Wir befinden uns in einer der heftigsten Krisen, die der Kapitalismus hervorgebracht hat. Unsere Kultur wird seit Jahrzehnten zurückgeworfen, und jeder jüngere Mensch wächst heute in einer Welt auf, die keine Perspektive und keinen Fortschritt mehr bietet. Das gilt auch für die „Baukunst“, sofern man von ihr heute noch sprechen kann: Eintönige Wohnsiedlungen, leerstehende Bürobauten oder obdachlosenfeindliche Architektur (zynischerweise „defensive Architektur“ genannt) prägen mittlerweile das Bild jeder typischen Stadt in der kapitalistischen Klassengesellschaft.
Immer mehr Immobilienhaie greifen zu Luxussanierungen, während jede größere Stadt mit Wohnungsnot, Obdachlosigkeit und rasant steigenden Mietpreisen nicht fertig wird. Insbesondere die Architektur und damit die gebaute Wirklichkeit spiegeln die Widersprüche der Klassengesellschaft scharf wider. All das prägt die Gestaltung jeder kleineren und größeren Stadt im Kapitalismus.
Diese Verödung und Verrohung bringen zunehmend Vereinsamung mit sich: Nicht mehr nur ältere Generationen und Obdachlose, sondern mittlerweile auch immer mehr junge Menschen werden vom öffentlichen Leben ausgeschlossen oder sogar bewusst aus den Innenstädten vertrieben. Die Kommerzialisierung des öffentlichen Raums degradiert Menschen zu rein zahlenden Geschäftskunden, die jede Daseinsberechtigung in einer Innenstadt verlieren, sofern sie nicht konsumieren.
Die Überhitzung von Aufenthaltsflächen im Sommer, das gezielte Entfernen von Sitzbänken sowie das Aufkommen von „Mosquito-Anlagen“, die ein unangenehm hochfrequentes Piep-Geräusch aussenden, das meist nur Menschen unter 25 Jahren hören können1, sind nur einige von vielen Beispielen dafür, wie Innenstädte zu unwirtlichen Orten kapitalistischer Stadtplanung geworden sind. Zudem machte bereits die rassistische „Stadtbild“-Hetzkampagne von Friedrich Merz deutlich, wie die herrschende Klasse über die Sorgen und Nöte junger Menschen in den Städten wirklich denkt. Dieser Verfall des gesellschaftlichen Stadtlebens ist die direkte Folge einer kapitalistischen Bau- und Stadtpolitik, die den Interessen der herrschenden Klasse und ihrer Handelsketten dient.
Auf der anderen Seite betrachten wir Marxisten Architektur nicht als reine „Bautechnik“ oder bloß als „Kunstgattung“, sondern als Mittel, um unsere Kultur und damit die Gesellschaft weiterzuentwickeln. Sinnvoll gestalten können wir unsere Städte jedoch nicht im Kapitalismus, sondern erst in einer sozialistischen Gesellschaft, in der Produktionsmittel, Grund und Boden demokratisch geplant und bestehende Gebäude überplant werden.
Dieser Artikel versteht sich nicht als Blaupause dafür, wie Architektur wirklich im Sozialismus aussehen kann. Marxisten sind keine Wahrsager. Wir können zum jetzigen Zeitpunkt eigentlich nur spekulieren, wie sich die Vorstufe des Kommunismus architektonisch und damit auch städtebaulich ausdrückt. Allerdings gibt es schon heute etliche gesellschaftlich fortschrittliche Ansätze, wie wir unsere gebaute Umwelt in unserem Interesse gestalten können.
Insbesondere Architektur- und Stadtplanungsstudien an den Universitäten zeigen bereits, wie unsere Städte zu Orten werden können, an denen jeder Mensch sich in Freizeit und Arbeit frei entfalten und persönlich weiterentwickeln kann; an denen Wohnanlagen und Fabriken zu wirklichen Orten des gesellschaftlichen Lebens statt der kapitalistischen Verwertung werden; und an denen das Gefälle zwischen Stadt und Land ein für alle Mal aufgelöst werden kann. Leider werden innovative Studien nur in den wenigsten Fällen umgesetzt – und wenn doch, fehlen häufig früher oder später die finanziellen Mittel, oder viele Projekte scheitern am Privateigentum an Produktionsmitteln, Grund und Boden. Der Kapitalismus hält somit das Potenzial aller Architekturstudenten und -schaffenden zurück.
Profitorientiertes Bauen als kapitalistische Notwendigkeit
Immobilienhaie und Bauträger bauen nicht, um das Zusammenwohnen aller Menschen zu verbessern, sondern um größtmögliche Profite herauszuschlagen. Soziale Gemeinschafts- und Reproduktionsräume (z. B. Gemeinschaftsküchen, Freizeiträume usw.), wirklich ökologische Bauweisen (z. B. kreislauffähiges Bauen) oder auch nur eine innovativere Gestaltung von Fassaden nach den örtlichen Gegebenheiten werden bei größeren Bauvorhaben aufgrund von Profitinteressen wegrationalisiert. Für die Kapitalisten sind all das unnötige Nebenausgaben, die ihren Profit nicht erhöhen.
Deshalb wurden in den letzten Jahren immer öfter ähnlich aussehende „Schuhkartons“ gebaut, die unsere Stadtgestalt nicht bereichern, sondern weiter veröden. Gleichzeitig wird heute so wenig gebaut wie seit Langem nicht mehr. Die deutsche Bauwirtschaft befindet sich in einer tiefen organischen Krise. Bereits die fast in Vergessenheit geratene Ampel-Regierung brachte es in den Jahren 2021 bis 2024 nicht fertig, jährlich 400.000 neue Wohnungen zu bauen. 2024 wurden lediglich 252.000 neue Wohneinheiten fertiggestellt, so wenige wie seit vielen Jahren nicht mehr.2 Seit dem Amtsantritt von Friedrich Merz hat sich diese Bilanz noch weiter verschlimmert: 2025 waren es mit 206.600 Wohnungen um 18 % weniger als im Vorjahr.3
Während auf der einen Seite der kapitalistisch organisierte Wohnungsbau überhaupt nicht den tatsächlichen Bedarf an neuen Wohnungen einlösen kann, beobachten wir auf der anderen Seite, dass der Leerstand in allen Städten immens zugenommen hat. Das betrifft nicht nur Wohnungen, sondern auch größere Büro- und Gewerbekomplexe. All diese bestehenden Flächen brauchen wir dennoch dringend für die Überwindung der Wohnungsnot, um kostengünstigen Wohnraum bereitstellen zu können.
