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	<title>Theorie Archives -</title>
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	<title>Theorie Archives -</title>
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		<title>Ist Hausarbeit ein „unbezahlter“ Job? – Ohne Marxismus keine Antwort auf die Angriffe der Merz-Regierung</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Susanna Saarinen]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 09 Mar 2026 17:31:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Frauenbefreiung]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Ökonomie]]></category>
		<category><![CDATA[Unterdrückung]]></category>
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<p>Ende 2023 waren 5,7 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig. Offiziellen Schätzungen zufolge wird diese Zahl bis 2055 auf bis zu 7 Millionen steigen. Den Großteil der Pflege übernehmen dabei immer noch angehörige Frauen. Denn die Kapazitäten der ambulanten Pflegedienste und Altenheime sind seit Jahren ausgelastet und werden kaum ausgebaut. Diese Politik setzen auch die „Reformvorhaben“ der Merz-Regierung fort: „Entbürokratisierung“ und „Flexibilisierung“ von Leistungen, Anreize für private Vorsorge sowie der „Stärkung der häuslichen Versorgung“. Unter dem letzten Punkt stellt sich Familienministerin Prien (CDU) ein Pflegegeld als Lohnersatz für pflegende Angehörige vor und erklärt: „Es wird mit unserer demografischen Entwicklung nicht möglich sein, dass Pflege allein von Fachkräften geleistet wird“.</p>



<p>Die Linkspartei kritisiert den Vorschlag der Gesundheitsministerin. Dieser sei nicht konkret genug und reiche nicht aus, da er lediglich 65% des letzten Nettoeinkommens für die Dauer von zwölf Monaten vorsehe. Sie fordert „eine finanzielle Absicherung der Pflegearbeit durch Geldleistungen und Rentenpunkte“ und erklärt: „Solange Frauen für ihre Sorgearbeit weder ausreichend Zeit noch finanzielle Absicherung erhalten, bleibt Gleichstellung eine leere Worthülse.“</p>



<p>Doch diese Kritik verfehlt den Kern der Sache. Die Merz-Regierung will die Folgen ihrer Austeritätspolitik auf die Arbeiterklasse abladen. Die schrumpfenden staatlichen Leistungen im Gesundheits- und Erziehungssektor müssen von berufstätigen Frauen kompensiert werden, die so noch mehr an Heim und Herd gefesselt und aus ihrem Berufsleben herausgedrängt werden.</p>



<p>Das angekündigte Pflegegeld dient hier als Feigenblatt für dieses Programm, wobei die Linkspartei nur die Größe des Feigenblatts zu kritisieren weiß. Denn für sie handelt es sich bei der Hausarbeit der Frauen um „unbezahlte“ Arbeit, die bis heute nicht gerecht entlohnt werde. Diese Idee ist nicht neu, sondern knüpft an die Forderung eines „Hausarbeitslohns“ von Feministen wie bspw. Silvia Federici an. Doch um zu einem wirksamen Programm gegen die Unterdrückung der Frau zu kommen, braucht es ein klares Verständnis, welche Rolle Hausarbeit innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise einnimmt und was sie von der Lohnarbeit unterscheidet.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Was sind Löhne?</strong></p>



<p>Diese Frage kann nur auf Grundlage des marxistischen Wertgesetzes beantwortet werden. Diese Marx’sche Erkenntnis besagt, dass der Wert einer Ware durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit bestimmt wird, die zu ihrer Produktion erforderlich ist. Das gilt ausnahmslos für alle Waren innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise, auch für eine ganz besondere Ware: die Arbeitskraft.</p>



<p>Im Kapitalismus verkauft der Arbeiter nicht seine „Arbeit“, sondern seine Arbeitskraft, also seine Fähigkeit zu arbeiten, als Ware auf dem Markt. Diese Ware unterscheidet sich von allen anderen dadurch, dass sie im Produktionsprozess mehr Wert erzeugt, als sie selbst kostet. Genau hier liegt die Quelle des Mehrwerts und damit des Profits der Kapitalistenklasse.</p>



<p>Der Profit wird aber nicht durch den Lohn auf die Arbeiter aufgeteilt. Der Lohn ist nicht ein „gerechter Teil“ des vom Arbeiter geschaffenen Reichtums. Stattdessen wird der Wert der Arbeitskraft, ausgedrückt in Löhnen, auf die gleiche Weise bestimmt wie der jeder anderen Ware: durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, die zu ihrer Produktion erforderlich ist. D.h. unter anderem durch die Menge an notwendigen Mitteln zum Lebensunterhalt, die die Reproduktion des Arbeiters sichert. So kann der Arbeiter mit seinem Lohn die notwendigen Mittel erwerben, um seine Arbeit täglich fortsetzen zu können.</p>



<p>Das Kapital ist aber davon abhängig, dass nicht nur der einzelne Arbeiter von Tag zu Tag arbeitsfähig gehalten wird. Um das Fortbestehen der kapitalistischen Produktion zu sichern, müssen zudem stets neue Generationen arbeitsfähiger Menschen nachrücken.</p>



<p>Zum Wert der Arbeitskraft gehören daher mehrere Komponenten der Reproduktion: 1) Die Kosten der Ausbildung: Abhängig von der notwendigen Qualifikation und Ausbildungsdauer der jeweiligen Arbeitskraft. 2) Die tägliche Reproduktion: Nahrung, Kleidung, Wohnung, Gesundheit, Transport usw. 3) Die Reproduktion der Arbeiterklasse als Ganzes: Die Sicherung einer neuen Generation von Arbeitskräften.</p>



<p>Wie Marx in „Das Kapital“ erklärt: „Der Wert der Arbeitskraft war bestimmt nicht nur durch die zur Erhaltung des individuellen erwachsenen Arbeiters, sondern durch die zur Erhaltung der Arbeiterfamilie nötige Arbeitszeit.“</p>



<p>Der Wert der Arbeitskraft umfasst also nicht nur das individuelle Überleben des einzelnen Arbeiters, sondern die materielle Grundlage für die Existenz der Arbeiterfamilie. Diese bildet im Kapitalismus eine ökonomische Einheit, durch die die Reproduktion der Arbeitskraft organisiert wird.</p>



<p>Die Produktion von Tauschwert, die im Kapitalismus die Grundlage von Löhnen bildet, findet in der Hausarbeit nicht statt. Sie schafft Gebrauchswerte für den unmittelbaren Familienkonsum, produziert jedoch keine Waren für den Markt. Auch Kinder werden nicht als Ware hergestellt. Ihre Arbeitskraft wird erst dann zur Ware, wenn sie selbst als „freie“ Arbeiter den Arbeitsmarkt betreten. Zwar zwingt die kapitalistische Produktionsweise die Kapitalisten dazu, Löhne zu zahlen, die die Reproduktion der Arbeiterklasse sichern, doch daraus folgt weder, dass Hausarbeit Warenproduktion ist, noch dass sie direkt Mehrwert hervorbringt.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Unbezahlte Arbeit?</strong></p>



<p>Wenn also die Linke von „unbezahlter“ Sorgearbeit spricht und von diesem Standpunkt aus ihr Programm argumentiert, stellt sie sich auf eine falsche theoretische Basis. Denn die sogenannte „reproduktive Arbeit“, also Hausarbeit, Kindererziehung und alle weiteren Sorgearbeiten, werden bereits durch den vom Arbeiter verdienten Lohn abgedeckt. Aus Sicht der Gesetze des Kapitalismus besteht keine ökonomische Schieflage darin, die Hausfrau nicht direkt für die Arbeit zu bezahlen, die sie im Haushalt verrichtet. Der ihr vermeintlich zustehende Lohn, welchen sie für ihren Lebensunterhalt benötigen würde, ist bereits im Lohn des Mannes oder in den Löhnen der arbeitenden Familienmitglieder enthalten.</p>



<p>Das bedeutet nicht, dass hier keine Unterdrückung vorliegt, im Gegenteil. Hausfrauen sind dazu verdammt, die Rolle von Haussklaven für ihre Männer und Kinder zu spielen und dazu finanziell vollständig von ersteren abhängig zu sein. Hausarbeit fesselt Frauen an das private Heim, isoliert sie und verwehrt ihnen eine echte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.</p>



<p>Und auch durch staatliche Leistungen wie einen Hausarbeitslohn oder das angekündigte Pflegegeld würde dieser Zustand nicht aufgehoben, sondern nur weiter zementiert werden. Denn ohne das aktive Eingreifen der Arbeiterklasse würden die Kapitalisten das Haushaltseinkommen durch Lohnkürzungen oder Teuerungen sowie das Zusammenstreichen staatlicher Leistungen an das ursprüngliche Niveau angleichen und von da aus ihre Angriffe auf den Lebensstandard fortsetzen.</p>



<p>In ihrem Wahlprogramm für die Bundestagswahl 2025 fordert die Linkspartei die Pflege- und Sorgearbeit gerecht unter Männern und Frauen aufzuteilen. Das soll ermöglicht werden durch die Einführung der 4-Tage-Woche bei vollem Lohn- und Personalausgleich. Zwar geht diese Forderung in Zeiten der Massenentlassungen in eine gute Richtung, doch kann sie weder an der bestehenden Ungleichverteilung der Hausarbeit noch an der Unterdrückung der Frau etwas ändern. Denn am Ende sind es immer noch Kapitalisten, die Arbeitskräfte nach ihren Profitinteressen einstellen. Schwangerschaft und Erziehungsurlaub stellen für diese ein wirtschaftliches Risiko dar.</p>



<p>Unabhängig von den gesetzlichen Rahmenbedingungen werden Frauen im Kapitalismus immer überproportional von Entlassungswellen und prekären Arbeitsverhältnissen betroffen sein, die sie zurück an Heim und Herd zwingen. Der einzige Weg, um die Frau nachhaltig von ihrem Dasein als Haussklavin zu befreien, ist eine konsequente Vergesellschaftung der anfallenden Sorgearbeit.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Private vs. gesellschaftliche Sorgearbeit</strong></p>



<p>Dabei sind die professionelle Arbeit im Pflege- und Sozialbereich und die Arbeit einer Hausfrau zuhause nicht miteinander vergleichbar. Der Umstand, dass Angestellte im „Care“-Bereich bezahlt werden, führt zu einer grundlegenden Veränderung dieser Arbeit. Es ist zwar noch immer genauso anstrengende Arbeit, aber anders als bei einer Hausfrau findet die Arbeit nicht 24/7 im eigenen Zuhause statt, sondern nur für eine bestimmte Zeit am Tag im Austausch für einen festen Lohn.</p>



<p>Ohne Lohn wird keine Arbeit verrichtet. Arbeiterinnen verlassen ihr Zuhause und fahren an ihren Arbeitsplatz, reden mit ihren Kollegen und Bekannten über Erfahrungen und Eindrücke in der Arbeit, werden von einem Unternehmen angestellt und können erkennen, was sie mit all den anderen Arbeitern verbindet. All das hilft einer Arbeiterin, die Natur der Klassengesellschaft und ihre inneren Abläufe zu verstehen. Auf einmal ist es möglich, Teil einer Gewerkschaft zu werden, Rechte einzufordern und durch den politischen Kampf die eigenen Interessen zu erkämpfen.</p>



<p>Hausarbeit, Kinderbetreuung und Altenpflege in bezahlte Lohnarbeit zu überführen, bereitet die Bedingungen für die zukünftige Befreiung der Frau und der Familie aus der häuslichen Sklaverei: Alle erdrückenden Aufgaben, welche heute auf den Familien lasten (Wäsche waschen, Essen bereiten, Kinder- und Altenpflege…) müssen von der Gesellschaft übernommen werden.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Nur mit der richtigen Methode erreicht man ein richtiges Programm</strong></p>



<p>Die Stellung der Frau als Hausfrau ist ein historisches Überbleibsel früherer Klassengesellschaften das der Kapitalismus übernommen und seiner eigenen Logik untergeordnet hat. Friedrich Engels stellt in seinem Werk „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ fest: „Die moderne Familie enthält im Keim nicht nur Sklaverei (servitus), sondern auch Leibeigenschaft [&#8230;]. Sie enthält in Miniatur alle die Gegensätze in sich, die sich später breit entwickeln in der Gesellschaft und im Staat.“</p>



<p>Zudem stützt sich der Kapitalismus auf die besondere Unterdrückung der Frau, um das allgemeine Lohnniveau der Arbeiterklasse niedrig zu halten und zugleich eine Spaltung innerhalb der Arbeiterklasse entlang der Geschlechter zu erzeugen.</p>



<p>Die soziale Lage vieler Frauen, sei es als ökonomisch abhängige Hausfrauen oder als doppelt und dreifach belastete Lohnarbeiterinnen, ist daher das Ergebnis der Klassengesellschaft und eine notwendige Stütze der kapitalistischen Produktionsweise. Forderungen, die sich innerhalb dieses Systems bewegen, können diese Grundlage nicht aufheben.</p>



<p>Ein Programm zur Frauenbefreiung kann nicht aus subjektivem Empfinden, moralischer Empörung oder abstrakten Gerechtigkeitsvorstellungen entwickelt werden. Ohne eine materialistische Analyse der kapitalistischen Produktionsverhältnisse bleiben solche Ansätze wirkungslos und schüren Illusionen über die Reformierbarkeit des Kapitalismus. Das wiederum leistet den getarnten Angriffen der Herrschenden auf die Arbeiterklasse Vorschub anstatt sie als das zu enttarnen, was sie wirklich sind. Nur ein auf den objektiven Klassenverhältnissen beruhendes, marxistisches Programm kann die Ursachen der Frauenunterdrückung benennen und einen realen Weg zu ihrer Überwindung weisen.</p>



<p>Entscheidend ist die Vergesellschaftung der Reproduktionsarbeit, also ihre Herauslösung aus der privaten Familie und ihre kollektive Organisation unter Kontrolle der Arbeiterklasse. Das wird nur innerhalb einer sozialistischen Gesellschaft möglich sein. Nur die Vorteile einer Planwirtschaft können jede Spur häuslicher Sklaverei und die Unterwerfung der Frau unter den Mann ausmerzen, und die Frau ermächtigen, ihr volles Potenzial zu entfalten – etwas, das ihr seit Jahrtausenden verwehrt wird.</p>



<p>Unsere Aufgabe heute ist es, für den revolutionären Sturz des unterdrückerischen kapitalistischen Systems zu kämpfen. Der Kampf für die Befreiung der Frau ist kein individueller, sondern ein kollektiver, welchen wir nur als geeinte Arbeiterklasse gewinnen können.</p>



<p></p>
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		<title>Kampf gegen Militarismus heißt Kampf gegen den bürgerlichen Staat!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Franz Rieger]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 04 Mar 2026 15:24:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Empfohlen]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Imperialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Militarismus]]></category>
		<category><![CDATA[Staatstheorie]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Kommunisten kämpfen gegen die aktuelle Wiedereinführung der Wehrpflicht, denn sie soll den deutschen Imperialismus stärken. Aber wir geben uns nicht mit der Verhinderung der Wehrpflicht zufrieden. Wir kämpfen gegen den [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p>Kommunisten kämpfen gegen die aktuelle Wiedereinführung der Wehrpflicht, denn sie soll den deutschen Imperialismus stärken. Aber wir geben uns nicht mit der Verhinderung der Wehrpflicht zufrieden. Wir kämpfen gegen den bürgerlichen Staat und seine Armee insgesamt. Denn sie sind Werkzeuge der Kapitalistenklasse für die Ausbeutung fremder Länder und die Unterdrückung der eigenen Arbeiterklasse zuhause.</p>



<p>Eine kapitalistische Berufsarmee – wie die Bundeswehr seit 2011 eine ist – ist für uns nicht besser als eine kapitalistische Wehrpflichtigenarmee, im Gegenteil. Denn eine Berufsarmee ist noch mehr von der Bevölkerung getrennt und daher leichter für militärische Abenteuer im Ausland oder die Bekämpfung von Streiks im Inland einzusetzen.</p>



<p>Stattdessen kämpfen Kommunisten dafür, den kapitalistischen Staat, samt seiner Armee, zu zerschlagen und durch einen Arbeiterstaat mit einer Arbeitermiliz zu ersetzen, der tatsächlich die Interessen der Mehrheit der Bevölkerung vertritt.</p>



<p>Die Reformisten, z.B. die Führung der LINKEN, sprechen sich zwar gegen die Wehrpflicht aus, kämpfen aber nicht gegen den bürgerlichen Staat. Sie greift den Militarismus in Worten an, aber unterstützt ihn in Taten: Während sie (im Ernstfall völlig nutzlose) „Beratungsstellen zur Kriegsdienstverweigerung“ fordert, stimmt sie im Bundesrat nicht nur für das Sondervermögen Bundeswehr, sondern auch für eine Resolution, die mehr Waffenlieferungen an die Ukraine fordert.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Was ist der Staat?</strong></p>



<p>Der Staat ist weder ein „neutraler Schiedsrichter“ zwischen den Klassen, noch gab es ihn schon immer. Er ist ein Produkt der Teilung der Gesellschaft in Klassen, wie Engels in „Der Ursprung der Familie“ erklärt.</p>



<p>Zuvor lebten Menschen für Jahrzehntausende in urkommunistischen Gesellschaften, in denen alle produzierten und das Produzierte gemeinsam konsumierten. Da im harten Überlebenskampf mit der Natur kein Überschuss produziert werden konnte, konnte sich auch keine herrschende Klasse bilden, die von der Arbeit anderer lebte.</p>



<p>Alle Mitglieder dieser Gesellschaft waren bewaffnet: für die Jagd und gelegentliche Kriege mit anderen Stämmen um die begrenzten natürlichen Ressourcen. Ein militärischer Anführer für Kriegszeiten wurde von allen Stammesmitgliedern gewählt, aber seine Autorität war eine rein moralische. Ansonsten gab es weder eine Armee noch eine Polizei, Gefängnisse oder Richter.</p>



<p>Später teilte sich die Gesellschaft in wirtschaftliche Klassen, in der eine Minderheit von der Ausbeutung der Mehrheit lebte. Die allgemeine Volksbewaffnung konnte unter diesen Umständen nicht weiter bestehen, denn sie wäre in ständigen blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Klassen geendet, die die Gesellschaft komplett gelähmt hätten.</p>



<p>So entstand der Staat, der im Kern nichts anderes ist als Gruppen bewaffneter Menschen (Armee, Polizei) mit Verwaltungsanhang (Behörden, Steuerverwaltung,&#8230;). Der Mehrheit der unbewaffneten Bevölkerung steht eine Minderheit bewaffneter Diener der herrschenden Klasse in Form des stehenden Heeres und der Polizei gegenüber. Der Staat ist also ein Werkzeug in den Händen der ausbeutenden Klasse zur Unterdrückung der ausgebeuteten Klasse.</p>



<p>In der griechischen und römischen Antike war er die „demokratische“ Republik der Sklavenhalter gegen die Sklaven. Aus den 90.000 athenischen Bürgern wurde ein Heer gebildet, dass die 365.000 Sklaven in Schach hielten. Im Mittelalter war der Staat ein Werkzeug in den Händen des landbesitzenden Adels, der als Ritter den Kern der Streitmacht bildete. Im Kapitalismus ist der Staat das Gewaltwerkzeug der Kapitalistenklasse, auch und ganz besonders die demokratische Republik: Während der Arbeiter nur das Stimmrecht hat, können die Kapitalisten durch hundertundein Formen der legalen und illegalen Bestechung auf den Staat Einfluss nehmen.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Die Wehrpflicht und die bürgerliche Revolution</strong></p>



<p>Die Armee spiegelt den Klassencharakter des Staates wider. Die Armeen des Absolutismus bestanden aus zum Militärdienst gezwungenen bäuerlichen Untertanen, deren Disziplin nur mit Stockschlägen aufrechterhalten wurde. Die Offiziere rekrutierten sich meist aus dem Adel und genossen die Privilegien ihres Standes.</p>



<p>Als die Französische Revolution 1789 siegte, behielt sie zuerst die alte, königliche Armee bei. Nachdem der König abgesetzt worden war, erklärten alle reaktionären Mächte Europas der Französischen Republik den Krieg. Die adeligen Offiziere sabotierten bei jeder Gelegenheit die Kriegsanstrengungen der Republik. Die feindlichen Armeen standen kurz vor Paris. Die Revolution war in Lebensgefahr!</p>



<p>Die revolutionäre Regierung der Jakobiner ergriff nun eine beherzte Gegenmaßnahme: Sie führte ausnahmslos die Wehrpflicht für alle unverheirateten Männer zwischen 18 und 25 Jahren ein. So füllten sie die Armee hauptsächlich mit Angehörigen der unterdrückten Volksmassen an, was die Armee von 400.000 auf 1.000.000 anwachsen ließ. Zudem wurden die alten, verräterischen Offiziere gesäubert und durch treue Republikaner und Revolutionäre ersetzt. Diese <em>Levée en masse </em>war das Werkzeug in den Händen der revolutionären Massen und des republikanischen Bürgertums. Sie schaffte die Standesunterschiede in der Armee ab und machte sie vom versteckten Werkzeug des entmachteten Königs zum Werkzeug der Revolution.</p>



<p>In diesem Sinne war die Wehrpflicht eine revolutionäre Errungenschaft, die von Marx und Engels verteidigt wurde, auch noch gegen den preußischen Absolutismus der 1860er Jahre.</p>



<p>Doch nach dem Sieg der Kapitalistenklasse in der französischen Revolution musste sie ihre Herrschaft gegen die unteren Volksschichten absichern. Statt eines echten Volksheeres brauchten sie eine kleinere, ihr treue, von den Massen ausreichend getrennte Armee.</p>



<p>Und so wurde die <em>Levée en masse</em> 1798 durch die in den meisten bürgerlichen Staaten „normale“ Wehrpflicht ersetzt: Alle jungen Männer wurden dazu verpflichtet, sich registrieren zu lassen. Die Regierung legte jährlich eine Quote für die Einberufung von Rekruten fest. Nur eine Minderheit wurde tatsächlich eingezogen. In den Kasernen waren diese Soldaten vom Volk getrennt und der Gewalt sowie der politischen Indoktrinierung durch die Offiziere ausgesetzt. Auch wenn es also formal die Wehrpflicht gab, bedeutete dies keinesfalls die Bewaffnung der breitesten Volksmassen. So konnte die Armee wieder zu einem zuverlässigen Instrument der herrschenden Klasse werden.</p>



<p>Die grundlegende Forderung von Marx und Engels in der Militärfrage war die <em>Abschaffung des stehenden Heeres und seine Ersetzung durch die Volksmiliz</em>. Statt eines von der Bevölkerung abgesonderten Heeres unter der Kontrolle der Offiziere, sollte die gesamte Bevölkerung bewaffnet werden, mit demokratisch gewählten Offizieren, und bei Bedarf zusammengerufen werden können. So würde die Armee als Werkzeug in den Händen der herrschenden Klasse unschädlich gemacht werden.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Pariser Kommune: Das Volk bewaffnet sich</strong></p>



<p>Während der Pariser Kommune 1871 wurde diese Forderung Realität. Deutsche Truppen waren dabei, den deutsch-französischen Krieg von 1870-71 zu gewinnen. Sie hatten den französischen Kaiser Napoleon III. gefangen genommen und marschierten auf Paris. Die in der Folge entstandene bürgerliche republikanische Regierung traf einen folgenschweren Entschluss: Sie öffnete die Nationalgarde, die zuvor eine Miliz der reichen Bürger gewesen war, für die Pariser Volksmassen und bewaffnete damit die Pariser Arbeiterklasse.</p>



<p>Doch nun begannen sie, die bewaffnete Pariser Arbeiterklasse mehr zu fürchten als die deutschen Heere. Lieber wollte sie Paris den deutschen Eroberern überlassen und die Wiederherstellung der Monarchie riskieren als die proletarische Revolution.</p>



<p>Die Öffnung der 200.000 Mann starken Nationalgarde für die Unterschichten machte sie immer mehr zu einer Volksarmee mit einer engen Verankerung in den Arbeitervierteln. Als die Regierung der Nationalgarde aus Angst vor dieser Entwicklung ihren Sold kürzte, setzte die Nationalgarde ihre alten Offiziere ab, wählte neue und schuf ein demokratisches „Zentralkomitee“. Das bedeutete den offenen Aufstand gegen den kapitalistischen Staat. Das Zentralkomitee organisierte in den Pariser Vierteln Wahlen, aus denen die Pariser Kommune als neue Macht hervorging.</p>



<p>Die bürgerliche Regierung schickte nun die reguläre Armee, um die Nationalgarde zu entwaffnen. Doch die Soldaten wurden von immer mehr Arbeitern samt Frauen und Kindern und Nationalgardisten umringt. Als der General befahl, auf die Arbeiter zu schießen, schossen die Soldaten nicht. Sie verbrüderten sich mit den Arbeitern.</p>



<p>Die bürgerliche Regierung fürchtete auf diese Weise auch die übrigen Soldaten der regulären Armee zu verlieren. Deshalb befahl sie den sofortigen Abzug aller Truppen nach Versailles. Auf dem Rückzug sangen viele der Soldaten offen revolutionäre Lieder. Trotzki schreibt:</p>



<p>“<em>Die Überreste der Infanterie wollten sich nicht nach Versailles zurückziehen. Das Band, das die Offiziere und Soldaten verband, war ziemlich dünn. Und hätte es in Paris eine führende Partei gegeben, hätte sie einige hundert oder sogar einige Dutzend engagierte Arbeiter in die sich zurückziehenden Armeen geschickt – da die Möglichkeit eines Rückzugs bestand – und ihnen folgende Anweisungen gegeben: Verstärkt die Unzufriedenheit der Soldaten gegenüber den Offizieren, nutzt den ersten günstigen psychologischen Moment, um die Soldaten von ihren Offizieren zu befreien und sie nach Paris zurückzubringen, um sich mit dem Volk zu vereinen.“</em></p>



<p>Die Forderung nach der Absetzung der alten Offiziere und der Wahl neuer, hätte hier eine gewaltige revolutionäre Sprengkraft entfaltet. Dass die Kommune das nicht tat, war einer ihrer tödlichen Fehler. Getrennt vom revolutionären Volk, das einige Wochen in Paris herrschte, und nur der lügnerischen Hetzpropaganda der reaktionären Regierung ausgesetzt, kippte die Stimmung in der Armee nach einiger Zeit wieder. Die Disziplin war wiederhergestellt und die Armee konnte eingesetzt werden, um die Pariser Kommune, mit Hilfe der Deutschen, im Blut zu ertränken.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Die alte Staatsmaschinerie zerschlagen</strong></p>



<p>Die Gründe für das Scheitern der Kommune werden an anderer Stelle behandelt. Während die Kommune bestand, setzte sie viele revolutionäre Maßnahmen durch: Mieten wurden eingefroren; Betriebe, deren Besitzer geflohen waren, wurden unter Arbeiterkontrolle weitergeführt; Nachtarbeit wurde abgeschafft und die Lebensmittelversorgung für die Armen sichergestellt; leerstehende Häuser wurden konfisziert und Wohnungslosen zur Verfügung gestellt; ausländische Arbeiter wurden als Brüder und Schwestern, als Soldaten der „universellen Republik der internationalen Arbeiterklasse“ angesehen; die Kommune erklärte den Sozialismus als Ziel.</p>



<p>Eines unterschied die Kommune von allen vorherigen Revolutionen: In allen vorherigen Revolutionen war auch die siegreiche Klasse eine ausbeuterische Minderheit, genauso wie die Klasse, die sie zuvor abgelöst hatte (z.B. Adel und Bourgeoisie). Deswegen übernahm die bürgerliche Revolution auch die Staatsmaschinerie des Absolutismus, anstatt sie zu zerstören. Der König wurde durch ein bürgerliches Parlament ausgetauscht (und selbst das nicht immer), das feudale Recht wurde durch das bürgerliche Zivilrecht ersetzt. Aber der Militär-, Repressions- und Verwaltungsapparat wurde übernommen oder sogar noch ausgebaut. Schließlich brauchte auch die Kapitalistenklasse ein Gewaltwerkzeug zur Unterdrückung der ausgebeuteten Mehrheit.</p>



<p>Die Pariser Kommune war jedoch die erste (wenn auch nur für kurze Zeit) siegreiche proletarische Revolution. In ihr wurde eine ausbeuterische Minderheit (Kapitalistenklasse) gestürzt und zum ersten Mal wurde die Mehrheit (Arbeiterklasse) zur herrschenden Klasse. Für die Unterdrückung der ausbeuterischen Minderheit durch die siegreiche Arbeiterklasse war aber kein riesiger Repressionsapparat mehr nötig.</p>



<p>Deshalb zerstörte die Kommune die alte Staatsmaschinerie: Alle Beamtenprivilegien wurden abgeschafft und ihr Gehalt auf einen durchschnittlichen Arbeiterlohn gesenkt; alle Amtsträger wurden gewählt und waren jederzeit abwählbar; Tag und Nacht fanden in den Arbeitervierteln Versammlungen statt, in denen debattiert und das öffentliche Leben organisiert wurde; das erste Dekret der Kommune schaffte das stehende Heer ab und beschloss die allgemeine Volksbewaffnung innerhalb der Nationalgarde; die meisten Frauen dienten im Sanitätsdienst, aber einige kämpften auch mit der Waffe in der Hand; die Polizei wurde abgeschafft und die Wahrung der öffentlichen Ordnung der Nationalgarde übertragen.</p>



<p>Marx und Engels zogen aus der Erfahrung der Pariser Kommune die eindeutige Schlussfolgerung: Um in der Revolution siegreich zu sein, kann das Proletariat den bürgerlichen Staatsapparat nicht einfach übernehmen, es muss ihn vollständig zerschlagen und einen anderen, proletarischen Staat aufbauen. Denn die Staatsmaschinerie des bürgerlichen Staates ist für eine einzige Aufgabe konstruiert: Für die Unterdrückung der Mehrheit durch die Minderheit. Er kann für nichts anderes gebraucht werden, denn seine Form entspricht genau diesem Zweck:</p>



<p>Die Aufgaben der öffentlichen Verwaltung werden von einem Apparat von ausgewählten Beamten erledigt, der von der arbeitenden Bevölkerung getrennt ist. Die Beamten haben Privilegien, die sie von den breiteren Schichten der Arbeiterklasse abheben &#8211; erst recht, wenn sie nach einigen Jahren befördert werden. Und befördert wird nur, wer brav ist. Die dienstliche Verschwiegenheitspflicht verbirgt die für das öffentliche Leben sehr wichtigen Vorgänge innerhalb der Behörde vor der Öffentlichkeit. Und durch offizielle wie ungeschriebene Regeln, Dienstwege und Hierarchien bleibt die Behörde unter der Kontrolle der obersten und bestbezahlten Beamten. Vor allem die höheren Beamten sind wiederum durch tausend Fäden mit der Kapitalistenklasse verbunden: Viele stammen selbst aus der Kapitalistenklasse. Außerdem kennt man sich aus dem Studium, geht gemeinsam Golfen oder zum Rotary-Club. Die Art und Weise, wie der Beamtenapparat organisiert ist, ermöglicht es der herrschenden Klasse, ihn zu kontrollieren und für ihre Zwecke zu benutzen.</p>



<p>Auch das Militär ist ein Werkzeug der Kapitalistenklasse. Aber die Masse der einfachen Soldaten setzt sich aus Arbeitern und armen Kleinbürgern zusammen. Um seine Kontrolle über die Armee aufrechtzuerhalten, braucht die herrschende Klasse ein Bindeglied: Das Offizierskorps, also die Gesamtheit aller Offiziere. Mit denselben Mechanismen wie Beamte, sind Offiziere an die herrschende Klasse gebunden. Historisch ist das Offizierskorps das Rückgrat der politischen Reaktion und Konterrevolution, durchsetzt mit vielen Konservativen, Nationalisten und Faschisten. Durch die Armeedisziplin, die Militärjustiz, mit Schikanen und politischer Indoktrinierung halten diese Kader der herrschenden Klasse die einfachen Soldaten unter ihrer Kontrolle.</p>



<p>Deswegen muss der Staatsapparat inklusive stehendem Heer und Offizierskorps zerschlagen werden, wenn das Proletariat seine Interessen durchsetzen will. Statt eines besonderen Beamtenapparats bezieht der Arbeiterstaat die gesamte arbeitende Bevölkerung in die Erledigung der öffentlichen Aufgaben, inklusive der Verteidigung, ein.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Kampf gegen Militarismus</strong></p>



<p>Nach der Niederschlagung der Kommune und dem Sieg über Frankreich gründete Bismarck 1871 das Deutsche Reich. Eine Phase der stürmischen Entwicklung des Kapitalismus und der gesteigerten Konkurrenz zwischen den europäischen Großmächten folgte.</p>



<p>Alle Staaten rüsteten daher ihr Militär massiv auf, was mit einer Ausdehnung der allgemeinen Wehrpflicht einherging. Doch in den Händen der Militaristen des Großkapitals war die Wehrpflicht kein revolutionär-demokratisches Mittel der Revolution mehr, wie während der Levée en masse, sondern des Missbrauchs der Arbeiterjugend zur Kriegsvorbereitung.</p>



<p>Die Sozialistischen Parteien begannen unter den Wehrpflichtigen und Soldaten antimilitaristische Agitation zu betreiben. Sie veröffentlichten Berichte über die Schikanen der Offiziere und Sozialistische Soldaten schlossen sich zu eigenen Bünden zusammen.</p>



<p>Doch der reformistische Flügel in der SPD wollte den Kampf gegen den bürgerlichen Staat nicht aufnehmen. Sie „vergaßen“ die marxistische Lehre vom Staat – nämlich, dass dieser nicht neutral, sondern ein Werkzeug der herrschenden Klasse ist, das zerschlagen werden muss. Deswegen verdrehten sie Engels Worte und behaupteten, Volksheer und Volksbewaffnung seien durch die allgemeine Wehrpflicht schon verwirklicht… in Form der kaiserlichen, deutschen Armee! Damit machten sie sich zum pseudosozialistischen Feigenblatt des deutschen Militarismus.</p>



<p>Während Engels weiter für die Ersetzung des stehenden Heeres durch die Volksmiliz eingetreten war, hatte er gleichzeitig erklärt, dass der Militarismus durch die Ausbildung immer größerer Teile der Massen an der Waffe letztlich die Revolution vorbereitete. In dem Moment, wo sie ein revolutionäres Bewusstsein entwickelten, würden sie ihre Waffen gegen die Herrschenden richten. Das bewahrheitete sich später in der Russischen Revolution 1917 und der Deutschen Revolution 1918.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Lenin und der Erste Weltkrieg</strong></p>



<p>Zu Beginn des Ersten Weltkriegs 1914, zeigte sich der völlig reformistische Charakter der SPD-Führung: Die SPD-Fraktion stimmte im Reichstag geschlossen für die Kriegskredite der kaiserlichen Regierung, die den Krieg ermöglichten. Dieser historische Verrat war nur die logische Konsequenz des falschen Staatsverständnisses der Reformisten: Mit dem bürgerlichen Staat akzeptierten sie auch dessen imperialistische Kriegsanstrengungen.</p>



<p>Die russische Sozialdemokratie, sowie Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und andere, blieben dem revolutionären Marxismus treu. Lenin erklärte, dass der Hauptfeind jeder Arbeiterklasse der imperialistischen Länder ihre eigene nationale Kapitalistenklasse und ihre eigene Regierung ist. Die Arbeiter dürfen sich nicht auf die Logik der Landesverteidigung im Interesse der Bourgeoisie einlassen.</p>



<p>Doch Lenin wandte sich ebenfalls scharf gegen die Pazifisten, die sich darauf beschränkten, abstrakt ein „Ende aller Kriege“ und „Entwaffnung“ zu fordern. Denn er erklärte, dass der imperialistische Krieg erst dann ende, wenn die Kapitalisten durch die Arbeiter gestürzt werden. Da die Kapitalisten sich aber nicht kampflos ergeben werden, muss das Proletariat sich selbst <em>be</em>waffnen, um die Bourgeoisie zu <em>ent</em>waffnen. Erst dann kann das Proletariat <em>„die Waffen zum alten Eisen werfen.“ </em>Im Kampf gegen die Opportunisten forderte Lenin, den imperialistischen Krieg in den Klassenkrieg zu verwandeln!</p>



<p>Zu diesem Zweck forderte Lenin die Arbeitermiliz. 1916 forderte er: <em>„Wahl der Offiziere durch die Mannschaften, Abschaffung jeder Militärjustiz, Gleich­stellung der ausländischen Arbeiter mit den einheimischen [&#8230;], das Recht jeder, sagen wir, hundert Einwohner des Staates, freiwillige Vereine für Militärübung mit freier Wahl der Instruktoren, Entschädigung derselben auf Staatskosten zu formieren usw. Nur so könnte das Proletariat alles Militärische wirklich für sich und nicht für seine Sklavenhalter erlernen, was absolut in sei­nem Interesse liegt.“</em></p>



<p>Nach drei Jahren des blutigen Schlachtens kippte die Stimmung der Massen. Der Weltkrieg brachte die Revolution hervor. In der Russischen Revolution von 1917 liefen die einfachen Soldaten der russischen Armee auf die Seite der revolutionären Massen über. Sie setzten ihre Offiziere ab und wählten eigene Soldatenräte. Die Arbeiter bildeten in den Betrieben und Stadtteilen Milizen nach dem Vorbild der Pariser Kommune. Und in den Provinzen enteigneten die Milizen der Landarbeiter die Großgrundbesitzer noch vor dem Oktober. Während die Bolschewiki diese Initiativen aktiv unterstützten und koordinierten, versuchten die Reformisten und Pazifisten, die Arbeiter davon abzuhalten, gegen die Herrschenden zu kämpfen. So konnten die Arbeiter und Bauern in der Oktoberrevolution die Macht erobern und endlich den Ersten Weltkrieg beenden.</p>



<p>Auch in der deutschen Revolution ab 1918 stürzten die Kieler Matrosen ihre Offiziere und die Arbeiter bildeten Milizen, wie z.B. die Rote Ruhrarmee, die 1920 den konterrevolutionären Kapp-Putsch verhinderte und drei Wochen lang das Ruhrgebiet kontrollierte, oder die Proletarischen Hundertschaften.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Kampf gegen den Staat</strong></p>



<p>Die Reformisten appellieren im Kampf gegen die Wehrpflicht an den bürgerlichen Staat. Aber der bürgerliche Staat kann nie Mittel der Bekämpfung des Militarismus sein, denn er ist das Mittel der herrschenden Klasse zur Umsetzung des Militarismus. Der Militarismus wird durch Klassenkampf besiegt.</p>



<p>Die Bundeswehr ist die Armee der Reichen. Sie ist durch tausend Fäden mit den Kapitalisten verbunden und so strukturiert, dass sie ihren Interessen dient. Deswegen muss die Arbeiterklasse für ihre Auflösung kämpfen. Stattdessen braucht es die allgemeine Volksbewaffnung unter demokratischer Kontrolle der Massenorganisationen der Arbeiterklasse in Form der Arbeitermiliz.</p>



<p>Das Offizierskorps sichert der Kapitalistenklasse die Kontrolle über die Armee. Deswegen kämpfen wir für seine Auflösung, inklusive seiner Offiziersschulen und -verbände.</p>



<p>Solange das stehende Heer noch existiert, muss die Arbeiterbewegung die einfachen Soldaten als Teil von sich organisieren und für ihre Rechte kämpfen: Wahl der Offiziere, Abschaffung der Militärjustiz, Aushandlung der Besoldung und Dienstbedingungen durch die gewerkschaftliche Organisation der Soldaten oder Soldatenkomitees.</p>



<p>Entscheidungen über Krieg und Frieden dürfen wir nicht einer kleinen Elite von Kapitalisten, Politikern und Generälen überlassen. Deswegen kämpfen wir für die Zerschlagung des bürgerlichen Staates und seine Ersetzung durch einen Arbeiterstaat wie in der Pariser Kommune, in welchem die Mehrheit regiert. Indem so ein Arbeiterstaat die Kapitalisten enteignet, macht er den Weg frei für die klassenlose Gesellschaft, in der alle Staaten absterben werden: den Kommunismus.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Leseliste:</strong></p>



<ul class="wp-block-list">
<li>Lenin: Staat und Revolution (1917)</li>



<li>Marx: Der Bürgerkrieg in Frankreich (1871)</li>



<li>Lenin: Über die Losung der Entwaffnung (1916)</li>



<li>Engels: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats (1884)</li>
</ul>
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			</item>
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		<title>Die Übergangsmethode: Wie Kommunisten den Sozialismus mehrheitsfähig machen</title>
		<link>https://derkommunist.de/die-uebergangsmethode-wie-kommunisten-den-sozialismus-mehrheitsfaehig-machen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Franz Rieger]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 06 Nov 2025 13:51:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Was sind Übergangsforderungen? Wie erobern Kommunisten die Massen?]]></category>
		<category><![CDATA[Welche Rolle spielen reformistische Parteien und Gewerkschaften im Klassenkampf?]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://derkommunist.de/?p=6255</guid>

					<description><![CDATA[<p>Das Übergangsprogramm von Leo Trotzki (eigentlich „Der Todeskampf des Kapitalismus und die Aufgaben der Vierten Internationale“) gehört zu den Klassikern marxistischer Theorie und sollte von jedem Kommunisten studiert werden. Trotzki [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p>Das Übergangsprogramm von Leo Trotzki (eigentlich „Der Todeskampf des Kapitalismus und die Aufgaben der Vierten Internationale“) gehört zu den Klassikern marxistischer Theorie und sollte von jedem Kommunisten studiert werden.</p>



<p>Trotzki schrieb diesen Text 1938 als Gründungsdokument der Vierten Internationale. Aber die Übergangsmethode, die er darin entwickelt, ist keineswegs seine Erfindung, sondern gehörte schon immer zum Marxismus.</p>



<p>Der Kern der Übergangsmethode ist, eine Brücke zu schlagen zwischen dem fertigen Programm für die sozialistische Revolution einerseits und dem konkreten, unfertigen, sich entwickelnden Bewusstsein der Arbeiterklasse andererseits.</p>



<p><strong>Der Charakter der Epoche</strong></p>



<p>Trotzki erklärte einmal, dass ein Programm mehr ist als eine bloße Liste an Forderungen: Es ist das gemeinsame Verständnis der Situation und der Aufgaben, die daraus fließen und stellt damit den Zusammenhalt der revolutionären Partei dar. Deswegen beginnt Trotzkis Übergangsprogramm mit einer prägnanten Charakterisierung der Epoche, in der es geschrieben wurde.</p>



<p>Der Kapitalismus befand sich in den 1930ern in einer organischen Krise. D.h. es handelte sich nicht um eine vorübergehende, konjunkturelle Krise, sondern um eine chronisch gewordene Krise des ganzen Systems, bei der die erwarteten Erholungen ausblieben.</p>



<p>Der Kapitalismus als Produktionsweise war völlig unfähig geworden, die Produktivkräfte und damit die Gesellschaft weiterzuentwickeln. Fabrikschließungen, fallender Lebensstandard, Arbeitslosigkeit und Kriegsgefahr machten sich breit. Auf Grundlage des Kapitalismus konnte keines dieser Probleme gelöst werden. Dafür brauchte es einen Bruch mit dem Privateigentum an den Produktionsmitteln und die sozialistische Planung der Wirtschaft.</p>



<p>Doch dieser Weg kam für die herrschende Klasse und ihre Politiker natürlich nicht in Frage. Sie unternahmen verzweifelt abenteuerliche politische Maßnahmen wie den „New Deal“ von US-Präsident Roosevelt. Das war ein Versuch, die Probleme des Kapitalismus durch eine massive Ausweitung der Verschuldung zu lösen, was jedoch nicht funktionierte. In Europa übertrug das Kapital die politische Macht zunehmend faschistischen Diktaturen. All das kennzeichnete die Unfähigkeit der Bourgeoisie ihre Herrschaft auf die gewohnte stabile Weise fortzuführen.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Notwendigkeit der Revolution</strong></p>



<p>Trotzki erklärte, dass das ein Zeichen dafür war, dass die Bedingungen für den Sozialismus längst reif waren. Sie waren sogar überreif und begannen schon zu „verfaulen“, wie er sagte.</p>



<p>Da die Bourgeoisie unfähig war die Gesellschaft aus dieser Sackgasse zu führen, hing alles von der Arbeiterklasse ab. Ihre objektive Aufgabe war die Macht zu übernehmen, den Kapitalismus zu stürzen und den Sozialismus einzuführen.</p>



<p>Die Arbeiterklasse hatte auf der ganzen Welt gezeigt, dass sie bereit war zu kämpfen. Angefangen mit der internationalen revolutionären Welle ab 1917. Später mit der chinesischen Revolution 1925-27, der spanischen 1931-39, der Massenbewegung in Frankreich um 1936 und dem Erblühen einer sehr kämpferischen Gewerkschaftsbewegung in den USA, die 1935 zur Gründung der Gewerkschaftsföderation CIO führte.</p>



<p>Aber die Führer der sozialdemokratischen und stalinistischen Massenorganisationen der Arbeiterklasse (II. und III. Internationale) bremsten diese Bewegung der Arbeiter voll aus. Beide hatten auf ihre Weise ein Bündnis mit der Bourgeoisie geschlossen und führten revolutionäre Bewegungen in Niederlagen. Trotzki erklärte daher: „Die geschichtliche Krise der Menschheit läuft auf eine Krise der revolutionären Führung hinaus.“ Deswegen gründete er 1938 die IV. Internationale.</p>



<p>Die Aufgabe der Vierten Internationale bestand darin, wie Trotzki erklärte, die Lücke zwischen der Reife der objektiven Situation einerseits und der Unreife des Bewusstseins der Arbeiterklasse und besonders seiner Führung zu schließen, und zwar mit Hilfe des Übergangsprogramms.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Reformistisches Programm</strong></p>



<p>Trotzki erklärte, dass die alte Sozialdemokratie vor dem Ersten Weltkrieg ihr Programm in zwei voneinander getrennte Teile aufspaltete: Das Minimalprogramm mit konkreten, unmittelbaren Verbesserungen im Kapitalismus (z.B. Lohnerhöhungen) und dem Maximalprogramm, der Einführung des Sozialismus. Zwischen beiden Teilen des Programms bestand keine Brücke.</p>



<p>Einerseits der kurzsichtige Klassenkampf um Reformen im Hier und Jetzt, andererseits Revolution und Sozialismus im fernen Himmelreich der Ideen. So verschob der Reformismus die sozialistische Revolution auf den Sankt-Nimmerleinstag.</p>



<p>Die reformistischen Führer zeigten nicht auf, dass der Kampf für alltägliche Verbesserungen für die Arbeiter zwangsläufig an die Grenzen des Kapitalismus stößt und deshalb die sozialistische Revolution die notwendige und logische Fortsetzung der vereinzelten Kämpfe der Arbeiterklasse ist. Indem sie beides voneinander trennten, schufen sie den Ausgangspunkt für die reformistische Degeneration der sozialdemokratischen Parteien und für ihren Verrat in der revolutionären Welle, die den Ersten Weltkrieg beendete.</p>



<p>Die Grundlage für das Entstehen dieser Idee eines ewigen sozialen Fortschritts innerhalb des Kapitalismus bildete der historische Wirtschaftsaufschwung in Deutschland von 1871 bis 1900. In dieser Zeit konnte die Sozialdemokratie einige Forderungen des Minimalprogramms durchsetzen. Denn die Profite sprudelten und so konnten die Kapitalisten den Arbeitern ein paar Brotkrumen abgeben.</p>



<p>Aber in der neuen Epoche der organischen Krise des Kapitalismus, die auf den Ersten Weltkrieg folgte, war das nicht mehr in diesem Maße möglich. Die Profite der Kapitalisten sanken und die Konkurrenz der imperialistischen Staaten auf der Weltbühne spitze sich immer weiter zu. Die Grenzen der kapitalistischen Entwicklung waren erreicht, die konkret im Privateigentum an den Produktionsmitteln und den Grenzen des Nationalstaats bestehen. Der Kampf des Proletariats um die Erhaltung der bisherigen Lebensbedingungen wurde so zum offenen Kampf gegen den Kapitalismus.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Illusionen in den Kapitalismus</strong></p>



<p>Übergangsforderungen tragen genau dieser Einsicht Rechnung. Sie haben nicht den Zweck, spezielle kommunistische Forderungen der Arbeiterklasse überzustülpen. Gerade in der Krise stellen Arbeiter sehr intuitiv Forderungen entlang ihrer konkreten Probleme auf. Das kann beispielsweise ein zu geringer Lohn, eine drohende Werksschließung oder auf politischer Ebene die Opposition gegen die Einschränkung demokratischer Rechte sein.</p>



<p>Gleichzeitig wirken in der Arbeiterklasse verschiedene Illusionen in die bürgerliche Demokratie, die Nation, den Kapitalismus oder die reformistischen Arbeiterführer. All diese Illusionen halten die Arbeiterklasse schlussendlich passiv und gespalten. Sie vertrauen auf ihre Vertreter oder die herrschenden Institutionen und lassen sich gegen ihre Klassenbrüder aufhetzen. So ist die Durchsetzung jeder ihrer Forderungen zum Scheitern verurteilt.</p>



