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		<title>Planwirtschaft: Nicht nur möglich, sondern notwendig! </title>
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		<dc:creator><![CDATA[Ture Hirche]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 02 Oct 2024 12:00:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
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									<p><span style="color: #000000;">In jedem Klassenzimmer, jeder bürgerlichen Zeitung und jedem Hörsaal schreit es einem entgegen: Der Kapitalismus ist alternativlos. Die Erfahrungen der Vergangenheit haben angeblich gezeigt, wo andere Gedanken hinführen. Die ökonomischen Probleme in den Ostblockstaaten werden als Rechtfertigung genutzt, um den Kommunismus als gescheiterte Idee abzustempeln. Demnach sei eine sozialistische Wirtschaft geplagt von Mangel, stagnierender Leistung, wenig Innovation und ginge außerdem mit massiven Einschränkungen der Freiheit einher. </span></p><p><span style="color: #000000;">Diese Behauptungen haben sich nach dem Niedergang des Stalinismus in den 1990er Jahren mit großer Hartnäckigkeit etabliert. Doch nun beginnt diese Demagogie zu bröckeln. Denn der Kapitalismus zeigt immer deutlicher, dass er längst kein fortschrittliches System mehr ist und deswegen in einer organischen Krise steckt. </span></p><p><span style="color: #000000;">Das Produktionspotenzial der Gesellschaft ist lange über die Grenzen des Marktes hinausgewachsen. Der in der Produktion geschaffene Reichtum wird lieber vernichtet, als dass er den Bedürftigen zuteilkommt. 863 Millionen Menschen leiden bei einer Weltbevölkerung von 8,16 Milliarden an Hunger, obwohl wir genug Nahrung produzieren, um 10 Milliarden zu ernähren. Millionen leben auf der Straße oder sterben an behandelbaren Krankheiten. Wir versinken tiefer und tiefer in der Klimakrise. </span></p><p><span style="color: #000000;">Der Kapitalismus kann diese Probleme nicht lösen. Er ist ein System ökonomischer Anarchie, in dem der Nutzen dem Profit unterlegen ist und jeder Kapitalist versucht, den anderen auszustechen. Die Zeit war noch nie reifer für eine geplante Wirtschaft, die Produktion und Verteilung auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Menschheit und des Planeten statt auf den Profit auslegt. <br /><br /></span></p><h3><span style="color: #000000;"><b>Kann eine Planwirtschaft funktionieren?</b> </span></h3><p><span style="color: #000000;">Das häufigste Argument gegen die Planwirtschaft lautet, dass Planung nur auf Basis eines großen bürokratischen Apparates funktionieren kann, der zentral die Rechenführung der Produktion übernimmt. Diese könne jedoch niemals so effektiv wirtschaften wie der Markt, weil ihr ohne die Preissignale des Marktes das nötige Wissen über die sich ständig ändernden Bedürfnisse fehlen würde. </span></p><p><span style="color: #000000;">Solche Thesen beziehen sich vor allem auf die Wirtschaftssysteme der stalinistischen Ostblockstaaten. Doch sie liefern keine Argumente, warum ökonomische Planung nach den Prinzipien der sozialistischen Demokratie nicht funktionieren sollte. </span></p><p><span style="color: #000000;">Die Arbeiterklasse hat dadurch, dass sie Seite an Seite in der Fabrik steht und den Produktionsprozess genau begleitet oder im Büro sitzt und über ihn Rechnung führt, die Leitung der Wirtschaft de facto bereits heute inne. Einzig das Privateigentum an Produktionsmitteln hindert sie daran, all dieses Wissen zusammenzutragen und die Wirtschaft bewusst nach ihren Bedürfnissen zu planen. </span></p><p><span style="color: #000000;">Die Oktoberrevolution in Russland und die Erfahrungen der jungen Sowjetunion geben uns einen Eindruck davon, wie eine Planwirtschaft das gesamte Potential der Menschheit entfesseln kann. <br /><br /></span></p><h3><span style="color: #000000;"><b>Das Proletariat am Hebel der Wirtschaft</b> </span></h3><p><span style="color: #000000;">Als die Arbeiter am 7. November 1917 die Macht in Russland unter Führung ihrer Partei, den Bolschewiki, übernahmen, war es den Kommunisten bereits klar, dass Russland unmöglich alleine den Weg zum Sozialismus beschreiten kann. Der Kapitalismus schuf ein System, das die Produktion über den ganzen Globus hinweg miteinander vernetzte. Um den Weg in die klassenlose Gesellschaft zu ebnen, musste die Revolution einen internationalen Charakter haben. </span></p><p><span style="color: #000000;">Doch die Arbeiter in Russland sind, obwohl sie dort im Vergleich zum Bauerntum eine Minderheit waren, den ersten Schritt gegangen. Durch die Sowjets (Räte) lag die gesellschaftliche Gewalt komplett in den Händen der Unterdrückten. </span></p><p><span style="color: #000000;">In diesen demokratischen Organen, welche in vielen Betrieben, Städten und Regionen bestanden, konnte sich die Arbeiterklasse und das arme Bauerntum seine Delegierten zu jeder Zeit wählen und wieder abwählen, während diese dasselbe Gehalt erhielten wie ein durchschnittlicher Arbeiter. </span></p><p><span style="color: #000000;">Die Fabrikbesitzer waren gebunden an die Entscheidungen der gewählten Delegierten der Fabriken. Was dort entstand, war weit entfernt vom bürokratischen Alptraum, den liberale Ökonomen skizzieren wollen. Lenin schrieb damals: </span></p><p><span style="color: #000000;">„Die schöpferische, lebendige Tätigkeit der Massen ist der Hauptfaktor der neuen Gesellschaft. Die Arbeiter müssen damit beginnen, die Arbeiterkontrolle in ihren eigenen Fabriken zu organisieren und die Bauernhöfe mit Industrieprodukten im Austausch gegen Weizen zu beleben. Jeder Gegenstand, jedes Pfund Brot sollte gezählt werden, denn Sozialismus ist vor allem Buchhaltung. Lebendiger, atmender Sozialismus ist die Schöpfung der Volksmassen selbst.“ </span></p><p><span style="color: #000000;">Damit der Sozialismus aufgebaut werden konnte, musste die Wirtschaft harmonisch miteinander arbeiten. Zu diesem Zweck schufen die Bolschewiki im Dezember den Obersten Rat für Volkswirtschaft (Wesencha), der die Wirtschaft und die Finanzen des jungen Sowjetstaates zentral koordinieren sollte. </span></p><p><span style="color: #000000;">Die demokratische Kontrolle der einzelnen Betriebe wurde so mit dem gesamten Wirtschaftssystem verbunden. Wesencha setzte sich zusammen aus Repräsentanten der Sowjets und Gewerkschaften. Das Management einzelner Betriebe bestand zu je einem Drittel aus Repräsentanten der regionalen Wirtschaftsräte, der Gewerkschaften und der Belegschaft. </span></p><p><span style="color: #000000;">Dennoch war der Verwaltungsapparat des jungen Sowjetstaates unerfahren und die Arbeiter, der Rückständigkeit Russlands geschuldet, auf einem niedrigen kulturellen Niveau. Aus diesem Grund war man nicht in der Lage, alle Fabriken in Staatseigentum zu überführen. Die Expertise der alten Kapitalisten und Fabrikdirektoren wurde nach wie vor benötigt, um die Wirtschaft am Laufen zu halten.  </span></p><p><span style="color: #000000;">So war der Kapitalismus nicht abgeschafft, aber die politische Macht lag fest in den Händen der Arbeiterklasse. Das zeigt, dass die Wirtschaft nach einer Revolution nicht unmittelbar auf Sozialismus umgestellt werden kann, sondern sich in einer Phase des Übergangs zwischen Kapitalismus und Sozialismus befindet, in der die Überbleibsel der alten Gesellschaft durch die stetige Entwicklung der Produktivkräfte allmählich absterben würden. </span></p><p><span style="color: #000000;">Die Erhöhung der Produktivität der Arbeit würde den Reichtum vermehren und den Arbeitstag reduzieren. Der Bildungsstand kann so erhöht werden und die Arbeiter hätten mehr Zeit, sich in die Verwaltung der Gesellschaft einzubringen und die Relikte der alten Gesellschaft allmählich abzulösen. <br /><br /></span></p><h3><span style="color: #000000;"><b>Die ökonomischen Bedingungen für den Sozialismus </b> </span></h3><p><span style="color: #000000;">Doch der Revolution wurden extreme Steine in den Weg gelegt. Im Sommer 1918 befand sich das ganze Land im Bürgerkrieg, der die Wirtschaft auf 13 % des Niveaus vor dem 1. Weltkrieg reduzierte. Den Fabriken fehlte es an Rohstoffen und die Bevölkerung litt unter Hunger. </span></p><p><span style="color: #000000;">Anstelle den Aufbau des Sozialismus anzuleiten, war es die Aufgabe der wirtschaftlichen Planungsbehörden, die Industrie vor dem kompletten Zerfall zu bewahren und zu gewährleisten, dass die mangelhafte Menge an Munition und Nahrung so gut es ging verteilt wird.  </span></p><p><span style="color: #000000;">Doch selbst unter Umständen des extremen Mangels zeigte sich, welches Potential entfesselt wird, wenn die vormals Unterdrückten plötzlich kollektiv beginnen, die Gesellschaft zu leiten. Die kommunistischen Arbeiter und Soldaten informierten sich stets über den Zustand des Landes und zeigten Initiative, um bestehende Missstände auszubessern. </span></p><p><span style="color: #000000;">So löste der Beschluss einiger Eisenbahner, samstags unentgeltlich Arbeit zu leisten, um beschädigte Schienen, Lokomotiven und Waggons zu reparieren, eine Begeisterung und Nachahmung in zahlreichen Betrieben aus. </span></p><p><span style="color: #000000;">Ein anderes Beispiel ist der Einsatz revolutionärer Soldaten, deren Armee ihre militärischen Aufgaben bereits erfüllt hat. Bewusst über den schlechten Zustand der Infrastruktur im Ural, debattierten die Soldaten, wie man die Situation verbessern könne und schlugen vor, ihre Armee vorübergehend zur Arbeit einzusetzen. </span></p><p><span style="color: #000000;">Der Vorschlag wurde schnell angenommen und im Zuge dessen wurden zahlreiche Einheiten mobilisiert, die Infrastruktur aufzubessern, Fläche wieder bebaubar zu machen oder mangelnde Stellen in der Industrie oder der Rohstoffförderung aufzufüllen. </span></p><p><span style="color: #000000;">Solche Beispiele sind für die Ideologen des freien Marktes unerklärbar. Sie fragen sich, woher eine solche Selbstaufopferungen rühren kann, obwohl der einzelne gar keinen Profit daraus schöpfen kann. Doch die Arbeiter kämpften sehr wohl für ihr Interesse. Sie wussten, dass, wenn die Wirtschaft unter ihrer Leitung arbeitet, die Früchte ihrer Arbeit ihrem Wohlstand und dem der ganzen Gesellschaft zugutekommen würden. </span></p><p><span style="color: #000000;">Doch so heroisch ihr Einsatz auch war, wird der Sozialismus nicht auf Basis von wirtschaftlichem Zerfall oder freiwilliger Mehrarbeit aufgebaut, sondern durch moderne Industrie und Verkürzung des Arbeitstags. Erst so erhält die Mehrheit die nötige Zeit, um sich aktiv in die Verwaltung der Gesellschaft einzubringen. </span></p><p><span style="color: #000000;">Im Bürgerkrieg war vor allem das politisch bewusste Proletariat zu großen Teilen an der Front umgekommen und der Arbeitstag musste erhöht werden, um den vollständigen Kollaps der Wirtschaft abzuwenden. Durch das Scheitern der Revolution in Deutschland und anderen Ländern war die Sowjetunion ökonomisch und politisch isoliert und kein industrialisiertes Land konnte ihr zur Hilfe kommen. </span></p><p><span style="color: #000000;">Diese Umstände führten dazu, dass die aktive Teilnahme an der Demokratie schrumpfte und die Verwaltung in wachsendem Ausmaß von Bürokraten übernommen wurde. Das Motiv dieser Bürokratie bestand jedoch nicht im Aufbau des Sozialismus, sondern in der Erweiterung ihrer Privilegien. Die Sowjets sind so über die Jahre von Organen der direkten Demokratie in über dem Volk stehende Verwaltungsbehörden degeneriert. Die Wirtschaft behielt ihre sozialistische Grundlage, doch das Proletariat war seiner politischen Macht entzogen. </span></p><p><span style="color: #000000;">Doch diese Degeneration belegt in keiner Weise, dass eine geplante Wirtschaft nur gegen die Freiheit durchzusetzen ist. Die Sowjetdemokratie hörte auf zu existieren, weil äußere Faktoren sie in ihrem eigenen Blut ertränkten. <br /><br /></span></p><h3><span style="color: #000000;"><b>Erfolge der Planwirtschaft</b> </span></h3><p><span style="color: #000000;">Trotzdem brachte die Planwirtschaft in der Sowjetunion unvergleichbaren gesellschaftlichen Fortschritt, der im Kapitalismus nicht möglich gewesen wäre. Im Kapitalismus wäre die nach dem Bürgerkrieg marode Industrie dicht gemacht worden und Russland wäre auf absehbare Zeit ein Agrarstaat geblieben. Doch der Staat stellte sich schützend vor die Industrie und nutzte die restlichen Erträge der Wirtschaft, um sie zu erhalten und auszubauen. </span></p><p><span style="color: #000000;">Die zentralen Planungsbehörden fertigten in allen ökonomischen Zweigen Statistiken über ihre gegenwärtige Leistung und ihr Wachstumspotenzial an. Diese Daten wurden ab 1928 genutzt, um auf fünf Jahre datierte Pläne mit Wachstumszielen für die verschiedenen wirtschaftlichen Bereiche aufzustellen. </span></p><p><span style="color: #000000;">Solche Daten könnten im Kapitalismus niemals genau erhoben werden, da die Unternehmen ihre Zahlen lieber unter Verschluss halten, um ihren Konkurrenten nicht zu viel Preis zu geben. </span></p><p><span style="color: #000000;">Während der ersten beiden Fünfjahrespläne wuchs die sowjetische Wirtschaft um 62 bis 70 %, während der Kapitalismus in der Weltwirtschaftskrise versank, zahlreich seine Betriebe schloss und Arbeiter auf die Straße setzte. Bis in die 1960er konnte die Sowjetwirtschaft mit beeindruckenden Ergebnissen strahlen. So wuchs die Wirtschaft von 1945 bis 1964 um 570 % und die Arbeitsproduktivität stieg von 1913 bis 1963 um 1.310 %. 1970 war die Anzahl von Ärzten von 135.000 auf 448.000 angewachsen und die Lebenserwartung hatte sich mehr als verdoppelt.  </span></p><p><span style="color: #000000;">All diese Beispiele bezeugen die Überlegenheit wirtschaftlicher Planung auf Basis wissenschaftlich erhobener Daten gegenüber der ökonomischen Anarchie, der wir im Kapitalismus ausgesetzt sind. </span></p><p><span style="color: #000000;">In der bisherigen Geschichte wurde der Mensch stets von den Produktionsverhältnissen regiert statt andersrum. Mit dem Sozialismus dreht er den Spieß um und beginnt die Produktion nach den eigenen Bedürfnissen und Ansprüchen zu gestalten. </span></p><p><span style="color: #000000;">Doch in der Sowjetunion und den restlichen Staaten, die nach ihrem Vorbild entstanden, konnte dieser Zustand nie erreicht werden. Ab den 60ern begann das Wachstum zu sinken, bis es in den 70ern und 80ern stagnierte und die Planwirtschaften schließlich zusammenbrachen. </span></p><p><span style="color: #000000;">Grund für diese Entwicklung war die unkontrollierte Bürokratie, die enorme Misswirtschaft, Korruption und Verschwendung verursachte. Die zentrale Planungsbehörde versuchte, jeden Aspekt der Wirtschaft anzuleiten. Doch es war ihr unmöglich, auch das Handeln der Millionen Bürokraten in der zivilen Verwaltung und den Betrieben zu kontrollieren. </span></p><p><span style="color: #000000;">Das erste Interesse eines Bürokraten ist es, die Anforderungen der über ihm stehenden Bürokratie zu erfüllen, damit er sich verdient macht, seinen Posten zu behalten oder im Rang aufzusteigen. Wenn eine Fabrik also von oben Produktionsziele gesetzt bekam, war für den Fabrikdirektor nur wichtig, Zahlen vorbringen zu können, die diese Ziele erfüllen. </span></p><p><span style="color: #000000;">Das führte dazu, dass die hergestellten Produkte oft minderwertig waren. Rohstoffe und industrielle Erzeugnisse waren oft nicht gut verarbeitet und Maschinen oder Fahrzeuge mussten schnell wieder in die Reparatur. Nicht selten kam es auch einfach dazu, dass Produktionsangaben übertrieben wurden. <br /><br /></span></p><h3><span style="color: #000000;"><b>Die Kunst ökonomischer Planung </b> </span></h3><p><span style="color: #000000;">Die Widersprüche, die zu dieser Entwicklung führten, wurden schon während des ersten Fünfjahresplans von Leo Trotzki erkannt, der die Sowjetwirtschaft aufmerksam aus der stalinistischen Verbannung beobachtete. </span></p><p><span style="color: #000000;">Der Plan stellte extrem hohe Produktionsziele auf, die nicht immer erreicht werden konnten oder sehr zu Lasten der Qualität der Produkte gingen. Zur gleichen Zeit war die Bürokratie nicht in der Lage, die dadurch entstandenen ökonomischen Missverhältnisse durch Anpassung des Plans auszugleichen. </span></p><p><span style="color: #000000;">In seinem Artikel „Sowjetwirtschaft in Gefahr“ schreibt Trotzki: „A priori ein vollendetes System wirtschaftlicher Harmonie zu schaffen ist unmöglich.“ Er schreibt weiter: „Nur die beständige Regulierung des Plans während der Ausführung, seine teilweise oder gänzliche Umarbeitung auf Grund der aus der Erfahrung gewonnenen Lehren, können seine wirtschaftliche Wirkung sichern.“ </span></p><p><span style="color: #000000;">Damit eine Planwirtschaft, die sich in der Phase des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus befindet, auf die ständig in Bewegung stehenden Dynamiken der Wirtschaft reagieren kann, muss sie sich auf drei Säulen stützen: die zentrale Planungsbehörde, eine starke Währung und als politische Grundlage die Arbeiterdemokratie. </span></p><p><span style="color: #000000;">Die zentrale Planung ermöglicht es, durch die wissenschaftliche Erhebung ökonomischer Daten alle Wirtschaftsabläufe miteinander zu rationalisieren und die Wirtschaft nach Plan zu expandieren. </span></p><p><span style="color: #000000;">Doch um den Erfolg des auf dieser Basis erstellten Plans festzustellen, braucht es für eine gewisse Zeit weiterhin Preissignale, die zeigen, ob Angebot und Nachfrage aufeinandertreffen. Werden Produkte etwa in einem Sektor teurer, lässt das auf einen Kapitalmangel schließen. Werden sie billiger, liegt ein Überschuss vor. Auf dieser Grundlage kann der Plan angepasst werden. Um diese Signale nicht zu verzerren, braucht es eine unabhängige, stabile Währung.  </span></p><p><span style="color: #000000;">Doch Statistiken und Märkte können sich nicht selbst regulieren. Dafür braucht es die direkte Kontrolle der Arbeiter über alle Bereiche der Gesellschaft. Trotzki erklärt: „Die Kunst sozialistischer Planwirtschaft fällt nicht vom Himmel und wird nicht bei der Eroberung der politischen Macht fertig eingehändigt. Diese Kunst kann nur im Kampf errungen werden, Schritt für Schritt, nicht von einem Einzelnen, sondern von den Millionen, als Bestandteil der neuen Wirtschaft und Kultur.“ </span></p><p><span style="color: #000000;">Durch die jederzeitige Abwählbarkeit aller Ämter und der Gleichbezahlung jedes Funktionsträgers mit einem durchschnittlichen Arbeiter können schlechte Verwaltung und Korruption schnell bekämpft werden. </span></p><p><span style="color: #000000;">Die Arbeiterklasse hat kein Interesse daran, eine Million Tonnen minderwertigen Stahls zu produzieren, nur um irgendein angeordnetes Produktionsziel zu erreichen. Sie ist daran interessiert, den Wohlstand der Gesellschaft zu erweitern. </span></p><p><span style="color: #000000;">Deshalb wird die Arbeiterklasse gut überprüfen, dass der Produktionsprozess dort, wo er hinkt, ausgebessert und dort, wo er mangelt, ausgebaut wird. Die politische Beteiligung der Arbeiterklasse ist das genaueste Mittel, um zu ermitteln, welche Bedürfnisse existieren und wie die Wirtschaft organisiert werden muss. Da kann kein Markt oder anderswo erstellte Statistik mithalten. <br /></span><span style="color: #000000;" data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559740&quot;:276}"> </span></p><h3><span style="color: #000000;"><b>Planwirtschaft: Der einzige Weg vorwärts für die Menschheit</b> </span></h3><p><span style="color: #000000;">Noch nie waren die Bedingungen für die Errichtung einer Planwirtschaft besser als heute. Seit der Gründung der Sowjetunion ist die Produktivität, der Bildungsstand und die Arbeiterklasse enorm gewachsen. </span></p><p><span style="color: #000000;">Die Notwendigkeit ökonomischer Planung wird dadurch bewiesen, dass auch die Kapitalisten ihr Glück nicht vollständig den Launen des Markts überlassen. Um eine effektive Produktion zu gewährleisten, planen die großen internationalen Konzerne schon lange zentral. </span></p><p><span style="color: #000000;">Sie setzen den verschiedenen Branchen in ihrem Unternehmen Produktionsziele, um die voneinander abhängigen Produktionsbereiche auf ihre jeweiligen Bedürfnisse abzustimmen, und legen global Preise fest. </span></p><p><span style="color: #000000;">Doch die Konkurrenz zwischen diesen Kapitalgiganten verhindert, dass die Anarchie des Marktes vollständig durch ökonomische Kalkulation ersetzt werden kann und diese den Bedürfnissen der Menschheit dient, nicht den Profiten der Monopole. </span></p><p><span style="color: #000000;">Einzig die Übernahme der Produktion durch das Proletariat kann diesen Prozess vollenden. Die Krise des Kapitalismus zwingt es zu diesem Schritt. Nach der Eroberung der Macht würden zunächst die revolutionären Schichten der Arbeiterklasse die Umstrukturierung der Gesellschaft übernehmen. Doch desto mehr die Produktion perfektioniert und dadurch der Lebensstandard erhöht wird, desto mehr steigt auch die Begeisterung an demokratischer Beteiligung in der gesamten Bevölkerung. </span></p><p><span style="color: #000000;">Eine der wichtigsten Aufgaben der neuen Ökonomie wird darin bestehen, die Arbeitsproduktivität über das Niveau des Kapitalismus zu heben. Die Krise des Kapitalismus macht Investitionen in höhere Produktivität unprofitabel, doch ein wissenschaftlich geplantes System, ausgerichtet auf Bedarf statt auf Profit, bräuchte sich darüber keine Sorgen machen. </span></p><p><span style="color: #000000;">Mit gezielten Investitionen in Technologien und der Rationalisierung der weltweiten Lieferketten würde die Produktivität einen historischen Schub erfahren, auf dessen Grundlage der notwendige Arbeitstag stetig verkürzt werden würde.  </span></p><p><span style="color: #000000;">Auf derselben Grundlage könnte die Menschheit auch der Klimakrise entgegentreten. Bereits jetzt existieren Technologien, um den Großteil der Wirtschaft komplett CO2 frei weiterzuführen, während für den restlichen Teil bereits Modelle bestehen. Ein Arbeiterstaat würde diese Forschungen fördern und die Wirtschaft so schnell wie möglich klimafreundlich machen.  </span></p><p><span style="color: #000000;">Auch der Verschwendung im Kapitalismus, wo Waren und Produktionsmittel vernichtet werden, wenn der Markt übersättigt ist, könnte Einhalt geboten werden. Die sozialistische Wirtschaft wird das, was überschüssig erscheinen mag, für den wachsenden Wohlstand und Bedarf der Gesellschaft verwendbar machen, oder, sollte das nicht möglich sein, als ökonomische Rücklage behalten. Arbeitskräfte in tatsächlich sinnlosen Berufen könnten darüber hinaus schnell umgeschult werden. </span></p><p><span style="color: #000000;">Die permanente Anstrengung, den Fortschritt der Gesellschaft voranzutreiben, wird es Menschen, deren Vorfahren vielleicht in Lehmhütten lebten oder sich den Rücken am Fließband kaputt arbeiten mussten, erlauben, zu Wissenschaftlern, Künstlern oder Philosophen zu werden. </span></p><p><span style="color: #000000;">Liberale werden vielleicht sagen, dass ohne Profit kaum die Motivation dazu existieren wird. Doch jeder Mensch hat persönliche Ansprüche und Interessen, denen er im Kapitalismus niemals gerecht werden kann. </span></p><p><span style="color: #000000;">Die Produktion eines Überflusses an Reichtum und die Automatisierung des Produktionsprozesses werden es den Menschen erlauben, sich mehr und mehr auf das zu konzentrieren, was sie persönlich und die Gesellschaft weiterbringt. </span></p><p><span style="color: #000000;">Durch die Abschaffung jeglichen Mangels wird die Klassengesellschaft absterben, kapitalistische Überbleibsel wie Staat, Geld und Lohn verschwinden. Erst dann, wenn die alte Gesellschaft den Prozess des Übergangs in die neue vollendet hat, wird der Mensch zum bewussten Richter seines Schicksals und kann ganz nach seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten leben. Für dieses Ziel, den Kommunismus, kämpfen wir. </span></p>								</div>
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		<title>Der Feudalismus und seine Totengräber: Die Reformation und der Deutsche Bauernkrieg</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Lukas Kutschera]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 12 Jul 2024 19:37:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Revolutionen]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Bauernkrieg]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Vor 500 Jahren braute sich im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation ein Sturm zusammen. „Die Herren machen selber, daß ihnen der arme Mann feind wird“, klagte Thomas Müntzer im Jahr [&#8230;]</p>
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<p>Vor 500 Jahren braute sich im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation ein Sturm zusammen. „Die Herren machen selber, daß ihnen der arme Mann feind wird“, klagte Thomas Müntzer im Jahr 1524 an. „Die Ursache des Aufruhrs wollen sie nicht wegtun. Wie kann es die Länge gut werden? So ich das sage, muß ich aufrührisch sein!“ Ein Jahr später stand der Prediger in Thüringen an der Spitze einer revolutionären Massenbewegung – dem Deutschen Bauernkrieg von 1525. Dieser umfasste Aufstände in weiten Teilen Mittel- und Süddeutschlands und war untrennbar verknüpft mit der Reformation. Der Thesenanschlag Martin Luthers am 31. Oktober 1517 stellte den Zündfunken dar, der die Klassenwidersprüche der Frühen Neuzeit explodieren ließ.</p>


<h2 class="wp-block-heading">Kirche hemmt den Fortschritt</h2>


<p>Hinter augenscheinlich theologischen Streitigkeiten steckten handfeste ökonomische Interessen, ja sogar der Kampf zweier unterschiedlicher Produktionsweisen gegeneinander. Kapitalistische Geldwirtschaft und Warenproduktion begannen, den Feudalismus zu untergraben, der sich durch bäuerliche Selbstversorgungswirtschaft, die Abgabe von Naturalien und Frondiensten (unbezahlte Arbeit für Grundherren) auszeichnete. Die Masse der Gesellschaft, einschließlich einiger Landesfürsten, erkannte die Kirche als Fessel, die gesprengt werden musste. Rom forderte einen zu großen Teil des Mehrprodukts ein und hemmte so den Fortschritt im Heiligen Römischen Reich. Die alten Produktionsverhältnisse beschränkten die Entwicklung der Produktivkräfte. Geeint durch den Hass auf den Papst, geistliche Fürsten und reiche Paffen war die Reformation Bezugspunkt für Fraktionen des Adels und des städtischen Bürgertums sowie für die Armen, die Masse der Bauern und die wenigen Proletarier, die es bereits etwa in Webereien und Bergwerken gab.</p>


<h2 class="wp-block-heading">Luthers Verrat</h2>


<p>Der Druck der Bewegung, gerade von unten, spiegelte sich in Luthers früheren Schriften wider. Um das Jahr 1520 etwa soll er geschrieben haben: </p>


<blockquote class="is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Wenn wir Diebe mit dem Strang, Mörder mit dem Schwert, Ketzer mit dem Feuer bestrafen, warum greifen wir nicht vielmehr mit allen Waffen diese Lehrer des Verderbens an, diese Kardinäle, diese Päpste und das ganze Geschwür des römischen Sodom, welche die Kirche Gottes ohne Unterlaß verderben, und waschen unsere Hände in ihrem Blute.“</p>
</blockquote>


<p>Selbst gegen die weltlichen Fürsten wetterte er, zum Beispiel noch in seiner Schrift „Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei“ vom 1. Januar 1523:</p>


<blockquote class="is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Sie konnten nicht mehr, denn schinden und schaben, einen Zoll auf den andern, eine Zinse über die andere zu setzen; da einen Bären, hie einen Wolf auslassen, dazu kein Recht, Treu noch Wahrheit bei ihnen lassen funden werden, und handeln, daß Räuber und Buben zuviel wäre, und ihr weltlich Regiment ja so tief darniederliegt, wie der geistlichen Tyrannen Regiment.“</p>
</blockquote>


<p>Den radikalen Worten folgten jedoch nie revolutionäre Taten. Die Beispiele eines bescheideneren Christentums aus der Bibel, die Luther auf Deutsch übersetzt hatte, sowie seine Agitation inspirierten die Bauern, Armen und Proletarier zu ihrer Rebellion gegen die feudale Ausbeutung und Unterdrückung. Trotzdem verriet er sie. In seiner berühmten Hetzschrift „Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern“ schrieb Luther, wie mit dem Pöbel umzugehen sei: </p>


<blockquote class="is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Man soll sie zerschmeißen, würgen, und stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund totschlagen muß!“</p>
</blockquote>


<h2 class="wp-block-heading">Arm gegen Reich</h2>


<p>Denn auch in protestantischen Gebieten erhoben sich die Massen gegen die Feudalherren. Einige Landesfürsten hatten sich der Reformation angeschlossen, um sich die kirchlichen Besitztümer anzueignen und Rom als Konkurrent zu schwächen. Einer von ihnen, Kurfürst Friedrich von Sachsen, war Luthers Herr und Schützer nach seiner Ächtung durch den Kaiser. Die gemäßigten Elemente der Reformation, besonders das Bürgertum, wollten ihre mächtigsten Bündnispartner nicht verschrecken angesichts der Alternative, die katholische Restauration lautete. So erklärt sich auch Luthers Verrat.<br>Für die unterdrückten Massen gab es unendliche Gründe zur Revolution. Die stärkeren Landesfürsten hatten einen enormen Geldbedarf, weshalb sie die Ausbeutung der Bauern ins Unermessliche steigerten. Um ihre Macht gegenüber dem Kaiser auszubauen, brauchten sie Söldnerheere und einen Beamtenapparat für ihre eigenen Kleinstaaten. Der niedere Adel verlor so an Bedeutung, was auch er mit einer Steigerung der Ausbeutung der Bauern zu bekämpfen versuchte. Die zunehmende Geldwirtschaft führte, wenn auch noch auf einzelne Zentren begrenzt, zu einer Intensivierung des Handels und des Bergbaus. Während die Lohnarbeiter in den Stollen ihre Ausbeuter reich machten, stürzten sie sich und die Bauern ins Elend. Durch die rasche Vermehrung des Geldmetalls und dem Sinken seiner Produktionskosten stiegen damals die Preise für landwirtschaftliche Produkte enorm. Während die Interessen von Teilen des Adels und Bürgertums zusammenfielen, standen sie im direkten Widerspruch zu denen der unterdrückten Klassen.</p>


<h2 class="wp-block-heading">Von der Utopie…</h2>


<p>Die unterschiedlichen Klasseninteressen in der Reformation traten mit dem Bauernkrieg offen hervor. Der radikalste Flügel der Bauern, Proletarier und Armen kämpfte für die Vernichtung von Klerus und Adel. Müntzer, ein enttäuschter ehemaliger Anhänger Luthers, predigte: </p>


<blockquote class="is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Die ganze Welt muss einen großen Stoß aushalten; es wird ein solch Spiel angehen, dass die Gottlosen vom Stuhl gestürzt, die Niedrigen aber erhöhet werden.“</p>
</blockquote>