Aber die ökonomischen Interessen von vielen Gebäudebesitzern lassen es nicht zu, dass in den Bestand investiert und mehr Wohnraum zur Verfügung gestellt wird. Zu hoch sind mittlerweile die Baukosten und -zinsen geworden, um kostengünstige Sanierungen profitgerecht auszuführen. Stattdessen nutzen sie potenziellen Wohnraum bewusst als Spekulationsware, um mittels der Wohnungsnot Kapital anhäufen zu können. Die Verknappung von Wohnraum ist dadurch im Interesse der herrschenden Klasse.
Gerade das Privateigentum an Produktionsmitteln sowie an Grund und Boden macht eine sinnvolle Stadtplanung nach sozialen, ökologischen und sogar ökonomischen Kriterien unmöglich. Das ist der architektonische Ausdruck des Kapitalismus: ein rein profitorientiertes Bauen im Interesse weniger reicher Menschen. Es wird nicht bedarfsgerecht gebaut, sondern profitgerecht für eine parasitäre herrschende Klasse. Diese Logik schränkt zudem die Gestaltungsfreiheit von Architekten und Stadtplanern immens ein.
Die russische Revolution
Anhand der Geschichte der Russischen Revolution können wir jedoch studieren, wie das bisher größte Ereignis der Menschheitsgeschichte die Städte vom Joch des Kapitalismus befreite und Kunst sowie Architektur zu Werkzeugen des proletarischen Klassenkampfes machte. Die radikalen Veränderungen der jungen Sowjetgesellschaft machten sich in Baukultur und Bauforschung deutlich bemerkbar – trotz des Bürgerkriegs und des rückständigen wirtschaftlichen Erbes des Zarismus.
Die Aufgabe der revolutionären sowjetischen Kulturpolitik bestand unter anderem darin, den Gegensatz zwischen „Künstlern“ und der „Bevölkerung“ aufzulösen. Durch die Russische Revolution wurden die bisherigen ästhetischen Diskussionen und Fragen über Kunst und Architektur einer kleinen russischen intellektuellen Elite plötzlich zu politischen Massenfragen in den Sowjets und in den Kulturinstitutionen.
Durch die Oktoberrevolution kehrten vom Zarismus verfolgte und unterdrückte Kunstschaffende mit großem Enthusiasmus nach Sowjetrussland zurück. Sie sahen durch den Sturz der Klassengesellschaft zum ersten Mal die Möglichkeit, die Gesellschaft mit den Mitteln von Kunst und Architektur radikal neu zu gestalten. Viele von ihnen wirkten in den revolutionären Kulturinstitutionen und Sowjets mit und bauten sich so einen Zugang zu den bisher unterdrückten Massen auf.
Auf einmal diskutierten nicht mehr nur wenige Architekten und Künstler, wie die gebaute Umwelt weiterentwickelt werden soll. Stattdessen schufen die Sowjets Plattformen, in denen die Arbeiterklasse im Bündnis mit der Bauernschaft begonnen hatte, das Stadt-Land-Gefälle aufzulösen und das Alltagsleben neu zu organisieren. Auch die enteigneten Großvillen und Stadthäuser der ehemals herrschenden Klasse wurden durch die Oktoberrevolution gesellschaftlich sinnvoll weitergenutzt, wodurch viele Arbeiter aus unhygienischen und sehr engen Elendsvierteln ausziehen konnten.
Gerade die russische Kunstavantgarde um El Lissitzky, Wladimir Tatlin, Malewitsch und viele andere inspirierte eine ganze Generation von Klassenkämpfern, Künstlern und Architekten. In Sowjetrussland wurde nicht nur mit dem Kapitalismus, sondern auch mit den architektonischen Dogmen und den stadtplanerischen Grenzen der Vergangenheit ein für alle Mal gebrochen. Diese Kulturrevolution befeuerte das Potenzial der Kunst in allen Richtungen.

Abbildung 2: Sowjetische Revolutionsarchitektur: Vladimir Tatlin und seine Assistenten konstruieren den Entwurf für das Monument der Dritten Internationale.
Die russische Revolutionsarchitektur propagierte eine „Vermaßstäblichung“ für den Menschen, einen Bruch mit der kapitalistischen Vergangenheit und eine neue Epoche der Baukunst. Räume sollten nicht mehr als starre Gebilde oder als „Vermietungsflächen“ gelten, sondern Ergebnis eines höheren schöpferischen Prozesses der Baukunst für den Menschen sein. Klassengegensätze in der Stadtplanung sollten überwunden werden, und die architektonische Ganzheitlichkeit im Sinne einer sozialistischen Gesellschaft sollte das Gemeinschaftsleben weiterentwickeln: Die bauliche Flexibilität von Räumen sollte es der Menschheit erstmals ermöglichen, schnell, effizient und flexibel auf Bedarfe und Wünsche von Menschen zu reagieren.
Diese und viele weitere Ansätze aus der Zeit der Russischen Revolution haben heute ebenso Einfluss auf den Architekturdiskurs an den Universitäten. Daran lässt sich ableiten, wie radikal und innovativ die Architekten der Russischen Revolution vor 100 Jahren dachten und wie eine Revolutionsarchitektur des 21. Jahrhunderts aussehen könnte – auf einer deutlich höheren Ebene.
