Hugo Chávez und die venezolanische Revolution

Dieser Artikel wurde im Dezember 2025, wenige Wochen vor der Entführung des venezuelanischen Präsidenten Nicholas Madurors durch die USA, veröffentlicht.

Die bolivarische Revolution Venezuelas war ein Wendepunkt in der Geschichte des Klassenkampfes. Sie war ein Lichtblick in den dunklen Jahren, die auf den Zusammenbruch des Stalinismus folgten. Schon lange vor der Krise von 2008, Occupy, Black Lives Matter oder dem Aufstieg von Sanders oder Mamdani verlieh sie dem Antikapitalismus, Antiimperialismus und Sozialismus neue Anerkennung.

Hugo Chávez verkörperte die Revolution und brachte die Hoffnungen und Bestrebungen der armen Massen weltweit zum Ausdruck. Das Potenzial für eine sozialistische Revolution in der Region war offensichtlich. Wäre sie erfolgreich gewesen, sähe die Welt heute ganz anders aus. Anstelle von hunderttausenden in die USA fliehenden verzweifelten venezolanischen Flüchtlingen hätte sich die sozialistische Revolution wie ein Lauffeuer über Landesgrenzen hinaus ausgebreitet.

Die schrecklichen Lebensbedingungen und die verschärfte imperialistische Schikane, unter der die Venezolaner heute leiden, sind direkte Folgen des Scheiterns der Revolution. Es ist das Gesetz der Geschichte: Der Preis dafür, die sozialistische Revolution nicht zu Ende zu führen, ist Reaktion und Konterrevolution.

Unglaublicherweise behaupten viele sogenannte Marxisten, dass es sich überhaupt nicht um eine Revolution gehandelt habe. Aber jeder, der den Film The Revolution Will Not Be Televised gesehen hat, wird die Opferbereitschaft und den Bewusstseinssprungder unterdrücktesten Schichten der venezolanischen Gesellschaft gesehen haben. Denn genau so sieht es aus, wenn die Massen die Bühne der Geschichte betreten, ihr Schicksal in die Hand nehmen und den Himmel erstürmen.

Unvollendete Revolution

Über ein Jahrzehnt lang stand die venezolanische Revolution an einem Scheideweg. Aber schließlich verwandelte sich Quantität in Qualität, und der Weg zur Revolution war – vorerst – verschlossen. 

Eine harte Lektion, dass revolutionäre Chancen, auch unter den außergewöhnlichsten Umständen, nicht ewig anhalten. Es gibt keinen dritten Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus, und man kann keine halbe Revolution machen. Wie Marx erklärt: „Die Arbeiterklasse kann nicht die fertige Staatsmaschinerie einfach in Besitz nehmen und für ihre eigenen Zwecke in Bewegung setzen.“ Genauso kann sie nicht einfach die kapitalistische Wirtschaft übernehmen. 

Tragischerweise haben Chávez und seine engsten Mitstreiter genau das versucht. Trotz der heroischen Anstrengungen der Massen blieben die Hauptaufgaben der Revolution unvollendet: die Errichtung eines demokratischen Arbeiterstaates und die Enteignung der Banken, der Industrie und des Grundbesitzes, sowohl der ausländischen wie der einheimischen Bourgeoisie.

Das offen erklärte Ziel des US-Imperialismus ist es, Venezuelas Öl, welches die größten nachgewiesenen Reserven der Welt darstellt, zu beschlagnahmen. Ebenso will er, den venezolanischen Massen eine „Lektion“ darüber zu erteilen, wer hier der Chef ist, und gleichzeitig Kuba sowie der breiteren lateinamerikanischen Linken einen Schlag zu versetzen. Vor allem zielen die USA darauf ab, dem schnell wachsenden Einfluss Chinas und Russlands entgegenzuwirken, da BRICS die amerikanische Hegemonie in ihrer eigenen Hemisphäre bedroht.

