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	<title>Dialektischer Materialismus Archives -</title>
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	<title>Dialektischer Materialismus Archives -</title>
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		<title>Warum brauchen wir eine Philosophie?</title>
		<link>https://derkommunist.de/warum-brauchen-wir-eine-philosophie/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Alan Woods]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 17 Apr 2025 06:00:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Dialektischer Materialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Grundlagen des Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die RKP wird die Zeit bis zum Weltkongress unserer Internationale im August nutzen, um uns die Grundlagen der marxistischen Theorie zu erschließen: Angefangen mit der marxistischen Philosophie, dem Dialektischen Materialismus. [&#8230;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Die RKP wird die Zeit bis zum Weltkongress unserer Internationale im August nutzen, um uns die Grundlagen der marxistischen Theorie zu erschließen: Angefangen mit der marxistischen Philosophie, dem Dialektischen Materialismus. Während die ganze Welt scheinbar in Chaos und Wahnsinn versinkt, hilft uns diese Theorie zu verstehen, was geschieht. Wir veröffentlichen hier eine gekürzte Fassung des Textes, der im Original in unserem Buch „Ideologiekritik – Gegen die akademische Entstellung des Marxismus“ veröffentlicht ist.</p>

<h3><strong>Verlangen nach „den Fakten“</strong></h3>

<p class="wp-block-paragraph">Viele Menschen fühlen sich nur dann sicher, wenn sie sich auf die Fakten beziehen können. Doch die „Fakten“ wählen sich nicht von selbst aus. Es bedarf einer konkreten Methode, die uns hilft, über das unmittelbar Gegebene hinauszuschauen und die Prozesse, die über die „Fakten“ hinausgehen, bloßzulegen. Trotz gegenteiliger Behauptungen ist es unmöglich, ohne eine vorgefasste Meinung einfach die „Fakten“ als Ausgangspunkt zu nehmen. Eine solche vermeintliche Objektivität gibt es nicht.</p>

<p class="wp-block-paragraph">In unserer Herangehensweise an die Fakten lassen wir unsere eigenen Vorstellungen und Kategorien einfließen. Diese können entweder bewusst oder unbewusst sein, spielen aber immer eine gewisse Rolle. Wer glaubt, ohne Philosophie auskommen zu können – und das trifft auf viele Wissenschaftler zu – wiederholt in der Regel unbewusst die gegenwärtig dominante „offizielle“ Philosophie und die vorherrschenden, gesellschaftlichen Vorurteile. Es ist daher unerlässlich, dass Wissenschaftler und bewusst denkende Menschen im Allgemeinen bestrebt sind, eine konsistente Sichtweise auf die Welt zu entwickeln, eine kohärente Philosophie, die als geeignetes Werkzeug zur Analyse von Dingen und Prozessen dienen kann.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Schlussfolgerungen aus der Sinneswahrnehmung sind hypothetisch und erfordern weitere Beweise. Durch Beobachtung über einen langen Zeitraum hinweg, kombiniert mit praktischer Tätigkeit, die es uns ermöglicht, die (Un-)Richtigkeit unserer Ideen zu überprüfen, können wir eine Reihe von wesentlichen Zusammenhängen zwischen Phänomenen entdecken. Gemeinsame Merkmale erlauben es uns, sie zu einer bestimmten Gattung oder Art zusammenzufassen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Der Prozess der menschlichen Erkenntnis geht vom Besonderen zum Allgemeinen, aber auch vom Allgemeinen zum Besonderen. Es wäre daher falsch und einseitig, das Eine gegen das Andere zu stellen. Im dialektischen Materialismus sind die Methoden der Induktion und der Deduktion (das Schließen von Einzelbeobachtungen auf allgemein gültige Gesetze, und umgekehrt, Anm. d. Red.) nicht miteinander unvereinbar, sondern werden als verschiedene Aspekte des dialektischen Erkenntnisprozesses gesehen, die untrennbar miteinander verbunden sind und sich gegenseitig bedingen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Induktives Denken ist in letzter Instanz die Grundlage allen Wissens, denn alles, was wir wissen, ergibt sich letztlich aus der Beobachtung der objektiven Welt und aus unserer Erfahrung. Bei näherer Betrachtung werden jedoch die Grenzen einer streng induktiven Methode deutlich. Unabhängig davon, wie viele Fakten untersucht werden, bedarf es nur einer einzigen Ausnahme, um die allgemeine Schlussfolgerung, die wir daraus gezogen haben, zu untergraben. Wenn wir tausend weiße Schwäne gesehen haben und daraus den Schluss ziehen, dass alle Schwäne weiß sind, und dann einen schwarzen Schwan sehen, dann ist unsere Schlussfolgerung nicht mehr gültig.</p>

<h3><strong>Dialektik statt Empirismus</strong></h3>

<p class="wp-block-paragraph">Der Begriff „Dialektik“ stammt von dem griechischen Wort dialektike, abgeleitet von dialegomai, sich unterhalten oder diskutieren. Ursprünglich bedeutete es die Kunst der Diskussion, die in ihrer höchsten Form in den Sokratischen Dialogen Platons zu sehen ist.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Ausgehend von einer bestimmten Idee oder Meinung, die sich in der Regel aus den konkreten Erfahrungen und Problemen des Lebens der betroffenen Person ableitet, würde Sokrates Schritt für Schritt in einem rigorosen Argumentationsprozess die im ursprünglichen Vorschlag enthaltenen inneren Widersprüche aufdecken, seine Grenzen aufzeigen, die Diskussion auf eine höhere Ebene heben und so zu einem völlig anderen Vorschlag kommen. <br />Die Dialektik setzt eine dynamische Sicht der Natur voraus, die das menschliche Denken von der Starrheit der formalen Logik befreit. Der erste wirkliche Vertreter der Dialektik war der griechische Philosoph Heraklit (um 544–484 v. Chr.).</p>

<p class="wp-block-paragraph">Im Anti-Dühring gibt Engels folgende Einschätzung über die dialektische Weltauffassung von Heraklit:</p>

<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wenn wir die Natur oder die Menschengeschichte oder unsre eigne geistige Tätigkeit der denkenden Betrachtung unterwerfen, so bietet sich uns zunächst dar das Bild einer unendlichen Verschlingung von Zusammenhängen und Wechselwirkungen, in der nichts bleibt, was, wo und wie es war, sondern alles sich bewegt, sich verändert, wird und vergeht. Diese ursprüngliche, naive, aber der Sache nach richtige Anschauung von der Welt ist die der alten griechischen Philosophie und ist zuerst klar ausgesprochen von Heraklit: Alles ist und ist auch nicht, denn alles fließt, ist in steter Veränderung, in stetem Werden und Vergehn begriffen.“</em></p>

<p class="wp-block-paragraph">In der „Dialektik der Natur“ schreibt Engels auch: </p>

<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Dialektik, die sog. objektive, herrscht in der ganzen Natur, und die sog. subjektive Dialektik, das dialektische Denken, ist nur Reflex der in der Natur sich überall geltend machenden Bewegung in Gegensätzen, die durch ihren fortwährenden Widerstreit und ihr schließliches Aufgehen ineinander, resp. in höhere Formen, eben das Leben der Natur bedingen.“</em></p>

<p class="wp-block-paragraph">Es ist nicht möglich, die Dynamik der Welt, in der wir leben, ohne dialektisches Denken zu verstehen. Und schon gar nicht ist es möglich, ohne ein Verständnis der Dialektik ein bewusster Revolutionär oder eine bewusste Revolutionärin zu sein, die aktiv und bewusst in den historischen Prozess eingreifen möchten. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Das erste Gesetz des dialektischen Materialismus ist die absolute Objektivität der Betrachtung: nicht Beispiele, nicht Umschweife, sondern die Sache selbst. Die Grundlage all unseres Wissens ist natürlich die sinnliche Erfahrung. Ich erlebe die Welt mit meinen Sinnen und kann sie auf keine andere Weise erleben. Das ist die Essenz des Empirismus. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Aber: Die Möglichkeiten der sinnlichen Erkenntnis sind begrenzt. Die Erkenntnis von Phänomenen, die außerhalb der Reichweite der Empfindung liegen, ist nur durch abstraktes Denken, durch dialektisches Denken, möglich. Der Gegenstand des Denkens hat ein ihm innewohnendes Wesen, das Sein an sich. Der Zweck des Denkens ist es, dieses „Sein an sich“ in ein „Sein für uns“ zu verwandeln, d.h. von der Unwissenheit zur Erkenntnis voranzuschreiten.<br />Wir kommen der Wahrheit nicht näher, indem wir einfach eine Masse von Fakten zusammensammeln.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Kraft des Denkens liegt gerade in seiner Fähigkeit zur Abstraktion, seiner Fähigkeit, Besonderheiten auszuschließen und zu Verallgemeinerungen zu gelangen, die die wichtigsten und wesentlichsten Aspekte eines bestimmten Phänomens zum Ausdruck bringen. Der erste Schritt besteht lediglich darin, ein Gefühl für ein Ding als einzelnes Objekt zu bekommen. Dies erweist sich jedoch als unmöglich und zwingt uns, tiefer in die Materie einzutauchen, indem wir innere Widersprüche aufdecken, die den Impuls für Bewegung und Veränderung geben, in denen die Dinge sich in ihr Gegenteil verkehren. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Nur durch das Erkennen dieser widersprüchlichen Tendenzen kann ein betrachtetes Objekt in seiner wahren, dynamischen Realität erkannt werden.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Hegels Grundidee war es, dass Entwicklung durch Widersprüche erfolgt, weshalb man die Dialektik auch als Logik des Widerspruchs bezeichnen kann. Während die traditionelle (formale) Logik Widersprüche zu beseitigen versucht, akzeptiert die Dialektik sie als normale und notwendige Elemente allen Lebens und aller Natur. Giordano Bruno, der italienische Philosoph, Astronom und Mathematiker des 16. Jahrhunderts, dessen Theorien die moderne Wissenschaft antizipierten und der dafür von der Inquisition zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt wurde, gab uns eine entzückende Definition der Dialektik, als er sie als la divina arte degli opposti („die göttliche Kunst der Gegensätze“) bezeichnete.</p>

<h3><strong>Evolution und Revolution</strong></h3>

<p class="wp-block-paragraph">In der Wissenschaft der Logik, insbesondere im Abschnitt über das Maß, erläutert Hegel seine Theorie der Knotenlinie der Entwicklung, in der eine Reihe kleiner, scheinbar unbedeutender Veränderungen schließlich einen kritischen Punkt erreichen, an dem es einen qualitativen Sprung gibt.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Insbesondere die Idee des Umschlags von Quantität in Qualität steht dabei im Mittelpunkt – eines der Grundgesetze der Dialektik.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Engels wies in seinem Anti-Dühring darauf hin, dass die Natur letztendlich dialektisch funktioniert. Die Fortschritte der Wissenschaft in den letzten hundert Jahren haben diese Behauptung vollauf bestätigt. Amerikanische Forscherinnen und Forscher stehen an der Spitze einiger der wichtigsten Entwicklungen in der modernen Wissenschaft. Ich denke insbesondere an die Arbeit von R.C. Lewontin im Feld der Genetik und vor allem an die Schriften des Evolutionsbiologen Stephen J. Gould.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Der genetische Unterschied zwischen Menschen und Schimpansen beträgt weniger als zwei Prozent, und wir teilen einen großen Teil unserer Gene mit Fruchtfliegen und noch primitiveren Organismen. Der letzte verzweifelte Gegenangriff der Kreationisten, die sich hinter dem Banner des „intelligenten Designs“ verstecken, wurde durch die bemerkenswerten Ergebnisse des Humangenomprojekts zerschmettert. Der zweiprozentige Unterschied, der uns von den anderen Primaten unterscheidet, ist jedoch ein qualitativer Sprung, der die Menschheit auf eine ganz andere und höhere Ebene hebt.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Geschichte und Natur kennen sowohl Phasen der Evolution – eine langsame, allmähliche Entwicklung – als auch solche der Revolution – einen qualitativen Sprung, bei dem der Prozess der Evolution enorm beschleunigt wird. Die Evolution bereitet den Weg für die Revolution, die wiederum den Weg für eine neue Periode der Evolution auf einer höheren Ebene bereitet.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Der amerikanische Physiker und Autor Mark Buchanan weist in seinem Buch „Ubiquity“ darauf hin, dass so unterschiedliche Phänomene wie Herzinfarkte, Lawinen, Waldbrände, Aufstieg und Niedergang von Tierpopulationen, Börsenkrisen, Verkehrsbewegungen und sogar Revolutionen in Kunst und Mode dem gleichen Grundprinzip unterliegen, das sich als mathematische Gleichung, bekannt als Potenzgesetz, ausdrücken lässt. Dies ist eine weitere bemerkenswerte Bestätigung des dialektischen Gesetzes des Umschlags von Quantität in Qualität.</p>

<h3><strong>Gesellschaft verstehen</strong></h3>

<p class="wp-block-paragraph">Schon bei oberflächlicher Betrachtung der Geschichte sehen wir, dass die menschliche Gesellschaft eine Reihe von Phasen durchlaufen hat und dass sich gewisse Prozesse in regelmäßigen Abständen wiederholen. So wie wir in der Natur den Umschlag von Quantität in Qualität sehen, so sehen wir auch in der Geschichte, dass lange Perioden langsamer, fast unmerklicher Veränderung durch Perioden unterbrochen werden, in denen der Prozess beschleunigt wird, und es dann auch zu qualitativen Sprüngen kommt.</p>

<p class="wp-block-paragraph">In der Natur können die langen Perioden langsamer Veränderung – Stasis – Millionen von Jahren dauern. Sie werden durch katastrophische Ereignisse unterbrochen, die unweigerlich mit dem Aussterben bisher dominanter Tierarten und dem Aufstieg anderer Arten einhergehen, die vorher unbedeutend waren, sich aber besser an die neuen Umstände anpassen können. In der menschlichen Gesellschaft spielen Kriege und Revolutionen eine so bedeutende Rolle, dass wir sie als Meilensteine betrachten, die eine historische Periode von einer anderen trennen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Es waren Marx und Engels, die zu der Erkenntnis kamen, dass die wahre Triebkraft der Geschichte die Entwicklung der Produktivkräfte ist. Das bedeutet nicht, wie die Gegner des Marxismus oft behaupten, dass Marx alles auf die Ökonomie reduziert hat. Es gibt viele andere Faktoren, die in die Entwicklung der Gesellschaft einfließen: Religion, Moral, Philosophie, Politik, Patriotismus, Stammesbündnisse etc. All dies bildet ein komplexes Netz sozialer Beziehungen, die ein reichhaltiges und verwirrendes Mosaik an Phänomenen und Vorgängen bilden.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Auf den ersten Blick scheint es unmöglich, die gesellschaftlichen Prozesse in dieser Komplexität fassen zu können. Dasselbe könnte man von der Natur oder gar dem Universum sagen. Dies hindert die Wissenschaft aber nicht daran, die verschiedenen Elemente gesondert zu behandeln, sie zu analysieren und zu kategorisieren. Warum sollten die Menschen über der restlichen Natur stehen und die einzige Gattung im ganzen Universum darstellen, die von der Wissenschaft nicht verstanden werden kann? Die Vorstellung selbst ist absurd und ist lediglich Ausdruck des brennenden Wunsches der Menschen, eine Art besondere Schöpfung zu sein, völlig getrennt von allen anderen Tieren und mit einer besonderen Beziehung zum Rest des von Gott geschaffenen Universums. Doch die Wissenschaft hat diese egozentrischen Illusionen gnadenlos zerstört.</p>

<h3><strong>Widersprüche in der Gesellschaft</strong></h3>

<p class="wp-block-paragraph">Die dialektischen Gesetze sind nicht auf die Natur beschränkt, sondern gelten auch im Bereich der menschlichen Gesellschaft, der Geschichte und der Ökonomie. Zu der Liste von Phasenübergängen, die in Büchern wie Ubiquity beschrieben werden, können wir auch Revolutionen hinzufügen, die Ausdruck des Kampfes zwischen den Klassen sind.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Im Kommunistischen Manifest erklären Marx und Engels, dass die Geschichte aller bisher existierenden Klassengesellschaften die Geschichte von Klassenkämpfen ist. Die Existenz von Klassengegensätzen droht die Gesellschaft auseinanderzureißen.</p>

<p class="wp-block-paragraph"><em>Doch</em>: So wie es im Atomkern Kräfte gibt, die verhindern, dass er auseinanderfliegt, so gibt es in der Gesellschaft eine ganze Reihe von Mechanismen, die einem ähnlichen Zweck dienen. Aber die bei weitem mächtigste von ihnen ist eine Kraft, die in Form von Tradition, Gewohnheit und Routine in den Köpfen der Menschen selbst wirkt und ein wichtiges Element der Trägheit in der Gesellschaft darstellt.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die meisten Menschen mögen keine Veränderungen. Sie fürchten jede Störung der bestehenden Ordnung, die ihnen wie ein Sprung ins Unbekannte erscheint. Die meisten Menschen werden mit außergewöhnlicher Hartnäckigkeit an althergebrachten Ideen, Vorurteilen, religiösen Überzeugungen sowie den herkömmlichen politischen Parteien und Führungen festhalten. Keine andere Kraft wirkt so stark im Sinne der Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung. Aber wie alles andere in der Natur kann diese wirksame Trägheit die Dinge nur bis zu einem gewissen Grad zusammenhalten.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Unter der scheinbar ruhigen Oberfläche brodelt es. Unzufriedenheit, Wut, Verbitterung und Frustration ergeben ein explosives Gemisch, das danach strebt, einen Ausdruck zu finden. Früher oder später wird der Punkt erreicht sein, an dem Quantität in Qualität umschlägt.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Wir können den gleichen Prozess bei jedem Streik beobachten. In einem Arbeitskampf verändern sich auch die Menschen, die daran teilnehmen. Arbeiterinnen und Arbeiter, die in der Vergangenheit immer apathisch und passiv waren, werden plötzlich aktiv und überraschen nicht selten gerade diejenigen, die sich sonst gerne als die Fortschrittlichen sehen. In den Worten der Bibel gesprochen: „So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten.“ Dieser Satz ist eine äußerst dialektische Feststellung!</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Widersprüche innerhalb der Gesellschaft – der Klassenkampf – bestehen in der einen oder anderen Form und mit mehr oder weniger starker Intensität fort, bis ein kritischer Punkt erreicht ist. An dieser Stelle treten bestimmte Symptome auf, die die Unmöglichkeit aufzeigen, wie bisher weiterzumachen: Die herrschende Klasse ist gespalten und kann nicht mehr auf die alte Weise regieren; die Massen treten in Aktion, um die bestehende Ordnung herauszufordern; die Mittelschichten schwanken zwischen Revolution und Reaktion. All diese Symptome deuten auf eine bevorstehende drastische Veränderung hin.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Der Umschlag von Quantität in Qualität erfolgt entweder durch einen externen Schock oder durch das Vorhandensein eines Katalysators. Wir sehen genau den gleichen Prozess in einer Revolution.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Aus marxistischer Sicht ist der Sozialismus unvermeidlich, und zwar in dem Sinne, dass der Kapitalismus sein Potenzial zur Entwicklung der Gesellschaft und zur Förderung der Kultur und der Zivilisation ausgeschöpft hat. Indem der Kapitalismus die Produktivkräfte auf das gegenwärtige Niveau gehoben hat, hat er die Basis für die nächste logische Stufe gelegt, nämlich die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, die Überwindung des Privateigentums und des Nationalstaates.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Dieser Prozess kann durch eine Reihe von Faktoren beschleunigt oder verzögert werden, nicht zuletzt durch den subjektiven Faktor. Es wird viele Möglichkeiten für die Arbeiterklasse geben, die Macht in ihre Hände zu nehmen. Doch das bloße Vorhandensein einer Möglichkeit bedeutet nicht unbedingt, dass das Potenzial realisiert wird. Das hängt vom konkreten Handeln der Menschen, ihrer Kampfbereitschaft und der Qualität ihrer Führung ab.</p>

<h3><strong>Philosophie und Revolution</strong></h3>

<p class="wp-block-paragraph">Was die genetische Information für den menschlichen Körper, ist in der revolutionären Partei die marxistische Theorie. Die Partei, auch wenn sie klein ist, kann nur wachsen, wenn sie die notwendige Qualität aufweist. Wenn sie saubere Arbeit leistet und sich ihr die notwendigen Möglichkeiten bieten, wird sie wachsen und sich entwickeln. Qualität wird in Quantität umgewandelt, aber Quantität wiederum wird ab einem gewissen Punkt in eine neue Qualität umschlagen. Unter bestimmten Bedingungen kann eine Massenpartei zu einem Faktor werden, und ihr Handeln kann dann breite Massen beeinflussen. Dann wird sie in eine Position kommen, wo es darum geht, die Massen zum Sieg zu führen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Geschichte der bolschewistischen Partei ist in dieser Hinsicht sehr aufschlussreich. Keine andere Partei in der Geschichte hat in so kurzer Zeit einen so großen Erfolg erzielt und die ursprünglich winzigen und isolierten Gruppen marxistischer Kader in eine Massenpartei verwandelt, die in der Lage war, die größte soziale Revolution der Geschichte durchzuführen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Lenin und Trotzki haben der revolutionären Theorie immer eine enorme Bedeutung beigemessen und auf dieser Grundlage Perspektiven, Taktiken und Strategien ausgearbeitet. Diese ernsthafte Herangehensweise war letztendlich das Geheimnis ihres Erfolgs. Von Anfang an pochte Lenin auf die Schlüsselrolle, die Theorie einnimmt. Schon in „Was tun?“ schrieb Lenin:</p>

<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben. Dieser Gedanke kann nicht genügend betont werden in einer Zeit, in der die zur Mode gewordene Predigt des Opportunismus sich mit der Begeisterung für die engsten Formen der praktischen Tätigkeit paart.“</em></p>

<p class="wp-block-paragraph">Die wesentliche Bedeutung der dialektischen Methode als wissenschaftliche Grundlage für jede revolutionäre Praxis hat Trotzki in seiner Autobiographie „Mein Leben“ auf brillante Weise erläutert:</p>

