Die Erfahrungen des Teamsters-Streik aus dem Jahre 1934 hat Harry De Boer, damals selbst Streikführer, in der Broschüre „How to win strikes” aus dem Jahr 1987 zusammengefasst. Der folgende Text ist eine gekürzte Version. Er zeigt den Weg, den die Gewerkschaften auch heute in der Krise gehen sollten.
Konzerne nutzen Arbeiter zunehmend aus. Trotz riesiger Profite fordern Unternehmen weitreichende Zugeständnisse – und bekommen sie auch.
Wo Gewerkschaften Lohnerhöhungen durchsetzen können, fallen diese oft gering aus und halten mit der Inflation nicht Schritt. Der Lebensstandard sinkt. Viele Arbeiter kommen kaum über die Runden und ihre Schulden steigen weiter.
Nicht gewerkschaftlich organisierte Arbeiter trifft es besonders hart. Ohne den Schutz einer Gewerkschaft sind Unorganisierte allen möglichen Angriffen auf ihre Arbeitsbedingungen ausgesetzt. Ihre Arbeitszeiten werden gekürzt. Sie werden nach Belieben des Unternehmers entlassen, ohne dass Regeln nach Betriebszugehörigkeit gelten.
Eine neue Stimmung
Das muss nicht so sein. Die Ära der Zugeständnisse kann, muss und wird zu Ende gehen. Es gibt Anzeichen für eine neue Stimmung unter den Arbeitern. Gewerkschaften berichten, dass unorganisierte Beschäftigte nach Organisierungskampagnen fragen. Sie wollen höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und Schutz am Arbeitsplatz. An der Basis ist ein wachsender Wille zu spüren, sich zu wehren. Große Kämpfe liegen vor uns, und ich sage für die nahe Zukunft einen bedeutenden Aufschwung der Arbeiterbewegung voraus.
Heutzutage werden die Unternehmer den Beschäftigten am Verhandlungstisch keine guten Bedingungen zugestehen, wenn diese nicht bereit sind zu streiken. In den vergangenen Jahren sind bedeutende Streiks verloren gegangen. Arbeiter, die die Arbeit niederlegen, werden durch Streikbrecher ersetzt. Große Streiks wurden gebrochen. Beschäftigte haben ihre Arbeitsplätze dauerhaft verloren.
Das hat einige in der Arbeiterbewegung zu dem falschen Schluss gebracht, dass Streiks heute nicht mehr erfolgreich sein könnten. Sie verweisen auf die jüngsten Niederlagen und fragen: „Was bringt es, zu kämpfen?“ Infolgedessen haben Gewerkschaften Verträge mit weitreichenden Zugeständnissen unterzeichnet. Wenn die Unternehmer wissen, dass die Gewerkschaft nicht streiken wird, werden sie sie bis aufs Letzte auspressen.
Der Streik von 1934 war ein Vorbild
Ich habe Vertrauen in die neue Generation von Arbeitern. Ich glaube, dass sie beginnen wird, sich wieder kämpferischen gewerkschaftlichen Methoden zuzuwenden.
Der Lkw-Fahrerstreik von 1934 in Minneapolis war ein Vorbild dafür, wie man kämpft und gewinnt. Wir brachten den Lkw-Verkehr in der Stadt zum Stillstand, vertrieben die Streikbrecher von den Straßen und errangen einen entscheidenden Sieg. Wir erkämpften die Anerkennung unserer Gewerkschaft, unseren ersten Tarifvertrag, Lohnerhöhungen und bessere Arbeitsbedingungen.
Die Streiks in Minneapolis, Toledo und San Francisco im Jahr 1934 lösten eine Welle militanter Arbeitskämpfe aus, die den Weg für die Entstehung der großen Gewerkschaften in diesem Land ebneten. Doch in den 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahren wurden die Gewerkschaften selbstzufriedener. Gewerkschaften stellten Streikposten auf und gingen im Allgemeinen davon aus, dass diese respektiert würden – und das wurden sie auch. Doch Ende der 1970er- und in den 1980er-Jahren änderte sich das.
Die Unternehmer wurden aggressiver. Sie testeten aus, wie weit sie gehen konnten und stellten fest, dass sich Streiks ohne große Schwierigkeiten brechen ließen.