Die Imperialisten hoffen, dass verstärkte militärisches Einschüchterung und Sabotage der sanktionsgeschwächten Wirtschaft zu einem Zusammenbruch der Regierung führen werden, ähnlich wie in Syrien. Venezuela ist jedoch nicht mehr so isoliert wie in der Vergangenheit und bereitet sich seit über zwei Jahrzehnten auf einen asymmetrischen Krieg im Falle eines imperialistischen Angriffes vor. Obwohl die Venezolaner in einer direkten Konfrontation eindeutig unterlegen wären, könnten sie durchaus in der Lage sein, ein Schiff oder ein, zwei Flugzeuge auszuschalten, möglicherweise sogar noch viele mehr. Nach Vietnam, Irak und Afghanistan hat die amerikanische Bevölkerung eine extrem niedrige Toleranz für Opfer, insbesondere wenn sie aus einem unprovozierten Krieg resultieren und eine noch größere Flüchtlingskrise auslösen könnten. 

Bisher war „Operation Southern Spear“ ein unbeholfener Anfang für Trumps offensichtlichen Versuch, sich in die westliche Hemisphäre zurückzuziehen. Der Chef-Anwalt des Südkommandos (Southcom) des US-Militärs hat die „Double-Tap“-Angriffe auf mutmaßliche Drogenschmugglerboote als illegal angeprangert, und der Top-Offizier von Southcom tritt zurück, um gegen diese außergerichtlichen Morde zu protestieren. Hegseth und Trump werden offen beschuldigt, Kriegsverbrechen zu begehen. Darüber hinaus ist Milliarden von Dollar auszugeben, um mit 20 Prozent der US-Marine Venezuela zu schikanieren nicht ganz, was die MAGA-Wähler im Sinn hatten, als ihnen eine „America First“-Politik versprochen wurde.

Mit nur 15 Prozent Unterstützung für eine Intervention sowohl in den USA als auch in Venezuela könnte jeder Angriff böse nach hinten losgehen, und die Amerikaner könnten mit einem gescheiterten Staat im Stil Libyens in ihrem Hinterhof enden – oder sie könnten die Revolution auf dem gesamten Kontinent wiederbeleben – auch in den USA. Trotz des unablässigen Drucks der Neokonservativen anzugreifen, gibt all dies Trump sicherlich zu denken. Nichtsdestotrotz sollten wir einen Angriff unter falscher Flagge nicht ausschließen – wie Pearl Harbor oder den Vorfall im Golf von Tonkin – um die Amerikaner, für den Plan Maduro auszuschalten, zu gewinnen.

Der Caracazo

Nach Jahrhunderten spanischer Herrschaft erlangte Venezuela 1821 nach einem längeren revolutionären Krieg unter der Führung von Simón Bolívar seine Unabhängigkeit. Aber das Land blieb wirtschaftlich rückständig, undemokratisch und abhängig. Nach der Entdeckung des Öls 1914 beschleunigte sich das Eindringen des ausländischen Imperialismus in die Wirtschaft. Der damalige Diktator gewährte ausländischen Ölkonzernen großzügige Zugeständnisse, und eine Reihe von Militärjuntas regierte Venezuela bis 1958 bis zu dem besonders repressiven Regime von Marcos Pérez Jiménez, das in einem Massenaufstand gestürzt wurde.

Die direkte Militärherrschaft wurde durch eine Periode begrenzter formaler Demokratie ersetzt, die als das Puntofijo-Abkommen bekannt ist. Das Abkommen war ein Machtteilungspakt zwischen den beiden wichtigsten bürgerlichen Parteien – Demokratische Aktion (AD) und dem Komitee der Unabhängigen Politischen Wahlorganisation (COPEI) – einer Zweiparteienoligarchie, ähnlich derer der Republikaner und Demokraten.

Während der globalen Ölkrise 1976 verstaatlichte Präsident Carlos Andrés Pérez (AD) den Ölsektor und gründete Petróleos de Venezuela, S.A. (PDVSA). Angeblich ein staatliches Unternehmen, wurde es von einer technokratischen Elite dominiert, und ausländische Unternehmen behielten einen erheblichen Einfluss. Nach einem weiteren Jahrzehnt der Korruption und Krise waren die Voraussetzungen für den Caracazo geschaffen.