<p class="wp-block-paragraph"><em>„Später wurde das Gefühl der Überlegenheit des Ganzen über das Detail ein unzertrennliches Stück meines schriftstellerischen Schaffens und meiner politischen Betätigung. Der stumpfsinnige Empirismus, das Anbeten des mitunter nur eingebildeten oder falsch verstandenen Faktums waren mir verhaßt. Ich suchte für die Fakten Gesetze. […] Auf allen Gebieten ohne Ausnahme konnte ich mich nur dann frei bewegen und handeln, wenn ich den Faden des Ganzen in der Hand hielt. Der sozialrevolutionäre Radikalismus, der die geistige Achse meines ganzen Lebens werden sollte, ist gerade aus dieser intellektuellen Feindschaft zu der Brockenrafferei, zum Empirismus, zu allem geistig Umgeformten und theoretisch Zerfahrenen erwachsen.“</em></p>

<p class="wp-block-paragraph">Dieser „stumpfsinnige Empirismus, das Anbeten des mitunter nur eingebildeten oder falsch verstandenen Faktums“ ist, wie Trotzki betont, die philosophische Grundlage des Reformismus, der sich durch die feige Unterordnung unter „die Fakten des Lebens“ auszeichnet und der Politik stets als „die Kunst des Möglichen“ konzipiert. Die ernsthafte Herausforderung der herrschenden Ordnung wird als unmöglich, als utopischer Traum oder als gefährliches Abenteurertum angesehen. Demgegenüber unternimmt der Marxismus eine wissenschaftliche Analyse des Status quo, die unter die Oberfläche der „Fakten“ eindringt, um die verborgenen Widersprüche aufzudecken, die schließlich dazu führen werden, dass sich das, was stabil, solide und unveränderlich erscheint, in sein Gegenteil verkehrt.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Marx und Engels sagten, dass die Menschheit vor zwei Alternativen stehe: Sozialismus oder Barbarei. Die Elemente der Barbarei sehen wir bereits, und zwar nicht nur in den sogenannten Entwicklungsländern, wo Millionen von Menschen gezwungen sind, unter alptraumhaften Bedingungen von Armut, Hunger, Krankheit und Krieg zu leben, sondern auch in den sogenannten hochentwickelten kapitalistischen Ländern.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Das Ziel der Marxistinnen und Marxisten ist die sozialistische Transformation der Gesellschaft – und das weltweit. Wir sind der Ansicht, dass sich der Kapitalismus längst überlebt hat und sich in ein repressives, ungerechtes und unmenschliches System verwandelt hat. Das Ende der Ausbeutung und die Errichtung einer harmonischen sozialistischen Weltordnung, die auf einem rationalen und demokratisch erarbeiteten Wirtschaftsplan beruht, wird der erste Schritt zur Schaffung einer neuen und höheren Gesellschaftsform sein, in der wir uns als wirklich freie Menschen verstehen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Philosophie in der modernen Epoche muss der großen Aufgabe dienen, die Arbeit der sozialistischen Revolution zu erleichtern, falsche Ideen zu bekämpfen und die wichtigsten Erscheinungsformen unserer Zeit rational zu erklären und so den Boden für einen grundlegenden Wandel in der Gesellschaft aufzubereiten. Mit den berühmten Worten von Karl Marx:</p>

<p class="wp-block-paragraph"><strong><em>„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an sie zu verändern!“</em></strong></p>

<h3><strong>Leseliste</strong></h3>

<p class="wp-block-paragraph"><em>Um die marxistische Philosophie besser zu verstehen, empfehlen wir folgende Texte:</em></p>

<ul class="wp-block-list">
<li>Rote Reihe Nr. 41: Marxistische Philosophie</li>

<li>Friedrich Engels: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft</li>

<li>Friedrich Engels: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der Klassischen Deutschen Philosophie</li>

<li>Friedrich Engels: Anti-Dühring</li>

<li>Alan Woods: Geschichte der Philosophie</li>
</ul>
								</div>
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			</item>
		<item>
		<title>Warum wir eine revolutionäre Philosophie brauchen</title>
		<link>https://derkommunist.de/warum-wir-eine-revolutionaere-philosophie-brauchen-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Yola Kipcak]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 11 Jan 2025 08:00:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Bildungsmappe DiaMat]]></category>
		<category><![CDATA[Dialektischer Materialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
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<p class="wp-block-paragraph">Wenn man von Philosophie spricht, assoziieren die meisten Menschen damit ein realitätsfernes Spekulieren. „Philosophieren“ ist quasi synonym mit dem fruchtlosen Zeitvertreib, sich irrelevante Gedanken über „Gott und die Welt“ zu machen. Und für jene Ideen, die heute in der Philosophie dominieren, ist das auch durchaus zutreffend</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gerade weil die Welt widersprüchlich ist, kommt man mit oberflächlichen Erklärungen und Eindrücken nicht sehr weit. Wir sehen in den letzten Jahren, wie das „Altbekannte“ und Vertraute vor unseren Augen zerbröckelt. Die traditionellen Parteien, die Kirche, die bürgerliche Demokratie, der Sozialstaat – all das wird nach jahrelangen Krisenerfahrungen, Sparmaßnahmen und immer wieder gebrochenen Versprechen hinterfragt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut einer&nbsp;<a href="https://www.ogm.at/2021/07/30/ogm-vertrauensindex-institutionen-juli-2021/">OGM-Umfrage</a>&nbsp;vom Juli 2021 „genießen“ wesentliche Säulen der bürgerlichen Gesellschaft in Österreich vor allem Misstrauen: Versicherungen -23% Vertrauen, Medien -20%, katholische Kirche -19%, Regierung -17%, Banken -13%, Industriellenvereinigung -9% usw. Allein scheinbar neutrale oder für „Sicherheit“ bekannte Institutionen können einen deutlich positiven Wert erreichen, also genießen von einer größeren Mehrheit der Bevölkerung das Vertrauen (Polizei +53%, Verfassungsgerichtshof +45%, Arbeiterkammer +44%…).</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Die harten Erfahrungen, die Menschen Anfang 20 in den letzten zwei Jahren gemacht haben, führen laut Politikwissenschaftern wahrscheinlich zu einer – potenziell dramatischen – Radikalisierung ihrer Weltsicht,“ sorgt sich die „<a href="https://www.ft.com/content/0960efc6-4220-4172-8961-c94bb6efcbf8">Financial Times</a>“ und verweist auf eine Studie der Cambridge Universität, nach der der Glaube an das demokratische System bei 18-34-Jährigen schon vor der Pandemie den tiefsten Abfall der Geschichte verzeichnete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleichzeitig sahen wir eine Reihe von inspirierenden Massenbewegungen rund um den Globus, über die&nbsp;<a href="https://derfunke.at/11492-thesen-der-imt-zur-klimakrise">Klimabewegung</a>,&nbsp;<a href="https://derfunke.at/11420-aufstaendische-wut-fegt-ueber-die-usa">Black Lives Matter</a>, Aufstände in&nbsp;<a href="https://derfunke.at/11246-el-pueblo-unido-2-0-die-chilenische-revolution-hat-begonnen">Chile</a>&nbsp;(2019), dem&nbsp;<a href="https://derfunke.at/11118-sudan-massenbewegung-stuerzt-diktator">Sudan</a>(2019), einen Kampf gegen Militärdiktaturen (<a href="https://derfunke.at/1837-die-arabische-revolution-manifest-der-internationalen-marxistischen-stroemung-adv-9">Arabische Revolution</a>&nbsp;2011-13,&nbsp;<a href="https://derfunke.at/11666-myanmar-fuer-den-sturz-der-militaerdiktatur">Myanmar 2021</a>) und neue linke Massenphänomene wie der Linksruck in der britischen&nbsp;<a href="https://derfunke.at/10301-jeremy-corbyn-politisches-erdbeben-erschuettert-britisches-establishment">Labour Party unter Jeremy Corbyn</a>. Doch diese Bewegungen ebbten ab, schlugen in Konterrevolution und Rechtsruck um. Die Polarisierung nach rechts mit Politikern wie Trump oder einem zunehmenden Rassismus sind ebenso Teil der Gegenwart.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lässt man sich von temporären Erscheinungen und Eindrücken hinreißen und verabsolutiert diese, ohne die dahinterliegenden Prozesse zu erkennen, führt das zu einem politischen Zick-Zack-Kurs und Verwirrung: Ohne einem klaren Kompass, mit dem man durch die widersprüchliche Gegenwart steuern kann, wechseln sich Euphorie und Demoralisierung in einem manisch-depressiven Politikzyklus ab. Genau deshalb benötigen wir als Revolutionäre ein stabiles, philosophisches Fundament.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die marxistische Philosophie, der dialektische Materialismus, analysiert die objektive Realität und begreift sie in ihrer Bewegung. Wir schauen unter die Oberflächensymptome und betrachten die darunterliegenden Entwicklungstendenzen – und in welche Richtung sie zeigen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Materialismus</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Marxismus ist materialistisch, d.h. wir erkennen an, dass die materielle, objektive Realität die Basis ist, auf der unsere gesellschaftlichen Lebensformen, Ideen und Moralvorstellungen entstehen: Das Sein bestimmt das Bewusstsein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kampf um unser Überleben, die Art wie wir produzieren, um Leben zu können, bestimmt, welche Ideen wir entwickeln und wissenschaftlichen Erkenntnisse wir gewinnen können. Beispielsweise wäre es auch dem größten Genie in der Urzeit unmöglich gewesen, ein Virus wie SARS-CoV2 zu untersuchen, geschweige denn eine Impfung dagegen zu entwickeln. Auf dieser Basis kann der Marxismus daher auch feststellen, dass der Klassenkampf – der Kampf zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten darüber, unter welchen Bedingungen wir produzieren – der Motor der Geschichte ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Damit stellt sich der Marxismus in die philosophische Tradition des Materialismus – und gegen den Idealismus, der davon ausgeht, dass die menschlichen Ideen die Entwicklung der Gesellschaft und Geschichte bestimmen. Diese Vorstellung, dass letztendlich der „Geist“ das Primäre ist, läuft schlussendlich immer auf die Vorstellung eines Gottes hinaus. Auch wenn heutige Idealisten sich oft als atheistisch verstehen, lässt ihre Philosophie keinen anderen Schluss zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dennoch ist es nicht so, wie es dem Marxismus oft fälschlicherweise untergeschoben wird, dass die Wirtschaft das einzig bestimmende Element der Entwicklung ist. Im Gegenteil: Ideen sind hochrelevant dafür, wie Menschen die Welt um sich begreifen und verändern können. Doch, das ist der Punkt, sie sind „Produkte ihrer Zeit“ und können sich nicht über die materiellen Bedingungen hinwegsetzen. Ideen spielen eine wichtige Rolle, aber revolutionäre, vorwärtstreibende Ideen können nur dann „realisiert“ werden, wenn sie der Richtung der historischen Entwicklung entsprechen, oder, wie das geflügelte Zitat von Victor Hugo lautet, wenn „ihre Zeit gekommen ist“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ideen spiegeln letztlich gesellschaftliche Kräfte wider. Allgemein gesehen sind die herrschenden Ideen einer Zeit die Ideen der herrschenden Klasse – sie sind das ideologische, moralische Unterfutter ihrer Herrschaft. So waren der Katholizismus und die Kirche eine wichtige Rechtfertigung für die Herrschaft von Königen und Fürsten im Feudalismus. Doch im Schoß dieser alten Gesellschaftsordnung entwickelten sich die Widersprüche und die Anfänge einer neuen Produktionsweise entstanden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Aufstieg des Bürgertums führte zu einer enormen Entwicklung des menschlichen Denkens und des Materialismus, der im 17. Jahrhundert in Großbritannien durch Francis Bacon neu geboren wurde und dem französischen Materialismus des 18. Jahrhundert den Weg bereitete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Materialismus und Rationalismus der Aufklärung waren die Ideengeber für die Französische Revolution, die ihr ein theoretisches Fundament, Forderungen und Ziele gaben. Sie riefen die „Vernunft“ aus gegen den Aberglauben und die Irrationalität der Kirche und des Klerus. Diese großen Denker gehören zu unserem revolutionären, philosophischen Erbe. Und wie auch die bürgerliche Revolution ihre ideologischen und theoretischen Vorreiter und Wegbereiter gebraucht hat, braucht auch die sozialistische Revolution ihr festes, philosophisches Fundament.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der englische und französische Materialismus des Bürgertums wollte streng naturwissenschaftlich nur Fakten und Daten gelten lassen und unterzog sämtliche natürliche und gesellschaftliche Phänomene einer rigiden Untersuchung. Es sollte eine widerspruchsfreie, klare Darstellung der Welt gefunden werden. Doch dieser Anspruch führte auch zu einer starren, mechanischen Überbetonung. Die reale Welt funktioniert nicht wie ein mechanischer Apparat mit ewig bestehenden, distinktiven Einzelteilen, die wie ein Uhrwerk in einem ewigen Kreislauf zusammenwirken. Wer hat dieses Uhrwerk schließlich in Bewegung gesetzt? Wie kann aus Ruhe Bewegung entstehen? Diese Fragen kann der mechanische, metaphysische Materialismus nicht erklären und verknöchert somit – zum Idealismus!</p>



<h3 class="wp-block-heading">Dialektik und die Widersprüche des Kapitalismus</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Realität ist ständiger Veränderung und Entwicklung unterzogen und permanent in Bewegung. Und jede Bewegung ist im Grunde ein Widerspruch in sich.<br>Genau um die Widersprüchlichkeit der Welt und die Prozesse, die in ihr vorgehen, zu erfassen, braucht man daher die Dialektik, die nichts anderes ist als die „Logik der Bewegung, Entwicklung, Evolution“ (Trotzki, Über dialektischen Materialismus). Deren Gesetze beschrieb Engels als „die allgemeinsten Gesetze (…) der geschichtlichen Entwicklung sowie des Denkens selbst.“ (Dialektik der Natur)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man kann nun berechtigterweise fragen: Was hat das mit meinem realen Leben und mit dem Verständnis des Kapitalismus zu tun?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die kapitalistische Klassengesellschaft ist ein widersprüchliches System. Einerseits produzieren wir tagtäglich gesellschaftlich an gemeinsamen Arbeitsplätzen, stellen unsere Produkte kollektiv über die ganze Welt verteilt her und sind in jedem einzelnen Lebensakt voneinander abhängig: Das Haus in dem ich wohne, das Essen, das ich verzehre, das Wissen das ich mir aneigne, all das sind Ergebnisse von gemeinschaftlicher, menschlicher Arbeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch die Früchte dieser Arbeit, die Waren, die Produkte und die Profite eignet sich eine kleine Minderheit an Kapitalisten an, die die Arbeiterklasse ausbeutet. Die Konkurrenz zwischen einzelnen Kapitalisten, ihren Nationalstaaten und verschiedenen Sektoren in der Anarchie des „freien Marktes“ erzeugen permanent Ungleichheit und Krisen. Die Ursachen unserer Probleme sind gesellschaftlich – doch sie werden ständig individualisiert: weil „du“ keinen Job findest, weil „du“ im falschen Land geboren bist, weil „du“ nicht genug leistest; das ist die allgegenwärtige Entfremdung im Kapitalismus und erzeugt das Gefühl von Machtlosigkeit gegenüber dem System.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In wirtschaftlichen Aufschwungsphasen werden die Widersprüche des Kapitalismus abgemildert. Ein Sozialstaat, Zugang zu Bildung und stabile Zukunftsperspektiven zeichneten im Westen das Leben der Nachkriegsgeneration aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch der Kapitalismus folgt heute einer Abwärtstendenz; er befindet sich im Niedergang. Die Unterordnung der Gesellschaft unter das Profitinteresse der Herrschenden erzeugt Kriege, Hunger und Umweltzerstörung. Die Vereinten Nationen&nbsp;<a href="https://www.welthungerhilfe.de/aktuelles/publikation/detail/faktenblatt-hunger/">schätzen</a>, dass 2020 weltweit zwischen 720 und 811 Millionen – das ist jeder 10. Mensch – hungerten. Die Kluft zwischen Arm und Reich&nbsp;<a href="https://www.oxfam.de/system/files/2020_oxfam_ungleichheit_studie_deutsch_schatten-der-profite.pdf">erreicht historisch beispiellose Ausmaße</a>; 1 Prozent der Menschheit gehören 45% des globalen Vermögens.&nbsp;<a href="https://science.orf.at/stories/3208437/">Naturkatastrophen nehmen indes rasant zu</a>. Zwischen 2000-9 waren es fünfmal so viele, wie in den 1970er Jahren. Das&nbsp;<a href="https://hiik.de/wp-content/uploads/2021/05/ConflictBarometer_2020_2.pdf">Konfliktbarometer</a>&nbsp;des&nbsp;<em>Heidelberg Institute for International Conflict Research</em>&nbsp;zählte 2020-21 „full-scale“ Kriege (+6 in einem Jahr). Das sind heute die prägnantesten Ausdrücke eines Systems, dass den Zenit überschritten hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine zentrale Aussage der Dialektik ist, dass früher oder später alles in sein Gegenteil umschlägt. Dies lässt sich eindrücklich an den einst fortschrittlichen Ideen der Bürgerlichen darstellen. Denn die „Vernunft“ und die „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“, die Schlachtrufe der aufstrebenden Bourgeoisie, sind heute nichts als hohle Phrasen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt steigenden Unmut und Zorn. Es gibt ein wachsendes Bewusstsein darüber, dass das System gänzlich verrottet ist und die Welt vollständig umgekrempelt werden muss. Viele Menschen verspüren ein brennendes Bedürfnis, die gegenwärtigen Zustände zu zerschlagen und die permanente Zerstörung des Planeten und unseres Lebens nicht länger hinzunehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Strategen der herrschenden Klasse beobachten das mit zunehmendem Unwohlsein. Auf der einen Seite verdammen bürgerliche Kommentatoren die Polarisierung in der Gesellschaft und Politiker, die diese schüren (Trump, Bolsonaro, Johnson, etc.). Doch ihr Ruf nach einer (klassenübergreifenden) „Vernunft“ verhallt ungehört. Denn die Herrschenden, die sich sehnlichst nach der „Mitte“ und der „Vernunft“ sehnen, sind gleichzeitig zunehmend darauf angewiesen, das wachsende Gefühl der Solidarität, des Klassenkampfs und des Widerstands zu unterbinden, indem sie Spaltung bewusst schüren und die Polarisierung befeuern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Österreich spiegelt sich das in der Marginalisierung der „sozialpartnerschaftlichen“ Schwarzen in der ÖVP und dem Aufstieg des Slim-Fit-Raiffeisen-Posterboys Sebastian Kurz und seiner Clique wider. Permanente Sündenbock-Mentalität, Schimpfen über Ausländer, Migranten, Flüchtlinge und Sozialschmarotzer werden in der Regierungs-PR abgespult und der Kanzler erklärt, die Pandemie sei ab sofort „individuelle“ Verantwortung. Dass rassistische Vorurteile auch in der Arbeiterklasse Anklang finden, ist Ausdruck der momentanen Individualisierung und kein Urteil über eine angeblich unverbesserliche „menschliche Natur“. Diese Spaltungsmechanismen werden zurückgedrängt, sobald sich die Arbeiterklasse kollektiv in Bewegung setzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während der Kapitalismus also einerseits das Gewebe der Gesellschaft zerreißt und das Altbekannte und Vertraute ständig untergräbt, schafft er andererseits die Basis für den kollektiven Kampf der Arbeiterklasse gerade gegen das kapitalistische System. Die Krise des Kapitalismus lässt sich nicht mit PR-Gags wegmanipulieren.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kleinbürgerlicher Utopismus und subjektiver Idealismus</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Empiriker, die nur Momentaufnahmen und oberflächliche Symptome sehen, erkennen diesen tief revolutionären Prozess nicht. Sie verabsolutieren einzelne Aspekte der Gegenwart, können ihre Ursachen und ihren Prozess nicht erklären, geschweige denn einen Ausweg aufzeigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Pessimismus durchdringt das Kleinbürgertum, das angesichts der Aussichtslosigkeit seiner eigenen Existenz, zerrieben zwischen den großen Klassen der Gesellschaft, unwillkürlich zu trübseligen Schlussfolgerungen kommt. Doch dieser triefende Pessimismus hat nun auch immer mehr in der herrschenden Klasse selbst die frühere Ideologie der „Weitsicht“ und „Vernunft“ verdrängt: Die Bourgeoisie hat heute zu Recht nur düstere Perspektiven für ihr eigenes System vor Augen und stützt sich immer mehr auf eine Ideologie, die diese düsteren Perspektiven so weit wie möglich verallgemeinert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch innerhalb der Linken finden kleinbürgerliche Vorstellungen eine große Anhängerschaft. Diejenigen, die „linke“ Antworten suchen, jedoch die marxistische Philosophie und die daraus fließende Klassenanalyse der Gesellschaft ablehnen, suchen ihre Antworten in eben dieser kleinbürgerlichen Philosophie des subjektiven Idealismus. Denis Diderot, ein französischer Materialist des 18. Jahrhunderts, beschrieb diesen subjektiv-idealistischen Zugang so:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Idealisten werden diejenigen Philosophen genannt, die nur ihre eigene Existenz und die Existenz der Empfindungen, die sich in ihnen selbst abspielen, und nichts anderes anerkennen. Ein extravagantes System, das seine Entstehung, wie mir scheint, nur Blinden zu verdanken haben kann!“ (Brief für die Blinden zum Gebrauch für die Sehenden, zitiert in: Materialismus und Empiriokritizismus von Lenin)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Den Schrecken des Kapitalismus sehen subjektive Idealisten nicht in seinen Klassenwidersprüchen, sondern in der „rechten Ideologie“ seiner VertreterInnen begründet. Sie wollen daher Ideen mit Ideen begegnen. Sie wollen neue Geschichten erzählen („Narrative konstruieren“), rufen nach „echter“ Demokratie, Menschenrechten und Gleichberechtigung, an die sich die Herrschenden bitte halten mögen. Ein leuchtendes Beispiel ist der kürzliche Auftritt Alexandria Ocasio-Cortez‘ (AOC), Gallionsfigur der „Linken“ innerhalb den US-Demokraten, die ein Ballkleid mit der Aufschrift „Tax the Rich“ zur Met-Gala mit 35.000$ Eintrittstickets trug.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Linken können sich eine Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung nicht vorstellen und sind von einem tiefen Pessimismus befallen. „Ich bin ganz und gar nicht der Meinung (…) dass es jetzt an der Zeit sei, zur traditionellen linken Politik, also zur Klassenpolitik zurückzukehren“,&nbsp;<a href="https://mosaik-blog.at/linkspopulismus-mouffe-kulturpolitik/">erklärt</a>&nbsp;etwa die prominente Verfechterin eines sogenannten Linkspopulismus, die belgische Akademikerin Chantal Mouffe. Und weiter: „Ich war nie davon überzeugt, dass die Pandemie ein Fenster für progressive Politik öffnen würde. Und heute bin ich eher pessimistisch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der sich radikal gebende philosophische subjektive Idealismus, der nicht weiter als bis zur eigenen Nasenspitze sieht, ist letztlich nur der Zwilling der klassisch-bürgerlichen Ideen – in der Praxis landen beide stets auf der gleichen Seite der Barrikade. Linksliberale Forderungen, losgelöst vom Klassenkampf, sind weit davon entfernt die Profitgier der Reichen zu stoppen. Sie werden als symbolpolitisches Zugeständnis von den KapitalistInnen aufgesogen und in ihrem Interesse verwirklicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So die Forderung der CO2-Steuer der Klimabewegung, die nun als protektionistische Zollpolitik gegen feindliche Wirtschaftsblöcke (v.a. China) implementiert wird und die Kosten für völlig unzureichende, kosmetische Umweltmaßnahmen den Massen aufhalsen soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So der Ruf nach „Demokratie“ und „Schutz von Frauen und Kindern“ in Afghanistan, wo die Taliban als das „kleinere Übel“ akzeptiert werden, um zumindest „NGO-Hilfsgelder wieder ins Land fließen“ zu lassen. So der Appell nach Repräsentanz von Frauen oder Minderheiten in Regierungen und Aufsichtsratsposten – der zwar die Wiener Polizei auf Twitter mit Sternchen gendern lässt, die systematische Unterdrückung der Frau aber weiterhin völlig unangetastet lässt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gerade daran sieht man deutlich, wie eine idealistische philosophische Basis in der Praxis zum Spielball nicht nur der Herrschenden wird, sondern auch ReformistInnen, die jedes Vertrauen in die Arbeiterklasse verloren haben und sich in Hoffnung an die Klassenzusammenarbeit mit den Herrschenden klammern, in die Hände spielt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist eine Philosophie der Rechtfertigung des Bestehenden. Und das gerade in einer Zeit, in der der Kapitalismus gebrechlicher und instabiler nicht sein könnte!</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Praxis waren es genau diese Ideen und ihre VerfechterInnen, die die zahlreichen Massenbewegungen der letzten Jahre in eine Sackgasse geführt haben. Sie stellten in entscheidenden Momenten die Machtfrage nicht und forderten die KapitalistInnen nicht heraus. In Chile wurde aus der Forderung der Sturz des Milliardärs-Präsidenten („Piñera raus!“) ein Dialog um eine verfassungsgebende Versammlung; die Black Lives Matter Bewegung, bei der Polizeistationen unter Applaus der Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung angezündet wurden und die die Abschaffung der Polizei forderte, ging in einem „geringeres-Übel-Wahlkampf“ für den Kriegstreiber Joe Biden auf. Fridays for Future weigerte sich, „politisch“ zu sein und aus „system change, not climate change“ wurden sie zur Marionette einer grün-kapitalistischen Fraktion der Bourgeoisie.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Individuum und Masse</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Rückschläge sind jedoch, wenn man einen weiteren Blick auf die Gesellschaft wirft, nur temporär. Es sind Erfahrungen, aus denen die Massen wichtige Lehren ziehen werden und zunehmend erkennen, was nützliche Ideen sind und welche Strategien in eine Sackgasse führen. Zweifellos sind solche Phasen der Ebbe im Klassenkampf begleitet von einem Gefühl der Unruhe, der Demoralisierung gewisser Schichten der Arbeiterklasse und der Vereinzelung. Die Aspekte der „Zerstörung“ des Alten überschatten für eine Zeit das revolutionäre Potenzial, das indes unter der Oberfläche weiter geschürt wird. Wir erleben Phasen, in denen die Individualisierung von Problemen, Gefühle der Einsamkeit und Ohnmacht überhandnehmen und Elemente der gesellschaftlichen Barbarei, wie Rassismus und spiritueller Obskurantismus Zulauf gewinnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn wir heute am Arbeitsplatz um uns schauen und befinden, dass die KollegInnen passiv und apathisch sind, darf man jedoch nicht in die Falle tappen, diese temporäre Phase zu verabsolutieren. Denn wir wissen, dass die grundlegenden Widersprüche nicht gelöst sind – und dass die unterirdischen Prozesse, die sich anstauende Unzufriedenheit, sich ihren Weg an die Oberfläche bahnen werden! Trotzki schrieb dazu folgende Worte, die wir nur vollständig unterstreichen können:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Idealisierung der Massen liegt uns fern. Wir haben sie unter verschiedenen Bedingungen, in verschiedenen Epochen und außerdem in den schwersten politischen Erschütterungen gesehen. Wir haben ihre starken und schwachen Seiten kennengelernt. Ihre starken Seiten: Entschlossenheit, Opfergeist, Heroismus, haben immer in Zeiten revolutionären Aufschwungs ihren klarsten Ausdruck gefunden. In dieser Periode standen die Bolschewiken an der Spitze der Massen. Danach begann ein anderes Kapitel der Geschichte, das die schwachen Seiten der Unterdrückten an die Oberfläche spülte: Ungleichartigkeit, Mangel an Kultur, ein zu beschränkter Gesichtskreis. (…)</p>



