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	<title>Trotzki Archives -</title>
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		<title>Lesebegleiter &#8211; Leo Trotzki: Das Übergangsprogramm</title>
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		<dc:creator><![CDATA[RKI]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 26 Sep 2025 12:06:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Lesebegleiter]]></category>
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		<category><![CDATA[Übergangsprogramm]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Anmerkung: Wir empfehlen die Ausgabe des Übergangsprogramms im Arbeiterpresse Verlag (aka Mehring Verlag) in der Reihe „Trotzki-Bibliothek“, da sie neben dem Übergangsprogramm auch eine ganze Reihe weiterer Texte und Diskussionen [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><em>Anmerkung: Wir empfehlen die Ausgabe des Übergangsprogramms im Arbeiterpresse Verlag (aka Mehring Verlag) in der Reihe „Trotzki-Bibliothek“, da sie neben dem Übergangsprogramm auch eine ganze Reihe weiterer Texte und Diskussionen Trotzkis zum Übergangsprogramm enthält, die sehr lehrreich sind! (Das Vorwort ist jedoch mit Vorsicht zu genießen, da es von den </em><a href="https://marxist.com/the-degeneration-and-collapse-of-the-fourth-international.htm"><em>Healyites </em></a><em>geschrieben wurde!) ISBN: 3-88634-041-4</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Übergangsprogramm von Leo Trotzki (eigentlich „Der Todeskampf des Kapitalismus und die Aufgaben der Vierten Internationale“) gehört zu den Klassikern marxistischer Theorie und sollte von jedem Kommunisten studiert werden.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzki schrieb diesen Text 1938 als Gründungsdokument der Vierten Internationale. Aber die Übergangsmethode, die er darin entwickelt, ist keineswegs seine Erfindung, sondern gehörte schon immer zum Marxismus. Lenin wandte sie z.B. an in <a href="https://www.marxists.info/deutsch/archiv/lenin/1917/09/katastrophe.html">„Die drohende Katastrophe und wie man sie bekämpfen soll“</a> (1917). Und Trotzki erklärte, dass das Übergangsprogramm eigentlich nur eine Aktualisierung des <a href="https://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1848/manifest/4-stelkomm.htm">IV. Kapitels des „Kommunistischen Manifests“ </a>(1848) von Marx und Engels sei.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kern der Übergangsmethode ist, eine Brücke zu schlagen zwischen dem fertigen kommunistischen Programm einerseits und dem konkreten, aktuellen, unfertigen, sich entwickelnden Bewusstsein der Arbeiterklasse andererseits.&nbsp;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Charakter der Epoche</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzki erklärte einmal, dass ein Programm mehr ist als eine Liste an Forderungen: Es ist ein gemeinsames Verständnis der Situation und der Aufgaben, die daraus fließen. Deswegen beginnt Trotzkis Übergangsprogramm mit einer prägnanten Charakterisierung der Epoche, in der es geschrieben wurde.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kapitalismus befand sich in den 1930ern in einer organischen Krise. D.h. es handelte sich nicht um eine vorübergehende, konjunkturelle Krise, sondern um eine Krise des ganzen Systems. Der Kapitalismus als Produktionsweise war völlig unfähig geworden, die Produktivkräfte und damit die Gesellschaft, weiterzuentwickeln. Die Wirtschaftskrise, fallender Lebensstandard, Arbeitslosigkeit und Kriegsgefahr machten sich breit. Auf Grundlage des Kapitalismus konnte keines dieser Probleme mehr gelöst werden. Nur ein Bruch mit dem Privateigentum an den Produktionsmitteln und die sozialistische Planung der Wirtschaft hätten einen Weg vorwärts weisen können.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Deshalb hatten auch die Bourgeoisie und ihre Politiker überhaupt keinen Ausweg aus der Situation. Sie versuchten verzweifelt verschiedene abenteuerliche politische Maßnahmen wie den „New Deal“ von US-Präsident Roosevelt. Das war ein Versuch, die Probleme des Kapitalismus durch eine massive Ausweitung der Verschuldung zu lösen, was jedoch nicht funktionierte. In Europa wurden immer mehr bürgerliche Demokratien zu faschistischen Diktaturen. Es handelte sich also nicht nur um eine Wirtschaftskrise, sondern um eine allgemeine gesellschaftliche Krise, die alle Säulen der kapitalistischen Ordnung in Mitleidenschaft zog.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzki erklärte, dass das ein Zeichen dafür war, dass die Bedingungen für den Sozialismus längst reif waren. Sie waren sogar überreif und begannen schon zu „verfaulen“, wie er sagte.&nbsp;&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da die Bourgeoisie unfähig war die Gesellschaft aus dieser Sackgasse zu führen, hing alles von der Arbeiterklasse ab. Ihre objektive Aufgabe war die Macht zu übernehmen, den Kapitalismus zu stürzen und den Sozialismus einzuführen!&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und die Arbeiterklasse hatte auf der ganzen Welt gezeigt, dass sie bereit war zu kämpfen! Angefangen mit der internationalen revolutionären Welle ab 1917/18. Später mit der chinesischen Revolution 1927-29, der spanischen 1931-39, der Massenbewegung in Frankreich um 1936 und dem Erblühen einer sehr kämpferischen Gewerkschaftsbewegung in den USA, die 1935 zur Gründung der Gewerkschaftsföderation CIO führte.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber die Führer der sozialdemokratischen und stalinistischen Massenorganisationen der Arbeiterklasse (II. und III. Internationale) bremsten diese Bewegung der Arbeiter voll aus. Beide hatten auf ihre Weise ein Bündnis mit der Bourgeoisie geschlossen und führten revolutionäre Bewegungen in Niederlagen. Trotzki erklärte daher: „Die geschichtliche Krise der Menschheit läuft auf eine Krise der revolutionären Führung hinaus.“ Deswegen gründete Trotzki 1938 die IV. Internationale.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Aufgabe der Vierten Internationale bestand darin, wie Trotzki erklärte, die Lücke zwischen der Reife der objektiven Situation einerseits und der Unreife des Proletariats und besonders seiner Führung zu schließen. Und zwar mit Hilfe des Übergangsprogramms.&nbsp;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Übergangsforderungen und Übergangsmethode</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzki erklärte, dass die alte Sozialdemokratie vor dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) ihr Programm in zwei voneinander getrennte Teile aufspaltete: Das Minimalprogramm mit konkreten, unmittelbaren Verbesserungen im Kapitalismus (z.B. Lohnerhöhungen) und dem Maximalprogramm, die Einführung des Sozialismus. Zwischen beiden Teilen des Programms bestand keine Brücke.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese dualistische Aufteilung des Programms ist schon allein aus philosophischer Sicht unmarxistisch. Statt eine dialektische Verbindung vom Klassenkampf der Arbeiter unter dem Kapitalismus hin zur sozialistischen Revolution zu schlagen, ist beides wie durch eine unüberwindbare Mauer voneinander getrennt: Einerseits der empirische Klassenkampf um Reformen im Hier und Jetzt, andererseits Revolution und Sozialismus im fernen Himmelreich der Ideen. So wurde die sozialistische Revolution auf den Sankt-Nimmerleinstag verschoben.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber während des historischen Wirtschaftsaufschwungs des Kapitalismus (in Deutschland etwa von 1871-1900) konnten einige Reformen aus dem Minimalprogramm erkämpft werden. Denn die Profite sprudelten und so konnten die Kapitalisten den Arbeitern ein paar Brotkrumen abgeben.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber in der neuen Epoche der organischen Krise des Kapitalismus, die auf den Ersten Weltkrieg folgte, war das nicht mehr in diesem Maße möglich. Denn auch die Profite der Kapitalisten sanken. Trotzki erklärte daher, dass in der Epoche des faulenden Kapitalismus jeder Kampf der Arbeiter um Reformen und Verbesserungen schnell an die Grenzen des kapitalistischen Systems stößt und sie sprengen muss, um durchgesetzt zu werden. Diese Grenzen des kapitalistischen Systems sind das Privateigentum an Produktionsmitteln und der Nationalstaat. Der Kampf des Proletariats um die Erhaltung seines Lebensstandards ist daher zum direkten Kampf gegen den Kapitalismus geworden.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Daher sind Übergangsforderungen solche Forderungen, die an den alltäglichen Kämpfen der Arbeiter gegen ihre drängendsten Probleme anknüpfen und von da ausgehend zur Aufgabe der Machtergreifung durch das Proletariat führen. Sie verbinden den Kampf um konkrete Verbesserungen mit der sozialistischen Revolution.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Übergangsforderungen verbinden die objektiven Aufgaben der Arbeiterklasse, die sich aus der Situation ergeben (Bildung von Räten, Kontrolle und Leitung der Wirtschaft, Bewaffnung und Selbstverteidigung des Proletariats und schließlich die Übernahme der Macht) mit dem aktuellen, unfertigen Bewusstsein der Massen. Das Bewusstsein der breiten Schichten der Arbeiterklasse ist oft eine Mischung aus gesunden Klasseninstinkten einerseits und Illusionen in die Reformisten, die bürgerliche Demokratie oder den Kapitalismus andererseits. Übergangsforderungen zeigen den Arbeitern ihre objektiven Aufgaben in einer Weise, die für sie nachvollziehbar ist und ihnen hilft, mit der Zeit ihre Illusionen zu überwinden.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dafür nur ein Beispiel: In den 1930ern begann sich die Gefahr eines neuen Krieges abzuzeichnen. Die Regierungen rüsteten auf. Die Bourgeoisie in Großbritannien, Frankreich und den USA begründete das mit der Gefahr einer Invasion Nazi-Deutschlands. So sollte die Arbeiterklasse im kommenden Krieg auf diese Seite ihrer nationalen Bourgeoisie gezogen werden. Trotzki erklärte, dass die „Verteidigung des Vaterlands“ für die Arbeiter und Kleinbauern etwas völlig anderes heißt als für die Kapitalisten. Die Kapitalisten verstehen darunter die Verteidigung ihrer Profite in fernen Ländern, die Arbeiter und Kleinbauern verstehen darunter die Verteidigung ihrer Familie und ihres Zuhauses. Ein Sieg der Nazis hätte die Zerschlagung der britischen oder amerikanischen Arbeiterbewegung bedeutet. Der Wille, aus proletarischen Klasseninteressen gegen den Faschismus zu kämpfen, ist das progressive Element in diesem Bewusstsein. Die Idee, man müsse dazu zusammen mit den Kapitalisten das Vaterland verteidigen, das reaktionäre.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In dieser Situation zu den Arbeitern zu sagen „Der Hauptfeind steht im eigenen Land! Die Niederlage der eigenen Bourgeoisie ist das geringere Übel! Brecht mit eurer Regierung und sabotiert die Kriegsanstrengungen! Stürzt sie lieber und übernehmt die Macht!“ wäre falsch, denn die Arbeiter würden das nicht verstehen. Sollen sie sich von Hitlers Horden überrennen lassen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen stellte Trotzki die Frage anders: Auch wir sehen ein, dass die amerikanischen Arbeiter sich gegen Nazi-Deutschland verteidigen müssen. Aber können wir wirklich den Kapitalisten und der bürgerlichen Regierung der USA vertrauen, diesen Abwehrkampf im Interesse der Arbeiter erfolgreich und konsequent zu führen? Nein! Deswegen fordern wir die militärische Ausbildung und Bewaffnung der Arbeiter und Bauern unter unmittelbarer Kontrolle der Arbeiter- und Bauernräte! Schaffung von Militärschulen für die Ausbildung von Arbeitern zu Offizieren unter der Kontrolle der Arbeiterorganisationen etc. Sturz der bürgerlichen Regierung, da eine Arbeiterregierung diesen Krieg besser führen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch so kommen die Arbeiter zum Schluss: Wir müssen die Macht selber übernehmen und unsere imperialistische Regierung stürzen, statt für ihre imperialistischen Interessen zu kämpfen. Und zwar weil die Frage auf eine Weise gestellt ist, die für sie nachvollziehbar ist.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Indem die Arbeiter in der Praxis für Übergangsforderungen kämpfen, machen sie Erfahrungen, aus denen sie gewisse Lehren ziehen. Z.B. hatten nach der Februarrevolution 1917 in Russland die reformistischen Menschewiki und Sozialrevolutionäre die Mehrheit in den Arbeiterräten (Sowjets). Die reformistische Mehrheit in den Sowjets stützte die kapitalistische Übergangsregierung. Die Massen vertrauten ihnen noch, denn sie hatten noch nicht den Unterschied zwischen reformistischen „Sozialisten“ und revolutionären Sozialisten begriffen. Die Bolschewiki hätten einfach sagen können: „Arbeiter traut nicht diesen Verrätern!“ Aber das hätte die Massen nicht überzeugt. Denn sie mussten erst in der Praxis für sich selbst lernen, dass die Reformisten Verräter sind. Deswegen sagten die Bolschewiki: „Menschewiki und Sozialrevolutionäre, ihr habt die Mehrheit in den Sowjets und ihr nennt euch Sozialisten. Wir fordern euch auf: Brecht mit den Kapitalisten und ihrer Regierung und übernehmt die Macht im Namen der Arbeiterklasse! In diesem Falle beschränken wir uns auf eine friedliche Diskussion in den Sowjets.“ Diese Forderung fand Unterstützung bei den breiten Massen, die zwar die Kapitalisten hassten, aber noch Illusionen in die Menschewiki und Sozialrevolutionäre hatten und sie begannen, diese Forderung aufzugreifen. In den nächsten Monaten machten die russischen Massen in der Praxis die Erfahrung, dass die Reformisten unter keinen Umständen bereit waren, mit den Kapitalisten zu brechen. Und ab September begannen die Bolschewiki in immer mehr Sowjets Mehrheiten zu gewinnen. So wurde der Weg für die Oktoberrevolution bereitet. Trotzki griff diese Erfahrung im Abschnitt zur „Arbeiter- und Bauernregierung“ auf.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Hauptzweck von Übergangsforderungen ist also, das Bewusstsein der Arbeiterklasse zu heben. Kommunisten stellen Übergangsforderungen vor allem deswegen auf und treten vor allem deswegen für sie ein, weil sie den Arbeitern helfen, im Kampf die richtigen Schlüsse zu ziehen. Das ist ihr primärer Zweck!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Übergangsforderungen zeigen an konkreten Beispielen, in konkreten Situationen, die Notwendigkeit auf, dass die Arbeiterklasse über immer mehr Bereiche der Gesellschaft die selbst Kontrolle übernimmt. Die logische Folge davon ist die Machtübernahme durch das Proletariat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und Übergangsforderungen zeigen zugleich immer wieder, dass die Arbeiter selbst dafür aktiv werden müssen und sich nur auf ihre eigene Kraft verlassen können. Sie sind dazu geeignet, Spaltungslinien innerhalb der Arbeiterklasse zu überwinden und die Arbeiterklasse zu mobilisieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Übergangsprogramm stellte Trotzki eine ganze Reihe an konkreten Übergangsforderungen auf. Viele davon sind auch heute noch relevant, z.B. die Forderung nach der gleitenden Lohnskala und die gleitende Skala der Arbeitszeit. Aber was Kommunisten beim Lesen des Textes vor allem mitnehmen sollten, ist die Methode, die dahinter steht! Es sollte nicht darum gehen, Trotzkis Übergangsforderungen auswendig zu lernen und sie bei jeder Gelegenheit, bei jedem Streik, in jeder Situation einfach zu übernehmen. Wenn wir hingegen die dahinter liegende Methode verstehen, können wir heutige Situationen konkret analysieren und selber dafür passende Übergangsforderungen aufstellen. In Lesekreisen sollten wir darüber diskutieren, was heute passende Übergangsforderungen für verschiedene Probleme und Bewegungen wären.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Denn welche Forderung aufgestellt werden sollte, hängt immer von der konkreten Situation ab. Ein und dieselbe Forderung kann an einem Zeitpunkt richtig und fortschrittlich sein, zu einem anderen Zeitpunkt falsch und reaktionär. Letzteres, weil sie entweder den Ereignissen vorweggreift (z.B. in der jetzigen Situation sofort den Aufbau von bewaffneten Arbeitermilizen durch den DGB zu fordern) oder weil sie der Situation hinterher hinkt (immer noch die Öffnung der Geschäftsbücher zu fordern, während es längst Zeit ist, die Kapitalisten zu enteignen). Eine Forderung ist dann richtig, wenn sie hilft, das Bewusstsein der Arbeiter auf die nächste notwendige Stufe zu heben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gegen Ende der Broschüre stellte Trotzki noch einige grundlegende Prinzipien und Regeln für die Vierte Internationale auf, die heute für uns noch genau so gelten: etwa die Abgrenzung zum Sektierertum, das Bekenntnis zum Demokratischen Zentralismus und die Orientierung auf die Jugend.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Situation heute</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Durch einige besondere historische Umstände kam es nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem tiefen wirtschaftlichen Aufschwung des Kapitalismus, etwa von Anfang der 1950er bis Anfang der 1970er Jahre. In dieser Zeit konnten wieder gewisse Reformen erkämpft werden, denn die Profite sprudelten. Doch die inneren Widersprüche des Kapitalismus brachten ab Mitte der 1970er Jahre wieder eine tiefe Krise hervor. Nur der Fall der Sowjetunion und die Öffnung Chinas verschafften dem Kapitalismus eine gewisse Atempause, da dem weltweiten Kapitalismus nun neue Absatzmärkte und Investitionsmöglichkeiten zur Verfügung standen. Doch diese Atempause endete 2008 mit der weltweiten Finanzkrise. Seitdem ist die organische Krise des Kapitalismus auf der ganzen Welt wieder offen zu Tage getreten. Aus ihr gibt es im Kapitalismus ohne weiteres keinen Ausweg.&nbsp;&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie ist wieder eine Krise der gesamten kapitalistischen Gesellschaft. Ab den 1980er Jahren gab es statt sozialer Reformen nur Kürzungs- und Austeritätspolitik. Die reformistischen Massenorganisationen können kaum noch Reformen erkämpfen und setzen im Gegenteil Angriffe auf den Lebensstandard der Massen mit um. Wir sehen heute einen Reformismus ohne Reformen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kapitalismus kann auch heute keines der großen gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit lösen: Klimawandel, Krieg, Deindustrialisierung, Armut, Wohnungsproblem, Gleichberechtigung der Geschlechter etc. Die Lösung all dieser Probleme scheitert am grundlegenden Widerspruch des Kapitalismus: am Profitstreben. Wir haben genügend Industrie und Technologie, um all diese Probleme zu lösen. Nur das Privateigentum an Produktionsmitteln und die Nationalstaaten hindern uns daran, sie einzusetzen. Der <a href="https://derkommunist.de/thesen-der-imt-zur-klimakrise/">Klimawandel </a>ist ein gutes Beispiel dafür.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch heute führt jeder Versuch der Massen, gegen diese ihr Leben unmittelbar betreffenden Probleme zu kämpfen, direkt an die Grenze des kapitalistischen Systems und zur Notwendigkeit der Machtübernahme durch die Arbeiterklasse. Wie soll beispielsweise der Klimawandel anders gestoppt werden als durch eine internationale Planwirtschaft?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Arbeiterklasse beginnt sich bereits zu radikalisieren und will gegen diese unmittelbaren Probleme kämpfen. Das Vertrauen in bürgerliche Institutionen wie Parteien, Parlamente, Mainstream Medien oder die Kirchen sinkt. Die Welle der Kürzungspolitik nach der Krise von 2008 brachte gewaltige Massenbewegungen hervor: In Griechenland allein fanden 10 Generalstreiks statt. Millionen Arbeiter unterstützten linksreformistische Führer und Parteien, die eine Zeit lang eine kämpferische Rhetorik an den Tag legten, und gingen für sie auf die Straße: Corbyn als Führer der Labour Party in Großbritannien, Mélenchon von France Insoumise in Frankreich, Tsipras als Vorsitzender von SYRIZA in Griechenland, Iglesias als Chef von Podemos in Spanien und Bernie Sanders in den USA. Selbst DIE LINKE in Deutschland erfuhr in den 2010ern einen gewissen Aufschwung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch in den imperialistisch unterdrückten Ländern standen die Massen auf und bewiesen ihre Kampfbereitschaft, z.B. im arabischen Frühling ab 2011. Dort stürzten die ägyptischen Massen mehrere Präsidenten hintereinander.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Allein im Jahr 2019 kam zu potentiell revolutionären Massenbewegungen in Hong Kong, dem Libanon, dem Sudan, Chile, Ecuador, Kolumbien und in Frankreich marschierten die Gelbwesten. Nach der Pandemie setzte sich diese Bewegung fort mit den Massenprotesten in Kenia, Bangladesch, Sri Lanka, Indonesien, Nepal und anderen Ländern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch all diese Bewegungen wurden letztlich von ihrer politischen Führung in Niederlagen geführt. Die Bewegungen in den unterdrückten Ländern wurden oft von Liberalen und Demokraten angeführt, die den Kapitalismus nicht antasteten. Und die linksreformistischen Führer in Europa und Nordamerika standen ebenfalls fest auf dem Boden des Kapitalismus. Tsipras in Griechenland hätte mit dem Kapitalismus brechen können, als 2016 61% der Bevölkerung in einem Volksbegehren gegen die von der EU diktierten Sparmaßnahmen stimmten und er gleichzeitig Premierminister war. Er hätte die Banken und Großkonzerne enteignen können und die Massen mobilisieren können, um die Gegenwehr der Kapitalisten zurückzuschlagen. Das wäre ein Beispiel für die Massen in ganz Europa gewesen. Doch der politische Horizont der Reformisten reicht nicht über den Kapitalismus hinaus. Und so mussten sie verraten und die Sparmaßnahmen umsetzen. Darauf folgte eine Periode von 10 Jahren, in denen Frustration und Pessimismus unter der Arbeiterklasse vorherrschte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Verrat der Linksreformisten führte auch zur Stärkung der rechten Demagogen, weil sie nun scheinbar als einzige radikale Opposition zu den etablierten Parteien übrig blieben. Das zeigt der Erfolg Trumps in den USA, nachdem Bernie Sanders 2016 dazu aufgerufen hatte, die Kandidaten des Großkapitals, Hillary Clinton, zu unterstützen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzkis Worte von 1938 waren noch nie so aktuell wie heute: „Die historische Krise der Menschheit läuft hinaus auf die Krise der revolutionären Führung des Proletariats.“ Deswegen bauen wir die RKI auf, als eine Kraft, die in der Zukunft die reformistischen Führer an der Spitze der Arbeiterbewegung durch echte Revolutionäre ersetzen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch heute stützen wir uns vor allem auf die Jugend! Die ältere Generation des Proletariats hat in den letzten 50 Jahren viele Niederlagen miterlebt. Viele sind zwar sehr wütend auf die bestehenden Zustände, viele sind aber auf eine gewisse Art resigniert. Vor allem halten die reformistischen Führer der DGB-Gewerkschaften und der SPD sie passiv. Die Führer dieser Organisationen haben die Arbeiterklasse in den letzten 40 Jahren in eine kampflose Niederlage nach der anderen geführt: Zerstörung der DDR-Volkswirtschaft durch die Treuhand nach der Wende, Schröders Agenda 2010, Deindustrialisierung im Ruhrgebiet, Aufbau eines gigantischen Niedriglohnsektors etc. Damit haben sie viele demoralisiert und das Vertrauen der Arbeiterklasse in ihre eigene Kraft untergraben.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die heutige Jugend hingegen hat diese Niederlagen nicht miterlebt. Sie kennt seit sie denken kann nichts als die Krise! Sie gruseln sich mehr vor dem realexistierenden Kapitalismus mit all seinen alltäglichen Schrecken als vor den Gruselmärchen vom Kommunismus. Im Gegenteil: Ein wachsender Teil sucht nach den Ideen des Kommunismus! Noch mehr wollen endlich für Palästina, gegen den Klimawandel, gegen Kriege und die Herrschaft der Milliardäre kämpfen! Sie suchen nach einem Weg wie das geht. Diesen Weg können ihnen Übergangsforderungen aufzeigen. Sie können erklären, warum diese Kämpfe für Reformen nur als Teil des revolutionären Kampfes gegen den Kapitalismus geführt werden können und warum es dafür die RKP braucht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus historischen Gründen blieben die wahren Marxisten nach dem Zweiten Weltkrieg eine kleine, isolierte Strömung, die gegen den Strom schwamm. Heute beginnt sich das Blatt zu wenden. Stalinistische Massenparteien gibt es kaum noch und der Reformismus diskreditiert sich immer mehr, weil er in der kapitalistischen Krise keine Reformen erkämpfen kann. Die erste und wichtigste Aufgabe der revolutionären Kommunisten heute ist die Bewahrung und das Studium der unverfälschten Ideen des Marxismus und seiner Methode. Aber um die Avantgarde der Jugend und der Arbeiterklasse zu gewinnen, die danach die Massen gewinnen werden, braucht sie auch heute die Übergangsmethode und Übergangsforderungen!</p>



<h3 class="wp-block-heading">Beispiele für Übergangsforderungen heute</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wir hängen einige Beispiele für die aktuelle Übergangsforderungen an, die auch genutzt werden können, um sie in Lesekreisen und OGs zu diskutieren: Welche Übergangsforderungen sind die richtige in dieser konkreten Situation? Warum? Wie knüpfen sie am Bewusstsein an? Müssen wir sie für bestimmte Gelegenheiten anpassen?&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Klimawandel</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><a href="https://derkommunist.de/thesen-der-imt-zur-klimakrise/">https://derkommunist.de/thesen-der-imt-zur-klimakrise/</a>&nbsp;</li>



<li><a href="https://www.derfunke.de/rubriken/jugend/2570-wie-koennen-wir-die-arbeiterbewegung-fuer-die-klimastreiks-gewinnen">https://www.derfunke.de/rubriken/jugend/2570-wie-koennen-wir-die-arbeiterbewegung-fuer-die-klimastreiks-gewinnen</a>&nbsp;</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Palästina:&nbsp;</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><a href="https://marxist.com/italy-the-freedom-flotilla-and-the-escalation-of-the-palestine-movement.htm">https://marxist.com/italy-the-freedom-flotilla-and-the-escalation-of-the-palestine-movement.htm</a>&nbsp;</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Militarismus und Wehrpflicht</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><a href="https://derkommunist.de/wehrpflicht-und-krieg-verhindern-sozialismus-erkaempfen/">https://derkommunist.de/wehrpflicht-und-krieg-verhindern-sozialismus-erkaempfen/</a></li>



<li><a href="https://derkommunist.de/angriffe-auf-zivilklausel-unis-sollen-bei-der-aufruestung-mithelfen/">https://derkommunist.de/angriffe-auf-zivilklausel-unis-sollen-bei-der-aufruestung-mithelfen/</a> </li>



<li><a href="https://derkommunist.de/kampagne-gegen-krieg-und-imperialismus-bildung-statt-bomben/">https://derkommunist.de/kampagne-gegen-krieg-und-imperialismus-bildung-statt-bomben/</a>&nbsp;</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Frauenbefreiung</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><a href="https://derfunke.de/rubriken/frauenbefreiung/2834-frauen-in-der-krise-widerstand-organisieren">https://derfunke.de/rubriken/frauenbefreiung/2834-frauen-in-der-krise-widerstand-organisieren</a>&nbsp;</li>



<li><a href="https://derfunke.de/rubriken/frauenbefreiung/3003-fuer-die-befreiung-der-frau-fuer-die-sozialistische-revolution">https://derfunke.de/rubriken/frauenbefreiung/3003-fuer-die-befreiung-der-frau-fuer-die-sozialistische-revolution</a>&nbsp;</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Kampf gegen Rechts</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><a href="https://derkommunist.de/an-linksjugend-sds-jusos-gewerkschaftsjugenden-fuer-eine-offensive-gegen-merz-afd-und-kapital/">https://derkommunist.de/an-linksjugend-sds-jusos-gewerkschaftsjugenden-fuer-eine-offensive-gegen-merz-afd-und-kapital/</a>&nbsp;</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph">Wohnungsfrage</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><a href="https://www.derfunke.de/rubriken/deutschland/2851-deutsche-wohnen-co-enteignen-zeit-fuer-breite-massenaktionen">https://www.derfunke.de/rubriken/deutschland/2851-deutsche-wohnen-co-enteignen-zeit-fuer-breite-massenaktionen</a>&nbsp;</li>



<li><a href="https://www.derfunke.de/rubriken/deutschland/2508-wohnungsfrage-ist-im-kapitalismus-nicht-zu-loesen">https://www.derfunke.de/rubriken/deutschland/2508-wohnungsfrage-ist-im-kapitalismus-nicht-zu-loesen</a>&nbsp;</li>
</ul>



<h3 class="wp-block-heading">Diskussionsfragen</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Was sind die „objektiven Voraussetzungen für die proletarische Revolution“? Warum beschreibt Trotzki sie als „verfaulend“?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was ist das „Haupthindernis“, das einer revolutionären Situation im Wege steht, und warum?&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was sind Minimalanforderungen, Maximalforderungen und Übergangsforderungen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was ist Arbeiterkontrolle? Wie unterscheidet sie sich von der Enteignung der Kapitalisten und der Planwirtschaft? Warum macht es Sinn die Forderung nach Arbeiterkontrolle zu stellen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie kann man z.B. den Kampf gegen Entlassungen zum Ausgangspunkt nehmen, um für Arbeiterkontrolle zu argumentieren?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Welche Übergangsforderungen würdest du heute stellen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie sollten Marxistinnen und Marxisten mit reformistischen Massenorganisation umgehen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was ist „Doppelherrschaft“?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was ist nach Trotzki der Unterschied zwischen „Enteignung“ und „Verstaatlichung“?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Welches Verhältnis sollte die Arbeiterklasse zu anderen unterdrückten Klassen haben?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Welche Position sollten Marxisten im Krieg einnehmen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was sind Sowjets? Wie entstehen sie?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was ist der Unterschied zwischen der „Volksfront“ und der „Einheitsfront“?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie charakterisiert Trotzki den Klassencharakter der UdSSR? Was bedeutet das in der Praxis?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Warum betont Trotzki die Rolle der Arbeiterinnen und der Jugend?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Warum war die Kommunistische Internationale „für die Revolution gestorben“? (Gemeint ist: Sie konnte kein Werkzeug der Arbeiterklasse für die Revolution mehr sein)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was ist demokratischer Zentralismus?</p>
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			</item>
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		<title>Lenin und Trotzki: Wofür sie wirklich kämpften &#8211; Vorwort zur deutschen Ausgabe</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Alan Woods]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 04 Feb 2022 14:04:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>
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		<category><![CDATA[Russische Revolution]]></category>
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<p class="wp-block-paragraph">Das vorliegende Vorwort von Alan Woods, geschrieben zum 100. Jubiläum der Revolution 2017, bietet einen Überblick über die Entstellungen der Oktoberrevolution von Bürgerlichen, Reformisten und Stalinisten. Es gibt gleichzeitig einen guten Überblick über die Russische Revolution, ihre Degeneration bishin zum Zusammenbruch der Sowjetunion.</p>



