Einführung in die revolutionäre marxistische Philosophie

Ich habe mich sehr gefreut, als ich von dem Plan der Genossinnen und Genossen der US-Sektion der IMT erfuhr, einen Sammelband grundlegender Schriften zur marxistischen Philosophie zu veröffentlichen. Jedes spezialisierte Teilgebiet menschlicher Tätigkeit setzt ein gewisses Maß an Verständnis und Studium voraus. Dies gilt sowohl für das Tischlerhandwerk als auch für die Gehirnoperation. Die Vorstellung, dass wir ohne ein gewisses Maß an Lernen auskommen können, steht in einem offenen Widerspruch zur Alltagserfahrung.

Wenn ich zum Zahnarzt gehe und er zu mir sagt: „Ich habe nie Zahnmedizin studiert und weiß nichts darüber, aber öffne deinen Mund und ich werde es versuchen“, würde ich die Praxis auf dem schnellsten Wege verlassen. Wenn ich Probleme mit meiner Zentralheizung habe und ein Mann zu mir nach Hause kommt, einen Hammer aus der Tasche zieht und sagt: „Ich weiß nichts über Installationstechnik, aber zeigen Sie mir Ihre Zentralheizung und ich werde durch Ausprobieren lernen“, würde ich ihm sicherlich zeigen, wo der Ausgang ist.

Die meisten Menschen würden nicht davon träumen, eine fundierte Meinung über Gehirnchirurgie oder Quantenmechanik ohne Spezialkenntnisse auf diesen Gebieten zu äußern, aber die Dinge scheinen beim Marxismus ganz anders zu sein. Es scheint, dass jeder eine Meinung über den Marxismus äußern kann, ohne eine einzige Zeile dessen gelesen zu haben, was Marx und Engels tatsächlich geschrieben haben. Diese Aussage gilt ebenso – und zwar weit mehr – für die so genannten akademischen Experten, die Bücher über den Marxismus schreiben, die deutlich zeigen, dass sie Marx nicht gelesen haben, oder wenn sie ein wenig gelesen haben, sie kein einziges Wort davon verstanden haben.

Diese Situation ist hinreichend bedauerlich, aber noch bedauerlicher ist die Tatsache, dass viele Menschen, die sich Marxisten nennen, die Schriften von Marx und Engels gleichermaßen ignorieren. Meiner Erfahrung nach machen sich selbst viele Menschen, die sich als marxistische Kader betrachten, selten die Mühe, die Tiefen der marxistischen Theorie in all ihrem Reichtum und ihrer Vielfalt auszuloten. Allzu oft streifen sie nur die Oberfläche und wiederholen gedankenlos ein paar Schlagwörter und aus dem Zusammenhang gerissene Zitate, die sie auswendig gelernt haben, deren echter Inhalt aber ein Buch mit sieben Siegeln für sie bleibt.

Viele Menschen denken, dass sie wissen, was Marxismus ist. Im Laufe der Zeit haben sie sich mit einigen der Grundideen vertraut gemacht. Aber was vertraut ist, ist nicht genau verstanden – gerade weil es vertraut ist. Vor langer Zeit las ich etwas, was Hegel geschrieben hat und das mich tief beeindruckt hat. Ich kann mich nicht erinnern, wo ich es gelesen habe und schreibe sinngemäß:“Aber was bekannt ist, ist darum noch nicht erkannt”.

Nirgendwo trifft diese Aussage deutlicher zu als für den sehr wichtigen Bereich der Philosophie. Es wird allzu oft vergessen, dass der Marxismus als Philosophie begann und die philosophische Methode des Marxismus ist von grundlegender Bedeutung für das Verständnis der Ideen von Marx und Engels.

Hier werden wir jedoch mit einer Schwierigkeit konfrontiert. Die systematischste Darstellung der Dialektik ist in den Schriften von Hegel enthalten, insbesondere in seinem umfangreichen Werk Die Wissenschaft der Logik. Aber der Leser kann bald entmutigt sein von der höchst ungewöhnlichen Art und Weise, wie Hegel seine Ideen darlegt – „abstrakt und abstrus“ – nannte es Engels, während Lenin bemerkte, dass das Lesen von Die Wissenschaft der Logik der beste Weg sei, Kopfschmerzen zu bekommen.

Marx beabsichtigte, ein Werk über den dialektischen Materialismus zu schreiben, um dem allgemeinen Leser den rationalen Kern von Hegels Gedanken zugänglich zu machen. Leider starb er, bevor er es tun konnte. Marx‘ unermüdlicher Genosse Friedrich Engels schrieb eine Reihe brillanter Studien zur dialektischen Philosophie, darunter Ludwig Feuerbach und der Ausgang der deutschen klassischen Philosophie, Anti-Dühring und Die Dialektik der Natur.

Das letztgenannte Werk sollte die Grundlage für ein längeres Werk über die marxistische Philosophie sein, aber leider wurde Engels daran gehindert, weil er die immense Aufgabe der Vollendung des zweiten und dritten Bandes des Kapitals übernahm, die Marx bei seinem Tod unvollendet ließ. Es ist wahr, dass man, verstreut über die Werke von Marx, Engels, Lenin, Trotzki und Plechanow, eine sehr große Menge an Material zu diesem Thema finden kann, aber es würde sehr lange dauern, all diese Informationen zu extrahieren.

Vor über 20 Jahren schrieb ich in Zusammenarbeit mit meinem Genossen und Lehrer Ted Grant das Buch Aufstand der Vernunft. Nach meinem besten Wissen war dies der erste Versuch, die Methode des dialektischen Materialismus auf die Ergebnisse der modernen Wissenschaft anzuwenden, seit Engels Die Dialektik der Natur geschrieben hat. Aber die Aufgabe, eine mehr oder weniger systematische Darstellung der marxistischen Philosophie zusammenzustellen, bleibt noch zu erledigen.

Seit einiger Zeit habe ich geplant, ein Werk über die marxistischen Philosophie zu schreiben, das hoffentlich die Ideen von Hegel in einer Weise präsentiert, die für den allgemeinen Leser zugänglicher ist. Leider wurde diese Arbeit durch andere Aufgaben verzögert, vor allem durch die Erstellung der vollständigen Version von Trotzkis Stalin. Ich hoffe, diese Aufgabe in nicht allzu ferner Zukunft zu vollenden. In der Zwischenzeit wird sich der vorliegende Sammelband als unschätzbare Hilfe für die Studierenden des wissenschaftlichen Sozialismus erweisen, welche die marxistische Philosophie besser verstehen möchte, und ich begrüße diese Veröffentlichung von ganzem Herzen.

Der Niedergang der modernen Philosophie

Die Einstellung der meisten Menschen zur Philosophie heutzutage ist meist eine Haltung der Gleichgültigkeit oder gar Verachtung. Für die moderne Philosophie ist das durchaus verständlich. Das Herumlabern um Bedeutung und Semantik ähnelt auffallend der dünnen Luft und den verworrenen Debatten der mittelalterlichen Scholastiker, die endlos über das Geschlecht der Engel stritten und wie viele Engel auf dem Kopf einer Nadel tanzen konnten.

Seit anderthalb Jahrhunderten gleicht das Reich der Philosophie einer trockenen Wüste mit nur gelegentlichen Spuren des Lebens. Man wird in dieser Einöde vergeblich nach einer Quelle der Erleuchtung suchen. Es ist schwer zu sagen, was schlimmer ist: die unerträglichen Ansprüche der sogenannten Postmoderne oder die offensichtliche Leere ihres Inhalts. Die Schatzkammer der Vergangenheit mit ihren alten Herrlichkeiten und Lichtblitzen scheint völlig erloschen zu sein.

Mit dem jüngsten Hang zur sogenannten Postmoderne hat die bürgerliche Philosophie ihren Tiefpunkt erreicht. Der dürftige Inhalt dieses Trends hat seine Anhänger nicht daran gehindert, die absurdesten Allüren zu übernehmen, begleitet von einer arroganten Verachtung gegenüber den großen Philosophen der Vergangenheit. Wenn wir die Kloaken der modernen Philosophie untersuchen, kommen uns die Worte von Hegel im Vorwort zur Phänomenologie des Geistes sofort in den Sinn: „An dem Wenigen, das so die Bedürfnisse des menschlichen Geistes befriedigen kann, können wir das Ausmaß seines Verlustes messen.“

Die Verachtung der Philosophie, oder besser gesagt, die völlige Gleichgültigkeit, die die meisten Menschen ihr gegenüber zeigen, ist hochverdient. Aber es ist bedauerlich, dass man in Abkehr vom heutigen philosophischen Sumpf die großen Denker der Vergangenheit vernachlässigt, die im Gegensatz zu den modernen Scharlatanen Riesen des menschlichen Denkens waren. Man kann viel von den Griechen, Spinoza und Hegel lernen, die Pioniere waren, die den Weg für die brillanten Errungenschaften der marxistischen Philosophie bereitet haben und zu Recht als ein wichtiger Teil unseres revolutionären Erbes betrachtet werden können.

Empirismus versus Dialektik

Die angelsächsische Welt im Allgemeinen hat sich für die Philosophie als bemerkenswert unempfindlich erwiesen. Soweit sie eine Philosophie besitzen, haben die Amerikaner und ihre englischen Verwandten den Umfang ihres Denkens auf die engen Grenzen des Empirismus und seines Seelenverwandten, des Pragmatismus, beschränkt. Breite Verallgemeinerungen mit eher theoretischem Charakter wurden schon immer mit etwas Misstrauen betrachtet.

Philosophie ist abstraktes Denken, aber philosophische Verallgemeinerungen sind der angelsächsischen Tradition fremd. Die empirische Tradition duldet keine Generalisierungen. Sie verlangt ständig das Konkrete, die Fakten, aber indem sie sich auf diesen engen Ansatz beschränkt, übersieht sie ständig den Wald vor lauter Bäumen.

Früher spielte der Empirismus eine äußerst fortschrittliche und sogar revolutionäre Rolle bei der Entwicklung des menschlichen Denkens und der Wissenschaft. Empirie ist jedoch nur in gewissen Grenzen hilfreich. Im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert übte die mit dem Namen von Sir Francis Bacon verbundene empirische Denkschule einen widersprüchlichen Einfluss auf die weitere Entwicklung aus.

Einerseits gab er, indem er die Notwendigkeit von Beobachtung und Experiment betonte, einen Impuls für die wissenschaftliche Untersuchung. Auf der anderen Seite entstand die enge empirische Perspektive, die sich vor allem in Großbritannien und den Vereinigten Staaten negativ auf die Entwicklung des philosophischen Denkens ausgewirkt hat. Diese eigentümliche angelsächsische Abneigung gegen die Theorie, die Tendenz zu engem Empirismus, die sklavenartige Verehrung der „Fakten“ und eine hartnäckige Weigerung, Verallgemeinerungen anzunehmen, hat das gebildete Denken in Großbritannien und damit auch in den Vereinigten Staaten so lange dominiert, dass sie den Charakter eines tiefsitzenden Vorurteils angenommen hat.

Für den empirischen Denker existiert nichts außer in seiner äußeren Erscheinungsform. Dieser Gedanke untersucht die Dinge immer in ihrer Einsamkeit, Stille und Isolation und endet damit, dass er die Sicht auf eine Sache untersucht und nicht die Sache selbst. Die Sinneswahrnehmung wird auf einer sehr niedrigen und grundlegenden Ebene gedacht. Für alltägliche Zwecke mögen solche Gedankenformen ausreichen, aber für komplexere Prozesse wird die Enge des Empirismus sofort zum Hindernis für einen Geist, der danach strebt, die Wahrheit zu erlangen.

Unter der Wahrheit verstehen wir menschliches Wissen, das die objektive Welt, ihre Gesetze und Eigenschaften korrekt widerspiegelt. In diesem Sinne hängt es nicht von einem Thema ab, wie es sich Bischof Berkeley, Hume und die anderen frühen Vertreter des englischen Empirismus vorstellen, die zwangsläufig in den Sumpf des subjektiven Idealismus fielen.

Die Forderung nach “den Fakten“

Viele Menschen fühlen sich nur dann sicher, wenn sie sich auf die Fakten beziehen können. Doch die „Fakten“ wählen sich nicht selbst aus. Es bedarf einer konkreten Methode, die uns hilft, über das unmittelbar Gegebene hinauszuschauen und die Prozesse, die über die „Fakten“ hinausgehen, offenzulegen. Trotz gegenteiliger Behauptungen ist es unmöglich, ohne Vorurteile von den „Fakten“ auszugehen. Eine solche vermeintliche Objektivität hat es nie gegeben und wird es auch nie geben.