1989 war Carlos Andrés Pérez zum zweiten Mal zum Präsidenten gewählt worden. Im Februar kündigte er ein vom IWF auferlegtes „Strukturanpassungspaket“ an, das massive Sparmaßnahmen, Privatisierungen und Währungsabwertungen beinhaltete. Mit dem Aussetzen staatlicher Subventionen schossen die Kosten für Lebensmittel, Treibstoff und Transport über Nacht in die Höhe.

Am Morgen des 27. Februar versammelten sich wütende Menschenmassen in den verarmten Barrios rund um die Hauptstadt Caracas, um gegen die erhöhten Buspreise zu protestieren. Die Proteste explodierten schnell in einen massiven spontanen Aufstand ohne organisierte Führung oder Plan. Hungrige und verzweifelte Menschen plünderten Supermärkte; Busse wurden angezündet; und Symbole des Reichtums und der Regierungsgewalt wurden angegriffen.

Pérez erklärte den Ausnahmezustand, setzte die Grundrechtsgarantien aus und mobilisierte Polizei und Militär. Häuser wurden durchsucht und unbewaffnete Zivilisten auf offener Straße erschossen. Bis zu 3.000 Menschen wurden getötet oder verschwanden und Tausende weitere wurden verprügelt und verhaftet.

Der Staat erlangte schließlich die Kontrolle zurück. Aber das Puntofijo-System war tot. Ein junger Major namens Hugo Chávez, der von diesen Ereignissen zutiefst betroffen war, sollte später sagen, dass das Blut, das während des Caracazo vergossen wurde, die Samen der Bolivarischen Revolution gewässert hatte.

Der Aufstieg von Chávez

Hugo Rafael Chávez Frías, 1954 in ländlicher Armut geboren, träumte davon, professioneller Baseballspieler zu werden, trat aber stattdessen in die venezolanische Militärakademie ein. Inspiriert von Bolivar glaubte er daran, dass der enorme natürliche Reichtum des Landes zum Wohle der einfachen Leute genutzt werden sollte.

Nach dem Caracazo bildeten er und andere fortschrittliche Offiziere eine geheime Gruppe namens MBR-200 und entwickelten seine „bolivarische“ Ideologie, die Bolívars Panamerikanismus mit Antiimperialismus verschmolz. Chávez, mittlerweile ein Oberst, startete am 4. Februar 1992 einen Putsch gegen Pérez. Dieser Versuch war leider voreilig und der Putsch verlor schnell an Schwung. Chávez ließ man live im Fernsehen auftreten, um seine Genossen dazu aufzufordern, die Waffen niederzulegen.

Anstatt sich für das gescheiterte Abenteuer zu entschuldigen, übernahm er die volle Verantwortung und fügte hinzu, dass die Ziele der Bewegung nur „por ahora“ – vorerst – nicht erreicht worden seien. Von seinem Mut und seiner Authentizität elektrisiert, sahen Millionen ihn als Volkshelden an. Verurteilt und ins Gefängnis gesteckt, bildete er sich weiter und verband sich mit den Volksbewegungen des Landes. Unter dem Druck von unten wurden Chávez und seine Mitstreiter nach nur zwei Jahren begnadigt.

Chávez trat in die Politik ein und reiste durch das Land. Obwohl er ein klassisches Beispiel für einen Zufall war, der die Notwendigkeit ausdrückte, hat er den Ereignissen seine eigene Prägung verliehen. Er verstand die Probleme der armen Arbeiter und Bauern. Er strotzte vor Charisma und gab ihnen den Respekt und die Würde, die sie verdienten. Er vermischte nahtlos Verweise auf Bolívar, Revolution, Sozialismus und Jesus Christus. Nette, kleine alte Damen forderten inbrünstig, dass Chávez die Bibel in der einen Hand und das Schwert von Bolívar in der anderen tragen solle – um den Oligarchen die Köpfe abzuschlagen.