<figure class="wp-block-image size-full"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="700" height="367" src="https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/04/leninundtrotzkibuch.jpg" alt="" class="wp-image-1757" srcset="https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/04/leninundtrotzkibuch.jpg 700w, https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/04/leninundtrotzkibuch-300x157.jpg 300w" sizes="(max-width: 700px) 100vw, 700px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Lenin und Trotzki: Wofür sie wirklich kämpften wurde erstmals im Jahr 1969 veröffentlicht. Geschrieben wurde es in enger Kooperation mit meinem lebenslangen Freund, Genossen und Lehrer, dem verstorbenen Ted Grant. Seitdem ist es in vielen verschiedenen Sprachen, darunter Spanisch, Russisch, Griechisch, Dänisch und Bahasa Indonesia erschienen. Die Veröffentlichung der deutschen Ausgabe pünktlich zum hundertsten Jubiläum der Oktoberrevolution ist zeitlich gut gewählt.<br><br>Dieses Buch wurde geschrieben, um die umfangreiche Abhandlung eines der Theoretiker der britischen Kommunistischen Partei, Monty Johnstone, zu beantworten. Darin wurde versucht, den Mitgliedern der Kommunistischen Jugend eine Kritik am Trotzkismus vorzulegen. Es war die Zeit der Niederschlagung des Prager Frühlings durch russische Panzer. Damals gärte die Unzufriedenheit in den Reihen der Kommunistischen Partei und ihrer Jugend und die Ideen des Trotzkismus fanden dort immer mehr Beachtung. Nachdem die alten Lügen vom „Trotzkifaschismus“ schon lange nicht mehr glaubwürdig waren, erprobte man nun eine feinsinnigere, „vernünftigere“ Herangehensweise. Wir beantworteten ihre Argumente Punkt für Punkt und waren damit so erfolgreich, dass sie nie wieder so einen Versuch starteten.<br><br>Heutzutage sind die Argumente der Stalinisten bezüglich Trotzkis und des Trotzkismus für die allermeisten Sozialistinnen und Sozialisten nicht mehr sonderlich bedeutsam. Und doch ist dieses Buch heute vielleicht wertvoller und nützlicher als zum Zeitpunkt seiner Erstveröffentlichung. Denn heute werden Lenin und Trotzki, ihre persönliche Integrität und ihre Rolle in der russischen Revolution zur Zielscheibe eines noch wilderen, bösartigeren und hartnäckigeren Angriffs.<br><br>Seit dem Fall der Sowjetunion hat es eine endlose Lawine von Büchern gegeben, die von sich behaupten, die Oktoberrevolution und Lenin und Trotzki, die ihre wichtigsten Führer waren, zu „entlarven“. Der Zweck dieser Behauptungen liegt auf der Hand: Die Revolution der Bolschewiki soll in den Augen der jungen Generation diskreditiert werden. Der wichtigste Trick besteht dabei darin, eine kausale Beziehung zwischen Bolschewismus und Stalinismus aufzubauen, was eine ungeheuerliche Unwahrheit ist. Jeder, der sich mit der Geschichte des Bolschewismus und der russischen Revolution auskennt, muss wissen, dass die bolschewistische Partei die demokratischste Partei war, die es je gegeben hat und dass die Oktoberrevolution die demokratischste, am meisten in den Massen verankerte Revolution der Geschichte gewesen ist. Doch wie sagte einst ein Boulevardjournalist: Warum soll man sich von Tatsachen eine gute Geschichte verderben lassen?</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Die Angst vor der Revolution</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nichts daran ist neu. Die Geschichte zeigt, dass die herrschende Klasse nicht damit zufrieden sein kann, eine Revolution zu besiegen. Sie muss außerdem mit Lügen überschüttet werden, die Namen ihrer Führer müssen in den Dreck gezogen werden und sie muss vollständig in einem Nebel der Feindseligkeit und des Misstrauens erstickt werden, so dass nicht einmal mehr die Erinnerung daran die folgenden Generationen noch inspirieren kann. Im 19. Jahrhundert schrieb der Historiker Thomas Carlyle in seinem Buch über Oliver Cromwell, er habe seinen Protagonisten unter einem Haufen toter Hunde ausgraben müssen, bevor er mit seiner Arbeit beginnen konnte.<br><br>Nachdem die Monarchie 1660 restauriert wurde, mussten alle Erinnerungen an Cromwell und die bürgerliche Revolution in England aus dem kollektiven Gedächtnis ausgelöscht werden. Die restaurierte Monarchie Karls II. datierte den Beginn ihrer Herrschaft auf den 30. Januar 1649, den Tag, an dem Karl I. hingerichtet worden war. Alle Hinweise auf die Republik und ihre revolutionären Errungenschaften sollten verschwinden. Der Parvenü Karl II. war von Trotz, Hass und Rachsucht derart mitgerissen, dass er befahl, Oliver Cromwells Leiche möge ausgegraben und in Tyburn öffentlich gehenkt werden.<br><br>Dieselbe Feindseligkeit und derselbe aus Furcht geborene Trotz stehen hinter den heutigen Versuchen, die Errungenschaften und die Bedeutung der Russischen Revolution zu bestreiten und das Andenken an ihre Führer anzuschwärzen. Die systematische Geschichtsfälschung, die von der Bourgeoisie heute betrieben wird, ist zwar etwas subtiler als die postmortalen Lynchmorde der englischen Monarchisten, kann sich ihnen gegenüber aber keiner moralischen Überlegenheit rühmen. Sie wird auch nicht erfolgreicher sein. Die Wahrheit, nicht die Lüge, ist die Lokomotive der Geschichte, und die Wahrheit wird nicht für alle Zeit verborgen bleiben.<br><br>Beinahe drei Generationen lang richteten die Verteidiger des Kapitalismus ihre Wut auf die Sowjetunion. Es wurden weder Kosten noch Mühen gescheut, um das Bild der Oktoberrevolution und der verstaatlichten Planwirtschaft, die aus ihr hervorging, zu beschmutzen. Die Verbrechen des Stalinismus waren für diese Kampagne außerordentlich nützlich. Ihre Methode war es, den Sozialismus und Kommunismus mit jenem bürokratisch-totalitären Apparat zu identifizieren, der aus der Isolation der Revolution in einem rückständigen Land hervorging.<br><br>Der Hass auf die Sowjetunion all jener, deren Karrieren, Gehälter und Profite aus Mieteinnahmen, Zins und Profit, also aus der bestehenden Gesellschaftsordnung gespeist werden, ist nicht schwer zu verstehen. Ihnen geht es nicht um die Ablehnung des totalitären Regimes Stalins. Dieselben „Freunde der Demokratie“ hatten und haben keinerlei Skrupel, diktatorische Regimes zu preisen, sofern diese ihren Interessen entsprechen. Die „demokratische“ herrschende Klasse Großbritanniens war etwa ganz zufrieden mit Hitlers Aufstieg zur Macht, solange er die deutsche Arbeiterklasse unterdrückte und sich auf den Osten Europas konzentrierte.<br><br>Winston Churchill und andere Repräsentanten der britischen herrschenden Klasse äußerten bis 1939 ihre glühende Bewunderung für Mussolini und Franco. Von 1945 an unterstützten die westlichen „Demokratien“ und in erster Linie die USA jede barbarische Diktatur von Somoza bis Pinochet, von der argentinischen Junta bis zum indonesischen Schlächter Suharto, der den Gipfel der Macht über die Leichen von einer Million Menschen erklomm, welche mit der aktiven Unterstützung der CIA ermordet wurden. Die Führer der westlichen Demokratien werfen sich vor dem bluttriefenden saudischen Regime in den Staub, das seine eigene Bevölkerung foltern, ermorden, verprügeln und sogar kreuzigen lässt. Die Liste dieser Barbareien hat kein Ende.<br><br>Aus dem Blickwinkel des Imperialismus sind solche Regimes völlig annehmbar, solange sie sich auf das Privateigentum an Land, Banken und großen Monopolen stützen. Ihre unversöhnliche Feindschaft gegen die Sowjetunion stützte sich nicht auf irgendeine Freiheitsliebe, sondern auf nacktes Klasseninteresse. Sie hassten die UdSSR nicht für das, was an ihr schlecht, sondern gerade für das, was an ihr positiv und fortschrittlich war. Sie hatten keine Einwände dagegen, dass Stalin ein Diktator war (sondern waren im Gegenteil über die Gelegenheit erfreut, die ihnen die Verbrechen des Stalinismus zur Verunglimpfung des Sozialismus im Westen boten), sondern nur dagegen, dass diese Diktatur sich immer noch auf die staatlichen Eigentumsformen stützte, den einzigen verbliebenen Errungenschaften des Oktobers.<br><br>Die systematische Geschichtsrevision durch die Bürgerlichen und ihre akademischen Hofdichter unterscheidet sich zu einem erstaunlich geringen Grad von den alten Methoden der stalinistischen Bürokratie, welche die Geschichte auf den Kopf stellte, indem sie führende Persönlichkeiten zu Unpersonen machte, sie wie im Fall von Leo Trotzki verteufelte und ganz allgemein schwarz für weiß erklärte. Heutige Schriften der Feinde des Sozialismus unterscheiden sich davon ausschließlich insofern, als sie Lenin mit demselben blinden Hass und derselben Verachtung strafen, welche die Stalinisten nur Trotzki zukommen ließen.<br><br>In Russland selbst findet man einige der übelsten Fälle dieser Sorte. Das überrascht aus zweierlei Gründen nicht. Erstens wurden diese postsowjetischen Akademiker in den Fälschertraditionen des Stalinismus ausgebildet, für den die Wahrheit nur ein Werkzeug im Dienste der herrschenden Elite war. Die Professoren, Ökonomen und Historiker waren daran gewöhnt, ihre Schriften der momentanen „Linie“ anzupassen. Dieselben Intellektuellen, die einstmals Lobreden auf Trotzki hielten, den Gründer der Roten Armee und Führer der Oktoberrevolution, zögerten einige Jahre später nicht, ihn als Agenten Hitlers zu denunzieren. Dieselben Schriftsteller, die Josef Stalin lobpriesen, machten eine Kehrtwende, sobald Nikita Chruschtschow den „Personenkult“ entdeckt hatte. Gewohnheiten sind mächtig, das gilt auch für die Methoden der intellektuellen Prostitution. Nur die Auftraggeber sind heute andere.<br><br>Es gibt auch einen zweiten Grund. Die meisten, die sich in Russland an der Plünderung („Privatisierung“) des Staatseigentums bereichert haben, besaßen vor nicht langer Zeit einen Mitgliedsausweis der kommunistischen Partei und rühmten den „Sozialismus“. Diese Kreaturen hatten mit Sozialismus, Kommunismus oder der Arbeiterklasse in Wahrheit nichts zu tun. Sie gehörten zu einer parasitären, herrschenden Schicht, welche für die Etablierung ihrer Macht über die Leiche der Oktoberrevolution ging und auf dem Rücken der sowjetischen Arbeiterklasse ein Luxusleben führte.<br><br>Mit demselben Zynismus, der sie schon immer auszeichnete, sind diese Schmarotzer nun ins Lager des Kapitalismus übergegangen, doch diese wundersame Verwandlung muss irgendwie gerechtfertigt werden. Die „neuen Russen“ fühlen sich gedrängt, ihren „Abfall vom Glauben“ zu rechtfertigen, indem sie das verfluchen, woran sie noch gestern zu glauben vorgaben. So versuchen sie, den Massen Sand in die Augen zu streuen und ihr eigenes Gewissen zu beruhigen – immer vorausgesetzt, dass sie so etwas überhaupt besitzen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Lenin und Trotzki</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht nur die Bourgeoisie und ihre Ideologen (dazu gehören auch die rechten Sozialdemokraten und einige sogenannte linke Sozialisten) haben ein grundsätzliches Interesse daran, den Bolschewismus mit dem Stalinismus gleichzusetzen. Auch die Stalinisten selbst haben diese groteske Verzerrung über Jahrzehnte aufrechterhalten und als erste die Lüge erzählt, der „Trotzkismus“ sei eine vom Leninismus getrennte, ihm feindlich gesinnte politische Strömung. Monty Johnstone ging es darum, diese Lüge zu bekräftigen, wenn auch in einer ausgefeilteren Weise als zuvor.<br><br>In diesem Buch zeigen Ted und ich, wie die Stalinisten die Differenzen zwischen Lenin und Trotzki vor 1917 künstlich aufblähten. Wir erklären, wie Lenin und Trotzki auf verschiedenen Wegen schließlich zu denselben Schlüssen gelangten. Schon vor dem Ersten Weltkrieg unterschied sich Lenins Position zum Wesen der Russischen Revolution kaum von jener Trotzkis.<br><br>Wir haben es Lenin und Trotzki gestattet, für sich selbst zu sprechen, indem wir ausführlich aus ihren Werken zitieren. Das macht das Lesen nicht unbedingt einfacher, hat aber den unzweifelhaften Vorteil, dass das unvoreingenommene lesende Publikum selbst in die Lage versetzt wird, ihre Ideen und das Verhältnis zwischen ihnen zu beurteilen. Der Lackmustest für jede Theorie ist die Praxis. Es ist eine Tatsache, dass Lenin 1917 eine Position ergriff, die mit Trotzkis Theorie der permanenten Revolution praktisch identisch war. Es ist auch kein Zufall, dass Lenins Kritiker ihn 1917 des „Trotzkismus“ beschuldigten.<br><br>Es entspricht der Methode des historischen Materialismus, hinter den handelnden Individuen auf der Bühne der Geschichte nach tieferen Ursachen für große historische Ereignisse zu suchen. Dadurch wird aber die Rolle des Individuums in der Geschichte nicht verneint oder geschmälert. Unter gegebenen Umständen kann es ganz auf einen einzelnen Mann oder eine einzelne Frau ankommen. Die Arbeiterklasse braucht eine Partei, um die Gesellschaft zu verändern. Wenn es keine revolutionäre Partei gibt, die der revolutionären Energie der Klasse eine bewusste Führung geben kann, wird sie verfliegen wie Dampf, dessen Energie von keiner Dampfmaschine genutzt wird.<br><br>Trotzkis Rolle während und nach der Oktoberrevolution war enorm. Wir können mit Sicherheit sagen, dass es ohne Lenin und Trotzki 1917 keine Oktoberrevolution gegeben hätte. Leo Trotzki wurde allgemein als zweiter Mann in der Parteiführung anerkannt. Tatsächlich bezeichneten die Massen ebenso wie die Feinde der Revolution die Bolschewiki üblicherweise als „Partei von Lenin und Trotzki“.<br><br>Einzelne Persönlichkeiten können eine solche Rolle aber nur dann einnehmen, wenn alle anderen Bedingungen gegeben sind. Die Verkettung der Ereignisse gestattete es Lenin und Trotzki, 1917 eine entscheidende Rolle zu spielen. Aber die selben beiden Menschen hatten während der vorangegangenen zwanzig Jahre nicht die selbe Rolle spielen können. Ebenso waren Lenin und Trotzki, trotz ihrer kolossalen persönlichen Fähigkeiten machtlos gegenüber der bürokratischen Degeneration der Revolution in ihrem Rückfluten. Gegen die materiellen Kräfte, die die Degeneration bedingten, waren auch die herausragendsten Führer machtlos.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Der proletarische Internationalismus</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der wirkliche Grund für die bürokratische Degeneration der russischen Revolution war nicht irgendeine „Erbsünde“ des Bolschewismus, sondern die Isolation der Revolution in Verhältnissen materieller und kultureller Rückständigkeit. Dies wiederum war das Ergebnis des Verrats der Führungen der europäischen Sozialdemokratie.<br><br>Für Lenin und Trotzki war die Russische Revolution nie ein in sich abgeschlossener Vorgang, sondern der Ausgangspunkt der europäischen und der Weltrevolution. Sie hatte einen enormen Einfluss auf die europäische Arbeiterklasse und führte unmittelbar zur Novemberrevolution in Deutschland 1918. Darauf folgte eine Reihe revolutionärer Erhebungen in diesem Land, die erst 1923 abebbten. 1919 gab es eine Revolution in Ungarn. Im selben Jahr wurde in Bayern eine kurzlebige Räterepublik ausgerufen. Auch in Österreich, Großbritannien, Frankreich, Italien, Bulgarien, Estland und anderen Ländern gab es revolutionäre Aufstände.<br><br>Die revolutionäre Bewegung der europäischen Arbeiterklasse war stark genug, sich der militärischen Intervention gegen Sowjetrussland in den Weg zu stellen, aber wurde von ihrer reformistischen Führung paralysiert. Das Scheitern der europäischen Revolution bedeutete, dass die russische Revolution unter Bedingungen der grausamsten Rückständigkeit isoliert wurde. 21 ausländische Interventionsarmeen zerstörten Industrie und Landwirtschaft. In einem einzigen Jahr, 1920, verhungerten über sechs Millionen Menschen in Sowjetrussland.<br><br>Marx erklärte vor langer Zeit, dass in einer Gesellschaft, wo die Not verallgemeinert wird, „die ganze alte Scheiße“ wiederbelebt würde. Diese Bedingungen führten zum Aufstieg der Bürokratie – einer bleiernen Schicht von Beamten und Karrieristen, welche die Arbeiterklasse zur Seite stieß und privilegierte Posten in Staat und Industrie ergriff. Lenin hatte wiederholt vor den Gefahren der Bürokratie nicht nur im Staat, sondern auch in der Partei gewarnt.<br><br>Die Revolution überlebte zwar, durchlief aber eine grausame bürokratische Deformation. Die staatliche Planwirtschaft gestattete der UdSSR gigantische Fortschritte und verwandelte ein vormals rückständiges Land in einen fortgeschrittenen Industriestaat mit kultivierter Bevölkerung. So gelang es der UdSSR, Hitlers Armeen im Zweiten Weltkrieg praktisch auf sich allein gestellt zu besiegen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Trotzki gegen Stalin</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Lenin und Trotzki waren für die bürokratische Deformation nicht nur nicht verantwortlich, sondern arbeiteten im Kampf gegen Stalin, der sich an die Spitze der privilegierten Bürokraten gestellt hatte, eng zusammen. Von seinem Sterbebett aus beharrte Lenin in Briefen und seinem Testament darauf, dass Stalin von seinem Posten als Generalsekretär entfernt würde, weil er „eine unermeßliche Macht in seinen Händen konzentriert“ hatte. Lenin war „nicht überzeugt, daß er es immer verstehen wird, von dieser Macht vorsichtig genug Gebrauch zu machen.“<br><br>In seinem letzten verzweifelten Kampf gegen Stalin und die Bürokratie konnte sich Lenin nur auf einen einzigen Mitstreiter stützen – Trotzki. Doch er starb, bevor er sein Ziel erreichen konnte. Auf einem Treffen der Vereinigten Opposition 1926 sagte Lenins Witwe Krupskaja: „Wenn Wladimir Iljitsch [Lenin] heute am Leben wäre, säße er schon im Gefängnis.“<br><br>Nachdem Lenin 1924 gestorben war, versuchte Trotzki dessen Kampf gegen Stalin und die Bürokratie fortzusetzen. Doch der Kampf war zum Scheitern verurteilt. Nach Jahren des Krieges, der Revolution und des Bürgerkriegs waren die russischen Arbeiterinnen und Arbeiter erschöpft. Auf der anderen Seite waren Millionen Bürokraten selbstbewusster denn je. Sie spürten, dass sie die Macht fest in den Händen hielten. Nur der Sieg der Revolution in Deutschland oder China hätte die Lage ändern können. Doch die verfehlte Politik Stalins und seiner Unterstützer führte zu einer Niederlage nach der anderen.<br><br>Trotzdem konnte die UdSSR dank ihrer staatlichen Planwirtschaft gewaltige Schritte nach vorne machen. Doch das bedeuteten nicht, dass der „Sozialismus errichtet“ worden war, wie die Stalinisten prahlerisch verkündeten. Im Gegenteil: Unter der Herrschaft einer privilegierten Bürokratenschicht entfernte sich die Sowjetunion vom Sozialismus. Am Ende untergrub die Bürokratie die Planwirtschaft und bereitete der kapitalistischen Restauration den Weg.<br><br>Trotzki hatte schon 1936 in Die verratene Revolution davor gewarnt, dass die Bürokratie sich mit ihren rechtlichen und widerrechtlichen Privilegien nicht zufriedengeben, sondern danach streben würde, sich durch eine kapitalistischen Konterrevolution zu Eigentümern der Produktionsmittel zu machen. Es sollte zwar einige Jahrzehnte dauern, aber genau das ist passiert. Vor dem Zweiten Weltkrieg warnte Trotzki:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Daß die Vergesellschaftung der von den Kapitalisten geschaffenen Produktionsmittel einen enormen ökonomischen Vorteil bietet, kann man heute nicht allein in der Theorie, sondern auch durch die Erfahrungen in der UdSSR, trotz ihrer Begrenztheit, als erwiesen ansehen. Es ist wahr, daß sich die kapitalistischen Reaktionäre nicht ohne Geschicklichkeit des stalinistischen Regimes gleich einer Vogelscheuche gegen die Idee des Sozialismus bedienen. Tatsächlich hat Marx jedoch niemals gesagt, daß sich der Sozialismus in einem Lande verwirklichen lasse und noch viel weniger In einem rückständigen Land. Die Entbehrungen, denen die Massen in der UdSSR ausgesetzt sind, die Allgewalt der privilegierten Kaste, die sich über die Nation und ihre Not erhoben hat, die unverschämte Willkür der Bürokraten ist nicht die Konsequenz des Sozialismus, sondern die der Isoliertheit und der historischen Rückständigkeit der UdSSR, die von der kapitalistischen Einkreisung in die Zange genommen ist. Das Erstaunlichste ist, daß es der planifizierten Wirtschaft auch unter außergewöhnlich ungünstigen Bedingungen gelungen ist, ihre unbestreitbare Überlegenheit zu beweisen.“1</p>
</blockquote>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Stalins Terror</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Anstatt Trotzkis Argumente politisch zu beantworten, beantwortete sie die stalinistische Bürokratie mit der eisernen Faust der Repression. Die Linke Opposition in Russland wurde gewaltsam unterdrückt und ihre Mitglieder arbeitslos gemacht, belästigt und später dann verhaftet und eingesperrt.<br><br>Nachdem Trotzki 1927 von Stalin und seinem bürokratischen Apparat aus der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) ausgeschlossen wurde, wurde er 1929 ins türkische Exil geschickt. Diese bürokratischen Methoden sollten den Führer der Bolschewiki-Leninisten, der Linken Opposition, zum Schweigen bringen.<br><br>Doch Trotzki ließ sich nicht beirren. Von der Insel Prinkipo in Istanbul aus organisierte er den Gegenangriff der Kräfte des Bolschewismus-Leninismus. Er gründete die Internationale Linke Opposition, die all jene um sich scharte, die den Ideen Lenins, der bolschewistischen Partei und des Oktobers treu geblieben waren. Obwohl man sie aus den Reihen der kommunistischen Parteien und der Kommunistischen Internationale ausgeschlossen hatte, betrachteten sich Trotzki sowie seine Anhängerinnen und Anhänger weiter als Teil der kommunistischen Bewegung, die für eine Reform der kommunistischen Parteien, der Kommunistischen Internationale und der UdSSR kämpften.<br><br>Vom Exil aus musste Trotzki zusehen, wie all seine Freunde, Genossinnen und Genossen und seine Mitarbeiter systematisch ermordet wurden. In seinen barbarischen Schauprozessen wurden die Führer von Lenins Partei von Stalin unter falschen Vorwürfen gefoltert und hingerichtet. Trotzki bezeichnete die Säuberungen als einseitigen Bürgerkrieg von Stalin und der Bürokratie gegen die bolschewistische Partei.<br><br>Trotzki kämpfte darum, die Ideen, das Programm und die Traditionen für spätere Generationen von Kommunistinnen und Kommunisten in der UdSSR und international zu erhalten. Unter den Bedingungen der schwersten Verfolgung war er der einzige, der das tat. In der Geschichte werden wir schwer ein weiteres Beispiel dafür finden, wie alle Ressourcen eines riesigen Staatsapparats darauf ausgerichtet wurden, einen einzigen Mann zu zerstören. Es war nicht leicht für Trotzki, ein Land zu finden, das ihn aufnehmen wollte. Die Türen all der sogenannten westlichen Demokratien blieben ihm fest verschlossen. Er war gezwungen, von der Türkei aus nach Frankreich und dann nach Norwegen zu gehen, bis er sich schließlich in Mexiko niederlassen konnte.<br><br>Da er Trotzkis im Ausland nicht habhaft werden konnte, rächte sich Stalin an dessen Familie. In einem persönlichen Racheakt entzog er Trotzki und all seinen Familienmitgliedern 1932 die sowjetische Staatsangehörigkeit. Trotzkis Tochter Sinaida, die mit ihrem kleinen Sohn Sjewa nach Prinkipo gekommen war, konnte nun nicht mehr in die Sowjetunion zurückkehren und war so von ihrem Ehemann und ihrer Tochter getrennt. Im folgenden Jahr beging sie in Berlin Selbstmord.<br><br>Das war nur der Beginn einer systematischen Kampagne, in der Trotzkis Kinder und Familie sowie seine Mitreiterinnen und Mitstreiter allesamt umgebracht wurden. Der Tyrann im Kreml befahl den Mord an Leo Sedow, Trotzkis Sohn, in Paris. Er ließ ebenso Trotzkis zweiten Sohn Sergei verhaften, der sich nicht politisch betätigte und sich noch in der Sowjetunion aufhielt. Er wurde erschossen. Und schließlich wurde Stalins größter Wunsch erfüllt, als Trotzki im August 1940 in Mexiko ermordet wurde.<br><br>Wer behauptet, Bolschewismus und Stalinismus seien „keine Antipoden sondern Zwillinge“, muss erklären, wie es dazu kam, dass Stalin Lenins Partei auslöschen und ihre ehemalige Führung komplett liquidieren musste, um seine Macht zu festigen. Inmitten von Verrat, Niederlagen und Enttäuschungen verteidigte Trotzki die echten Traditionen des Leninismus, des Oktobers und der bolschewistischen Partei. Er erreichte damit sein wichtigstes Ziel.<br><br>Das war keine geringe Leistung. Wer erinnert sich heute an die Schriften von Sinowjew und Kamenew? In den Schriften Leo Trotzkis haben wir hingegen ein unschätzbares Erbe, das besonders auch nach dem Zusammenbruch der UdSSR, einer unumgänglichen Konsequenz der Verbrechen des Stalinismus, nach wie vor bedeutsam und lebendig bleibt. Diese Schriften beinhalten den authentischen Bolschewismus und die wirklichen Lehren der Oktoberrevolution – die einzige Hoffnung für die Zukunft der Menschheit.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Was die Revolution erreichte</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Ordnung, die die Oktoberrevolution errichtet hatte, war weder totalitär noch bürokratisch, sondern die demokratischste Ordnung, die die Welt je gesehen hat. Die Oktoberrevolution machte Schluss mit dem Privateigentum an den Produktionsmitteln. Erstmals wurde die Vitalität der Planwirtschaft nicht nur in der Theorie, sondern in der Praxis demonstriert. Auf einem Sechstel der Erdoberfläche wurde in einem gigantischen, einmaligen Experiment bewiesen, dass eine Gesellschaft ohne Kapitalisten, Großgrundbesitzer und Geldverleiher möglich ist.<br><br>Heutzutage ist es in Mode, die Erfolge kleinzureden oder gar völlig zu bestreiten. Die flüchtigste Blick auf die Fakten zeigt uns jedoch ein völlig anderes Ergebnis. Trotz der Probleme, Mängel und Verbrechen (mit denen uns die Geschichte des Kapitalismus ebenso im Übermaß ausstattet), brachte die Planwirtschaft in der Sowjetunion in einer im historischen Maßstab bemerkenswert kurzen Frist höchst erstaunliche Fortschritte hervor. Daher kommt die Angst und der Hass vonseiten der herrschenden Klassen im Westen. Daher kommen die unverschämten Lügen, derer sie sich, natürlich immer von einer Position der „akademischen Objektivität“ aus, noch immer bedienen.<br><br>Die Bürgerlichen sehen sich gezwungen, die Ideale der Oktoberrevolution ein für alle Mal zu begraben. So wurde der Zusammenbruch der UdSSR zum Signal für eine Propagandalawine gegen die Errungenschaften der Planwirtschaften in Russland und Osteuropa. Diese ideologische Offensive der Strategen des Kapitals gegen den „Kommunismus“ war ein genau kalkulierter Versuch, die historischen Errungenschaften der Revolution zu verleugnen. Für diese Damen und Herren war die russische Revolution seit jeher eine Verirrung der Geschichte. Aus ihrer Sicht hat der Kapitalismus immer existiert und wird das auch für immer tun. Deswegen darf es keine Erfolge der Planwirtschaft gegeben haben. Die sowjetische Statistiken werden einfach zu aufgeblasenen Lügen erklärt.<br><br>All die enormen Fortschritte auf dem Gebiet der Bildung, Gesundheit, sozialen Fürsorge etc. wurden von einem Strom aus Lügen und Verzerrungen verschüttet, dessen Ziel es ist, die Errungenschaften verschwinden zu lassen. Die Mängel des Lebens in der Sowjetunion, von denen es viele gab, werden systematisch überbetont, um zu „beweisen“, dass es zum Kapitalismus keine Alternative gibt. Statt Fortschritt, sagen sie nun, habe es Rückschritt gegeben.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Es wird gesagt, dass die UdSSR in den Achtzigern den Vereinigten Staaten ebenso weit nachstünde, wie das Russische Kaiserreich 1913“, schreibt der Wirtschaftshistoriker Alec Nove, der daraus schließt, dass „statistische Manipulationen eine Rolle dabei spielten, das Sowjet-Regime zu delegitimieren (…)“2</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist notwendig, sich dieser beispiellose Lügenkampagne entgegenzustellen. Wir wollen die Leserschaft nicht mit Statistiken überbeanspruchen, halten es aber für notwendig, jeden Zweifel an den erstaunlichen Erfolgen der Planwirtschaft zu beseitigen. Trotz der unfassbaren Verbrechen der Bürokratie sind die einmaligen Fortschritte der Sowjetunion nicht nur eine historische Errungenschaft, sondern vor allem ein Ausblick auf die enormen Möglichkeiten einer Planwirtschaft, insbesondere wenn sie demokratisch geleitet würde. Diese Möglichkeiten stehen in völligem Gegensatz zur heutigen weltweiten Krise des Kapitalismus.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Beispiellose Fortschritte</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Oktoberrevolution 1917 führte zum historisch größten Wachstum der Produktivkräfte in einem Land. Vor der Revolution verfügte das zaristische Russland über eine äußerst rückständige, halbfeudale Wirtschaft, der größte Teil der Bevölkerung konnte nicht lesen und schreiben. Von 150 Millionen Einwohnern waren nur vier Millionen in der Industrie beschäftigt. Damit war Russland noch viel rückständiger als das heutige Pakistan.<br><br>Unter den Bedingungen einer schrecklichen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Schwäche begann das Regime der Arbeiterdemokratie, das Lenin und Trotzki errichtet hatten, Russland gestützt auf eine Planwirtschaft aus der Rückständigkeit herauszuziehen. Die Ergebnisse sind wirtschaftsgeschichtlich einmalig. Innerhalb von zwei Jahrzehnten schuf sich Russland eine gewaltige industrielle Basis und schaffte den Analphabetismus ab. Auf den Gebieten der Gesundheit, Kultur und Bildung machte es bemerkenswerte Fortschritte. Zur selben Zeit befand sich die westliche Welt im Würgegriff der Massenarbeitslosigkeit und des wirtschaftlichen Zusammenbruchs der Großen Depression.<br><br>Die Lebensfähigkeit der neuen Produktionsweise wurde 1941-1945 auf eine schwere Probe gestellt. Die Sowjetunion wurde von Nazideutschland angegriffen, dem alle Ressourcen Europas zur Verfügung standen. Trotz des Verlusts von 27 Millionen Menschenleben schaffte es die UdSSR, Hitler zu besiegen und ging ab 1945 daran, ihre zerstörte Wirtschaft in einer bemerkenswert kurzen Zeitspanne wieder aufzubauen, womit sie zur zweiten Supermacht der Welt wurde.<br><br>Dass ein Land so erstaunliche Fortschritte macht, muss uns zum Nachdenken anregen. Man kann von den Idealen der Revolution der Bolschewiki halten, was man will, aber eine solche Transformation in einer so kurzen Zeit verlangt die Aufmerksamkeit aller denkenden Menschen.<br><br>Innerhalb von 50 Jahren verneunfachte die Sowjetunion ihr Bruttoinlandsprodukt. Trotz der schrecklichen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg verfünffachte sie ihr BIP zwischen 1945 und 1979. 1950 entsprach ihr BIP 33% des US-amerikanischen. 1979 hatte sie bereits 58% des BIP der USA erreicht. In den späten 1970er Jahren war die UdSSR eine Industriemacht, die in absoluten Zahlen den Rest der Welt in einigen Schlüsselindustrien bereits überflügelt hatte. Die Sowjetunion war nicht nur der zweitgrößte Produzent industrieller Güter nach den USA, sondern der weltweit führende Produzent von Öl, Stahl, Zement, Asbest, Traktoren und einer Reihe von Maschinen.<br><br>Diese Zahlen zeigen aber nicht das ganze Ausmaß des Erreichten. All das wurde praktisch ohne Arbeitslosigkeit oder Inflation erreicht. Es gab in der Sowjetunion keine Arbeitslosigkeit wie im Westen. Tatsächlich war es eine Straftat, arbeitslos zu sein. (Dieses Gesetz wurde ironischerweise bis heute nicht abgeschafft, obwohl es nichts mehr bedeutet.) Es gab natürlich Fälle, in denen Einzelpersonen entlassen wurden, weil sie in Konflikt mit der Bürokratie gerieten, aber solche Phänomene ergaben sich nicht aus dem Wesen der Planwirtschaft und hätten nicht existieren müssen. Sie hatten weder mit der zyklischen Arbeitslosigkeit des Kapitalismus, noch mit der organischen Massenarbeitslosigkeit etwas zu tun, die derzeit knapp 50 Millionen Menschen in den OECD-Ländern zu einem Leben erzwungener Untätigkeit verdammt.<br><br>Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es überdies so gut wie keine Inflation mehr. Das drückte sich besonders in den Preisen für Güter des täglichen Bedarfs aus. Bis zur Perestroika wurden die Preise für Fleisch und Milchprodukte zum letzten Mal im Jahr 1962 erhöht. Die Preise für Brot, Zucker und die meisten Nahrungsmittel wurden zuletzt 1955 erhöht. Die Mieten waren äußerst niedrig, vor allem wenn man sie mit dem Westen vergleicht, wo die Arbeiterinnen und Arbeiter zumeist ein Drittel oder mehr ihres Einkommens dafür ausgeben müssen. Erst in der Periode der Perestroika, die einen Umschwung zur Marktwirtschaft bedeutete, traten Arbeitslosigkeit und Inflation wieder auf.<br><br>Die UdSSR hatte jedes Jahr ein Nulldefizit und sogar einen leichten Haushaltsüberschuss auszuweisen, was keinem westlichen Land bis heute gelungen ist. Genauso wenig haben sie es geschafft, dauerhafte Vollbeschäftigung wie in der Sowjetunion zu erreichen. Die westlichen Kritiker halten sich zu diesen Umständen sehr bedeckt, weil hier die Potentiale selbst einer nicht-kapitalistischen Übergangsökonomie deutlich werden – von den Möglichkeiten eines Sozialismus ganz zu schweigen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Die Oktoberrevolution und die Frauen</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der große französische utopische Sozialist Fourier betrachtete die Stellung der Frauen als den deutlichsten Maßstab für den Fortschritt einer sozialen Ordnung. Die Rückkehr Russlands zum Kapitalismus bedeutet in dieser Hinsicht eine Katastrophe. Alles, was sich die Frauen in der Russischen Revolution erkämpft hatten, die übrigens von streikenden Textilarbeiterinnen am internationalen Frauentag begonnen wurde, wird systematisch eliminiert. Das reaktionäre Gesicht des Kapitalismus zeigt sich deutlich an der heutigen Stellung der Frauen in Russland.<br><br>Obwohl die politische Konterrevolution des Stalinismus einen teilweisen Rückschritt bedeutete, ist unbestreitbar, dass die Frauen in der Sowjetunion enorme Fortschritte im Kampf gegen ihre Unterdrückung gemacht haben.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Die Oktoberrevolution tat der Frau gegenüber ehrlich ihre Pflicht“, schrieb Trotzki. „Die junge Macht gab ihr nicht nur dieselben politischen und gesetzlichen Rechte wie dem Mann, sondern, was noch wichtiger ist, tat alles was sie konnte und jedenfalls unvergleichlich mehr als irgendein anderer Staat, um ihr wirklich zu allen Zweigen der Wirtschafts- und Kulturarbeit Zutritt zu verschaffen.“3</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Unter der Zarenherrschaft wurden Frauen als bloße Anhängsel des Haushalts verstanden. Männern war es ausdrücklich gestattet, Gewalt gegen sie anzuwenden. In einigen ländlichen Gegenden wurden Frauen gezwungen, sich zu verschleiern und ihnen wurde nicht gestattet, lesen und schreiben zu lernen. Von 1917 bis 1927 wurde die rechtliche Ungleichbehandlung der Frauen Schritt für Schritt aufgehoben, und in ihrem Programm von 1919 erklärte die Kommunistische Partei stolz: „Die Partei gibt sich nicht mit der formalen Gleichstellung der Frauen zufrieden, sondern strebt danach, sie von der materiellen Last unzeitgemäßer Hausarbeit zu befreien, indem sie diese durch Gemeinschaftswohnungen, öffentliche Kantinen, zentrale Wäschereien, öffentliche Kinderbetreuung usw. ersetzt.“<br><br>Frauen waren nicht länger gezwungen, bei ihren Ehemännern zu leben oder sie zu begleiten, wenn sie berufsbedingt umziehen mussten. Sie erhielten das Recht, einem Haushalt vorzustehen und wurden gleich bezahlt. Es wurden Regelungen zu Karenz und Mutterschutz eingeführt, ebenso Kindergeld und Kinderbetreuungseinrichtungen. 1920 wurde die Abtreibung legalisiert, die Zivilehe wurde eingeführt und die Scheidung zu einer unkomplizierten Formalität gemacht. Das Konzept von der Nichtanerkennung unehelicher Kindern wurde ebenso aufgehoben. Lenin schrieb dazu:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Von den niederträchtigen Gesetzen über die Rechtsungleichheit der Frau, über die Beschränkungen der Ehescheidung, die schändlichen Formalitäten, an die sie geknüpft war, über die Nichtanerkennung der unehelichen Kinder, über die Nachforschung nach ihren Vätern usw. – Gesetzen, von denen es in allen zivilisierten Ländern zur Schande der Bourgeoisie und des Kapitalismus so zahlreiche Überreste gibt, haben wir im wahrsten Sinne des Wortes keinen Stein auf dem anderen gelassen.“4</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Kostenloses Essen in den Schulen, kostenlose Milch für Kinder, eine besondere Unterstützung für bedürftige Kinder, Beratungsstellen für Schwangere, Frauenhäuser, Betreuungseinrichtungen – so wurden die materiellen Bedingungen geschaffen, um Frauen systematisch in alle Bereiche des gesellschaftlichen, wirtschaftliche und politischen Lebens miteinzubeziehen. Der Stalinismus führte in diesem Bereich zwar zahlreiche Konterreformen durch, doch nach Stalins Tod machte der Nachkriegsaufschwung es möglich, die allgemeine Situation der Frauen ständig zu verbessern: Das bedeutete ein Renteneintrittsalter von 55 Jahren, gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, Arbeitserleichterungen für Schwangere und eine voll bezahlte Karenz von 56 Tagen vor und 56 Tagen nach der Geburt eines Kindes. Der Anteil der Frauen an den Hochschulen stieg von 28% im Jahr 1927, über 43% im Jahr 1960 auf 49% im Jahr 1970. Zu dieser Zeit erreichten nur Finnland, Frankreich und die Vereinigten Staaten einen Wert von über 40%.<br><br>Die Anzahl der Betreuungsplätze für Vorschulkinder stieg von 500.000 im Jahr 1960 auf über fünf Millionen im Jahr 1970. Die Fortschritte der Planwirtschaft bedeuteten, dass sich die Lebenserwartung der Frauen von 30 auf 74 Jahre mehr als verdoppelte und die Kindersterblichkeit um 90% gesenkt wurde. Im Jahr 1975 waren 73 % des Lehrpersonals Frauen. Im Jahr 1959 arbeiteten ein Drittel der Frauen in Berufen in denen 70 % der Arbeitskräfte weiblich waren, bis zum Jahr 1970 steigerte sich dieser Wert auf 55 %. 1970 waren 98 % der Krankenpflegerinnen Frauen, 95 % der Bibliotheksagestellten und 75 % der Ärzteschaft. Im Jahr 1959 gab es 600 Frauen mit Doktortitel, 1984 waren es 5.600.<br><br>Die Restauration des Kapitalismus hat diese Errungenschaften rasch wieder verschwinden lassen und Frauen zurück eine Position der Haussklaverei gebracht, die unter dem heuchlerischen Begriff der „Familie“ firmiert. Der Großteil der Krisenlasten wird so auf den Rücken der Frauen abgewälzt.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Warum brach die Sowjetunion zusammen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotz ihrer beispiellosen Erfolge brach die Sowjetunion zusammen. Man muss sich der Frage stellen, warum das geschehen ist. Die Erklärungen der bürgerlichen „Experten“ sind so vorhersehbar wie inhaltsleer: Der Sozialismus (oder Kommunismus) ist gescheitert. Ende der Geschichte. Die Führungen der Arbeiterbewegung wissen auch nicht mehr dazu zu sagen; die rechten Reformisten plappern wie immer die Ansichten der herrschenden Klasse nach und bei den Linksreformisten herrscht betretenes Schweigen. Die Führer der kommunistischen Parteien im Westen, die gestern noch alle Verbrechen des Stalinismus kritiklos unterstützten, versuchen sich jetzt von einem diskreditierten Regime zu distanzieren, haben aber keine Antworten auf die Fragen der ArbeiterInnen und Jugendlichen, die nach ernsthaften Erklärungen verlangen.<br><br>Die Errungenschaften der sowjetischen Industrie und Wissenschaft sind schon erwähnt worden. Doch die Sowjetunion hatte noch eine andere Seite. Der demokratische Arbeiterstaat, den Lenin und Trotzki errichteten, wurde von Stalins ungeheuerlich deformiertem, bürokratischem Staat ersetzt. Dieser schreckliche Rückschritt bedeutete die Zerstörung der politischen Macht der Arbeiterklasse, doch die grundlegenden sozioökonomischen Errungenschaften des Oktobers verblieben, nämlich die neuen Eigentumsverhältnisse, deren deutlichster Ausdruck die Planwirtschaft war.<br><br>In den 1920ern schrieb Trotzki eine Broschüre unter dem Titel: Hin zum Kapitalismus oder Sozialismus? Das war immer die entscheidende Frage für die Sowjetunion. Die offizielle Propaganda behauptete zunächst, die Sowjetunion bewege sich unaufhaltsam auf die Errichtung des Sozialismus zu, ab 1960 behauptete Chruschtschow, der Sozialismus sei bereits verwirklicht und die UdSSR werde innerhalb von zwanzig Jahren eine völlig kommunistische Gesellschaft errichten. Die Wahrheit war allerdings, dass die Sowjetunion sich in eine völlig andere Richtung bewegte.<br><br>Eine Entwicklung in Richtung Sozialismus würde eine schrittweise Verringerung der Ungleichheit bedeuten. In der Sowjetunion wuchs die Ungleichheit dagegen ständig an. Zwischen den Massen und den Millionen privilegierter Beamter und ihren Familien mit ihren hübschen Kleidern, großen Autos, bequemen Wohnungen und Landhäusern tat sich ein weiter Abgrund auf. Der Gegensatz war umso bedeutender, weil er in so schreiendem Widerspruch zur offiziellen Propaganda über den Sozialismus und Kommunismus stand.<br><br>Aus der Perspektive der Massen lässt sich wirtschaftlicher Erfolg nicht auf die Menge des produzierten Stahls, Zements oder elektrischen Stroms reduzieren. Der Lebensstandard hängt vor allem von der Produktion hochqualitativer, billiger und leicht verfügbarer Waren des täglichen Bedarfs ab: Kleidung, Schuhe, Essen, Waschmaschinen, Fernseher usw. In diesem Bereich hinkte die Sowjetunion dem Westen weit hinterher. Das alleine wäre vielleicht noch tolerierbar gewesen, doch entscheiden war, dass einige Leute in den Genuss dieser Dinge kamen, während sie den meisten verwehrt blieben.<br><br>Der Stalinismus konnte sich trotz seiner schreienden Widersprüche deshalb so lang halten, weil die Planwirtschaft jahrzehntelang immense Erfolge erzielte. Doch die Herrschaft der Bürokratie führte zu Korruption, Misswirtschaft und Verschwendung, bis sie schließlich die Errungenschaften der Planwirtschaft selbst zu untergraben begann. Je weiter sich die UdSSR entwickelte, desto schädlicher wurden die Auswirkungen der bürokratischen Herrschaft.<br><br>Die Bürokratie stellte immer schon eine gewaltige Bremse auf der Entwicklung der Produktivkräfte dar. Doch während der Aufbau einer Schwerindustrie noch relativ leicht zu bewerkstelligen war, lässt sich eine moderne Wirtschaft mit ihren komplexen Wechselbeziehungen zwischen Schwer- und Leichtindustrie, Wissenschaft und Technik nicht einfach durch bürokratische Befehle aufbauen, ohne dass es zu schwerwiegenden Disproportionen kommt. Die Sowjetwirtschaft wurde zudem durch die hohen Rüstungsausgaben und die Kosten der eisernen Kontrolle Osteuropas belastet.<br><br>Trotz der immensen Ressourcen, die sie zur Verfügung hatte, trotz der mächtigen industriellen Basis und einer Armee von gut ausgebildeten Ingenieuren und Wissenschaftlern war die Bürokratie unfähig, die gleichen Resultate zu erreichen wie der Westen. Bei den zentralen Indikatoren der Arbeitsproduktivität und des Lebensstandards hinkte die Sowjetunion dem Westen hinterher. Der Hauptgrund dafür waren die Millionen korrupten und gierigen Beamten, die die Sowjetunion ohne jede Kontrolle durch die Arbeiterklasse führten.<br><br>Solange die Produktivkräfte sich in der UdSSR weiterentwickelten, war die prokapitalistische Tendenz unbedeutend. Doch die Sackgasse, die der Stalinismus darstellte, führte zu einer völligen Veränderung der Situation. Mitte der 1960er Jahre stieß das System der bürokratisch gesteuerten Planwirtschaft an seine Grenzen. Sobald sich herausstellte, dass die Sowjetunion außerstande war, bessere Ergebnisse zu erzielen als der Kapitalismus, war ihr Schicksal besiegelt.<br><br>Schon 1972 entwickelte Ted Grant die brilliante Perspektive, dass der Zusammenbruch des Stalinismus unausweichlich war. Aus marxistischer Sicht war das die einzig mögliche Perspektive. Der Marxismus zeigt auf, dass die Lebensfähigkeit eines gegebenen sozioökonomischen Systems letztendlich von seiner Fähigkeit abhängt, die Produktivkräfte zu entwickeln. Zwischen 1965 und 1970 betrug die durchschnittliche Wachstumsrate 5,4%. Zwischen 1971 und 1978 betrug sie nur mehr 3,7%.<br><br>Gleichzeitig betrug sie in den entwickelten kapitalistischen Ländern der OECD 3,5%. Die Wachstumsrate der Sowjetunion war also nicht mehr bedeutend höher als die Wachstumsrate, die sich im Kapitalismus erreichen ließ. Das war ein Desaster. Daraus resultierend fiel der Anteil der UdSSR an der weltweiten Produktion von 12,5% im Jahr 1960 auf 12,3% im Jahr 1979. In der selben Zeitspanne erhöhte Japan seinen Anteil von 4,7% auf 9,2%. Chruschtschows Gerede darüber, die USA einzuholen und zu überholen, löste sich in Luft auf. In weiterer Folge fiel die Wachstumsrate bis zum Ende der Breschnew-Periode (der „Periode der Stagnation“, wie sie Gorbatschow nannte) auf null.<br><br>Zu diesem Zeitpunkt hatte die Bürokratie aufgehört, auch nur die relativ gesehen fortschrittliche Rolle zu spielen, die sie bislang gespielt hatte, und so geriet das Sowjetregime in eine Krise. Ted Grant war der einzige Marxist, der daraus die nötigen Schlussfolgerungen zog. Er erklärte, dass das Regime erledigt war, sobald es nicht mehr in der Lage war, bessere Resultate als der Kapitalismus zu erzielen. Im Gegensatz dazu nahm jede andere Strömung, von den Bürgerlichen bis zu den Stalinisten an, dass die scheinbar monolithischen Regimes in Russland, China und Osteuropa sich fast unbegrenzt an der Macht halten könnten.<br><br>Wie wir gesehen haben, hat die politische Konterrevolution der stalinistischen Bürokratie das Regime der Rätedemokratie in Russland völlig zerstört, dabei aber die neuen Eigentumsverhältnisse, die von der Oktoberrevolution geschaffen worden waren, unangetastet gelassen. Die herrschende Bürokratie stützte sich auf die Planwirtschaft und spielte eine relativ fortschrittliche Rolle, indem sie die Produktivkräfte entwickelte, wenn auch zum dreifach höheren Kostenpreis als im Kapitalismus, aufgrund eines erschütternden Ausmaßes von Verschwendung, Korruption und Misswirtschaft, wie Trotzki selbst vor dem Krieg feststellte, als die Wirtschaft noch um 20% jährlich wuchs.<br><br>Trotz seiner Erfolge konnte der Stalinismus die Probleme der Gesellschaft nicht lösen. Er stellte eine historische Anomalie von gigantischen Ausmaßen dar und war das Produkt einer besonderen geschichtlichen Verkettung von Ereignissen. Die Sowjetunion beruhte unter Stalin auf einem grundsätzlichen Widerspruch. Die Planwirtschaft stand im Widerspruch zum bürokratischen Staat. Schon in der ersten Fünfjahresplanperiode machte sich die Bürokratie enormer Verschwendung schuldig. Dieser Widerspruch verschwand mit der Entwicklung der Wirtschaft nicht, sondern spielte eine immer schädlichere Rolle, bis das System schließlich unter ihm zusammenbrach.<br><br>Die Geschichte ist heutzutage Allgemeinwissen, aber es ist ziemlich leicht, im Nachhinein Bescheid zu wissen. Es ist weniger leicht, historische Prozesse vorherzusehen, wie es Ted Grant in seinen Schriften über Russland gelungen ist, in denen der Verfall des Stalinismus mit beeindruckender Genauigkeit vorgezeichnet wurde. Hier allein findet sich eine umfassende Analyse der Gründe für die Krise des bürokratischen Regimes, die von allen anderen Kommentatoren bis heute nicht verstanden werden.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Trotzkis Analyse</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Ausgangspunkt für das vorliegende Werk war die brillante Analyse, die Leo Trotzki 1936 in seinem Meisterwerk Die verratene Revolution entwickelt hat. Auch heute noch behält sie ihre Klarheit und Bedeutung. Niemand, der verstehen will, was in Russland passiert ist, kommt an dieser großartigen marxistischen Analyse vorbei. Aus verständlichen Gründen gibt Trotzki jedoch keine endgültige Antwort auf die Frage des Klassencharakters der UdSSR, sondern lässt die Frage offen, in welche Richtung dieser sich letztendlich bewegen wird.<br><br>Der große russische Marxist verstand, dass das Schicksal der Sowjetunion von der Auseinandersetzung zwischen lebendigen Kräften abhing, die untrennbar mit globalen Entwicklungen verbunden waren: Solche Entwicklungen ließen sich nicht präzise vorhersagen. Tatsächlich hatte der sehr spezielle Verlauf des Zweiten Weltkriegs eine entscheidende Auswirkung auf das Schicksal der Sowjetunion, das niemand hatte vorhersehen können. Trotzki schrieb:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„In welcher Richtung sich während der kommenden drei, fünf, zehn Jahre die Dynamik der ökonomischen Widersprüche und der sozialen Antagonismen in der Sowjetgesellschaft entwickeln wird, auf diese Frage gibt es noch keine endgültige und unwiderrufliche Antwort. Der Ausgang hängt vom Kampf der lebendigen sozialen Kräfte ab, und zwar nicht nur im nationalen, sondern auch im internationalen Maßstab. Auf jeder neuen Etappe bedarf es daher einer konkreten Analyse der realen Verhältnisse und Tendenzen in ihrem Zusammenhang und beständigem Aufeinanderwirken.“5</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzki achtete darauf, die Zukunft des Sowjetstaats mit einem Fragezeichen zu versehen. Seine Vorhersage, dass die stalinistische Bürokratie sich zur Erhaltung ihrer Privilegien „unvermeidlich nach Stützen in den [kapitalistischen] Besitzverhältnissen umsehen“6 muss, erwies sich als absolut richtig. Das abstoßende Spektakel, in dem altgediente Kader der kommunistischen Partei ihre Parteibücher zerrissen und sich mit der gleichen Leichtigkeit, mit der man aus einem Zugabteil ins nächste wechselt, offen in „Unternehmer“ verwandelten, macht deutlich, wie weit sich das stalinistische Regime vom Sozialismus entfernt hatte.<br><br>Trotzki erwartete nicht, dass das stalinistische Regime sich so lang halten würde. In seinem letzten Werk, Stalin, spielt er zwar mit dem Gedanken, dass das Regime sich in seiner damaligen Form noch Jahrzehnte lang halten könnte, doch das Buch war zum Zeitpunkt seiner Ermordung unfertig und es war ihm nicht möglich, die Idee weiterzuentwickeln. Die Sowjetunion ging aus dem Zweiten Weltkrieg erheblich gestärkt hervor. Das stalinistische Regime, das Trotzki für eine vorübergehende historische Anomalie gehalten hatte, überlebte noch einige Jahrzehnte. Das hatte weitreichende Auswirkungen auf alle anderen Faktoren, insbesondere auf das Bewusstsein der Massen und der Bürokratie selbst.<br><br>Trotzki hatte gehofft, dass das stalinistische Regime durch eine politische Revolution der Arbeiterklasse gestürzt werden würde. Sollte das nicht geschehen, so zog er in Erwägung, würde die bürokratische Konterrevolution letztendlich im Sturz der neuen Eigentumsverhältnisse münden, die die Oktoberrevolution hervorgebracht hatte:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Die Konterevolution setzt ein, wenn der Faden der fortschrittlichen sozialen Errungenschaften damit beginnt, sich wieder von seiner Spule abzuwickeln. Diese Abwicklung scheint ohne ein Ende in Sicht zu sein. Doch ein Teil der Errungenschaften bleibt immer erhalten. Deshalb bleibt der proletarische Klassencharakter der UdSSR trotz der monströsen bürokratischen Degenerationen weiter erhalten. Bedenken wir aber, dass der Prozess der Abwicklung noch nicht abgeschlossen ist und dass das Schicksal Europas und der Welt in den kommenden Jahrzehnten noch nicht entschieden ist. Der russische Thermidor hätte zweifellos eine neue Epoche bürgerlicher Herrschaft eröffnet, hätte diese sich nicht auf der ganzen Welt als verbraucht erwiesen. Jedenfalls hat der Kampf gegen die Gleichheit und die Entstehung der sehr tiefen gesellschaftlichen Gegensätze es nicht geschafft, das sozialistische Bewusstsein der Massen und die Verstaatlichung der Produktionsmittel und des Landes, die grundlegenden sozialistischen Errungenschaften der Revolution zu zerstören. Obwohl sie diese Errungenschaften untergräbt, hat die Bürokratie noch nicht versucht, zur Wiederherstellung des Privateigentums an den Produktionsmitteln zu schreiten.“7</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die Perspektive der kapitalistischen Restauration in Russland und ihrer Auswirkungen wurde von Trotzki mit bemerkenswerter Klarheit schon 1936 erklärt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Ein Zusammenbruch des Sowjetregimes würde unweigerlich einen Zusammenbruch der Planwirtschaft und damit die Abschaffung des staatlichen Eigentums nach sich ziehen. Die Zwangsbindung der Trusts untereinander und zwischen den Fabriken eines Trusts würde sich lockern. Die erfolgreichsten Unternehmungen würden sich beeilen, selbständige Wege zu gehen. Sie könnten sich in Aktiengesellschaften umwandeln oder eine andere transitorische Eigentumsform finden, etwa mit Gewinnbeteiligung der Arbeiter, Gleichzeitig und noch leichter würden die Kolchosen zerfallen. Der Sturz der heutigen bürokratischen Diktatur, wenn keine neue sozialistische Macht sie ersetzt, wäre also gleichbedeutend mit einer Rückkehr zu kapitalistischen Verhältnissen bei katastrophalem Rückgang von Wirtschaft und Kultur.“8</p>
</blockquote>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Staatskapitalismus</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Brillanz, mit der Trotzki die entscheidenden Elemente der Entwicklung der Sowjetunion erkannt hat, ist herausragend. In völligem Gegensatz dazu steht die theoretisch wie praktisch bankrotte Auffassung vom „Staatskapitalismus“, die seit Jahrzehnten in abgewandelten Formen in den Köpfen unterschiedlicher ultralinken Sekten herumschwirrt. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte Ted Grant Trotzkis Analyse des proletarischen Bonapartismus weiter – vor allem in dem Text Marxistische Staatstheorie (Antwort an Genossen Cliff), in der die Vorstellung vom „Staatskapitalismus“ in Russland umfassend widerlegt wird.<br><br>Dieser „Theorie“ zufolge war das Regime in der UdSSR schon längst kapitalistisch. Warum sollten Arbeiterinnen und Arbeiter also die alten Formen des „kapitalistischen“ Staatseigentums gegen die aufstrebende Bourgeoisie verteidigen, wenn es hier keinen Unterschied gibt? Diese Argumentation würde die Arbeiterklasse angesichts der kapitalistischen Konterrevolution natürlich völlig entwaffnen und ist ein deutliches Beispiel dafür, wie theoretische Fehler zwangsläufig zu praktischen Katastrophen führen.<br><br>Die Krise des Stalinismus hatte mit der Krise des Kapitalismus nichts gemein. Letztere ergibt sich aus der Anarchie des Markts und dem Privateigentum und ist wesentlich eine Überproduktionskrise. In der UdSSR gab es keinerlei Anzeichen für Überproduktion, weil es sich um eine Planwirtschaft handelte.<br><br>Dem allen muss man die Beschränkungen des Nationalstaats hinzufügen, der seine Nützlichkeit schon längst überlebt hat und zu einem großen Hemmnis für die Entwicklung der Produktivkräfte geworden ist. Das erklärt, warum jedes Land, auch die größte Supermacht, sich der Konkurrenz des Weltmarkts stellen muss. Marx hat das vorausgesehen, und das erklärt, warum der Gedanke an „Sozialismus in einem Land“ eine reaktionäre Utopie ist.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Der Zusammenbruch des Stalinismus und das „Ende der Geschichte“</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist schon ironisch, dass die Sozialdemokratie dem Sozialismus gerade zu dem Zeitpunkt den Rücken kehrt, da sich der Kapitalismus in seiner tiefsten Krise seit 200 Jahren befindet, und sich stattdessen am Hemdzipfel der Bourgeoisie festklammert. Mit den früheren „Kommunisten“ (Stalinisten) steht es noch schlimmer – sie haben die Ideen von Marx und Lenin über Bord geworfen und sich der Bourgeoisie völlig unterworfen.<br><br>Die früheren Stalinisten sind von der Geschichte für ihre Verbrechen bestraft worden. Sie sind seit dem Zusammenbruch der UdSSR weit nach rechts gewandert und sind nicht einmal mehr der Schatten ihrer selbst. Sie sind von tiefem Skeptizismus gegenüber dem Sozialismus durchdrungen und haben nicht das geringste Vertrauen in die Arbeiterklasse. Die alten Stalinisten waren wenigstens eine Karikatur des Originals; jetzt sind sie nur noch eine blasse Imitation des Reformismus. Daraus folgt, dass sie zu einer Zeit, in der sich der Kapitalismus in einer tiefen Krise befindet und die Ideen des Kommunismus ein großes Echo finden müssten, völlig unfähig sind, die radikalisierten Schichten der Arbeiterklasse und Jugend anzusprechen. In vielen Ländern sind sie ganz verschwunden.<br><br>Der Fall der Berliner Mauer und der Zusammenbruch der stalinistischen Regimes in Russland und Osteuropa lösten im Westen eine Welle der Euphorie aus. Der Zusammenbruch des Stalinismus wurde als das „Ende des Sozialismus“ bejubelt. Der Endsieg des „freien Markts“ wurde von den Seiten gebildeter Zeitschriften von Tokio bis New York verkündet. Die Kapitalstrategen waren außer sich vor Freude. Francis Fukuyama ging so weit, das „Ende der Geschichte“ zu verkünden. Nun sollte es keinen Klassenkampf mehr geben. In der besten aller kapitalistischen Welten sollte alles gut werden.<br><br>Nun liegen diese Träume der Bourgeoisie und der Reformisten in Trümmern. Die Massenarbeitslosigkeit, von der man gesagt hatte, sie sei Geschichte, ist in die entwickelten kapitalistischen Länder zurückgekehrt – von dem Albtraum aus Armut, Unwissenheit, Kriegen und Epidemien ganz zu schweigen, der zwei Drittel der Menschheit in der sogenannten „Dritten Welt“ dauerhaft heimsucht. Ein Krieg folgt auf den nächsten und der Terrorismus verbreitet sich wie eine Seuche über den Planeten. Überall herrschen Pessimismus und eine tief sitzende Angst vor der Zukunft vor, vermischt mit irrationalen und mystischen Tendenzen.<br><br>Gerade aus diesem Grund wird das hundertjährige Jubiläum der russischen Revolution unweigerlich zum Anlass genommen werden, die antikommunistische Hetze zu verstärken. Der Grund dafür ist nicht schwer zu verstehen. Die weltweite Krise des Kapitalismus führt zu einer grundsätzlichen Infragestellung der „Marktwirtschaft“. Das Interesse an marxistischen Ideen wird wieder stärker, und das verängstigt die Bourgeoisie. Die neue Hetzkampagne drückt kein Selbstbewusstsein, sondern Angst aus.<br><br>Die Krankheit des 21. Jahrhunderts hat ihre geschichtlichen Vorgänger. In jeder Periode des gesellschaftlichen Abstiegs beobachten wir dieselben Symptome, wenn ein gegebenes sozioökonomisches System an die Grenzen seiner Möglichkeiten gestoßen ist und zu einem Hindernis für die menschliche Entwicklung geworden ist. Der Kapitalismus ist schon lange an seine Grenzen gestoßen. Er ist nicht mehr fähig, die Produktivkräfte so weiterzuentwickeln wie in der Vergangenheit. Er ist nicht einmal mehr fähig, die Beibehaltung der Reformen zu dulden, die in der Vergangenheit wenigstens einige Ansätze einer halbzivilisierten Existenz in den entwickelten kapitalistischen Ländern ermöglichten.<br><br>Jetzt werden alle Errungenschaften, für die die Arbeiterklasse so hart gekämpft hat, bedroht. In den unterentwickelten Ländern Afrikas, Asiens und des Nahen Ostens bedeutet der Kapitalismus in den Worten Lenins Schrecken ohne Ende. Aber die Arbeiterschaft und die Jugend werden ihre Errungenschaften nicht kampflos aufgeben. Alle Bedingungen für eine beispiellose Explosion des Klassenkampfes sind gegeben.<br><br>Der Zusammenbruch des Stalinismus war nicht das Ende der Geschichte, sondern nur der erste Akt in einem Drama, dessen zweiter und weitaus dramatischere Akt nun begonnen hat – die allgemeine Krise des Weltkapitalismus. Die beispiellose ideologische Offensive gegen die Ideen des Marxismus ist an ihre Grenzen gestoßen. Für die Gesellschaft gilt ebenso wie für die klassische Mechanik, dass auf eine Aktion eine entgegengesetzte Reaktion folgt. Die allgemeine Reaktion auf die Barbarei des Kapitalismus hat bereits begonnen.<br><br>Heute sind die Ideen Leo Trotzkis wichtiger als jemals zuvor. Sie finden in den Reihen der Arbeiterbewegung und der Jugend ein wachsendes Echo. Natürlich fürchten die Reformisten und Bürokraten den Erfolg des revolutionären Marxismus wie der Teufel das Weihwasser. Das gilt ebenso (vielleicht noch mehr) für gewisse „Linke“, die sich hinter radikalen Phrasen verstecken, in Wirklichkeit aber nur den linken Flügel einer konservativ-bürokratischen Strömung in der Arbeiterbewegung bilden. Ihr Hass auf den „Trotzkismus“ wird einerseits von Angst um ihre eigenen Posten, Jobs und Gehälter, andererseits von ihrer Unfähigkeit getrieben, der marxistischen Strömung mit politischen Argumenten zu antworten. Wie immer werden die, die klare Ideen vertreten, von denen gehasst, deren Ideen verwirrt sind.<br><br>Der neuen Generation bieten die Ideen von Marx, Engels, Lenin und Trotzki einen Kompass, den sie brauchen, um den Weg zum Sozialismus zu finden – den Weg der Revolution. Die Veröffentlichung dieses Buches in der Sprache von Marx, Engels, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wird die neue Generation von Kämpfern und Kämpferinnen in Österreich, Deutschland und der Schweiz mit der ideologischen Munition ausstatten, die sie brauchen, um den Kampf auf eine höhere Ebene zu stellen. Ich wünsche ihnen dabei alles Gute.<br><br>London, 1. Februar 2017<br><br><strong>Zitate:</strong></p>