Im Umgang mit den Fakten bringen wir unsere eigenen Vorstellungen und Kategorien mit. Diese können entweder bewusst oder unbewusst sein, sind aber immer vorhanden. Wer sich vorstellt, ohne Philosophie ganz glücklich auskommen zu können – wie es bei vielen Wissenschaftlern der Fall ist – wiederholt nur unbewusst die bestehende aktuelle „offizielle“ Philosophie und die derzeitigen Vorurteile gegenüber der Gesellschaft, in der er lebt. Es ist daher unerlässlich, dass Wissenschaftler und Denker im Allgemeinen bestrebt sind, eine einheitliche Sichtweise auf die Welt zu entwickeln, eine kohärente Philosophie, die als geeignetes Werkzeug zur Analyse von Dingen und Prozessen dienen kann.

Die Schlussfolgerungen aus der Sinneswahrnehmung sind hypothetisch und erfordern weitere Beweise. Über einen langen Zeitraum der Beobachtung, kombiniert mit praktischer Tätigkeit, die es uns ermöglicht, die Richtigkeit unserer Ideen zu überprüfen, entdecken wir eine Reihe von wesentlichen Zusammenhängen zwischen Phänomenen, die zeigen, dass sie gemeinsame Merkmale aufweisen und zu einer bestimmten Gattung oder Art gehören.

Der Prozess der menschlichen Erkenntnis geht vom Besonderen zum Universellen, aber auch vom Universellen zum Besonderen. Es ist daher falsch und einseitig, das eine dem anderen gegenüberzustellen. Der dialektische Materialismus betrachtet Induktion und Deduktion nicht als unvereinbar, sondern als verschiedene Aspekte des dialektischen Prozesses der Erkenntnis, die untrennbar miteinander verbunden sind und sich gegenseitig bedingen.

Induktives Denken ist letztlich die Grundlage allen Wissens, denn alles, was wir wissen, ergibt sich letztlich aus der Beobachtung der objektiven Welt und Erfahrung. Bei näherer Betrachtung werden jedoch die Grenzen einer streng induktiven Methode deutlich. Unabhängig davon, wie viele Fakten untersucht werden, bedarf es nur einer einzigen Ausnahme, um die allgemeine Schlussfolgerung, die wir daraus gezogen haben, zu untergraben. Wenn wir tausend weiße Schwäne gesehen haben und den Schluss ziehen, dass alle Schwäne weiß sind, und dann einen schwarzen Schwan sehen, dann ist unsere Schlussfolgerung nicht mehr gültig.

In Dialektik der Natur verwies Engels auf das Paradoxon der empirischen Schule, die sich vorstellte, dass sie die Metaphysik ein für alle Mal abgeschafft hatte, aber letztendlich alle Arten von mystischen Ideen akzeptierte.

[Diese Richtung,] „die, auf die bloße Erfahrung pochend, das Denken mit souveräner Verachtung behandelt und es wirklich in der Gedankenlosigkeit auch am weitesten gebracht hat.“ (MEW 20, S.337)

In der Einleitung zur Geschichte der Philosophie verspottet Hegel zu Recht diejenigen Historiker, die besonders in Großbritannien allzu häufig vorgeben, sich auf die Fakten zu beschränke und eine falsche Fassade der „akademischen Objektivität“ präsentieren, während sie ihren Vorurteilen freie Hand lassen:

„Die Geschichte aber haben wir zu nehmen, wie sie ist: wir haben historisch, empirisch zu verfahren; unter anderm müssen wir uns nicht durch die Historiker vom Fach verführen lassen, denn diese, namentlich Deutsche, welche eine große Autorität besitzen, machen das, was sie den Philosophen vorwerfen, nämlich a priorische Erdichtungen in der Geschichte. Es ist z.B. eine weitverbreitete Erdichtung, daß ein erstes und ältestes Volk gewesen sei, unmittelbar von Gott belehrt, in vollkommener Einsicht und Weisheit, in durchdringender Kenntnis aller Naturgesetze und geistiger Wahrheit, oder daß es diese und jene Priestervölker gegeben, oder um etwas Spezielles anzuführen, daß es ein römisches Epos gegeben, aus welchem die römischen Geschichtschreiber die älteste Geschichte geschöpft haben usf. Dergleichen Autoritäten wollen wir den geistreichen Historikern von Fach überlassen, unter denen sie bei uns nicht ungewöhnlich sind. Als die erste Bedingung könnten wir somit aussprechen, daß wir das Historische getreu auffassen; allein in solchen allgemeinen Ausdrücken, wie treu und auffassen, liegt die Zweideutigkeit. Auch der gewöhnliche und mittelmäßige Geschichtsschreiber, der etwa meint und vorgibt, er verhalte sich nur aufnehmend, nur dem Gegebenen sich hingebend, ist nicht passiv mit seinem Denken und bringt seine Kategorien mit und sieht durch sie das Vorhandene; bei allem insbesondere, was wissenschaftlich sein soll, darf die Vernunft nicht schlafen, und muß Nachdenken angewandt werden; wer die Welt vernünftig ansieht, den sieht sie auch vernünftig an, beides ist in Wechselbestimmung. Aber die unterschiedenen Weisen des Nachdenkens, der Gesichtspunkte, der Beurteilung schon über bloße Wichtigkeit und Unwichtigkeit der Tatsachen, welches die am nächsten liegende Kategorie ist, gehören nicht hierher.“

Bertrand Russell, dessen Ansichten dem dialektischen Materialismus diametral entgegengesetzt sind, übt dennoch eine berechtigte Kritik an den Grenzen des Empirismus, die auf der gleichen Linie liegt wie Hegels Bemerkungen:

„In der Regel ist die Formulierung von Hypothesen der schwierigste Teil der wissenschaftlichen Arbeit und der Teil, in dem große Fähigkeiten unerlässlich sind. Bislang wurde keine Methode gefunden, die es ermöglichen würde, Hypothesen durch Regeln zu erfinden. Normalerweise ist eine Hypothese eine notwendige Voraussetzung für die Erhebung von Fakten, da die Auswahl von Fakten eine gewisse Relevanz erfordert. Ohne etwas derartiges ist die bloße Vielfalt der Fakten verblüffend.“ (Philosophie des Abendlandes)

Dialektik

Der Begriff „Dialektik“ stammt von dem griechischen dialektike, abgeleitet vom dialegomai, sich unterhalten oder diskutieren. Ursprünglich bedeutete es die Kunst der Diskussion, die in ihrer höchsten Form in den sokratischen Dialogen Platons zu sehen ist.

Ausgehend von einer bestimmten Idee oder Meinung, die sich in der Regel aus den konkreten Erfahrungen und Problemen des Lebens der betroffenen Person ableitet, würde Sokrates Schritt für Schritt in einem rigorosen Argumentationsprozess die im ursprünglichen Vorschlag enthaltenen inneren Widersprüche aufdecken, seine Grenzen aufzeigen und die Diskussion auf eine höhere Ebene bringen, die einen völlig anderen Vorschlag beinhaltet.

Ein erstes Argument – die These – wird vorgebracht. Dieses wird durch ein gegenteiliges Argument, die Antithese, beantwortet. Schließlich, nachdem wir die Frage gründlich untersucht und seziert haben, um ihre inneren Widersprüche zu enthüllen, kommen wir zu einem Schluss auf einer höheren Ebene – der Synthese. Das mag bedeuten oder auch nicht, dass die beiden Seiten eine Einigung erzielen, aber schon bei der Entwicklung der Diskussion selbst wird das Verständnis beider Seiten vertieft und die Diskussion geht von einer niedrigeren auf eine höhere Ebene über. Das ist die Dialektik der Diskussion in ihrer klassischen Form.

Die Dialektik ist eine dynamische Sicht der Natur, die den menschlichen Gedanken von der Strenge der sterblichen formalen Logik befreit. Der erste wirkliche Vertreter der Dialektik war ein bemerkenswerter Mann, der griechische Philosoph Heraklit (um 544-484 v. u. Z.). Sein Werk überlebt heute als eine Reihe von kurzen, aber tiefgreifenden Aphorismen, wie zum Beispiel die folgenden:

„Feuer lebt der Erde Tod und Luft des Feuers Tod; Wasser lebt der Luft Tod und Erde den des Wassers.“

„Und es ist immer ein und dasselbe was in uns wohnt: Lebendes und Totes und das Wache und das Schlafende und Jung und Alt. Wenn es umschlägt, ist dieses jenes und jenes wiederum, wenn es umschlägt, dieses.“

„In dieselben Fluten steigen wir und steigen wir nicht: wir sind es und sind es nicht.“

Diese Äußerungen schienen so schwer zu verstehen, weil sie dem so genannten „gesunden Menschenverstand“ der Welt widersprechen. So dunkel und paradox erschienen sie seinen Zeitgenossen, dass sie ihm den Spitznamen „Heraklit der Dunkle“ einbrachten. Sie verstanden nicht, was er sagte, aber er war völlig gleichgültig gegenüber ihrem Unverständnis und behandelte es mit Verachtung:

„Für dies Wort [Weltgesetz] aber, ob es gleich ewig ist, gewinnen die Menschen kein Verständnis, weder ehe sie es vernommen noch sobald sie es vernommen. Alles geschieht nach diesem Wort, und doch geberden sie sich wie Unerprobte, so oft sie es probieren mit solchen Worten und Werken, wie ich sie künde, ein jegliches nach seiner Natur zerlegend und deutend, wie sich’s damit verhält. Die anderen Menschen wissen freilich nicht, was sie im Wachen tun, wie sie ja auch vergessen, was sie im Schlafe [tun].“

Heraklit konnte sehen, was andere, die sich nur auf die empirischen Beweise der Sinne stützten, nicht konnten. In einer verheerenden Kritik des Empirismus schrieb er:

“Schlimme Zeugen sind Augen und Ohren den Menschen, sofern sie Barbarenseelen haben.“

Natürlich leitet sich all unser Wissen letztendlich von unseren Sinnen ab, aber die Sinneswahrnehmung kann uns nur einen Teil der Geschichte erzählen, und nicht unbedingt den wichtigsten Teil. Es genügt, sich daran zu erinnern, dass unsere Sinne uns sagen, dass die Erde flach ist. Hegel, der als Philosoph eine sehr hohe Meinung von Heraklit hatte, schrieb in seiner Geschichte der Philosophie: „Hier sehen wir Land. Es gibt keinen Satz von Heraklit, den ich nicht in meiner Logik übernommen habe.“

Der Psychologe Carl Jung schrieb: „Der alte Heraklit, der in der Tat ein sehr großer Weiser war, entdeckte das wunderbarste aller psychologischen Gesetze: die regulative Funktion der Gegensätze… Ein gegenteiliger Lauf, mit dem er meinte, dass sich früher oder später alles in sein Gegenteil verkehrt“ (Zwei Schriften über Analytische Psychologie).

Im Anti-Dühring gibt Engels die folgende Einschätzung über die dialektische Weltsicht von Heraklit ab:

„Wenn wir die Natur oder die Menschengeschichte oder unsre eigne geistige Tätigkeit der denkenden Betrachtung unterwerfen, so bietet sich uns zunächst dar das Bild einer unendlichen Verschlingung von Zusammenhängen und Wechselwirkungen, in der nichts bleibt, was, wo und wie es war, sondern alles sich bewegt, sich verändert, wird und vergeht. Diese ursprüngliche, naive, aber der Sache nach richtige Anschauung von der Welt ist die der alten griechischen Philosophie und ist zuerst klar ausgesprochen von Heraklit: Alles ist und ist auch nicht, denn alles fließt, ist in steter Veränderung, in stetem Werden und Vergehn begriffen.“ (MEW 20, S.20)

„[…] Bewegung als solche, als wesentliche Betätigung, Existenzform der Materie.“ (MEW 20, S.511)

In der Dialektik der Natur schreibt Engels:

“Formwechsel der Bewegung ist immer ein Vorgang, der zwischen mindestens zwei Körpern erfolgt, von denen der eine ein bestimmtes Quantum Bewegung dieser Qualität (z.B. Wärme) verliert, der andre ein entsprechendes Quantum Bewegung jener Qualität (mechanische Bewegung, Elektrizität, chemische Zersetzung) empfängt.“ (MEW 20, S.349)

„Die Dialektik, die sog. objektive, herrscht in der ganzen Natur, und die sog. subjektive Dialektik, das dialektische Denken, ist nur Reflex der in der Natur sich überall geltend machenden Bewegung in Gegensätzen, die durch ihren fortwährenden Widerstreit und ihr schließliches Aufgehen ineinander, resp. in höhere Formen, eben das Leben der Natur bedingen.“ (MEW 20, S.481)

In Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft schrieb, Engels: „ … die ganze natürliche, geschichtliche und geistige Welt als ein Prozeß, d.h. als in steter Bewegung, Veränderung, Umbildung und Entwicklung begriffen, dargestellt und der Versuch gemacht wurde, den innern Zusammenhang in dieser Bewegung und Entwicklung nachzuweisen.“ (MEW 19, S.206)

Hegels Dialektik

Die dialektische Methode erscheint in den Schriften des Heraklit in einer embryonalen, unentwickelten Form. Sie wurde von Hegel in höchstem Maße entwickelt. Sie erscheint hier jedoch in einer mystischen, idealistischen Form. Sie wurde durch die theoretischen Arbeiten von Marx und Engels gerettet, die zum ersten Mal den rationalen Kern in Hegels Denken zeigten. Die dialektische Methode bietet uns in ihrer wissenschaftlich-materialistischen Form ein unverzichtbares Werkzeug, um die Funktionsweise von Natur, Gesellschaft und menschlichem Denken zu verstehen.