Eine kurze Geschichte des Streiks
Es gibt nur einen Weg, einen Streik zu gewinnen: Der Betrieb muss stillstehen. Heute lässt sich ein Streik nicht mit einer Handvoll Streikposten gewinnen. Es braucht Massenaktionen auf der Straße, geführt von der streikenden Gewerkschaft.
Der Lkw-Fahrerstreik von 1934 in Minneapolis bestand in Wirklichkeit aus drei Streiks: dem Streik der Kohlefahrer im Februar, einem breiter angelegten Streik im Mai und der Wiederaufnahme des Streiks im Juli, mit der wir schließlich den Sieg errangen. Zu Beginn hatten wir nicht genügend Streikposten, um alle bestreikten Kohlelager lahmzulegen. Ich organisierte deshalb das, was als „fliegende Streikposten“ bekannt wurde. Wir stellten Streikposten vor einem Tor auf und ließen Lkw aus den Kohlehöfen herausfahren, damit die Polizei glaubte, sie seien durch. Zwei oder drei Häuserblocks weiter fuhren wir mit Autos hinterher, zwangen die Lkw zum Anhalten und kippten die Kohle auf die Straße. Innerhalb weniger Tage kam der Kohletransport mit Lkw praktisch vollständig zum Erliegen. Die Unternehmen gaben nach und wir gewannen.
Farrell Dobbs, ein weiterer junger Teamster-Führer, und ich wurden beauftragt, abends im Gewerkschaftshaus zu bleiben und neue Mitglieder aufzunehmen. Zu Tausenden kamen sie, um unserer Gewerkschaft, der Teamsters-Ortsgruppe 574, beizutreten. Wenn Arbeiter eine Führung sehen, die weiß, wie man kämpft und gewinnt, zögern sie nicht, sich der Gewerkschaft anzuschließen. Beim Streik im Mai rekrutierte die Polizei mehrere Hilfspolizisten und rüstete sie mit Schlagstöcken aus, um die Streikenden von der Straße zu vertreiben. Zur Selbstverteidigung besorgten wir uns Stöcke und vertrieben die Hilfspolizisten in einer großen Straßenschlacht von der Straße. Dieser Zusammenstoß wurde als „Battle of Deputy’s Run“ bekannt.
Beim Streik im Juli, der begann, nachdem die Unternehmen ihre Vereinbarung mit der Gewerkschaft gebrochen hatten, eröffnete die Polizei das Feuer auf unbewaffnete Streikende. Zwei Arbeiter wurden getötet und fast 60 Streikende verletzt.
Statt die Gewerkschaft zu schwächen, stärkte er die Entschlossenheit der Arbeiter und brachte uns noch mehr öffentliche Unterstützung ein. Schließlich akzeptierte die Unternehmerseite im August 1934 eine Einigung – ein gewaltiger Sieg für die Teamsters und die gesamte Arbeiterbewegung. Der Streik brachte Minneapolis auf den Weg, eine Gewerkschaftsstadt zu werden, und gab Organisierungskampagnen im gesamten Bundesstaat und im Mittleren Westen Auftrieb.
Die Schulbücher
Die heutigen Schulbücher erzählen wenig über die Geschichte der Arbeiterbewegung. Sie sagen kaum etwas über den Aufstieg der Gewerkschaften und die gewaltigen Opfer, die Arbeiter gebracht haben. Die Kapitalisten möchten, dass die Arbeiter ihre eigene Vergangenheit vergessen.
Tatsächlich behaupten die Bosse gerne, heute sei alles anders. Die alten Zeiten des Kampfes lägen hinter uns, kämpferische Gewerkschaftspolitik gehöre der Vergangenheit an. Manche Unternehmen zeigen den Beschäftigten teure Filme, in denen die Zusammenarbeit zwischen Belegschaft und Management und sogenannte „Qualitätszirkel“ angepriesen werden, in denen Beschäftigte gemeinsam mit Managern die Probleme des Unternehmens lösen sollen. Arbeitet schneller, produziert mehr und vor allem: Kämpft nicht gegen uns – das ist die Botschaft des Unternehmens.