<p>Deshalb müssen Übergangsforderungen auf die Auflösung dieser Illusionen abzielen. Hierfür müssen sie nicht besonders revolutionär klingen. Die Bolschewiki nutzen beispielsweise die Losung „Brot, Land, Frieden“, um die Arbeiter 1917 in Russland zu überzeugen. Eine Übergangsforderung für sich stehend kann oft genauso gut eine Minimalforderung sein. Die entscheidende Frage ist, mit welchen weiterführenden Erklärungen und Forderungen diese verbunden wird.</p>



<p>Reformisten kennen vor allem zwei Vorgehensweisen. Auch sie gehen von unmittelbaren populären Forderungen aus, kommen dann aber immer wieder zu einem von zwei Schlüssen. Entweder sei die Forderung schlicht unrealistisch und könne nicht umgesetzt werden oder die Arbeiter sollten sich nur ruhig auf ihre Vertreter verlassen, die für sie ihre Forderungen im Parlament oder der Verhandlung mit den Kapitalisten umsetzen würden.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Übergangsmethode</strong></p>



<p>Kommunisten hingegen betonen, dass die Arbeiter selbst eingreifen müssen und sich bei der Durchsetzung ihrer Forderungen nur auf die eigene Kraft verlassen können. Das wiederum macht den Wesenskern einer Übergangsforderung aus, nicht dass sie einen besonders revolutionär wirkenden Inhalt besitzt, sondern den Arbeitern praktisch und ideologisch hilft, selbst revolutionäre Schlussfolgerungen zu ziehen.</p>



<p>Das wiederum führt die Arbeiterklasse selbst zum Inhalt der sozialistischen Revolution, indem sie sich Einsicht in die Geschäftsbücher der Kapitalisten verschaffen, Räte und Komitees zur Kontrolle der Wirtschaft und Politik gründen, sich zur Selbstverteidigung bewaffnen und schließlich die Macht übernehmen. All das stets getrieben von dem Willen, in konkreten Fragen Verbesserungen zu erreichen und der Erkenntnis diese nur selbst durchsetzen zu können.</p>



<p>Welche Forderung aufgestellt oder aufgegriffen werden sollte, hängt immer von der konkreten Situation ab. Ein und dieselbe Forderung kann an einem Zeitpunkt richtig und fortschrittlich sein, zu einem anderen Zeitpunkt falsch und reaktionär. Eine Forderung ist dann richtig, wenn sie hilft, das Bewusstsein der Arbeiter auf die nächste notwendige Stufe zu heben.</p>



<p>Hierfür ein Beispiel: In den 1930ern begann sich die Gefahr eines neuen Krieges abzuzeichnen. Die Regierungen rüsteten auf. Die Bourgeoisie in Großbritannien, Frankreich und den USA begründete das mit der Gefahr einer Invasion Nazi-Deutschlands. So sollte die Arbeiterklasse im kommenden Krieg auf diese Seite ihrer nationalen Bourgeoisie gezogen werden.</p>



<p>Trotzki erklärte, dass die „Verteidigung des Vaterlands“ für die Arbeiter und Kleinbauern etwas völlig anderes heißt als für die Kapitalisten. Die Kapitalisten verstehen darunter die Verteidigung ihrer Profite in fernen Ländern, die Arbeiter und Kleinbauern verstehen darunter die Verteidigung ihrer Familie und ihres Zuhauses.</p>



<p>Ein Sieg der Nazis hätte die Zerschlagung der britischen oder amerikanischen Arbeiterbewegung bedeutet. Der Wille, aus proletarischen Klasseninteressen gegen den Faschismus zu kämpfen, ist das progressive Element in diesem Bewusstsein. Die Idee, man müsse dazu zusammen mit den Kapitalisten das Vaterland verteidigen, das reaktionäre.</p>



<p>In dieser Situation zu den Arbeitern zu sagen „Der Hauptfeind steht im eigenen Land! Die Niederlage der eigenen Bourgeoisie ist das geringere Übel! Brecht mit eurer Regierung und sabotiert die Kriegsanstrengungen! Stürzt sie lieber und übernehmt die Macht!“ wäre falsch, denn die Arbeiter würden das nicht verstehen. Sollen sie sich von Hitlers Horden überrennen lassen?</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Unabhängigkeit vom Kapital</strong></p>



<p>Nach dem Ausbruch des Krieges stellte Trotzki die Frage deshalb anders: Auch wir sehen, dass die Arbeiter sich gegen Nazi-Deutschland verteidigen müssen. Aber können wir wirklich den Kapitalisten und der bürgerlichen Regierung der USA und Großbritanniens vertrauen, diesen Abwehrkampf im Interesse der Arbeiter erfolgreich und konsequent zu führen?</p>



<p>Nein! Deswegen fordern wir die militärische Ausbildung und Bewaffnung der Arbeiter und Bauern unter unmittelbarer Kontrolle der Arbeiter- und Bauernräte! Schaffung von Militärschulen für die Ausbildung von Arbeitern zu Offizieren unter der Kontrolle der Arbeiterorganisationen. Sturz der bürgerlichen Regierung, da eine Arbeiterregierung diesen Krieg besser führen kann.</p>



<p>Auch so kommen die Arbeiter zum Schluss: Wir müssen die Macht selber übernehmen und unsere imperialistische Regierung stürzen, statt für ihre imperialistischen Interessen zu kämpfen. Und zwar weil die Forderungen von dem unmittelbaren Bewusstsein ausgingen, den Faschismus zu bekämpfen.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Schule der Revolution</strong></p>



<p>Indem die Arbeiter in der Praxis für Übergangsforderungen kämpfen, machen sie Erfahrungen, aus denen sie gewisse Lehren ziehen. So hatten nach der Februarrevolution 1917 in Russland die reformistischen Menschewiki und Sozialrevolutionäre die Mehrheit in den Arbeiterräten (Sowjets). Die reformistische Mehrheit in den Sowjets stützte die kapitalistische Übergangsregierung. Die Massen vertrauten ihnen noch, denn sie hatten noch nicht den Unterschied zwischen reformistischen „Sozialisten“ und revolutionären Sozialisten begriffen.</p>



<p>Die Bolschewiki hätten einfach sagen können: „Arbeiter traut nicht diesen Verrätern!“ Aber das hätte die Massen nicht überzeugt. Denn sie mussten erst in der Praxis für sich selbst lernen, dass die Reformisten Verräter sind. Deswegen sagten die Bolschewiki: „Menschewiki und Sozialrevolutionäre, ihr habt die Mehrheit in den Sowjets und ihr nennt euch Sozialisten. Wir fordern euch auf: Brecht mit den Kapitalisten und ihrer Regierung und übernehmt die Macht im Namen der Arbeiterklasse! In diesem Falle beschränken wir uns auf eine friedliche Diskussion in den Sowjets.“</p>



<p>Diese Forderung fand Unterstützung bei den breiten Massen, die zwar die Kapitalisten hassten, aber noch Illusionen in die Menschewiki und Sozialrevolutionäre hatten und sie begannen, diese Forderung aufzugreifen. In den nächsten Monaten machten die russischen Massen in der Praxis die Erfahrung, dass die Reformisten unter keinen Umständen bereit waren, mit den Kapitalisten zu brechen. Und ab September begannen die Bolschewiki in immer mehr Sowjets Mehrheiten zu gewinnen. So wurde der Weg für die Oktoberrevolution bereitet.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Eine Ausnahmesituation</strong></p>



<p>Durch einige besondere historische Umstände kam es nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem langen wirtschaftlichen Aufschwung des Kapitalismus, etwa von Anfang der 1950er bis Anfang der 1970er Jahre. In dieser Zeit konnten wieder gewisse Reformen erkämpft werden, denn die Profite sprudelten. Doch die inneren Widersprüche des Kapitalismus brachten ab Mitte der 1970er Jahre wieder eine tiefe Krise hervor.</p>



<p>Nur der Fall der Sowjetunion und die Öffnung Chinas verschafften dem Kapitalismus eine gewisse Atempause, da dem weltweiten Kapitalismus nun neue Absatzmärkte und Investitionsmöglichkeiten zur Verfügung standen. Doch diese Atempause endete 2008 mit der Weltwirtschaftskrise. Seitdem ist die organische Krise des Kapitalismus auf der ganzen Welt wieder offen zu Tage getreten. Aus ihr gibt es im Kapitalismus ohne weiteres keinen Ausweg.</p>



<p>Sie ist wieder eine Krise der gesamten kapitalistischen Gesellschaft. Ab den 1980er Jahren gab es statt sozialer Reformen nur Kürzungs- und Austeritätspolitik. Die reformistischen Massenorganisationen können kaum noch Reformen erkämpfen und setzen im Gegenteil Angriffe auf den Lebensstandard der Massen mit um. Wir sehen heute einen Reformismus ohne Reformen.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Eine fundamentale Krise</strong></p>



<p>Der Kapitalismus kann auch heute keines der großen gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit lösen: Klimawandel, Krieg, Deindustrialisierung, Armut, Wohnungsproblem, Gleichberechtigung der Geschlechter etc. Die Lösung all dieser Probleme scheitert am grundlegenden Widerspruch des Kapitalismus: am Profitstreben. Wir haben genügend Industrie und Technologie, um all diese Probleme zu lösen. Nur das Privateigentum an Produktionsmitteln und die Nationalstaaten hindern uns daran, sie dafür einzusetzen. Der <a href="https://derkommunist.de/thesen-der-imt-zur-klimakrise/">Klimawandel </a>ist ein gutes Beispiel dafür.</p>



<p>Auch heute führt jeder Versuch der Massen, gegen diese ihr Leben unmittelbar betreffenden Probleme zu kämpfen, direkt an die Grenze des kapitalistischen Systems und zur Notwendigkeit der Machtübernahme durch die Arbeiterklasse. Wie soll beispielsweise der Klimawandel anders gestoppt werden als durch eine internationale Planwirtschaft?</p>



<p>Die Arbeiterklasse beginnt sich bereits zu radikalisieren und will gegen diese unmittelbaren Probleme kämpfen. Das Vertrauen in bürgerliche Institutionen wie Parteien, Parlamente, Mainstream-Medien oder die Kirchen sinkt.</p>



<p>Die Welle der Kürzungspolitik nach der Krise von 2008 brachte gewaltige Massenbewegungen hervor: In Griechenland allein fanden 10 Generalstreiks statt. Millionen Arbeiter unterstützten linksreformistische Führer und Parteien, die eine Zeit lang eine kämpferische Rhetorik an den Tag legten, und gingen für sie auf die Straße.</p>



<p>Auch in den imperialistisch unterdrückten Ländern standen die Massen auf und bewiesen ihre Kampfbereitschaft, z.B. im arabischen Frühling ab 2011. Dort stürzten die ägyptischen Massen mehrere Präsidenten hintereinander.</p>



<p>Allein im Jahr 2019 kam zu potentiell revolutionären Massenbewegungen in Hongkong, dem Libanon, dem Sudan, Chile, Ecuador, Kolumbien und in Frankreich marschierten die Gelbwesten.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Sackgasse Reformismus</strong></p>



<p>Doch all diese Bewegungen wurden letztlich von ihrer politischen Führung in Niederlagen geführt. Die Bewegungen in den unterdrückten Ländern wurden oft von Liberalen und Demokraten angeführt, die den Kapitalismus nicht antasteten. Und die linksreformistischen Führer in Europa und Nordamerika standen ebenfalls fest auf dem Boden des Kapitalismus.</p>



<p>Tsipras in Griechenland hätte mit dem Kapitalismus brechen können, als 61% in einem Volksbegehrens 2016 gegen die von der EU diktierten Sparmaßnahmen stimmten und er gleichzeitig Premierminister war. Er hätte die Banken und Großkonzerne enteignen können und die Massen mobilisieren können, um die Gegenwehr der Kapitalisten zurückzuschlagen. Das wäre ein Beispiel für die Massen in ganz Europa gewesen. Doch der politische Horizont der Reformisten reicht nicht über den Kapitalismus hinaus. Und so mussten sie verraten und die Sparmaßnahmen umsetzen.</p>



<p>Der Verrat der Linksreformisten führte auch zur Stärkung der rechten Demagogen, weil sie nun scheinbar als einzige radikale Opposition zu den etablierten Parteien übrigblieben. Das zeigt der Erfolg Trumps in den USA, nachdem Bernie Sanders 2016 dazu aufgerufen hatte, die Kandidaten des Großkapitals, Hillary Clinton, zu unterstützen.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Zeit für eine neue Führung</strong></p>



<p>Trotzkis Worte von 1938 waren noch nie so aktuell wie heute: „Die historische Krise der Menschheit läuft hinaus auf die Krise der revolutionären Führung des Proletariats.“ Deswegen bauen wir die RKI auf, als eine Kraft, die in der Zukunft die reformistischen Führer an der Spitze der Arbeiterbewegung durch echte Revolutionäre ersetzen kann.</p>



<p>Auch heute stützen wir uns vor allem auf die Jugend! Die ältere Generation des Proletariats hat in den letzten 50 Jahren viele Niederlagen miterlebt. Viele sind zwar sehr wütend auf die bestehenden Zustände gleichzeitig aber auch auf eine gewisse Art resigniert. Vor allem halten die reformistischen Führer der DGB-Gewerkschaften und der SPD sie passiv.</p>



<p>Die Führer dieser Organisationen haben die Arbeiterklasse in den letzten 40 Jahren in eine kampflose Niederlage nach der anderen geführt: Zerstörung der DDR-Volkswirtschaft durch die Treuhand nach der Wende, Schröders Agenda 2010, Deindustrialisierung im Ruhrgebiet, Aufbau eines gigantischen Niedriglohnsektors etc. Damit haben sie viele demoralisiert und das Vertrauen der Arbeiterklasse in ihre eigene Kraft untergraben.</p>



<p>Die heutige Jugend hingegen hat diese Niederlagen nicht miterlebt. Sie kennt seit sie denken kann nichts als die Krise! Sie gruseln sich mehr vor dem realexistierenden Kapitalismus mit all seinen alltäglichen Schrecken als vor den Gruselmärchen vom Kommunismus. Im Gegenteil: Ein wachsender Teil sucht nach den Ideen des Kommunismus! Noch mehr wollen endlich für Palästina, gegen den Klimawandel, gegen Kriege und die Herrschaft der Milliardäre kämpfen! Sie suchen nach einem Weg wie das geht. Diesen Weg zeigt ihnen unter anderem Trotzkis Übergangsprogramm auf.</p>



<p>Aus historischen Gründen blieben die wirklichen Marxisten nach dem Zweiten Weltkrieg eine kleine, isolierte Strömung, die gegen den Strom schwamm. Heute beginnt sich das Blatt zu wenden. Stalinistische Massenparteien gibt es kaum noch und der Reformismus diskreditiert sich immer mehr, weil er in der kapitalistischen Krise keine Reformen erkämpfen kann.</p>



<p>Die erste und wichtigste Aufgabe der revolutionären Kommunisten heute ist die Bewahrung und das Studium der unverfälschten Ideen des Marxismus und seiner Methode. Aber um die Avantgarde der Jugend und der Arbeiterklasse zu gewinnen, die danach die Massen gewinnen werden, braucht sie auch heute noch die Übergangsmethode.</p>
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]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Die Degeneration und der Zusammenbruch der Vierten Internationale</title>
		<link>https://derkommunist.de/die-degeneration-und-der-zusammenbruch-der-vierten-internationale/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Revolutionaere Kommunistische Internationale]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 13 Oct 2025 18:33:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Global]]></category>
		<category><![CDATA[RKI]]></category>
		<category><![CDATA[RKP]]></category>
		<category><![CDATA[Vierte Internationale]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://derkommunist.de/?p=6094</guid>

					<description><![CDATA[<p>Welches Erbe verteidigen wir? „Unsere erste, wichtigste Aufgabe ist, zu lernen, die Vergangenheit nicht zu vergessen, um die Zukunft vorhersehen zu können.“ (A Wretched Document, 27 July 1929, Writings of [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p style="font-size:22px"><strong>Welches Erbe verteidigen wir?</strong></p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Unsere erste, wichtigste Aufgabe ist, zu lernen, die Vergangenheit nicht zu vergessen, um die Zukunft vorhersehen zu können.“ (<em>A Wretched Document</em>, 27 July 1929, <em>Writings of Leon Trotsky</em>, Vol 1, 1929, New York 1975, p. 198-212)</p>



<p>„Ein Hauptgrundsatz der Dialektik lautet: Eine abstrakte Wahrheit gibt es nicht, die Wahrheit ist immer konkret.“ (Lenin: <em>Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück. </em>Mai 1904. LW 7, S. 417)</p>
</blockquote>



<p>Dieses Dokument behandelt die Degeneration und den Zusammenbruch der Vierten Internationale, die Trotzki 1938 gründete. Es verteidigt außerdem die genuinen, unverfälschten Ideen und Methoden des Trotzkismus. Das mag zunächst nur historisch interessant erscheinen. So ist es aber nicht.</p>



<p>Diese Entwicklungen sind tatsächlich auch heute noch äußerst lehrreich für uns. Vor allem geben sie uns ein tieferes Verständnis und eine bessere Einschätzung davon, wer wir sind und welche zentrale Rolle unser Genosse Ted Grant in der Verteidigung dieser genuinen Traditionen spielte.</p>



<p>Die Frage der Degeneration der Vierten Internationale wurde schon mehrmals und an verschiedenen Stellen behandelt, nicht zuletzt im Text <em>Das Programm der Internationale, </em>den Ted Grant 1970 verfasste. Früher war diese Geschichte zentral in der Ausbildung unserer Kader.</p>



<p>Doch das rasche Wachstum unserer Internationale in der letzten Zeit macht es notwendig, insbesondere den neueren Genossen unsere Geschichte und Tradition in Erinnerung zu rufen.</p>



<p>Die Vierte Internationale wurde zerstört, aber das Programm und die Methoden, über die sie unter der Führung Trotzkis verfügte, bleiben lebendig und sind in unserer Internationale, der RKI, verkörpert. Das ist keine leere Prahlerei. Man kann es nachweisen, und wir werden es anhand der theoretischen Beiträge und Dokumente unserer Strömung aus den vergangenen achtzig Jahren aufzeigen.</p>



<p>Wir müssen unser Erbe verteidigen und die historische Verantwortung wahrnehmen, die Dinge richtigzustellen. Das ist insbesondere deshalb wichtig, weil die Sekten zahlreiche Verzerrungen und direkte Lügen in Umlauf gebracht haben, um ihre eigenen Verbrechen und Fehler zu vertuschen.</p>



<p>Das bedeutet vor allem, die unersetzliche Rolle zu benennen, die Ted Grant in dieser Zeit gespielt hat, indem er die genuinen Ideen und Methoden des Trotzkismus verteidigte.</p>



<p>Er setzte die Arbeit Trotzkis unter den schwierigsten Bedingungen fort. Nur seiner unermüdlichen Arbeit verdanken wir unsere Existenz. Nur das allein gibt uns unser Existenzrecht und unseren Anspruch, die genuinen Traditionen des revolutionären Trotzkismus zu vertreten.</p>



<p>Unsere Strömung entstand im Kampf zur Verteidigung der marxistischen Ideen gegen die schädlichen Ideen des Stalinismus und Reformismus, aber auch gegen die revisionistischen Ideen der sogenannten Führer der Vierten Internationale: Leute wie Cannon, Pablo, Mandel, Frank, Healy, Maitan, Lambert und ihre Unterstützer, die damals und in späteren Jahren einen ultralinken oder opportunistischen Fehler nach dem anderen machten. Diese Fehler ergaben sich vor allem aus einer grundlegend falschen Methode.</p>



<p>Um diese Behauptung zweifelsfrei zu belegen, müssen wir Dokumente aus der Vergangenheit zitieren. Das mag einige Schwierigkeiten beim Lesen mit sich bringen, aber die historische Genauigkeit ist wichtiger als der Lesefluss oder der Schreibstil.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Schwierige Bedingungen</strong></p>



<p>Als Trotzki nach dem Anschlag eines stalinistischen Auftragsmörders im Sterben lag, waren seine letzten Worte: „Sagt den Genossen, dass ich überzeugt vom Sieg der Vierten Internationale bin. Geht vorwärts!“</p>



<p>Doch in den folgenden Jahren wurde klar, dass die Menschen, mit denen Trotzki zu arbeiten hatte, den großen Aufgaben der Geschichte nicht gerecht werden konnten.</p>



<p>Wir müssen dennoch die Gründe aufzeigen, aus denen die trotzkistische Bewegung von Anfang an von ständigen inneren Erschütterungen, Krisen und Spaltungen geprägt war.</p>



<p>Von Beginn an befand sich die Linke Opposition sowohl in Russland als auch international in einer äußerst schwierigen Lage. Sie war zahlenmäßig schwach, und ihre Reihen setzten sich zwangsläufig aus ganz unterschiedlichen Elementen zusammen, die zwar in ihrer Gegnerschaft zu Stalin und der Bürokratie vereint waren, darüber hinaus aber nicht notwendigerweise etwas gemeinsam hatten.</p>



<p>Es fällt schwer, in der Geschichte eine Bewegung zu finden, die ein derart extremes Maß an Verfolgung erleiden musste. Die von Sinowjew und Kamenew geführte Fraktion spaltete sich bald ab und kapitulierte schmählich vor Stalin. Damit erzeugten sie in den Reihen der Opposition große Verwirrung und Demoralisierung.</p>



<p>Nicht wenige Unterstützer der Linken Opposition gaben dem unerträglichen Druck nach und folgten Sinowjew, Kamenew und Radek, indem sie vor Stalin kapitulierten. Die meisten, wenn nicht alle, wurden später physisch liquidiert.</p>



<p>In den kleinen oppositionellen Gruppen in den Kommunistischen Parteien des Auslandes gab es ähnliche Schwierigkeiten. Viele Anhänger Trotzkis waren mutige und ehrliche Revolutionäre, aber andere gehörten offen gesagt nicht zu den Besten.</p>



<p>Die jahrelangen Niederlagen und der Sieg des Stalinismus in Russland belasteten sie und erzeugten eine allgemeine Stimmung der Depression und Desorientierung.</p>



<p>Es kostete Trotzki übermenschliche Anstrengungen, eine feste politische Grundlage für die neue Organisation zu legen, die aus dem Wrack der Kommunistischen Internationale hervorgehen sollte.</p>



<p>Die Opposition zog viele Personen an, die mit dem Trotzkismus nichts am Hut hatten: Sinowjewisten, Anarchisten, Ultralinke, auch prinzipienlose Abenteurer wie Raymond Molinier in Frankreich und eine beträchtliche Anzahl unterschiedlichster Außenseiter und Sonderlinge, die eine politische Heimat suchten.</p>



<p>Wir sprechen hier natürlich hauptsächlich von jungen, unerfahrenen und politisch naiven Schichten, meist mit studentischem oder kleinbürgerlichem Hintergrund. Sie brachten viele verwirrte und klassenfremde Ideen mit.</p>



<p>Selbst in der amerikanischen SWP (Socialist Workers Party) gab es Menschen wie etwa James Burnham, der nie wirklich Trotzkist und in gewisser Hinsicht nicht einmal Marxist war, wie seine spätere Ablehnung des dialektischen Materialismus bewies.</p>



<p>Aber Trotzki konnte sich die Menschen nicht aussuchen, mit denen er arbeiten musste. 1935 unterhielt er sich mit einem linken Mitglied der sozialistischen Jugend in Frankreich namens Fred Zeller. Im Verlauf des Gesprächs übte Zeller harte Kritik an den französischen Trotzkisten.</p>



<p>Trotzki versuchte nicht, die Mitglieder der französischen Sektion in Schutz zu nehmen. Er antwortete schlicht: „Man muss mit den Menschen arbeiten, die man zur Verfügung hat.“ Darin kam seine Haltung gegenüber vielen selbsternannten „Trotzkisten“ klar zum Ausdruck. Es war ein vernichtender Kommentar über die künftigen Führer der Vierten Internationale, über die sich Trotzki von Anfang an nur wenig Illusion machte. („On Organizational Problems“, November 1935).</p>



<p>Später bemerkte Trotzki:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Es wäre absurd, zu bestreiten, dass es unter uns sektiererische Tendenzen gibt. Eine ganze Reihe von Diskussionen und Spaltungen hat sie aufgedeckt. Wie könnte es auch anders sein, als dass sich in einer ideologischen Bewegung, die in unversöhnlichem Gegensatz zu allen vorherrschenden Organisationen in der Arbeiterklasse steht, und die weltweit ungeheuerlichen, völlig beispiellosen Verfolgungen ausgesetzt ist, ein Element des Sektierertums herausbildet?“ (‚Sectarianism, Centrism and the Fourth International‘)</p>
</blockquote>



<p>Das sich daraus ergebende Chaos zu bewältigen und untaugliche, klassenfremde Kräfte aus der Organisation zu entfernen, war ein langwieriger und schmerzhafter Prozess. Das führte zu vielen Spaltungen und Krisen in den folgenden Jahren.</p>



<p>Trotzki hatte, wie der deutsche Dichter Heine es formuliert hatte, „Drachenzähne gesät und Flöhe geerntet“.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Die amerikanische SWP</strong></p>



<p>In den ersten Jahren spielte die amerikanische Sektion, die später zur SWP wurde, die führende Rolle. Die Ereignisse bewiesen ihre ernsthaften politischen Schwächen.</p>



<p>Von den internationalen Führern war James Cannon, die führende Persönlichkeit der amerikanischen Gruppe, anfangs wohl der Fähigste. Er hatte eine lange Geschichte der politischen Arbeit in der amerikanischen Arbeiterbewegung, die bis in die Tage der International Workers of the World (IWW) zurückreichte – eine Tatsache, die Trotzki sehr schätzte. Er hatte als Organisator viele gute Eigenschaften, aber er hatte auch eine äußerst negative Seite.</p>



<p>Cannon begann als Anhänger Sinowjews und wurde seine sinowjewistischen Tendenzen nie richtig los. Das war nicht die Schule des Bolschewismus, sondern eine Schule der Manöver, Intrigen und der Ersetzung einer sauberen politischen Debatte durch organisatorische Maßnahmen.</p>



<p>Trotzki hatte viel Wertschätzung für Cannons Loyalität, war aber nie mit seinen harten organisatorischen Methoden einverstanden. Er wusste genau, dass sie zu Krisen und Spaltungen führen mussten. In <em>Verteidigung des Marxismus</em> gab er folgenden interessanten Hinweis:</p>



<p>„Unsere eigenen Sektionen haben einiges Komintern-Gift geerbt – in dem Sinn, dass viele Genossen dazu neigen, Methoden wie Ausschlüsse, Spaltungen oder Drohungen mit Ausschlüssen und Spaltungen zu missbrauchen.“ (<em>Brief an Farrell Dobbs, </em>10. Januar 1940)</p>



<p>Offensichtlich dachte Trotzki dabei an Cannon. Er unterstützte Cannon politisch gegen die kleinbürgerliche Opposition Burnhams und Shachtmans, aber er war sehr unglücklich über die überhasteten, übermäßig administrativen Methoden, mit denen Cannon gegen sie vorging.</p>



<p>Während er politisch eine unversöhnliche Haltung einnahm, war er tatsächlich gegen eine Spaltung der amerikanischen Sektion. Wie immer bevorzugte er die Waffe des klaren politischen Arguments und der theoretischen Klärung gegenüber kruden Methoden wie Schikanen, Drohungen und Ausschlüssen, die die Spaltung alternativlos machten.</p>



<p>Solange Trotzki am Leben war, konnte er seine Anhänger auf einer korrekten politischen Linie halten. Doch nach seinem Tod 1940 waren sie unfähig, in sich ändernden politischen Bedingungen die Bewegung neu zu orientieren.</p>



<p><strong>Die Vierte Internationale</strong></p>



<p>Die Gründung der Vierten Internationale im September 1938 war zweifellos ein historischer Meilenstein. Sie war der Versuch, angesichts der bevorstehenden historischen Aufgaben die Kader politisch und organisatorisch zusammenzuschweißen.</p>



<p>Trotzki ging davon aus, dass der kommende Zweite Weltkrieg eine revolutionäre Welle auslösen und alle Parteien und Strömungen auf die Probe stellen würde. Die alten Internationalen – die Zweite, die Dritte und das sogenannte Londoner Büro – waren verfault und Hindernisse für den Erfolg der sozialistischen Revolution geworden. Trotzki glaubte, dass die kommende weltweite Katastrophe diese Organisationen zerschlagen würde.</p>



<p>1938 machte er die gewagte Voraussage, dass innerhalb von zehn Jahren von den alten Organisationen kein Stein mehr auf dem anderen bleiben und dass das Programm der Vierten Internationale zum Orientierungspunkt für Millionen werden würde. (‘<a href="https://www.marxists.org/archive/trotsky/1938/10/foundfi.htm"><u>On the Founding of the Fourth International</u></a>’, <em>Fourth International</em>, Vol. 1 No. 5, October 1940)</p>



<p>Aber dies war nur eine vorläufige Prognose. Eine Perspektive ist keine Kristallkugel, durch die man den genauen Ablauf der Ereignisse vorhersagen könnte, sondern eine bedingte Hypothese, die an die tatsächlichen Entwicklungen angepasst werden muss. Das gehört zum ABC für jeden, der auch nur entfernt mit der Methode des Marxismus vertraut ist.</p>



<p>Anlässlich des Krieges in Finnland erklärte Trotzki im November 1939:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Wer exakte Vorhersagen konkreter Ereignisse will, sollte sich an einen Astrologen wenden. (…) Ich habe mehrmals auf die Bedingtheit meiner Prognose hingewiesen und darauf, dass sie nur <em>eine </em>von mehreren möglichen Varianten ist.“ (<em>Bilanz der finnischen Ereignisse</em>)</p>
</blockquote>



<p>Diese Worte sind kristallklar. Doch für die sogenannten Führer der Vierten blieben sie ein Buch mit sieben Siegeln. Sie gingen davon aus, was Trotzki 1938 gesagt hatte, sei in Stein gemeißelt und könnte sich nicht ändern – unabhängig von den Bedingungen.</p>



<p>Eine derartige Ansicht ist das Gegenteil von Marxismus und steht in krassem Gegensatz zu allem, was Trotzki über ihn geschrieben hat. Das heißt nicht, dass Trotzkis ursprüngliche Vorhersagen völlig falsch gewesen wären. Im Gegenteil – in seiner Analyse der Weltlage zeigte sich ein viel tieferes Verständnis und eine viel größere Fähigkeit, die Ereignisse vorherzusehen, als bei irgendeinem anderen politischen Führer auf der Welt.</p>



<p>Einige der weitsichtigeren bürgerlichen Politiker verstanden das Risiko, dass ein Krieg revolutionäre Auswirkungen haben könnte. Der französische Botschafter in Deutschland, Coulondre, sagte am 25. August 1939 zu Hitler: „Ich fürchte nur, dass aus dem Krieg schließlich nur einer als Sieger hervorgehen würde: Trotzki.“</p>



<p>Für Coulondre war Trotzki hier die personifizierte Revolution. Doch durch den tatsächlichen Ausgang des Krieges kam es anders.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Der Mord an Trotzki</strong></p>



<p>Die Ermordung Trotzkis war ein tödlicher Schlag für die jungen und unerfahrenen Kräfte der Vierten Internationale. Ohne seine Anleitung stellten sich die anderen Führer als völlig nutzlos heraus.</p>



<p>Durch seine persönliche Erfahrung mit dem Bolschewismus verstand Stalin, dass auch eine kleine internationale revolutionäre Bewegung eine Gefahr für sein Regime war. Er verstand auch die zentrale Rolle Trotzkis für die Vierte Internationale.</p>



<p>Als sich seine Agenten beschwerten, dass sie zu viel Zeit und Geld auf die Ermordung eines Einzelnen aufwenden mussten, widersprach Stalin ihnen. Ohne Trotzki sei die Vierte Internationale nichts, denn sie habe keine guten Führer. Er hatte nicht unrecht.</p>



<p>In einer völlig neuen Situation waren sie unfähig, sich richtig anzupassen und gerieten aus den Fugen. Das wirkte sich katastrophal auf die Entwicklung der neuen Internationale aus.</p>



<p>Der Krieg verlief in einer Weise, die selbst das größte Genie nicht hätte vorhersehen können. Der Kriegsausgang – insbesondere die Stärkung des Stalinismus – warf Trotzkis Perspektive von 1938 über den Haufen.</p>



<p>Es wurde allerdings nicht nur die Perspektive Trotzkis widerlegt, sondern auch die Perspektiven der Imperialisten – Roosevelt und Churchill, ganz zu schweigen von denen Hitlers und Stalins, die die größten Fehler von allen machten. Der Ausgang des Krieges zwischen der UdSSR und Nazideutschland war das entscheidende Ereignis, das die ganze Situation bestimmte.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Stalins Fehler</strong></p>



<p>Der sogenannte „große Feldherr“ Stalin hatte die UdSSR in tödliche Gefahr gebracht. Durch die Massensäuberungen der Roten Armee 1937-38 und 1941 – kurz vor der deutschen Invasion – war die Sowjetunion weitgehend wehrlos gemacht worden.</p>



<p>Als deutsche Generäle Einspruch gegen den Angriff gegen die Sowjetunion erhoben, weil es ein tödlicher Fehler sei, an zwei Fronten zugleich zu kämpfen, antwortete Hitler, die Sowjetunion sei keine Herausforderung, weil sie keine guten Generäle habe.</p>



<p>Der berüchtigte Hitler-Stalin-Pakt 1939 war in Wirklichkeit ein Defensivmanöver seitens der Sowjetunion. Indem er einen Nichtangriffspakt mit Hitler unterschrieb, glaubte Stalin, er habe die Gefahr eines deutschen Angriffs gebannt. Er täuschte sich.</p>



<p>Hitlers Einmarsch in die Sowjetunion im Sommer 1941 war eine Überraschung für Stalin. Das Volk der Sowjetunion zahlte einen wirklich entsetzlichen Preis.</p>



<p>Die Imperialisten hatten gehofft, der Krieg zwischen Deutschland und der Sowjetunion werde zur Abnutzung beider Seiten führen, so dass die Amerikaner und Briten am Ende die lachenden Dritten sein würden.</p>



<p>In Europa war der Zweite Weltkrieg im Wesentlichen ein Kampf um Leben und Tod zwischen der stalinistischen Sowjetunion und Hitlerdeutschland, wobei letzteres auf alle Ressourcen Europas zurückgreifen konnte.</p>



<p>Anfänglich schien die Position der Sowjetunion hoffnungslos zu sein.</p>



<p>Trotzki hatte gewarnt, die Hauptgefahr für die Sowjetunion im Kriegsfall bestünde aus der Masse billiger Waren, die eine imperialistische Armee (etwa die amerikanische) im Gepäck mitbringen könnte. Es kam anders. Die deutsche Invasion brachte nicht billige Waren, sondern Massenmord, Konzentrationslager und Gaskammern. Die Nazis betrachteten das Sowjetvolk als Untermenschen und behandelten es entsprechend.</p>



<p>Trotz der Verbrechen Stalins und der Bürokratie scharten sich die sowjetischen Massen daher um die Errungenschaften der Oktoberrevolution und kämpften mit erstaunlicher Tapferkeit gegen Hitler, um die Eindringlinge zurückzuschlagen. Allen Widrigkeiten zum Trotz brachte die Rote Armee den Vormarsch der Nazis zum Stillstand und fügte Hitler anschließend eine vernichtende Niederlage zu.</p>



<p>Das spielte eine entscheidende Rolle und veränderte die Gesamtsituation grundlegend. Der Sowjetunion verschaffte es gewaltiges Prestige und stärkte so, entgegen Trotzkis Erwartungen, das stalinistische Regime für eine ganze historische Periode.</p>



<p>Das ermöglichte den Stalinisten, die Massenbewegungen fest im Griff zu behalten und die revolutionäre Welle nach dem Krieg zu verraten.</p>



<p>Dieser historische Verrat lieferte die politische Voraussetzung für die wirtschaftliche Erholung, die zum Nachkriegsboom, einem beispiellosen Aufschwung des Kapitalismus, führte. So wurde das Leben des kapitalistischen Systems verlängert.</p>



<p>Der Stalinismus wurde nicht gestürzt, wie Trotzki erwartet hatte, sondern enorm gestärkt. Die Rote Armee zerschlug Hitlers Armeen und besetzte große Teile Osteuropas.</p>



<p>Fortan gab es zwei Weltmächte: Die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten. Letztere wurden zur herrschenden imperialistischen Macht.</p>



<p>Die Vereinigten Staaten litten nicht wie Europa unter einer unfassbaren Zerstörung durch den Krieg. Ihre Industrie blieb intakt und ihr Staatshaushalt quoll geradezu über.</p>



<p>Dadurch waren sie in der Lage, den europäischen Kapitalismus zu stützen und die nötige wirtschaftliche Hilfe zu leisten, um ganz anders als nach dem ersten Weltkrieg eine Phase des Wiederaufschwungs einzuleiten.</p>



<p>All dies bedeutete, dass Trotzkis Perspektive von 1938 durch die Geschichte widerlegt wurde. Hätte Trotzki überlebt, hätte er die Perspektive von 1938 zweifellos revidiert und die Bewegung entsprechend neu orientiert.</p>



<p>Die Führer der Vierten Internationale – Cannon, Hansen, Pablo, Mandel, Maitan und Pierre Frank – und ihre Anhänger versagten jedoch kläglich. Sie waren der Aufgabe nicht gewachsen. Da sie die Methode Trotzkis, in anderen Worten die Methode des Marxismus, nicht verstanden, wiederholten sie einfach die veraltete Perspektive von 1938 – unmittelbar bevorstehende Phase von Krieg und Revolution – als wäre nichts geschehen.</p>



<p>Wie kopflose Papageien plapperten sie nach, was Trotzki vor seinem Tod gesagt hatte, als wäre die Uhr stehengeblieben. Sie verstanden nie seine dialektische Methode und seine Herangehensweise an Perspektiven. Diese Weigerung, anzuerkennen, was sie vor Augen hatten, führte zu einem Fehler nach dem anderen und schließlich zu einer gewaltigen Krise innerhalb der Internationale.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Die Bedeutung der Führung</strong></p>



<p>Für die marxistische Methode des historischen Materialismus sind die objektiven Faktoren die grundlegenden Triebkräfte der Geschichte. Dazu gehört insbesondere die Entwicklung der Produktivkräfte. Der historische Materialismus hat andererseits niemals die Wichtigkeit des subjektiven Faktors oder die Rolle des Individuums in der Geschichte bestritten.</p>



<p>Der Krieg zwischen den Nationen und der Klassenkampf haben viele Parallelen. In einem Krieg sind gute Generäle offensichtlich von großer, ja entscheidender Bedeutung. Wenn sich die Armee in der Offensive befindet, ist das selbsterklärend. Aber die Führung ist tatsächlich noch wichtiger, wenn die Armee zum Rückzug gezwungen ist.</p>



<p>Mit guten Generälen kann man den Rückzug organisiert durchführen, die Verluste minimieren und den Großteil der eigenen Kräfte vor der Vernichtung retten. Schlechte Generäle hingegen machen aus einem Rückzug eine Panikflucht.</p>



<p>Genau das war bei der Vierten Internationale der Fall: Durch völlige Unfähigkeit verwandelte die Führung einen notwendigen Rückzug in eine kopflose Flucht. Mit ihren Methoden zerstörten sie schließlich die Bewegung, die Leo Trotzki unter größten Mühen aufgebaut hatte.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Die Rolle von Ted Grant</strong></p>



<p>Die einzige Strömung, die aus dieser Existenzkrise des Trotzkismus mit einigem Verdienst hervorging, war die Workers‘ International League (später die Revolutionary Communist Party) in Großbritannien.</p>



<p>Nur sie war in der Lage, die neue Situation richtig einzuschätzen und die notwendigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Nur sie kann wirklich als Verteidigerin von Trotzkis Methode und als legitime Nachfolgerin seines politischen Erbes gelten.</p>



<p>Lenin war nach dem Tod von Marx und Engels der wesentliche Verteidiger des Marxismus. Nach Lenins Tod fiel diese Rolle Leo Trotzki zu. Und in gleicher Weise war nach Trotzkis Tod der eigentliche Verteidiger seiner Ideen und Methode Ted Grant.</p>



<p>Hier ist nicht der Ort, um ausführlich auf Teds Leben und Werk einzugehen. Wir beschränken uns auf eine knappe Skizze. Für eine umfassendere Darstellung verweisen wir auf die Biographie von Alan Woods: <em>Ted Grant, the Permanent Revolutionary</em>.</p>



<p>Ted schloss sich 1929 in Johannesburg der trotzkistischen Bewegung an. 1934 emigrierte er von Südafrika nach Großbritannien, um ein größeres politisches Betätigungsfeld zu finden.</p>



<p>Dort schloss er sich den Trotzkisten in der Independent Labour Party (ILP) an. Da sich die Möglichkeiten in der ILP erschöpften, wandten sich die jungen Genossen auf Trotzkis Rat hin der Arbeit in der Labour Party zu, insbesondere ihrer Jugendorganisation.</p>



<p>1937 traf eine weitere Gruppe südafrikanischer Genossen, darunter Ralph Lee, in London ein und stieß zu Ted und Jock Haston in der Ortsgruppe Paddington der Militant Group. Sie wurden zu den aktivsten Mitgliedern der Organisation.</p>



<p>Die Methode der Führung widerspiegelte den weitgehend kleinbürgerlichen Charakter der Militant Group, mit typischer Zirkelmentalität, engstirnigen Intrigen und schwacher Verbindung zur Arbeiterklasse. Ab 1934 gab es so ständige Spaltungen.</p>



<p>Ende 1937 entschlossen sich acht Genossen zum Aufbau einer neuen Organisation, der Workers‘ International League (WIL).</p>



<p>Die Gründung der WIL bedeutete einen entscheidenden Bruch mit den alten „trotzkistischen“ Gruppen der vorherigen Periode und markierte den wirklichen Anfang unserer Strömung, den Anfang des genuinen Trotzkismus in Großbritannien.</p>



<p>Schnell tat sich Ted als Haupttheoretiker der Gruppe hervor. Er war ihr politischer Sekretär und Chefredakteur ihrer neuen Zeitung <em>Socialist Appeal</em>.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Der Briefwechsel mit Trotzki</strong></p>



<p>Sechs Wochen nach Gründung der WIL, am 12. Februar 1938, schickten sie einen Brief an Trotzki in Mexiko und berichteten ihm, dass die Gruppe eine Druckerei aufgebaut hatte.</p>



<p>Trotzki war entsprechend beeindruckt. Am 15. April 1938 schrieb er einen Brief an Charles Sumner in Großbritannien, mit dem er seit 1937 in Kontakt stand, und informierte ihn über die bevorstehende Reise James Cannons nach Großbritannien, die den Aufbau einer echten Sektion der Vierten Internationale unterstützen sollte.</p>



<p>Wenig später, Anfang Juni, hatte die WIL die neue Ausgabe seiner <em>Spanischen Lehren</em> mit einem Vorwort von Ted Grant und Ralph Lee herausgegeben. Stolz schickten sie Trotzki eine Kopie.</p>



<p>Am 29. Juni 1938 schrieb Trotzki einen weiteren Brief an Charles Sumner. Er war voll des Lobes für die Initiative der WIL: „Ich habe Ihre Ausgabe meiner Broschüre über Spanien mit dem hervorragenden Vorwort erhalten“, schrieb er.</p>



<p>Noch einmal beglückwünscht Trotzki die WIL-Genossen zum Aufbau ihrer Druckerei: „Es war wirklich eine gute, revolutionäre Idee, eine eigene Druckerei aufzubauen.“ Sein Brief endet mit den Worten: „Meine herzlichsten Grüße an Sie und Ihre Freunde.“</p>



<p>Trotzkis Brief ist für unsere Geschichte von großer Bedeutung. Erstens taucht der Brief nirgends in Trotzkis Schriften auf, die von Pathfinder Press, dem Verlag der amerikanischen SWP, herausgegeben wurden. Dabei befand er sich mit Sicherheit in deren Besitz.</p>



<p><a href="https://derfunke.at/11913-trotzkis-unterdrueckter-brief-eine-einleitung-von-alan-woods">Erst 2018 kam er wieder ans Tageslicht</a>. Nur durch Zufall geriet er in unsere Hände. Es war wirklich eine außergewöhnliche Wendung des Schicksals, für die wir ewig dankbar sind. Dieser unterdrückte Brief, der die WIL lobt, kann als unsere lange verschollene Geburtsurkunde gelten. Es ist der einzige existierende Brief, in dem Trotzki selbst die WIL erwähnt – und das in derart leuchtenden Farben.</p>



<p>Er wurde von den Führern der SWP (und besonders von Cannon) gezielt unterdrückt, weil sie die WIL aus Gründen des persönlichen Prestiges und aus Feindseligkeit bewusst kleinreden wollten, wie wir noch sehen werden.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Cannons verhängnisvolle Rolle</strong></p>



<p>Im August 1938 besuchte James Cannon Großbritannien, um die verschiedenen trotzkistischen Gruppen vor der Gründungskonferenz der Vierten Internationale zu einer einzigen Organisation zu vereinigen.</p>



<p>Damals gab es vier Gruppen in Großbritannien: die Revolutionary Socialist League (geführt von CLR James, Wicks und Dewar); die Militant Group (geführt von Harber und Jackson); eine Gruppe in Schottland, die Revolutionary Socialist Party (geführt von Maitland und Tait); und die WIL (geführt von Ralph Lee, Jock Haston und Grant).</p>



<p>Allerdings verfolgten diese Gruppen sehr unterschiedliche Ansätze, sowohl in der taktischen Orientierung – von offener Arbeit bis zum Entrismus – und in der praktischen Umsetzung. Diese taktischen Differenzen stellten unüberwindbare Hindernisse für eine gemeinsame Arbeit dar.</p>



<p>Um diese Schwierigkeit zu überwinden, war es zunächst notwendig, eine gründliche Diskussion über Taktik und Programm zu führen und eine gemeinsame Linie festzulegen. Auf dieser Grundlage wäre eine Vereinigung möglich gewesen.</p>



<p>Cannon ignorierte das. Er versuchte, die Gruppen rein organisatorisch zu vereinigen. Für ihn waren die Differenzen in der Orientierung nicht bedeutsam.</p>



<p>Er berief also eine Einheitskonferenz der verschiedenen Gruppen ein, um eine formale Vereinigung durchzudrücken. Die WIL stimmte einer Teilnahme zu, war aber gegen eine künstliche Einheit ohne wirkliche Diskussion. Auf einer so dünnen Grundlage wäre die Einheit nur eine Garantie für zukünftige Spaltungen gewesen.</p>



<p>Doch Cannon wollte die Einheit um jeden Preis. Es gab bei der Einheitskonferenz daher keine Debatte über politische Perspektiven oder irgendwelche taktischen Differenzen. Die Gruppen sollten einfach nur eine von Cannon verfasste „Friedens- und Einheitsvereinbarung“ unterzeichnen, nachdem sie 20 Minuten darüber nachdenken durften.</p>



<p>Die WIL hielt dieses Vorgehen für prinzipienlos und blieb daher außerhalb der „vereinigten“ Organisation.</p>



<p>Im darauffolgenden Monat, Anfang September 1938, fand in Paris die Gründungskonferenz der Vierten Internationale statt.</p>



<p>Obwohl die WIL nicht Teil der „vereinigten“ Organisation war, bekundete sie den Wunsch, wenn schon nicht als vollwertige Sektion, so doch zumindest als sympathisierende Sektion der Vierten Internationale anerkannt zu werden. Cannon schien mit der Idee einer sympathisierenden Sektion einverstanden und die WIL wurde gebeten, einen Delegierten zur Gründungskonferenz zu entsenden. Leider hatten sie nicht die Mittel, jemanden zu schicken. Stattdessen übergaben sie einem Delegierten eine Stellungnahme zu ihrer Position, damit diese auf der Konferenz vorgetragen werde.</p>



<p>Doch auf der Konferenz hatte Cannon seine Meinung offensichtlich geändert. Gekränkt über die Weigerung der WIL, sich mit den anderen Gruppen zu vereinigen, nutzte er die Gelegenheit, um die WIL zu verleumden und ihre Bemühungen, als sympathisierende Sektion aufgenommen zu werden, zu blockieren. Die Botschaft der WIL an den Kongress wurde nicht an die Delegierten ausgeteilt. Diese böswillige Geste macht deutlich, wie Cannon an solche Dinge heranging.</p>



<p>Die Gründungskonferenz bestätigte schließlich die frisch vereinigte Sektion, die sich den Namen Revolutionary Socialist League (RSL) gab, als offizielle britische Sektion.</p>