Hegels großes dialektisches Meisterwerk war die Wissenschaft der Logik deren Struktur, so behauptete er, eine Abstraktion aus der Geschichte der Philosophie sei. Sie ähnelt dem Prozess, den der Geist eines Kindes durchläuft, wenn es anfängt, äußere Wahrnehmungen zu empfangen, beginnend mit der Kategorie des „Seins“, und von ihm aus, zu abstrakteren – Hegel hätte konkrete Ideen gesagt – übergeht.

Aber das grundlegende Problem mit Wissenschaft der Logik liegt in der Struktur der Arbeit selbst. Als Idealist versuchte Hegel, ein philosophisches System zu schaffen, das, Schritt für Schritt durch alle Prozesse des bewussten Denkens hindurch, letztlich zur Absoluten Idee führen würde, die Feuerbach zu Recht als einen weiteren Namen für Gott ansah. Das war auch die Meinung von Lenin. Er schrieb in seinen Philosophischen Heften: „Hegels Logik darf man in ihrer gegebenen Form nicht anwenden; man darf sie nicht als Gegebenes nehmen. Man muß ihr die logischen (gnoseologischen) Nuancen entnehmen und sie von der ‚Ideenmystik‘ reinigen: das ist noch eine große Arbeit.“ (Leninwerke Band 38, S.253)

Der künstliche Charakter von Hegels philosophischem System wird von Engels in einem Brief an Conrad Schmidt vom 1. November 1891 kommentiert. Er bemerkte, dass die Struktur von Hegels Logik künstlich ist und dass der Übergang von einer Kategorie zur anderen oft erzwungen erfolgt. Er tat dies mit einem Wortspiel: wie in „zugrunde gehen“, um zur Kategorie „Grund“ zu gelangen.

Was die Absolute Idee betrifft, so kommentierte Engels ironisch, das Problem dabei ist, dass Hegel uns absolut nichts darüber erzählt. Der Versuch, das zweifellose Meisterwerk des dialektischen Denkens in die Zwangsjacke des Idealismus zu zwingen, führte dazu, dass das Werk häufig einen erzwungenen und willkürlichen Charakter hatte. Es war, um Engels noch einmal zu zitieren, „eine kolossale Fehlgeburt“.

Dennoch bietet Hegels Logik dem geduldigen Leser eine Vielzahl von fundierten und lohnenden Ideen. Trotz ihres idealistischen, oft recht obskuren Charakters ist es möglich, wie durch einen verzerrenden Spiegel die Reflexion der materiellen Realität zu erkennen – nicht nur die Geschichte der Philosophie -, sondern die Geschichte der Gesellschaft und die Gesetze und Prozesse der Natur im Allgemeinen. Dazu ist es notwendig, Hegel aus einem kritischen und materialistischen Blickwinkel zu lesen, wie es Lenin in seinen Philosophischen Heften tat.

Das Identitätsgesetz in der Logik

Die Einbeziehung von Trotzkis brillantem kleinen Artikel Das ABC der materialistischen Dialektik in den vorliegenden Sammelband war eine absolut richtige Entscheidung. Hier wird in wenigen Worten das Wesen der Dialektik mit beeindruckender Klarheit erklärt. Es ist kaum verwunderlich, dass dieser Artikel die Kritiker der Dialektik in rasende Wut getrieben hat. Es stellt die eigentliche Grundlage der logischen Konzepte in Frage, die die Philosophie seit Jahrhunderten dominieren: das Identitätsgesetz.

Die Verallgemeinerungen, die über einen längeren Zeitraum der menschlichen Entwicklung entstanden sind, von denen einige als Grundsätze gelten, spielen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Denkens und sind nicht so leicht zu umgehen. Die Gedankenformen der traditionellen Logik spielen eine wesentliche Rolle, indem sie elementare Regeln zur Vermeidung absurder Widersprüche aufstellen und einer stimmigen Argumentationslinie folgen, aber diese formalistische Denkweise bleibt nur innerhalb bestimmter Grenzen wahr.

Das Identitätsgesetz (a = a) ist die grundlegende, dogmatische Annahme aller formalen Logik und das seit über 2.000 Jahren. Es ist typisch für das formale Denken: leer, starr und abstrakt. Das dialektische Denken ist im Gegenteil in seinen mehrfachen Bestimmungen konkret, dynamisch und komplex: es ist Bewegung, die sich in ihrer allgemeinsten Form ausdrückt.

In seinem Buch Metaphysik arbeitete Aristoteles den Satz des Widerspruchs aus, der besagt, dass zwei einander widersprechende Aussagen nicht zugleich zutreffen können. Eine Erweiterung der gleichen Idee ist der Satz vom ausgeschlossenen Dritten, ein logisches Grundprinzip bzw. Axiom, das besagt, dass für eine beliebige Aussage nur die Aussage selbst oder ihr Gegenteil gelten kann.

In einem anderen seiner Werke, dem Organon, erarbeitete Aristoteles jedoch die grundlegenden Gesetze der Dialektik. Leider sind die Ideen des Aristoteles vor allem in der leblosen und schulischen Form zu uns gelangt, in der sie von der Kirche im Mittelalter wie eine in Formaldehyd konservierte Leiche „konserviert“ wurden. Der Aristoteles der formalen Logik und der Syllogismus wurde einseitig bewahrt, aber der Aristoteles des Organon geriet in Vergessenheit.

Der logische Formalismus wird seither im Allgemeinen als eine Art scholastisches Mittel – oder „Kunstgriff“, wie Kant richtig bemerkt hat, verwendet, um die Realität zu meiden, und den Spuren der mittelalterlichen Scholastiker folgend als eine Art Opium, um sich tief in die vermeintlichen „Tiefen“ des sprachlichen Vakuums einzugraben, wo sie endlos über die Bedeutung von Wörtern streiten, so wie sich die Scholastiker mit endlosen Debatten über das Geschlecht der Engel stritten.

Der logische Positivismus, der die angelsächsische Philosophie im 20. Jahrhundert in verschiedenen Facetten dominierte, war ein würdiger Erbe dieser schlechten Tradition der mittelalterlichen Scholastik mit ihrer Besessenheit von Form und linguistischer Haarspalterei. Für diese Menschen ist die Dialektik ein Buch mit sieben Siegeln. Ihre Denkweise ist völlig dogmatisch und formalistisch.

Ob wir es nun das Identitätsgesetz oder das Prinzip der Äquivalenz nennen, macht wirklich keinen Unterschied. Am Ende ist es a = a, das gleiche alte formale Dogma, das von Aristoteles aufgestellt wurde. Die Formen mögen verändert und als Symbole oder irgendetwas anderes ausgedrückt worden sein, aber der Inhalt bleibt, was er immer war: eine leere Hülle, oder wie Hegel es ausdrückte „die leblosen Knochen eines Skeletts“.

Das Identitätsgesetz besagt sehr deutlich, dass eine bestimmte Sache sich selbst gleich ist (oder selbst identisch, es spielt keine Rolle). Aber, wie Trotzki betont, da sich die Dinge in der materiellen Welt in einem ständigen Wandel befinden – sie fließen ständig, um Heraklits wunderbar tiefgründigen Aphorismus zu nutzen -, sind sie nie selbst identisch. Das Identitätsgesetz ist also bestenfalls nur eine grobe Annäherung. Sie kann sich nicht an einer sich ständig verändernden Realität festhalten. Das ist genau die Achillesferse der formalen Logik.

Alle Versuche, den Widerspruch aus der Logik zu eliminieren, sind gleichbedeutend mit dem Versuch, den Widerspruch aus der Natur selbst zu entfernen – aber der Widerspruch ist die Grundlage für alle Bewegungen, das Leben und die Entwicklung. Die Idee, dass „alles fließt“, wurde durch die Entdeckungen der modernen Wissenschaft, insbesondere der Physik, glänzend bestätigt.

In den letzten 100 Jahren hat die Physik eine Vielzahl von Beweisen dafür geliefert, dass Veränderung und Bewegung grundlegende Eigenschaften der Materie sind. Engels behauptete, dass Bewegung der Existenzmodus der Materie ist – eine brillante Vorhersage. Aber Einstein ging noch viel weiter. 1905 bewies er, dass Materie und Energie gleich sind.

Es ist nicht möglich, die Dynamik der Welt, in der wir leben, zu verstehen, geschweige denn ein bewusster Revolutionär zu sein – also jemanden, der aktiv und bewusst in den historischen Prozess eingreift – ohne Hilfe des dialektischen Denkens. Der mit der Chaostheorie verbundene Durchbruch im wissenschaftlichen Denken ist ein deutlicher Beweis für diese Behauptung.

Erkenntnis

Das erste Gesetz des dialektischen Materialismus ist die absolute Objektivität der Betrachtung: nicht Beispiele, nicht Exkurse, sondern die Sache selbst. Die Grundlage all unseres Wissens ist natürlich die sensorische Erfahrung. Ich erlebe die Welt mit meinen Sinnen und kann sie auf keine andere Weise erleben. Das ist der wesentliche Inhalt der Empirie.

Die frühen Empiriker – Bacon, Locke und Hobbes – waren Materialisten. Ihr Kampfruf war: Nihil est in intellectu quod non sit prius in sensu (Nichts ist im Kopf, was nicht zuerst in den Sinnen war). Ihr Beharren auf die sensorische Wahrnehmung als Grundlage allen Wissens stellte seinerzeit einen gigantischen Sprung nach vorne im Hinblick auf die leeren Spekulationen der mittelalterlichen Scholastiker dar. Es ebnete den Weg für die schnelle Expansion der Wissenschaft, die auf empirischen Untersuchungen, Beobachtungen und Experimenten basierte.

Doch trotz ihres ungeheuer revolutionären Charakters war diese Form des Materialismus einseitig, begrenzt und daher unvollständig. Sie neigte dazu, die Fakten als isoliert und statisch zu betrachten. Im Extremfall, wie es etwa bei Hume und Berkeley der Fall war, führte dies zu einem subjektiven Idealismus, der die Existenz einer vom Beobachter unabhängigen materiellen Realität leugnete. Wie Bischof Berkeley es ausdrückte: Esse est percipi. (Sein ist Wahrgenommenwerden.).

Die Aussage „Ich interpretiere die Welt mit meinen Sinnen“ ist richtig, aber einseitig. Man muss hinzufügen, dass die Welt unabhängig von meinen Sinnen existiert. Andernfalls bleibt uns der absurde Satz, dass, wenn ich die Augen schließe, die Welt aufhört zu existieren. Dieses Argument wurde von Lenin in seinem philosophischen Meisterwerk Materialismus und Empiriokritizismus umfassend zerstört.

In Wirklichkeit präsentiert der Empirismus die Erkenntnis auf eine sehr oberflächliche und einseitige Weise. Hegel, dessen objektiver Idealismus in flachem Widerspruch zum subjektiven Idealismus steht, hat sich sehr bemüht zu zeigen, dass die Erkenntnis ein Prozess ist, der verschiedene Phasen durchläuft. Von diesen Phasen ist die sensorische Wahrnehmung die niedrigste und beschränkt sich auf die bloße Aussage, dass „es ist“.

Aber diese elementare Vorstellung gerät sofort in eine Reihe von Widersprüchen, wenn man das zu analysierende Objekt nicht als isoliertes Atom betrachtet, sondern als einen Prozess des ständigen Wandels, in dem die Dinge in ihre Gegensätze umgewandelt werden können.

Der Erkenntnisprozess hat zwei wesentliche Elemente: ein denkendes Subjekt und einen Gegenstand des Denkens. In der Phänomenologie des Geistes, das Marx als „Hegels Entdeckungsreise“ bezeichnete, wollte der große Dialektiker weder die eine noch die andere Seite analysieren, sondern ihre Einheit im Prozess des Denkens demonstrieren. Es war das Denken selbst, welches untersucht werden sollte.

Allerdings hatte Hegels Methode eine innewohnende Schwäche. Als Idealist ging Hegel nicht von einem realen, konkreten, sinnlichen menschlichen Denken aus, sondern von einer idealistischen Abstraktion. In Wirklichkeit denken wir nicht nur mit unserem Geist, sondern mit allen unseren Sinnen – mit unserem ganzen Körper. Was den Menschen mit der Außenwelt (Natur) verbindet, ist nicht abstraktes Denken, sondern menschliche Arbeit, die die Natur verwandelt und gleichzeitig die Menschheit selbst verwandelt.