<p>Das Programm des radikalen Reformators, hinter dem er die Unterdrückten in Thüringen versammeln konnte und für das er mit der Waffe in der Hand eintrat, war eine klassenlose Gesellschaft, in der alle gleichermaßen über die Reichtümer verfügen – der Kommunismus. Auch in Schwaben, Franken, dem Elsass, Deutsch-Lothringen, Sachsen und Tirol kam es zu lokalen Erhebungen mit den unterschiedlichsten Forderungen und Programmen gegen die feudale Ausbeutung. Bis 1526 wurden sie alle blutig niedergeschlagen. Die adelige Reaktion ermordete schätzungsweise zwischen 70.000 und 75.000 Aufständische. Müntzer wurde nach der Schlacht bei Frankenhausen am 15. Mai 1525 festgenommen, gefoltert und hingerichtet wie so viele heldenhafte Anführer der Bewegung.</p>


<h2 class="wp-block-heading">… zur Wissenschaft</h2>


<p>Anders als die Bauern, deren Horizont selten über den eigenen Hof hinausging, vereinigten sich die Fürsten und Gutsherren und gingen gemeinsam gegen die Aufstände vor. Der Schwäbische Bund etwa schlug sie in Süddeutschland mit gesammelter Kraft nieder. Bürgertum und Proletariat waren noch zu schwach, um eine selbstständige Rolle zu spielen. Das Heilige Römische Reich blieb in Fürstentümer und Stadtrepubliken zersplittert. Auch die Macht der Kirche konnte nicht vollständig gebrochen werden. Doch innerhalb der Kleinstaaten zentralisierten die Landesherren ihre Macht. Der Geldbedarf des absolutistischen Staatsapparats begünstigte wiederum den Aufstieg der Bourgeoisie und des Kapitalismus. Heute herrschen die Verhältnisse, die Müntzer damals zum Kommunismus brachten, auf dem ganzen Planeten. Der radikale Reformator hatte mit den Bergarbeitern gelebt und gesehen, wie sie unglaublichen Reichtum schufen, der für sie aber nur Armut bedeutete. Im 16. Jahrhundert waren Lohnarbeiter noch eine kleine Klasse. Bauern, die jeder auf ihrem Hof zumindest zum Teil für sich selbst wirtschafteten, machten die Masse der Gesellschaft aus. 500 Jahre später jedoch trägt die Arbeiterklasse gemeinschaftlich die gesamte Produktion. Sie hat nichts zu verlieren als ihre Ketten. Den Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung der Arbeitsprodukte durch eine parasitäre Klasse von Kapitalisten aufzuheben, ist mittlerweile keine Utopie mehr, sondern im Interesse der Mehrheit. Wie der Feudalismus hat auch der Kapitalismus seinen Totengräber hervorgebracht. Erneut stehen allein die Ausbeuter dem Fortschritt im Weg. Die Massen werden ihre revolutionären Traditionen wieder finden und den Kampf, den Müntzer und seine Genossen führten, zu Ende bringen.</p>
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		<title>Bolschewisten im Parlament </title>
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		<dc:creator><![CDATA[Tatjana P.]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 04 Jul 2024 13:26:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Ausgabe 5]]></category>
		<category><![CDATA[Bolschewismus]]></category>
		<category><![CDATA[Lenin]]></category>
		<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Revolutionen]]></category>
		<category><![CDATA[Stalinismus]]></category>
		<category><![CDATA[Strategie & Organisation]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Bolschewiki schafften es bis Oktober 1917, die Massen auf ihre Seite zu ziehen. Nur so konnte die Revolution erfolgreich sein. Das wichtigste Element für den Erfolg war die Fähigkeit, [&#8230;]</p>
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<p>Die Bolschewiki schafften es bis Oktober 1917, die Massen auf ihre Seite zu ziehen. Nur so konnte die Revolution erfolgreich sein. Das wichtigste Element für den Erfolg war die Fähigkeit, sich mit den Massen zu verbinden und sie von der Richtigkeit der revolutionären Ideen zu überzeugen. Dafür nutzten die Bolschewiki unter anderem die Arbeit im russischen Parlament.&nbsp;</p>



<p>Daraus ergaben sich jedoch einige Kontroversen innerhalb der russischen Sozialdemokratie. Auf der einen Seite standen die Menschewiki, die sich opportunistisch an die Liberalen klammerten, und auf der anderen Seite gab es linksradikale Gruppierungen innerhalb der bolschewistischen Fraktion, die gegen die Beteiligung an den Wahlen waren. Als Kommunisten haben wir keine Illusionen in die bürgerliche Demokratie. Warum sollten wir dennoch die Taktik der Bolschewiki, inklusive der Arbeit in den Parlamenten studieren?&nbsp;</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Der Beginn der 1905 Revolution</strong> </h2>



<p>Am 9. Januar 1905 begann die erste Revolution in Russland. Lenin bezeichnete sie als „Generalprobe“ für die Oktoberrevolution 1917. Angeführt von dem Priester Georgii Gapon marschierte eine friedliche Demonstration von etwa 140.000 verarmten Arbeitern und Bauern zum Winterpalast des Zaren. Mit einer Petition baten sie um Hilfe für ihre verzweifelte Lage.&nbsp;</p>



<p>Doch ihr Bitten stieß auf taube Ohren. Der Zar ordnete seine Truppen an, die Demonstration niederzugeschlagen – sie töteten und verletzten 4.600 Menschen. Dieses Ereignis ging als „Blutsonntag“ in die Geschichte ein und erschütterte die Massen im gesamten Zarenreich. Die brutale Reaktion führte dazu, dass sich die aufgestaute revolutionäre Energie der Massen entlud.&nbsp;</p>



<p>Am 10. Januar wurden in St. Petersburg Barrikaden errichtet. Innerhalb einer Woche legten 160.000 Arbeiter die Arbeit nieder. Die Streiks weiteten sich schnell auf andere Gebiete aus. Im Januar streikten rund 400.000 Arbeiter in ganz Russland. Überall trafen Arbeiter in Massenversammlungen zusammen und gründeten Komitees. Die Revolution breitete sich auch aufs Land aus.&nbsp;</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Ein Parlament für den Zaren oder Arbeiterräte?</strong>&nbsp;</h2>



<p>Im August veröffentlichte der Zar ein Manifest, das ein neues Parlament, die Duma, vorsah. Er versprach den Großgrundbesitzern und der städtischen Mittelschicht das Wahlrecht, schloss aber den Großteil der Bevölkerung davon aus. Dieses Parlament war dem Zaren völlig untergeben und durfte nur kleine gesetzgeberische Fragen behandeln. Alle Entscheidungen mussten vom Zaren abgesegnet werden.&nbsp;</p>



<p>Dieses zaghafte Zugeständnis sollte die Revolution stoppen und die Massen desorientieren. Aber das war ihnen zu wenig. Sie erschufen bereits ihre eigenen politischen Organe – die Räte (Sowjets). Die Massen ließen sich von dem Ablenkungsmanöver des Zaren nicht beirren. Sie hatten wenig bis kein Vertrauen in das neue Parlament. Die Revolution ließ die Massen ihre Stärke spüren – sie antworteten dem Zaren mit einer Streikwelle.&nbsp;</p>



<p>Aus eigener Initiative organisierten die Arbeiter Streikkomitees, um die wachsende Zahl von Streiks zu leiten. Ein zentrales Streikkomitee wurde errichtet, was im Oktober zum St. Petersburger Sowjet wurde, dessen Größe und Einfluss rasant wuchs.&nbsp;</p>



<p>Weil die Bewegung der Massen auf einen gesamtrussischen Aufstand zusteuerte, sprachen sich die Bolschewiki für einen Boykott der Wahlen aus. Sie erklärten, dass nur der Sturz des Zarismus durch die revolutionären Aktionen der Massen den Boden für eine echte Demokratie bereiten könne. Die Führung der Menschewiki schwankte und bezeichnete diese Reformen als den Beginn eines echten Parlamentarismus in Russland. Aber die Genossen an der Basis waren instinktiv gegen eine Teilnahme an der Duma.&nbsp;</p>



<p>Der bolschewistische Boykott des Parlaments knüpfte an der allgemeinen revolutionären Stimmung der Massen an. Denn der Kampf drehte sich um die Frage, ob die Einberufung eines Parlaments in den Händen des Zaren verbleiben oder dieser alten Staatsmacht entrissen werden solle. Schließlich fand 1905 keine Duma-Wahl statt, weil die revolutionäre Bewegung dies verhinderte.&nbsp;</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Fehlerhafter Boykott</strong>&nbsp;</h2>



<p>Im Dezember 1905 fand eine gemeinsame Konferenz zwischen den Menschewiki und Bolschewiki statt. Dort wurde die Frage kontrovers diskutiert, ob die russische Sozialdemokratie im Jahr 1906 an der Duma-Wahl teilnehmen oder diese boykottieren sollte.&nbsp;</p>



<p>Zum Zeitpunkt der Konferenz ebbte die revolutionäre Bewegung bereits ab, sodass die Taktik des Boykotts ineffektiv wurde. Die Bolschewiki erkannten diese Änderung der objektiven Lage allerdings nicht und entschieden sich erneut mit einer großen Mehrheit für den Boykott der Duma. Auch Lenin glaubte, dass das Abebben eine temporäre Erscheinung sein würde. Dennoch war er gegen den Boykott und stimmte mit einem einzigen weiteren Delegierten dagegen.&nbsp;</p>



<p>Weil die Bewegung abebbte, hätte die revolutionäre Partei jede legale Möglichkeit nutzen müssen, ihr Programm in die Massen zu tragen. Die Taktik des Boykotts hat nur dann eine Berechtigung, wenn die revolutionäre Bewegung stark genug ist, das Parlament mit eigenen Machtorganen (den Sowjets) zu ersetzen. Das war sie zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Der Boykott war ein Fehler.&nbsp;</p>



<p>Die Wahl zur ersten Duma 1906 brachte eine neue reaktionäre Regierung mit Pjotr Stolypin hervor. Das Ziel der Regierung war es, ein erneutes Aufflammen der Revolution zu verhindern. Stolypin brachte einige Notverordnungen gegen die Massenaufstände auf den Weg, wie zum Beispiel das Kriegsgericht, die Schließung von Zeitungen und das Verbot von Gewerkschaften. Auch auf dem Lande wüteten die reaktionären Truppen des Zaren, die hunderte Bauern ermordeten, um mögliche Bauernaufstände vorzubeugen.&nbsp;</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Opportunismus im Parlament</strong>&nbsp;</h2>



<p>Bei der Duma-Wahl wurde die liberale Konstitutionell-Demokratische Partei (Kadetten) zweitstärkste Kraft. Die Menschewiki hatten 18 Sitze im Parlament. Sie biederten sich an die Kadetten an, denen sie die Zusammenarbeit in einer „verantwortungsvollen Regierung“ anboten. Die Menschewiki hatten schon vor 1905 Illusionen in die Liberalen. Sie vertraten die Theorie, dass die Arbeiterklasse sich dem fortschrittlichen Bürgertum in politischen Fragen unterordnen sollte, um den Zarismus und feudale Strukturen zu bekämpfen. Die Menschewiki leiteten daraus ab, dass die russische Sozialdemokratie die Liberalen unterstützen müsse.&nbsp;</p>



<p>Diese falsche Strategie beruhte auf der anti-marxistischen Etappentheorie. Sie ging davon aus, dass in Russland der Feudalismus durch den Kapitalismus ersetzt werden müsse, damit dann die Grundlagen für den Sozialismus heranreifen können. Deshalb gingen die Menschewiki davon aus, dass eine bürgerliche Revolution in Russland anstand, die von der Bourgeoisie durchgeführt werden müsste. Die Arbeiterklasse könnte sie dabei nur unterstützen. Weil aber die Voraussetzungen für den Sozialismus nicht gegeben wären, müssten die Arbeiter auf sozialistische Forderungen verzichten.&nbsp;</p>



<p>Die Bolschewiki vertraten eine völlig andere Analyse. Sie stellten heraus, dass die bürgerlichen Parteien Kompromisse mit dem Zarismus suchten. Die Liberalen waren von ihm abhängig und konnten kein Interesse daran haben, die Revolution zum Ziel zu führen. Deshalb war nur die Arbeiterklasse revolutionär und in der Lage, den Zarismus und die feudalen Fesseln zu sprengen. Sobald sie auf die Bühne der Revolution treten würden, würden sie für ihre Interessen kämpfen und den Bürgerlichen das Feld nicht überlassen. Die gesamte Geschichte der russischen Revolution hat diese Perspektive bewiesen.&nbsp;</p>



<p>Daraus folgte die Strategie der Bolschewiki, dass die Arbeiterklasse und ihre revolutionäre Partei ihre Unabhängigkeit von der Bourgeoisie zu jedem Zeitpunkt bewahren und mit einem eigenen Programm kämpfen muss.&nbsp;</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die zweite Duma</strong>&nbsp;</h2>



<p>Der Zar löste die erste Duma nach 72 Tagen auf. Die Parlamentsabgeordneten wollten eine Agrarreform verabschieden, die er nicht befürwortete. Der Zar setzte bald darauf Wahlen für die zweite Duma an. Erneut stellt sich die Frage: Sollte die russische Sozialdemokratie an den Wahlen zur Duma teilnehmen oder nicht? Lenin war der festen Überzeugung, dass die Taktik des Boykotts bereits bei der Wahl zur ersten Duma ein Fehler war. Deshalb wollte er die Genossen überzeugen, dass sie dieses Mal mit der Taktik brechen.&nbsp;</p>



<p>Taktik kann nicht als etwas Statisches und für alle Zeiten Feststehendes betrachtet werden. Im „Linken Radikalismus“ erklärte Lenin:&nbsp;</p>



<p>„Die Taktik muß auf einer nüchternen, streng objektiven Einschätzung aller Klassenkräfte des betreffenden Staates (und der ihn umgebenden Staaten sowie aller Staaten der ganzen Welt) sowie auf der Berücksichtigung der von den revolutionären Bewegungen gesammelten Erfahrungen aufgebaut werden.“&nbsp;</p>



<p>Deshalb betonte er besonders deutlich, dass die revolutionäre Partei nicht auf legale Arbeit verzichten kann, wenn sich die Revolution auf dem Rückzug befindet. Sie hat die Pflicht, jede Möglichkeit, jede Plattform zu nutzen, die es ihr ermöglicht, sich mit den Massen zu verbinden, deren Selbstaktivität und Klassenbewusstsein zu heben.&nbsp;</p>



<p>Der Boykott würde die Revolutionäre von den Massen isolieren. Für die Avantgarde der Arbeiterklasse war zu dem Zeitpunkt der zweiten Wahl vielleicht klar, dass die Duma kein einziges der Probleme des Proletariats und der armen Bauern lösen konnte. Aber die Massen, vor allem auf dem Lande, waren noch nicht zu dieser Einsicht gelangt. Sie hatten erhebliche Illusionen in die Möglichkeit, Reformen durch das Parlament zu erreichen.&nbsp;</p>



<p>Lenin erklärte, „daß wir das, was für uns erledigt ist, nicht als erledigt für die Klasse, nicht als erledigt für die Massen betrachten.“ Deswegen müssen Kommunisten den parlamentarischen Kampf führen, wenn sich gute Gelegenheiten ergeben, selbst wenn das Parlament nicht das entscheidende Kampffeld für die sozialistische Revolution ist.&nbsp;</p>



<p>Die Wahlen zur zweiten Duma fanden schließlich im Februar 1907 statt. Die Sozialdemokratische Partei boykottierte diese nicht. Die Zusammensetzung des Parlaments war wesentlich linker als die der ersten Duma. Arbeiter- und Bauernparteien waren mit 222 von insgesamt 518 Abgeordneten vertreten.&nbsp;</p>



<p>Der Revolution von 1905 folgten anderthalb Jahre lokale Protestbewegungen und Aufstände auf dem Lande. Erst im Sommer 1907 war die letzte flackernde Glut dieser Bewegung erloschen. Ohne eine Führung in den Städten löste sich die Bewegung der Bauern unweigerlich in eine Reihe von unkoordinierten und ziellosen Aufständen auf, die einer nach dem anderen niedergeschlagen werden konnten.&nbsp;</p>



<p>Jeder dieser Rückschläge stärkte das Selbstvertrauen des Regimes. Überzeugt von der Schwäche der Duma-Abgeordneten und mit dem Abflauen der Bauernbewegung beschloss Stolpyn die zweite Duma abzusetzen. Er forderte erst den Ausschluss von 55 sozialdemokratischen Abgeordneten und die Verhaftung von 16. Im Anschluss ließ er die Verhaftungen durchführen, ohne die Antwort der Duma abzuwarten. Am nächsten Tag suspendierte er die Duma selbst.&nbsp;</p>



<p>Der Zar brachte ein neues Wahlgesetz für die dritte Duma auf den Weg. Dabei wurden Arbeiter und arme Bauern aus den Städten und Dörfern gegenüber dem Großbürgertum benachteiligt. Die Zahl der Abgeordneten wurde verringert.&nbsp;</p>



<p>In der dritten Duma stellten die reaktionären Parteien (Schwarze Hundertschaft, Oktobristen und Kadetten) 409 von 442 Abgeordneten. Die Sozialdemokraten hatten nur 19 Abgeordnete und die Trudowiki (Vertreter des revolutionären Kleinbürgertums auf dem Land) nur 14.&nbsp;&nbsp;</p>



<p>Lenin betonte später, dass diese reaktionäre Duma zumindest das Verdienst hatte, die wirkliche Situation im Lande zum Ausdruck zu bringen.&nbsp;&nbsp;</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Bolschewiki im Parlament</strong>&nbsp;</h2>



<p>Während die Menschewiki opportunistischer wurden, bewegte sich ein Teil der Bolschewiki in die entgegengesetzt, d. h. linksradikale, Richtung. Dieser Teil sprach sich energisch für einen Boykott an den Wahlen zur dritten Duma aus.&nbsp;</p>



<p>Lenin sprach sich vehement dagegen aus. Lenin wusste natürlich, dass dieses Parlament einen reaktionären Charakter haben wird. Er betonte jedoch, dass die Kommunisten in solchen Zeiten die legale und illegale Arbeit kombinieren müssen. Das heißt, dass sie auch in den reaktionärsten Parlamenten arbeiten mussten, um sich eine Bühne zu schaffen.&nbsp;</p>



<p>Während die Debatten mit den Linksradikalen lange anhielten, begannen die bolschewistischen Abgeordneten, nach anfänglichen Schwierigkeiten, eine aktive Rolle in der Duma zu spielen. Angesichts der schwierigen Bedingungen mit Agitation und Propaganda auf die Arbeiter und Bauern einzuwirken, wurde die Duma zu einer wichtigen Säule der Arbeit der Bolschewiki.&nbsp;</p>



<p>Trotz der Hindernisse warfen die bolschewistischen Abgeordneten wichtige Fragen im Parlament auf und bezogen im Interesse der Arbeiterklasse Position: In Fragen des Staatshaushalts, der Rechte von Soldaten, der Kirchensubventionen, der Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter und vor allem die Landfrage. So bot sich ein breiter Spielraum für Massenagitation und Propaganda.&nbsp;</p>



<p>Was in der Duma nicht gesagt werden konnte, verbreiteten die Bolschewiki in illegalen Veröffentlichungen der Partei. So kombinierten sie geschickt die legale mit der illegalen Arbeit. So konnte sie die revolutionären Grundsätze der Partei bewahren und gleichzeitig eine enge Verbindung zu den Massen aufrechterhalten. Besonders gute agitatorische Reden der Abgeordneten druckten sie ab und verteilten sie unter den Arbeitern.&nbsp;</p>



<p>In allen Fragen haben die Bolschewiki in der Duma die Großgrundbesitzer, die Kapitalisten und die Autokratie gnadenlos bloßgestellt, indem sie von den konkreten Problemen der Massen ausgingen. Gleichzeitig deckten sie die Begrenztheit der Duma selbst auf: „Das Proletariat erwartet natürlich von der Dritten Duma keine Lösung der Arbeiterfrage“, resümierte der bolschewistische Abgeordnete Polowski in einer Debatte über die Löhne der Arbeiter.&nbsp;</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Die letzte Duma</strong>&nbsp;</h2>



<p>Die dritte Duma blieb eine ganze Legislaturperiode bestehen. Die nächste Wahl fand 1912 statt. Die Gesetze zu den Wahlen, die die Arbeiterklasse und Bauern benachteiligten, waren immer noch intakt. Dennoch konnten die Bolschewiki 6 von 9 Arbeitersitzen in der Duma erreichen.&nbsp;</p>



<p>Zu dieser Zeit war die Arbeiterbewegung im Aufschwung, was sich in einem Anstieg von Streiks niederschlug. Die Bolschewiki gewannen durch die Arbeit in der reaktionären Duma mehr und mehr an Einfluss in der Arbeiterklasse.&nbsp;</p>



<p>Es ist schwierig, genaue Zahlen zu ermitteln, weil die revolutionäre Arbeit unter illegalen und halblegalen Umständen stattfand, aber man kann mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass die Bolschewiki zwischen 1912 bis 1914 von mindestens drei Vierteln der organisierten Arbeiterklasse unterstützt wurden.&nbsp;</p>



<p>Der erste Weltkrieg machte dem Aufschwung des Klassenkampfs vorerst ein Ende. Mit Ausbruch des Kriegs griff die Regierung hart gegen streikende Arbeiter und vor allem gegen Bolschewisten durch. Tausende von ihnen wurden verhaftet und ins Gefängnis gesteckt oder ins Exil geschickt. Die Parteistrukturen brachen zusammen. Allein in St. Petersburg waren über tausend Partei- und Gewerkschaftsmitglieder wegen ihrer Beteiligung an der Streikbewegung verhaftet worden.&nbsp;</p>



<p>In der Duma-Sitzung vom 26. Juli 1914 nahmen die Abgeordneten einstimmig einen Antrag an, mit welchem sie sich bereit erklärten, für die Verteidigung ihres Landes, seiner Ehre und seines Besitzes einzutreten. Die einzigen, die diesem Antrag nicht zustimmten, waren die sechs Menschewiki, fünf Bolschewiki und die Trudowiki-Abgeordneten. Sie verließen die Sitzung und weigerten sich, für die Kriegskredite zu stimmen.&nbsp;</p>



<p>Gemeinsam mit den Menschewiki reichten die Bolschewiki eine Resolution gegen den Krieg ein, die zwar sehr vorsichtig formuliert war, aber trotzdem Empörung in der Duma hervorbrachte. Später im Jahr kam der finale Rückschlag, als die Abgeordneten der Bolschewiki verhaftet, vor Gericht gestellt und schlussendlich nach Sibirien verbannt wurden. Später rekapitulierte Lenin in „Der ,Linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus“:&nbsp;</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Der legale Parlamentarismus leistet der Partei des revolutionären Proletariats, den Bolschewiki, infolge des Umstands, daß das ‚Parlament‘ äußerst reaktionär ist, überaus nützliche Dienste. Die bolschewistischen Deputierten wandern nach Sibirien. In unserer Emigrantenpresse kommen alle Schattierungen der Auffassungen des Sozialimperialismus, des Sozialchauvinismus, des Sozialpatriotismus, des inkonsequenten und des konsequenten Internationalismus, des Pazifismus und der revolutionären Ablehnung der pazifistischen Illusionen voll zum Ausdruck. Die gelehrten Dummköpfe und alten Weiber der II. Internationale, die über die Unmenge von ‚Fraktionen‘ im russischen Sozialismus und über den erbitterten Kampf unter ihnen verächtlich und hochmütig die Nase gerümpft hatten, waren, als der Krieg sie in allen fortgeschrittenen Ländern der vielgepriesenen ‚Legalität‘ beraubte, unfähig, auch nur annähernd einen so freien (illegalen) Meinungsaustausch und eine so freie (illegale) Herausarbeitung der richtigen Auffassungen zu organisieren, wie das die russischen Revolutionäre in der Schweiz und in einer Reihe anderer Länder getan haben. Gerade deshalb haben sich sowohl die offenen Sozialpatrioten als auch die ‚Kautskyaner‘ aller Länder als die schlimmsten Verräter des Proletariats erwiesen. Und wenn der Bolschewismus in den Jahren 1917-1920 zu siegen vermochte, so liegt eine der Hauptursachen dieses Sieges darin, daß der Bolschewismus die Widerwärtigkeit, Schändlichkeit und Niedertracht des Sozialchauvinismus und des ‚Kautskyanertums‘ (dem die Richtung Longuets in Frankreich, die Ansichten der Führer der Unabhängigen Arbeiterpartei und der Fabier in England, Turatis in Italien usw. entsprechen) bereits seit Ende 1914 schonungslos entlarvte, die Massen aber sich nachher durch eigene Erfahrung immer mehr davon überzeugten, daß die Auffassungen der Bolschewiki richtig waren.“&nbsp;</p>
</blockquote>



<p>Durch die Arbeit in der Duma seit 1908 konnten die Bolschewiki die Arbeitermassen für sich erobern, indem sie zum einen die legale und illegale Arbeit verknüpften und die bittere Wahrheit über den Zarismus und dem Krieg aussprachen. Zugleich haben sie bei jeder Gelegenheit die Begrenzungen der Duma und des Reformismus aufgezeigt. Sie hatten so die Möglichkeit, mittels Propaganda und Agitation die Massen zu erreichen und konnte die Massen in der Russischen Revolution 1917 erfolgreich vom Reformismus wegziehen und an die Macht führen.&nbsp;</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Wo ist die Opposition im Parlament heute?</strong>&nbsp;</h2>



<p>Heute wächst die Polarisierung in der Gesellschaft. Auf parlamentarischer Ebene drückt sie sich derzeit vor allem nach rechts aus. Seit Jahren ist die Arbeiterklasse Angriffen auf ihren Lebensstandard und demokratische Rechte ausgesetzt. Das Vertrauen in die etablierten Parteien ist deshalb massiv gesunken.&nbsp;</p>



<p>Das es nun so scheint, als würden die Rechten immer stärker werden, ist vor allem die Schuld der linken und rechten Reformisten. Sie vertreten nicht die Interessen der Arbeiterklasse und mobilisieren sie nie zum Kampf gegen die Angriffe durch das Kapital.&nbsp;</p>



<p>Die SPD-Führung und ihre Abgeordneten handeln als Agent der herrschenden Klasse und auch die LINKE hat die Chance verpasst, als klassenkämpferische Opposition im Parlament aufzutreten. Ganz im Gegenteil, da wo sie in Regierungsverantwortung war, hat die LINKE Sparpolitik mitgetragen und sich an die liberalen Parteien angebiedert, wie es schon die Menschewiki taten.&nbsp;</p>



<p>Mit ihrer reformistischen Politik haben die traditionellen Arbeiterparteien ihre eigene Basis ausgehöhlt, denn wachsende Schichten der Arbeiterklasse beginnen nach Alternativen zu suchen, um ihre Interessen durzusetzen. Aber gegenwärtig stehen sie da ohne eine klassenkämpferische, geschweige denn revolutionäre Alternative mit Masseneinfluss.&nbsp;</p>



<p>So erscheint die AfD für manche Schichten der Arbeiterklasse als Opposition, weil sie demagogisch wirkliche politische und soziale Probleme und Ängste aufgreift und die Regierung zum Sündenbock macht. Aber dieser Zustand wird nicht ewig bleiben, wenn die Arbeiterklasse in Bewegung kommt, wird sie die Rechten zur Seite drängen, weil diese ebenfalls die kapitalistische Ordnung verteidigen, wie die etablierten bürgerlichen Parteien.&nbsp;</p>



<p>In Russland gab es mit den Bolschewiki eine revolutionäre Opposition gegen den Zarismus, die Bürgerlichen, die Rechten und damit auch eine Kraft, die die Politik des Reformismus erfolgreich entlarven konnte.&nbsp;</p>



<p>Für uns gilt es heute, eine neue Partei in der Tradition der Bolschewiki aufzubauen, die deren Erfahrung verinnerlich und als Leitfaden für das eigene revolutionäre Handeln nimmt. Lenin hat in seinem Buch „Der ‚Linke Radikalismus‘, die Kinderkrankheit im Kommunismus“ die wesentlichen taktischen Erfahrungen des Bolschewismus zusammengefast. Das gilt es heute zu studieren.&nbsp;</p>
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		<title>Die Kommunistische Internationale und der Kampf um koloniale Befreiung</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Caspar Müller]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Jun 2024 20:38:07 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Im Jahr 1848 verkünden Karl Marx und Friedrich Engels die berühmten Worte „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“. Sie sind ein Aufruf an alle Ausgebeuteten der Welt, sich zusammenzuschließen und sich [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p>Im Jahr 1848 verkünden Karl Marx und Friedrich Engels die berühmten Worte „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“. Sie sind ein Aufruf an alle Ausgebeuteten der Welt, sich zusammenzuschließen und sich im gemeinsamen Kampf aus dem Joch ihrer Unterdrückung zu befreien. Doch erst mit dem Aufstieg des Imperialismus und der vollständigen Aufteilung der Welt unter den europäischen Großmächten Ende des 19. Jahrhunderts bekam der Slogan eine wirklich globale Bedeutung.</p>



<p>Die Kolonialisierung Afrikas und Asiens zwang einen Großteil der Menschheit, der bis dahin in rückständigen Verhältnissen lebte, unter die brutale Herrschaft des Kapitals. Unter dem Vorwand der „Zivilisierung“ wurden Arbeitskraft und Bodenschätze der Regionen systematisch ausgebeutet, was den ausländischen Kapitalisten gewaltige Absatzmärkte und Rohstoffverfügungen sicherte.</p>



<p>Durch die Einspeisung der Kolonien in den kapitalistischen Weltmarkt und ihre wirtschaftliche Verflechtung mit den Metropolen in Europa fand die Kolonialfrage Einzug in die Debatten der Arbeiterbewegung. Die Ausbeutung war in den Kolonien besonders stark. Zwangsarbeit, Gewalt und Deportationen standen auf der Tagesordnung, was dem europäischen Kapital gewaltige Profite sicherte, von denen sie sich versprachen, die aufkommenden Unruhen zuhause zu beruhigen.</p>



<p>So entstand in den neuen Hafenstädten und Metallminen Afrikas und Südostasiens ein junges, aber extrem beanspruchtes Proletariat, das in seinen Interessen und seiner Zusammensetzung den Arbeitern in den europäischen Metropolen in nichts nachstand.</p>



<p>Die vollständige Unterjochung der Welt unter die Herrschaft des Imperialismus und die internationale Arbeitsteilung bewiesen, dass es für die Befreiung aus diesem Joch sowohl für die Kolonien wie für die Arbeiter in den Metropolen nur eine Möglichkeit gab: Sie mussten sich im internationalen Klassenkampf gegen den Imperialismus zusammenschließen und die von ihm auferlegten Ketten sprengen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die II. Internationale</h2>



<p>Mit der II. Internationale existierte eine Organisation, die sich diesem Ziel zumindest in Worten verschrieben hat und den Anspruch erhob, die Arbeiterklasse der Welt in ihren Reihen zu vereinigen. In der Praxis stand sie diesem Ziel jedoch bald fern, was sich auch in ihrer Haltung zur kolonialen Frage zeigt. So brachte die Mehrheit der Führungskommission des 7. Kongress der II. Internationale in Stuttgart 1907 einen Resolutionsentwurf ein, in dem es heißt:</p>



<p>„Der Kongreß stellt fest, daß der Nutzen der Kolonialpolitik allgemein – besonders aber für die Arbeiterklasse – stark übertrieben wird. Er verwirft aber nicht prinzipiell und für alle Zeiten jede Kolonialpolitik, die unter sozialistischem Regime zivilisatorisch wird wirken können.“</p>



<p>Diese Worte sind ein klarer Verrat am Internationalismus. Statt den Ausgebeuteten in den Kolonien ein eigenes revolutionäres Potenzial zuzuschreiben und sie als Teil der Weltrevolution zu sehen, werden sie als Objekte betrachtet, die es auf paternalistische Weise zu „zivilisieren“ gilt. In seinen Aufzeichnungen zum Kongress verurteilte Lenin den Entwurf später als „offenen Rückzug in Richtung bürgerliche Politik und bürgerlicher Weltanschauung, die koloniale Kriege und Gräuel rechtfertigt“.</p>



<p>Der Vorschlag der Kommission wurde auf dem Kongress abgelehnt, doch die opportunistischen Tendenzen in der II. Internationale blieben bestehen. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs bestätigte sich Lenins Einschätzung der Kommissionslinie, als die Führer der II. Internationale sich fast ausnahmslos hinter die Kriegsziele ihrer eigenen herrschenden Klasse stellten. Die II. Internationale war gestorben, während weltweit die Arbeiterklasse erwachte.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Völker hört die Signale</h2>