<ul class="wp-block-list">
<li>[1] Trotzki: Marxismus in unserer Zeit, in: Verein Gesellschaft und Politik (Hg.): Aufstand der Vernunft Nr.11. Wien: Selbstverlag 2016, S.83</li>



<li>[2] Nove, Alec: An Economic History of the USSR. London: Penguin Books 1992. S.438 [unsere Übersetzung]</li>



<li>[3] Trotzki: Die verratene Revolution. Essen: Mehring Verlag 2009. S.169</li>



<li>[4] Lenin: Werke, Bd.29, S.418f.</li>



<li>[5] Trotzki: Die verratene Revolution. Essen: Mehring Verlag 2009. S.94</li>



<li>[6] Ebd. S.254</li>



<li>[7] Trotsky: Stalin. An Appraisal of the Man and his Influence. London: Wellred Books 2016. S.690 [unsere Übersetzung]</li>



<li>[8] Trotzki: Die verratene Revolution. Essen: Mehring Verlag 2009. S.251</li>
</ul>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="https://shop.derfunke.de/adv/60-lenin-und-trotzki-wofuer-sie-wirklich-kaempften.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Lenin und Trotzki: Wofür sie wirklich kämpften</a></p>



<ul class="wp-block-list">
<li><em>Taschenbuch, 320 Seiten</em></li>



<li><em>ISBN: 978-3-902988-09-6</em></li>



<li><em>Preis: 15€</em></li>
</ul>
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			</item>
		<item>
		<title>Klasse, Partei und Führung: Wie die Revolution organisiert werden kann</title>
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					<comments>https://derkommunist.de/klasse-partei-und-fuehrung-wie-die-revolution-organisiert-werden-kann/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Julien Arseneau]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 17 Jun 2021 21:14:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Bildungsmappe MassenErobern]]></category>
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		<category><![CDATA[Wieso hängt das Gelingen der Revolution von der Führung der Arbeiterklasse ab?]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der Kapitalismus spielt schon lange keine fortschrittliche Rolle mehr und hätte schon längst von der Arbeiterklasse gestürzt werden müssen. Aber warum ist das noch immer nicht passiert? Der Schlüssel zur [&#8230;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Der Kapitalismus spielt schon lange keine fortschrittliche Rolle mehr und hätte schon längst von der Arbeiterklasse gestürzt werden müssen. Aber warum ist das noch immer nicht passiert? Der Schlüssel zur Beantwortung dieser Frage liegt in der Rolle der Führung und der revolutionären Partei in revolutionären Prozessen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Jahr 2020 hat die Welt auf den Kopf gestellt. COVID-19 hat den völligen Bankrott des Kapitalismus offengelegt. Das ewige Mantra vom „Wir sitzen ja alle im selben Boot“ hat sich als reine Propaganda erwiesen. Auf der ganzen Welt wurde das Profitinteresse über die Bedürfnisse der Menschen gestellt. Während Millionen arbeitslos wurden, sind die Reichen heute reicher denn je. In den USA, dem reichsten Land der Welt, haben gleichzeitig Millionen Menschen nicht genügend zu essen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Waren schon die Jahre seit Ausbruch der Krise von 2008 für viele ein verlorenes Jahrzehnt, so hat die Wirtschaftskrise, die durch COVID-19 ausgelöst wurde, unzähligen Menschen noch einen weiteren Schlag versetzt. Seit der letzten Krise 2008 wurden die öffentlichen Dienstleistungen kaputtgespart, die Reallöhne stagnierten bestenfalls, und die heutige Jugend ist die erste Generation seit dem Zweiten Weltkrieg, die ärmer ist als die Generation ihrer Eltern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genau vor diesem Hintergrund wächst auch das Interesse an und die Zustimmung zu sozialistischen Ideen. Die „Victims of Communism Foundation“, der man wirklich nicht unterstellen kann, eine positive Einstellung gegenüber dem Marxismus zu haben, veröffentlichte 2020 eine&nbsp;<a href="https://victimsofcommunism.org/annual-poll/2020-annual-poll/">Studie mit folgenden Ergebnissen</a>: 49 Prozent der 16-23-Jährigen (Generation Z) in den USA haben eine positive Meinung vom Sozialismus (2019 waren es erst 40 Prozent). Unabhängig vom Alter stieg bei den US-Amerikaner dieser Wert von 36 auf 40 Prozent. In den USA, die auf eine so starke Tradition des Antikommunismus zurückblicken, denken 18 Prozent der Generation Z, dass der Kommunismus ein gerechteres System ist als der Kapitalismus!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Zahlen sind nicht so überraschend, wie man auf den ersten Blick glauben möchte. Gerade die jüngere Generation hat bislang nichts anderes kennengelernt als Sparpolitik, sinkende Lebensstandards, Terrorismus, imperialistische Interventionen und Umweltzerstörung. Das Goldene Zeitalter des Kapitalismus, das man mit den 1960er und 1970er Jahren verbindet, ist passé. Mehr Menschen denn je wünschen sich daher auch eine revolutionäre Überwindung des Kapitalismus.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Bedingungen sind reif</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Tatsache ist, dass das kapitalistische System die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft schon lange bremst. Dass es bislang nicht gelungen ist, den Kapitalismus durch eine sozialistische Revolution zu stürzen, liegt sicherlich nicht daran, dass die objektiven Bedingungen für den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft des Überflusses nicht gegeben wären. Von einem wirtschaftlichen Gesichtspunkt aus sind zweifellos alle Voraussetzungen erfüllt, um die menschlichen Bedürfnisse zu stillen. Wir haben die notwendigen Mittel, um die gesamte Weltbevölkerung zu ernähren. Es gibt die Technologie und das Wissen, um alle lebensnotwendigen Güter im Einklang mit der Natur zu produzieren. Große Firmen wie Amazon und Walmart zeigen, dass es möglich ist, die Produktion und Verteilung von Gütern global abzuwickeln. Viele der schwierigen oder gefährlichen Arbeiten könnten durch Maschinen erledigt werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Marx erklärte, dass das kapitalistische System sich seine „eigenen Totengräber produziert“, indem es die Arbeiterklasse hervorbringt – jene Klasse, die alle Gebäude erbaut, die die benötigten Konsumgüter produziert und alle Waren erzeugt und Dienstleistungen erbringt. Er zeigte auch, dass der Sozialismus nicht einfach nur eine gute Idee ist, die sich ein paar Leute ausgedacht haben, sondern dass es mit der Arbeiterklasse eine soziale Kraft gibt, die eine sozialistische Gesellschaft errichten kann, indem sie die Kontrolle über die Produktionsmittel übernimmt. Marx argumentierte, dass sich diese Klasse organisieren muss, denn nur so kann sie sich gegen den Widerstand der Banken und Konzerne und den bürgerlichen Staat durchsetzen. Heute repräsentiert diese Klasse (anders als zu Marx‘ Zeiten) die überwältigende Mehrheit der Gesellschaft. Ist sie erst einmal in Bewegung und entschlossen, den Kapitalismus zu stürzen, gibt es keine Kraft, die sie aufzuhalten imstande wäre.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Warum hat also die Arbeiterklasse das kapitalistische System noch nicht mittels einer Revolution gestürzt?</p>



<h3 class="wp-block-heading">Sind die Arbeiter schuld?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Leo Trotzki, neben Lenin der wichtigste Führer der Russischen Revolution, schrieb kurz vor seinem Tod einen großartigen Essay mit dem Titel „<a href="https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1940/xx/klasse.html">Klasse, Partei und Führung – Warum wurde das spanische Proletariat besiegt?</a>“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie der Titel schon sagt, behandelt der Text die Spanische Revolution von 1931-39 und die Gründe ihrer Niederlage. Wir werden später einige Details dieser Revolution näher behandeln. An dieser Stelle sei nur gesagt, dass die spanische Arbeiterklasse die Macht nicht ergreifen konnte und das trotz zahlreicher Aufstände, spontaner Versuche der Arbeiter, die Kontrolle über die Fabriken zu übernehmen und der Bauernschaft, das Land zu kollektivieren, trotz der Existenz starker Gewerkschaften und einer beeindruckenden Kampftradition. 1939 wurde ein faschistisches Regime unter Franco errichtet, das sich bis in die 1970er Jahre halten konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In all seiner Kürze ist Trotzkis Text (den er vor seiner Ermordung nicht mehr fertigstellen konnte) reich an politischen Lehren, mit denen die Gründe für solche revolutionären Niederlagen – und wie man Siege vorbereiten kann – erklärt werden können. Dieser Text sollte für alle Sozialisten als Pflichtlektüre gelten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Klasse, Partei und Führung“ eröffnet mit einer Polemik gegen eine kleine, vorgeblich marxistische Zeitschrift mit dem Namen „Que faire?“. Diese begründete in einem Artikel die Niederlage der spanischen Revolution mit der „Unreife“ der Arbeiterklasse. Wenn die Spanische Revolution gescheitert ist, so sei der Fehler bei den Massen selbst zu suchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Schuld auf die Massen abzuschieben, ist in der heutigen Arbeiterbewegung sehr weit verbreitet. Viele Linke sehen tatsächlich die Verantwortung dafür, dass der Kapitalismus noch immer fest im Sattel sitzt, bei der Arbeiterklasse.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Arbeiterklasse sei angeblich „zu schwach“, um die Welt zu verändern – so erklärten sich einige Linke auch das Scheitern der Venezolanischen Revolution in den 2000ern. Trotz einer historischen Mobilisierung während des Putschversuches 2002, obwohl die Arbeiter die Kontrolle über die Betriebe übernahmen und 2019 weitere Putschversuche vereitelten, gibt es immer noch Leute, die behaupten, die venezolanische Arbeiterklasse sei zu schwach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jesús Farías, seines Zeichens führendes Mitglied der Regierungspartei PSUV, erklärte beispielsweise:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wir können ohne den geringsten Zweifel feststellen, dass eines der Haupthindernisse für eine schnellere Entwicklung der sozialistischen Umwälzung im Land die organisatorische, politische und ideologische Schwäche der Arbeiterklasse ist. Sie ist heute unfähig, ihre Rolle als treibende Kraft des sozialen Fortschritts zu spielen.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Yanis Varoufakis, der ehemalige griechische Finanzminister in der Syriza-Regierung von 2015, vertritt ebenfalls diese Argumentationslinie. In einem Artikel mit dem amüsanten Titel „Geständnis eines erratischen Marxisten“ erklärte er 2013, dass die Krise in Europa „nicht mit einer fortschrittlichen Alternative, sondern mit radikal rückschrittlichen Kräften schwanger ist.“ Das schrieb er, nachdem die griechische Arbeiterklasse seit 2008 rund 30 Generalstreiks organisiert hat! Ohne jegliches Vertrauen in die Arbeiterklasse und nur die Möglichkeit eines „Rückschritts“ im Blick behauptete er, dass die einzige Option darin bestünde, eine breite Koalition „einschließlich Rechter“ zu bilden, um die Europäische Union und „den Kapitalismus vor sich selbst zu retten“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andere Journalisten, Intellektuelle und linke Promis sagen, dass die Arbeiterklasse keine Veränderung will und sich nicht für ein „linkes“ Programm begeistern lässt. So etwa der bekannte linke Journalist Paul Mason aus Großbritannien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Großbritannien traten Hunderttausende mit großer Begeisterung der Labour Party bei, als Jeremy Corbyn, der sich selbst als Sozialist bezeichnet, 2015 zum Parteichef gewählt wurde. Nach der Wahlniederlage der Labour Party 2019 trat Corbyn als Vorsitzender zurück. Die Parteirechte hat in der Folge mit Sir Keir Starmer wieder das Ruder an sich gerissen und sich prompt an die Drecksarbeit gemacht, die Partei von Linken zu säubern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mason argumentierte nach Corbyns Niederlage, dass „bestimmte Teile der linken Agenda“ die „traditionelle Arbeiterklasse“ in Großbritannien „abschrecken“ würden: „Offene Grenzen, die Verteidigung der Menschenrechte, allgemeine Sozialleistungen und vor allem Antimilitarismus und Antiimperialismus.“ Allgemeine Sozialleistungen, wie schrecklich! Er fügt hinzu: „Bringt es etwas, eine Geschichte der Hoffnung zu erzählen, wenn die Wählerschaft Veränderungen fürchtet?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Problem sei also, dass die Arbeiterklasse angeblich keine Veränderungen will – sie sogar fürchte. In logischer Konsequenz unterstützte Mason auch Keir Starmer, den moderaten Führer der britischen Labour Party. Mason hat jegliches Vertrauen in die Fähigkeit der Arbeiterklasse als gesellschaftsverändernder Faktor verloren – falls er dieses Vertrauen überhaupt jemals besessen hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">All diese Personen vertreten die Idee, dass die Arbeiter unwillig oder unfähig sind, die Gesellschaft zu verändern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Ideen verschleiern, dass diese Leute keinerlei Vertrauen in die Fähigkeit der Arbeiterklasse haben, eine Revolution durchzuführen und die Gesellschaft zu verändern. Diese Ideen werden von diversen Journalisten, Liberalen und Akademikern verbreitet, haben jedoch über den Weg der Gewerkschaftsbürokratie auch Eingang in die Arbeiterbewegung gefunden. Die Gewerkschaftsführungen, die eigentlich gewählt wurden, um die Arbeiter zu führen, geben genau diesen Arbeitern die Schuld, weil sie angeblich „nicht kampfeswillig sind“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Führungskrise</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie entgegnen Marxisten diesen Argumenten? Warum hat die Arbeiterklasse den Kapitalismus noch nicht gestürzt?<br>Für Marxisten ist der Ausgangspunkt aller Überlegungen die zentrale Rolle der Arbeiterklasse im Kampf zur Veränderung der Gesellschaft. Marxisten haben nichts mit dem Pessimismus und Zynismus jener Intellektuellen gemein, die auf die Arbeiterklasse herabschauen. Die Arbeiterklasse hat in den letzten 100 Jahren bei unzähligen Gelegenheiten alles in ihrer Macht stehende getan, um ihre Unterdrücker zu stürzen und die Gesellschaft zu verändern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber fast jedes Mal war es die Führung der Arbeiterbewegung – entweder der Gewerkschaften oder der großen linken Parteien – die diese Bewegungen gestoppt hat und Kompromisse mit der herrschenden Klasse eingegangen ist, anstatt die Macht zu ergreifen. Dutzende Revolutionen wurden so durch die Führung der Bewegung zurückgehalten. Im „<a href="https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1938/uebergang/index.htm">Übergangsprogramm</a>“ brachte es Leo Trotzki auf den Punkt: „Die historische Krise der Menschheit ist zurückzuführen auf die Krise der revolutionären Führung.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir müssen jedoch aufpassen, nicht eine Karikatur dieser Position einzunehmen. Marxisten vertreten nicht die Idee, dass die Arbeiter immer bereit für Revolution sind, dass sie einfach nur auf eine sozialistische Führung warten, die ihnen den Weg weist. Wenn wir sagen, dass die Führung der Arbeiterbewegung ein Hindernis ist, heißt das umgekehrt nicht, dass die Revolution sofort ausbrechen und den Kapitalismus siegreich stürzen würde, wenn wir nur eine sozialistische Gewerkschaftsführung oder eine revolutionäre Organisation an der Spitze der Arbeiterbewegung hätten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es stimmt nicht, dass die Arbeiter immer kampfbereit sind und nur auf eine gute Führung warten. Eine Massenbewegung lässt sich nicht aus dem Ärmel schütteln. Doch die Geschichte zeigt, dass es entscheidende Momente gibt, in denen die Massen zu kämpfen beginnen: Revolutionen. Die wichtigen Fragen, die sich alle Aktivisten, die die Welt verändern wollen, stellen müssen, sind: Wie können wir unsere Klasse, die Arbeiterklasse, organisieren, um den Kapitalismus zu stürzen? Was ist die Rolle von Sozialisten, um dieses Ziel zu erreichen? Wie können wir uns darauf vorbereiten?</p>



<h3 class="wp-block-heading">Klassenbewusstsein</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Das Klassenbewusstsein der Arbeiter entwickelt sich nicht geradlinig.<br>In einem langen historischen Prozess haben die Arbeiter die Notwendigkeit verstanden, sich zu organisieren. Gewerkschaften wurden geschaffen für den täglichen Kampf mit den Unternehmern. Schließlich organisierten sich die Arbeiter in eigenen Parteien, um ihren politischen Bestrebungen einen Ausdruck zu verleihen. Marx erklärte, dass die Arbeiterklasse ohne Organisation nur Rohmaterial für die kapitalistische Ausbeutung ist. Im Zuge des Klassenkampfs entwickelte die Arbeiterklasse mittels Gewerkschaften oder anderen Organisationen auch einen politischen Kampf. Dieser Prozess ist nicht einheitlich und ist von Land zu Land sehr unterschiedlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist eine Sache zu verstehen, dass man sich organisieren muss, es ist etwas gänzlich anderes, zu dem Schluss zu kommen, dass ein revolutionärer Umsturz des Kapitalismus notwendig ist. Wenn die Arbeiterklasse zu kämpfen beginnt, zieht sie nicht automatisch revolutionäre Schlussfolgerungen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Bewusstsein ist nicht per se revolutionär, im Gegenteil, es ist sogar generell sehr konservativ. Menschen halten an alten Ideen, Traditionen und dem tröstlichen Altbekannten fest. Zuallermeist wollen die Menschen einfach nur in Frieden zu annehmbaren Bedingungen leben. Und wer kann’s ihnen verübeln? Keiner will große Umwälzungen im eigenen Leben. Arbeiter gehen ja nicht zur Arbeit, um zu streiken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Revolutionen sind Ausnahmen in der Geschichte. Arbeiter befinden sich nicht permanent im Kampf – im Gegenteil. Allerdings gibt es eben Zeiten, in denen der Status quo einfach nicht länger aufrechterhalten werden kann. Millionen von Menschen haben die Nase voll, weil sie von Sparprogrammen betroffen sind, weil die Lebenskosten steigen, während die Löhne stagnieren, weil öffentliche Dienstleistungen privatisiert werden, und weil die Reichen immer reicher werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht Revolutionäre machen Revolutionen. Es ist der Kapitalismus selbst, der die Bedingungen schafft, dass sich Millionen gegen die herrschenden Verhältnisse zu erheben beginnen. Millionen von Arbeitern, die gestern noch apathisch waren, strömen am nächsten Tag auf die Straße. Das Bewusstsein von gestern, das hinter den Ereignissen hinterherhinkte, holt mit einem Schlag mit der Realität auf. Und das ist der Moment, in dem Revolutionen ausbrechen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Oft sind es „Zufälle“, die Revolutionen auslösen. Die Arabische Revolution von 2011 begann in Tunesien, als sich ein junger Straßenhändler vor dem örtlichen Regierungsgebäude selbst in Brand setzte. Das war der Funke, der das Feuer entfachte. Eine Massenbewegung folgte, die im Sturz der tunesischen Diktatur kulminierte. Die Bewegung breitete sich dann auf Ägypten und schließlich auf den gesamten arabischen Raum aus. Die Wut, die sich über Jahrzehnte angestaut hatte, brauchte nur einen Funken. Am Beginn fast einer jeden Revolution findet sich solch ein Ereignis.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was ist überhaupt eine Revolution? Leo Trotzki gibt in seiner „<a href="https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1930/grr/b1-vorwo.htm">Geschichte der Russischen Revolution</a>“ folgende Erklärung:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Der unbestreitbarste Charakterzug der Revolution ist die direkte Einmischung der Massen in die historischen Ereignisse. In gewöhnlichen Zeitläufen erhebt sich der Staat, der monarchistische wie der demokratische, über die Nation; Geschichte vollziehen die Fachmänner dieses Handwerks: Monarchen, Minister, Bürokraten, Parlamentarier, Journalisten. Aber an jenen Wendepunkten, wo die alte Ordnung den Massen unerträglich wird, durchbrechen diese die Barrieren, die sie vom politischen Schauplatz trennen, überrennen ihre traditionellen Vertreter und schaffen durch ihre Einmischung die Ausgangsposition für ein neues Regime. Ob dies gut oder schlecht, wollen wir dem Urteil der Moralisten überlassen. Wir selbst nehmen die Tatsachen, wie sie durch den objektiven Gang der Entwicklung gegeben sind. Die Geschichte der Revolution ist für uns vor allem die Geschichte des gewaltsamen Einbruchs der Massen in das Gebiet der Bestimmung über ihre eigenen Geschicke.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieses Zitat fasst das Wesen einer Revolution perfekt zusammen. Es ist vor allem der Einbruch der Massen – die sich heute in ihrer überwältigenden Mehrheit aus Arbeitern zusammensetzen – in die Geschichte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn wir die letzten 100 Jahre und darüber hinaus betrachten, mangelte es nicht an Revolutionen. Es gab kein einziges Jahrzehnt, in dem nicht zumindest eine wichtige Revolution stattgefunden hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Russischen Revolutionen von 1905 und 1917; die Deutsche Revolution 1918-1923 und die Chinesische Revolution 1925-27; die Spanische Revolution 1931-39, die Massenstreiks in Frankreich 1936; die revolutionäre Welle in Italien, Griechenland und Frankreich zwischen 1943-45 und die Chinesische Revolution 1949; die Revolution in Ungarn 1956; der Mai 1968 in Frankreich; die Chilenische Revolution 1970-73, die Revolution in Portugal 1974; die Nicaraguanische Revolution 1980-83, die Revolution in Burkina Faso 1983-87; der revolutionäre Sturz der indonesischen Diktatur 1998; die Revolution in Venezuela unter Hugo Chavez in den 2000ern; die Arabischen Revolutionen 2011.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Liste ließe sich noch um einiges verlängern. In der Geschichte kommt es also immer wieder zu Momenten, in denen die Massen den Status quo nicht länger hinnehmen können. Sie gehen dann auf die Straße und beginnen ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Revolutionen können mit Erdbeben verglichen werden. Keiner kann genau vorhersagen, wann ein Erdbeben ausbricht. Erbeben sind generell auch eher seltene Phänomene. Aber wir können die Bewegung der tektonischen Platten untersuchen und so herausfinden, wo die Bedingungen für ein Erdbeben gegeben sind. Erdbeben passieren nicht ständig, aber sie sind letztendlich unausweichlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genauso ist es auch mit Revolutionen. Keiner kann genau vorhersehen, wann eine Revolution ausbrechen wird. Aber wir studieren die ökonomischen Bedingungen, sehen die anwachsende Wut unter den Unterdrückten und können eine revolutionäre Epoche vorhersehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Unterschied besteht darin, dass Revolutionen von Menschen gemacht werden. Wir können uns darauf vorbereiten und selbst eine Rolle darin spielen, mit dem Ziel, die Revolution zum Sieg zu führen. Aber wie können wir das tun?</p>



<h3 class="wp-block-heading">Spontanität?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie laufen Revolutionen in der Realität ab? Wenn die Arbeiter den Kapitalismus einfach in einem Schwung abschaffen könnten, gäbe es keine Notwendigkeit, sich groß Gedanken über die Revolution zu machen. Es bestünde keine Notwendigkeit in der Arbeiterbewegung Ideen, Programme, konkrete Maßnahmen etc. zu debattieren. Es wäre nicht notwendig, Organisationen mit einem bestimmten Programm aufzubauen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anarchisten betonen sehr stark die Spontanität von Massenbewegungen. Die verschiedenen anarchistischen Theorien laufen fast alle darauf hinaus, dass die Massen irgendwie spontan eine klassenlose Gesellschaft errichten können. Kropotkin&nbsp;<a href="https://www.marxists.org/deutsch/referenz/kropotkin/1910/xx/anarchismus.htm">schreibt in seinem berühmtesten Artikel über den Anarchismus</a>&nbsp;zum Beispiel, dass sein Beitrag darin bestand „zu zeigen, wie sich eine große Stadt während einer revolutionären Periode – sofern ihre Einwohner die Idee akzeptiert haben – dem freien Kommunismus gemäß organisieren kann.“ Er impliziert damit, dass die Arbeiter den Kapitalismus spontan auf revolutionärem Weg überwinden könnten. Kropotkin erklärt dabei allerdings nicht, wie es dazu kommen könnte, dass die Einwohner „die Idee des Kommunismus akzeptieren.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ohne Zweifel gibt es in allen Massenbewegungen und allen Revolutionen ein Element der Spontanität. Das ist zu Beginn sogar ihre Stärke. Spontan strömen Millionen von Menschen, die davor nichts mit Politik am Hut hatten, auf die Straße und überrumpeln die herrschende Klasse. Meistens überrascht der Ausbruch einer Revolution sogar die revolutionären Kräfte selbst. Zur Zeit der Russischen Februarrevolution 1917 hinkten die Bolschewiki in Petrograd den Ereignissen so weit hinterher, dass sie am ersten Demonstrationstag den Arbeitern rieten, nicht auf die Straße zu gehen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber ist das Element der Spontanität ausreichend, um den Kapitalismus zu stürzen? Die Geschichte lehrt uns, dass das nicht der Fall ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und in Wahrheit gibt es in jeder Bewegung, in jedem Kampf, jeder Revolution – egal wie spontan die Ereignisse erscheinen mögen – Gruppen oder Individuen, die eine Führungsrolle spielen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ob es uns gefällt oder nicht: Die Massen drücken ihren politischen Willen durch Organisationen aus, oder zumindest durch Individuen, die eine Führungsrolle spielen, nachdem sie sich das Vertrauen ihrer Kollegen erarbeitet haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Selbst in einer scheinbar spontanen Bewegung hält irgendjemand eine Rede, die die Kollegen in einer Betriebsversammlung davon überzeugt, in den Streik zu treten. Eine Organisation oder ein Individuum schreibt das Flugblatt, das den Arbeitern die Argumente für einen Streik darlegt. Eine Organisation oder ein Individuum bringt die Idee auf, den Betrieb zu besetzen. Diese Ideen kommen nicht aus dem Nichts.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Umgekehrt können Organisationen oder Individuen in der Arbeiterbewegung ihre Autorität auch dafür nützen, den Kampf in geordnete Bahnen zu lenken. Menschen oder Organisationen können für ein Ende des Streiks argumentieren. Manche werden sagen, dass ein Arbeitsplatz nicht besetzt werden kann, weil dadurch das Eigentumsrecht der Bosse verletzt wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Wettstreit um Ideen und Methoden ist nicht von vornherein entschieden. Nicht alle Arbeiter ziehen dieselben Schlussfolgerungen, schon gar nicht gleichzeitig. Eine Minderheit wird die Notwendigkeit einer Betriebsbesetzung, eines Generalstreiks etc. vor dem Rest der Klasse erkennen. In einer Revolution wird eine Minderheit die Möglichkeit erkennen, dass die Arbeiter die Kontrolle über die Wirtschaft übernehmen. Ihre Aufgabe besteht dann darin, den Rest der Arbeiter zu überzeugen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Selbst in einer scheinbar spontanen Bewegung wird die eine oder andere Organisation früher oder später eine führende Rolle spielen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzki erklärt in „<a href="https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1940/xx/klasse.html">Klasse, Partei und Führung</a>“:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Geschichte ist ein Prozess von Klassenkämpfen. Aber die Klassen bringen ihr volles Gewicht nicht automatisch und gleichzeitig zum Tragen. Im Verlauf des Kampfes entwickeln die Klassen verschiedene Organe, die eine wichtige und unabhängige Rolle spielen und Deformationen unterworfen sind. (…) In den entscheidenden Momenten historischer Wendungen kann die politische Führung ein genauso entscheidender Faktor werden wie das Oberkommando in den kritischen Momenten eines Krieges. Geschichte ist kein automatischer Prozess. Warum sonst Führer? Warum Parteien? Warum Programme? Warum theoretische Auseinandersetzungen?“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die unterschiedlichen Strömungen in der Arbeiterbewegung drücken sich in verschiedenen Organisationen aus. Auch Marxisten organisieren sich – und wollen eine revolutionäre Partei aufbauen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Was ist eine revolutionäre Partei?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Begriff „Partei“ hat in bestimmten Schichten der Arbeiterklasse und Jugend heute einen negativen Beigeschmack – und das aus gutem Grund. Die bestehenden politischen Parteien tun alles, um diese Schichten abzustoßen. Selbst die sogenannten „linken“ Parteien beugen sich den Wünschen der Banken und erledigen die Drecksarbeit für die Bürgerlichen, wenn sie an der Macht sind. Manchmal agieren sie sogar härter als die Rechte. Das war beispielsweise bei der Syriza-Regierung in Griechenland 2015 der Fall.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn Marxisten von der Notwendigkeit einer revolutionären Partei sprechen, meinen wir damit keine Wahlmaschinerie. Eine Partei ist nach unserem Verständnis zuallererst Ideen, ein Programm basierend auf diesen Ideen und Methoden, um das Programm umzusetzen. Erst dann kommen die Struktur und die Organisation, die dieses Programm in der Bewegung verbreiten und Menschen dafür gewinnen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie wir bereits erklärt haben, gibt es innerhalb der Arbeiterklasse so etwas wie einen natürlichen Drang zur Organisation, was zur Gründung von Gewerkschaften und Parteien führt. Die unterschiedlichen Strömungen in der Arbeiterbewegung drücken sich in verschiedenen Organisationen aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gewerkschaften versuchen ihrer Natur nach so viele Arbeiter wie möglich zu vereinen. Wer vorschlägt, dass Gewerkschaften nur aus revolutionären Arbeitern bestehen sollen, hätte dann wahrlich schwache Gewerkschaften. Aber eine revolutionäre Partei ist nicht vergleichbar mit einer Gewerkschaft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einem „<a href="https://www.marxists.org/francais/trotsky/oeuvres/1920/07/lt19200731.htm">Brief an einen französischen Syndikalisten über die Kommunistische Partei</a>“ schreibt Trotzki:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Was muss diese initiative Minderheit [die Partei, Anm. d. Autors] sein? Es ist offensichtlich, dass sich nicht nach Berufsgruppen oder Regionen organisieren kann. Es handelt sich nicht um fortschrittliche Metallarbeiter, Eisenbahner oder Tischler, sondern um die klassenbewusstesten Proletarier im ganzen Lande. Sie müssen sich zusammenschließen, ein wohldefiniertes Aktionsprogramm ausarbeiten, durch innere Disziplin eine feste Einheit schmieden und auf diese Weise einen führenden Einfluss auf den gesamten Kampf der Arbeiterklasse sichern: auf ihre Organisationen und vor allem auf ihre Gewerkschaftsverbände.“ (eigene Übersetzung)</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht alle Schichten der Arbeiterklasse und Jugend ziehen gleichzeitig dieselben Schlussfolgerungen. Es gibt auch genügend Arbeiter, die der Meinung sind, dass der Kapitalismus das beste System ist. Andere sind zwar gegen den Kapitalismus, glauben aber nicht, dass er gestürzt werden kann. Wiederum andere stehen dieser Frage gleichgültig gegenüber. Aber einige kommen zu dem Schluss, dass der Kampf für den Sozialismus notwendig ist. Wenn sie das verstanden haben, werden sie auch versuchen, die Arbeiterbewegung für diese Position zu gewinnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Aufgabe dieser sozialistischen Minderheit (Trotzki spricht von den „Kadern“ der Bewegung) besteht selbstverständlich darin, sich zu organisieren und im Klassenkampf das Vertrauen der anderen Schichten der Arbeiterklasse zu gewinnen. In diesem Bestreben werden sie umso effektiver sein, wenn sie sich auf der Grundlage eines gemeinsamen Programms in einer Organisation zusammenschließen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den&nbsp;<a href="https://www.marxists.org/archive/trotsky/1938/tp/tpdiscuss.htm">Diskussionen zum „Übergangsprogramm“</a>&nbsp;erklärte Trotzki:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Was ist nun die Partei? Worin besteht ihr Zusammenhalt? Dieser Zusammenhalt ist ein gemeinsames Verständnis der Ereignisse, der Aufgaben; und dieses gemeinsame Verständnis – das ist das Programm der Partei. Genau wie moderne Arbeiter, weniger noch als einst die Barbaren, nicht ohne Werkzeuge auskommen können, so hat die Partei ihr Werkzeug im Programm. Ohne das Programm muss jeder Arbeiter sein Werkzeug improvisieren bzw. improvisierte Werkzeuge suchen, und eines widerspricht dann dem anderen.“ („Das Übergangsprogramm“, 1997, Arbeiterpresse Verlag, Essen. S. 165.)</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Programm und eine Organisation müssen vor der Revolution herausgebildet werden, so wie sich ein Arbeiter die Werkzeuge beschaffen muss, bevor er an die Arbeit geht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Spanische Revolution: Eine Klasse ohne Partei und ohne Führung</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Was passiert, wenn es keine revolutionäre Führung oder revolutionäre Organisation gibt? Oder wenn die bestehenden Organisationen die Bewegung zurückhalten?<br>In seiner Broschüre „Klasse, Partei und Führung“ analysierte Trotzki die Gründe für die Niederlage der Spanischen Revolution von 1931-39. Dieses inspirierende Ereignis ist das vielleicht tragischste Beispiel dafür, was passiert, wenn die Arbeiterklasse alles versucht, um den Kapitalismus zu stürzen, aber über keine revolutionäre Führung verfügt bzw. wenn sich die bestehenden Organisationen weigern, die Macht zu ergreifen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Krise der 1930er Jahre traf Spanien besonders hart. Die Arbeiterklasse und die Bauernschaft lebten in erdrückender Armut. Die Großgrundbesitzer und Kapitalisten (oft ein und dieselben Personen) hatten den Lebensstandard der Massen auf ein elendes Niveau gedrückt, um die eigenen Profite sichern zu können. 1931 sah sich die herrschende Klasse angesichts einer revolutionären Massenbewegung jedoch gezwungen, die Monarchie aufzugeben, und es wurde die Republik ausgerufen. Doch das allein löste die Probleme der Arbeiter und der armen Bauernschaft nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Februar 1936 brachten die Massen nach zwei Jahren unter einer rechten Regierung die Volksfront an die Macht. Diese Regierung bestand aus der Sozialistischen und der Kommunistischen Partei sowie der POUM (einer linken Partei, die sich selbst als marxistisch bezeichnete, jedoch ständig zwischen revolutionären und reformistischen Methoden schwankte) und hatte auch die Unterstützung des wichtigsten Gewerkschaftsverbandes, der anarchistischen CNT. Diese Arbeiterorganisationen banden auch die bürgerlichen Republikaner in die Regierung mit ein. Um deren Beteiligung zu ermöglichen, sah sich die linke Volksfrontregierung gezwungen ihr Programm abzuschwächen und ihre sozialen Reformvorhaben im Interesse der Bauernschaft und der Arbeiterklasse zu verlangsamen. Das bürgerliche Eigentum blieb unangetastet, und die Volksfrontregierung ging in der Folge sogar so weit, dass sie Arbeitskämpfe unterdrückte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ohne auf die von der Volksfront getätigten Reformversprechungen warten zu wollen, setzten die Arbeiter eigenständig die 44-Stundenwoche und Lohnerhöhungen durch. Sie befreiten die politischen Gefangenen, die unter der rechten Regierung eingesperrt worden waren, und zwischen Februar und Juli 1936 gab es in jeder wichtigen spanischen Stadt zumindest einen Generalstreik. Eine Million Arbeiter befanden sich Anfang Juli 1936 im Streik.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Arbeiterbewegung ging aus der Sicht der Bürgerlichen zu weit. Am 17. Juli 1936 startete General Francisco Franco einen faschistischen Putsch, der die volle Unterstützung der Industriellen und Großgrundbesitzer hatte. Sein Ziel war es, die Regierung zu stürzen, die Gewerkschaften und Arbeiterparteien zu zerschlagen und eine starke Regierung zu bilden, sodass die Kapitalisten die Ausbeutung der Arbeiterklasse und der Bauernschaft fortsetzen konnten, ohne ständig auf kollektive Gegenwehr zu stoßen. Angesichts dieses faschistischen Staatsstreichs weigerten sich die Parteien der Volksfront die Arbeiterklasse zu bewaffnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotz der Passivität dieser Parteien taten die Arbeiter spontan alles in ihrer Macht Stehende, um den faschistischen Putsch abzuwehren. Sie ergriffen Stöcke, Küchenmesser und andere Waffen, die sie bei Hand hatten, verbrüderten sich mit den Soldaten und drangen in die Kasernen ein, um an echte Waffen zu gelangen. Sie bildeten Arbeitermilizen, die die bürgerliche Polizei ersetzten. Zusätzlich zu diesen „militärischen“ Verteidigungsmaßnahmen gegen den Faschismus ergriffen die Arbeiter auch ökonomische Maßnahmen. In Katalonien gingen der Transport und die Industrie fast vollständig in die Kontrolle von Arbeiter- und Fabrikkomitees über. Neben der Zentralregierung in Madrid und der Regierung in Katalonien war eine zweite Macht im Entstehen begriffen – eine Arbeiterdemokratie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber was folgte darauf? Die Führung aller Organisationen – die der Sozialistischen und der Kommunistischen Partei, der POUM und der anarchistischen CNT – bremsten die Bewegung. In Katalonien waren sie daran beteiligt, die Arbeiterkomitees wieder aufzulösen. Die sozialistischen und kommunistischen Parteiführungen waren ganz vorne mit dabei, wenn es darum ging, den Arbeiter zu erklären, dass sie nicht die Fabriken besetzen, sondern besser heimgehen und den Kampf gegen den Faschismus der bürgerlichen Regierung überlassen sollten. Die POUM hechelte den anderen Organisationen hinterher und trat im Herbst 1936 in Katalonien in die bürgerliche Regierung ein, die Strafmaßnahmen zur Eindämmung der Revolution beschloss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Besonders beachtenswert ist hier die Haltung der anarchistischen Führung des Gewerkschaftsverbandes CNT. Damals prahlten sie sogar damit, dass sie die Macht ergreifen hätten können: „Wenn wir die Macht ergreifen hätten wollen, so wäre das im Mai [1937] sicherlich möglich gewesen. Aber wir sind gegen eine Diktatur.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weil sie Anarchisten waren, und daher ganz generell gegen jede Form von Herrschaft sind, weigerten sich die Führer der CNT die Arbeitermacht abzusichern, die gerade entstanden war. Dadurch wurde eine riesige Chance vergeben. Aber dieselben Anarchisten, die sich weigerten im Namen der Arbeiterklasse die Macht zu übernehmen, hatten kein Problem damit, in Katalonien in die bürgerliche Regierung einzutreten!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Arbeiter wurden dadurch schwer demoralisiert. Diese tragische Geschichte endete mit dem Sieg Francos im Bürgerkrieg 1936-39 und der Machtergreifung durch den Faschismus.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Warum wurde die Spanische Revolution besiegt?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Arbeiterklasse nahm spontan den Kampf gegen den Faschismus auf und ergriff vor allem in Katalonien die Kontrolle in den Betrieben. Die Arbeiter taten genau das, was damals notwendig war. Aber die Führungen aller Arbeiterorganisationen schoben dieser Bewegung von unten einen Riegel vor. Wie Trotzki in „<a href="https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1940/xx/klasse.html">Klasse, Partei und Führung</a>“ erklärt, ist es in einer solchen Situation nicht leicht für die Arbeiterklasse, den Konservativismus der eigenen Führung zu überwinden:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Man muss schon absolut gar nichts auf dem Gebiet der gegenseitigen Beziehungen zwischen der Klasse und Partei, zwischen den Massen und der Führung begriffen haben, um die leere Phrase nachzuplappern, die spanischen Massen seien einfach ihren Führern gefolgt. Sie versuchten zu jeder Zeit, auf den richtigen Weg zu gelangen. Das einzige was gesagt werden kann, ist, dass es über die Kraft der Massen ging, mitten im Kampf eine neue Führung aufzubauen, die den Erfordernissen der Revolution entsprochen hätte. Wir stehen vor einem zutiefst dynamischen Prozess, wo die verschiedenen Stadien der Revolution sehr schnell auf einander folgen, wo die Führung oder verschiedene Teile der Führung plötzlich zum Klassenfeind überlaufen“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Und weiter:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Aber sogar dann, wenn die alte Führung ihre innere Korruption offenbart hat, kann die Klasse sich nicht aus dem Stegreif eine neue Führung schaffen, zumal wenn sie nicht aus der vorangegangenen Periode starke revolutionäre Kader ererbt hat, die fähig sind, sich den Zusammenbruch der alten führenden Partei zunutze zu machen.“</em></p>