Die Möglichkeiten der sensorischen Erkenntnis sind begrenzt. Die Erkenntnis von Phänomenen, die außerhalb der Reichweite der Empfindung liegen, kann nur durch abstraktes Denken, dialektisches Denken, erreicht werden. Der Gegenstand des Denkens hat ein innewohnendes Wesen, im Deutschen, an sich. Der Zweck des Denkens ist es, dieses „Sein an sich“ in ein „Sein für uns“ zu verwandeln, d.h. von der Unwissenheit zur Erkenntnis überzugehen.

Wir kommen der Wahrheit nicht näher, indem wir eine Masse von Fakten zusammenstellen. Wenn wir von „allen Tieren“ sprechen, gehen wir nicht davon aus, dass es sich um eine Zoologie handelt. In Vorträgen zur Geschichte der Philosophie wies Hegel darauf hin, dass „es in der Tat der Wunsch nach rationaler Einsicht ist, nicht der Ehrgeiz, einen bloßen Haufen von Anforderungen anzuhäufen, der in jedem Fall als Besitz des Geistes des Lernenden im naturwissenschaftlichen Studium vorausgesetzt werden sollte“.

Die Kraft des Denkens liegt gerade in seiner Fähigkeit zur Abstraktion, seiner Fähigkeit, Einzelheiten auszuschließen und zu Verallgemeinerungen zu gelangen, die die wichtigsten und wesentlichsten Aspekte eines bestimmten Phänomens zum Ausdruck bringen. Der erste Schritt besteht lediglich darin, ein Gefühl für das Wesen als individuelles Objekt zu bekommen. Dies erweist sich jedoch als unmöglich und zwingt uns, tiefer in das Thema einzutauchen, indem wir innere Widersprüche aufdecken, die den Impuls für Bewegung und Veränderung geben, in denen die Dinge sich in ihr Gegenteil verkehren.

Die Einheit der Gegensätze

Für Hegel bildet die Aufspaltung der Einheit und das Wissen um ihre widersprüchlichen Teile das Wesen der Dialektik. Denn das Ganze ist die Gesamtheit, die aus zwei gegensätzlichen und entgegengesetzten Polen besteht. Nur durch die Identifizierung dieser widersprüchlichen Tendenzen kann eine korrekte Kenntnis des betrachteten Objekts in seiner wahren, dynamischen Realität erkannt werden.

Hegels Grundidee war die Entwicklung durch Widersprüche. Um ihr einen anderen Namen zu geben, ist die Dialektik die Logik des Widerspruchs. Während die traditionelle (formale) Logik versucht, den Widerspruch zu beseitigen, umarmt die Dialektik ihn, akzeptiert ihn als normales und notwendiges Element allen Lebens und aller Natur. Giordano Bruno, der italienische Philosoph, Astronom und Mathematiker des 16. Jahrhunderts, dessen Theorien die moderne Wissenschaft antizipierten und der dafür als Belohnung durch die Inquisition auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, gab uns eine faszinierende Definition der Dialektik, als er sie als la divina arte degli opposti („die göttliche Kunst der Gegensätze“) bezeichnete.

Hegel verweist auf die „ruhelose Einheit“, die zugrunde liegende Spannung, welche die Grundlage aller Materie ist. Die Einheit – Zufall, Identität und daraus resultierende dynamische Wechselwirkung von Gegensätzen – ist bedingt, temporär, vergänglich und relativ. Die sich gegenseitig ausschließende Beziehung der Gegensätze ist absolut und bildet die Grundlage für alle Bewegungen, Veränderungen und Entwicklungen.

In seinem Artikel Die moralisierende Kritik und die kritisierende Moral schrieb Marx: „Es bezeichnet den ganzen Grobianismus des ‚gesunden Menschenverstandes‘, der aus dem ‚vollen Leben‘ schöpft und durch keine philosophischen und sonstigen Studien sich seine Natur-Anlagen verkrüppelt, daß er da, wo es ihm gelingt, den Unterschied zu sehen, die Einheit nicht sieht, und daß er da, wo er die Einheit sieht, den Unterschied nicht sieht. Stellt er unterschiedne Bestimmungen auf, so versteinern sie sich ihm sofort unter der Hand, und er erblickt die verwerflichste Sophistik darin, diese Begriffs-Klötze so zusammenzuschlagen, daß sie ins Brennen geraten.“

In der Wissenschaft der Logik beginnt Hegel mit der Kategorie des Seins, mit der bloßen Behauptung „es ist“. Aber diese Aussage bringt uns trotz ihres scheinbar unsinnigen und konkreten Charakters – wir haben die grundlegende Tatsache der Existenz festgestellt – nicht sehr weit und führt uns tatsächlich zu einem falschen Schluss. Reines Sein, wie Hegel betont, ist dasselbe wie reines Nichts. Es wird seiner ganzen Konkretheit und Aktualität beraubt. Was konkret zu sein schien, entpuppt sich als eine leere Abstraktion.

Sein und Nichts werden im Allgemeinen als sich gegenseitig ausschließende Gegensätze betrachtet. Aber in Wirklichkeit kann es kein Sein ohne Nichts und kein Nichts ohne Sein geben. Die Einheit von Sein und Nicht-Sein, wie Hegel betont, wird: die ständige Bewegung des Wandels, die bedeutet, dass wir in jedem Moment sind und nicht sind.

Leben und Tod gelten als sich gegenseitig ausschließende Gegensätze. Aber in der Tat ist der Tod ein integraler Bestandteil des Lebens. Das Leben ist ohne den Tod nicht denkbar. Wir beginnen in dem Moment zu sterben, in dem wir geboren werden, denn es ist in der Tat nur der Tod von Billionen von Zellen und ihr Ersatz durch Billionen neuer Zellen, das Leben und menschliche Entwicklung ausmacht.

Ohne den Tod gäbe es kein Leben, kein Wachstum, keine Veränderung, keine Entwicklung. Der Versuch, den Tod aus dem Leben zu verbannen – als ob die beiden Dinge getrennt werden könnten – besteht also darin, in einen Zustand absoluter Unveränderlichkeit, unveränderlichen, statischen Gleichgewichts zu gelangen, aber das ist nur ein weiterer Name für den Tod. Denn es kann kein Leben ohne Veränderung und Bewegung geben.

Ich habe ein Foto von einem Baby vor mir, das vor vielen Jahren aufgenommen wurde. Dieses Baby war ich, aber es existiert nicht mehr. Seit der Aufnahme dieses Fotos sind viele Veränderungen eingetreten, so dass ich nicht mehr der bin, der ich war. Und doch ist es mir möglich, jemandem zu sagen, der sich das Foto ansieht: „Oh, das bin ich“, und ich würde nicht lügen. Dieser dialektische Prozess wurde von Hegel im Vorwort zu Die Phänomenologie des Geistes am schönsten beschrieben:

„Die Knospe verschwindet in dem Hervorbrechen der Blüte, und man könnte sagen, daß jene von dieser widerlegt wird, ebenso wird durch die Frucht die Blüte für ein falsches Dasein der Pflanze erklärt, und als ihre Wahrheit tritt jene an die Stelle von dieser. Diese Formen unterscheiden sich nicht nur, sondern verdrängen sich auch als unverträglich miteinander. Aber ihre flüssige Natur macht sie zugleich zu Momenten der organischen Einheit, worin sie sich nicht nur nicht widerstreiten, sondern eins so notwendig als das andere ist, und diese gleiche Notwendigkeit macht erst das Leben des Ganzen aus.“

Liebe und Hass sind Gegensätze. Dennoch ist es allgemein bekannt, dass Liebe und Hass sehr eng miteinander verbunden sind und sich leicht von einem zum anderen verwandeln lassen. Es ist das Gleiche mit Freude und Schmerz. Das eine kann nicht ohne das andere existieren. Aus medizinischer Sicht hat der Schmerz eine wichtige Funktion. Es ist nicht nur ein Übel, sondern eine Warnung des Körpers, dass nicht alles in Ordnung ist. Schmerz ist Teil des menschlichen Zustandes. Nicht nur das: Schmerz und Freude sind dialektisch miteinander verbunden.

Ohne die Existenz von Schmerz könnte die Freude nicht existieren. Don Quixote erklärte Sancho Panza, dass die beste Speise der Hunger sei. Ebenso ruhen wir uns nach einer Zeit kräftiger Anstrengung viel besser aus. Und in Shakespeares Heinrich IV. sagt Prinz Heinrich:

„Wenn alle Tag im Jahr gefeiert würden, So würde Spiel so lästig sein wie Arbeit: Doch seltne Feiertage sind erwünscht, Und nichts erfreut wie unverseh’ne Dinge.“

Eine Welt, in der alles weiß wäre, wäre eigentlich die gleiche wie eine Welt, in der alles schwarz wäre, wie Polarforscher entdeckten, als sie an Schneeblindheit erkrankten.

Quantität und Qualität

In der Wissenschaft der Logik, insbesondere im Abschnitt über das Maß, erläutert Hegel seine Theorie der Knotenlinie der Entwicklung, in der eine Reihe kleiner, scheinbar unbedeutender Veränderungen schließlich einen kritischen Punkt erreichen, an dem es einen qualitativen Sprung gibt. Die Chaostheorie und ihre Ableitungen sind eindeutig eine Form des dialektischen Denkens. Insbesondere die Idee der Transformation von Quantität in Qualität steht dabei im Mittelpunkt – eines der Grundgesetze der Dialektik.

Engels wies in seinem Buch Anti-Dühring darauf hin, dass die Natur letztendlich dialektisch arbeitet. Die Fortschritte der Wissenschaft in den letzten hundert Jahren haben diese Behauptung vollständig bestätigt. Amerikanische Wissenschaftler waren an vorderster Front bei einigen der wichtigsten Entwicklungen in der modernen Wissenschaft. Ich denke dabei insbesondere an die Arbeit von R.C. Lewontin auf dem Gebiet der Genetik und vor allem an die Schriften des Evolutionsbiologen Stephen J. Gould.

Lassen Sie uns ein leicht verständliches Beispiel anführen.

Wenn Wasser bei normalem Atmosphärendruck erwärmt oder gekühlt wird, vollzieht sich ein Sprung von einem Aggregatzustand in einen anderen: Bei 0 Grad Celsius ist es ein fester (Eis), bei 100 Grad wechselt er in einen gasförmigen Zustand (Dampf). Wenn wir die Temperatur noch weiter erhöhen, auf 550 Grad, wird es zum Plasma, einem ganz anderen Aggregatzustand, in dem die Aufspaltung von Atomen und Molekülen stattfindet. Die Sprünge zwischen diesen Zuständen werden als Phasenübergänge bezeichnet. Die Untersuchung von Phasenübergängen stellt einen sehr wichtigen Zweig der modernen Physik dar. Ähnliche Veränderungen sind in der Geschichte der Gesellschaft zu beobachten, wo das Äquivalent eines Phasenübergangs eine Revolution ist.

Die Nukleation (Keimbildung) ist der erste Schritt zur Bildung einer neuen thermodynamischen Phase oder einer neuen Struktur durch Selbstorganisation. Es ist der Prozess, der bestimmt, wie viel Zeit benötigt wird, bis eine neue Phase oder selbstorganisierte Struktur entsteht. Dieses Phänomen zeigt sich in thermodynamischen Phasenübergängen aller Art. Von einer gesättigten Lösung zu einem Kristall, von der Verdampfung einer Flüssigkeit zu einem Gas oder beim Übergang von Wasser zu Eis.

Es ist möglich, tatsächlich eine Position der Übersättigung einer Lösung zu erreichen, in der beispielsweise Wasser unter normalen Bedingungen über die 100°C oder unter die 0°C erhitzt oder gekühlt werden kann, ohne Dampf oder Feststoff zu werden. Was unter vielen Umständen erforderlich ist, damit der Phasenübergang stattfinden kann, ist entweder ein externer Schock oder das Vorhandensein einer Verunreinigung. Wasser bildet beim Erwärmen keine Dampfblasen an irgendeinem beliebigen Punkt, sondern alle beginnen ausgehend von einem Kratzer oder einer Unvollkommenheit auf der Oberfläche des Kochtopfes aufzusteigen. Dies ist ein Keimbildungspunkt, der sich um einen Katalysator bildet.

Thermodynamisch gesehen hat eine übersättigte Lösung ein Konzentrationsniveau – oder eine Temperatur oder ein anderes quantitatives Element erreicht, wobei die alternative Phase eine niedrigere Entropie (fundamentale physikalische Zustandsgröße) darstellt, aber es entstehen Entropiekosten bei der Bildung des ersten „Kerns“. Manchmal bildet sich dieser Keimbildungspunkt zufällig über einen bestimmten Zeitraum und, wie auch beim radioaktiven Zerfall, steigt mit der Zeit die Wahrscheinlichkeit, dass er sich bildet. Seine Bildung wird jedoch durch die Anwesenheit eines Katalysators begünstigt, auf dessen Oberfläche der Entropiesprung gesenkt wird.

