Über 100 Jahre dominierte Großbritannien die Welt. Um 1900 stiegen jedoch andere imperialistische Mächte auf – Deutschland und vor allem die USA. Der imperialistische Niedergang verwandelte England innenpolitisch von einem Hort der Stabilität in eine Hochburg des Klassenkampfes. Vor 100 Jahren drohte in „Sleepy old Britain“ (dem „verschlafenen alten Britannien“) sogar die proletarische Revolution!
Es lohnt sich, diese historische Erfahrung zu studieren: Heute sind der amerikanische (und noch mehr der europäische) Imperialismus ebenfalls im Niedergang. Seine politischen Folgen können wir schon jetzt beobachten.
Aufstieg
In England siegte die bürgerliche Revolution 1653 früher als in Frankreich oder den USA. Zusammen mit seiner Insellage wuchs England so zur ersten großen kapitalistischen Macht heran. Es hatte einen Entwicklungsvorsprung vor den anderen Ländern: England war das erste Industrieland der Welt, wurde zur größten Handelsnation und dominierte andere Länder (in und außerhalb Europas), während die anderen europäischen Länder noch vom Absolutismus gefesselt und kaum industrialisiert waren.
Die Industrialisierung hatte in England schon Ende des 18. Jh. begonnen, doch im 19. Jh. erlebte die britische Industrie ihr „Goldenes Zeitalter“. Britannien produzierte viermal so viele Industrieprodukte wie alle Kontinente zusammen und sechzehnmal so viel Baumwolle wie das restliche Europa.
Sobald die britische Industrie sich voll entwickelt hatte, schaffte Großbritannien in den 1840ern alle protektionistischen Schutzzölle ab und zwang auch anderen Ländern den Freihandel auf. England war damals das einzige Land mit einer nennenswerten modernen Industrie (das sogenannte englische „Industriemonopol“) und flutete die gesamte Welt mit billigen Waren, v.a. Kohle, Eisen, Textilien. Gewaltige Profite flossen an die britischen Industriellen.
Der britische Staat setzte den Freihandel auch mit Waffengewalt durch: Als China die Einfuhr des in britischen Kolonien hergestellten Rauschgifts Opium beschränken wollte, schickte die britische Regierung die Armee und erzwang die freie Einfuhr.
Die frühe und sehr erfolgreiche Entwicklung des britischen Kapitalismus schlug sich auch in der Philosophie, Moral und Psychologie der britischen Bourgeoisie nieder. Sie hatte sich über Jahrhunderte daran gewöhnt, dass sich der Kapitalismus graduell, Stück für Stück, immer mehr zu ihrem Besseren entwickelt. Die Geschichte schien mit ihr zu gehen. Ihre Philosophie war der Empirismus, ein gewisser kaufmännischer Pragmatismus: Wozu große Theorien aufstellen und ewig grübeln? Es reichte, mit dem Strom der Geschichte zu schwimmen, die Augen nach vorteilhaften Geschäftsmöglichkeiten offen zu halten und diese dann beherzt zu nutzen.
Opportunismus
Die Industrialisierung warf die gerade entstehende Arbeiterklasse in massives Elend. Als Reaktion darauf erhoben sich die Arbeiter landesweit in der revolutionären Chartisten-Bewegung während der 1840er, die aber in einer schweren Niederlage endete.
Genau in diesem Moment (Ende der 1840er) setzte die Hochphase des oben beschriebenen industriellen Aufschwungs ein. Mit den gewaltigen Profiten, die das Industriemonopol den britischen Kapitalisten abwarf, und mit den Extraprofiten aus den britischen Kolonien konnte sie Teilen der Arbeiterklasse Zugeständnisse machen. Während ungelernte Industriearbeiter weiterhin schlecht bezahlt wurden, erhielten die gelernten Facharbeiter höhere Löhne – eine „Arbeiteraristokratie“ entstand.
An die Stelle der kämpferischen und oft im Geheimen arbeitenden Gewerkschaften der Chartisten-Bewegung traten nun die sogenannten „Craft Unions“. Das waren kleine, nach spezifischen Berufsgruppen aufgeteilte Gewerkschaften, die nur Facharbeiter organisierten. Ihre Führer erklärten offen, dass sie keinen Systemsturz, sondern nur kleine Verbesserungen für die Arbeiter anstrebten: „Wir glauben, dass alle Streiks eine komplette Geldverschwendung sind!“
Tatsächlich machten die Kapitalisten Zugeständnisse: Anfang der 1870er erkämpften einige Sektoren den Neun-Stunden-Tag. Und 1867 setzte die liberale Regierung unter Premierminister Disraeli eine Wahlrechtsreform um, die zum ersten Mal Männern der Arbeiterklasse das Wahlrecht gab.