<h3 class="wp-block-heading">Eine aktuelle Frage</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Spanische Revolution war bei weitem kein Einzelfall, und ihre Lehren sind alles andere als nur eine Sache der Vergangenheit.<br>Erst 2019 brach in Lateinamerika, Nordafrika und im Nahen Osten eine neuerliche revolutionäre Welle aus. In Chile, Ecuador, Kolumbien, im Irak, im Libanon, in Algerien und im Sudan sahen wir überall Generalstreiks, Massenbewegungen von teilweise revolutionärem Ausmaß. Und überall stellte sich dieselbe Frage nach der revolutionären Führung. Das Fehlen einer solchen Organisation war ganz entscheidend für den vorläufigen Ausgang dieser Ereignisse.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Beispiel der Revolution im Sudan ist besonders eindrücklich. Im Dezember 2018 brach eine Massenbewegung gegen den Diktator Umar al-Baschir aus. Die extreme Armut, die vom IWF erzwungene Sparpolitik und die massive Arbeitslosigkeit brachten die Massen auf die Straßen. Die revolutionären Aktivisten besetzten in der Hauptstadt Khartum große Plätze.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein&nbsp;<a href="https://www.ft.com/content/3b84079a-6684-11e9-a79d-04f350474d62">Artikel in der „Financial Times“</a>&nbsp;beschrieb die Situation wie folgt:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Man kann nicht genau wissen, wie es sich 1917 in Russland angefühlt haben muss, als der Zar gestürzt wurde, oder in Frankreich 1871 in den aufregenden, von Idealismus erfüllten Tagen der kurzlebigen Pariser Kommune. Aber es muss sich in etwa so angefühlt haben, wie Khartum im April 2019.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war eine wahrhafte Revolution! Im April war die herrschende Klasse gezwungen, den Diktator fallen zu lassen. Ein Militärischer Übergangsrat wurde gebildet, um den Machterhalt des Militärs zu sichern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die tragende Organisation hinter den Protesten war die „Sudanese Professionals Association“ (SPA). Diese rief zu Demonstrationen und Ende Mai sogar zu einem Generalstreik auf und forderte die Armee zum Machtverzicht auf. Der Generalstreik legte das Land komplett lahm.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anfang Juni entsandte das Regime Milizen, um die Platzbesetzung in Khartum aufzulösen. Die Massen ließen sich dadurch aber nicht einschüchtern und die SPA organisierte einen weiteren Generalstreik, der ebenfalls erfolgreich war. Verteidigungskomitees wurden gegründet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier gab es eine wirkliche Chance zur Machtübernahme durch die Massenbewegung, eine Chance, die Kontrolle über die Wirtschaft zu ergreifen. Doch die SPA rief stattdessen dazu auf, den Streik zu beenden. Dann verhandelte sie mit dem Militärrat eine dreijährige Übergangsphase bis zu demokratischen Wahlen aus. Das Ergebnis ist, dass heute, zwei Jahre später, immer noch das Militär an der Macht ist und das Elend weiter besteht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was fehlte im Sudan? Die Arbeiter traten zweimal in den Generalstreik, besetzten trotz Repression die Plätze und bildeten Basiskomitees, um die Bewegung zu organisieren. Die Arbeiter gaben auch in diesem Fall ihr Bestes. Sie hätten die Macht ergreifen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch die Organisationen, die in den Augen der Massen über große Autorität verfügten, schlossen einen Kompromiss mit dem Militär, anstatt die Macht zu ergreifen. Wie wir bereits erklärt haben, kann man in einer solchen Situation keine neue Organisation improvisieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ob es einem gefällt oder nicht: Man kann der Notwendigkeit, sich zu organisieren, nicht entkommen. Solange die Arbeiterbewegung von der falschen Führung angeleitet wird, solange die Arbeiterorganisationen die Bewegung zurückhalten, besteht unsere Aufgabe darin, in Vorbereitung auf künftige revolutionäre Bewegungen eine politische Alternative aufzubauen – und zwar eine genuin revolutionäre Partei.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Russische Revolution 1917</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Diskutiert man die Rolle einer revolutionären Partei, kommt man nicht umhin, auf die Erfahrungen der Russischen Revolution von 1917 einzugehen.<br>Nicht ohne Grund widmen wir dem Studium dieser Revolution so viel Zeit. Zum ersten Mal in der Geschichte – abgesehen von der kurzen Episode der Pariser Kommune 1871 – ergriffen die Arbeiter und die Unterdrückten die Macht, stürzten den Kapitalismus und unternahmen die ersten Schritte im Aufbau einer Arbeiterdemokratie und einer sozialistischen Gesellschaft. Die Siege der Vergangenheit studieren, kann einen wichtigen Beitrag leisten in der Vorbereitung auf zukünftige Kämpfe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Sieg der russischen Arbeiterklasse im Oktober 1917 kam nicht von ungefähr.<br>Im Februar 1917 befand sich Russland inmitten eines verheerenden Weltkriegs. An der Front wollten die Arbeiter und Bauern „in Uniform“ nicht länger für Interessen, die nicht die ihren waren, kämpfen. Die Arbeiter in den Fabriken und ihre Familien litten Hunger. Der Status quo war nicht länger erträglich. Auf Initiative der Petrograder Arbeiter traten auch die männlichen Arbeiter in der Stadt in den Streik und nach einer Woche der Massenmobilisierungen musste der Zar zurücktreten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Zuge des Kampfes bildete sich der Petrograder Sowjet (=Rat), und Sowjets sprossen in ganz Russland aus dem Boden. Die Sowjets waren erweiterte Streikkomitees, die dafür zu sorgen begannen, dass die Gesellschaft im Interesse der Arbeiter funktionierte. De facto hatten die Sowjets die Macht in ihren Händen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch neben den Sowjets bildete die Bourgeoisie in ihrem verzweifelten Versuch, den Kapitalismus zu retten, eine „provisorische Regierung“. Diese „Doppelherrschaft“ hielt bis zum Oktober 1917 an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zwischen Februar und Oktober, das von mehreren Auf und Abs der Revolution gekennzeichnet war, bewies die provisorische Regierung, dass sie keinerlei Interesse daran hatte, die Forderungen der Massen zu erfüllen: Friede, Brot und Land.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den ersten Monaten der Revolution hatten in den Sowjets die damaligen reformistischen Parteien, die Sozialrevolutionäre (SR) und die Menschewiki, eine Mehrheit. Sie nützten ihre Position dafür, der bürgerlichen provisorischen Regierung das Vertrauen der Sowjets zu sichern. Führende Vertreter dieser Parteien traten sogar in diese Regierung ein. Die Menschewiki und SR glaubten, dass es „zu früh“ für die Machtübernahme durch die Arbeiterklasse sei, dass die Bourgeoisie das Land führen sollte und der Kampf für den Sozialismus erst später auf die Tagesordnung kommen sollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit der Zeit diskreditierten sich die Menschewiki und die SR jedoch in den Augen der Arbeiter, der Soldaten und der Bauernschaft. Doch zum Glück gab es eine Alternative. Die Massen wandten sich den Bolschewiki unter der Führung von Lenin und Trotzki zu. Diese hatten Monate damit verbracht, geduldig zu erklären, dass es notwendig und möglich war, den Bürgerlichen die Macht zu entreißen. Das war die Grundlage, um das Vertrauen der Massen gewinnen zu können. So konnten die Bolschewiki die immense Energie und Initiative der Massen für den Sieg im Oktober 1917 nutzen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die bolschewistische Partei und Lenin</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In der Russischen Revolution übernahmen die Arbeiter zum ersten Mal in der Geschichte die Macht. Warum waren sie erfolgreich, wo so viele andere Bewegungen gescheitert sind?<br>Es kann nicht daran liegen, dass die russischen Arbeiter im Vergleich etwa zu den spanischen Arbeitern der 1930er eine größere politische „Reife“ an den Tag legten. Es lag auch nicht daran, dass die russischen Arbeiter kämpferischer waren als die spanischen. Der Unterschied lag schlicht und ergreifend in der Existenz der bolschewistischen Partei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Bolschewiki hatten die Russische Revolution nicht losgetreten. Obwohl Bolschewiki in der Februarrevolution durchaus schon eine führende Rolle spielten, war die revolutionäre Stimmung der Massen ein direktes Resultat der desaströsen Lage im Land. Trotzki ging auf diese Frage in seiner „<a href="https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1930/grr/b2-kap03.htm">Geschichte der Russischen Revolution</a>“ ein:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Man beschuldigt uns, daß wir die Stimmung der Massen erzeugen; das ist eine Unwahrheit, wir versuchen nur, sie zu formulieren.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genau das ist die Rolle einer marxistischen Organisation: Sie muss bewusst formulieren, was die Arbeiter halb-bewusst oder unbewusst bereits verstanden haben. Aber die bolschewistische Partei bildete sich nicht erst spontan im Jahr 1917, sondern konnte auf eine lange Geschichte zurückblicken. Der Aufbau einer revolutionären Partei kann nicht von einem Tag auf den anderen, inmitten revolutionärer Ereignisse passieren, sondern braucht Zeit und Kraft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die russischen Marxisten hatten ihre Arbeit in den 1880er und 1890er Jahren begonnen. Sie bildeten kleine, noch sehr isolierte Gruppen, die Lesezirkel organisierten, um marxistische Theorie zu studieren. 1898 wurde die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) offiziell gegründet. Die Spaltung der SDAPR in zwei Fraktionen, die Bolschewiki und Menschewiki, fand 1903 statt. Die Bolschewiki verteidigten konsequent den Marxismus und 1912 trennen sie sich endgültig von den Menschewiki, um eine unabhängige Partei zu gründen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Heute hören wir oft, dass sich die Linke einfach zusammentun und ihre Unterschiede beiseitelegen sollte. Wir werden gefragt: Warum gibt es so viele sozialistische oder linke Organisationen? Warum beharrt die IMT so sehr auf marxistischer Theorie? Die Wahrheit ist jedoch, dass durch eine Vereinigung von Gruppen ohne tatsächlicher politischer Übereinstimmung Handlungsunfähigkeit vorprogrammiert ist. Theoretische Differenzen werden dann bei jeder wichtigen Frage zutage treten und die „vereinte“ Organisation wird nicht vom Fleck kommen. Ein Kajak, in dem zwei Personen in unterschiedliche Richtung paddeln, dreht sich im Kreis, während eine einzelne Person vorwärts kommt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jede politische Gruppe stützt sich auf die eine oder andere Theorie. Das ist eine der wichtigsten Lehren aus der Geschichte des Bolschewismus.&nbsp;<a href="https://sites.google.com/site/sozialistischeklassiker2punkt0/lenin/1900/wladimir-i-lenin-ankuendigung-der-redaktion-der-iskra">Lenin erklärte schon 1900</a>:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ehe wir uns einigen und um uns zu einigen, müssen wir uns zunächst entschieden und bestimmt voneinander abgrenzen. Sonst wäre unsere Einigung nur eine Fiktion, die die vorhandene Zerfahrenheit verhüllt und ihre radikale Beseitigung behindert. Es ist also begreiflich, dass wir nicht die Absicht haben, unser Blatt zu einem einfachen Sammelplatz der verschiedenartigen Anschauungen zu machen. Wir werden es, im Gegenteil, im Geiste einer streng festgelegten Richtung führen. Diese Richtung kann durch das eine Wort: Marxismus gekennzeichnet werden (…)“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">15 Jahre lang bauten die Bolschewiki auf Basis eines gemeinsamen Programms geduldig eine Organisation auf. Sie bildeten schon vor Ausbruch der Revolution ihre Mitglieder in den Ideen des Marxismus aus, mit dem Ziel, dass diese eine führende Rolle in der Arbeiterbewegung spielen sollten. Das Studium der Theorie und der Geschichte ist für den Aufbau einer revolutionären Organisation auch heute noch essenziell.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hätte es 1917 in Russland nur die Menschewiki und Sozialrevolutionäre gegeben, sie hätten mit Sicherheit die Revolution in eine Niederlage geführt. Glücklicherweise gab es in Gestalt der Bolschewiki eine Alternative, die im Laufe des Jahres 1917 die Arbeiter für sich gewinnen konnten – und zwar auf Grundlage der Erfahrungen, die die Massen zwischen Februar und Oktober selbst machten. Das erklärt auch Trotzki in „<a href="https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1940/xx/klasse.html">Klasse, Partei und Führung</a>“:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Nur schrittweise, nur auf der Grundlage ihrer eigenen Erfahrung durch mehrere Stadien hindurch können die breiten Schichten der Massen sich schließlich davon überzeugen, dass eine neue Führung entschlossener, verlässlicher, ergebener ist als die alte. Freilich, in einer Revolution, d.h. wenn sich die Ereignisse überschlagen, kann eine schwache Partei rasch zu einer mächtigen heranwachsen, falls sie klar den Verlauf der Revolution begreift und zuverlässige Kader besitzt, die sich nicht an Phrasen berauschen und nicht durch Verfolgungen einschüchtern lassen. Aber eine solche Partei muss schon vor der Revolution bestehen, weil der Erziehungsprozess der Kader eine beträchtliche Zeit in Anspruch nimmt, und die Revolution diese Zeit nicht gewährt.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">In Russland existierte diese Partei rechtzeitig. Im Februar 1917 zählten die Bolschewiki rund 8.000 Mitglieder. Zur Zeit der Machtübernahme im Oktober waren sie auf Basis ihrer korrekten politischen Perspektive auf 250.000 Mitglieder angewachsen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Rolle der Führung innerhalb der Partei</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Aber wie gelangten die Bolschewiki zu einer korrekten politischen Perspektive? Ist die Existenz einer Partei an und für sich schon ausreichend?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Aufstieg der Bolschewiki bis zur Machtübernahme war kein geradliniger. Es ist nicht allgemein bekannt, aber zwischen März und April 1917 hatte die Führung der Bolschewiki, die sich in Russland befand, keinerlei Bestrebungen, den Kampf um die Macht zu führen. Lenin und Trotzki waren zu der Zeit noch auf dem Weg aus dem Exil zurück nach Russland, und die Führung der Bolschewiki in Petrograd bestand zu jener Zeit aus Stalin und Kamenew. Unter ihrer Führung vertrat die bolschewistische Zeitung „Prawda“ im Wesentlichen die Linie der Menschewiki, sprich, es sei „noch zu früh“ für die Machtübernahme durch die Arbeiterklasse.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einige Basismitglieder der bolschewistischen Partei lehnten diese Linie ab. Sie waren mitten im Geschehen aktiv und verstanden, dass es möglich und notwendig war, dass die Arbeiter mittels der Sowjets die Macht übernehmen. Die Macht im Land lag de facto bereits in den Händen der Sowjets, doch diese mussten ihre Macht erst noch absichern. Was sollten sie dem Argument entgegnen, es sei „noch zu früh“ für die Machtübernahme?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzki schreibt in der „<a href="https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1930/grr/b1-kap16.htm">Geschichte der Russischen Revolution</a>“:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Den revolutionären Arbeitern fehlten nur die theoretischen Mittel, um ihre Positionen zu verteidigen. Doch waren sie bereit, den ersten Zuruf mit Widerhall zu beantworten.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Zuruf kam mit Lenins Rückkehr nach Russland im April 1917. Lenin vertrat von da an folgende Position: Die Arbeiterklasse könne gemeinsam mit der armen Bauerschaft die Macht mittels der Sowjets ergreifen. Sie könne so nicht nur die Bauern befreien, Frieden bringen und den Arbeitern Brot geben, sondern auch eine internationale sozialistische Revolution lostreten und in Russland die ersten Aufgaben einer sozialistischen Revolution angehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im April 1917 war Lenin der einzige Führer der Bolschewiki, der diese Perspektive verteidigte (Trotzki war noch nicht in Russland angekommen und trat erst im Juli der Partei bei). Aber aufgrund seiner enormen persönlichen Autorität und insbesondere, weil seine Politik mit den Erfahrungen der bolschewistischen Basisaktivisten übereinstimmte, gelang es Lenin die bolschewistische Partei bei einer Konferenz Ende April von seiner Perspektive zu überzeugen. Von diesem Moment an war es das erklärte Ziel der Bolschewiki unter der Führung Lenins den Arbeitern geduldig die Notwendigkeit einer Machtübernahme durch die Sowjets zu erklären.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was wäre passiert, wenn Lenin nicht rechtzeitig nach Russland zurückgekommen wäre? In einer Revolution ist Zeit ein entscheidender Faktor. Die anderen Führer der Bolschewiki hätten vielleicht die Notwendigkeit der Sowjetmacht verstanden, aber es ist nicht gesagt, ob sie rechtzeitig zu diesem Schluss gekommen wären, als die Arbeiter noch in Bewegung waren. Die Arbeiterklasse kann nicht in einem permanenten Zustand der Mobilisierung bleiben. Ab einem gewissen Punkt gelingt es entweder die Revolution zum Sieg zu führen, oder es machen sich Zweifel und Apathie breit. Hätte Lenin 1917 nicht mit seiner eigenen Linie interveniert, dann hätten die Bolschewiki höchstwahrscheinlich die Chance verpasst. Es reicht also nicht, eine Partei zu haben; die Partei braucht auch eine Führung, die einen klaren Plan hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine siegreiche sozialistische Revolution kann nur erfolgreich sein, wenn die Arbeiterklasse eine aktive Rolle in der Bewegung spielt. Aber die Arbeiterklasse braucht eine Partei. Und diese Partei braucht eine Führung, die weiß, was sie tut. Diese drei Elemente sind der Schlüssel für den Erfolg einer jeden Revolution.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Rolle des Individuums in der Geschichte</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Vergleicht man Spanien und Russland könnte man sich die Frage stellen, ob es nicht einfach Zufall war, dass die russische Arbeiterklasse auf eine Persönlichkeit wie Lenin zählen konnte? Hätte es nicht einfach einen spanischen Lenin gebraucht und die Geschichte hätte einen ganz anderen Verlauf genommen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erstens kam Lenin nicht als Lenin zur Welt: In gewisser Weise war er auch nur ein Produkt der russischen Arbeiterbewegung. Lenin war, was seine Persönlichkeit anlangt, das Ergebnis der Arbeit zum Aufbau einer revolutionären Partei, zu der er selbst ganz wesentlich beigetragen hatte. Ohne die Partei hätte Lenin seine Ideen 1917 nicht verbreiten können und nicht seine Rolle spielen können. Umgekehrt rührte aber Lenins Autorität in der Partei zum großen Teil gerade davon, dass er sie fast 25 Jahre lang geduldig mitaufgebaut hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzki fasst diesen Gedanken in „<a href="https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1940/xx/klasse.html">Klasse, Partei und Führung</a>“ perfekt zusammen:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ein kolossaler Faktor für die Reife des russischen Proletariats im Februar oder März 1917 war Lenin. Er war nicht vom Himmel gefallen. Er verkörperte die revolutionäre Tradition der Arbeiterklasse. Damit Lenins Parolen ihren Weg zu den Massen finden konnten, mussten Kader existieren, selbst wenn es anfangs nur wenige waren; die Kader mussten Vertrauen in die Führung haben, ein Vertrauen, das auf der gesamten Erfahrung der Vergangenheit basierte. (…) Die Rolle und die Verantwortung der Führung in einer revolutionären Epoche ist enorm.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ähnliches schreibt Trotzki auch in der „<a href="https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1930/grr/b1-kap16.htm">Geschichte der Russischen Revolution</a>“:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Lenin war kein zufälliges Element der historischen Entwicklung, sondern Produkt der gesamten vergangenen russischen Geschichte. Er war tief in ihr verwurzelt. Gemeinsam mit den fortgeschrittenen Arbeitern hatte er während des vorangegangenen Vierteljahrhunderts ihren ganzen Kampf mitgemacht. (…) Lenin stand der Partei nicht von außen gegenüber, sondern er war ihr vollendetster Ausdruck. Indem er sie erzog, erzog er sich an ihr.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die revolutionäre Führung, die Lenin und die Bolschewiki verkörperten, kam nicht von irgendwo. Sie war das Ergebnis eines Vierteljahrhunderts geduldiger Aufbauarbeit. Indem er die Partei aufbaute, wurde Lenin zu dem Mann, der als Revolutionsführer in die Geschichte einging. Tausende andere Bolschewiki wurden ebenfalls Führer der Arbeiterbewegung, indem sie die Partei aufbauten. Diese Tatsache lässt sich anhand einer Anekdote veranschaulichen, wonach ein einziger Bolschewik in einer Fabrik alle seine Kollegen für das Parteiprogramm gewinnen konnte. Diese Autorität rührte von der ganzen Arbeit, mit der diese bolschewistischen Arbeiter die Partei aufgebaut hatten. Der Aufbau der Partei ist dialektisch mit der Herausbildung jener Individuen verknüpft, die in der Revolution eine derart entscheidende Rolle spielen konnten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Russische Revolution ist ein bestechendes Beispiel für die Rolle des Individuums in der Geschichte. Der Aufbau einer revolutionären Organisation ist ein kollektives Unterfangen, das jedoch erst die Herausbildung von Individuen ermöglicht, die in der Bewegung eine entscheidende Rolle spielen können. Das Ganze ist größer als die Summe seiner Teile; und die Stärkung des Ganzen stärkt wiederum seine Teile! Wir müssen das für die heutige Zeit verinnerlichen und die Erfahrung der Bolschewiki zum Ausgangspunkt unserer Arbeit machen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tragischerweise ereilte eine Zeitgenossin der Bolschewiki, die großartige Marxistin Rosa Luxemburg, ein ganz anderes Schicksal. Sie verbrachte ihr Leben mit dem Kampf gegen die reformistische Bürokratie in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Doch sie baute, anders als Lenin und die Bolschewiki in der SDAPR, keine revolutionäre Fraktion innerhalb der Partei auf. Der Spartakusbund gründete sich erst 1916 und selbst da war es mehr ein dezentrales Netzwerk denn eine revolutionäre Organisation.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als die Revolution in Deutschland im November 1918 ausbrach, hatte der Spartakusbund kaum Verbindungen zu den Massen. Im Dezember 1918 beteiligte sich der Bund an der Gründung der Kommunistischen Partei (KPD). Doch von Beginn an zeichnete sich die Partei durch einen stark sektiererischen Zugang aus, was die Arbeit der Partei massiv erschwerte. Die Parteiaktivisten weigerten sich in den Gewerkschaften zu arbeiten und die Partei boykottierte die Parlamentswahlen, die ihnen eine Bühne zur Verbreitung ihrer Ideen geboten hätten. In dieser jungen Kommunistischen Partei trat Rosa Luxemburg gegen diesen Linksradikalismus auf. Doch sie hatte keine Gruppe von Kadern um sich, die die politische Situation so gut einschätzen konnte, wie sie selbst, und die ihre Ideen verbreiten hätte können. In der Folge beging die Kommunistische Partei einen Fehler nach dem anderen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Jänner 1919 provozierte die sozialdemokratische Regierung einen Aufstand der Arbeiterklasse in Berlin, um so die fortschrittlichsten Schichten der Arbeiterklasse, insbesondere jene, die sich in der KPD zusammengeschlossen hatten, zu isolieren und zu unterdrücken. Die Unerfahrenheit und die mangelnde Verankerung der jungen KPD innerhalb der Arbeiterklasse führten dazu, dass sie sich auf diese Provokation einließ. Im Zuge dieser Ereignisse, die als Spartakusaufstand in die Geschichte eingingen, wurde Rosa Luxemburg gemeinsam mit Karl Liebknecht, dem anderen großen Führer der Deutschen Revolution von 1918, ermordet. Die Tatsache, dass Rosa Luxemburg nicht rechtzeitig eine revolutionäre Partei aufgebaut hatte, führte zu einer tragischen Niederlage und zu ihrem eigenen Tod, womit die Avantgarde der deutschen Arbeiterklasse ihren wichtigsten Kopf verlor. Von 1919 bis 1923 schaffte es die Kommunistische Partei ohne ihre zwei wichtigsten Führungspersönlichkeiten nicht, die Arbeiterklasse zur Macht zu führen. Die Russische und die Deutsche Revolution können trotz ihres unterschiedlichen Ausgangs beide zur Untermauerung einer zentralen These des Marxismus herangezogen werden: Damit eine sozialistische Revolution siegreich sein kann, braucht es notwendigerweise eine revolutionäre Führung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einige Tage vor ihrer Ermordung zog Rosa Luxemburg wichtige Schlussfolgerungen aus den Erfahrungen der ersten Monate der Deutschen Revolution. Mit dem „Spontaneismus“, der ihr von vielen ihrer angeblichen Anhänger zugeschrieben wird, haben&nbsp;<a href="https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1919/01/versagen.htm">folgende Gedanken</a>&nbsp;jedenfalls wenig zu tun:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Der bisherige Zustand der mangelnden Führung, des fehlenden Organisationszentrums der Berliner Arbeiterschaft ist unhaltbar geworden. Soll die Sache der Revolution vorwärts gehen, soll der Sieg des Proletariats, soll der Sozialismus mehr als ein Traum bleiben, dann muß sich die revolutionäre Arbeiterschaft führende Organe schaffen, die auf der Höhe sind, die die Kampfenergie der Massen zu leiten und zu nutzen verstehen.“</em></p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Führung der Bewegung heute</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist kein Geheimnis, dass die marxistische Bewegung weltweit über eine ganze geschichtliche Epoche hinweg zurückgeworfen worden ist. Der Nachkriegsaufschwung gab dem Reformismus im Westen eine neue Grundlage und mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ging eine beispiellose ideologische Offensive gegen den Marxismus einher. Die überheblichsten Wortführer der Bourgeoisie, wie Francis Fukuyama, riefen sogar das „Ende der Geschichte“ aus, denn die Geschichte hätte in der liberalen Demokratie ihren absoluten Höhepunkt erlangt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während die 1970er Jahre eine Zeit der Massenbewegungen und Revolutionen gewesen war, erlitt die Arbeiterbewegung in den 1980er und 1990er einmal mehr schwere Rückschläge. In den folgenden Jahrzehnten rückten die Organisationen der Arbeiterbewegung weit nach rechts.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Beispiel: In der kanadischen Provinz Québec strich der größte Gewerkschaftsbund FTQ sein Bekenntnis zum „demokratischen Sozialismus“ aus dem eigenen Programm und der zweitgrößte Gewerkschaftsbund CSN verabschiedete sich von seinen antikapitalistischen Wurzeln, die in der Programmschrift „Ne comptons que sur nos propres moyens“ („Wir können uns nur auf unsere eigene Kraft verlassen“, Anm. d. Ü.) festgeschrieben standen. Zu oft stehen heute Leute an der Spitze der Arbeiterbewegung, die mit dem Kapital zusammenarbeiten, anstatt die Mitglieder zu mobilisieren. Zum Beispiel sagte der derzeitige Präsident der CSN zum 50. Jahrestag der Gründung der Industriellenvereinigung in Québec: „Wir haben manchmal Auseinandersetzungen und verschiedene Sichtweisen, aber wir kommen sehr gut miteinander aus, wenn es darum geht Arbeitsplätze zu schaffen, gute Arbeitsbedingungen herzustellen und das Wirtschaftswachstum in Québec zu fördern.“ Das ist bei weitem kein Einzelfall. Das ist heute de facto weltweit der Zustand der Führung der Arbeiterbewegung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Innerhalb der Arbeiterbewegung sind die Marxisten mit der Unterstellung konfrontiert, wir würden behaupten, die Arbeiter wären immer kampfbereit, wenn es nur eine revolutionäre Führung gäbe. Man unterstellt uns, wir würden die Meinung vertreten, die Gewerkschaftsführungen könnten jederzeit wie durch Magie Massenbewegungen lostreten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist aber eine völlige Karikatur der marxistischen Herangehensweise an die Beziehung zwischen der Arbeiterklasse und ihrer Führung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie wir schon erklärt haben, sind die Arbeiter nicht ständig kampfbereit. Revolutionen sind überhaupt historische Ausnahmesituationen, die unweigerlich aus dem Klassenkampf selbst entstehen. Aber was passiert vor einer Revolution? Welche Rolle sollte die Führung der Arbeiterbewegung spielen, wenn es keine revolutionäre Situation gibt – das heißt, die meiste Zeit über?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf die Gefahr hin, dass wir uns wiederholen: Die Arbeiterklasse ist keine homogene Masse. Bis zum Tag der Revolution wird es apathische Schichten geben, skeptische Schichten, und andere, die gegen die Angriffe des Kapitals entschlossen kämpfen wollen. Der widersprüchliche und heterogene Charakter des Klassenbewusstseins ist ein Fakt, den wir als Ausgangspunkt für unsere strategischen Überlegungen begreifen müssen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gewerkschaftsführer haben nicht die Macht, einfach mit dem Finger zu schnipsen und dann treten alle in den Streik. Aber eine gute Führung kann die Basis auf kommende Klassenkämpfe vorbereiten, einen Aktionsplan entwerfen und die Gewerkschaftsmitglieder schulen, damit sie zum Aufbau einer Massenbewegung beitragen können. Nein, es ist nicht möglich, einfach aus dem Nichts eine Massenbewegung zu organisieren. Aber ja, es ist möglich, die Arbeiter zu schulen, welche Forderungen und welche Kampfmethoden es in den kommenden Kämpfen brauchen wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein sehr gutes Beispiel dafür, was eine gute politische Führung erreichen kann, liefert der Studierendenstreik, der 2012 in Québec stattfand. 2010 deutete die liberale Regierung in Québec an, dass die Studiengebühren erhöht werden würden. Schon damals begannen die Aktivisten an den Unis damit, sich zu organisieren und auf einen Abwehrkampf vorzubereiten. Im März 2011 wurde offiziell verkündet, dass die Studiengebühren mit Herbst 2012 um 75% angehoben werden würden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Führung der ASSÉ, der damals radikalsten Studierendengewerkschaft, nutzte das Jahr 2011 dafür, die Studierenden darüber zu informieren, was die Erhöhung der Studiengebühren bedeuten würde. Die Mobilisierung der Studierenden zielte ganz bewusst darauf ab, einen unbefristeten Generalstreik zu organisieren. Die meisten ASSÉ-Aktivisten, die sich wohl als Anarchisten bezeichnet hätten, würden sicherlich nicht wollen, dass der Begriff „Führung“ mit ihrer Aktivität in Zusammenhang gebracht wird, aber man kann die Realität nicht ändern, indem man Dingen einen anderen Namen gibt. Auf jeden Fall spielten diese Aktivisten eine führende Rolle, und zwar auf eine gute Art und Weise!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Da die Regierung nicht bereit war, von ihren Plänen abzurücken, organisierte die ASSÉ-Führung den größten Unistreik in der Geschichte Nordamerikas.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine führende Rolle zu spielen, steht in keiner Weise im Widerspruch zur größtmöglichen Einbeziehung der Basis. Im Gegenteil: Gerade deshalb, weil die ASSÉ-Führung einen Weg aufzeigte und tausende Aktivisten auf einen Kampf gegen eine Erhöhung der Studiengebühren politisch vorbereitete, konnte sie den Kampfgeist und die Kreativität von hunderttausenden Studierenden entfachen, die sich in Québec an der Bewegung aktiv beteiligten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Beispiel des Unistreiks zeigt die Rolle, die eine gute Führung spielen kann. Indem ein Weg nach vorne aufgezeigt wird, werden die Bedingungen geschaffen, unter denen tauende Menschen aktiv am Kampf teilnehmen können. Natürlich machte die ASSÉ-Führung auch einige Fehler. Im Sommer 2012, als die Liberalen Neuwahlen ankündigten, lehnte die ASSÉ es ab, (die Linkspartei, Anm. d. Ü.) Québec Solidaire zu unterstützen, die einzige größere Partei, die für ein freies Bildungssystem eintrat. Stattdessen ignorierte die ASSÉ letztendlich die Wahlen, während die meisten Studierenden den Streik beendeten und in der konkreten Phase an der Wahlurne versuchten, die Liberalen aus dem Amt zu jagen. Wir haben diese Bewegung&nbsp;<a href="https://www.marxist.ca/article/5-years-after-the-2012-maple-spring-the-lessons-for-today">an anderer Stelle</a>&nbsp;analysiert. Aber dieser Fehler ändert nichts an der wichtigsten Lehre, die wir aus dieser Bewegung ziehen können: Es braucht eine Führung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frage der Führung der Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften ist weltweit ein brennendes Problem. Wie oft hören wir, dass die Arbeiter angeblich nicht kämpfen wollen? Dass man nicht so einfach einen Streik organisieren kann? In Québec verhandeln die Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes seit über einem Jahr. Die von der Rechtspartei CAQ (Coalition Avenir Québec, Koalition für die Zukunft Québecs) angeführte Regierung gibt nicht nach und ist nur zu lächerlich geringen Zugeständnissen bereit. Während einige Lehrergewerkschaften für einen unbefristeten Streiks argumentieren, lassen andere Gewerkschaften nur über einen fünftägigen Streik abstimmen, wobei die Streiktage zu einer „passenden Zeit“ angesetzt werden sollen. Diese Herangehensweise haben wir an anderer Stelle schon kritisiert. In einer öffentlichen Veranstaltung, die von Labour Fightback in Quebec organisiert worden war, erklärte ein Regionalvorsitzender einer dieser Gewerkschaften mit einem Mandat für einen fünftägigen Streik seine Sicht auf die Rolle der Gewerkschaftsführung folgendermaßen:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Es liegt nicht an uns [der Gewerkschaftsführung] zu entscheiden [ob ein Streik stattfindet], es ist die Entscheidung der Mitglieder, und sie können sich dafür entscheiden, wenn wir sie informieren… bei der FSE [der Gewerkschaft] hätten wir zu einem unbefristeten Streik aufrufen können, aber in den ‚plateaux‘ [den lokalen Gewerkschaftsgliederungen] sehe ich keine Delegierten, die sagen ‚los geht’s, machen wir einen unbefristeten Streik‘… Wir müssen Informationen weitergeben, wir sind als Gewerkschafts[führer] Marionetten, wir sind nicht diejenigen, die den Leuten sagen müssen, was zu tun ist… wenn jemand in meiner lokalen Generalversammlung kommen und sagen würde, ‚ich will einen unbefristeten Streik‘, ich würde das wollen, ich würde vor Freude zerplatzen.