<p>Cannon, der seinen Groll gegen die WIL weiter hegte, berichtete Trotzki, dass die Haltung der WIL „von der internationalen Konferenz verurteilt“ worden sei. Er sprach sich für eine „feste und unnachgiebige Haltung“ gegenüber der WIL aus, der man „keinesfalls Legitimität“ zusprechen dürfe. Er beschwerte sich allerdings darüber, die RSL sei „nicht daran gewöhnt, wie ‚brutal‘ (d.h. bolschewistisch) wir mit Gruppen umgehen, die mit der Spaltung spielen.“ (James P. Cannon, ‘Impressions of the Founding Conference, 12 October 1938’, in Joseph Hansen, James P. Cannon – <em>The Internationalist</em>, July 1980)</p>



<p>Dieser letzte Kommentar sagt uns einiges über Cannons Methode. Genau so ging Cannon auch in der SWP gegen Leute vor, die ihm im Weg standen. Solche Methoden sollten zum Standard des bürokratischen Regimes in der sogenannten Vierten Internationale werden.</p>



<p>Uns ist nicht überliefert, wie Trotzki auf Cannons verleumderische Äußerungen reagierte. Er scheint sie schlicht ignoriert zu haben. Da ihm keine anderen Informationen aus erster Hand vorlagen, zog er es offensichtlich vor, abzuwarten, wie sich die Dinge entwickeln würden. Es war klar, dass Trotzki, der sich nie zu vorschnellen Urteilen hinreißen ließ, sich sein Urteil über die WIL zunächst vorbehielt. Er hatte sie schließlich zuvor offen gelobt. Trotzki hat die WIL nie angegriffen, wie manche Sektierer behaupten. Überliefert ist allein sein Lob für die Initiativen der WIL.</p>



<p>„Von diesem Zeitpunkt an“, erklärte Ted Grant, „hegte Cannon einen tiefsitzenden Groll gegen die WIL und ihre Führung – mit ernsten Folgen für die Zukunft.“ (<em>History of British Trotskyism</em>, S. 63)</p>



<p>Wie sich dieser Groll in regelrechten Hass verwandelte, zeigt eine spätere Aussage Cannons selbst:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Alle Verbrechen und Fehler dieser bis ins Mark verrotteten Haston-Fraktion lassen sich direkt auf ihren Ursprung als prinzipienlose Clique im Jahr 1938 zurückführen. Als ich wenig später im selben Jahr, kurz vor dem ersten Weltkongress, in England war, brandmarkte ich die Lee-Haston-Fraktion als prinzipienlos, von ihrer Geburt an. Ich habe ihnen in all ihrer späteren Entwicklung nie das geringste Vertrauen entgegengebracht, ganz gleich, welche Thesen sie gerade schrieben oder verabschiedeten.“ (Cannon, <em>Speeches to the Party</em>, S. 296–297)</p>
</blockquote>



<p>Das bringt Cannons ganze Methode auf den Punkt. Von den „Führern“ der Vierten war James Cannon wohl der beste. Doch nach Trotzkis Tod hielt er sich für <em>den</em> Führer, als die einzige Person, die berechtigt war, Trotzkis Erbe zu vertreten.</p>



<p>Er war dieser Aufgabe allerdings nicht gewachsen. Cannon war mit Sicherheit kein Theoretiker. Darauf war er sogar stolz. „Ich bin mit eiserner Hand gegen jeden vorgegangen, der mich einen Theoretiker nannte“, erklärte Cannon einmal. (<em>Writings &amp; Speeches 1940–43</em>, S. 360)</p>



<p>Im Kern war er im Wesentlichen ein Mann fürs Organisatorische – ein engstirniger Praktiker mit nur rudimentärem Verständnis des Marxismus. Da es ihm an tiefem theoretischem Verständnis fehlte, konnte er Kritikern keine ernsthaften Antworten geben und zog es vor, sie in schroffster Sprache zu verurteilen und nötigenfalls mit administrativen Mitteln zum Schweigen zu bringen. Er betonte selbst seine Rolle als „harter Hund“:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Als ich nach neun Jahren aus der KP kam, war ich ein erstklassiger Fraktionsschläger. Sonst hätte ich gar nicht überleben können. Alles, was ich wusste, war: Wenn jemand Streit anfängt, kriegt er ihn. Dieses Leben war alles, was ich kannte.“</p>
</blockquote>



<p>Das zeigte sich deutlich in den Debatten mit Shachtman und der Opposition in der SWP 1939/40, die Trotzki scharf kritisierte. Später räumte Cannon ein, dass Trotzki recht und er unrecht gehabt habe:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Ich denke, Trotzki hat recht, wenn er sagt, dass im langen Streit zwischen Cannon und Abern das historische Recht auf Cannons Seite liegt. Aber das heißt nicht, dass ich in allem recht hatte. Nein, ich lag in vielem falsch, einschließlich meiner Methoden und meiner Ungeduld und Grobheit gegenüber Genossen, die ich damit vor den Kopf gestoßen habe.“</p>
</blockquote>



<p>Cannon war also direkt aus der schlechten Schule des Sinowjewismus gekommen: Gewohnheitsmäßige Anwendung skrupelloser organisatorischer Manöver zur Ruhigstellung von Gegnern, Denunzieren und Niederschreien statt geduldigen Antwortens, wie es bei Lenin und Trotzki üblich gewesen war.</p>



<p>Dass die Gründungskonferenz der Vierten Internationale die RSL unterstützt und die WIL verurteilt hatte, stellte sich bald als Fehler heraus.</p>



<p>Kaum war die Tinte auf der „Friedens- und Einheitsvereinbarung“ getrocknet, wurden schon erste Risse in der „vereinigten“ Organisation, der RSL, sichtbar. Sie wuchsen sich zu Spaltungen aus. Bis zum Jahresende hatte sich die RSP abgespalten. Die „Linken“ taten es ihr gleich und gründeten ihre Revolutionary Workers League (RWL). Es setzte eine allgemeine Desintegration ein.</p>



<p>Die WIL verfasste dazu eine Erklärung:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Erneut stellte sich die alte Situation her – nur noch chaotischer als je zuvor. Unsere Bewegung bestand weiterhin aus lauter ‚Generalstäben‘, aber ohne Armeen.“</p>
</blockquote>



<p>Cannon beklagte diesen Umstand, war aber nie bereit, ihn einzugestehen. Die WIL hingegen wurde immer stärker.</p>



<p>Ein Bericht der WIL erklärt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„In dieser Zeit setzte die WIL ihre Arbeit fort – in der Überzeugung, dass der einzige Ausweg aus der Sackgasse des britischen Trotzkismus darin bestand, mit dem alten Cliquengeist und dem kleinbürgerlichen Milieu zu brechen und neue Arbeiter zu gewinnen, um die Reihen der Bewegung zu stärken. Dass wir unter der Denunziation des IS (Internationalen Sekretariats) zu leiden hatten, steht außer Frage. Doch da wir die richtige Politik und die richtige Haltung hatten, verschaffte uns die allgemeine Geschlossenheit in unseren Reihen eine Überlegenheit in der Ausrichtung und Organisation unserer Kader. Damit begann eine neue Phase in der Entwicklung unserer Bewegung.“ (<a href="https://www.marxists.org/history/etol/revhist/backiss/vol1/no1/wil.html">https://www.marxists.org/history/etol/revhist/backiss/vol1/no1/wil.html</a>)</p>
</blockquote>



<p style="font-size:22px"><strong>Die Internationale zieht nach New York</strong></p>



<p>Als im September 1939 der Krieg ausbrach, wurde beschlossen, das Hauptquartier der Vierten Internationale nach New York zu verlegen. Die SWP wurde damit praktisch zur Führung der Organisation. Sam Gordon, Cannons gehorsamer Handlanger, wurde zu ihrem Verwaltungssekretär gemacht.</p>



<p>Der Krieg und Hitlers Besetzung Europas zwangen die europäischen Sektionen in den Untergrund oder in die Inaktivität. Selbst dort, wo sie arbeiten konnten, waren sie von politischer Verwirrung und Meinungsverschiedenheiten befallen. Es gab in Wirklichkeit kaum Kontakt zwischen New York und den Überresten der trotzkistischen Gruppen in Europa.</p>



<p>Es gab insbesondere Differenzen über Trotzkis Proletarische Militärpolitik, die auf breite Ablehnung stieß. Einige Sektionen warfen Trotzki sogar „Sozialpatriotismus“ vor.</p>



<p>Dabei handelte es sich keineswegs um eine nebensächliche Frage. Die Proletarische Militärpolitik war gerade zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ein besonders wichtiger Beitrag Trotzkis. Sie stellte eine Weiterentwicklung von Lenins Politik des „revolutionären Defätismus“ im Ersten Weltkrieg dar. Während sich Lenins Politik jedoch an die Kader richtete, wandte sich Trotzkis Militärpolitik an die Massen. Trotzki erklärte, Revolutionäre müssten ihr Programm den Erfordernissen der Situation anpassen und den Verteidigungsdrang in der Arbeiterklasse berücksichtigen. Zwar lehnten wir den imperialistischen Krieg ab, mussten aber trotzdem an die Arbeiter anknüpfen, die gegen Hitler kämpfen wollten.</p>



<p>Die Arbeiterklasse konnte den Kapitalisten nicht trauen. Die Arbeiter waren keine Pazifisten, sondern brauchten ein eigenes revolutionäres Militärprogramm mit dem Ziel, dass die Arbeiter selbst die Macht übernehmen und einen revolutionären Krieg gegen den Faschismus führen.</p>



<p>Viele Sektionen der Vierten Internationale waren jedoch vom Sektierertum früherer Jahre geprägt.</p>



<p>Die britische RSL – wohlgemerkt die offizielle Sektion der Vierten Internationale – lehnte diese Politik rundweg ab, während die belgische Sektion in ihrer Fassung des <a href="https://www.marxists.org/history/etol/document/fi/1938-1949/emergconf/fi-emerg02.htm">von Trotzki entworfenen Manifests von 1940</a> sämtliche Passagen dazu strich. Auch die Franzosen hatten „Vorbehalte“, ebenso wie das Europäische Sekretariat unter Marcel Hic und nach dessen Verhaftung unter Raptis (Michel Pablo). Wie man sieht, erstreckte sich die Opposition gegen diese Politik – ein Ausdruck sektiererischer Tendenzen – bis hin zur Spitze der Vierten Internationale.</p>



<p>Ein Beitrag an das Internationale Sekretariat (<a href="https://www.marxists.org/history/etol/revhist/backiss/vol3/no4/brouww2.html">Broué: Trotsky, Trotskyists and WW2</a>) von einem gewissem „AM“, entweder Franzose oder Belgier, trug den Titel „Über die Proletarische Militärpolitik – Hat der Alte den Trotzkismus getötet?“ Darin wurde Trotzki des „schlichten, einfachen Chauvinismus“ beschuldigt. In demselben Tonfall hieß es weiter: „Wir müssen offen und ehrlich die Frage stellen, ob wir uns überhaupt weiter ‚Trotzkisten‘ nennen können, wenn der Führer der Vierten Internationale sie in den Sumpf des Sozialchauvinismus gezogen hat.“</p>



<p>Das veranschaulicht die völlige Verwirrung, die zu dieser Zeit in den Reihen der Vierten Internationale herrschte.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Das Ende der RSL</strong></p>



<p>Als Trotzki im August 1940 starb, befand sich die RSL in einem erbärmlichen Zustand. Im selben Jahr beklagte die Notkonferenz der Vierten Internationale „die Tatsache, dass außerhalb unserer offiziellen britischen Sektion nicht weniger als vier Gruppen existieren, die sich zur Vierten Internationale bekennen.“ In einem Anflug von Optimismus hieß es in der Resolution: „Die Notkonferenz der Vierten Internationale begrüßt die bevorstehende Vereinigung der britischen Sektion.“ (<em>Documents of the Fourth International</em>, S. 359)</p>



<p>Das Problem bestand darin, dass die RSL eine sektiererische Gruppierung war. Sie lehnte Trotzkis Proletarische Militärpolitik ab. Ihr Entrismus in der Labour Party ist zu einem völligen Fetisch verkommen, obwohl das Leben innerhalb der Labour Party faktisch zusammengebrochen war. Die Tätigkeit der RSL beschränkte sich im Wesentlichen auf interne Diskussionen, ein Ausdruck ihrer Isolation. Im Grunde war sie „in den Untergrund gegangen“ – aber es fiel eigentlich niemandem auf.</p>



<p>Hingegen hatten sich die Genossen der WIL in die Arbeit gestürzt, als im September 1939 der Krieg ausbrach, und sich der neuen Situation angepasst. Während der ganzen Periode machten sie die effektivste revolutionäre Arbeit in der ganzen Vierten Internationale, indem sie <a href="https://marxist.com/british-trotskyism-second-world-war2002.htm">die Proletarische Militärpolitik enthusiastisch und höchst geschickt anwandten</a>. Nirgendwo sonst auf der Welt wurde sie so erfolgreich angewandt wie in den britischen Fabriken und Streitkräften.</p>



<p>Die WIL war damals die erfolgreichste trotzkistische Gruppe in der Anwendung von Trotzkis Methode. Sie stellte unter Beweis, dass sie die Ideen durchdrungen hatte und sie flexibel anwenden konnte. Ihre Herangehensweise wurde im <a href="https://www.marxists.org/archive/grant/1942/06/power.htm">Dokument </a><a href="https://www.marxists.org/archive/grant/1942/06/power.htm"><em>Preparing for Power</em></a> (<em>Workers‘ International News</em>, Vol. 5, No. 6, 1942), das Ted Grant geschrieben hatte, sowie in seiner <a href="https://www.marxists.org/archive/grant/1943/06/rsl.htm">Antwort an die RSL</a> (in <em>The Unbroken Thread</em>) umrissen.</p>



<p>Je länger der Krieg dauerte, desto peinlicher wurde den Amerikanern, besonders Cannon, das Sektierertum der RSL. Sie lehnten nicht nur die Proletarische Militärpolitik ab, sondern hatten deren Ablehnung sogar zu einem Mitgliedskriterium gemacht! Im Sommer 1943 hatte sich ihre Mitgliedschaft auf 23 reduziert. Sie war de facto zusammengebrochen. Etwas musste geschehen, doch Cannon konnte dabei auf keinen Fall zugeben, dass die WIL von Anfang an recht gehabt hatte. Er ging das Problem daher durch eine Reihe von Manövern an.</p>



<p>Bereits im Juni 1942 schrieb die Führung der Internationale an die RSL und drängte sie, über eine Vereinigung mit der WIL zu verhandeln. Die RSL war gegen eine Vereinigung, stimmte aber zu, eine Reihe politischer Debatten zu führen. Doch diese Diskussionen vertieften die Differenzen nur weiter.</p>



<p>Das IS wollte das Problem mit organisatorischen Mitteln lösen. Es begann also, mit Gerry Healy zusammenzuarbeiten, der seinerseits schon lange einen Groll gegen die WIL-Führung um Grant und Haston hegte.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Gerry Healy</strong></p>



<p>Healy war ein Gründungsmitglied der WIL. Er verfügte über gewisse organisatorische Fähigkeiten und Energie, war aber offensichtlich unbeständig. Er neigte dazu, unbekümmert aus der Organisation auszutreten und dies als Druckmittel gegen die Führung einzusetzen. Trotz seiner Ultimaten und Konflikte mit Genossen wurde er jedes Mal zurückgeholt, weil man hoffte, sein Organisationstalent irgendwie nutzen zu können.</p>



<p>Bei einer ZK-Sitzung im Februar 1943, trat Healy dann ein weiteres Mal aus und verkündete, er wolle der ILP beitreten, da eine „weitere Zusammenarbeit mit J. Haston, M. Lee und E. Grant“ unmöglich sei. Er verließ die Sitzung und wurde vom Zentralkomitee einstimmig ausgeschlossen.</p>



<p>Später wurde er erneut aufgenommen, durfte aufgrund seiner Vorgeschichte aber keine Verantwortung mehr übernehmen. Das steigerte nur seinen Groll auf die Führung, und so begann er, im Auftrag des IS und Cannons, mit denen er seit 1943 in Kontakt war, eine Fraktion in der WIL aufzubauen.</p>



<p>Der Zerfall der RSL zwang das IS, einzuschreiten und die RSL durch eine absurde „Zwangsheirat“ ihrer verschiedenen Trümmer neu zu konstituieren. Im Anschluss daran führten „Verhandlungen“ mit der WIL zur Einigung, im März 1944 die Revolutionary Communist Party (RCP) zu gründen.</p>



<p>In Wirklichkeit bedeutete diese Fusion angesichts des Zustands der RSL eine vollständige Übernahme durch die WIL. Das spiegelte sich auch in der Zusammensetzung der Delegierten beim Gründungskongress der RCP wider: Während die WIL 52 Delegierte stellte, hatte die RSL nur 17 Delegierte, die aus verschiedenen Teilen zustande kamen.</p>



<p>Doch schon wenige Monate nach der Vereinigung begann die internationale Führung eine Kampagne, um die neue RCP-Führung zu diskreditieren. Ein Bericht über den Gründungskongress der RCP erschien im internationalen Bulletin der SWP (<a href="https://www.marxists.org/history/etol/document/fi/ib-1940-45/v03n01-jun-1944-FI-internat-bul.pdf">Juni 1944</a>), der Fehler, Verdrehungen, Verleumdungen und haltlose Kritiken an der britischen Führung enthielt und ihr „eine nationalistisch gefärbte Abweichung“ vorwarf.</p>



<p>Im Bericht heißt es: „Natürlich bringt die Führung sowohl alle positiven als auch die negativen Eigenschaften, die sie in der WIL hatte, mit in die RCP.“</p>



<p>Die RCP-Führung reagierte umgehend auf diesen feindseligen „Bericht“ und schickte den SWP-Führern <a href="https://marxist.com/ted-grant-writings-world-war-two/fusion-conference-of-wil-and-rsl.htm">eine scharfe Antwort</a>, in der die Verleumdungen Punkt für Punkt widerlegt wurden.</p>



<p>Der Brief griff auch die hinterhältigen Methoden der SWP-Führung an, die nur dazu dienten, Misstrauen innerhalb der Internationale zu säen.</p>



<p>Das Antwortschreiben der RCP endete so:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Zum Abschluss dieses Briefes möchten wir sagen, dass es uns keine Freude gemacht hat, ihn zu schreiben. Nur mit größtem Widerwillen haben wir uns dafür von dringenderen politischen Aufgaben abhalten lassen. Vielleicht kommt manchen Genossen der Tonfall übermäßig scharf vor. Wir haben uns allerdings absichtlich zurückgehalten. Wir wollen die Lage entschärfen, nicht aufbauschen. Die Verantwortung für den Konflikt liegt ganz auf den Schultern von Stuart [Sam Gordon] und seinem unmittelbaren Freundeskreis. Wir wollen in der Internationale loyal mit der SWP und ihrer Führung zusammenarbeiten, mit der wir in allen wichtigen politischen Fragen übereinstimmen. Wir haben allerdings etwas dagegen, dass die amerikanische Führung oder eine Fraktion von ihr <em>organisatorische Fraktions- oder Cliqueninteressen in Großbritannien verfolgt</em>. Das ist die internationale Methode von Sinowjew und nicht von Trotzki.“ (Hervorhebung im Original)</p>
</blockquote>



<p>Der Brief war im Namen des Politischen Büros der RCP unterzeichnet und datiert auf Januar 1945.</p>



<p>Zweifellos betrachtete Cannon das RCP-Schreiben als Affront und war nun entschlossener denn je, die „illoyale“ britische Führung mit allen Mitteln zu zerschlagen.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Morrow und Goldman</strong></p>



<p>Angesichts der Weigerung der internationalen Führung – insbesondere der SWP-Führer –, die Realität anzuerkennen, begann sich gegen Ende 1943 eine Opposition um Albert Goldman und Felix Morrow zu formieren, zwei führende Mitglieder der SWP.</p>



<p>Morrow und Goldman widersprachen der Behauptung der SWP-Führer, dass es nach dem Krieg keine bürgerliche Demokratie mehr geben könne.</p>



<p>Auf dem Oktoberplenum der SWP 1943 hieß es in der Mehrheitsresolution: „Europa ist heute von den Nazis versklavt und wird morgen vom ebenso räuberischen angloamerikanischen Imperialismus überrannt werden“. Dieser werde „militärisch-monarchistisch-klerikale Diktaturen unter der Fuchtel und Hegemonie des angloamerikanischen Big Business“ errichten.</p>



<p>Es führte aus: „Aus der Perspektive Roosevelts und Churchills gibt es die Wahl zwischen einer Regierung nach dem Vorbild Francos oder dem Gespenst der sozialistischen Revolution. (<em>Fourth International</em>, <a href="https://www.marxists.org/history/etol/document/fi/1938-1949/ww/1943-ww05.htm">Vol. 4 No. 11</a>, December 1943).</p>



<p>Später erklärte die Resolution vom 11. Parteitag der SWP im November 1944:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Die bürgerliche Demokratie blühte mit dem Aufstieg und der Ausbreitung des Kapitalismus und mit der Mäßigung der Klassenkämpfe auf, was eine Grundlage für die Zusammenarbeit der Klassen in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern bildete. Heute ist sie in Europa überlebt. Der europäische Kapitalismus wird in seinem Todeskampf von unversöhnlichen und blutigen Klassenkämpfen zerrissen. Die anglo-amerikanischen Imperialisten verstehen, dass Demokratie heute mit dem Fortbestand der kapitalistischen Ausbeutung unvereinbar ist.“ (<em>Fourth International</em>, <a href="https://www.marxists.org/history/etol/document/fi/1938-1949/ww/1944-ww07.htm">Vol. 5, Nr. 11</a>, Dezember 1944).</p>
</blockquote>



<p>Dem hielten Morrow und Goldman entgegen, dass die Bourgeoisie durchaus in der Lage sei, mittels bürgerlich-demokratischer Methoden die europäische Revolution aufzuhalten. Sie waren außerdem der Meinung, dass angesichts der Erfolge der Roten Armee der Stalinismus nicht geschwächt würde, wie es die Führer der SWP behaupteten, sondern gestärkt. Zudem waren sie der Meinung, dass die Vierte Internationale energisch für demokratische und Übergangsforderungen kämpfen müsse.</p>



<p>Morrow und Goldman hatten sowohl recht damit, eine Revision der Perspektive von 1938 zu fordern, als auch mit ihrer Kritik an den Führern der SWP. Allerdings tasteten sie sich noch an eine alternative Perspektive heran.</p>



<p>Angesichts der Schwäche der trotzkistischen Kräfte argumentierten Morrow und Goldman schließlich, die trotzkistischen Gruppen sollten in die Massenorganisationen eintreten. Doch da es in diesen Organisationen weder eine Gärung gab, noch sich oppositionelle Massenströmungen entwickelten, fehlte die Grundlage für einen solchen Ansatz.</p>



<p>Die Position von Morrow-Goldman mag ihre Schwächen gehabt haben. Aber wenigstens versuchten sie, die Situation neu einzuschätzen, nachdem sich der Krieg in seiner eigentümlichen Weise entwickelt hatte. Ihre Position wies auf jeden Fall in vielerlei Hinsicht in die richtige Richtung. Ihr Problem war, dass sie sich in der SWP in einer kleinen Minderheit befanden, während in der Partei das Cannon-Regime herrschte. Wenn es in der SWP ein gesundes Regime gegeben hätte, hätte man demokratisch ihre Ideen diskutieren und auf dieser Grundlage zu einer besseren Position finden können.</p>



<p>Auf jeden Fall war ihre Position tausendmal richtiger als die der Cannon-Führung.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Das Cannon-Regime</strong></p>



<p>Doch die Cannon-Führung beharrte stur auf ihrer Linie und wiederholte schlicht Trotzkis Perspektive von 1938. Trotz der veränderten Bedingungen leugneten sie die Realität und steckten den Kopf in den Sand. Cannon ging sogar so weit, zu leugnen, dass der Zweite Weltkrieg 1945 zu Ende gegangen war.</p>



<p>Die britische RCP trat gegen diesen Unsinn auf. Das konnte Cannon nicht dulden. Er verurteilte sowohl Morrow/Goldman als auch die RCP.</p>



<p>Auf einer Sitzung des Nationalkomitees der SWP am 6./7. Oktober 1945 eröffnete Cannon seinen Generalangriff. Seine vor Gift triefende Rede endete mit den Worten:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Ihr seid in einem Block und schämt euch schon offen dafür, aber wir werden diesen Block und alles, was dazugehört, entlarven. Und wir werden den Kampf in die Internationale tragen. Ihr könnt euren Block ruhig aufstellen. Wir werden mit den Leuten arbeiten, die an die gleichen Prinzipien, das gleiche Programm und die gleichen Methoden glauben wie wir. Und wir werden das ausfechten und sehen, was in der Internationale passiert.“ (<em>Cannon, Writings &amp; Speeches, 1945–47</em>, S. 181–183)</p>
</blockquote>



<p>Am Ende, nach ständigen Schikanen und Mobbing, wurde Goldman hinausgedrängt und Morrow 1946 aus der SWP ausgeschlossen.</p>



<p>In eben dieser Sitzung griff Cannon die RCP an und gab zu, dass er während seiner Zeit in der Führung der amerikanischen KP neun Jahre lang ein Anhänger Sinowjews gewesen sei. „Ich, wie jeder andere Führer der amerikanischen Partei in diesen Tagen, könnte als Sinowjewist bezeichnet werden“, räumte er ein. Das war eine sehr schlechte Schule. Was er dort gelernt hatte, blieb ihm bis zum Ende.</p>



<p>Die Methoden, die in der SWP üblich waren, unterschieden sich deutlich vom demokratischen Regime in der britischen Sektion. In der RCP war die große Mehrheit bemüht, zu einer Neueinschätzung der Situation in Großbritannien zu kommen. Ihre Partei ermutigte sie dazu, solche Ideen zu entwickeln, stellte ihnen keine bürokratischen Hindernisse in den Weg und verleumdete sie nicht für „Skeptizismus“.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Eine bahnbrechende Analyse</strong></p>



<p>In der Internationale konnte die RCP als einzige Sektion die veränderte Situation richtig einschätzen. Ted Grant machte deutlich, dass die Lage völlig anders war als 1940 angenommen. Die neue Situation warf unerwartete und schwierige theoretische Probleme auf, die beantwortet werden mussten. Teds bahnbrechende Analyse <em>– Das veränderte Kräftegleichgewicht in Europa </em>[erschienen in „In Verteidigung des Marxismus“ Nr. 16, Anm. d. Ü.] <em>– </em>wurde vom Zentralkomitee der RCP im März 1945 beschlossen.</p>



<p>Darin erklärte er, dass es im Westen Europas nun die reale Möglichkeit einer relativen politischen Stabilisierung gebe. Die von Trotzki richtig vorhergesagte revolutionäre Welle war durch die stalinistischen und sozialdemokratischen Führungen verraten worden.</p>



<p>In Italien und Frankreich traten sie in bürgerliche Regierungen ein, um den Kapitalismus zu retten. Die Kräfte der Vierten Internationale waren leider zu schwach, um das zu verhindern. Auf dieser Grundlage entstand, was Ted Grant als „Konterrevolution in ‚demokratischer‘ Form“ bezeichnete.</p>



<p>Er schrieb:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Nach dem letzten Krieg wurde der Kapitalismus von der Sozialdemokratie gerettet. Heute gibt es zwei Verräter-‚Internationalen‘ im Dienst des Kapitals – den Stalinismus und die Sozialdemokratie.</p>



<p>&#8230;</p>



<p>„Um in Europa die ‚Ordnung‘ wiederherzustellen und die Herrschaft des Kapitals zu festigen, muss der angloamerikanische Imperialismus komplizierte und geschickte Manöver finden. Es wird fürs Erste nicht einfach sein, die Massen einfach niederzuschlagen. Man wird sie mit Phrasen über ‚Fortschritt‘, ‚Reformen‘ und ‚Demokratie‘ als Gegenentwurf zur totalitären Schreckensherrschaft verführen müssen.“</p>



<p>Zur Frage des Schicksals der Sowjetunion argumentierte er, dass die Kriegsmüdigkeit vor allem in Europa, kombiniert mit der Bewunderung und Unterstützung für die Rote Armee und die Sowjetunion ein Angriff der Alliierten auf die UdSSR in der unmittelbaren Nachkriegszeit äußerst schwierig, wenn nicht sogar völlig unmöglich gewesen wäre.</p>
</blockquote>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>Ted entwickelte diese Gedanken in <a href="https://tedgrant.org/archive/grant/1945/10/character.htm"><em>The Character of the European Revolution</em></a>, veröffentlicht im Oktober 1945:</p>
</blockquote>



<p>„Eine ‚demokratische‘ Phase in Europa ergibt sich nicht aus dem objektiven Bedürfnis nach einer Phase der demokratischen Revolution, sondern wegen des Verrats der alten Arbeiterorganisationen … Nur die Schwäche der revolutionären Partei und die konterrevolutionäre Rolle des Stalinismus haben dem Kapitalismus eine Atempause verschafft. Da es praktisch unmöglich ist, mit den Methoden faschistischer oder militärischer Diktatur zu herrschen, bereitet sich die Bourgeoisie darauf vor, einstweilen auf die bürgerlich-demokratische Manipulation ihrer stalinistisch-reformistischen Agenten umzuschalten. Das stellt keine demokratische Revolution dar, sondern im Gegenteil eine präventive, demokratische Konterrevolution gegen das Proletariat.“</p>



<p>So konnte die RCP die bedeutenden Veränderungen erkennen und verstehen, die sich anbahnten. Bereits Anfang 1945 hatte sie grundlegende politische Differenzen mit der internationalen Führung entwickelt, die sich als unfähig erwies, das neue Kräfteverhältnis zu begreifen und die Bewegung mit einer neuen Perspektive auszustatten.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Die internationale Führung klammert sich an die alte Position</strong></p>



<p>Die Behauptung, die bürgerliche Demokratie sei in Europa unmöglich geworden, kam nicht nur von der SWP. Eine europäische Konferenz, die im Februar 1944 in Frankreich stattfand und von Gruppen aus Frankreich, Belgien, Griechenland und Spanien besucht wurde, verabschiedete ebenfalls ein Dokument, das die Linie der SWP hinsichtlich der Perspektiven für Europa unterstützte.</p>



<p>Ein Fehler ist natürlich keine Tragödie, wenn er korrigiert wird. Bleibt das aber aus, führt er zu immer weiteren Fehlern. So werden die Fehler dann zu einer Tendenz.</p>



<p>So geschah es auch. Cannon verkündete, nur die erste „Etappe“ des Krieges sei vorüber und die Imperialisten seien schon aktiv dabei, die zweite Etappe – einen dritten Weltkrieg – vorzubereiten. Polternd töste er vom bevorstehenden imperialistischen Krieg gegen die Sowjetunion.</p>



<p>Diese Linie über einen unmittelbar bevorstehenden Krieg gegen die Sowjetunion wurde dann ständig und immer lauter wiederholt.</p>



<p>Sie ergab sich auch logisch aus der falschen Position, die Sowjetunion sei durch den Krieg geschwächt worden. Tatsächlich war der Stalinismus, in militärischer Hinsicht ebenso wie hinsichtlich seines Ansehens in den Augen der breiten Massen in aller Welt, kolossal gestärkt.</p>



<p>Im März 1945 schrieb Ted Grant: <em>„Die bei weitem schwerwiegendste Veränderung von weltweiter Bedeutung ist die neue Rolle der Sowjetunion, die zum ersten Mal in der Geschichte die größte Militärmacht in Europa und Asien ist.“</em></p>



<p>Doch die SWP-Führung trieb ihren Fehler noch weiter. Angesichts der angenommenen „Schwäche des Stalinismus“ behauptete sie, es sei nicht einmal mehr eine militärische Intervention nötig, um den Kapitalismus in der Sowjetunion wiederherzustellen, sondern es genügten dafür jetzt „allein der kombinierte ökonomische, politische und diplomatische Druck und die Drohungen des amerikanischen und britischen Imperialismus.“ (Zitiert im internen Bulletin der RCP, 12. August 1946.)</p>



<p>Ein lächerlicher Irrtum führte zum nächsten.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Ökonomische Perspektiven</strong></p>



<p>Diese „Führer“ leugneten dann jegliche Möglichkeit eines wirtschaftlichen Aufschwungs in Europa.</p>



<p>ER Frank (Bert Cochran) eröffnete den 12. Parteitag der SWP im November 1946 mit den Worten:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Unter den gegenwärtigen Bedingungen wird die Erholung und der Wiederaufbau in Europa nur in sehr langsamem Tempo verlaufen; die Erfolge werden äußerst schwach sein; selbst das Vorkriegsniveau wird nicht erreicht werden; unter amerikanischer Vormundschaft ist die europäische Wirtschaft zum Stillstand und Verfall verurteilt.“ (<em>Fourth International</em>, <a href="https://www.marxists.org/history/etol/document/swp-us/12thconvention/01.htm">Vol. 8, Nr. 1</a>, Januar 1947)</p>
</blockquote>



<p>In Wirklichkeit war schon deutlich zu sehen, dass die wirtschaftliche Erholung begonnen hatte.</p>



<p>Im September 1947 unterstützte Ernest Mandel als „Chefökonom“ der Internationale die von Healy geführte Minderheit gegen die Mehrheit der RCP mit der Argumentation, sie müsse jetzt „unverzüglich das Gerede über einen Aufschwung einstellen, der jetzt nicht stattfindet und den der britische Kapitalismus auch nie wieder erleben wird.“</p>



<p>Er gab des Weiteren zu Protokoll:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Wenn die Genossen der RCP-Mehrheit ihre eigene Definition ernst nehmen würden, müssten sie folgerichtig zu dem Schluss kommen, dass wir ÜBERALL IM KAPITALISTISCHEN EUROPA vor einem ‚Aufschwung‘ stehen, denn in all diesen Ländern expandiert die Produktion.“ (E. Germain, <a href="https://www.marxists.org/archive/mandel/1947/11/abc-reading.html"><em>From the ABC to Current Reading: Boom, Revival or Crisis?</em></a>, im internen Bulletin der RCP, September 1947, Hervorhebung im Original.)</p>
</blockquote>



<p>Solche Argumente waren schlicht eine Neuauflage der stalinistischen Positionen aus der Dritten Periode, die den Unsinn von der „Endkrise des Kapitalismus“ propagierten.</p>



<p>Im April 1946 wurde in Paris eine internationale Vorkonferenz organisiert, bei der 15 Gruppen vertreten waren. Für die RCP-Mehrheit war Haston anwesend, für die Minderheit Healy und Goffe.</p>



<p>Der <a href="https://www.marxists.org/history/etol/newspape/win/vol06/no10/resolution.htm">Entwurf der IS-Resolution zur Vorkonferenz</a>, der von der Healy-Minderheit in Großbritannien unterstützt wurde, erklärte:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Die Wiederbelebung der wirtschaftlichen Aktivität in den durch den Krieg geschwächten kapitalistischen Ländern, insbesondere in den kontinentaleuropäischen Staaten, wird sich durch ein besonders langsames Tempo auszeichnen, das ihre Wirtschaft auf einem Niveau hält, das an Stagnation und Krise grenzt.“</p>
</blockquote>



<p>Tatsächlich bestand ihre Position darin, dass die Produktion ihr Niveau von 1938 nicht mehr überschreiten würde. Das geschah aber bald, und dann stieg sie noch viel weiter.</p>



<p>Die Resolution wiederholte alle Fehler der früheren Entwürfe und übernahm die Position der amerikanischen SWP. Sie betonte, dass es keine Periode der bürgerlichen Demokratie, sondern nur noch Bonapartismus geben würde, dass ein Aufschwung ausgeschlossen war und dass Russland in naher Zukunft die Konterrevolution drohte, womöglich gar durch friedliche, diplomatische Mittel.</p>



<p>Nur die RCP-Mehrheit stellte sich diesem Unsinn entgegen. Der Kapitalismus erlebte keine Überproduktionskrise, sondern das Gegenteil, eine Unterproduktionskrise. Deshalb war ein zyklischer Aufschwung unvermeidlich. In ihrem <a href="https://marxist.com/economic-perspectives-fourth-international.htm">Änderungsantrag zur Resolution der Vorkonferenz</a> erklärte die RCP:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Alle Faktoren auf europäischer und weltweiter Ebene deuten darauf hin, dass die wirtschaftliche Entwicklung in Westeuropa in der kommenden Periode nicht von ‚Stagnation und Krise‘, sondern von Wiederbelebung und Aufschwung geprägt sein wird.“</p>
</blockquote>



<p>Doch alle Änderungsanträge der RCP zu diesen Fragen, die eine Korrektur der IS-Position anstrebten, wurden mit überwältigender Mehrheit abgelehnt.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Militärdiktaturen</strong></p>



<p>Unvermeidlich hatten diese falschen Vorstellungen und Perspektiven des IS einen desorientierenden und schädlichen Effekt auf die schwachen europäischen Sektionen der Internationale. Die französische Sektion etwa, die glaubte, dass die bürgerliche Demokratie unhaltbar sei, weigerte sich eine ganze Zeit lang nach der Ankunft der alliierten Truppen, aus der Illegalität zu kommen, weil sie fürchtete, von Repressionen getroffen zu werden. Pierre Frank, der sich wieder in die Bewegung geschlichen und zum Führer der Parti Communiste Internationaliste (PCI) aufgeschwungen hatte, war von dieser Theorie so überzeugt, dass er behauptete, Frankreich befinde sich nicht erst 1946, sondern schon seit 1934 unter bonapartistischer Militärherrschaft!</p>



<p>Frank wurde auch Mitglied des IS. Er verkündete, der Gedanke einer „demokratischen Konterrevolution“ sei „inhaltsleer“.</p>



<p>In <a href="https://tedgrant.org/archive/grant/1946/08/frank.htm"><em>Demokratie oder Bonapartismus in Europa – Antwort an Pierre Frank</em></a> (August 1946) antwortete ihm Ted. Er erklärte, Frank könnte „dann allerdings schwer erklären, was die Weimarer Republik war, die von der Sozialdemokratie in Deutschland aufgebaut wurde.“ Er zerlegte Franks Argumente Punkt für Punkt. „Die Ereignisse haben die Richtigkeit dieser Analyse bestätigt. Frank gesteht den Fehler seiner Perspektive nicht ein, sondern stellt sich der Realität entgegen und versucht, aus der Not eine Tugend zu machen.“</p>



<p>Ted stellte fest: „Das Statement des IS von 1940 war falsch. <em>Wir haben den gleichen Fehler gemacht</em>. Das war damals verzeihlich. Aber 1946 einen Fehler zu wiederholen, der 1943 schon offensichtlich war, ist unverzeihlich.“ (Hervorhebung von uns.)</p>



<p>Dieser Beitrag von Ted Grant war eines der Hauptwerke, die den Trennungsstrich zwischen der Methode und dem Zugang des genuinen Marxismus und dem kleinbürgerlichen Eklektizismus des Internationalen Sekretariats zogen.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Pierre Frank</strong></p>



<p>Es ist wichtig, den politischen Hintergrund dieses Menschen und Trotzkis Haltung zu ihm zu verstehen. Ende 1935 brachen Molinier und Frank mit der trotzkistischen Bewegung und gründeten ihre sogenannte Massenzeitung. Am 3. Dezember 1935 schrieb Trotzki in einem Brief:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Es gibt in der Haltung von Molinier und Frank gar keinen anderen politischen Inhalt. Sie kapitulieren vor der Welle des Sozialpatriotismus und der Rest sind einfach Phrasen, wertlos in den Augen jedes ernsthaften Marxisten …</p>



<p>Ein offener und ehrlicher Bruch wäre hundertmal besser als zweideutige Zugeständnisse an Leute, die vor der patriotischen Welle kapitulieren.“ (<em>The Crisis of the French Section</em>, S. 103)</p>
</blockquote>



<p>Und in einem Brief vom 4. Dezember 1935 verurteilte Trotzki Pierre Frank ganz unzweideutig für dessen „Aufgabe von Prinzipien“. Er schrieb:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Wir kämpfen konsequent gegen die Pierre Franks in Deutschland und Spanien, gegen die Skeptiker und gegen die Abenteurer, die Wunder vollbringen wollten (und sich dabei den Hals brachen).“ (ebenda, S. 106f.)</p>
</blockquote>



<p>Trotzki bestand darauf, dass Frank ausgeschlossen werden musste und warnte ausdrücklich davor, ihn wieder in die Reihen der Opposition aufzunehmen. Nach dem Krieg jedoch unterstützte Frank in Großbritannien Healy innerhalb der RCP, bis er nach Frankreich zurückkehrte und sich wieder seiner Gruppe, der PCI, anschloss. Er wurde Delegierter auf der Konferenz von 1946 und schaffte es, ins IS gewählt zu werden. Auf diese Weise schummelte er sich trotz Trotzkis ernsthafter Einwände wieder in die Vierte Internationale zurück.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Pablos diplomatischer Deal</strong></p>



<p>Cannons Haltung gegenüber dem neugegründeten IS in Europa bestand darin, es von amerikanischen Angelegenheiten fernzuhalten. Er wollte die Amerikaner von äußerer Einmischung abschirmen.</p>



<p>Wie Cannon später selbst erklärte:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Unsere Beziehungen zur Führung in Europa waren damals von engster Zusammenarbeit und Unterstützung geprägt. Zwischen uns herrschte eine grundsätzliche Übereinstimmung. In unserer Partei waren diese Leute unbekannt. Niemand hatte je von ihnen gehört. Wir halfen, die einzelnen Führer bekannt zu machen, empfahlen sie unseren Mitgliedern und trugen dazu bei, ihr Prestige zu stärken. Wir taten dies erstens, weil wir grundsätzlich übereinstimmten, und zweitens, weil wir erkannten, dass sie unsere Unterstützung brauchten. Sie mussten sich ihre Autorität erst noch erarbeiten – nicht nur bei uns, sondern international. Und die Tatsache, dass die SWP sie in allen Fragen unterstützte, stärkte ihre Position erheblich und half ihnen bei ihrer Arbeit.“</p>
</blockquote>



<p>Er fügte dann hinzu:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Tatsächlich haben wir sogar viele Differenzen kleingeredet, die wir mit ihnen hatten …“ (<em>Cannon, Speeches to the Party</em>, S. 73)</p>
</blockquote>



<p>Kein Wunder also, dass Cannon nun den frischgewählten Sekretär der Internationale, Michel Pablo, dafür lobte, diesen Spirit zu verkörpern. „Ein fleißiger Schriftsteller, wie ich meine“, so Cannon. „Aber er gibt uns keine persönlichen Anweisungen. Er schreibt keine persönlichen Briefe, um die SWP zu kritisieren, zu loben oder ihr zu sagen, was sie tun soll.“</p>



<p>Mit Unterstützung der SWP wurde Michel Pablo (Raptis) 1946 auf der internationalen Vorkonferenz zum Sekretär des neugegründeten IS gewählt. Von diesem Zeitpunkt an war er Cannons Mann in Europa. Nachdem er 1947 eine Reise nach New York gemacht hatte, war er in dieser Rolle endgültig zementiert.</p>



<p>Auf dieser Reise begleitete ihn Sam Gordon, der SWP-Vertreter in Europa. Es steht außer Frage, dass „Diplomatie“ der Grund für diese Reise war, und kein Wunder, dass Pablo sich über die Details ausschwieg. Die Reise sollte die Beziehungen zwischen dem IS in Paris und Cannon in New York festigen. Fortan marschierten sie im Gleichschritt auf einem Weg, der die Vierte Internationale ins vollständige Desaster führte.</p>



<p>Anfang Februar 1947 schrieb Cannon an das Nationalkomitee der SWP, dass „die SWP keine Spielchen in Disziplinarfragen mehr dulden wird und dass Einheitsmanöver [mit der Workers Party von Shachtman] künftig kategorisch abgelehnt und ausgeschlossen sind …“ Dann schilderte er den Besuch Pablos:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Wie ihr wisst, hatten wir Besuch von Ted [Sam Gordon] und Gabe [Michel Pablo]. Wir haben mit ihnen einige neue Schritte diskutiert und vorbereitet, die alle Zweideutigkeiten beenden und sämtliche Fragen im Zusammenhang mit dem für Herbst endgültig angesetzten Weltkongress auf den Punkt bringen und einer definitiven Klärung zuführen sollen …</p>



<p>Die Informationen, die uns Gabe [Pablo] und Ted [Gordon] gegeben haben, machen klar, dass die echte orthodox-marxistische Strömung auf dem Kongress in allen Streitfragen über eine sichere Mehrheit verfügt. Dieser Sieg des authentischen Trotzkismus in der Weltbewegung wurde durch frühere Erfahrungen und Diskussionen vorbereitet.“</p>
</blockquote>



<p>In seiner typischen Art und Weise stellte er also klar:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Wer die Beschlüsse des Kongresses akzeptiert und sich verpflichtet, sie praktisch umzusetzen, kann in der Organisation bleiben. Wer sie nicht akzeptiert, ist automatisch ausgeschlossen. Wer sie vielleicht unaufrichtig ‚akzeptiert‘ und dann bricht, wird ausgeschlossen.“ (Cannon, <em>Writings 1945-47</em>, S. 323-324.)</p>
</blockquote>



<p>Mit „neuen Schritten“ meint Cannon offensichtlich Maßnahmen zur Vertreibung jeglicher Opposition („Spielchen“) – als Teil eines internationalen Deals gegen die RCP-Mehrheit. Die Taktik sollte die RCP spalten und zur Anerkennung zweier Sektionen in Großbritannien führen: Eine Mehrheit unter Haston und Grant und eine Minderheit unter Healy. Gegen Demaziere und Craipeau, die Oppositionsführer in Frankreich, wurden dieselben Methoden eingesetzt.</p>



<p>Die RCP-Führung in Großbritannien behielt in allen fundamentalen Fragen recht. Für die „Führer“ der Vierten mit ihrer Prestigepolitik war das unerträglich. Das britische „Problem“ musste unverzüglich gelöst werden. Also verschworen sich Cannon, Pablo, Mandel, Frank und ihre Gefolgsleute ab 1945, um die RCP zu zerstören – die bei weitem vorausschauendste aller Sektionen der Vierten Internationale. Die politische Linie dieser Partei hätte die Bewegung erfolgreich neu bewaffnen und die Vierte Internationale vor dem Untergang retten können.</p>



<p>Genau dieser Umstand aber war für die sogenannten Führer der Internationale schwer zu verdauen. Besonders Cannon hasste es, widerlegt zu werden. Das passierte ihm in zahlreichen Fragen. In einem Brief an Healy umriss Cannon seine Ansichten:</p>



<p>„Das gesamte Haston-System musste gesprengt werden, bevor in England überhaupt eine wirkliche trotzkistische Organisation entstehen konnte. Das Traurigste daran, was bis heute zu bedauern ist, ist, dass die Anerkennung dieser simplen Notwendigkeit so lange aufgeschoben wurde.“<br>(Cannon an Healy, 5. September 1953, ebenda, S. 262.)</p>



<p>In seinen Augen musste nicht nur die RCP, sondern jede Opposition „gesprengt“ werden. Dieser verbrecherische Plan, die RCP zu zerstören, wurde umso dringlicher, als die „Führer“ der Vierten jeden nur denkbaren Fehler machten – und noch mehr.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Entrismus</strong></p>



<p>Cannon stand in regelmäßigem Kontakt mit Healy in Großbritannien. In Healys eigenen Worten:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Die SWP-Mitglieder waren uns in der Zeit zwischen 1943 und 1949 beim Kampf gegen die Haston-Clique besonders hilfreich. Die Gruppe, die die Mehrheit der englischen trotzkistischen Organisation stellte, wurde im Wesentlichen von Haston, seiner Frau Mildred Haston und Ted Grant geführt.“ (Healy, ‘Problems of the Fourth International’, August 1966, in Trotskyism versus Revisionism, vol.4, p.298)</p>
</blockquote>



<p>Also war Gerry Healy ein Geschöpf Cannons, der seine Manöver intensivierte, um eine „Anti-Führungs“-Fraktion in der RCP aufzubauen, die sich nur auf konstruierte Differenzen stützte. Auf der RCP-Konferenz 1945 schlug Healy vor, die offene Partei aufzugeben und in die ILP zu gehen. Diese Idee hatte er von Pierre Frank.</p>



<p>Angesichts der systematischen Säuberung der ILP von Trotzkisten [1943-1945] kam dieser Vorschlag nicht an und Healy ließ ihn stillschweigend wieder fallen. Bald darauf kam er leichtfertig auf eine andere Idee: Entrismus in der Labour Party. Die klassischen Bedingungen für entristische Arbeit, die Trotzki aufgestellt hatte, waren allerdings mitnichten erfüllt:</p>



<ol class="wp-block-list">
<li>Eine vorrevolutionäre oder revolutionäre Krise;</li>



<li>Gärung in einer der Massenorganisationen;</li>



<li>Kristallisierung einer linken oder zentristischen Strömung darin; sowie</li>



<li>Potential für die rasche Herausbildung einer revolutionären Strömung.</li>
</ol>



<p>Nichts davon lag vor, doch Healy ließ sich nicht beirren und behauptete einfach, dass die Bedingungen sich schon bald entwickeln würden, da Großbritannien unmittelbar vor einem apokalyptischen Wirtschaftseinbruch stehe. Seine Perspektive war ein Abklatsch der Position des IS und absolut falsch.</p>