<p class="wp-block-paragraph">In diesen gewaltigen Ereignissen lernten die ‚Trotzkisten‘ den Rhythmus der Geschichte, d.h. die Dialektik des Klassenkampfes. Sie lernten auch, und, wie es scheint, bis zu einem gewissen Grade mit Erfolg, wie sie ihre subjektiven Pläne und Programme diesem objektiven Rhythmus unterzuordnen haben. Sie lernten, nicht an der Tatsache zu verzweifeln, daß die Gesetze der Geschichte weder von ihrem persönlichen Geschmack abhängen, noch ihren Moralkriterien untergeordnet sind. Sie lernten, ihre persönlichen Wünsche den Gesetzen der Geschichte unterzuordnen. Sie lernten, sich auch von den mächtigsten Feinden nicht schrecken zu lassen, wenn deren Macht im Widerspruch zu den Gesetzen der historischen Entwicklung steht. Sie verstehen es, gegen den Strom zu schwimmen in der tiefen Gewißheit, daß die neue historische Flut sie an das andere Ufer tragen wird.“ (Ihre Moral und unsere)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die gleichen KollegInnen, die noch heute jammern und rassistischen Vorurteilen anhängen, können in Zukunft entschlossene KlassenkämpferInnen werden. Das menschliche Bewusstsein ist konservativ und hält, solange es tragbar ist, am altbekannten Trott fest. Doch die menschliche Natur ist nichts Unveränderliches und auch dieser Trott wird ins Gegenteil umschlagen und das Bewusstsein mit einem Schlag zu den objektiven Notwendigkeiten aufholen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Aufgabe des Marxismus ist es, die geduldige Vorarbeit zu leisten, sodass wir uns genau auf diese Situationen des Klassenkampfes und Umschwungs vorbereiten. Engels spricht von den drei Seiten des Klassenkampfes: der „theoretischen, der politischen und der praktisch-ökonomischen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Aufgabe der marxistischen Philosophie ist es, den alten Schutt der bürgerlichen Ideen zu beseitigen und den Weg freizuräumen, für jene Ideen, die tatsächlich den Bestrebungen der Massen einen Weg aufzeigen. Diese wichtige Aufgabe verkürzt die schmerzliche Erfahrung des Abtestens von idealistischen, bürgerlichen und reformistischen Ansätzen in Bewegungen und ihrem Scheitern. Dem Druck dieser Ideen nachzugeben, bedeutet, sich die alten, überholten Ideen zum eigenen Problem zu machen. Mit dem Niedergang der alten Gesellschaft und ihrer Ideen wird man mit in den Sumpf des Pessimismus und der Niederlagen gezogen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die marxistische Theorie schult uns im Verständnis über die tieferliegenden Prozesse und die weitreichende Instabilität des Kapitalismus. Die Richtung der historischen Entwicklung ist klar: Der Kapitalismus steckt in seiner tiefsten Krise zumindest seit den 1930er Jahren – egal, was die Bourgeoisie macht, sie manövriert sich nur tiefer in ihre eigenen Widersprüche. Die Arbeiterklasse ist zahlenmäßig so stark wie noch nie in der Geschichte und in den letzten Jahren haben ArbeiterInnen und die Jugend sich in Bewegung gesetzt, um deutlich „Nein“ zu den Zumutungen des Systems zu sagen. Doch „Nein“ zu sagen, ist nicht genug, um das schlummernde Potenzial zu verwirklichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es braucht eine positive Antwort, wie der Kapitalismus überwunden werden kann. Und diese Antwort kann der Marxismus liefern: die marxistische Theorie ist die verallgemeinerte Erfahrung der Geschichte, mit denen wir die kommenden Bewegungen zum Sieg führen können.</p>
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		<title>Was ist Dialektischer Materialismus?</title>
		<link>https://derkommunist.de/was-ist-dialektischer-materialismus/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Rob Sewell]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 11 Jan 2025 08:00:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Bildungsmappe DiaMat]]></category>
		<category><![CDATA[Dialektischer Materialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Brauchen wir eine Philosophie? Für all jene, die sich noch nicht näher mit marxistischer Philosophie auseinandergesetzt haben, erscheint sie zuerst als ein schwieriges und obskures Konzept. Jene jedoch, die sich [&#8230;]</p>
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<h3 class="wp-block-heading">Brauchen wir eine Philosophie?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Für all jene, die sich noch nicht näher mit marxistischer Philosophie auseinandergesetzt haben, erscheint sie zuerst als ein schwieriges und obskures Konzept. Jene jedoch, die sich genauer mit dieser neuen Art die Welt zu sehen befassen, werden mit einem revolutionären Blick auf die scheinbaren Mysterien dieser Welt belohnt. Sie verschafft uns einen Einblick in die Welt in all ihrer Komplexität. Der dialektische Materialismus ist ein zentraler Bestandteil des Marxismus. Losgelöst von der Methode verkommt der Marxismus zu einer hohlen Doktrin. Der dialektische Materialismus ist das philosophische Fundament, die Methode, auf die der Marxismus aufbaut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut Friedrich Engels ist die Dialektik „unser bestes Arbeitsmittel und unsere schärfste Waffe“. Und auch für uns ist sie die Grundlage für unsere politische Aktivität in der Arbeiterbewegung. Sie ist wie ein Kompass, der es uns ermöglicht, selbst in unruhigen Zeiten die richtige Orientierung beizubehalten und uns eine Einsicht in die der Welt zugrundeliegenden Prozesse ermöglicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ob wir es wollen oder nicht, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, jeder Mensch hat eine Philosophie. Eine Philosophie ist im Grunde genommen nicht viel mehr als ein Weg, die Welt zu sehen. Wenn wir keine eigene wissenschaftliche Philosophie haben, dann übernehmen wir unweigerlich die Philosophie der herrschenden Klasse und die Vorurteile der Gesellschaft, in der wir leben. Sätze wie „Da wird sich nie was ändern“ gehören zum alltäglichen Sprachgebrauch. Sie spiegeln die Anschauung wider, dass es unmöglich ist, die Dinge zu verändern, und dass das Leben mit all seinen Problemen akzeptiert werden muss. Es gibt noch etlicher solcher Phrasen, wie „es gibt nichts Neues unter der Sonne“ und „die Geschichte wiederholt sich“, die dieselbe konservative Auffassung widerspiegeln. Marx erklärte, dass solche Ideen einen schweren Ballast für das menschliche Bewusstsein darstellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genauso wie das aufstrebende Bürgertum im Zuge der bürgerlichen Revolution gegen die konservativen Ideen der alten Feudalaristokratie kämpfte, muss die Arbeiterklasse in ihrem Kampf für eine neue Gesellschaft die vorherrschenden Ideen ihrer eigenen Unterdrücker, der Kapitalistenklasse, herausfordern. Die herrschende Klasse verfügt mit den Massenmedien, dem Bildungswesen und den Kirchen über wichtige Werkzeuge zur Verbreitung ihrer Ideologien und zur Rechtfertigung ihres auf Ausbeutung basierenden Systems als „die natürlichste Gesellschaftsordnung“. Der staatliche Repressionsapparat mit Polizei und Militär allein reicht nicht aus, um das Fortbestehen des kapitalistischen Systems zu garantieren. Die herrschenden Moralvorstellungen und Ideen stellen ein unverzichtbares Mittel zur Verteidigung der materiellen Interessen der herrschenden Klasse dar. Ohne seine mächtige Ideologie könnte sich das kapitalistische System keinen Tag länger am Leben halten.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Jedenfalls ist es Tatsache“, erklärte Lenin, „dass die gesamte offizielle und liberale Wissenschaft die Lohnsklaverei verteidigt, während der Marxismus dieser Sklaverei einen schonungslosen Kampf angesagt hat. In einer Gesellschaft der Lohnsklaverei eine unparteiische Wissenschaft zu erwarten wäre eine ebenso törichte Naivität, wie etwa von den Fabrikanten Unparteilichkeit in der Frage zu erwarten, ob man nicht den Arbeitern den Lohn erhöhen sollte, indem man den Profit des Kapitals kürzt.“ (W.I. Lenin, Drei Quellen, LGW Bd.19, S.3)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die bürgerliche Ideologie führt einen unerbittlichen Kampf gegen den Marxismus, weil sie in ihm völlig zu Recht eine tödliche Gefahr für den Kapitalismus sieht. Bürgerliche ProfessorInnen und WissenschafterInnen versuchen mit ihrer Propaganda den Marxismus zu diskreditieren, insbesondere die dialektische Methode. Der Fall der Berliner Mauer im Jahre 1989 gab ihnen enormen Auftrieb. Gestärkt durch dieses Ereignis begann eine unvorstellbare ideologische Offensive gegen den Marxismus, Kommunismus, Revolution und so weiter. Gebetsmühlenartig wurde erklärt, der Marxismus sei tot. Der Marxismus wurde dadurch aber nicht zu Grabe getragen. Der Marxismus drückt das unbewusste Interesse der Arbeiterklasse, die Gesellschaft zu verändern, aus. Solange das Proletariat den Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung führt, solange wird auch der Marxismus lebendig sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die ProphetInnen des Kapitalismus, gemeinsam mit ihren Verbündeten in der Arbeiterbewegung, werden nicht müde zu erklären, dass dieses System eine natürliche und dauerhafte Form der Gesellschaft wäre. Jedoch zeigt uns die Dialektik, dass nichts ewig besteht, und alle Dinge mit der Zeit verändert werden. Eine solch revolutionäre Weltanschauung ist ein Sprengsatz für die kapitalistische Welt und muss unter allen Umständen und mit allen Mitteln bekämpft werden. Dies erklärt die tägliche Hexenjagd gegen den Marxismus. Aber jeder wirkliche Schritt vorwärts, in der Wissenschaft und im Wissen selbst, schafft uns Beweise für die Richtigkeit der Dialektik. Die Notwendigkeit des Marxismus demonstriert sich zunehmend für Millionen von Menschen anhand der Krise des Kapitalismus. Die objektive Situation zwingt arbeitende Menschen, einen Ausweg aus der Misere zu finden. „Das Leben lehrt uns“, wie Lenin bemerkte. Um die berühmten Zeilen aus dem Kommunistischen Manifest zu verwenden: „Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Kommunismus.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Kampf für die Befreiung der Arbeiterklasse führt der Marxismus einen entschlossenen Kampf gegen den Kapitalismus und seine Ideologien, welche die Ausbeutungsverhältnisse, „die freie Marktwirtschaft“ verteidigen und rechtfertigen. Aber der Marxismus vollbringt mehr als das. Er gibt der Arbeiterklasse „eine in sich zusammenhängende Weltanschauung, die sich mit keinerlei Aberglauben, keinerlei Reaktion, keinerlei Verteidigung bürgerlicher Knechtung vereinbaren lässt“ (Lenin). Er legt die wahren Beziehungen, die innerhalb des kapitalistischen Systems existieren, offen, und er stattet uns mit dem Verständnis, wie wir unsere Befreiung erreichen können, aus. Der dialektische Materialismus ist, um es mit den Worten des russischen Marxisten Plekhanov zu sagen, ist mehr als nur eine Weltanschauung, er ist die „Philosophie der Tat“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Grenzen der formalen Logik</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Menschen versuchen auf rationelle Art zu denken. Die Logik (Logos, griechisches Wort für Vernunft und Wort) ist die Wissenschaft von den Gesetzen des Denkens. Welche Gedanken wir auch immer haben, und in welcher Sprache diese auch ausgedrückt sind, sie müssen die Erfordernisse des Verstands befriedigen. Diese Erfordernisse führten zu Gesetzen des Denkens, und damit zu Prinzipien der Logik. Es war der griechische Philosoph Aristoteles (384-322 vor Christi), der vor mehr als 2000 Jahren das heutige System der formalen Logik formulierte. Ein System, welches noch heute das Fundament unserer Bildung darstellt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aristoteles traf eine Einteilung (Kategorisierung) betreffend die Methode, wie Aussagen kombiniert werden sollen, um zu Urteilen zu kommen, und wie aus diesen Schlüsse gezogen werden können. Er legte diesbezüglich drei Grundgesetze der Logik dar: Das Prinzip der Identität (A = A), des Widerspruchs (A kann nicht A sein und gleichzeitig Nicht-A), und des ausgeschlossenen Dritten (A ist entweder A oder Nicht-A, es gibt kein alternatives Zwischending).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Prinzipien der formalen Logik beherrschen das menschliche Denken seit 2000 Jahren und bildeten die Basis für die großen Fortschritte der modernen Wissenschaft. Die Mathematik baut auf der formalen Logik auf. Man kann keinem Kind die Addition erklären, ohne darauf aufzubauen. 1+1 = 2, und nicht 3. Die formale Logik scheint wie der natürliche Hausverstand, und beweist sich uns jeden Tag unzählige Male. Aber, und das ist der zentrale Punkt, sie hat ihre Grenzen. Wenn wir uns mit lebendigen Prozessen oder komplexen Ereignissen beschäftigen, wird die formale Logik ein vollkommen nutzloses Werkzeug des Denkens. Besonders wenn wir uns mit Bewegungen, Veränderungen und Widersprüchen auseinandersetzen. Die formale Logik betrachtet Dinge als fix und bewegungslos. Natürlich mindert dies nicht die Nützlichkeit der formalen Logik im Zusammenhang mit tagtäglichen Problemen und Phänomenen. Trotzdem ist es aber notwendig ihre Grenzen aufzuzeigen.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Die Dialektik ist weder eine Erfindung noch Mystizismus“, schrieb Leo Trotzki, „sondern eine Wissenschaft unserer Denkformen, insofern als sie sich nicht auf die Probleme des täglichen Lebens beschränkt, sondern versucht, die komplizierteren und umfangreicheren Prozesse zu verstehen. Die Dialektik und die formale Logik stehen in einem ähnlichen Verhältnis zueinander wie die höhere und die elementare Mathematik.“ (L. Trotzki, Eine kleinbürgerliche Opposition in der Socialist Workers Party, in: L. Trotzki, Verteidigung des Marxismus, 2006, S.59)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Mit der Entwicklung der modernen Wissenschaft – das System der Klassifikation der Arten (auf Grundlage von Linné) basierte auf der formalen Logik – wurden alle Lebewesen in Arten und Unterarten eingeteilt. Dies war im Vergleich zur Vergangenheit für die Biologie ein großer Schritt vorwärts. Jedoch war dies ein sehr starres System, dessen Kategorien mit der Zeit an ihre Grenzen stießen. Darwin brachte den Beweis für die Möglichkeit, dass sich eine Spezies in eine andere entwickelte. Konsequenterweise musste das System der Klassifizierung aufgrund der neuen Erkenntnisse verändert werden, um ein neues Verständnis der Realität zu erlauben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Endeffekt brach das System der formalen Logik zusammen. Es konnte nicht mit den Widersprüchen umgehen. Die Dialektik, die Logik der Veränderung, zeigt uns, dass es so etwas wie fixe und absolute Kategorien, sowohl in der Natur als auch in der Gesellschaft, nicht gibt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es machte Engels großen Spaß, auf das Schnabeltier hinzuweisen und zu zeigen, dass diese zoologische Übergangsform jedes rigide Schema sprengt. (Das Schnabeltier legt Eier, ist aber gleichzeitig ein Säugetier, hat Flossen und einen Schnabel, usw.)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nur der dialektische Materialismus kann die Gesetze der Evolution und der Veränderung erklären. Er zeigt uns die Welt nicht als eine Aneinanderreihung gegebener, fixer und fertiger Dinge, sondern vielmehr als einen Komplex von Prozessen, die einem unaufhörlichen Wandel unterliegen. Hegel verglich die formale Logik mit einem Kinderspiel, das Bilder aus Puzzleteilen macht. Trotzki schrieb: „Der grundlegende Fehler des üblichen Denkens liegt darin, dass es sich mit bewegungslosen Eindrücken der Wirklichkeit, die aus ewiger Bewegung gebildet wird, zufrieden gibt“. Bevor wir uns nun mit den grundlegenden Gesetzen der Dialektik beschäftigen, versuchen wir, die Ursprünge der materialistischen Auffassung darzustellen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Materialismus versus Idealismus</h3>



