Krieg wieder Marschflugkörper auf deutschem Boden zu stationieren.</p>

<p>Alle NATO-Staaten stehen unter starkem Druck, ihre Militärausgaben zu erhöhen. China hat eine Erhöhung der Rüstungsausgaben um 7,2 % angekündigt. Russlands Militärausgaben stiegen 2024 aufgrund des Krieges um 40 % und erreichten damit 32 % der gesamten Staatsausgaben bzw. 6,68 % des BIP. Die weltweiten Militärausgaben beliefen sich 2023 auf 2,44 Billionen US-Dollar, was einem Anstieg von 6,8 % gegenüber 2022 entspricht. Das war der größte Anstieg seit 2009 und der höchste jemals verzeichnete Wert.</p>

<p>Das sind unvorstellbare Summen, ganz zu schweigen von der Verschwendung von Arbeitskraft und technischem Fortschritt, die für gesellschaftlich notwendige Zwecke hätten genutzt werden können. Diesen Punkt müssen Kommunisten in ihrer Propaganda und Agitation betonen.</p>

<p>Es wäre zu einfach, wenn wir sagen würden, dass die Kapitalisten ein neues Wettrüsten starten, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. In Wirklichkeit sind Rüstungsausgaben von Natur aus inflationär, ihre Auswirkungen auf die Wirtschaft sind nur kurzfristig und werden durch Kürzungen in anderen Bereichen ausgeglichen. Langfristig schwächen sie die produktive Wirtschaft, indem Mehrwert abgesaugt wird. Vielmehr ist es der Konflikt zwischen den imperialistischen Mächten um die Neuaufteilung der Welt, der die Militärausgaben antreibt. Der Kapitalismus in seiner imperialistischen Phase führt unweigerlich zu Konflikten zwischen den Mächten und letztlich zum Krieg.</p>

<p>Der Kampf gegen Militarismus und Imperialismus hat in unserer Epoche eine zentrale Rolle eingenommen. Wir sind entschiedene Gegner der imperialistischen Kriege und des Imperialismus, aber wir sind keine Pazifisten. Wir müssen betonen, dass die einzige Garantie für den Frieden die Abschaffung des kapitalistischen Systems ist, das den Krieg in sich trägt.</p>

<h3><strong>Das Gerangel um die Wiederbewaffnung des europäischen Kapitalismus</strong></h3>

<p>Im Fall von Europa ist der Drang zu Militarismus und Rüstungsausgaben Resultat der Stärkung des aus dem Ukrainekrieg siegreich hervorgehenden russischen Imperialismus, des Rückzugs der US-Militärunterstützung und des Bestrebens der europäischen Mächte, zu zeigen, dass sie auf der Weltbühne noch eine Rolle spielen.</p>

<p>Die russischen Militärausgaben erreichten im Jahr 2024 ca. 13,1 Billionen Rubel (145,9 Milliarden US-Dollar), was 6,68 % des BIP ausmacht. Das ist eine Steigerung um etwa 40 % im Vergleich zum Vorjahr. Kaufkraftbereinigt entspricht diese Zahl ca. 462 Milliarden US-Dollar. </p>

<p>Europa hat zwischenzeitlich seine Militärausgaben signifikant erhöht (seit 2014 nominell um 50 %), sie erreichen 2024 gemeinsam die Summe von 457 Milliarden US-Dollar. In diesem Fall macht es Sinn, die russischen Ausgaben kaufkraftbereinigt zu betrachten, schließlich vergleichen wir die Anzahl an Panzern, Artilleriegeschützen und Munition, die jeweils pro Dollar in Russland und Europa gekauft werden kann. Sprich: Russland gibt mehr für sein Militär aus, als ganz Europa zusammengerechnet.</p>

<p>Russland produziert auch mehr als die gesamte NATO – die USA miteingerechnet – wenn es um Munition, Raketen und Panzer geht. Laut geheimdienstlichen Einschätzungen der NATO produziert Russland drei Millionen Artilleriegeschosse im Jahr. Die Produktionskapazität der gesamten NATO (inklusive USA) erreicht nur 1,2 Millionen Geschosse, weniger als die Hälfte von Russland.</p>

<p>Der Krieg in der Ukraine hat außerdem die Art und Weise, wie Krieg geführt wird, komplett verändert. Wie immer ist es so, dass im Krieg der Einsatz neuer Technologien und Methoden unter realen Bedingungen getestet und an das Schlachtfeld angepasst werden kann. Das wird in einem rasanten Tempo vorangetrieben. Die sich bekriegenden Armeen sind gezwungen, schnell Mittel und Taktiken zu entwickeln, um dagegen anzukommen. Es wurden zahlreiche Drohnen (in der Luft, zu Lande und zu Wasser), elektronische Überwachungs- und Störtechniken usw. eingeführt.</p>

<p>Die einzigen Armeen, die mit diesen neuen Methoden praktische Erfahrungen gemacht haben, sind die der Ukraine und Russlands. Der Westen hinkt in diesen Feldern ernstlich hinterher. Das militärische Kräfteverhältnis hat sich durch den Ukrainekrieg dramatisch zugunsten Russlands verschoben.</p>

<p>Das bedeutet nicht, dass Russland ein Interesse daran hat, in Europa oder auch nur in einem Teil davon einzumarschieren. Diese sogenannte Gefahr wird von der herrschenden Klasse maßlos übertrieben, um die starke Erhöhung der Rüstungsausgaben zu rechtfertigen und zu versuchen, die gesellschaftliche Opposition dagegen kleinzuhalten. Russland hat kein Interesse daran, in die Westukraine zu marschieren – was eine viel teurere und anspruchsvollere Unternehmung wäre, als die gegenwärtige russische Militärkampagne –, geschweige denn in einem NATO-Land einzufallen.</p>