<p>Die Führer der RCP waren der Ansicht, es stehe keineswegs ein Wirtschaftseinbruch bevor. Vielmehr sei „der britische Kapitalismus in einer weitaus stabileren Situation, als die Kapitalisten, Reformisten und selbst die Trotzkisten als unmittelbares Ergebnis des Krieges erwartet hatten …“</p>



<p>Anders als 1929-31 setzte die Labour-Regierung ihr reformistisches Programm tatsächlich um. Das stärkte wiederum die Ideen des Reformismus. Folglich gab es für die absehbare Zeit keine Perspektive eines linken Massenflügels oder einer Gärung in der Labour Party. Daraus ergab sich, dass nicht der Entrismus in der Labour Party, sondern das Hochhalten des Banners der offen revolutionären Partei die zu verfolgende Taktik war. Selbst Van Gelderen, der an der Spitze einer kleinen Gruppe von RCP-Genossen stand, die in der Labour Party Fraktionsarbeit machten, um ein Auge auf die Entwicklungen dort zu haben, lehnte eine allgemeine entristische Taktik ab.</p>



<p>Den Führern der RCP waren aber auch die kommenden Schwierigkeiten klar. „Die unausweichliche Krise wird nicht unmittelbar kommen. Sie wird sich verzögern“, erklärte das Editorial des Theoriemagazins. „Die Orientierung und Strategie der Revolutionary Communist Party stützen sich fest auf die langfristige Perspektive von Krise und Niedergang, aber wir erkennen auch klar und deutlich den unmittelbaren konjunkturellen Aufschwung.“ (Editorial Notes, <em>Workers‘ International News</em>, Sept.-Oct. 1946)</p>



<p>Healy war jede Frage recht, um die RCP-Führung anzugreifen und, wie er hoffte, zu schwächen. Unverrückbar hinter ihm stand dabei die internationale Führung – und Cannon hinter ihr.</p>



<p>So verabschiedete das Internationale Exekutivkomitee (IEK) also im Juni 1946 eine Resolution, die darauf drängte, „den größten Teil der Kräfte der RCP in der Labour Party zu konzentrieren, um geduldig einen organisierten linken Flügel aufzubauen“. Die RCP sollte „die praktische Möglichkeit ausloten, in diese Partei einzutreten“. Nur der Delegierte der RCP stimmte dagegen.</p>



<p>Wie man sieht, verschob sich die Argumentation. Man sollte nicht mehr in der Parteilinken <em>intervenieren</em>, sondern <em>sie aufbauen</em>. Es gab eben gar keine Linke in der Labour Party. So entstand der falsche Gedanke, dass Trotzkisten die Linke aufbauen sollen.</p>



<p>Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, begann Healy die alten Verleumdungen Cannons wieder aufzuwärmen: Die alten Führer der WIL hätten sich „insularer nationaler Abweichungen“ schuldig gemacht, als sie es 1938 verweigerten, der RSL beizutreten. Man müsse daher diese „anti-internationalistische“ RCP-Führung entfernen und eine neue einsetzen, die loyaler und eher auf der Linie der Internationale sei.</p>



<p>Für den Entrismus trommelnd gewann Healy mit dem vollen Rückhalt der Internationale die Unterstützung von etwa 25% der RCP-Mitglieder. Doch dann waren die Fraktionsgrenzen abgesteckt und das Potential für ihn ausgeschöpft. 1946 und 1947 brachte er es nur auf sieben Delegierte für den sofortigen, gesamthaften Eintritt in die Labour Party, während 28 die Mehrheit unterstützten.</p>



<p>Im Sommer 1947 schlug Healys Fraktion also vor, die Partei zu spalten, damit die Minderheit ihren eigenen Entrismus betreiben konnte. Die Frage wurde dann im September im IEK behandelt, das mit voller Unterstützung des IS Healys Vorschlag annahm.</p>



<p>Wenige Wochen später akzeptierte eine Sonderkonferenz der RCP diese Entscheidung unter Protest. Cannons „neue Schritte“ hatten Erfolg.</p>



<p>Es dauerte jedoch mehr als ein Jahr – bis Dezember 1948 –, bis Healy mit <em>Socialist Outlook</em> eine eigene Zeitung herausbrachte, die moderate linksreformistische Positionen vertrat, um damit einen „linken Flügel“ aufzubauen. Diese Politik nannte man später „Tiefenentrismus“ („deep entrism“).</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Der Zweite Weltkongress</strong></p>



<p>Der zweite Weltkongress fand im April 1948 in Belgien statt, mit Delegierten aus 19 Ländern. Und noch einmal stellte die Führung eine völlig falsche Perspektive über Wirtschaftseinbruch, Faschismus und Weltkrieg vor. Die Hauptresolution behauptete:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„In Abwesenheit einer revolutionären Situation droht die verschärfte Krise des Kapitalismus erneut zu Faschismus und Krieg zu führen – was diesmal die Existenz und Zukunft der gesamten Menschheit gefährden würde.“<br>(<em>Weltlage und Aufgaben der Vierten Internationale, Resolution des Zweiten Weltkongresses der Vierten Internationale, Paris, April 1948;</em> <a href="https://www.marxists.org/history/etol/document/fi/1938-1949/fi-2ndcongress/1948-congress03.htm">marxists.org-Link</a>)</p>
</blockquote>



<p>Diese Perspektive von Atomkrieg und Faschismus war typisch für Cannon, Pablo, Mandel und Frank. Die Vision von 1938 – nur noch apokalyptischer – musste um jeden Preis aufrechterhalten werden. Die Erfahrungen des Weltkriegs und seine Folgen blieben diesen Leuten ein Buch mit sieben Siegeln.</p>



<p>Ein weiteres völliges Desaster, das diese sogenannten großen „Theoretiker“ anrichteten, betraf Osteuropa und die dort ablaufenden Entwicklungen.</p>



<p>Nach den Siegen der Roten Armee errichteten die Stalinisten dort befreundete Regime, sogenannte „Volksdemokratien“ – die später als „Pufferstaaten“ bekannt wurden. Sie setzten ihre Marionetten als feste Machthaber ein. Während die Vierte Internationale die Sowjetunion weiterhin als deformierten Arbeiterstaat verteidigte, stellte sich nun die Frage: Was war der Klassencharakter dieser Pufferstaaten?</p>



<p>Bereits im März 1945 erklärte Ted Grant, dass Stalin in diesen Gebieten den Kapitalismus beibehalten hatte. Doch angesichts der Instabilität war auch eine andere Variante möglich. Er stellte die Perspektive auf, dass im Lauf der Ereignisse entweder die Beibehaltung des Kapitalismus in Osteuropa zur Wiederherstellung des Kapitalismus in Russland führen würde; „oder die Bürokratie wird gegen ihren eigenen Willen gezwungen sein, das Risiko einzugehen, ihre gegenwärtigen imperialistischen Verbündeten zu verärgern und die Verstaatlichung der Industrie in den dauerhaft besetzten Ländern in Angriff zu nehmen – möglichst administrativ, von oben und ohne Beteiligung der Massen.“</p>



<p>Die Führung der RCP hatte den Klassencharakter Russlands nach dem Krieg neu diskutiert und dabei sogar die Theorie des bürokratischen Kollektivismus in Erwägung gezogen, die Shachtman aufgestellt hatte, und der zufolge die Bürokratie zu einer neuen herrschenden Klasse geworden war. Nach gründlicher Überlegung nahm man aber wieder Abstand davon. Die Sowjetunion war und blieb ein ungeheuerlich deformierter Arbeiterstaat.</p>



<p>Natürlich schaffte es die „Führung“ der Vierten nicht, zu verstehen, was in Osteuropa vor sich ging. Zuerst nannten sie diese Staaten kapitalistisch. Das IS machte sich lustig über die Prognose der RCP, dass sie zu deformierten Arbeiterstaaten werden könnten.</p>



<p>Noch Jahre später verzerrte Cannon, was die Genossen der RCP damals sagten. Er schrieb Anfang 1953 in einem Brief an Farrell Dobbs:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Zu Beginn der Nachkriegszeit war die Haston-Bande ganz fasziniert von der Ausbreitung des Stalinismus. Sie dachten, darin ‚die Welle der Zukunft‘ zu erkennen. Sie haben sogar jedem Landstrich, den die Rote Armee besetzte, im selben Moment den Ehrentitel ‚Arbeiterstaat‘ verliehen.“</p>
</blockquote>



<p>Wie immer war Cannons Beschreibung der RCP-Position eine völlige Verzerrung. Die RCP hatte nie argumentiert, dass der Einzug der Roten Armee in Osteuropa die besetzten Länder zu Arbeiterstaaten gemacht hätte.</p>



<p>Sie argumentierte im Gegenteil, dass die „Volksdemokratien“ immer noch kapitalistische Regime waren. Stalin hatte anfänglich keinerlei Absicht, die Kapitalisten zu enteignen. Er befahl den Kommunistischen Parteien, Koalitionsregierungen mit den Bürgerlichen zu bilden. Doch in Wahrheit waren das keine Koalitionen mit der Bourgeoisie, die gemeinsam mit den Nazibesatzern die Flucht ergriffen hatte. Es waren Koalitionen mit dem „Schatten der Bourgeoisie“. Die wahre Macht war in den Händen der Stalinisten und der Roten Armee. Dieses wacklige Bündnis hielt nicht lange.</p>



<p>Als die amerikanischen Imperialisten begannen, die Marshallhilfe einzusetzen, um die alte Ordnung wieder aufzubauen und den „Schatten“ etwas Substanz zu verleihen, mussten die Stalinisten handeln. Sie mussten sich auf die Massen stützen, um die Kapitalisten zu enteignen, aber auf bürokratische Weise. Sie bauten Regime nach dem Vorbild Moskaus auf.</p>



<p>Doch die Internationale wollte davon nichts wissen. Ironisch fragte Mandel Shachtman: „Glaubt [er] wirklich, es sei der stalinistischen Bürokratie gelungen, auf dem halben Kontinent den Kapitalismus zu stürzen?“ (<a href="https://www.marxists.org/archive/mandel/1946/11/shachtman.htm"><em>Fourth International</em></a><a href="https://www.marxists.org/archive/mandel/1946/11/shachtman.htm">, February 1947</a>)</p>



<p>Der ironische Tonfall der Frage setzt die Antwort schon voraus, zu der Mandel und die anderen Führer der Vierten gelangt waren: Von einem Sturz des Kapitalismus konnte überhaupt keine Rede sein. Der Thesenentwurf des IS für den Zweiten Weltkongress im April 1948 unterstreicht weiter den kapitalistischen Charakter der „Pufferstaaten“:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Der <em>kapitalistische</em> Charakter der Produktionsverhältnisse der Länder der ‚Pufferzone‘ und die grundsätzlichen Differenzen zwischen ihrer Wirtschaft und der russischen, selbst noch zur Zeit der NÖP, sind deutlich zu sehen.“</p>
</blockquote>



<p>Die Thesen drängten die Internationale dann in eine Ecke, indem sie jede Veränderung des Klassencharakters dieser Regime ausschlossen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Den kapitalistischen Charakter dieser Länder in irgendeiner Weise zu bestreiten, würde bedeuten, die revisionistische stalinistische Theorie zu akzeptieren, dass es historisch möglich wäre, den Kapitalismus durch ‚Terror von oben‘, ohne revolutionäres Eingreifen der Massen, zu beseitigen.“</p>
</blockquote>



<p>Sie fuhren fort:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Unsere Strategie muss fundamental davon bestimmt werden, dass in diesen Ländern der Kapitalismus mit der Ausbeutung durch die stalinistische Bürokratie koexistiert. Ihr kapitalistischer Charakter macht im Kriegsfall eine strenge, revolutionär-defätistische Taktik notwendig.“ (<a href="https://www.marxists.org/history/etol/newspape/fi/vol08/no09/russia02.htm">The Russian Question Today (Stalinism and the Fourth International) &#8211; Draft Theses Adopted by the International Secretariat of the Fourth International (November-December 1947)</a>)</p>
</blockquote>



<p>Die Plumpheit dieser Zeilen zeigt deutlich, wie unfruchtbar eine schematische und abstrakte Herangehensweise ist, die der Realität vorgefasste Vorstellungen aufzwingt, ohne den tatsächlichen Zustand der Dinge zu berücksichtigen.</p>



<p>Das steht in krassem Widerspruch zur dialektischen Methode, wie sie Trotzki anwandte, als er das Vorgehen der Stalinisten in Polen analysierte und zum korrekten Schluss kam, dass es durchaus möglich sei, dass die Stalinisten, ohne jegliche demokratische Beteiligung der Arbeiterklasse, neue Eigentumsverhältnisse nach dem Vorbild der verstaatlichten Wirtschaft der Sowjetunion einführen.</p>



<p>Wie so oft versuchten Mandel und Pablo in ihrer Resolution, sich abzusichern, indem sie erklärten: „Es ist nicht ausgeschlossen, dass ein bestimmtes Kräfteverhältnis eine wirkliche strukturelle Angleichung eines oder mehrerer Länder in der ‚Pufferzone‘ erforderlich macht“. So schafften sie es, gleichzeitig in verschiedene Richtungen zu argumentieren.</p>



<p>Um das Ganze noch undurchsichtiger zu machen, fügten sie hinzu, dass der Trend jedoch eindeutig nicht in diese Richtung gehe, der Privatsektor „nicht so orientiert“ sei und die stalinistische Bürokratie „neue und mächtige Hindernisse“ gegen eine solche Entwicklung errichte.</p>



<p>Im völligen Gegensatz zu diesem wirren Modell präsentierten die britischen Genossen ein Beispiel für Klarheit und politische Stringenz. Haston stellte auf dem Weltkongress 1948 die RCP-Änderungsanträge vor, die zu folgendem abgeändertem Text geführt hätten:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„… Die Ökonomien dieser Länder [der Pufferstaaten] werden an das Modell der Sowjetunion angepasst. (a) Die grundlegende Umwälzung der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse ist bereits vollzogen oder befindet sich im Prozess der Vollendung. (b) Die kapitalistische Kontrolle über Regierung und Staatsapparat ist bereits zerstört oder wird gerade beseitigt. (c) Dieser Angleichungsprozess ergibt sich notwendig und unausweichlich aus dem Klassencharakter der russischen Wirtschaft und aus dem Übergewicht des russischen Staates als vorherrschender Militärmacht in den bestehenden Verhältnissen…“ („Abänderungsanträge der RCP zu den Thesen über Osteuropa und Russland“, die nie von der SWP veröffentlicht wurden).</p>
</blockquote>



<p>Wie zu erwarten war, wurden diese Anträge größtenteils abgelehnt.</p>



<p>Das Siebte Plenum des IEK im April 1949 fand 12 Monate nach dem Prager Putsch statt und weigerte sich nach wie vor standhaft, zu sagen, dass der Kapitalismus in Osteuropa abgeschafft wurde. Es betrachtete die „Pufferstaaten“ als bürgerliche Staaten „besonderer Art“. In den unnachahmlichen Worten Pierre Franks: „So etwas wie ‚degenerierte bürgerliche Staaten‘“.</p>



<p>Ihr Versteckspiel um die Klassennatur der Pufferstaaten wurde so ausformuliert: „eine einzigartige Art hybrider Übergangsgesellschaft im Umwandlungsprozess, deren Merkmale noch so fließend und unbestimmt sind, dass es äußerst schwierig ist, ihr grundlegendes Wesen in eine knappe Formel zu fassen.“ (<a href="https://www.marxists.org/history/etol/document/swp-us/education/class-state/evolution.htm">Resolution des 7. Plenums</a>)</p>



<p>Nachdem er anerkennen musste, dass Verstaatlichungen stattgefunden hatten, verwarf Max Stein im Juli 1949 im Bericht an das Politische Komitee der SWP zur IEK-Resolution über Osteuropa weiterhin die Position der RCP: Er ging „nicht auf die Position der britischen RCP ein, da sie nichts Neues zur Diskussion beiträgt; ihre Sichtweise wurde bereits auf dem Weltkongress vorgestellt und dort mit überwältigender Mehrheit abgelehnt.“</p>



<p>Er schloss mit einem entlarvenden Bekenntnis zum theoretischen Bankrott der Mehrheit:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Statt vorschnell irgendwelche Schlüsse über den sozialen Charakter der Staaten Osteuropas zu ziehen, ist es weit besser, die weitere Entwicklung abzuwarten.“ (<a href="https://www.marxists.org/history/etol/document/swp-us/education/class-state/stein.htm">SWP, internal bulletin, vol. xi, no. 5, Oktober 1949</a>)</p>
</blockquote>



<p>Ein Wendepunkt kam dann mit der überraschenden Nachricht vom Bruch zwischen Tito und Stalin. Mandel versuchte in für ihn typischer Weise, sein „theoretisches“ Profil durch ein langes Dokument über den Klassencharakter Jugoslawiens und der „Pufferstaaten“ aufzupolieren. Es wurde im Januar 1950 in einem <a href="https://www.marxists.org/history/etol/document/fi/iib-1946-50/1-jan-1950-IIB.pdf">internen Internationalen Bulletin</a> veröffentlicht.</p>



<p>Er begann, indem er sagte, man müsse auf die Fakten schauen, um dann sämtliche bekannten Fakten zu ignorieren und einfach die falsche Position zu wiederholen, die „Pufferstaaten“ seien kapitalistische Staaten, aber „im Übergang“. Diese endlosen Qualifikationen und Nachsätze sind typisch für Mandels unehrliche Methode, die auf eine ständige doppelte Buchführung hinausläuft.</p>



<p>Mandel griff die RCP indirekt an, indem er ihr Aussagen unterschob, ohne aber je ein einziges direktes Zitat zu liefern. 1948 war die RCP zum Ergebnis gelangt, dass diese Regime stalinistische deformierte Arbeiterstaaten waren, wo der Kapitalismus beseitigt und durch die Herrschaft einer bürokratischen Elite ersetzt worden war.</p>



<p>Die stalinistische Bürokratie hatte sich auf die Arbeiter gestützt, um die Kapitalisten auf ihre eigene bürokratische Weise zu enteignen. Dabei vermieden sie sorgfältig jede Möglichkeit für einen demokratischen Arbeiterstaat, wie ihn die Bolschewiki von 1917 in Russland errichtet hatten.</p>



<p>In seiner Eile, dem Stalinismus jede fortschrittliche Rolle abzusprechen, bestand Mandel darauf, dass der Stalinismus immer und unter allen Umständen konterrevolutionär und deshalb organisch unfähig sei, einen solchen Schritt zu vollziehen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Offenkundig würde die Hypothese, dass der Kapitalismus nicht etwa nur in Estland oder Rumänien oder gar Polen, sondern in ganz Europa und im größeren Teil Asiens zerstört wurde, unsere Haltung zum Stalinismus von Grund auf verändern …</p>



<p>Die Genossen, die an die Theorie vom proletarischen Charakter der Pufferstaaten glauben, gehen keineswegs von einer solchen Entwicklung aus, aber das wäre die logische Konsequenz des Weges, auf den sie sich begeben haben. Das würde uns zwingen, unsere gesamte historische Einschätzung des Stalinismus zu revidieren. Wir müssten dann untersuchen, warum das Proletariat unfähig gewesen ist, den Kapitalismus auf solch ausgedehnten Gebieten zu beseitigen, während die Bürokratie diese Aufgabe erfolgreich bewältigte.</p>



<p>Außerdem müssten wir dann, wie es bestimmte Genossen der RCP bereits getan haben [?], feststellen, dass die historische Mission des Proletariats nicht die Zerstörung des Kapitalismus, sondern der Aufbau des Sozialismus sei – eine Aufgabe, die die Bürokratie ihrem Wesen nach nicht lösen kann. Wir müssten dann das gesamte trotzkistische Argument gegen den Stalinismus seit 1924 verwerfen, das sich auf die unausweichliche Zerstörung der UdSSR durch den Imperialismus im Falle einer extrem langen Verzögerung der Weltrevolution stützt.“ (<a href="https://www.marxists.org/history/etol/document/fi/iib-1946-50/1-jan-1950-IIB.pdf"><em>International Information Bulletin</em>, Januar 1950</a>)</p>
</blockquote>



<p>Das erste Wort im Satz – „offenkundig“ – soll das Ergebnis bereits vorwegnehmen. Etwas offenkundiges braucht man nicht zu rechtfertigen. Wenn wir den Stalinismus als von Grund auf konterrevolutionär definieren, wie kann er dann fähig sein, die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse in Osteuropa zu stürzen?</p>



<p>Trotzki erklärte sehr oft, dass es außerordentliche Umstände geben kann, in denen selbst reformistische Politiker gezwungen sind, weiterzugehen, als sie ursprünglich vorhatten.</p>



<p>Obwohl Stalin wohl ursprünglich nicht die Absicht hatte, den Kapitalismus in Osteuropa abzuschaffen, zwangen ihn die aggressiven Schritte des US-Imperialismus zum Handeln. Dieser nutzte die Marshallhilfe als Hebel, um die bürgerlichen Elemente in den Koalitionsregierungen von Ländern wie Polen und der Tschechoslowakei zu stärken.</p>



<p>Stalin musste handeln, um das zu verhindern. Besonders schwierig war das nicht. Wie Trotzki einmal sagte, braucht man ein Gewehr, um einen Tiger zu erlegen. Doch für einen Floh reicht ein Fingernagel.</p>



<p>Die schwachen und degenerierten Bourgeois Osteuropas ließen sich durch ein einfaches Manöver leicht beseitigen. Es ging von der Staatsspitze aus, bediente sich aber der aktiven Unterstützung der Arbeiter, mobilisierte sie gegen die bürgerlichen Parteien und für die Enteignung des Kapitals.</p>



<p>Diese Methoden haben natürlich nichts mit dem klassischen Modell der proletarischen Revolution zu tun, wie es von Marx, Lenin und Trotzki vertreten wurde, und das sich auf die bewusste Bewegung der Arbeiterklasse von unten stützt.</p>



<p>Hier haben wir es mit einer bonapartistischen Karikatur der proletarischen Revolution zu tun, die die Arbeiter absichtlich davon abhielt, selbst den Staat zu übernehmen und ihn demokratisch zu organisieren. Eine solche Entwicklung wäre für Stalin und die Moskauer Clique eine tödliche Gefahr gewesen. Doch der Aufbau deformierter Arbeiterstaaten nach dem Vorbild des russischen Stalinismus war überhaupt keine Bedrohung, sondern stärkte Stalin und die Bürokratie vielmehr.</p>



<p>Die Regime, die dabei herauskamen, hatten natürlich nichts mit dem demokratischen Arbeiterstaat zu tun, den Lenin und Trotzki 1917 in Russland aufgebaut hatten. Doch sie schafften den Kapitalismus ab und setzten eine staatliche Planwirtschaft ein. In diesem – und nur diesem – Sinn führten sie eine der Hauptaufgaben der proletarischen Revolution durch.</p>



<p>Mandels Verzerrungen zum Trotz war es absolut möglich, mit der marxistischen Methode zu erklären, was sich in Osteuropa abspielte. Das tat Ted Grant.</p>



<p>Mandel konnte sich den Fakten nicht stellen, weil sie seinen vorgefassten Ideen direkt ins Gesicht schlugen. Anzuerkennen, dass der Kapitalismus in Osteuropa gestürzt worden war, war für ihn gleichbedeutend mit dem Zugeständnis, der Stalinismus könne eine „revolutionäre“ Rolle spielen.</p>



<p>Es ist eine elementare Tatsache für Marxisten, dass echter Sozialismus nur durch die bewusste Bewegung der Arbeiterklasse entstehen kann. Doch die Revolutionen in Osteuropa waren keine echten proletarischen Revolutionen, sondern bürokratische Karikaturen, die die stalinistische Bürokratie von oben herab durchführten, wobei sie allerdings von Millionen Arbeitern unterstützt wurde, die begeistert darüber waren, dass die Bosse enteignet wurden.</p>



<p>Solche Methoden hätten niemals einen gesunden Arbeiterstaat hervorbringen können – und das behauptete die RCP auch nie. Heraus kam eine monströs-bürokratische Karikatur des „Sozialismus“, also genau ein deformierter Arbeiterstaat wie im stalinistischen Russland.</p>



<p>Trotzkis dialektische Methode war für Mandel und die anderen „Führer“ der Vierten Internationale ein Buch mit sieben Siegeln. Sie gingen von einer Reihe abstrakter Konzepte aus, was sie unfähig machte, die realen, konkreten Erscheinungen und Prozesse zu verstehen, die sich vor ihren Augen abspielten.</p>



<p>Wie Lenin so oft erklärte, ist die Wahrheit konkret. Man muss von den Fakten ausgehen, anstatt zu versuchen, die Realität in eine vorgefasste Theorie zu zwängen, wie Trotzki erklärte:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Nichts ist jedoch gefährlicher, als auf der Suche nach logischer Vollendung aus der Wirklichkeit die Elemente auszumerzen, die bereits heute das Schema verletzen, morgen aber es vollends über den Haufen werfen können.“ (<a href="https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1936/verrev/kap09.htm"><em>Verratene Revolution</em></a><a href="https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1936/verrev/kap09.htm">, Kapitel 9</a>)</p>
</blockquote>



<p>Das war keine zweitrangige Frage. Hier ging es um den Kern der proletarischen Revolution – eine entscheidende Frage der marxistischen Theorie, den Klassencharakter des Staates. Das war eine Bewährungsprobe.</p>



<p>Es ist lehrreich, die Position der Internationale zur Zeit ihres Zweiten Weltkongresses im April 1948 mit der der RCP zu vergleichen.</p>



<p>Wie Ted Grant erklärte, „waren wir zu dem Schluss gekommen, dass wir es mit einer Art proletarischen Bonapartismus zu tun hatten“. Die Ereignisse vom Februar 1948 in der Tschechoslowakei bestätigten, was sich in Wirklichkeit abspielte. In der <a href="https://www.marxists.org/archive/grant/1948/04/czechoslovakia.htm">April-Ausgabe des Socialist Appeal</a> über den „Prager Putsch“ erklärte Ted, dass die stalinistisch dominierte Regierung, die sich auf „Aktionsausschüsse“ der Arbeiterklasse stützte, weitreichende Verstaatlichungen der Schlüsselindustrien durchgeführt und damit „die ökonomische Basis eines Arbeiterstaats errichtet“ hatte.</p>



<p>Ted stellte jedoch klar: „Damit der Staat im Interesse der Arbeiterklasse handelt, genügt die Enteignung der Kapitalisten allein nicht. Demokratische Kontrolle über den Staatsapparat ist eine wesentliche Voraussetzung für den Weg zu einer kommunistischen Gesellschaft. Alle großen Marxisten haben das betont.“ Er führte dann Lenins vier Kriterien der Arbeiterdemokratie aus, wie sie, an der Pariser Kommune orientiert, von der Russischen Revolution 1917 verwirklicht wurden.</p>



<p>Zu dieser Frage schwiegen die „Führer“ der Vierten Internationale. Wie üblich weigerten sie sich, das Offensichtliche anzuerkennen. Für sie blieben die Tschechoslowakei und der Rest Osteuropas weiterhin kapitalistische Staaten.</p>



<p>Max Shachtman, der immerhin Sinn für Ironie hatte, bemerkte dazu:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Während die Briten den (Prager) Umsturz als Sieg der Arbeiterklasse feierten, rühmte der Rest der offiziellen trotzkistischen Presse ihn als Sieg der Bourgeoisie, die auf unentschuldbar perverse Weise ihren Triumph damit beging, sich aus Fenstern im oberen Stockwerk auf das Straßenpflaster zu stürzen oder werfen zu lassen.“</p>
</blockquote>



<p>Es sollte noch volle drei Jahre dauern, bis Mandel und Konsorten im Juli 1951 zögerlich anerkannten, dass Osteuropa nicht mehr kapitalistisch war.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Stalin-Tito-Konflikt</strong></p>



<p>Ein noch verblüffenderes Beispiel für diese Methode war die skandalöse Haltung dieser „Führer“ gegenüber den Entwicklungen in Jugoslawien, die im Juni 1948 zum Konflikt zwischen Stalin und Tito führten.</p>



<p>Am 28. Juni 1948 platzte mit der Veröffentlichung eines außergewöhnlichen Kommuniqués des „Kommunistischen Informationsbüros“ (Kominform – jene Organisation, die von Moskau als Ersatz für die 1943 offiziell aufgelöste Kommunistische Internationale gegründet wurde) eine Bombe.</p>



<p>Das Kommuniqué, auf Initiative der Russen herausgegeben, verkündete den Ausschluss der Kommunistischen Partei Jugoslawiens. Dieses Ereignis erschütterte die gesamte stalinistische Weltbewegung.</p>



<p>Bald darauf griff die stalinistische Bürokratie in Moskau Tito als konterrevolutionären „Nationalisten“, „Schergen der Imperialisten“ und „Trotzkisten“ an. In Wahrheit war Tito weder „Trotzkist“ noch „faschistischer Agent“, wie die Stalinisten behaupteten. Er war in den 1930er Jahren zum Führer der KP Jugoslawiens aufgestiegen, nachdem die alte Führung Stalins Säuberungen zum Opfer gefallen war. Tito selbst war in Wahrheit verantwortlich für die physische Vernichtung der „Trotzkisten“.</p>



<p>Während die Rote Armee durch Europa marschierte, besiegte in Jugoslawien Titos bäuerliche Partisanenarmee die Nazibesatzung. Das widersprach allerdings dem Deal, den Stalin 1944 auf der Moskauer Konferenz mit Churchill ausgehandelt hatte: Jugoslawien sollte „gleichmäßig“ zwischen ihnen aufgeteilt werden.</p>



<p>Im Rahmen dieses Deals unterstützte Stalin sogar die bürgerlich-königliche Exilregierung Jugoslawiens, um Tito im Zaum zu halten. Er verweigerte den Jugoslawen Waffen und Munition. Angesichts des schnellen Vormarschs von Titos Partisanenarmee aber flohen die bürgerlichen Kollaborateure zusammen mit der abziehenden Wehrmacht.</p>



<p>Nachdem er den Sieg aus eigener Kraft errungen hatte, weigerte sich Tito, sich Stalins Druck zu beugen. Er füllte das Vakuum, das durch das Verschwinden der Großgrundbesitzer und Kapitalisten entstanden war, und stützte sich auf die Arbeiter und Bauern, die das Rückgrat seiner Partisanenarmee bildeten. So schaffte er den Kapitalismus ab und errichtete ein Regime nach dem Vorbild des stalinistischen Russland.</p>



<p>Das war im Grund ein Abbild des Prozesses, der zuvor in Polen und der Tschechoslowakei ablief – aber mit einem entscheidenden Unterschied: Die Befreiung Jugoslawiens wurde nicht durch die sowjetische Rote Armee, sondern durch die jugoslawischen Stalinisten selbst erkämpft, die eine schlagkräftige Partisanenarmee anführten.</p>



<p>Das verschaffte Tito eine feste nationale Basis, auf der er eine von Moskau unabhängige Politik betreiben konnte. Die engstirnigen nationalen Interessen der russischen und der jugoslawischen Bürokratie gerieten jedoch rasch aneinander. Das führte zur Eskalation, als Anfang 1948 die Regierungen Jugoslawiens und Bulgariens die Gründung einer Balkan-Föderation der „Volksdemokratien“ vorschlugen.</p>



<p>Stalin schritt unverzüglich gegen diesen Vorschlag ein, stieß dabei aber auf Widerstand. Die russischen Stalinisten schickten GPU-Agenten in die jugoslawische KP, um sie unter Kontrolle zu bringen. Doch Tito, der den Staatsapparat fest im Griff und eine breite Massenbasis hinter sich hatte, säuberte sie aus der Partei. Das war die Grundlage für den Bruch zwischen Stalin und Tito.</p>



<p>Diese Ereignisse stürzten die Führung der Vierten Internationale in völlige Verwirrung. Trotz der Beschlüsse des Weltkongresses erblickte Pablo als Führer des IS in diesem Zerwürfnis eine goldene Gelegenheit, die Titoisten für den Trotzkismus zu gewinnen.</p>



<p>Über Nacht ließen sie ihre erst vor zwei Monaten bekräftigte Position, dass Jugoslawien ein kapitalistischer Staat sei, fallen und eilten an Titos Seite.</p>



<p>Zwei Tage, nachdem die Kominform den Bruch verkündet hatte, schrieb das IS an die Sektionen der Vierten und erklärte ihnen, die Tito-Affäre sei „außerordentlich bedeutsam“.</p>



<p>Am folgenden Tag gab das IS einen bemerkenswerten <a href="https://www.marxists.org/history/etol/newspape/themilitant/1948/v12n30/isfi.htm">„offenen Brief“</a> an die KP Jugoslawiens heraus. „Jetzt versteht ihr, nachdem ihr zum Opfer dieser empörenden Kampagne geworden seid, die wahre Bedeutung der Moskauer Prozesse und des Kampfes der Stalinisten gegen den Trotzkismus“, erklärte der Brief. (Dass die jugoslawischen Führer sich an der Kampagne gegen den Trotzkismus begeistert beteiligt hatten, blieb unerwähnt.) „Wir möchten feststellen, welch gewaltiges Potential in eurem Widerstand steckt – das Potential für siegreichen Widerstand einer revolutionären Arbeiterpartei gegen den gewaltigsten bürokratischen Apparat, den es in der Arbeiterbewegung je gegeben hat, den Apparat des Kremls.“</p>



<p>Der Brief drängte die jugoslawische Partei: „Errichtet ein Regime echter Arbeiterdemokratie in eurer Partei und eurem Land!“, und schloss mit den Worten: „Lang lebe die sozialistische Revolution in Jugoslawien!“</p>



<p>Zwei Wochen später, am 13. Juli, veröffentlichte das IS einen zweiten offenen Brief – noch länger und noch unterwürfiger – <a href="https://www.marxists.org/history/etol/document/icl-spartacists/prs4-yugo/is-13july.html">„an den Parteitag, das Zentralkomitee und die Mitglieder der Kommunistischen Partei Jugoslawiens“.</a></p>



<p>Dieser offene Brief drängte die jugoslawische Partei dazu, Arbeiterdemokratie einzuführen und innen- und außenpolitisch zum Leninismus zurückzukehren. „Wir möchten nicht beschönigen, dass eine solche Politik in eurem Land und selbst in euren eigenen Reihen auf gewaltige Hindernisse stoßen wird. Eure Kader müssen im Geiste des genuinen Leninismus völlig neu ausgebildet werden“, erklärte der Brief des IS. „Wir verstehen, welche gewaltige Verantwortung auf euren Schultern lastet …“</p>



<p>Der offene Brief endet mit dem Wunsch, einer Delegation „unserer Führung zu erlauben, an eurem Parteitag teilzunehmen, um Kontakt zur kommunistischen Bewegung Jugoslawiens aufzubauen und brüderliche Bande zu knüpfen… <em>jugoslawische Kommunisten, bündeln wir unsere Anstrengungen für eine neue leninistische Internationale! Für den weltweiten Sieg des Kommunismus!“ </em>(Hervorhebung von uns.)</p>



<p>Dieser kriecherische Aufruf war natürlich eine völlige Kehrtwende gegenüber allem, was sie zuvor über den Klassencharakter im „kapitalistischen“ Osteuropa gesagt hatten. Sie hatten die Anträge der RCP, die erklärten, dass die Bourgeoisie in Osteuropa enteignet wurde oder schon war, noch im April desselben Jahres nachdrücklich abgelehnt. Die „Führung“ der Internationale bestand darauf, dass der konterrevolutionäre Stalinismus keine Revolution durchführen könnte, obwohl Trotzki erklärt hatte, dass das unter besonderen Umständen durchaus möglich ist. Jetzt drehten sie sich um 180 Grad und verkündeten, Jugoslawien sei unter Tito ein <em>relativ gesunder</em> Arbeiterstaat, ein Staat ohne die bürokratischen Auswüchse, die es in Russland gab!</p>



<p>„Zum Teufel beider Sippschaft!“ [ein Shakespeare-Zitat aus <em>Romeo und Julia</em>, Anm. d. Ü.] war anfänglich der Zugang der SWP in den USA zu dieser Frage. Als das IS aber seine offenen Briefe herausgab, widersprach sie nicht. Sie druckte sie vielmehr in ihrer Presse ab, ohne irgendwelche Kritik dazu zu äußern.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Die Reaktion der RCP</strong></p>



<p>Die RCP reagierte ganz anders auf die jugoslawische Krise. Zunächst bekräftigte sie die Grundprinzipien des Trotzkismus, darunter das Recht der Jugoslawen auf Selbstbestimmung, was von der SWP nicht anerkannt wurde.</p>



<p>„Natürlich muss jeder Leninist das Recht eines kleinen Landes auf nationale Befreiung und Freiheit unterstützen, wenn es diese wünscht“, schrieben Ted Grant und Jock Haston und fuhren fort:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Alle Sozialisten werden die jugoslawische Initiative für eine Föderation mit Bulgarien und zur Befreiung von der direkten Herrschaft Moskaus unterstützen. Gleichzeitig werden die Arbeiter in Jugoslawien und den anderen Ländern für den Aufbau einer wirklichen Arbeiterdemokratie in der Staatsverwaltung und der Industrie kämpfen, wie es sie unter Lenin und Trotzki in Russland gegeben hat. Das ist unter dem herrschenden Tito-Regime unmöglich.“ (<em>Socialist Appeal</em>, Juli 1948)</p>
</blockquote>



<p>In ihrer Broschüre<a href="https://tedgrant.org/archive/grant/1948/07/yugoslavia.htm"> </a><a href="https://tedgrant.org/archive/grant/1948/07/yugoslavia.htm"><em>Behind the Stalin-Tito Clash</em></a>argumentierten Ted und Jock, der Konflikte müsse „dazu genutzt werden, der Arbeiterklasse die grundsätzlichen methodischen Unterschiede zwischen Stalinismus und Leninismus“ zu erklären. Auf dieser Grundlage konnte</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„die Spaltung in der internationalen stalinistischen Front eine neue Etappe im Kampf Trotzkis und der Vierten Internationale einläuten, den Stalinismus zu entlarven … Eine Etappe im Fortschritt hin zum Aufbau einer echten Kommunistischen Internationale, der Vierten Internationale, die den Aufbau eines Weltsystems freiwillig vereinigter kommunistischer Republiken anführen kann.“</p>
</blockquote>



<p>Doch als die Führung der RCP den offenen Brief des IS an die Jugoslawen las, war sie entsetzt. Anders als die amerikanische SWP war die RCP nicht bereit, diese Kapitulation vor dem Stalinismus zu akzeptieren und trat offen dagegen auf. Im Namen des Zentralkomitees schrieb Jock Haston einen Protestbrief an die Internationale, worin er die Kritik ausführte und die Orientierung der offenen Briefe zurückwies:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Der Streit zwischen Jugoslawien und dem Kominform bietet der Vierten Internationale eine große Chance, den einfachen Stalinisten die bürokratischen Methoden des Stalinismus vor Augen zu führen. Unser Zugang zu diesem bedeutenden Ereignis muss jedoch prinzipiell sein. Wir dürfen durch Schweigen über bestimmte Aspekte der Politik und des Regimes der KPJ nicht den Eindruck erwecken, Tito oder die Führer der KPJ seien Trotzkisten und es gebe keine großen Hindernisse zwischen ihnen und dem Trotzkismus. Wir dürfen die bürokratische Art und Weise, mit der die KPJ ausgeschlossen wurde, nicht so entlarven, als wären die die Anwälte der KPJ-Führung. Wir dürfen nicht den geringsten Anschein erwecken, als <em>wären ihre Methoden und ihre Schulung</em> nicht mehr stalinistisch, nur weil sie mit Stalin gebrochen haben.</p>



<p>&#8230;</p>



<p>Die Briefe scheinen von der Perspektive auszugehen, dass die Führer der KPJ für die Vierte Internationale gewonnen werden könnten. Unter dem Druck der Ereignisse haben sich schon seltsame Wandlungen einzelner Persönlichkeiten vollzogen, aber es ist, gelinde gesagt, äußerst unwahrscheinlich, dass Tito und andere KPJ-Führer je wieder zu Bolschewiki-Leninisten werden. Der Verwirklichung dieser Möglichkeit stehen gewaltige Hindernisse im Weg: die Prägung und Tradition des Stalinismus und die Tatsache, dass sie sich selbst auf ein stalinistisch-bürokratisches Regime in Jugoslawien stützen. Die Briefe unterlassen es, auf die Natur dieser Hindernisse hinzuweisen und zu unterstreichen, dass die Führer der KPJ nur dann Kommunisten werden können, wenn sie nicht nur mit dem Stalinismus, sondern auch <em>mit der eigenen Vergangenheit</em> und mit ihren gegenwärtigen stalinistischen Methoden brechen und offen anerkennen, dass sie selbst mitverantwortlich für den Aufbau des Apparats sind, der nun eingesetzt wird, um sie zu zerschlagen. Es geht hier nicht um Kommunisten, die vor einem ‚furchtbaren Dilemma‘ stehen und auf deren Schultern eine ‚gewaltige Verantwortung‘ lastet und denen wir bescheidene Ratschläge geben: Es geht hier darum, ob stalinistische Bürokraten <em>zu </em>Kommunisten <em>werden</em> können.</p>
</blockquote>



<p>Der RCP-Brief fuhr fort:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„So wie sie aber dastehen, schlagen die Briefe gerade durch ihr Schweigen zu grundlegenden Aspekten des Regimes in Jugoslawien und der Politik der KPJ einen opportunistischen Ton an.</p>



<p>&#8230;</p>



<p>Die Briefe des IS analysieren den Konflikt lediglich auf der Ebene der ‚Einmischung‘ durch die Führer der KPdSU, als ginge es hier nur darum, dass eine Führung ihren Willen durchsetzen will, ohne die ‚Traditionen, Erfahrungen und Gefühle‘ ihrer Aktivisten zu respektieren. Aber es geht bei dem Konflikt nicht einfach darum, dass eine Kommunistische Partei sich von den Dekreten aus Moskau unabhängig machen will. Es kämpft hier e<em>in Teil des bürokratischen Apparats</em> um diese Unabhängigkeit. Titos Position stellt – das ist wahr – einerseits den Widerstand der Massen gegen die Anmaßungen der russischen Bürokratie dar, gegen die ‚organische Einheit‘, die Moskau verlangt, Unzufriedenheit über die Standards der russischen Spezialisten, Druck der Bauern gegen die übereilte Kollektivierung. Aber andererseits haben die jugoslawischen Führer ein bürokratisches Eigeninteresse und eigene Ambitionen.</p>



<p>&#8230;</p>



<p>Nicht nur hinsichtlich Jugoslawiens, sondern auch der anderen Länder erweckt der offene Brief den falschen Eindruck, als sei die russische Führung <em>allein</em> verantwortlich … [Das] kann Illusionen von der Art erzeugen, als wären die Führer der nationalen stalinistischen Parteien gute Revolutionäre, wenn Moskau sie nur ließe … Diese Führer beteiligen sich aber aktiv an der Vorbereitung der Verbrechen. Auch Tito musste in der Vergangenheit keineswegs ‚gezwungen‘ werden, die Wünsche Moskaus zu erfüllen.</p>



<p>&#8230;</p>



<p>Wir müssen hier einfach hinzufügen, dass euer unkritischer Brief an die KP Jugoslawiens eben die Auffassung unterstützt, Tito sei ein ‚unbewusster Trotzkist‘.“</p>
</blockquote>



<p>Der Brief der RCP hob weiter den offensichtlichen Kurswechsel in Bezug auf die Position zum Klassencharakter Jugoslawiens und der „Pufferstaaten“ hervor, die der Weltkongress noch im April 1948 beschlossen hatte. Es wurde deutlich, dass die zuvor im April abgelehnte Position der RCP nur wenige Monate später von den Ereignissen bestätigt wurde.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Die Mehrheit des Weltkongresses stimmte für die Position, dass die Pufferstaaten einschließlich Jugoslawiens <em>kapitalistische</em> Länder seien. Sie lehnte die Resolution der RCP ab, wonach diese Ökonomien an das Modell der Sowjetunion angeglichen werden und nicht als kapitalistisch charakterisiert werden können. Der Änderungsantrag der britischen Partei zum Abschnitt ‚Die UdSSR und der Stalinismus‘ wurde abgelehnt. Aber aus diesen Briefen geht klar hervor, dass das Internationale Sekretariat von den Ereignissen gezwungen wurde, von der Position der britischen Partei auszugehen, und zwar <em>dass die Produktions- und politischen Verhältnisse in Jugoslawien im Wesentlichen mit denen der Sowjetunion identisch sind.</em></p>



<p>Wenn es in Jugoslawien tatsächlich einen kapitalistischen Staat gäbe, dann können die Briefe des IS nur als völlig opportunistisch bezeichnet werden. Denn das IS stellt in Jugoslawien keine der Aufgaben, die sich ergeben würden, wenn dort die bürgerlichen Verhältnisse noch die vorherrschende Form wären. Die Briefe beruhen auf Schlussfolgerungen, die nur aus der Annahme folgen können, dass der Sturz des Kapitalismus und des Großgrundbesitzes im Wesentlichen vollzogen ist.“ (Hervorhebung im Original)</p>
</blockquote>



<p>In <a href="https://www.marxists.org/archive/grant/1949/james.htm">„Reply to David James“</a> (Frühjahr 1949) führte Ted weiter aus:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Der einzige Unterschied zwischen den Regimen von Stalin und Tito ist, dass letzteres sich noch in einer frühen Phase befindet. <em>Es gibt eine bemerkenswerte Ähnlichkeit zwischen der ersten Welle der Begeisterung in Russland, als die Bürokratie den ersten Fünfjahresplan einführte, und der Begeisterung in Jugoslawien heute.</em></p>



<p>&#8230;</p>



<p>Schon jetzt hat es die ersten ‚Sabotageprozesse‘ gegeben, bei denen Tito die Verantwortung für etwaige Mängel im Plan seinen Gegnern zuschiebt. Ebenso haben wir die russischen ‚Geständnisse‘ im Kleinformat. Die bekannten Umrisse des stalinistischen Polizeistaats sind klar zu erkennen. Die Unterschiede sind oberflächlich und die Grundzüge identisch.“</p>
</blockquote>



<p>Doch solch vernichtende Kritik wurde von den „Führern“ der Vierten Internationale kurzerhand zurückgewiesen. Sie sahen keinen Grund mehr, zu antworten. Sie hatten die RCP bereits gespalten. Healys Minderheit wurde in der Praxis bereits als offizielle britische Sektion anerkannt.</p>



<p>Die einzige andere Sektion der Internationale, die Einspruch erhob, war die französische Sektion, doch ihre Kritik war sehr schüchtern: „Wir werfen dem IS überhaupt nicht vor, dass es sich an die jugoslawische KP und ihr ZK gewandt hat. Angesichts der Beziehung zwischen den Massen und der KP ist dieser Schritt angemessen.“ Doch die französische Führung war mit dem Tonfall unzufrieden. „Wir protestieren dagegen, wie diese Briefe Tito und die jugoslawische KP idealisieren“. Doch sie wurden schnell auf Linie gebracht und machten deutlich, dass sie sich an die internationale Disziplin halten würden.</p>



<p>Von 1949 bis 1950 steigerte sich das IS immer weiter in den Gedanken hinein, Titos Jugoslawien sei ein „relativ gesunder“ Arbeiterstaat. Eine Resolution des IEK im selben Jahr ging so weit, anzukündigen, dass „die Dynamik der jugoslawischen Revolution die Theorie der permanenten Revolution in jeder Hinsicht bestätigt“, und dass „in Jugoslawien … der Stalinismus nicht mehr als relevanter Faktor in der Arbeiterbewegung existiert …“</p>



<p>Das restliche Osteuropa hielten sie immer noch für kapitalistisch. Sie entwickelten eine unehrliche, schwammige Theorie, der zufolge diese Staaten „auf dem Weg waren, sich der UdSSR strukturell anzugleichen“, fügten aber hinzu, sie entsprächen „heute dem Muster einer hybriden Übergangsgesellschaft mitten in der Transformation, deren Umrisse noch unklar und ungenau sind, so dass es äußerst schwer ist, ihren wesentlichen Charakter in einer knappen Formel zusammenzufassen“. Diese äußerst vage Formulierung ermöglichte ihnen, die Realität einfach zu übergehen und sich gleichzeitig für die Zukunft einen Fluchtweg offen zu lassen.</p>



<p>Es ist Überflüssig zu erwähnen, dass die SWP die Anträge der RCP an den Zweiten Weltkongress nie veröffentlicht hat, während gleichzeitig ihre Positionen angegriffen und verzerrt wurden.</p>



<p>Es war jedenfalls die RCP, die eine klare Position hatte. Das ermöglichte es Grant und Haston, vorherzusagen, dass „Tito keineswegs die wirklichen Verbrechen der stalinistischen Bürokratie angreifen, sondern versuchen wird, zu einem Kompromiss zu gelangen“. Genau so kam es auch.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Arbeitsbrigaden</strong></p>