Die Befreiung der Frau
Am deutlichsten zeigte sich der Charakter der sowjetischen Revolutionsarchitektur an der Überwindung der Frauenunterdrückung. Die Stellung der Frau in der sowjetischen Gesellschaft war ein Gradmesser dafür, inwiefern Klassengegensätze überwunden worden waren. Die Befreiung der Arbeiterklasse von allen Unterdrückungsformen aus der Zeit der Klassengesellschaft musste sich gerade architektonisch sichtbar machen. Die Grundrisse der Siedlungen und Häuser der Zarenzeit waren nicht für die Vergesellschaftung der Reproduktionsarbeit gedacht, sondern dafür, die Frau an die erniedrigende Hausarbeit und an die Familie zu fesseln. Mit genau dieser barbarischen Vergangenheit begann die Arbeiterklasse Russlands zu brechen – nicht nur in der Architektur, sondern überall. Lenin schrieb dazu in seinem Werk „Die große Initiative“:
„Die Frau bleibt nach wie vor Haussklavin, trotz aller Befreiungsgesetze, denn sie wird erdrückt, erstickt, abgestumpft, erniedrigt von der Kleinarbeit der Hauswirtschaft, die sie an die Küche und an das Kinderzimmer fesselt und sie ihre Schaffenskraft durch eine geradezu barbarisch unproduktive, kleinliche, entnervende, abstumpfende, niederdrückende Arbeit gebunden läßt. Die wahre Befreiung der Frau, der wahre Kommunismus, wird erst dort und dann beginnen, wo und wann der Massenkampf (unter Führung des am Staatsruder stehenden Proletariats) gegen diese Kleinarbeit der Hauswirtschaft oder, richtiger, ihre massenhafte Umgestaltung zur sozialistischen Großwirtschaft beginnt.“4
Dieser Aufgabe der sozialistischen Umgestaltung des Alltagslebens nahm sich auch die sowjetische Revolutionsarchitektur an. Die Auflösung der unterdrückenden Hauswirtschaft und die Erforschung kollektiver Wohnmodelle prägten den „architektonischen Diskurs“ der Revolutionsjahre. Es sollte nicht nur die Wohnungsnot in den Städten durch die Beschlagnahme leerstehenden Wohnraums und den raschen Neubau von Wohnungen gelöst werden; vielmehr sollten Städte und Wohnanlagen durch die Errungenschaften der Oktoberrevolution einen neuartigen Ausdruck finden, der das Gemeinschaftsleben aller Menschen unter sozialistischen Verhältnissen förderte.
In diesem Sinne diskutierten vor allem die Vertreter des russischen Konstruktivismus und des Suprematismus, inwiefern Architektur das Alltagsleben der Massen weiterentwickeln und damit auch die lästige Reproduktionsarbeit vergesellschaften könne. Neue Wohnkomplexe und -siedlungen sollten keine Ansammlung vereinzelter Wohneinheiten sein, sondern die dialektischen Wechselwirkungen zwischen allen Bewohnern stärken. Anstelle von Isolation und Anonymität sollten Gemeinschaftsküchen, Speiseanstalten, Kindererziehung u. v. m. das Gemeinschaftsleben aller Bewohner auf eine höhere Ebene heben. Der russische Avantgarde-Architekt El Lissitzky ging in einem Aufsatz über die „Wohnhaus-Kommune“ darauf näher ein:
„Für die Zukunft haben wir nach der einen Seite die intimen, individuellen Forderungen an die Wohnung und nach der anderen all die gemeingültigen, sozialen Bedingungen zu berücksichtigen. Das Kochen soll demnach aus der eigenen Einzelküche in das gemeinsame Kochlaboratorium verlegt werden, die Hauptmahlzeit in öffentliche Speiseanstalten, die Erziehung der Kinder in den Kindergarten, in die Schule. So wird der Raum, der für das individuelle und intime Leben nötig bleibt, nicht nur aus der heutigen Wohnungsnot herausreduziert, vielmehr auch für die Zukunft. Dafür soll das Allgemeine immer freier in Ausmaß und Gestaltung werden. Die Architektur wird damit zum Ausdruck des sozialen Zustandes, gilt als Wirkungsfaktor im sozialen Leben. Das Ziel ist heute, das Haus aus einer Summe von Privatwohnungen in eine Hauskommune zu überführen.“5

Abbildung 3: Durchdringende Innen- und Außenverhältnisse, großzügige Gemeinschaftsflächen und viel Tageslicht: Mehrere innovative Entwürfe für „Wohnhaus-Kommunen“ sollten den sowjetischen Wohnungsbau revolutionieren und damit auch das Alltagsleben der Massen unter sozialistischen Verhältnissen fördern.
Trotz all dieser großen Ziele der Revolutionsarchitektur wurden jedoch nur die wenigsten derartigen Architekturprojekte realisiert: Einerseits musste sich das revolutionäre Sowjetrussland in einem Bürgerkrieg gegen die zaristisch-bürgerliche Konterrevolution und 21 ausländische Interventionsarmeen verteidigen und nach dem Sieg enorme Kriegsschäden reparieren. Andererseits war das Erbe der zaristischen Volkswirtschaft weit hinter der Produktivkraftentwicklung der imperialistischen Hochburgen Deutschland, England und Frankreich zurückgeblieben. Die Russische Revolution war ein Auftakt für die sozialistische Weltrevolution, doch die revolutionären Bewegungen in Westeuropa scheiterten nach dem Ersten Weltkrieg. Die Russische Revolution blieb isoliert; die Herausbildung einer bürokratischen Kaste um Stalin wurde somit ermöglicht.
Rückfall durch „Sozialistischen Realismus“
In der Sowjetunion wurde zwar durch die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln die Klassengesellschaft überwunden, jedoch erhob sich die aufkeimende Staatsbürokratie über die Arbeiterklasse. Sie schöpfte zunehmend Nationaleinkommen für ihre eigenen Interessen ab und verdammte dabei immer mehr Arbeiter zu Akkordarbeit, während die Gehaltsobergrenzen für Staatsbedienstete und Werksleiter aufgehoben wurden. Die Lohngegensätze zwischen Facharbeitern und Werksleitern waren zeitweise sogar gravierender als in den westlichen Industriestaaten. Die Staatsbürokratie siegte damit über die Massen.
Diese Degeneration der russischen Revolution spitzte sich in einer konservativen Wende zu: Sämtliche kulturellen Fortschritte der Oktoberrevolution wurden aufgehoben, da die stalinistische Kaste in ihnen eine Gefährdung ihrer privilegierten Stellung sah. Das Verbot der Abtreibung und der Homosexualität, die Förderung eines patriarchalen Familienbildes und auch die Baukultur wurden zu ideologischen Machtwerkzeugen der stalinistischen Clique: Nicht mehr das Bauen für die Massen, sondern monumentale Prachtbauten und aufwendig verzierte Bürokratenpaläste sollten die parasitäre gesellschaftliche Stellung der jungen Staatsbürokratie zementieren.