<p>Die Oktoberrevolution 1917, in der die russischen Arbeiter und Bauern die Macht des Zaren stürzten, hatte eine enorme Strahlkraft auf die Menschen in den Kolonien. Sie zeigte, dass sich die Ausgebeuteten auch in weniger entwickelten Ländern gegen ihre Ausbeuter erheben und siegreich sein können und weckte die Hoffnung auf eine noch tiefgreifendere Veränderung. Die Oktoberrevolution bewies, dass es für alle Unterdrückten auf der Welt einen Weg zur Befreiung gibt.</p>



<p>Gleichzeitig war Lenin sich bewusst, dass die russische Revolution, um siegreich zu sein, nur der Auftakt der sozialistischen Weltrevolution sein konnte. Die Unterstützung revolutionärer Bewegungen in aller Welt wurde zur obersten Priorität der russischen Sowjetmacht.</p>



<p>Zu diesem Zweck gründete sich 1919 die III. oder Kommunistische Internationale (Komintern). Die Komintern entstand aus der harten Auseinandersetzung mit den Problemen und Erfahrungen der II. Internationale und dem Kampf gegen die nationalistischen und opportunistischen Tendenzen in der Arbeiterbewegung. Ihr erklärtes Ziel war es, weltweit die revolutionären Kräfte unter dem Banner des Kommunismus zu organisieren und überall auf die Weltrevolution hinzuwirken.</p>



<p>Auch die Kolonien fanden eine besondere Stellung in der Strategie der Komintern. Der Erste Weltkrieg führte dort zu einer enormen Mobilisierung von Rohstoffen und Soldaten, die die imperialistischen Mächte für ihre Kriegsanstrengungen brauchten. Das beschleunigte die inneren Widersprüche in den Kolonien rasant. In vielen Ländern entstanden Befreiungsbewegungen, die die alte Kolonialherrschaft herausforderten und für nationale Selbstbestimmung kämpften. Oft waren diese Bewegungen getragen von den proletarischen und halbproletarischen Massen aus Stadt und Land.</p>



<p>Nachdem sich ihre Hoffnung in das 14-Punkte-Reformprogramm des US-Präsidenten Woodrow Wilson, das das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ versprach, als Illusion herausstellte und die USA selbst als imperialististische Macht auftrat, wandten sie sich häufig revolutionären Ideen zu. Der Kampf für die sozialistische Revolution erwies sich als einzige Perspektive für die Befreiung der unterdrückten Völker der Welt und die Komintern zur Zeit ihrer ersten vier Kongresse als die dafür wichtigste Waffe.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die koloniale Frage in der Komintern</h2>



<p>Der II. Weltkongress der Komintern 1920 stand ganz im Licht der erwachenden Weltrevolution. In Vorbereitung auf den Kongress reisten Kuriere der Internationale über den Globus, um Kontakt zu Revolutionären auf der ganzen Welt zu knüpfen und leisteten bedeutende Arbeit im Aufbau der Internationale. Erstmals gelang es der Arbeiterbewegung, deutlich über die engen Grenzen Europas hinaus zu wirken.</p>



<p>Während beim I. Weltkongress noch 29 Länder vertreten waren, kamen zum II. Kongress Delegierte aus 39 und zum IV. bereits aus 58 Ländern, darunter neben den östlichen Sowjetrepubliken auch Südafrika, China, Indien, Iran, Mexiko, Indonesien, Korea und das damals als „Kerker der Völker“ bekannte Jugoslawien.</p>



<p>Die Dimension des Wirkungsbereichs der Komintern zeigt sich, wenn man sich parallel die Zahlen des Völkerbunds – der Vorgängerorganisation der UN – anschaut, der zum Zeitpunkt des IV. Kongresses der Komintern gerade einmal 42 Länder umfasste.</p>



<p>Der internationalistische Charakter des II. Kongresses wird vor allem in seinen Debatten deutlichen, in welchen die nationale und koloniale Frage eine zentrale Rolle einnahm und über zwei Tage lang intensiv diskutiert wurde. Die Grundlage der Diskussion bildete ein von Lenin verfasster Thesenentwurf sowie Ergänzungsthesen des indischen Revolutionärs M. N. Roy, der Lenins Thesen um die direkte Erfahrung der Arbeiter in den Kolonien erweiterte und insbesondere zur Rolle der lokalen Bourgeoisie in den Kolonien einen relevanten Beitrag leistete.</p>



<p>Der Grundgedanke, der sich sowohl durch Lenins als auch durch Roys Thesen zieht, ist der Widerspruch zwischen den unterdrückten und unterdrückenden Ländern in der Welt. Diese sind durch die internationale Organisierung des Weltimperialismus untrennbar miteinander verbunden. Nur durch die Annäherung zwischen den Arbeitern in den Metropolen und den werktätigen Massen in der kolonialen Welt kann der Kapitalismus bezwungen und dieser Widerspruch überwunden werden. Die kolonialen Befreiungsbewegungen haben somit einen grundlegend revolutionären Charakter und bilden eine Voraussetzung für die Befreiung der Arbeiter in den imperialistischen Zentren.</p>



<p>Diese Überlegung war für die Komintern von entscheidender Bedeutung. Nicht nur gab sie den antikolonialen Bewegungen erstmals eine klare Perspektive, sondern sah sich diesem Kampf auch selbst verpflichtet. Den Sektionen der Komintern in den Metropolen kam die Aufgabe zu, die kolonialen Revolutionen mit voller Kraft voranzutreiben und mit dem Kampf gegen den eigenen Imperialismus zuhause zu verbinden. Neben der ideologischen, materiellen und moralischen Unterstützung zählt dazu vor allem die antikoloniale Agitation unter den eigenen Arbeitern und den im Ausland stationierten Soldaten und eine verstärkte Arbeit unter den kolonialen Massen.</p>



<p>In Moskau wurden Revolutionäre aus aller Welt ausgebildet und es entstanden Abteilungen der Komintern, die sich spezifisch auf den Nahen und Fernen Osten konzentrierten. Mithilfe der Kommunistischen Partei Frankreichs sollten außerdem die Beziehungen nach Afrika ausgebaut werden. Die fehlende Tradition und Organisation der Arbeiterklasse in den Kolonien erschwerten es, dort eine Verankerung aufzubauen. Dennoch zeigt die Teilnahme von Delegierten aus immer mehr Ländern auf den ersten vier Weltkongressen, dass die sorgfältige und gewissenhafte Hingabe der Komintern zur kolonialen Frage Erfolg hatte und ihr eine zentrale Rolle im Kampf für die Weltrevolution beigemessen wurde.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Permanente Revolution</h2>



<p>Lenin behandelte die koloniale Frage wie gewohnt nicht mit Hilfe abstrakter Prinzipien, sondern ging immer von den konkreten Umständen aus. Richtige Perspektiven bilden für Kommunisten die Grundlage für jedes praktische Handeln und müssen aus der nüchternen Analyse der Realität gewonnen werden. Die wichtigste Frage in Bezug auf die Befreiung der Kolonien war die nach dem Charakter der kolonialen Befreiungsbewegungen und der nationalen Bourgeoisie. In den Thesen und Diskussionen zum II. Weltkongress nehmen sie daher eine entscheidende Rolle ein.</p>



<p>Infolge der Fremdherrschaft befanden sich die Kolonien in einer widersprüchlichen Situation. Einerseits waren sie ein essenzieller Bestandteil des kapitalistischen Weltmarkts, andererseits blieben die Aufgaben der bürgerlichen Revolution – die Schaffung nationaler Einheit und die Befreiung der Landbevölkerung – weiter ungelöst. Die koloniale Revolution war daher ihrem Wesen nach eine bürgerliche Revolution.</p>



<p>Die koloniale Erfahrung bestätigte, was Trotzki bereits 1906 als „Permanenten Revolution“ beschrieb und was vor den Erfahrungen der Oktoberrevolution später auch von Lenin angenommen wurde: Im Zeitalter des Imperialismus hat die Bourgeoisie ihre revolutionäre Rolle verloren und erweist sich in den unterentwickelten Ländern als unfähig die bürgerlich-demokratischen Aufgaben zu erfüllen. Gelöst werden können sie nur durch die proletarische Revolution, gestützt von den unterdrückten bäuerlichen Massen.</p>



<p>In seiner Auftaktrede zur Kongressdiskussion beschreibt Lenin: „Zwischen der Bourgeoisie der ausbeutenden Länder und der Bourgeoisie der Kolonien hat sich ein gewisses Einvernehmen herausgebildet, so dass die Bourgeoisie der unterdrückten Länder sehr oft, vielleicht sogar in den meisten Fällen, obwohl sie nationale Bewegungen unterstützt, dennoch alle revolutionären Bewegungen und revolutionären Klassen mit einem gewissen Maß an Übereinstimmung mit der imperialistischen Bourgeoisie, d.h. gemeinsam mit ihr, bekämpft.“</p>



<p>Die einheimische Bourgeoisie war nicht in der Lage, den Forderungen der armen Bauern nach Befreiung nachzukommen, da diese unvereinbar mit ihrem Interesse am Erhalt der bestehenden Produktionsverhältnisse waren. Eine nationale Befreiung war im Rahmen kapitalistischer Verhältnisse nicht möglich. Nur der Kampf für die Sowjetmacht und die Verwaltung des Staats durch die werktätigen Massen konnte die Probleme der Bauern lösen.</p>



<p>Die Bauernschaft wurde in den unterdrückten Ländern zu einem natürlichen Verbündeten der Arbeiterklasse. „Mit der Hilfe des Proletariats der entwickelten Länder“, so Lenin „können die unterentwickelten Länder zu einer sowjetischen Organisation und über eine Reihe von Etappen sogar unter Umgehung des kapitalistischen Systems zum Kommunismus gelangen.“</p>



<p>Die permanente Revolution bedeutet für die Kolonien die Perspektive auf einen direkten Übergang aus den feudalen Verhältnissen und der imperialistischen Ausbeutung zum Kommunismus.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Rolle der Kommunisten</h2>



<p>Die Diskussionen der Komintern erschöpften sich nicht in der theoretischen Debatte, sondern wurden stets mit praktischen Konsequenzen für die Aufbauarbeit verbunden. Die nationalen Befreiungsbewegungen boten für die Kommunisten in den Kolonien einen wichtigen Zugang zu den Massen, aber oft unterlagen sie nationalistischen Ideen, die den internationalen Klassenkampf den Interessen der eigenen Bourgeoisie unterordneten.</p>



<p>Das Ziel der Kommunisten musste darin bestehen, die fortschrittlichsten Teile der Bewegung für ein kommunistisches Programm zu gewinnen und ihre Illusionen in ihre nationalistischen Führer zu bekämpfen.</p>



<p>Der erste Schritt dahin war die Gründung kommunistischer Parteien in möglichst vielen Ländern. Neben den Thesen zur nationalen und kolonialen Frage verabschiedete der II. Weltkongress 21 Bedingungen zum Beitritt in die Komintern. Dadurch konnten die Komintern und ihre Sektionen auf die feste Grundlage des revolutionären Kommunismus gestellt werden und zu disziplinierten Kampforganisationen werden. Die Bedingungen umfassen neben der Herausgabe einer eigenen Zeitung und der Umbenennung in Kommunistische Partei vor allem die Anerkennung der politischen Autorität der Komintern und eine vollständige organisatorische und ideologische Unabhängigkeit von reformistischen und zentristischen Organisationen.</p>



<p>Vor diesem Hintergrund fand auch die Konferenz der Völker des Ostens in Baku statt, die im Anschluss an den II. Weltkongress auf Initiative der Komintern abgehalten wurde. Auf der Konferenz kamen knapp 1900 Delegierte verschiedener Organisationen aus dem Nahen und Fernen Osten zusammen, um die antikolonialen Kräfte zusammenzubringen und im Sinne der Komintern Perspektiven für die koloniale Befreiung zu diskutieren.</p>



<p>Die Stärkung der revolutionären Kräfte hatte für Lenin immer oberste Priorität. Das bedeutete aber nicht, die eigenen Kräfte einer Bewegung unterzuordnen, sondern die Führung unter den Massen zu erkämpfen und ihren Interessen im Kampf einen Ausdruck zu geben.</p>



<p>Den Befreiungsbewegungen fehlte unter ihrer kleinbürgerlichen Führung ein klares revolutionäres Programm, das nur durch eine starke unabhängige kommunistische Kraft vertreten werden konnte. In den Komintern Thesen heißt es: „Die Kommunistische Internationale muß ein zeitweiliges Bündnis mit der revolutionären Bewegung der Kolonien und der zurückgebliebenen Länder eingehen, darf sich aber nicht mit ihr verschmelzen, sondern muß unbedingt die Selbständigkeit der proletarischen Bewegung – sogar in ihrer Keimform – wahren.“</p>



<p>Nur, wenn die Kommunisten als immer vorantreibender Teil der Bewegung auftreten, die Verbindungen der nationalen Bourgeoisie mit den Imperialisten aufzeigen, und die Notwendigkeit der Sowjetmacht erklären, können sie die Massen gewinnen.</p>



<p>In einer Resolution zur Orientfrage vom IV. Weltkongress, die an den Diskussionen vom II. Kongress und der Bakukonferenz anknüpft, heißt es: „Die kommunistischen Parteien der kolonialen und halbkolonialen Länder haben eine doppelte Aufgabe: einerseits für eine möglichst radikale Lösung der Aufgaben einer bürgerlich-demokratischen Revolution zu kämpfen, die auf die Erlangung der politischen Unabhängigkeit abzielt, und andererseits die Arbeiter- und Bauernmassen im Kampf für ihre besonderen Klasseninteressen zu organisieren, wobei sie von allen Widersprüchen im nationalistischen bürgerlich-demokratischen Lager profitieren. Indem sie soziale Forderungen aufstellen, bieten die Kommunisten ein Ventil für die revolutionäre Energie, die in bürgerlich-liberalen Forderungen nicht zum Ausdruck kommen kann, und treiben ihre Entwicklung voran.“</p>



<p>Die Strategie der Komintern zielte immer darauf ab, die größtmögliche Einheit der Arbeiterklasse und der werktätigen Massen der ganzen Welt zu schaffen. Konsequenter Internationalismus anstelle eines engstirnigen Nationalismus und dadurch eine klare Abgrenzung zu den bürgerlichen Führern der nationalen Befreiungsbewegungen waren dafür essenziell und halfen der Komintern, mit großen Anstrengungen innerhalb der kolonialen Welt an Einfluss zu gewinnen.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Verratene Revolution</h2>



<p>Die ersten vier Weltkongresse der Komintern waren Ausdruck des revolutionären Bolschewismus und standen im Geist der Oktoberrevolution. Doch die Niederlagen der Revolutionen, insb. in Deutschland, führten zur politischen Konterrevolution in der Sowjetunion. Mit dem Aufstieg des Stalinismus nach Lenins Tod veränderte sich die Situation, was sich auch in der Komintern niederschlug.</p>



<p>Der V. Weltkongress stellt einen klaren Bruch mit den ersten vier Kongressen dar. Unter dem Decknamen der „Bolschewisierung“ entstand in allen Kommunistischen Parteien ein Apparat, der unter die direkten Anweisungen des Kremls gestellt wurde.</p>



<p>Unter der Führung Stalins wurde die Weltrevolution zu Gunsten der „Theorie“ des „Sozialismus in einem Land“ aufgegeben. Die Komintern wurde zu einem außenpolitischen Werkzeug der Sowjetbürokratie und den nationalen Interessen der Stalin-Clique untergeordnet. Revolutionäre Erhebungen fürchtete die Bürokratie dabei noch mehr als den Imperialismus. Der Internationalismus bestand nur noch auf dem Papier. Schließlich löste Stalin die Komintern 1943 als Beschwichtigungsgeschenk an die Alliierten auf.</p>



<p>Diese Politik hatte verheerende Folgen für die Weltrevolution und die kolonialen Massen. Anstelle eines unabhängigen proletarischen Klassenstandpunkts und der Einheitsfront-Taktik mit den revolutionären nationalistischen Kräften wurden die Kommunistischen Parteien durch die stalinistische Komintern vollständig den bürgerlichen Kräften untergeordnet. Sie sollten „die fortschrittliche Bourgeoisie im Kampf gegen den Imperialismus unterstützen“. Das steht im krassen Gegensatz zu den Thesen des II. und IV. Weltkongress, die den reaktionären Charakter der Bourgeoisie immer klar hervorhoben.</p>



<p>In vielen Ländern führte das zur vollständigen Niederlage der kolonialen Revolution. In China (1925–28) und später in Indonesien (1945–48 und 1965–66), dem Irak (1958–63) und dem Sudan (1964–65 und 1969–71) führte die Kollaboration mit den bürgerlichen Kräften direkt in die Arme der Reaktion und endete in blutigen Massakern. In anderen Ländern wie Algerien (1954–62) standen die Kommunisten unter der Obhut kommunistischer Parteien in den Metropolen, die durch den Stalinismus einen nationalistisch-reformistischen Kurs eingeschlagen hatten. In Indien führte das so weit, dass sich die Kommunistische Partei im Zweiten Weltkrieg hinter die britische Kolonialmacht stellte.</p>



<p>Der Verrat des Stalinismus ist eine der größten Tragödien der kolonialen Völker. Er erstickte die kolonialen Revolutionen und trieb sie zurück in den festen Griff des Imperialismus.</p>



<h2 class="wp-block-heading">In den Fußstapfen der Revolutionäre</h2>



<p>Während die stalinistischen Kommunistischen Parteien wie schon die Führer der II. Internationale den Massen den Rücken zuwandten, haben die echten Kommunisten immer die Positionen Lenins und der ersten vier Kominternkongresse verteidigt.</p>



<p>Der britische Marxist Ted Grant und unsere Strömung trugen das wahre Banner des Bolschewismus, das durch Trotzki und die Linke Opposition bewahrt wurde, über die Nachkriegszeit in das 21. Jahrhundert weiter. Ted erkannte das gewaltige revolutionäre Potenzial, das sich hinter den kolonialen Befreiungsbewegungen verbarg und zeigte, dass nur der Kampf der Massen gegen den Imperialismus und die konterrevolutionäre Rolle des Stalinismus dieses Potenzial entfalten konnte und dass es dafür eine echte leninistische Führung brauchte.</p>



<p>Der Ausgang der kolonialen Revolutionen bestätigte Teds Perspektive. Nirgendwo zeigen sich Lenins Worte „Kapitalismus ist Horror ohne Ende“ heute so deutlich wie in der sogenannten Dritten Welt. Der Genozid in Palästina, die despotischen Regime im Nahen Osten, ethische Spaltungen im Sudan, Militärputsche in der Sahelzone, Kinderarbeit in den Kobaltminen des Kongos, Piraterie in Somalia, Rassismus in Südafrika oder der internationale Terrorismus: Überall herrscht Barbarei. Die koloniale Revolution hat den Ländern des Globalen Südens trotz formaler Unabhängigkeit keine Verbesserung gebracht und die neuen Großmächte spielen in Form der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds das gleiche alte Spiel wie im Zeitalter des Kolonialismus.</p>



<p>Die Thesen der Komintern und die Schriften von Ted Grant zur Kolonialen Revolution sollten von jedem Kommunisten gründlich studiert werden. Solange Unterdrückung existiert, kann die Menschheit nicht frei sein. Es ist unsere Aufgabe, die Tradition des Bolschewismus zu wahren und das Erbe Lenins, Trotzkis und Ted Grants fortzuführen.</p>



<p>Nur durch eine Revolutionäre Kommunistische Internationale kann die Weltrevolution siegen. Das Gespenst des Kommunismus geht nicht mehr nur in Europa um, sondern erstreckt sich über alle Kontinente der Welt. Wir müssen dieses Gespenst zum Leben erwecken und überall die revolutionären Kräfte in einer Weltpartei der Unterdrückten und Ausgebeuteten sammeln.</p>
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		<title>Lenin: 100 Jahre nach seinem Tod</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rob Sewell]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 12 Apr 2024 17:37:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Bolschewismus]]></category>
		<category><![CDATA[Lenin]]></category>
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<p>Am 21. Januar 2024 jährt sich zum hundertsten Mal der Todestag von Wladimir Iljitsch Uljanow, der Welt besser bekannt als Lenin. Er war zweifellos einer der größten Revolutionäre, die je gelebt haben. Durch seine Rolle in der Führung der bolschewistischen Partei veränderte dieser herausragende Mann buchstäblich den Lauf der Geschichte.</p>



<p>Lenins ganzes Leben war der Befreiung der Arbeiterklasse gewidmet, was mit dem Sieg der Oktoberrevolution 1917 seinen Höhepunkt fand. Die Bedeutung dieses Ereignisses wurde von Rosa Luxemburg treffend beschrieben:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Was eine Partei in geschichtlicher Stunde an Mut, Tatkraft, revolutionären Weitblick und Konsequenz aufzubringen vermag, das haben Lenin, Trotzki und Genossen vollauf geleistet. Die ganze revolutionäre Ehre und Aktionsfähigkeit, die der Sozialdemokratie im Westen gebrach, war in den Bolschewiki vertreten. Ihr Oktoberaufstand war nicht nur eine tatsächliche Rettung für die russische Revolution, sondern auch eine Ehrenrettung des internationalen Sozialismus.“<sup data-fn="638e5182-f4ff-471b-9e98-6413648da1e9" class="fn"><a href="#638e5182-f4ff-471b-9e98-6413648da1e9" id="638e5182-f4ff-471b-9e98-6413648da1e9-link">1</a></sup></p>
</blockquote>



<p>Zum ersten Mal, abgesehen von der heroischen, aber kurzen Episode der Pariser Kommune, eroberte die Arbeiterklasse die Macht und konnte sie auch halten. Aus diesem Grund kann die Oktoberrevolution als das größte Ereignis der Geschichte angesehen werden. Unabhängig von den nachfolgenden Entwicklungen stellt sie ein unvergänglicher Sieg dar, der niemals zunichte gemacht werden kann.</p>



<p>Genau aus diesem Grund ist Lenin für die herrschende Klasse und ihre Apologeten zur meistgehassten und verleumdeten Persönlichkeit der Geschichte geworden.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><a></a>Verleumdungen</h3>



<p>Während bürgerliche Kommentatoren Marx für seine Analyse des Kapitalismus gelegentlich ein zweideutiges Kompliment machen, obwohl sie seine revolutionären Schlussfolgerungen natürlich ablehnen, ist Lenin ohne Wenn und Aber zum Feindbild erklärt worden. Das sollte uns allerdings nicht überraschen.</p>



<p>Genau wie seinerzeit die niederträchtigen Angriffe der englischen Presse auf die Französische Revolution, so denunzieren die Schreiberlinge des Kapitalismus Lenin und die Russische Revolution. Ihr Ziel ist es, sie zu diskreditieren und ihre wahre Bedeutung aus der Geschichte zu tilgen. Seit über einem Jahrhundert ist dies ihre Aufgabe.</p>



<p>So wird Lenin als „Diktator“, als deutscher Agent, als zaristischer Agent, als neuer Zar und schließlich als Vorläufer von Stalin und dem Stalinismus dargestellt. Das Getöse hat sich zu einem Crescendo entwickelt.</p>



<p>Die Geschichten, mit denen sie hausieren gehen, sind so lächerlich, dass man sich schon beim Lesen fremdschämen muss. Es gibt buchstäblich Hunderte dieser ignoranten „Historiker“, die alle das gleiche Lied singen und alle die gleichen absurden, schauerlichen Behauptungen über Lenin aufstellen. Nur wenige, wenn es überhaupt welche gibt, sind es wert, gelesen zu werden. Selbst die „ausgefeilteren“ Werke über Lenin sind mit Gift durchsetzt.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Der Bolschewismus wurde auf einer Lüge gegründet und schuf ein Exempel, dem die nächsten 90 Jahre lang gefolgt werden sollte. Lenin hatte keine Zeit für Demokratie, kein Vertrauen in die Massen und keine Skrupel vor Gewaltanwendung. Er wollte eine kleine, straff organisierte und streng disziplinierte Partei von hartgesottenen Berufsrevolutionären, die genau das tun würden, was man ihnen sagte.“<sup data-fn="b0823257-0b94-4a7e-b4b3-426d2d98bd70" class="fn"><a href="#b0823257-0b94-4a7e-b4b3-426d2d98bd70" id="b0823257-0b94-4a7e-b4b3-426d2d98bd70-link">2</a></sup> Dieses Beispiel stammt aus der giftigen Feder von Anthony Read in <em>The World on Fire.</em></p>
</blockquote>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Hier lagen die Keime der Terrorherrschaft, des totalitären Strebens nach vollständiger Kontrolle des öffentlichen Lebens und der öffentlichen Meinung,“<sup data-fn="8dc3d7fc-ad55-4097-a7cc-363a91fd8e6d" class="fn"><a href="#8dc3d7fc-ad55-4097-a7cc-363a91fd8e6d" id="8dc3d7fc-ad55-4097-a7cc-363a91fd8e6d-link">3</a></sup> schreibt Richard Pipes in einer Horrorstory, die Menschen mit nervöser Veranlagung erschrecken soll.</p>
</blockquote>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Lenin war der erste moderne Parteiführer, der zum Status eines Gottes aufstieg: Stalin, Mussolini, Hitler und Mao Tse-tung waren alle in dieser Hinsicht seine Nachfolger,“<sup data-fn="b2bc66d0-3628-4a27-9534-46da0638abba" class="fn"><a href="#b2bc66d0-3628-4a27-9534-46da0638abba" id="b2bc66d0-3628-4a27-9534-46da0638abba-link">4</a></sup> schreibt Orlando Figes, der sich von den anderen „Historikern“ nicht übertreffen lassen will.</p>
</blockquote>



<p>Diese gut betuchten und gut bezahlten Scharlatane werden niemals aufgeben. Ihre Lügenkampagne wird weitergehen, bis der Kapitalismus selbst gestürzt ist. Wir sollten sie wie die Hexen in Macbeth mit ihrer schmutzigen Arbeit allein lassen.</p>



<p>Trotz all ihrer Bemühungen, die Jugend gegen Lenin und den Bolschewismus aufzubringen, verläuft dieses Vorhaben nicht nach Plan. Wie so oft beginnen die Menschen, die offizielle „Erzählung“ zu hinterfragen. Zum Unglück der literarischen Lakaien der Bourgeoisie funktioniert ihr antikommunistisches Gefasel nicht so, wie es sollte!</p>



<p>Wie Professor Figes selbst zugeben muss, sind „die Geister von 1917 noch nicht zur Ruhe gekommen.“<sup data-fn="d642d44d-852d-40a0-9c70-9c5f010d503b" class="fn"><a href="#d642d44d-852d-40a0-9c70-9c5f010d503b" id="d642d44d-852d-40a0-9c70-9c5f010d503b-link">5</a></sup> Und angesichts der Zeit, in die wir eingetreten sind, werden sie es auch nicht.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><a></a>Ein Hoffnungsträger</h3>



<p>Wir befinden uns in einer Zeit beispielloser Verwerfungen. Der Kapitalismus als sozioökonomisches System hat sich selbst erschöpft, und Dutzende von Millionen Menschen weltweit stellen seine Legitimität in Frage. Sie suchen aktiv nach einem Ausweg aus dieser Sackgasse. Die alten Parteien sind jedoch zunehmend diskreditiert, und Millionen Menschen haben die Nase voll von den weichgespülten Reformisten jeglicher Schattierung, die das System immer nur bis zu einem gewissen Grad „reformieren“ wollen. Doch dieser Versuch ist ein so hoffnungsloses Unterfangen, wie von einem Leoparden zu verlangen, seine Flecken zu wechseln, oder den Ozean zu versuchen, mit einem Löffel auszuschöpfen.</p>



<p>Lenin ist ein Riese im Vergleich zu all den linken und rechten Arbeiterführer, die in der Praxis das kapitalistische System akzeptiert haben. Auch sie und die Bourgeoisie betrachten Lenin entweder mit Schrecken oder bestenfalls als „veraltet“, da seine Ideen keinen Wert oder keine Bedeutung mehr hätten.</p>



<p>Aber Lenin und seine Ideen lassen sich nicht so einfach beseitigen. „Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist. Sie ist in sich geschlossen und harmonisch, sie gibt den Menschen eine einheitliche Weltanschauung, die sich mit keinerlei Aberglauben, keinerlei Reaktion, keinerlei Verteidigung bürgerlicher Knechtung vereinbaren läßt.“<sup data-fn="70f993d2-c65e-4ae7-98cb-a3fc6160baa7" class="fn"><a href="#70f993d2-c65e-4ae7-98cb-a3fc6160baa7" id="70f993d2-c65e-4ae7-98cb-a3fc6160baa7-link">6</a></sup></p>



<p>Es ist eine Theorie um die Welt zu verändern, in ihr sind Theorie und Praxis nicht getrennt, sondern bilden ein einheitliches Ganzes. Deshalb hat Lenin, ein überzeugter Marxist, sein Leben dem Sieg der sozialistischen Weltrevolution gewidmet. In dieser Hinsicht ist er ein Vorbild für klassenbewusste Arbeiter überall.</p>



<p>Heute gibt es ein wachsendes Interesse an Lenin und seinen Ideen, und den Versuch, vor allem von vielen jungen Menschen, das wahre Programm des Leninismus und Bolschewismus wiederzuentdecken. Dieses Interesse und die tiefe Krise des kapitalistischen Systems zeigen die Bedeutung Lenins für das Hier und Jetzt.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><a></a>Bolschewismus</h3>



<p>Lenin stand auf den Schultern von Marx und Engels und setzte deren Ideen in die Praxis um. Der Leninismus ist schlicht und einfach der Marxismus in der imperialistischen Epoche von Revolution und Konterrevolution.</p>



<p>Angesichts des unerbittlichen Kampfes gegen die alte kapitalistische Ordnung betonte Lenin die entscheidende Notwendigkeit, eine disziplinierte und theoretisch geschulte Partei aufzubauen. Er war ein Revolutionär mit einem solchen Weitblick, dass ihm nur die Rolle des Führers der furchtlosesten Partei gerecht werden konnte. Jener Partei, die in der Lage war, seine Gedanken und Handlungen zu ihrem logischen Abschluss zu bringen. Er verband sein Schicksal mit dem Schicksal der proletarischen Partei und ihrer Ziele.</p>



<p>Angesichts des Verrats der alten sozialdemokratischen Führer war es unerlässlich, dass eine neue revolutionäre Führung geschaffen wurde. Dies bedeutete, dass neue kommunistische Parteien gegründet werden mussten, um die Arbeiterklasse zu organisieren und die Macht zu übernehmen. Im Gegensatz zu den alten reformistischen Parteien, die größtenteils zu Wahlkampfmaschinen geworden waren, sollten diese neuen Parteien nach dem Vorbild der bolschewistischen Partei gegründet werden, sowohl was die Organisation als auch was die revolutionäre Ausrichtung betrifft.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Aber im gegebenen historischen Zeitpunkt liegen die Dinge nun einmal so, daß das russische Vorbild allen Ländern etwas, und zwar etwas überaus Wesentliches aus ihrer unausweichlichen und nicht fernen Zukunft zeigt“<sup data-fn="5a23548c-a97d-49cf-845a-fd494f52c1cc" class="fn"><a href="#5a23548c-a97d-49cf-845a-fd494f52c1cc" id="5a23548c-a97d-49cf-845a-fd494f52c1cc-link">7</a></sup>, erklärte Lenin in <em>Der „Linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus</em>.</p>
</blockquote>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Nur die Geschichte des Bolschewismus in der <em>ganzen </em>Zeit seines Bestehens vermag befriedigend zu erklären, warum er imstande war, die für den Sieg des Proletariats notwendige eiserne Disziplin zu schaffen und sie unter den schwierigsten Verhältnissen aufrechtzuerhalten.“<sup data-fn="879103f6-b279-4034-a2d7-90e8fe996e9b" class="fn"><a href="#879103f6-b279-4034-a2d7-90e8fe996e9b" id="879103f6-b279-4034-a2d7-90e8fe996e9b-link">8</a></sup></p>
</blockquote>