<p class="wp-block-paragraph">„Die Philosophie des Marxismus ist der Materialismus“, schrieb Lenin. Die Philosophie selbst kann im Prinzip in zwei große ideologische Kategorien unterteilt werden: Den Materialismus und den Idealismus. Bevor wir fortfahren, sollten wir auf diese beiden Ausdrücke näher eingehen. Materialismus und Idealismus haben in philosophischer Hinsicht nichts mit ihrer im Alltagsgebrauch verwendeten Bedeutungen zu tun. In der Alltagssprache wird Materialismus mit Raffgier (also der Moral des heutigen Kapitalismus) gleichgesetzt und Idealismus mit besonders hohen Idealen und Tugend.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Philosophie geht der Materialismus von der Auffassung aus, dass es nur eine materielle Welt gibt. Es gibt weder Himmel noch Hölle. Das Universum existierte schon immer und ist keine Schöpfung eines übernatürlichen Wesens, es ist vielmehr einem ständigen Prozess der Bewegung und Veränderung ausgesetzt. Der Mensch ist ein Teil der Natur und entwickelte sich aus niederen Lebensformen, deren Vorfahren sich vor einigen Milliarden Jahren auf einem zuvor leblosen Planeten entstanden. Mit der Entwicklung des Lebens formten sich auf einer gewissen Stufe Tiere mit Nervensystem und später menschliche Wesen mit Großhirn. Mit dem Menschen entstanden auch menschliches Denken und Bewusstsein. Nur das menschliche Gehirn ist fähig, allgemeine Ideen hervorzubringen, d.h. zu denken. Daher existiert die Materie, die schon ewig besteht, unabhängig vom Denken und unabhängig vom Menschen. Dinge existierten schon lange bevor das Bewusstsein über sie entstand, oder das Bewusstsein über sie als Bestandteil von lebenden Organismen sich überhaupt entwickelten konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für MaterialistInnen gibt es kein Bewusstsein außerhalb des lebenden Gehirns, das wiederum nur Teil des materiellen Körpers ist. Einen Verstand ohne Körper anzunehmen ist absurd. Materie ist also kein Produkt des Verstandes, sondern genau das Gegenteil ist der Fall: Der Verstand ist das höchste Produkt der Materie. Die Idee reflektiert nur die von uns unabhängige materielle Welt um uns herum. Gegenstände, die sich in einem Spiegel widerspiegeln, brauchen diese Widerspiegelung nicht für ihre Existenz. Engels erklärte dies so: „Alle Ideen kommen aus Erfahrungen. Sie sind Reflexionen der Realität“. Oder um es mit den Worten von Karl Marx auszudrücken: „Das Bewusstsein kann nie etwas Andres sein als das bewusste Sein.“ (K. Marx, Die deutsche Ideologie, MEW Bd.3, S.26)</p>