Diese Unternehmer mit ihren schmeichelnden Appellen zur Zusammenarbeit sind ausnahmslos dieselben, die am Verhandlungstisch von der Gewerkschaft Zugeständnisse und Lohnstopps fordern.
In Wahrheit hat sich im Verhältnis zwischen Kapitalisten und Beschäftigten nichts Grundlegendes geändert. Der Boss ist immer noch der Boss. Nur engagiert er heute hochbezahlte Berater zur Gewerkschaftsbekämpfung, die ihre arbeiterfeindlichen Botschaften in wohlklingende Worte verpacken.
Gewerkschaftsführer sollten das kapitalistische System verstehen. Unsere Führung wusste 1934, dass das Profitsystem die Unternehmer dazu trieb, unsere Gewerkschaft brechen zu wollen. Diese Perspektive – und die daraus folgende Organisierung – waren entscheidend für den Sieg im Streik.
Was die Arbeiter gelernt haben
Was die Arbeiter in den 1930er-Jahren lernten, war: Wenn sie in großer Zahl zusammenstehen, können sie die notwendigen Lohnerhöhungen und besseren Arbeitsbedingungen durchsetzen. Fünfzig Jahre später gilt das noch immer. Arbeiter müssen heute einen kämpferischen Standpunkt einnehmen, wenn sie Erfolg haben wollen. Symbolische Aktionen reichen nicht aus. Gewerkschaften müssen Massenstreiks organisieren und den Einsatz von Streikbrechern verhindern. Manche Gewerkschaftsführer sagen, das sei heute unmöglich. Binnen ein oder zwei Tagen, werde der Unternehmer vor Gericht gehen und eine einstweilige Verfügung erwirken.
1934 tapezierten wir die Wände mit einstweiligen Verfügungen. Der Unternehmer kann immer irgendeinen gewerkschaftsfeindlichen Richter finden, der ein Stück Papier unterschreibt. Aber bei Streiks entscheidet letztlich das Kräfteverhältnis. Wenn unsere Kräfte größer und stärker sind als ihre, werden wir gewinnen.
Aber wenn wir die Verfügung ignorieren und weiterhin Massenstreikposten aufstellen, wird die Polizei uns verhaften, wenden manche Gewerkschaftsführer ein.
Dann soll es so sein. Sollen sie die Gefängnisse bis zum Überlaufen füllen. Die Gewerkschaft soll Kaution für die Verhafteten stellen und die Masse der Arbeiter zurück an die Streikposten bringen – verstärkt durch neue Kräfte, die über das willkürliche Vorgehen der Behörden empört sind. Wir müssen den bestreikten Betrieb weiter lahmlegen.
Führung kann den Unterschied machen
Einige Gewerkschaftsführer behaupten, dass wir heute keine Massen von Arbeitern mehr mobilisieren könnten. Die Beschäftigten seien zu passiv, sagen sie. Aber das stimmt nicht. In den Vereinigten Staaten gab es in den vergangenen Jahren eine Reihe großer Streiks, bei denen Tausende Arbeiter und ihre Unterstützer vor den Betrieben marschierten und Kundgebungen abhielten. Das ist Ausdruck der neuen kämpferischen Stimmung, die sich entwickelt. Leider ist in manchen Fällen offensichtlich, dass die Beschäftigten zu Aktionen bereit sind, während die Führung davor zurückschreckt, den Betrieb wirklich lahmzulegen.
Es braucht eine Führung, die bereit ist, solche Schritte zu gehen. Wenn ihr in eurer Gewerkschaft keine Kämpfer an der Spitze habt, müsst ihr neue Führer wählen. Ihr braucht Kandidatenlisten mit Kollegen, die bereit sind, es mit den Kapitalisten aufzunehmen.
Erfolgreiche Streiks brauchen die Beteiligung und Unterstützung der Arbeiterbewegung.