Wir können diesen Prozess visualisieren, wenn wir an die Kristallisation einer Perle in einer Muschel denken. Tatsächlich sprechen wir oft von der „Kristallisation“ des Zorns in einer Fabrik oder einer Gesellschaft und die Analogie ist passend. Im Falle der Bildung einer Perle können alle Bedingungen für ihre Bildung gegeben sein, außer eine: eine Verunreinigung, um die herum sie sich formen kann. Diese „Unreinheit“ ist oft ein Wurm, der sich durch die Schale einer Muschel gegraben hat und gestorben ist. Hier ist die Bildsprache sehr auffällig: eine schöne Perle, die einen Sarkophag um ein ziemlich hässliches Stück toter biologischer Substanz bildet.

Auf diese Analogie werden wir später zurückkommen.

Oft sehen wir die scheinbare Wiederholung von Entwicklungsstufen, die längst überwunden sind. Wir sehen das Gleiche in der Untersuchung von Embryonen, die anscheinend die Phasen der Evolution durchlaufen. Ein menschlicher Embryo beginnt als eine einzige Zelle, teilt sich dann und erwirbt komplexere Formen. In einem Stadium hat er Kiemen wie ein Fisch, später einen Schwanz wie ein Affe. Die Ähnlichkeit zwischen menschlichen Embryonen und denen anderer Tiere, einschließlich Fische und Reptilien, ist bemerkenswert und wurde bereits von den alten Griechen festgestellt. Über zweitausend Jahre vor Darwin folgerte Anaximander (ca. 611-546 v. Chr.), dass sich der Mensch aus einem Fisch entwickelt habe.

Der genetische Unterschied zwischen Menschen und Schimpansen beträgt weniger als zwei Prozent und wir teilen einen großen Teil unserer Gene mit Fruchtfliegen und noch primitiveren Organismen. Der letzte verzweifelte Gegenangriff der Kreationisten, der sich hinter dem Banner des „intelligenten Designs“ versteckte, wurde durch die bemerkenswerten Ergebnisse des Humangenomprojekts erschüttert. Der zweiprozentige Unterschied, der uns von den anderen Primaten unterscheidet, ist jedoch ein qualitativer Sprung, der die Menschheit auf eine ganz andere und höhere Ebene bringt.

Der Evolutionsprozess hat sich ununterbrochen von den ersten primitiven Lebensformen fortgesetzt, die, wie wir heute wissen, in einer überraschend frühen Periode der Erdgeschichte entstanden sind. Die ersten primitiven Organismen tauchten wahrscheinlich auf dem Boden der urzeitlichen Ozeane auf und bezogen Energie nicht von der Sonne, sondern von vulkanischen Schloten, die Wärme aus der Tiefe der Erdkruste erzeugten. Die frühesten Protozoen entwickelten sich zu den Chordata (Rückenmarktiere), bis hin zu den frühesten landbewohnenden Amphibien, zu Reptilien und später zu Säugetieren und Menschen.

Geschichte und Natur kennen sowohl die Evolution – eine langsame, allmähliche Entwicklung – als auch die Revolution – einen qualitativen Sprung, bei dem der Prozess der Evolution enorm beschleunigt wird. Die Evolution bereitet den Weg für die Revolution, die wiederum den Weg für eine neue Periode der Evolution auf einer höheren Ebene bereitet.

Die Einheit der Gegensätze lässt sich auf allen Ebenen der Materie deutlich beobachten. Auf allen Ebenen der Natur, von den größten Galaxien bis zu den kleinsten subatomaren Partikeln, gibt es gegensätzliche Tendenzen. Die Identität der Gegensätze ist die Anerkennung – oder Entdeckung – der sich gegenseitig ausschließenden Tendenzen, die in allen Phänomenen und Prozessen der Natur existieren. Das meinte Engels, als er die Dialektik als die allgemeinsten Gesetze von Natur, Gesellschaft und menschlichem Denken definierte.

Kritische Masse

Es ist eine elementare Wahrheit der Chemie, dass sich gegensätzliche Ladungen anziehen, während ähnliche Ladungen sich abstoßen. Aber hier haben wir ein offensichtliches Paradoxon. Die Kerne aller Atome außer Wasserstoff enthalten mehr als ein Proton, und jedes Proton trägt eine positive Ladung. Die Protonen müssen eine abstoßende Kraft von den anderen Protonen spüren. Warum also sollten die Kerne dieser Atome zusammenbleiben? Was hält den Kern zusammen?

Die Einheit der Gegensätze, die das Atom zusammenziehen und auseinanderreißen, sind die starke nukleare bzw. die elektrostatische Kraft. Neutronen und Protonen binden sich durch die starke Nuklearkraft aneinander, diese Kraft wirkt jedoch nur über eine sehr kurze Reichweite. Positiv geladene Protonen stoßen sich jedoch durch elektrostatische Abstoßung ständig gegenseitig ab. Diese Kraft wirkt über viel größere Entfernungen.

Die starke nukleare Energie hält die gewöhnlichste Materie zusammen. Darüber hinaus bindet die starke Kraft Neutronen und Protonen, um Atomkerne zu bilden. So wie Zentrifugalkräfte versuchen, Galaxien auseinander zu reißen, während die Schwerkraft sie zusammenhält, ist der Elektromagnetismus die Kraft, die theoretisch einen Kern auseinanderreißen würde, während die Atomkraft – dreißigmal stärker als der Elektromagnetismus – ihn zusammenhält.

Der Kern hält zusammen, aber nur in bestimmten Grenzen. Überschreitet die Anzahl der Protonen oder Neutronen diese Grenzen, wird der Kern durch den radioaktiven Zerfall instabil. Wenn der Kern sehr groß wird, kann er eine noch dramatischere Transformation durchlaufen.

Mit zunehmender Größe des Kerns überwindet die abstoßende elektrostatische Kraft schließlich die attraktive Kernkraft und der Kern wird instabil. Alles, was dann benötigt wird, ist, ein einzelnes Neutron, das auf den Kern geschossen wird und die Menge verwandelt sich in Qualität – der Kern teilt sich in zwei Teile, gibt eine große Menge an Energie ab und stößt dabei oft mehr Neutronen aus. Das ist es, was Physiker als Kernspaltung bezeichnen.

Wenn eine bestimmte Menge an spaltbarem Material vorhanden ist, wird sichergestellt, dass die durch die Spaltung freigesetzten Neutronen auf einen anderen Kern treffen und eine Kettenreaktion auslösen. Je mehr spaltbares Material vorhanden ist, desto größer sind die Chancen, dass ein solches Ereignis eintritt. Kritische Masse ist definiert als die Materialmenge, bei der ein, durch einen Spaltvorgang erzeugtes, Neutron im Durchschnitt einen weiteren Spaltvorgang erzeugt.

Im Übergang von einer kontrollierten zu einer unkontrollierten Kernreaktion gibt es einen qualitativen Sprung – einen Übergang von der Quantität zur Qualität. Wenn man Material – eine Kontrollstange – in das spaltbare Material einführt, um mehr Neutronen aufzunehmen, als von der Spaltungsreaktion abgegeben werden, bleibt die Reaktion unter Kontrolle. Wenn man jedoch den Steuerstab einen Zentimeter zu weit entfernt, hat man eine Kette von Neutronen und Quantität, die sich in Qualität verwandelt und zu einer Kernschmelze führt.

Auf allen Ebenen der Natur können die gleichen Prozesse beobachtet werden. Der amerikanische Physiker und Autor Mark Buchanan weist in seinem Buch Ubiquity darauf hin, dass so unterschiedliche Phänomene wie Herzinfarkte, Lawinen, Waldbrände, Aufstieg und Fall der Tierpopulationen, Börsenkrisen, Verkehrsbewegungen und sogar Revolutionen in Kunst und Mode dem gleichen Grundprinzip unterliegen, das sich als mathematische Gleichung, bekannt als Potenzgesetz, ausdrücken lässt. Dies ist eine weitere bemerkenswerte Bestätigung des dialektischen Gesetzes der Umwandlung von Quantität in Qualität.

Die Dialektik des Kapital

In seinen wunderbar tiefgründigen Philosophischen Notizen, die während der Zeit seines Schweizer Exils in den Jahren des Ersten Weltkriegs geschrieben wurden, schrieb Lenin: „Man kann ‚Das Kapital‘ von Marx und besonders das I. Kapitel nicht vollständig begreifen, ohne die ganze Logik von Hegel durchstudiert und begriffen zu haben. Folglich hat nach einem halben Jahrhundert nicht ein Marxist Marx begriffen!!“

Selbst unter Berücksichtigung eines Elements der Übertreibung – das waren schließlich grobe Notizen zur Selbstverdeutlichung, die nicht zur Veröffentlichung bestimmt waren – ist die von Lenin formulierte Grundidee richtig. Das Kapital selbst ist eine meisterhafte Anwendung der von Hegel verfeinerten und von Marx und Engels perfektionierten dialektischen Methode. Das erste Kapitel des ersten Bandes hat rein philosophischen Charakter und basiert genau auf Hegel, wie Marx selbst betonte.

Aus diesem Grund wird dieses Kapitel allgemein als eines der schwierigsten im gesamten Werk angesehen. Es geht nicht um Wirtschaft, sondern um Philosophie. Sie ist in der Methode von Hegels dialektischem Meisterwerk Die Wissenschaft der Logik verwurzelt. Dennoch ist sie für ein Verständnis von Marx‘ Analyse der kapitalistischen Wirtschaft von grundlegender Bedeutung.

Im ersten Band des Kapitals leitet Marx alle Gesetze der kapitalistischen Gesellschaft aus einer Analyse seiner grundlegenden „Zelle“ – der Ware – ab. Marx analysiert die Ware und erklärt, dass sie zwei Aspekte hat, die wirklich widersprüchliche Tendenzen haben. Auf den ersten Blick scheint die Ware etwas sehr Einfaches und Konkretes zu sein: ein Gebrauchsgegenstand. Ob diese Verwendung wirklich notwendig ist oder ob es ein „Gegenstand des Genusses“ ist, ist bei dieser Überlegung gleichgültig. Aber bei näherer Betrachtung sehen wir, dass die Ware überhaupt nicht so einfach ist. Sie hat nicht nur einen Gebrauchswert, sondern auch einen Tauschwert – etwas ganz anderes.

Die Menschheit hat seit der frühesten Zeit Gebrauchswerte produziert, aber im Kapitalismus erfährt die Natur der Rohstoffe einen grundlegenden Wandel. Der Kapitalist produziert keine Gegenstände für den menschlichen Gebrauch, sondern Gegenstände zum Verkauf, um einen Profit zu erzielen.

Der Gebrauchswert einer Ware beschränkt sich auf ihre konkreten Eigenschaften; aber im Tauschwert existiert kein einziges Atom der Materie. Der Preis einer einzelnen Ware wird durch eine Vielzahl von Transaktionen bestimmt, die täglich in der Weltwirtschaft stattfinden. Die Preise schwanken nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage, aber diese Schwankungen finden um einen bestimmten Punkt statt, der der tatsächliche Wert einer Ware ist. Dieser Wert, wie selbst Ökonomen vor Marx erklärten, ist das Ergebnis menschlicher Arbeit.

Besonders und universell

In seinen Philosophischen Notizen schreibt Lenin:

„Marx analysiert im „Kapital“ zunächst das einfachste, gewöhnlichste, grundlegendste, massenhafteste, alltäglichste, milliardenfach zu beobachtendem Verhältnis der bürgerlichen (Waren-) Gesellschaft: den Warenaustausch. Die Analyse deckt in dieser einfachsten Erscheinung (in dieser ‚Zelle‘ der bürgerlichen Gesellschaft) alle Widersprüche (resp. die Keime aller Widersprüche) der modernen Gesellschaft auf. Die weitere Darstellung zeigt uns die Entwicklung (sowohl das Wachstum als auch die Bewegung) dieser Widersprüche und dieser Gesellschaft in der Summe ihrer einzelnen Teile, von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende.“

Das muss auch die Methode der Darstellung (oder des Studiums) der Dialektik im Allgemeinen sein, denn nach Marx ist die Dialektik der bürgerlichen Gesellschaft nur ein Einzelfall der Dialektik. Man beginnt mit dem Einfachsten, Alltäglichen, Gewöhnlichsten etc. mit einer beliebigen Behauptung: Die Blätter eines Baumes sind grün; Johannes ist ein Mensch; Fido ist ein Hund, etc. Hier haben wir bereits die Dialektik (wie Hegels Genie erkannte): Das Individuum ist das Allgemeine.

Die mittelalterlichen Scholastiker brachen sich das Hirn über die Frage, ob Universalien (Abstraktionen) tatsächlich existieren. Hegel löste dieses Problem auf geniale Weise, indem er darauf hinwies, dass das Besondere und das Allgemeine in der Tat dasselbe sind: Jedes Individuum verkörpert auf die eine oder andere Weise das Allgemeine. Jedes Individuum gehört zu einer Gattung oder Spezies, die seine wahre Natur definiert, aber Schöpfung und Spezies setzen sich aus einzelnen Kreaturen zusammen. Die Grenze dieser Kategorien in der Biologie wird durch die Reproduktionsfähigkeit bestimmt.