<p class="wp-block-paragraph">MarxistInnen bestreiten nicht, dass der Verstand, das Bewusstsein, der Wille oder Gefühle echt sind. Was MaterialistInnen bestreiten ist, dass der Verstand, oder das Bewusstsein unabhängig vom Körper existiert. Das Denken ist das Produkt des Gehirns, welches das Organ des Gedankens ist. Das heißt wiederum nicht, dass das Bewusstsein eine leblose Widerspiegelung der Natur ist. Der Mensch ist verbunden mit seiner Umwelt. Er ist sich seiner Umgebung bewusst und reagiert auf sie, und die Umgebung wirkt wiederum auf ihn zurück. Eingebettet in die materielle Basis, haben die Menschen die Fähigkeit zur Verallgemeinerung und zu kreativem Denken. Als Resultat können sie dadurch ihre materielle Umgebung selbst verändern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Gegensatz dazu geht der Idealismus davon aus, dass die materielle Welt nicht real ist, sondern eine Widerspiegelung der Welt der Ideen. Es gibt verschiedenste Formen des Idealismus, aber alle teilen sie letztlich ein Prinzip: die Idee ist der Ausgangspunkt und die Materie, falls sie überhaupt existiert, ist nebensächlich. Die IdealistInnen betrachten die Idee losgelöst und unabhängig von der Materie, von der Natur. Genau das ist Hegels Konzept von der absoluten Idee, die letztlich eine Vorstellung eines Gottes ist. Der philosophische Idealismus öffnet auf die eine oder andere Art Tür und Tor für Religion und Aberglaube. Die idealistische Weltanschauung ist nicht nur falsch, sie ist darüber hinaus extrem konservativ, die uns zum pessimistischen Schluss führt, dass wir die „Mysterien der Welt“ niemals verstehen können. Dagegen zeigt der Materialismus, dass wir die Welt nicht nur verstehen können, sondern auch fähig sind, sie zu verändern, und, indem wir dies tun, uns selbst verändern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die idealistische Sichtweise der Welt wuchs geschichtlich aus der Teilung der Arbeit in körperliche und geistige Arbeit. Dieser Schritt bedeutete einen riesigen Fortschritt, da er einem Teil der Gesellschaft die Möglichkeit gab, sich von der körperlichen Arbeit zu befreien, um mit dieser Zeit die Wissenschaft und Technologie weiterzuentwickeln. Je mehr sich jedoch diese Individuen von der körperlichen Arbeit distanzierten, umso abstrakter werden ihre Ideen. Wenn DenkerInnen ihre Ideen von der realen Welt loskoppeln kommen sie in den Sog des abstrakten, „reinen Denkens“ und enden in den unglaublichsten Phantasien. Heutzutage wird beispielsweise die Astronomie von einer sehr abstrakten und komplexen Mathematik beherrscht. Die Folge ist eine unglaubliche Masse an seltsamen, wundersamen und falschen Theorien: die Theorie des Urknalls, die Theorie des Beginns der Zeit, die Theorie der Paralleluniversen, etc. Jeder Bruch mit der Praxis führt zu einseitigem Idealismus. (Anm.: Das Problem ist nicht die Verwendung der „abstrakten und komplexen Mathematik” an sich. Das Problem entsteht, wenn die „abstrakte und komplexe Mathematik” der Realität aufgepfropft oder sogar als Erzeugerin der Wirklichkeit aufgefasst wird, anstatt dass sie dazu verwendet wird, um die tatsächlichen Tendenzen der Realität zu beschreiben.)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die materialistische Auffassung hat eine lange Geschichte, die bis zu Anaxagoras (ca. 500–428 v. Chr.) und Demokrit (ca. 460–ca. 370 v. Chr.) zurückreicht. Mit dem Zusammenbruch des antiken Griechenland verschwand diese rationale Weltanschauung für eine ganze historische Epoche von der Oberfläche. Erst mit dem Wiedererwachen des Denkens nach dem Niedergang christlichen Mittelalters konnte eine neue Ära der Philosophie und der Naturwissenschaft eingeläutet werden. Im 17. Jahrhundert wurde der moderne Materialismus in England geboren. „Der wahre Gründer des englischen Materialismus war Bacon“, schrieb Marx. Auf Francis Bacon (1561–1626) folgte Thomas Hobbes (1588–1679), dessen Ideen wiederum durch John Locke (1632-1704) weiterentwickelt wurden. Letzterer dachte bereits, dass es möglich wäre, dass Materie die Fähigkeit zum Denken hätte. Es ist kein Zufall, dass diese Fortschritte im menschlichen Denken Hand in Hand mit dem Aufstieg des Bürgertums und großen Fortschritten in der Wissenschaft, speziell der Mechanik, der Astronomie und der Medizin gingen. Diese großen Denker bereiteten sozusagen den Boden für den Durchbruch der brillanten Schule der französischen Materialisten im 18. Jahrhundert. Deren wichtigster Vertreter war Rene Descartes (1596-1650).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihr Materialismus und Rationalismus wurden die Leitgedanken der großen französischen Revolution 1789. Diese revolutionären Denker erkannten keine externe (übernatürliche), höhere Macht oder Autorität an. Alles von der Religion bis zur Naturwissenschaft, von der Gesellschaft bis zu politischen Institutionen wurde kritisch durchleuchtet. Die Vernunft wurde zum höchsten Maß für alles erklärt. Diese materialistische Philosophie, die konsequent unter anderem von Holbach (1723–1789) und Helvetius zu neuen Höhen geführt wurde, war eine revolutionäre Philosophie.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Die Welt, dieser große Inbegriff alles dessen, was ist, zeigt uns allenthalben nichts als Materie und Bewegung“, schrieb Holbach.</p>
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<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Sie ist eine unendliche, ununterbrochene Kette von Ursachen und Wirkungen. Aber wir kennen nicht alle diese Ursachen, wir kennen nur diejenigen von ihnen, welche unmittelbar unsere Sinne berühren; andere, die nur durch oftmals sehr entfernte Wirkungen sich uns darstellen, sind uns unbekannt.“ (Holbach, Paul Hendri Thiry, 1871 Wigand Verlag Leipzig, S. 17)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Diese rationale Sichtweise war eine ideologische Widerspiegelung des Kampfes des philosophischen Kampfes des Bürgertums gegen die Kirche, die Aristokratie und die absolutistische Monarchie. Es war eine schlagkräftige Attacke gegen die Ideologie der alten Ordnung. Schlussendlich wurde aber aus dem „Königreich der Vernunft“ nichts mehr als das idealisierte Königreich des Bürgertums. Eigentum wurde zu einem der wichtigsten Menschenrechte erhoben. Die revolutionären Materialisten bereiteten den Weg für die neuerschaffene bürgerliche Gesellschaft, und mit ihr die Herrschaft der neuen Eigentumsformen. „Andere Zeiten, andere Umstände, andere Philosophien“, erklärte Denis Diderot (1713- 1784).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der neue Materialismus stellte auf der einen Seite einen revolutionären Fortschritt dar, tendierte allerdings dazu, sehr starr und mechanisch zu sein. Diese Philosophen griffen die Kirche an, verneinten die Unabhängigkeit der Seele und erklärten, dass der Mensch – wie alle anderen Tiere und auch unorganische Körper – aus einem materiellen Körper besteht. Die Auffassung war, dass der menschliche Körper schlicht und einfach komplexer und einem komplizierteren Mechanismus als andere Körper unterworfen war. Nach Diderot sind Menschen „Instrumente, ausgestattet mit Gefühlen und Erinnerungen.“ (in „Entretien entre d’Alembert et Diderot”, eigene Übersetzung).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für die französischen Materialisten war der Ursprung jedes Wissens – die Entdeckung der objektiven Wahrheit – durch Wirkungen der Natur auf unsere Sinne festgelegt. Die Planeten und die Erde waren fixe Konstanten im Sonnensystem und in der Natur, die selbst unveränderlich war. Sie stellten sich die Welt sozusagen als Uhrwerk vor, wo alles seinen logischen Platz einnimmt, und jede Bewegung einen Anstoß von außen bedarf. Ihre ganze Methode war zwar materialistisch, aber mechanisch und konnte die lebendige Realität der Welt nicht einfangen. Man begriff das Universum nicht als einen Prozess, als sich ständig verändernde Materie. Diese Schwäche führte zu einem falschen Verständnis von einer Gegenüberstellung der materiellen Welt und der Ideenwelt. Und dieser Dualismus öffnete wiederum die Hintertür zum Idealismus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Andere kamen zu der Auffassung das Universum als ein System zu betrachten, dass weder aus purem Geist noch purer Materie bestand. Spinoza war einer der ersten Philosophen, die solch ein System ausarbeiteten. Während er das Universum als vollkommenes materielles System beschrieb, glaubte er andererseits an die Notwendigkeit eines Gottes.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Dialektik und Metaphysik</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die marxistische Auffassung der Welt ist nicht nur materialistisch, sondern auch dialektisch. Für die KritikerInnen erscheint die Dialektik als etwas Mystisches und damit Irrelevantes. Doch dieser Ansatz hat keinerlei Berechtigung. Die Methode der Dialektik hilft uns die reale Welt in ihren Zusammenhängen zu erkennen. Engels schrieb im Anti-Dühring:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Die Dialektik ist aber weiter nichts als die Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des Denkens.“ (F. Engels, Anti-Dühring, MEW Bd.20, S.131f.) Einfach gesagt: Sie ist die Logik der Bewegung.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Für die meisten Menschen ist es offensichtlich, dass wir nicht in einer statischen Welt leben. Tatsächlich ist die gesamte Natur einer konstanten Veränderung unterworfen. „Die Bewegung ist die Daseinsform der Materie. Nie und nirgends hat es Materie ohne Bewegung gegeben, oder kann es sie geben.“ (F. Engels, Anti-Dühring, MEW Bd.20, S.55) Die Erde rotiert ständig um die eigene Achse, und umkreist in regelmäßigen Abständen die Sonne. Daraus resultieren Tag und Nacht, sowie die verschiedenen Jahreszeiten. Wir werden geboren, wachsen auf und werden älter bis wir schließlich sterben. Alles ist in Bewegung, verändert sich, wächst und entwickelt sich oder vergeht und stirbt ab. Jede Art von Gleichgewicht ist relativ, und hat nur in Bezug auf andere Formen von Bewegung Bedeutung.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Wenn wir die Natur oder die Menschengeschichte oder unsre geistige Tätigkeit der denkenden Betrachtung unterwerfen, so bietet sich uns zunächst dar das Bild einer unendlichen Verschlingung von Zusammenhängen und Wechselwirkungen, in der nichts bleibt, was, wo und wie es war, sondern alles sich bewegt, sich verändert, wird und vergeht. Wir sehen zunächst also das Gesamtbild, in dem die Einzelheiten noch mehr oder weniger zurücktreten, wir achten mehr auf die Bewegung, die Übergänge, die Zusammenhänge, als auf das, was sich bewegt, übergeht und zusammenhängt. Diese ursprüngliche, naive, aber der Sache nach richtige Anschauung von der Welt ist die der alten griechischen Philosophie und ist zuerst klar ausgesprochen von Heraklit: Alles ist und ist auch nicht, denn alles fließt, ist in steter Veränderung, in stetem Werden und Vergehen begriffen.“ (F. Engels, Anti-Dühring, Bd.20, S.20)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die antiken Griechen machten viele revolutionäre Entdeckungen und Fortschritte in den Naturwissenschaften. Anaximander fertigte eine Weltkarte und schrieb ein nur fragmentarisch erhaltenes Buch über den Kosmos. Der sogenannte Mechanismus von Antikythera scheint der Überrest einer Art astronomischen Uhr aus dem Jahrhundert vor Christus zu sein. Angesichts des begrenzten Wissens zu jener Zeit war vieles Vorwegnahme und Vermutung. In dieser auf Sklaverei gegründeten Gesellschaftsform konnten diese wissenschaftlich-technische Fortschritte nicht zu einem produktiven Gebrauch führen. Sie wurden schlicht als Spielereien zur Unterhaltung angesehen. Die wahren Fortschritte in den Naturwissenschaften wurden Mitte des 15. Jahrhunderts erreicht. Die neuen Methoden in der Forschung beinhalteten die Einteilung der Natur in individuell darstellbare Teile. Dies erlaubte die Klassifizierung von Objekten und Prozessen. Auf der einen Seite führte dies zu einer großen Anhäufung von Daten, brachte jedoch auch mit sich, dass Objekte isoliert von ihrer lebenden Umgebung betrachtet und erforscht wurden. Die Folge war eine starre, beschränkte und metaphysische Form des Denkens, die zur Säule des Empirismus wurde. „Die Fakten” wurden der über alles stehende Grundsatz. „Nun, was ich will ist, Fakten. Bringen Sie diesen Jungen und Mädchen nichts als Fakten bei. Tatsachen allein sind im Leben gewollt“, bemerkt der von Charles Dickens erfundene Charakter Thomas Gradgrind im Roman „Schwere Zeiten”. Wie Engels erklärte:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Für den Metaphysiker sind die Dinge und ihre Gedankenabbilder, die Begriffe, vereinzelte eins nach dem andern und ohne das andre zu betrachtende, feste, starre, ein für alle Mal gegebene Gegenstände der Untersuchung. Er denkt in lauter unvermittelten Gegensätzen; seine Rede ist ja, ja, nein, nein, was darüber ist, das ist vom Übel. Für ihn existiert ein Ding entweder, oder es existiert nicht: Ein Ding kann eben so wenig zugleich es selbst und ein andres sein. Positiv und negativ schließen einander absolut aus; Ursache und Wirkung stehen ebenso in starrem Gegensatz zueinander. Diese Denkweise scheint uns auf den ersten Blick deswegen äußerst einleuchtend, weil sie diejenige des so genannten gesunden Menschenverstandes ist. Allein der gesunde Menschenverstand, ein so respektabler Geselle er auch in dem hausbacknen Gebiet seiner vier Wände ist, er lebt ganz wunderbare Abenteuer, sobald er sich in die weite Welt der Forschung wagt; und die metaphysischen Anschauungsweise auf so weiten, je nach der Natur des Gegenstands ausgedehnten Gebieten sie auch berechtigt und sogar notwendig ist, stößt doch jedes Mal früher oder später auch eine Schranke, jenseits welcher sie einseitig, borniert, abstrakt wird und sich in unlösliche Widersprüche verirrt, weil sie über den einzelnen Dingen deren Zusammenhang, über ihrem Sein ihr Werden und Vergehen, über ihrer Ruhe ihre Bewegung vergisst, weil sie vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht.“ (F. Engels, Anti-Dühring, S.20f)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Engels fährt fort mit der Erklärung, dass wir im alltäglichen Leben wissen, ob ein Tier tot ist oder nicht. Bei einer genaueren Betrachtung müssen wir allerdings feststellen, dass dies eine durchaus knifflige und verzwickte Fragestellung ist. Selbst heute noch gibt es heftige Debatten, wann Leben im Mutterbauch eigentlich beginnt. Genauso schwer ist es den Todeszeitpunkt exakt zu bestimmen. Die Physiologie hat bewiesen, dass der Tod nicht ein einzelner Augenblick ist, sondern vielmehr ein längerer Prozess. Um es mit den Worten des brillanten griechischen Philosophen Heraklit zu sagen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Als dasselbe sind: Lebend und Tot, Wachend und Schlafend, Jung und Alt; denn diese sind umschlagend jene und jene umschlagend diese.“ „Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht.“</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht alles ist, wie es auf der Oberfläche erscheint. Jede Spezies, jeder Aspekt des organischen Lebens ist in jedem Moment er selbst und nicht er selbst. Er entwickelt sich in dem er von außen Materie aufnimmt und gleichzeitig andere unnötige Materie absondert; kontinuierlich sterben einige Zellen während andere erneuert werden. Im Laufe der Zeit wird der Körper von Kopf bis Fuß vollkommen transformiert, erneuert. Deshalb gilt, dass jede organische Einheit zugleich sie selbst ist und zugleich ein etwas anderes als sie selbst. Dieses Phänomen kann von dem metaphysischen Denken oder der formalen Logik nicht erklärt werden, weil beide unfähig sind Widersprüche zu erklären. Der sogenannte „gesunde Menschenverstand” oder „Hausverstand”, kann die widersprüchliche Realität außerhalb gewisser Grenzen nicht begreifen. Dementgegen begreift die Dialektik Dinge in ihrem Zusammenhang, in ihrer Entwicklung und in ihrer Bewegung. Engels bemerkte dazu: „Die Natur ist die Probe auf die Dialektik.“ (F. Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, MEW Bd.19, S.205)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Engels beschrieb die mannigfaltigen Prozesse der Veränderung in der „Dialektik der Natur“ auf folgende Weise:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Es ist ein ewiger Kreislauf, in dem die Materie sich bewegt, ein Kreislauf, der seine Bahn wohl erst in Zeiträumen vollendet, für die unser Erdenjahr kein ausreichender Maßstab mehr ist, ein Kreislauf, in dem die Zeit der höchsten Entwicklung, die Zeit des organischen Lebens und noch mehr die des Lebens selbst- und naturbewusster Wesen ebenso knapp bemessen ist wie der Raum, in dem Leben und Selbstbewusstsein zur Geltung kommen; ein Kreislauf, in dem jede endliche Daseinsweise der Materie, sei sie Sonne oder Dunstnebel, einzelnes Tier oder Tiergattung, chemische Verbindung oder Trennung, gleicherweise vergänglich, und worin nichts ewig ist als die ewig sich verändernde, ewig sich bewegende Materie und die Gesetze, nach denen sie sich bewegt und verändert. Aber wie oft und wie unbarmherzig auch in Zeit und Raum dieser Kreislauf sich vollzieht; wieviel Millionen Sonnen und Erden auch entstehen und vergehen mögen; wie lange es auch dauern mag, bis in einem Sonnensystem nur auf einem Planeten die Bedingungen des organischen Lebens sich herstellen; wie zahllose organische Wesen auch vorhergehen und vorher untergehen müssen, ehe aus ihrer Mitte sich Tiere mit denkfähigem Gehirn entwickeln und für eine kurze Spanne Zeit lebensfähige Bedingungen vorfinden, um dann auch ohne Gnade ausgerottet zu werden – wir haben die Gewissheit, dass die Materie in allen ihren Wandlungen ewig dieselbe bleibt, dass keins ihrer Attribute je verloren gehen kann, und dass sie daher auch mit derselben eisernen Notwendigkeit, womit sie auf der Erde ihre höchste Blüte, den denkenden Geist, wieder ausrotten wird, ihn anderswo und in andrer Zeit wieder erzeugen muss.“ (F. Engels, Dialektik der Natur, Dietz Verlag 1951, S. 27-28)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Neben der französischen Philosophie des 18. Jahrhunderts, und ihr folgend, entwickelte sich eine neue radikale Philosophie in Deutschland. Über Immanuel Kant wurde der Höhepunkt dieses Systems durch Georg F. Hegel verkörpert, einem großen Bewunderer der französischen Revolution. Obwohl Hegel Idealist war, war er einer der wichtigsten Denker seiner Zeit. Der große Verdienst dieses Genies war die Rettung der dialektischen Denkweise, die von den griechischen Philosophen 2000 Jahre zuvor entwickelt wurde.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Es hat sich aber gezeigt, dass die Veränderungen des Seins überhaupt nicht nur das Übergehen einer Größe in eine andere Größe, sondern Übergang vom Qualitativen in das Quantitative und umgekehrt sind, ein Anderswerden, das ein Abbrechen des Allmählichen und ein qualitativ Anderes gegen das vorherige Dasein ist. Das Wasser wird durch die Erkältung nicht nach und nach hart, so dass es breiartig würde und allmählich bis zur Konsistenz des Eises sich verhärtete, sondern ist auf einmal hart; schon mit der ganzen Temperatur des Eispunktes, wenn es ruhig steht, kann es noch seine ganze Flüssigkeit haben, und eine geringe Erschütterung bringt es in den Zustand der Härte.</p>
</blockquote>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Im Moralischen, insofern es in der Sphäre des Seins betrachtet wird, findet derselbe Übergang des Quantitativen ins Qualitative statt, und verschiedene Qualitäten erscheinen sich auf eine Verschiedenheit der Größe zu gründen. Es ist ein Mehr oder Weniger, wodurch das Maß des Leichtsinnsüberschritten wird und etwas ganz anderes, Verbrechen, hervortritt, wodurch Recht in Unrecht, Tugend in Laster übergeht.” (Hegel, Wissenschaft der Logik, Frankfurt am Main, 1986, S. 440, 441)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Hegels Werke sind voll mit Beispielen und Hinweisen der Dialektik. Unglücklicherweise war Hegel nicht nur Idealist, sondern hatte auch einen besonders unklaren und schwer verständlichen Schreibstil, der seine Werke äußerst schwer lesbar macht. Lenin schrieb, während er Hegels Werke im Exil wieder las:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Ich bemühe mich im allgemeinen, Hegel materialistisch zu lesen: Hegel ist auf den Kopf gestellter Materialismus (nach Engels) – d.h., ich lasse den lieben Gott, das Absolute, die reine Idee etc. größtenteils beiseite. (LW Bd. 38, Dietz Verlag 1964, S. 94)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Lenin war sehr beeindruckt von Hegel und empfahl, trotz dessen Idealismus, jungen KommunistInnen diese Werke zu studieren. In ihren jungen Jahren waren Marx und Engels Anhänger der Lehren Hegels. Sie lernten viel von diesem Lehrer. Er eröffnete ihnen in Form der Dialektik eine neue Auffassung der Welt. Mit der Heraushebung der Dialektik befreite Hegel die Geschichte von der Metaphysik. Für die Dialektik gibt es nichts Ewiges, Absolutes oder Heiliges. Alles ist seinem Charakter nach nur vorübergehend und vergänglich. Jedoch ist zu bedenken, dass Hegels Wissen beschränkt war. Zum einen durch das limitierte Wissen seiner Zeit und zum anderen aufgrund seines Idealismus. Er betrachtete die Gedanken innerhalb des Gehirns nicht als mehr oder weniger abstrakte Abbilder von realen Dingen oder Prozessen, sondern als die Verwirklichung der „Absoluten Idee“, die ewig existiert. Dadurch stellte sein Idealismus die Realität auf den Kopf. Nichts desto trotz konnte Hegel die bereits erwähnten Gesetze der Bewegung, also die Gesetze der Dialektik, systematisch aufzeigen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Gesetz des Umschlagens von Quantität in Qualität (und umgekehrt)</h3>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Es gibt keinen Sprung in der Natur, wird gesagt; und die gewöhnliche Vorstellung, wenn sie ein Entstehen oder Vergehen begreifen soll, meint, wie erinnert, es damit begriffen zu haben, dass sie es als ein allmähliches Hervorheben oder Verschwinden vorstellt…“ „..das Wasser indem es seine Temperatur ändert, wird damit nicht bloß mehr oder weniger warm, sondern geht durch die Zustände der Härte, der tropfbaren Flüssigkeit und der elastischen Flüssigkeit hindurch; diese verschiedenen Zustände treten nicht allmählich ein, sondern eben das bloß allmähliche Fortgehen der Temperaturänderung wird durch diese Punkte mit einem Male unterbrochen und gehemmt, und der Eintritt eines anderen Zustandes ist ein Sprung.“ (Hegel, Wissenschaft der Logik, S. 440)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Dies ist der Knackpunkt, um Veränderung zu verstehen. Veränderung und Entwicklung finden nicht in einer stetigen, graduellen Linie statt. Marx verglich die soziale Revolution mit einem alten Maulwurf, der die Erde, für lange Zeit unsichtbar, fleißig untergräbt, der beharrlich die alte Ordnung unterminiert und dann durch einen plötzlichen Umbruch zum Vorschein kommt. Sogar Charles Darwin glaubte, dass seine Evolutionstheorie einen linearen und graduellen Prozess beschreibe. Er dachte, dass die Lücken in den fossilen Funden keine Brüche oder Sprünge in der Evolution vermuten lassen, sondern durch zukünftige Entdeckungen geschlossen werden können. In diesem Punkt irrte sich Darwin. Heute können wir anhand neuer Theorien, vorwiegend dialektischen, eine Ursache für diese Sprünge nachvollziehen. Stephan J. Gould und Niles Eldredge bezeichnen ihre dialektischen Theorien der Evolution als „unterbrochenes Gleichgewicht“. Sie erklärten, dass es lange Perioden ohne große Veränderungen gab, die plötzlich durch die Entstehung einer neuen Lebensform unterbrochen wurden. Mit anderen Worten: Quantitative Veränderungen legen die Basis für eine qualitative Veränderung, die zur Entstehung einer neuen Lebensform führt. Die gesamte Entwicklung ist geprägt durch Brüche in der Kontinuität, Katastrophen sowie Revolutionen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Entstehung von Einzellern vor rund 3.6 Milliarden Jahren stellte einen qualitativen Sprung in der Evolution der Materie dar. Die „Kambrsche Explosion“ vor 600 Millionen Jahren, in der komplexes mehrzelliges Leben mit harten Teilen entstanden, war ein weiterer qualitativer Sprung vorwärts in der Evolution. Im unteren Paleozoikum, vor 400-500 Millionen Jahren, bildeten sich die ersten Wirbelfische. Diese revolutionäre Entwicklung wurde dominant und entwickelte sich weiter über die Amphibien (die sowohl im Wasser als auch an Land lebten), zu den Reptilien, und schließlich zu den Warmblütern: Vögel und Säugetiere. Solche revolutionären Sprünge mündeten in der Entstehung menschlicher Wesen, mit der Fähigkeit zu denken. Die Evolution ist ein langwieriger Prozess, indem eine Ansammlung von Veränderungen innerhalb und außerhalb der Organismen zu einem Sprung führt, zu einem qualitativ höheren Stadium der Entwicklung. Genau wie der kolossale, unterirdisch Druck, der sich aufstaut und zeitweise in Form von Erdbeben durch die Erdkruste bricht, verändert sich allmählich das Bewusstsein von ArbeiterInnen bis es schließlich in einer Explosion des Klassenkampfes mündet. Der Auslöser eines Streiks kann mitunter eine Kleinigkeit oder Zufälligkeit sein, beispielsweise eine Kaffeepause, aber sie kann der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt, um ein (dialektische) Sprichwort zu bedienen. Dieser vielleicht im Vergleich kleine Grund wird so der Katalysator wodurch Quantität in Qualität umschlägt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In England können wir heute eine Serie von Wahlsiegen der Linken in der Gewerkschaft sehen, die ein Ausdruck des Aufstauens von Unzufriedenheit der Gewerkschaftsbasis sind. 20 Jahre bitterer Attacken und Niederlagen für die Gewerkschaftsbewegung mündeten in diese Veränderungen an der Spitze der Gewerkschaften. Nur mit marxistischer Philosophie ausgestattete AktivistInnen konnten diese Entwicklung, die Ausdruck der veränderten objektiven Situation ist, vorhersehen. Diese veränderte Stimmung, die sich bereits in der Gewerkschaftsbewegung wiederspiegelt, wird sich zwangsläufig auch in der Labour Party Ausdruck finden, und zu einem Sturz des rechten Flügels um Tony Blair führen. Die Linksradikalen, die am Rande der Arbeiterbewegung ihr Leben fristen, wurden nicht müde die Unveränderlichkeit der Labour Party zu proklamieren. Sie sind unfähig dialektisch zu denken, sie haben eine empiristische und formalistische Auffassung, die ihnen nur einen Blick auf die Oberfläche der Realität erlaubt. Ohne Unterscheidung zwischen augenblicklichen Erscheinungen und der Realität, also zwischen den offensichtlichen Auswirkungen und den verborgenen Prozessen, Zusammenhängen und Gesetzen, die den betrachteten Fakten zu Grunde liegen. Mit anderen Worten: Sie sind blind gegenüber den verborgenen Prozessen, die sich vor ihren Augen abspielen. „Der Blairismus dominiert die Labour Party,“ rufen sie unentwegt. Sie stehen unter dem Einfluss der formalen Logik, und können die Prozesse nicht verstehen, die unaufhaltsam den Blairismus unterwandern, und zwangsläufig zu seinem Zusammenbruch führen, was so sicher ist wie die Nacht dem Tag folgt. Das Gleiche, was sie in der Vergangenheit über die rechten Gewerkschaften schrieben, schreiben sie über die Labour Party heute. Auf der Basis der zukünftigen Ereignisse und unter dem Druck, der sich nach links entwickelten Gewerkschaften, wird sich die Labour Party, durch ihre Verbindungen mit der Gewerkschaftsbewegung, in eine ähnliche Richtung entwickeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Marx hob immer hervor, dass es die Aufgabe der Wissenschaft ist, ausgehend von den unmittelbaren Wissen der Erscheinungen zum wahren Wesen der Realität vorzustoßen zu den darrunterliegenden, versteckten Gesetzen. „Das Kapital“ ist ein exzellentes Beispiel für diese Methode.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Hier wird sich zeigen, woher die Vorstellungsweise von Spießer und Vulgärökonom stammt, nämlich daher, dass in ihrem Hirn sich immer nur die unmittelbare Erscheinungsform der Verhältnisse reflektiert, nicht deren innerer Zusammenhang.”, schrieb Marx an Engels. (27. Juli 1867, Briefwechsel Marx/Engels)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Dasselbe gilt für diejenigen, die in der Vergangenheit die Sowjetunion als Staatskapitalismus abstempelten. Der Stalinismus hatte nichts mit Sozialismus gemeinsam; es handelte sich um ein Unterdrückungsregime, in dem ArbeiterInnen weniger Rechte als im Westen besaßen. Wie auch immer, statt einer wissenschaftlichen Analyse der Sowjetunion, erklärten diese Theoretiker die Sowjetunion einfach zum Staatskapitalismus. Wie Trotzki erklärte betrachteten die Theoretiker des Staatskapitalismus die Sowjetunion durch die Brille der formalen Logik. Sie war entweder-oder, schwarz oder weiß. Die UdSSR war entweder ein wundervoller sozialistischer Staat, wie die StalinistInnen behaupteten, oder sie musste ein (staats-)kapitalistischer Staat sein. Solches Denken ist reiner Formalismus. Sie verstanden nie die Möglichkeit der Degeneration eines Arbeiterstaates zu einer chronisch deformierten Variante der proletarischen Herrschaft, wie sie von Trotzki analysiert wurde. Es ist klar, dass die Revolution, isoliert in einem rückständigen Land, einen Prozess der Degeneration durchmachte. Aber solange die verstaatlichte Planwirtschaft blieb, war nicht alles verloren. Die Bürokratie war keine neue herrschende Klasse, sondern ein parasitäres Geschwür am Staat, das die politische Macht an sich riss. Nur eine neue politische Revolution konnte die Bürokratie beseitigen und Sowjets und Arbeiterdemokratie wiedererrichten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die UnterstützerInnen der Theorie des Staatskapitalismus verwickelten sich in Widersinnigkeit, indem sie Konterrevolution mit Revolution verwechselten und umgekehrt. In Afghanistan unterstützten sie die reaktionären fundamentalistischen Taliban als „Freiheitskämpfer gegen den russischen Imperialismus”. Nach dem Kollaps der UdSSR und der Einleitung des Prozesses der Wiederherstellung des Kapitalismus ab 1991 blieben sie im Angesicht der tatsächlichen kapitalistischen Konterrevolution „neutral”.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Einheit von Gegensätzen</h3>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Der Widerspruch ist … die Wurzel aller Bewegung und Lebendigkeit; nur insofern etwas in sich selbst einen Widerspruch hat, bewegt es sich, hat Trieb und Tätigkeit. (Hegel, in: LW, Bd. 38, Dietz Verlag 1964, S. 129)</p>
</blockquote>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Die Dialektik kann kurz als die Lehre von der Einheit der Gegensätze bestimmt werden. Damit wird der Kern der Dialektik erfasst sein…” (LW, Bd. 38, Dietz Verlag 1964, S. 214)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die Welt, in der wir leben, ist von der Einheit von Widersprüchen, oder der Einheit von Gegensätzen geprägt: Kälte-Hitze, Licht-Dunkelheit, Kapital-Arbeitskraft, Geburt-Tod, Reichtum-Armut, Positiv-Negativ, Aufschwung-Krise, Oben-Unten, Evolution-Revolution, Zufall-Notwendigkeit, Kauf-Verkauf und so weiter und so fort. Der Fakt, dass zwei Pole widersprüchlicher Antithesen gemeinsam als Ganzes existieren können, gilt dem Hausverstand als Paradoxon. Das Paradoxe ist die Anerkennung, dass zwei widersprüchliche oder gegenteilige Betrachtungen beide wahr sein können. Das ist die gedankliche Widerspiegelung von einer Einheit der Gegensätze in der materiellen Welt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bewegung, Raum und Zeit sind nichts anderes als die Erscheinungsform der Materie. Bewegung ist, wie wir bereits erklärt haben, ein Widerspruch: Zugleich an einem als auch an einem anderen Ort zu sein. Es ist eine Einheit der Gegensätze. Um ein Etwas zu verstehen, um das innere Wesen von etwas zu verstehen, ist es notwendig seine inneren Widersprüche herauszufinden. Unter bestimmten Umständen, ist das Allgemeine das Besondere und das Besondere das Allgemeine. Dass sich Dinge in ihr Gegenteil kehren – das die Ursache zur Wirkung wird, und die Wirkung zur Ursache – kommt daher, dass die Dinge lediglich Verbindungsstücke in der endlosen Kette der Entwicklung der Materie sind. „Das Negative ist im gleichen Ausmaß positiv.” bemerkt Hegel. Dialektisches Denken bedeutet „das Begreifen der Antithese in ihrer Einheit.” Hegel geht noch weiter:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Der Widerspruch ist … die Wurzel aller Bewegung und Lebendigkeit; nur insofern etwas in sich selbst einen Widerspruch hat, bewegt es sich, hat Trieb und Tätigkeit. … Es bewegt sich etwas nur, nicht indem es in diesem Jetzt hier ist und in einem anderen Jetzt dort, sondern indem es in einem und demselben Jetzt hier und nicht hier, indem es in diesem Hier zugleich ist und nicht ist. Man muß den alten Dialektikern die Widersprüche zugeben, die sie in der Bewegung aufzeigen, aber daraus folgt nicht, daß darum die Bewegung nicht ist, sondern vielmehr, daß die Bewegung der daseiende Widerspruch selbst ist. (Hegel, in: LW, Bd. 38, Dietz Verlag 1964, S. 129, 130)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Deshalb ist laut Hegel etwas lebendig, wenn es Widersprüche beinhaltet, die es mit einer Selbst-Bewegung ausstatten. Die griechischen Philosophen stellten als erstes die revolutionäre Theorie auf, dass die Welt aus Atomen, als kleinste Teile der Materie aufgebaut ist. Das griechische Wort „Atomos” heißt in etwa unteilbar. Das war eine brillante Vermutung. Die Wissenschaft des 20. Jahrhunderts bewies, dass alles aus Atomen zusammengesetzt ist, obwohl man heute noch viel kleinere Partikel nachgewiesen hat. Jedes Atom hat einen Kern, zusammengesetzt aus subatomaren Partikeln, nämlich Protonen und Neutronen. Zusätzlich kreisen Elektronen um den Kern. Die Protonen sind positiv geladen, und würden sich gegenseitig abstoßen, aber sie werden durch etwas das wir Kernkraft nennen zusammengehalten. Das beweist, dass alles was existiert auf der Einheit der Gegensätze basiert und eine Selbstbewegung von „Trieb und Tätigkeit“ – wie sie Hegels nannte – in sich trägt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Beim Menschen ist der Blutzuckerspiegel essentiell fürs Leben. Ein zu hoher Wert führt zum diabetischen Koma, ein zu niedriger verunmöglicht es einer Person, zu essen. Der richtige Wert wird durch die Rate geregelt, in welcher der Zucker durch Verdauung von Kohlenhydraten in die Blutbahn geleitet wird, durch die Rate in der gespeicherter Zucker, Fett oder Eiweiß in Zucker verwandelt werden und durch die Rate, in der Zucker abgebaut und verbraucht wird. Wenn der Blutzuckerspiegel steigt, wird der Verbrauch von Zucker durch eine vermehrte Ausschüttung von Insulin erhöht. Wenn er fällt, wird mehr Zucker ins Blut ausgeschüttet, oder die Person wird hungrig und nimmt zuckerhaltiges Essen zu sich. In dieser Selbstregulierung gegenläufiger Kräfte, positiver und negativer Feedbacks, wird der Blutzuckerspiegel in tolerierbaren Grenzen gehalten. Lenin erklärte den Selbstantrieb, als er schrieb:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Dialektik ist die Lehre, wie die Gegensätze identisch sein können und es sind (wie sie es werden) – unter welchen Bedingungen sie identisch sind, indem sie sich ineinander verwandeln –, warum der menschliche Verstand diese Gegensätze nicht als tote, erstarrte, sondern als lebendige, bedingte, bewegliche, sich ineinander verwandelnde auffassen soll.“ (W. I. Lenin, Konspekt zu Hegels Wissenschaft der Logik, LW, Bd. 38, S.221)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Lenin schenkte auch dem Widerspruch als treibende Kraft der Entwicklung große Beachtung.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Dass die Bestrebungen der einen Mitglieder einer gegebenen Gesellschaft den Bestrebungen der anderen zuwiderlaufen, dass das gesellschaftliche Leben voller Widersprüche ist, dass uns die Geschichte den Kampf zwischen Völkern und Gesellschaften wie auch den Kampf innerhalb derselben zeigt, und außerdem noch den Wechsel der Perioden von Revolution und Reaktion, Frieden und Krieg, Stagnation und schnellem Fortschritt und Verfall – das sind allgemein bekannte Tatsachen.“ (Die drei Quellen und Bestandteile des Marxismus, W.I. Lenin, Karl Marx, LW Bd.21, S.46)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Das anschaulichste Beispiel hierfür ist der Klassenkampf. Im Kapitalismus sehen wir zwei einander bekämpfende Klassen: die Kapitalistenklasse und die Arbeiterklasse. Der Kampf um den Mehrwert, der von den ArbeiterInnen erzeugt wird und den sich die Kapitalisten aneignen, führt zu einem unversöhnlichen Kampf. Dieser wird die Grundlage für den Sturz des Kapitalismus bieten, und damit für die Lösung der Widersprüche, durch die Auflösung der Klassen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Negation der Negation</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Das generelle Muster der historischen Entwicklung beschreibt keine geradlinige Aufwärtsbewegung, sondern ist ein komplexes Zusammenspiel, in dem jeder Schritt vorwärts nur um den Preis eines partiellen Rückschritts erzielt wird. Diese Rückwärtsbewegungen werden wiederum auf der nächsten Stufe der Entwicklung durch eine neuerliche Vorwärtsbewegung nachgebessert. Das Gesetz der Negation der Negation zeigt die Wiederholung gewisser Eigenschaften und Momente einer niederen Stufe in einem höher entwickeltem Stadium, und die scheinbare Rückkehr vergangener Verhältnisse. Wir können einen kontinuierlichen Kampf zwischen Form und Inhalt und Inhalt und Form feststellen, der zur Erschütterung der alten Form und der Umwandlung seines Inhaltes führt. Dieser Prozess ist am besten mit einer Spirale vergleichbar, in der die Bewegung zurück zum Ausgangspunkt gelangt, aber auf einem höheren Level. Mit anderen Worten: Historischer Fortschritt vollzieht sich durch Folgen von Widersprüchen. Vorangegangene Stufen werden negiert (=verneint, überwunden), aber nicht vollkommen eliminiert. Die verdrängte Stufe wird dabei nicht komplett ausgelöscht, sondern in der neuen Stufe aufbewahrt.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Die aus der kapitalistischen Produktionsweise hervorgehende kapitalistische Aneignungsweise, daher das kapitalistische Privateigentum, ist die erste Negation des individuellen, auf eigne Arbeit gegründeten Privateigentums. Aber die kapitalistische Produktion erzeugt mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigne Negation. Es ist Negation der Negation.“ (K. Marx, Das Kapital, MEW Bd.23, S. 791)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Engels zeigt uns in seinem Buch „Anti-Dühring“ eine Fülle von Beispielen für die Negation der Negation.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Nehmen wir ein Gerstenkorn. Billionen solcher Gerstenkörner werden vermahlen, verkocht und verbaut, und dann verzehrt. Aber findet solch ein Gerstenkorn die für es normalen Bedingungen vor, fällt es auf günstigen Boden, so geht unter dem Einfluss der Wärme und der Feuchtigkeit eine eigne Veränderung mit ihm vor, es keimt; das Korn vergeht als solches, wird negiert, an seine Stelle tritt die aus ihm entstanden Pflanze, die Negation des Korns. Aber was ist der normale Lebenslauf dieser Pflanze? Sie wächst, blüht, wird befruchtet und produziert schließlich wieder Gerstenkörner, und sobald diese gereift, stirbt der Halm ab, wird seinerseits negiert. Als Resultat dieser Negation der Negation haben wir wieder das anfängliche Gerstenkorn, aber nicht einfach, sondern in zehn-, zwanzig-, dreißigfacher Anzahl.“ (F. Engels, Anti-Dühring, MEW Bd. 20, S.126)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die Gerste lebt und entwickelt sich, indem sie zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehrt, aber auf einem höheren Level. Ein Korn hat viele produziert. Über die Zeit gesehen haben sich die Pflanzen sowohl qualitativ als auch quantitativ verändert. Aufeinanderfolgende Generationen wiesen Variationen auf, und stellten sich besser auf ihre Umwelt ein. Engels liefert uns noch ein weiteres Beispiel aus der Welt der Insekten:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Ähnlich wie beim Gerstenkorn vollzieht sich dieser Prozess bei den meisten Insekten, z.B. Schmetterlingen. Sie entstehen aus dem Ei durch Negation des Ei’s, machen ihre Verwandlungen durch bis zur Geschlechtsreife, begatten sich und werden wieder negiert, indem sie sterben, sobald der Gärungsprozess vollendet und das Weibchen seine zahlreichen Eier gelegt hat.“ (F. Engels, Anti-Dühring, MEW Bd. 20, S.127)</p>
</blockquote>