Dahingehend konnte die Wohnungsnot mit den Methoden der Revolutionsarchitektur nicht mehr gelöst werden. Stalin, Kaganowitsch usw. ließen das „sozialistische Bauen“ auf lange Zeit vertagen6; die reaktionäre Idee des „Sozialismus in einem Land“ wurde proklamiert. Die politische Degeneration der Oktoberrevolution warf die Architektur um viele Jahrzehnte zurück.
Revolutionäre Vordenker einer sozialistischen Architektur und Kunst wurden von architekturtheoretischen Debatten oder nachfolgenden Aufträgen ausgeschlossen, in Architekturvereinigungen isoliert und damit völlig zum Schweigen gebracht. Während sich noch in den ersten Revolutionsjahren Architekturfragen um die Befreiung der Frau und der Auflösung des Gefälles zwischen Stadt und Land drehten, wurde die Architektur ab den 1930er-Jahren zu einem Mittel der Sowjetbürokratie. Auf einmal wurde das luxuriöse Wohnen für die Staatsbürokratie zum obersten Ziel in der sowjetischen Architektur: Der Architekturhistoriker Dmitrij Chmelnizki brachte die stalinistische Entartung des sowjetischen Architekturdiskurses folgendermaßen auf den Punkt:
„Bei den Projekten, die in den Architekturzeitschriften ab 1932 diskutiert wurden, ging es hauptsächlich um Wohnungseinheiten für Parteifunktionäre verschiedenster Hierarchiestufen. Die Bandbreite reichte von der bescheidenen Wohnung bis hin zum Luxussegment mit Dienstbotenaufgängen und Zimmern für Hausmädchen.“7
Dieser Rückfall der sowjetischen Kunst und Architektur wurde als „Sozialistischer Realismus“ bezeichnet, hatte jedoch mit Sozialismus nichts gemein. Diese reaktionäre Kunstrichtung machte es sich zur Aufgabe, vor allem alte reaktionäre Kunstpfaffen und opportunistische Architekten aus der Zarenzeit wieder in ihre Positionen zurückkehren zu lassen. Sie hatten mit der Oktoberrevolution rein gar nichts zu tun. Als wäre das nicht genug, sagten Stalin und die konservative Bürokratie zu den verbliebenen ehrlichen Künstlern und Architekten der Oktoberrevolution sinngemäß: „Verachtet Eure Meister nicht!“8
Auch Leo Trotzki ging bereits in seinem Werk „Verratene Revolution“ ausführlich auf die tiefen Hemmnisse in der sowjetischen Kunst und Kultur ein, die der Stalinismus ab den späteren 1920er Jahren hervorgebracht hatte. Insbesondere das Bauwesen verdeutlichte dabei die immensen sozialen Unterschiede innerhalb der nachrevolutionären Sowjetunion. Unter diesen Verhältnissen wurde die Architektur von einem Mittel zur Verbesserung des Lebens aller Menschen zu einer Bremse der Weiterentwicklung der Sowjetgesellschaft:
„Jedes Regime schafft sich seinen monumentalen Ausdruck im Bauwesen und in der Architektur. Für die heutige Epoche charakteristisch sind die zahlreichen Sowjetpaläste und Sowjethäuser, wahre Tempel der Bürokratie, die zuweilen Dutzende von Millionen Rubel kosteten, teure Theater, Gebäude der Roten Armee, d.h. Militärklubs, hauptsächlich für die Offiziere errichtet, luxuriöse Untergrundbahnen für Zahlungskräftige, während gleichzeitig und unveränderlich der Bau von Arbeiterwohnungen, und sei es auch nur vom Typus der Wohnkasernen, weit zurückbleibt.“9
Die revolutionären Veränderungen der modernen sowjetischen Revolutionsarchitektur wurden somit aufgegeben. Der sogenannte „Zuckerbäckerstil“ und damit eine zutiefst unehrliche, eklektizistische Architektursprache machten sich unter Stalin breit. Der Rückgriff auf den Klassizismus, das bewusste Verhindern moderner Bauweisen und das Bauen für eine eher kleine „Elite“ sind wesentliche Merkmale, die wir ebenso in der postmodernen Architektur der 1980er-Jahre wie auch in der heutigen reaktionären Rekonstruktionsdebatte beobachten können. Bereits der kommunistische Architekturtheoretiker Ernst Plojhar fasste in seinem „Versuch einer marxistischen Theorie des Bauens“ diese Analogie zwischen Sozialistischem Realismus und Postmoderne treffend zusammen:
„Während die antike Architektur eine Einheit darstellte, von der man nichts weglassen konnte, war der Fehler aller Renaissancen (und auch der Eklektiken), daß kein echtes Innen- und Außenverhältnis entstand und man sich mit einem Bekleben der Fassaden mit antiken Motiven begnügte. In jedem Fall handelte es sich um eine Bewusstseinstäuschung der Epoche über sich selbst (zuletzt beim Zuckerbäckerstil der UdSSR, bei den ‚klassischen Zitaten‘ der Postmoderne).“10

Abbildung 4: Eines von den „Sieben Schwestern“ Moskaus: Stalinistische Prachtbauten, die die Machtstellung der sowjetischen Bürokratie repräsentierten.