1997 gründete er die Bewegung der Fünften Republik (MVR) und startete seine Präsidentschaftskampagne, die von den „bolivarischen Zirkeln“ unterstützt wurde, die im ganzen Land wie Pilze aus dem Boden schossen. Sein Programm forderte eine verfassungsgebende Versammlung, um die Verfassung umzuschreiben, und verlangte, dass Venezuelas Ölreichtum zur Finanzierung von Sozialprogrammen für die Armen verwendet werden soll. Seine Wahlkampfausgaben wurden von denen seiner Gegner weit überschattet und er sah sich großer Feindseligkeit seitens der Medien und beider großer Parteien ausgesetzt, die einen einzigen Kandidaten unterstützten, um ihn zu stoppen. Jedoch war seine Graswurzelbewegung nicht aufzuhalten und er wurde am 6. Dezember 1998 mit entscheidenden 56 Prozent der Stimmen zum Präsidenten gewählt.

Im April 1999 stimmten 87,75 Prozent für die Einberufung einer verfassungsgebenden Versammlung, und nach ausführlicher Debatte und Öffentlichkeitsbeteiligung wurde eine neue Verfassung entworfen. Obwohl die Verfassung im Allgemeinen bürgerlich blieb, war sie weitaus fortschrittlicher als frühere Versionen.

Das Land wurde offiziell in „Bolivarische Republik Venezuela“ umbenannt und eine neue Fahne wurde angenommen. Sie bekräftigte die staatliche Kontrolle über natürliche Ressourcen, insbesondere Öl, und verbot die Privatisierung von PDVSA. Sie garantierte gleiche Rechte für Frauen und erweiterte Mechanismen für die direkte Demokratie, einschließlich Referenden und Abwahlen. Sie garantierte kostenlose Gesundheitsversorgung und Bildung als verfassungsmäßige Rechte. Sie erkannte unter anderem die Rechte indigener und afro-venezolanischer Völker auf ihre Länder, Sprachen und Kulturen an.

Im Dezember wurde die Verfassung mit 71,78 Prozent der Stimmen verabschiedet. Es folgten die „Mega-Wahlen“ vom Juli 2000, um die Präsidentschaft und alle anderen gewählten Ämter unter der neuen Verfassung zu bestätigen, und Chavez konnte seinen Stimmenanteil auf 59,76 Prozent erhöhen. Mit seinem erneuerten Mandat versuchte er, echte Kontrolle über PDVSA und die Ölindustrie zu erlangen.

Der Putsch im April 2002

Im November 2001 verabschiedete die Nationalversammlung ein Ermächtigungsgesetz, das Chávez erlaubte, ein Jahr lang per Dekret Gesetze zu bestimmten Fragen zu erlassen. Mit diesen Befugnissen erließ er 49 Dekrete, darunter ein Landumverteilungsgesetz und das Kohlenwasserstoffgesetz, das die Tantiemen des Staates für die Ölförderung erhöhte und die staatliche Kontrolle über die PDVSA stärkte.

Es ist nicht überraschend, dass dies für die venezuelanischen Oligarchen und ihre imperialistischen Unterstützer zu viel war. Sie starteten eine hysterische Kampagne und nannten die Dekrete „kommunistisch“ und „diktatorisch“. Sie fürchteten weniger die bescheidenen Reformen selbst, sondern vielmehr die Massen hinter Chávez.

Fedecámaras, ein Konsortium der mächtigsten Familien und Unternehmen, sabotierte die Wirtschaft von Anfang an. Sie horteten Speiseöl, Reis, Toilettenpapier und andere Güter des täglichen Bedarfs, was zu künstlichem Mangel führte. Sie schlossen Fabriken, verlagerten Kapital aus dem Land und weigerten sich, zu investieren. Sie organisierten Proteste, Streiks und Straßensperren, um das Land unregierbar zu machen.

Dass die CIA stark beteiligt war, versteht sich von selbst. Die Organisationen National Endowment for Democracy und USAID schulten rechte Aktivisten in den Methoden des Regimewechsels. Sie gaben Millionen an die tollwütige Escualido-Opposition, darunter die friedliebende Nobelpreisträgerin María Corina Machado. Diese große venezolanische Patriotin hat versprochen, die riesigen natürlichen Ressourcen ihres Landes an die amerikanischen Konzerne zu übergeben, und würde es auch mit Freude in ein neues Syrien verwandeln, solange sie und ihre kriminellen Freunde ein Stück vom Kuchen abbekommen. Sie hat sogar Netanjahu dazu aufgefordert, in ihr Land einzumarschieren, um es zu befreien. 

