Zwei Jahrzehnte lang schien in Westdeutschland alles aufwärts zu gehen. 1966 war damit Schluss. Mit Beginn der wirtschaftlichen Rezession im Herbst endete der Nachkriegsboom: Produktionsrückgänge, Kurzarbeit, steigende Arbeitslosigkeit – der Mythos vom „Wirtschaftswunder“ bekam Risse.
Im Herbst 1966 kam es in der Montanindustrie zu einer Welle spontaner Streiks im Ruhrgebiet gegen Lohnstopp und Entlassungen, an der über 30.000 Bergarbeiter beteiligt waren. Auch die Verstaatlichung der Bergbaukonzerne wurde gefordert.
Die Stimmung kochte. Die Angst der herrschenden Klasse brachte ein damaliger CDU-Politiker auf den Punkt: „Wenn es an der Ruhr brennt, gibt es im Rhein bei Bonn [damalige Hauptstadt, Anm.] nicht genug Wasser, das Feuer zu löschen, auch wenn man die Donau hinzunimmt.“
Die reformistischen Führer von SPD und Gewerkschaften versuchten alles, um die Arbeiterklasse ruhig zu halten. Zu diesem Zweck wurde die SPD im November 1966 als Teil der Großen Koalition in die Regierung eingebunden. So verschwand jede parlamentarische Opposition.
Die Angst der Kapitalisten vor dem Klassenkampf war so groß, dass die GroKo die Notstandsgesetze vorbereitete – verfassungsrechtliche Eingriffe, die im „Krisenfall“ Grundrechte aushebeln und die Macht in den Händen der Exekutive bündeln sollten.
Jugendrevolte
Diese politische Blockade trug entscheidend dazu bei, dass sich 1967 eine neue Generation von Schülern, Lehrlingen und Studenten radikalisierte. Sie bildeten die Außerparlamentarische Opposition (APO) – ein Sammelbecken gegen Krieg, Autoritarismus und Staat.
Ihre politischen Ideen waren eine diffuse Mischung aus Bruchstücken des Marxismus, aber vor allem des Anti-Autoritarismus und Anarchismus, der Psychoanalyse und der sexuellen Freizügigkeit. Sie drückten die Wut der Jugend gegen das herrschende System aus. Aber im Gegensatz zum Marxismus boten sie kein wissenschaftliches Verständnis des Klassenkampfes.
In Bremen nahm diese Stimmung konkrete Gestalt im Unabhängigen Schülerbund (USB) an. Eine Handvoll Schüler begann, Flugblätter zu schreiben, Versammlungen und Aktionen zu koordinieren – ohne Programm, aber mit Entschlossenheit. Der USB war kein Produkt bewusster Strategie, sondern ein spontanes Kind seiner Zeit.
Schüler und Arbeiter bezwingen Senat
Im Dezember 1967 kündigte die Bremer Straßenbahn AG (BSAG) eine Fahrpreiserhöhung um 15% an. Am 15. Januar 1968, dem Tag des Inkrafttretens, setzten sich rund 15 USB-Schüler spontan auf die Schienen an der Domsheide. Am nächsten Tag wurden daraus 1.500, am dritten 3.000 – die Innenstadt kam zum Erliegen. Die Polizei reagierte mit Wasserwerfern und Knüppeln, was die Bewegung nicht stoppen konnte.
Die qualitative Wendung kam, als Arbeiter öffentlich Partei ergriffen. Der Betriebsrat der AG „Weser“ solidarisierte sich, ebenso die Vulkan-Werft; beim Stahlwerk Klöckner trug der Betriebsrat Bonno Schütter die Forderungen der Schüler in den Betrieb. Schütter, geprägt von der KPD (O), einer oppositionellen Strömung in der KPD der späten 1920er, verknüpfte den Schüleraufbruch mit dem Kampf der Belegschaft.
Binnen fünf Tagen demonstrierten 20.000, darunter 6.000 Stahlarbeiter. Der kampfbereiten Arbeiterklasse konnte der Senat und die reformistische Gewerkschaftsführung nichts entgegensetzen. Der damalige DGB-Vorsitzende Richard Boljahn (SPD), der kurz zuvor noch gefordert hatte, die Schüler von der Straße zu prügeln, alarmierte panisch Bürgermeister Hans Koschnik (SPD): „Ihr müsst das zurücknehmen, Klöckner, der Vulkan und die AG-Weser marschieren.“
Am 22. Januar konnte so der USB-Sprecher Hermann Rademann Bürgermeister Koschnick vor rund 10.000 Menschen zwei konkrete Forderungen diktieren: 1. Rücknahme der Fahrpreiserhöhung 2. Absetzung des Polizeipräsidenten.
Der Senat bezuschusste die BSAG schließlich mit 650.000 D-Mark – rund 1,5 Millionen Euro in heutiger Kaufkraft – die Preiserhöhung wurde vollständig zurückgenommen. Die Bewegung in Bremen wurde zum Vorbild für ähnliche Proteste in vielen Städten.