<p>1950 entwickelte die Internationalen die Idee, Brigaden zu organisieren und auf Arbeitseinsätze nach Jugoslawien zu schicken. Die französische Sektion, die Internationale Kommunistische Partei (PCI), von der wir schon gehört haben, dass sie anfänglich Zweifel am Tonfall der „offenen Briefe“ des IS hatte, wurde nun, unter der Führung von Bleibtreu und Lambert, zum größten Fanclub der jugoslawischen Stalinisten.</p>



<p>Mit der enthusiastischen Unterstützung Lamberts schickte die PCI Jugend- und Gewerkschaftsbrigaden nach Jugoslawien, um den „Aufbau des Sozialismus“ zu unterstützen. Im Januar 1950 hieß es im Bericht vom 6. Kongress der PCI, es sei „falsch, in Jugoslawien von einer bürokratischen Kaste zu reden, wie es sie in Russland gibt“, oder „die Idee zu akzeptieren, dass die KPJ vor dem Imperialismus kapituliert hätte oder auf dem Weg dahin sei, das zu tun“. (<em>La Verité</em>, 246, Jan 1950, Report on the defence of Yugoslavia <a href="https://cermtri.com/system/files/Adherents/no246.pdf">https://cermtri.com/system/files/Adherents/no246.pdf</a> )”.</p>



<p>Die Kongressresolution erklärte, dass die jugoslawische KP „in einer Reihe wichtiger strategischer Fragen zum Leninismus zurückgekehrt“ sei und definierte die KPJ als „linkszentristisch und in Weiterentwicklung begriffen“, weil es nämlich Faktoren gebe, die „die KPJ objektiv auf den Weg des revolutionären Programms“ drängen. (Hands off the Yugoslav revolution, resolution of the VI congress of the PCI, La Verité No. 247, 1st half of February, 1950 <a href="https://cermtri.com/system/files/Adherents/no247.pdf"><u>https://cermtri.com/system/files/Adherents/no247.pdf</u></a>).</p>



<p>Die PCI rief ihre Unterstützer dazu auf, den Sendungen von Radio Belgrad zu folgen. Unter der Überschrift „Die großartige Wahlkampagne der KPJ“ erklärte Gérard Bloch:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Die KPJ und die Vierte Internationale werden aus demselben Grund gehasst: weil sie die größte Kraft unserer Epoche verkörpern, die Kraft der proletarischen Revolution, die unbesiegbare Macht der Werktätigen aller Länder.“ („La magnifique campagne électorale du PCY“, <em>La Vérité</em> Nr. 251, erste Aprilhälfte 1950)</p>
</blockquote>



<p>Am 1. Mai 1950 besuchte eine französische Delegation Belgrad, darunter der PCI-Führer Lambert, der offen seine Bewunderung für das Tito-Regime bekundete:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Ich glaube, ich habe in Jugoslawien die Diktatur des Proletariats gesehen, unter Führung einer Partei, die leidenschaftlich bemüht ist, die Bürokratie zu bekämpfen und die Arbeiterdemokratie durchzusetzen.“</p>
</blockquote>



<p>Gleichzeitig berichtete er stolz über die Parolen auf der Demonstration: „Tito, Zentralkomitee, Partei, jugoslawische Völker“ und „Tito ist mit uns, wir sind mit Tito“. (Pierre Lambert, <a href="https://www.cermtri.com/system/files/Adherents/no_254.pdf">„1er Mai à Belgrade“</a>, <em>La Vérité</em> Nr. 254, zweite Maihälfte 1950)</p>



<p>Lambert, verantwortlich für die Kommission für Gewerkschaftsarbeit der PCI, gründete zusammen mit Gewerkschaftern, die der Französischen Kommunistischen Partei kritisch gegenüberstanden, das gewerkschaftliche Bulletin <em>L’Unité</em>, das finanzielle Unterstützung von der jugoslawischen Botschaft erhielt.</p>



<p>Sie organisierten Arbeitsbrigaden namens „Jean-Jaurès-Brigaden“. Die PCI-Zeitung <em>La Vérité</em> titelte über einen Delegationsbericht:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Diejenigen, die die Wahrheit in Jugoslawien gesehen haben, sagen es: JA, das ist ein Staat, in dem der Sozialismus aufgebaut wird, das ist die Diktatur des Proletariats.“</p>
</blockquote>



<p>Als Antwort auf stalinistische Behauptungen, Jugoslawien sei ein „Polizeistaat“, erklärte der Artikel:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Im Unterschied zur UdSSR übt hier die Arbeiterklasse selbst die Macht aus &#8230; Dieser Staat ist ein ARBEITERSTAAT, entschlossen auf dem Weg zur SOZIALISTISCHEN DEMOKRATIE.“ (<a href="https://www.cermtri.com/system/files/Adherents/no_258.pdf"><em>Ceux qui ont vu la vérité en Yugoslavie la disent: OUI c’est un état où se construit le socialisme, c’est la dictature du proletariat</em></a>, <em>La Vérité</em> Nr. 258, erste Oktoberhälfte 1950)</p>
</blockquote>



<p>Auch Healy war eifrig mit der Verteidigung Titos beschäftigt und organisierte die Reise einer „John MacLean Jugend-Arbeitsbrigade“ der Labour-Jugendorganisation nach Jugoslawien.</p>



<p>Cannon blieb nicht zurück und beteiligte sich am Lob für das Regimes. Er schickte ein Telegramm an das Zentralkomitee der KPJ und schrieb darin über ihr Manifest zum 1. Mai:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Die Arbeiter werden Ihren Aufruf, Jugoslawien zu verteidigen und die revolutionäre Bewegung auf der Grundlage des Leninismus im Gegensatz zum Stalinismus und zur Sozialdemokratie wieder aufzubauen, überall bejubeln.“ (<em>Yugoslav May Day Manifesto Hailed by SWP Leader</em>, The Militant, 8. Mai 1950)</p>
</blockquote>



<p>Zwei Monate später verherrlichte die SWP-Zeitung <em>The Militant</em> Tito mit ihrer Überschrift: „Tito verurteilt die Bürokratie als Feind des Sozialismus“, und charakterisierte seinen Angriff auf Stalin als „bedeutenden Meilenstein in der Entwicklung der internationalen Arbeiter- und sozialistischen Bewegung.“ (<em>Tito’s June 27 Speech</em>, The Militant, 10. Juli 1950)</p>



<p>Auf dem achten Plenum des IEK im April 1950 erklärte Mandel kühn, dass Jugoslawien nunmehr „ein nicht-degenerierter Arbeiterstaat“ sei.</p>



<p>Als das Tito-Regime im Juli 1950 offen vor dem Imperialismus kapitulierte, indem es sich bei der Abstimmung zur UN-Militärintervention gegen den Norden im Koreakrieg enthielt, äußerte die PCI-Zeitung im Dezember 1950 Enttäuschung und Ernüchterung:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„All das ist äußerst schmerzlich für die revolutionären Freunde Jugoslawiens, die gehofft hatten, dass seine Führer ihre Versprechen halten würden, den Marxismus-Leninismus konsequent gegen den stalinistischen Revisionismus zu verteidigen.“ (<a href="https://www.cermtri.com/system/files/Adherents/no_263.pdf"><em>La Yougoslavie sur la voie glissante</em></a>, La Vérité Nr. 263, zweite Dezemberhälfte 1950)</p>
</blockquote>



<p>Doch ausnahmslos alle „Führer“ der Vierten kapitulierten vor dem Tito-Stalinismus: Cannon, Mandel, Pablo, Frank, Maitan, Healy usw. Ihre Internationale war, wie Ted Grant es ausdrückte, zu einem „Rechtfertigungs-Reisebüro für Jugoslawien“ geworden.</p>



<p>Als Cannon, Healy und Lambert im Jahre 1953 Pablo vorwarfen, ein Unterstützer des Stalinismus zu sein, versuchten sie zu verschleiern, dass sie selbst in den Jahren zuvor große Bewunderer des Tito-Stalinismus gewesen waren. Healys siebenteilige Geschichte der Vierten Internationale beginnt bezeichnenderweise erst 1952/53. Die vorangegangene Periode wird schlicht unter den Teppich gekehrt.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Die chinesische Revolution</strong></p>



<p>Mit China und der chinesischen Revolution 1949 wurde ähnliches Unheil angerichtet.</p>



<p>Weil es nicht selbstständig denken konnte, klammerte sich das IS an dem Gedanken fest, dass Mao auf jeden Fall vor Chiang Kai-Shek kapitulieren würde. Als es dann anders kam, waren die chinesischen Trotzkisten völlig verwirrt.</p>



<p>Die stalinistisch geführten Bauernarmeen zerschlugen die Kräfte Chiang Kai-Sheks und stürzten den Kapitalismus. Inspiriert vom stalinistischen Russland bauten sie ein proletarisch-bonapartistisches Regime auf. Nur Ted Grant verstand, was vor sich ging und sagte voraus, was passieren würde, noch bevor Mao es selbst verstanden hatte.</p>



<p>Die Weigerung des IS, die Wirklichkeit zur Kenntnis zur nehmen, wurde immer lächerlicher. Auf einem internationalen Treffen argumentierten Cannon und andere, unter anderem auch ein chinesischer Genosse, Maos Armee werde niemals den Jangtse-Fluss überqueren und Chiang besiegen. Noch bevor das Treffen vorüber war, hatte die Rote Armee den Fluss überquert und die Armee von Chiang Kai-Shek zerschlagen. Shachtmans Anhänger krümmten sich vor Lachen, als er ihnen von Cannons Perspektiven erzählte. „Ja, Mao will vor Chiang Kai-Shek kapitulieren“, scherzte er. „Er schafft es nur nicht, ihn einzuholen!“</p>



<p>Konfrontiert mit Maos revolutionärem Agrarprogramm und der Propaganda vom „Land für die Bauern“ schmolzen Chiang Kai-Sheks Armeen hilflos dahin. Doch Mao unterdrückte skrupellos jede unabhängige Bewegung des Proletariats in den Städten.</p>



<p>Ted erklärte im Voraus, dass die chinesische Revolution „das größte Ereignis der Menschheitsgeschichte“ nach der Russischen Revolution sein würde.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Teds Prognose</strong></p>



<p>Als Mao im Oktober 1949 an die Macht kam, war seine Perspektive, dass 100 Jahre Kapitalismus nötig wären, bevor China sozialistisch werden könnte. Doch Teds Analyse war so weitreichend, dass er die tatsächliche Entwicklung voraussah, noch bevor Mao selbst daran dachte.</p>



<p>Die Ereignisse in China waren für die „Führer“ der Vierten Internationale ein Rätsel. Sie hielten sich an die Position, die Trotzki vorsichtig vor dem Krieg geäußert hatte: Sollte die maoistische Armee gegen Chiang Kai-Shek siegen, würde die Führung der Roten Armee ihre bäuerliche Basis verraten. In den Städten würden die Militärs – die Passivität der Arbeiter vorausgesetzt – mit der Bourgeoisie fusionieren und zum Kapitalismus übergehen. Das geschah nicht, denn der Weg zur kapitalistischen Entwicklung war in China versperrt. Unter dem Regime Chiang Kai-Sheks erwies sich die Bourgeoisie als völlig bankrott und unfähig, die Agrarfrage zu lösen oder das Land von der imperialistischen Herrschaft zu befreien.</p>



<p>Schon 1950 erklärte Ted Grant die Prozesse, die damals zur Herausbildung bürokratisch deformierter Arbeiterstaaten führten:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Die Tatsache, dass die Revolution in China und Jugoslawien in einer verzerrten und entstellten Form weiterentwickelt werden konnte, ist auf weltgeschichtliche Faktoren zurückzuführen:</p>



<p>(a) Die Krise des Weltkapitalismus,<br>(b) die Existenz eines starken, deformierten Arbeiterstaats in unmittelbarer Nachbarschaft, der die Arbeiterbewegung entscheidend beeinflusst,<br>(c) die Schwäche der marxistischen Strömung der Vierten Internationale.</p>



<p>Diese Faktoren haben eine beispiellose Entwicklung zur Folge gehabt, die von den Lehrern des Marxismus keiner hätte vorhersehen können: die Ausdehnung des Stalinismus als soziales Phänomen auf halb Europa, den chinesischen Subkontinent, und möglicherweise auch auf ganz Asien.</p>



<p>Das stellt uns vor neue theoretische Probleme, die von der marxistischen Bewegung gelöst werden müssen. Unter Bedingungen der Isolation und Schwäche musste das Auftreten neuer historischer Faktoren unweigerlich zu einer theoretischen Krise der Bewegung führen – und damit zur Frage nach ihrer Existenz und ihrem Überleben.“<br>(<em>Grant, </em><a href="https://www.marxists.org/archive/grant/1950/bsfi.htm"><em>Open Letter to the BSFI</em></a><em>, Sept–Okt 1950</em>)</p>
</blockquote>



<p>In der Tat stellte sich ziemlich deutlich die „Frage nach ihrer Existenz und ihrem Überleben“. Ein Fehler nach dem anderen und dazu die Unfähigkeit daraus zu lernen hatten die Internationale völlig diskreditiert.</p>



<p>Noch 1954 bezeichnete die SWP China als kapitalistisch. Erst im folgenden Jahr, 1955, bezeichneten sie es als deformierten Arbeiterstaat.</p>



<p>In seinem Text <a href="https://tedgrant.org/archive/grant/1951/06/stalinism.htm"><em>Stalinism in the Postwar World</em></a> (Juni 1951) bringt Ted es auf den Punkt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Für den Marxismus können weder Pessimismus noch falscher Optimismus eine Rolle bei der Analyse der Ereignisse spielen. Die erste Notwendigkeit besteht darin, die Bedeutung des Zusammentreffens historischer Kräfte zu begreifen, das zur gegenwärtigen Weltsituation geführt hat.“</p>
</blockquote>



<p>Er sagte auch voraus, dass die Schaffung eines deformierten Arbeiterstaats in China, wie schon bei Tito, zu einem schweren Konflikt mit der russischen Bürokratie führen würde. Mit anderen Worten: Ted sah das künftige chinesisch-sowjetische Zerwürfnis voraus.</p>



<p>All das war für Cannon, Mandel, Pablo, Frank und Konsorten ein Buch mit sieben Siegeln. Sie begriffen nicht im Ansatz, was überhaupt los war. Für sie gab es einen relativ gesunden Arbeiterstaat in Jugoslawien, kapitalistische Staaten im übrigen Europa und einen deformierten Arbeiterstaat in Russland. Wie Ted festhielt: „Diese Position war schon im Sinne der formalen Logik inkohärent, ganz zu schweigen vom Marxismus.“</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Die Zerstörung der RCP</strong></p>



<p>Die ständigen Kurswechsel und Irrtümer der „Führer“ der Vierten führten nicht nur zur Zerstörung der Vierten Internationale, sondern waren auch entscheidend für die Vernichtung der RCP, ihrer erfolgreichsten Sektion.</p>



<p>Auch wenn die Bewegung objektiven Schwierigkeiten gegenüberstand – angesichts des Wirtschaftsbooms und der Stärkung des Stalinismus –, hätte man mit einer richtigen Politik und Perspektive die Kader erhalten können. Doch die Manöver und die falsche Politik der führenden Clique desorientierten und demoralisierten die Kader.</p>



<p>Diese Demoralisierung traf auch führende Genossen der RCP, insbesondere Jock Haston. Die Führer der Internationale schlugen vor, die RCP in der Labour Party aufzulösen – eine Politik des Tiefenentrismus. Und obwohl Haston sehr wohl wusste, dass die Bedingungen für den Entrismus, die Trotzki aufgestellt hatte, keineswegs gegeben waren, schlug er aus Verzweiflung vor, diesen Vorschlag anzunehmen, um Teil der Internationale zu bleiben.</p>



<p>Ted und andere führende Parteimitglieder waren dagegen, ließen sich aber letztlich überreden, um die Führung zusammenzuhalten. Als sie aber das Gespräch mit der internationalen Führung suchten, sagte man ihnen schroff: Redet nicht mit uns. Redet mit unserem Vertreter in Großbritannien, Gerry Healy. Man stellte sie im Grunde vor die Wahl, entweder mit Healys Gruppe zu fusionieren oder sich außerhalb der Internationale wiederzufinden.</p>



<p>Healy stellte absolut unverschämte Bedingungen: Die Differenzen sollten sechs Monate lang nicht diskutiert werden. Dann sollte es eine Konferenz geben. So sollte angeblich die Vereinigung erleichtert werden. In Wahrheit war es ein zynisches Manöver von Healy.</p>



<p>Healy war fest entschlossen, sich eine Mehrheit auf dieser Konferenz zu schaffen. Er hatte es bis dahin noch nie geschafft, in der RCP eine Mehrheit zu überzeugen. Jetzt hatte er endlich die Mittel dafür. Er nutzte die Situation aus und begann, mit den willkürlichsten und bürokratischsten Methoden Oppositionelle auszuschließen.</p>



<p>Healy hatte die Organisation jetzt völlig im Griff und duldete keinerlei Opposition. Seit zehn Jahren wartete er auf diese Gelegenheit, Rache zu üben.</p>



<p>Als Haston klar wurde, was geschah, war er völlig demoralisiert und trat angewidert aus. Healy gab sich damit nicht zufrieden und verlangte, dass er noch formell ausgeschlossen wird.</p>



<p>Er erklärte Anfang März 1950 vor dem Politischen Büro, Haston müsse für sein „Renegatentum“ ausgeschlossen werden: „Der Mann ist ein unverbesserlicher Opportunist.“</p>



<p>Durch Hastons Austritt war Ted in einer unmöglichen Situation. Er erkannte, dass die ganze Angelegenheit eine abscheuliche Farce war und enthielt sich. Dann schloss Healy Tony Cliff aus – für seine Ideen und um zu verhindern, dass sein Dokument auf der Konferenz diskutiert würde. Als Ted sich weigerte, dem Ausschluss Cliffs zuzustimmen, wurde er auch ausgeschlossen.</p>



<p>Mit solchen Manövern und einer systematischen Säuberung schuf sich Healy seine „Mehrheit“.</p>



<p>Diese Methoden waren der trotzkistischen Bewegung völlig fremd. Sie waren direkt vom Sinowjewismus abgeschrieben, der nur einen Schritt vom Stalinismus entfernt ist.</p>



<p>Das hatte nichts mit den Traditionen des Bolschewismus zu tun – saubere, demokratische Traditionen, die von der RCP immer verteidigt wurden. Trotzki erklärte, wie man mit internen Streitigkeiten umgehen soll:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Zunächst ist es sehr wichtig, die Statuten der Organisation streng zu beachten – regelmäßige Mitgliederversammlungen, Diskussionen vor den Konferenzen, regelmäßige Konferenzen und das Recht der Minderheit, ihre Meinung zu äußern (es sollte eine genossenschaftliche Atmosphäre herrschen, keine Drohungen mit Ausschluss). Wisst ihr, das hat es in der alten [russischen] Partei nie, nie gegeben. Der Ausschluss eines Genossen war ein tragisches Ereignis und erfolgte nur aus moralischen Gründen, niemals wegen einer kritischen Haltung.“<br>(Aus: „Results of the Entry and Next Tasks“, 6. Oktober 1937, in „Writings of Leon Trotsky [1936-37]“, S. 486)</p>
</blockquote>



<p>Ted Grant und Jock Haston widersprachen Tony Cliffs revisionistischer Theorie des Staatskapitalismus entschieden, aber sie setzten sich politisch mit ihm auseinander und versuchten, damit das Niveau der Kader zu heben. Es kam ihnen nie in den Sinn, ihn wegen seiner falschen Ansichten auszuschließen.</p>



<p>Diese verrotteten sinowjewistischen Methoden waren nun in der sogenannten Vierten Internationale zur Norm geworden. Ihre Führer versuchten, politische Differenzen durch administrative Maßnahmen, Druck und Schikanen zu lösen.</p>



<p>Nach Teds Ausschluss aus Healys Organisation, dem sogenannten „Club“, wurde Ted dann offiziell auf dem Dritten Weltkongress der Vierten Internationale im August 1951 auf Antrag Mandels ausgeschlossen.</p>



<p>Im Bericht des „International Information Bulletin“ (Dezember 1951) hieß es:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Der Ausschluss von Haston, IEK-Mitglied, und Grant, Ersatzmitglied – beide Vertreter der ehemaligen Mehrheit der RCP und Träger jener Strömung des britischen Trotzkismus, die sich hartnäckig weigerte, sich in die Internationale zu integrieren und sich die neue Linie des Trotzkismus zu eigen zu machen.“</p>
</blockquote>



<p>Und weiter: „Dies ist ein typisches Beispiel für die rasche Degeneration jeder Tendenz, die ihr Heil im nationalen Partikularismus außerhalb der breiten Entwicklungspfade der Internationale sucht …“</p>



<p>Sie waren zynisch genug, offen zu sagen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„[Hastons] Ausschluss aus dem IEK auf dem 8. Plenum erfolgte, nachdem er die Organisation verlassen und mehrmals offenen Verrat begangen hatte. Das war der Abschluss einer langen Auseinandersetzung. Niemand kann bestreiten, dass die Führung der Internationale sich dabei geduldig und flexibel verhalten und alles versucht hat, um die Haston-Strömung in die Internationale zu integrieren.“</p>
</blockquote>



<p>Healy, Cannon und die anderen hatten jetzt endlich, was sie wollten. Die RCP und Trotzkis Vierte Internationale waren zerstört. Der echte Trotzkismus war besiegt und der Sinowjewismus beherrschte die Organisation.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Eine prinzipienlose Spaltung</strong></p>



<p>Ted Grant erklärte oft, dass die einzige Autorität einer wirklich leninistischen Führung moralisch und politisch sein kann. Ohne moralische und politische Autorität bleibt nur ein korruptes bürokratisches Regime, in dem die Führer nach zweifelhaftem Prestige verlangen.</p>



<p>Parteiführer, die ideologisch ausreichend vorbereitet und in den Methoden des dialektischen Materialismus verankert sind, fürchten sich nie davor, politische Differenzen oder Kritik zu beantworten.</p>



<p>Doch Führer, deren Niveau nicht ausreicht, um ihren Kritikern mit Zahlen, Daten, Fakten und Argumenten zu antworten, werden sich immer auf administrative Maßnahmen stützen müssen, um ungewollte interne Probleme zu beseitigen. Solche Methoden führen mit Sicherheit zur Zerstörung der Organisation.</p>



<p>Weil sie nicht die nötige politische und moralische Autorität hatten, nutzten die Führer der Vierten sinowjewistische Methoden, um ihre Politik durchzudrücken. Solche Methoden führen zwangsläufig zu politischer Demoralisierung, Krisen und prinzipienlosen Spaltungen.</p>



<p>Diese Methoden und die durchgängig falsche politische Linie führten gemeinsam zur endgültigen Zerstörung der Vierten Internationale.</p>



<p>Die RCP war auf dem Weg zur völligen Degeneration das einzige ernstzunehmende Hindernis gewesen.</p>



<p>Mit der Zerstörung der RCP war der Weg frei für Pablo, Mandel und Frank, sich über die Sektionen der Internationale herzumachen. Ihre mangelnde politische und moralische Autorität spiegelte sich exakt in ihrer durchgehend falschen Perspektive und Politik wider.</p>



<p>1951 vollzog Pablo auf dem Dritten Weltkongress mit dem Internationalen Sekretariat eine Kehrtwende: Sie gaben die Position eines durch den Krieg geschwächten Stalinismus auf und wechselten nun zur Erwartung eines unmittelbar bevorstehenden Atomkriegs des Imperialismus gegen die Sowjetunion – ein Dritter Weltkrieg, der in die Revolution münden würde.</p>



<p>Dieser Krieg wurde als Teil des internationalen Klassenkampfes zwischen Proletariat und Bourgeoisie begriffen – mit den Vereinigten Staaten an der Spitze des bürgerlichen Lagers und der Sowjetunion und ihrer zögerlichen stalinistischen Führung an der Spitze des internationalen Proletariats. Diese Perspektive erschien diesen Leuten angesichts des andauernden Koreakriegs umso realer. Pablo schrieb dazu:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Die beiden Begriffe ‚Revolution‘ und ‚Krieg‘ sind keineswegs Gegensätze oder als klar voneinander unterscheidbare Entwicklungsstadien zu betrachten, sondern wachsen derart zusammen, dass sie praktisch untrennbar werden … An ihre Stelle tritt das Konzept von ‚Revolutionskrieg‘ oder ‚Kriegsrevolution‘, auf das sich die Perspektiven und die Orientierung revolutionärer Marxisten in unserer Epoche stützen müssen.“ (<a href="https://www.marxists.org/archive/pablo/1951/01/where.html">‚</a><a href="https://www.marxists.org/archive/pablo/1951/01/where.html"><em>Where Are We Going?‘</em></a>, Michel Pablo, Juli 1951)</p>
</blockquote>



<p>Was den Ausgang betrifft, so werde diese „Transformation vermutlich eine ganze historische Periode von mehreren Jahrhunderten in Anspruch nehmen und in dieser Zeit mit Übergangsformen und -regimes angefüllt sein, die zwischen Kapitalismus und Sozialismus liegen und zwangsläufig von den ‚reinen‘ Formen und Normen abweichen.“</p>



<p>Mit anderen Worten: Seine Perspektive war die von „Jahrhunderten deformierter Arbeiterstaaten“, in denen die Trotzkisten die loyale Opposition sein sollten.</p>



<p>Angesichts dieses Zeithorizonts und der Gärung, die diese „Kriegsrevolution“ in den Massenorganisationen auslösen würde, sollten die Trotzkisten, so Pablo, nun in die stalinistischen oder sozialdemokratischen Massenorganisationen eintreten, um zu verhindern, isoliert zu werden. Das nannte er <em>Entrismus sui generis</em>, also „einzigartigen Entrismus“. Das sollte eine Politik des dauerhaften „Tiefenentrismus“ bis zum „kommenden weltweiten Showdown“ sein, der zum Sieg der deformierten Arbeiterstaaten führen würde.</p>



<p>Pablo verkündete, im Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus könnten Stalinismus und kleinbürgerlicher Nationalismus eine fortschrittliche Rolle spielen. Genau diese Position hatten die Führer der Vierten der RCP empört vorgeworfen, obwohl die RCP sie nie vertreten hatte.</p>



<p>Das 9. Plenum des IEK im November 1950, der 3. Weltkongress im Sommer 1951 und schließlich das IEK-Plenum im Februar 1952 unterstützten allesamt die Analyse Pablos, einschließlich dieser neuen entristischen Strategie, die sich aus dem bevorstehenden Weltkrieg ergab.</p>



<p>Das brachte die POR, die bolivianische Sektion der Vierten Internationale, dazu, die Revolutionäre Nationalistische Bewegung (MNR) zu unterstützen, was zur Niederlage des Proletariats in der bolivianischen Revolution 1952 führte (siehe <a href="https://rivoluzione.red/la-rivoluzione-boliviana-del-1952/"><u>The 1952 Bolivian Revolution</u></a>).</p>



<p>Die Resolution des 12. Plenums des IEK (Dezember 1952) zu Bolivien erklärte, die POR habe korrekt gehandelt und unterstützte offen „die kritische Unterstützung für die MNR“. (<a href="https://www.marxists.org/history/etol/document/fi/iib-1951-69/1-jan-1953-intl-inf-bull.pdf">International Information Bulletin, Jan 1953,</a> p. 24)</p>



<p>Die Mehrheit der französischen Sektion wandte sich gegen einige Aspekte von Pablos neuer Linie und Bleibtreu-Favre schrieb ein oppositionelles Dokument mit dem Titel „<a href="https://www.marxists.org/history/etol/document/fi/1950-1953/ic-issplit/04.htm">Wohin geht Pablo?</a>“. Während Pablo eine Linie der Anpassung an die stalinistische Bürokratie in Moskau entwickelt hatte, klammerte sich Favre weiter an die vorherige Position der Illusionen in die Stalinisten in Jugoslawien und in der chinesischen KP. Er argumentierte:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Was eine Arbeiterpartei als stalinistisch definiert – im Unterschied zu einer revolutionären Partei, einer (mit der Bourgeoisie verbundenen) sozialdemokratischen Partei oder einer wie auch immer gearteten zentristischen Partei –, ist weder eine stalinistische Ideologie (die es gar nicht gibt) noch bürokratische Methoden (die es in allen möglichen Parteien gibt), sondern vielmehr ihre völlige und mechanische Unterordnung unter den Kreml. Wenn diese Unterordnung aus irgendeinem Grund aufhört, hört die Partei auf, stalinistisch zu sein, und vertritt Interessen, die sich von denen der bürokratischen Kaste in der UdSSR unterscheiden. Das geschah (durch das revolutionäre Handeln der Massen) in Jugoslawien schon lange vor dem Bruch; der Bruch machte es nur offiziell. Das ist auch in China bereits passiert und wird sich zwangsläufig in einem Abbruch der Beziehungen widerspiegeln, ganz gleich, welchen Kurs die chinesische Revolution nimmt.“</p>
</blockquote>



<p>Auf dieser Grundlage stand die Opposition gegen Pablo seitens der französischen PCI-Mehrheit. Wie zu erwarten, nutzte Pablo bürokratische Mittel, um diese Opposition zu besiegen. Zunächst weigerte er sich, das Mehrheitsdokument der Franzosen auf dem Weltkongress 1951 zur Abstimmung zu stellen. Dann nötigte er die französische Mehrheit zu einem Kompromiss: Eine Kommission sollte über die Taktik in Frankreich entscheiden. Doch dieser Kompromiss hielt nicht lange.</p>



<p>Im Januar 1952 wies das Internationale Sekretariat die französische Sektion an, in die Französische Kommunistische Partei einzutreten. Das bedeutete, die gewerkschaftliche Arbeit aufzugeben, die Lambert gemeinsam mit antikommunistischen Kräften (die inzwischen Teil der Force Ouvrière-Gewerkschaft sind) in <em>L’Unité </em>gemacht hatte, aufzugeben und sich der CGT anzuschließen. Die Mehrheit des ZK stimmte dagegen. Daraufhin griff Pablo ein und schloss bürokratisch alle 16 Mitglieder des ZK aus, die gegen den Kurs gestimmt hatten! Einen Monat später machte das IEK diese Entscheidung wieder rückgängig.</p>



<p>Als Mitte 1952 die nationale Konferenz bevorstand, stürmte die pro-Pablo-Minderheit der französischen Sektion das PCI-Büro und entwendete dort Eigentum der Organisation. Sie wurde prompt von der Mehrheit ausgeschlossen, womit es nun zwei Organisationen gleichen Namens mit derselben Zeitung gab.</p>



<p>Auf der IEK-Sitzung im November 1952 unterlag die französische Mehrheit um Lambert und Bleibtreu-Favre und wurde dann im Januar 1953 vom IS endgültig aus der Internationale ausgeschlossen. Eine überwältigende Mehrheit unterstützte dieses Vorgehen und die allgemeine politische Linie, darunter auch die amerikanische SWP und die Gruppe um Healy, die noch immer entschiedene Anhänger Pablos waren.</p>



<p>Zuvor hatte Daniel Renard von der französischen Sektion sich an Cannon gewandt und um Unterstützung gegen die pro-stalinistische Linie Pablos gebeten. Im Mai 1952 antwortete ihm Cannon und wies jeden Verdacht an eine pro-stalinistische Strömung in der Internationale zurück:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Wir sehen in der internationalen Führung der Vierten Internationale keine solche Strömung und auch kein Anzeichen oder Symptom davon.</p>



<p>Wir beurteilen die Politik der internationalen Führung nach der Linie, die sie in ihren offiziellen Dokumenten entwickelt, also aktuell nach den Dokumenten des 3. Weltkongresses und des 10. Plenums. Wir sehen darin keinen Revisionismus. Wir halten diese Dokumente für völlig trotzkistisch…</p>



<p>Die Führung der SWP ist einhellig der Meinung, dass die Verfasser dieser Dokumente der Bewegung einen großen Dienst erwiesen haben und dafür Anerkennung und genossenschaftliche Unterstützung, nicht Misstrauen und Verunglimpfung verdienen.“ (‘<a href="https://www.marxists.org/history/etol/document/fi/1950-1953/ic-issplit/05.htm">Letters exchanged between Daniel Renard and James P. Cannon</a>’, February 16 and May 9, 1952)</p>
</blockquote>



<p>Diese Aussagen machen deutlich, dass damals <em>jeder</em> ein „Pabloist“ war. Alle sangen genau dasselbe politische Lied. Die Resolutionen des 3. Weltkongresses 1951 wurden vom pabloistischen IS verfasst und vom Kongress angenommen.</p>



<p>Cannon unterstützte Pablo bedingungslos. „Soweit ich die Resolution verstehe, ist sie der Versuch, die neue Realität auf der Welt anzuerkennen und für Strategie und Taktik die notwendigen Schlüsse daraus zu ziehen. Ich stimme diesen Schlussfolgerungen zu.“ (Cannon, <em>Speeches to the Party</em>, p.141)</p>



<p>Gerade Cannon sah in den Resolutionen eine Unterstützung seiner „Thesen über Amerika“. Das unterstrich er in einem Brief an Dan Roberts:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„In Wahrheit bekräftigen die im Dokument des 3. Kongresses analysierten Ereignisse die ‚Thesen über Amerika‘ und verleihen ihnen noch mehr Aktualität. Der weltweite Trend zur Revolution ist nun unumkehrbar, und Amerika wird sich diesem Sog nicht entziehen können.“ (Cannon, <em>Speeches to the Party</em>, S. 271)</p>
</blockquote>



<p>Als Cannon Pablos Broschüre <em>The Coming World Showdown</em> mit ihrer Perspektive eines in eine Kriegsrevolution übergehenden Weltkriegs las, erklärte er: „Ich stimme mit Pablos Broschüre vollkommen überein.“</p>



<p>Als 1952/53 die Spaltung kam, hatte sie daher keinerlei politische Ursachen, denn es gab keine Differenzen. Als Pablo den IS-Entwurf <em>The Rise and Fall of Stalinism</em> als Diskussionsgrundlage für den kommenden 4. Weltkongress vorlegte, stimmte Healy zu, dass er im Namen des IS an alle Sektionen verschickt werde, mit nur wenigen, unbedeutenden Anmerkungen.</p>



<p>Healy war in diesen Jahren ein enger Verbündeter Pablos gewesen. „In den vergangenen Jahren war ich ihm extrem nahe und habe ihn sehr schätzen gelernt“, schrieb Healy im Mai 1953 an Cannon. „Er hat bemerkenswerte Arbeit geleistet, und gerade jetzt braucht er unsere Unterstützung.“ (<em>Letter from G. Healy to James P. Cannon, 27. Mai 1953, Trotskyism versus Revisionism, vol.1, S. 112 &amp; 114</em>)</p>



<p>Die Spaltung beruhte stattdessen ausschließlich auf dem Verhältnis zwischen Pablo und der SWP-Führung, die sich nun als Rivalen betrachteten. Während Cannon Pablos Politik unterstützte, konnte er dessen Einmischung in die Angelegenheiten der SWP nie dulden. Insbesondere die Entstehung einer Minderheitsfraktion in der SWP unter Bert Cochran warf er Pablo als „Einmischung in ihre Angelegenheiten“ vor. Sie sei „von Paris angestiftet“ worden.</p>



<p>Deshalb startete Cannon einen Angriff auf „Paris“, diesen Fremdkörper, der sich in die amerikanische Partei einzumischen und interne Abweichler zu fördern versuchte. Cannon arbeitete bald darauf hin, Pablo „und seine rückgratlosen Lakaien“ zu entfernen. Mit seiner typischen Aggressivität schrieb er: „Die revolutionäre Aufgabe besteht nicht darin, mit dieser Strömung zu ‚leben‘ … sondern sie zu sprengen.“</p>



<p>Er fügte hinzu:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Die nächste Stufe unserer Strategie stelle ich mir so vor, dass sie von der kompromisslosen Entschlossenheit ausgeht, den Pabloismus politisch und organisatorisch zu vernichten.“</p>
</blockquote>



<p>Da haben wir es: Aus völliger Übereinstimmung und bedingungsloser Unterstützung des Pabloismus in all seinen Erscheinungsformen wird jetzt „kompromisslose Entschlossenheit“, ihn zu vernichten und aus der Organisation zu vertreiben! Und diese 180-Grad-Wendung vollzog sich völlig mühelos, ohne mit der Wimper zu zucken und ohne jegliche Erklärung in nur wenigen Monaten.</p>



<p>Als sie dann kam, war die Spaltung wie Musik in Healys Ohren. In der neuen Arbeitsteilung wurde er zu Cannons Mann in Europa und konnte sein eigenes Ding machen. Mit ihm verbündete sich die französische PCI unter Bleibtreu-Favre und Lambert. Alle zusammen bildeten das „Internationale Komitee“ der Vierten Internationale.</p>



<p>Healy betrieb unterdessen eine Politik des Tiefenentrismus in Großbritannien rund um die Zeitung <em>Socialist Outlook</em>, die er gemeinsam mit einigen Linksreformisten herausgab. 1954 wurde die Zeitung vom Nationalen Exekutivkomitee der Labour Party verboten. Ohne eigene Zeitung begannen die Healyites opportunistisch, einfach die <em>Tribune</em> zu verkaufen und an ihr mitzuwirken. Das war die reformistische Zeitschrift von Michael Foot [von 1980 bis 1983 Vorsitzender der Labour Party, 1983 verantwortlich für den Ausschluss von Ted Grant und anderen Genossen, Anm. d. Ü.]. Daran werden sie nicht gerne erinnert.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Vom Linksradikalismus zum Opportunismus</strong></p>



<p>Jahrelang weigerten sich Mandel, Pablo und Cannon hartnäckig, die Wirklichkeit der veränderten Situation nach dem Zweiten Weltkrieg zu akzeptieren.</p>



<p>Ohne jede Erklärung und ohne jede kritische Bewertung vergangener Fehler gingen sie dann vom Linksradikalismus zum Opportunismus über. Anstatt weiter an der Perspektive eines unmittelbar bevorstehenden ökonomischen Zusammenbruchs festzuhalten, begannen die Führer der Vierten Internationale mit revisionistischen Ideen zu liebäugeln – etwa mit dem Keynesianismus, den sie dem morschen Arsenal des Reformismus und der bürgerlichen Ökonomie entlehnten.</p>



<p>Mandel war fasziniert von staatlicher Intervention, während Tony Cliff sich zur Erklärung des Nachkriegsaufschwungs der Idee der „permanenten Rüstungswirtschaft“ bediente. Nur unsere Strömung – personifiziert durch Ted Grant – verstand wirklich, was geschah.</p>



<p>In einer brillanten Analyse, verfasst 1960 unter dem Titel <a href="https://derfunke.at/20088-ted-grant-kommt-der-wirtschaftseinbruch-1960"><em>Kommt der Wirtschaftseinbruch?</em></a>, erklärte Ted das Wesen des gerade ablaufenden Aufschwungs:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Es stimmt, dass die Wirtschaft in den Jahren 1890-1914 schneller wuchs als in der Zwischenkriegszeit, doch das spiegelt die Tatsache wider, dass der Kapitalismus seither seinen relativ fortschrittlichen Charakter eingebüßt hat. Der Weltkrieg von 1914-18 stellte einen Wendepunkt in der Entwicklung des Kapitalismus dar. Ausdruck dessen war die Sackgasse, in die das Privateigentum an den Produktionsmitteln und der Nationalstaat die Gesellschaft geführt hatten.</p>



<p>Der Wirtschaftsaufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg verdankt sich einer Reihe von Faktoren. Ein solcher Aufschwung ist nicht ‚einzigartig.‘ Die Möglichkeit einer solchen Entwicklung wurde von Trotzki in seiner Kritik an den mechanischen Vorstellungen der Stalinisten vorhergesehen.“</p>
</blockquote>



<p>Er erklärte, welche Faktoren den Aufschwung erzeugt hatten. Dazu gehörte auch die beispiellose Ausweitung des Welthandels.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Seit dem Zweiten Weltkrieg hat der Kapitalismus, wenn auch in einer ungleichmäßigen und sehr widersprüchlichen Form, eine Periode der ‚Wiederauferstehung‘ erlebt. Es handelt sich dabei zwar nur um eine zeitweilige Erholung einer kranken und morschen Wirtschaftsordnung, die das Greisenalter und die Schwäche des verrotteten Kapitalismus und nicht seine jugendliche Widerstandskraft ausdrückt. Doch sogar im Zuge des allgemeinen Niedergangs des Kapitalismus sind solche Erholungsphasen nichts Ungewöhnliches, solange es die Arbeiterklasse aufgrund einer mangelhaften Führung nicht schafft, dem System ein Ende zu setzen. Der Kapitalismus kennt keine ‚Endkrise‘ oder eine absolute ‚Schranke‘ für die Produktion und wird nicht von selbst zusammenbrechen, wie die Stalinisten während der Großen Depression von 1929-33 behaupteten. Dennoch zeigte sich die Schwächung des Kapitalismus anhand der Vielzahl an revolutionären Ereignissen unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg.“</p>
</blockquote>



<p>Pierre Lambert, der Führer der französischen Sektion, der 1952 aus der Vierten Internationale ausgeschlossen wurde, kritisierte ebenfalls den Revisionismus der anderen Führer der Internationale, aber seine einzige Alternative war, sich trotzig an den falschen Positionen festzuklammern, die die Internationale nach dem Zweiten Weltkrieg vertreten hatte.</p>



<p>Allen Tatsachen zum Trotz bestritt er weiterhin, dass es im 20. Jahrhundert irgendeine Entwicklung der Produktivkräfte gegeben hatte, bis er 2008 starb.</p>



<p>In Wirklichkeit erlebte der Kapitalismus in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg den größten Wirtschaftsaufschwung seit der industriellen Revolution. Das stellte die Vierte Internationale vor enorme Probleme.</p>



<p>Der Wirtschaftsaufschwung ermöglichte es dem Kapitalismus, gewisse Reformen und Verbesserungen des Lebensstandards zu gewähren. In Großbritannien führte der von der Labour Party bei den Wahlen 1945 errungene Erdrutschsieg zum ersten Mal dazu, dass ihr Reformprogramm, einschließlich Verstaatlichungen, tatsächlich umgesetzt wurde. Dies führte zu einem gewaltigen Anstieg der Illusionen in den Reformismus.</p>



<p>Gleichzeitig schuf der Sturz der kapitalistischen Regime in Osteuropa, gefolgt von der großen chinesischen Revolution 1949, neue Illusionen in den Stalinismus unter einem wichtigen Teil der Arbeiter und Jugendlichen.</p>



<p>Der Weg der Vierten Internationale war daher durch eine ganze Reihe objektiver Hindernisse blockiert, die in den meisten Ländern eine rasche Entwicklung ihrer Kräfte unmöglich machten.</p>



<p>Selbst wenn Marx, Lenin und Trotzki am Leben gewesen wären, wäre die grundlegende objektive Situation äußerst schwierig geblieben. Doch wie bereits gesagt: Unter der Führung guter Generäle kann eine Armee, wenn sie gezwungen ist, sich zurückzuziehen, den Großteil ihrer Kräfte bewahren und sich neu gruppieren, um dann zu einem neuen Angriff überzugehen, wenn sich die Lage ändert.</p>



<p>Schlechte Generäle aber machen aus jedem Rückzug eine Panikflucht. So erging es der Vierten Internationale.</p>



<p>Ted hingegen war in der Lage, eine richtige Perspektive zu entwickeln, die Genossen neu auszurüsten und so den Boden für die Zukunft zu bereiten:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Vom marxistischen Standpunkt aus betrachtet ist diese wirtschaftliche Erholung des Kapitalismus keine ausschließlich schlechte Erscheinung. Die Arbeiterklasse wird numerisch gestärkt, ihr Zusammenhalt wird gefestigt, und sie kann ihre Stellung innerhalb der Nation zu ihren Gunsten festigen. Auf dieser Grundlage wird der Kapitalismus beim nächsten Konjunktureinbruch vor umso größeren Problemen stehen.“</p>
</blockquote>



<p>Ted schlussfolgerte, dass sich die Perspektive eines unausweichlichen Einbruchs ankündigte:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Wann ist noch unklar, aber es ist absolut sicher, dass dem beispiellosen Nachkriegsaufschwung eine Periode des katastrophalen Abschwungs folgen muss. Dies wird tiefgreifende Auswirkungen auf das politische Denken in der Arbeiterbewegung haben, deren Reihen im Zuge des Booms enorm gestärkt wurden.“</p>
</blockquote>



<p>Diese Fähigkeit, die konkrete Situation so zu analysieren, wie sie wirklich war und nicht so, wie sie die sektierischen Wirrköpfe gerne gehabt hätten, ermöglichte es Ted, die schwachen Kräfte zusammenzuhalten, die wir damals hatten. So konnte er sie auf den unausweichlichen Abschwung vorbereiten, der später kam und einen gewaltigen Klassenkampf mit sich brachte.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Gegen den Strom!</strong></p>



<p>Nach der Zerstörung der RCP waren Ted Grant und die kleine Gruppe seiner Anhänger gezwungen, unter äußerst schwierigen Bedingungen einige Jahre lang gegen den Strom zu schwimmen.</p>



<p>1956 führten gewaltige Ereignisse zu einem Umschwung der Situation. Die Enthüllungen Chruschtschows und der heroische Aufstand der ungarischen Arbeiter, der von russischen Panzern brutal unterdrückt wurde, erschütterte die stalinistische Bewegung von oben bis unten.</p>



<p>Die Kommunistische Partei Großbritanniens erlitt eine ernsthafte Spaltung und verlor eine große Anzahl wichtiger Kader, insbesondere aus der Gewerkschaft. Leider waren unsere Kräfte zu klein, um sie zu gewinnen. Einige traten Healys Organisation bei und drückten sie in eine ultralinke Richtung. Andere gingen weit nach rechts und wurden Agenten der herrschenden Klasse.</p>



<p>Die offizielle Vierte Internationale hatte ihre Basis in Großbritannien verloren, als Healy sich 1953 abspaltete, um das sogenannte Internationale Komitee zu gründen. Die Internationale versuchte, eine neue Sektion aus dem Nichts aufzubauen, und schaltete dafür ein Inserat in der <em>Tribune</em>, worin sie alle interessierten Trotzkisten aufrief, an einer Konferenz teilzunehmen.</p>



<p>Obwohl Ted und die anderen Genossen sich keinerlei Illusionen machten, sagten sie sich, es gebe nichts zu verlieren. Also nahmen sie teil und stimmten daraufhin zu, sich mit einer anderen kleinen Gruppe zu vereinigen und die offizielle Sektion der Vierten neu zu gründen. Sie taten das ohne jedes politische Zugeständnis und auch ohne Illusionen. Aber sie sahen darin eine Möglichkeit, unsere Isolation zu überwinden und Kontakt zu Gleichgesinnten in anderen Ländern aufzunehmen.</p>



<p>Eine Weile lang brachte dieses Experiment positive Resultate. Doch schon bald traten die alten Differenzen wieder an die Oberfläche – und mit ihnen die alten Manöver und Intrigen.</p>



<p>Ted wurde Mitglied des Internationalen Exekutivkomitees. Dort wurde er Zeuge der Probleme, zu denen Pablos Fehler führten. Er rührte wieder einmal die Kriegstrommel und sprach von einem unmittelbar bevorstehenden Atomkrieg, der auf irgendeine geheimnisvolle Weise zur sozialistischen Revolution führen sollte.</p>



<p>Ted war recht amüsiert von den Auswirkungen, die diese dumme Propaganda selbst auf führende Kader hatte. Er erzählte später von einer Begegnung mit einer Genossin, die sich unter Tränen von ihm verabschiedete: „Lebe wohl, Genosse! Wir sehen uns vielleicht nicht wieder.“</p>



<p>Ted antwortet: „Keine Sorge. Geh nur ins Bett und schlaf dich aus. Es wird keinen Krieg geben und wir werden uns auf der nächsten Sitzung wiedersehen.“ Ob sie überzeugt war, ist nicht überliefert.</p>



<p>Er bemerkte auch, dass es einen stabilen Block aus argentinischen Genossen gab, die zu Pablo immer 1000% loyal waren. In jeder Abstimmung schossen ihre Hände ohne zu zögern nach oben.</p>



<p>Nach einer solchen Abstimmung sagte Ted einmal zu Pablo: „Pass bloß auf mit denen. Heute stimmen sie immer mit dir. Morgen stimmen sie immer gegen dich.“ Diese Vorhersage stellte sich als richtig heraus.</p>



<p>Die größte Sektion der Internationale war die LSSP (Lanka Sama Samaja Party) in Sri Lanka, das damals noch Ceylon hieß. Ted bemerkte, dass die führenden Genossen aus Sri Lanka die internationale Führung bei allen IEK-Sitzungen ziemlich herablassend behandelten.</p>



<p>Der Führer der LSSP, N. M. Pereira, hatte klare opportunistische Tendenzen. Ted sagte, „N. M. war nie ein Trotzkist.“ Doch die internationale Führung unternahm absolut nichts, um ihn zu korrigieren.</p>