<p>Aus Sicht des europäischen Kapitalismus liegt die Gefahr nicht wirklich in einer russischen Invasion oder einem offenen militärischen Konflikt zwischen der russischen und den europäischen Armeen. Das wäre für beide Seiten sehr teuer. Es würde außerdem zwei Atommächte involvieren, ein sehr gefährliches Unterfangen.</p>

<p>Die wahre Gefahr für den krisengeschüttelten europäischen Imperialismus besteht darin, von der größten imperialistischen Macht der Welt fallengelassen oder zurückgestuft worden zu sein, während er gleichzeitig einen anderen mächtigen Imperialisten zum Nachbarn hat, der aus dem gegenwärtigen Krieg massiv gestärkt hervorgeht.</p>

<p>Russland hat viel Gewicht (militärisch, und was die Energieressourcen angeht) und übt bereits einen starken Einfluss auf das politische Geschehen in Europa aus. Länder wie Ungarn und die Slowakei haben bereits mit der transatlantischen Orientierung der bestimmenden europäischen Mächte gebrochen. In anderen gibt es aufsteigende politische Kräfte, die in unterschiedlichem Ausmaß in eine ähnliche Richtung gehen (Deutschland, Österreich, Rumänien, Tschechien, Italien). </p>

<p>Der europäische Imperialismus verteidigt nicht das Leben und Zuhause der Völker von Europa, sondern die Profite seiner multinationalen Konzerne und die räuberischen imperialistischen Ambitionen ihrer kapitalistischen herrschenden Klassen. Russland ist ein Rivale des deutschen Kapitalismus in Ost- und Mitteleuropa. Russland ist ein Rivale des französischen Imperialismus in Afrika.</p>

<p>Die langgezogene Krise des europäischen Kapitalismus bedeutet, dass er mit dem Rückzug des Schutzes durch die USA nicht auf eigenen Beinen wird stehen können. Er wird davon bedroht, zwischen den konkurrierenden Interessen der USA, Russlands und Chinas zerstückelt zu werden. Zentrifugale (auseinanderstrebende) Tendenzen werden immer stärker, da jede Kapitalistenklasse beginnt, ihre eigenen nationalen Interessen geltend zu machen. Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass diese Tendenzen letztendlich zum Zerfall der Europäischen Union führen werden.</p>

<h3><strong>Die Weltwirtschaft: von der Globalisierung zu Handelskrieg und Protektionismus</strong></h3>

<p>Die Einführung weitreichender Zölle durch Trump am 2. April markierte einen Wendepunkt in der Weltwirtschaft. Der Prozess der Verlangsamung der Globalisierung und die Hinwendung zum Protektionismus hat jedoch bereits früher begonnen.</p>

<p>Die weltweite Rezession von 2008 war ein Wendepunkt in der kapitalistischen Krise. In der Periode unmittelbar vor der Krise wuchs die Weltwirtschaft um ca. 4 % im Jahr. Zwischen der Krise von 2008 und dem Pandemieschock 2020 wuchs die Wirtschaft nur um 3 %. Vor Trumps Zöllen bewegte sich das Wachstum bereits um ca. 2 % – die niedrigste Wachstumsrate in drei Jahrzehnten.</p>

<p>In Wirklichkeit hat sich die Weltwirtschaft nie von der Rezession von 2008 erholt. Es gab damals massive Bankenrettungen als verzweifelte Maßnahme, um den Finanzsektor zu retten. Die Staaten in Europa häuften riesige Schulden und Budgetdefizite an und waren gezwungen, Sparmaßnahmen umzusetzen. Die Arbeiterklasse wurde dazu verdammt, die Kosten der kapitalistischen Krise zu bezahlen.</p>

<p>Panisch reagierte die herrschende Klasse mit einem gewaltigen Programm des Quantitative Easing – das Pumpen von massiven Geldsummen in die Wirtschaft – und dem noch nie dagewesenen Senken der Zinsrate auf Null oder sogar in den negativen Bereich. Das führte aber nicht zu einer Erholung, da auch die Haushalte mit Schulden überladen waren. Es gab keine produktiven Investitionsfelder in der Produktion, also blähte das überschüssige Geld Blasen bei den Aktienpreisen, Kryptowährungen usw. auf.</p>

<p>Die von den Regierungen auf der ganzen Welt umgesetzten Sparmaßnahmen befeuerten 2011 überall Massenbewegungen: die Revolution in Nordafrika und im Nahen Osten, die Occupy-Bewegung in den USA, die „Indignados“-Bewegung in Spanien, die Bewegung vom Syntagma-Platz in Griechenland usw.</p>

<p>Das widerspiegelte den wachsenden Unmut gegen das kapitalistische System, das den Arbeitern die Kosten für die Bankenrettungen aufbürdete, und das führte zur Diskreditierung aller bürgerlichen Institutionen. Diese Veränderung im Bewusstsein fand – wie wir gesehen haben – einen politischen Ausdruck im Aufstieg einer neuen Art von Linksreformismus um das Jahr 2015 herum: Podemos, Syriza, Corbyn, Mélenchon, Sanders und die „fortschrittlichen Regierungen“ in Lateinamerika.</p>

<p>Wegen ihrem augenscheinlich radikalen Widerstand gegen die Sparpolitik waren sie ein Attraktionspol für die Massen. Dieser Prozess fand sein Ende, als die Beschränktheit des Reformismus offensichtlich wurde: mit dem Verrat der Syriza-Regierung in Griechenland; der Unterstützung von Clinton durch Sanders; dem Zusammenbruch des Corbynismus; und dem Eintreten von Podemos in eine Koalitionsregierung in Spanien.</p>