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Logik, die hier ins Extrem getrieben wurde, findet sich in der ganzen Bewegung. Wenn Arbeiter nicht von sich aus die Methode des unbefristeten Streiks zum Thema machen, wäre es nach dieser Logik nicht die Aufgabe der Gewerkschaftsführung, einen solchen vorzuschlagen. Diese Logik ist eine sich selbst bewahrheitende Prophezeiung: Wenn die Führung nichts tut und den Mitgliedern keine mutige Lösung präsentiert (was als „den Leuten sagen, was zu tun ist“ erachtet wird), dann ist es nur logisch, dass die Arbeiter kein Vertrauen haben, dass sie kämpfen und gewinnen können, und sie werden auch selbst keine kämpferischen Methoden vorschlagen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir sagen nicht, dass man eine Massenbewegung organisieren kann, indem man mit den Fingern schnipst. Aber was wir sagen ist, dass es die Aufgabe der Gewerkschaftsführung ist, zu führen, und nicht einfach eine „Informationsstelle“ zu sein, die darauf wartet, dass die Mitglieder selbst zu radikalen Schlussfolgerungen gelangen. Die Gewerkschaftsführung muss einen Aktionsplan formulieren, die Mitglieder schulen, ihnen Selbstvertrauen geben, und damit die Bedingungen dafür schaffen, dass die Mitgliedschaft bereit für den kompromisslosen Klassenkampf ist – genauso wie es die Führung der Unibewegung 2012 tat.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eine sozialistische Führung für die Bewegung aufbauen</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Gegenwärtig wird die Arbeiterbewegung von Leuten angeführt, die an das kapitalistische System glauben, bzw. keine Möglichkeit sehen, dieses System zu stürzen. Die Gewerkschaftsführungen sind völlig abgehoben von der Lebensrealität der Arbeiter. Anstatt den Kampf gegen das Kapital zu organisieren, tragen sie lieber zur Aufrechterhaltung des Status quo bei. Wenn es um die Kreativität und den Kampfgeist der eigenen Basis geht, sind sie zutiefst skeptisch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die aktuelle Führung der Arbeiterbewegung wird unter den Bedingungen der Krise immer mehr in Konflikt mit der kapitalistischen Realität geraten. Schon bald werden überall Sparpakete geschnürt werden. Der Kapitalismus wird immer deutlicher sein wahres Gesicht zeigen, und das bedeutet Schrecken ohne Ende für die arbeitenden Menschen. Wir sehen das bereits in den vergangenen Monaten in der Art und Weise, wie die Pandemie bekämpft wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber was wird passieren, wenn die Führung der Arbeiterbewegung Angriffe auf die Arbeiter zulassen und nichts tun wird? Sie werden sich in den Augen der Arbeiter, die sie angeblich vertreten, diskreditieren.&nbsp;<a href="https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1940/xx/klasse.html">Trotzki erklärt</a>, wie sich dieser Prozess vollziehen wird:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Eine Führung wird vielmehr im Prozess der Zusammenstöße zwischen den verschiedenen Klassen oder der Reibung zwischen den verschiedenen Schichten einer gegebenen Klasse geformt. Einmal aufgestiegen, erhebt sich die Führung stets über die Klasse und wird dadurch den Einflüssen und dem Druck anderer Klassen ausgesetzt. Das Proletariat kann für lange Zeit eine Führung „dulden“, die schon eine vollständige innere Degeneration durchgemacht hat, die jedoch noch nicht die Gelegenheit hatte, dies angesichts großer Ereignisse zu zeigen.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ein großer historischer Schock ist notwendig, um in aller Schärfe die Widersprüche zwischen der Führung und der Klasse zu enthüllen.“</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Pandemie und die davon ausgelöste Wirtschaftskrise sind genau solche historische Schocks. Auf der ganzen Welt staut sich die Wut der Massen an. Die Lohnabhängigen leiden unter Arbeitslosigkeit, der Verschlechterung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen, während die Reichen täglich noch größere Vermögen anhäufen. Wir stehen am Beginn einer Epoche der Revolution, und zwar weltweit, doch die Führung der Arbeiterbewegung steckt immer noch in der Vergangenheit fest.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Was können Sozialisten in dieser Phase also tun?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In einem&nbsp;<a href="https://organizing.work/2019/04/socialist-leaders-wont-save-unions/">kürzlich erschienenen Artikel</a>&nbsp;der Industrial Workers of the World (IWW), schreibt einer ihrer Aktivisten.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Leute denken, dass Führung bedeutet, eine Schärpe und eine Krone zu tragen, dass man einfach, indem man gewählt wurde, Glaubwürdigkeit genießt und alle auf einen hören – aber das stimmt einfach nicht.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Man muss einfach an der Basis Organisierungsarbeit leisten. Es ist nicht so, als könntest du das als Gewerkschaftsfunktionär nicht tun, aber Funktionär zu sein, trägt auch nichts dazu bei.“ (eigene Übersetzung)</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">In gewisser Weise stimmen wir unseren anarchosyndikalistischen Freunden in diesem Punkt zu. Sie greifen hier die Orientierung einzelner Sozialisten an, die sich ohne Verankerung an der Basis in führende Gewerkschaftspositionen hieven lassen, weil sie glauben, dann leichter eine kämpferische sozialistische Politik betreiben zu können. Es gibt zahllose Beispiele von guten Aktivisten, die sich auf eine derartige Strategie einlassen, nur um dann in den Führungsstrukturen isoliert zu sein und von der Bürokratie aufgesogen zu werden. Marxisten lehnen es ab, Führungspositionen anzunehmen, ohne davor eine entsprechende Basis aufgebaut zu haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber daraus einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Organisierung an der Basis und Gewerkschaftsführung abzuleiten, ist im Grunde falsch und berücksichtigt nur eine Seite des Problems. Viele reformistische Gewerkschaftsführer würden der Idee, dass gewählte Funktionäre keine Organisierungsarbeit an der Basis machen können, sogar zustimmen, weil sie genau dadurch der Verantwortung enthoben wären! Außerdem ist die Mobilisierung der Basis selbst eben auch ein Ausdruck von Führungsarbeit – es bedeutet nämlich, dass man seine Kollegen in der Praxis anleitet. Aber was, wenn man die Basis organisiert hat, was dann? Was, wenn die Leute in führenden Gewerkschaftspositionen aktiv versuchen, die Basis wieder zu desorganisieren? Dann muss man sie stoppen. Aber wie? Wenn man nicht bereit ist, sie durch eine kämpferische Führung zu ersetzen, bedeutet das, dass man die Kontrolle über die Organisation in den Händen einer schlechten Führung belässt. Ob es einem gefällt oder nicht: Hier kommt man wieder an den Punkt, wo sich die Frage der Notwendigkeit einer Führung stellt, die den Herausforderungen der Bewegung gerecht wird. Es geht darum, der abgehobenen Gewerkschaftsführung eine klassenkämpferische Führung entgegenzustellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Welche Rolle sollten also Sozialisten in der Arbeiterbewegung spielen? Wir sagen: Ja, wir müssen die Basis organisieren, die Methoden des Klassenkampfes verteidigen, die Arbeiter für den Kampf gegen das kapitalistische System vorbereiten. Und auf dieser Basis können wir das Vertrauen und die Autorität unter den Arbeitern gewinnen, die es braucht, um in den Gewerkschaften Führungspositionen einnehmen und die Bewegung anführen zu können. Und der beste Ort, um sich genau diesen Aufgaben zu widmen, ist eine gemeinsame revolutionäre Organisation.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tatsache ist, dass es in den Gewerkschaften eine Reihe von Individuen gibt, die sich als Sozialisten verstehen. Aber das allein ändert noch nichts am Charakter der Gewerkschaften. Das Problem ist, dass diese Personen meist isoliert sind und keine Organisation hinter sich haben, die es ihnen ermöglicht, wirklich sozialistische Politik gegen den Widerstand des Gewerkschaftsapparats, der nicht kämpfen will, durchzusetzen. Um ein wirkliches Gewicht in der Bewegung entfalten zu können, ist es notwendig sich gemeinsam mit denjenigen zu organisieren, die ebenfalls verstanden haben, dass es eine sozialistische Perspektive braucht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Geschichte hat mehr als nur einmal gezeigt, und das nicht nur in der Arbeiterbewegung selbst, was mit Sozialisten oder radikalen Einzelkämpfern passiert, die keine revolutionäre Organisation aufbauen. Unweigerlich kapitulieren sie früher oder später vor den existierenden Organisationen. So zum Beispiel Angela Davis, eine ehemalige kommunistische Aktivistin, die sehr respektiert ist, aber schon lange die Idee aufgegeben hat, dass man eine revolutionäre Partei aufbauen sollte. Bei den letzten US-Wahlen hat sie den demokratischen Kandidaten Joe Biden unterstützt. Das gleiche gilt für den Anarchisten Noam Chomsky oder den „akademischen Marxisten“ David Harvey. Politik wird von Organisationen gemacht. Wenn man keine organisatorische Alternative aufbaut, ordnet man sich unweigerlich dem „geringeren Übel“ des bestehenden Angebots unter.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Revolutionärer Optimismus</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Das Klassenbewusstsein kann sich unter bestimmten Bedingungen sehr sprunghaft entwickeln. Die meisten Menschen, die sich an großen Protestbewegungen oder gar an Revolution aktiv beteiligen, waren zuvor politisch nicht sonderlich interessiert und vielmehr apathisch. Das menschliche Bewusstsein ist unter normalen Bedingungen eben konservativ, aber es hat das Potential revolutionäre Formen anzunehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Skeptiker betonen stets die schwachen Seiten der Arbeiterklasse, verweisen auf die apathischen und demoralisierten Schichten der Klasse und argumentieren, davon abgeleitet, die Unmöglichkeit einer Revolution. Wir Marxisten betonen im Gegensatz dazu stets das revolutionäre Potential unserer Klasse.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nein, die Arbeiter sind natürlich nicht zu jedem Zeitpunkt bereit für eine Revolution. Indem wir jedoch jetzt schon versuchen, sozialistische Ideen in der Arbeiterbewegung zu verankern, leisten wir wichtige Vorarbeit, damit im Fall einer revolutionären Massenbewegung diese auch siegreich sein kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Zuge der COVID19-Pandemie machen weltweit Millionen Arbeiter die Erfahrung, was es bedeutet, in Armut zu leben und von Zukunftsängsten geplagt zu werden. Aus diesem Chaos erwächst vor unseren Augen eine neue Generation, die bereit ist, gegen das kapitalistische System zu kämpfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die beeindruckende „Black Lives Matter“-Bewegung, die vergangenes Jahr als Reaktion auf die Ermordung von George Floyd ausgebrochen war, hat gezeigt, dass die zunehmende Radikalisierung auch vor der größten imperialistischen Supermacht nicht haltmacht. Das ist das Potential, aus dem Marxisten ihren unerschütterlichen Optimismus ziehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die sozialistische Revolution wird nicht automatisch passieren. Es braucht Aktivisten, die in der Bewegung zielstrebig ein sozialistisches Programm vertreten. Auf sich allein gestellt, kann niemand etwas bewegen. Doch vereint unter einem gemeinsamen Banner, auf der Grundlage eines gemeinsamen Programms und Theoriegebäudes, können wir einen unendlich größeren Einfluss entwickeln, als es jede Einzelkämpferin, jeder Einzelkämpfer je könnte. Indem du Teil einer revolutionären Organisation wirst, bekommst du die Möglichkeit dich weiterzubilden und zu entwickeln und du hilfst anderen, sich politisch zu entwickeln. Indem du Teil einer revolutionären Organisation wirst, baust du eine politische Alternative zu den bestehenden Organisationen, die die Arbeiterklasse bislang von einer Niederlage in die nächste geführt haben, mit auf. Indem du der revolutionären Organisation beitrittst, hilfst du bei der Verbreitung der Ideen des Marxismus in der Arbeiterklasse. Das ist das Angebot, das die International Marxist Tendency (IMT) Arbeiter und Jugendlichen machen kann. Werde Teil dieses Projekts, das größer ist als jeder und jede von uns es allein sein kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das letzte Wort überlassen wir Leo Trotzki, der uns wenige Monate vor seiner Ermordung&nbsp;<a href="https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1940/kriegman/teil2.htm">folgende Zeilen hinterlassen</a>&nbsp;hat:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Für die kapitalistische Welt gibt es keinen Ausweg, es sei denn, man betrachtet einen hinausgezögerten Todeskampf als einen solchen. Es ist notwendig, sich auf lange Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, des Krieges, der Aufstände, kurzer Atempausen neuer Kriege und neuer Aufstände vorzubereiten. Eine junge revolutionäre Partei muss sich auf diese Perspektive gründen. Die Geschichte wird ihr genug Gelegenheiten und Möglichkeiten liefern, sich zu prüfen, Erfahrungen zu sammeln und zu reifen. Je rascher sich die Reihen der Vorhut zusammenschließen, desto mehr wird die Epoche der blutigen Erschütterungen verkürzt, desto weniger Zerstörung wird unser Planet erleiden. Aber das große historische Problem wird auf keinen Fall gelöst werden, bevor nicht eine revolutionäre Partei an der Spitze des Proletariats steht. Die Frage des Tempos und der Zeitintervalle ist von enormer Bedeutung; aber sie ändert weder die allgemeine historische Perspektive noch die Richtung unserer Politik. Die Schlussfolgerung ist einfach: Es ist notwendig, die Arbeit der Erziehung und Organisierung der proletarischen Avantgarde mit zehnfacher Energie weiterzutreiben.“</p>
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		<title>Trotzkis Rat an junge Marxisten: &#8222;Überfordert euch nicht&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Leo Trotzki]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 16 Dec 2020 00:23:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Anleitungen zum Parteiaufbau]]></category>
		<category><![CDATA[Trotzki]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Aus einem Brief an die Kiewer Genossen. Prawda, 31. Mai 1923. Liebe Genossinnen und Genossen, ihr beklagt euch, dass ihr nicht einmal ein Zehntel der Bücher, die euch interessieren, lesen [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">Aus einem Brief an die Kiewer Genossen. Prawda, 31. Mai 1923.</p>
<p></p>
<p class="wp-block-paragraph">Liebe Genossinnen und Genossen,</p>
<p></p>
<p class="wp-block-paragraph">ihr beklagt euch, dass ihr nicht einmal ein Zehntel der Bücher, die euch interessieren, lesen konntet und ihr fragt, wie ihr eure Zeit vernünftig einteilen sollt. Das ist eine sehr schwierige Frage, denn letztlich muss jeder Mensch eine solche Entscheidung nach seinen besonderen Bedürfnissen und Interessen treffen. Es sollte jedoch gesagt werden, dass das Ausmaß, in dem eine Person in der Lage ist, mit der aktuellen Literatur Schritt zu halten, ob wissenschaftlich, politisch oder anderweitig, nicht nur von der vernünftigen Aufteilung der eigenen Zeit abhängt, sondern auch von der Vorbildung des Einzelnen.</p>
<p></p>
<p class="wp-block-paragraph">Was euren konkreten Hinweis auf die &#8222;Parteijugend&#8220; betrifft, so rate ich euch, überhastet und übernehmt euch nicht, springt nicht von einem Thema zum anderen und schreitet nicht zu einem zweiten Buch, bevor das erste nicht richtig gelesen, durchdacht und bewältigt wurde. Ich erinnere mich, dass auch ich, als ich selbst zur Kategorie &#8222;Jugend&#8220; gehörte, das Gefühl hatte, dass einfach nicht genug Zeit da war. Selbst im Gefängnis, als ich nichts anderes tat als zu lesen, schien es, als könne man an einem Tag nicht genug schaffen. In der ideologischen Sphäre, genau wie in der ökonomischen, ist die Phase der primitiven Akkumulation die schwierigste und mühsamste. Und erst wenn man bestimmte Grundelemente des Wissens und vor allem Elemente der theoretischen Fertigkeit (Methode) genau beherrscht, sie sozusagen in Fleisch und Blut der eigenen geistigen Tätigkeit übergegangen sind, wird es leichter, mit der Literatur nicht nur in den vertrauten Gebieten, sondern auch in benachbarten und noch weiter entfernten Wissensgebieten Schritt zu halten, denn die Methode ist schließlich universell.</p>
<p></p>
<p class="wp-block-paragraph">Es ist besser, ein Buch zu lesen und es gut zu lesen. Es ist besser, ein kleines Stück auf einmal zu meistern und es gründlich zu meistern. Nur auf diese Weise wird sich eure geistige Auffassungsgabe auf natürliche Weise erweitern. Das Denken wird allmählich Vertrauen in sich selbst gewinnen und produktiver werden. Mit diesen Vorbemerkungen im Hinterkopf wird es nicht schwer sein, eure Zeit vernünftig einzuteilen. Dann wird der Übergang von einer Beschäftigung zur anderen in gewissem Maße Vergnügen bereiten.</p>
<p></p>
<p class="wp-block-paragraph">Mit solidarischen Grüßen,</p>
<p></p>
<p class="wp-block-paragraph">L. Trotzki, 29. Mai 1923</p>
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		<title>Engels&#8216; Briefe an Kautsky &#8211; von Leo Trotzki (Oktober 1935)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Die Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 27 Nov 2020 01:03:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Dialektischer Materialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Engels]]></category>
		<category><![CDATA[Historischer Materialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Trotzki]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>An diesem Samstag feiern wir den 200. Geburtstag von Friedrich Engels. Im vergangenen August begingen vor den 80. Jahrestag der Ermordung Leo Trotzkis durch einen stalinistischen Agenten. Der folgende Text [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">An diesem Samstag feiern wir den 200. Geburtstag von Friedrich Engels. Im vergangenen August begingen vor den 80. Jahrestag der Ermordung Leo Trotzkis durch einen stalinistischen Agenten. Der folgende Text von Trotzki über Engels und Karl Kautsky erscheint hier erstmals auf Deutsch. Er ist nicht nur als historisches Dokument wertvoll, sondern auch für das Verständnis der wissenschaftlichen Methode des Marxismus und der Rolle von Revolutionären.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Friedrich Engels, der kongeniale Genosse, Weggefährte und Freund von Karl Marx, wurde vor genau 200 Jahren geboren: am 28. November 1820. Gemeinsam mit Marx entwickelte er die theoretischen Grundlagen des „wissenschaftlichen Sozialismus“ (revolutionären Marxismus). Mit seinen Arbeiten vertiefte er das Verständnis von der Entstehung der Menschheit, der Herausbildung der Familie und des Staates als Unterdrückungsmaschinerie und – aus unserer Sicht ganz entscheidend – er leistete einen großen Beitrag zur Darlegung des dialektischen Materialismus, der philosophischen Methode des Marxismus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neben seinen Leistungen auf dem Gebiet der Theoriearbeit war Friedrich Engels jedoch auch ein Mann der revolutionären Praxis. Mit seinen Büchern (z.B. „Anti-Dühring“), Artikeln und in unzähligen Briefen gab er einer ganzen Generation von führenden Köpfen der Arbeiterbewegung in Europa theoretisches Rüstzeug, Perspektiven und politische Orientierung, ohne die es niemals möglich gewesen wäre, die Sozialdemokratie im 19. Jahrhundert in eine Massenbewegung zu verwandeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gerade die österreichische Sozialdemokratie verdankt Engels, der zu Victor Adler und Adelheid Popp ein sehr enges persönliches und politisches Verhältnis pflegte, sehr viel. So waren Engels und seine engste Mitarbeiterin Louise Kautsky federführend im Entstehungsprozess der proletarischen Frauenbewegung in Österreich.Genau diesen Aspekt seines Lebenswerks beleuchtet der folgende Artikel von Leo Trotzki. Er entstand 1935 aus Anlass der Veröffentlichung des Briefwechsels von Friedrich Engels und dem deutsch-österreichischen Sozialdemokraten Karl Kautsky in Buchform (Karl Kautsky [Hg.], Aus der Frühzeit des Marxismus – Engels‘ Briefwechsel mit Kautsky, Orbis-Verlag A.-G., Prag, 1935).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzki zeichnet auf der Grundlage dieses bis dahin unbekannten Materials ein außergewöhnliches Porträt des großen Revolutionärs.Kautsky galt lange Zeit als jener Theoretiker, der das Werk von Marx und Engels weiterführte. Er kann als der Begründer jener Schule gesehen werden, die später als „Austromarxismus“ bekannt wurde. Trotzki, der selbst lange Jahre in Wien lebte, hier in der Sozialdemokratie aktiv war und die austromarxistischen Führer aus nächster Nähe kennenlernen konnte, unterzieht in mehreren Büchern diese Denkrichtung einer scharfen politischen Kritik, wobei er nachweist, dass die Methode von Kautsky, Otto Bauer &amp; Co. mit der dialektischen Methode und dem revolutionären Spirit des Marxismus nicht viel gemein hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit dem folgenden Artikel zeichnet er nach, welche Kluft in der persönlichen Haltung und in der politischen Ausrichtung zwischen Engels und der nachfolgenden Generation der sozialdemokratischen Arbeiterführer bestand. Der aus der 68er-Bewegung bekannte Spruch „das Private ist politisch“ nimmt anhand dieses Briefwechsels konkrete Form an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir halten diesen Artikel nicht nur als historisches Dokument, das Einblick in die frühe Geschichte der Arbeiterbewegung und des Marxismus bietet, für interessant, sondern er beinhaltet auch wichtige Ansatzpunkte, um das Verständnis von der wissenschaftlichen Methode des Marxismus und der Rolle von RevolutionärInnen in der Arbeiterbewegung zu schärfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Jahr 1935 markiert den 40. Todestag von Friedrich Engels, einem der beiden Autoren des Kommunistischen Manifests. Der andere war Karl Marx. Dieser Jahrestag ist auch deshalb beachtenswert, da Karl Kautsky, mittlerweile 81 Jahre alt, endlich seine Korrespondenz mit Engels veröffentlicht hat. Das ist ein sehr wertvolles Geschenk für all jene, die sich ernsthaft für die politische Geschichte der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, die Entwicklung der Ideen des Marxismus, das Schicksal der Arbeiterbewegung und letztlich die Persönlichkeit von Friedrich Engels interessieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu Marx‘ Lebzeiten spielte Engels, wie er es selbst ausdrückte, die zweite Geige. Aber mit der letzten Erkrankung und speziell nach dem Tod von Marx wurde Engels der direkte und unbestrittene Dirigent im Orchester des Weltsozialismus und blieb es die kommenden 12 Jahre. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Engels längst von seinen geschäftlichen Verpflichtungen befreit. Er war finanziell völlig unabhängig und konnte daher seine ganze Zeit der Redaktion und Publikation des literarischen Nachlasses von Marx widmen, seine eigene Forschungsarbeit betreiben und eine umfangreiche Korrespondenz mit den Linken in der Arbeiterbewegung in allen Ländern führen. Sein Briefwechsel mit Karl Kautsky stammt aus seiner letzten Lebensphase (1881-1895).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die in ihrer Zielstrebigkeit und Klarheit einzigartige Persönlichkeit von Engels wurde in den nachfolgenden Jahren vielen Interpretationsversuchen unterzogen – das ist die Logik des Kampfes. Man muss sich nur in Erinnerung rufen, wie Ebert, Scheidemann und andere während des letzten Krieges Engels als deutschen Patrioten porträtierten, während die Publizisten der Entente ihn als Pangermanisten darstellten. In diesen und anderen Fragen helfen die Briefe, tendenziöse Überlagerungen von Engels‘ Persönlichkeit zu beseitigen. Doch das ist nicht die zentrale Bedeutung dieser Briefe. Man kann ohne Angst vor Übertreibung sagen, dass jedes neue Dokument mit einem Bezug zu Engels ihn als noch viel feineren, edleren und faszinierenderen Menschen zeigt, als er uns zuvor erscheinen musste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den frühen 1880er Jahren tat sich Kautsky in der Rolle des offiziellen Theoretikers der deutschen Sozialdemokratie hervor, die ihrerseits wieder zur führenden Partei der Zweiten Internationale aufstieg. So wie Engels zu Lebzeiten von Marx, so spielte auch Kautsky bestenfalls die zweite Geige, solange Engels am Leben war – mit großen Abweichungen vom ersten Violinisten. Nach dem Tode Engels‘ wuchs die Autorität des Schülers rasant an und erreichte um die erste Russische Revolution 1905 ihren Zenit. In seinem Kommentar zum Briefwechsel beschreibt Kautsky seine Aufregung bei seinem ersten Besuch bei Marx und Engels. Ein Vierteljahrhundert später haben viele junge Marxisten – speziell auch der Autor dieses Artikels – dieselbe Aufregung verspürt, als sie die Stufen zum bescheidenen Haus in Friedenau, in der Vorstadt Berlins, wo Kautsky über viele Jahre wohnte, erklommen. Er wurde damals in Fragen der Theorie als der überragende und unangefochtene Führer der Internationale angesehen. Von seinen Gegnern wurde er als „Papst“ des Marxismus bezeichnet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch Kautsky konnte sich diese Autorität nicht lange erhalten. Große Ereignisse im letzten Vierteljahrhundert haben ihm gewaltig mitgespielt. Während und nach dem Krieg war Kautsky regelrecht die Personifizierung nervöser Unentschlossenheit. Was bis dahin nur einige Wenige erahnt hatten, wurde nun vollauf bestätigt, nämlich, dass sein Marxismus im Wesentlichen von rein akademischem und kontemplativem Charakter war. Wenn Kautsky von Wien aus, während eines Streiks im April 1889, schrieb, „meine Gedanken sind mehr auf der Straße, als beim Schreibtisch“ (S. 242), dann erscheinen diese Worte überraschend und fast schon falsch, selbst wenn sie aus der Feder des jungen Kautsky stammen. Sein ganzes Leben lang blieb der Schreibtisch sein wichtigstes Betätigungsfeld. Straßenkämpfe erschienen ihm eher als Hindernisse. Er hat den Ruf, die Doktrin popularisiert zu haben, er gilt als der Interpret der Vergangenheit, als Verteidiger der Methode. Ja, das war er, aber er war nie ein Mann der Tat, nie ein Revolutionär oder Erbe des Geistes von Marx und Engels.<br>Dieser Briefwechsel legt nicht nur die radikalen Unterschiede zwischen den beiden Persönlichkeiten vollständig frei, sondern auch etwas zumindest für die gegenwärtige Generation völlig Unerwartetes – den Antagonismus, der zwischen Engels und Kautsky bestand, und der schlussendlich auch zum Bruch in ihren persönlichen Beziehungen führte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">„Der General“</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Engels zeichnete sich durch seine Fähigkeit zur Einschätzung konkreter Umstände und Kräfteverhältnisse aus. Das und sein umfassendes Spezialwissen in militärischen Angelegenheiten befähigten ihn dazu, während des Französisch-Preußischen Krieges in der Londoner Pall-Mall Gazette bemerkenswerte militärtheoretische Artikel zu veröffentlichen. Dieser Artikelserie verdankte er die Zuschreibung, einer der besten Militärexperten seiner Zeit zu sein (zweifelsohne schauten sich die Herren aus der „Obrigkeit“ nicht ohne beträchtliches Erstaunen in den Spiegel). In seinem engsten Umfeld erhielt Engels deshalb den scherzhaften Spitznamen „General“. Mit diesem Namen zeichnete er auch eine Reihe von Briefen an Kautsky.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Engels war kein großer Redner, aber vielleicht hatte er auch einfach nie die Gelegenheit, einer zu werden. Gegenüber „Rednern“ zeigte er sogar einen Hauch von Verachtung, weil er – nicht ganz grundlos – die Meinung vertrat, sie würden komplexe Ideen zu Banalitäten reduzieren. Kautsky erinnert sich an Engels aber als einen bemerkenswerten Gesprächspartner, der über ein unerschöpfliches Erinnerungsvermögen und Witz verfügte und sich äußerst präzise auszudrücken pflegte. Leider ist Kautsky selbst nur ein mittelmäßiger Beobachter und alles andere als ein Künstler: In seinen eigenen Briefen sticht Engels unendlich klarer hervor als in den Kommentaren und Erinnerungen von Kautsky.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Engels Beziehungen zu anderen Menschen waren frei von Gefühlsduselei und Illusionen, zeichneten sich deshalb durch Unkompliziertheit aus und waren somit auch zutiefst menschlich. In seiner Gesellschaft bei einem Abendessen, wo Vertreter verschiedener Länder und Kontinente zusammenkamen, lösten sich alle Gegensätze zwischen der geschliffenen radikalen Gräfin Schack und der alles andere als geschliffenen russischen Nihilistin Vera Sassulitsch wie von Zauberhand auf. Die prächtige Persönlichkeit des Gastgebers drückte sich darin aus, dass er imstande war, sich selbst und die anderen über alles Zweitrangige und Oberflächliche zu erheben, ohne auch nur im Geringsten von seinen Sichtweisen oder gar seinen Gewohnheiten abzuweichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man wird an diesem Revolutionär vergeblich die Wesenszüge des Bohemiens suchen, die sonst unter radikalen Intellektuellen so weit verbreitet sind. Engels war sowohl in kleinen wie auch in großen Dingen gegenüber Schlamperei und Pflichtvergessenheit äußerst unduldsam. Er schätzte Genauigkeit im Denken, Genauigkeit beim Finanzgebaren, Exaktheit in gesprochenem und gedrucktem Wort. Als ein deutscher Verleger versuchte, seine Schreibweise abzuändern, verlangte Engels mehrere Druckfahnen zurück, um sie noch einmal überprüfen zu können. Er schrieb: „Ich ließe mir eine Orthographie ebensowenig aufoktroyieren als eine Frau.“ (S. 147). Diese Verbindung von Zorn und Humor holt Engels beinahe ins Leben zurück! Zusätzlich zu seiner Muttersprache, die er wie ein Virtuose beherrschte, schrieb Engels frei auf Englisch, Französisch und Italienisch. Außerdem konnte er Spanisch und nahezu alle slawischen und skandinavischen Sprachen lesen. Sein Wissen auf den Gebieten der Philosophie, der Ökonomie, der Geschichte, der Physik, der Philologie und der Militärwissenschaften hätten für ein gutes dutzend ordentlicher und außerordentlicher Professuren gereicht. Doch abseits dieser Fähigkeiten besaß er einen ganz besonderen Schatz: Das geflügelte Denken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Juni 1884, als Bernstein und Kautsky sich bei Engels über den einsetzenden Druck von allen nur denkbaren „gebildeten“ Biedermännern in der Partei beschwerten, antwortete ihnen Engels: „Hauptsache ist, sich nichts bieten zu lassen, aber dabei in aller Gemüthsruhe zu bleiben“ (S. 119). Während der General nicht immer „Gemüthsruhe“ im wörtlichen Sinne bewahrte – im Gegenteil, gelegentlich kochte er über vor Wut –, gelang es ihm doch immer, bald wieder über den Dingen zu stehen und das notwendige Gleichgewicht zwischen seinen Gedanken und Gefühlen wiederherzustellen. Die urwüchsige Seite seiner Persönlichkeit war von einer Mischung aus Optimismus und Humor gegenüber sich selbst und seinem engsten Umfeld sowie Ironie gegenüber seinen Gegnern gekennzeichnet. In seinem Optimismus war kein Fünkchen Selbstzufriedenheit. Die Quelle seiner Lebensfreude entsprang seinem fröhlichen und harmonischen Temperament, doch Letzteres war völlig durchdrungen mit dem Wissen, das mit der größten aller Freuden einherging: Der Freude kreativer Auffassungsgabe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Engels‘ Optimismus wirkte sich gleichermaßen in politischen Fragen wie in persönlichen Angelegenheiten aus. Nach jeder Niederlage hielt er umgehend Ausschau nach Bedingungen, die einen neuen Aufschwung vorbereiteten, und nach jedem Rückschlag, dem ihm das Leben verpasste, gab er sich einen Ruck und schaute wieder in die Zukunft. So hielt er es bis zum Sterbetag. Es gab Zeiten, in denen er wochenlang nicht aufstehen konnte, um einem Knochenbruch, den er bei einem Sturz während einer Fuchsjagd der englischen Gentry erlitten hatte, auszukurieren. Manchmal verweigerten ihm seine gealterten Augen bei künstlichem Licht den Dienst, ohne dass es bei Nebel in London auch tagsüber kein Auskommen gibt. Doch Engels schreibt nie über seine körperlichen Leiden, und wenn, dann nur nebenbei, um eine verzögerte Antwort zu erklären und um umgehend zu versprechen, dass alles bald wieder besser laufen und die Arbeit wieder mit voller Geschwindigkeit fortgesetzt werde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einer von Marx‘ Briefen bezieht sich auf Engels Gewohnheit bei Konversationen scherzhaft zu zwinkern. Dieses „Augenzwinkern“ zieht sich durch die gesamte Korrespondenz von Engels. Dieser Mann der Pflicht und sehr tiefgehender Bindungen erinnert an alles andere als an einen Asketen. Er war ein Natur- und Kunstliebhaber, er genoss die Gemeinschaft kluger und lustiger Menschen, er umgab sich gerne mit Frauen und liebte gute Scherze, lachte gerne, schätzte ein gutes Abendessen, guten Wein und guten Tabak. Gelegentlich war er auch nicht abgeneigt, sich bei der Lektüre von Rabelais, der sich gerne seine Inspiration unter der Gürtellinie suchte, einen Lachkrampf zu holen. Generell kann man sagen, dass ihm nichts Menschliches fremd war. Nicht selten finden wir in seinen Briefen Anspielungen, dass in seinem Haus mehrere Flaschen guten Weines geöffnet wurden, wenn es darum ging Neujahr oder den erfolgreichen Ausgang einer Wahl in Deutschland, seinen eigenen Geburtstag und manchmal auch Anlässe von geringerer Bedeutung zu feiern. Selten nur finden wir Stellen, wo sich der General beschwert, dass er lieber auf dem Sofa liegen blieb, „anstatt mit euch zu kneipen… Nun, aufgehoben ist nicht aufgeschoben.“ (S. 335) Engels war 72 Jahre alt, als er das schrieb. Einige Monate später machte ein falsches Gerücht in der Presse die Runde, wonach Engels schwer krank sei. Der 73 Jahre alte General schrieb darüber: „Nun, wir haben auf den hochgradigen Kräfteverfall und das stündlich erwartete Ableben diverse Flaschen geleert.“ (S. 352)</p>