<h3 class="wp-block-heading">Hegel und Marx</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Hegel war ein großer Geist und beleuchtete viele Dinge. Dies war eine Leistung, auf die Marx immer wieder verwies.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Die Mystifikation, welche die Dialektik in Hegels Händen erleidet, verhindert in keiner Weise, dass er ihre allgemeinen Bewegungsformen zuerst in umfassender und bewusster Weise dargestellt hat.“</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Nichts desto trotz war Hegels Philosophie eine kolossale Fehlgeburt, wie Engels es nannte. Sie litt an einem unlösbaren inneren Widerspruch. Hegels Konzept der Geschichte ist ein dynamisches, in dem es nichts Endgültiges oder Ewiges gibt. Und doch reklamiert sein System für sich, die absolute Wahrheit zu sein, etwas, dass in totalem Widerspruch zum dialektischen Denken selbst steht. Während Hegel den Status Quo in Deutschland verteidigte, schließt die Dialektik eine revolutionäre Auffassung von ständigem Wandel in sich ein. Für Hegel war alles was wahr war auch rational. Aber in der Verwendung der hegelschen Dialektik, wird alles, was wahr ist irrational. Alles was existiert, verdient, dass es zugrunde geht. Darin liegt die revolutionäre Bedeutung von Hegels Philosophie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Lösung der Widersprüche brauchte den Materialismus, aber nicht den alten, mechanischen Materialismus, sondern einen modernen Materialismus basierend auf den neuen Wissenschaften und Fortschritten.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Der Materialismus, bereichert durch alle Errungenschaften des Idealismus, erlebte eine Auferstehung. Die wichtigste dieser Errungenschaften war die dialektische Methode, die Betrachtung der Erscheinungen in ihrer Entwicklung, in ihrem Werden und Vergehen. Der geniale Vertreter dieser neuen Richtung war Karl Marx“ (G.W. Plechanow, „Zur Frage der Entwicklung der monistischen Geschichtsauffassung“, Berlin 1956, S. 133)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Ausgelöst von der revolutionären Entwicklung Europas 1830-1831 spaltete sich die hegelianische Denkschule in einen rechten und einen linken Flügel, sowie in ein Zentrum. Der bekannteste Vertreter der hegelianischen Linken war Ludwig Feuerbach, der die alte Orthodoxie, im speziellen das religiöse Denken bekämpfte und den Materialismus wieder in den Mittelpunkt stellte.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Die Natur hat keinen Anfang und kein Ende. Alles in ihr steht in Wechselwirkung; alles ist relativ, alles zugleich Wirkung und Ursache; alles in ihr ist allseitig und gegenseitig…“ schreibt Feuerbach. „Christen entreißen dem Körper des Menschen den Geist, die Seele und machen diesen zerschlissenen, entkörperten Geist zu ihrem Gott“ (L. Feuerbach, Das Wesen der Religion, 12. Vorlesung, GW Bd. 6, S. 115)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Trotz der Beschränkungen von Feuerbachs System, sahen Marx und Engels dies als neuen Durchbruch. Engels schrieb:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Einstweilen schob die Revolution von 1848 jedoch die gesamte Philosophie ebenso ungeniert beiseite wie Feuerbach seinen Hegel. Und damit wurde auch Feuerbach selbst in den Hintergrund gedrängt.“ (F. Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW Bd. 21, S.273)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Es blieb an Marx und Engels, die Dialektik konsequent mit dem neuen Materialismus zu verbinden, und so den dialektischen Materialismus zu schaffen. Für sie war dies keine abstrakte Philosophie, sondern eine direkte Verbindung mit der Praxis.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Damit reduzierte sich die Dialektik auf die Wissenschaft von den allgemeinen Gesetzen der Bewegung, sowohl der äußeren Welt wie des menschlichen Denkens – zwei Reihen von Gesetzen, die der Sache nach identisch, dem Ausdruck nach aber insofern verschieden sind, als der menschliche Kopf sie mit Bewusstsein anwenden kann, während sie in der Natur und bis jetzt auch großenteils in der Menschengeschichte sich in unbewusster Weise, in der Form der äußern Notwendigkeit, inmitten einer endlosen Reihe scheinbarer Zufälligkeiten durchsetzen.“ (F. Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW Bd. 21,S. 293)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Weder Marx noch Engels schrieben je ein umfassendes Buch über die Dialektik als solche. Marx war beschäftigt mit dem Kapital. Engels wollte ein solches Buch verfassen, wurde aber von der Aufgabe das Kapital nach Marx Tod fertigzustellen, vereinnahmt. Nichtsdestotrotz schrieb er sehr intensiv über dieses Thema, besonders im „Anti-Dühring“ und in „Dialektik der Natur“. Lenin meinte dazu:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Wenn Marx auch keine ‚Logik‘ (mit großem Anfangsbuchstaben) hinterlassen hat, so hat er doch die Logik des ‚Kapitals‘ hinterlassen, und das sollte für die zu behandelnde Frage weitestgehend ausgenutzt werden. Im ‚Kapital‘ werden auf eine Wissenschaft Logik, Dialektik und Erkenntnistheorie (man braucht keine 3 Worte: das ist ein und dasselbe) des Materialismus angewendet, der alles Wertvolle von Hegel übernommen und dieses Wertvolle weiterentwickelt hat.“ (LW, Bd. 38, Dietz Verlag 1964, S. 316)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Heute gibt es eine kleine Anzahl von Wissenschaftlern, besonders aus den Naturwissenschaften, die sich der Dialektik bewusst sind, was ihre Augen für Probleme in ihrem Spezialfach öffnete. Diese Verbindungen zwischen Wissenschaft und dialektischem Materialismus wird im Buch „Aufstand der Vernunft“ von Alan Woods und Ted Grant aufgearbeitet. Sie beweisen, genau wie Engels, dass die Natur die Dialektik in sich trägt. Neben Stephen J. Gould und Niles Eldredge haben auch Richard Levins und Richard Lewontin, die sich selbst als dialektische Materialisten sehen, in ihrem Buch „Der dialektische Biologe“ eine Abhandlung über die Dialektik in der Biologie vorgelegt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Was die dialektische Welt charakterisiert, in allen ihren Aspekten wie wir sie beschrieben haben ist, dass sie sich in einem Zustand permanenter Bewegung befindet. Konstanten werden Variablen, Ursachen werden Wirkungen und Systeme entwickeln sich, zerstören die Ursachen, die sie hervorgebracht haben. Sogar Elemente, die stabil erscheinen befinden sich in einem dynamischen Kräftegleichgewicht, dass plötzlich aus der Balance geraten kann, so wie ein ausdrucksloser Metallklumpen ab einer kritischen Größe zu einem Feuerball wird, heller als tausend Sonnen. Aber die Bewegung ist nicht grenzenlos und gleichförmig. Organismen entwickeln sich und differenzieren sich, dann sterben sie und zerfallen. Spezies entstehen und sterben dann unvermeidlich aus. Sogar in der einfachen physikalischen Welt kennen wir keine gleichförmige Bewegung. Sogar die Erde hat sich in ihrer Rotation um die eigene Achse in der geologischen Zeit verlangsamt. Die Entwicklung von Systemen in der Zeit, schließlich, scheint eine Wirkung gegensätzlicher Kräfte und gegensätzlicher Bewegungen zu sein. Dieses Auftreten gegensätzlicher Kräfte ist hat das umstrittenste, schwierigste, und gleichzeitig zentralste Konzept des dialektischen Denken hervorgebracht, das Prinzip des Widerspruchs. Für Manche ist der Widerspruch nur ein Erkenntnisprinzip. Es beschreibt wie wir zu einem Verständnis der Welt gelangen durch eine Geschichte antithetischer Theorien, die im Widerspruch zu einander und im Widerspruch zu den beobachteten Phänomenen zu einem neuen Blick auf die Natur führen. Kuhns Theorie der Wissenschaftlichen Revolution hat etwas von dieser Idee einer permanenten Folge von Widerspruch und Auflösung, die den Weg zu einem neuen Widerspruch eröffnet. Für andere wird dieser Widerspruch eine ontologische Eigenschaft (Anm. des Herausgebers: Eigenschaft des Seins) zumindest für das menschliche soziale Sein. Für uns ist der Widerspruch nicht nur erkenntnistheoretisch und politisch, sondern auch ontologisch (Anm. des Herausgebers.: im Sein vorhanden, „seiend”, „onto” = sein) im breitesten Sinn. Widersprüche zwischen Kräften finden sich überall in der Natur, nicht nur in den menschlichen sozialen Einrichtungen. Diese Tradition der Dialektik geht zurück auf Engels (1880) der in „Dialektik der Natur” schrieb, dass „es sich für mich nicht darum handelt die Gesetze der Dialektik der Natur zu konstruieren, sondern darum sie in ihr zu entdecken und sie aus ihr heraus zu entwickeln.” (Der Dialektische Biologe, S. 279)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Für MarxistInnen ist die Verbindung zwischen Theorie und Praxis besonders wichtig. Wie Marx betonte: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ (K. Marx, Thesen über Feuerbach, MEW Bd. 3, S. 533 ff.)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Wahrheit ist immer konkret. Wir betrachten die Dinge so wie sie existieren, mit einem Blick auf ihre verborgenen und widersprüchlichen Prozesse. Dies liefert vor allem jenen wichtige Erkenntnisse, die für eine andere Gesellschaft kämpfen. Im Gegensatz zu den utopischen SozialistInnen, die den Sozialismus als schöne Idee betrachteten, betrachten wir MarxistInnen die Entwicklung zum Sozialismus als etwas, das sich aus den Widersprüchen des Kapitalismus heraus entwickelt. Das kapitalistische System legte die materielle Basis für eine klassenlose Gesellschaft, durch die hohe Entwicklung der Produktivkräfte und die Arbeitsteilung. Der Kapitalismus erschuf die Arbeiterklasse, deren Lebensbedingungen sie unweigerlich in Konflikt mit dem Kapitalismus bringen muss. Auf der Basis von Erfahrungen wird sie sich ihrer Position in der Gesellschaft vollkommen bewusst werden, und sich, um es mit Marx Worten zu beschreiben von einer „Klasse an sich“ zu einer „Klasse für sich“ entwickeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Dialektik basiert auf Determinismus, was allerdings nichts mit Fatalismus, der die Existenz von Zufällen in der Natur, Gesellschaft und dem Denken verneint, verwechselt werden darf. Der dialektische Determinismus erklärt die Einheit von Notwendigkeit und Zufälligkeit, und erklärt, dass die Notwendigkeit sich durch Zufälle ausdrückt. Alle Ereignisse haben Ursachen, sowohl die notwendigen Ereignisse als auch die zufälligen. Wenn es keine ursächlichen Gesetze in der Natur geben würde, würde alles im totalen Chaos untergehen. Existenz würde dadurch unmöglich werden. Somit ist alles von allem anderen abhängig, wie in einer kontinuierlichen Kette von Ursache und Wirkung. Spezielle Ereignisse haben immer ein Element des Zufalls, doch diese Zufälle passieren nur aufgrund zugrundeliegender, tieferer Notwendigkeiten. In letzter Konsequenz manifestiert sich die Notwendigkeit durch eine Reihe von Zufällen. Es besteht kein Zweifel, dass Zufälle ihren Platz haben, doch umso notwendiger ist es die Gesetze der Notwendigkeit zu erfassen, die diesen zugrunde liegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vom Standpunkt der oberflächlichen Betrachtung, scheint alles durch Zufälle bestimmt zu sein. Dies erscheint besonders so, wenn wir die Gesetze, die die Veränderung und ihre Zusammenhänge regieren, nicht kennen. „Wo aber auf der Oberfläche der Zufall sein Spiel treibt, da wird er stets durch innere verborgene Gesetze beherrscht, und es kommt nur darauf an, diese Gesetze zu entdecken“, schrieb Engels (F. Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW Bd. 21, S.297).</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Natur folgt die Evolution der Materie einem bestimmten Weg. Jedoch wie, wann und in welcher Form dieser eingeschlagen wird hängt von zufälligen Umständen ab. Zum Beispiel: Die Entwicklung von Leben auf der Erde hing von einer ganzen Reihe zufälliger Faktoren ab, wie dem Vorhandensein von Wasser, verschiedenen chemischen Elementen, dem Abstand zur Sonne, der Atmosphäre, usw. usf.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„In Wahrheit aber ist es die Natur der Materie, zur Entwicklung denkender Wesen fortzuschreiten, und dies geschieht daher auch notwendig immer, wo die Bedingungen (nicht notwendig überall und immer dieselben) dazu vorhanden… was notwendig ist, setzt sich aus schieren Zufällen zusammen, und das sog. Zufällige ist nur die Form, in der sich die Notwendigkeit versteckt.“ (F. Engels, Dialektik der Natur, MEW Bd. 20, S. 479ff)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Oberflächliche HistorikerInnen sehen den Grund für den Beginn des ersten Weltkrieges in der Ermordung des Kronprinzen in Sarajewo. Für MarxistInnen war dieses Ereignis ein historischer Zufall, und spielte die Rolle eines Katalysators in einem Weltkonflikt, der sich bereits durch wirtschaftliche, militärische und politische Widersprüche, aufgestaut hatte. Wenn die Ermordung nicht geglückt wäre, oder der Kronprinz niemals geboren worden wäre, wäre der Krieg trotzdem, anlässlich eines anderen Ereignisses ausgebrochen. Die Notwendigkeit hätte sich durch einen anderen „Zufall“ ausgedrückt. Wie Hegel sagte: Alles was existiert, hat eine Notwendigkeit zu existieren. Aber gleichzeitig ist alles was existiert dazu verdammt zu vergehen, d.h. sich in etwas anderes zu verwandeln. Das was zu einer gewissen Zeit notwendig ist, wird zu einer anderen Zeit unnötig. Alles erzeugt sein Gegenteil, welches dann die Aufgabe hat, das Alte zu überwinden und es zu negieren. Dies gilt sowohl für lebendige Dinge als auch für die Gesellschaft, und überhaupt die gesamte Natur. Jede Gesellschaftsform existiert, weil sie für eine bestimmte Stufe der Entwicklung notwendig ist.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind. Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, dass die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozess ihres Werdens begriffen sind.“ (K. Marx, Kritik der politischen Ökonomie, MEW Bd. 13, S.9)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die Sklavenhaltergesellschaft stellte, zu ihrer Zeit, einen riesigen Fortschritt gegenüber der Barbarei dar. Es war eine notwendige Stufe in der Entwicklung der Produktivkräfte, der Kultur und der menschlichen Gesellschaft. Wie Hegels treffend feststellte: „Es ist die Menschheit nicht sowohl aus der Knechtschaft befreit worden, als vielmehr durch die Knechtschaft.“ (Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte.)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch der Kapitalismus stellte eine wichtige und progressive Stufe in der Geschichte dar. Aber genau wie der Urkommunismus, die Sklavenhaltergesellschaft und der Feudalismus hat der Kapitalismus seine fortschrittlichen Elemente längst verloren, um ein notwendiges und fortschrittliches Gesellschaftssystem darzustellen. Er ist gescheitert an den großen Widersprüche, die er in sich trägt, und ist verdammt dazu von der aufstrebenden Kraft der neuen Gesellschaft, die in der alten heranwächst, überwunden zu werden, die sich im modernen Proletariat ausdrückt. Das Privateigentum in der Produktion sowie der Nationalstaat, die in der Geschichte einen gewaltigen Schritt vorwärts kennzeichneten, sind nun Hemmschuh und Fessel der Produktivkräfte geworden und gefährden alle Errungenschaften der menschlichen Entwicklung der letzten Jahrhunderte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kapitalismus stellt heute ein degeneriertes soziales System dar, das durch seinen Gegensatz, den Sozialismus, ersetzt werden muss, wenn die menschliche Kultur überleben soll. Marxismus ist deterministisch aber nicht fatalistisch. Menschen machen die Geschichte. Die Veränderung der Gesellschaft kann nur durch Menschen in ihrem bewussten Streben für ihre eigene Emanzipation erreicht werden. Der Ausgang dieses Klassenkampf ist nicht vorherbestimmt. Wer gewinnt ist abhängig von vielen verschiedenen Faktoren. Eine aufstrebende, fortschrittliche Klasse hat jedoch viele Vorteile gegenüber der alten, reaktionären Kraft. Letztendlich hängt es davon ab, welche Seite den größeren Willen, die größeren Organisationen sowie die bestausgebildetste sowie entschlossenste Führung hat. Der Sieg des Sozialismus wird einen neuen, qualitativen Sprung in der menschlichen Geschichte markieren. Genauer gesagt: Er markiert das Ende der Vorgeschichte der Menschheit, und den Beginn der wirklichen Geschichte. Andererseits bedeutet der Sozialismus auch eine Wiederkehr der frühesten menschlichen Gesellschaftsform, des Urkommunismus, jedoch auf einer höheren Stufe, die auf den kolossalen Fortschritten von tausenden Jahren Klassengesellschaft aufbauen kann. Die Negation des Urkommunismus durch die Klassengesellschaft wird somit wieder durch den Sozialismus negiert. Durch bewusste Planung der vom Kapitalismus weltweit geschaffenen Industrie, der Wissenschaft und der Technik wird die Erwirtschaftung eines gewaltigen Überflusses ermöglicht. Dies wird die Arbeitsteilung, den Unterschied zwischen geistiger und körperlicher Arbeit, zwischen Stadt und Land, sowie den verschwenderischen und barbarischen Klassenkampf überflüssig machen, und es der Menschheit ermöglichen ihre Ressourcen endlich für die Bezwingung der Natur einzusetzen. Um Engels berühmten Ausspruch zu zitieren:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Es ist der Sprung der Menschheit aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit.“</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">(F. Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, MEW Bd. 19, S.226)</p>
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		<title>In Verteidigung des Materialismus</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Alan Woods]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 13 Apr 2023 16:36:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
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		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wie eigenen wir uns Wissen an? Gibt es eine reale Welt ausserhalb unserer Sinne? Und wenn ja, in welchem Verhältnis stehen wir zur Aussenwelt? In diesem wichtigen theoretischen Beitrag verteidigt [&#8230;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Wie eigenen wir uns Wissen an? Gibt es eine reale Welt ausserhalb unserer Sinne? Und wenn ja, in welchem Verhältnis stehen wir zur Aussenwelt? In diesem wichtigen theoretischen Beitrag verteidigt der <a href="http://www.marxist.com">marxist.com</a>– Redakteur Alan Woods den Materialismus gegen den Idealismus und den obskurantistischen, postmodernen Subjektivismus, der heute an den Universitäten verbreitet ist.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Dieser Artikel erschien ursprünglich als Einleitung zur neuen englischen Ausgabe von Lenins Klassiker „Materialismus und Empiriokritizismus“: <a href="https://www.marxist.com/materialism-and-and-empirio-criticism-introduction-by-alan-woods.htm">Original auf Englisch</a>.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Joseph Dietzgen sagte einmal, die offizielle Philosophie sei keine Wissenschaft, sondern ein Schutzwall gegen den Sozialismus. Er hatte ganz recht. Egal wie entrüstet sie es leugnen mögen, sind die Berufsphilosophen von den Verteidigern des Status quo als Verbündete im Kampf gegen den Marxismus angeworben worden. Dies war in der Zeit des Kalten Krieges besonders eklatant, als die CIA Philosophie und Kunst als Waffen gegen den Kommunismus einsetzte. Aber es gilt auch heute noch.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Seit dem Moment, als der Marxismus zu einer bedeutenden Kraft geworden ist, die die bestehende Ordnung in Frage stellt, befindet sich das Establishment in einem permanenten Krieg gegen jeden Aspekt der marxistischen Ideologie, angefangen beim dialektischen Materialismus. Allein die Erwähnung des Marxismus löst in diesen Kreisen garantiert eine reflexartige Reaktion aus. „Veraltet“, „unwissenschaftlich“, „längst widerlegt“, „Metaphysik“ und der ganze Rest der fadenscheinigen und ermüdenden Litanei der Reaktion.</p>

<p class="wp-block-paragraph">In den heiligen Wänden der philosophischen Fakultäten sind nicht nur Marx und Engels personae non grata. Auch der arme alte Hegel, der einst als der Philosoph der Philosophen schlechthin gepriesen wurde, ist Opfer einer wirklich schändlichen Verschwörung des Schweigens oder von noch Schlimmerem.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Diese Situation ist nicht nur ein Ausdruck von Unwissenheit und Vorurteilen (obwohl es von beidem reichlich gibt). Es sind mächtige materielle Interessen im Spiel, die schnell alle ausser die Mutigsten davon überzeugen, dass es nicht klug ist, diejenigen zu beleidigen, die die Gelder geben und die akademischen Karrieren kontrollieren.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Es ist auch offensichtlich, dass die postmoderne akademische Bande nicht gerne daran erinnert wird, dass es einmal eine Zeit gab, in der Philosophen tatsächlich etwas Tiefgründiges und Wichtiges über die reale Welt zu sagen hatten.</p>