Da die Kontrolle über die Reichtümer der PDVSA auf dem Spiel stand, starteten sie im April 2002 eine Art „Farbenrevolution“. Wie sie es 2014 in der Ukraine wieder tun würden, inszenierten sie einen bewaffneten Zusammenstoß zwischen rivalisierenden Demonstrationen, benutzten Scharfschützen, um Menschen auf beiden Seiten zu töten, und machten die Regierung dafür verantwortlich. Das Oberkommando des Militärs rebellierte, und die reaktionären Kräfte umzingelten den Präsidentenpalast. Chávez weigerte sich, seinen Rücktritt zu unterzeichnen, und wurde auf eine Insel gebracht, um von den Amerikanern aus dem Land gebracht zu werden.

Am 12. April wurde Pedro Carmona – der Chef von Fedecámaras – als Präsident vereidigt und sofort von der George-W.-Bush-Regierung anerkannt. Ein Who-is-who der Reaktion versammelte sich im Präsidentenpalast und jubelte vor Schadenfreude, als Carmona jede demokratische Institution der Bolivarischen Republik auflöste – natürlich alles im Namen der Demokratie.

Inmitten einer Welle von Massenverhaftungen, Repressionen und Belagerung der kubanischen Botschaft waren die Minister von Chávez gezwungen, sich zu verstecken. Die Imperialisten und die lokale Oligarchie dachten, sie könnten weitermachen wie gewohnt – aber die Massen hatten andere Pläne. Soweit es sie anging, hatten sie Chávez gewählt, und sie würden entscheiden, wann er nicht mehr ihr Präsident ist.

Am Morgen des 13. April verbreitete sich in den Barrios die Nachricht, dass Chávez nicht zurückgetreten war, sondern gefangen gehalten wurde. Wie damals 1989 brach eine menschliche Lawine über das Zentrum von Caracas herein und forderte die Rückkehr von Chávez. Loyale Militäreinheiten, einschließlich der Präsidentengarde, gingen gegen die Putschisten vor. Diejenigen, die nicht verhaftet wurden, flohen wie Ratten – jedoch nicht, bevor sie nicht die Präsidententresore geplündert hatten. Früh am 14. April wurde Chávez zurück in den Präsidentenpalast geflogen und nahm sein Amt wieder auf.

Zum ersten Mal in der Geschichte Lateinamerikas wurde ein von den USA angestifteter Staatsstreich durch die revolutionäre Aktion der Massen rückgängig gemacht. Der alte Staatsapparat war plötzlich machtlos. Den Armen und Arbeitern gehörten die Straßen und die einfachen Soldaten waren auf der Seite der Revolution. Wie Alan Woods damals erklärte, hätte Chávez nur seinen kleinen Finger heben müssen und die Revolution hätte ohne Blutvergießen oder Bürgerkrieg durchgeführt werden können.

Er hätte die Besetzung und Verstaatlichung der Fabriken und Ländereien, die Enteignung des Imperialismus und die Nichtanerkennung der Auslandsschulden fordern können. Er hätte die Bildung von Volksaktionskomitees – Sowjets – und einer bewaffneten Volksmiliz fordern können, um die Revolution zu verteidigen und damit das stehende Heer und die Polizei zu ersetzen. Die Massen waren bereit und warteten nur noch auf das Wort. Der gesamte Verlauf der Menschheitsgeschichte hätte sich in diesem Moment ändern können. Der sozialistischen Revolution wäre Tür und Tor geöffnet worden. Ganz Lateinamerika wäre dem Beispiel Venezuelas gefolgt – und viele andere Orte auch.

Stattdessen ging der Moment verloren. In den frühen Morgenstunden rief Chávez zu Ruhe und Frieden auf und forderte alle auf, nach Hause zu gehen. Keine einzige Person, die an dem Putsch beteiligt war, wurde jemals verhaftet. Sogar „Pedro der Kurze”, wie Carmona genannt wurde, durfte sich frei auf den Straßen von Caracas und Miami bewegen.