<p>In den vom Imperialismus dominierten Ländern sahen wir Massenerhebungen und Aufstände (in Puerto Rico, Haiti, Ecuador, Chile, im Sudan, Kolumbien usw.). Die Massenmobilisierungen im Kampf für eine Republik in Katalonien 2017 und 2019 waren auch Teil derselben allgemeinen Bewegung.</p>

<p>Das Fehlen einer Führung bedeutete aber, dass keine dieser Bewegungen im Sturz des Kapitalismus endete, was möglich gewesen wäre.</p>

<p>Die COVID-19-Pandemie im Jahr 2020 markierte einen äußeren Schock für die Wirtschaft, zu einem Zeitpunkt, als sie bereits in Richtung einer Rezession ging (nachdem sie sich nie vollends von der 2008-Krise erholt hatte). Das hat der Weltwirtschaft endgültig den Rest gegeben.</p>

<p>Wieder in Panik ergriff die herrschende Klasse verzweifelte Maßnahmen, um eine soziale Explosion zu verhindern. In den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern bezahlte der Staat die Arbeiter dafür, zuhause zu bleiben. Das bedeutete massive Kosten für die Staatshaushalte, die bereits von der vorherigen Krise völlig mit Schulden überladen waren.</p>

<p>Die über die letzten 15 Jahre wiederholten Versuche, der Weltwirtschaft durch massive Liquiditätsspritzen – über Quantitative Easing, rekordtiefe Zinsen (2009-2021) und andere, ähnliche Panikmaßnahmen – wieder anzukurbeln, sind grandios gescheitert und haben keinerlei substanzielles Wirtschaftswachstum gebracht. Obwohl die Kapitalisten mit Geld überhäuft wurden, haben sie nicht investiert.</p>

<p>Der Hauptfaktor war, dass die Kapitalisten einen Markt brauchen, in dem sie ihre Produkte verkaufen können, um Profite zu machen. Die massenhafte Anhäufung von Schulden bedeutet, dass Haushalte und Unternehmen den Konsum nicht antreiben können.</p>

<p>Die weltweiten Haushalts-, Staats- und Unternehmensschulden haben zusammen ca. 313 Billionen US-Dollar, oder 330 % vom weltweiten BIP, erreicht. Vor einem Jahrzehnt waren es ca. 210 Billionen US-Dollar.</p>

<p>Schulden spiegeln die Tatsache wider, dass die Grenzen dieses Systems bis aufs Äußerste strapaziert sind und jetzt wie eine enorme Barriere für jede weitere Entwicklung wirken. Eine hohe Staatsverschuldung kombiniert mit höheren Zinsraten hat schon eine Reihe von beherrschten Ländern in den Ruin getrieben. Mehr werden folgen.</p>

<p>Die Pandemie hatte auch Auswirkungen auf das Bewusstsein. Sie hat gezeigt, dass das kapitalistische System mit seinem privaten Profit nicht in der Lage ist, mit einem Gesundheitsnotstand umzugehen, und dass die Profite der Pharmagiganten wichtiger sind, als das Leben der Menschen.</p>

<p>In den 1990ern und 2000ern gab es ein gewisses Wachstum der Weltwirtschaft, auch wenn die Wachstumsrate wesentlich niedriger war als während dem Nachkriegsaufschwung von 1948-1973, als es eine signifikante Entwicklung der Produktivkräfte gab. Dazu kommt, dass das Wachstum in der Periode vor 2008 auf der Ausweitung des Kredits und auf der „Globalisierung“ beruhte. Das erlaubte es dem System, teilweise und für eine gewisse Zeit über seine Grenzen hinwegzugehen. Globalisierung bedeutete die Ausweitung des Welthandels, den Abbau von Zollschranken, die Verbilligung von Konsumgütern und die Öffnung von neuen Märkten und Investitionsfeldern in Ländern, die vom Imperialismus beherrscht werden.</p>

<p>Alle diese Faktoren haben sich jetzt in ihr Gegenteil verkehrt. Die Ausweitung von Kredit und Liquidität hat sich in einen Schuldenberg verwandelt.</p>

<p>Die Globalisierung (die Ausweitung des Welthandels) war für eine ganze Periode einer der Hauptantriebe des Wirtschaftswachstums nach dem Kollaps des Stalinismus in Russland und der Wiederherstellung des Kapitalismus in China mit dessen Einbettung in den Weltmarkt. Was wir jetzt stattdessen haben sind Zollschranken und Handelskriege zwischen allen großen Wirtschaftsblöcken (China, EU und USA), die alle versuchen, ihre eigene Wirtschaft auf Kosten der anderen zu retten.</p>

<p>Im Jahr 1991 machte der Welthandel 35 % des weltweiten BIP aus, ein seit 1974 beinahe konstanter Wert. Dann begann ein scharfer Aufschwung mit einem Höhepunkt von 61 % im Jahr 2008. Seitdem stagniert der Wert.</p>

<p>Vor dem letzten Schub an Zöllen prognostizierte der IWF mittelfristig ein jährliches Wachstum des Welthandels um nur 3,2 % und damit ein deutlich geringeres Tempo als in den Jahren 2000-2019, in denen die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate bei 4,9 % lag. Die Ausweitung des Welthandels ist nicht mehr der Antrieb für das Wirtschaftswachstum, wie er es in der Vergangenheit war. Jetzt hat sich der ganze Prozess umgekehrt.</p>

<p>Die Tendenz hin zum Protektionismus, ein Symptom der kapitalistischen Krise, hatte sich bereits seit einiger Zeit abgezeichnet. Im Jahr 2023 haben die Regierungen weltweit 2500 protektionistische Maßnahmen (Steuererleichterungen, gezielte Subventionen und Handelsbarrieren) eingeführt – dreimal so viele wie noch vor fünf Jahren.</p>