Doch eine eigene, unabhängige politische Stimme hatten die britischen Arbeiter zunächst nicht. Die „Craft Unions“ hängten sich stattdessen an den Rockzipfel der bürgerlichen Liberalen Partei und gingen so einen Klassenkompromiss ein.
Engels schrieb 1858 in einem Brief an Marx:
„Das englische Proletariat [verbürgert] faktisch mehr und mehr […], so daß diese bürgerlichste aller Nationen es schließlich dahin bringen zu wollen scheint, […] ein bürgerliches Proletariat neben der Bourgeoisie zu besitzen.“
Und 1883:
„Eine wirklich allgemeine Arbeiterbewegung kommt hier […] nur zustande, wenn den Arbeitern fühlbar wird, daß Englands Weltmonopol gebrochen [ist]. Die Teilnahme an der Beherrschung des Weltmarkts war und ist die ökonomische Grundlage der politischen Nullität [gemeint ist der Opportunismus, Anm.] der englischen Arbeiter.“
Engels’ Prognose sollte sich bestätigen.
Industrieller Niedergang
In den 1870ern geriet die britische Wirtschaft in eine anhaltende Stagnation. Im Laufe der 1880er hatte England sein Industriemonopol verloren.
Denn mit der Zeit hatten sich auch andere Länder industrialisiert, allen voran Deutschland und die USA. Die Bourgeoisien dieser Länder hatten sich am britischen Vorbild orientiert, teilweise direkt Industriespionage betrieben. Der Fakt, dass die große Industrie erst später in Deutschland und den USA entstand, brachte sogar einen Vorteil: Diese Länder mussten nicht graduell durch all die verschiedenen Entwicklungsstufen gehen, durch die die britische Industrie gegangen war; sie konnten sofort in großem Stil Industrieanlagen auf dem neuesten Stand der Technik bauen; und zwar als die britische Industrie bereits einige Jahrzehnte alt war. Ihre Industrie war daher produktiver als die britische.
Zwischen 1886 und 1910 stieg die britische Stahlproduktion von 2,4 Mio. Tonnen im Jahr auf 6,1 Mio. Die deutsche stieg im gleichen Zeitraum von 1 Mio. auf 13,7 Mio. Tonnen im Jahr!
Hinzu kam eine gewisse Tendenz zum Parasitismus: Die britische Bourgeoisie hatte begonnen, sich auf ihrer Vormachtstellung auszuruhen und lieber in profitablere Optionen zu investieren als in die Modernisierung der britischen Industrie.
Der marxistische Historiker A. L. Morton schrieb dazu:
„Einst war Britannien weltweiter Technologieführer gewesen, nun begann es sich damit zufrieden zu geben, sich auf seiner etablierten Position auszuruhen. Und so wurde die britische Industrie in einem Bereich nach dem anderen rückschrittlich und konservativ. Es gab eine starke Tendenz, veraltete aber noch funktionierende Produktionsanlagen und -methoden weiterzunutzen, anstatt die großen Kapitalausgaben [Investitionen, Anm.] in Kauf zu nehmen, die für eine Modernisierung nötig gewesen wären. Neue Industrien im Ausland hingegen wurden natürlich auf dem neuesten Stand der Technik gebaut.“
Immer mehr Investitionen flossen in die Kolonien ab. Dort wurden mit ihnen entweder neue Fabriken gebaut, die später zur britischen Industrie in Konkurrenz treten sollten (wie z.B. die indische Kohle- und Stahlindustrie). Oder sie nahmen die Form von Krediten an, mit denen englische Investoren die Kolonien auspressten. So wurden in den 1870er und 80er Jahren im formal noch selbstständigen Ägypten zahlreiche Infrastrukturprojekte durch Kredite britischer Investoren ermöglicht, darunter auch der Suezkanal. Ihre koloniale Machtposition ausnutzend, verlangten die britischen Banken vom ägyptischen König unerhört hohe Zinsen. Als der ägyptische Staat diese nicht mehr bedienen konnte, musste der König all seine Anteile am Suezkanal an die britischen Banken verkaufen.
Mit den gigantischen Profitmargen aus diesen Kapitalexporten konnten Investitionen in die britische Industrie nicht mithalten. So wurde die britische Bourgeoisie immer mehr zu einer parasitären Rentiersklasse.
Nach außen durch protektionistische Zölle geschützt, diente das britische Empire mit seinen Kolonien als sicherer Absatzmarkt für britische Waren. Deutschland, das (noch) kein Empire hatte, spürte den internationalen Wettbewerbsdruck stärker und musste seine Weltmarktstellung durch höhere technische Effizienz seiner Industrie behaupten.