<p class="wp-block-paragraph">War er ein Epikureer? Die zweitrangigen „Segen des Lebens“ waren nie das Entscheidende im Leben dieses Mannes. Er interessierte sich aufrichtig für die Familienmoral aus der Epoche der Wildheit oder die Geheimnisse der irischen Philologie, doch er war stets untrennbar verbunden mit dem zukünftigen Schicksal der Menschheit. Wenn er sich selbst einen trivialen Scherz erlaubte, dann war es nur in der Gesellschaft nicht trivialer Menschen. Seinem Humor, seiner Ironie und seiner Lebensfreude, das fühlt man, lag immer ein gewisses moralisches Pathos zugrunde – aber ohne die geringste Phrasendrescherei oder sonderliches Getue, immer gut versteckt, aber umso aufrichtiger und er war stets bereit, selbst ein Opfer zu bringen. Der Geschäftsmann, der Eigentümer einer Fabrik, eines Jagdpferdes und eines Weinkellers war bis auf die Knochen ein revolutionärer Kommunist.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Nachlassverwalter von Marx</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Kautsky übertreibt nicht im Geringsten, wenn er in seinem Kommentar zum Briefwechsel feststellt, dass es unmöglich wäre, in der Geschichte einen vergleichbaren Fall zu finden, wo zwei Männer von so kraftvollem Temperament und eigenständigem ideologischen Denken wie Marx und Engels ihr ganzes Leben lang durch die Entwicklung ihrer Ideen, ihre soziale Aktivität und persönliche Freundschaft so untrennbar miteinander verbunden blieben. Engels hatte ein schnelleres Auffassungsvermögen, war flexibler, umtriebiger und vielseitiger; Marx war schwerfälliger, sturer und zu sich selbst und zu anderen strenger. Selbst ein hell leuchtender Stern erster Güte, war es ihm doch möglich, die intellektuelle Autorität von Marx mit jener Bescheidenheit anzuerkennen, mit der er generell seine persönlichen und politischen Beziehungen aufbaute.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Zusammenarbeit dieser beiden Freunde – hier haben wir den Rahmen, wo dieser Begriff seine volle Bedeutung erlangt – war so tiefgehend, dass es unmöglich ist, eine Trennlinie zwischen ihren Werken zu ziehen. Aber unendlich wichtiger als das rein literarische Zusammenwirken war die geistige Verbundenheit, die zwischen den beiden existierte und die niemals zerbrach. Sie schrieben sich entweder täglich Briefe, schickten sich epigrammatische Notizen und verstanden sich gegenseitig auch auf der Grundlage von kleinen Anspielungen, oder sie setzten ihre gleichermaßen epigrammatische Konversation inmitten von Zigarrenrauch fort. Über vier Jahrzehnte stärkten sich Marx und Engels so in ihrem ununterbrochenen Kampf gegen die offizielle Wissenschaft und den traditionellen Aberglauben gegenseitig den Rücken. Die öffentliche Meinung hatten sie dabei stets gegen sich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Engels sah in der materiellen Unterstützung von Marx eine politische Verpflichtung von größter Wichtigkeit. Das war auch das Hauptmotiv dafür, dass er sich selbst so viele Jahre an die harte Arbeit im „fluchbeladenen Geschäft“ gebunden hat – wobei er auch in diesem Bereich genauso erfolgreich wirkte wie in allen anderen. Sein Vermögen wurde immer größer und damit verbesserten sich auch die Lebensumstände der Familie Marx. Nachdem Marx gestorben war, unterstützte Engels weiterhin dessen Töchter. Die alte Haushälterin des Ehepaares Marx, Helene Demuth, die ein fester Bestandteil der Familie war, übernahm er in seinen Dienst. Ihr gegenüber verhielt sich Engels in liebevoller Loyalität. Nach ihrem Tod klagte er, wie sehr er ihre Ratschläge nicht nur in persönlichen, sondern auch in Parteiangelegenheiten vermisse. Engels vermachte Marx‘ Töchtern praktisch sein gesamtes Vermögen, das abgesehen von der Bibliothek, den Möbeln usw. rund 30.000 Pfund betrug.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn sich Engels in seinen jungen Jahren in die Schatten der Textilindustrie von Manchester zurückzog, um Marx die Arbeit am „Kapital“ zu ermöglichen, dann stellte er später als alter Mann, und dann ohne zu klagen, und wir können mit Sicherheit sagen, ohne Bedauern, seine eigene Forschungsarbeit zurück, um Jahre damit zu verbringen, die hieroglyphischen Manuskripte von Marx zu entziffern, Übersetzungen penibel zu überprüfen und nicht weniger sorgfältig seine Schriften in nahezu allen europäischen Sprachen zu korrigieren. In diesem Epikureer steckte ein vollkommen ungewöhnlicher Stoiker!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Berichte über den Fortschritt der Arbeit an Marx‘ literarischem Nachlass stellen ein konstantes Leitmotiv im Briefwechsel zwischen Engels und Kautsky und anderen Gleichgesinnten dar. In einem Brief an Kautskys Mutter (1885), die eine ziemlich bekannte Autorin beliebter Romane war, bringt Engels seine Hoffnung zum Ausdruck, dass das alte Europa endlich wieder in Bewegung geraten wird. Und er fügt hinzu: „Ich will nur hoffen, dass es mir Zeit lässt, noch den dritten Band vom Kapital fertig zu machen, nachher kanns losgehen!“ (S. 206) Aus dieser halb scherzhaften Feststellung lässt sich ganz eindeutig die Bedeutung ablesen, die er dem „Kapital“ beimaß; doch es zeigt auch, dass ihm die revolutionäre Aktion weit höher stand als jedes Buch, auch „Das Kapital“. Am 3. Dezember 1891, also sechs Jahre später, erklärt Engels Kautsky den Grund für sein langes Schweigen: „…verantwortlich ist der dritte Band, über dem ich erneut schwitze.“ Er ist damit beschäftigt, die Kapitel in der furchtbaren Handschrift über Geldkapital, Banken und Kredit zu entziffern und studiert gleichzeitig Literatur zu den entsprechenden Themen. Wohl weiß er schon im Vorhinein, dass er in der Mehrzahl der Fälle das Manuskript aus der Feder von Marx unverändert lassen könne, doch will er sich mit seinen zusätzlichen Forschungen gegen redaktionelle Fehler absichern. Und dann kommt noch die endlose, sorgfältig zu erledigende Kleinarbeit dazu! Engels tauscht sich darüber aus, ob an einer bestimmten Stelle ein Komma vonnöten wäre, und er dankt Kautsky für das Aufzeigen eines Rechtschreibfehlers im Manuskript. Das ist keine Pedanterie – sondern eine Form der Gewissenhaftigkeit, der zufolge nichts unwichtig ist, das zum wissenschaftlichen Gesamtwerk von Marx‘ Leben beiträgt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Engels aber war weit davon entfernt, den Originaltext blind zu bewundern. Beim Überprüfen einer Kurzfassung von Marx‘ ökonomischer Theorie durch den französischen Sozialisten Deville, empfand Engels, seinen eigenen Worten zufolge, oft die Versuchung, hie und da Sätze zu streichen oder zu korrigieren, die sich bei genauerem Hinsehen als Marx‘ eigene Formulierungen erwiesen. Dem lag zugrunde, dass die Sätze „im Original eine durch das Vorausgegangene klargelegte Beschränkung erfahren, bei Deville aber eine ganz absolut-allgemeine und damit unrichtige Geltung erhalten“ (S. 95). Diese wenigen Worte liefern eine klassische Charakterisierung des häufigen Missbrauchs von fix fertigen Formeln des großen Meisters („magister dixit“).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber das ist nicht alles. Engels beschränkte sich nicht darauf, die Manuskripte für den zweiten und dritten Band vom Kapital zu entziffern, feinzuschleifen, zu transkribieren, Korrektur zu lesen und mit Kommentaren zu versehen, sondern wachte mit Argusaugen über Marx‘ Erbe und verteidigte es gegen feindliche Angriffe. Der konservative preußische Sozialist Rodbertus und seine Bewunderer behaupteten, Marx hätte die wissenschaftlichen Erkenntnisse von Rodbertus übernommen, ohne die Quelle anzugeben. Mit anderen Worten: Marx habe von Rodbertus abgeschrieben. 1884 schrieb Engels darüber in einem Brief an Kautsky: „Welche horrende Unwissenheit dazu gehört, so etwas nur zu behaupten.“ (S. 140) Und einmal mehr ging Engels selbst daran, die unbrauchbaren Arbeiten von Rodbertus zu studieren, um diese Vorwürfe restlos zurückweisen zu können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Briefe von Kautsky beinhalten eine gleichermaßen erleuchtende Betrachtung der Affäre mit dem deutschen Ökonomen Brentano, der Marx beschuldigte, Gladstone falsch zitiert zu haben. Marx‘ und Engels‘ Haltung gegenüber den Ideen ihrer Gegenspieler ähnelte, so absurd sie auch waren, der Haltung eines Bakteriologen gegenüber einem krankheitserregenden Bazillus. Immer wieder stößt man in den Briefen von Engels an Marx und an ihre gemeinsamen Freunde auf Stellen, in denen er Marx für sein Übermaß an wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit tadelte, das dieser an den Tag legte. Es überrascht daher keineswegs, dass er all seine Arbeit zur Seite legte, um Brentano wütend in die Schranken zu weisen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Engels trug sich mit dem Gedanken, eine Biographie von Karl Marx zu schreiben. Niemand hätte sie so schreiben können wie er, da es notwendigerweise in einem großen Ausmaß Engels‘ eigene Autobiographie gewesen wäre. Er schreibt an Kautsky: „An diese Arbeit, auf die ich mich seit langem gefreut habe, gehe ich sobald ich irgend kann.“ (S. 382) Engels legt ein Gelübde ab, sich nicht länger ablenken zu lassen: „Ich bin nun 74 Jahre alt – ich muss mich beeilen.“ Noch heute kann man nur mit Bedauern daran denken, dass Engels dieses Projekt nicht umsetzen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für das Ölportrait von Marx, das in der Schweiz in Vorbereitung war, lieferte Engels über Kautsky die folgende Farbbeschreibung seines verstorbenen Freundes: „So braun wie nur für einen Südeuropäer möglich, ohne viel Röthe auf den Backen… Schnurrbart pechschwarz mit weißen Härchen aber ohne die geringste Beimischung von Braun, ausgenommen verschoßne Haare, sonst Haar und Bart schneeweiß.“ (S. 149) Diese Beschreibung macht deutlich, warum Marx von seiner Familie und seinem engsten Umfeld den Spitznamen „Mohr“ erhielt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Lehrmeister</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In den ersten beiden Jahren adressierte Engels seinen Briefpartner mit „Lieber Herr Kautsky“ (der Begriff „Genosse“ war damals noch nicht gebräuchlich); nachdem sie sich in London näher kennengelernt hatten verkürzte er die Anrede auf „Lieber Kautsky“; von März 1884 ging er zum Du über, wenn er mit Bernstein und Kautsky schrieb, die beide 25 Jahre jünger als er waren. Kautsky schreibt nicht ohne Grund: „Von 1883 an betrachtete Engels Bernstein und mich als die zuverlässigsten Vertreter der Marxschen Theorie.“ (S. 93) Der Übergang zur Du-Form spiegelt zweifelsohne die wohlwollende Haltung des Lehrers zu seinen Schülern wider. Doch diese äußere Vertrautheit ist kein Beweis für ein tatsächlich inniges Verhältnis: dem stand hauptsächlich die Tatsache entgegen, dass sich Kautsky und Bernstein zu einem beträchtlichen Maße als Spießbürger erwiesen. Während ihres langen Aufenthalts in London unterstützte Engels sie dabei, sich die Marxsche Methode anzueignen. Doch er konnte in ihnen weder die revolutionäre Willenskraft noch die Fähigkeit zu kühnem Denken entfachen. Die Schüler waren und blieben Kinder einer anderen Geisteshaltung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Marx und Engels waren in der Sturm- und Drang-Epoche zu politischem Leben erwacht, und sie nahmen als ausgereifte Kämpfer an der Revolution von 1848 teil. Kautsky und Bernstein wurden durch die vergleichsweise ruhige Zeitspanne zwischen der von Kriegen und Revolutionen geprägten Epoche der Jahre 1848 und 1871 einerseits und der Epoche zwischen der Russischen Revolution von 1905 und dem Ausbruch des Weltkriegs 1914 andererseits geprägt. Und diese Phase wirkt bis heute nach. Während seines gesamten und langen Lebens gelang es Kautsky all jene Schlussfolgerungen zu umschiffen, die seinen geistigen und physischen Frieden zu stören drohten. Er war kein Revolutionär, und das erwies sich als eine unüberwindbare Barriere, die ihn vom Roten General trennte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber selbst, wenn man davon absieht, waren die beiden viel zu unterschiedlich. Es ist unbestreitbar, dass Engels im persönlichen Kontakt eine noch viel stärkere Wirkung entfaltete: Seine Persönlichkeit war viel reicher und bestechender als alles, was er tat und schrieb. Von Kautsky kann das nicht gesagt werden. Seine besten Bücher sind bei weitem klüger als er es selbst war. Im persönlichen Umgang verlor Kautsky an Gewicht. Es mag dies auch dazu beigetragen haben, dass Rosa Luxemburg, die in unmittelbarer Nachbarschaft von Kautsky wohnte, viel früher als Lenin sein Spießbürgertum erkannte, auch wenn sie, was das politische Verständnis anlangte, mit Lenin nicht mithalten konnte. Aber das bezieht sich alles auf eine weit spätere Phase.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus dem Briefwechsel geht eindeutig hervor, dass zwischen dem Lehrer und dem Schüler nicht nur auf dem Gebiet der Politik, sondern auch in der Herangehensweise an die Theorie eine unsichtbare Barriere bestehen blieb. Engels, der generell sehr zurückhaltend war, wenn es um Lob ging, bezog sich manchmal durchaus mit Begeisterung („Ausgezeichnet“) auf die Schriften von Franz Mehring oder Georgi Plechanow; doch bei Kautsky blieb er mit Lob stets sehr sparsam, und man erahnt eine gewisse Gereiztheit in seiner Kritik. Wie schon Marx beim ersten Besuch von Kautsky bei ihm zu Hause, so war auch Engels von der passiven Selbstzufriedenheit des jungen Wieners und dessen Art, so zu tun, als würde er alles wissen, abgestoßen. Wie einfach dieser Antworten auf die komplexesten Fragen fand! Es stimmt, dass auch Engels dazu neigte, übereilt Verallgemeinerungen zu formulieren; doch im Gegenzug hatte er die Flügel und den Blick eines Adlers, und mit den Jahren eignete er sich die kompromisslose wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit, die schon Marx auszeichnete, auch selbst an. Doch Kautsky blieb trotz all seiner Fähigkeiten stets ein Mann der Goldenen Mitte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Neun Zehntel der deutschen heutigen Schreiberei ist Schreiberei über andre Schreiberei.“ (S. 139) Mit anderen Worten: Es mangelte an Analysen der lebendigen Realität und an einer fortschrittlichen Bewegung des Denkens. Engels nahm Kautskys Buch zu Fragen der Urgesellschaft zum Anlass, ihm nahezulegen, dass es nur dann möglich sei, auf diesem so breiten und noch zu erhellenden Gebiet etwas wirklich Neues zu sagen, wenn man eine gründliche und erschöpfende Forschung zu diesem Thema betreibt. Und er fügt ziemlich schonungslos hinzu: „Sonst wären Bücher wie Das Kapital viel zahlreicher.“ (S. 85)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Jahr später (am 20. September 1884) rügt Engels Kautsky erneut für dessen „apodiktische Behauptungen auf Gebieten, wo du dich selbst nicht sicher weißt.“ (S. 144) Solche Anmerkungen ziehen sich durch die gesamte Korrespondenz. Indem er Kautsky dafür tadelt, „Abstraktionen“ abzulehnen – ohne die das Denken generell nicht möglich ist – gibt Engels eine klassische Definition, die den Unterschied zwischen einer anregenden und einer leblosen Abstraktion aufzeigt: „Marx faßt in den Dingen und Verhältnissen vorliegenden gemeinsamen Inhalt auf ihren allgemeinsten Gedankenausdruck zusammen, seine Abstraktion gibt also nur in Gedankenform den schon in den Dingen liegenden Inhalt wieder. Rodbertus dagegen macht sich einen solchen mehr oder weniger unvollkommnen Gedankenausdruck, und mißt die Dinge an diesem Begriff, nach dem sie sich richten sollen.“ (S. 144) Neun Zehntel aller Fehler im menschlichen Denken lassen sich auf diese Formel zurückführen. Elf Jahre später übt Engels in seinem letzten Brief an Kautsky Kritik, in dem er ihm zwar gebührende Anerkennung für seine Forschungsarbeit über die Vorläufer des neueren Sozialismus zollt, ihn aber für seinen Hang zum „Gemeinplätzlichen, wo eine Lücke im Studium vorlag“ rügt. „Im Style fällst Du – um populär zu bleiben – bald in den Leitartikel bald in den Schulmeister.“ (S. 388) Man kann die literarischen Angewohnheiten von Kautsky nicht treffender zum Ausdruck bringen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er las für gewöhnlich die wichtigsten Artikelentwürfe des sehr produktiven Kautsky und jeder seiner Kritik-Briefe beinhaltet wertvolle Vorschläge, die das Ergebnis ernsthaften Nachdenkens und manchmal auch eigener Forschungsarbeit sind. Kautskys bekanntes Werk „Die Klassengegensätze von 1789“, das in fast alle Sprachen der zivilisierten Menschheit übersetzt wurde, scheint ebenfalls durch das intellektuelle Labor von Engels gegangen zu sein. Sein langer Brief über die sozialen Gruppierungen in der Epoche der großen Revolution des 18. Jahrhunderts – wie auch zur Anwendung der materialistischen Methode auf geschichtliche Ereignisse – gehört zu den großartigsten Dokumenten des menschlichen Geisteslebens. Es handelt sich um einen zu gedrängten Text, und jede darin enthaltene Formel setzt ein viel zu großes Wissen voraus, als dass er weite Verbreitung finden könnte; doch dieses Dokument, das so lange nicht zugänglich war, wird stets nicht nur eine Quelle theoretischer Schulung bleiben, sondern wird auch allen, die sich ernsthaft mit der Dynamik der Klassenbeziehungen in einer revolutionären Epoche sowie mit den generellen Problemen im Zusammenhang mit der materialistischen Interpretation geschichtlicher Ereignisse auseinandersetzen wollen, eine ästhetische Freude bescheren.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kautskys Scheidung und sein Konflikt mit Engels</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Kautsky behauptet – und nicht ohne Hintergedanken, wie wir noch sehen werden – dass sich Engels durch schlechte Menschenkenntnis auszeichnete. Marx war zweifelsohne der bessere „Menschenfischer“. Er konnte weit besser mit den starken und schwachen Seiten anderer Menschen umgehen, was er im Zuge seiner ziemlich schwierigen Arbeit im äußerst heterogenen Generalrat der Ersten Internationale unter Beweis stellte. Aber Engels‘ Korrespondenz ist der unumstößliche Beweis, dass sich sein nicht immer sehr glückliches Verhalten in persönlichen Beziehungen aus seiner stürmischen Direktheit und nicht aus einer mangelnden Menschenkenntnis ergab. Kautsky, der in Fragen der Psychologie selbst sehr kurzsichtig ist, führt als konkretes Beispiel Engels sture Verteidigung von Edward Aveling, dem Lebensgefährten der Marx-Tochter Eleanor, an. Aveling hatte zweifelsohne seine Stärken, die aber nicht auf dem Gebiet des Menschlichen lagen. Vorsichtig, aber sehr nachdrücklich, versucht Kautsky die Ansicht zu verbreiten, dass Engels ihm gegenüber keine psychologische Sensibilität an den Tag legte. Das ist der wahre Grund, warum er Engels Fähigkeit zur Beurteilung von Menschen in Frage stellt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sein ganzes Leben lang zeichnete sich Engels durch eine besonders zuvorkommende Haltung gegenüber Frauen aus, da diese doppelt unterdrückt sind. Dieser Weltbürger mit seiner enzyklopädischen Bildung war mit einer einfachen Textilarbeiterin, einem irischen Mädchen, verheiratet. Und nach ihrem Tod lebte er mit ihrer Schwester zusammen. Seine liebevolle Beziehung zu den beiden war wirklich bemerkenswert. Marx‘ unpassende Reaktion auf den Tod von Mary Burns, Engels erster Frau, ließ einen ersten Schatten über ihrer Beziehung aufziehen, doch nach allem, was wir wissen, gab es sonst keine Vorkommnisse, die ihre 40-jährige Freundschaft belasteten. Gegenüber den Töchtern von Marx verhielt sich Engels, als wären sie seine eigenen Kinder. Zu einer Zeit, als Marx, scheinbar nicht ohne Einflussnahme seiner Frau, versuchte, sich in das Gefühlsleben seiner Töchter einzumischen, gab ihm Engels vorsichtig zu verstehen, dass solche Angelegenheiten niemanden etwas angehen, außer die unmittelbar Beteiligten selbst. Engels fühlte sich der jüngsten Tochter von Marx, Eleanor, besonders verbunden. Sie ging mit Aveling eine Beziehung ein; er war ein verheirateter Mann, der seine erste Familie verlassen hatte. Dieser Umstand hatte zur Folge, dass sich rund um das „unrechtmäßige“ Paar die Stickigkeit der wahren britischen Heuchelei breitmachte. Ist es erstaunlich, dass Engels in Verteidigung Eleanors und ihres Partners, dessen moralischer Eigenschaften ungeachtet, ausrückte? Eleanor kämpfte für ihre Liebe zu Aveling, solange sie die Kraft dafür aufbringen konnte. Engels war nicht blind, doch er war der Ansicht, dass die Frage von Avelings Persönlichkeit in erster Linie Eleanor selbst beurteilen müsse. Von seiner Seite sah er es nur als seine Pflicht, sie gegen Heuchelei und üble Gerüchte in Schutz zu nehmen. „Hände weg!“ hielt er den frömmelnden Heuchlern standhaft entgegen. Letztendlich war Eleanor nicht mehr imstande, mit den Schlägen, die ihr das Leben versetzte, fertig zu werden und beging Selbstmord.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kautsky bezieht sich auch auf die Tatsache, dass Engels Aveling in politischen Angelegenheiten ebenfalls unterstützte. Doch dies lässt sich ganz einfach damit erklären, dass Eleanor, wie auch Aveling, politisch direkt unter seiner Anleitung arbeiteten. Zwar führte diese Aktivität nicht zu den erwünschten Resultaten, doch die Arbeit ihres Gegenspielers Hyndman, den Kautsky weiterhin unterstützte, erlitt ebenfalls Schiffbruch. Die Ursache für das Scheitern dieser ersten marxistischen Organisationsversuche muss in den objektiven Bedingungen im damaligen England gesehen werden, die Engels selbst so treffend dargelegt hat. Engels‘ persönlicher Gegensatz zu Hyndman ergab sich insbesondere aus dessen hartnäckiger Ausdauer, wenn es darum ging, den Namen von Marx zu übergehen, was er damit rechtfertigte, dass die Engländer keine ausländischen Autoritäten akzeptieren würden. Engels jedoch hegte den Verdacht, Hyndman selbst sei „der chauvinistischste John Ball, den es gibt“ (S. 140). Kautsky versucht Engels‘ Vermutung in diesem Punkt zu entkräften, als ob Hyndman durch sein schändliches Verhalten im Krieg – worüber Kautsky kein Wort verliert! – seinen niederträchtigen Chauvinismus nicht offen zur Schau gestellt hätte. Um wie viel klarer sah Engels auch in diesem Fall!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das wichtigste Beispiel für Engels „Unfähigkeit“ bei der Beurteilung von Menschen bezieht sich auf Kautskys eigenes Privatleben. In dem nun veröffentlichten Briefwechsel nimmt das Thema von Kautskys Scheidung von seiner ersten Frau einen beachtlichen, wenn nicht den zentralen Platz ein. Dieser heikle Umstand war zweifelsohne ausschlaggebend dafür, dass Kautsky so lange die alten Briefe nicht öffentlich gemacht hatte.<br>Das junge Ehepaar Kautsky lebte mehr als sechs Jahre in London in ständiger und ungetrübter Gemeinschaft mit Engels und seinem familiären Umfeld. Den General hat es wortwörtlich umgehauen, als er fast unmittelbar nach deren Ankunft auf dem Kontinent die Nachricht vom Scheidungsverfahren von Karl und Louise Kautsky erhielt. Die engsten Freunde wurden nun wohl oder übel zu den moralischen Schiedsrichtern in diesem Konflikt. Engels stellte sich umgehend und bedingungslos auf Louises Seite und blieb bis zu seinem Tod bei dieser Position.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einem Brief von 17. Oktober 1888 schrieb Engels eine Antwort an Kautsky: „Wenn nun eine Störung so bedeutend war… daß du ernstlich die Absicht der Trennung faßtest, so war nach meiner Ansicht nach zu erwägen die Verschiedenheit der Lage von Frau und Mann unter den heutigen Verhältnissen… Daraus folgt, daß der Mann nur im äußersten Fall, nur nach reifer Überlegung, nur in vollster Klarheit über die Notwendigkeit der Sache diesen äußersten Schritt tun darf, und dann auch nur in der rücksichtsvollsten Form.“ (S. 227) Aus dem Munde von Engels, der sich bewusst war, dass Herzensangelegenheiten nur die unmittelbar Betroffenen etwas angehen, klingen diese Worte wie eine unerwartete Moralpredigt. Es ist aber kein Zufall, dass er diese Sätze an Kautsky richtet. Wir sind nicht in der Lage, diesen Ehekonflikt zu analysieren, von dem wir auch nicht alle Seiten kennen. Kautsky selbst ist äußerst zurückhaltend mit Informationen über diese familiäre Angelegenheit, die schon so lange zurückliegt. Aus seinen zugeknöpften Kommentaren muss man aber schließen, dass Engels seinen Standpunkt unter dem einseitigen Einfluss von Louise entwickelte. Doch woher stammte dieser Einfluss? Während der Scheidung blieben beide Seiten in Österreich. Wie im Falle Eleanors weicht Kautsky offensichtlich dem Kern der Sache aus. Seinem ganzen Zugang nach dürfte Engels – bei ansonsten gleichwertigen Umständen – dazu tendiert haben, sich auf die Seite des Benachteiligten zu stellen. Doch es ist offensichtlich, dass in seinen Augen nicht „alle übrigen Umstände“ gleich waren. Dass Louise überhaupt die Möglichkeit gehabt hätte, ihn zu beeinflussen, spricht schon für sie. Auf der anderen Seite gab es in Kautskys Persönlichkeit viele Züge, die Engels ganz klar abstoßend fand. Darüber konnte er still hinwegsehen, solange ihre Beziehung rein auf Fragen der Theorie und der Politik beschränkt blieb. Nachdem er jedoch auf Initiative von Kautsky selbst in diesen persönlichen Streitfall hineingezogen wurde, sprach er offen aus, was er darüber dachte. Die Standpunkte eines Menschen und seine Moral sind, wie wir nur zu gut wissen, nicht immer identisch. In Kautsky, dem Marxisten, erahnte Engels den Wiener Kleinbürger, selbstzufrieden, egoistisch und konservativ. Einer der wichtigsten Maßstäbe für die Persönlichkeit eines Mannes ist seine Haltung gegenüber Frauen. Engels war ganz offensichtlich der Meinung, dass der Marxist Kautsky auf diesem Gebiet noch immer gewisse Gebote bürgerlichen Humanismus nötig hatte. Unabhängig davon, ob Engels richtig oder falsch lag, liegt genau darin die Erklärung für seine Haltung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im September 1889, als die Scheidung bereits vollzogen war, schrieb Kautsky, ganz offensichtlich mit dem Wunsch zu zeigen, dass er doch nicht so hartherzig und egoistisch ist, achtlos an Engels, dass er Louise „bedauert“. Doch es war genau dieses Wort, mit dem er sich einen Ausbruch der Empörung einhandelte. Der zornige General donnerte in seiner Antwort: „Louise hat sich in dieser ganzen Sache mit einem solchen Heroismus und einer solchen Weiblichkeit benommen, daß wir alle sie nicht genug bewundern können. Wenn in dieser Angelegenheit überhaupt jemand zu bedauern wäre, so wäre es sicher nicht Louise.“ (S. 248) Diese schonungslosen Worte, die auf eine etwas versöhnlichere Feststellung folgt („Ihr Zwei seid allein kompetent und was Ihr gutheißt, müssen wir Andern acceptiren.“) liefern den Schlüssel zu Engels Haltung in dieser Frage und werfen ein gutes Licht auf seine Persönlichkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Scheidungsverfahren zog sich eine ganze Weile lang, so dass sich Kautsky gezwungen sah, ein ganzes Jahr in Wien zu verbringen. Bei seiner Rückkehr nach London im Herbst 1889 wurde er von Engels nicht mehr so herzlich empfangen, wie er es von früher gewohnt war. Außerdem lud Engels fast schon demonstrativ Louise ein, seinen Haushalt zu führen, nachdem dieser seit dem Tod von Helene Demuth verwaist war. Louise heiratete bald darauf ein zweites Mal und lebte mit ihrem Ehemann im Haus von Engels. Schließlich bestimmte Engels Louise zu einer seiner Erbinnen. Der General war nicht nur großherzig, sondern auch unnachgiebig. Am 21. Mai 1895, zehn Wochen vor seinem Tod, schrieb Engels von seinem Krankenbett aus einen Brief an Kautsky, der von seinem Ton her äußerst gereizt und voller unwirscher Vorhaltungen ist. Kautsky schwört, dass diese Vorwürfe zur Gänze unbegründet waren. Mag sein. Doch er erhielt keine Antwort auf seinen Versuch, die Verdächtigungen des alten Manns zu zerstreuen. Am 6. August starb Engels. Kautsky versucht den für ihn so tragischen Bruch zwischen den beiden mit der krankheitsbedingten Gereiztheit seines Lehrmeisters zu erklären. Abseits von den wütenden Vorhaltungen enthält Engels Brief jedoch auch Bewertungen komplexer historischer Fragen, eine wohlwollende Beurteilung von Kautskys letzter wissenschaftlicher Arbeit und lässt generell auf einen äußerst hellen Geisteszustand schließen. Nebenbei bemerkt wissen wir von Kautsky selbst, dass schon sieben Jahre vor dem Bruch ein Wandel in der Beziehung zwischen den beiden erfolgt war, und dass dies in einer Form passierte, die keinen Interpretationsspielraum offen ließ.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Januar 1889 hatte es Engels noch immer ernsthaft in Betracht gezogen, Kautsky und Bernstein zu seinen und Marx‘ Nachlassverwaltern zu ernennen. Bald darauf ging er jedoch von dieser Idee ab, was zumindest Kautsky betraf. Er fragte, offensichtlich unter einem Vorwand, ob Kautsky ihm die bereits für die Entzifferung und Transkription übergebenen Manuskripte (Theorien über den Mehrwert) zurückgeben könne. Das passierte im selben Jahr, 1889, als noch kein Gerede von einer krankhaften Gereiztheit war. Wir können nur mutmaßen, aus welchen Gründen Engels Kautsky von der Liste der Nachlassverwalter nahm; doch sie ergeben sich fast zwingend aus den Umständen dieses Falls. Engels selbst sah, wie wir wissen, die Veröffentlichung von Marx‘ literarischem Nachlass als wichtigste Aufgabe seines Lebens. Es gibt keinerlei Anzeichen für eine ähnliche Haltung bei Kautsky. Der junge und sehr produktive Schreiber war zu sehr mit seiner eigenen Arbeit beschäftigt, um den Manuskripten von Marx die Aufmerksamkeit zu schenken, die Engels verlangte. Vielleicht hatte der alte Mann die Sorge, dass der produktive Kautsky, bewusst oder unbewusst, einige von Marx‘ Ideen als seine eigenen „Entdeckungen“ verkaufen könnte. Das ist die einzig sinnvolle Erklärung, warum Kautsky durch Bebel ersetzt wurde. Letzterer war von seinem theoretischen Verständnis zwar weit weniger qualifiziert, aber er genoss im Gegensatz zu Kautsky das volle Vertrauen von Engels.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während wir bislang von Kautsky gehört haben, dass Engels im Gegensatz zu Marx ein schlechter Psychologe war, unterzieht er an einer anderen Stelle seiner Kommentare beide seine Meister dieser Kritik. Er schreibt: „Große Menschenkenner scheinen beide nicht gewesen zu sein.“ (S. 44) Diese Feststellung scheint nicht sehr glaubwürdig, wenn wir uns in Erinnerung rufen, wie reichhaltig und unvergleichlich präzise die persönlichen Charakterisierungen nicht nur in den Briefen von Marx, sondern auch im Kapital sind. Man kann durchaus sagen, dass Marx imstande war, aus einzelnen Charakterzügen auf die Persönlichkeit eines Menschen zu schließen, so wie Cuvier aus einem einzelnen Kieferknochen ein Tier zu rekonstruieren vermochte. Wenn Marx 1852 den ungarisch-preußischen Provokateur Banya nicht durchschaute – das einzige Beispiel, auf das sich Kautsky bezieht! – ist es lediglich ein Beweis dafür, dass Marx weder ein Hellseher noch ein Hexenmeister war, sondern auch Fehler bei der Einschätzung von Menschen machte, speziell von jenen, die eher zufällig die Bühne betraten. Mit dieser Behauptung versucht Kautsky ganz offensichtlich Marx‘ unvorteilhafter Aussage nach deren erstem und letztem Zusammentreffen zuvorzukommen. Kautsky widerspricht sich selbst, wenn er zwei Seiten später schreibt: „[Dass] Marx die Kunst der Menschenbehandlung sehr gut verstand, zeigte er wohl am glänzendsten im Generalrat der ‚Internationale‘.“ (S. 46) Eine Frage bleibt jedoch: Wie kann jemand einen „glänzenden“ Umgang mit Menschen haben, ohne die Fähigkeit zu besitzen, deren Persönlichkeit zu ergründen? Wie kann man da nicht zu dem Schluss kommen, dass Kautsky Argumente sucht, die ihm erlauben, eine negative Bilanz aus seinem Verhältnis zu seinen Lehrern zu ziehen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Einschätzungen und Prognosen</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Briefe von Engels sind reich an Charakterisierungen verschiedener Persönlichkeiten und an prägnanten Einschätzungen von weltpolitischen Ereignissen. Wir werden uns auf einige wenige Beispiele beschränken. „Der paradoxe Belletrist Shaw – als Belletrist sehr talentiert und witzig – als Ökonom und Politiker absolut unbrauchbar.“ (S. 338) Diese Bemerkung aus dem Jahr 1892 hat bis heute seine ganze Aussagekraft bewahrt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der bekannte Journalist V. T. Stead wird als „ein ganz verrückter Kerl, aber brillanter Geschäftsmann“ charakterisiert. Zu Sydney Webb merkt Engels kurz und bündig an, dass er „ein echter Britischer politician“ ist. Das war der herbste Begriff in Engels Wortschatz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Januar 1889 schrieb Engels in der Hitze der Wahlkampagne von Boulanger: „Die Wahl Boulangers bringt die Lage in Frankreich zur Krisis. Die Radikalen haben sich zu Knechten des Opportunismus und der Korruption gemacht und damit den Boulangerismus förmlich gezüchtet.“ (S. 231) Diese Worte erscheinen erstaunlich aktuell – man muss nur anstelle von Boulangerismus Faschismus schreiben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Engels geißelt die Theorie einer „evolutionären“ Transformation vom Kapitalismus zum Sozialismus als das „das frischfrommfröhlichfreie ‚Hineinwachsen‘ der alten Sauerei ‚in die sozialistische Gesellschaft‘“ (MEW, bd. 38, S. 125). Diese epigrammatische Formel greift der Kontroverse voraus, die viele Jahre später in der Arbeiterbewegung geführt werden sollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In demselben Brief zerreißt Engels die Rede des sozialdemokratischen Abgeordneten Vollmar: „Vollmars Rede mit ihrem ganz überflüssigen Entgegenkommen gegen die jetzigen Offiziellen und ihren noch überflüssigeren und obendrein unautorisierten Versicherungen, die Sozialdemokraten würden mitmachen, wenn das Vaterland angegriffen würde – würden also die Annexion von Elsaß-Lothringen Verteidigen helfen –, hat hier und in Frankreich bei unsern Gegnern helle Freude erregt.“ (MEW, Bd. 38, S. 126) Engels verlangte, dass sich die führenden Zeitungen der Partei öffentlich von Vollmar distanzieren. Während des Großen Krieges, als die Sozialpatrioten Engels Namen auf jede nur erdenkliche Weise missbrauchten, kam es Kautsky nie in den Sinn, diese Zeilen zu veröffentlichen. Warum sich groß Gedanken machen? Der Krieg sorgte auch so für genügend Kummer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am 1. April 1895 protestierte Engels gegen die Art und Weise, wie im Vorwärts, dem Zentralorgan der Partei, sein Vorwort zu Marx‘ Klassenkämpfe in Frankreich ausgelegt wurde. Durch Auslassungen sei der Artikel derart verzerrt worden, schäumte Engels, „daß ich als friedfertiger Anbeter der Gesetzlichkeit quand même (unter allen Umständen, Anm.) dastehe.“ (MEW, Bd. 39, S. 452) Er verlangt, dass dieser „schmähliche Eindruck“ (S. 383) – koste es, was es wolle – beseitigt wird. Engels, der zu dem Zeitpunkt auf seinen 75. Geburtstag zuging, war ganz offensichtlich noch nicht bereit, dem revolutionären Enthusiasmus seiner Jugend abzuschwören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn man über all die Fehleinschätzungen von Engels in Bezug auf andere Personen spricht, dann sollte man als Beispiele nicht Aveling, den Schmutzfink in persönlichen Angelegenheiten, oder den Spion Banya anführen, sondern die herausragenden Führer des Sozialismus: Victor Adler, Guesde, Bernstein, Kautsky selbst und viele andere. Sie alle haben ohne Ausnahme seine Erwartungen verraten – auch wenn wir klar sagen müssen, dass dies erst nach seinem Tod passierte. Doch genau die Tatsache, dass dieser Fehler so allumfassend war, ist der Beweis, dass es sich hierbei nicht um Probleme der individuellen Psychologie handelte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">1884 schrieb Engels mit Bezug auf die deutsche Sozialdemokratie, die schnelle Erfolge erzielte, dass sie eine Partei sei, die „frei von allem Philisterthum im philiströsesten, frei von allem Chauvinismus im siegestrunkensten Land Europas“ (S. 154) war. Der weitere Lauf der Dinge zeigte, dass sich Engels die zukünftige revolutionäre Entwicklung zu sehr als geradlinigen Prozess vorgestellt hatte. Vor allem hat er den kraftvollen kapitalistischen Aufschwung, der unmittelbar nach seinem Tod einsetzte und bis zum Vorabend des imperialistischen Krieges andauerte, nicht vorhergesehen. Es war genau in diesen 15 Jahren wirtschaftlicher Hochblüte, in denen die vollständige opportunistische Degeneration der führenden Kreise der Arbeiterbewegung vonstattenging. Diese Degeneration zeigte sich im Krieg in vollem Ausmaß, und in letzter Instanz führte sie zur schändlichen Kapitulation vor dem Nationalsozialismus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kautsky zufolge war Engels schon damals, in den 1880er Jahren, angeblich der Meinung, die deutsche Revolution „werde zuerst die bürgerliche Demokratie ans Ruder bringen und dann erst die Sozialdemokratie“. Im Gegensatz dazu schrieb Kautsky: „Ich nehme an, die nächste deutsche Revolution könne nur noch eine proletarische sein.“ (S. 190) Das Bemerkenswerte in Verbindung zu dieser alten Meinungsdifferenz, die kaum jemals korrekt wiedergegeben wurde, ist, dass Kautsky es nicht schafft, überhaupt die Frage aufzuwerfen, was die deutsche Revolution von 1918 wirklich war. Denn in diesem Fall müsste er sagen: Diese Revolution war eine proletarische Revolution; sie legte unmittelbar die Macht in die Hände der Sozialdemokratie; doch die Sozialdemokratie gab die Macht, mit der Unterstützung von Kautsky selbst, der Bourgeoisie zurück. Diese war jedoch unfähig, die Macht auszuüben und musste Hitler zu Hilfe rufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die historische Wirklichkeit ist unendlich reicher an Optionen und Übergangsstadien, als es das größte Genie sich vorstellen könnte. Der Wert politischer Prognosen liegt nicht darin, dass diese mit jeder Stufe der Wirklichkeit übereinstimmen, sondern darin, dass sie eine Hilfestellung bieten, den wahren Lauf der Entwicklung zu verstehen. Von diesem Standpunkt aus hat Friedrich Engels den Test der Geschichte bestanden.</p>
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		<title>Friedrich Engels – Leben und Ideen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Adam Booth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 09 Aug 2020 00:40:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Dialektischer Materialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Engels]]></category>
		<category><![CDATA[Historischer Materialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Trotzki]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Neben Karl Marx war Friedrich Engels einer der Gründerväter des „wissenschaftlichen Sozialismu, also der theoretischen Ideen, die heute allgemein als Marxismus bekannt sind. Am 28. November 2020 feiern wir seinen [&#8230;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Neben Karl Marx war Friedrich Engels einer der Gründerväter des „wissenschaftlichen Sozialismu, also der theoretischen Ideen, die heute allgemein als Marxismus bekannt sind. Am 28. November 2020 feiern wir seinen 200. Geburtstag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die enge Zusammenarbeit zwischen Marx und Engels dauerte etwa 40 Jahre. Sowohl im Leben als auch im Tod stand Engels jedoch immer im Schatten des unbestreitbaren Genies Marx. Engels wird oft – etwas zu Unrecht – als zweite Geige nach Marx angesehen. Selbst Engels nährte diese Ansicht häufig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Tat war Engels äußerst zurückhaltend und bescheiden und betonte stets die wichtige Rolle von Marx gegenüber seiner eigenen. „Was ich beigetragen habe – jedenfalls mit Ausnahme meiner Arbeit auf einigen Spezialgebieten &#8211; hätte Marx sehr wohl auch ohne mich tun können“, schrieb Engels.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was Marx geleistet, hätte ich nicht fertiggebracht. Marx stand höher, sah weiter, überblickte mehr und rascher als wir andern alle. Marx war ein Genie, wir andern höchstens Talente. Ohne ihn wäre die Theorie heute bei weitem nicht das, was sie ist. Sie trägt daher auch mit Recht seinen Namen.“ (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21, S.291)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotz dieser Bescheidenheit ist es unbestreitbar, dass Engels einen umfassenden und herausragenden Beitrag zur marxistischen Theorie geleistet hat, und zwar nicht nur „auf einigen wenigen Spezialgebieten“. Seine fruchtbare Zusammenarbeit mit Marx war alles andere als einseitig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In seinem Tagebuch im Exil unterstrich Leo Trotzki diesen Punkt:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„In der Reihe der großen Männer ist Engels ohne Zweifel eine der lautersten, in sich geschlossensten und in ihrem Wesen edelsten Persönlichkeiten. &#8230; Das Christentum hat die Gestalt Christi geschaffen, um den ungreifbaren Gott Zebaoth zu vermenschlichen und ihn den Sterblichen näher zu bringen. Neben dem Olympier Marx erscheint Engels menschlicher, näher. Wie sie sich gegenseitig ergänzen; vielmehr: wie bewusst ergänzt doch Engels durch sich selbst Marx; und wie er sich im Laufe seines ganzen Lebens in der Ergänzung Marxens verzehrt! Darin erblickt er seine Lebensbestimmung, darin findet er Genugtuung – ohne die geringste Spur eines persönlichen Opfers –, stets sich selbst treu, stets lebensbejahend, stets seinem Milieu und seiner Zeit überlegen, inmitten schier grenzenloser geistiger Interessen, Hüter des echten Funkens der Genialität in der nie erkaltenden Glut des Gedankens.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor dem Hintergrund des alltäglichen Lebens gewinnt die Gestalt von Engels an Marxens Seite ungemein an Wert (wobei die Persönlichkeit von Marx nicht das geringste einbüßt). Ich entsinne mich, Lenin einmal n, dass im Gesamtbild seines Verhältnisses zu dem Titanen Marx der treue Fred nicht nur nichts einbüßt, sondern eher gewinnt. Lenin stimmte diesem Gedanken mit größter Lebhaftigkeit, ja, ich möchte sagen, mit Genuss zu: er empfand eine heiße Liebe für Engels, gerade wegen dessen Charaktergeschlossenheit und vielschichtiger Menschlichkeit nach der Lektüre des Marx-Engelsschen Briefwechsels, in meinem Frontzuge meine Begeisterung für die Persönlichkeit von Engels gerade in dem Sinne ausgedrückt zu habe.“ (Leo Trotzki, Tagebuch in Exil, Köln-Berlin 1958)</p>