<p>Die bolschewistische Partei war aufgrund ihrer einzigartigen Geschichte und der Rolle von Lenin in der Lage, eine solche Rolle zu spielen. Wie er erklärte:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Den Marxismus als die einzig richtige revolutionäre Theorie hat sich Rußland wahrhaft in Leiden errungen, durch ein halbes Jahrhundert unerhörter Qualen und Opfer, beispiellosen revolutionären Heldentums, unglaublicher Energie und hingebungsvollen Suchens, Lernens, praktischen Erprobens, der Enttäuschungen, des Überprüfens, des Vergleichens mit den Erfahrungen Europas. Dank dem vom Zarismus aufgezwungenen Emigrantenleben verfügte das revolutionäre Rußland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts über eine solche Fülle von internationalen Verbindungen, aber eine so vortreffliche Kenntnis aller Formen und Theorien der revolutionären Bewegung der Welt wie kein anderes Land auf dem Erdball.“<sup data-fn="8d5bab46-9eff-4af7-ab86-6d20fd23d310" class="fn"><a href="#8d5bab46-9eff-4af7-ab86-6d20fd23d310" id="8d5bab46-9eff-4af7-ab86-6d20fd23d310-link">9</a></sup></p>
</blockquote>



<p>Die bolschewistische Partei unter Lenin war die revolutionärste Partei der Geschichte. Lenin verstand, dass eine solche Partei aufgebaut werden musste, bevor die revolutionären Ereignisse ausbrachen. Sie konnte keinesfalls improvisiert oder spontan während einer Revolution gegründet werden, da dies viel zu spät sein würde. Die gesamte Erfahrung der Vergangenheit bestätigte diese Analyse.</p>



<p>Zunächst war es wichtig, ein Netzwerk marxistischer Kader zu schaffen, das als Rahmen dienen sollte, um den herum schließlich eine Massenpartei aufgebaut werden konnte. Da die Revolution eine ernste Angelegenheit war, setzte sich Lenin für die Schaffung einer Partei von „Berufsrevolutionären“ ein, die sich ganz der Revolution widmen würden.</p>



<p>Außerdem müsse die revolutionäre Partei auf dem Fundament der marxistischen Theorie gegründet werden. „Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben“<sup data-fn="ffc61e69-5fb8-4078-841a-bf75a45c2491" class="fn"><a href="#ffc61e69-5fb8-4078-841a-bf75a45c2491" id="ffc61e69-5fb8-4078-841a-bf75a45c2491-link">10</a></sup>, erklärte Lenin in seinem Werk <em>Was tun?</em>, das dem Aufbau einer solchen Partei gewidmet ist. Er war der theoretische Torwächter der Partei, die unter seiner Führung ihre eigene proletarische Moral entwickelte, die ganz auf den Interessen der sozialistischen Revolution beruhte.</p>



<p>Für Lenin war dieser Kampf um die marxistische Theorie eine zentrale Aufgabe. Daher bestand die Rolle von Lenins <em>Iskra </em>darin, den „entschlossene[n] und hartnäckige[n] Kampf für die <em>Grundlagen </em>des Marxismus“ zu führen, welcher „wieder auf die Tagesordnung“<sup data-fn="594fb3cb-f3cf-4784-977c-edcb52b3593e" class="fn"><a href="#594fb3cb-f3cf-4784-977c-edcb52b3593e" id="594fb3cb-f3cf-4784-977c-edcb52b3593e-link">11</a></sup> gesetzt wurde.</p>



<p>Lenin schrieb&nbsp;<em>Was tun?</em>&nbsp;in einer Zeit des theoretischen Rückschritts und des Revisionismus innerhalb der russischen Sozialdemokratie. Ein großer Teil von Lenins Pamphlet ist der Widerlegung der Argumente der Strömung der Ökonomisten gewidmet, die im Namen der „Spontanität“ und als Vorläufer des „Workerismus“ auf den politischen Kampf verzichtet. Aber auch der Einfluss des sogenannten „Legalen Marxismus“, der den Marxismus seines revolutionären Inhalts beraubte, musste bekämpft werden.</p>



<p>Für Lenin erforderte die Verteidigung der marxistischen Theorie mehr als die Wiederholung alter Formeln; sie bedeutete eine Anwendung der marxistischen Methode auf die konkrete Situation. Es war wichtig, die Theorie nicht der Realität aufzuzwingen, sondern die Realität bot den Ausgangspunkt. Wie Lenin warnte, kann die Theorie, wenn sie auf ein abstraktes Dogma reduziert wird, zur Rechtfertigung des Revisionismus missbraucht werden:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Der Marxismus ist eine außerordentlich tiefe und vielseitige Lehre. Kein Wunder darum, dass <em>Bruchstücke </em>von Marx-Zitaten &#8211; besonders wenn sie an <em>unpassender </em>Stelle angeführt werden &#8211; stets unter den ‚Argumenten‘ derer anzutreffen sind, die mit dem Marxismus brechen.“<sup data-fn="0d1f1197-7f28-4065-b559-e5693bef13d1" class="fn"><a href="#0d1f1197-7f28-4065-b559-e5693bef13d1" id="0d1f1197-7f28-4065-b559-e5693bef13d1-link">12</a></sup></p>
</blockquote>



<p>Er betonte, dass der Marxismus kein lebloses Dogma oder eine fertige, unveränderliche Doktrin sei, sondern eine lebendige Anleitung zum Handeln. Das bedeutet, dass es von entscheidender Bedeutung ist, die Ideen des Marxismus mit der realen Situation in Verbindung zu bringen und sich nicht in Fantastereien zu ergehen. „Die Wahrheit ist konkret“, wiederholte er oft. Die große Prüfung für Revolutionäre bestand darin, diese Ideen mit der realen Bewegung der Arbeiterklasse zu verbinden. Auf diese Weise könnten sie Unterstützung gewinnen und Früchte tragen.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><a></a>Flexibilität</h3>



<p>Lenin hatte stets eine feste Position in prinzipiellen Fragen, war allerdings bei organisatorischen und taktischen Fragen sehr flexibel. Dies war eine von Lenins großen Stärken. Er verstand, dass der Aufbau einer echten kommunistischen Partei, wie bei der bolschewistischen Partei, kein geradliniger Weg war. Um die Arbeiter zu gewinnen, vor allem diejenigen, die noch unter dem Einfluss der reformistischen Parteien standen, war eine flexible Taktik erforderlich. Dies war keine Nebensache. In seinem wunderbaren Werk&nbsp;<em>Der Linke Radikalismus, die Kinderkrankheit im Kommunismus</em>&nbsp;erklärt Lenin:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Es fehlt nur eins, damit wir dem Siege sicher und fest entgegenschreiten: nämlich dass alle Kommunisten in allen Ländern durchweg und restlos die Notwendigkeit erkennen, in ihrer Taktik äußerst <em>elastisch </em>zu sein. Dem sich großartig entwickelnden Kommunismus fehlt jetzt, besonders in den fortgeschrittenen Ländern, diese Erkenntnis und die Fähigkeit, diese Erkenntnis in der Praxis anzuwenden.“<sup data-fn="8afdd4a1-beab-41ef-8e85-2e9e4058a156" class="fn"><a href="#8afdd4a1-beab-41ef-8e85-2e9e4058a156" id="8afdd4a1-beab-41ef-8e85-2e9e4058a156-link">13</a></sup></p>
</blockquote>



<p>Lenin entwickelte ein ausgeprägtes Gespür für die Situation und war in der Lage, die Dinge richtig einzuschätzen, wenn sich die Ereignisse überschlugen. Er war in der Lage zu unterscheiden, was wesentlich und was zweitrangig war.</p>



<p>Wie Trotzki erklärte:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Mit dem revolutionären Blick voranzudringen, das Hauptsächliche, Grundlegende, Wichtigste zu bemerken und darauf hinzuweisen, diese Begabung ist Lenin im höchsten Maße eigen. Und die, denen es, wie uns, in dieser Periode beschert war, die Arbeit Wladimir Iljitschs, die Arbeit seines Denkens, von der Nähe aus zu beobachten, die konten nicht umhin, ihm schrankenlose Bewunderung zu zollen &#8211; ich wiederhole: schrankenlose Bewunderung für jene Begabung des durchdringenden, bohrenden Gedankens, der alles Äußerliche, Zufällige, Oberflächliche fortfegt und die grundlegenden Wege und Methoden des Handelns festlegt. Die Arbeiterklasse lernt nur die Führer schätzen, die, nachdem sie den Weg der Entwicklung entdeckt haben, unerschüttert weitergehen, auch wenn die Vorurteile des Proletariats sich ihnen bisweilen als Hindernisse entgegenstellen.“<sup data-fn="00953289-a39e-4c6d-9c81-28c1cc2e574d" class="fn"><a href="#00953289-a39e-4c6d-9c81-28c1cc2e574d" id="00953289-a39e-4c6d-9c81-28c1cc2e574d-link">14</a></sup></p>
</blockquote>



<p>Vor allem war Lenin in der Lage, sich vorausschauend an die sich vollziehenden Veränderungen anzupassen. Dies erforderte in der Regel eine Änderung der Taktik, um den neuen Erfordernissen der Situation zu entsprechen. Auch diese Änderungen waren nicht immer einfach und konnten zu scharfen Polemiken innerhalb der Partei führen. Nicht umsonst war der Bolschewismus als eine Schule der harten Schläge bekannt.</p>



<p>In jeder Phase der Entwicklung der Partei, von den ersten Zirkeln des Untergrunds über die Massenarbeit von 1905 bis hin zu 1917 und darüber hinaus, musste Lenin den Widerstand derjenigen überwinden, die an den Methoden der Vergangenheit festhielten. Bei jeder vorgeschlagenen Änderung der Taktik stieß er im Allgemeinen auf heftigen Widerstand. Der Grund für diesen Widerstand war, dass das Leben der Partei immer eine gewisse Routine entwickelt. Wenn sich die Situation ändert, geraten diese Routinen in Konflikt mit den neuen Anforderungen. Hierfür gibt es viele Beispiele.</p>



<p>Der Versuch Lenins, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) auf dem Zweiten Parteitag 1903 zu professionalisieren und von der informellen Zirkelmentalität der Anfangszeit wegzubringen, führte schließlich zur Spaltung zwischen Bolschewiki und Menschewiki.</p>



<p>Die Revolution von 1905 eröffnete neue Herausforderungen. Um das Potenzial der neuen Situation zu nutzen, versuchte Lenin, mit den Methoden der Untergrundarbeit zu brechen. Dies brachte ihn in Konflikt mit den sogenannten&nbsp;<em>Komiteeleuten</em>. Diese waren engagierte Revolutionäre, die unter den Bedingungen der Untergrundarbeit aufgewachsen und davon geprägt waren. Als sich die Möglichkeit eröffnete, legal zu arbeiten, fiel es ihnen schwer, sich anzupassen, und sie wurden zu einem Hindernis. Dies führte zu einem gewaltigen Zerwürfnis.</p>



<p>Doch Lenin war nicht bereit, aufzugeben. Die neuen Möglichkeiten verlangten ein Umdenken. Dabei musste er sich mit den&nbsp;<em>Komiteeleuten</em>&nbsp;und ihren Methoden auseinandersetzen. Es war an der Zeit, die Partei zu öffnen! Lenin nahm dabei kein Blatt vor den Mund:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Wir brauchen junge Kräfte. Ich würde empfehlen, jeden einfach an die Wand zu stellen, der zu behaupten wagt, es gäbe keine Menschen. In Russland gibt es unzählig viele Menschen, man muss nur werben, breiter und kühner, kühner und breiter, noch breiter und noch kühner unter der Jugend werben, <em>ohne sie zu fürchten</em>. Jetzt ist Krieg. Die Jugend wird den Ausgang des ganzen Kampfes entscheiden, sowohl die Studentenjugend als auch &#8211; noch viel mehr &#8211; die Arbeiterjugend. Macht Schluss mit all den alten Gewohnheiten der Schwerfälligkeit, der Titelanbetung usw. Gründet <em>Hunderte </em>Zirkel aus jugendlichen ‚Wperjod‘-Anhängern und spornt sie an, mit aller Kraft zu arbeiten.“<sup data-fn="b81d7fb7-4beb-4ece-9c50-ee782db2b9d8" class="fn"><a href="#b81d7fb7-4beb-4ece-9c50-ee782db2b9d8" id="b81d7fb7-4beb-4ece-9c50-ee782db2b9d8-link">15</a></sup></p>
</blockquote>



<p>Lenin forderte die bolschewistische Führung auf, mit dem alten Routinismus zu brechen und die Organisation auf den bevorstehenden Kampf einzustellen. Andernfalls bestand die reale Gefahr, dass die neuen Chancen, die sich der Partei boten, vertan würden. Erneut fordert Lenin zum Handeln auf:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Aber unbedingt organisieren, organisieren und noch einmal organisieren, Hunderte von Zirkeln, und dabei mit den üblichen (hierarchischen) Torheiten der Komitees radikal Schluss machen. Es ist Krieg. Entweder überall neue, junge frische, energische Kampforganisationen für die revolutionäre sozialdemokratische Arbeit aller Arten, aller Formen und unter allen Schichten &#8211; oder ihr werdet untergehen mit dem Ruhm, ‚Komitee‘leute in Amt und Würden gewesen zu sein.“<sup data-fn="b0122a24-22bd-4949-8425-3e22d2c63c03" class="fn"><a href="#b0122a24-22bd-4949-8425-3e22d2c63c03" id="b0122a24-22bd-4949-8425-3e22d2c63c03-link">16</a></sup></p>
</blockquote>



<p>Der routinistische Ansatz einiger bolschewistischer Führer erstreckte sich auch auf ihre Position gegenüber den neu gebildeten Sowjets. Die Sowjets wurden spontan von den kämpfenden Arbeitern gegründet und waren erweiterte Streikkomitees. Sie wurden schon bald zu einer Gegenmacht zum alten zaristischen Regime.</p>



<p>Anstatt diese neuen Formationen der Arbeiterklasse zu begrüßen, betrachteten einige der alten bolschewistischen Führer sie als Konkurrenz zur Partei. Sie verfolgten einen völlig sektiererischen Ansatz. Es bedurfte des persönlichen Eingreifens von Lenin, um diesen Fehler zu korrigieren. Tatsächlich betrachtete Lenin die Sowjets als „die Keimzelle der Arbeiterregierung“<sup data-fn="6a72ff86-c410-495e-8000-2f9de33f0bb3" class="fn"><a href="#6a72ff86-c410-495e-8000-2f9de33f0bb3" id="6a72ff86-c410-495e-8000-2f9de33f0bb3-link">17</a></sup>, was seine Weitsicht bewies und sich in den Ereignissen von 1917 bestätigte.</p>



<p>1905 wurde die SDAPR, die sich sowohl aus einer menschewistischen als auch einer bolschewistischen Fraktion zusammensetzte, in eine Massenpartei umgewandelt. Dies zeigte das enorme Potenzial, das in dieser Situation steckte, aber es war nicht von Dauer.</p>



<p>Die Niederlage der Revolution von 1905 läutete in Russland eine Periode blutiger Reaktion ein. Die Bewegung erlitt einen schweren Rückschlag. Dies wiederum führte zu vielen Austritten aus der Partei, vor allem von den eher kleinbürgerlichen Elementen, die dem Druck nicht standhielten. Die Stimmung in der Partei war sehr schlecht und die Bolschewiki waren auf einen kleinen Kern reduziert.</p>



<p>In diesen Jahren der Reaktion gab es viele Probleme. Lenin war gezwungen, mit denjenigen zu brechen, die der Verzweiflung erlegen waren und zum Ultralinksradikalismus übergingen, wie z.B. jene Bolschewiki, die darauf bestanden, die Wahlen zur Staatsduma noch lange nach der Niederlage der Revolution zu boykottieren, oder jene, die die Partei ganz auflösen wollten (die „Liquidatoren“).</p>



<p>Erneut musste Lenin einen Kampf auf theoretischer Ebene führen, diesmal gegen jene, die versuchten, die grundlegendsten philosophischen Prinzipien der marxistischen Bewegung, einschließlich des Materialismus selbst, zu revidieren. In dieser Zeit schrieb Lenin&nbsp;<em>Materialismus und Empiriokritizismus</em>&nbsp;als Polemik gegen einen Trend in der russischen marxistischen Bewegung, der sich vom dialektischen Materialismus abwandte und sich der philosophischen Sackgasse des subjektiven Idealismus zuwandte.</p>



<p>Auf organisatorischer Ebene hatte es nach der Revolution von 1905 Versuche gegeben, die menschewistische und die bolschewistische Fraktion zu fusionieren. Wachsende politische Differenzen hatten dies jedoch verhindert. Die Menschewiki sahen in den Liberalen die Kraft, die die Revolution anführen sollte, während sich die Bolschewiki auf die Arbeiter und armen Bauern stützten. Schließlich gingen sie getrennte Wege, und die bolschewistische Partei wurde im April 1912 formell gegründet.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><a></a>Wiederbewaffnung der Partei</h3>



<p>Es wurde der Mythos geschaffen, dass Lenin die bolschewistische Partei mit eiserner Hand regierte, was eindeutig nicht der Fall war. Es gab viele Ereignisse, in denen Lenin in der Minderheit war, sogar innerhalb der Führung. Lenins Autorität beruhte nicht darauf, mit dem Knüppel zu schwingen. Die einzige Autorität die er hatte, war seine politische Autorität, die auf einer geduldigen Herangehensweise fußte.</p>



<p>Als Lenin 1917 mit der Februarrevolution konfrontiert wurde, fand die von ihm vertretene neue Taktik wenig Unterstützung.</p>



<p>Die Revolution hatte zum Sturz des Zarismus geführt und eine Provisorische Regierung aus Vertretern der Bourgeoisie hervorgebracht. Gleichzeitig hatten die russischen Arbeiter in noch größerem Umfang als 1905 Sowjets gebildet. Die bolschewistischen Führer in Russland &#8211; insbesondere Kamenjew und Stalin &#8211; waren von der Revolution und dem Gefühl der „Einheit“, das in den ersten Tagen herrschte, berauscht. Infolgedessen nahmen sie eine völlig falsche Haltung gegenüber der Provisorischen Regierung ein. Anstatt die Regierung zu bekämpfen, unterstützten sie sie „kritisch“, einschließlich ihrer Unterstützung für den imperialistischen Krieg.</p>



<p>Lenin war darüber sehr aufgebracht. Noch während er versuchte, von der Schweiz nach Russland zu gelangen, schrieb er eine Reihe von Artikeln &#8211; seine&nbsp;<em>Briefe aus der Ferne</em>, die die Grundlage für seine berühmten&nbsp;<em>Aprilthesen&nbsp;</em>bildeten -, in denen er sich gegen die kapitalistische Provisorische Regierung wandte und eine neue Revolution forderte.</p>



<p>Die Bolschewiki waren lange Zeit mit der Perspektive einer „demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft“ aufgewachsen, verbunden mit der Idee, eine sozialistische Revolution im Westen auszulösen. Während diese Formulierung die kommende Revolution als eine bürgerliche Revolution betrachtete, die die Überreste des Feudalismus hinwegfegen und den Boden für die kapitalistische Entwicklung bereiten sollte, würde die Führung dieser Revolution nicht der Bourgeoisie zufallen, da diese eine konterrevolutionäre Rolle spielte, sondern den Arbeitern und Bauern. Diese Formel hatte jedoch insofern einen algebraischen Charakter, als die Frage, welche Klasse in diesem Bündnis die führende Rolle spielen würde, als eine „unbekannte Größe“ offen gelassen wurde.</p>



<p>Die bolschewistische Position stand in deutlichem Gegensatz zu den Menschewiki, die sagten, die Revolution sei bürgerlich und müsse daher von der Bourgeoisie angeführt werden. Die Arbeiter sollten in ihren Augen nur eine unterstützende Rolle spielen.</p>



<p>Trotzki hingegen hatte seine eigene Theorie der „permanenten Revolution“ als Perspektive für Russland aufgestellt. Er stimmte zwar mit den Bolschewiki darin überein, dass die Bourgeoisie konterrevolutionär sei, glaubte aber, dass die einzige Klasse, die in der Lage sei, die Revolution anzuführen, die Arbeiterklasse sei, unterstützt von den armen Bauern. Anstatt jedoch eine „demokratische Diktatur“ zu errichten, plädierte Trotzki für eine Arbeiterregierung, die zunächst den Feudalismus beseitigen (die „demokratischen“ Aufgaben löst), dann aber zu den sozialistischen Aufgaben übergehen sollte. Diese sozialistische Revolution würde ihrerseits die Revolution im Westen anstoßen, die der russischen Arbeiterklasse zu Hilfe käme. Dadurch erhält sie ihren „permanenten“ Charakter.</p>



<p>Die von Lenin im April 1917 vertretene Position ist im Wesentlichen identisch mit jener von Trotzki. Dagegen wehrten sich jedoch die „alten, bolschewistischen“ Führer, die an der ursprünglichen Formel der „demokratischen Diktatur“ festhielten.</p>



<p>Lenin war gezwungen, seine gesamte politische Autorität einzusetzen, um die Richtung der Partei zu ändern. Auf diese Weise musste er sich mit den selbsternannten „Altbolschewiken“ auseinandersetzen, die ihn des „Trotzkismus“ beschuldigten!</p>



<p>Angesichts des Rückfalls der bolschewistischen Führer und in Anbetracht dessen, was auf dem Spiel stand, nahm Lenin den Kampf auf:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Ich persönlich zögere keinen Augenblick zu erklären, und zwar in der Presse zu erklären, dass ich sogar den sofortigen Bruch mit beliebigen Leuten unserer Partei irgendwelchen Zugeständnissen an den Sozialpatriotismus der Kerenski und Co. oder an den Sozialpazifismus und das Kautskyanertum der Tscheidse und Co. vorziehe.“<sup data-fn="e2fbf9da-71bc-4020-8c1d-1874d3df4f76" class="fn"><a href="#e2fbf9da-71bc-4020-8c1d-1874d3df4f76" id="e2fbf9da-71bc-4020-8c1d-1874d3df4f76-link">18</a></sup></p>
</blockquote>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Den Arbeitern muss man die <em>Wahrheit </em>sagen. Man muss ihnen sagen, dass die Regierung Gutschkow-Miljukow und Co. eine imperialistische Regierung ist, dass die Arbeiter und Bauern <em>zuerst </em>(&#8230;) die <em>ganze </em>Staatsmacht der Arbeiterklasse übergeben müssen, die ein Gegner des Kapitals und ein Gegner des imperialistischen Krieges ist, und dass sie erst dann das <em>Recht </em>haben, zum Sturz <em>aller </em>Könige und <em>aller </em>bürgerlichen Regierungen aufzurufen.“<sup data-fn="ea056a54-c709-4594-ae63-8f3372a04728" class="fn"><a href="#ea056a54-c709-4594-ae63-8f3372a04728" id="ea056a54-c709-4594-ae63-8f3372a04728-link">19</a></sup></p>
</blockquote>



<p>Dann wandte er sich an die „alten Bolschewiki“:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Hier erhebt sich lärmender Widerspruch, und zwar von Leuten, die sich gern ‚alte Bolschewiki‘ nennen: Haben wir denn nicht stets gesagt, dass die bürgerlich-demokratische Revolution erst durch die ‚revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft‘ abgeschlossen wird? Ist denn etwa die Agrarrevolution, die ja auch eine bürgerlich-demokratische Revolution ist, abgeschlossen? Ist es nicht, im Gegenteil, Tatsache, dass sie<em>&nbsp;noch nicht</em>&nbsp;begonnen hat?</p>
</blockquote>



<p>Ich antworte: Die bolschewistischen Losungen und Ideen sind im Allgemeinen durch die Geschichte vollauf bestätigt worden, konkret aber haben sich die Dinge&nbsp;<em>anders&nbsp;</em>gestaltet als ich (oder wer auch immer) es erwarten konnte &#8211; origineller, eigenartiger, bunter.</p>



<p>Diese Tatsache ignorieren, sie vergessen, hieße es jenen „alten Bolschewiki&#8220; gleichzutun, die schon mehr als einmal eine traurige Rolle in der Geschichte unserer Partei gespielt haben, indem sie sinnlos eine&nbsp;<em>auswendig gelernte&nbsp;</em>Formel wiederholten, anstatt die Eigenart der neuen, der lebendigen Wirklichkeit zu studieren. (&#8230;)</p>



<p>Wer jetzt lediglich von ‚revolutionär-demokratischer Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft‘ spricht, der ist hinter dem Leben zurückgeblieben, der ist damit faktisch zum Kleinbürgertum <em>übergegangen</em>, der ist gegen den proletarischen Klassenkampf, der gehört in ein Archiv für ‚bolschewistische‘ vorrevolutionäre Raritäten (Archiv ‚alter Bolschewiki‘ könnte man es nennen). (&#8230;)<br>Jetzt gilt es, sich die unbestreitbare Wahrheit zu eigen zu machen, dass der Marxist mit dem lebendigen Leben, mit den exakten Tatsachen der <em>Wirklichkeit </em>rechnen muß, statt sich an die Theorie von gestern zu klammern, die, wie jede Theorie, bestenfalls nur das Grundlegende, Allgemeine aufzeigt und die Kompliziertheit des Lebens nur <em>annähernd </em>erfaßt.<br>‚Grau, teurer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum.‘<br>Wer die Frage, ob die bürgerliche Revolution ‚abgeschlossen‘ sei, in der <em>alten </em>Weise stellt, der opfert den lebendigen Marxismus dem toten Buchstaben.“<sup data-fn="ccb6d6bf-b613-4bad-a948-e245b9790c0e" class="fn"><a href="#ccb6d6bf-b613-4bad-a948-e245b9790c0e" id="ccb6d6bf-b613-4bad-a948-e245b9790c0e-link">20</a></sup></p>



<p>Anfang April 1917 war Lenin innerhalb der bolschewistischen Partei völlig isoliert, als er die neue Perspektive der sozialistischen Revolution aufstellte. Die alte Führung war zu einem Hindernis geworden, wie bei den früheren&nbsp;<em>Komiteeleuten</em>. Die einzige Führerin, die ihn unterstützte, war Kollontai. Die anderen waren dagegen.</p>



<p>Doch mit der Kraft von Lenins Argumenten und der Erfahrung der Bolschewiki an der Basis gelang es ihm bald, die Mehrheit der Partei für sich zu gewinnen und den Kurs auf die Oktoberrevolution zu lenken.</p>



<p>Selbst dann, im Oktober 1917, in den Tagen vor dem Aufstand, stieß er innerhalb der Führung auf Widerstand, vor allem bei Sinowjew und Kamenjew, die ihm seit Jahren zur Seite gestanden hatten. Wieder musste er seine gesamte politische Autorität in den Ring werfen, um den Erfolg des Aufstandes zu sichern.</p>



<p>Alles hatte ihn auf diesen Moment vorbereitet. „Sie wagten es!“, um Rosa Luxemburg zu zitieren. Lenin hatte die Ideen des Marxismus in die Praxis umgesetzt. Mehr konnte man von den russischen Arbeitern nicht verlangen. Sie hatten den Kapitalismus und die Herrschaft der Großgrundbesitzer hinweggefegt und eine Sowjetrepublik der Werktätigen errichtet.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><a></a>Internationalismus</h3>



<p>Für Lenin war die Oktoberrevolution aber kein Selbstzweck, sondern nur der Startschuss für die Eroberung der weltweiten Macht durch die Arbeiterklasse. Dieser Internationalismus entsprang keinen sentimentalen Gründen, sondern aus dem internationalen Charakter des Kapitalismus, der die materielle Grundlage für eine neue klassenlose Gesellschaft geschaffen hatte. Insbesondere schuf er eine internationale Arbeiterklasse, deren historische Aufgabe es ist, zum Totengräber des Kapitalismus zu werden.</p>



<p>Auf dieser soliden Grundlage formulierte Lenin bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 eine prinzipientreue, klassenbasierte Position, als die Parteien der Zweiten Internationale sich alle zur Verteidigung ihrer „eigenen“ Kapitalistenklasse aufstellten. Dieser Kampf um das Banner des proletarischen Internationalismus, in dem sich Lenin in einer winzigen Minderheit befand, sollte 1917 im revolutionären Sturz des Kapitalismus in Russland und 1919 in der Gründung der Kommunistischen Internationale als Weltpartei der sozialistischen Revolution gipfeln.</p>



<p>Lenin hatte sich nie mit der Idee des „Sozialismus in einem Land“ abgegeben, wie sie Jahre später von den Stalinisten vertreten wurde. Dies war das Gegenteil seiner Perspektive der Weltrevolution. Für Lenin diente die Russische Revolution nicht dazu, den „russischen Sozialismus“ aufzubauen, was unter solch rückständigen Bedingungen ein völliger Unsinn war. Der Sieg in Russland, der eine proletarische Hochburg schuf, sollte der Ausgangspunkt für die Weltrevolution sein. Es ist kein Zufall, dass er betont, dass die russische Revolution ohne die Revolution im Westen zum Scheitern verurteilt sei.</p>



<p>Wie Lenin selbst am 29. Juli 1918 erklärte:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Wir haben uns aber niemals Illusionen gemacht, dass man mit den Kräften des Proletariats und der revolutionären Massen irgendeines einzelnen Landes, wie heroisch sie auch gesinnt, wie vorzüglich sie auch organisiert und diszipliniert sein mögen, dass man mit den Kräften des Proletariats eines Landes den Weltimperialismus stürzen könnten &#8211; das kann nur durch die gemeinsamen Anstrengungen des Proletariats aller Länder geschehen. (&#8230;) [W]ir machten uns aber keine Illusionen, dass unser Ziel mit den Kräften eines Landes erreicht werden könne. Wir wussten, dass unsere Anstrengungen unausbleiblich zur Weltrevolution führen werden und dass der Krieg, den die imperialistischen Regierungen begonnen haben, unmöglich von diesen Regierungen beendet werden kann. Beendet werden kann er nur durch die Anstrengungen des gesamten Proletariats, und es war unsere Aufgabe, als wir, eine proletarische, kommunistische Partei, an die Macht gelangten (&#8230;) diese Macht zu behaupten, damit von dieser Fackel des Sozialismus weiterhin möglichst viele Funken auf den sich verstärkenden Brand der sozialistischen Revolution fallen.“<sup data-fn="1be0c168-33cf-4a01-aca8-3d3d66c2bbd0" class="fn"><a href="#1be0c168-33cf-4a01-aca8-3d3d66c2bbd0" id="1be0c168-33cf-4a01-aca8-3d3d66c2bbd0-link">21</a></sup></p>
</blockquote>



<p>Diese Idee wurde von Lenin immer wieder ausgesprochen. Lenin verließ sich voll und ganz auf den Erfolg der Weltrevolution und arbeitete daran, diesen herbeizuführen. Ohne einen solchen Erfolg waren sie dem Untergang geweiht.</p>



<p>Die antimarxistische Theorie des „Sozialismus in einem Land“ wurde jedoch zum Eckpfeiler des Stalinismus. Das Akzeptieren dieses Punktes wurde sogar zu einer Bedingung für die Mitgliedschaft in den stalinistischen kommunistischen Parteien.</p>



<p>Nach den Enthüllungen Chruschtschows über Stalin auf dem 20. Parteitag 1956 kam es zu einer tiefen Krise in den Reihen der kommunistischen Parteien. Diese wurde durch die Niederschlagung der ungarischen Revolution durch russische Truppen später im selben Jahr noch verschärft. Alles, was den KP-Mitgliedern beigebracht worden war, wurde in Frage gestellt, und es gab viele Diskussionen über die Vergangenheit der Partei und die Bedeutung der Russischen Revolution.</p>



<p>Während der Diskussionen, als Lenin-Zitate gegen die Theorie des Sozialismus in einem Land vorgebracht wurden, waren einige führende KP-Mitglieder so verwirrt, dass sie sogar die Bedeutung der Oktoberrevolution in Frage stellten.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Es ist mir nie gelungen (obwohl ich es immer wieder versuchte), einen Trotzkisten davon zu überzeugen, dass diese Zitate beweisen, dass Lenin ein <em>verrückter Spieler</em> war“, schrieb Alison Macleod, die für den <em>Daily Worker </em>(Zeitung der Kommunistischen Partei Großbritanniens) arbeitete. „Welches Recht hatte er [Lenin], Kerenski zu stürzen, wenn die Machtergreifung in Russland nicht ausreichen würde? Welches Recht hatte er, Millionen von Menschenleben für eine Revolution in Deutschland aufs Spiel zu setzen, die er nicht zustande bringen konnte?“<sup data-fn="51fca19a-1a77-488c-8ef7-bad3c642d01c" class="fn"><a href="#51fca19a-1a77-488c-8ef7-bad3c642d01c" id="51fca19a-1a77-488c-8ef7-bad3c642d01c-link">22</a></sup></p>
</blockquote>



<p>Völlig erschüttert und desillusioniert verließ Macleod im April 1957 die KP, nachdem sie ein Dutzend Jahre lang für den&nbsp;<em>Daily Worker</em>&nbsp;gearbeitet hatte, wie Tausende andere auch. Sie und viele andere waren von Moskau in krimineller Weise falsch erzogen und belogen worden. Infolgedessen kehrten viele der revolutionären Bewegung den Rücken.</p>