‚Jeder 11. hat einen 13.’

Es ist unmöglich zu übertreiben, wie groß diese verpasste Chance war. Nichtsdestotrotz wurde die Idee, dass „jeder 11. einen 13. hat“, Teil des kollektiven Gedächtnisses der venezolanischen Massen. Die Peitsche der Konterrevolution kann durch konzertierte revolutionäre Aktion zerschlagen werden, und der April 2002 in Venezuela ist der Beweis.

Über den Verlauf der nächsten Jahre tobte der erbitterte Kampf zwischen Revolution und Konterrevolution weiter. Die Oligarchie und der Imperialismus blieben skrupellos und unerbittlich. Sie hatten die Schlacht verloren, hatten aber nicht vor, den Krieg aufzugeben. Anstatt sie von ihrem Elend zu erlösen, versuchte Chávez, sie zu beschwichtigen. Aber wie jeder weiß, zieht Schwäche nur Aggression auf sich.

Nur wenige Monate später, im Dezember 2002, wurde ein weiterer Regimewechsel versucht, diesmal in Form einer Aussperrung der Arbeiter in der Ölindustrie durch die Bosse. Die Verbindung zu den Computern, die den Betrieb von Houston aus fernsteuerten, wurde gekappt. Geräte und Ventile wurden zerstört und Sand in die Pipelines gegossen. Milliarden an Einnahmen gingen verloren.

Aber innerhalb weniger Tage bildeten die PDVSA-Mitarbeiter Koordinierungsräte und begannen, die Produktion – manuell – wieder in Gang zu bringen. Innerhalb weniger Wochen war die riesige Maschinerie von PDVSA unter Arbeiterkontrolle – ohne die Geschäftsleitung – und viele Arbeiter erkannten nicht einmal das Ausmaß dessen, was sie erreicht hatten.

In den folgenden Jahren erlebten Dutzende anderer Fabriken Aussperrungen oder wurden geschlossen. In vielen Fällen reagierten die Arbeiter, indem sie die Fabriken besetzten, und der Slogan „Eine geschlossene Fabrik ist eine besetzte Fabrik!“ wurde zur Losung des Tages. Es gab auch einen organischen Aufschwung der gewerkschaftlichen Organisierung, denn die Arbeiter brachen mit der faulen CTV und gründeten ihre eigenen demokratischen Gewerkschaften unter dem Gewerkschaftsverband der Nationalen Gewerkschaft der Arbeiter (UNT).

Chávez führte die berühmten Misiones Sozialprogramme ein, zu denen subventionierte Lebensmittelgeschäfte, Alphabetisierungskampagnen und kostenlose Bildung gehörten. Die medizinische Grundversorgung wurde armen Vierteln und abgelegenen Dörfern verfügbar gemacht, indem kubanische Ärzte im Austausch für Öl ins Land geholt wurden. Ungenutztes Land wurde an arme Bauern verteilt, und ein Sofortprogramm für bezahlbaren Wohnraum wurde ins Leben gerufen. Misión Milagro stellte kostenlose Katarakt- und andere Augenoperationen zur Verfügung, damit arme Menschen wieder sehen konnten.

Diese Programme waren für Millionen von Menschen buchstäblich lebensverändernd – und das nicht nur in Venezuela. Citgo, das venezolanische staatliche Energieunternehmen hier in den USA, stellte Indianerreservaten und armen Vierteln in Boston und der Bronx kostenloses oder billiges Heizöl zur Verfügung.

In den nächsten Jahren wurden mehrere weitere Versuche unternommen, Chávez zu stürzen. Die Opposition inszenierte Guarimba-Unruhen, oft mit Hilfe rechtsextremer kolumbianischer Paramilitärs. Sie griffen Regierungsgebäude an und verübten Attentate mit Autobomben auf chavistische Funktionäre.

