Die Lage von queeren Menschen in Deutschland ist zurzeit widersprüchlich. Auf der einen Seite zählt Deutschland zu den Ländern mit der höchsten Toleranz gegenüber Homosexualität. Laut der Pew Research Center Studie von 2025 sagen 94% der Deutschen, dass Homosexualität nicht „moralisch inakzeptabel“ sei.
Auf der anderen Seite hat in Deutschland die Gewalt gegen queere Personen erheblich zugenommen, vor allem gegenüber trans Menschen. Dem Bundeskriminalamt zufolge haben sich die Fälle von queerfeindlicher Gewalt seit 2015 verzehnfacht und laut der Amadeu Antonio Stiftung gab es bei fast jedem zweiten Christopher-Street-Day (CSD) rechtsextreme Übergriffe.
Gleichzeitig wird der Kulturkampf gegen queere Menschen von oben angeheizt. Bundeskanzler Merz stellte sich beispielsweise gegen das Hissen der Prideflagge über dem Reichstag, weil das Gebäude doch „kein Zirkuszelt“ sei.
Trotz der gesellschaftlichen Akzeptanz, die von der queeren Bewegung über die letzten Jahrzehnte erkämpft wurde, stehen queere Arbeiter und Jugendliche heute wie alle Arbeiter unter Angriff der herrschenden Klasse durch ihre Kürzungspolitik und werden zum Teil noch härter getroffen.
Infolge der Angriffe der US-Regierung auf Programme für Diversität, Gleichstellung und Inklusion kam es letztes Jahr zum Rückzug einiger Sponsoren von CSDs, was eine Finanzierungskrise auslöste. Der Berliner CSD kündigte an, dass der CSD jetzt „krisenfester“ gemacht werden soll. Statt von Großunternehmen wollen sie sich vom Staat finanzieren lassen. Damit bindet sich der Berliner CSD also vollkommen an die bürgerliche Gesellschaft, ob in der Form des Staates oder der Unternehmen, wie REWE, das dem Berliner CSD eine Geschäftsstelle in Schöneberg finanziert.
Diese Abhängigkeit drückt sich dann auch in der politischen Positionierung des CSD aus. In ihrer Kampagne „Haltung ist hot“ fordert der Berliner CSD „eine offene Gesellschaft“, „demokratische Werte“ und „die Gleichberechtigung queerer Menschen“, aber wie erreichen wir das? Die Antwort des CSD Berlin lautet, „demokratische“ Parteien zu wählen.
Liberale Heuchelei
Jedoch war es ausgerechnet die Politik der „demokratischen“ Parteien, welche den Aufstieg von rechten Parteien und Demagogen wie der AfD oder Donald Trump befördert hat. Die Kürzungen bei Jugendclubs, Gesundheit, Wohnen usw. beeinträchtigen die Lebensqualität queerer Menschen. Und es sind auch die „demokratischen“ Parteien, die das traditionelle bürgerliche heterosexuelle Familienbild erneut in den Vordergrund stellen, damit Frauen zurück an den Herd gedrängt werden, um die sozialen Einsparungen zu kompensieren.
Das heißt, in einer Zeit der zunehmenden Angriffe auf queere Menschen können wir uns nicht auf die Kapitalisten und ihren Staat verlassen: Es ist die herrschende Klasse, die queere Unterdrückung vorantreibt.
Um ihre unbeliebte Politik gegen die Mehrheit umzusetzen, müssen sie die Arbeiterklasse spalten und Sündenböcke schaffen. Das ist der Zweck des Kulturkampfs, der jeden Tag in den bürgerlichen Medien ausgefochten wird.
Dabei ist ihre Moral vollkommen opportunistisch: Gestern wurde im Namen queerer Befreiung gegen Ausländer gehetzt, heute wird mit konservativen Ideen ein Kürzungsprogramm gerechtfertigt. So wurde in der US-Regierung und in den Medien die Einschränkung der trans Gesundheitsversorgung heiß diskutiert, während die Förderung für Medicaid und den Affordable Care Act de facto widerstandslos um 1.000 Mrd. USD gekürzt wurde.
Klassenkampf statt Kulturkampf
Die queere Bewegung sollte zu ihren radikalen Wurzeln zurückkehren, als nach dem Stonewall-Aufstand – dem Zündfunken des CSD – die Bewegung, beeinflusst von antikapitalistischen Ideen, für ihre Befreiung kämpfte. Statt sich Unternehmen und dem Staat anzubiedern, muss ein Kampf gegen den Kapitalismus geführt werden, der die Ursache für Unterdrückung ist.
Queere Menschen können diesen Kampf nicht allein führen, sondern müssen sich mit der gesamten Arbeiterklasse verbinden. Wenn wir vereint kämpfen, kann uns keine Regierung aufhalten. Wir haben in den letzten Jahren mächtige Jugend- und Arbeiterbewegungen auf der ganzen Welt gesehen, die Unterdrückung und Ungerechtigkeit mit Klassenkampf beantwortet haben: In Italien wurden durch einen Generalstreik letzten Herbst Waffenlieferungen an Israel blockiert. In Minneapolis wurden ICE-Terroristen von selbstorganisierten Verteidigungskomitees durch die Stadt verfolgt und in keinem Lokal mehr bedient. Auch sie wurden in einem de facto Generalstreik aus der Stadt geschmissen.
Solange der Kapitalismus bestehen bleibt, werden sich die Herrschenden der Homophobie und Queerfeindlichkeit, des Sexismus und Rassismus bedienen, um die Arbeiter zu spalten. Nur so können sie ihr System der Ausbeutung aufrechterhalten. Die Arbeiterbewegung muss sich daher bewusst gegen die Spaltung wenden und klar jede Form der Unterdrückung bekämpfen. Nur so kann die Arbeiterklasse den Kapitalismus in den Mülleimer der Geschichte befördern.