<p>Lenins Glaube an eine erfolgreiche Revolution in Deutschland war kein hoffnungsloses Glücksspiel, wie Macleod behauptet. Tatsächlich waren die Chancen auf einen Sieg im Jahr 1923 extrem hoch. Schließlich war die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) die stärkste kommunistische Partei außerhalb der Sowjetunion, und die Krise im Sommer 1923 (siehe letzte Ausgabe unseres&nbsp;Theoriemagazins) hatte&nbsp;eine revolutionäre Situation hervorgebracht. Die Massen suchten nach einem Ausweg und wandten sich an die KPD.</p>



<p>Leider war die Führung der KPD dieser Aufgabe nicht gewachsen. Als sie in Moskau um Rat suchte, war Lenin nach seinen Schlaganfällen außer Gefecht gesetzt und Trotzki war verreist. Diejenigen, die sie berieten, waren Stalin und Sinowjew, die zur Zurückhaltung mahnten, als die deutsche Partei sich auf die Macht vorbereiten sollte. So wurde die Gelegenheit verpasst und zwar mit schrecklichen Folgen.</p>



<p>Eine erfolgreiche deutsche Revolution hätte den Lauf der Weltgeschichte völlig verändert. Sie hätte die Isolation Sowjetrusslands durchbrochen und eine gewaltige revolutionäre Krise in Europa ausgelöst. Ihre Niederlage führte jedoch zu einer bitteren Desillusionierung, insbesondere in Russland, die die Hand der sowjetischen Bürokratie stärkte und damit die Grundlage für den Stalinismus legte. Der Stalinismus wurde in der Folge zu einem massiven Hindernis für die Weltrevolution und ebnete mit seiner Theorie des „Sozialfaschismus“, die die deutsche Arbeiterklasse spaltete, den Weg für den Sieg Hitlers. Dies sollte dann zu den Schrecken des Zweiten Weltkriegs führen.</p>



<p>Dies alles war jedoch nicht vorherbestimmt. Eine erfolgreiche Revolution in Deutschland hätte eine solche Entwicklung verhindert. Aber was in Deutschland fehlte, war nicht eine kommunistische Massenpartei – diese gab es – sondern ein Lenin und ein Trotzki, die sie angeführt hätten.</p>



<p>Im Gegensatz zu den stalinistischen Führern hatte Lenin ein kolossales Vertrauen in die Arbeiterklasse und ihre Fähigkeit, den Kapitalismus weltweit zu stürzen. Was jedoch gebraucht hätte, war eine echte revolutionäre Führung, die den Kampf zu seinem logischen Ende führte. Das war die ganze Lehre des Bolschewismus.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><a></a>In Verteidigung von Lenin</h3>



<p>Es liegt nicht nur im Interesse der Kapitalisten, sondern auch der Stalinisten, Lenin mit dem blutigen Regime von Stalin gleichzusetzen. Eine größere Abscheulichkeit kann es nicht geben.</p>



<p>Trotz seiner Schlüsselrolle war Lenin ein sehr bescheidener Mann, ganz anders als die unfehlbare Karikatur, die die Stalinisten von ihm zeichnen. Er gab seine Fehler offen zu, um aus ihnen zu lernen. Nach der Oktoberrevolution blickte er oft zurück und lachte über die Fehler und „Dummheiten“, die sie gemacht hatten. Dennoch machte Lenin weniger Fehler als die meisten anderen und war in der Lage, sie zu korrigieren. Das stärkte seine Autorität. Seine Stärke bestand darin, dass er sich nicht vor der Wahrheit fürchtete, egal in welcher Situation.</p>



<p>Lenin wurde nicht als fixfertiger Kommunist geboren, wie Athene aus der Stirn des Zeus und so wie es die Stalinisten im Laufe der Jahre darstellten. In dieser falschen Darstellung gibt es keinen Raum für die Entwicklung von Ideen oder gar für Fehler. Lenin wird als eine realitätsfremde Idealisierung dargestellt. Die Stalinisten brauchten eine solche Figur als Deckmantel für ihre eigene angebliche Unfehlbarkeit. So machten sie ihn zynisch zu einer bedeutungslosen Ikone. Aber das ist ein völlig falsches Bild, er war in keiner Weise so.</p>



<p>In Wirklichkeit hat Lenin sich selbst geschaffen. Er hat seinen Horizont ständig erweitert, von anderen gelernt und sich selbst jeden Tag auf eine höhere Ebene gehoben. Er hat sich die Ideen des Marxismus selbst erobert und sein Verständnis bei jedem Schritt bereichert. Dadurch erhielt Lenin eine Ausbildung wie kein anderer. Das gab ihm Zuversicht und Gewissheit.</p>



<p>Sein ganzes Lebenswerk war dem Kampf für den Marxismus und dem Aufbau der revolutionären Partei gewidmet. Seine letzten Jahre waren ein Kampf gegen die Verengung seiner Arterien sowie gegen den Würgegriff der Sowjetbürokratie, der die Degeneration der Revolution und damit die Gefahr der kapitalistischen Restauration bedeutete.</p>



<p>Dieser Kampf stand in direktem Zusammenhang mit der Verteidigung der Grundfesten des Marxismus, für die Lenin sein ganzes Leben lang gekämpft hatte. Es war die verächtliche, chauvinistische Haltung der Stalin-Clique gegenüber der nationalen Frage, insbesondere in Bezug auf Georgien, die Lenin auf die große Gefahr einer politischen Degeneration an der Spitze der bolschewistischen Partei selbst aufmerksam machte.</p>



<p>&nbsp;Der hundertste Todestag von Lenin bietet die Gelegenheit, über sein außergewöhnliches Leben und seinen Beitrag zu reflektieren und die Lehren daraus zu ziehen. Er sollte uns die Möglichkeit geben, den wahren Lenin und seine Ideen zu entdecken. Dies geschieht nicht aus akademischen Ambitionen, sondern um uns auf die gewaltigen Ereignisse vorzubereiten, die bevorstehen.</p>



<p>Heute stehen wir immer noch vor der Schicksalsfrage: Sozialismus oder Barbarei. Angesichts des Bankrotts der alten Organisationen lässt sich die Krise der Menschheit auf die Krise der internationalen revolutionären Führung reduzieren. Unsere Internationale, die sich auf die Ideen von Lenin und den anderen großen marxistischen Lehrern stützt, sammelt international die Kräfte mit dem ausdrücklichen Ziel, diese Krise zu lösen.</p>



<p>Lenin heute, inmitten der Weltkrise, zu studieren, bietet die wertvollste konkrete Erfahrung für die Lösung jener Probleme, vor denen die Arbeiterklasse in der Epoche von Krieg und Revolution steht.</p>



<p>Für uns sind die Ideen von Lenin so nahe an einem Handbuch für die Weltrevolution, wie man es nur bekommen kann. Aber für viele, selbst in der sogenannten „Linken“, bleiben diese Ideen unverständlich. Wir müssen die Skeptiker und Zyniker, die Lenin als „veraltet“ abtun, in ihrem eigenen Saft schmoren lassen.</p>



<p>Der Kommunismus ist untrennbar mit dem Namen Lenins und der Russischen Revolution verbunden, aber die heutigen kommunistischen Parteien sind nur dem Namen nach „kommunistisch“. Unter dem Stalinismus haben sie eine völlige Degeneration erfahren. Sie haben sich längst von den Ideen Lenins und des Bolschewismus verabschiedet und stattdessen eine reformistische Weltanschauung angenommen.</p>



<p>Die ehemaligen Stalinisten schließen sich nun der Kampagne der bürgerlichen Historiker an, den Namen des Bolschewismus anzuschwärzen. Ja, sie können Lenin denunzieren, sie können Statuen abreißen, sie können Staatsvermögen plündern, aber eines können sie nicht: Sie können niemals eine Idee töten, deren Zeit gekommen ist. Diese Tatsache ist es, die sie umtreibt und ihnen Alpträume bereitet.</p>



<p>Angesichts des wachsenden Interesses an Lenin und dem Kommunismus lohnt es sich, die Worte von Lenin selbst vom 6.&nbsp;März 1919 zu wiederholen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„als fürchte man geradezu, zehn oder ein Dutzend Bolschewiki wären imstande, die ganze Welt zu infizieren &#8211; wir wissen indes, dass diese Furcht lächerlich ist, denn sie haben bereits die ganze Welt infiziert…“<sup data-fn="24b9e5d6-70ec-4f8c-a492-ebb3bb9c865e" class="fn"><a href="#24b9e5d6-70ec-4f8c-a492-ebb3bb9c865e" id="24b9e5d6-70ec-4f8c-a492-ebb3bb9c865e-link">23</a></sup></p>
</blockquote>



<p>Mit diesem Gedanken im Hinterkopf widmen wir uns dem Ziel, die Kommunistische Internationale auf einer noch höheren Ebene wieder zu errichten. Das bedeutet eine Verteidigung von Lenins Ideen und den Aufbau der Kräfte des genuinen Kommunismus auf der ganzen Welt. 100 Jahre nach Lenins Tod ist das unsere dringlichste Aufgabe.</p>


<ol class="wp-block-footnotes"><li id="638e5182-f4ff-471b-9e98-6413648da1e9">Rosa Luxemburg (1922): <em>Die Russische Revolution. Verlag Gesellschaft und Erziehung</em>, S. 81. <a href="#638e5182-f4ff-471b-9e98-6413648da1e9-link" aria-label="Zur Fußnotenreferenz 1 navigieren"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/21a9.png" alt="↩" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />︎</a></li><li id="b0823257-0b94-4a7e-b4b3-426d2d98bd70">Anthony Read (2008): <em>The World on Fire.</em> W. W. Norton &amp; Co, S. 5f – eigene Übersetzung. <a href="#b0823257-0b94-4a7e-b4b3-426d2d98bd70-link" aria-label="Zur Fußnotenreferenz 2 navigieren"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/21a9.png" alt="↩" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />︎</a></li><li id="8dc3d7fc-ad55-4097-a7cc-363a91fd8e6d">Richard Pipes (1991): <em>The Russian Revolution</em>. Vintage, S. 349 – eigene Übersetzung. <a href="#8dc3d7fc-ad55-4097-a7cc-363a91fd8e6d-link" aria-label="Zur Fußnotenreferenz 3 navigieren"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/21a9.png" alt="↩" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />︎</a></li><li id="b2bc66d0-3628-4a27-9534-46da0638abba">Orlando Figes (1996/2014): Russland – Die Tragödie eines Volkes. Berlin Verlag, Berlin, S. 417. <a href="#b2bc66d0-3628-4a27-9534-46da0638abba-link" aria-label="Zur Fußnotenreferenz 4 navigieren"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/21a9.png" alt="↩" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />︎</a></li><li id="d642d44d-852d-40a0-9c70-9c5f010d503b">Ebd., S. 873. <a href="#d642d44d-852d-40a0-9c70-9c5f010d503b-link" aria-label="Zur Fußnotenreferenz 5 navigieren"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/21a9.png" alt="↩" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />︎</a></li><li id="70f993d2-c65e-4ae7-98cb-a3fc6160baa7">W. I. Lenin (1913): Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, in LW Bd. 19. Dietz Verlag, Berlin, S.<em> 3f.</em> <a href="#70f993d2-c65e-4ae7-98cb-a3fc6160baa7-link" aria-label="Zur Fußnotenreferenz 6 navigieren"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/21a9.png" alt="↩" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />︎</a></li><li id="5a23548c-a97d-49cf-845a-fd494f52c1cc">W. I. Lenin (1917): Brief an die Genossen, in LW Bd. 26. Dietz Verlag, Berlin, S. 200. <a href="#5a23548c-a97d-49cf-845a-fd494f52c1cc-link" aria-label="Zur Fußnotenreferenz 7 navigieren"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/21a9.png" alt="↩" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />︎</a></li><li id="879103f6-b279-4034-a2d7-90e8fe996e9b">Ebd., S. 9. <a href="#879103f6-b279-4034-a2d7-90e8fe996e9b-link" aria-label="Zur Fußnotenreferenz 8 navigieren"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/21a9.png" alt="↩" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />︎</a></li><li id="8d5bab46-9eff-4af7-ab86-6d20fd23d310">Ebd., S. 10. <a href="#8d5bab46-9eff-4af7-ab86-6d20fd23d310-link" aria-label="Zur Fußnotenreferenz 9 navigieren"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/21a9.png" alt="↩" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />︎</a></li><li id="ffc61e69-5fb8-4078-841a-bf75a45c2491">W. I. Lenin (1904): Was tun?, in LW Bd. 5. Dietz Verlag, Berlin, S. 379. <a href="#ffc61e69-5fb8-4078-841a-bf75a45c2491-link" aria-label="Zur Fußnotenreferenz 10 navigieren"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/21a9.png" alt="↩" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />︎</a></li><li id="594fb3cb-f3cf-4784-977c-edcb52b3593e">W. I. Lenin (1910): Über einige Besonderheiten der historischen Entwicklung des Marxismus, in LW Bd. 17. Dietz Verlag, Berlin, S. 27. <a href="#594fb3cb-f3cf-4784-977c-edcb52b3593e-link" aria-label="Zur Fußnotenreferenz 11 navigieren"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/21a9.png" alt="↩" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />︎</a></li><li id="0d1f1197-7f28-4065-b559-e5693bef13d1">W. I. Lenin (1917): Brief an die Genossen, in LW Bd. 26. Dietz Verlag, Berlin, S. 200. <a href="#0d1f1197-7f28-4065-b559-e5693bef13d1-link" aria-label="Zur Fußnotenreferenz 12 navigieren"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/21a9.png" alt="↩" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />︎</a></li><li id="8afdd4a1-beab-41ef-8e85-2e9e4058a156">Lenin: Linke Radikalismus, S. 89. <a href="#8afdd4a1-beab-41ef-8e85-2e9e4058a156-link" aria-label="Zur Fußnotenreferenz 13 navigieren"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/21a9.png" alt="↩" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />︎</a></li><li id="00953289-a39e-4c6d-9c81-28c1cc2e574d">Leo Trotzki (2014): Über Lenin. Mehring Verlag, S. 161f. <a href="#00953289-a39e-4c6d-9c81-28c1cc2e574d-link" aria-label="Zur Fußnotenreferenz 14 navigieren"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/21a9.png" alt="↩" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />︎</a></li><li id="b81d7fb7-4beb-4ece-9c50-ee782db2b9d8">W. I. Lenin (1905): Brief an A. A. Bogdanow und S. J. Gussew, in LW Bd. 8. Dietz Verlag, Berlin, S. 134. <a href="#b81d7fb7-4beb-4ece-9c50-ee782db2b9d8-link" aria-label="Zur Fußnotenreferenz 15 navigieren"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/21a9.png" alt="↩" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />︎</a></li><li id="b0122a24-22bd-4949-8425-3e22d2c63c03">Ebd., S. 134f. <a href="#b0122a24-22bd-4949-8425-3e22d2c63c03-link" aria-label="Zur Fußnotenreferenz 16 navigieren"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/21a9.png" alt="↩" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />︎</a></li><li id="6a72ff86-c410-495e-8000-2f9de33f0bb3">W. I. Lenin (1917): Briefe aus der Ferne, Brief 1, Die erste Etappe der ersten Revolution, in LW Bd. 23. Dietz Verlag, Berlin, S. 319. <a href="#6a72ff86-c410-495e-8000-2f9de33f0bb3-link" aria-label="Zur Fußnotenreferenz 17 navigieren"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/21a9.png" alt="↩" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />︎</a></li><li id="e2fbf9da-71bc-4020-8c1d-1874d3df4f76">W. I. Lenin (1917): Brief an J.S. Hanecki, in LW Bd. 35. Dietz Verlag, Berlin, S. 287. <a href="#e2fbf9da-71bc-4020-8c1d-1874d3df4f76-link" aria-label="Zur Fußnotenreferenz 18 navigieren"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/21a9.png" alt="↩" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />︎</a></li><li id="ea056a54-c709-4594-ae63-8f3372a04728">Ebd., S. 289. <a href="#ea056a54-c709-4594-ae63-8f3372a04728-link" aria-label="Zur Fußnotenreferenz 19 navigieren"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/21a9.png" alt="↩" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />︎</a></li><li id="ccb6d6bf-b613-4bad-a948-e245b9790c0e">W. I. Lenin (1917): Briefe über die Taktik, in LW Bd. 24. Dietz Verlag, Berlin, S. 26ff. <a href="#ccb6d6bf-b613-4bad-a948-e245b9790c0e-link" aria-label="Zur Fußnotenreferenz 20 navigieren"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/21a9.png" alt="↩" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />︎</a></li><li id="1be0c168-33cf-4a01-aca8-3d3d66c2bbd0">W. I. Lenin (1918): Rede in der gemeinsamen Sitzung des gesamtrussischen Zentralexekutivkomitees, des Moskauer Sowjets, der Betriebskomitees und der Gewerkschaften Moskaus, in LW Bd. 28. Dietz Verlag, Berlin, S. 9f. <a href="#1be0c168-33cf-4a01-aca8-3d3d66c2bbd0-link" aria-label="Zur Fußnotenreferenz 21 navigieren"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/21a9.png" alt="↩" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />︎</a></li><li id="51fca19a-1a77-488c-8ef7-bad3c642d01c">Alison Macleod (1997): <em>The Death of Uncle Joe.</em> Merlin Press, S. 212 – eigene Übersetzung. <a href="#51fca19a-1a77-488c-8ef7-bad3c642d01c-link" aria-label="Zur Fußnotenreferenz 22 navigieren"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/21a9.png" alt="↩" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />︎</a></li><li id="24b9e5d6-70ec-4f8c-a492-ebb3bb9c865e">W. I. Lenin (1919): Über die Gründung der Kommunistischen Internationale, in LW Bd. 28. Dietz Verlag, Berlin, S. 494. <a href="#24b9e5d6-70ec-4f8c-a492-ebb3bb9c865e-link" aria-label="Zur Fußnotenreferenz 23 navigieren"><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/21a9.png" alt="↩" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />︎</a></li></ol><p>The post <a href="https://derkommunist.de/lenin-100-jahre-nach-seinem-tod/">Lenin: 100 Jahre nach seinem Tod</a> appeared first on <a href="https://derkommunist.de"></a>.</p>
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		<title>Bolschewismus und der Kampf gegen Frauenunterdrückung</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Tatjana P.]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 24 Mar 2024 10:46:09 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Hinzugefugt von KSOB 24/3/24</p>
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<p>Die Oktoberrevolution 1917 in Russland war das bedeutendste Ereignis des 20. Jahrhundert. Zum ersten Mal konnten Marxisten ihr Programm und ihre Ideen gegen die Unterdrückung der Frau in die Praxis umsetzen. Sie begannen mit dem Aufbau einer Gesellschaft ohne Unterdrückung und Ungleichheit.</p>

<p>Noch im Oktober 1917 führten die Bolschewiki die rechtliche Gleichstellung von Frauen ein. Von den Gesetzen, die der Frau zuvor eine untergeordnete Stellung zugewiesen hatten, war in der jungen Sowjetrepublik kein Stein auf dem andern geblieben.</p>

<h3><strong>Arbeiterinnen und Arbeiter an der Macht</strong></h3>

<p>Die revolutionäre Sowjetregierung führte kostenlose Abtreibungen als Recht für alle Frauen ein. Kirche und Staat wurden getrennt und so die Eheschließung und die Registrierung von Kindern der kirchlichen Kontrolle entzogen. Die Ehe konnte nun durch ein einfaches, auf gegenseitigem Einverständnis beruhendes Registrierungsverfahren geschlossen werden. Jeder Partner konnte den Namen des anderen annehmen oder seinen eigenen behalten. Die Ehe musste nicht eingetragen werden, und die Scheidung konnte auf Wunsch einer Person, auch ohne die Zustimmung des Partners, vollzogen werden.</p>

<p>Alle Kinder wurden gleichbehandelt, unabhängig davon, ob sie in oder außerhalb der Ehe geboren wurden. Es wurde ein bezahlter Mutterschaftsurlaub vor und nach der Geburt eingeführt, und die Nachtarbeit für Schwangere und Stillende wurde verboten. Darüber hinaus wurden spezielle Entbindungsstationen eingerichtet.</p>

<p>Das war äußerst fortschrittlich. In keinem kapitalistischen Land waren Frauen den Männern rechtlich gleichgestellt. Selbst heute, mehr als 100 Jahre nach der Russischen Revolution, können viele Frauen in den sogenannten demokratischen Ländern von solchen Gesetzen nur träumen. Aber, wie Lenin immer wieder betonte, Gesetze allein reichen nicht. Für einen Fortschritt in den Beziehungen zwischen den Geschlechtern müssen auch die materiellen Voraussetzungen geschaffen werden. In einer Rede vor Arbeiterinnen in Moskau im Herbst 1919 erklärte Lenin:</p>

<p>„Solange die Frau von der Hauswirtschaft völlig in Anspruch genommen ist, bleibt ihre Lage immer noch beengt. Zur vollständigen Befreiung der Frau und zu ihrer wirklichen Gleichstellung mit dem Mann bedarf es gesellschaftlicher Einrichtungen, bedarf es der Teilnahme der Frau an der allgemeinen produktiven Arbeit. Dann wird die Frau die gleiche Stellung einnehmen wie der Mann.“</p>

<blockquote>
<p>„Wir bereiten uns jetzt ernstlich darauf vor, den Boden für den sozialistischen Aufbau herzurichten, der eigentliche Aufbau der sozialistischen Gesellschaft aber wird erst dann beginnen, wenn wir die vollständige Gleichstellung der Frau durchgesetzt haben und gemeinsam mit der von dieser abstumpfenden, unproduktiven Kleinarbeit befreiten Frau an die neue Arbeit gehen werden.“ (Lenin: Über die Aufgaben der proletarischen Frauenbewegung)</p>
</blockquote>

<p>Deswegen begann die revolutionäre Sowjetregierung damit, die Hausarbeit zu vergesellschaften. Alle Aufgaben, die vorher einzelnen Haushalten aufgebürdet wurde und vor allem auf den Schultern der Frauen lasteten, sollten zu gesellschaftlichen Aufgaben werden. Es sollten Kinderkrippen, Kindergärten, öffentliche Kantinen und öffentliche Wäschereien eingerichtet werden. Damit wäre auch die materielle Grundlage für eine Veränderung der Familie gelegt worden. Die Familie wäre nicht mehr eine wirtschaftliche Einheit, in welcher der Vater als finanzieller Versorger bessergestellt ist. Männer und Frauen würden Beziehungen eingehen, weil sie es wollen und nicht, weil sie es aufgrund äußeren Drucks müssen.</p>

<p>Die rechtliche Gleichstellung galt in Russland nicht nur für Frauen, sondern für unterdrückte Gruppen im Allgemeinen. Im Zarenreich war Homosexualität verboten und wer nicht in die patriarchalen Normen von Geschlecht und Sexualität passte, musste damit rechnen, in ein Arbeitslager verbannt zu werden. Bereits 1918 erließ die Sowjetregierung ein Dekret, das die Anwendung der vorrevolutionären zaristischen Gesetze einstellte. Mit dem neuen Strafgesetzbuch von 1922 wurde Homosexualität entkriminalisiert.</p>

<h3><strong>Russland vor 1917</strong></h3>

<p>Vor der Revolution waren Bauern die Mehrheit der Bevölkerung im zaristischen Russland, die schon seit Jahrhunderten in ländlicher Rückständigkeit lebten. Das zaristische Recht erniedrigte Frauen zu Sklaven. Sie wurden als Eigentum von Männern angesehen, die per Gesetz das Recht hatten, ihre Frauen zu schlagen.</p>

<p>Aber wie im Rest der Welt veränderte die Industrialisierung die Beziehungen innerhalb der Kernfamilie radikal. Mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise wurden die Frauen aus der Isolation der Haussklaverei herausgerissen und in die Fabriken gezogen. Dadurch entwickelten sie ein politisches Bewusstsein. Sie erkannten ihre Interessen und begannen sie zu verteidigen. Sie wurden sich der Tatsache bewusst, dass sie weniger Rechte hatten als Männer und für ihre Rechte kämpfen konnten. Deswegen bezeichnete Lenin die Beteiligung von Frauen an der gesellschaftlichen Produktion als fortschrittlich. Auch wenn die Arbeiterinnen schon im sehr jungen Alter bis zu achtzehn Stunden täglich in der Fabrik arbeiteten, waren diese Bedingungen ein Fortschritt gegenüber dem Leben unter vorkapitalistischen Verhältnissen.</p>

<h3><strong>Anfänge der Frauenbewegung</strong></h3>

<p>Ab 1878 erhielten russische Frauen der Oberschicht erstmals Zutritt zu Hochschulen, wo sie radikale und revolutionäre Ideen kennenlernten. Viele junge Frauen begannen sich in ausschließlich weiblichen Studiengruppen zu organisieren, einige sogar in sozialdemokratischen Zirkeln. Diese Frauen organisierten auch Studienzirkel, die sich in der Regel an Fabrikarbeiterinnen richteten. Eine wichtige Tätigkeit dieser Zirkel bestand darin, neuen Mitgliedern anhand illegaler Literatur Lesen und Schreiben beizubringen. Die Zirkel stützten sich vor allem auf das Studium der Politik und Solidarität unter arbeitenden Frauen.</p>

<p>So entstand ein neuer Typus von revolutionären Arbeiterinnen. Sie begnügten sich nicht mehr damit, nur passive Beobachterinnen der Aktivitäten der radikalen Intellektuellen zu sein. Sie organisierten „Sonntagsschulen“, die von den Behörden als Bibelstudien genehmigt wurden. Diese Sonntagsschulen wurden aber häufig dazu genutzt, marxistische Ideen zu verbreiten.</p>

<p>Als sich 1895 viele der sozialdemokratischen Zirkel zum Vorläufer der Sozialdemokratischen Partei Russlands, dem Petersburger Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse, zusammenschlossen, gab es so schon einige revolutionäre Vorreiterinnen. Mitbegründerinnen des Bundes waren neben Lenin auch Nadeschda Krupskaja, Apollinaria Yakubova und andere spätere Bolschewistinnen.</p>

<p>Die revolutionäre Arbeit richtete sich nun mehr und mehr auf die Arbeitermassen aus, die ab Mitte der 1890er Jahre zunehmend mit Streiks für ihre Interessen kämpften, wie etwa die Textilarbeiterinnen.</p>

<h3><strong>Das erste Programm der Frauenbefreiung</strong></h3>

<p>Die Gewerkschaften in Russland hatten zunächst eine reaktionäre Position gegenüber Frauen. Sie waren gegen ihre Aufnahme, da sie Frauen für rückständig und konservativ hielten. Damit waren sie nicht allein. In der Anfangsphase der Arbeiterbewegung war diese Meinung in allen Ländern vorherrschend. Doch allmählich erkannten die fortschrittlichsten Arbeiter die Notwendigkeit, die Spaltung der Arbeiterklasse nach Geschlechtern zu überwinden.</p>

<p>Lenin hatte hierzu eine klare Position: Die Revolution wird nur dann erfolgreich sein, wenn die gesamte Arbeiterklasse diese Aufgabe übernimmt. Deswegen mussten auch Frauen von der sozialistischen Revolution überzeugt werden.</p>

<p>1889 verfasste Krupskaja mit Lenins Unterstützung den ersten sozialistischen Text über die Unterdrückung russischer Frauen, das Pamphlet „Zhenshchina-Rabotnitsa“ (Die Arbeiterin). Darin beschrieb sie die Lebensbedingungen der arbeitenden Frauen in Russland und betonte, dass sie ein doppeltes Interesse an der Revolution haben – als Arbeiterin und als Frau. Das Pamphlet forderte die russische Sozialdemokratie erstmals dazu auf, die Arbeiterinnen als eigenständige Gruppe in der Arbeiterklasse anzuerkennen und unter ihnen spezielle Forderungen voranzubringen. Sie forderte die Genossen dazu auf, den Arbeiterinnen zu helfen, sich zu organisieren und in ihnen das Klassenbewusstsein zu wecken.</p>

<p>Auf dem Kongress der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands von 1903 wurde das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht für Männer und Frauen ab dem zwanzigsten Lebensjahr im Programm bestätigt. Das Programm wurde zusätzlich um folgende Punkte erweitert: finanzielle Entlastung durch staatliche Unterstützung bei Lebensmitteln, Kleidung und Schulmaterial für bedürftige Kinder bis zum sechzehnten Lebensjahr, kostenlose Schulpflicht für beide Geschlechter, Verbot von Frauenarbeit in gesundheitsschädlichen Branchen und Ernennung von Inspektorinnen zur Durchsetzung des bestehenden gesetzlichen Schutzes.</p>

<h3><strong>Feminismus vs. Bolschewismus</strong></h3>

<p>In der kleinbürgerlichen Frauenbewegung engagierten sich hauptsächlich Intellektuelle der besser gestellten Schichten Russlands. Obwohl auch viele Bolschewistinnen anfangs nicht aus der Arbeiterklasse kamen, gab es entscheidende Unterschiede zwischen den Feministinnen und den Bolschewistinnen.</p>

<p>Wie auch heute noch, wurden schon die Bolschewiki von den kleinbürgerlichen Feministinnen angegriffen, weil sie sich angeblich nicht um die Frauenfrage kümmerten. Die kleinbürgerliche Frauenbewegung in Russland blieb außerhalb der Arbeiterbewegung und befasste sich zunächst vor allem mit dem Recht der Frauen auf Bildung. Unter den damaligen Bedingungen in Russland wandte sie sich damit nur an einen sehr kleinen Teil der russischen Frauen.</p>

<p>Um 1900 schien es möglich zu sein, eine bürgerliche Demokratie in Russland zu errichten, weshalb die kleinbürgerliche Frauenbewegung damit begann, sich politisch zu organisieren. Wie in anderen Ländern setzten sie sich für das Frauenwahlrecht ein.</p>

<p>Die Bolschewiki kämpften auch für demokratische Forderungen, die alle Frauen unabhängig von ihrer Klasse betrafen, wie etwa das Recht auf Scheidung. Sie lehnten es jedoch ab, diese Forderungen für sich allein stehen zu lassen. Für sie war klar, dass die Befreiung der Frauen nur durch den Sozialismus erreicht werden konnte. Lenin erläuterte die Beziehung zwischen dem Kampf für demokratische Forderungen und dem Sozialismus wie folgt:</p>

<blockquote>
<p>„Dieser Einwand zeigt, daß die Beziehung zwischen der Demokratie überhaupt und dem Kapitalismus nicht im geringsten begriffen worden ist. Im Kapitalismus herrschen – nicht als Einzelfälle, sondern als typische Erscheinungen – solche Verhältnisse, die es den unterdrückten Klassen unmöglich machen, ihre demokratischen Rechte zu ‚realisieren‘. Das Recht der Ehescheidung wird im Kapitalismus in der Mehrzahl der Fälle nicht realisierbar sein, denn das unterdrückte Geschlecht ist ökonomisch geknechtet, denn die Frau bleibt im Kapitalismus, wie die Demokratie auch geartet sein mag, die ‚Haussklavin‘, die in Schlafzimmer, Kinderstube und Küche eingesperrte Sklavin. (….)“</p>

<p>„Nur Leute, die völlig unfähig sind zu denken oder denen der Marxismus völlig unbekannt ist, folgern daraus: Also ist die Republik nichts wert, die Freiheit der Ehescheidung nichts wert, die Demokratie nichts wert, die Selbstbestimmung der Nationen nichts wert! Die Marxisten aber wissen, daß die Demokratie die Klassenunterdrückung nicht beseitigt, sondern lediglich den Klassenkampf reiner, breiter, offener, schärfer gestaltet, und das ist es, was wir brauchen. Je vollständiger die Freiheit der Ehescheidung, um so klarer ist es der Frau, daß die Quelle ihrer ‚Haussklaverei‘ der Kapitalismus ist und nicht die Rechtlosigkeit. Je demokratischer die Staatsordnung, um so klarer ist es den Arbeitern, daß die Wurzel des Übels der Kapitalismus ist und nicht die Rechtlosigkeit. Je vollständiger die nationale Gleichberechtigung (sie ist nicht vollständig ohne die Freiheit der Lostrennung), um so klarer ist den Arbeitern der unterdrückten Nationen, daß das Grundübel der Kapitalismus ist und nicht die Rechtlosigkeit. Und so weiter.“ (Lenin: Über eine Karikatur auf den Marxismus)</p>
</blockquote>