<h3 id="die-bedeutung-der-theorie" class="wp-block-heading">Die Bedeutung der Theorie</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Schon in Was Tun? erklärte Lenin:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben. Dieser Gedanke kann nicht genügend betont werden in einer Zeit, in der die zur Mode gewordene Predigt des Opportunismus sich mit der Begeisterung für die engsten Formen der praktischen Tätigkeit paart.“</p>

<p class="wp-block-paragraph">W.I. Lenin, Werke, Bd 5, S. 379.</p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Er fügte hinzu, dass „die Rolle des Vorkämpfers nur eine Partei erfüllen kann, die von einer fortgeschrittenen Theorie geleitet wird.“ Und einer der wichtigsten Beiträge zur marxistischen Theorie ist zweifellos Materialismus und Empiriokritizismus.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Lenin begann mit der Abfassung dieses marxistischen Klassikers im Februar 1908. Das war auf dem Höhepunkt der Periode der Reaktion, die auf die Niederlage des Aufstands in Moskau im Dezember 1905 folgte. Die Arbeiterklasse war erschöpft. Der Bauernaufstand, auf den Lenin seine Hoffnungen für einen Wiederaufschwung der revolutionären Welle setzte, kam zu spät. Die Initiative ging auf das zaristische Regime über, das in die Offensive ging.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Es folgte eine Welle der schwärzesten Reaktion, die mehrere Jahre andauerte. Massenverhaftungen, Hinrichtungen im Schnellverfahren und die gnadenlose Zerschlagung jeglicher Opposition dezimierten die Bewegung. Die Marxisten (damals als Sozialdemokraten bekannt) waren der brutalsten Verfolgung ausgesetzt. Ihre Führer wurden gejagt, inhaftiert und nach Sibirien geschickt, oder hingerichtet. Tausende weitere wurden ohne Gerichtsverfahren ermordet.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Diese Niederlage hatte eine zutiefst demoralisierende Wirkung auf die Bewegung und vor allem auf jene Intellektuellen, die mit der Revolution sympathisiert hatten, als sie in vollem Gange war, sich aber von ihr abzuwenden begannen, sobald die Reaktion einsetzte. Im Kleinbürgertum machte sich eine pessimistische Stimmung breit.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Dies drückte sich in einem allgemeinen Gefühl der Hoffnungslosigkeit aus, einer Tendenz, den Klassenkampf aufzugeben und sich nach innen zu wenden, nach neuen Ideen und Allheilmitteln zu suchen, einschliesslich mystischer und halbreligiöser Ideen (z.B. das „Gotterbauertum“). In diesem Kontext liegt die wahre Bedeutung von Lenins Kampf gegen den philosophischen Revisionismus.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Ungefähr zu dieser Zeit kam der subjektive Idealismus von Richard Avenarius und Ernst Mach bei einer Schicht der russischen Intelligenz in Mode. Er entsprach genau der vorherrschenden Stimmung von Niedergeschlagenheit, Pessimismus und Mystizismus.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die sozialistische Bewegung blieb von dieser Entwicklung nicht verschont und eine Schicht von ihr begann, dem Machismus Zugeständnisse zu machen. Dies war Teil des Prozesses der Konterrevolution auf der Ebene der Ideen.</p>

<h3 id="das-kleinbuergertum-und-die-revolution" class="wp-block-heading">Das Kleinbürgertum und die Revolution</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Dasselbe Muster lässt sich immer wieder nach gescheiterten Revolutionen beobachten. Sobald die revolutionäre Bewegung Rückschläge erleidet, sehen wir eine grosse Reihe deprimierter Intellektueller, die sich in ungehöriger Eile von der Bewegung abwenden und sich in ihre sichere Studierstube zurückziehen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Intellektuellen sind ein ziemlich genaues Barometer für die wechselnden Stimmungen des Kleinbürgertums. Als Zwischenschicht, die zwischen dem Proletariat und dem Bürgertum steht, bilden sie eine organisch instabile soziale Schicht, die ständig zwischen den beiden grossen Polen der Gesellschaft schwankt.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Insofern die Schicht der Intellektuellen (die „Intelligenz“) in der Lage ist, sich der Arbeiterklasse und dem revolutionären Sozialismus zuzuwenden, erweist sie sich stets als ein höchst unbeständiger, schwankender und unzuverlässiger Verbündeter. Wenn sich die Arbeiterklasse in eine revolutionäre Richtung bewegt, kann ein Teil der kleinbürgerlichen Intellektuellen sich in ekstatischer Begeisterung wägen. Aber diese Stimmungsschwankungen können sehr schnell in ihr Gegenteil umschlagen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Intelligenz verliert den Glauben an die Stärke der Arbeiterklasse, gibt dem Druck der Reaktion nach und rückt nach rechts. Die Ideale des kollektiven Kampfes werden durch die Suche nach individuellen Lösungen ersetzt. Subjektivismus, Relativismus und Agnostizismus, mit anderen Worten: philosophischer Idealismus, beginnen sich durchzusetzen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Sie erfinden alle möglichen ausgefallenen Ideen, um die Ursachen von Niederlagen zu erklären. Aber ausnahmslos geben sie der Arbeiterklasse die Schuld für ihre eigenen Misserfolge. Und sie fangen immer an, von der Notwendigkeit „neuer Ideen“ und der „Freiheit der Kritik“ zu faseln, um der „erstickenden Orthodoxie“ (dem Marxismus) ein Ende zu bereiten, die sie ihrer Meinung nach im Stich gelassen hat.</p>

<h3 id="freiheit-der-kritik" class="wp-block-heading">„Freiheit der Kritik“</h3>

<p class="wp-block-paragraph">In Russland erschien zwischen 1906 und 1908 eine Reihe von Büchern und Artikeln, verfasst von Alexander Bogdanow, Anatoli Lunatscharski und W. A. Basarow sowie von anderen linken Intellektuellen wie dem Menschewiken Pawel Juschkewitsch und dem Haupttheoretiker der Partei der Sozialrevolutionäre, Wiktor Tschernow. Die Hauptaussage dieser Werke war, dass der Marxismus „veraltet“ sei. Er müsse aktualisiert werden, indem man ihn mit den „neuen“ Entdeckungen von Mach und Averanius ergänzt.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Aber der Marxismus ist eine einheitliche und harmonische Weltanschauung. Er ist keine Sammlung von guten Ideen, von denen jede einzelne nach Belieben verändert werden kann. Diese so genannten „kleinen Anpassungen“ liefen in der Praxis auf eine völlige Negierung des Marxismus und seiner materialistischen Philosophie hinaus.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Diese Ideen waren nicht nur grundlegend falsch, sondern begannen auch, in den Reihen der Bolschewiki ein Echo zu finden – sogar auf der Führungsebene. Bogdanow war zu diesem Zeitpunkt eine der prominentesten Personen im bolschewistischen Zentralkomitee und Mitglied der Redaktion der bolschewistischen Zeitung Wperjod. In der Zeit vor der Revolution von 1905 hatten er und andere, die seiner philosophischen Linie folgten, eine führende Rolle gespielt. Er baute sich auch ein Renommee als Experte für die Frage der Philosophie auf.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Auf dem Gebiet der Philosophie belesen zu sein, bedeutet jedoch nicht unbedingt, dass man die Philosophie auch versteht. Bogdanow und seine Anhänger zeigten wiederholt, dass ihr Verständnis der marxistischen Theorie beschränkt und recht oberflächlich war und zu starren Schemata und Formeln tendierte. Sie zeigten ein völliges Fehlen an Verständnis für die marxistische Philosophie: Die dialektische Methode war ihnen gänzlich fremd. Diese Tatsache sollte sie später zu einer Reihe von ultralinken Fehlern auf dem Gebiet der Taktik führen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Wie andere Revisionisten vor (und nach) ihnen, riefen auch die bolschewistischen Machisten nach der „Freiheit der Kritik“. Sie betonten, dass sie nicht gegen den Marxismus seien, sondern diesen lediglich „auf den neuesten Stand“ bringen wollten, in Übereinstimmung mit den „neusten Entdeckungen“ der Wissenschaft und Philosophie.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Aber das war nur ein Trick und ein Ablenkungsmanöver von der Tatsache, dass sie sich vom Marxismus entfernten und die Partei mit sich mitreissen wollten. Lenin war in dieser Hinsicht sehr deutlich:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Genosse Sashin […] fordert, den ‘Mitgliedern der Partei’ müsse ‘die völlige Freiheit ihrer revolutionären und philosophischen Gedanken’ ‘gewährleistet’ sein.<br />Diese Losung ist durch und durch opportunistisch. Eine derartige Losung wurde in allen Ländern innerhalb der sozialistischen Parteien nur von Opportunisten aufgestellt und bedeutete in der Tat nichts anderes als die ‘Freiheit’, die Arbeiterklasse durch die bürgerliche Ideologie zu demoralisieren. ‘Gedankenfreiheit’ (lies: Freiheit der Presse, des Wortes, des Gewissens) fordern wir ebenso wie Koalitionsfreiheit vom Staat (aber nicht von der Partei). Die Partei des Proletariats hingegen ist eine freie Vereinigung, geschaffen für den Kampf gegen die ‘Gedanken’ (lies: gegen die Ideologie) der Bourgeoisie, für das Verfechten und Durchsetzen einer ganz bestimmten, nämlich der marxistischen Weltanschauung. […] Diese Unaufrichtigkeit besteht darin, dass die einen ‘Wperjod’-Leute das Proletariat allzugern zu den Ideen der bürgerlichen Philosophie (zum Machismus) zurückziehen wollen und dass sich die anderen der Philosophie gegenüber gleichgültig verhalten und lediglich ‘völlige Freiheit’ … für den Machismus fordern.“</p>

<p class="wp-block-paragraph">W.I. Lenin, Werke, Bd 16, S. 271f..</p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Die Bibel lehrt uns, dass es nichts Neues unter der Sonne gibt. Und in Wirklichkeit gab es nichts Neues, weder in den Ideen von Mach und Avenarius noch in den Behauptungen der russischen Machisten, eine Aktualisierung des Marxismus zu besitzen. Marx und Engels haben viele Kämpfe gegen den idealistischen Revisionismus geführt, der berühmteste Fall ist Engels‘ Polemik gegen Eugen Dühring.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Im Laufe der Geschichte der revolutionären Arbeiterbewegung haben sich immer wieder einige kluge Leute mit der Behauptung hervorgetan, sie wollten den Marxismus auf den neuesten Stand bringen. Bogdanow und seine Mitdenker waren genau solche Leute. In der Praxis spiegeln diese Elemente den Druck fremder Klassen wider.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Arbeiterklasse existiert nicht im Vakuum. Sie ist von anderen Klassen und sozialen Schichten umgeben, deren Klassenanschauung sich in der Arbeiterbewegung widerspiegeln kann. Der Klassenkampf ist daher nicht nur ein wirtschaftlicher und politischer, sondern vor allem auch ein philosophischer Kampf, wie Lenin immer wieder betonte.</p>

<h3 id="lenins-kampf-gegen-revisionismus" class="wp-block-heading">Lenins Kampf gegen Revisionismus</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Lenin hatte nie einen Hehl aus seinen Differenzen mit Bogdanow in der Frage der Philosophie gemacht. Mehrere Jahre lang war er jedoch bereit, mit ihm zusammenzuarbeiten und dessen anderen Fähigkeiten in den Dienst der Partei zu stellen. Sobald Lenin jedoch von den systematischen Versuchen erfuhr, die philosophische Grundlage des Marxismus zu untergraben, erklärte er den Machisten den Krieg. Er nahm einen entschlossenen Kampf auf, um die grundlegenden Ideen des Marxismus gegen den Revisionismus zu verteidigen. Der höchste Ausdruck dieses Kampfes war die Veröffentlichung von Materialismus und Empiriokritizismus im Jahr 1909. Damals schrieb Lenin an Maxim Gorki, der sowohl mit Bogdanow als auch mit Lunatscharski eng befreundet war und mit einigen ihrer Ansichten sympathisierte:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Jetzt sind die Umrisse der Philosophie des Marxismus [eine Serie von Artikeln die anlässlich eines von Bogdanow und seinen Verbündeten organisierten Symposiums geschrieben wurden – AW] erschienen. Ich habe alle Artikel durchgelesen, ausser dem Suworowschen (ich bin gerade dabei), und bei jedem Artikel war ich einfach toll vor Empörung. Nein, das ist kein Marxismus! Und unsere Empiriokritiker, Empiriomonisten und Empiriosymboliker geraten in einen Sumpf. Dem Leser vorzumachen, dass der ‘Glaube’ an die Realität der Aussenwelt ‘Mystik’ sei (Basarow), auf die scheusslichste Weise Materialismus und Kantianertum zu verwechseln (Basarow und Bogdanow), die Wesensverschiedenheit des Agnostizismus (Empiriokritizismus) und des Idealismus (Empiriomonismus) zu predigen, – den Arbeitern einen ‘religiösen Atheismus’ und eine ‘Anbetung’ der höchsten menschlichen Potenzialitäten zu lehren (Lunatscharski), – die Engelssche Lehre von der Dialektik als Mystik zu erklären (Beermann), – aus der stinkenden Quelle irgendwelcher französischer ‘Positivisten’ – Agnostiker oder Metaphysiker zu schöpfen, – hol sie der Teufel – mitsamt der ‘symbolischen Theorie der Erkenntnis’ (Juschkewitsch)! Nein, das ist zu stark! Natürlich wir sind simple Marxisten, in der Philosophie unbelesen, aber warum muss man uns so beleidigen und so etwas als Ph[iloso]phie des M[arxi]smus auftischen! Ich lasse mich eher vierteilen, als dass ich mich damit einverstanden erkläre, an einem Organ oder an einem Kollegium mich zu beteiligen, das solche Sachen predigt.“</p>

<p class="wp-block-paragraph">W.I. Lenin, Brief an A. M. Gorki, 1908.</p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Es handelte sich keineswegs um eine Debatte über obskure philosophische Doktrinen. Es war ein Kampf um die Seele der revolutionären Bewegung. Lenin beschrieb sehr klar, was der machsche Angriff tatsächlich bedeutete: „Bei uns aber gibt es Leute, die als Marxisten gelten möchten und eine Philosophie in die Massen tragen, welche hart an Fideismus grenzt.“ (W.I. Lenin, Werke, Bd. 14, S. 69.)</p>

<h3 id="materialismus-und-idealismus" class="wp-block-heading">Materialismus und Idealismus</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Die Grundzüge der marxistischen Philosophie (dialektischer Materialismus) wurden von Friedrich Engels in Anti-Dühring und Ludwig Feuerbach und das Ende der klassischen deutschen Philosophie erläutert. Hier schreibt Engels, dass die grundlegenden philosophischen Strömungen der Materialismus und der Idealismus sind. Lenin erklärt in seinem Buch den Unterschied zwischen diesen philosophischen Strömungen:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Der Materialismus betrachtet die Natur als das Primäre, den Geist als das Sekundäre, er setzt das Sein an die erste, das Denken an die zweite Stelle. Für den Idealismus gilt das Umgekehrte. Diesen Grundunterschied der ‘zwei grossen Lager’, in die sich die Philosophen der ‘verschiedenen Schulen’ des Idealismus und des Materialismus spalten, macht Engels zum Eckpfeiler seiner Betrachtungen und beschuldigt jene, die die beiden Ausdrücke Idealismus und Materialismus in einem andern Sinne gebrauchen, direkt der ‘Verwirrung’.“</p>

<p class="wp-block-paragraph">Ebd. S. 92.</p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Lenins Kampf bestand in erster Linie darin, den grundlegenden Unterschied zwischen Idealismus und Materialismus deutlich zu machen und Klarheit über die wirkliche Bedeutung des Machismus zu schaffen, der im Grunde nichts anderes als eine Form des Idealismus darstellte. Er griff die russischen Machisten wegen ihrer „Meuterei auf den Knien“ gnadenlos an und forderte sie auf, mit ihrer „Abrechnung“ mit den Anschauungen des Marxismus, den sie aufgegeben haben, „offen, direkt, entschieden und klar“ hervorzutreten (Ebd. S. 10.).</p>

<p class="wp-block-paragraph">Wie es bei Revisionisten üblich ist, versuchten Bogdanow und Lunatscharski, ihren Bruch mit dem Marxismus durch eine Reihe unehrlicher Tricks und Täuschungen zu verschleiern. Doch Lenin riss ihnen gnadenlos die Maske vom Gesicht und enthüllte den reaktionären idealistischen Inhalt, der sich darunter verbarg.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Schritt für Schritt, Schicht für Schicht, entlarvt dieses Buch den Idealismus in all seinen Erscheinungsformen. Ebenso gründlich, wie Engels auf die Ideen Dührings antwortete, zitiert Lenin ausführlich aus den philosophischen Schriften der russischen Machisten sowie aus den Schriften anderer Wissenschaftler und Philosophen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Manche Leute beklagen sich, dass Lenins Buch eine schwere Lektüre sei. Das mag sein. Aber die einzige Möglichkeit, auf falsche Ideen zu antworten, ohne der Verzerrung oder des Missverständnisses bezichtigt zu werden, besteht genau darin, das Geschriebene Wort für Wort zu zitieren. Das ist es, was Lenin tut, und niemand kann sich darüber beschweren, dass er seine Gegner nicht fair behandelt.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Aber gerade deshalb ist er berechtigt, über sie das schärfste Urteil zu fällen – und er zögert nicht, dies zu tun. Er nennt sie Wirrköpfe und andere Dinge, die man in universitären Seminarräumen nicht zu hören gewohnt ist. Aber wie wir sehr gut wissen, gibt es auch dort keinen Mangel an Wirrköpfen, auch wenn sich niemand traut, sie beim richtigen Namen zu nennen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Lenins Ziel war ganz einfach: Er wollte den wirklichen Unterschied zwischen dem dialektischen Materialismus des Marxismus und dem subjektiven Idealismus der Machisten zum Vorschein bringen. Das ist ihm glänzend gelungen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Bei der Analyse der verschiedenen Schattierungen und Ausdrucksformen des Machismus auf internationaler Ebene betonte Lenin, dass wir in „jeder philosophischen Frage, die durch die neue Physik aufgerollt wurde, […] den Kampf zwischen Materialismus und Idealismus verfolgen [können].“ (Ebd. S. 339.) Und er zeigte:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Hinter einem Haufen neuer terminologischer Spitzfindigkeiten, hinter dem Schutt gelahrter Scholastik fanden wir immer, ausnahmslos, die zwei Grundlinien, die zwei Grundrichtungen bei der Lösung der philosophischen Fragen. Ob man als das Primäre die Natur, die Materie, das Physische, die Aussenwelt ansieht und Bewusstsein, Geist, Empfindung (nach der heutzutage verbreiteten Terminologie: Erfahrung), Psychisches u. dgl. als das Sekundäre betrachtet – das ist die Grundfrage, die in der Tat nach wie vor die Philosophen in zwei grosse Lager trennt.“</p>

<p class="wp-block-paragraph">Ebd. S. 339-340.</p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Lenin nahm diesen ideologischen Kampf so ernst, dass er bereit war, mit der gesamten Führung der bolschewistischen Fraktion anhand dieser Fragen zu brechen. Die Spaltung erfolgte 1909, als Lenin sich entschloss, mit Bogdanow und Lunatscharski zu brechen, anstatt auch nur das geringste Zugeständnis an ihren philosophischen Revisionismus, ihren sektiererischen Formalismus und ihre ultralinke Politik zu machen. Dies geschah nach fast zwei Jahren interner Auseinandersetzungen. Als es zur Spaltung kam, war es Lenin jedoch gelungen, die Mehrheit der Partei für die Position des dialektischen Materialismus zu gewinnen, und es waren Bogdanow und die Machisten, die gingen.</p>

<h3 id="idealismus-und-religion" class="wp-block-heading">Idealismus und Religion</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Der Materialismus lehnt die Vorstellung ab, dass Geist und Bewusstsein etwas von der Materie Getrenntes sind. Das Denken ist lediglich die Existenzweise des Gehirns, das, wie das Leben selbst, nur eine auf eine bestimmte Weise organisierte Materie ist. Der Geist ist das, was wir die Summe der Aktivitäten des Gehirns und des Nervensystems nennen. Aber dialektisch gesehen ist das Ganze grösser als die Summe der Teile. Diese Sichtweise entspricht weitgehend den Entdeckungen der Wissenschaft, die nach und nach die Funktionsweise des Gehirns aufdeckt und seine Geheimnisse lüftet.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Im Gegensatz dazu beharrt der Idealismus weiterhin darauf, das Bewusstsein als ein „Mysterium“ darzustellen, als etwas, das wir nicht verstehen können. Er mystifiziert die physische und kausale Verbindung zwischen dem denkenden Geist und dem menschlichen Körper. Dieses so genannte Geist-Körper-Problem ergibt sich aus der Tatsache, dass geistige Phänomene sich qualitativ von den physischen Körpern zu unterscheiden scheinen, von denen sie anscheinend abhängen. Der konsequente Materialismus verteidigt hingegen die Ansicht, dass Geist und Körper aus einer Substanz bestehen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die idealistische Strömung in der Philosophie ist mindestens so alt wie Platon und Pythagoras, die die physische Welt als eine schlechte Nachahmung der vollkommenen Idee (Form) betrachteten, die vor der Entstehung der Welt existierte. Diese Sichtweise passt sehr gut zu den Interessen der religiösen Lobby, die mit grossem Nachdruck alles verteidigt, was von den uralten Vorurteilen über die Seele, ein Leben nach dem Tod und all dem anderen religiösen Unsinn, der sich seit den entferntesten und primitivsten Zeiten im menschlichen Gehirn angesammelt hat, noch zu verteidigen ist. Hinter der respektablen Fassade des philosophischen Idealismus verbergen sich Religion und Aberglaube. Die unbefleckte und ewige Seele sollte im Inneren des schäbigen, unvollkommenen und kurzlebigen materiellen Körpers eingeschlossen sein und sich nach der Erlösung im Moment des Todes sehnen, wenn wir „den Geist aufgeben“ und ins Paradies schweben (wenn wir Glück haben).</p>