<p>Während der ersten Amtszeit von Trump verfolgten die USA eine aggressive protektionistische Politik, nicht nur gegenüber China, sondern auch gegenüber der EU. Diese Politik wurde unter Biden fortgesetzt. Biden verabschiedete eine Reihe von Gesetzen (CHIPS, den sogenannten Inflation Reduction Act usw.) und Maßnahmen, die darauf abzielen, die US-Produktion auf Kosten der Importe aus dem Rest der Welt zu begünstigen. Seit der Wiederwahl von Donald Trump haben sich alle protektionistischen Tendenzen stark beschleunigt und nun zu einem offenen Handelskrieg geführt.</p>

<p>Der zunehmende Protektionismus und die Einführung von Zöllen wird nach der Pandemie und dem Ukrainekrieg ein weiterer Schock für die Weltwirtschaft sein. Das wird – zusätzlich zu den Budgetdefiziten, den Militärausgaben, dem demographischen Wandel und dem Klimawandel – den anhaltenden Inflationsdruck in der Wirtschaft verschärfen und gleichzeitig die Nachfrage einschränken.</p>

<p>Die wirtschaftliche Lage ist allerdings sehr prekär. In der kommenden Zeit besteht das Potenzial für einen erneuten Einbruch, und sogar eine mögliche Depression kann nicht ausgeschlossen werden.</p>

<h3><strong>Trumps Zölle</strong></h3>

<p>Trumps scharfe Wendung in Richtung Protektionismus und offenem Handelskrieg mit China ist ein Symptom für die Krise des US-Kapitalismus. Es bedeutet die Erkenntnis, dass die Industrieproduktion der USA ohne staatliche Intervention auf dem Weltmarkt nicht konkurrenzfähig ist. Gleichzeitig ist der Protektionismus ein Weg für rivalisierende kapitalistische Länder, andere Länder den Preis für die Krise zahlen zu lassen. „America First“ bedeutet zwangsläufig „everyone else last“.</p>

<p>Mit seinen weitreichenden protektionistischen Maßnahmen verfolgt Trump mehrere Ziele. 1) Die Einfuhr von Industriegütern zu erschweren und so Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe in die USA zurückzubringen. 2) Den Aufstieg Chinas als wirtschaftlichen Konkurrenten zu stoppen. 3) Die Einnahmen aus den Zöllen sollen dazu verwendet werden, das Haushaltsdefizit der USA zu verringern, so dass er seine Steuersenkungen aufrechterhalten kann. 4) Die Verwendung von Zöllen als Druckmittel in Verhandlungen mit anderen Ländern, um politische und wirtschaftliche Zugeständnisse zu erreichen.</p>

<p>Es stimmt, dass einige Unternehmen Investitionen in den USA angekündigt haben, um die Zölle zu umgehen und Zugang zum US-Markt (der weltweit größte Markt für Konsumgüter) zu erhalten. Der Aufbau neuer Fabriken ist jedoch ein langwieriger Prozess und jede Schaffung von neuen Arbeitsplätzen wird wahrscheinlich durch die kurzfristigen Auswirkungen der Zölle auf die Lieferketten wieder zunichte gemacht.</p>

<p>Heute, nach 30 Jahren der sogenannten Globalisierung, sind die Lieferketten extrem verzweigt, wobei sich verschiedene Länder auf unterschiedliche Teile des Produktionsprozesses spezialisiert haben. Die Automobilindustrie in den USA, Mexiko und Kanada ist stark miteinander verflochten, wobei Teile mehrmals die Grenzen überqueren, bevor sie in verschiedenen Ländern zusammengebaut werden. Jeder Schritt in Richtung einer Verkürzung der Lieferwege wird sich unmittelbar negativ auf die Wirtschaft auswirken und dazu führen, dass Produkte teurer oder in einigen Fällen sogar knapp werden. Die Unsicherheit, die durch Trumps Einsatz von Zöllen als Verhandlungsinstrument entsteht, wirkt sich auch negativ auf Investitionsentscheidungen aus.</p>

<p>Die Volkswirtschaften der USA und Chinas sind eng miteinander verflochten und voneinander abhängig. Für die USA gibt es derzeit keinen sinnvollen Ersatz für die chinesische Produktion – chinesische Waren sind sowohl erschwinglich als auch von hoher Qualität. Trumps Bestrebungen, sie vom US-Markt zu verdrängen, würden der Wirtschaft wohl schweren Schaden zufügen, lange bevor eine Wiederbelebung der amerikanischen Produktion einsetzen könnte, wenn sie überhaupt jemals zustande kommt.</p>

<p>Jeder Versuch, diese Beziehungen zu entkoppeln, wird negative Folgen für die gesamte Weltwirtschaft haben. Wir sollten uns daran erinnern, dass es nach 1929 eine allgemeine Hinwendung zum Protektionismus war, die die Welt von einer Rezession in eine tiefe Wirtschaftskrise stürzte. Das Welthandelsvolumen ging zwischen 1929 und 1933 um 25 % zurück, und ein Großteil davon war die direkte Folge der zunehmenden Handelsbeschränkungen.</p>

<p>Für eine ganze Periode ermögliche es die Globalisierung dem kapitalistischen System, teilweise und vorübergehend über die Grenzen des Nationalstaates hinauszugehen. Der Protektionismus stellt einen Versuch dar, die Produktivkräfte in die engen Grenzen des Nationalstaates zurückzudrängen, um die Vorherrschaft des US-Imperialismus wiederherzustellen. In den 1930er warnte Trotzki:</p>

<p>„Auf beiden Seiten des Atlantiks wird nicht wenig geistige Energie darauf verschwendet, das phantastische Problem zu lösen, wie man das Krokodil zurück in das Hühnerei treiben kann. Der hochmoderne Wirtschaftsnationalismus ist durch seinen eigenen reaktionären Charakter unwiderruflich dem Untergang geweiht; er bremst und senkt die Produktivkräfte des Menschen.“ (Nationalism and Economic Life, 1934)</p>