<p>Die Bolschewiki sahen das Endziel des Kampfes um die Befreiung der Frauen nicht in Konkurrenz mit den Interessen der Männer. Für sie war klar, dass der Kampf der arbeitenden Frauen gemeinsam mit den Männern ihrer Klasse gegen die herrschende Klasse und ihre Gesellschaft geführt werden muss.</p>

<p><strong>Die Arbeit der Bolschewiki unter Frauen</strong></p>

<p>Kommunisten haben sich schon von Anfang an mit der Frauenbefreiung beschäftig, insbesondere in Deutschland. Schon Marx und Engels haben sich in vielen Schriften mit der Frauenbefreiung auseinandergesetzt. Auch August Bebel, der Mitbegründer der SPD, hat mit seinem Werk „Die Frau und der Sozialismus“ einen Beitrag geleistet.</p>

<p>Insbesondere Clara Zetkin hat einen bedeutenden Beitrag zum Kampf um die Frauenbefreiung geleistet. Sie hat sich vehement für ein Frauenprogramm innerhalb der SPD und in der zweiten und dritten Internationale eingesetzt. Zetkin war bis 1917 Chefredakteurin der sozialdemokratischen Frauenzeitung „Die Gleichheit“. Diese Zeitung wurde aber nicht für die systematische Arbeit unter den Arbeiterinnen und den Aufbau von Kampfzellen in den Betrieben genutzt. In der SPD wurden Frauen auch in eine eigene „Frauenorganisation“ gewissermaßen abgeschoben. Das versuchte der Parteivorstand auch mit Rosa Luxemburg, die ihm zu revolutionär war. Rosa wehrte sich aber erfolgreich dagegen als Frau nur für die „Frauenthemen“ zuständig zu sein. Selbst der Spartakusbund organisierte nach seiner Gründung im Ersten Weltkrieg keine systematische revolutionäre Arbeit unter Frauen.</p>

<p>Lenin hingegen hat eine Kaderpartei von geschulten Marxisten aufgebaut, die ihre Zeitung als Werkzeug zum Aufbau der Partei benutzt haben, was entscheidend für den Erfolg der Revolution war. Von Anfang an wurden auch die Frauen von den Bolschewiki dazu ermutigt, sich zu organisieren und sich dem Kampf der männlichen Arbeiter anzuschließen. Sie betonten, dass sie den separaten Organisationen der bürgerlichen Frauenbewegung den Rücken kehren müssen. Frauen sollten stattdessen Teil der Arbeiterorganisationen sein.</p>

<p>Es gab großes Potenzial unter den Arbeiterinnen. Deshalb wurde 1914 für die systematische Arbeit eine Frauenzeitung namens „Rabotniza“ (Arbeiterin) herausgegeben. Die erste Ausgabe dieser Zeitung erschien am Internationalen Frauenkampftag, wurde aber auch bald darauf wieder verboten.</p>

<p>Mit Ausbruch des ersten Weltkriegs im Jahr 1914 wurden viele Arbeiter an der Front verheizt, ihren Platz in den Fabriken nahmen Frauen und Jugendliche ein. Insbesondere in der Textilindustrie bildeten Frauen in vielen Fabriken die Mehrheit unter den Arbeitern. Auch in der Metallindustrie stieg die Anzahl der weiblichen Arbeiter deutlich an.</p>

<p>Frauen waren in einer äußerst prekären Lage. Während die Männer an der Front starben, trauerten die Frauen und Kinder zuhause um ihre Söhne, Brüder und Väter. Zusätzlich litten sie unter Hunger. Viele Frauen lebten allein, kümmerten sich um ihre Kinder und den Haushalt, gingen gleichzeitig einer harten Arbeit in der Fabrik nach, standen stundenlang in Brotschlangen. Ihre Wut war gewaltig.</p>

<p>So war es auch kein Wunder, dass die Frauen eine maßgebliche Rolle in der Revolution von 1917 spielten. Die Russische Revolution begann am Internationalen Frauentag, dem 23. Februar (nach dem julianischen Kalender der 8. März). Selbst die fortschrittlichsten Schichten der organisierten Arbeiterklasse, einschließlich der Bolschewiki, hatten in diesem Moment noch nicht ganz begriffen, wie reif die Situation für eine Revolution war.</p>

<p>In der M. Aivaz-Fabrik schlugen die Arbeiterinnen vor, den Frauenkampftag als Tag der Gleichberechtigung der Frauen zu begehen. Sie wiesen darauf hin, dass Frauen nicht nur in der Fabrik arbeiten, sondern sich auch zu Hause um ihre Kinder kümmern müssen und baten die männlichen Arbeiter, ihre Forderungen zu unterstützen. Eine Betriebsversammlung beschloss, in den Streik zu treten, und schickte Arbeiterdelegationen in andere Fabriken. Immer mehr Fabriken schlossen sich dem Streik und den Demonstrationen an.</p>

<p>Daraus entstanden Massenstreiks, die in einen Generalstreik mündeten, der die Februarrevolution entzündete. Später übernahm die Arbeiterklasse mit den Bolschewiki an der Spitze, die Macht in der Oktoberrevolution, weil die Februarrevolution ihre Probleme nicht lösen konnte.</p>

<p>In den Monaten dazwischen erschien die „Rabotniza“ erneut und wurde zu einem wichtigen Werkzeug für die Arbeit der Bolschewiki. In der Redaktion des Blattes saßen führende Bolschewistinnen wie Nadeschda Krupskaja, Innessa Armand, Alexandra Kollontai, Konkordiya Samoilova und andere Petersburger Arbeiterinnen. Diese Frauen widmeten sich voll und ganz der revolutionären Sache, sie organisierten Versammlungen und konzentrierten die Arbeit allgemein auf die Entwicklung der Revolution. Jede Fabrik hatte ihre eigenen Vertreterinnen in der Redaktion und es gab wöchentliche Treffen, an denen alle teilnahmen und die Berichte aus den verschiedenen Bereichen besprachen. Die Zeitung wurde auch als Instrument genutzt, um in den gewerkschaftlichen und politischen Strukturen, die dem Bewusstsein der Massen noch hinterherhinkten, ein besseres Verständnis für die Rolle der Arbeiterinnen zu schaffen.</p>

<p><strong>Stalinistische Degeneration</strong></p>

<p>Trotz der vielen fortschrittlichen Rechte für Frauen konnte die Sowjetrepublik nicht das volle Potenzial nutzen. Die Rückständigkeit des Landes und die Isolation der Revolution wurden zum Hindernis. Für Lenin war klar, dass die junge Sowjetrepublik auf erfolgreiche Revolutionen in den weiterentwickelten kapitalistischen Ländern angewiesen war, insbesondere in Deutschland. Die russische Arbeiterklasse war der Funke, der einen revolutionären Weltbrand entzündete. Lenin war aber der Einzige, der damals erkannte, dass es für eine siegreiche Revolution eine Kaderpartei brauchte, die sich systematisch mit den Arbeitermassen verbunden hatte. Dieser Faktor fehlte in den anderen Ländern, weswegen die sozialistischen Revolutionen dort in einer Niederlage endeten.</p>

<p>Die junge Sowjetunion blieb isoliert und eingekreist von Imperialismus. Sie war aber bei weitem nicht industriell entwickelt genug, um die Bedürfnisse der Menschen zu versorgen. Das wiederum führte dazu, dass sich eine Bürokratie unter der Führung von Stalin herauskristallisierte, die sich über die Gesellschaft erhob. Der junge Arbeitersaat degenerierte politisch.</p>

<p>Diese politische Konterrevolution fand ihren deutlichen Ausdruck in der Stellung der Frau. Sie führte zu Rückschritten oder der Zurücknahme vieler Errungenschaften der Revolution. Zum Beispiel wurden Ehescheidungen wieder schwieriger, Abtreibungen wurden wieder verboten und die Kindertagesstätten waren nur noch so lange offen wie die Frauen arbeiteten. Homosexualität wurde wieder verboten. Trotz dieser Einschnitte waren die Frauenrechte in der Sowjetunion wesentlich fortschrittlicher als die der kapitalistischen Länder. Frauen konnten studieren, was sie wollten und arbeiten gehen, ohne nach der Erlaubnis des Ehemanns zu fragen. Allerdings lastete die Hausarbeit in der stalinistischen Sowjetunion wieder fast vollständig auf Frauenschultern.</p>

<p><strong>Lenin studieren!</strong></p>

<p>Frauen sind heute in Deutschland dem Gesetz nach gleichgestellt. In der Realität ist es aber eine Frage des eigenen Geldbeutels, ob Frauen tatsächlich vom Mann befreit sind. Natürlich hat z. B. jede Frau das Recht, sich scheiden zu lassen. Ob man sich das leisten kann, ist aber eine andere Frage. Deswegen ist auch heute die Frauenbefreiung klar eine Klassenfrage. Aus diesem Grund ist auch der Kampf um die Frauenbefreiung nicht losgelöst vom Kampf der gesamten Arbeiterklasse.</p>

<p>Um auch heute als Kommunisten erfolgreich gegen die Frauenunterdrückung zu kämpfen, studieren wir die Lehren der Russischen Revolution und die Ideen des Revolutionärs, der diese erst möglich gemacht hat. Die Ideen Lenins sind auch 100 Jahre nach seinem Tod relevant für unseren Kampf gegen den Kapitalismus und für die Befreiung der Frau.</p>
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		<title>Deutscher Oktober 1923 abgesagt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Tatjana P.]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 20 Oct 2023 10:35:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Deutsche Arbeiterbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Deutsche Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[Revolutionen]]></category>
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<p>Im Jahr 1923 waren die objektiven Bedingungen in Deutschland für eine sozialistische Revolution ausgereift. Wie wir in unserer Ausgabe 137 (Nr. 2/2023) dargestellt haben, setzte die herrschende Klasse einen Teufelskreis in Gang, um ihre Kriegskredite und die ihr durch den Versailler Vertrag auferlegten Reparationszahlungen zu bedienen: Sie druckte uneingeschränkt Geld. Die Hyperinflation verarmte die Masse des Kleinbürgertums und der Arbeiterklasse. Auch der Achtstundentag wurde aufgehoben. Die Krise mussten die Massen austragen, während die Kapitalisten unvorstellbare Profite einfuhren.</p>



<p>Als der Staat den Reparationszahlungen nicht mehr nachkommen konnte, besetzten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet. Die Cuno-Regierung rief zum „passiven Widerstand“ auf und versuchte dadurch, die nationale Einheit herzustellen. Der Plan ging schief, denn die Arbeiterklasse erkannte schnell, dass sie nicht nur die Besatzer, sondern vor allem ihre eigene herrschende Klasse bekämpfen musste. Diese nämlich bereicherte sich auch dann noch durch staatliche Subventionen, während die Massen mit Schubkarren wertlosen Geldes nicht mal das Überlebensnotwendige zusammenkratzen konnten.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Streikwelle gegen Cuno</h3>



<p>Der „passive Widerstand“ an der Ruhr entwickelte sich ab Mai zu einer gewaltigen Streikwelle gegen die Cuno-Regierung. Zu dieser Zeit waren die Gewerkschaften in der Krise, da die Mitgliedsbeiträge wertlos geworden sind, und die SPD stand hinter der Cuno-Regierung. Nur die Kommunistische Partei (KPD) nahm eine korrekte Position ein. Ihr Slogan lautete: „Schlagt Poincaré an der Ruhr und Cuno an der Spree!“</p>



<p>Im Laufe des ersten Halbjahrs wandten sich immer mehr Arbeiter der KPD zu. Sie wuchs auf rund 295.000 Mitglieder an. Schätzungen gehen davon aus, dass 2,4 Millionen Arbeiter in den Gewerkschaften oder bis zu 35 % der organisierten Arbeiter unter dem Einfluss der Kommunisten standen. Auch im städtischen Kleinbürgertum brodelte die Wut und große Teile richteten ihren Blick auf die Arbeiterparteien. Sie beteiligten sich an Mieterstreiks, Hungermärschen und verloren ihr Vertrauen in die bürgerliche Ordnung.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">In die Offensive?</h3>



<p>Die Situation erforderte eine entschiedene revolutionäre Führung, die ihre gesamte Kraft auf die Vorbereitung des Aufstandes und die Machtübernahme lenkt. Doch die KPD-Führung um Heinrich Brandler und August Thalheimer handelte übervorsichtig. Im Mai 1923 schätzte die Zentrale der KPD die Lage falsch ein: Sie ging davon aus, dass der „revolutionäre Wille der Mehrheit der Arbeiterklasse“ nicht vorhanden gewesen sei.</p>



<p>Der linke Flügel der KPD forderte, dass die Machtfrage gestellt werden müsse. Er forderte ein sofortiges Aktionsprogramm, das die Besetzung von Fabriken, die Einführung der Arbeiterkontrolle über die Produktion und die Bildung von Arbeitermilizen im gesamten Ruhrgebiet vorsieht. Mit diesen Maßnahmen sollte der direkte Kampf um die Macht eröffnet werden. Aber der linke Flügel konnte sich nicht durchsetzen.</p>



<p>Wie auch die KPD-Zentrale schwankte die Führung der Kommunistischen Internationale (KI). Grigori Sinowjew, der damalige Vorsitzende ihres Exekutivkomitees (EKKI) war im Juni der Ansicht, dass Deutschland „am Vorabend der Revolution“ stünde, dass diese aber nicht „in einem Monat oder in einem Jahr“ kommen würde. Die Vorbereitungen für die Revolution wurden so in eine unbestimmte Zukunft verlegt. Krankheitsbedingt waren leider weder Lenin noch Trotzki beim EKKI anwesend, um die Diskussion in Richtung Offensive zu lenken.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Generalstreik gegen Cuno</h3>



<p>Ende Juli und Anfang August war der Zusammenbruch des Lebens durch die Inflation so schrecklich, dass die Regierung Cuno für die Arbeiterklasse nicht mehr hinnehmbar war. Am 1. August musste eine fünfköpfige Familie für das tägliche Leben schon 10 Millionen Mark ausgeben. Eine Streikwelle erschütterte die Bourgeoisie – vor allem in Berlin, Hamburg, Schlesien, im Ruhrgebiet und im mitteldeutschen Industriegebiet. Die Streikbewegung radikalisierte unter Einfluss der KPD einen großen Teil der Betriebsratsbewegung in Richtung Revolution.</p>



<p>Am 7. August forderte eine Vollversammlung der Berliner Betriebsräte die Regierung Cuno zum Rücktritt auf. Arbeiterdelegationen aus Großbetrieben brachten diese Forderung im Reichstag vor. Die Berliner Drucker traten am 10. August in den Generalstreik, um die Regierung Cuno zu stürzen. Nur die Zeitungen und Verlage der Arbeiterparteien blieben vom Streik unberührt. Auch die Arbeiter der Reichsdruckerei, der Verkehrsbetriebe und Elektrizitätswerke streikten.</p>



<p>Am 12. August, nachdem die KPD im Reichstag einen Misstrauensantrag gegen Cuno eingebracht hatte, trat die Cuno-Regierung zurück. Nun konnte die KPD-Zentrale den Ernst der Lage nicht länger ignorieren. Die Mehrheit der Arbeiter stand hinter ihnen. Die Stunde war gekommen, um den Kampf um die Macht zu eröffnen – doch sie verstrich ungenutzt.</p>



<p>Reichspräsident Ebert (SPD) nutzte das Zögern der KPD. Er bot dem reaktionären Politiker Gustav Stresemann (DVP) an, Reichskanzler zu werden. So trat die SPD erneut in eine bürgerliche Regierung mit Konterrevolutionären ein, um die Bewegung der Arbeiterklasse auszubremsen.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Differenzen in Moskau</h3>



<p>Der Generalstreik hatte scheinbar auch Sinowjew und den Rest des EKKI aufgerüttelt. Die KPD-Zentrale wurde erneut nach Moskau berufen. Dort berichtete Radek, dass die Deutsche Revolution in eine neue Phase eingetreten sei. Trotzki hatte keinen Zweifel daran, dass nun die Zeit für den entscheidenden, direkten Kampf um die Macht in Deutschland näher rückte. Für die Vorbereitung blieben nur noch wenige Wochen.</p>



<p>Doch Sinowjew und Stalin verschoben die Möglichkeit einer Revolution noch immer auf unbestimmte Zeit. Trotzki bestand darauf, ein Datum für den Aufstand festzulegen und schlug den 7. November vor – den Jahrestag der Oktoberrevolution 1917. Er wurde vom linken Flügel der KPD und Sinowjew unterstützt, während Brandler und Radek dies ablehnten. Gemeinsam mit Stalin hatten sie Zweifel daran, dass die KPD politisch und organisatorisch ausreichend auf die Revolution vorbereitet sei. Sie wollten die Pläne verschieben.</p>



<p>Zu dieser Zeit war Lenin bereits schwer erkrankt und politisch nicht mehr aktiv. Die Intrigen im Politbüro der Kommunistischen Partei der Sowjetunion spitzten sich langsam zu, vor allem gegen Trotzki. Er wurde vom sogenannten Triumvirat, der geheimen Fraktion aus Stalin, Sinowjew und Kamenew, immer wieder bekämpft. Sie wollten Trotzki daran hindern, Lenins Nachfolger zu werden. Dieser Kampf um Prestige und Macht spielte eine folgenschwere Rolle auch für das Schicksal der Deutschen Revolution, weil er wichtige Entscheidungen überschattete.</p>



<p>So etwa, als Brandler darum bat, Trotzki, den Organisator des russischen Oktobers, nach Deutschland zu schicken. Sinowjew lehnte dies entschieden ab. Das Triumvirat wollte einen Erfolg ihres Rivalen Trotzki in Deutschland nicht riskieren.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Arbeiterregierungen in Sachsen und Thüringen</h3>



<p>Trotz des Verrats an der Novemberrevolution 1918 blickte noch immer eine breite Schicht der Arbeiterklasse auf die SPD. Gerade im Zuge der Revolution traten viele der SPD bei, darunter auch Erich Zeigner. Er gehörte zu einer neuen Schicht von Sozialdemokraten, die nach links rückten.</p>



<p>Im März 1923 entstand in Sachsen eine Minderheitsregierung aus linken Sozialdemokraten mit Zeigner als Ministerpräsident. Zeigner lehnte Koalitionsgespräche mit den bürgerlichen Parteien ab und suchte das Gespräch mit der KPD. Am 18. März einigten sich beide Parteien auf eine Tolerierung durch die Kommunisten auf Grundlage eines gemeinsamen Programms. Die Hauptpunkte: Bildung von proletarischen Hundertschaften zur Abwehr gegen den Faschismus sowie Einrichtung von Preisprüfungsstellen und Kontrollausschüssen zur Bekämpfung von Wucher.</p>



<p>Die Situation in Sachsen floss nun in die Taktik der KPD und der KI ein. Statt in der Hauptstadt Berlin sollte der Aufstand in Sachsen beginnen. Am 1. Oktober erreichte die KPD-Zentrale ein Telegramm von Sinowjew im Namen des EKKI. Er forderte sie auf, in die Landesregierungen von Sachsen einzutreten. Ebenso in Thüringen, wo die SPD auch in der Regierung war.</p>



<p>Die KPD sollte diese Regierungen als Sprungbrett für die kommende Revolution nutzen. Sinowjew verwies auf eine wichtige Bedingung für den Regierungsbeitritt: Die Zeigner-Regierung sollte sich für die unmittelbare Bewaffnung von bis zu 60.000 Arbeitern bereit erklären, um die Verteidigung gegen Reichswehr und die Faschisten zu organisieren.</p>



<p>Brandler war von diesem Plan nicht beeindruckt und behauptete, die sächsische Regierung sei nicht in der Lage, die Arbeiter zu bewaffnen. Seine Einwände wurden jedoch von Sinowjew zurückgewiesen, der argumentierte, dass jede gegen diese linken Regierungen eingesetzte militärische Gewalt als Sprungbrett für eine revolutionäre Gegenoffensive dienen könne. Außerdem wies er die Zentrale an, Pläne für einen nationalen Generalstreik zu machen. Dieser sollte der Ausgangspunkt für einen Aufstand sein.</p>



<p>Am 10. Oktober wurde Brandler schließlich Staatssekretär in der Staatskanzlei im sächsischen Kabinett Zeigner. Paul Böttcher wurde Finanzminister und Fritz Heckert Wirtschaftsminister. Am 16. Oktober traten drei weitere Abgeordnete der KPD in die Thüringer Landesregierung ein.</p>



<p>Die Reichsregierung unter Stresemann und die Kapitalisten gingen wiederum in die Offensive. Am 20. Oktober setzte die Reichswehr der sächsischen Regierung ein Ultimatum. Sie sollte binnen drei Tagen die proletarischen Hundertschaften in ihrem Zuständigkeitsbereich aufzulösen. Zeigner zeigte sich entschlossen, den Drohungen zu widerstehen, so dass der Landtag das Ultimatum ablehnte. Daraufhin marschierten am 21. Oktober Truppen ein, um die bürgerliche Vorherrschaft wieder herzustellen.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Deutsche Oktober wird abgesagt</h3>



<p>Ebenfalls am 21. Oktober fand auf Brandlers Initiative eine Betriebsrätekonferenz in Chemnitz statt. Er wollte die Konferenz nutzen, um dort für einen nationalen Generalstreik zur Verteidigung der Arbeiterregierungen zu argumentieren.</p>



<p>An der Versammlung nahmen 498 Delegierte teil, davon etwa 140 von Betriebsräten, 102 Gewerkschafter, 20 von der sächsischen ADGB-Führung, 79 von Kontrollgremien, 26 von Arbeitergenossenschaften, 15 von Aktionskomitees, 16 von Arbeitslosenausschüssen, 66 von Organisationen der KPD, sieben von sozialdemokratischen Organisationen und ein Unabhängiger.</p>



<p>Als Brandler seinen Antrag auf einen Generalstreik einbrachte, betonte er, dass Einstimmigkeit erforderlich sei. Auf diese Weise erhielten die Delegierten der Konferenz ein Vetorecht gegen einen Generalstreik. Dies stand in völligem Widerspruch zu dem, worauf es in der Vorbereitung eines Aufstands ankam. Es war von Anfang an klar, dass die Gewerkschaften und die linksreformistischen SPD-Delegierten unweigerlich die Situation falsch einschätzten.</p>



<p>Die SPD-Minister sprachen sich vehement gegen den Generalstreik aus. Sie fürchteten sich davor, die Reichswehr herauszufordern. Sie drohten damit, die Konferenz zu verlassen. Brandler zog daraufhin seinen Antrag zurück.</p>



<p>Nach diesem Debakel sah Brandler keine andere Möglichkeit mehr, als die Pläne für einen Generalstreik aufzugeben. Er war der Überzeugung, dass es ohne die Sozialdemokraten nicht funktionieren würde. Radek stimmte der Absage zu. Auch Sinowjew und Stalin unterstützen die Entscheidung. Die Partei war von den reformistischen Führern ausmanövriert worden und stand nun orientierungslos und ohne Alternativpläne da.</p>



<p>Lediglich in Hamburg wurde der Aufstand fälschlicherweise nicht abgesagt. Die Nachricht erreichte die lokale KPD nicht. Ob es sich um einen Bruch mit der Parteidisziplin handelte oder um das Ergebnis von Missverständnissen oder Kommunikationsfehlern, bleibt bis heute unklar.</p>



<p>Auch in Sachsen, das bereits am 22. Oktober mit 60.000 Mann der Reichswehr überschwemmt wurde, um die dortige SPD-KPD-Regierung zu stürzen, kam es zu mehreren Zusammenstößen. Stresemann forderte derweilen Zeigner zum Rücktritt auf und drohte mit weiterer Vergeltung. Am 28. Oktober kündigte Zeigner die Zusammenarbeit mit der KPD auf und trat zwei Tage später zurück. Es war ein unrühmlicher Rückzug.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Nach dem gescheiterten Oktober</h3>



<p>Im Jahr 1923 waren alle Elemente für eine erfolgreiche Revolution vorhanden, einschließlich einer revolutionären Massenpartei. Wie kam es nun zu dieser Niederlage? Eine ehrliche Auswertung der Ereignisse hätte ganz oben auf der Tagesordnung des EKKI stehen sollen. Doch stattdessen versuchten die verantwortlichen Genossen, ihre Spuren zu verwischen.</p>



<p>Das EKKI hätte spätestens im Juni schon die Vorbereitungen für den Aufstand initiieren müssen, aber schätzte die Lage von Anfang an falsch ein. Insbesondere Sinowjew fürchtete um seinen Ruf. Er selbst hatte alle Entscheidungen, inklusive der, den Deutschen Oktober abzusagen, gebilligt. Doch die Schuld schob er auf die KPD-Zentrale.</p>



<p>Zu Beginn behauptete er noch, dass es richtig gewesen war, den Aufstand abzusagen. Später warf er der Zentrale vor, die Revolution nicht gut genug vorbereitet zu haben. Das war sicher richtig, aber lag die Schuld allein bei Brandler, Thalheimer oder anderen KPD-Genossen?</p>



<p>Sinowjews Kehrtwende geschah nicht zufällig. Am 8. Oktober schrieb Trotzki einen Brief an das Zentralkomitee der russischen KP, in dem er den Aufstieg der Bürokratie in Partei und Staat anprangerte. Dieser offene Angriff versetzte das Triumvirat in Angst und Schrecken. Am 15. Oktober folgte ein gemeinsamer Brief, unterzeichnet von sechsundvierzig führenden Kommunisten, der eine ähnliche Linie wie Trotzki vertrat. Bisher wurde der Konflikt mit Trotzki hinter verschlossenen Türen ausgetragen, doch nun trat er offen zutage. Dies führte zu einer zugespitzten Polemik, die sogar in der Prawda veröffentlicht wurde.&nbsp;</p>



<p>Brandler und Thalheimer verteidigten sich gegen Sinowjews Kritik. Aus ihrer Sicht war die Niederlage auf die veränderte objektive Lage zurückzuführen. Sie sagten, die Arbeiterklasse sei nicht bereit gewesen für eine Revolution, weshalb im Oktober jeder Aufstandsversuch gescheitert wäre.</p>



<p>Es stimmt, dass eine revolutionäre Situation bereits seit dem Sommer bestand und mit dem Sturz der Cuno-Regierung ihren Höhepunkt erreicht hatte. Der revolutionäre Aufschwung war im Oktober bereits am Abflauen. Das schloss jedoch einen erfolgreichen Umsturz keineswegs aus, wie Rob Sewell in „Socialism or Barbarism“ erklärt:</p>



<p>„Die Krise war immer noch sehr tief und die Inflation wütete. Tatsächlich stabilisierte sich die Währung erst Mitte November. Eine revolutionäre Situation ist keine gerade Linie. Sie hat plötzliche Um- und Ausbrüche. Dem deutschen Oktoberumsturz 1923 stand in erster Linie die Unentschlossenheit der Führung im Weg. Sie hatte den Aufstand nicht ausreichend vorbereitet, weder politisch noch organisatorisch.“</p>



<p>Auch nach der Entscheidung für den Aufstand im September ergriff die KPD-Führung kaum politische Maßnahmen. Die Richtung der Agitation und Propaganda blieb unverändert, und weder die KPD-Basis noch die Arbeiterklasse wurden von der Führung auf einen Aufstand vorbereitet. Auf diese Weise wurde die revolutionäre Situation vergeudet, nur damit die Verantwortlichen behaupten konnten, die Massen seien nicht bereit und die objektive Situation sei nicht reif genug gewesen.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Auf die Führung kommt es an</h3>



<p>Das Jahr 1923 zeigt, wie entscheidend eine weitsichtige und entschiedene Führung in turbulenten Zeiten ist. In zugespitzten Umständen kann das Handeln einer Handvoll Menschen das Schicksal der Weltrevolution bestimmen – zum Positiven wie zum Negativen.&nbsp;</p>



<p>Durch ihre Fehler verspielte die deutsche und internationale Führung eine entscheidende Chance, die Weltrevolution im Oktober 1923 fortzusetzen. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass sich die gesamte Weltgeschichte verändert hätte, wenn es der Arbeiterklasse in Deutschland gelungen wäre, die Macht zu übernehmen und den Kapitalismus zu stürzen. Ihr Sieg hätte dem Kampf für den weltweiten Sozialismus einen enormen Aufschwung gegeben und die revolutionären Bewegungen in Europa und der Welt inspiriert – so wie es die erfolgreiche Oktoberrevolution in Russland sechs Jahre zuvor tat.</p>



<p>Doch das Scheitern der Deutschen Revolution hatte weitreichende Auswirkungen und besiegelte die Isolation der Revolution in Russland. Ohne eine erfolgreiche Revolution in einem fortgeschrittenen Land wie Deutschland führten die rückständigen Verhältnisse in Sowjetrussland zur Herausbildung einer privilegierten Bürokratie. Schon ein Jahr später brachte Stalin seine „Theorie“ des „Sozialismus in einem Land“ hervor, die die konterrevolutionären Machtinteressen der Bürokratie im isolierten Arbeiterstaat widerspiegelte. Der Stalinismus begann zu gedeihen, mit fatalen Folgen für viele folgende Revolutionen.</p>



<p>Heute gilt es, die Lehren des abgesagten Deutschen Oktobers zu verstehen. Der Kapitalismus ist erneut im Niedergang begriffen, weshalb uns in jedem Land revolutionäre Situationen bevorstehen. Als Kommunisten müssen wir uns dem Aufbau des subjektiven Faktors – der revolutionären Partei und einer ehrlichen sowie entschiedenen Führung – widmen.</p>
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		<title>Deutschland 1920: Kommunisten erobern mit Einheitsfront die Arbeiterbewegung</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Michele Rocco Troccolo]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 16 Aug 2023 10:38:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Deutsche Arbeiterbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Deutsche Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[Revolutionen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im November 1918 stürzten Arbeiter und Soldaten in Deutschland die Monarchie und beendeten den Krieg. Überall im Land errichteten sie Arbeiter- und Soldatenräte. Deutschland wurde fast zu einer sozialistischen Republik. [&#8230;]</p>
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<p>Im November 1918 stürzten Arbeiter und Soldaten in Deutschland die Monarchie und beendeten den Krieg. Überall im Land errichteten sie Arbeiter- und Soldatenräte. Deutschland wurde fast zu einer sozialistischen Republik. Doch die Führung der Sozialdemokratie (SPD), die sich in Worten für den Sozialismus aussprach, bekämpfte die Räte in Taten.</p>



<p>Die herrschende Klasse fürchtete sich&nbsp; weiterhin vor der Macht der Arbeiterbewegung. Ein Teil der Kapitalisten wollte eine Militärdiktatur errichten. In der Nacht vom 12. auf den 13. März 1920 marschierten reaktionäre paramilitärische Freikorps unter dem Kommando von General Lüttwitz auf Berlin zu. Ihr Ziel: Verhaftung der bisherigen Minister und Errichtung einer neuen „Regierung“ unter Wolfgang Kapp, einem rechten Politiker und bekennenden Anti-Bolschewisten.</p>



<p>Während die SPD-Minister flohen, rief die sonst konservative Führung des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds (ADGB) und der Arbeitsgemeinschaft freier Angestelltenverbände&nbsp;&nbsp; zu einem Generalstreik auf. Dieser löste ein breites Echo in der Arbeiterklasse aus. Teile des Landes standen still, überall wurden Fabriken bestreikt. Die Eisenbahnen stellten landesweit ihren Betrieb ein. In Berlin fuhren keine Straßenbahnen und Busse mehr. Es gab keinen Strom und kein Gas. Es heißt, dass die neue Regierung bei Kerzenschein tagen musste. Ihre Dekrete konnten sie nicht veröffentlichen und in die restlichen Teile des Landes verbreiten, weil Drucker, Post- und Telegraphenangestellte streikten. Die Macht der Arbeiterklasse war für alle sichtbar. 12 Millionen Menschen beteiligten sich am bis dahin größten Generalstreik der Geschichte.&nbsp;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Putsch vereitelt durch Einheitsfront</h3>



<p>Anfänglich verhielt sich die KPD-Führung eher ablehnend zum Streikaufruf, aber musste am nächsten Tag im Lichte der Ereignisse ihre Position ändern. Viele KPD-Mitglieder unterstützten schon von der ersten Stunde an den Streik und übernahmen sogar führende Rollen.</p>



<p>In Chemnitz hatte die SPD eher abwartend reagiert, während die KPD zu einer Einheitsfront aufrief. Es wurde ein Aktionsausschuss aus allen Arbeiterparteien und -organisationen gebildet, der die Verteidigungsmaßnahmen anleitete. Arbeiter wurden bewaffnet, wichtige Gebäude besetzt, politische Gefangene befreit und die Herausgabe von bürgerlichen Zeitungen verboten.</p>