Durch die bürokratische Planwirtschaft konnte in der jungen Sowjetunion der tiefe Gegensatz zwischen Stadt und Land nicht überwunden werden, im Gegenteil: Durch das fieberhafte Wachstum der Städte und der neuen Industriebezirke erfolgte eine ungleichmäßige Entwicklung der gesamten Sowjetunion, hauptsächlich im Interesse der immer größer werdenden Staatsbürokratie. Dadurch verschärften sich Produktionswidersprüche zwischen Stadt und Land.11
Dementsprechend korrespondierten die gewaltigen Errungenschaften des Ersten Fünfjahresplanes nicht mit dem Wohnungsbau. Nach den Angaben von Leo Trotzki in „Verratene Revolution“12 wurden nur 55,7% des Planes hinsichtlich des Wohnungsbaus erfüllt, „wobei der Bau von Arbeiterwohnungen am langsamsten, schlechtesten und nachlässigsten erfolgte. Was die Kolchosbauern betrifft, so wohnen sie wie bisher in den alten Katen zusammen mit ihren Kälbern und Kakerlaken. Andererseits beschwert sich der Sowjetadel in der Presse, dass nicht in allen für ihn errichteten Neubauten ‚Neubauten für Hausangestellte‘, d.h. Dienstmädchen vorhanden“ seien.13
Auch wenn die bürokratische Planwirtschaft in dieser Hinsicht scheiterte, ziehen wir daraus keinesfalls den Schluss, dass die Methoden der Planwirtschaft die Weiterentwicklung des Wohnungsbaus lähmen würden – im Gegenteil. Gerade das Fehlen der Arbeiterdemokratie führte dazu, dass die Sowjetbürokratie das Bauwesen für den Bau eigener Luxuswohnungen nutzte. Die nötigen Mittel wurden nicht aufgewandt, um den Wohnungsbau im Interesse der gesamten Sowjetgesellschaft voranzutreiben. Dabei wurde auch die revolutionäre Experimentierfreude der sowjetischen Avantgardearchitekten von Stalin und seinem Führungszirkel bekämpft.14
Zu ihnen gehörte auch der ehemalige Volkskommissar für Finanzen Nikolai Miljutin: Durch seine enge Freundschaft mit dem konstruktivistischen Architekten Moissei Ginsburg beschäftigte er sich intensiv mit architektonischen Fragen und beleuchtete diese bereits in seinem Hauptwerk „Sozgorod“ (deutsch: Sozialistische Stadt). Darin argumentierte er nicht nur gegen den stalinistischen Eklektizismus, sondern auch für die Notwendigkeit einer Verwebung von Architektur und Planwirtschaft:
„Heute können wir leichte und kostengünstige Materialien einsetzen, die wir im Überfluss besitzen […]. Dank dieser leichten und preiswerten Materialien können überall Fabrik gebauten werden, die standardisierte Bauteile beziehungsweise Blocksteine herstellen, die dann direkt zu den Baustellen transportiert werden. […] Unsere wichtigsten Aufgaben sind, eine Leichtkonstruktion zu entwickeln, Standards festzulegen, standardisierte Teile für die Leichtbauweise herzustellen und eine funktionierende Massenproduktion aufzubauen.“15
Revolutionäres Potenzial der Planwirtschaft
Obwohl die Russische Revolution isoliert blieb und von der stalinistischen Kaste verraten wurde, konnten die Methoden der Planwirtschaft die Wirtschaftsleistung anderer Industriestaaten weit überholen. Spätestens in den Nachkriegsjahrzehnten boomte die Baubranche in den Ostblockstaaten durch Standardisierung und Rationalisierung. Mittels industrialisierter Bautechnik wurden Millionen Menschen nicht nur von der Obdachlosigkeit befreit, sondern Arbeiterfamilien konnten erstmals auch in bezahlbare und hygienische Wohnanlagen einziehen.
Jedoch kontrollierte nie die breite Mehrheit der Arbeiterklasse die deformierten Arbeiterstaaten, sondern lediglich eine bürokratische Kaste wandte die Planwirtschaft mit ihren eigenen Methoden an: Durch die mangelnde demokratische Beteiligung von Menschen am Bau, aber auch durch nach wie vor ökonomische Hindernisse sahen vor allem die meisten Großwohnsiedlungen in der Peripherie recht ähnlich und „düster“ aus.
Außerdem wurden viele dieser Siedlungen nicht im Interesse der künftigen Bewohner gestaltet, sondern „krangerecht“ gebaut: Die eigentlich fortschrittliche Standardisierung von Bauteilen wurde mit einer starren Standardisierung von Bautypen (z. B. WBS70 in der DDR) gleichgesetzt. Aus der Architektur in den ehemaligen Ostblockstaaten wurde eine reine Bautechnik, die die Gestaltungsfreiheit von Architekten enorm ausbremste.

Abbildung 5: Strenge bauliche Vorgaben durch die bürokratische Planwirtschaft: Zwar konnten in der DDR massenweise neue kostengünstige Volkswohnungen bereitgestellt werden, aber ausschließlich „krangerechte“ Bauweisen und fehlende Arbeiterdemokratie bremsten die Gestaltungsfreiheit von Architekten enorm aus.
Auch wenn durch die fehlende Arbeiterdemokratie die Ostblock-Architektur schnell an ihre Grenzen gestoßen war, so lässt sich in anderen Bereichen die Überlegenheit der Methoden der Planwirtschaft dennoch sehen: Zwischen 1913 und 1963 wurden Russland und andere Teilstaaten der späteren Sowjetunion von dem schwächsten Glied des Imperialismus zur zweitmächtigsten Nation der Welt: „Die Industrieproduktion wurde 52-mal größer, verglichen mit sechsmal in den USA und zweimal in Großbritannien. Die Arbeitsproduktivität stieg um 1310 %, verglichen mit 332 % in den USA und 73 % in Großbritannien.“16 Stellt euch in diesem Sinne das Potential einer globalen demokratischen Planwirtschaft heute vor! Stellt euch vor, wie rasch wir dabei die Wohnungsnot weltweit lösen können!
Das technische Potenzial der deutschen Bauwirtschaft ist heute deutlich fortgeschrittener als jenes der Ostblockstaaten. Gerade durch eine demokratische Planwirtschaft, aber ebenso mit den Methoden der Künstlichen Intelligenz und durch die systematische Wieder- und Weiterverwendung von Bauteilen (kreislaufgerechtes Bauen), können wir heute nicht nur die heftige Wohnungsnot in unseren Städten lösen, sondern auch bestehende Gebäude und ganze Stadtteile nach unseren kreativen Vorstellungen und Interessen umbauen, weiterbauen und in die Höhe wachsen lassen. Das alles wäre nicht nur sozial- und umweltverträglich, sondern auch ökonomisch sinnvoller.