In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg machte die deutsche Industrie der britischen diverse Märkte abspenstig. Auf dem Balkan stieg der Anteil deutscher Waren von 18,1% auf 29,2%, während der britische von 24% auf nur 14,9% fiel! Anderswo ging es ähnlich. Das war der grundlegende Widerspruch, der später in den Ersten Weltkrieg führen sollte.
Die Arbeiterklasse erhebt sich
Der Verlust des britischen Industriemonopols weckte die Arbeiterklasse um 1890 aus ihrem mehr als vierzigjährigen Winterschlaf. Angesichts der tiefen Krise wurde die Unzulänglichkeit der „Craft Unions“ immer klarer. Gewaltige Massenstreiks der Hafenarbeiter im Osten Londons und anderer besonders ausgebeuteter Schichten der Arbeiterklasse erschütterten das Land. Eine neue Gewerkschaftsbewegung entstand: „New Unionism“. Anstatt wie die alten „Craft Unions“ nur kleine Mengen gelernter Facharbeiter nach Berufen getrennt zu organisieren, setzte diese neue Generation an Gewerkschaftsaktivisten alles daran, die breitesten Schichten der Arbeiterklasse zu organisieren. Die Bergarbeitergewerkschaft wuchs von 36.000 Mitgliedern im Jahr 1888 auf 200.000 im Jahr 1893.
Diese neuen Gewerkschaften erteilten der Klassenzusammenarbeit der vorangegangenen Zeit eine entschiedene Absage. Sie waren bereit, erbitterte Streiks gegen die Kapitalisten zu führen, wodurch sie eine Reihe an Siegen errangen, und bekannten sich zum Sozialismus als Ziel. Die (wenigen) britischen Marxisten spielten eine entscheidende Rolle. Einer ihrer Führer appellierte an die restlichen Arbeiter: „Wie lange wollt ihr euch noch mit der gegenwärtigen halbherzigen Politik eurer [alten, Anm.] Gewerkschaften zufriedengeben? Es sei gerne zugestanden, dass die Gewerkschaften in der Vergangenheit gute Arbeit geleistet haben, aber um Himmels willen, welchem guten Zweck dienen sie jetzt?“
1900 wurde endlich eine Arbeiterpartei gegründet: die Labour Party, die eng mit den Gewerkschaften verbunden war. 1906 wurden in den Wahlen zum Schrecken der herrschenden Klasse 29 Labour-Abgeordnete gewählt! In der Labour Party stritten verschiedene politische Strömungen miteinander: Offene Reformisten, Zentristen (in Worten marxistisch, in der Praxis opportunistisch) und eine kleine linke Strömung. Trotzdem war es ein gewaltiger Fortschritt, dass die Arbeiterklasse ihre eigene politische Formation erschaffen und sich von den Liberalen gelöst hatte.
Zwischen 1900 und 1914 sanken die Reallöhne spürbar, Profite und Zinsen stiegen jedoch um 55%. Bis 1910 waren 2,5 Mio. Arbeiter in Gewerkschaften organisiert.
Zwischen 1910 und 1914 erschütterte eine Massenbewegung von bisher unvorstellbarer Heftigkeit das Land: „The Great Unrest“ („die Großen Unruhen“). „In jenen Tagen ging das Gespenst der Revolution in England um“, schrieb Trotzki. Die britischen Kapitalisten versuchten, die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Industrie durch die erhöhte Ausbeutung der Arbeiterklasse wiederherzustellen. 1911 streikten zehntausende Berg- und Transportarbeiter. Die Regierung entsandte Soldaten, um die Streiks zu beenden. Doch tägliche Demonstrationen von Hunderttausenden in London zwangen die Regierung zum Rückzug – der Streik siegte.
In Liverpool nahm die Bewegung bürgerkriegsähnliche Ausmaße an: 70.000 Transportarbeiter streikten. Die Regierung entsandte zwei Kriegsschiffe und stellte die ganze Stadt unter militärische Besatzung. Doch als die Gewerkschaften mit landesweiten Solidaritätsstreiks drohten, musste die Regierung sich geschlagen geben. Während 1908 im Durchschnitt 30 Streiks im Monat stattfanden, waren es zwischen 1913 und 1914 ganze 150 pro Monat.
Erster Weltkrieg und Militarismus
Der Kriegsausbruch 1914 bedeutete ein jähes Ende dieser Massenbewegungen. Die reformistische Führung der Labour Party unterstützte die britischen Kriegsanstrengungen und die meisten Gewerkschaftsführer erklärten, während des Kriegs keine Streiks zu organisieren. Trotzdem kam es schon 1915 zu einer Reihe kämpferischer Streiks.