<p>75.000 Arbeiter wählten in Chemnitz einen Arbeiterrat. Mit zehn Vertretern führte die KPD den Rat an, während die SPD neun Vertreter sowie die USPD und die Demokraten jeweils nur einen Vertreter entsenden durften. Einige Tage lang waren die Arbeiter in Teilen Deutschlands faktisch an der Macht. Das gesamte Ruhrgebiet war unter Kontrolle solcher Aktionskomitees und Vollzugsausschüsse. In einigen Städten kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen.</p>



<p>Die Situation spitzte sich so zu, dass die herrschende Klasse einen Bürgerkrieg befürchtete. Nach nur 100 Stunden musste Wolfgang Kapp fliehen.</p>



<p>Vielen Arbeitern zeigte der Kapp-Putsch den Bankrott der SPD-Führung auf. Gleichzeitig näherten sich die verschiedenen Arbeiterparteien und -organisationen wieder an. Sie hatten Seite an Seite gegen den Klassenfeind gekämpft. In einigen Ortschaften hatten&nbsp; SPD-Anhänger gemeinsam mit den Kommunisten und den Unabhängigen demonstriert. Sie überholte dabei die SPD-Führung mit ihren Slogans und rief zum Kampf für die Diktatur des Proletariats auf. Vor allem das Ansehen der Gewerkschaftsführer stieg, da sie den Generalstreik ausgerufen hatten.</p>



<p>Aufruf zur Arbeiterregierung</p>



<p>Nachdem Kapp und Lüttwitz geflohen waren, wurde der Streik weiter fortgeführt. Die Situation hing in der Schwebe: Kommt die alte Regierung wieder an die Macht oder soll es eine neue geben?</p>



<p>Am 17. März forderte der Vorsitzende des ADGB, Carl Legien, die USPD auf, gemeinsam mit der SPD und den Gewerkschaften eine sogenannte „Arbeiterregierung“ zu bilden. Legien war sich bewusst, welches mächtige Werkzeug er mit dem Generalstreik in der Hand hielt und wollte es nutzen, um die Position der Gewerkschaften in der Regierung zu stärken, aber gleichzeitig auch, um die Arbeiterbewegung unter Kontrolle zu halten.</p>



<p>Die USPD reagierte auf den Vorschlag äußerst zurückhaltend. Zuerst wollten sie mit den SPD-Verrätern nicht zusammenarbeiten. Der linke Flügel der USPD drohte sogar mit einer Spaltung, sollte die USPD trotzdem in die Regierung eintreten.</p>



<p>Legien forderte, dass die neue Regierung die Verantwortlichen für den Putsch zur Rechenschaft zieht. Alle konterrevolutionären Kräfte sollten entwaffnet und Verteidigungseinheiten unter gewerkschaftlicher Kontrolle errichtet werden. Die Lebensmittelversorgung sollte kontrolliert werden und Legien sprach sogar von Vergesellschaftung der Wirtschaft . Dies zeigt, in welche Richtung selbst konservativere Gewerkschafter durch den Kapp-Putsch gedrängt wurden.</p>



<p>Der linke Flügel der USPD argumentierte weiterhin gegen eine Regierung mit der SPD. Sie proklamierten, dass es die Aufgaben einer neuen Regierung sei, für die Errichtung der Diktatur des Proletariats zu kämpfen und eine Räteregierung zu errichten. Sie befürchteten, dies in einer Koalition mit der SPD nicht erreichen zu können und stattdessen lediglich zu deren linken Feigenblatt zu verkommen.&nbsp;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Gab es tatsächlich eine Alternative?</h3>



<p>Hätte die Losung sein müssen: Alle Macht den Räten? Tatsächlich gab es kaum&nbsp;&nbsp; Räte außerhalb von Chemnitz und des Ruhrgebiets. Diese waren isoliert, was später zu ihrer blutigen Niederschlagung führte. Es gab zwar Aktionskomitees und Vollzugsauschüsse, also Einheitsfrontgremien der verschiedenen Arbeiterorganisationen. Diese wurden aber nicht bei Massenversammlungen gewählt und waren somit kein direktes Instrument der Arbeiterdemokratie. Räte zeichnen sich durch Rechenschaftspflicht und jederzeitigen Abwählbarkeit ihrer Delegierten aus, wodurch sie den Bewusstseinswandel der Massen viel besser aufgreifen können, gerade in solchen turbulenten Zeiten.</p>



<p>Im Vergleich zu 1918 und Anfang 1919 bestand in diesem Moment nicht unmittelbar die Möglichkeit, eine sozialistische Republik zu errichten. Der Großteil der Mitglieder von SPD und USPD – sie machten die Mehrheit der Arbeiterschaft und Soldaten aus – musste noch von der Notwendigkeit überzeugt werden, mit dem bürgerlichen Parlament zu brechen.</p>



<p>Genau dafür hätte die USPD ein Programm gebraucht, das die positiven Punkte von Legiens Vorschlag für eine Arbeiterregierung aufgreift, aber auf die kapitalistischen Hindernisse hinweist. Sie hätte Legien beim Wort nehmen sollen, dass er die konterrevolutionären Kräfte bekämpfen wolle. Dafür, so hätten sie argumentieren müssen, darf man sich nicht auf den bürgerlichen Verwaltungs- und Militärapparat verlassen, der im Putschversuch involviert war. Stattdessen, wie von Legien selbst gefordert, hätten sie sich für Arbeitermilizen unter gewerkschaftlicher Kontrolle einsetzen sollen. Ebenso für die Einführung von demokratischer Kontrolle innerhalb der Armee, d.h. die Wahl von Soldatenräten und Offizieren.</p>



<p>Zudem hätte die USPD die angedachte Vergesellschaftung der Wirtschaft positiv aufgreifen, aber davor warnen müssen, dass solche Maßnahmen auf Widerstand der Kapitalisten treffen würden. Über das bürgerliche Parlament könnte so etwas nicht umgesetzt werden. Eine Arbeiterregierung müsste sich auf die Massenbewegung stützen und zur Bildung von Arbeiterräten aufrufen, die fähig wären, die wirtschaftliche und politische Kontrolle zu übernehmen.</p>



<p>Es ist Spekulation, was passiert wäre, wenn die USPD solch ein Programm verfolgt hätte, um die Massen von den Illusionen des Reformismus zu befreien. Sicherlich wäre ein Großteil der SPD-Anhänger im Laufe der Ereignisse weiter nach links gerückt. Die Regierungsbildung und der Kampf um die Umsetzung des Programms hätte ein Anstoß für eine weitere Massenbewegung sein können.</p>



<p>Die USPD und besonders ihr linker Flügel verspielten die historische Chance, mit der sie die Notwendigkeit einer sozialistischen Revolution hätten aufzeigen können. In Worten nahm die SPD Legiens Forderungen an, aber setzte sie nie um. Nach zehn Tagen wurde der Generalstreik für beendet erklärt. Im letzten Moment änderte die USPD ihre Position, aber da war es schon zu spät. Die SPD bildete eine neue Regierung zusammen mit den bürgerlichen Demokraten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">KPD zwischen loyaler Opposition und kleinlicher Feindschaft</h3>



<p>Die KPD schwankte in der Frage der Arbeiterregierung. Ein Teil der Partei argumentierte für die Errichtung einer Regierung aus USPD und SPD aus den oben genannten Gründen. In einer Erklärung schlug die KPD eine „loyale Opposition“ vor, „solange diese Regierung die Garantien für die politische Betätigung der Arbeiterschaft gewährt, solange sie die bürgerliche Konterrevolution mit allen ihr zu Gebot stehenden Mitteln bekämpft und die soziale und organisatorische Kräftigung der Arbeiterschaft nicht hemmen wird“. Unter loyaler Opposition verstand sie „keine Vorbereitung zum gewaltsamen Umsturz bei selbstverständlicher Freiheit der politischen Agitation der Partei [KPD] für ihre Ziele und Losungen“.</p>



<p>Dies war generell die richtige Haltung, die die KPD-Zentrale aber leider nach einer internen Diskussion wieder verwarf. Die Situation in Deutschland wird später auch in Lenins „Der linke Radikalismus, die Kinderkrankheit im Kommunismus“ aufgegriffen und generell in der Kommunistischen Internationale sowie auf dessen zweitem Weltkongress diskutiert. Letztlich, argumentierte Lenin, müssen die Massen das Vertrauen in ihre reformistische Führung aufgrund eigener Erfahrungen überwinden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">KPD wird zur Massenpartei</h3>



<p>Das Jahr 1920 verschärfte die Polarisierung. Bei der Reichstagswahl im Juni verlor die SPD einige Stimmen, während die USPD ihre Stimmenanzahl verdoppelte. Mit 81 Abgeordneten war sie nun die zweitstärkste Kraft im Reichstag und mit ca. 800.000 Mitgliedern die größte Partei. Auch die KPD trat zum ersten Mal an und gewann etwa eine halbe Million Stimmen. Das bürgerliche Lager hingegen wählte vermehrt rechte Parteien.</p>



<p>Die materielle Lage der Arbeiter verschlechterte sich weiter. Die Lebenshaltungskosten stiegen doppelt so hoch wie die Löhne. Es gab ständige Versorgungsknappheit, hohe Arbeitslosigkeit und eine steigende Inflation.</p>



<p>Die KPD wuchs durch die Ereignisse. Im Januar 1919 hatte sie etwa 3.000 Mitglieder. Kurz nach dem Kapp-Putsch zählte sie 78.000 Mitglieder. Der linke Flügel der USPD, der schon 1919 über einen Beitritt in die Kommunistische Internationale diskutiert hatte, vereinigte sich im Dezember 1920 mit der KPD. Über Nacht wurde die KPD zu einer Massenpartei mit einer halben Million Mitglieder, die nun mehrere Tageszeitungen besaß.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Offener Brief fordert Gewerkschaften heraus</h3>



<p>In verschiedenen Gewerkschaften hatte die KPD nun eine starke Position. Auf Initiative von lokalen Kommunisten wurde die nationale Gewerkschaftsführung aufgefordert, einen gemeinsamen Kampf für konkrete Verbesserung der Lebensumstände zu führen.</p>



<p>Anfang Januar 1921 veröffentlichte die KPD einen offenen Brief. Darin betont sie, dass die zunehmende Verelendung der Massen es notwendig macht, dass Kommunisten und andere Arbeiterorganisationen gemeinsam kämpfen. Ihr Programm beinhaltete unteranderen folgende Forderungen:</p>



<ul class="wp-block-list">
<li><strong>Höhere Löhne, Arbeitslosenbezüge, Renten etc. Dazu Einleitung von einheitlichen Lohnkämpfen. Die Mehrkosten sollen das Reich sowie die Kapitalisten zahlen.&nbsp;</strong></li>



<li><strong>Verringerung der Lebenshaltungskosten. Durch Abgabe verbilligter Lebensmittel an Geringverdiener. Dafür müssen Konsumvereine herangezogen werden, die unter der Kontrolle der Gewerkschaften und Betriebsräte stehen. Leerstehender Wohnraum muss beschlagnahmt sowie verfügbarer Wohnraum besser zugeteilt werden.&nbsp;</strong></li>



<li><strong>Bekämpfung von Lebensmittelengpässen. Dafür muss die Kontrolle von wichtigen Rohstoffen durch Betriebsräte ausgeübt werden. Wiederingangsetzung stillgelegter Betriebe, die Bedarfsgegenstände herstellen. Kontrolle der ländlichen Produktion sowie des Verkaufs unter Bauernräten in Verbindung mit den Landarbeiterorganisationen.&nbsp;</strong></li>



<li><strong>Entwaffnung und Auflösung aller bürgerliche Selbstschutzorganisationen und Bildung von proletarischen Selbstschutzorganisationen.&nbsp;&nbsp;</strong></li>



<li><strong>Aufhebung von Streikverboten, Befreiung von politischen Gefangenen und Errichtung von Arbeitslosenräten sowie die Aufnahme von Handels- und diplomatische Beziehungen mit Sowjetrussland.&nbsp;</strong></li>
</ul>



<p>Der offene Brief schürte jedoch keine Illusionen. Die KPD stellte klar, dass die erfolgreiche Umsetzung dieses Programms nicht die allgemeine Not beseitigen können würde. Dafür brauchte es weiterhin die Diktatur des Proletariats. Die KPD verheimlichte auch nicht, dass die Kommunisten Gegensätze hatten, die sie von anderen Arbeiterorganisationen trennten. Aber sie waren bereit, für diese Forderungen zu kämpfen, und setzten voraus, dass andere Organisationen dies auch seien und nicht einfach nur Lippenbekenntnisse von sich gäben.</p>



<p>Der Brief löste einen Tumult in den Gewerkschaften aus. Öffentlich wurde der Brief entweder abgelehnt oder ignoriert. In der Mitgliedschaft wurde er jedoch diskutiert und einige wollten sich den Forderungen anschließen. Die Gewerkschaftsbürokratie musste dagegen offensiv vorgehen und drohte mit Ausschlüssen. Die Kommunisten riefen wiederum die Arbeiter auf, demokratische Versammlung abzuhalten, um ihren Willen entgegen der bürokratischen Führung umzusetzen. Ein Machtkampf brach in Teilen der Gewerkschaften aus.</p>



<p>Wo es zu diesen demokratischen Versammlungen kam, wurden die Forderungen der Kommunisten häufig angenommen. So beispielsweise von den Arbeitern der Vulkan Werft in Stettin, bei Siemens in Berlin und den Eisenbahnern in München, Leipzig, Halle und Essen. Gewerkschafts- und Betriebsratswahlen, die zu dieser Zeit stattfanden, zeigten eine Stärkung der Kommunisten an. An manchen Orten war die KPD stärker als die SPD und die USPD zusammengenommen.</p>



<p>Der Höhepunkt war Ende Februar erreicht, als der Bundesvorstand des ADGB&nbsp; der Regierung zehn Forderungen für den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit vorlegte. Unter anderem sollten Arbeitslose wieder eingestellt werden oder höhere Arbeitslosenunterstützung bekommen bei gleichzeitiger Begrenzung der Unternehmensgewinne. Diese Forderungen waren klar gegen die Kapitalistenklasse gerichtet. Sie waren eine Folge des offenen Briefs der KPD. Diese unterstützte die Forderungen, aber betonte, dass der Versuch einer Verhandlung mit der Regierung ins Leere laufen würde und es stattdessen einen selbständigen Kampf des Proletariats brauche.</p>



<p>Leider endete hier der Versuch einer Einheitsfront. Die KPD-Führung hatte im März 1921 mit abenteuerlichen Methoden versucht, das Proletariat anzustacheln, ohne das politische Kräfteverhältnis zu beachten. Die sogenannte Märzaktion endete im Desaster. Hunderte waren in heroischen Kämpfen gestorben, Tausende landeten im Gefängnis und über 200.000 Mitglieder verließen die Partei.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Dritter Weltkongress und Einheitsfront-Diskussion</h3>



<p>Auf dem dritten Weltkongress der Kommunistischen Internationale, welcher Ende Juni 1921 begann, wurden wieder einmal die Ereignisse in Deutschland diskutiert. Nach dem Zögern der KPD beim Kapp-Putsch, war es nun das offensichtlich überstürzte Handeln der Partei in der Märzaktion.</p>



<p>Die Kommunistische Internationale hielt die wichtigsten Lehren aus diesen Erfahrungen fest. Aus ihrer „Thesen über die Taktik“ und weiteren Dokumenten sticht die klare Ausrichtung der Kommunisten auf die Eroberung der Arbeitermassen hervor.</p>



<p>Es galt, die Mehrheit der Arbeiterklasse für den Kommunismus zu gewinnen. Dazu sollten alle Möglichkeiten wie die Freiheit der Presse oder das Parlament als Tribüne ausgenutzt werden. Ebenso sollten sich Kommunisten an den reformistischen Gewerkschaften beteiligen und die reaktionäre Bürokratie von innen heraus überwinden.</p>



<p>Die Aufgabe von Kommunisten ist es, der Arbeiterklasse im Kampf den Weg vorwärts aufzuzeigen. Das Versagen anderer Arbeiterparteien und -organisationen zu kritisieren, reicht nicht. Es muss ein Kampf um die Diktatur des Proletariats geführt, aber „diese Einsicht darf sich nicht ausdrücken in dem Verzicht auf den Kampf um die aktuellen, unaufschiebbaren Lebensnotwendigkeiten des Proletariats, bis es fähig sein wird, sie durch seine Diktatur zu verfechten“.</p>



<p>Die Bedürfnisse der Massen müssen als Ausgangspunkt solcher Kämpfe genommen werden, ohne sich auf ein Minimalprogramm zu beschränken, wie es die SPD tat. Kommunisten stellen Forderungen, welche die Bedürfnisse der Massen aufgreifen – unabhängig davon, ob sie mit der kapitalistischen Eigentumsordnung vereinbar sind oder nicht. Die Not des Proletariats sorgt dafür, dass selbst Kämpfe um scheinbar bescheidene Forderungen, die aber im Kapitalismus und besonders in krisenhaften Zeiten nicht erfüllbar sind, zu einem Kampf um die Macht&nbsp; werden können.</p>



<p>Um einen solchen Kampf zu führen, müssen Kommunisten zur Einheitsfront aufrufen. Sie müssen nicht-kommunistische Arbeiterorganisationen in den Kampf hineinziehen, indem sie ihnen das Angebot machen, gemeinsam für die elementarsten Lebensinteressen der Arbeiterklasse zu kämpfen. Aber dabei erklären sie offen, dass die Gefahr besteht, dass die reformistische Führung den Kampf verraten wird.</p>



<p>Kommunisten lösen sich nicht in der Einheitsfront auf. Sie treten für ihr revolutionäres Programm ein und bleiben organisatorisch unabhängig von den anderen Arbeiterorganisationen, an denen sie weiterhin Kritik üben.&nbsp; Als Klasse schlägt man gemeinsam zu, aber man marschiert unter getrennten Bannern.</p>



<p>Das Streben zur Einheit, das in der Arbeiterklasse vorherrscht, ist die Grundlage, auf der die Unbrauchbarkeit der alten Führung sichtbar gemacht werden kann. Durch die Einheitsfront können die Arbeiter ihre Parteien und Organisationen sowie ihre reformistische Führung prüfen. Eine große Menschenmasse verliert das Vertrauen in ihre traditionellen Parteien und Organisationen nicht, indem jemand von außen die Fehler ihrer Führung benennt. Stattdessen sind es große Ereignisse und Massenbewegung wie der Generalstreik gegen den Kapp-Putsch, die das wahre Gesicht ihrer Führung offenlegen.</p>



<p>So, argumentiert der dritte Weltkongress, ist es möglich, die Massen für den Kommunismus zu gewinnen. Die Lehren der internationalen Arbeiterbewegung und insbesondere der deutschen sind in den Dokumenten und Diskussionen der ersten vier Kongresse der Kommunistischen Internationale eingeflossen und verallgemeinert worden. Das sind Schätze für heutige Kommunisten.&nbsp;</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Die Novemberrevolution 1918: Räterepublik vs. bürgerliche Demokratie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Tatjana P.]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 Jul 2023 10:43:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Deutsche Arbeiterbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Deutsche Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[Revolutionen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die revolutionären Stürme der Geschichte beginnen gewöhnlich mit einer Krise an der Spitze der Gesellschaft. Im Jahr 1918, inmitten des tobenden Weltkrieges, war die deutsche herrschende Klasse von einer solchen [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p>Die revolutionären Stürme der Geschichte beginnen gewöhnlich mit einer Krise an der Spitze der Gesellschaft. Im Jahr 1918, inmitten des tobenden Weltkrieges, war die deutsche herrschende Klasse von einer solchen Krise erfasst. War zu Beginn des Ersten Weltkrieges die Kriegsbegeisterung unter den Massen noch groß, verpuffte schon bald die Wirkung der mächtigen Propagandamaschinerie der nationalen Einheit. Die Stimmung schlug um. In dieser Atmosphäre von Krise und wachsender Unzufriedenheit entzündete sich die Revolution.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Krise von oben</h3>



<p>Die deutsche Raubpolitik gegenüber den imperialistischen Rivalen hatte Schiffbruch erlitten, während die Maßnahmen zur Niederhaltung der Werktätigen im eigenen Land zunehmend an Wirksamkeit verloren. Die Widersprüche des deutschen Imperialismus drängten immer weiter an die Oberfläche. Einerseits machte die Rüstungsindustrie riesige Profite und andererseits brachte der Krieg Millionen von Toten. Die Massen hungerten und lebten an der Heimatfront im Elend. Das führte in der Arbeiterklasse und unter den Soldaten zu einer enormen Politisierung, die sich zunehmend nach links radikalisierte.</p>



<p>Auch die Revolution in Russland im Jahr 1917 hatte einen großen Einfluss und inspirierte die Arbeiterklasse weltweit. Das erste Mal in der Geschichte der Menschheit hatten die Arbeiter in einem Land die Macht erfolgreich erkämpft und gehalten.&nbsp;</p>



<p>Inmitten dieses keimenden Aufbegehrens von unten stand die deutsche herrschende Klasse vor einer bedrohlichen Realität: ihr wichtigstes Machtmittel, die Armee, drohte auseinanderzufallen. So war das Regime gefangen zwischen der Aussicht den Krieg zu verlieren und von revolutionären Erhebungen in Deutschland gestürzt zu werden.</p>



<p>Um der drohenden Revolution in Deutschland doch noch entgegenzuwirken, ernannt Kaiser Wilhelm II. eine neue Regierung. Er machte am 3. Oktober Max von Baden zum Kanzler und die SPD wurde erstmalig als Koalitionspartner in die Regierung mit aufgenommen. Durch die Oktoberreformen – mehrere Verfassungs- und Gesetzesänderungen – wurde aus dem deutschen Kaiserreich nun eine parlamentarische Monarchie.</p>



<p>Die SPD, die bereits 1914 die Arbeitermassen mit der Zustimmung zu den Kriegskrediten verraten hatte, zögerte nicht, beim Rettungsversuch des deutschen Imperialismus mitzuhelfen. Doch eine neue bürgerliche Regierung mit einem Monarchen an der Spitze reichte trotz SPD-Beteiligung nicht aus. Die Massen wollten eine grundlegende Veränderung ihrer Lebensbedingungen und die Forderungen nach Frieden und nach der Abdankung des Kaisers wurden immer lauter.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Kieler Matrosenaufstand entfacht die Revolution</h3>



<p>Als erstes handelten die Matrosen der Hochseeflotte in Wilhelmshaven an der Nordsee. Nach den verheerenden Verlusten der Frühjahrsoffensive empörten sie sich am 29. Oktober über den Befehl der Marineleitung, erneut gegen die Flotte Englands auszulaufen. Dieser letzte Versuch, die „Ehre Deutschlands zu retten“, hätte für die Matrosen den sicheren Tod bedeutet – dazu waren sie nicht mehr bereit. Sie wollten Frieden. Daraufhin meuterten die Matrosen, wobei viele in Gefangenschaft gerieten. Doch das konnte sie nicht mehr ruhig halten und am 3. November kam es erneut zur Meuterei in Kiel, um die inhaftierten Kameraden zu befreien. Aus einem Aufstand wurde eine Revolution und die Soldaten gründeten in Kiel den ersten Soldatenrat.</p>



<p>Nach der Meuterei in Kiel am 3. November 1918 weiteten sich die Proteste und Unruhen schnell auf andere Städte in Deutschland aus. Am 7. November wehten in dutzenden Städten rote Fahnen überall dort, wo Arbeiter- und Soldatenräte entstanden waren. Wo auch immer größere Massenansammlungen waren, wurden Sprecher und Delegierte gewählt, die die Räte direkt vertreten sollten.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Arbeiter- und Soldatenräte</h3>



<p>Räte sind keine Erfindung von Marx und Engels oder Lenin und Trotzki. Sie entstanden als spontane und natürliche Organisationsform der Massen, wie bereits in der Pariser Kommune von 1871 sowie in den Revolutionen in Russland 1905 und 1917.</p>



<p>Im Gegensatz zu bürgerlichen Parlamenten, wo man alle vier bis fünf Jahre einen Vertreter der herrschenden Klasse wählen darf, der schließlich nur seinem „Gewissen“ verpflichtet ist, waren die Delegierten der Räte rechenschaftspflichtig und jederzeit abwählbar. Delegierte waren unter der Kontrolle von Massenversammlungen, wo jeder das Recht hatte zu sprechen. Niemand sollte für einen vorbestimmten Zeitraum oder gar auf Lebenszeit gewählt werden und in keiner Form Privilegien aus seiner Position ziehen. Damit sollte dem Karrierismus die Basis entzogen werden.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Die Sowjets [die russischen Räte] – das Kampforgan der unterdrückten Massen – widerspiegelten und äußerten naturgemäß die Stimmungen und den Wechsel in den Ansichten dieser Massen ungleich schneller, vollständiger, zuverlässiger als irgendwelche andere Institutionen (das ist übrigens einer der Gründe, warum die Sowjetdemokratie die höchste Form der Demokratie ist).“&nbsp;(Lenin Werke Nr. 28, S. 270)</p>
</blockquote>



<p>Die Autorin Evelyn Anderson schreibt über die Räte in Deutschland:&nbsp;</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Aber die Räte waren nicht nur die einfache Nachahmung der russischen Sowjets. Die deutschen Arbeiter- und Soldatenräte waren spontane Schöpfungen der deutschen Revolution, so wie die russischen Sowjets aus der russischen Revolution geboren waren. Sie waren nicht infolge ausländischer oder sektiererischer Propaganda entstanden, sondern als die natürliche Organisationsform der Massenrevolte.</p>



<p>In den ersten Tagen der Novemberrevolution wurden in allen Betrieben, Bergwerken, Häfen und Kasernen Arbeiter- und Soldatenräte gewählt. Die Massen waren in Bewegung. Wo immer Massen zusammenkamen, bestimmten sie Sprecher und wählten Delegierte, die in ihrem Namen als direkte Beauftragte zu sprechen hatten.“&nbsp;(Hammer oder Amboss, S. 64, Nest-Verlag)</p>
</blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Konterrevolution von Innen</h3>



<p>Die SPD-Führung beobachtete die Situation mit großer Besorgnis. Für Sozialdemokraten wie Friedrich Ebert war ihr Ziel bereits erreicht, als sie zu Koalitionspartnern im Kabinett von Max von Baden ernannt wurden. Dennoch forderten sie die Abdankung des Kaisers. Dies jedoch nicht, um die Forderungen der Revolution zu erfüllen, sondern um sie zu stoppen. Ebert sagte noch kurz vor der Revolution zu Max von Baden: „Wenn der Kaiser nicht abdankt, dann ist die soziale Revolution unvermeidlich. Ich aber will sie nicht, ja, ich hasse sie wie die Sünde.“ Max von Baden verkündete ohne Zustimmung des Kaisers dessen Abdankung – die Revolution konnte er damit nicht mehr verhindern.</p>



<p>Am 9. November erreichte sie auch Berlin. Gegen Mittag strömten hunderttausende Menschen aus den Fabrikvierteln in Richtung Zentrum. Sie wussten nicht, ob sie auf schießende Truppen treffen würden. Neben Plakaten wie „Schluss mit dem Krieg“ und „Weg mit dem Kaiser“ waren auch solche mit der Botschaft an die Soldaten zu sehen: „Brüder! Nicht schießen!“. Sie wussten noch nicht, dass die Truppen nicht mehr hielten. Sie schossen tatsächlich nicht und schlossen sich mit den Arbeitern zusammen. Gegen Mittag war Berlin in ihren Händen.</p>



<p>Die SPD erkannte, dass der einzige Weg, die Revolution noch aufzuhalten, darin bestand, sich an die Spitze der Massen zu stellen. Mit genau diesem Ziel wurde Gustav Noske als bekannter Mehrheitssozialdemokrat schon am 4. November nach Kiel entsandt. Er sollte dort die Lage stabilisieren und für Ruhe und Ordnung sorgen. Die Soldaten, die sich im Kriege gerade erst politisiert hatten, empfingen ihn enthusiastisch als einer von ihnen. Noske konnte in Kiel zwar vorerst die Bewegung eindämmen, doch das hinderte die Revolution nicht sich auszubreiten.</p>



<p>Das Ziel der SPD bestand nun darin, das zu erreichen, was Noske bereits in Kiel auf kleinerer Ebene erreicht hatte. Durch den Krieg wurden Millionen von Menschen in ganz Deutschland politisiert, die vorher niemals politisch aktiv waren. Die Massen schauten auf die existierenden Arbeiterparteien, die SPD und die USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei), die sich 1916 von der SPD abgespalten hatte. Insbesondere aber die SPD wurde von den Arbeitern als ihre Partei wahrgenommen.&nbsp;</p>



<p>Das wusste die SPD zu nutzen. In den meisten Städten und Regionen, in denen sich Räte bildeten, versuchte die SPD diese zu lenken. So gab es oft schon vorab geheime Treffen zwischen den städtischen SPD- und USPD-Führungen, wo sie Vorschläge für die Delegierten der Räte aushandelten. Bei den Massenwahlen wurden diese Vorschläge oft nur noch bestätigt. Dabei setzte die SPD vor allem darauf, Wahlen möglichst nicht in Betrieben stattfinden zu lassen. Nur in wenigen Städten, in denen schon eine längere sozialistische Tradition bestand, entstanden Räte tatsächlich aus den Betrieben heraus.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Rat der Volksbeauftragten</h3>



<p>Als sich die Berliner Massen gegen Mittag im Stadtzentrum einfanden, war Philipp Scheidemann (SPD) gerade beim Mittagessen. Alarmiert von der Stimmung, beschloss er kurzerhand, die freie deutsche Republik auszurufen. Kurze Zeit später rief der Spartakist Karl Liebknecht die sozialistische Republik aus. Jedoch war der Einfluss der SPD größer.&nbsp;</p>



<p>Am Morgen des 10. November fanden in den Berliner Betrieben und Kasernen Wahlen von Arbeiter- und Soldatenräten statt. Die SPD konnte das nicht mehr verhindern. Stattdessen versuchte sie, die Wahlen und die gewählten Vertreter zu beeinflussen. Am Nachmittag, bei der Vollversammlung, ließ sie den Rat der Volksbeauftragten von den anwesenden Delegierten bestätigen, den sie als sozialistische Regierung bezeichneten. Kurz vorher wurde die Zusammensetzung des Rats zwischen der SPD und USPD verhandelt und bestand aus jeweils drei SPD- und drei USPD-Abgeordneten.</p>



<p>Der Name „Rat der Volksbeauftragten“ entstand nicht zufällig, sondern war eine Anlehnung an den „Rat der Volkskommissare“ in Sowjetrussland. So konnte die SPD-Führung zum einen die USPD als linkes Feigenblatt und zusätzlich den Namen als linken Anstrich verwenden. Der Rat der Volksbeauftragten sollte von dem Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte kontrolliert werden. Jedoch hatte der Vollzugsrat kaum Entscheidungsmacht.</p>



<p>Die SPD stellte es so dar, als würde sie ein sozialistisches Programm durchsetzen und appellierte in ihren Reden bei der Vollversammlung und vorab in ihrem Zentralorgan, dass es dafür nun die Einheit der Arbeiterbewegung bräuchte. Der erhebliche Einfluss, den die SPD zu dieser Zeit innehatte, zeigte sich darin, dass die Arbeiter und insbesondere die Soldaten diesem Aufruf folgten.</p>



<p>Jeder, der sich gegen die Bildung des Rates der Volksbeauftragten in der vorgeschlagenen Zusammensetzung stellte, wurde mit Feindseligkeiten und Forderungen nach Einheit konfrontiert. Das galt selbst für Karl Liebknecht, der versuchte das abgekartete Spiel zu entlarven. Er betonte, dass jene, die heute auf der Seite der Revolution zu sein scheinen, vorgestern noch ihre Feinde waren. Doch die Delegierten begegneten ihm mit Rufen nach „Einigkeit! Einigkeit!“.</p>



<p>Am selben Tag veröffentlichte der Rat der Volksbeauftragten eine Erklärung, in der er Pläne für Reformen verkündete. Dazu gehörte die Aufhebung des Belagerungszustandes, die Gewährleistung des Vereins- und Versammlungsrechts, die Freiheit der Meinungsäußerung und die Einführung des Achtstundentags. Das waren wichtige Errungenschaften für die Arbeiterklasse. Jedoch nutzte die SPD diese Maßnahmen im Jahr 1918, um die Arbeiterklasse zu desorientieren und die revolutionäre Situation zu stabilisieren. Sie verkauften diese Reformen als den Sozialismus und schufen damit Illusionen. Sie lenkten von der Notwendigkeit ab, das Privateigentum an den Produktionsmitteln abzuschaffen.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Wer übernimmt die Macht?</h3>