Sie inszenierten Wahlboykotte, um den demokratischen Prozess zu delegitimieren, obwohl sie die Wahlen ohnehin verloren hätten. Im Jahr 2004 organisierten sie ein Abwahlreferendum, nachdem sie dafür genügend Unterschriften gesammelt hatten – auch von Neugeborenen und Toten. Chávez gewann mit 59 Prozent der Stimmen. 2005 sabotierten sie die nationale Fluggesellschaft VIASA.

Ausgehend von den gelebten Erfahrungen der Revolution und dem Verhalten der herrschenden Klasse zog Chávez den Schluss, dass die einzige Lösung der Sozialismus sei. Wie er es ausdrückte, als er auf dem Weltsozialforum in Porto Alegre die Notwendigkeit des „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ erklärte: „Entweder Kapitalismus, der der Weg zur Hölle ist, oder Sozialismus für diejenigen, die das Himmelreich hier auf Erden aufbauen wollen.“

Die Wahlbeteiligung bei den Präsidentschaftswahlen 2006 betrug 78 Prozent, und Chávez gewann 62 Prozent der Stimmen. Internationale Beobachter, darunter Jimmy Carter, bestätigten die Wahlen als frei und fair. Und trotzdem nennen die Mainstream-Medien Chávez weiterhin einen Diktator.

2007 kündigte er die Gründung einer neuen politischen Partei an, der Vereinigten Sozialistischen Partei Venezuelas (PSUV). Innerhalb weniger Wochen traten 5,5 Millionen Mitglieder bei – fast 20 Prozent der Bevölkerung. Angesichts der Welle der Fabrikbesetzungen bat er seinen Arbeitsminister, eine Liste der stillgelegten Fabriken zu erstellen, die verstaatlicht und unter Arbeiterkontrolle geführt werden sollten. Sie enthielt 1.200 Betriebe.

Bolivarische Bürokratie

Allerdings wurden nur sehr wenige verstaatlicht und nur eine Handvoll wurde unter Arbeiterkontrolle betrieben. Nicht nur wurden sie nicht in eine rational geplante Wirtschaft integriert, die zunehmend aufgeblähte Staatsbürokratie strengte sich zudem noch größtmöglich an, selbst die kühnsten Initiativen von Chávez zu ersticken. Als er eine Fünfte Internationale forderte, um die erstarrten sozialistischen und kommunistischen Parteien der Vergangenheit zu ersetzen, wurde sein Vorschlag von den konservativen Komiteemännern und -frauen um ihn herum zynisch ignoriert.

Darüber hinaus wurde Venezuelas „Petrosozialismus“ durch die Umleitung von Öleinnahmen finanziert, die zuvor die Oligarchie bereichert hatten. Während des Ölpreisbooms der 2000er Jahre erreichten die Öleinnahmen jährlich über $90 Milliarden. Aber als die Preise nach 2014 zusammenbrachen, hatte der Chavismus keine produktive Basis, auf die er zurückgreifen konnte. Sie hatten es nicht nur versäumt, den Kapitalismus zu enteignen und eine Arbeiterdemokratie zu errichten, sondern auch, die Wirtschaft zu diversifizieren. Sie waren auf Importe angewiesen, von Lebensmitteln und Autos bis hin zu Elektronik, hatten aber nicht mehr das Geld, um all das zu bezahlen.

Die milliardenschweren Öleinnahmen führten auch zu schweren inflationären Verzerrungen, die schließlich katastrophale Auswirkungen haben würden. All diese Petrodollar bestärkten die konservativen Tendenzen der ‚Bolivarkratie‘ die im revolutionären Prozess entstand. Dies war der „Deepstate“ der Fünften Republik, den Chávez nie zu brechen oder zu kontrollieren vermochte.

Hugo Chávez starb am 5. März 2013 nach einem längeren Kampf gegen den Krebs. Wie Lenin vor seinem Tod konnte er die schleichende Bürokratisierung sehen und drängte auf einen Kurswechsel. Aber die Stunde hatte bereits geschlagen.

Er war ohne Zweifel ein ehrlicher Revolutionär und Verfechter seines Volkes. Er nährte und ernährte sich gleichermaßen von der revolutionären Inbrunst und dem Elan der Massen. Er schätzte und zitierte oft Marx, Lenin, Trotzki und Alan Woods. Aber er war nie wirklich ein Marxist – ein fataler Fehler, wenn es um die Vollendung der sozialistischen Revolution geht.