Denkt groß. Organisiert vor Ablauf der Streikfrist eine oder mehrere Massenkundgebungen mit bekannten Rednern aus der Arbeiterbewegung und werbt mit Flugblättern und Plakaten. Ladet alle Gewerkschaften ein, nicht nur eure eigene. Denkt an alle Seiten des Kampfes. Sorgt dafür, dass Frauen und Minderheiten eine wichtige Rolle spielen. In einigen Fällen, in den 1930er-Jahren, schickten wir Organisatoren unter die Arbeitslosen und organisierten sie als Arbeitslosenkontingente unserer Gewerkschaft, damit sie sich uns bei den Streikposten anschlossen. So sollten wir auch heute vorgehen. Wenn Arbeitslose auf unserer Seite organisiert sind, ist es für den Boss viel schwieriger, sie als Streikbrecher einzusetzen. Denn an sie wenden sich Unternehmer oft zuerst, wenn sie einen Streik brechen wollen.
Schickt Vertreter eurer Gewerkschaft zu Versammlungen anderer Gewerkschaften, damit sie erklären, wofür ihr kämpft. Gewinnt führende Gewerkschafter dafür, Briefe an alle Gewerkschaften im Bundesstaat zu schreiben, in denen die Streitfragen erklärt werden. Sie sollen die anderen Gewerkschaften auffordern, die Kundgebung zu unterstützen, Mitglieder dorthin zu schicken und sich im Fall eines Streiks den Streikposten anzuschließen. Denkt groß. Und dann denkt noch größer.
Sorgt dafür, dass Arbeiter in eurem gesamten Betrieb und in der Stadt Anstecker mit Solidaritätsslogans tragen. Sorgt dafür, dass Artikel über die Streitfragen in der Gewerkschaftspresse und in anderen Medien erscheinen. Organisiert Pressekonferenzen mit bekannten Gewerkschaftern, die euch unterstützen. Stellt der Öffentlichkeit Gewerkschaftsmitglieder vor, die zeigen, wie schwer es ist, mit ihren Löhnen über die Runden zu kommen.
Ein Streik muss gut organisiert sein und der Streik von Minneapolis im Jahr 1934 ist dafür ein klassisches Beispiel.
Wir hatten eine Verpflegungsstelle, die die Streikenden und ihre Familien versorgte. Jeden Tag gaben wir warme Mahlzeiten aus, zubereitet mit Lebensmitteln, die solidarische Landwirte und Lebensmittelhändler gespendet hatten. Das half nicht nur, die Streikenden zu versorgen, sondern vertiefte auch die Solidarität unter den Arbeitern.
Das Streikkomitee hielt im Hauptquartier einen Arzt und Krankenschwestern bereit, um Arbeiter zu versorgen, die an den Streikposten verletzt werden könnten. Das erwies sich als äußerst wertvoll.
Zum ersten Mal überhaupt gaben wir im ganzen Land eine tägliche Streikzeitung heraus. Sie hieß „The Organizer“. Während eines Streiks kann man damit rechnen, dass die Redakteure unternehmerfreundlicher Medien versuchen, zu verzerren, worum es im Streik geht. Ihr braucht eine eigene Publikation, um die Hintergründe zu erklären und die Wahrheit über den Streik zu verbreiten. Eine tägliche Streikzeitung kann die Streikenden und ihre Unterstützer sammeln, die Öffentlichkeit aufklären und neue Verbündete für die Streikenden gewinnen.
Ziel ist es, den Unternehmer zu isolieren, bis der massive öffentliche Druck ihn zum Einlenken zwingt.
Besondere Aufmerksamkeit muss außerdem den Arbeitern gelten, die in der größten finanziellen Not sind. Die Beschäftigten müssen wissen, dass sie in solchen Fragen nicht alleingelassen werden. Sich um diejenigen zu kümmern, die am dringendsten Hilfe brauchen, hat in einem Streik höchste Priorität. Ich habe Streiks erlebt, bei denen Aktivisten diese Kollegen vernachlässigten, woraufhin sie versuchten, die Streikpostenketten zu durchbrechen. Was für eine Tragödie! Gerade diese Menschen würden zu den entschlossensten Verteidigern der Gewerkschaft werden, wenn sich die Gewerkschaft die Zeit nähme, sich um sie zu kümmern. Und genau das ist ihre Aufgabe.