<p>Wie zu erwarten war, reagieren die Gewerkschaftsführer überall auf den Protektionismus, indem sie sich hinter ihre eigenen herrschenden Klassen stellen, „um die Arbeitsplätze“ in ihren eigenen Ländern zu verteidigen. Kommunisten müssen einen internationalistischen, unabhängigen Klassenstandpunkt vertreten. Der Feind der Arbeiterklasse ist die herrschende Klasse, vor allem im eigenen Land, nicht die Arbeiter anderer Länder.</p>

<p>Bei Fabrikschließungen sollten wir die Losung der Besetzung vorbringen. Anstelle weiterer staatlicher Rettungsaktionen für private Unternehmen fordern wir die Öffnung der Geschäftsbücher und die Verstaatlichung unter Arbeiterkontrolle. Wenn Fabriken im Kapitalismus nicht gewinnbringend arbeiten können, sollten sie enteignet, umgerüstet und für gesellschaftlich nützliche Zwecke verwendet werden, und zwar im Rahmen eines demokratischen Produktionsplans. Weder Freihandel noch Protektionismus sind im Interesse der Arbeiterklasse. Dies sind nur zwei verschiedene Arten der Wirtschaftspolitik, mit denen die herrschende Klasse versucht, die Krisen des Kapitalismus zu bewältigen. Unsere Alternative besteht darin, das System zu stürzen, das diese Krisen verursacht.</p>

<h3><strong>Legitimationskrise der bürgerlichen Institutionen</strong></h3>

<p>Der Kapitalismus ist nicht mehr dazu fähig, die Produktivkräfte in nennenswertem Ausmaß zu entwickeln und folglich auch nicht dazu in der Lage, den Lebensstandard von einer Generation zur nächsten zu heben. Die Krise des Kapitalismus als Wirtschaftssystem hat zu einer tiefen und wachsenden Legitimationskrise <em>aller</em> politischen Institutionen der Bürgerlichen geführt.</p>

<p>Es gibt eine unglaubliche Ungleichverteilung des Reichtums, bei der eine kleine Handvoll Milliardäre ihr Vermögen vermehrt, während immer mehr Menschen aus der Arbeiterklasse Probleme haben, über die Runden zu kommen. Sie sind mit Sparmaßnahmen, der durch die Inflation sinkenden Kaufkraft der Löhne, steigenden Energierechnungen, einer Wohnungskrise usw. konfrontiert.</p>

<p>Die Medien, die Politiker, die etablierten politischen Parteien, die Parlamente, die Justiz – sie alle werden als Vertreter der Interessen einer kleinen, privilegierten Elite angesehen, die Entscheidungen trifft, um ihre eigenen engstirnigen, egoistischen Interessen zu verteidigen, anstatt den Bedürfnissen der breiten Bevölkerung zu dienen.</p>

<p>Dies ist äußerst bedeutsam, da die herrschende Klasse in normalen Zeiten durch diese Institutionen regiert, die allgemein akzeptiert und als Vertreter des „Willens der Mehrheit“ angesehen werden. Nun wird dies von immer größeren Schichten der Gesellschaft in Frage gestellt.</p>

<p>Anstelle des normalen Mechanismus der bürgerlichen Demokratie, der dazu dient, die Klassenwidersprüche abzuschwächen, setzt sich immer mehr die Idee durch, dass man die eigenen Ziele durch direkte Aktionen erreichen kann. Ein Artikel in Le Monde warnte Macron in Frankreich, dass er, wenn er die Partei mit den meisten gewählten Abgeordneten an der Regierungsbildung hindere, riskiere, der Bevölkerung den Eindruck zu vermitteln, dass Wahlen sinnlos sind. In den USA ist jeder Vierte der Meinung, dass politische Gewalt gerechtfertigt sein könnte, um das Land zu „retten“, während es ein Jahr zuvor noch 15 % waren.</p>

<p>Der Aufstieg der Anti-Establishment-Demagogen ist ein Anzeichen für diese Erosion der Glaubwürdigkeit der bürgerlichen Demokratie und ihrer Institutionen. Wenn in der Vergangenheit eine rechte Regierung in Verruf geriet, wurde sie durch eine sozialdemokratische „linke“ Regierung ersetzt, und wenn deren Vertrauen angeschlagen war, wurde sie wiederum durch eine konservative Regierung ersetzt. Das ist kein automatischer Prozess mehr.</p>

<p>Stattdessen kommt es zu heftigen Schwankungen nach links und nach rechts, die in den Medien als Zunahme des „politischen Extremismus“ bezeichnet werden. Das Erstarken der Extreme in der Politik ist jedoch lediglich ein Ausdruck des Prozesses der sozialen und politischen Polarisierung, der wiederum Ausdruck einer Verschärfung des Klassenkampfes ist. Der daraus resultierende Zusammenbruch der politischen Mitte ist es, der die herrschende Klasse mit Schrecken erfüllt. Sie wollen ihn mit allen Mitteln aufhalten, aber sie sind machtlos dagegen.</p>

<p>Der Grund dafür ist nicht schwer zu erkennen. Linke und rechte Regierungen führen heute im Grunde die gleiche Kürzungs- und Sparpolitik durch. Dies führt zu einer allgemeinen Diskreditierung der Politik, zu einer stetig fallenden Wahlbeteiligung und zum Entstehen aller möglichen politischen Alternativen, die oft nur von kurzer Dauer sind. Rechte Demagogen konnten aus einer bestehenden Anti-Establishment-Stimmung auch deshalb Kapital schlagen, weil die offizielle „Linke“ nicht in der Lage war, eine echte Alternative anzubieten.</p>