<h3 class="wp-block-heading">Theoretischer Riese</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In den Geschichtsbüchern wird Engels oft einfach als der philanthropische Wohltäter von Marx bezeichnet. Zwar trugen Engels&#8216; finanzielle Beiträge (die aus dem Reichtum der Textilindustrie seiner bürgerlichen Familie stammten) wesentlich dazu bei, dass Marx seine Lebenszeit dem Schreiben widmen konnte. Aber infolgedessen werden Engels&#8216; eigene wichtige politische Beiträge zu den Ideen des Marxismus oft übersehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Wahrheit war Engels selbst ein theoretischer Riese. Er war wahrscheinlich der am weitesten und besten ausgebildete Mann seiner Zeit und hatte einen enzyklopädischen Geist. Er verfügte nicht nur über profunde Kenntnisse in Wirtschaft und Geschichte, sondern auch über ein brennendes Interesse an Philosophie, Wissenschaft, Literatur und sogar an militärischen Taktiken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einigen akademischen Kreisen ist es Mode, politische Unterschiede zwischen Marx und Engels hervorzuheben. Die umfangreiche Korrespondenz zwischen den beiden lebenslangen Freunden zeigt jedoch die Untrennbarkeit ihrer Verbindung. Ihre zahlreichen gemeinsam verfassten Titel sind ein weiterer Beweis für ihren enge politischen Zusammenhalt. Zwar waren die beiden deutschen Sozialisten bei ihrem ersten Treffen 1842 nicht voneinander beeindruckt. Aber ihr Respekt füreinander wuchs mit der Zeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Marx wurde erstmals durch die 1845 erschienenen Schriften über „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ auf Engels&#8216; Talente aufmerksam. Diese Artikelserie basierte auf Engels&#8216; Beobachtungen des Arbeiterlebens in der geschäftigen Industriemetropole Manchester, wo sich die Textilfabrik seiner Familie befand. Die von Engels zusammengetragenen Beobachtungen waren prägend für die Gestaltung von Marx&#8216; eigenen Vorstellungen über die revolutionäre Rolle der Arbeiterklasse.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre Verbindung beruhte vor allem auf einem gemeinsamen Verständnis der Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Herangehensweise an die Fragen von Geschichte, Gesellschaft und Wirtschaft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Marx und Engels waren in der Tat unabhängig voneinander zu diesem Schluss gekommen. Beide waren desillusioniert über die Sackgasse der zeitgenössischen Philosophie, die von radikalen Gruppen der damaligen Zeit, wie den Junghegelianern, dargestellt wurde. Es war dieses gegenseitige Gefühl der Unzufriedenheit mit ihren intellektuellen Altersgenossen, das zu ihrer frühen gemeinsamen Kritik in „Die Heilige Familie“ und „Die deutsche Ideologie“ führte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Insbesondere das letztere Werk – 1846 als eine Reihe unvollendeter Manuskripte verfasst, aber zu Lebzeiten von Marx und Engels noch nicht veröffentlicht – diente dazu, die Grundlage ihrer gemeinsamen philosophischen Ideen zu umreißen und den theoretischen Rahmen ihrer revolutionären Weltanschauung festzulegen: den historischen Materialismus. Dies wiederum bildete die Grundlage für künftige gemeinsame Anstrengungen &#8211; am bekanntesten ist das „Manifest der Kommunistischen Partei“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wissenschaftlicher Sozialismus</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Das Manifest wurde 1848 für den Bund der Kommunisten geschrieben, der zuvor unter dem Namen Bund der Gerechten bekannt war, aber auf Drängen von Marx und Engels umbenannt wurde. Dabei handelte es sich um eine Gruppe vorwiegend deutscher Emigranten, die ihre kommunistischen Landsleute Marx und Engels beauftragten, das Gründungsprogramm ihrer Partei zu verfassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Engels verfasste den ersten Entwurf des Manifests in Form einer Reihe von Fragen und Antworten mit dem Titel „Grundsätze des Kommunismus“. Dieser wurde dann von den beiden zu jenem historischen Dokument umgearbeitet, das heute in der ganzen Welt für seinen berühmten Schlachtruf bekannt ist: Proletarier aller Länder, vereinigt euch!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die einleitenden Zeilen des Manifests – „Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus“ &#8211; heben auch die revolutionären Ereignisse zu Lebzeiten von Marx und Engels hervor, die das Denken der beiden Männer eindeutig tiefgreifend beeinflusst haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Französische Revolution hatte eine Fülle von sozialistischen Bewegungen hervorgebracht. Diese waren jedoch im Allgemeinen utopischer Natur und sahen im Sozialismus lediglich eine „große Idee“, die von „großen Männern“ erkämpft werden müsse.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Gegensatz zu diesem Idealismus versuchten Marx und Engels, eine materialistische Grundlage für die Bewegung der Arbeiterklasse zu schaffen; daher ihre eigene Beschreibung ihrer Ideen als „wissenschaftlicher Sozialismus“. Sie erklärten, dass der Sozialismus keine ahistorische Blaupause für die Gesellschaft sei, sondern ein System sozioökonomischer Beziehungen. Dieses System wiederum erfordert bestimmte materielle Voraussetzungen – die Entwicklung von Großindustrie und Monopolen; eine starke Arbeiterklasse; die Vernetzung des Weltmarkts – damit es entstehen und gedeihen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor allem identifizierten Marx und Engels die Träger dieses revolutionären Wandels: die organisierte Arbeiterklasse – die „Totengräber“ des Kapitalismus. Dieses radikale Potenzial der Arbeiterklasse konnte in den gewaltigen Bewegungen gesehen werden, die Europa zu dieser Zeit erschütterten: von den Chartisten in Großbritannien bis zu den Revolutionen, die 1848 über den Kontinent fegten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Theorie und Aktion</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Aber die Begründer des Marxismus waren nicht bloße Beobachter solcher Ereignisse. Vielmehr widmeten sie ihr Leben dem Aufbau einer revolutionären Organisation, die in der Lage war, die Arbeiterklasse zum Sieg zu führen. Deshalb waren die beiden 1864 tatkräftig bei der Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA) beteiligt, die im Nachhinein als Erste Internationale bezeichnet wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Internationale war ein vielfältiger Flickenteppich von Organisationen der Arbeiterklasse und linken Gruppen, darunter auch utopische Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten. Aber trotz der ideologischen Verwirrung innerhalb der IAA sahen Marx und Engels die Schaffung der Internationale als einen enormen Fortschritt für die Arbeiterklasse an. Ähnliches erklärten sie später in ihrer „Kritik des Gothaer Programms“, dem politischen Dokument, das 1875 von der im Entstehen begriffenen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands angenommen wurde: „Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dennoch machten Marx und Engels es sich zum Ziel, ideologische Klarheit in die internationale Arbeiterbewegung zu bringen und die Bewegung auf ein festes theoretisches Fundament zu stellen. Aus diesem Grund widmeten sowohl Marx als auch Engels einen Großteil ihrer Zeit und Energie der Korrespondenz mit anderen führenden politischen Persönlichkeiten und – was am wichtigsten ist – der Erstellung wichtiger Werke der marxistischen Theorie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Prozess der politischen Klärung bedeutet jedoch auch heftige Kämpfe und Auseinandersetzungen – vor allem mit Bakunin und den Anarchisten, die mit ihren Intrigen versuchten, die Internationale zu untergraben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach der Niederlage der Pariser Kommune 1871 und angesichts des destruktiven Verhaltens der Anarchisten setzten sich Marx und Engels für die Auflösung der Ersten Internationale ein und lenkten ihre Aufmerksamkeit auf andere Bereiche. Aber ihre Bemühungen waren nicht vergeblich. Vielmehr kann dieser gescheiterte Versuch, eine internationale revolutionäre Organisation zu schaffen, rückblickend als der Auftakt zur Gründung von Massenparteien der Arbeiterklasse auf der Grundlage marxistischer Ideen angesehen werden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Dialektik der Natur</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Engels war seiner Zeit weit voraus, insbesondere was die Frage der“ Wissenschaft betraf. Er sah in den Vorgängen in der Natur eine Bestätigung der Gesetze der Dialektik. „Nicht in der geträumten Unabhängigkeit von den Naturgesetzen liegt die Freiheit, sondern in der Erkenntnis dieser Gesetze, und in der damit gegebnen Möglichkeit, sie planmäßig zu bestimmten Zwecken wirken zu lassen“, schrieb Engels. Eines seiner wichtigsten Werke war in dieser Hinsicht ein unvollendetes: seine Sammlung von Notizen, die später in der Dialektik der Natur zusammengestellt wurden. Diese waren ein Versuch, die Naturwissenschaften insgesamt vom materialistischen Standpunkt aus zu begreifen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es liegt auf der Hand, dass ein Großteil von Engels&#8216; Analysen zu wissenschaftlichen Fragen durch das Wissen, die Daten und die Theorien der damaligen Zeit begrenzt war. So verwendet er zum Beispiel Wörter wie „Kraft“, „Bewegung“ und „Vis-Viva“, während wir heute von Energie sprechen würden. An anderer Stelle spricht er von „eiweißhaltigen Körpern“, während wir heute von DNA-, RNA- und Proteinmolekülen sprechen würden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wichtig sind jedoch nicht so sehr die konkreten Schlussfolgerungen oder Hypothesen, zu denen Engels gelangte, sondern die dialektische und materialistische Analysemethode, die er anwandte, um die ungelösten wissenschaftlichen Theorien seiner Zeit herauszuarbeiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tatsächlich ist es nicht überraschend, dass es in Engels&#8216; Werk Fehler gibt, sondern dass sich seine Ideen im Großen und Ganzen über die Zeit bewährt haben. Allein diese Tatsache zeigt die Richtigkeit der dialektischen Ideen, die Engels wie folgt beschrieb: „Die Dialektik ist aber weiter nichts als die Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des Denkens.“ (Friedrich Engels, MEW 20, S.131)</p>