Folglich sind die Gegensätze – das Besondere im Gegensatz zum Allgemeinen – identisch: Das Individuum existiert nur in der Verbindung, die zum Allgemeinen führt. Das Allgemeine existiert nur im Individuum und durch das Individuum. Jedes Individuum ist auf die eine oder andere Weise universell. Jedes Universum ist ein Fragment, oder ein Aspekt, oder die Essenz eines Individuums. Jedes Universum umfasst nur annähernd alle Einzelobjekte. Jedes Individuum tritt unvollständig in das Allgemeine ein, usw., usw., usw. Jedes Individuum ist durch Tausende von Übergängen mit anderen Arten von Individuen verbunden – Dinge, Phänomene, Prozesse, etc. Wie Aristoteles bemerkte: „Aber natürlich kann es kein Haus im Allgemeinen geben, abgesehen von einzelnen Häusern.“ (Metaphysik).

. . . Diese scheinbar widersprüchliche Behauptung lässt sich schon aus dem einfachsten Satz ableiten. Es ist unmöglich, die Natur eines Individuums auszudrücken, ohne es sofort in ein universelles zu verwandeln. Das ist die Beschaffenheit jeder Definition, zum Beispiel, wenn wir sagen, dass John ein Mensch ist, Fido ein Hund ist, dies ein Blatt eines Baumes ist, usw., dann ignorieren wir eine Reihe von Attributen als bedingt; wir trennen das Wesen vom Aussehen und stellen das eine dem anderen gegenüber.

Hegel wies darauf hin, dass die Aussagen in der gewöhnlichen Sprache nicht in Form von „a = a“ (John ist John, ein Haus ist ein Haus, etc.), sondern „a = b“ (John ist ein Mann, ein Haus ist ein Gebäude) erfolgen, was die Einheit von Identität und Differenz impliziert. Und Lenin kommentiert:

“Schon hier haben wir Elemente, Keime des Begriffes der Notwendigkeit, des objektiven Zusammenhangs in der Natur etc. Zufälliges und Notwendiges, Erscheinung und Wesen sind schon hier vorhanden, . . .“

So können und müssen wir in jedem Satz wie in einem „Kern“ („Zelle“) die Keime aller Elemente der Dialektik offenlegen und damit zeigen, dass die Dialektik eine Eigenschaft allen menschlichen Wissens im Allgemeinen ist. Und die Naturwissenschaft zeigt uns – und hier muss sie in jedem einfachen Fall demonstriert werden – objektive Natur mit den gleichen Eigenschaften, die Transformation des Individuums in das Universelle, des Kontingents in das Notwendige, Übergänge, Modulationen und die gegenseitige Verbindung von Gegensätzen. Dialektik ist die Theorie des Wissens über (Hegel und) den Marxismus. Das ist diese „Seite“ der Sache – es ist nicht „eine Seite“, sondern das Wesen der Sache, der Plechanow, ganz zu schweigen von anderen Marxisten, keine Beachtung geschenkt hat.

Kann die menschliche Gesellschaft verstanden werden?

Schon die oberflächlichste Beobachtung beweist, dass die menschliche Gesellschaft eine Reihe von bestimmten Phasen durchlaufen hat und dass sich bestimmte Prozesse in regelmäßigen Abständen wiederholen. So wie wir in der Natur die Umwandlung von Quantität in Qualität sehen, so sehen wir in der Geschichte, dass lange Perioden langsamer, fast unmerklicher Veränderung durch Perioden unterbrochen werden, in denen der Prozess beschleunigt wird, um einen qualitativen Sprung zu erzeugen.

In der Natur können die langen Perioden langsamer Veränderung – so genannte Stasen – Millionen von Jahren dauern. Sie werden durch katastrophale Ereignisse unterbrochen, die immer mit dem Aussterben bisher dominanter Tierarten und dem Aufstieg anderer Arten einhergehen, die vorher unbedeutend waren, sich aber besser an die neuen Umstände anpassten. In der menschlichen Gesellschaft spielen Kriege und Revolutionen eine so bedeutende Rolle, dass wir es gewohnt sind, sie als Meilensteine zu betrachten, die eine historische Periode von einer anderen trennen.

Es waren Marx und Engels, die entdeckten, dass die wahre Triebkraft der Geschichte die Entwicklung der Produktivkräfte ist. Das bedeutet nicht, wie die Feinde des Marxismus oft behaupten, dass Marx alles auf die Ökonomie reduziert hat. Es gibt viele andere Faktoren, die in die Entwicklung der Gesellschaft einfließen: Religion, Moral, Philosophie, Politik, Patriotismus, Stammesbündnisse, etc. All dies tritt in ein komplexes Netz sozialer Beziehungen ein, die ein reichhaltiges und verwirrendes Mosaik von Phänomenen und Prozessen bilden.

Auf den ersten Blick scheint es unmöglich, dies zu verstehen. Dasselbe könnte man von der Natur sagen, aber die Komplexität des Universums hindert die Wissenschaftler nicht daran, die verschiedenen Elemente zu trennen, zu analysieren und zu kategorisieren. Mit welchem Recht stellen sich Männer und Frauen vor, dass sie über der Natur stehen und dass sie allein im ganzen Universum von der Wissenschaft nicht verstanden werden können? Die Idee selbst ist absurd und zeigt den brennenden Wunsch der Menschen, eine Art besondere Schöpfung zu sein, völlig getrennt von allen anderen Tieren und mit einer besonderen Beziehung zum Rest des von Gott bestimmten Universums. Aber die Wissenschaft hat diese egozentrischen Illusionen gnadenlos beseitigt.

Marx und Engels gaben dem Kommunismus erstmals einen wissenschaftlichen Charakter. Sie erklärten, dass die tatsächliche Emanzipation der Massen vom Entwicklungsstand der Produktivkräfte – Industrie, Landwirtschaft, Wissenschaft und Technologie – abhängt, die die notwendigen Voraussetzungen für eine allgemeine Verkürzung des Arbeitsalltags und des Zugangs zur Kultur für alle schaffen werden, als die einzige Möglichkeit, die Art und Weise, wie die Menschen miteinander denken und sich verständigen, zu verändern.

Der historische Materialismus

Marx gibt eine ausgezeichnete, wenn auch wenig zitierte Definition des historischen Materialismus im dritten Band des Kapital:

„Die spezifische ökonomische Form, in der unbezahlte Mehrarbeit aus den unmittelbaren Produzenten ausgepumpt wird, bestimmt das Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnis, wie es unmittelbar aus der Produktion selbst hervorwächst und seinerseits bestimmend auf sie zurückwirkt.

Hierauf aber gründet sich die ganze Gestaltung des ökonomischen, aus den Produktionsverhältnissen selbst hervorwachsenden Gemeinwesens und damit zugleich seine spezifische politische Gestalt. Es ist jedes Mal das unmittelbare Verhältnis der Eigentümer der Produktionsbedingungen zu den unmittelbaren Produzenten – ein Verhältnis, dessen jedesmalige Form stets naturgemäß einer bestimmten Entwicklungsstufe der Art und Weise der Arbeit und daher ihrer gesellschaftlichen Produktivkraft entspricht – , worin wir das innerste Geheimnis, die verborgne Grundlage der ganzen gesellschaftlichen Konstruktion und daher auch der politischen Form des Souveränitäts- und Abhängigkeitsverhältnisses, kurz, der jedesmaligen spezifischen Staatsform finden.

Dies hindert nicht, daß dieselbe ökonomische Basis – dieselbe den Hauptbedingungen nach – durch zahllos verschiedne empirische Umstände, Naturbedingungen, Racenverhältnisse, von außen wirkenden geschichtlichen Einflüssen usw., unendliche Variationen und Abstufungen in der Erscheinung zeigen kann, die nur durch Analyse dieser empirisch gegebnen Umstände zu begreifen sind.“

Der wesentliche Inhalt der sozialen Entwicklung ist die Entwicklung der Produktivkräfte. Aber auf der Grundlage der Produktivkräfte entstehen Eigentumsbeziehungen und ein komplexer Überbau aus rechtlichen, religiösen und ideologischen Beziehungen. Letztere bilden die Formen, in denen sich die Ersteren ausdrücken. Inhalt und Form können in Widerspruch geraten, aber letztendlich wird der Inhalt immer die Form bestimmen.

Der Inhalt ändert sich schneller als die Formen, was zu Widersprüchen führt, die es zu lösen gilt. Der veraltete Überbau behindert die Entwicklung der Produktivkräfte. So steht die Entwicklung der Produktivkräfte, die in der Vorgeschichte ungeahnte Höhen erreicht hat, derzeit in einem offenen Konflikt mit dem Privateigentum und dem Nationalstaat. Die alten Formen ersticken die Entwicklung der Produktivkräfte. Sie müssen zerbrochen werden, um den Widerspruch aufzulösen. Die veralteten Formen werden auseinandergebrochen und durch neue Formen ersetzt, die im Einklang mit den Bedürfnissen der Produktivkräfte stehen.

Jede nachfolgende sozioökonomische Formation eröffnet die Möglichkeit einer größeren Entwicklung der Produktivkräfte und erhöht damit die Macht der Menschheit über die Natur. Auf diese Weise wird die materielle Grundlage für den von Engels beschriebenen Sprung der Menschheit aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit geschaffen.

Klassengesellschaft

Die Spezies Homo sapiens entstand vor etwa 100.000 bis 250.000 Jahren, vielleicht sogar schon vor 400.000 Jahren. Was wir Zivilisation nennen, die durch die Aufteilung der Gesellschaft in Klassen entstanden ist, ist etwa fünftausend Jahre alt. So wurde der Menschheit in mindestens 95 Prozent ihrer Geschichte der Segen des Privateigentums, des Klassenkampfes, der Polizei und der Armee, der monogamen Familie und des Antagonismus zwischen Stadt und Land vorenthalten – all jene Institutionen, die von etablierten Sozialwissenschaftlern als gegeben und unvergänglich akzeptiert werden.

Die Klassengesellschaft selbst hat im Laufe ihrer Entwicklung eine Reihe von grundlegenden Veränderungen oder Revolutionen erlebt. Im Großen und Ganzen ist die wirtschaftliche Entwicklung der Gesellschaft, wie Marx erklärte, durch eine Reihe von Etappen oder „Epochen“ gekennzeichnet. Auf einem gewissen Entwicklungsstand der Produktivkräfte sind sozioökonomische Systeme entstanden, die auf kommunalem Landbesitz, Sklaverei, Leibeigenschaft und Lohnarbeit basieren, jeweils mit einem eigenen politischen und kulturellen „Überbau“ und eigenen Bewegungsgesetzen.

Es ist daher sinnlos, zu versuchen, die „allgemeinen“ Gesetze der politischen Ökonomie zu entdecken, die gleichermaßen für das alte Ägypten, das mittelalterliche Europa und die moderne Weltwirtschaft gelten. Es ist notwendig, die besonderen Gesetze zu erforschen, die jedes System bestimmen, „den Stoff sich im Detail anzueignen, seine verschiednen Entwicklungsformen zu analysieren und deren inneres Band aufzuspüren“, um die Worte von Marx zu verwenden.

Heute kann die Anarchie der Produktion nicht mehr die Anforderungen der modernen Industrie, Technologie und Wissenschaft beinhalten. Der einzige Weg, die Widersprüche des Kapitalismus zu lösen, die die Ursache für Hunger, Armut, Kriege und Terrorismus sind, ist durch die sozialistische Transformation der Gesellschaft.

Es ist wichtig zu beachten, dass der Prozess der menschlichen Entwicklung eine ständige Beschleunigung erfahren hat. Der Untergang des Römischen Reiches, das die Sklaverei in ihrer am weitesten entwickelten Form darstellte, verursachte zunächst einen Zusammenbruch der Zivilisation in Europa, dann eine langsame Erweckung unter dem feudalen System, das etwas mehr als tausend Jahre dauerte. Der Feudalismus dauerte kürzer als die Sklaverei und der Kapitalismus existiert erst seit zwei oder drei Jahrhunderten.

Es ist anzumerken, dass das Entwicklungstempo der Produktivkräfte im Kapitalismus weitaus schneller war als in jeder früheren Gesellschaft. Es gab in dieser Zeit mehr Erfindungen als in der gesamten Vorgeschichte. Aber diese fieberhafte Entwicklung von Industrie, Wissenschaft und Technik steht im Widerspruch zu den engen Grenzen des Privateigentums und des Nationalstaates.

Der Kapitalismus in seiner Zeit des senilen Zerfalls ist nicht mehr in der Lage, die Produktivkräfte wie in der Vergangenheit zu entwickeln. Dies ist die Hauptursache für die gegenwärtige Krise, welche die Existenz der Menschheit zu bedrohen beginnt.