<p>Das Geschrei des liberalen kapitalistischen Establishments über die „Gefahr des Faschismus“ und die „Bedrohung durch die extreme Rechte“ dient dazu, Unterstützung für das kleinere Übel zu generieren, für die Idee, dass „wir uns alle zusammenschließen müssen, um die Demokratie zu verteidigen“ und „die Republik zu verteidigen“. Und das in einer Zeit, in der die Liberalen in den meisten Ländern an der Macht sind und Angriffe auf die Arbeiterklasse durchführen, den Militarismus anheizen … und die demokratischen Rechte attackieren.</p>

<p>So wird Trump als „Faschist“ oder „autoritär“ bezeichnet, wenn er Nicht-US-Staatsbürger wegen ihrer Unterstützung für Palästina ausweisen lässt. Wie sollen wir dann die Regierungen der europäischen Länder nennen, die pro-palästinensische Demonstrationen verboten und brutal unterdrückt haben? Wie sollen wir es nennen, wenn in Deutschland und Frankreich Ausländer wegen ihrer Unterstützung für Palästina verhaftet und ausgewiesen werden?</p>

<p>Die Liberalen nutzen die Gerichte, um völlig undemokratische Maßnahmen durchzusetzen, um Politiker, die ihnen missfallen, von der Teilnahme an Wahlen auszuschließen (wie Le Pen in Frankreich) oder, wie im Falle Rumäniens, um Wahlen zu annullieren, wenn ihnen das Ergebnis nicht gefällt! Und dann drehen sie sich um und rufen zur „Einheit für die Verteidigung der Demokratie“ und zu einer „Brandmauer gegen die extreme Rechte“ auf.</p>

<p>Das ist eine verbrecherische Politik, die in Wirklichkeit dazu dient, die Unterstützung für rechte Demagogen zu stärken, die dann sagen können: „Schaut her, rechts und links, sie sind alle gleich“.</p>

<p>Die Kommunisten werden jede reaktionäre Maßnahme, die sich gegen die Interessen der Arbeiterklasse und gegen ihre demokratischen Rechte richtet, bekämpfen. Es wäre allerdings fatal, in irgendeiner Weise die „Demokratie“ im Allgemeinen zu unterstützen (was eine Unterstützung des kapitalistischen Staates bedeutet) oder mit den Liberalen gemeinsame Sache zu machen, wenn sie rechte Demagogen angreifen.</p>

<p>In Wirklichkeit werden rechte Demagogen immer in dem Maße ihren wahren Charakter offenbaren, wie sie mit der realen Situation in Konflikt geraten. Trump ist in den USA bereits an der Macht. Er hat viele Versprechungen gemacht. Er stützt sich auf die Erwartungen von Millionen von Menschen, die glauben, dass er wirklich „Amerika wieder groß machen“ wird. Doch das ist eine reine Illusion. Amerika wieder groß zu machen, bedeutet für die Menschen der Arbeiterklasse anständige, gut bezahlte Arbeitsplätze. Es bedeutet, dass sie bis zum Monatsende durchkommen können, ohne zwei oder drei verschiedene Jobs annehmen oder Blutplasma verkaufen zu müssen, um über die Runden zu kommen.</p>

<p>Millionen von Menschen in den Vereinigten Staaten haben die Illusion, dass Trump die „guten alten Zeiten“ der Nachkriegszeit zurückbringen wird. Mit Sicherheit können wir sagen, dass das ausgeschlossen ist. Die Krise des Kapitalismus bedeutet, dass eine Rückkehr zum goldenen Zeitalter des Nachkriegsbooms oder zu den Goldenen 1920er heute ausgeschlossen ist.</p>

<p>Es ist nicht ausgeschlossen, dass einige dieser Maßnahmen – z.B. Zölle, die die industrielle Entwicklung in den Vereinigten Staaten auf Kosten anderer Länder fördern – für eine kurze Zeit eine gewisse Wirkung haben könnten. Viele werden auch Trump für eine gewisse Zeit einen Vertrauensvorschuss gewähren. Er kann sich auch auf das Argument berufen, dass es das Establishment, der „tiefe Staat“ (deep state) ist, der ihm nicht erlaubt, seine Politik durchzusetzen.</p>

<p>Doch sobald die Realität einsetzt und diese Illusionen zerstreut werden, wird die tief verwurzelte Anti-Establishment-Stimmung, die Trump an die Macht gebracht hat, zu einer starken Verschiebung auf die andere Seite des politischen Spektrums führen. Wir könnten eine ebenso starke und heftige Pendelbewegung nach links erleben.</p>

<p>Es gibt einen Artikel von Trotzki mit dem Titel „Wenn Amerika kommunistisch würde“, in dem er über das amerikanische Temperament spricht, das er als „energisch und gewaltsam“ beschreibt: „Es widerspräche der amerikanischen Tradition, eine wichtige Veränderung vorzunehmen, ohne sich vorher für die eine Hälfte des Spielfelds zu entscheiden und sich die Köpfe einzuschlagen.“</p>

<p>Der amerikanische Arbeiter ist praktisch veranlagt und verlangt konkrete Ergebnisse. Er ist bereit, Maßnahmen zu ergreifen, um Dinge zu erreichen. Farrell Dobbs, der Anführer des großen Teamster-Streiks in Minneapolis im Jahr 1934, wurde vom Republikaner direkt zur trotzkistischen Führungsperson. In seinem Bericht über den Streik erklärt er, warum. Für ihn waren die Trotzkisten diejenigen, die die praktischsten und wirksamsten Lösungen für die Probleme der Arbeiter anboten.</p>