Die Gewerkschaft aktivieren
„Wie können wir unsere Gewerkschaft aktivieren?“, fragt ihr euch vielleicht. „Viele unserer Mitglieder kommen nicht zu Gewerkschaftsversammlungen. All diese Ideen sind gut, aber unsere Mitglieder werden sich nicht beteiligen.“
Das Rückgrat jeder Gewerkschaft sollte Demokratie sein. Je demokratischer die Gewerkschaft ist, desto stärker ist sie. Oft kommen Mitglieder nicht zu Versammlungen, weil sie den Eindruck haben, dass ohnehin schon alle Entscheidungen gefallen sind. Die Versammlungen müssen geöffnet und demokratischer gestaltet werden. Alle wichtigen Entscheidungen der Gewerkschaft sollten erst nach einer Diskussion und Abstimmung der Mitgliedschaft getroffen werden. Wenn ihr undemokratische Führer habt, müsst ihr sie abwählen. Kämpferische Führer, die sich der Gewerkschaftsdemokratie verpflichtet fühlen, werden auch mehr Aktivität an der Basis hervorbringen. Die Gewerkschaftsführung sollte ihre Strategie offen mit der Mitgliedschaft diskutieren. Kollegen aus der Basis sollten ermutigt werden, wichtige Aufgaben innerhalb einer umfassenden Strategie zu übernehmen. Diskutiert, plant und stimmt ab! Je demokratischer eure Gewerkschaft wird, desto mehr Mitglieder werden sich an den Entscheidungen beteiligen wollen, die ihr eigenes Leben betreffen.
Einige Gewerkschaftsführer lehnen diesen offenen Stil der Demokratie ab. Während eines Streiks oder bei Verhandlungen plädieren sie für äußerste Geheimhaltung. Oft habe ich erlebt, dass solche Geheimhaltung in Wirklichkeit nur ein Mittel ist, um hinter dem Rücken der Arbeiter einen unbefriedigenden Kompromiss auszuhandeln. Jede Einigung beinhaltet Kompromisse. Aber die Entscheidungen der Gewerkschaft müssen von der Mitgliedschaft getroffen werden. Über die Forderungen sollen die Mitglieder abstimmen. Die Mitglieder sollen auch entscheiden, wann die Gewerkschaft eine Forderung vom Verhandlungstisch nimmt.
Den Betrieb lahmlegen
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, einen Betrieb lahmzulegen, und diese Broschüre kann unmöglich auf alle eingehen. Hier sind aber einige wichtige Methoden.
- Massenstreikposten. Sie sollten Teil jedes Streiks sein. Allein durch eure große Zahl könnt ihr verhindern, dass der Betrieb weiterläuft.
- Sitzblockaden vor einem Betrieb. Wenn eine große Zahl von Polizisten oder die Nationalgarde vor Ort ist, kann es manchmal die beste Taktik sein, mehrere Tausend Menschen vor den wichtigsten Türen oder Toren Platz nehmen zu lassen. Vielleicht werden sie euch bei Massenverhaftungen abführen. Die Gewerkschaft stellt Kaution für euch – und ihr setzt euch wieder hin.
- Sitzstreiks im Betrieb. Sitzstreiks, eine Taktik aus den 1930er-Jahren, sollten auch heute als praktikable Streikmethode in Betracht gezogen werden. Für die Bosse ist es viel schwieriger, die Arbeiter aus dem Gebäude zu bekommen, wenn sie erst einmal drinnen sitzen.
- „Fink Drives“. „Finks“ ist eine Bezeichnung für Streikbrecher. Solche Aktionen nutzten wir, wenn Unternehmer mit Streikbrechern versuchten, bestreikte Betriebe wieder in Gang zu setzen. Wir nahmen einige unserer kämpferischsten Arbeiter mit, gingen in den Betrieb hinein und vertrieben die Streikbrecher.
- Massendemonstrationen und Kundgebungen. Sie können dazu dienen, auf Streikposten und andere Aktionen hinzuarbeiten, die den Betrieb tatsächlich lahmlegen.
Mit den Arbeitern reden
Carl Skoglund, der später Vorsitzender unserer Ortsgruppe wurde, war der Architekt des Streiks von Minneapolis im Jahr 1934. Ich erinnere mich an den Abend vor dem Kohlefahrerstreik im Februar 1934.