<p>Als Trotzki noch am Leben war, hatte er selbst als Einzelperson enorme politische und moralische Autorität, die bei allen führenden Kadern der Internationale Respekt hervorrief.</p>



<p>Doch diese Führer erlangten niemals eine solche Autorität. Ihre zahllosen Fehler und Irrtümer untergruben ihre Glaubwürdigkeit, besonders in den Augen der Genossen aus Sri Lanka, die immerhin eine Massenorganisation anführten.</p>



<p>Unweigerlich endete das Ganze im Desaster. Die LSSP trat einer Volksfrontregierung in Sri Lanka bei, was bei der internationalen Führung für Entsetzen sorgte. Doch dies war die zwangsläufige Folge jahrelanger Unfähigkeit, den Genossen in Sri Lanka eine klare Linie zu geben. Panisch reagierten sie, indem sie die gesamte LSSP ausschlossen, ohne auch nur zu versuchen, durch eine politische Auseinandersetzung die Mehrheit für sich zu gewinnen.</p>



<p>Die Differenzen zwischen der britischen Sektion und der internationalen Führung wurden besonders offensichtlich, als Mandel, Pablo und Co. Anfang der 1960er Gespräche mit der amerikanischen SWP aufnahmen, um die „Einheit aller Trotzkisten“ wiederherzustellen.</p>



<p>Ted Grant jedoch sagte voraus – gestützt auf die Erfahrungen der Vergangenheit –, dass diese Leute am Ende nur zwei Internationalen zu zehn vereinen würden. Eine Bemerkung, die sich als treffend erwies.</p>



<p>In der Führung der Internationale brach ein heftiger Streit über mehrere Fragen aus, vor allem über den Charakter des chinesisch-sowjetischen Bruchs und die koloniale Revolution.</p>



<p>Pablo plädierte für die Unterstützung der russischen Bürokratie gegen die Chinesen, während die übrigen die chinesische Bürokratie gegen Moskau unterstützten. Ted bestand darauf, dass es sich um einen Konflikt zweier rivalisierender Bürokratien handelte, bei dem die Vierte Internationale keine Seite unterstützen dürfe.</p>



<p>In Bezug auf die koloniale Revolution übernahmen die Führer der Internationale eine Position der unkritischen Unterstützung gegenüber dem Guerillakampf, während die Amerikaner Castros Kuba unkritisch unterstützten und es als mehr oder weniger gesunden Arbeiterstaat charakterisierten.</p>



<p>Das war eine exakte Wiederholung der früheren Fehler bezüglich Tito in Jugoslawien. Im Grunde suchten diese Leute nach Abkürzungen in Gestalt „unbewusster Trotzkisten“. Nachdem sie sich an Tito die Finger verbrannt hatten, überschütteten sie jetzt Castro mit Lob.</p>



<p>Später zeichneten sie von Mao Zedong ein ähnliches Bild und bezeichneten sogar die sogenannte „Kulturrevolution“ in China als Neuauflage der Pariser Kommune! All das bedeutete eine Abkehr von den grundlegendsten Ideen des Trotzkismus und eröffnete den Weg zur völligen Liquidierung der Vierten Internationale. Dafür gab es einige Indizien.</p>



<p>Die kleine irische Gruppe der Vierten Internationale hatte engen Kontakt mit den britischen Genossen. Die Internationale riet ihnen, sich mit einer kleinen, ultrastalinistischen, maoistischen Organisation in Irland zu vereinigen, die von einem Herrn namens Clifford angeführt wurde.</p>



<p>Clifford stellte die Bedingung, es solle am Anfang keine Diskussion über die Differenzen zwischen Stalinismus und Trotzkismus geben. Leichtsinnig stimmten sie dem zu. Doch direkt nach der Vereinigung begann Clifford eine wütenden Angriff gegen den „konterrevolutionären“ Trotzkismus. Die irischen Trotzkisten konnten sein Dokument nicht beantworten und baten Ted Grant dringend, er möge eine Antwort für sie schreiben. Das tat er (<a href="https://tedgrant.org/archive/grant/1966/clifford.htm"><em>A reply to comrade Clifford</em></a>), aber es änderte nichts am katastrophalen Ausgang dieses Einigungsversuchs.</p>



<p>Noch absurder wurde es in Italien. Dort gab es keine bedeutsame maoistische Organisation – bis sie von der Vierten Internationale faktisch angestoßen wurde! Der Führer der italienischen Sektion, Livio Maitan, wollte sich Exemplare von Maos Kleinem Roten Buch beschaffen, um sie zu verbreiten.</p>



<p>Weil es in Italien keine chinesische Botschaft gab, reiste er in die Schweiz und erhielt dort eine große Anzahl von Exemplaren. Durch seine Bemühungen verbreitete sich das Kleine Rote Buch überall in Italien und hatte einen gewaltigen Effekt. Leider hatte die Vierte Internationale nichts davon. Aber es gelang, in großen Teilen der radikalisierten Jugend Illusionen in den Maoismus zu erzeugen. Sie wollten die Ideen Maos als Brücke vom Stalinismus zum Trotzkismus darstellen, aber sie entpuppten sich als Gegenteil dessen. Sogar innerhalb von Maitans Organisation spaltete sich eine Gruppe unter dem Einfluss des Maoismus ab und baute eine ansehnliche ultralinke Organisation in Italien auf.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Neue Intrigen</strong></p>



<p>Die ganze Zeit erhielten Ted und seine Genossen eine konsequente Opposition zur falschen Linie der Internationale aufrecht. Die Führung antwortete, wie zu erwarten war, nicht mit Argumenten, sondern mit Manövern und Intrigen.</p>



<p>In Nottingham gab es eine kleine Clique prinzipienloser Individuen, die gemeinsam mit Paris Pläne schmiedeten, die Führung der britischen Sektion zu untergraben.</p>



<p>Unsere Organisation war damals schwach, klein und mittellos. Wir hatten weder ein Center noch Fulltimer. Ted Grant arbeitete in der Telefonvermittlung und widmete der Organisation seine ganze Freizeit.</p>



<p>Dementsprechend waren wir sehr glücklich, als die Internationale verkündete, sie wolle uns einen Fulltimer schicken – einen kanadischen Genossen, den sie bezahlen würde.</p>



<p>Doch von Anfang zeigte sich, dass dieser Mensch nicht im Sinn hatte, die britische Sektion aufzubauen, sondern zusammen mit der Gruppe in Nottingham Intrigen gegen die Führung zu organisieren.</p>



<p>Als diese Intrigen aufflogen, gab es einen Skandal. Er verschwand zusammen mit dem Sortiment des Buchladens, für den er eigentlich arbeiten sollte. Das war ein offener Sabotageakt, der zeigte, wozu diese Leute fähig waren. Und das war erst der Anfang.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Das „Vereinigte Sekretariat“</strong></p>



<p>1963 vereinigte sich die Internationale schließlich in einer Organisation, dem Vereinigten Sekretariat der Vierten Internationale (USFI), und begann unmittelbar wieder zu zerfallen.</p>



<p>Pablo spaltete sich ab, gefolgt von Posadas; Lambert und Healy blieben gleich draußen. Die angestrebte „Vereinigung aller Trotzkisten“ war also von Anfang an eine Totgeburt – die unvermeidliche Folge der Kombination von falscher Politik und einem vergifteten inneren Regime.</p>



<p>Die britischen Genossen standen von Anfang an auf einer prinzipiellen Position. Auf dem Kongress 1965 legten sie ein Dokument vor, in dem sie ihre Differenzen darlegten. Im sowjetisch-chinesischen Konflikt vertraten sie die vollständige Unabhängigkeit von Moskau und Peking. Sie erklärten, dass der Bruch zwischen beiden ein Ausdruck der widersprüchlichen Interessen zweier rivalisierender Bürokratien war – von denen keine die Interessen der Arbeiterklasse oder der sozialistischen Weltrevolution vertrat.</p>



<p>Hinsichtlich der kolonialen Revolution hielten sie fest, dass die Vierte Internationale zwar den Kampf der unterdrückten Völker gegen den Imperialismus entschlossen unterstützen, aber gleichzeitig zu jedem Zeitpunkt eine unabhängige Klassenpolitik bewahren müsse, statt den kleinbürgerlichen Führern nachzulaufen.</p>



<p>Wir wiesen die Politik des Individualterrorismus und des Guerrillakampfes zurück, die damals in Lateinamerika eine so fatale Rolle spielte, während die Führer der Internationale sie unkritisch unterstützten.</p>



<p>Das Dokument, das von Ted Grant geschrieben und von der britischen Sektion vorgestellt wurde, „Die koloniale Revolution und das chinesisch-sowjetische Zerwürfnis“, war das einzige, das konsequent eine trotzkistisch-proletarische Politik vertrat. Weil wir kein Vertrauen hatten, dass die Internationale es vervielfältigen würde, taten wir das selbst, obwohl wir absolut keine Ressourcen hatten.</p>



<p>Doch als die Genossen am Kongress eintrafen, stellten sie fest, dass man das Dokument trotzdem nicht verteilt hatte. Folglich hatte es niemand gelesen. Später stellte Ted Grant ironisch fest:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Lenin sagte einmal verächtlich über die Zweite Internationale, dass sie keine Internationale, sondern ein Postamt sei. Diese Clique verdient nicht mal die Bezeichnung Postamt. Organisatorisch sind sie genauso bankrott wie politisch!“ (Grant, ‘<a href="https://www.marxists.org/archive/grant/1970/05/progint.htm"><em>Programme of the International</em></a>’, May 1970)</p>
</blockquote>



<p>In der Kongressdebatte gab man Ted sage und schreibe fünfzehn Minuten (also sieben mit Übersetzung), um das Dokument vorzustellen. Wenig überraschend wurde es nicht unterstützt. Was die Führer der Internationale dann verkündeten, war de facto ein verschleierter Ausschluss der britischen Genossen.</p>



<p>Mit dem falschen Argument, die britischen Genossen seien „unfähig, eine Organisation aufzubauen“, schlugen sie vor, ihnen den Sektionsstatus abzuerkennen und sie zu einer sympathisierenden Gruppe herabzustufen. Eine winzige Clique, die die offizielle Linie der Internationale vertrat, erhielt denselben Status.</p>



<p>Zu Recht verurteilten die Genossen das als unehrlichen Ausschluss. Wir kamen nicht mehr zurück. Der Bruch mit der sogenannten Vierten Internationale war dauerhaft und unumkehrbar. Jahrzehntelange Erfahrung bestätigt uns, dass die von Leo Trotzki mit so großen Hoffnungen gegründete Vierte Internationale schließlich in einer Totgeburt endete.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Schlussfolgerung</strong></p>



<p>Heute existiert die Vierte Internationale als Programm oder Organisation praktisch nicht mehr. Die unzähligen, untereinander zerstrittenen Sekten, die den einst stolzen Namen beanspruchen, haben ihn vollständig diskreditiert.</p>



<p>Nicht eine einzige der aus dem Trümmerhaufen der Vierten hervorgegangenen Sekten hat noch irgendetwas mit den ursprünglichen Ideen gemein.</p>



<p>Obwohl sie sich ermüdend-notorisch auf Trotzkis Namen berufen, haben sie nie seine Methode verstanden. Alle zusammen haben sie entscheidend zur Zerstörung der Vierten beigetragen.</p>



<p>Keine von ihnen hat irgendetwas mit echtem Bolschewismus-Leninismus bzw. Trotzkismus zu tun. Jede dieser Gruppen betreibt eine bizarre Karikatur, die den Namen des Trotzkismus in den Augen fortgeschrittener Arbeiter und Jugendlicher diskreditiert hat. Das ist ein Verbrechen, das ihnen nie vergeben werden kann.</p>



<p>Wir hatten also tausendfach recht, als wir schon vor Jahrzehnten zu dem Schluss kamen, dass diese Leute völlig fruchtlos sind, und ihnen für immer den Rücken gekehrt haben.</p>



<p>Heute wird das Banner des Trotzkismus nur von einer einzigen Organisation vertreten, die ernsthaft behaupten kann, es jahrzehntelang mit hartnäckiger Entschlossenheit verteidigt zu haben – die Revolutionäre Kommunistische Internationale.</p>



<p>In letzter Instanz besteht eine revolutionäre Partei aus Programm, Ideen, Methoden und Traditionen.</p>



<p>Wir haben kontinuierlich betont, wie wichtig die revolutionäre Theorie für den Aufbau der Internationalen ist.</p>



<p>Lenin sagte: „Ohne revolutionäre Theorie kann es keine revolutionäre Bewegung geben.“ Das ist hundertprozentig korrekt. Für die sogenannten Führer der Vierten Internationale war das ein Buch mit sieben Siegeln.</p>



<p>Doch während die Vierte Internationale untergegangen ist, bleiben die Ideen, das Programm, die Traditionen und die Methoden Leo Trotzkis am Leben und besitzen nach wie vor ihre volle Lebenskraft und Relevanz.</p>



<p>Wir haben die mächtigsten Ideen geerbt, die eine politische Gruppe in der Geschichte je gehabt hat. Dieses Erbe verteidigen wir. Sie sind unsere mächtigste Waffe und sie erlauben uns zu sagen, dass die revolutionäre Avantgarde noch nie so gut auf ihre Aufgaben vorbereitet gewesen ist wie jetzt.</p>



<p>Wir stützen uns auf die größten Errungenschaften der Ersten, Zweiten und Dritten Internationale sowie auf den Gründungskongress der Vierten.</p>



<p>Ted Grant hat diese Ideen gerettet und sie ein halbes Jahrhundert lang weiterentwickelt und bereichert. Die Veröffentlichung seiner gesammelten Werke ist eine enorm wichtige Bereicherung unseres theoretischen Arsenals.</p>



<p>Unsere Sache ist groß, denn wir stehen auf den Schultern von Giganten. Unsere Aufgabe ist es, diese gewaltige Arbeit zu vollenden und unsere bescheidenen Kräfte auf die Höhe der Aufgaben zu heben, die uns die Geschichte stellt.</p>



<p><em>Internationales Sekretariat der RKI, London, 9. Juni 2025</em></p>
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		<title>Sollten Kommunisten die DDR verteidigen?</title>
		<link>https://derkommunist.de/sollten-kommunisten-die-ddr-verteidigen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ture Hirche]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 03 Oct 2025 15:59:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[DDR]]></category>
		<category><![CDATA[Planwirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialismus]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hegten große Teile der Arbeiterklasse auch im Osten Deutschlands den Wunsch nach einem sozialistischen Neuanfang. Schon 1945 begannen sie, die alten Industriellen und Naziunterstützer [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p>Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hegten große Teile der Arbeiterklasse auch im Osten Deutschlands den Wunsch nach einem sozialistischen Neuanfang. Schon 1945 begannen sie, die alten Industriellen und Naziunterstützer zu verjagen und auf eigene Faust die Kontrolle über die Produktion in vielen Betrieben zu übernehmen.</p>



<p>Die Arbeiterbewegung stieg in ganz Deutschland wie der Phönix aus der Asche. In der Sowjetischen Besatzungszone zählten SPD und KPD viele hunderttausend Mitglieder. Die Vereinigung beider Parteien zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) war vor allem möglich, weil es ein großes Begehren nach Einheit innerhalb der Arbeiterbewegung gab. Doch die Hoffnung der Arbeiter wurde schnell enttäuscht. Ziel der Vereinigung war nicht Stärkung, sondern Kontrolle über die Arbeiterbewegung.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Repression und Startschwierigkeiten</strong></p>



<p>Die ohnehin schon eingeschränkte Arbeiterkontrolle wurde 1948 offiziell abgeschafft und in der SED begannen früh breite Säuberungen gegen Andersdenkende, Kommunisten wie Sozialdemokraten. Statt in Deutschland einen Arbeiterstaat zu schaffen, strebte Stalin, in Abstimmung mit dem Westen, ein neutrales, geeintes Deutschland auf kapitalistischer Grundlage an. Doch dieser Ausverkauf der ostdeutschen Arbeiterklasse scheiterte an der Ablehnung des Westens, als 1949 die Bundesrepublik gegründet wurde. Die Sowjetbürokratie war gezwungen, nachzuziehen und gründeten die DDR im selben Jahr.</p>



<p>Der neue Staat wurde am Beispiel des stalinistischen Modells der Sowjetunion (SU) geschaffen, wo alle Macht in den Händen einer aufgeblähten Bürokratie lag.</p>



<p>Trotzdem legten die Stalinisten dem Wiederaufbau der DDR sowie den anderen Ostblockländern zunächst große Steine in den Weg. Sie demontierten viele relevante Industrieanlagen und die DDR musste erdrückende Reparationszahlungen an die UdSSR leisten. Erst nach Stalins Tod und mehreren Volksaufständen erkannte die sowjetische Bürokratie, dass politische Stabilität nur durch einen steigenden Lebensstandard möglich war.</p>



<p style="font-size:22px">„<strong>Mein Freund der Plan“</strong></p>



<p>Die SU begann die Ostblockstaaten durch den Verkauf von Ressourcen weit unter dem Marktpreis zu unterstützen. In den 50er und 60er Jahren konnte die DDR Wachstumsraten von 5 bis 7% verzeichnen. Sie wuchs damit schneller als die BRD und auch die Lücke in der Arbeitsproduktivität und des BIP pro Kopf konnte zumindest in kleinen Schritten reduziert werden.</p>



<p>Die Planwirtschaft ermöglichte enorme soziale Errungenschaften. Statt nur auf Profit zu beharren, wurden die Gewinne zugunsten des Lebensstandards der Bevölkerung verteilt. Sie profitierte von der Einführung eines einheitlichen Sozialsystems und kostenloser Gesundheitsversorgung. Lebensmittelpreise und Wohnungsbau wurden extrem subventioniert. Ein Kilo Kartoffeln für eine halbe Mark, ein Kilo Zucker für eine Ganze, oder eine Zweizimmerwohnung für 40 Mark waren bei einem durchschnittlichen Monatsgehalt von 1000 Mark sehr günstig. Bettler und Arbeitslose gab es nicht. Auch die Eingliederung der Frau ins öffentliche Leben war dem Westen meilenweit voraus, wo 1989 nur 51% der Frauen einem Beruf nachgegangen sind. Im Osten waren es 92%.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Bürokratie behindert Entwicklung</strong></p>



<p>Über die Zeit wurde die Bürokratie zu einer immer größeren Bremse für die Entwicklung der DDR. Sie war nicht für die Planwirtschaft, weil sie den Sozialismus aufbauen wollte, sondern weil ihre Herrschaft und ihre Privilegien auf ihr fußten.</p>



<p>Um Planziele zu erfüllen, produzierten Betriebsdirektoren oft qualitativ minderwertige Waren oder produzierten mit Absicht weniger, um die Planziele niedrig zu halten. Stockende Lieferketten und Drosselung des Wirtschaftswachstums waren die Folge.</p>



<p>Die Bürokratien der einzelnen Ostblockstaaten versuchten, ihre Macht gegenüber den anderen auszubauen, indem sie versuchten, ganze Wirtschaftszweige allein auf die Beine zu stellen, statt die verschiedenen Produktionsprozesse rational untereinander aufzuteilen.</p>



<p>Für die kleine DDR war das eine kaum zu stemmende Aufgabe. Wo ihre Produktion nicht ausreichte, war sie zunehmend gezwungen, Waren aus dem Westen zu importieren. Doch wegen steigender Marktpreise war das irgendwann zu teuer. Ende der 80er stand sie kurz vor der Zahlungsunfähigkeit und weil das Geld fehlte, waren wichtige Industrien und die Infrastruktur in einem maroden Zustand.</p>



<p>Gegen den ökonomischen und politischen Stillstand brach 1989 eine Massenbewegung aus. Der Westen nutzte den Unmut und konnte mangels einer sozialistischen Opposition den Kapitalismus in der DDR wieder einführen und sie sich einverleiben.</p>



<p style="font-size:22px"><strong>Wie stehen Kommunisten zur DDR?</strong></p>



<p>Schuld am Scheitern der DDR war nicht die Planwirtschaft, sondern ihre bürokratische Deformierung. Wäre im Ostblock tatsächlich alle Macht von den Werktätigen ausgegangen, wäre die Geschichte anders ausgegangen. Korrupte Betriebsdirektoren wären abgewählt worden. Da die Arbeiterklasse kein Interesse an zwischennationalen Rivalitäten hat, hätte die Wirtschaft des Ostblocks harmonisiert und die Abhängigkeit vom Westen enorm reduziert werden können.</p>



<p>Dennoch sollten wir uns vor dem historischen Erbe der DDR nicht verstecken oder uns dafür schämen. Die Errungenschaften der Planwirtschaft wurden nicht wegen, sondern trotz der Diktatur der Bürokratie ermöglicht. Wir verteidigen sie, indem wir sagen: Nur wenn die Arbeiterklasse an der Macht ist, können solche Errungenschaften erhalten und ausgebaut werden. Dafür kämpfen wir heute.</p>



<p></p>
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		<title>Lesebegleiter &#8211; Leo Trotzki: Das Übergangsprogramm</title>
		<link>https://derkommunist.de/lesebegleiter-leo-trotzki-das-uebergangsprogramm/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[RKI]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 26 Sep 2025 12:06:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Lesebegleiter]]></category>
		<category><![CDATA[Trotzki]]></category>
		<category><![CDATA[Übergangsprogramm]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Anmerkung: Wir empfehlen die Ausgabe des Übergangsprogramms im Arbeiterpresse Verlag (aka Mehring Verlag) in der Reihe „Trotzki-Bibliothek“, da sie neben dem Übergangsprogramm auch eine ganze Reihe weiterer Texte und Diskussionen [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>Anmerkung: Wir empfehlen die Ausgabe des Übergangsprogramms im Arbeiterpresse Verlag (aka Mehring Verlag) in der Reihe „Trotzki-Bibliothek“, da sie neben dem Übergangsprogramm auch eine ganze Reihe weiterer Texte und Diskussionen Trotzkis zum Übergangsprogramm enthält, die sehr lehrreich sind! (Das Vorwort ist jedoch mit Vorsicht zu genießen, da es von den </em><a href="https://marxist.com/the-degeneration-and-collapse-of-the-fourth-international.htm"><em>Healyites </em></a><em>geschrieben wurde!) ISBN: 3-88634-041-4</em></p>



<p>Das Übergangsprogramm von Leo Trotzki (eigentlich „Der Todeskampf des Kapitalismus und die Aufgaben der Vierten Internationale“) gehört zu den Klassikern marxistischer Theorie und sollte von jedem Kommunisten studiert werden.&nbsp;</p>



<p>Trotzki schrieb diesen Text 1938 als Gründungsdokument der Vierten Internationale. Aber die Übergangsmethode, die er darin entwickelt, ist keineswegs seine Erfindung, sondern gehörte schon immer zum Marxismus. Lenin wandte sie z.B. an in <a href="https://www.marxists.info/deutsch/archiv/lenin/1917/09/katastrophe.html">„Die drohende Katastrophe und wie man sie bekämpfen soll“</a> (1917). Und Trotzki erklärte, dass das Übergangsprogramm eigentlich nur eine Aktualisierung des <a href="https://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1848/manifest/4-stelkomm.htm">IV. Kapitels des „Kommunistischen Manifests“ </a>(1848) von Marx und Engels sei.&nbsp;</p>



<p>Der Kern der Übergangsmethode ist, eine Brücke zu schlagen zwischen dem fertigen kommunistischen Programm einerseits und dem konkreten, aktuellen, unfertigen, sich entwickelnden Bewusstsein der Arbeiterklasse andererseits.&nbsp;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Charakter der Epoche</h3>



<p>Trotzki erklärte einmal, dass ein Programm mehr ist als eine Liste an Forderungen: Es ist ein gemeinsames Verständnis der Situation und der Aufgaben, die daraus fließen. Deswegen beginnt Trotzkis Übergangsprogramm mit einer prägnanten Charakterisierung der Epoche, in der es geschrieben wurde.&nbsp;</p>



<p>Der Kapitalismus befand sich in den 1930ern in einer organischen Krise. D.h. es handelte sich nicht um eine vorübergehende, konjunkturelle Krise, sondern um eine Krise des ganzen Systems. Der Kapitalismus als Produktionsweise war völlig unfähig geworden, die Produktivkräfte und damit die Gesellschaft, weiterzuentwickeln. Die Wirtschaftskrise, fallender Lebensstandard, Arbeitslosigkeit und Kriegsgefahr machten sich breit. Auf Grundlage des Kapitalismus konnte keines dieser Probleme mehr gelöst werden. Nur ein Bruch mit dem Privateigentum an den Produktionsmitteln und die sozialistische Planung der Wirtschaft hätten einen Weg vorwärts weisen können.&nbsp;</p>



<p>Deshalb hatten auch die Bourgeoisie und ihre Politiker überhaupt keinen Ausweg aus der Situation. Sie versuchten verzweifelt verschiedene abenteuerliche politische Maßnahmen wie den „New Deal“ von US-Präsident Roosevelt. Das war ein Versuch, die Probleme des Kapitalismus durch eine massive Ausweitung der Verschuldung zu lösen, was jedoch nicht funktionierte. In Europa wurden immer mehr bürgerliche Demokratien zu faschistischen Diktaturen. Es handelte sich also nicht nur um eine Wirtschaftskrise, sondern um eine allgemeine gesellschaftliche Krise, die alle Säulen der kapitalistischen Ordnung in Mitleidenschaft zog.&nbsp;</p>



<p>Trotzki erklärte, dass das ein Zeichen dafür war, dass die Bedingungen für den Sozialismus längst reif waren. Sie waren sogar überreif und begannen schon zu „verfaulen“, wie er sagte.&nbsp;&nbsp;</p>



<p>Da die Bourgeoisie unfähig war die Gesellschaft aus dieser Sackgasse zu führen, hing alles von der Arbeiterklasse ab. Ihre objektive Aufgabe war die Macht zu übernehmen, den Kapitalismus zu stürzen und den Sozialismus einzuführen!&nbsp;</p>



<p>Und die Arbeiterklasse hatte auf der ganzen Welt gezeigt, dass sie bereit war zu kämpfen! Angefangen mit der internationalen revolutionären Welle ab 1917/18. Später mit der chinesischen Revolution 1927-29, der spanischen 1931-39, der Massenbewegung in Frankreich um 1936 und dem Erblühen einer sehr kämpferischen Gewerkschaftsbewegung in den USA, die 1935 zur Gründung der Gewerkschaftsföderation CIO führte.&nbsp;</p>



<p>Aber die Führer der sozialdemokratischen und stalinistischen Massenorganisationen der Arbeiterklasse (II. und III. Internationale) bremsten diese Bewegung der Arbeiter voll aus. Beide hatten auf ihre Weise ein Bündnis mit der Bourgeoisie geschlossen und führten revolutionäre Bewegungen in Niederlagen. Trotzki erklärte daher: „Die geschichtliche Krise der Menschheit läuft auf eine Krise der revolutionären Führung hinaus.“ Deswegen gründete Trotzki 1938 die IV. Internationale.&nbsp;</p>



<p>Die Aufgabe der Vierten Internationale bestand darin, wie Trotzki erklärte, die Lücke zwischen der Reife der objektiven Situation einerseits und der Unreife des Proletariats und besonders seiner Führung zu schließen. Und zwar mit Hilfe des Übergangsprogramms.&nbsp;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Übergangsforderungen und Übergangsmethode</h3>



<p>Trotzki erklärte, dass die alte Sozialdemokratie vor dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) ihr Programm in zwei voneinander getrennte Teile aufspaltete: Das Minimalprogramm mit konkreten, unmittelbaren Verbesserungen im Kapitalismus (z.B. Lohnerhöhungen) und dem Maximalprogramm, die Einführung des Sozialismus. Zwischen beiden Teilen des Programms bestand keine Brücke.&nbsp;</p>



<p>Diese dualistische Aufteilung des Programms ist schon allein aus philosophischer Sicht unmarxistisch. Statt eine dialektische Verbindung vom Klassenkampf der Arbeiter unter dem Kapitalismus hin zur sozialistischen Revolution zu schlagen, ist beides wie durch eine unüberwindbare Mauer voneinander getrennt: Einerseits der empirische Klassenkampf um Reformen im Hier und Jetzt, andererseits Revolution und Sozialismus im fernen Himmelreich der Ideen. So wurde die sozialistische Revolution auf den Sankt-Nimmerleinstag verschoben.&nbsp;</p>



<p>Aber während des historischen Wirtschaftsaufschwungs des Kapitalismus (in Deutschland etwa von 1871-1900) konnten einige Reformen aus dem Minimalprogramm erkämpft werden. Denn die Profite sprudelten und so konnten die Kapitalisten den Arbeitern ein paar Brotkrumen abgeben.&nbsp;</p>



<p>Aber in der neuen Epoche der organischen Krise des Kapitalismus, die auf den Ersten Weltkrieg folgte, war das nicht mehr in diesem Maße möglich. Denn auch die Profite der Kapitalisten sanken. Trotzki erklärte daher, dass in der Epoche des faulenden Kapitalismus jeder Kampf der Arbeiter um Reformen und Verbesserungen schnell an die Grenzen des kapitalistischen Systems stößt und sie sprengen muss, um durchgesetzt zu werden. Diese Grenzen des kapitalistischen Systems sind das Privateigentum an Produktionsmitteln und der Nationalstaat. Der Kampf des Proletariats um die Erhaltung seines Lebensstandards ist daher zum direkten Kampf gegen den Kapitalismus geworden.&nbsp;</p>



<p>Daher sind Übergangsforderungen solche Forderungen, die an den alltäglichen Kämpfen der Arbeiter gegen ihre drängendsten Probleme anknüpfen und von da ausgehend zur Aufgabe der Machtergreifung durch das Proletariat führen. Sie verbinden den Kampf um konkrete Verbesserungen mit der sozialistischen Revolution.&nbsp;</p>



<p>Übergangsforderungen verbinden die objektiven Aufgaben der Arbeiterklasse, die sich aus der Situation ergeben (Bildung von Räten, Kontrolle und Leitung der Wirtschaft, Bewaffnung und Selbstverteidigung des Proletariats und schließlich die Übernahme der Macht) mit dem aktuellen, unfertigen Bewusstsein der Massen. Das Bewusstsein der breiten Schichten der Arbeiterklasse ist oft eine Mischung aus gesunden Klasseninstinkten einerseits und Illusionen in die Reformisten, die bürgerliche Demokratie oder den Kapitalismus andererseits. Übergangsforderungen zeigen den Arbeitern ihre objektiven Aufgaben in einer Weise, die für sie nachvollziehbar ist und ihnen hilft, mit der Zeit ihre Illusionen zu überwinden.&nbsp;</p>



<p>Dafür nur ein Beispiel: In den 1930ern begann sich die Gefahr eines neuen Krieges abzuzeichnen. Die Regierungen rüsteten auf. Die Bourgeoisie in Großbritannien, Frankreich und den USA begründete das mit der Gefahr einer Invasion Nazi-Deutschlands. So sollte die Arbeiterklasse im kommenden Krieg auf diese Seite ihrer nationalen Bourgeoisie gezogen werden. Trotzki erklärte, dass die „Verteidigung des Vaterlands“ für die Arbeiter und Kleinbauern etwas völlig anderes heißt als für die Kapitalisten. Die Kapitalisten verstehen darunter die Verteidigung ihrer Profite in fernen Ländern, die Arbeiter und Kleinbauern verstehen darunter die Verteidigung ihrer Familie und ihres Zuhauses. Ein Sieg der Nazis hätte die Zerschlagung der britischen oder amerikanischen Arbeiterbewegung bedeutet. Der Wille, aus proletarischen Klasseninteressen gegen den Faschismus zu kämpfen, ist das progressive Element in diesem Bewusstsein. Die Idee, man müsse dazu zusammen mit den Kapitalisten das Vaterland verteidigen, das reaktionäre.</p>



<p>In dieser Situation zu den Arbeitern zu sagen „Der Hauptfeind steht im eigenen Land! Die Niederlage der eigenen Bourgeoisie ist das geringere Übel! Brecht mit eurer Regierung und sabotiert die Kriegsanstrengungen! Stürzt sie lieber und übernehmt die Macht!“ wäre falsch, denn die Arbeiter würden das nicht verstehen. Sollen sie sich von Hitlers Horden überrennen lassen?</p>



<p>Stattdessen stellte Trotzki die Frage anders: Auch wir sehen ein, dass die amerikanischen Arbeiter sich gegen Nazi-Deutschland verteidigen müssen. Aber können wir wirklich den Kapitalisten und der bürgerlichen Regierung der USA vertrauen, diesen Abwehrkampf im Interesse der Arbeiter erfolgreich und konsequent zu führen? Nein! Deswegen fordern wir die militärische Ausbildung und Bewaffnung der Arbeiter und Bauern unter unmittelbarer Kontrolle der Arbeiter- und Bauernräte! Schaffung von Militärschulen für die Ausbildung von Arbeitern zu Offizieren unter der Kontrolle der Arbeiterorganisationen etc. Sturz der bürgerlichen Regierung, da eine Arbeiterregierung diesen Krieg besser führen kann.</p>



<p>Auch so kommen die Arbeiter zum Schluss: Wir müssen die Macht selber übernehmen und unsere imperialistische Regierung stürzen, statt für ihre imperialistischen Interessen zu kämpfen. Und zwar weil die Frage auf eine Weise gestellt ist, die für sie nachvollziehbar ist.&nbsp;</p>



<p>Indem die Arbeiter in der Praxis für Übergangsforderungen kämpfen, machen sie Erfahrungen, aus denen sie gewisse Lehren ziehen. Z.B. hatten nach der Februarrevolution 1917 in Russland die reformistischen Menschewiki und Sozialrevolutionäre die Mehrheit in den Arbeiterräten (Sowjets). Die reformistische Mehrheit in den Sowjets stützte die kapitalistische Übergangsregierung. Die Massen vertrauten ihnen noch, denn sie hatten noch nicht den Unterschied zwischen reformistischen „Sozialisten“ und revolutionären Sozialisten begriffen. Die Bolschewiki hätten einfach sagen können: „Arbeiter traut nicht diesen Verrätern!“ Aber das hätte die Massen nicht überzeugt. Denn sie mussten erst in der Praxis für sich selbst lernen, dass die Reformisten Verräter sind. Deswegen sagten die Bolschewiki: „Menschewiki und Sozialrevolutionäre, ihr habt die Mehrheit in den Sowjets und ihr nennt euch Sozialisten. Wir fordern euch auf: Brecht mit den Kapitalisten und ihrer Regierung und übernehmt die Macht im Namen der Arbeiterklasse! In diesem Falle beschränken wir uns auf eine friedliche Diskussion in den Sowjets.“ Diese Forderung fand Unterstützung bei den breiten Massen, die zwar die Kapitalisten hassten, aber noch Illusionen in die Menschewiki und Sozialrevolutionäre hatten und sie begannen, diese Forderung aufzugreifen. In den nächsten Monaten machten die russischen Massen in der Praxis die Erfahrung, dass die Reformisten unter keinen Umständen bereit waren, mit den Kapitalisten zu brechen. Und ab September begannen die Bolschewiki in immer mehr Sowjets Mehrheiten zu gewinnen. So wurde der Weg für die Oktoberrevolution bereitet. Trotzki griff diese Erfahrung im Abschnitt zur „Arbeiter- und Bauernregierung“ auf.&nbsp;</p>



<p>Der Hauptzweck von Übergangsforderungen ist also, das Bewusstsein der Arbeiterklasse zu heben. Kommunisten stellen Übergangsforderungen vor allem deswegen auf und treten vor allem deswegen für sie ein, weil sie den Arbeitern helfen, im Kampf die richtigen Schlüsse zu ziehen. Das ist ihr primärer Zweck!</p>



<p>Übergangsforderungen zeigen an konkreten Beispielen, in konkreten Situationen, die Notwendigkeit auf, dass die Arbeiterklasse über immer mehr Bereiche der Gesellschaft die selbst Kontrolle übernimmt. Die logische Folge davon ist die Machtübernahme durch das Proletariat.</p>



<p>Und Übergangsforderungen zeigen zugleich immer wieder, dass die Arbeiter selbst dafür aktiv werden müssen und sich nur auf ihre eigene Kraft verlassen können. Sie sind dazu geeignet, Spaltungslinien innerhalb der Arbeiterklasse zu überwinden und die Arbeiterklasse zu mobilisieren.</p>



<p>Im Übergangsprogramm stellte Trotzki eine ganze Reihe an konkreten Übergangsforderungen auf. Viele davon sind auch heute noch relevant, z.B. die Forderung nach der gleitenden Lohnskala und die gleitende Skala der Arbeitszeit. Aber was Kommunisten beim Lesen des Textes vor allem mitnehmen sollten, ist die Methode, die dahinter steht! Es sollte nicht darum gehen, Trotzkis Übergangsforderungen auswendig zu lernen und sie bei jeder Gelegenheit, bei jedem Streik, in jeder Situation einfach zu übernehmen. Wenn wir hingegen die dahinter liegende Methode verstehen, können wir heutige Situationen konkret analysieren und selber dafür passende Übergangsforderungen aufstellen. In Lesekreisen sollten wir darüber diskutieren, was heute passende Übergangsforderungen für verschiedene Probleme und Bewegungen wären.</p>



<p>Denn welche Forderung aufgestellt werden sollte, hängt immer von der konkreten Situation ab. Ein und dieselbe Forderung kann an einem Zeitpunkt richtig und fortschrittlich sein, zu einem anderen Zeitpunkt falsch und reaktionär. Letzteres, weil sie entweder den Ereignissen vorweggreift (z.B. in der jetzigen Situation sofort den Aufbau von bewaffneten Arbeitermilizen durch den DGB zu fordern) oder weil sie der Situation hinterher hinkt (immer noch die Öffnung der Geschäftsbücher zu fordern, während es längst Zeit ist, die Kapitalisten zu enteignen). Eine Forderung ist dann richtig, wenn sie hilft, das Bewusstsein der Arbeiter auf die nächste notwendige Stufe zu heben.</p>



<p>Gegen Ende der Broschüre stellte Trotzki noch einige grundlegende Prinzipien und Regeln für die Vierte Internationale auf, die heute für uns noch genau so gelten: etwa die Abgrenzung zum Sektierertum, das Bekenntnis zum Demokratischen Zentralismus und die Orientierung auf die Jugend.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Situation heute</h3>



<p>Durch einige besondere historische Umstände kam es nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem tiefen wirtschaftlichen Aufschwung des Kapitalismus, etwa von Anfang der 1950er bis Anfang der 1970er Jahre. In dieser Zeit konnten wieder gewisse Reformen erkämpft werden, denn die Profite sprudelten. Doch die inneren Widersprüche des Kapitalismus brachten ab Mitte der 1970er Jahre wieder eine tiefe Krise hervor. Nur der Fall der Sowjetunion und die Öffnung Chinas verschafften dem Kapitalismus eine gewisse Atempause, da dem weltweiten Kapitalismus nun neue Absatzmärkte und Investitionsmöglichkeiten zur Verfügung standen. Doch diese Atempause endete 2008 mit der weltweiten Finanzkrise. Seitdem ist die organische Krise des Kapitalismus auf der ganzen Welt wieder offen zu Tage getreten. Aus ihr gibt es im Kapitalismus ohne weiteres keinen Ausweg.&nbsp;&nbsp;</p>



<p>Sie ist wieder eine Krise der gesamten kapitalistischen Gesellschaft. Ab den 1980er Jahren gab es statt sozialer Reformen nur Kürzungs- und Austeritätspolitik. Die reformistischen Massenorganisationen können kaum noch Reformen erkämpfen und setzen im Gegenteil Angriffe auf den Lebensstandard der Massen mit um. Wir sehen heute einen Reformismus ohne Reformen.</p>



<p>Der Kapitalismus kann auch heute keines der großen gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit lösen: Klimawandel, Krieg, Deindustrialisierung, Armut, Wohnungsproblem, Gleichberechtigung der Geschlechter etc. Die Lösung all dieser Probleme scheitert am grundlegenden Widerspruch des Kapitalismus: am Profitstreben. Wir haben genügend Industrie und Technologie, um all diese Probleme zu lösen. Nur das Privateigentum an Produktionsmitteln und die Nationalstaaten hindern uns daran, sie einzusetzen. Der <a href="https://derkommunist.de/thesen-der-imt-zur-klimakrise/">Klimawandel </a>ist ein gutes Beispiel dafür.</p>



<p>Auch heute führt jeder Versuch der Massen, gegen diese ihr Leben unmittelbar betreffenden Probleme zu kämpfen, direkt an die Grenze des kapitalistischen Systems und zur Notwendigkeit der Machtübernahme durch die Arbeiterklasse. Wie soll beispielsweise der Klimawandel anders gestoppt werden als durch eine internationale Planwirtschaft?</p>



<p>Die Arbeiterklasse beginnt sich bereits zu radikalisieren und will gegen diese unmittelbaren Probleme kämpfen. Das Vertrauen in bürgerliche Institutionen wie Parteien, Parlamente, Mainstream Medien oder die Kirchen sinkt. Die Welle der Kürzungspolitik nach der Krise von 2008 brachte gewaltige Massenbewegungen hervor: In Griechenland allein fanden 10 Generalstreiks statt. Millionen Arbeiter unterstützten linksreformistische Führer und Parteien, die eine Zeit lang eine kämpferische Rhetorik an den Tag legten, und gingen für sie auf die Straße: Corbyn als Führer der Labour Party in Großbritannien, Mélenchon von France Insoumise in Frankreich, Tsipras als Vorsitzender von SYRIZA in Griechenland, Iglesias als Chef von Podemos in Spanien und Bernie Sanders in den USA. Selbst DIE LINKE in Deutschland erfuhr in den 2010ern einen gewissen Aufschwung.</p>



<p>Auch in den imperialistisch unterdrückten Ländern standen die Massen auf und bewiesen ihre Kampfbereitschaft, z.B. im arabischen Frühling ab 2011. Dort stürzten die ägyptischen Massen mehrere Präsidenten hintereinander.</p>



<p>Allein im Jahr 2019 kam zu potentiell revolutionären Massenbewegungen in Hong Kong, dem Libanon, dem Sudan, Chile, Ecuador, Kolumbien und in Frankreich marschierten die Gelbwesten. Nach der Pandemie setzte sich diese Bewegung fort mit den Massenprotesten in Kenia, Bangladesch, Sri Lanka, Indonesien, Nepal und anderen Ländern.</p>



<p>Doch all diese Bewegungen wurden letztlich von ihrer politischen Führung in Niederlagen geführt. Die Bewegungen in den unterdrückten Ländern wurden oft von Liberalen und Demokraten angeführt, die den Kapitalismus nicht antasteten. Und die linksreformistischen Führer in Europa und Nordamerika standen ebenfalls fest auf dem Boden des Kapitalismus. Tsipras in Griechenland hätte mit dem Kapitalismus brechen können, als 2016 61% der Bevölkerung in einem Volksbegehren gegen die von der EU diktierten Sparmaßnahmen stimmten und er gleichzeitig Premierminister war. Er hätte die Banken und Großkonzerne enteignen können und die Massen mobilisieren können, um die Gegenwehr der Kapitalisten zurückzuschlagen. Das wäre ein Beispiel für die Massen in ganz Europa gewesen. Doch der politische Horizont der Reformisten reicht nicht über den Kapitalismus hinaus. Und so mussten sie verraten und die Sparmaßnahmen umsetzen. Darauf folgte eine Periode von 10 Jahren, in denen Frustration und Pessimismus unter der Arbeiterklasse vorherrschte.</p>



<p>Der Verrat der Linksreformisten führte auch zur Stärkung der rechten Demagogen, weil sie nun scheinbar als einzige radikale Opposition zu den etablierten Parteien übrig blieben. Das zeigt der Erfolg Trumps in den USA, nachdem Bernie Sanders 2016 dazu aufgerufen hatte, die Kandidaten des Großkapitals, Hillary Clinton, zu unterstützen.</p>



<p>Trotzkis Worte von 1938 waren noch nie so aktuell wie heute: „Die historische Krise der Menschheit läuft hinaus auf die Krise der revolutionären Führung des Proletariats.“ Deswegen bauen wir die RKI auf, als eine Kraft, die in der Zukunft die reformistischen Führer an der Spitze der Arbeiterbewegung durch echte Revolutionäre ersetzen kann.</p>



<p>Auch heute stützen wir uns vor allem auf die Jugend! Die ältere Generation des Proletariats hat in den letzten 50 Jahren viele Niederlagen miterlebt. Viele sind zwar sehr wütend auf die bestehenden Zustände, viele sind aber auf eine gewisse Art resigniert. Vor allem halten die reformistischen Führer der DGB-Gewerkschaften und der SPD sie passiv. Die Führer dieser Organisationen haben die Arbeiterklasse in den letzten 40 Jahren in eine kampflose Niederlage nach der anderen geführt: Zerstörung der DDR-Volkswirtschaft durch die Treuhand nach der Wende, Schröders Agenda 2010, Deindustrialisierung im Ruhrgebiet, Aufbau eines gigantischen Niedriglohnsektors etc. Damit haben sie viele demoralisiert und das Vertrauen der Arbeiterklasse in ihre eigene Kraft untergraben.&nbsp;</p>



<p>Die heutige Jugend hingegen hat diese Niederlagen nicht miterlebt. Sie kennt seit sie denken kann nichts als die Krise! Sie gruseln sich mehr vor dem realexistierenden Kapitalismus mit all seinen alltäglichen Schrecken als vor den Gruselmärchen vom Kommunismus. Im Gegenteil: Ein wachsender Teil sucht nach den Ideen des Kommunismus! Noch mehr wollen endlich für Palästina, gegen den Klimawandel, gegen Kriege und die Herrschaft der Milliardäre kämpfen! Sie suchen nach einem Weg wie das geht. Diesen Weg können ihnen Übergangsforderungen aufzeigen. Sie können erklären, warum diese Kämpfe für Reformen nur als Teil des revolutionären Kampfes gegen den Kapitalismus geführt werden können und warum es dafür die RKP braucht.</p>



<p>Aus historischen Gründen blieben die wahren Marxisten nach dem Zweiten Weltkrieg eine kleine, isolierte Strömung, die gegen den Strom schwamm. Heute beginnt sich das Blatt zu wenden. Stalinistische Massenparteien gibt es kaum noch und der Reformismus diskreditiert sich immer mehr, weil er in der kapitalistischen Krise keine Reformen erkämpfen kann. Die erste und wichtigste Aufgabe der revolutionären Kommunisten heute ist die Bewahrung und das Studium der unverfälschten Ideen des Marxismus und seiner Methode. Aber um die Avantgarde der Jugend und der Arbeiterklasse zu gewinnen, die danach die Massen gewinnen werden, braucht sie auch heute die Übergangsmethode und Übergangsforderungen!</p>



<h3 class="wp-block-heading">Beispiele für Übergangsforderungen heute</h3>



<p>Wir hängen einige Beispiele für die aktuelle Übergangsforderungen an, die auch genutzt werden können, um sie in Lesekreisen und OGs zu diskutieren: Welche Übergangsforderungen sind die richtige in dieser konkreten Situation? Warum? Wie knüpfen sie am Bewusstsein an? Müssen wir sie für bestimmte Gelegenheiten anpassen?&nbsp;</p>



<p>Klimawandel</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><a href="https://derkommunist.de/thesen-der-imt-zur-klimakrise/">https://derkommunist.de/thesen-der-imt-zur-klimakrise/</a>&nbsp;</li>



<li><a href="https://www.derfunke.de/rubriken/jugend/2570-wie-koennen-wir-die-arbeiterbewegung-fuer-die-klimastreiks-gewinnen">https://www.derfunke.de/rubriken/jugend/2570-wie-koennen-wir-die-arbeiterbewegung-fuer-die-klimastreiks-gewinnen</a>&nbsp;</li>
</ul>



<p>Palästina:&nbsp;</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><a href="https://marxist.com/italy-the-freedom-flotilla-and-the-escalation-of-the-palestine-movement.htm">https://marxist.com/italy-the-freedom-flotilla-and-the-escalation-of-the-palestine-movement.htm</a>&nbsp;</li>
</ul>



<p>Militarismus und Wehrpflicht</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><a href="https://derkommunist.de/wehrpflicht-und-krieg-verhindern-sozialismus-erkaempfen/">https://derkommunist.de/wehrpflicht-und-krieg-verhindern-sozialismus-erkaempfen/</a></li>



<li><a href="https://derkommunist.de/angriffe-auf-zivilklausel-unis-sollen-bei-der-aufruestung-mithelfen/">https://derkommunist.de/angriffe-auf-zivilklausel-unis-sollen-bei-der-aufruestung-mithelfen/</a> </li>



<li><a href="https://derkommunist.de/kampagne-gegen-krieg-und-imperialismus-bildung-statt-bomben/">https://derkommunist.de/kampagne-gegen-krieg-und-imperialismus-bildung-statt-bomben/</a>&nbsp;</li>
</ul>



<p>Frauenbefreiung</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><a href="https://derfunke.de/rubriken/frauenbefreiung/2834-frauen-in-der-krise-widerstand-organisieren">https://derfunke.de/rubriken/frauenbefreiung/2834-frauen-in-der-krise-widerstand-organisieren</a>&nbsp;</li>