<h3><strong>Eine explosive Situation: Radikalisierung der Jugend</strong></h3>

<p>In Wahrheit steckt die Weltlage voller revolutionärem Potenzial. Die Aufstandsbewegung von 2019-2020 wurde durch die Lockdowns während der COVID-19 Pandemie teilweise unterbrochen, aber die Bedingungen, die sie ausgelöst haben, sind nicht verschwunden. 2022 brachte der Aufstand in Sri Lanka den Präsidenten zu Fall, indem die Massen den Präsidentenpalast stürmten. Die Massenstreiks gegen die Rentenreform in Frankreich 2023 brachten die Regierung unter Druck. 2024 stürmten die Massen in Kenia, angeführt von der revolutionären Jugend, das Parlament und erzwangen die Rücknahme des Finanzgesetzes. In Bangladesch führte eine Bewegung der Studenten, die mit brutaler Repression konfrontiert war, zu einem landesweiten Aufstand und dem Sturz des verhassten Hasina-Regimes.</p>

<p>Ein gemeinsames Merkmal all dieser Bewegungen ist die führende Rolle, die die Jugend spielt. Wer unter 30 Jahre alt ist, hat sein ganzes politisches Leben in einer Situation gelebt, die von der Krise 2008, der COVID-19-Pandemie, dem Ukraine-Krieg und dem Massaker in Gaza geprägt war.</p>

<p>In jüngster Zeit haben wir beachtliche Massenbewegungen in der Türkei, Serbien und Griechenland erlebt. Im Falle Griechenlands führte die Wut über die Vertuschung der Eisenbahnkatastrophe von Tempi in Verbindung mit der angestauten Wut über die Massenverarmung infolge der permanenten Sparpolitik und der tiefen Sackgasse des griechischen Kapitalismus zu einem massiven Generalstreik und den größten Demonstrationen im Land seit dem Fall der Diktatur. Der Massencharakter des Generalstreiks, an dem sich nicht nur die Arbeiterklasse, sondern auch andere Gesellschaftsschichten (kleine Ladenbesitzer usw.) beteiligten, zeigt das tatsächliche Kräftegleichgewicht in der modernen kapitalistischen Gesellschaft. Wenn sich die Arbeiterklasse bewegt, kann sie alle unterdrückten Schichten hinter sich herziehen.</p>

<p>In Serbien hat die Protestbewegung wegen des Einsturzes des Vordaches des Bahnhofs von Novi Sad eine revolutionäre Krise ausgelöst, mit der größten Protestaktion in der Geschichte des Landes. Die Studenten haben eine entscheidende Rolle gespielt, indem sie die Universitäten besetzten und sich durch Studentenplena (Versammlungen) organisierten. Die Proteste haben bereits zum Sturz der Regierung geführt. Sie versuchen bewusst, die Bewegung auf die Arbeiterklasse und die breite Bevölkerung auszuweiten, indem sie <em>Zborovi</em>, Massenversammlungen in Städten und an einigen Arbeitsplätzen, bilden.</p>

<p>Diese beiden Bewegungen verdeutlichen zwei wesentliche Merkmale der gegenwärtigen Situation: das enorme Machtpotenzial der Arbeiterklasse und ihre dominante gesellschaftliche Stellung einerseits und die extreme Schwäche des subjektiven Faktors andererseits.</p>

<p>Darüber hinaus haben sich auch Schichten der Jugend in Fragen der demokratischen Rechte radikalisiert: die massenhafte Frauenbewegung gegen Gewalt und Diskriminierung (Mexiko, Spanien), für oder zur Verteidigung des Abtreibungsrechts (Argentinien, Chile, Irland, Polen), für die gleichgeschlechtliche Ehe (Irland), die Massenbewegung gegen die Polizeibrutalität gegenüber Schwarzen (USA und Großbritannien) usw.</p>

<p>Die Klimakrise ist auch zu einem radikalisierenden Faktor für diese Generation junger Menschen geworden, die sehr stark und zu Recht das Gefühl hat, dass das Leben auf der Erde bedroht ist, wenn sich die Dinge nicht radikal ändern, und dass das System die Schuld daran trägt.</p>

<p>Die Heuchelei und Doppelmoral des Imperialismus in Bezug auf das Massaker in Gaza, das so genannte „internationale Recht“ und die polizeiliche Unterdrückung der Palästina-Solidaritätsbewegung haben ihnen die Augen über das Wesen des kapitalistischen Staates, der kapitalistischen Medien und der internationalen Institutionen geöffnet.</p>

<p>Ein wachsender Teil der Jugend identifiziert sich mit kommunistischen Ideen als der radikalsten Alternative zum kapitalistischen System. Das ist keine Mehrheit, nicht einmal unter der Jugend, aber es ist mit Sicherheit eine bedeutende Entwicklung.</p>

<p>Der Zusammenbruch des Stalinismus liegt nun 35 Jahre zurück, so dass für diese Generation die Propaganda der herrschenden Klasse über das „Scheitern des Sozialismus“ nur noch wenig Bedeutung hat. Worüber sie sich Sorgen machen und worunter sie direkt gelitten haben, ist das Scheitern des Kapitalismus!</p>

<h3><strong>Krise der Führung</strong></h3>

<p>In der Welt hat sich eine Menge brennbares Material angesammelt. Die Krise des kapitalistischen Systems hat mit allen ihren Ausprägungen einen revolutionären Aufstand nach dem anderen provoziert. Die sogenannte liberale Weltordnung, die die Welt für Jahrzehnte geprägt hat, zerbröselt vor unseren Augen. Die Hinwendung zum Protektionismus und zu Handelskriegen schafft enorme wirtschaftliche Turbulenzen.</p>

<p>Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist nicht, ob es in der vor uns liegenden Periode revolutionäre Bewegungen geben wird. Das ist sicher. Die Frage ist, ob diese in einem Sieg für die Arbeiterklasse enden werden?</p>