Widersprüche in der Gesellschaft

Die dialektischen Gesetze sind nicht auf die Natur beschränkt, sondern gelten auch für Gesellschaft, Geschichte und Wirtschaft. Zu dieser Liste von Phasenübergängen, die in Büchern wie Ubiquity beschrieben werden, können wir auch Revolutionen hinzufügen, die Ausdruck des Krieges zwischen den Klassen sind.

Wir haben uns bereits mit dem Phänomen der Kritikalität in Bezug auf Phänomene wie das Atom beschäftigt, das zeigt, dass die internen Widersprüche durch spezifische Kräfte innerhalb bestimmter Grenzen eingedämmt werden, dass aber die Überschreitung dieser Grenzen zu einer Kritikalität mit explosiven Folgen führt. Ein ähnlicher Prozess ist in der Gesellschaft zu beobachten.

Das Kommunistische Manifest erklärt, dass die Geschichte aller bisher existierenden Gesellschaften – mit Ausnahme der Vorklassengesellschaften – die Geschichte von Klassenkämpfen ist. Die Existenz von Klassenantagonismen droht die Gesellschaft auseinander zu reißen. Um den Klassenkampf zu regulieren und zu kontrollieren, entsteht eine Macht, die über der Gesellschaft steht und sich zunehmend von ihr entfremdet. Diese Macht ist der Staat.

Die Rolle der Staatsmacht besteht darin, die Aufrechterhaltung des Status quo zu gewährleisten, die Ordnung aufrechtzuerhalten und dafür zu sorgen, dass sich die Kräfte, die die Gesellschaft zu zerreißen drohen, in akzeptablen Grenzen halten. Im Endeffekt besteht der Staat aus bewaffneten Körperschaften: der Polizei, der Armee, den Gefängnissen, den Gerichten und der Justiz. Letztendlich muss sich die herrschende Klasse, die eine Minderheit ist, auf die Ausübung oder die Androhung von Gewalt stützen, um ihre Herrschaft über die Massen zu behaupten.

Der Aufruf zur Gewalt ist jedoch nur das letzte Mittel. Die herrschende Klasse hat eine ganze Reihe von Instrumenten in ihren Händen, um die Kontrolle zu behalten. Sie besitzt nicht nur ein Monopol auf die Streitkräfte, sondern auch ein Monopol auf Kultur. Die Schulen und Universitäten, die Presse und die Massenmedien und alle anderen Kultureinrichtungen sind das privilegierte Eigentum der herrschenden Klasse, das sie im eigenen Interesse nutzt und missbraucht.

Die Philosophischen Fakultäten der Universitäten haben, wie alle anderen auch, eine sehr nützliche Funktion aus der Sicht der herrschenden Klasse: den Marxismus und alle anderen „subversiven“ Tendenzen zu bekämpfen und der Jugend Ideen einzuimpfen, die den Interessen der herrschenden Klasse und dem Status quo dienen. Es genügt, die Lawine antirevolutionärer Propaganda zu zitieren, die die Buchhandlungen und Fernsehbildschirme während des 100. Jahrestages der Russischen Revolution überflutet hat, um diesen Punkt zu unterstreichen.

Eine der mächtigsten Waffen in den Händen der herrschenden Klasse ist die Religion. Die utilitaristische – oder besser gesagt, zynische Sichtweise wurde schon vor langer Zeit vom römischen Philosophen Seneca geäußert, als er sagte: „Religion gilt dem gemeinen Manne als wahr, dem Weisen als falsch und dem Herrschenden als nützlich.“ In dieser Sichtweise liegen einige Wahrheiten, insbesondere wenn sie zur Erklärung der Rolle der organisierten Religion verwendet werden.

Napoleon sah die Kirche als eine sehr nützliche Möglichkeit, die Massen zu kontrollieren und seine eigene Macht zu stärken, obwohl er selbst kein Wort davon glaubte. Wahrscheinlich galt das Gleiche für Kaiser Konstantin, der das Christentum als Staatsreligion des Römischen Reiches annahm, obwohl es keinen wirklichen Beweis dafür gibt, dass er selbst jemals getauft wurde.

Aber das kann nicht die tiefen Wurzeln der Religion in der populären Psyche erklären oder den mächtigen Einfluss, den sie auf den Verstand der Massen hat. Um das zu verstehen, muss man tiefer in die Natur der Klassengesellschaft und die Rolle der Entfremdung einsteigen. In diesem Sinne hatte Marx ein viel tieferes Verständnis als die Linkshegelianer wie Strauss.

In der kapitalistischen Gesellschaft sind Männer und Frauen voneinander entfremdet und fremden Kräften unterworfen, die sich ihrer Kontrolle oder ihrem Verständnis entziehen. Der wahre Gott des Kapitalismus ist weder Jehova noch Mohammed, sondern Mammon, der Gott des Reichtums. Seine wahren Tempel sind nicht die Kirchen, Moscheen oder Synagogen, sondern die Börsen, die das Schicksal von Millionen von Menschen bestimmen.

Im ersten Band des Kapital gibt es ein berühmtes Kapitel über den Warenfetischismus. Dies erklärt sehr anschaulich die Macht des Geldes in der bürgerlichen Gesellschaft. Alle menschlichen Beziehungen werden durch diese Macht vermittelt, die sie zu etwas Unmenschlichem, Hässlichem und Unterdrückendem verzerrt. Die menschliche Psychologie wird durch diese fremde Kraft, nach der die Menschen beurteilt werden, kraftvoll konditioniert, nicht nach ihren natürlichen Fähigkeiten, ihrer körperlichen Stärke, ihrer Schönheit oder ihrem Intellekt, sondern rein nach dem Geldvermögen, das sie besitzen.

Dies führt zu einer monströsen Situation, in der alle natürlichen menschlichen Beziehungen auf dem Kopf stehen. Wenn wir das Niveau des zivilisierten Verhaltens nach den Standards der Behandlung von Frauen, Kindern und alten Menschen beurteilen, wird unsere moderne „Zivilisation“ aus allen Blickwinkeln verurteilt.

Die schreckliche Bilanz von Frauen- und Kindesmissbrauch, Waisenkindern und Prostitution im Kapitalismus ist im Vergleich zu der gemeinschaftlichen Kindererziehung, die die Menschheit während der meisten Zeit ihrer Geschichte praktiziert hat, am ungünstigsten – also vor dem Aufkommen dieser seltsamen sozialen Vereinbarung, die Männer gerne Zivilisation nennen. Wir erinnern uns an die Worte eines Indianers an einen Missionar:

„Ihr Weißen liebt nur eure eigenen Kinder. Wir lieben die Kinder des Clans. Sie gehören allen Menschen und wir kümmern uns um sie. Sie sind Knochen von unserem Knochen und Fleisch von unserem Fleisch. Für sie sind wir alle Vater und Mutter. Weiße Menschen sind Wilde; sie lieben ihre Kinder nicht. Wenn Kinder verwaist sind, müssen Menschen bezahlt werden, die sich um sie kümmern. Wir wissen nichts von solchen barbarischen Ideen.“ (M. F. Ashley Montagu, ed., Marriage: Past and Present: A Debate Between Robert Briffault and Bronislaw Malinowski)

Der Wendepunkt

So wie es im Atomkern Kräfte gibt, die verhindern, dass er auseinanderfliegt, so gibt es in der Gesellschaft eine ganze Reihe von Mechanismen, die einem ähnlichen Zweck dienen. Aber die bei weitem mächtigste von ihnen ist eine Kraft in den Köpfen der Menschen selbst. Tradition, Gewohnheit und Routine stellen eine extrem starke Kraft der Trägheit in der Gesellschaft dar.

Die meisten Menschen mögen keine Veränderungen. Sie fürchten jede Störung der bestehenden Ordnung als einen schrecklichen Sprung ins Unbekannte. Die meisten Menschen werden sich mit außergewöhnlicher Hartnäckigkeit an Ideen, Vorurteilen, religiösen Überzeugungen, bekannten politischen Parteien und Führern festhalten. Dies ist der stärkste Klebstoff, der dazu dient, die bestehende Ordnung zu erhalten. Aber wie alles andere in der Natur kann diese starke Trägheitskraft die Dinge nur bis zu einem bestimmten Punkt zusammenhalten.

Unter der Oberfläche der scheinbaren Ruhe, in der „nichts los ist“, ist eine brodelnde Unzufriedenheit und eine Ansammlung von Wut, Bitterkeit und Frustration, die danach strebt, einen bewussten Ausdruck zu finden. Früher oder später ist der Punkt erreicht, an dem Quantität in Qualität umschlägt.

Wir können den gleichen Prozess bei jedem Streik sehen, bei dem Menschen sich verändern. Arbeiterinnen und Arbeiter, die in der Vergangenheit immer apathisch und untätig waren, werden plötzlich aktiviert und bewegen sich in einer Weise, die diejenigen überrascht, die sich gerne als fortschrittlicher empfinden. Mit den Worten der Bibel: „So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten.“ Das ist eine sehr dialektische Feststellung!

Die Entstehung eines kritischen Zustandes wurde von Hegel in seiner Phänomenologie des Geistes in einer sehr poetischen und eindrucksvollen Sprache ausgedrückt:

„Es ist übrigens nicht schwer zu sehen, daß unsere Zeit eine Zeit der Geburt und des Übergangs zu einer neuen Periode ist. Der Geist hat mit der bisherigen Welt seines Daseins und Vorstellens gebrochen und steht im Begriffe, es in die Vergangenheit hinab zu versenken, und in der Arbeit seiner Umgestaltung. Zwar ist er nie in Ruhe, sondern in immer fortschreitender Bewegung begriffen. Aber wie beim Kinde nach langer stiller Ernährung der erste Atemzug jene Allmählichkeit des nur vermehrenden Fortgangs abbricht – ein qualitativer Sprung – und Jetzt das Kind geboren ist, so reift der sich bildende Geist langsam und stille der neuen Gestalt entgegen, löst ein Teilchen des Baues seiner vorhergehenden Welt nach dem ändern auf, ihr Wanken wird nur durch einzelne Symptome angedeutet; der Leichtsinn wie die Langeweile, die im Bestehenden einreißen, die unbestimmte Ahnung eines Unbekannten sind Vorboten, daß etwas anderes im Anzuge ist. Dies allmähliche Zerbröckeln, das die Physiognomie des Ganzen nicht veränderte, wird durch den Aufgang unterbrochen, der, ein Blitz, in einem Male das Gebilde der neuen Welt hinstellt.“

Die Widersprüche innerhalb der Gesellschaft – der Klassenkampf – bestehen in der einen oder anderen Form und mit mehr oder weniger Intensität fort, bis der kritische Punkt erreicht ist. An dieser Stelle treten bestimmte Symptome auf, die die Unmöglichkeit aufzeigen, wie bisher weiterzumachen: Die herrschende Klasse spaltet sich und kann nicht mehr auf die alte Weise regieren; die Massen treten in Aktion, um die bestehende Ordnung herauszufordern; die mittleren Schichten der Gesellschaft schwanken zwischen Revolution und Reaktion. All diese Symptome deuten auf eine bevorstehende drastische Veränderung hin.

Der Prozess, durch den sich die Gesellschaft schließlich entlang der Klassenlinien spaltet, wurde am besten durch den großen russischen Revolutionär Leo Trotzki ausgedrückt. Im Kapitel über die Doppelmacht in seiner Geschichte der Russischen Revolution schreibt er folgendes:

„Antagonistische Klassen existierten in der Gesellschaft stets, und die von der Macht ausgeschlossene Klasse ist unvermeidlich bestrebt, den Staatskurs in diesem oder jenem Grade in ihre Richtung zu lenken. Das bedeutet jedoch noch keinesfalls, daß in der Gesellschaft eine Doppel- oder Vielherrschaft besteht. Der Charakter eines politischen Regimes wird unmittelbar bestimmt von dem Verhältnis der unterdrückten Klassen zu den herrschenden. Die Einzelherrschaft, die notwendige Bedingung der Widerstandsfähigkeit eines jeden Regimes, kann nur so lange bestehen, wie es der herrschenden Klasse gelingt, ihre ökonomischen und politischen Formen als die einzig möglichen der ganzen Gesellschaft aufzuzwingen.