Angesichts des Verrats der offiziellen Gewerkschaftsführer war bereits während des Krieges eine landesweite Bewegung kampfbereiter Vertrauensleute in den Betrieben (vergleichbar mit den revolutionären Obleuten in Berlin 1916-18) entstanden, die kämpferische Streiks organisierten. 1917 nahmen über 300.000 Arbeiter an diesen Streiks teil. Diese Betriebskomitees waren eine frühe Form von Sowjets, also Arbeiterräten.
Formal hatte das Britische Empire bei Kriegsende 1918 seine größte Ausdehnung und Machtfülle erreicht. Tatsächlich offenbarte der Krieg, wie überdehnt und morsch dieser Koloss war. Anstatt, wie in den Jahrhunderten zuvor, die verschiedenen Mächte auf dem europäischen Kontinent gegeneinander auszuspielen, wurde Britannien nun selbst von den aufsteigenden USA gegen Deutschland ausgespielt. Nach dem Krieg überflügelte die US-amerikanische Industrie die britische. Ebenso verlor England seine Vormachtstellung auf See an die USA. Die Militärausgaben während des Krieges hatten Großbritannien gezwungen, sich massiv bei den USA zu verschulden und sich so abhängig zu machen.
Der Erste Weltkrieg hatte Großbritannien das erste Mal gezwungen, die Wehrpflicht einzuführen. Das stieß auf Unmut und Widerstand in der Arbeiterklasse, vor allem in Kolonien wie Australien und Irland, wo 1918 ein Generalstreik gegen die Einführung der Wehrpflicht ausbrach. Mit der Wehrpflicht schwoll die Armee zudem mit Millionen junger Arbeiter an, was sie als Werkzeug für die Kapitalisten immer unzuverlässiger machte.
Bolschewistisches Britannien?
Die siegreiche sozialistische Oktoberrevolution 1917 in Russland war auch für die britischen Arbeiter Inspiration, Hoffnung und Vorbild. 1918 wuchsen die Gewerkschaften auf 4,5 Mio. an. Unter dem Druck der Massen nahm die Labour Party auf ihrem Parteitag 1918 einen Passus in ihre Satzung auf, der das „Gemeinschaftseigentum an den Produktionsmitteln“ zum Ziel der Partei erklärte. In einigen englischen Marinestützpunkten an der Südküste kam es im selben Jahr zu Meutereien. Selbst die britischen Polizisten streikten 1918 für höhere Löhne! Premierminister Lloyd George bemerkte: „Ganz Europa ist erfüllt mit dem Geist der Revolution!“
Die Disziplin in der Armee begann zusammenzubrechen. Soldatenkomitees wurden gebildet. 3.000 kriegsmüde Soldaten weigerten sich, nach Frankreich verlegt zu werden. Stattdessen marschierten sie auf das Kriegsministerium und das Parlament, bis Wachbatallione sie stoppten. In den folgenden zwei Wochen fanden 50 Aufstände in der Armee statt. Zur selben Zeit rollte eine weitere riesige Streikwelle in der Industrie heran.
Die britische Bourgeoisie war in Panik! Lloyd George erklärte: „Dieses Land war an diesem Tag dem Bolschewismus so nah wie nie zuvor.“ Churchill fürchtete die „Rote Revolution“ und Lord Chamberlain befahl 18 Bataillone nach London, denn er sei dafür, „lieber die britischen Kohleminen zu halten als die schlesischen!“
Doch die Arbeiterführer zeigten keine Initiative, die Bewegung in der Armee mit der Streikwelle in den Betrieben zusammenzuführen und für die Machtübernahme durch die Betriebs- und Soldatenkomitees zu kämpfen. So beruhigte sich die Situation wieder – vorläufig.
Der britische Imperialismus versuchte, das revolutionäre Russland in Blut zu ersticken. Die britische Arbeiterklasse hingegen war entschlossen, das zu verhindern. 1919 kam eine nationale Konferenz zur Verteidigung des revolutionären Russlands zusammen. Auch die Labour Party bekannte sich auf ihrem Parteitag zu diesem Ziel und drohte mit direkter Aktion für den Fall britischer Einmischung in Russland. 1920 weigerten sich britische Arbeiter, Schiffe mit Munition für die reaktionäre Weiße Armee zu beladen. „Aktionskomitees“ wurden in allen Betrieben gegründet, um den Widerstand zu organisieren. Lenin schrieb: „Die gesamte bürgerliche Presse Englands schreibt, dass die ‘Aktionskomitees’ Sowjets seien. Sie haben recht!“ Die Regierung musste einlenken.