Der Bremsklotz des Privateigentums an Produktionsmitteln und Boden zieht Grundstücksgrenzen wie wild durch unsere Innenstädte. Jeder Architekt und Stadtplaner übt im Kapitalismus somit weniger planerische als vielmehr baurechtliche Aufgaben aus. Auch das nimmt uns die Gestaltungsfreiheit weg! Auch diesem Problem stellte sich die Russische Revolution, die zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte die Grenzen der anarchischen kapitalistischen Stadtplanung überwand. Dieser immense Fortschrittsgeist begeisterte nicht nur kommunistische, sondern auch sozialdemokratische Architekten, die durch die Folgen der Weltwirtschaftskrise 1929 jede Perspektive im Kapitalismus verloren hatten. Zu ihnen gehörte auch Martin Wagner17, der als ehemaliger Stadtbaurat Groß-Berlins planwirtschaftliche Ansätze für die ganze Stadt verfolgen wollte und sich deshalb mit großer Begeisterung am Städtebau in der Sowjetunion orientierte:
„Jeder deutsche Städtebauer wird aus dem Erstaunen nicht herauskommen, wenn er seinen russischen Kollegen an einer Stadtplanung arbeiten sieht. Was, keine 20 Gesetze, die eine vernunftgemäße Planung über einem Spinnwebennetz von Eigentumsgrenzen behindern? Wirklich ganz freier Boden? Und keine 24 Behörden, die man um Erlaubnis fragen muß, wenn man Fluchtlinie festsetzen will? Keine Kompetenzen und Konsequenzen, und was man plant, das kann man wirklich bauen, das kann man einmal wirklich sehen und erleben? Auch eine Bauordnung und eine Baupolizei sind kein Hindernis für die freie Gestaltung? Ja, unter den Voraussetzungen wird die Stadtplanung ja das Werk einer ganz mühelosen Arbeit? Und wo bleibt denn da die physische und geistige Leistung im Kampf mit der Hydra der Ämter, Zuständigkeiten und Paragraphen?
Ein solcher Vergleich, der heute nicht mehr ein Traumbild, sondern Wirklichkeit geworden ist, läßt in der Tat das Werk unserer Städtebauer in Deutschland zu 90% als völlig unproduktive Nutzlosigkeit erscheinen. Ein großer Irrtum aber wäre es, die von allen unwesentlichen Förmlichkeiten und von den Besitzrücksichten befreite Arbeit des russischen Städtebauers nun als ein Kinderspiel zu werten. Die große schöpferische und gestaltende Arbeit der Städtebauer setzt nach der Befreiung von den Zollmauern des Besitzes erst in ihrer ganzen sozialen, technischen wie künstlerischen Größe ein. Bei uns ist Stadtplanung wirklich nur Stadtplanung. In Rußland ist Stadtplanung wirklich nur Städtebau!“18
Die Überwindung des privaten Grundeigentums und der damit verbundenen, sich meist widersprechenden Privatinteressen schuf die Voraussetzung für das unbehinderte Aufstellen ganzer Stadtpläne und Landesplanungen in der Sowjetunion. Ebenso schuf die sowjetische Planwirtschaft nicht nur die Voraussetzungen für die Verbindung großer Bauvorhaben mit der Planwirtschaft, sondern auch für die damit einhergehende Industrialisierung, Typisierung und Normung des gesamten Bauwesens.19 Das verdeutlicht den Fortschritt der Planwirtschaft und zugleich die Rückständigkeit des kapitalistischen Bauwesens.
Ausweglosigkeit und Verwirrung in der heutigen Architektur
Die tiefe organische Krise des Kapitalismus führt auch in der Baukultur zu einer Polarisierung. Das ist nicht verwunderlich, da das heutige kapitalistische Bauen weder inspiriert noch Lösungen zur Überwindung der Wohnungsnot findet. So beschäftigen sich einerseits immer mehr Architektur- und Kunststudenten mit revolutionären Fragen zur Weiterentwicklung unserer gebauten Umwelt. Andererseits blicken auch vermehrt konservativere kleinbürgerliche Schichten auf die nie dagewesenen „guten alten Zeiten“ zurück. Sie suchen Zuflucht in klassischer Architektur, die am Ende aber immer ein Abbild einer verklärten Klassengesellschaft ist. Eine der größten Architekturbewegungen, die dieses Verständnis aufgreift, heißt „Architektur-Rebellion“.
Oft wird suggeriert, dass die heutigen Probleme der Architektur und Stadtplanung mit Rekonstruktionen, also dem originalgetreuen Wiederaufbau bereits zerstörter Gebäude, angegangen werden könnten. Selbst dort, wo früher nie klassizistisch nachgeahmte Gebäude standen, wird bei Neubauten das Anbringen von Stuckmotiven als Allheilmittel hochgehalten. Wie jedoch schon oben beschrieben, begnügte sich auch der stalinistische „Sozialistische Realismus“ mit dieser zutiefst unehrlichen Architekturpraxis, die der sowjetische Architekturtheoretiker Nikolaj Miljutin in „Sozgorod“ scharf kritisiert hatte:
„Es ist die Sache der Architekten, möglichst rationale Lösungen für die Gebäudenutzung zu finden, wobei die Form eine logische Konsequenz aus dieser Lösung ist. Unsere Architektur muss vor allem ehrlich sein. Eine ehrliche Lösung eines gut definierten und sachkundig bewältigten Problems kann nur schön sein. Eine intelligente bauliche Lösung muss sich nicht hinter einer dekorativen Maske verstecken. Die hoffnungslose Langweile vieler Entwürfe moderner Gebäude entstammt einer unzureichenden Lösung architektonischer Probleme und nicht dem Verzicht auf Dekorationselemente. Im Gegenteil: Da viele Architekten nicht wissen, wie sie die Probleme der Organisation und der Konstruktion eines Gebäude lösen sollen, versuchen sie, ihre Unkenntnis und ihre Unfähigkeit hinter der Maske eines ‚Stils‘ zu verbergen, den sie entweder von ihren Vorgängern kopieren […] oder sie denken sich etwas Neues aus und bezeichnen das dann als ‚Stil’ untermauert mit ‚linken‘ Phrasen und Geschwätz über Idealismus, Symbolismus und ähnlichem Unsinn.“20
In diesem Sinne versucht „Architektur-Rebellion“, die Probleme heutiger Architektur in reaktionärer Manier zu reduzieren: Nicht das kapitalistische Bauwesen soll überwunden werden, sondern Fassadenteile klassischer Architektur sollen blind aufgegriffen und reproduziert werden. Zwar greifen ihre Instagram-Beiträge21 sehr erfolgreich das Scheitern der heutigen modernen Profitarchitektur auf, doch ihre favorisierte Architekturphilosophie steht im direkten Widerspruch zum heutigen technischen Entwicklungsstand und zum künstlerischen Potenzial der Produktivkraftentwicklung. Außerdem wäre ein künstlicher Rückgriff auf längst überholte Bauweisen ein Rückgriff in die Vergangenheit, jedoch keineswegs eine Weiterentwicklung von Architektur und Stadt.