Die Grenzen der Spontanität
Die Schüler im USB hatten keinen besonderen Plan. Sie dachten am Anfang selbst nicht, dass ihre Protestaktion etwas bringen würde. Dass der USB dennoch in kürzester Zeit eine Massenbewegung anführen und die ganze Stadt lahmlegen konnte, lag an der stark angespannten gesellschaftlichen Stimmung.
Gerade als die Stimmung ihren Höhepunkt erreichte und sich in Hamburg, Hannover, Kiel und im Ruhrgebiet ähnliche Aktionen vorbereiteten, wurde der Kampf jedoch politisch ausgebremst. Bildungssenatorin Annemarie Mevissen (SPD) lud die Wortführer des USB und andere Jugendvertreter zu Gesprächen ins Rathaus ein. Dabei bemerkte sie schnell die Unerfahrenheit der Schüler und ihre Angst vor einer weiteren Eskalation mit der Polizei und schöpfte Mut, wie sie in ihren Erinnerungen berichtet.
Danach sprach Mevissen auf der Kundgebung von Dialog und Verständnis – und besänftigte die Demonstranten. Die Bewegung hatte einen Erfolg erzielt. Aber es gelang den jugendlichen Aktivisten nicht, die Bewegung zu verstetigen und auf andere gesellschaftliche Probleme auszudehnen.
Dass Potential vorhanden war, zeigten die Septemberstreiks 1969: Bei Hoesch in Dortmund, Klöckner in Bremen und über 140 weiteren Betrieben legten Zehntausende in einem wilden Streik die Arbeit nieder.
Die Streikenden organisierten eigene Komitees, Versammlungen und Wachen. In Bremen spielte erneut Bonno Schütter eine Schlüsselrolle. Die IG Metall-Spitze und die SPD-Führung zogen jedoch bald die Kontrolle wieder an sich, isolierten die Streiks voneinander und lenkten sie in unbefriedigende Tarifabschlüsse zurück.
So verebbte selbst die mächtigste Bewegung. Ein Jahr später kehrte Ruhe ein. Anfang der 1970er Jahre begann die Rationalisierungsoffensive, die Reallöhne stagnierten, und 1976/77 konnte die BSAG erneut Fahrpreiserhöhungen durchsetzen – diesmal ohne nennenswerten Widerstand. Zwar besetzten wieder einige Schüler die Straßenbahnschienen, aber diesmal folgten ihnen die Massen nicht.
Die Bewegung hatte Ende der 1960er ihre Kraft gezeigt, aber ohne revolutionäre politische Führung blieb sie eine Episode ohne nachhaltigen Effekt.
Ein deutscher Mai 68 war möglich
Die objektiven Voraussetzungen für einen deutschen Mai 68 wie beim Generalstreik in Frankreich lagen auf der Hand: Die Arbeiterklasse stellte ihre enorme Kampfbereitschaft in zahlreichen militanten Streiks ab 1966 bis in die 1970er Jahre hinein unter Beweis. Die reformistischen Führer von SPD und DGB wirkten als Bremse.
Aber es gab eine rebellische Jugend, die sich in den Straßen, Schulen und Universitäten politisierte. Die Bremer Straßenbahnproteste haben gezeigt, wie eine kämpferische Jugendbewegung die Arbeiterklasse zumindest zeitweilig aus dem Bann ihrer reformistischen Führer hinein in den Kampf reißen kann. Und sie haben gezeigt, welche Macht dabei freigesetzt wird.
Einige Dutzend gut ausgebildete kommunistische Kader hätten – im Gegensatz zum USB – die Verbindung zwischen Jugend und Arbeiterklasse ausweiten, die Bewegung koordinieren und auf ein nationales Niveau heben können. Doch entscheidend wäre gewesen, dass solche Kader nicht nur in Bremen, sondern auch in anderen Städten existieren – als Teile einer gemeinsamen, revolutionären kommunistischen Partei. Nur eine national organisierte Kraft hätte die lokalen Kämpfe zusammenführen, gemeinsame Losungen formulieren und der Bewegung eine klare Perspektive geben können. Der Kapitalismus hätte dann in der Luft gehangen und die Arbeiterklasse hätte die Macht übernehmen können.
Heute kehren dieselben Fragen zurück. Die Wut der Massen gegen Kürzungen und Kriege steigt. Die Reformisten in SPD, DGB und LINKE geben sich alle Mühe, die Massen ruhig zu halten. Aber eine neue Generation Jugendlicher radikalisiert sich und sucht nach Möglichkeiten zu kämpfen.
Die Lehre bleibt dieselbe: Nur der bewusste Aufbau einer revolutionären kommunistischen Partei, die die Energie der Jugend mit der Macht der Arbeiterklasse verbindet, kann den Kampf aus der Defensive reißen – und dem kapitalistischen System ein Ende setzen.