<li><a href="https://derfunke.de/rubriken/frauenbefreiung/3003-fuer-die-befreiung-der-frau-fuer-die-sozialistische-revolution">https://derfunke.de/rubriken/frauenbefreiung/3003-fuer-die-befreiung-der-frau-fuer-die-sozialistische-revolution</a>&nbsp;</li>
</ul>



<p>Kampf gegen Rechts</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><a href="https://derkommunist.de/an-linksjugend-sds-jusos-gewerkschaftsjugenden-fuer-eine-offensive-gegen-merz-afd-und-kapital/">https://derkommunist.de/an-linksjugend-sds-jusos-gewerkschaftsjugenden-fuer-eine-offensive-gegen-merz-afd-und-kapital/</a>&nbsp;</li>
</ul>



<p>Wohnungsfrage</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><a href="https://www.derfunke.de/rubriken/deutschland/2851-deutsche-wohnen-co-enteignen-zeit-fuer-breite-massenaktionen">https://www.derfunke.de/rubriken/deutschland/2851-deutsche-wohnen-co-enteignen-zeit-fuer-breite-massenaktionen</a>&nbsp;</li>



<li><a href="https://www.derfunke.de/rubriken/deutschland/2508-wohnungsfrage-ist-im-kapitalismus-nicht-zu-loesen">https://www.derfunke.de/rubriken/deutschland/2508-wohnungsfrage-ist-im-kapitalismus-nicht-zu-loesen</a>&nbsp;</li>
</ul>



<h3 class="wp-block-heading">Diskussionsfragen</h3>



<p>Was sind die „objektiven Voraussetzungen für die proletarische Revolution“? Warum beschreibt Trotzki sie als „verfaulend“?</p>



<p>Was ist das „Haupthindernis“, das einer revolutionären Situation im Wege steht, und warum?&nbsp;</p>



<p>Was sind Minimalanforderungen, Maximalforderungen und Übergangsforderungen?</p>



<p>Was ist Arbeiterkontrolle? Wie unterscheidet sie sich von der Enteignung der Kapitalisten und der Planwirtschaft? Warum macht es Sinn die Forderung nach Arbeiterkontrolle zu stellen?</p>



<p>Wie kann man z.B. den Kampf gegen Entlassungen zum Ausgangspunkt nehmen, um für Arbeiterkontrolle zu argumentieren?</p>



<p>Welche Übergangsforderungen würdest du heute stellen?</p>



<p>Wie sollten Marxistinnen und Marxisten mit reformistischen Massenorganisation umgehen?</p>



<p>Was ist „Doppelherrschaft“?</p>



<p>Was ist nach Trotzki der Unterschied zwischen „Enteignung“ und „Verstaatlichung“?</p>



<p>Welches Verhältnis sollte die Arbeiterklasse zu anderen unterdrückten Klassen haben?</p>



<p>Welche Position sollten Marxisten im Krieg einnehmen?</p>



<p>Was sind Sowjets? Wie entstehen sie?</p>



<p>Was ist der Unterschied zwischen der „Volksfront“ und der „Einheitsfront“?</p>



<p>Wie charakterisiert Trotzki den Klassencharakter der UdSSR? Was bedeutet das in der Praxis?</p>



<p>Warum betont Trotzki die Rolle der Arbeiterinnen und der Jugend?</p>



<p>Warum war die Kommunistische Internationale „für die Revolution gestorben“? (Gemeint ist: Sie konnte kein Werkzeug der Arbeiterklasse für die Revolution mehr sein)</p>



<p>Was ist demokratischer Zentralismus?</p>
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		<title>Der Kampf gegen den Reformismus &#8211; Editorial In Verteidigung des Marxismus Nr.17</title>
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		<dc:creator><![CDATA[RKI]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 07 Sep 2025 06:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Reformismus]]></category>
		<category><![CDATA[Welche Rolle spielen reformistische Parteien und Gewerkschaften im Klassenkampf?]]></category>
		<category><![CDATA[Welches Verhältnis haben Kommunisten zu den reformistischen Massenorganisationen?]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Reformismus ist der Glaube, dass gesellschaftliche Übel wie Krieg und Armut schrittweise und ohne den revolutionären Sturz des kapitalistischen Systems beseitigt werden können. Der Leitartikel der vorliegenden Ausgabe, Lehren aus Griechenland, [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[		<div data-elementor-type="wp-post" data-elementor-id="5860" class="elementor elementor-5860" data-elementor-post-type="post">
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<p>Reformismus ist der Glaube, dass gesellschaftliche Übel wie Krieg und Armut schrittweise und ohne den revolutionären Sturz des kapitalistischen Systems beseitigt werden können.</p>

<p>Der Leitartikel der vorliegenden Ausgabe, <em>Lehren aus Griechenland</em>, beschäftigt sich mit diesem Problem. Es drückt sich gewöhnlich in dem Argument aus, die Arbeiterbewegung solle sich darauf beschränken, das zu erkämpfen, was unmittelbar erreichbar sei. Mit jedem kleinen Sieg, so sagt man, gehe es der Arbeiterklasse besser, damit werde sie mächtiger und so beschreite sie langsam, aber sicher den Weg ihrer Befreiung. Jede Diskussion über ein „Endziel“ der Bewegung, über den Sozialismus etwa, wird damit zu einer akademischen Frage.</p>

<p>Vielen erscheint das als realistischere, praktischere Alternative zum Kampf für die sozialistische Revolution. Immerhin scheint das ein Weg zur Veränderung zu sein, der ohne das Risiko von Gewalt oder Instabilität auskommt.</p>

<p>Es gibt Zeiten, in denen diese Argumente auch nicht völlig falsch sind. Während Perioden bedeutender Aufschwünge des Kapitalismus waren die Bosse historisch in der Lage, sich zumindest in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern bedeutende demokratische und soziale Reformen zu leisten. Die Periode des Aufstiegs der Sozialdemokratie vor dem ersten Weltkrieg war eine solche Periode, ebenso wie die sogenannten „glorreichen dreißig Jahre“ nach dem Zweiten Weltkrieg.</p>

<p>Doch die Geschichte zeigt, dass friedlicher und allmählicher Fortschritt im Kapitalismus unmöglich ist. Zyklische Krisen stürzen das gesamte System immer wieder ins Chaos. Und im Zeitalter des Niedergangs des Kapitalismus sind diese Krisen tiefer und langanhaltender geworden.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Krise</h3>

<p>Das 20. Jahrhundert hat gezeigt, wie schnell sich Reformismus in sein Gegenteil verkehren kann. In Europa, der Wiege der Sozialdemokratie, wurde die Zeit des Wohlstands schließlich von Massenarbeitslosigkeit, Bürgerkrieg und vielerorts Faschismus abgelöst.</p>

<p>Indem sie die Ziele, Methoden und selbst die Denkweise der Arbeiterbewegung an die Strukturen des Kapitalismus knüpften, waren die Reformisten nicht in der Lage, die bisherigen Errungenschaften zu verteidigen, geschweige denn neue zu erringen. Schlimmer noch: Viele wirkten an imperialistischen Kriegen und Angriffen auf die Arbeiter mit, um die Stabilität ihrer eigenen kapitalistischen Staaten zu sichern. Trotzki schrieb 1935:</p>

<p>„Ohne Reformen gibt es keinen Reformismus, ohne prosperierenden Kapitalismus keine Reformen. Der rechte Flügel des Reformismus wird antireformistisch, insofern er der Bourgeoisie direkt oder indirekt hilft, die alten Errungenschaften der Arbeiterklasse zu zerschlagen.“</p>

<p>Heute äußert sich die Krise des Kapitalismus auch als Krise des Reformismus.</p>

<p>Seit dem Ende des Nachkriegsbooms in den 1970er Jahren sind die Errungenschaften der Arbeiterklasse weltweit langsam und schmerzhaft zurückgenommen worden. Reformen wurden zu Konterreformen. Dieselbe Labour Party (Großbritannien), die in den 1940er Jahren das Sozialstaatsprinzip „von der Wiege bis zur Bahre“ eingeführt hat, kürzt heute fünf Milliarden Pfund bei den Leistungen für Menschen mit Behinderung.</p>

<p>Nach der Krise von 2008 wandten sich Millionen Arbeiter und Jugendliche nach links und beflügelten weltweit den Aufstieg neuer Bewegungen: Syriza in Griechenland, Podemos in Spanien, Corbyn in Großbritannien, Mélenchon in Frankreich und Sanders in den USA gewannen mit Forderungen nach radikaler Veränderung – oft unter Berufung auf den „Sozialismus“ – Massenunterstützung.</p>

<p>Doch sie alle teilten die Illusion, den Kapitalismus durch kluge Politik und staatliches Eingreifen reparieren zu können. Trotz sozialistischer Rhetorik zielten sie darauf ab, den Kapitalismus zu regulieren, nicht ihn abzuschaffen. Damals wie heute betrachteten sie die Sparpolitik als Entscheidung, hinter der eine hässliche „neoliberale“ Ideologie steckt; nicht als notwendiges Ergebnis der kapitalistischen Krise.</p>

<p>Keiner von ihnen hat irgendeine bedeutende Reform umgesetzt. In Großbritannien kapitulierte Corbyn vor den Antisemitismusvorwürfen der Rechten und vor dem „Brexit“. Das zerstörte seine Bewegung.</p>

<p>Sanders hat seit 2016 jeden Kandidaten des demokratischen Establishments unterstützt, um „Trump zu verhindern“.</p>

<p>In Griechenland gewann Syriza ein historisches Mandat, um gegen die Austerität zu kämpfen, nur um sich dann vor den Forderungen des internationalen Finanzkapitals zu ergeben. Die Folgen für die griechischen Massen waren entsetzlich.</p>

<p>In jedem Fall zogen sich die linksreformistischen Führer zurück, sobald sie auf ernsthaften Widerstand der herrschenden Klasse stießen.</p>

<p>So kam es, dass die „Linke“ heute völlig diskreditiert ist. Doch die Wut in der Gesellschaft ist nicht verschwunden. Stattdessen hat sich ein bedeutender Anteil der Arbeiterklasse, in der Hoffnung, dort einen Ausweg aus der Krise zu finden, an Figuren wie Trump und an Parteien wie „Reform UK“ und die „Alternative für Deutschland“ gewandt.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Verrat</h3>

<p>Wie konnte das passieren? Trotzki fasste es zusammen:</p>

<p>„Wer sich vor dem Vollendeten verneigt, ist nicht fähig, die Zukunft vorzubereiten.“</p>

<p>Die Sichtweise aller Reformisten ist durch den gröbsten Empirismus gekennzeichnet. Tatsächlich geben die Reformisten selbst stolz mit ihrem „Pragmatismus“ an. Sie nehmen die unmittelbar vorliegenden „Fakten“ als Ausgangspunkt und stützen dann ihre ganze Strategie drauf.</p>

<p>Unbestreitbar gehört die Wirtschaft den Kapitalisten und sie beherrschen sie. Auch die Existenz und Macht des bürgerlichen Staates ist eine Tatsache. In den sogenannten „liberalen Demokratien“ gehören die gesetzgeberische Tätigkeit des Parlaments, das allgemeine Wahlrecht, die Gewerkschaften usw. zu den Tatsachen des Lebens.</p>

<p>Die meisten Reformisten würden auch zugeben, dass die Arbeiterklasse existiert. Aber dass die Arbeiterklasse den bürgerlichen Staat ersetzt und selbstständig die Gesellschaft verwaltet, finden sie „utopisch“. Warum? Weil es noch nicht so ist.</p>

<p>So kommt es, dass sie den bürgerlichen Staat für „den Staat“ im Allgemeinen halten. Die bürgerliche Demokratie erscheint ihnen als „Demokratie“ schlechthin; kapitalistische Verhältnisse sind einfach „die Wirtschaft“; die ideologischen Prinzipien der herrschenden Klasse, ihre moralischen Prinzipien, werden zu allgemeinen „Werten“ und einer allgemeinen „Moral“.</p>

<p>Für den Reformisten ist also die kapitalistische Ordnung die Ordnung schlechthin – die einzige Ordnung, die es gibt, und die einzige, die es geben kann. Alles, was zum Zusammenbruch dieser Ordnung führen kann, ist daher undenkbar.</p>

<p>Deshalb fürchten reformistische Führer die Bewegungen, die sie entfesseln können. Für sie ist die Arbeiterklasse keine revolutionäre Kraft, die man mobilisiert, um die bestehende Ordnung zu stürzen. Es ist eine Masse, die man „vertritt“. Massenmobilisierungen und Streiks sind also vor allem dafür da, als Verhandlungsmasse gegenüber den Bossen zu dienen.</p>

<p>Wenn die Kämpfe der Arbeiter drohen, die Grundlagen des Systems zu gefährden, ziehen sie sich panisch zurück. Von solchen Führern braucht sich die Arbeiterklasse nichts als Niederlagen zu erwarten.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Sektierertum</h3>

<p>Der Marxismus schlussfolgert aus einer wissenschaftlichen Untersuchung des Klassenkampfs in der menschlichen Geschichte, dass nur der bewusste Sturz des Kapitalismus durch die Arbeiterklasse die Übel des Kapitalismus beseitigen kann.</p>

<p>Daher ist es die erste Pflicht echter Kommunisten, für die Klassenunabhängigkeit der Arbeiterbewegung zu kämpfen. Dazu gehört notwendigerweise, sich jedem Versuch zu widersetzen, die Bewegung an den bürgerlichen Staat und seine Institutionen zu binden und jeden dieser Versuche zu entlarven. Das ist der „erste Buchstabe im Alphabet des Kommunismus“, wie Trotzki sagen würde.</p>

<p>Doch jedes Kind weiß, dass es noch mehr Buchstaben gibt. Es ist nämlich notwendig, zwischen dem Reformismus der Arbeiterführer und dem Wunsch der Arbeiterklasse nach Reformen zu unterscheiden.</p>

<p>Oft hängt beides zusammen. Die Reformisten bieten Reformen an und die Arbeiter folgen ihnen, weil sie sich greifbare Verbesserungen versprechen. Einige Marxisten könnten der Versuchung erliegen, die „reformistischen Illusionen“ der Arbeiter einfach zurückzuweisen. Ihre Lösung ist, den Arbeitern mitzuteilen, dass sie einen Fehler machen, dass ihre Führer sie verraten werden und dass sie nicht ihre Zeit damit verschwenden sollten, reformistische Politiker zu wählen.</p>

<p>Abstrakt genommen ist das schön und gut. Man drückt mit einem solchen Argument ja die profunde Wahrheit aus, dass der Reformismus in Zeiten der kapitalistischen Krise nicht imstande ist, die Reformen zu liefern, die die Massen verlangen. Gerade durch seine Abstraktheit würde das Argument aber das Gegenteil von dem erreichen, was es bezweckt, und in der Tat falsch werden.</p>

<p>Die Arbeiterklasse einfach über die Notwendigkeit zu belehren, den Kapitalismus zu stürzen, ohne diese allgemeine Wahrheit mit den konkreten Anforderungen der lebendigen Bewegung zu verknüpfen, ist das Kennzeichen des Sektierertums. Wie Trotzki erklärte:</p>

<p>„Der Sektierer betrachtet das gesellschaftliche Leben als eine große Schule, in der er selbst der Lehrer ist. Nach seiner Meinung soll die Arbeiterklasse ihre weniger wichtigen Angelegenheiten beiseiteschieben und sich in geschlossener Formation um seine Rednertribüne scharen: dann wäre die Aufgabe gelöst.“</p>

<h3 class="wp-block-heading">Bewusstsein</h3>

<p>Es reicht nicht aus, zu behaupten, die Arbeiter müssten revolutionär werden. Man muss verstehen, wie revolutionäres Bewusstsein tatsächlich entsteht. Und es entsteht dialektisch, in dramatischen Sprüngen, angetrieben durch den praktischen Kampf um die Veränderung der Gesellschaft – nicht bloß in der Theorie.</p>

<p>In Krisenzeiten, wenn der Kapitalismus sich nicht einmal mehr grundlegende Reformen leisten kann, können solche Sprünge einen revolutionären Charakter annehmen.</p>

<p>Die Kommunistische Internationale stellte 1922 fest:</p>

<p>„Angesichts der heutigen Gesamtsituation der Arbeiterbewegung wird jede ernsthafte Massenaktion, selbst wenn sie nur mit Teilforderungen beginnt, unvermeidlich die allgemeineren und grundsätzlichen Fragen der Revolution in den Vordergrund rücken.“</p>

<p>Vier Jahre später beteiligten sich mehr als drei Millionen britische Arbeiter an einem Generalstreik unter dem Motto: „Keinen Penny weniger Lohn, keine Minute länger Arbeit.“ Was als Abwehrkampf gegen die Angriffe der Unternehmer begann, wurde zu einer direkten Konfrontation zwischen der Arbeiterklasse und der gesamten Staatsmacht Großbritanniens, in der die Arbeiter hätten die Macht übernehmen können.</p>

<p>Wenn die Massen in Bewegung geraten, wenden sie sich zunächst meist an bekannte Persönlichkeiten und Organisationen. Doch im Verlauf des Kampfes können sie oft weit über die Absichten ihrer Führer hinausgehen. Im Kolumbien entfaltet sich aktuell ein Beispiel dafür.</p>

<p>Der linke Präsident Gustavo Petro versucht, eine Reihe von Reformen durchs Parlament zu bringen. Er hat klargemacht, dass er eine Art „menschlichen Kapitalismus“ – und sicher keinen Sozialismus – in Kolumbien aufbauen möchte. Doch Millionen Arbeiter unterstützen seine Regierung und deren Reformprogramm, weil sie darin den Versuch sehen, ihre dringenden Forderungen nach einem besseren Gesundheitssystem, besseren Pensionen, besseren Arbeitsbedingungen – kurz: nach einem besseren Leben – zu erfüllen.</p>

<p>Doch leider ist der kolumbianische Kapitalismus unfähig, diese Forderungen zu erfüllen. Durch ihre Kontrolle über das Parlament blockiert oder verwässert die herrschende Klasse also Petros Vorschläge. Petro beantwortet das mit Massenmobilisierungen für ein Referendum, genannt <em>consulta popular</em> über einige seiner Reformen. Er hat dabei absolut nicht vor, die Grenzen der bürgerlichen Demokratie zu überschreiten. Er will den Druck der Massen nutzen, um die herrschende Klasse zu einem Kompromiss zu zwingen. Doch Petros Absichten sind nicht dieselben wie die der Arbeiter und Jugend.</p>

<p>Durch den Aufruf Petros aufgerüttelt, haben sich Volksversammlungen namens <em>cabildos</em> gebildet, um die Bewegung zu organisieren. Die kämpferischste Schicht in diesen Versammlungen hat den Aufruf nach einem <em>Paro Nacional</em>, einem „landesweiten Streik“, erhoben. Das war auch der Hauptslogan der Aufstandsbewegung, die 2021 die rechte Regierung von Ivan Duque besiegte.</p>

<p>Je mehr sich die Krise vertieft und sich die Manöver der herrschenden Klasse fortsetzen, desto mehr wird diese Radikalisierung wahrscheinlich anwachsen – und die Massen auf Kollisionskurs mit Petros Reformismus bringen.</p>

<p>Lenin bezeichnete die Momente im Klassenkampf, wenn die Arbeiter sagen: „Wir weichen nicht zurück!“, als wesentliche Bedingung einer Revolution. In Griechenland wurde dieser Moment 2015 erreicht.</p>

<p>Als die Syriza-Regierung ein Referendum über das Sparpaket organisierte, das die Gläubiger des Landes verlangten, konzentrierten sich alle Forderungen der griechischen Massen in einem einzigen Wort: „Όχι!“ (Nein!)</p>

<p>Die Führung hatte nur eine einfache Abstimmung durchführen wollen, um ihre Verhandlungsposition zu stärken. Doch die Massen waren aufgestanden. Ihre Bewegung hätte mit dem Kapitalismus brechen und eine revolutionäre Welle in Europa auslösen können.</p>

<p>Genau hier wird die Frage der Führung entscheidend.</p>

<p>Man hat in Griechenland gesehen, dass die reformistischen Führungen ab einem bestimmten Punkt nicht weiterwissen. Der Gegensatz zwischen ihren Worten und Taten verschärft sich zu einem unerträglichen Grad und die Bewegung gerät in die Krise.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Die Rolle der Kommunisten</h3>

<p>Man könnte sich fragen: Wenn die Arbeiter so radikalisiert waren, warum werden sie ihre Führer dann nicht einfach los und ergreifen selbst die Macht?</p>

<p>Wenn die Arbeiter eine revolutionäre Führung einfach improvisieren könnten, dann wäre die revolutionäre Partei unnötig und wir würden bereits im Sozialismus leben. Die Aufgabe der revolutionären Partei besteht nicht darin, die Revolution der Reform gegenüberzustellen, sondern darin, die Brücke zwischen beiden herzustellen. Rosa Luxemburg erklärte in ihrer Broschüre Sozialreform oder Revolution:</p>

<p>„Für die [Marxisten] besteht zwischen der Sozialreform und der sozialen Revolution ein unzertrennlicher Zusammenhang.“</p>

<p>Doch um vom Wort zur Tat zu schreiten, muss die Partei das Vertrauen des Großteils der Arbeiterklasse gewinnen. So hängen strategische Fragen mit taktischen Problemen zusammen.</p>

<p>Kommunisten müssen in der Lage sein, die Welt mit den Augen der Arbeiterklasse zu sehen. Wir müssen als Ausgangspunkt das Bewusstsein der Massen nehmen, <em>wie es heute ist</em>, inklusive aller Illusionen, die sie vielleicht haben – über reformistische Führer, demokratische Forderungen, die nationale Frage usw. – und diese mit der Notwendigkeit verbinden, dass die Arbeiterklasse die Leitung der Gesellschaft übernimmt.</p>

<p>Wenn wir Kommunisten finden, dass die Massen falsche Forderungen oder Führer gewählt haben, müssen wir ihnen die Wahrheit sagen. Aber nicht, indem wir sie von der Seite belehren. Erst einmal müssen wir beweisen, dass wir bereit sind, an ihrer Seite zu kämpfen – auf dem Kampffeld, das sie sich selbst wählen.</p>

<p>Das war die Methode von Marx und Engels; dafür setzte sich Trotzki sein Leben lang ein, vor allem im <em>Übergangsprogramm; </em>und das war die Methode, mit der es der bolschewistischen Partei gelang, im Oktober 1917 die größte Revolution der Geschichte durchzuführen.</p>

<p>Im Frühling 1917 schauten die meisten Arbeiter auf reformistische Parteien wie die Menschewiki. Anstatt einfach zu den Arbeitern zu sagen, sie sollen sich von den Reformisten abwenden, erklärte Lenin öffentlich, diese Parteien sollen selbst die Macht ergreifen, aber auf jede Zusammenarbeit mit der herrschenden Klasse und deren Agenten verzichten. Das war sehr effektiv, weil es genau ausdrückte, was die meisten Arbeiter zu diesem Zeitpunkt wollten, und weil es sichtbar machte, dass die Reformisten die Forderungen der Arbeiter <em>in der Praxis</em> nicht erfüllen konnten.</p>

<p>Ebenso waren die Forderungen der Bolschewiki nach einer Konstituierenden Versammlung und nach der Verteilung des Landes an die Bauern keine sozialistischen Forderungen; sie wurden von den Massen selbst aufgestellt und direkt von ihnen übernommen. Aber die Bolschewiki gaben ihnen einen revolutionären Übergangscharakter, als sie erklärten, dass diese Forderungen nur erfüllt werden konnten, indem die Arbeiter und Bauern durch die Sowjets (Räte), die sie sich im Kampf geschaffen hatten, die Macht ergriffen und sie selbst verwirklichten.</p>

<p>Lenins Rat an die Bolschewiki war: „Geduldig erklären!“ So zogen die Arbeiter ihre eigenen Schlussfolgerungen und wandten sich an die Bolschewiki als einzige Partei, die wirklich die Reformen liefern konnte, für die sie kämpften. Ohne das hätte die Oktoberrevolution niemals stattgefunden.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Unsere Aufgabe</h3>

<p>Die kommende Periode wird voller Gelegenheiten für revolutionäre Kommunisten sein, aber auch schwere Prüfungen beinhalten.</p>

<p>Wenn wir es nicht schaffen, die fortgeschrittensten Arbeiter und Jugendlichen von unserem Banner zu überzeugen, dann wird sich jeder Anspruch, eine revolutionäre Alternative zur gegenwärtigen Führung darzustellen, einfach als heiße Luft herausstellen. Der Kampf gegen den Reformismus heute ist nichts anders als der Kampf um die Überwindung unserer eigenen Isolation.</p>

<p>In Ländern, wo die revolutionären Kommunisten jetzt erst anfangen, sich zu organisieren, bleibt der Kampf um die Avantgarde der Arbeiterklasse noch eine Zukunftsvision. Doch selbst hier müssen wir umfassend gebildete marxistische Kader, <em>echte</em> Kommunisten, ausbilden, die nicht nur die Fehler der Arbeiterführer, sondern auch die Gefühle der Arbeiter selbst verstehen können. Nur so können wir die Kräfte des Kommunismus weltweit stärken.</p>

<p>Das Verhältnis zwischen dem Kampf für Reformen, dem Reformismus, und der Revolution zu verstehen, ist der Prüfstein für jede revolutionäre Strömung. Versteht sie es nicht, wird sie höchstens eine kommunistische Propagandagruppe, aber niemals die Partei der proletarischen Revolution.</p>

<p>Das ist unsere Aufgabe: Wenn wir erfolgreich sein wollen, müssen wir die Lehren der Vergangenheit verstehen.</p>
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		<title>Lesebegleiter &#8211; Friedrich Engels: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft</title>
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		<dc:creator><![CDATA[RKI]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 15 Aug 2025 06:00:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Theorie]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Engels’ Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft zählt zu den zentralen Schriften des Marxismus. Jeder Kommunist sollte sie studiert haben. Sie enthält die Grundlagen marxistischer Theorie: Marxistische [&#8230;]</p>
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<p>Engels’ <em>Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft</em> zählt zu den zentralen Schriften des Marxismus. Jeder Kommunist sollte sie studiert haben. Sie enthält die Grundlagen marxistischer Theorie: Marxistische Philosophie, die dialektische Methode, den Historischen Materialismus, die zentralen ökonomischen Widersprüche des Kapitalismus. Gleichzeitig erklärt sie, warum der Sozialismus eben nicht nur ein frommer Wunsch ist, ein moralisches Ideal, sondern sich wissenschaftlich aus den Widersprüchen der kapitalistischen Gesellschaft ergibt. Er ist also nicht nur realistisch, sondern historisch notwendig. Darin besteht der Unterschied zwischen dem Marxismus und jeder anderen „sozialistischen“ oder „linken“ politischen Strömung. </p>

<p>Engels stellt uns im ersten Kapitel die drei bekanntesten Vertreter des historischen utopischen Sozialismus (Owen, Fourier, Saint Simon) vor, zeigt uns ihre Stärken, aber auch ihre entscheidenden Schwächen. Der „utopische Sozialismus“ ist kein vergangenes Phänomen von ausschließlich historischem Interesse. Die reformistischen Führer der Linkspartei &#8211; um nur ein Beispiel zu nennen &#8211; sprechen immer wieder vom Sozialismus als „moralischem Kompass“, „Ideal“ oder „schöner Utopie“. Sie verschieben ihn damit in eine unbestimmte Zukunft oder gleich in das Reich der hehren Träume und Ideale. Im Hier und Jetzt bleibt uns, laut ihnen, dann nur die Realpolitik des kleineren Übels, der kleinen Reförmchen, der Kompromisse mit den Kapitalisten und letztlich die Mitverwaltung des Kapitalismus. </p>

<p>Ein utopisches Verständnis vom Sozialismus macht es einem unmöglich, tatsächlich erfolgreich für diesen zu kämpfen. Für Marxisten hingegen ist der Sozialismus kein moralischer Imperativ, kein hehres Ideal, sondern ergibt sich notwendig aus dem wissenschaftlichen Studium der Widersprüche des Kapitalismus, aus der inneren Logik der Entwicklung dieser Gesellschaft. (So wie die Geburt die logische Folge der inneren Widersprüche und Gesetze der Schwangerschaft ist und nicht einfach geschieht, weil dies womöglich moralisch wünschenswert wäre.) Um diese wissenschaftliche Analyse machen zu können, braucht es die marxistische Theorie: Sie ist in anderen Worten die Wissenschaft des Sozialismus. </p>

<p>Im zweiten Kapitel erklärt uns Engels das philosophische Fundament dieser wissenschaftlichen Methode des Marxismus: die Dialektik und den Materialismus. Im dritten Kapitel wendet er diese Grundlage konkret auf die Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft an. So zeigt er uns zum einen die marxistische Geschichtsauffassung, den Historischen Materialismus, zum anderen die Grundzüge der marxistischen ökonomischen Analyse des Kapitalismus. </p>

<p>Diese 1880 erschienene Broschüre  ist eine Zusammenstellung von drei Kapiteln aus Engels&#8216; Buch <em>Anti-Dühring</em>. Es wurde nicht nur zur Bekämpfung der „neuen“ sozialistischen Theorien Eugen Dührings verfasst, sondern liefert „eine enzyklopädische Übersicht über unsere Auffassung der philosophischen, naturwissenschaftlichen und historischen Probleme“ in Engels&#8216; eigenen Worten. </p>

<p><em>Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft</em> fasst einige der wichtigsten Ideen aus Engels&#8216; Buch in einer prägnanten und sehr zugänglichen Broschüre zusammen. Sie verdient durchaus im Laufe der Zeit mehrfach gelesen zu werden. </p>

<p>Darüber hinaus ist Engels&#8216; <a href="https://web.archive.org/web/20160320105255/http://mlwerke.de/me/me22/me22_287.htm"><em>Einleitung zur englischen Ausgabe (1892)</em> </a>sehr bereichernd. Sie ist einerseits eine wertvolle Erklärung und Verteidigung der materialistischen Philosophie. Und andererseits auch eine Lektion im Historischen Materialismus. Die Entwicklung der Philosophie und der Ideen wird in den Kontext der zugrunde liegenden Revolution in der Entwicklung der Produktivkräfte und des Klassenkampfes gestellt.</p>

<h3><strong>I. Kapitel: Der utopische Sozialismus</strong></h3>

<p>Das erste Kapitel von Engels&#8216; Broschüre ist den großen utopischen Sozialisten des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts gewidmet, den Vorvätern des wissenschaftlichen Sozialismus von Marx und Engels: Charles Fourier, Henri Saint-Simon und Robert Owen.</p>

<p>Die bürgerlichen Revolutionen, wie z.B. die französische von 1789-95, waren mit dem Versprechen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit angetreten. Nach ihrem Sieg zeigte sich, dass diese Versprechen nur für die Bourgeoisie galten &#8211; die arbeitenden Massen blieben weiter unterdrückt, obwohl sie in den Revolutionen am tapfersten gegen König und Adel gekämpft hatten. Das junge Proletariat entwickelte sich in den Jahrzehnten danach immer mehr, wuchs und brachte erste Arbeiterbewegungen hervor. </p>

<p>In dieser Zeit &#8211; zwischen bürgerlicher Revolution und den ersten großen Arbeiterbewegungen &#8211; entstanden auch die klassischen Theorien des utopischen Sozialismus. Sie gingen aber von der idealistischen Philosophie der Aufklärung aus: Sie leiteten den Sozialismus als moralisches Gebot aus der Einsicht in die absolute Vernunft ab. Die bürgerlichen Philosophen der Aufklärung hatten Feudalismus und Monarchie dafür kritisiert, dass diese Herrschaftsform nicht „vernünftig“ sei, d.h. einer allgemeinen, universellen, ewig gültigen menschlichen Vernunft und Moral widersprechen würde. Die utopischen Sozialisten begründeten nun, Anfang des 19. Jahrhunderts, den Sozialismus auf die gleiche Weise. </p>

<p>Sie entwarfen am Reißbrett Modelle für perfekte Utopien, die der „Vernunft“ am besten entsprechen würden. Sie versuchten diese einzuführen, indem sie an die Vernunft der herrschenden Bourgeoisie appellierten und versuchten, sie durch vernünftige Argumente zu überzeugen. In ihrer Vorstellung kam der Sozialismus nicht durch die eigenständige Aktivität, d.h. den Kampf, der Arbeiterklasse, sondern durch die vernünftige Einsicht und moralische Integrität der Kapitalisten zustande. Dieser Ansatz verurteilte sie zum Scheitern. Noch heute bedienen sich Reformisten und Linksliberale derselben Methode. </p>

<p>Trotzdem war der utopische Sozialismus ein Fortschritt und ein Wegbereiter des Marxismus, denn die utopischen Sozialisten hatten bereits einige geniale Analysen und Einsichten in die Funktionsweise der Gesellschaft. Engels hebt diese positiven Beiträge trotz der Kritik hervor. Da sind z.B. die Versuche des Unternehmers und utopischen Sozialisten Robert Owen, kommunistische Arbeiterkolonien zu gründen, in denen die Arbeiter zu menschenwürdigen Bedingungen leben und arbeiten konnten. Diese Experimente zeigten zum einen, dass die Arbeiter sehr wohl die Fabriken selbst verwalten können. Aber sie zeigten eben auch die engen Limitationen des Versuchs, durch Kommunen und Kooperativen innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft „sozialistische Inseln“ zu schaffen. Diese Lehre brachte Robert Owen dazu, vom großzügigen Wohltäter zum Kommunisten und Unterstützer der Arbeiterbewegung zu werden. Er hörte auf, an die Kapitalisten zu appellieren und unterstützte die junge englische Arbeiterbewegung in ihrem Kampf, etwa in der Zeit des Chartismus (die erste richtige Arbeiterbewegung auf englischem Boden). Marx und Engels gingen weiter in diese Richtung: Nicht die Einsicht der Herrschenden, sondern der selbstständige Kampf der Arbeiterklasse wird den Sozialismus erringen. </p>

<p>Diesen entscheidenden Unterschied zwischen Utopischem Sozialismus und Marxismus, fassten Marx und Engels in der <em>Deutschen Ideologie</em> so zusammen: „<em>Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben wird. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung.</em>“</p>

<h3><strong>Diskussionsfragen:</strong></h3>

<p>In welchem Sinne wurde die Welt für die Philosophen des 18. Jahrhunderts (Aufklärung) „auf den Kopf gestellt“?</p>

<p>Was meint Engels, wenn er schreibt: „So wenig wie alle ihre Vorgänger konnten die großen Denker des 18. Jahrhunderts hinaus über die Schranken, die ihnen ihre eigne Epoche gesetzt hatte“?</p>

<p>Warum waren die durch den „Sieg der Vernunft“ geschaffenen Institutionen solch „bitter enttäuschende Zerrbilder“?</p>

<p>Was eint die „drei großen Utopisten“?</p>

<p>Wie macht „die große Industrie“ eine Revolution notwendig?</p>

<p>Warum waren die neuen Gesellschaftssysteme der Begründer des Sozialismus „von vornherein zur Utopie verdammt“?</p>

<p>In welchem Sinne ist die Politik „die Wissenschaft der Produktion“?</p>

<p>In welchem Sinne war Fouriers Geschichtsauffassung dialektisch?</p>

<p>Welche Ähnlichkeiten können wir zwischen Owens Philosophie und der von Marx erkennen?</p>

<p>Was waren die Grenzen von Owens Kommunismus?</p>

<h3><strong>II. Kapitel: Die Dialektik</strong></h3>

<p>Das zweite Kapitel erklärt die unterschiedlichen philosophischen Herangehensweisen, die hinter dem utopischen Sozialismus einerseits und dem wissenschaftlichen Sozialismus (Marxismus) andererseits stehen: Metaphysik vs. Dialektik und Idealismus vs. Materialismus. </p>

<p>Der Begriff „Metaphysik“ wurde in der Geschichte der Philosophie sehr verschieden benutzt; bei Engels heißt er folgendes: Die Metaphysik analysiert die Dinge in der Welt nicht in ihrer Beziehung zu anderen Dingen, also ihrem Zusammenhang, sondern als isolierte Einzelteile; „<em>nicht in ihrer Bewegung, sondern in ihrem Stillstand</em>“<em>.</em> Sie benutzt die formale Logik, d.h. sie denkt nur in fixen Kategorien: a=a, a=/=b. In einem gewissen Rahmen ist diese Methode nützlich, aber sie gerät schnell an ihre Grenzen. Engels schreibt: „<em>Für den Metaphysiker sind die Dinge und ihre Gedankenabbilder, die Begriffe, vereinzelte, eins nach dem andern und ohne das andre zu betrachtende, feste, starre, ein für allemal gegebne Gegenstände der Untersuchung. Er denkt in lauter unvermittelten Gegensätzen; seine Rede ist ja, ja, nein, nein, was darüber ist, das ist vom Übel.</em>“ Dadurch ist die Metaphysik unfähig, Widersprüche zu verstehen.</p>

<p>Im Gegensatz dazu steht die Dialektik: Sie begreift die Dinge in ihrem Zusammenhang und in ihrer Bewegung, d.h. auch in ihrem Widerspruch. Denn wenn wir uns die Welt anschauen, so besteht sie nicht aus starren, isolierten Dingen, sondern aus unendlichen Prozessen, Bewegungen und Zusammenhängen der verschiedenen Dinge zueinander. Die Dialektik ist sozusagen die Lehre oder die Wissenschaft der Bewegung, Entwicklung und Veränderung. D.h. sie versucht präzise zu erklären, wie Bewegung und Veränderung vonstattengehen. Schon die alten griechischen Philosophen vertraten dialektische Ideen. Aber erst der deutsche Philosoph G. W. F. Hegel systematisierte die Dialektik in der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. </p>

<p>Die utopischen Sozialisten sind Metaphsyiker, während die Marxisten Dialektiker sind. Die utopischen Sozialisten haben ihre aus einer absoluten, universellen Moral oder Vernunft abgeleiteten Kategorien: Kapitalismus = schlecht, Sozialismus = gut etc. Aber sie können die Entwicklung vom einen zum anderen nicht begreifen, denn sie haben keine philosophische Methode, mit der man die Dinge in ihrer Bewegung verstehen kann. Dadurch wird der Sozialismus bei ihnen in Wahrheit zu einem unerreichbaren Fernziel und im Hier und Jetzt bleibt nur kleines Herumdoktorn am System oder leere Appelle. Dasselbe gilt für die heutigen Reformisten, Linksliberale, Anarchisten und alle, deren politisches Hauptargument moralische Empörung ist.</p>

<p>Der Idealismus sieht, im Gegensatz zum Materialismus, die Ideen als das Primäre, nicht die Materie. Für die Idealisten bestimmen die Ideen, wie die Realität ist; sie existierten vor der Materie und setzen sich gegen sie durch. Die utopischen Sozialisten sind Idealisten, denn der Ausgangs- und Endpunkt ihrer Politik ist eben die absolute, universelle, ewige Vernunft oder Moral &#8211; eben Ideen. Sie gehen zudem davon aus, man könne die Gesellschaft ändern, wenn man nur die herrschenden Ideen ändert bzw. wenn man die herrschenden Kapitalisten davon überzeugt, dass andere Ideen vernünftiger sind. Auch das haben sie mit den heutigen Reformisten gemeinsam. </p>

<p>Der Materialismus geht hingegen davon aus, dass die Materie das Primäre ist und die Ideen vor allem Widerspiegelung der materiellen Welt im menschlichen Gehirn sind. Die „Vernunft“ der Aufklärung ist keine universelle, ewig gültige Vernunft, sondern sie ist das Produkt einer bestimmten historischen Epoche und einer bestimmten gesellschaftlichen Klasse, deren Interesse sie zum Ausdruck bringt: nämlich der jungen Bourgeoisie im Kampf gegen den Feudalismus. </p>

<p>Sowohl Metaphysik als auch Dialektik können materialistisch oder idealistisch sein. Metaphysisch war zum Beispiel der englische und französische Materialismus des 18. Jahrhunderts &#8211; er war ein mechanischer Materialismus, der die Welt wie ein riesiges Uhrwerk verstand. Hegels Dialektik war eine idealistische Dialektik, denn sie analysierte nicht die Bewegung und Entwicklung der realen Welt, sondern die der menschlichen Ideen im Laufe der Geschichte. Marx und Engels machten die Dialektik materialistisch. Bei ihnen geht es darum, die Bewegung und Entwicklung der realen, materiellen Welt zu begreifen.</p>

<p>Eben weil der Marxismus das kann, kann er aufzeigen, wie man vom Hier und Jetzt zum Sozialismus kommt, statt nur wie die utopischen Sozialisten zu erklären, warum dieser wünschenswert wäre. Engels fasst das so zusammen: </p>

<p>„<em>Hiernach erschien jetzt der Sozialismus nicht mehr als zufällige Entdeckung dieses oder jenes genialen Kopfs, sondern als das notwendige Erzeugnis des Kampfes zweier geschichtlich entstandner Klassen, des Proletariats und der Bourgeoisie. [&#8230;] Der bisherige [utopische] Sozialismus kritisierte zwar die bestehende kapitalistische Produktionsweise und ihre Folgen, konnte sie aber nicht erklären, also auch nicht mit ihr fertig werden; er konnte sie nur einfach als schlecht verwerfen. Je heftiger er gegen die von ihr unzertrennliche Ausbeutung der Arbeiterklasse eiferte, desto weniger war er imstand, deutlich anzugeben, worin diese Ausbeutung bestehe und wie sie entstehe. [&#8230;] Diese beiden großen Entdeckungen: die materialistische Geschichtsauffassung und die Enthüllung des Geheimnisses der kapitalistischen Produktion vermittelst des Mehrwerts verdanken wir Marx. Mit ihnen wurde der Sozialismus eine Wissenschaft [&#8230;].</em>“</p>

<h3><strong>Diskussionsfragen:</strong></h3>

<p>Was ist Dialektik?</p>

<p>Was ist der Unterschied zwischen der Dialektik der Antike und der Dialektik von Hegel?</p>

<p>Was ist das Problem mit der Dialektik von Hegel?</p>

<p>Was meinte Engels, als er sagte, dass der moderne Materialismus „keine über den andern Wissenschaften stehende Philosophie mehr [braucht]“?</p>

<p>Warum ist die Philosophie Hegels wichtig für den Sozialismus?</p>

<h3><strong>III. Kapitel: Der Historische Materialismus</strong></h3>

<p>Im dritten Kapitel wendet Engels die philosophische Methode, die er in Kapitel zwei erklärt hat (den Dialektischen Materialismus), auf die Entwicklung der Gesellschaft an, um auf wissenschaftliche Weise den Sozialismus zu begründen. </p>

<p>Zu Beginn gibt Engels eine kurze und bündige Erklärung des Historischen Materialismus, also der marxistischen Geschichtsauffassung. Er erklärt, dass die Gründe für gesellschaftliche Veränderungen wie z.B. die Französische Revolution, nicht in den Ideen einer Zeit, sondern in der materiellen, d.h. ökonomischen Grundlage liegen: „<em>Hiernach sind die letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Umwälzungen zu suchen nicht in den Köpfen der Menschen, in ihrer zunehmenden Einsicht in die ewige Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern in Veränderungen der Produktions- und Austauschweise; sie sind zu suchen nicht in der Philosophie, sondern in der Ökonomie der betreffenden Epoche.</em>“</p>

<p>Schon mit dieser Herangehensweise grenzt sich Engels grundlegend vom utopischen Sozialismus ab, denn: „<em>Damit ist zugleich gesagt, daß die Mittel zur Beseitigung der entdeckten Mißstände ebenfalls in den veränderten Produktionsverhältnissen selbst &#8211; mehr oder minder entwickelt &#8211; vorhanden sein müssen. Diese Mittel sind nicht etwa aus dem Kopfe zu erfinden, sondern vermittelst des Kopfes in den vorliegenden materiellen Tatsachen der Produktion zu entdecken.</em>“</p>

<p>Der Ausgangspunkt für den wissenschaftlichen Sozialismus ist also eine gründliche, wissenschaftliche Analyse der realen, konkreten Entwicklung der Gesellschaft. Und die nimmt Engels hier vor: Angefangen beim Mittelalter, erklärt er, wie die Warenproduktion sich bahnbricht, der Kapitalismus zur bestimmenden Produktions- und Austausch weise wird. Er erklärt den zentralen Widerspruch des Kapitalismus (der zwischen kollektiver Produktion der Waren in der Fabrik und privater Aneignung der Profite) und welche Formen er annimmt. Eine davon ist die Überproduktionskrise, die beweist, dass der Kapitalismus unfähig ist, die Gesellschaft weiter nachvorn zu bringen. In dieser meisterhaften dialektischen Analyse erfahren wir, wie der Kapitalismus aufstieg, warum er so erfolgreich dabei war, die Produktivkräfte weiterzuentwickeln, warum er jetzt an seine Grenzen gerät und vor allem: Warum der Sozialismus sich notwendig und logisch aus den Widersprüchen des Kapitalismus ergibt. </p>

<p>Doch trotzdem ist der Sozialismus kein mechanischer Automatismus. Er muss aktiv und bewusst erkämpft werden! Der Kapitalismus im krisenhaften Niedergang bringt auch den handelnden Akteur hervor, der ihn abschaffen und den Sozialismus erkämpfen wird: Das Proletariat (die moderne Arbeiterklasse), die als einzige gesellschaftliche Kraft das Interesse und die Macht hat, den Sozialismus durchzusetzen. Engels erklärt, wie die Schaffung des Sozialismus durch das Proletariat zur Abschaffung der Klassen überhaupt und damit zum Kommunismus führt. </p>

<p>Abschließend erklärt Engels die Aufgabe des Marxismus so: <em>„Diese weltbefreiende Tat durchzuführen ist der geschichtliche Beruf des modernen Proletariats. Ihre geschichtlichen Bedingungen, und damit ihre Natur selbst, zu ergründen und so der zur Aktion berufnen, heute unterdrückten Klasse die Bedingungen und die Natur ihrer eignen Aktion zum Bewußtsein zu bringen ist die Aufgabe des theoretischen Ausdrucks der proletarischen Bewegung, des wissenschaftlichen Sozialismus.</em>“</p>

<h3><strong>Diskussionsfragen:</strong></h3>

<p>Engels schreibt: <em>„Hiernach sind die letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Umwälzungen zu suchen nicht in den Köpfen der Menschen, in ihrer zunehmenden Einsicht in die ewige Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern in, Veränderungen der Produktions- und Austauschweise.“</em> Wie könnte man diese Beobachtung auf eine große soziale Bewegung unserer Zeit anwenden, wie etwa die politische Polarisierung im Westen?</p>

<p>Engels verweist auf die Entstehung der geplanten Produktion mit dem <em>Fabriksystem</em>. Was genau hat er damit gemeint?</p>

<p>Engels betont sehr stark die Produktion von „Waren“. Was ist eine Ware?</p>

<p>Engels erwähnt eine Reihe von Beispielen für einen „fehlerhaften Kreislauf“ in der Entwicklung des Kapitalismus. Welche waren das?</p>

<p>Was versteht Engels unter der „Rebellion der Produktivkräfte“ und was sind die „Produktivkräfte“?</p>

<p>Welche zentralen Widersprüche des Kapitalismus arbeitet Engels heraus?</p>

<p>Engels schreibt: <em>„Diese Lösung kann nur darin liegen, daß die gesellschaftliche Natur der modernen Produktivkräfte tatsächlich anerkannt, daß also die Produktions-, Aneignungs- und Austauschweise in Einklang gesetzt wird mit dem gesellschaftlichen Charakter der Produktionsmittel.“ </em>Worin besteht die <em>„</em>gesellschaftliche Natur<em>“</em> der modernen Produktivkräfte? Warum stehen sie in Widerspruch zur kapitalistischen Aneignungsweise? Welche Versuche macht der Kapitalismus, die Aneignungsweise der <em>„</em>gesellschaftliche Natur<em>“</em> der Produktion anzupassen?</p>

<p>Engels schreibt: <em>„Die gesellschaftlich wirksamen Kräfte wirken ganz wie die Naturkräfte: blindlings, gewaltsam, zerstörend, solange wir sie nicht erkennen und nicht mit ihnen rechnen.“</em> Was ist der fundamentale Grund dafür, dass die sozialen Kräfte von der Menschheit nicht verstanden oder kontrolliert werden? Was muss sich ändern, damit sie verstanden und kontrolliert werden können?</p>