Während Fassaden vergeblich originalgetreu nachgebildet werden, besteht das Innere solcher „Rekonstruktions-Gebäude“ oft aus modernen Stahlbeton-Primärkonstruktionen. Einerseits verdeutlicht das die reaktionäre und oberflächliche Rückgewandtheit dieser Architekturmethode. Andererseits sind solche Rekonstruktionen streng genommen Resultat einer gescheiterten kapitalistischen Moderne, Antworten auf eine progressive Stadtentwicklung zu finden. Diese Debatte spitzte sich bereits in der Vergangenheit zu, als der Palast der Republik abgerissen und durch das Berliner Schloss („Humboldtforum“) ersetzt wurde.
Marxistische Architekturtheorie und -praxis
Schöne Gebäude entstehen nicht durch das bloße, unehrliche Anbringen antiker Stuckelemente an Fassaden. Vielmehr kommt es darauf an, Architektur nicht nur an ihrer äußeren Form (Fassade), sondern auch in ihrer inneren Form (Grundriss, Typologie usw.) zu verstehen. Es gilt, beide Formen herauszuarbeiten und ihr dialektisches Verhältnis zueinander zu bewerten. So lässt sich Architektur nicht nur als gebaute Form, sondern auch als künstlerische Disziplin verstehen, die nutzerspezifische, soziale, ökologische, ökonomische und viele weitere Belange gestalterisch wie technisch verallgemeinert. Deshalb ist „Schönheit“ in der Architektur unmittelbar mit „gestalterischer Ganzheitlichkeit“ verbunden – niemals aber mit einer isolierten Entscheidung zwischen Baustilen und Stuckmotiven.
Architektur ist mehr als das Nachahmen alter Fassaden: Einerseits sollen Gebäude soziale, ökologische und ökonomische Vorgaben einhalten; andererseits funktionieren bestehende Gebäude nur dann, wenn Grundrisse, Innen- und Außenverhältnisse u. v. m. übereinstimmen. Der komplexe Arbeitsalltag von Gebäude- und Stadtplanern beschäftigt sich mit tausenden Fäden und Vorgaben der Stadt, Umwelt und Gesellschaft. Häuser und Stadtteile entstehen niemals im Vakuum, sondern sind in ihrer Entstehung und darüber hinaus dialektischen Wechselwirkungen ausgesetzt, die auch ihren Aufstieg und Verfall vertiefen.
Gerade durch die Herausforderungen des Klimawandels als auch durch die Wohnungsnot ist der Bestand vieler Gebäude nicht auf die Zukunft vorbereitet. Dies ist nicht nur eine gestalterische, sondern eine zutiefst finanzielle Frage: Überall werden derzeit viele Fördermittel und Staatsleistungen gestrichen, während die deutsche herrschende Klasse die Bundeswehr aufrüstet und sich Immobilienhaie wie Vonovia und Deutsche Wohnen an den sozialen Nöten der arbeitenden Klasse bereichert. All diese Probleme lassen sich nicht im Kapitalismus lösen, sondern nur durch den Sturz der herrschenden Klasse.
Dementsprechend ist Architektur für uns revolutionäre Kommunisten keine bloße gestalterische Angelegenheit, sondern hat auch eine sehr politische Dimension. Die Klassenfrage eröffnet viele neue Perspektiven darauf, warum heutige Städte im Kapitalismus verfallen. Dagegen können wir argumentieren, dass in einer sozialistischen Gesellschaft deutlich anders geplant und gebaut werden kann als heute: Seien es die konsequente Einbeziehung künftiger Bewohner bei Neu- und Umbauten, die Etablierung klimaneutraler und kreislauffähiger Baumaterialien als Standard oder auch die Überwindung Tausender unnötiger Baunormen, die letztlich dafür gedacht sind, die Profite weniger Baukonzerne zu schützen – all das können wir systematisch nur durch die Methoden der demokratischen Planwirtschaft verwirklichen.
Wir richten daher unseren Blick nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft. Erst in einer sozialistischen Gesellschaft werden wir den sozialen Auftrag von Architektur weiterentwickeln können. So sah das auch schon El Lissitzky in seinem Aufsatz „Der Unterbau“, der als Teil der Avantgarde den notwendigen Bruch der russischen Revolutionsarchitektur mit der kapitalistischen Vergangenheit einleitete:
„Die Stelle des individuellen, privaten Auftraggebers hat heute der ‚soziale Auftrag‘, wie wir ihn nennen, übernommen. Vom Intimen und Einzelnen hat sich der Schwerpunkt zum Allgemeinen, zur Vielheit verschoben. Ein anderer Maßstab gilt heute für die Architektur. Alle bewährten Rezepte, die früher so bequem zur Verfügung standen, haben auf einmal ihre Gültigkeit verloren. Das gesamte Gebiet der Architektur ist zu einem Problem geworden. Dieses Problem stellte sich in einem Land, das, von Krieg und Hunger erschöpft, gegen die gesamte Außenwelt hermetisch abgeschlossen war. Um diese neuen Architekturprobleme zu lösen, mußte, als erste Notwendigkeit, die Wirtschaft als Unterbau in Ordnung gebracht werden.“22
Wir können daher schlussfolgern, dass sich Architektur nur dann fortentwickeln kann, wenn die Produktivkräfte durch die demokratische Planwirtschaft rasant weiterentwickelt werden. So können wir nicht nur das anarchische kapitalistische Bauwesen überwinden, sondern durch zunehmende Innovation und Automatisierung auch die gesamtgesellschaftliche Arbeitszeit herabsetzen. Das würde es uns allen ermöglichen, dass sich nicht mehr eine Minderheit, sondern die Mehrheit der Bevölkerung mit Themen der Architektur, Kunst und Kultur auseinandersetzt – anstatt in Vollzeit 40 Stunden und mehr pro Woche für den Profit der Kapitalistenklasse zu arbeiten. Dafür müssen wir aber zuerst den Kapitalismus stürzen.