„Harry“, sagte er zu mir, „viele Arbeiter werden am Anfang vielleicht nicht verstehen, wofür wir kämpfen. Wir müssen mit ihnen reden. Wir müssen ihnen erklären, worum es in diesem Streik geht. Gebt ihnen eine Chance, es zu verstehen. Schreibt sie nicht ab, bevor ihr ihnen diese Chance gegeben habt.“
Einer der ersten nicht gewerkschaftlich organisierten Fahrer, die wir am nächsten Tag anhielten, bestätigte Carls Argument.
Wir waren einem Lkw aus dem Kohlehof gefolgt und holten ihn ein paar Häuserblocks weiter ein. Wir erklärten dem Fahrer, wofür wir kämpften und warum wir streikten. Der Mann wurde wütend. Er erzählte uns, sein Boss habe ihn darüber belogen, worum es bei unserem Streik ging. Er sprang aus dem Lkw und half uns dabei, seine eigene Ladung Kohle auf die Straße zu kippen! Noch am selben Abend kam er ins Gewerkschaftshaus und trat der Gewerkschaft bei. Nach dem Streik wurde er ein loyaler Gewerkschaftsvertrauensmann.
Daraus lässt sich etwas lernen. Wir müssen den Arbeitern erklären, warum wir streiken. Das gilt auch für Beschäftigte, die als Streikbrecher angeheuert wurden. Oft werden sie sich auf unsere Seite stellen, wenn wir mit ihnen reden.
In einer Gesellschaft, in der so viel gewerkschaftsfeindliche Propaganda verbreitet wird, entwickeln Menschen häufig eine feindselige Haltung gegenüber Gewerkschaften. Oft kann eine Erklärung der Streitfragen ihre Haltung verändern.
Die Unorganisierten organisieren
Derselbe Ansatz, der zum Sieg an der Streikpostenkette führt, muss auch auf die gewerkschaftliche Organisierung übertragen werden. Organisierungskampagnen brauchen Massenmobilisierungen der Arbeiter. Es sollte Kundgebungen geben, die gesamte Mitgliedschaft sollte sich an diesen Kampagnen beteiligen und wir müssen uns um die Unterstützung der übrigen Arbeiterbewegung bemühen.
Während Tarifverhandlungen versuchen Bosse manchmal, die Arbeiter durch Einschüchterung zur Unterwerfung zu zwingen. Unternehmer drohen Gewerkschaften, die höhere Löhne fordern damit abzuwandern und sich anderswo billigere, nicht gewerkschaftlich organisierte Arbeitskräfte zu suchen.
Wenn der Boss sein Werk verlegt, sollten die Gewerkschaftsführer sagen: „Wir werden Organisatoren an euren neuen Standort schicken und die Beschäftigten dort organisieren. Wenn ihr ins Ausland geht, wird unsere internationale Gewerkschaft dafür sorgen, dass die Beschäftigten gewerkschaftlich organisiert werden, wo immer ihr euch niederlasst. Wohin ihr auch geht, wir werden euch folgen. Wir werden nicht zulassen, dass ihr eure Beschäftigten ausbeutet.“
Ein klares Bekenntnis zur Organisierung ist der beste Weg, um gute Tarifverträge in gewerkschaftlich organisierten Betrieben abzusichern. In der Ortsgruppe 574 hatten wir ein Motto: „Jedes Mitglied ist ein Organisator.“ Dieses Motto sollten wir uns auch heute zu eigen machen.
Je mehr Arbeiter wir in den Gewerkschaften organisieren, desto schwieriger wird es für die Kapitalisten, Menschen zu finden, mit denen sie Streiks brechen können. Und desto stärker kann die Gewerkschaft zu einer Kraft für Fortschritt werden.
Die Gewerkschaft muss für die Benachteiligten, die Armen und die Leidenden eintreten. Wir müssen uns um alleinerziehende Familien kümmern, um Kinder, die nicht genug zu essen haben, um Menschen mit Behinderung und um die Opfer von Diskriminierung. Wir müssen unsere Stimme für ältere Menschen erheben, von denen viele mit ihren kleinen Renten und Sozialversicherungsleistungen kaum überleben.
Indem wir für sie kämpfen, können wir die Gewerkschaft wieder zu ihrer früheren Stärke führen. Ihre Sache wird zu unserer Sache, wenn wir für angemessene Löhne und Arbeitsbedingungen für alle eintreten.