<p>In den letzten 15 Jahren gab es eine Reihe von revolutionären Bewegungen und Aufständen. Sie haben die enorme revolutionäre Energie und Kraft der Massen gezeigt, wenn diese erst einmal in Bewegung geraten. Sie haben die brutalste Repression, Ausnahmezustände, Medienblackouts und die repressivsten Regimes überstanden. Aber am Ende des Tages hat keine von ihnen die Arbeiterklasse zum Sieg geführt.</p>

<p>Was jedes einzelne Mal fehlte, war eine revolutionäre Führung, die die Bewegung zu ihrem logischen Ende bringen konnte. Die arabische Revolution von 2011 endete in repressiven, bonapartistischen Regimes (Ägypten, Tunesien) oder noch schlimmer, in reaktionären Bürgerkriegen (Libyen und Syrien). Der Aufstand in Chile wurde in die sicheren Bahnen des bürgerlichen Konstitutionalismus [dem Streben nach einer neuen Verfassung] gelenkt. Die Revolution im Sudan endete in einem komplett reaktionären Bürgerkrieg.</p>

<p>Trotzki schrieb im Übergangsprogramm: „Die historische Krise der Menschheit ist zurückzuführen auf die Krise der revolutionären Führung.“ Seine Worte sind heute richtiger denn je. Der subjektive Faktor – das heißt eine Organisation von revolutionären Kadern, die in der Arbeiterklasse verankert sind – ist extrem schwach im Vergleich zu den kolossalen Aufgaben, die die Geschichte stellt. Jahrzehntelang schwammen wir gegen den Strom und wurden von mächtigen objektiven Strömungen zurückgeworfen.</p>

<p>Das bedeutet zwangsläufig, dass die kommenden revolutionären Krisen nicht kurzfristig gelöst werden. Wir stehen deshalb vor einer langgezogenen Periode von Aufs und Abs, Vorstößen und Niederlagen. Aber durch alle diese Prozesse wird die Arbeiterklasse lernen und ihre Avantgarde gestärkt werden. Endlich dreht sich der Wind der Geschichte in unsere Richtung und wir werden mit dem Strom schwimmen können, nicht dagegen.</p>

<p>Unsere Aufgabe ist es, Seite an Seite mit den Massen der Arbeiterklasse teilzunehmen, und das fertige Programm der sozialistischen Revolution mit den unfertigen Sehnsüchten der fortgeschrittensten Elemente nach einem grundlegenden revolutionären Wandel zu verknüpfen.</p>

<p>Die Gründung der Revolutionären Kommunistischen Internationale im Jahr 2024 war ein sehr wichtiger Schritt und wir sollten nicht unterschätzen, was wir erreicht haben: eine internationale Organisation, die fest auf dem Boden der marxistischen Theorie steht. In der vergangenen Periode sind unsere Reihen signifikant gewachsen. Nichtsdestotrotz brauchen wir einen Sinn für Proportionen: unsere Kräfte sind noch immer völlig unzureichend für die Aufgaben, die vor uns liegen.</p>

<p>Die Schwäche des subjektiven Faktors heißt, dass sich die Massenradikalisierung in der nächsten Periode zwangsläufig im Aufstieg und Fall neuer linksreformistischer Formationen und Führer ausdrücken wird. Manche von ihnen werden vielleicht sogar sehr radikal reden, aber sie werden alle an der grundlegenden Beschränktheit des Reformismus ankommen: ihrer Unfähigkeit, die grundlegende Frage des Sturzes des kapitalistischen Systems und der Machtübernahme der Arbeiterklasse zu stellen. Aus diesem Grund ist der Verrat dem Reformismus inhärent. Für eine Weile aber werden manche dieser Formationen und Anführer Enthusiasmus auslösen und massenhafte Unterstützung bekommen.</p>

<p>Überall braucht es einen Sinn für Eile im Organisationsaufbau. Es ist nicht dasselbe, ob wir 100, 1000 oder 10000 Mitglieder organisieren, wenn wieder Massenaufstände ausbrechen. Eine Organisation von 1000 ausgebildeten Kadern am Beginn der Bolivarischen Revolution in Venezuela, oder eine Organisation von 5000 Kadern mit Wurzeln in der Arbeiterklasse, als Corbyn die Führung der Labour Party in Großbritannien übernommen hat, hätte die Situation transformieren können. Zumindest hätten sie, mit einer richtigen Politik und Herangehensweise an die Massenbewegung, zu einer signifikanten Kraft innerhalb der Arbeiterbewegung und damit zu einem Referenzpunkt für breitere Schichten werden können.</p>

<p>Unter den richtigen Umständen kann sich, in der Hitze der Ereignisse, sogar eine relativ kleine Organisation in eine viel größere verwandeln und um die Eroberung der Massen kämpfen. Das liegt in der Zukunft. Heute ist unsere Aufgabe das geduldige Rekrutieren und insbesondere Ausbilden der Kader, insbesondere unter der Jugend der Arbeiterklasse und den Studenten.</p>

<p>Eine Organisation mit festen Wurzeln in den Massen und bewaffnet mit der marxistischen Theorie wird fähig sein, rasch auf die plötzlichen Drehungen und Wendungen der Situation reagieren zu können. Aber eine revolutionäre Führung kann nicht improvisiert werden, wenn revolutionäre Ereignisse ausbrechen. Sie muss vorher vorbereitet werden. Das ist unsere wichtigste Aufgabe. Auf unserem Erfolg oder Scheitern muss letztendlich die ganze Situation beruhen. Dieser Gedanke muss der Hauptantrieb aller unserer Arbeit, Opfer und Mühen sein. Mit der notwendigen Entschlossenheit und Hartnäckigkeit können und werden wir erfolgreich sein.</p>
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