Ohne Chávez hat die „Boligarchie“, die jetzt den Staat und die PSUV kontrolliert, den Chavismus zum Gespött gemacht. Maduro hat eine Art thermidorianische Reaktion angeführt und die meisten Errungenschaften der Revolution zurückgefahren. Er hat verstaatlichte Betriebe privatisiert, die Arbeiterkontrolle ausgehebelt und die Ländereien den Pächtern zurückgegeben. Er ist gegen die politische Linke und die kritischen Medien vorgegangen und hat jede Opposition gegen seine Herrschaft niedergeschlagen, auch in den Gewerkschaften. Trotz Trumps Drohungen hat er versucht, den Imperialismus zu beschwichtigen, indem er die PDVSA für ausländische Unternehmen wie Chevron wieder öffnete.

Allerdings gibt es verschiedene Grade der Konterrevolution. Wenn der Imperialismus und die alte Garde jemals direkt wieder an die Macht kämen, würde es eine Welle der Vergeltung und ein Blutbad in der Größenordnung der besiegten Pariser Kommune geben.

Der langsame Tod der Revolution lässt sich darauf zurückführen: Obwohl Chávez durch die Macht durch bürgerliche Wahlen gewonnen hatte, hatte er die Macht nie wirklich besessen. Und die venezolanischen Arbeiter hatten sie definitiv auch nie.

Es handelt sich hier um einen eigentümlichen Fall einer sozialistischen Revolution, die den Versuch unternahm, sich an die alten Regeln zu halten, aber die Machtfrage blieb dabei ungelöst. Obwohl die Bourgeoisie die direkte Kontrolle über ihren Staat verlor, blieb er ein bürgerlicher Staat. Armee und Polizei wurden mehrmals gesäubert, blieben aber bürgerlicher Natur. Um diese und andere Reste des alten Staatsapparates kristallisierte sich eine neue Bürokratie heraus.

Obwohl einige Fabriken verstaatlicht und unter Arbeiterkontrolle geführt wurden, blieb die Mehrheit in privater Hand. Die Kapitalisten nutzten dies, um den revolutionären Prozess zu sabotieren. Anstelle von Enteignungen verhängte Chávez Preis- und Währungskontrollen. Sanktionen, die während Trumps erster Amtszeit verhängt wurden, verschlimmerten die Situation zusätzlich. All dies führte zu einem wirtschaftlichen Irrenhaus, das weder rational und zentral geplant noch der irrationalen, aber regulierenden Hand des Marktes überlassen wurde.

Hände weg von Venezuela!

Das Ergebnis war endloses Chaos und Instabilität, was zu einem ausgedehnten Schwarzmarkt und einer außer Kontrolle geratenen Inflation führte. Verständlicherweise waren riesige Schichten der venezolanischen Gesellschaft enttäuscht und verloren ihren revolutionären Eifer, was die Tür zu Maduros Konterrevolution in bolivarischer Form öffnete.

Die Abrechnung mit Maduro ist jedoch Aufgabe der venezolanischen Arbeiter. Was Trump mit der beispiellosen militärischen Eskalation in der Karibik bezwecken will, ist weder die „Wiederherstellung der Demokratie“ noch die „Bekämpfung des Drogenterrorismus“. Vielmehr versucht er, Venezuela zu unterwerfen und es dem Einfluss Chinas und Russlands zu entreißen. Der Hauptfeind der amerikanischen Kommunisten steht im eigenen Land. Wir verteidigen Venezuela bedingungslos vor dem Imperialismus und sagen: „Hände weg von Venezuela!“

Die wichtigste Lektion ist klar: Eine revolutionäre Führung muss im Voraus vorbereitet werden und kann nicht in der Hitze des Gefechts improvisiert werden. Das Fehlen einer solchen Führung ist die Tragödie Venezuelas und jeder anderen Revolution seit 1917 – etwas, das die RCA gerade im Gange ist zu berichtigen.

SCHLIESS DICH DEN KOMMUNISTEN AN!

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