Für die sozialistische Revolution!
Die heutigen Gestaltungsfragen in Architektur und Stadtplanung werden in der tiefen Krise des Kapitalismus zunehmend zu Fragen der Elendsgestaltung und -verwaltung. Architekten und Stadtplaner stehen am Ende eines jahrzehntelangen Niedergangs in Kunst und Architektur. Das verfaulende kapitalistische System ist nicht mehr in der Lage, die Produktivkräfte weiterzuentwickeln und damit die Entfaltung kultureller Vielfalt zu ermöglichen.
Der Sozialismus würde der Menschheit zum ersten Mal die Möglichkeit geben, die Hemmnisse und Widersprüche der gegenwärtigen Architektur im Interesse der Allgemeinheit aufzulösen: Architekten und Stadtplaner erobern sich durch eine sozialistische Wirtschaftsform die Gestaltungsfreiheit zurück. Die Zuspitzung der Bauforschung mittels KI, Robotik usw. würde technologische Sprünge hervorbringen, um noch schönere Gebäude und Städte zu bauen. Durch Standardisierung und Typisierung sparen wir nicht nur unnötige Arbeitszeit ein, sondern können auch unsere Freizeit besser und kreativer gestalten.
Frei von den Fesseln der kapitalistischen Vergangenheit ermöglicht uns die neue Gestaltungsfreiheit, alle Menschen aller Generationen eng in den Entwurf von Baumaßnahmen einzubeziehen. Die Arbeiterdemokratie der demokratischen Planwirtschaft würde unvermeidbar eine Architekturform neuen Typs hervorbringen, die erst dann als „sozialistische Architektur“ bezeichnet werden kann. Nicht mehr die Manager der Baukonzerne und Immobilienhaie, sondern alle heute ausgebeuteten und unterdrückten Massen beginnen zu diskutieren, wie ihre gebaute Umwelt in ihrem Interesse und nach ihren Bedürfnissen umgestaltet werden soll. Wir als Arbeiterklasse können es besser, wenn wir unsere Kreativität und unser Wissen dafür einsetzen, unsere Städte nicht mehr mit neuen Luxus- und Prestigebauten zu verschandeln, sondern innovativen Wohnungsbau für die Allgemeinheit zu betreiben.
Wir als revolutionäre Kommunisten verfallen nicht dem Pessimismus, im Gegenteil: Wir erkennen das revolutionäre Potenzial der Arbeiterklasse an, Veränderungen im Interesse aller ausgebeuteten und unterdrückten Menschen zu erkämpfen. Die Befreiung der Arbeiterklasse und der Jugend vom Joch des Kapitalismus ist die Grundbedingung dafür, dass wir in einer sozialistischen Gesellschaft unsere Kultur weiterentwickeln können.
Gerade die Architektur- und Kunstgeschichte zeigt, dass nur revolutionäre Veränderungen das Kulturniveau aller Menschen deutlich gehoben haben. Solche Veränderungen könnten im Rahmen einer demokratischen Planwirtschaft bis heute ungeahnte Ausmaße annehmen. Das ist der Kern der marxistischen Bauwissenschaft; das wäre der Ausdruck einer sozialistischen Architektur. Wie die Notwendigkeit der Architektur selbst ist auch der Sozialismus eine historische Notwendigkeit, die erkämpft werden muss.
Wir rufen daher alle Architektur- und Kunstschaffenden dazu auf, sich der revolutionären Bewegung und damit der RKP anzuschließen. Bau mit uns die nächsten revolutionären Zellen an den Universitäten und in den Betrieben auf! Sprengen wir die Ketten, die der Kapitalismus uns heute anlegt! Lasst uns die Städte von morgen aufbauen!
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Literaturverzeichnis
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Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Eigenes Werk (2026).
Abbildung 2: Foto: unbekannt (1920); in: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Vladimir_Tatlin_with_assistants_working_on_the_Tower_model.jpg aus: Tatlin’s Tower, Yale University Press 2009. Public domain, via Wikimedia Commons.
Abbildung 3: Baukomitee des Ökonomierates der R. S. F. S. R. Wohnhauskommune, Type E. In: El Lissitzky: Der Unterbau. In: Ulrich Conrads (Hg.): El Lissitzky. 1929. Rußland: Architektur für eine Weltrevolution. Berlin, Frankfurt am Main, Wien: Ullstein (Bauwelt Fundamente, 14), S. 21.
Abbildung 4: Foto: FORTEPAN / Ormos Imre Alapítvány(1971), CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons, in: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:A_Kudrinszkaja_t%C3%A9ri_torony%C3%A9p%C3%BClet._Szovjetuni%C3%B3,_Moszkva_1971._Fortepan_100578.jpg.
Abbildung 5: Foto: Veit Schagow (1980), in: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Neubau_Alters-_und_Feierabendheim_Einsteinstra%C3%9Fe,_Pirna_1980.jpg. CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons.
1 Vgl. Rhine Consulting Group B.V. (2026).
2 Vgl. Destatis 2025.
3 Vgl. Destatis 2026.
4 Lenin: Die große Initiative, S. 419.
5 El Lissitzky: Wohnhaus-Kommune, S. 17f.
6 Vgl. Stein 1965, S. 165.
7 Chmelnizki 2018, S. IX.
8 Vgl. X. Y. 1965, S. 203.
9 Trotzki 2016, S. 148.
10 Plojhar 2001, S. 169.
11 Vgl. Trotzki 2016, S. 160.
12 Trotzki, Leo (2016): Verratene Revolution. Was ist die Sowjetunion, und wohin treibt sie? 1936. 4. Aufl. Essen: Mehring Verlag.
13 Ebenda, S. 148.
14 Vgl. Wilhelm 2015, S. 16.
15 Miljutin 2018, S. 64.
16 Gliniecki 2025.
17 Vgl. Berliner Forum für Geschichte und Gegenwart e.V.
18 Wagner 1965, S. 188f.
19 Vgl. Ginsburg 1965, S. 137.
20 Miljutin 2018, S. 66.
21 Vgl. Architektur-Rebellion (2026).
22 El Lissitzky: Der Unterbau, S. 9.