Auch in den folgenden Jahren wurde das Land von heftigen Klassenkämpfen erschüttert. 1921 kam es fast zu einem Generalstreik, nachdem sich Bergarbeiter, Eisenbahner und Logistikarbeiter in der „Tripple Alliance“ zusammengeschlossen hatten. Doch diese Bestrebungen wurden am „Black Friday“ in letzter Sekunde von der rechten Gewerkschaftsführung verraten.
Nach dieser schweren Niederlage an der industriellen Front wandte sich die Arbeiterklasse der politischen Front zu: 1924 erzielte die Labour Party einen massiven Wahlerfolg und stellte ein Jahr lang eine Minderheitsregierung. Natürlich verrieten die reformistischen Führer in der Regierung die Interessen ihrer Basis, aber der Wahlerfolg als solcher war Symptom für die zunehmende Radikalisierung im Land.
In dem sich der rechte Flügel der Arbeiterbewegung in der Regierung diskreditierte, bereitete er dem linken Flügel den Weg. Eine Reihe linker Reformisten wurde an die Spitze der Gewerkschaften gewählt. Diese Leute waren ehrliche Klassenkämpfer, aber keine bolschewistischen Revolutionäre.
Unter ihrer Führung entbrannte der britische Generalstreik von 1926, nachdem die Kapitalisten die Löhne der Bergarbeiter in der Kohleindustrie massiv kürzen wollten, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen. Neun Tage stand das ganze Land still, während die Arbeiterklasse ihre ganze Kraft demonstrierte. Nie kam Großbritannien der sozialistischen Revolution so nahe!
Doch als der Generalstreik erreicht war, wussten die linksreformistischen Führer nicht, wie es weitergehen sollte. Der nächste logische Schritt war die Machteroberung. Doch darauf waren sie politisch und psychologisch nicht vorbereitet. So endete der Generalstreik in einer Niederlage – auch weil die Kommunistische Partei Großbritanniens auf Weisung der Komintern die Situation nicht für sich zu nutzen vermochte: Sie schürte Illusionen in die Vorstellung, die linksreformistischen Gewerkschafter könnten selbst die Arbeiterklasse zur Machteroberung führen.
Ideologische Altlasten
Die Revolution scheiterte nicht am Kampfeswillen der Massen, sondern an den reformistischen Führern, deren mangelnden Mut, fehlender Weitsicht und Erfahrung oder offenem Verrat.
Diese waren von der britischen Bourgeoisie jahrzehntelang „erzogen“ worden und übernahmen ihre Schwächen: Oberflächlicher Empirismus bei Verachtung von theoretischem Denken, das es erlaubt hätte, über den Tellerrand der bestehenden Ordnung hinauszublicken; die Überzeugung, dass Entwicklung ausschließlich graduell, d.h. ohne große Sprünge von Statten ginge; und einen verlogenen christlichen „Pazifismus“: fromme Gewaltlosigkeit – natürlich nur für die Unterdrückten –, die zu einer blinden Ehrfurcht vor dem bürgerlichen Gesetz führte. Diese ideologischen Altlasten des Reformismus wirkten wie ein „innerer Polizist“ in den Gehirnen der reformistischen Führer und machten sie unfähig, das Proletariat in einer ganz „ungraduellen“ Revolution zum Sieg zu führen.
Diese Ideen hielten sich länger als die materiellen Bedingungen, die sie hervorgebracht hatten, und blieben ein Hindernis für die Arbeiterklasse auf dem Weg zur Macht.
Auch die tatsächlich kämpferischen Führer aus der Arbeiterklasse, die von den Ereignissen an die Spitze der Bewegung gespült wurden, litten ohne marxistische Theorie an diesen ideologischen Altlasten.
Die Aufgabe der Kommunisten war, die Arbeiterbewegung mit neuen, revolutionären Ideen auszustatten, die es der Arbeiterklasse erlaubt hätten, die Revolution zu machen und so einen Ausweg aus dem sich hinziehenden gesellschaftlichen Niedergang zu finden. Nur wenn eine starke Kommunistische Partei aufgebaut würde, könnte die alte, reformistische Führung durch eine neue ersetzt werden, deren Ideen den Anforderungen der neuen Epoche entsprechen. Die stalinistische Verzerrung des Marxismus ab Mitte der 1920er Jahre machte dies jedoch unmöglich.
Heute stehen wir wieder vor einer ähnlichen Situation. Setzen wir alles daran, dass der imperialistische Niedergang Deutschlands und Europas mit dem Sieg der proletarischen Revolution endet!