<h3 class="wp-block-heading">Evolution und Arbeit</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In der Tat war Engels durch die Anwendung der marxistischen philosophischen Methode auf die wissenschaftlichen Probleme der damaligen Zeit sogar in der Lage, viele der späteren Entwicklungen und Entdeckungen der Naturwissenschaft brillant vorherzusehen.<br>Zum Beispiel zeigte Engels in seinem Aufsatz „Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ die wichtige Rolle der Hand und der Werkzeuge bei der Evolution unserer Spezies auf. Spätere Evolutionsbiologen – geblendet von dem Idealismus, der im Kapitalismus und in der Klassengesellschaft einen Großteil der Wissenschaft durchdringt – glaubten an das Konzept des „zerebralen Primats“ – also die Annahme, dass das menschliche Gehirn zuerst größer geworden sei und erst dann die Menschen in der Lage waren, komplexere Aufgaben zu erfüllen, die sie von anderen Spezies unterschieden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tatsächlich aber betonte Engels, dass die Vergrößerung des Gehirns – und die größere Intelligenz – unserer Vorfahren keine zufällige oder unabhängige Ursache ist. Vielmehr ist diese evolutionäre Entwicklung ein Produkt der verstärkten Interaktion zwischen dem Menschen und seiner Umwelt, die durch die Zweifüßigkeit, eine aufrechte Körperhaltung und die anschließende Befreiung der Hände möglich wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In ähnlicher Weise stellte Engels fest, dass die soziale Interaktion im Prozess der primitiven Produktion zur Entwicklung der Sprache führte. Dies wiederum verschaffte den frühen Menschen die Fähigkeit, komplexere Denkprozesse und höhere Bewusstseinsebenen zu bilden, die Abstraktion, Verallgemeinerung und Zukunftsplanung beinhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese unglaublichen Erkenntnisse über die Frage der menschlichen Evolution wurden damals weitgehend ignoriert. Aber sie wurden durch neuere Entdeckungen bestätigt, wobei moderne Paläontologen wie der verstorbene Stephen Jay Gould verkündeten, dass sich Wissenschaftler auf diesem Gebiet eine beträchtliche Menge an vergeudeter Zeit hätten sparen können, wenn sie von Anfang an auf Engels gehört hätten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">An anderer Stelle, in „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“, wandte Engels die marxistische Methode des historischen Materialismus auf neue anthropologische Nachweise der frühen menschlichen Gesellschaften an. Auf diese Weise gelang es ihm, den Schleier des Geheimnisses der modernen Klassengesellschaft zu lüften und unter anderem zu erklären, wie die Unterdrückung der Frau entstanden war.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kämpfer und Lehrer</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Das wohl bedeutendste Werk Engels&#8216; war jedoch seine Antwort an den akademischen Philosophen Eugen Dühring, der arrogant seine eigene „große Theorie“ als Widerlegung des Marxismus geschrieben hatte. Leider fanden Dührings Ideen bei einigen deutschen Sozialdemokraten ein Echo. Marx selbst war zu sehr mit der Arbeit am „Kapital“ beschäftigt, um auf Dührings Verzerrungen zu antworten. Es blieb daher Engels überlassen, die Dinge richtig zu stellen. Dies tat er mit Bravour, indem er dessen Polemik zum Anlass nahm, die Grundprinzipien des wissenschaftlichen Sozialismus zu präzisieren und hervorragend zu erklären.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Anti-Dühring kehrt Engels zur Frage der Dialektik der Natur zurück und zeigt an wissenschaftlichen Beispielen die Richtigkeit eines dialektischen und materialistischen Ansatzes im Gegensatz zum Idealismus und den formalistischen Schemata seines Gegners Dühring auf.<br>Auch hier sind viele seiner Kommentare eine erstaunliche Vorwegnahme von Problemen, die moderne Wissenschaftler beschäftigen – insbesondere seine Ausführungen über das Konzept der Unendlichkeit in Bezug auf Materie und Bewegung und warum es unsinnig ist, von einem „Anfang der Zeit“ zu sprechen. Die heutigen Kosmologen, die sich an das widersprüchliche „Urknall“-Modell des Universums klammern, könnten sich mit der Lektüre dieser Kapitel von Engels einen großen Gefallen tun.<br>Nach dem Tod seines engen Freundes Marx im Jahre 1883 setzte Engels dessen politische Arbeit fort – sowohl theoretisch als auch organisatorisch. Wichtig war, dass er die umfangreiche Sammlung von Notizen zur Ökonomie redigierte und zusammenstellte, die Marx hinterlassen hatte und die Bände zwei und drei von Das Kapital bildeten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus all diesen Gründen – und mehr noch – schrieb der junge russische Revolutionär Wladimir Lenin, als er 1895 vom Tode Friedrich Engels&#8216; erfuhr:</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;Der Name und das Leben von Engels sollte jedem Arbeiter bekannt sein&#8230; Vor allem lehrte er die Arbeiterklasse, sich selbst zu kennen und sich ihrer selbst bewusst zu sein, indem er die Wissenschaft an die Stelle der Träume setzte&#8230; Lasst uns stets das Andenken an Friedrich Engels ehren – einen großen Kämpfer und Lehrer des Proletariats!“</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Zum Weiterlesen:</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Friedrich Engels:&nbsp;<a href="https://www.youtube.com/watch?v=Qr2VHp37Z5Y" target="_blank" rel="noreferrer noopener">200 Jahre Friedrich Engels</a>&nbsp;(Audio)<br><a href="https://www.derfunke.de/rubriken/geschichte/2718-lenin-ueber-friedrich-engels" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Lenin über Friedrich Engels<br></a><a href="https://www.derfunke.de/rubriken/theorie/2779-engels-briefe-an-kautsky-von-leo-trotzki-oktober-1935" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Engels&#8216; Briefe an Kautsky &#8211; von Leo Trotzki</a><a href="https://www.derfunke.de/rubriken/theorie/1776-marxistische-klassiker-neu-gelesen-qder-anti-dngq-von-friedrich-engels" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Marxistische Klassiker neu gelesen: &#8222;Der Anti-Dühring&#8220; von Friedrich Engels<br></a><a href="https://shop.derfunke.de/adv/29-das-kommunistische-manifest.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei<br></a><a href="https://www.derfunke.de/rubriken/geschichte/786-friedrich-engels-afghanistan-das-schon-gegen-die-briten-widerstand-leistete" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Friedrich Engels über Afghanistan, das schon gegen die Briten Widerstand leistete</a><a href="https://www.derfunke.de/rubriken/theorie/1776-marxistische-klassiker-neu-gelesen-qder-anti-dngq-von-friedrich-engels" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><br></a><a href="https://www.derfunke.de/rubriken/oekologie/240-interview-mit-karl-marx-und-friedrich-engels-umweltkatastrophen-und-kapitalismus" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Interview mit Karl Marx und Friedrich Engels über Umweltkatastrophen und Kapitalismus</a></p>
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