<p>Welche unterschiedlichen Beziehungen zwischen dem Staat und der Gesellschaft erwähnt Engels, die im Laufe der Jahrhunderte entstanden sind? Was könnte es bedeuten, dass der Staat „wirklich als Repräsentant der ganzen Gesellschaft auftritt“ und warum würde er dann verschwinden?</p>
<hr class="wp-block-separator has-alpha-channel-opacity" />
<p>[1] Die Philister waren ursprünglich ein Volk, welches ab dem 12. Jahrhundert die Küste des historischen Palästinas bewohnte. Der Begriff Philister wird als Abwertung für ein kleinbürgerliches bzw. engstirniges Weltbild mit vereinfachten Moralvorstellungen verwendet.</p>
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		<title>Marxistische Ökonomie: „Tax the Rich“ oder Enteignung der Milliardäre? </title>
		<link>https://derkommunist.de/marxistische-oekonomie-tax-the-rich-oder-enteignung-der-milliardaere/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ture Hirche]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 22 Jul 2025 06:00:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Die Linke]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Ökonomie]]></category>
		<category><![CDATA[Reformismus]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im Jahr 2024 vergrößerten die Milliardäre weltweit ihr Vermögen um 2 Billionen Dollar. Gleichzeitig soll die arbeitende Mehrheit immer länger und härter arbeiten. Das bringt die Stimmung in der Arbeiterklasse [&#8230;]</p>
<p>The post <a href="https://derkommunist.de/marxistische-oekonomie-tax-the-rich-oder-enteignung-der-milliardaere/">Marxistische Ökonomie: „Tax the Rich“ oder Enteignung der Milliardäre? </a> appeared first on <a href="https://derkommunist.de"></a>.</p>
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<p>Im Jahr 2024 vergrößerten die Milliardäre weltweit ihr Vermögen um 2 Billionen Dollar. Gleichzeitig soll die arbeitende Mehrheit immer länger und härter arbeiten. Das bringt die Stimmung in der Arbeiterklasse zum Brodeln. Die Tötung des CEO von UnitedHealth durch Luigi Mangione im letzten Dezember zeigte eindrucksvoll diese Wut gegen Milliardäre in der amerikanischen Bevölkerung. Auf die Tat folgte keine moralische Entrüstung, sondern massenhafte Solidarität mit dem verhafteten Schützen. Denn Millionen US-Amerikaner erleben die betrügerischen Geschäftspraktiken der Versicherungsgesellschaften im Gesundheitssektor am eigenen Leib. </p>

<p>Diese wachsende Ablehnung gegenüber Reichen hat der reformistischen Linken neuen Auftrieb gegeben. Seit Trumps Wahlsieg zieht etwa Bernie Sanders angesichts steigender Lebenshaltungskosten mit seiner „Fight Oligarchy Tour“ Zehntausende an. In Deutschland konnte DIE LINKE mit fast 9% ihren Stimmenanteil verdoppeln. Grund hierfür war vor allem ihr kämpferischeres Auftreten, sowie die Forderung zur Abschaffung von Milliardären. Das und andere soziale Probleme wollen linke Reformisten grundsätzlich durch höhere Steuern für Reiche lösen. Die Kluft zwischen Arm und Reich soll durch eine solche Umverteilung wieder verringert werden. </p>

<p>Dieser Ansatz scheint zunächst schlüssig. In den letzten Jahrzehnten haben bürgerliche Regierungen durch ihre Steuerpolitik diese Kluft ausgedehnt. Besonders seit den 1990er Jahren erhielten Kapitalisten massive Steuergeschenke: In Deutschland wurde die Körperschaftsteuer drastisch gesenkt und 1997 die Vermögenssteuer komplett ausgesetzt. Heute werden durchschnittliche Arbeitseinkommen mit 47,9% besteuert, während Milliardäre oft nur die Hälfte entrichten.  </p>

<p>Zugleich führen Inflation, prekäre Arbeitsverhältnisse und Austeritätspolitik zu brutalen Angriffen auf den Lebensstandard der Arbeiterklasse. Entsprechend erscheint es naheliegend, nun den Reichen einen Teil ihres Vermögens zu nehmen und so das soziale Gleichgewicht wiederherzustellen. Doch historisch ist jeder Versuch, einen langfristigen Kompromiss in der Verteilungsfrage mit den Reichen zu finden, an den grundsätzlichen Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus gescheitert. </p>

<h3><strong>Was ist der Kapitalismus?</strong> </h3>

<p>Karl Marx hat als erster die Funktionsweise des Kapitalismus vollständig herausgearbeitet. Als Ausgangspunkt für seine Analyse untersucht er in seinem dreibändigen Werk „Das Kapital“ den Grundbaustein des Kapitalismus, die Ware. Er erklärt: „Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ungeheure Warensammlung.“ </p>

<p>Die Kapitalisten produzieren als Eigentümer der Produktionsmittel (Fabriken, Felder usw.) alle Waren allein für den Austausch. Doch sie tauschen ihre Waren nicht einfach gegen andere Waren ein, die sie gerade benötigen und vorfinden. Stattdessen tauschen sie ihre Waren auf einem Markt gegen Geld. Denn mit diesem universellen Tauschmittel können sie später jede andere Ware erwerben. Die Kapitalisten wollen durch den Verkauf ihrer Waren Profite machen und diese kontinuierlich steigern, indem sie sie in die Produktion reinvestieren, um mehr Waren verkaufen oder zum Ausstechen der Konkurrenz effizienter produzieren zu können.  </p>

<p>Dieses System hat zwangsläufig einen chaotischen Charakter. Es gibt keinen gesamtgesellschaftlichen Überblick über die Produktion. Allein die Profitinteressen der konkurrierenden Kapitalisten sind ausschlaggebend dafür, was produziert wird und wohin Investitionen fließen. Der Preis einer Ware erscheint uns deshalb schnell als eine unerklärliche Eigenschaft. </p>

<p>Doch der Warentausch ist nichts Übernatürliches, sondern wird von Menschen gemacht. Da die gesamte Wirtschaft auf Warentausch basiert, sind alle abhängig von dem, was die anderen produzieren. Aus diesem Grund muss es zwangsweise ökonomische Gesetze geben, die bestimmen, zu welchen Bedingungen getauscht wird. </p>

<h3><strong>Die Arbeitswerttheorie</strong> </h3>

<p>Im Zentrum jeder Warentauschbeziehung steht der Tauschwert: Er macht möglich, dass unterschiedliche Gebrauchswerte – also Waren mit verschiedenen nützlichen Eigenschaften – quantitativ vergleichbar werden.  </p>

<p>Alle Waren haben gemeinsam, dass sie durch menschliche Arbeit entstanden sind. Marx’ Arbeitswerttheorie führt den Tauschwert auf die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit zurück, die zur Produktion einer bestimmten Ware aufgewendet werden muss. Bereits der bürgerliche Ökonom Adam Smith erkannte Arbeit als „ursprüngliches Geld“, mit dem alle Reichtümer der Welt zuerst erworben wurden. Dabei messen wir nicht die konkrete, handwerkliche Tätigkeit eines einzelnen Produzenten, sondern abstrahieren sie zur in allen Arbeiten gleichen abstrakten Arbeit. </p>

<p>Erst auf dieser Ebene wird Vergleichbarkeit möglich: Ein Tischler und ein Holzfäller verrichten unterschiedliche konkrete Arbeiten, doch lassen sich ihre Produkte über die dafür erforderliche Arbeitszeit ins Verhältnis setzen. Entscheidend ist dabei nicht die individuelle Arbeitsdauer, sondern die durchschnittlich notwendige Arbeitszeit – ein Durchschnittswert, der im Konkurrenzkampf zwischen den Produzenten entsteht. Wer länger braucht als diese Durchschnittsdauer, kann seine Ware nicht teurer anbieten, ohne Käufer an effizientere Konkurrenten zu verlieren. </p>

<p>Werte sind also ein soziales Verhältnis aber  keine materielle Größe. Sie können weder über physische Eigenschaften noch über die individuellen Gebrauchsvorstellungen der Menschen bestimmt werden. Luft zum Atmen oder ein malerischer Sonnenaufgang mögen einen Gebrauchswert besitzen, kosten aber nichts und zeigen, dass Nützlichkeit und Tauschwert auseinanderfallen. </p>

<p>Dass Marktpreise in der Realität dennoch vom Tauschwert abweichen, ist kein Widerspruch, sondern Ausdruck der anarchischen Produktionsweise des Kapitalismus. Angebot und Nachfrage signalisieren, ob sich Investitionen lohnen, und treiben Preise kurzzeitig über oder unter den tatsächlichen Tauschwert. Letztlich spiegelt sich die unterschiedliche notwendige Arbeitszeit für die Produktion der Waren aber auch in den Preisen wider: Für einen Ziegelstein würden wir niemals mehr bezahlen als für einen Neuwagen. </p>

<h3><strong>Woher kommt der Profit?</strong> </h3>

<p>Aus der Arbeitswerttheorie folgt, dass die Kapitalisten ihre Profite durch die Ausbeutung der Arbeiterklasse machen. Dieser offensichtliche Umstand wird aber von bürgerlichen Ökonomen geleugnet. Denn aus ihm lässt sich der krisenhafte Charakter des Kapitalismus nachweisen. </p>

<p>Die Ausbeutung der Arbeiterklasse resultiert aus ihrer sozialen Lage. Im Gegensatz zu den Kapitalisten besitzt die Mehrheit der Bevölkerung keine Produktionsmittel. Um ihren eigenen Lebensunterhalt finanzieren zu können, muss sie die einzige Ware verkaufen, die sie besitzt: ihre Arbeitskraft. </p>

<p>Arbeitskraft ist die menschliche Fähigkeit, der Natur zielgerichtet neue Gebrauchswerte abzuringen. Die Kapitalisten kaufen diese Ware aufgrund dieser einzigartigen Eigenschaft.  </p>

<p>Der Wert der Ware Arbeitskraft wird, wie bei allen anderen Waren, durch die in ihr enthaltene gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit bestimmt. Der Kapitalist muss also dem Arbeiter gerade so viel bezahlen, dass er sich Lebensmittel, Unterkunft und Erholung leisten kann. Außerdem muss es ihm möglich sein, Kinder großzuziehen, die später einmal seinen Posten einnehmen. Zahlt der Kapitalist weniger, kann sich die Ware Arbeitskraft nicht nachhaltig reproduzieren. </p>

<p>Dieses Verhältnis scheint zunächst ein fairer Tausch zu sein. Der Arbeiter stellt dem Kapitalisten seine Fähigkeit zu arbeiten zur Verfügung, der Kapitalist gibt dem Arbeiter durch den Lohn die Fähigkeit sich zu erhalten und zu reproduzieren. Doch mit entsprechenden Werkzeugen und Wissen sind Menschen in der Lage der Natur mehr Produkte abzuringen, als sie zum bloßen Überleben benötigen. Diesen sogenannten Mehrwert eignet sich der Kapitalist an und realisiert so auf dem Markt seine Profite. Wenn ein Kapitalist einen Arbeiter für acht Stunden am Tag einstellt, hat der Arbeiter vielleicht schon nach vier Stunden den Wert erarbeitet, der seinem Lohn entspricht. Die restlichen vier Stunden arbeitet er dann praktisch unbezahlt für den Kapitalisten. Kein Kapitalist wird dem Arbeiter den vollen Wert seiner Arbeit auszahlen, denn das würde für den Kapitalisten einen Wegfall jeglicher Profite bedeuten. </p>

<p>Der Wert einer Ware setzt sich somit aus drei Bestandteilen zusammen. Der Kapitalist muss zunächst Rohstoffe und Maschinen für die Produktion erwerben, die bereits von anderen Produzenten hergestellt wurden. Er muss dem Arbeiter einen Lohn zahlen. Und zu guter Letzt streicht er unbezahlte Arbeit als Mehrwert ein. </p>

<h3><strong>Die Widersprüchlichkeit des Kapitalismus</strong> </h3>

<p>Für eine Zeit konnte der Kapitalismus auf dieser Basis enormen Fortschritt erreichen. Da die Kapitalisten darum konkurrieren, wer die meisten Waren auf dem Markt profitabel verkaufen kann, investierten sie ihre Profite wieder in die Entwicklung der Produktion, um mehr Waren in kürzerer Zeit produzieren zu können. Das machte die Waren günstiger, weil weniger Arbeitszeit für ihre Produktion benötigt wurde, und es weitete die Produktion aus.  Um die wachsende Warenmasse abzusetzen, erschlossen sie sich die ganze Welt als Markt, und reinvestierten ihre Profite wiederum in noch größerem Umfang in die Produktion. Die Ausbeutung der Arbeiterklasse ermöglichte diesen Prozess, weil sie den Kapitalisten den nötigen Profit zum Investieren erbrachte. Doch ab einem gewissen Zeitpunkt entwickelt sich diese Wirkung in ihr Gegenteil. Da die Arbeiterklasse mehr produziert, als sie zu ihrer Reproduktion benötigt, ist sie nicht in der Lage, die Waren, die sie produziert, zurückzukaufen. </p>

<p>Das kann für den Kapitalismus eine Zeit lang gut gehen, da die Kapitalisten ihre Waren nicht nur an die Arbeiter verkaufen, sondern auch an ihre eigene Klasse, die Maschinen, Rohstoffe, Fabriken, Lagerhallen usw. Benötigt. Die Ausweitung der Nachfrage kann irgendwann nicht mehr Schritt halten mit der Ausweitung der Produktion. Ab einem gewissen Punkt können die Kapitalisten die neuen Waren nicht mehr profitabel verkaufen, weil das Angebot die Nachfrage übersteigt. Sie befinden sich in einer Überproduktionskrise.  </p>

<p>Um sich wirtschaftlich über Wasser zu halten, tun sie alles, um ihre Profite zu retten. Mangels genügend profitabler Investitionsmöglichkeiten schließen sie unrentable Fabriken oder kürzen bei den Löhnen, um die Verluste auszugleichen. Durch Letzteres sowie die Erschließung neuer Märkte und gründlichere Ausnutzung ihrer bestehenden Märkte können sie es schaffen, eine neue Wachstumsperiode zu erreichen, bis sich der ganze Zyklus wiederholt.  </p>

<p>Das Absurde an diesem Vorgang ist, dass andere Gesellschaften in Krisen gekommen sind, weil sie zu wenig produziert haben, während der Kapitalismus in die Krise geht, weil er zu viel Reichtum, zu viele nützliche Gebrauchsgegenstände produziert hat. </p>

<p>Zwar kann der Kapitalismus seine Krisen zeitweise überbrücken, doch die Möglichkeit zu expandieren wird für die Kapitalisten immer enger, desto mehr Krisen stattfinden. So wie die Kapitalisten ihre Produktion ausweiten, verschlimmern sie auch die soziale Ungleichheit. Die ständigen Investitionen in neue Industrien führen dazu, dass der Anteil der Arbeit am Reproduktionsprozess der Arbeiterklasse geringer wird und der relative Reichtum in den Händen der Arbeiterklasse schrumpft.  Die Arbeiter produzieren also mit zunehmendem technischen Fortschritt immer größere Überschüsse, die sie allerdings nicht zurückkaufen können. Auch die Erschließung neuer Märkte kann dem nicht ewig entgegenwirken, da die ganze Welt längst unter den Kapitalisten aufgeteilt ist. Der Zyklus von Wachstum und Krise entwickelt sich statt wie ein Kreislauf wie eine Spirale. Die Aufschwünge werden schwächer und die Krisen härter. Irgendwann kommt der Kapitalismus an einen Punkt, an dem es ihm kaum noch gelingt, ein neues Gleichgewicht zu finden. Er kommt in eine organische Krise, die von langwieriger stagnierender Entwicklung der Produktion und zerfallendem Lebensstandard geprägt ist.  </p>

<h3><strong>Der Kapitalismus lässt keine wirksamen Reformen mehr zu</strong> </h3>

<p>Das ist genau der Zustand, in dem sich der Kapitalismus heute befindet. Die Finanzkrise 2008 war Ausdruck einer Überproduktionskrise, der nur eine schwache Erholung folgte. Eine erneute Krise brach kurz vor der Coronapandemie aus und wurde durch sie verstärkt.  </p>

<p>Um dem Investitionsstau und sinkendem Wirtschaftswachstum entgegenzuwirken, sind die kapitalistischen Staaten auf der ganzen Welt gezwungen, den Kapitalisten unter die Arme zu greifen, indem sie die Steuern für sie senken und ihre Unternehmen subventionieren. Andernfalls müssten die Kapitalisten ihre Investitionen, mangels profitabler Anlagemöglichkeiten, massiv dämpfen oder würden sich einfach im Ausland nach profitableren Optionen umschauen. Ohne Investitionen, um die Produktion am Laufen zu halten, würde die heimische Wirtschaft noch tiefer in die Krise rutschen. </p>

<p>Aus diesem Grund haben die Herrschenden keine andere Wahl als Angriffe auf den Lebensstandard der Arbeiterklasse in Form von z.B. härterer Ausbeutung, Kürzungen bei Bildung, der Gesundheit und dem Sozialstaat durchzuführen.  </p>

<p>Befürworter der Reichensteuer argumentieren zwar, dass in den westlichen kapitalistischen Ländern bis vor gut dreißig Jahren Unternehmen sehr wohl deutlich stärker besteuert wurden und es einen stärkeren Sozialstaat gab. Doch das geschah in einer Phase des ökonomischen Aufschwungs, der es den Kapitalisten erlaubte, Zugeständnisse an die Arbeiterklasse zu tolerieren. Heute ist das Gegenteil der Fall.  </p>

<p>Eine linke Regierung, die mitten in der kapitalistischen Krise versucht, die Kürzungen rückgängig zu machen, indem sie die Reichen mehr besteuert, würde auf heftigsten Widerstand der Kapitalisten stoßen, die die ganze Wirtschaft unter ihrer Kontrolle haben. Ohne wirtschaftlichen Aufschwung können Reformen nicht finanziert werden. </p>

<p>Die von 2012 bis 2017 amtierende sozialdemokratische Regierung in Frankreich unter Francois Hollande hat bildhaft gezeigt, dass die Kapitalistenklasse in der organischen Krise keine fortschrittlichen Reformen zulässt. Hollande wurde für sein Programm gewählt, das eine 75% Einkommensteuer für Reiche, öffentliche Investitionen in die Industrie und einige kleinere soziale Reformen versprach. Umsetzen konnte er davon so gut wie nichts.  </p>

<p>Obwohl er das Steuerprogramm nur zum Teil durchsetzte, reduzierten die Kapitalisten ihre Investitionen enorm, teils aus ökonomischen Gründen, teils um die Regierung zu zwingen, sie zurückzunehmen.  </p>

<p>Die staatlichen Investitionen scheiterten teilweise daran, dass die Überproduktionskrise sich schon auf der ganzen Welt ausgebreitet hatte. Die exportabhängige Industrie hätte das Geld zwar nutzen können, um neue Waren zu produzieren, aber sie hätten sie kaum profitabel verkaufen können. Zwar hat der Staat versucht, durch z.B. öffentlichen Ausbau der Infrastruktur die Nachfrage zu erhöhen, doch er hatte nicht das Geld, um seine Programme dauerhaft aufrechtzuerhalten. Einige Kapitalisten konnten hier einmalig einen Profit machen, aber insgesamt ist der Markt nicht gewachsen und die Investitionen blieben gering. Wegen der Anarchie des Marktes konnte die Regierung mit ihrer Wirtschaftspolitik außerdem nicht auf die Bedürfnisse aller einzelnen Kapitalisten eingehen. Viele gingen leer aus und haben nur Verluste durch die höheren Steuern gemacht. Um den Widerstand der Kapitalisten aufzulösen, musste Hollande schließlich das genaue Gegenteil seines Programms durchsetzen: Er reduzierte die Steuern für Unternehmen und flexibilisierte die Tarifverträge, Arbeitszeiten und den Kündigungsschutz.  </p>

<p>Als Norwegen 2022 seine Vermögenssteuer auf bescheidene 1,1% erhöhte, verließen superreiche Kapitalisten in Scharen das Land, was zu viele Millionen schweren Lücken im norwegischen Staatshaushalt führte. Die freundlichen Bitten der norwegischen Regierung, diese Individuen mögen bitte aus dem sonnigen Lugano in der Schweiz zurück nach Norwegen kommen, blieben unbeachtet.  </p>

<p>Reformisten behaupten, das Problem der Kapitalflucht könnte vermieden werden, indem man Vermögen an die Staatsbürgerschaft knüpft. So könnten die Kapitalisten auch besteuert werden, wenn sie ihr Kapital aus dem Land schaffen. Doch das würde nach wie vor bedeuten, dass die Investitionen in die eigene Wirtschaft fehlen würden. Ist die Produktion durch Investitionsmangel lahmgelegt, gibt es keine Waren, die man kaufen kann. Das durch Steuern erhobene Geld wird also zunehmend wertlos. </p>

<h3><strong>Für ein sozialistisches Wirtschaftsprogramm</strong> </h3>

<p>DIE LINKE fordert eine Vermögenssteuer von 1% ab einem Vermögen von 1 Million € und 5% ab 50 Millionen €. Die erste Frage, die sich aufdrängt, lautet: Warum sollen die anderen 99% bzw. 95% des aus unserer Arbeit entstandenen Vermögens weiter auf den Schweizer Bankkonten schlummern, statt im Sinne der Allgemeinheit investiert zu werden?  </p>

<p>Wie wir gesehen haben, werden die Kapitalisten alles tun, um eine Vermögenssteuer zu verhindern: Mit Kapitalflucht und Investitionsstreiks. Wollte man die Vermögenssteuer also konsequent aufrechterhalten, müsste man zum einen alle Kapitalisten enteignen, die durch Kapitalflucht ihr Vermögen dem staatlichen Zugriff entziehen. Denn Nichtinvestieren in die heimische Wirtschaft würde die Vermögenssteuer sabotieren. Letztlich hätte man dann den Großteil der Kapitalisten enteignet und die meisten Wirtschaftssektoren in staatlicher Hand.  </p>

<p>Die Reformisten haben eine falsche Analyse des Kapitalismus, sind sie nicht in der Lage, ein korrektes Programm aufzustellen. Sie glauben, kosmetische Eingriffe in die Verteilung der Waren würden genügen, um spürbare Verbesserungen für die Arbeiterklasse herzustellen. In der Realität ist das jedoch eine utopische Vorstellung. Da der Profit das treibende Motiv im Kapitalismus ist, führt jeder Versuch, ihn zu beschneiden, zu wirtschaftlichen Problemen. In der Überproduktionskrise, wo die Märkte überfüllt sind und die Kapitalisten deshalb in noch viel verbitterterer Konkurrenz um die verbliebenen Profite stehen, ist das noch viel eher der Fall. Weil der Reformismus mit der Realität in Konflikt gerät, befindet er sich in einem Teufelskreis. Er fängt die Wut der Arbeiter über ihre Ausbeutung auf, indem er ihnen soziale Verbesserungen verspricht. Doch weil er den Kapitalismus als Wirtschaftssystem verteidigt, kann er nur Reformen durchsetzen, wenn die ökonomische Lage das zulässt. Tut sie das nicht, können die Reformisten ihre Reformen nicht nur nicht durchsetzen, sondern sind sogar gezwungen, die Profite der Kapitalisten zu retten, aus Angst ein Kollaps der Wirtschaft würde noch Schlimmeres bedeuten. Das haben die Regierung Hollande und zahlreiche andere Beispiele eindringlich bewiesen.  </p>

<p>Als Kommunisten sind wir nicht gegen Reformen. Auch wir sind der Ansicht, dass der Reichtum der Kapitalisten umverteilt werden muss, um der sozialen Verelendung entgegenzuwirken. Wir sind für jeden Kampf für höhere Löhne, gegen Sozialabbau und für eine bessere Stellung der Arbeiterklasse. Doch diese Forderungen können langfristig nur durchgesetzt werden, wenn die Arbeiterklasse selbst die Kontrolle über die Produktion übernimmt. Angefangen mit der Enteignung der größten Betriebe und der Banken, kann die Arbeiterklasse durch einen demokratisch abgestimmten rationalen Produktionsplan selbst entscheiden, wie investiert werden soll. Überproduktionskrisen würden so undenkbar werden. Da nicht mehr für Profit sondern für Bedürfnisse produziert werden würde, könnte die Industrie maximal effizient für die Bereicherung der ganzen Menschheit genutzt werden. </p>
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		<title>Warum brauchen wir eine Philosophie?</title>
		<link>https://derkommunist.de/warum-brauchen-wir-eine-philosophie/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Alan Woods]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 17 Apr 2025 06:00:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Dialektischer Materialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Grundlagen des Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
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<p>Die RKP wird die Zeit bis zum Weltkongress unserer Internationale im August nutzen, um uns die Grundlagen der marxistischen Theorie zu erschließen: Angefangen mit der marxistischen Philosophie, dem Dialektischen Materialismus. Während die ganze Welt scheinbar in Chaos und Wahnsinn versinkt, hilft uns diese Theorie zu verstehen, was geschieht. Wir veröffentlichen hier eine gekürzte Fassung des Textes, der im Original in unserem Buch „Ideologiekritik – Gegen die akademische Entstellung des Marxismus“ veröffentlicht ist.</p>

<h3><strong>Verlangen nach „den Fakten“</strong></h3>

<p>Viele Menschen fühlen sich nur dann sicher, wenn sie sich auf die Fakten beziehen können. Doch die „Fakten“ wählen sich nicht von selbst aus. Es bedarf einer konkreten Methode, die uns hilft, über das unmittelbar Gegebene hinauszuschauen und die Prozesse, die über die „Fakten“ hinausgehen, bloßzulegen. Trotz gegenteiliger Behauptungen ist es unmöglich, ohne eine vorgefasste Meinung einfach die „Fakten“ als Ausgangspunkt zu nehmen. Eine solche vermeintliche Objektivität gibt es nicht.</p>

<p>In unserer Herangehensweise an die Fakten lassen wir unsere eigenen Vorstellungen und Kategorien einfließen. Diese können entweder bewusst oder unbewusst sein, spielen aber immer eine gewisse Rolle. Wer glaubt, ohne Philosophie auskommen zu können – und das trifft auf viele Wissenschaftler zu – wiederholt in der Regel unbewusst die gegenwärtig dominante „offizielle“ Philosophie und die vorherrschenden, gesellschaftlichen Vorurteile. Es ist daher unerlässlich, dass Wissenschaftler und bewusst denkende Menschen im Allgemeinen bestrebt sind, eine konsistente Sichtweise auf die Welt zu entwickeln, eine kohärente Philosophie, die als geeignetes Werkzeug zur Analyse von Dingen und Prozessen dienen kann.</p>

<p>Die Schlussfolgerungen aus der Sinneswahrnehmung sind hypothetisch und erfordern weitere Beweise. Durch Beobachtung über einen langen Zeitraum hinweg, kombiniert mit praktischer Tätigkeit, die es uns ermöglicht, die (Un-)Richtigkeit unserer Ideen zu überprüfen, können wir eine Reihe von wesentlichen Zusammenhängen zwischen Phänomenen entdecken. Gemeinsame Merkmale erlauben es uns, sie zu einer bestimmten Gattung oder Art zusammenzufassen.</p>

<p>Der Prozess der menschlichen Erkenntnis geht vom Besonderen zum Allgemeinen, aber auch vom Allgemeinen zum Besonderen. Es wäre daher falsch und einseitig, das Eine gegen das Andere zu stellen. Im dialektischen Materialismus sind die Methoden der Induktion und der Deduktion (das Schließen von Einzelbeobachtungen auf allgemein gültige Gesetze, und umgekehrt, Anm. d. Red.) nicht miteinander unvereinbar, sondern werden als verschiedene Aspekte des dialektischen Erkenntnisprozesses gesehen, die untrennbar miteinander verbunden sind und sich gegenseitig bedingen.</p>

<p>Induktives Denken ist in letzter Instanz die Grundlage allen Wissens, denn alles, was wir wissen, ergibt sich letztlich aus der Beobachtung der objektiven Welt und aus unserer Erfahrung. Bei näherer Betrachtung werden jedoch die Grenzen einer streng induktiven Methode deutlich. Unabhängig davon, wie viele Fakten untersucht werden, bedarf es nur einer einzigen Ausnahme, um die allgemeine Schlussfolgerung, die wir daraus gezogen haben, zu untergraben. Wenn wir tausend weiße Schwäne gesehen haben und daraus den Schluss ziehen, dass alle Schwäne weiß sind, und dann einen schwarzen Schwan sehen, dann ist unsere Schlussfolgerung nicht mehr gültig.</p>

<h3><strong>Dialektik statt Empirismus</strong></h3>

<p>Der Begriff „Dialektik“ stammt von dem griechischen Wort dialektike, abgeleitet von dialegomai, sich unterhalten oder diskutieren. Ursprünglich bedeutete es die Kunst der Diskussion, die in ihrer höchsten Form in den Sokratischen Dialogen Platons zu sehen ist.</p>

<p>Ausgehend von einer bestimmten Idee oder Meinung, die sich in der Regel aus den konkreten Erfahrungen und Problemen des Lebens der betroffenen Person ableitet, würde Sokrates Schritt für Schritt in einem rigorosen Argumentationsprozess die im ursprünglichen Vorschlag enthaltenen inneren Widersprüche aufdecken, seine Grenzen aufzeigen, die Diskussion auf eine höhere Ebene heben und so zu einem völlig anderen Vorschlag kommen. <br />Die Dialektik setzt eine dynamische Sicht der Natur voraus, die das menschliche Denken von der Starrheit der formalen Logik befreit. Der erste wirkliche Vertreter der Dialektik war der griechische Philosoph Heraklit (um 544–484 v. Chr.).</p>

<p>Im Anti-Dühring gibt Engels folgende Einschätzung über die dialektische Weltauffassung von Heraklit:</p>

<p><em>„Wenn wir die Natur oder die Menschengeschichte oder unsre eigne geistige Tätigkeit der denkenden Betrachtung unterwerfen, so bietet sich uns zunächst dar das Bild einer unendlichen Verschlingung von Zusammenhängen und Wechselwirkungen, in der nichts bleibt, was, wo und wie es war, sondern alles sich bewegt, sich verändert, wird und vergeht. Diese ursprüngliche, naive, aber der Sache nach richtige Anschauung von der Welt ist die der alten griechischen Philosophie und ist zuerst klar ausgesprochen von Heraklit: Alles ist und ist auch nicht, denn alles fließt, ist in steter Veränderung, in stetem Werden und Vergehn begriffen.“</em></p>

<p>In der „Dialektik der Natur“ schreibt Engels auch: </p>

<p><em>„Die Dialektik, die sog. objektive, herrscht in der ganzen Natur, und die sog. subjektive Dialektik, das dialektische Denken, ist nur Reflex der in der Natur sich überall geltend machenden Bewegung in Gegensätzen, die durch ihren fortwährenden Widerstreit und ihr schließliches Aufgehen ineinander, resp. in höhere Formen, eben das Leben der Natur bedingen.“</em></p>

<p>Es ist nicht möglich, die Dynamik der Welt, in der wir leben, ohne dialektisches Denken zu verstehen. Und schon gar nicht ist es möglich, ohne ein Verständnis der Dialektik ein bewusster Revolutionär oder eine bewusste Revolutionärin zu sein, die aktiv und bewusst in den historischen Prozess eingreifen möchten. </p>

<p>Das erste Gesetz des dialektischen Materialismus ist die absolute Objektivität der Betrachtung: nicht Beispiele, nicht Umschweife, sondern die Sache selbst. Die Grundlage all unseres Wissens ist natürlich die sinnliche Erfahrung. Ich erlebe die Welt mit meinen Sinnen und kann sie auf keine andere Weise erleben. Das ist die Essenz des Empirismus. </p>

<p>Aber: Die Möglichkeiten der sinnlichen Erkenntnis sind begrenzt. Die Erkenntnis von Phänomenen, die außerhalb der Reichweite der Empfindung liegen, ist nur durch abstraktes Denken, durch dialektisches Denken, möglich. Der Gegenstand des Denkens hat ein ihm innewohnendes Wesen, das Sein an sich. Der Zweck des Denkens ist es, dieses „Sein an sich“ in ein „Sein für uns“ zu verwandeln, d.h. von der Unwissenheit zur Erkenntnis voranzuschreiten.<br />Wir kommen der Wahrheit nicht näher, indem wir einfach eine Masse von Fakten zusammensammeln.</p>

<p>Die Kraft des Denkens liegt gerade in seiner Fähigkeit zur Abstraktion, seiner Fähigkeit, Besonderheiten auszuschließen und zu Verallgemeinerungen zu gelangen, die die wichtigsten und wesentlichsten Aspekte eines bestimmten Phänomens zum Ausdruck bringen. Der erste Schritt besteht lediglich darin, ein Gefühl für ein Ding als einzelnes Objekt zu bekommen. Dies erweist sich jedoch als unmöglich und zwingt uns, tiefer in die Materie einzutauchen, indem wir innere Widersprüche aufdecken, die den Impuls für Bewegung und Veränderung geben, in denen die Dinge sich in ihr Gegenteil verkehren. </p>

<p>Nur durch das Erkennen dieser widersprüchlichen Tendenzen kann ein betrachtetes Objekt in seiner wahren, dynamischen Realität erkannt werden.</p>

<p>Hegels Grundidee war es, dass Entwicklung durch Widersprüche erfolgt, weshalb man die Dialektik auch als Logik des Widerspruchs bezeichnen kann. Während die traditionelle (formale) Logik Widersprüche zu beseitigen versucht, akzeptiert die Dialektik sie als normale und notwendige Elemente allen Lebens und aller Natur. Giordano Bruno, der italienische Philosoph, Astronom und Mathematiker des 16. Jahrhunderts, dessen Theorien die moderne Wissenschaft antizipierten und der dafür von der Inquisition zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt wurde, gab uns eine entzückende Definition der Dialektik, als er sie als la divina arte degli opposti („die göttliche Kunst der Gegensätze“) bezeichnete.</p>

<h3><strong>Evolution und Revolution</strong></h3>

<p>In der Wissenschaft der Logik, insbesondere im Abschnitt über das Maß, erläutert Hegel seine Theorie der Knotenlinie der Entwicklung, in der eine Reihe kleiner, scheinbar unbedeutender Veränderungen schließlich einen kritischen Punkt erreichen, an dem es einen qualitativen Sprung gibt.</p>

<p>Insbesondere die Idee des Umschlags von Quantität in Qualität steht dabei im Mittelpunkt – eines der Grundgesetze der Dialektik.</p>

<p>Engels wies in seinem Anti-Dühring darauf hin, dass die Natur letztendlich dialektisch funktioniert. Die Fortschritte der Wissenschaft in den letzten hundert Jahren haben diese Behauptung vollauf bestätigt. Amerikanische Forscherinnen und Forscher stehen an der Spitze einiger der wichtigsten Entwicklungen in der modernen Wissenschaft. Ich denke insbesondere an die Arbeit von R.C. Lewontin im Feld der Genetik und vor allem an die Schriften des Evolutionsbiologen Stephen J. Gould.</p>

<p>Der genetische Unterschied zwischen Menschen und Schimpansen beträgt weniger als zwei Prozent, und wir teilen einen großen Teil unserer Gene mit Fruchtfliegen und noch primitiveren Organismen. Der letzte verzweifelte Gegenangriff der Kreationisten, die sich hinter dem Banner des „intelligenten Designs“ verstecken, wurde durch die bemerkenswerten Ergebnisse des Humangenomprojekts zerschmettert. Der zweiprozentige Unterschied, der uns von den anderen Primaten unterscheidet, ist jedoch ein qualitativer Sprung, der die Menschheit auf eine ganz andere und höhere Ebene hebt.</p>

<p>Geschichte und Natur kennen sowohl Phasen der Evolution – eine langsame, allmähliche Entwicklung – als auch solche der Revolution – einen qualitativen Sprung, bei dem der Prozess der Evolution enorm beschleunigt wird. Die Evolution bereitet den Weg für die Revolution, die wiederum den Weg für eine neue Periode der Evolution auf einer höheren Ebene bereitet.</p>

<p>Der amerikanische Physiker und Autor Mark Buchanan weist in seinem Buch „Ubiquity“ darauf hin, dass so unterschiedliche Phänomene wie Herzinfarkte, Lawinen, Waldbrände, Aufstieg und Niedergang von Tierpopulationen, Börsenkrisen, Verkehrsbewegungen und sogar Revolutionen in Kunst und Mode dem gleichen Grundprinzip unterliegen, das sich als mathematische Gleichung, bekannt als Potenzgesetz, ausdrücken lässt. Dies ist eine weitere bemerkenswerte Bestätigung des dialektischen Gesetzes des Umschlags von Quantität in Qualität.</p>

<h3><strong>Gesellschaft verstehen</strong></h3>

<p>Schon bei oberflächlicher Betrachtung der Geschichte sehen wir, dass die menschliche Gesellschaft eine Reihe von Phasen durchlaufen hat und dass sich gewisse Prozesse in regelmäßigen Abständen wiederholen. So wie wir in der Natur den Umschlag von Quantität in Qualität sehen, so sehen wir auch in der Geschichte, dass lange Perioden langsamer, fast unmerklicher Veränderung durch Perioden unterbrochen werden, in denen der Prozess beschleunigt wird, und es dann auch zu qualitativen Sprüngen kommt.</p>

<p>In der Natur können die langen Perioden langsamer Veränderung – Stasis – Millionen von Jahren dauern. Sie werden durch katastrophische Ereignisse unterbrochen, die unweigerlich mit dem Aussterben bisher dominanter Tierarten und dem Aufstieg anderer Arten einhergehen, die vorher unbedeutend waren, sich aber besser an die neuen Umstände anpassen können. In der menschlichen Gesellschaft spielen Kriege und Revolutionen eine so bedeutende Rolle, dass wir sie als Meilensteine betrachten, die eine historische Periode von einer anderen trennen.</p>

<p>Es waren Marx und Engels, die zu der Erkenntnis kamen, dass die wahre Triebkraft der Geschichte die Entwicklung der Produktivkräfte ist. Das bedeutet nicht, wie die Gegner des Marxismus oft behaupten, dass Marx alles auf die Ökonomie reduziert hat. Es gibt viele andere Faktoren, die in die Entwicklung der Gesellschaft einfließen: Religion, Moral, Philosophie, Politik, Patriotismus, Stammesbündnisse etc. All dies bildet ein komplexes Netz sozialer Beziehungen, die ein reichhaltiges und verwirrendes Mosaik an Phänomenen und Vorgängen bilden.</p>

<p>Auf den ersten Blick scheint es unmöglich, die gesellschaftlichen Prozesse in dieser Komplexität fassen zu können. Dasselbe könnte man von der Natur oder gar dem Universum sagen. Dies hindert die Wissenschaft aber nicht daran, die verschiedenen Elemente gesondert zu behandeln, sie zu analysieren und zu kategorisieren. Warum sollten die Menschen über der restlichen Natur stehen und die einzige Gattung im ganzen Universum darstellen, die von der Wissenschaft nicht verstanden werden kann? Die Vorstellung selbst ist absurd und ist lediglich Ausdruck des brennenden Wunsches der Menschen, eine Art besondere Schöpfung zu sein, völlig getrennt von allen anderen Tieren und mit einer besonderen Beziehung zum Rest des von Gott geschaffenen Universums. Doch die Wissenschaft hat diese egozentrischen Illusionen gnadenlos zerstört.</p>

<h3><strong>Widersprüche in der Gesellschaft</strong></h3>

<p>Die dialektischen Gesetze sind nicht auf die Natur beschränkt, sondern gelten auch im Bereich der menschlichen Gesellschaft, der Geschichte und der Ökonomie. Zu der Liste von Phasenübergängen, die in Büchern wie Ubiquity beschrieben werden, können wir auch Revolutionen hinzufügen, die Ausdruck des Kampfes zwischen den Klassen sind.</p>

<p>Im Kommunistischen Manifest erklären Marx und Engels, dass die Geschichte aller bisher existierenden Klassengesellschaften die Geschichte von Klassenkämpfen ist. Die Existenz von Klassengegensätzen droht die Gesellschaft auseinanderzureißen.</p>

<p><em>Doch</em>: So wie es im Atomkern Kräfte gibt, die verhindern, dass er auseinanderfliegt, so gibt es in der Gesellschaft eine ganze Reihe von Mechanismen, die einem ähnlichen Zweck dienen. Aber die bei weitem mächtigste von ihnen ist eine Kraft, die in Form von Tradition, Gewohnheit und Routine in den Köpfen der Menschen selbst wirkt und ein wichtiges Element der Trägheit in der Gesellschaft darstellt.</p>

<p>Die meisten Menschen mögen keine Veränderungen. Sie fürchten jede Störung der bestehenden Ordnung, die ihnen wie ein Sprung ins Unbekannte erscheint. Die meisten Menschen werden mit außergewöhnlicher Hartnäckigkeit an althergebrachten Ideen, Vorurteilen, religiösen Überzeugungen sowie den herkömmlichen politischen Parteien und Führungen festhalten. Keine andere Kraft wirkt so stark im Sinne der Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung. Aber wie alles andere in der Natur kann diese wirksame Trägheit die Dinge nur bis zu einem gewissen Grad zusammenhalten.</p>

<p>Unter der scheinbar ruhigen Oberfläche brodelt es. Unzufriedenheit, Wut, Verbitterung und Frustration ergeben ein explosives Gemisch, das danach strebt, einen Ausdruck zu finden. Früher oder später wird der Punkt erreicht sein, an dem Quantität in Qualität umschlägt.</p>

<p>Wir können den gleichen Prozess bei jedem Streik beobachten. In einem Arbeitskampf verändern sich auch die Menschen, die daran teilnehmen. Arbeiterinnen und Arbeiter, die in der Vergangenheit immer apathisch und passiv waren, werden plötzlich aktiv und überraschen nicht selten gerade diejenigen, die sich sonst gerne als die Fortschrittlichen sehen. In den Worten der Bibel gesprochen: „So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten.“ Dieser Satz ist eine äußerst dialektische Feststellung!</p>

<p>Die Widersprüche innerhalb der Gesellschaft – der Klassenkampf – bestehen in der einen oder anderen Form und mit mehr oder weniger starker Intensität fort, bis ein kritischer Punkt erreicht ist. An dieser Stelle treten bestimmte Symptome auf, die die Unmöglichkeit aufzeigen, wie bisher weiterzumachen: Die herrschende Klasse ist gespalten und kann nicht mehr auf die alte Weise regieren; die Massen treten in Aktion, um die bestehende Ordnung herauszufordern; die Mittelschichten schwanken zwischen Revolution und Reaktion. All diese Symptome deuten auf eine bevorstehende drastische Veränderung hin.</p>

<p>Der Umschlag von Quantität in Qualität erfolgt entweder durch einen externen Schock oder durch das Vorhandensein eines Katalysators. Wir sehen genau den gleichen Prozess in einer Revolution.</p>

<p>Aus marxistischer Sicht ist der Sozialismus unvermeidlich, und zwar in dem Sinne, dass der Kapitalismus sein Potenzial zur Entwicklung der Gesellschaft und zur Förderung der Kultur und der Zivilisation ausgeschöpft hat. Indem der Kapitalismus die Produktivkräfte auf das gegenwärtige Niveau gehoben hat, hat er die Basis für die nächste logische Stufe gelegt, nämlich die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, die Überwindung des Privateigentums und des Nationalstaates.</p>

<p>Dieser Prozess kann durch eine Reihe von Faktoren beschleunigt oder verzögert werden, nicht zuletzt durch den subjektiven Faktor. Es wird viele Möglichkeiten für die Arbeiterklasse geben, die Macht in ihre Hände zu nehmen. Doch das bloße Vorhandensein einer Möglichkeit bedeutet nicht unbedingt, dass das Potenzial realisiert wird. Das hängt vom konkreten Handeln der Menschen, ihrer Kampfbereitschaft und der Qualität ihrer Führung ab.</p>

<h3><strong>Philosophie und Revolution</strong></h3>

<p>Was die genetische Information für den menschlichen Körper, ist in der revolutionären Partei die marxistische Theorie. Die Partei, auch wenn sie klein ist, kann nur wachsen, wenn sie die notwendige Qualität aufweist. Wenn sie saubere Arbeit leistet und sich ihr die notwendigen Möglichkeiten bieten, wird sie wachsen und sich entwickeln. Qualität wird in Quantität umgewandelt, aber Quantität wiederum wird ab einem gewissen Punkt in eine neue Qualität umschlagen. Unter bestimmten Bedingungen kann eine Massenpartei zu einem Faktor werden, und ihr Handeln kann dann breite Massen beeinflussen. Dann wird sie in eine Position kommen, wo es darum geht, die Massen zum Sieg zu führen.</p>

<p>Die Geschichte der bolschewistischen Partei ist in dieser Hinsicht sehr aufschlussreich. Keine andere Partei in der Geschichte hat in so kurzer Zeit einen so großen Erfolg erzielt und die ursprünglich winzigen und isolierten Gruppen marxistischer Kader in eine Massenpartei verwandelt, die in der Lage war, die größte soziale Revolution der Geschichte durchzuführen.</p>

<p>Lenin und Trotzki haben der revolutionären Theorie immer eine enorme Bedeutung beigemessen und auf dieser Grundlage Perspektiven, Taktiken und Strategien ausgearbeitet. Diese ernsthafte Herangehensweise war letztendlich das Geheimnis ihres Erfolgs. Von Anfang an pochte Lenin auf die Schlüsselrolle, die Theorie einnimmt. Schon in „Was tun?“ schrieb Lenin:</p>

<p><em>„Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben. Dieser Gedanke kann nicht genügend betont werden in einer Zeit, in der die zur Mode gewordene Predigt des Opportunismus sich mit der Begeisterung für die engsten Formen der praktischen Tätigkeit paart.“</em></p>

<p>Die wesentliche Bedeutung der dialektischen Methode als wissenschaftliche Grundlage für jede revolutionäre Praxis hat Trotzki in seiner Autobiographie „Mein Leben“ auf brillante Weise erläutert:</p>

<p><em>„Später wurde das Gefühl der Überlegenheit des Ganzen über das Detail ein unzertrennliches Stück meines schriftstellerischen Schaffens und meiner politischen Betätigung. Der stumpfsinnige Empirismus, das Anbeten des mitunter nur eingebildeten oder falsch verstandenen Faktums waren mir verhaßt. Ich suchte für die Fakten Gesetze. […] Auf allen Gebieten ohne Ausnahme konnte ich mich nur dann frei bewegen und handeln, wenn ich den Faden des Ganzen in der Hand hielt. Der sozialrevolutionäre Radikalismus, der die geistige Achse meines ganzen Lebens werden sollte, ist gerade aus dieser intellektuellen Feindschaft zu der Brockenrafferei, zum Empirismus, zu allem geistig Umgeformten und theoretisch Zerfahrenen erwachsen.“</em></p>

<p>Dieser „stumpfsinnige Empirismus, das Anbeten des mitunter nur eingebildeten oder falsch verstandenen Faktums“ ist, wie Trotzki betont, die philosophische Grundlage des Reformismus, der sich durch die feige Unterordnung unter „die Fakten des Lebens“ auszeichnet und der Politik stets als „die Kunst des Möglichen“ konzipiert. Die ernsthafte Herausforderung der herrschenden Ordnung wird als unmöglich, als utopischer Traum oder als gefährliches Abenteurertum angesehen. Demgegenüber unternimmt der Marxismus eine wissenschaftliche Analyse des Status quo, die unter die Oberfläche der „Fakten“ eindringt, um die verborgenen Widersprüche aufzudecken, die schließlich dazu führen werden, dass sich das, was stabil, solide und unveränderlich erscheint, in sein Gegenteil verkehrt.</p>

<p>Marx und Engels sagten, dass die Menschheit vor zwei Alternativen stehe: Sozialismus oder Barbarei. Die Elemente der Barbarei sehen wir bereits, und zwar nicht nur in den sogenannten Entwicklungsländern, wo Millionen von Menschen gezwungen sind, unter alptraumhaften Bedingungen von Armut, Hunger, Krankheit und Krieg zu leben, sondern auch in den sogenannten hochentwickelten kapitalistischen Ländern.</p>

<p>Das Ziel der Marxistinnen und Marxisten ist die sozialistische Transformation der Gesellschaft – und das weltweit. Wir sind der Ansicht, dass sich der Kapitalismus längst überlebt hat und sich in ein repressives, ungerechtes und unmenschliches System verwandelt hat. Das Ende der Ausbeutung und die Errichtung einer harmonischen sozialistischen Weltordnung, die auf einem rationalen und demokratisch erarbeiteten Wirtschaftsplan beruht, wird der erste Schritt zur Schaffung einer neuen und höheren Gesellschaftsform sein, in der wir uns als wirklich freie Menschen verstehen.</p>

<p>Die Philosophie in der modernen Epoche muss der großen Aufgabe dienen, die Arbeit der sozialistischen Revolution zu erleichtern, falsche Ideen zu bekämpfen und die wichtigsten Erscheinungsformen unserer Zeit rational zu erklären und so den Boden für einen grundlegenden Wandel in der Gesellschaft aufzubereiten. Mit den berühmten Worten von Karl Marx:</p>

<p><strong><em>„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an sie zu verändern!“</em></strong></p>

<h3><strong>Leseliste</strong></h3>

<p><em>Um die marxistische Philosophie besser zu verstehen, empfehlen wir folgende Texte:</em></p>

<ul class="wp-block-list">
<li>Rote Reihe Nr. 41: Marxistische Philosophie</li>

<li>Friedrich Engels: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft</li>

<li>Friedrich Engels: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der Klassischen Deutschen Philosophie</li>

<li>Friedrich Engels: Anti-Dühring</li>

<li>Alan Woods: Geschichte der Philosophie</li>
</ul>
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