Die gleichzeitige Herrschaft des Junkertums und der Bourgeoisie – in der hohenzollernschen oder in der republikanischen Form – ist, so stark zeitweilig die Konflikte zwischen den beiden Partnern der Macht auch sein mögen, noch keine Doppelherrschaft: sie haben eine gemeinsame soziale Basis, ihre Zusammenstöße drohen nicht den Staatsapparat zu spalten. Das Regime der Doppelherrschaft entsteht nur aus dem unversöhnlichen Zusammenprall der Klassen, ist demzufolge nur in einer revolutionären Epoche möglich und bildet eines ihrer wesentlichen Elemente.“

Die Rolle des Individuums

Am 13 Oktober 1806 schrieb ein erregter Hegel in einem Brief an seinen Freund Niethammer: „Den Kaiser – diese Weltseele – sah ich durch die Stadt zum Rekognizieren hinausreiten; – es ist in der Tat eine wunderbare Empfindung, ein solches Individuum zu sehen, das hier auf einen Punkt konzentriert, auf einem Pferde sitzend, über die Welt übergreift und sie beherrscht.“

Wie Beethoven und viele der fortschrittlichsten Intellektuellen seiner Zeit war der junge Hegel ein glühender Bewunderer der Französischen Revolution. In der Person Napoleons dachte er, sehe er den Geist dieser Revolution auf dem Pferderücken reiten. Natürlich war seine Einschätzung der Art und Rolle Napoleons falsch. Dennoch lag er in seiner Vision der Französischen Revolution als dem wesentlichen Zeitgeist überhaupt nicht falsch. Der Marxismus leugnet nicht die Rolle des Einzelnen in der Geschichte, wie Engels erklärt:

„Die Menschen machen ihre Geschichte selbst, aber bis jetzt nicht mit Gesamtwillen nach einem Gesamtplan, selbst nicht in einer bestimmt abgegrenzten gegebenen Gesellschaft. Ihre Bestrebungen durchkreuzen sich, und in allen solchen Gesellschaften herrscht ebendeswegen die Notwendigkeit, deren Ergänzung und Erscheinungsform die Zufälligkeit ist. Die Notwendigkeit, die hier durch alle Zufälligkeit sich durchsetzt, ist wieder schließlich die ökonomische. Hier kommen dann die sogenannten großen Männer zur Behandlung. Daß ein solcher und grade dieser zu dieser bestimmten Zeit in diesem gegebenen Lande aufsteht, ist natürlich reiner Zufall. Aber streichen wir ihn weg, so ist Nachfrage da für Ersatz und dieser Ersatz findet sich, tant bien que mal [recht oder schlecht], aber er findet sich auf die Dauer. Daß Napoleon grade dieser Korse, der Militärdiktator war, den die durch eignen Krieg erschöpfte französische Republik nötig machte, das war Zufall; daß aber in Ermangelung eines Napoleon ein andrer die Stelle ausgefüllt hätte, das ist bewiesen dadurch, daß der Mann sich jedesmal gefunden, sobald er nötig war: Cäsar, Augustus, Cromwell etc. Wenn Marx die materialistische Geschichtsauffassung entdeckte, so beweisen Thierry, Mignet, Guizot, die sämtlichen englischen Geschichtsschreiber bis 1850, daß darauf angestrebt wurde, und die Entdeckung derselben Auffassung durch Morgan beweist, daß die Zeit für sie reif war und sie eben entdeckt werden mußte.

So mit allem andern Zufälligen und scheinbar Zufälligen in der Geschichte. Je weiter das Gebiet, das wir grade untersuchen, sich vom Ökonomischen entfernt und sich dem reinen abstrakt Ideologischen nähert, desto mehr werden wir finden, daß es in seiner Entwicklung Zufälligkeiten auf weist, desto mehr im Zickzack verläuft seine Kurve. Zeichnen Sie aber die Durchschnittsachse der Kurve, so werden Sie finden, daß, je länger die betrachtete Periode und je größer das so behandelte Gebiet ist, daß diese Achse der Achse der ökonomischen Entwicklung um so mehr annähernd parallel läuft.“ (Engels, Brief an Borgius, 25. Januar 1894)

Wir haben bereits den Prozess der Keimbildung erwähnt, diesen kritischen Punkt, an dem ein bestimmtes Phänomen am Rande einer grundlegenden Veränderung steht. Die Umwandlung von Quantität in Qualität erfolgt entweder durch einen externen Schock oder durch die Anwesenheit eines Katalysators. Wir sehen genau den gleichen Prozess in einer Revolution.

Alle objektiven Faktoren, die für eine Revolution notwendig sind, können vorhanden sein, aber um das Potenzial zu verwirklichen, ist etwas anderes erforderlich. Die Rolle eines Katalysators in der vorrevolutionären Situation wird von der revolutionären Partei und ihrer Führung übernommen. Das ist es, was die noch unentwickelte, formlose und verwirrte Bewegung der Massen mit der notwendigen Kohärenz, Struktur, Zielen und Organisation versorgt, die notwendig sind, um die bestehende Ordnung zu stürzen, die, selbst wenn sie nach einem Sturz taumelt, immer noch eine gewaltige Widerstandskraft darstellt, die bewusst überwunden werden muss.

Jede revolutionäre Partei in der Geschichte beginnt immer als kleine Minderheit. Am Anfang stellt sie offenbar keine ernsthafte Herausforderung für die bestehende Ordnung dar. Sie beginnt, wie jeder andere lebende Organismus, als Embryo. Aber ein Embryo, vorausgesetzt, er enthält alle notwendigen genetischen Informationen, um einen gesunden Menschen zu bilden, kann wachsen und sich entwickeln.

Obwohl es ein Widerspruch zu sein scheint, so führte der Determinismus der frühen Calvinisten keineswegs zu Pessimismus und einer Lähmung des Willens, sondern bewirkte das genaue Gegenteil. Die Puritaner waren überzeugt, dass sie auf der Seite einer Macht kämpften, die die ganze Kraft der Unvermeidlichkeit hinter sich hatte. Es war ihre religiöse Pflicht, „den guten Kampf zu führen“ und dem Reich Gottes zu helfen, so schnell wie möglich ins Leben zu treten. Ihre absolute Überzeugung von ihrem ultimativen Erfolg beflügelte sie zum Handeln.

Ebenso glauben Marxisten an die Unvermeidlichkeit des Sozialismus, in dem Sinne, dass der Kapitalismus sein Potenzial für die Entwicklung der Gesellschaft und die Förderung der Kultur und Zivilisation ausgeschöpft hat. Indem sie die Produktionskräfte auf ihr gegenwärtiges Niveau gebracht hat, hat sie den Weg für die nächste logische Stufe bereitet, nämlich die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, die sich gegen die erstickenden Beschränkungen des Privateigentums und des Nationalstaates auflehnen.

Dieser Prozess kann durch eine Reihe von Faktoren beschleunigt oder verzögert werden, nicht zuletzt durch den subjektiven Faktor. Es wird viele Möglichkeiten für die Arbeiterklasse geben, die Macht in ihre Hände zu nehmen, aber die bloße Existenz einer Möglichkeit bedeutet nicht unbedingt, dass das Potenzial realisiert wird. Das hängt von den Handlungen der Menschen, ihrer Kampfbereitschaft und der Qualität ihrer Führer ab.

Der Kapitalismus befindet sich in einem Zustand des offensichtlichen Verfalls. Die senile Dekadenz des Kapitalismus stellt eine tödliche Bedrohung für die Zivilisation und die Menschheit selbst dar. Die Verlängerung dieses Todeskampfes bedeutet eine Verschärfung der Krise mit allen damit verbundenen Übeln des wirtschaftlichen und sozialen Zusammenbruchs, der Armut, des Leidens, der Kriege, des Todes und der Zerstörung in großem Maßstab.

Es ist daher die Pflicht der Marxisten, für die Verringerung der Leiden der Menschheit zu kämpfen, indem sie alles in ihrer Macht Stehende tun, um den Prozess der Revolution zu beschleunigen, der allein die Todesqual eines veralteten, verrotteten und gründlich verfallenen Systems beenden kann. In diesem Sinne sind bewusste revolutionäre Akteure einer historischen Notwendigkeit, ebenso wie Oliver Cromwells Ironsides, die französischen Jakobiner und die russischen Bolschewiki in einer früheren Periode die Akteure einer notwendigen sozialen Transformation waren.

Dialektik – die wissenschaftliche Grundlage für eine revolutionäre Praxis

Das Äquivalent der genetischen Information in der revolutionären Partei ist die marxistische Theorie. Die Partei, auch wenn sie klein ist, muss die notwendige Qualität haben, um zu wachsen. Wenn sie ihre Arbeit richtig verrichtet und über die notwendigen Möglichkeiten verfügt, kann sie wachsen und sich entwickeln. Qualität wird in Quantität umgewandelt, aber Quantität wiederum wird an einem bestimmten Punkt zu Qualität. Eine Massenpartei wird zu einem Faktor in dieser Situation und ihre Handlungen können nun eine große Anzahl von Menschen beeinflussen. Sie wird in der Lage sein, die Massen zum Sieg zu führen.

Die Geschichte der bolschewistischen Partei ist in dieser Hinsicht sehr aufschlussreich. Keine andere Partei der Geschichte hat jemals in so kurzer Zeit einen so großen Erfolg erzielt und die ursprünglich winzigen und isolierten Gruppen marxistischer Kader in eine Massenpartei verwandelt, die in der Lage war, die größte soziale Revolution der Geschichte durchzuführen.

Am wichtigsten ist die enorme Bedeutung, die Lenin und Trotzki der Theorie immer beigemessen haben und die ernsthafte Ausarbeitung von Perspektiven, Taktiken und Strategien. Das war letztendlich das Geheimnis ihres Erfolgs. Lenin hat von Anfang an immer auf die zentrale Bedeutung der Theorie bestanden. In Was tun?, schrieb er: „Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben. Dieser Gedanke kann nicht genügend betont werden in einer Zeit, in der die zur Mode gewordene Predigt des Opportunismus sich mit der Begeisterung für die engsten Formen der praktischen Tätigkeit paart.“

Die grundlegende Bedeutung der dialektischen Methode als wissenschaftliche Grundlage für alle revolutionären Praktiken wurde in Trotzkis Autobiographie Mein Leben auf brillante Weise erläutert:

„Später wurde das Gefühl der Überlegenheit des Ganzen über das Detail ein unzertrennliches Stück meines schriftstellerischen Schaffens und meiner politischen Betätigung. Der stumpfsinnige Empirismus, das Anbeten des mitunter nur eingebildeten oder falsch verstandenen Faktums waren mir verhaßt. Ich suchte für die Fakten Gesetze. Das führte natürlich manchmal zu voreiligen und unrichtigen Verallgemeinerungen, besonders in meiner Jugend, als mir die Verallgemeinerungen sowohl das Buchwissen wie die Lebenserfahrung fehlten. Aber auf allen Gebieten ohne Ausnahme konnte ich mich nur dann frei bewegen und handeln, wenn ich den Faden des Ganzen in der Hand hielt. Der sozialrevolutionäre Radikalismus, der die geistige Achse meines ganzen Lebens werden sollte, ist gerade aus dieser intellektuellen Feindschaft zu der Brockenrafferei, zum Empirismus, zu allem geistig Umgeformten und theoretisch Zerfahrenen erwachsen.“

Dieser „stumpfsinnige Empirismus, das Anbeten des mitunter nur eingebildeten oder falsch verstandenen Faktums“, wie Trotzki betont, ist die philosophische Grundlage des Reformismus, jener feigen Hingabe an das, was als „die Fakten des Lebens“ bezeichnet wird, der Politik, die als „die Kunst des Möglichen“ konzipiert ist, in der alle ernsten Herausforderungen an den Status quo als unmöglich, als utopischer Traum oder gefährliches Abenteurertum angesehen werden. Demgegenüber stellt der Marxismus eine wissenschaftliche Analyse des Status quo dar, die unter die Oberfläche der „Fakten“ eindringt, um die verborgenen Widersprüche aufzudecken, die schließlich dazu führen werden, dass das, was stabil, solide und unveränderlich erscheint, in sein Gegenteil verkehrt.

Marx und Engels sagten, dass es für die Menschheit zwei Alternativen gebe: Sozialismus oder Barbarei. Die Elemente der Barbarei gibt es bereits, nicht nur in den so genannten Entwicklungsländern, wo Millionen von Menschen gezwungen sind, unter alptraumhaften Bedingungen von Armut, Hunger, Krankheit und Krieg zu leben, sondern auch in den so genannten hochentwickelten kapitalistischen Ländern.

Das Ziel der Marxisten ist es, für die sozialistische Transformation der Gesellschaft auf nationaler und internationaler Ebene zu kämpfen. Wir glauben, dass das kapitalistische System längst seinen historischen Nutzen überlebt hat und sich in ein monströs repressives, ungerechtes und unmenschliches System verwandelt hat. Das Ende der Ausbeutung und die Errichtung einer harmonischen sozialistischen Weltordnung, die auf einem rationalen und demokratisch geführten Produktionsplan beruht, wird der erste Schritt zur Schaffung einer neuen und höheren Gesellschaftsform sein, in der Männer und Frauen sich als wirklich freie Menschen verstehen.

Die Rolle der Philosophie in der modernen Epoche muss die wunderbare Aufgabe sein, die Arbeit der sozialistischen Revolution zu erleichtern, falsche Ideen zu bekämpfen und die wichtigsten Erscheinungsformen unserer Zeit rational zu erklären und so den Boden für einen grundlegenden Wandel in der Gesellschaft zu bereiten. Mit den berühmten Worten von Karl Marx:

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an sie zu verändern.“

SCHLIESS DICH DEN KOMMUNISTEN AN!

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