<p>Es entstand eine Situation der Doppelmacht: Die Arbeiter- und Soldatenräte – die Form der Arbeitermacht – standen neben einer bürgerlichen Regierung in Form des Rats der Volksbeauftragten. Die SPD hatte nicht das Ziel, den Kapitalismus zu überwinden, sie wollte eine parlamentarische Demokratie schaffen, die den alten Staatsapparat weitgehend unberührt lassen würde.</p>



<p>Die Situation der Doppelmacht konnte nicht auf Dauer aufrechterhalten werden – es gab nur zwei mögliche Auswege. Entweder übernahmen die Arbeiter- und Soldatenräte die Macht, indem sie die bürgerliche Staatsmaschinerie zerschlugen und ersetzten, oder die Konterrevolution würde erfolgreich sein und die Räte beseitigen.</p>



<p>Aus diesem Grund setzte sich die SPD maßgeblich für baldige Wahlen zur Nationalversammlung ein, damit sie die Räte ersetzen konnte. Die Wahlen sollten zu Beginn des Jahres 1919 stattfinden. Die zentristische USPD – eine Partei, die zwischen Reformismus und Revolution schwankte – zeigte sich in dieser Frage weniger eindeutig. Ein Flügel favorisierte eine utopische Kompromisslösung, in der die Räte und das Parlament nebeneinander existieren sollten, während der revolutionäre Flügel für die Übernahme der Macht durch die Räte plädierte.</p>



<p>Rosa Luxemburg – die ideologische Führerin des Spartakusbundes – erklärte, dass man nicht durch parlamentarische Arbeit mittels Mehrheitsentschluss zum Sozialismus kommen kann. Den Reformisten und Zentristen hielt sie vor, dass sie vergessen haben, „daß die Bourgeoisie nicht eine parlamentarische Partei, sondern eine herrschende Klasse ist, die sich im Besitze sämtlicher ökonomischer und sozialer Machtmittel befindet.“ (<a href="https://rosaluxemburgwerke.de/buecher/band-4/seite/407#b10f95832be0c22853d5903422269b3a70fa02e01ff9a5e61b08e600fb591142">Rosa Luxemburg, Die Nationalversammlung</a>) Die herrschende Klasse besitzt die Produktionsmittel, kontrolliert die staatlichen Institutionen wie Polizei, Schulen und Universitäten sowie andere Machtmittel, wie die Presse etc.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Diese Herren Junker und Kapitalisten sind nur so lange ruhig, wie die revolutionäre Regierung sich damit begnügt, kleine Schönheitspflästerchen auf das kapitalistische Lohnverhältnis zu kleben. Sie sind nur brav, solange die Revolution brav ist, d. h. solange der Lebensnerv, die Schlagader der bürgerlichen Klassenherrschaft: das kapitalistische Privateigentum, das Lohnverhältnis, der Profit, unbehelligt bleibt.&nbsp;</p>



<p>Geht es dem Profit an den Kragen, wird das Privateigentum ans Messer geliefert, dann hört die Gemütlichkeit auf.“&nbsp;(Ebd.)</p>
</blockquote>



<p>Sie argumentierte weiter:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Sobald die famose Nationalversammlung wirklich beschließt, den Sozialismus voll und ganz zu verwirklichen, die Kapitalsherrschaft mit Stumpf und Stiel auszurotten, beginnt auch der Kampf. Wenn die Bourgeoisie ins Herz getroffen wird – und ihr Herz schlägt im Kassenschrank –, wird sie auf Tod und Leben um ihre Herrschaft ringen, tausend offene und versteckte Widerstände gegen die sozialistischen Maßnahmen auftürmen.</p>



<p>All das ist unvermeidlich. All das muß durchgefochten, abgewehrt, niedergekämpft werden – ob mit oder ohne Nationalversammlung. Der ‚Bürgerkrieg‘, den man aus der Revolution mit ängstlicher Sorge zu verbannen sucht, läßt sich nicht verbannen. Denn Bürgerkrieg ist nur ein anderer Name für Klassenkampf, und der Gedanke, den Sozialismus ohne Klassenkampf, durch parlamentarischen Mehrheitsbeschluß einführen zu können, ist eine lächerliche kleinbürgerliche Illusion.“ (Ebd.)</p>
</blockquote>



<p>Rosa Luxemburg hegte keine Illusionen bezüglich der Absichten der SPD. Sie wollte vor allem verdeutlichen, dass die Entscheidung für eine Nationalversammlung stets eine Stärkung der Bourgeoisie und eine Schwächung der Arbeiterklasse mit sich bringt. Eine Nationalversammlung bedeutet, sich im Rahmen des bürgerlichen Staates zu bewegen, der immer die Interessen der Kapitalistenklasse schützt. Abhängig davon, ob der Kapitalismus gerade im Aufschwung oder in der Krise ist, werden mal mehr oder weniger Zugeständnisse an die Arbeiterklasse gemacht.</p>



<p>Die sozialistische Demokratie – die Rätemacht – hingegen legt die ökonomische und soziale Macht in die Hände der Arbeiterklasse, also der Mehrheit der Gesellschaft.&nbsp;<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Was wollte der Spartakusbund?</h3>



<p>Der Spartakusbund hatte sich während des Ersten Weltkriegs vorerst unter dem Namen „Gruppe Internationale“ als revolutionäre Opposition gegen den Krieg zusammengefunden. Zu ihren bekanntesten Köpfen gehörten Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Clara Zetkin, Franz Mehring und weitere. Als einzige stellten sie sich von Anfang an gegen den imperialistischen Krieg und blieben den Prinzipien des Marxismus treu.</p>



<p>Im Programm des Spartakusbundes –&nbsp;<a href="https://rosaluxemburgwerke.de/buecher/band-4/seite/440#f246a77875b608dfc58636ee4f5408c303b197e466b81232752d5e7c08d18cf8">„Was will der Spartakusbund?“</a>&nbsp;– wurden verschiedene Maßnahmen aufgezeigt, um die Räte voranzubringen. Darunter fanden sich Maßnahmen zur Sicherung der Revolution, welche unter anderem die Entwaffnung der Polizei, Offiziere, nicht-proletarischer Soldaten und aller Angehörigen der herrschenden Klasse umfassten. Des Weiteren wurde die Beschlagnahme von Waffen und Munition, die Bewaffnung der proletarischen Bevölkerung sowie die sofortige Beschlagnahme aller Lebensmittel zur Sicherung der Volksernährung vorgeschlagen.&nbsp;</p>



<p>Auf politischem und sozialem Gebiet schlugen sie die Abschaffung der Einzelstaaten, Parlamente und Gemeinderäte und die Übernahme ihrer Funktionen durch Arbeiter- und Soldatenräte sowie deren Ausschüsse und Organe vor. Sie forderten Wahlen von Arbeiterräten im ganzen Land, bei denen die gesamte erwachsene Arbeiterschaft und Soldaten, ohne Offiziere und Kapitulanten, ihre Vertreter wählen sollten. Diese Vertreter sollten jederzeit abberufen werden können. Alle Räte sollten Delegierte für einen Zentralrat wählen, der den Vollzugsrat als oberstes Organ der gesetzgebenden und vollziehenden Gewalt bestimmen sollte. Lokale Räte sollten jederzeit auch diese Vertreter abwählen können, falls sie nicht im Sinne der Arbeiter handelten.&nbsp;</p>



<p>Zudem forderten sie die Abschaffung von Standesunterschieden wie Orden und Titel sowie eine vollständige rechtliche und soziale Gleichstellung der Geschlechter. Weitere soziale Maßnahmen umfassten die Verkürzung der Arbeitszeit und Umgestaltung des Ernährungs-, Wohnungs-, Gesundheits- und Erziehungswesens. Um all das umzusetzen, schlugen sie vor, alle dynastischen Vermögen und Einkünfte für die Allgemeinheit zu konfiszieren, Staatsschulden und Kriegsanleihen abzuschaffen und Grund und Boden von landwirtschaftlichen Groß- und Mittelbetrieben sowie Banken, Bergwerke, Industrie- und Handelsgroßbetriebe zu enteignen.&nbsp;<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenräte</h3>



<p>Beim Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenräte vom 16. bis zum 21. Dezember nahmen Delegierte aus ganz Deutschland teil. Die Mehrheit der Delegierten unterstützte den Vorschlag für Wahlen zur Nationalversammlung. Allerdings war die Zusammensetzung des Kongresses sehr fragwürdig. Von den 488 Delegierten waren nur 187 Lohnarbeiter. Der Rest der Delegierten wurde zum einen durch die frisch politisierten Soldatenräte gestellt und von Hauptamtlichen der Parteien und Gewerkschaften, insbesondere der SPD.</p>



<p>Die Stimmung außerhalb des Kongresses war wesentlich radikaler, insbesondere in Berlin. Dort organisierten die Revolutionären Obleute – eine Organisation revolutionärer Arbeiter, die maßgeblich den Widerstand gegen den Krieg in den Betrieben organisierten – und der Spartakusbund gemeinsam Demonstrationen, um Druck auf die Delegierten des Kongresses auszuüben. Tausende von Arbeitern folgten den Demonstrationen und Streiks während des Kongresses.&nbsp;</p>



<p>Diese Situation war paradox: Die Arbeiter außerhalb des Kongresses forderten „Alle Macht den Räten“, während der Reichskongress genau das ablehnte und die Macht an die bürgerliche Regierung – den Rat der Volksbeauftragten – bis zu den Wahlen der Nationalversammlung übertrug.</p>



<p>Der November 1918 markierte lediglich den Beginn der Revolution, und die Massen erkannten schnell, dass der Sturz des Kaisers und die Ausrufung der Republik im Wesentlichen wenig an ihrer Lebenssituation verändert hatten. Es kam daher bald zu einem erneuten Anstieg von Streiks. Rosa Luxemburg vertrat die Ansicht, dass der Klassenkampf sich wieder verschärfen und die Führungen der SPD und USPD entlarven würden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eine eigenständige Partei schaffen?</h3>



<p>Mit zunehmenden Streiks und einer wachsenden Radikalisierung der Massen bestand großes Potenzial, die Arbeiterklasse in Richtung einer Räterepublik zu führen. Doch dafür hätte es eine geschulte marxistische Führung wie in Russland 1917 unter Lenin und Trotzki gebraucht. Zu Beginn der Revolution war der Spartakusbund jedoch eine kleine Gruppe innerhalb der USPD, die eher einem Netzwerk als einer organisierten revolutionären Kraft glich. Es gab keine organisierte Fraktion oder Strömung in der SPD oder USPD.</p>



<p>Obwohl viele radikalisierte Arbeiter und Soldaten zum Spartakusbund stießen, waren sie größtenteils jung und unerfahren. Einige dieser Genossen forderten, sich von der USPD abzuspalten und eine eigene kommunistische Partei zu gründen. Rosa Luxemburg war skeptisch gegenüber dieser einer übereiligen Abspaltung, aus Angst, sich von den Massen zu isolieren. Karl Radek, der als Gesandter der Sowjetrepublik in Deutschland war, befürwortete hingegen die Gründung einer eigenen Partei und konnte mit seiner Autorität aus Russland überzeugen.</p>



<p>Die jungen Genossen waren vor allem der Ansicht, dass die Gründung einer eigenständigen revolutionären Partei das sei, was ein echter Bolschewik getan hätte. Für Lenin war dies jedoch keine prinzipielle Frage. Es ging nicht darum, ob man innerhalb oder außerhalb der USPD arbeitet, sondern darum, dass es keine gut ausgebildeten Kader mit fundierten Kenntnissen in Theorie und Praxis gab.</p>



<p>Eine gestandene Kaderorganisation hätte auch innerhalb der USPD arbeiten können, da sie die wichtigste Anlaufstelle für die junge, radikalisierte Arbeiterschaft war. Doch eine Kaderorganisation kann man nicht erst während der revolutionären Ereignisse aus dem Boden stampfen. Sie muss geduldig über jahrelanger Vorarbeit geschaffen werden.&nbsp;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Linksradikalismus&nbsp;</h3>



<p>Beim Gründungskongress der KPD Ende Dezember überwog die Ungeduld. Die jungen Genossen waren bei diesem Kongress in der Mehrheit. Sie wollten das alte System abschaffen und mit ihm alle Organisationen, einschließlich Parteien und Gewerkschaften. Daher lehnten sie die Teilnahme an den Wahlen zur Nationalversammlung und die Arbeit innerhalb der Gewerkschaften vehement ab.</p>



<p>Rosa Luxemburg und andere erfahrene Genossen plädierten hingegen deutlich für die Teilnahme an den Wahlen. Sie erkannten, dass viele Arbeiter große Illusionen in die SPD und USPD hatten. Die junge KPD hätte die Bühne der Parlamentswahlen nutzen können, um den Massen ihr Programm vorzustellen. Auf lange Sicht hätte sich der Reformismus der SPD und USPD entlarvt und die KPD hätte die Massen mit ihrem revolutionären Programm praktisch überzeugen können.</p>



<p>Trotzdem entschied sich die Mehrheit der KPD für den Boykott der Wahlen. Dabei sollte jedoch nicht allein den jungen KPD-Genossen die Schuld gegeben werden. Rosa Luxemburg selbst äußerte in ihren Artikeln starke Kritik an den Wahlen und der Nationalversammlung, die sie als Ablenkung geißelte und den Arbeiterräten gegenüberstellte. Sie schrieb beispielsweise am 23. Dezember in der Roten Fahne:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Die Teilnahme an der Nationalversammlung kann heute für wirkliche Verfechter der Revolution und des Sozialismus nichts gemein haben mit dem herkömmlichen Schema, mit der althergebrachten ‚Ausnützung des Parlaments‘ zu sogenannten ‚positiven Errungenschaften‘. Nicht im alten Trott des Parlamentarismus, nicht, um an den Gesetzesvorlagen kleine Besserungsflicken und Schönheitspflästerchen anzubringen, auch nicht, um ‚Kräfte zu messen‘, Heerschau der Anhänger zu halten oder wie all die bekannten Redensarten aus der Zeit der bürgerlich-parlamentarischen Tretmühle und aus dem Wortschatz der Haase und Genossen heißen. </p>



<p>Jetzt stehen wir mitten in der Revolution, und die Nationalversammlung ist eine gegenrevolutionäre Festung, die gegen das revolutionäre Proletariat aufgerichtet wird. Es gilt also, diese Festung zu berennen und zu schleifen. Um die Massen gegen die Nationalversammlung mobil zu machen und zum schärfsten Kampf aufzurufen, dazu müssen die Wahlen, dazu muß die Tribüne der Nationalversammlung ausgenutzt werden.“&nbsp;(<a href="https://rosaluxemburgwerke.de/buecher/band-4/seite/472#95f7c14e0e45538b577adeab7804f1d0ef3a3010651c2d64f0c181fc7e795449">Rosa Luxemburg, Die Wahlen zur Nationalversammlung, S. 472-473</a>)</p>
</blockquote>



<p>Obwohl sie sich bewusst war, dass eine Verbindung zum Bewusstsein der Massen hergestellt werden musste, unternahm sie hierbei selbst zu wenig, um die jungen Genossen in dieser Hinsicht zu schulen. Gleichzeitig war Rosa Luxemburg überzeugt, dass die linksradikalen Tendenzen in der KPD eine vorrübergehende Erscheinung waren und dass die Genossen aus ihren Erfahrungen lernen werden.&nbsp;</p>



<p>Ein einschneidendes Problem war, dass die besten Köpfe der KPD – Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Leo Jogiches und andere – ermordet wurden, als die Revolution gerade erst begonnen hatte. So musste die Arbeiterklasse und die Ende Dezember durch den Spartakusbund und andere revolutionäre Gruppen gegründete KPD durch eine harte Schule von Fehlern und Niederlagen gehen.</p>
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		<title>Die Kommunistische Internationale: Arbeiter aller Länder, vereinigt euch!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Claudio Bellotti von IMT Italien]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 26 May 2023 10:47:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Bolschewismus]]></category>
		<category><![CDATA[Lenin]]></category>
		<category><![CDATA[Revolutionen]]></category>
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<p>Vor 80 Jahren, im Mai 1943, wurde die Kommunistische Internationale (Dritte Internationale) auf Befehl Stalins aufgelöst. Gegründet 1919, wurde sie zur größten und wichtigsten internationalen Organisation, die die Arbeiterbewegung in ihrer Geschichte hervorgebracht hat und die wie keine andere dem abschließenden Motto des Kommunistischen Manifest in der konkreten Praxis am nächsten kam: Arbeiter aller Länder, vereinigt euch!</p>



<p>Die Entwicklung der Kommunistischen Internationale zu studieren, kann uns helfen, die Methoden zu erwerben, die es braucht, um die Herausforderungen der Welt von heute meistern zu können. Die brennenden Fragen unserer Zeit, wie der Krieg, die Wirtschaftskrise, die Klimakrise, die Migrationsbewegungen sind allesamt Prozesse, die nur in einem globalen Kontext angegangen werden können. Daraus ergibt sich notwendigerweise, dass die Arbeiterbewegung einen internationalistischen Standpunkt einnehmen muss.</p>



<p>Die Arbeiterbewegung, und speziell ihr marxistischer Flügel, hat sich von ihren frühen Anfängen an durch ihren Internationalismus ausgezeichnet. Dabei stützte sie sich auf das Verständnis, dass der Kapitalismus einen Weltmarkt mit internationalen Produktionsketten und Handelsbeziehungen schafft, wobei dieses System dazu tendiert, sich auf dem gesamten Globus auszuweiten und andere Produktionsmethoden zu verdrängen. Daraus folgt konsequenterweise, dass die Klasse der Lohnarbeiter, die im Zuge der kapitalistischen Entwicklung entsteht, selbst zu einer weltweiten Kraft wird und deren Interessen weltweit dieselben sind.</p>



<p>Doch die materielle Wirklichkeit und das politische Bewusstsein sind nicht automatisch deckungsgleich. In ökonomischen Fragen zum Beispiel haben die Arbeiter ein gemeinsames Interesse, sich zusammenzuschließen, um den Unternehmern mittels des gewerkschaftlichen Kampfes höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen aufzuzwingen. Das verstehen Millionen Arbeiter, aber das bedeutet nicht, dass der gemeinsame Kampf der Arbeiterklasse eine ausgemachte Sache ist. Das Kapital versucht im Gegenzug ununterbrochen, die Arbeiter gegeneinander auszuspielen, zu spalten und auf diesem Weg deren Organisation zu schwächen.</p>



<p>Auf dieselbe Art und Weise versucht die herrschende Klasse auf einer höheren Ebene die Arbeiter entlang von nationalen, ethnischen oder religiösen Linien zu spalten und gewissen Sektoren der Arbeiterklasse echte oder oft auch nur vermeintliche Privilegien zu gewähren und so gegen andere Gruppen von Arbeitern (Migranten, Arbeitern in anderen Ländern usw.) auszuspielen. Auf der Arbeiterklasse lastet ein großer materieller aber auch ideologischer Druck, der die Herstellung einer wirklichen Einheit erschwert.</p>



<p>Der Internationalismus gründet sich daher auf die realen Bedingungen der Arbeiterklasse, aber er wird nur durch den bewussten Kampf der fortgeschrittensten Schichten der Klasse zu einer materiellen Kraft. So ging der Marxismus stets an diese Frage heran.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Erste und die Zweite Internationale</h3>



<p>Es ist kein Zufall, dass Marx und Engels sehr viel Energie darauf verwendeten, die Gründung der Ersten Internationale im Jahr 1864 voranzutreiben, und als diese am Ende war, beteiligte sich Friedrich Engels aktiv am Aufbau der Zweiten Internationale, einem Zusammenschluss sozialistischer Massenparteien, 1889.</p>



<p>Die Erste Internationale (Internationale Arbeiter-Assoziation, IAA) war ein erster Versuch, in der Praxis die Einheit des Proletariats länderübergreifend herzustellen. Ihre politische Zusammensetzung war alles andere als homogen. Sie umfasste radikaldemokratische Gruppen genauso wie gewerkschaftliche Organisationen, allen voran die englischen Trade-Unions, die bereits echte Massenorganisationen darstellten, die aber weitgehend reformistische Positionen vertraten. Marx und Engels sahen ihre Aufgabe in der IAA vor allem darin, in der Auseinandersetzung mit reformistischen und anarchistischen Ideen die Konzepte des wissenschaftlichen Sozialismus zu entwickeln.</p>



<p>Im Gegensatz zur IAA war die Zweite Internationale ein Zusammenschluss von sozialdemokratischen Parteien, die in einer wachsenden Zahl von Ländern eine Massenverankerung hatten, was mit einer kraftvollen Entwicklung der Gewerkschafts- und Genossenschaftsbewegung einherging.</p>



<p>Die Zweite Internationale berief sich offiziell auf die Ideen des Marxismus. Die Aufschwungsphase des Kapitalismus am Ende des 19. Jahrhunderts nährte jedoch die Illusionen in die Möglichkeiten einer sozialen Reformpolitik und eines friedlichen, graduellen Übergangs hin zum Sozialismus in einer nicht näher definierten Zukunft.</p>



<p>Die Zweite Internationale hatte historisch betrachtet nichtsdestotrotz eine fortschrittliche Rolle, weil sie die Organisierung breiter Massen an Arbeitern voranbrachte und wichtige Kämpfe um Forderungen wie den 8-Stunden-Tag führte, die zum Banner der internationalen Arbeiterklasse wurden.</p>



<p>Der Zusammenbruch der Zweiten Internationale erfolgte mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914. Mit wenigen Ausnahmen beugten sich die Führungen und die Parlamentsklubs der sozialdemokratischen Parteien im entscheidenden Moment dem Druck der eigenen Bourgeoisie und betrieben eine Politik des Klassenkompromisses. In einem Land nach dem anderen stimmte die Sozialdemokratie für die Kriegskredite und unterstützte die „nationale Einheit“.</p>



<p>Nur wenige verweigerten sich dieser Kapitulation gegenüber dem Chauvinismus und der Kriegsbegeisterung: die russischen Bolschewiki, die Gruppe von Trotzki, die serbischen Sozialisten, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Deutschland, James Connolly, Anton Pannekoek und einige andere.</p>



<p>Sie bildeten mitten im Krieg mit den Konferenzen von Zimmerwald (1915) und Kienthal (1916), wo eine kohärent revolutionäre Minderheit die zukünftigen Perspektiven ausarbeitete, das Fundament, auf dem im März 1919 die Dritte Internationale gegründet wurde.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Die russische Revolution</h3>



<p>Es mochte anmaßend erscheinen, dass diese sehr kleinen, isolierten Gruppen von einer neuen Internationale sprachen, während die alten Parteien zusammengebrochen waren, die Arbeiter und Bauern in eine Uniform gesteckt wurden und sich gegenseitig auf den Schlachtfeldern massakrierten. Doch ihre Perspektive war korrekt: Im Februar 1917 brach die Kette des imperialistischen Krieges an „seinem schwächsten Glied“ (Lenin), und das war das zaristische Russland. Acht Monate später, im Oktober, eroberte die bolschewistische Partei an der Spitze einer breiten Massenbewegung von Millionen in Sowjets (Räten) organisierten Arbeitern, Bauern und Soldaten die Macht.</p>



<p>Lenin und die Bolschewiki verstanden die Revolution in Russland immer nur als Teil einer internationalen Revolution, die sich auf die wirtschaftlich fortgeschritteneren Länder in Westeuropa und Amerika ausweiten müsse, wo aufgrund einer starken industriellen Basis und der Stärke der Arbeiterklasse die Voraussetzungen für den Aufbau einer sozialistischen Ökonomie bestanden.</p>



<p>Aus Überzeugung, dass dies der einzige Weg zum Sozialismus sein könne, riefen sie zur Gründung der Dritten Internationale auf, die somit als Abspaltung der internationalistischen und revolutionären Strömungen der alten reformistischen Parteien entstand. Dazu stießen einige anarchosyndikalistische Strömungen, die sich unter dem Eindruck der Oktoberrevolution dem Marxismus annäherten.</p>



<p>Die ersten vier Kongresse der Internationale zwischen 1919 und 1922 stellen wirkliche Meilensteine der revolutionären Arbeiterbewegung dar. Auf diesen Kongressen wurden die grundlegenden Probleme des Klassenkampfs diskutiert und behandelt: die Gewerkschaftsfrage, die koloniale Frage, der Kampf der unterdrückten Nationalitäten, der Parlamentarismus, die Grundlagen der Arbeitermacht, die Frage der Frauenbefreiung, der Charakter und die Aufgaben der Kommunistischen Parteien, der Kampf gegen den Reformismus, die Taktik der Einheitsfront… Die Dokumente dieser Kongresse zu studieren zeigt, was Marxisten unter der engen Verbindung zwischen Theorie und Praxis verstehen. Die Dringlichkeit der praktischen Aufgaben führte nicht nur nicht dazu, dass Theoriearbeit im Namen der „Aktion“ hintangestellt wurde, sondern im Gegenteil, sie wurde dadurch auf eine neue, höhere Ebene gehoben.</p>



<p>Die Debatten waren frei und demokratisch, in diesen Jahren fehlte jede Spur von „monolithischer Einheit“ und Konformismus, die in späteren Jahren vom Stalinismus durchgesetzt wurden.</p>



<p>Die Kommunistische Internationale war im Gegensatz zur Zweiten Internationale eine wahrhaft weltweite Organisation, die zum ersten Mal auch Vertreter des größten Teils der Menschheit umfasste, die in den kolonialen und halbkolonialen Ländern lebte und von der sozialistischen Bewegung bis dahin weitgehend vernachlässigt wurde. Von China über Indien, von Lateinamerika bis in den Nahen Osten, die Strahlkraft der Oktoberrevolution spiegelte sich in den wachsenden Befreiungsbewegungen und in den beginnenden Klassenkämpfen der Arbeiter und der Bauern dieser Länder wider.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Stalinismus</h3>



<p>Der Stalinismus, der sich in der Sowjetunion durchsetzte, geriet sehr bald schon, und zwar zwangsläufig, in einen unversöhnlichen Konflikt mit den Gründungsprinzipien der Internationale. Mit der Theorie vom „Sozialismus in einem Land“ vollzog der Stalinismus einen ersten offenen Bruch mit dem Marxismus. Damals gab man vor, es wäre für Russland möglich, auch unter den Bedingungen internationaler Isolation und ohne die Unterstützung von Revolutionen in den fortgeschritteneren Ländern eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen.</p>



<p>Schon 1926 warnte Trotzki, der wichtigste und kohärenteste Widersacher des Stalinismus, dass die Theorie vom „Sozialismus in einem Land“ der patriotischen und nationalistischen Degeneration aller Kommunistischen Parteien und somit dem Untergang der Internationale den Weg ebnen würde.</p>



<p>Es ist hier nicht der Platz, um die die Ereignisse zwischen 1924 und 1943, die zuerst zur Degeneration und dann zur Auflösung der Internationale führten, genauer zu analysieren. Dazu empfehlen wir den von Ted Grant 1943 geschriebenen Text „Aufstieg und Fall der Kommunistischen Internationale“.</p>



<p>Die Chinesische Revolution von 1925-27, der britische Generalstreik 1926, der Kampf gegen den Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland, die Volksfront und der Bürgerkrieg in Spanien ab 1936 waren die grundlegenden Etappen dieses Prozesses, die allesamt in Niederlagen für die Arbeiterklasse endeten und gleichzeitig das systematische Scheitern der unter Stalin und seinen Anhängern verfolgten Politik der Internationale bedeuteten.</p>



<p>Wenn die ersten vier Kongresse eine Bestätigung der Theorie und der konkreten Politik des revolutionären Marxismus lieferten, so war die Periode ab Mitte der 1920er Jahre hingegen geprägt von dem ideologischen Kampf Trotzkis und der Linken Opposition in Russland und dann auf internationaler Ebene von dem Kampf für die Verteidigung dieses theoretischen Erbes gegen die Verfälschungen des Marxismus unter Stalin. Die Debatten und Polemiken aus dieser Zeit des Niedergangs der Internationale sind genauso, wenn nicht noch wichtiger für all jene, die zu einem wirklichen Verständnis des Marxismus als Werkzeug im Kampf zur Veränderung der Gesellschaft gelangen wollen.</p>



<p>Der letzte Schritt, als die Internationale längst nur noch ein Schattendasein führte, war ihre Auflösung im Namen der Allianz der UdSSR mit dem anglo-amerikanischen Imperialismus im Zweiten Weltkrieg. Sie erfolgte nicht zufällig im Vorfeld der ersten Konferenz zwischen Stalin, Roosevelt und Churchill (im November 1943). Stalin begründete diese Entscheidung mit der Notwendigkeit, man müsse der Legende, wonach die Kommunistischen Parteien von Moskau Befehle zur Durchführung der Revolution in ihren Ländern bekämen, den Boden entziehen. Die revolutionäre Perspektive müsse nun gegenüber der „Arbeit der Patrioten aller Länder zur Zusammenführung aller fortschrittlichen Kräfte unabhängig von Parteizugehörigkeit oder religiösem Glauben zu einem einzigen Lager der nationalen Befreiung im Kampf gegen den Faschismus“ zurückgestellt werden. Die Revolution wurde zugunsten der „nationalen Befreiung“ und einer Zusammenarbeit mit der „progressiven“ Bourgeoisie begraben.</p>



<p>Nach der Auflösung der Dritten Internationale gab es natürlich noch Dutzende von Revolutionen, wobei jene in China und in Kuba die bedeutendsten waren. Die Idee einer internationalen Organisation der Arbeiterklasse materialisierte sich aber nachher nie wieder. Die Sozialistische Internationale war längst nur noch ein Anhängsel der Bourgeoisie der imperialistischen Länder des westlichen Blocks. Und die Kommunistischen Parteien und andere Parteien, die im Zuge der kolonialen Revolution entstanden, ordneten sich vollständig der Hegemonie Moskaus unter, was missbräuchlich als „proletarischer Internationalismus“ bezeichnet wurde.</p>



<p>Doch die unheilvolle Theorie vom „Sozialismus in einem Land“ richtete weiter gewaltigen Schaden an. Getrieben von ihren sehr begrenzten nationalistischen Interessen, gerieten die verschiedenen Bürokratien der „real-sozialistischen“ Länder mehrfach aneinander: Jugoslawien gegen die UdSSR 1948, China gegen die UdSSR Ende der 1950er Jahre, China gegen Vietnam in den 1970ern usw. Und in Westeuropa begannen sich die Kommunistischen Parteien langsam von Moskau abzunabeln, aber nur um im Schoß des nationalbornierten Reformismus zu enden.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Für eine neue Internationale!</h3>



<p>Heute durchlebt das kapitalistische System eine zerstörerische Krise nach der nächsten. Die herrschenden Klassen der verschiedenen Länder stehen immer mehr im Konflikt zueinander und kämpfen auf verschiedenen Ebenen um die globale Vormachtstellung: Protektionismus, Sanktionen, Handelblöcke, diplomatische sowie militärische Scharmützel kennzeichnen diese neue Phase der Entwicklung. Der Kapitalismus befindet sich im Niedergang und kann die Gesellschaft nicht nur nicht weiterentwickeln, sondern wirft sie zurück auf eine Stufe zunehmender Barbarei.</p>



<p>Die Arbeiterklasse hat keinerlei Interesse, sich an diesem Konkurrenzkampf freiwillig zu beteiligen, denn sie kann in diesem Kampf um Märkte und Einflusszonen nur verlieren. Es bleibt ihr früher oder später nichts anderes über, als mit den Mitteln des Klassenkampfes ihre Interessen zu verteidigen und sich ab einem gewissen Punkt der einzig möglichen Antwort auf diese Krise des Kapitalismus zu stellen: dem offenen und bewussten Kampf um die Macht zum Sturz dieses Systems, das sich überlebt hat.</p>



<p>Der Aufbau einer neuen Arbeiterinternationale gehört zu den grundlegendsten Aufgaben dieser neuen Epoche, die von gewaltigen Klassenkämpfen geprägt sein wird. Wir können nicht vorhersehen, im Zuge welcher Prozesse diese neue Internationale Form annehmen wird. Wir wissen aber, dass es hier und jetzt die nötige Vorbereitungsarbeit dafür zu leisten gilt, d.h. jene Aktivisten, die die Notwendigkeit einer Internationale verstehen, zu organisieren und sie in Theorie und Praxis darauf vorzubereiten.</p>



<p>Das ist die Aufgabe, die wir als International Marxist Tendency (IMT) schon heute auf der ganzen Welt verfolgen.</p>
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