<p class="wp-block-paragraph">Im Laufe der Geschichte war die Religion ein Hindernis für den Fortschritt der Wissenschaft. Die Kirche steht dem Fortschritt des Wissens feindlich gegenüber, denn jeder Fortschritt in der Wissenschaft entzieht dem religiösen Aberglauben eine weitere Grundlage. Die Religion basiert auf blindem Glauben, nicht auf Wissen. Sie stützt sich auf die Angst vor dem Unbekannten – und deshalb ist das Unbekannte ihr grösster Verbündeter. Deshalb beruhen alle Religionen auf Mystik, Obskurantismus, Wundern usw.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Kirche versuchte, den Weg des Fortschritts und der Wissenschaft mit den Feuern der Inquisition zu versperren, aber ohne Erfolg. Das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert war eine Zeit, in der die Philosophie noch ihre ganze Kraft hatte. Ihre Ideen waren auf eine Weise relevant, wie sie es heute nicht mehr sind. Philosophie war wirklich Wissenschaft und Wissenschaft war Philosophie. In dieser schönen neuen Welt schien es, als hätte Gott keinen Platz.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Isaac Newton, ein Theist, hat Gott eine Rolle in seinem Uhrwerk-Universum zugedacht: die eines Anfangsimpulses. Doch nach dieser elementaren Aufgabe gab es für den Allmächtigen für den Rest der Ewigkeit eigentlich nichts mehr zu tun. Die neue Philosophie bot eine Grundlage für den Atheismus, und die Verteidiger des Glaubens waren sich dessen sehr wohl bewusst.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Der entschiedenste Gegner des Materialismus zu dieser Zeit war George Berkeley (1685-1753). Berkeley war ein Engländer, der Bischof von Cloyne in Irland wurde. Als endgültige und definitive Antwort auf den Materialismus vertrat er die Ansicht, dass die Materie selbst nicht existiere und dass die Welt erst dann entstehe, wenn sie beobachtet werde. Er griff das Konzept der Materie mit der Begründung an, es sei so voller Widersprüche, dass es für die Suche nach Wissen nutzlos sei.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Lenin zeigt deutlich die Beziehung zwischen idealistischer Philosophie und Klerikalismus auf und zitiert ausführlich aus den Werken von Bischof Berkeley und anderen Protagonisten der Kirche:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Aus der Lehre von der Materie oder körperlichen Substanz“, sagt er, „sind auch alle jene unfrommen Systeme des Atheismus und der Religionsverwerfung hervorgegangen… Wie sehr die materielle Substanz den Atheisten aller Zeiten wert gewesen ist, bedarf nicht der Erwähnung. Alle ihre monströsen Systeme stehen in einer so offenbaren und notwendigen Abhängigkeit von ihr, dass, ist dieser Eckstein einmal weggenommen, das ganze Gebäude notwendig zusammenstürzen muss, so sehr, dass sich nicht länger der Zeitaufwand lohnen wird, eine besondere Betrachtung auf die Absurditäten einer jeden nichtswürdigen Sekte von Atheisten zu richten.“</p>

<p class="wp-block-paragraph">Berkley, In: Ebd. S. 18.</p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Wie wir aus den obigen Ausführungen ersehen können, entwickelte Bischof Berkeley seinen subjektiven Idealismus als Antwort auf den seiner Ansicht nach materialistischen Atheismus Newtons und der anderen Wissenschaftler seiner Zeit. Er lehnte die Infinitesimalrechnung von Newton und Leibniz ab, weil die Anerkennung der unendlichen Teilbarkeit des „realen Raums“ den Grundpostulaten seiner Philosophie widersprach.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Er nutzte geschickt die Argumente des Empirismus, um den Materialismus zu widerlegen und die Religion zu verteidigen. Er tat dies ganz bewusst, um den Atheismus zu bekämpfen, den er – ganz richtig – durch den Fortschritt der Wissenschaft auf dem Vormarsch zu sehen glaubte.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Bischof Berkeley hat auf geniale Weise gezeigt, dass die Logik des Empirismus, wenn sie auf die Spitze getrieben wird, zu der Schlussfolgerung führt, dass wir die Existenz der physischen Welt nicht unabhängig von unseren (meinen) Sinnen beweisen können. Ausgehend von dem unbestreitbaren Satz „ich interpretiere die Welt durch meine Sinne“, zog er die Schlussfolgerung, dass ich nichts ausser meinen Empfindungen wissen kann.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Anstelle von Lockes Aussage „Nihil est in intellectu quod non sit prius in sensu“ („Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen gewesen wäre“), behauptete Berkeley: „esse est percipi“, d. h. „Sein ist Wahrgenommenwerden“. Die Dinge können nur insofern existieren, als sie wahrgenommen werden. Daher ist es unmöglich, mit Sicherheit zu sagen, dass die Welt ausserhalb meiner Sinneswahrnehmung existiert. Diese philosophische Doktrin, nach der das Subjekt das Sein bestimmt, wird subjektiver Idealismus genannt.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Aber Berkeleys Argument hatte einen entscheidenden Fehler. Die unausweichliche Logik seines Arguments ist Solipsismus: Nur ich existiere. Da meine Sinneswahrnehmung das Sein bestimmt, kann ich die Existenz von etwas anderem als mir selbst nicht beweisen. Aber wenn das der Fall ist, wo kommt dann Gott ins Spiel? Dann muss sicherlich auch Gott nichts weiter als eine Einbildung sein – nur ein weiterer „Sinnesinhalt“!</p>

<p class="wp-block-paragraph">Berkeley war kein Narr. Wie wir sehen werden, war er sich dieser unbequemen Tatsache sehr wohl bewusst. Er versuchte sie zu umgehen, indem er die Existenz einer Vielzahl von geistigen Substanzen und auch eines „kosmischen Geistes“ (Gott) postulierte.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Dieses Dilemma war das Thema eines amüsanten Limericks, der wie folgt lautet:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„There was a young man who said ‘God<br />Must find it exceedingly odd<br />To think that the tree<br />Should continue to be<br />When there’s no one about in the quad.’“<br />Reply:<br />„Dear Sir: Your astonishment’s odd;<br />I am always about in the quad.<br />And that’s why the tree<br />Will continue to be<br />Since observed by, Yours faithfully, God.“<br />(„Ein junger Mann sagte: ‘Gott muss es äusserst merkwürdig finden, zu denken, dass der Baum auch noch weiter existieren soll, wenn niemand vor Ort ist.’“<br />Antwort:<br />„Geehrter Herr: Ihr Erstaunen ist seltsam; Ich bin immer vor Ort. Und so wird der Baum auch weiterexistieren, weil er wahrgenommen wird von mir, Ihrem Gott“)</p>

<p class="wp-block-paragraph">R. Knox, God in the Quad</p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Das Gedicht ist amüsant und geistreich. Aber es ist nur für diejenigen von ernsthaftem Interesse, die das Bedürfnis haben, sich auf einen unsichtbaren Geist zu berufen, um zu beweisen, dass der Baum, den wir wahrnehmen, wirklich existiert. Doch was wirklich bewiesen werden müsste, bevor wir ein derartiges Urteil wagen, ist nicht das Dasein des Baumes, den wir alle sehen können, sondern jenes eines unsichtbaren Geistes, den wir per Definition nicht sehen können.</p>

<h3 id="erkenntnistheorie" class="wp-block-heading">Erkenntnistheorie</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Die Erkenntnistheorie – auch Epistemologie genannt – spielt in der Geschichte der Philosophie eine zentrale Rolle. Sie trifft den Kern des Gegensatzes zwischen philosophischem Materialismus und Idealismus.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Das so genannte Subjekt-Objekt-Problem beschäftigt die Philosophen seit Jahrhunderten. Es befasst sich mit der Analyse der menschlichen Erfahrung und der Frage, was innerhalb der Erfahrung „subjektiv“ und was „objektiv“ ist.<br />Wie können wir die Welt „ausserhalb“ von uns erkennen? Die Frage wird in Form einer Dichotomie gestellt:<br />a) das denkende „Subjekt“ („Ich“) und<br />b) das Objekt des Denkens (die „äussere“ Welt).</p>

<p class="wp-block-paragraph">Diese Frage wurde bereits von Aristoteles aufgeworfen, aber im modernen – erkenntnistheoretischen – Sinne stammt sie aus dem 17. Jahrhundert und wurde von bürgerlichen Philosophen wie René Descartes und John Locke gestellt. Descartes, der Idealist war, führte den Begriff des Dualismus ein. In Descartes‘ Dualismus werden Geist und Körper als zwei völlig getrennte Substanzen dargestellt. Daher auch das „duale“ Element.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Der Fehler besteht darin, das Bewusstsein als ein „Ding“ zu behandeln, als eine unabhängige Entität, die von der menschlichen Sinnestätigkeit getrennt und unabhängig ist. Die unüberwindbare Schwierigkeit des Dualismus ist folgende: Wenn der Geist gänzlich verschieden vom physischen Körper ist, wie können die beiden dann interagieren?</p>

<p class="wp-block-paragraph">Heute wissen wir vieles, was Descartes nicht wusste: über die Funktionsweise der Natur, die Welt der Moleküle, Atome und subatomaren Teilchen oder über die elektrischen Impulse, die die Arbeit des Gehirns steuern. Anstelle einer geheimnisvollen Seele beginnen wir, wissenschaftlich zu verstehen, wie der menschliche Körper und das Gehirn funktionieren.<br />Die Entdeckungen der modernen Wissenschaft haben die Vorstellung vom Bewusstsein als unabhängigem „Ding“ unwiderruflich widerlegt. Doch so seltsam es auch erscheinen mag, an Verfechtern dieses mystischen Unsinns mangelt es auch im 21. Jahrhundert nicht.</p>

<h3 id="subjekt-objekt-und-dialektik" class="wp-block-heading">Subjekt, Objekt und Dialektik</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Die erste Frage ist, „was“ wir wissen. Das zweite Problem ist die Frage, „wie“ wir wissen, was wir wissen. Das ist im Wesentlichen das, was die Erkenntnistheorie zu beantworten versucht.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Dass ich die Welt durch meine Sinne interpretiere, ist ein grundlegender Gedanken. Diese Feststellung ist in Wirklichkeit eine reine Tautologie. Denn ohne Augen, Ohren, Hände und Gehirn kann ich überhaupt kein Wissen über die Welt haben. Der subjektive Idealismus folgert daraus, dass ich in Wirklichkeit kein wirkliches Wissen über die Welt ausserhalb meiner eigenen Empfindungen haben kann. Um es mit den Worten des logisch-positivistischen Philosophen A. J. Ayer zu sagen: Alles, was ich wissen kann, sind meine „Sinnesinhalte“.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Das so genannte Erkenntnisproblem stellt sich nur, wenn das Bewusstsein betrachtet wird als</p>

<p class="wp-block-paragraph">a) etwas, das von einem physischen Körper getrennt ist, und</p>

<p class="wp-block-paragraph">b) etwas, das von der materiellen Welt getrennt ist.</p>

<p class="wp-block-paragraph">In Wirklichkeit sind der subjektive Idealismus und der philosophische Dualismus lediglich eine Idealisierung der starren Trennung zwischen geistiger und manueller Arbeit. Tatsächlich wird die Mystifizierung des menschlichen Denkens so weit getrieben, dass behauptet wird, nur mein Denken sei real. Das „Diesseits“ wird dem „Jenseits“ gegenübergestellt, als ob die beiden durch eine undurchdringbare Wand getrennt wären.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Der dialektische Materialismus geht vom Grundsatz aus, dass die objektive Welt unabhängig vom Subjekt existiert, die beiden aber Teil einer dialektischen Einheit sind. Das Bewusstsein ist keine trennende „Wand“ zwischen Subjekt und Objekt. Es ist vielmehr eine Brücke, die die beiden verbindet. Das Subjekt ist selbst ein Objekt, insofern als der Mensch den objektiven Gesetzen der Natur und der Gesellschaft unterworfen ist.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Aber durch ihre subjektive Aktivität können die Menschen mit der objektiven Welt, die sie umgibt, interagieren und sie tun dies auch. Eben dadurch wird nicht nur die Natur, sondern auch die Gesellschaft tiefgreifend verändert.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Subjekt und Objekt sind also keine ewig fixierten und unbeweglichen Gegensätze. Beide können ihre Seite wechseln, die eine Seite geht in die andere über und umgekehrt. Sie reagieren konstant aufeinander, was das Resultat der sozio-ökonomischen Tätigkeit der Menschen ist. Es ist durch die Praxis und nicht durch die passive Betrachtung, durch welche Männer und Frauen kontinuierlich ihre Umwelt verändern, und sich dabei stets auch selbst verändern.</p>

<p class="wp-block-paragraph">In dieser Tätigkeit spielt das Denken überhaupt keine zwingende Rolle. Die meisten Veränderungen geschahen ohne jede vorherige Planung oder bewusstes Nachdenken. Diese Veränderungen sind das Ergebnis menschlicher sinnlicher Tätigkeit: menschlicher Arbeit, von der Arbeit mit primitiven Steinwerkzeugen bis hin zur Aktivität mit Kernreaktoren.</p>

<h3 id="die-macht-der-abstraktion" class="wp-block-heading">Die Macht der Abstraktion</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Die menschliche Tätigkeit ermöglicht uns, die Welt, in der wir leben, und ihre Gesetze zu verstehen, und befähigt uns daher letztlich, diese Gesetze zu beherrschen, uns über sie zu erheben und die wahre Freiheit zu erlangen, was die Erkennung (das Verständnis) der Notwendigkeit ist.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Wir denken nicht nur mit dem Gehirn, sondern mit unserem ganzen Körper. Deshalb beginnt ein Baby die materielle Welt zu verstehen, indem es sie einfach in den Mund nimmt und versucht, sie zu essen. Mit den Worten Goethes: „Im Anfang war die Tat“.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Aber das Denken darf nicht als isolierte Tätigkeit („der Geist in der Maschine“) gesehen werden, sondern als Teil der gesamten menschlichen Erfahrung, der menschlichen sinnlichen Tätigkeit und in Wechselbeziehung mit der Welt und mit anderen Menschen. Es muss als Teil dieses komplexen Prozesses permanenter Wechselwirkung gesehen werden, nicht als isolierte Tätigkeit, die diesem mechanisch angefügt wird.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Wenn wir sagen, dass alles Wissen auf Erfahrung beruht, dann ist damit keineswegs meine persönliche Erfahrung gemeint, sondern die gesamte kollektive Erfahrung der Menschen über einen Zeitraum von Hunderttausenden von Jahren.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Welt existierte schon lange bevor der Mensch oder eine andere Lebensform zur Stelle war, um sie zu beobachten. Belebte Materie (Leben) ist auf natürliche Weise aus lebloser Materie entstanden. An einem bestimmten Punkt entwickelten sich einfache einzellige Lebewesen zu komplexeren Lebensformen, wirbellose Tiere zu Wirbeltieren und so weiter. Aus der weiteren Entwicklung eines zentralen Nervensystems entwickelte sich ein Gehirn, und schliesslich das menschliche Gehirn und das menschliche Bewusstsein. Wir sind Materie, die sich ihrer selbst bewusst geworden ist.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Diese Erklärung wird durch alle Entdeckungen der Wissenschaft gestützt. Aber für den Idealismus bleibt dies ein geschlossenes Buch. Alle Formen des Idealismus sind untrennbar mit der Religion verbunden und führen unweigerlich zur Religion zurück.</p>

<p class="wp-block-paragraph">In diesem Zusammenhang schrieb Trotzki kurz vor seiner Ermordung:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„’Wir wissen über die Welt nichts als das, was uns die Erfahrung lehrte.’ Dies stimmt, wenn man Erfahrung nicht als die direkte Wahrnehmung durch unsere Sinnesorgane versteht. Wenn wir Materie auf Erfahrung im engen empiristischen Sinn beschränken, ist es uns nicht möglich, jemals etwas über den Ursprung der Arten, oder noch weniger, etwas über die Bildung der Erdkruste zu wissen. Zu sagen, die Erfahrung ist Grundlage für alles, heisst, zu viel zu sagen oder gar nichts. Erfahrung ist ein aktives Wechselverhältnis zwischen Subjekt und Objekt. Erfahrung ausserhalb dieser Kategorie zu analysieren – das heisst ausserhalb der objektiven materiellen Umgebung des Beobachters, zu der auch die gehören, die dem entgegengestellt sind oder einen anderen Standpunkt einnehmen –, das zu tun, bedeutet die Erfahrung in eine formlose Einheit aufzulösen, wo es weder Objekt noch Subjekt gibt, sondern nur den mystischen Lehrsatz der Erfahrung. Erfahrung oder Erleben dieser Art kommt nur bei Säuglingen im Mutterleib vor, doch leider hat ein Säugling keine Möglichkeit, die wissenschaftlichen Schlüsse seiner Erfahrungen mit jemandem zu teilen.“</p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Es ist genau diese kollektive Erfahrung, die es uns ermöglicht, dem, was wir über die Welt wissen, einen Sinn zu geben, die Informationen, die wir durch unsere Sinne erhalten, genau und wissenschaftlich zu beurteilen und die Schlüsse zu ziehen, die uns erlauben, korrekte Vorhersagen über die physische Welt und die Gesellschaft zu treffen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Wissen ist also nicht auf den engen Bereich der individuellen Sinneswahrnehmung beschränkt, denn um die begrenzten Informationen aus meiner individuellen Erfahrung zu verstehen, muss ich mich auf eine grosse Menge von Informationen stützen, die von Generation zu Generation in Form von theoretischen Abstraktionen weitergegeben werden.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Das Wort Abstraktion selbst kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „herausgezogen“ oder „abgesondert“, was sehr deutlich zeigt, dass alle theoretischen Verallgemeinerungen (einschliesslich der abstraktesten mathematischen Formeln) letztlich aus der Beobachtung der physischen Welt abgeleitet sind. Wir zählen bis zehn, nicht weil das Dezimalsystem besser ist als jedes andere (das ist es nicht), sondern nur, weil wir zehn Finger haben, die wir immer noch dazu nutzen, zu zählen, um einfache Summen zu bilden.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Sind diese Abstraktionen erst einmal etabliert, scheinen sie sich zu verselbstständigen und stellen ein mächtiges Werkzeug zum Verständnis der Welt. Sie stellen ein unverzichtbares Werkzeug für den Fortschritt der Wissenschaft dar, die die dialektische Einheit von Deduktion und Induktion, von Theorie und Praxis, von wissenschaftlichen Hypothesen mit Beobachtung und Experiment repräsentiert. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar.</p>

<h3 id="der-physische-ursprung-des-bewusstseins" class="wp-block-heading">Der physische Ursprung des Bewusstseins</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Der Fortschritt der Wissenschaft hat die Antworten geliefert, die den physischen Ursprung des Bewusstseins erklären. Wir wissen, wie organische Materie (Leben) auf natürliche Weise aus anorganischer Materie hervorgeht. Schon die frühesten Formen des Lebens zeigen Anzeichen von Empfindungsvermögen. Die Reizbarkeit, d. h. die Art und Weise, wie lebende Organismen auf die physischen Reize der Aussenwelt reagieren, ist bei allen Lebensformen vorhanden.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Sogar bei Pflanzen gibt es ein ähnliches Phänomen, wenn sich die Blumen der Sonne zuwenden. Worauf reagieren sie dabei? Nicht auf „Sinnesinhalte“, denn Pflanzen haben keine Sinne als solche. Sie reagieren auf äussere Reize aus der physischen Welt. Das ist bei allen lebenden Organismen so. In jedem Fall reagieren sie auf äussere Reize.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Wir wissen heute, dass die Nervenzellen sowohl elektrisch als auch chemisch wirken. An den Enden jeder Nervenzelle gibt es spezialisierte Bereiche, die Synapsenendknöpfchen, die eine grosse Anzahl von winzigen Membransäckchen enthalten, die chemische Neurotransmitter enthalten. Diese Chemikalien übertragen Nervenimpulse von einer Nervenzelle zur anderen. Nachdem ein elektrischer Nervenimpuls eine Nervenzelle entlanggewandert ist, erreicht er die Endigung und stimuliert die Freisetzung von Neurotransmittern aus ihren Säckchen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Neurotransmitter wandern über die Synapse (der Knotenpunkt zwischen den benachbarten Neuronen) und stimulieren die Produktion einer elektrischen Ladung, die den Nervenimpuls weiterleitet. Dieser Vorgang wiederholt sich immer wieder, bis ein Muskel bewegt oder entspannt wird oder das Gehirn einen Sinneseindruck wahrnimmt. Diese elektrochemischen Vorgänge können als die „Sprache“ des Nervensystems betrachtet werden, mit der Informationen von einem Teil des Körpers zu einem anderen übertragen werden.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Diese wissenschaftliche Erklärung räumt sofort auf mit der mystisch-idealistischen Sichtweise des Denkens und des Bewusstseins als etwas Mysteriöses und Unerklärliches, etwas, das von den normalen Abläufen der Natur und anderen Körperfunktionen getrennt sei. Diese wiederum werden in Wechselwirkung mit der materiellen Umwelt durch kollektive gesellschaftliche Arbeit geformt und entwickelt.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Evolution hat verschiedene Möglichkeiten entwickelt, um auf die physische Umwelt zu reagieren, um das Überleben des Einzelnen (Nahrung) und der Spezies (Fortpflanzung) zu sichern. So wie wir einige Gene sogar mit den niederen Bakterien teilen, so teilen wir auch diese gemeinsame Fähigkeit. Doch beim Menschen hat sich diese blosse Möglichkeit zu etwas entwickelt, das auf einer qualitativ anderen Stufe steht als bei den restlichen Tieren.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Man kann sagen, dass es bei Katzen, Hunden, Pferden und anderen höheren Säugetieren etwas gibt, das dem Bewusstsein ähnelt. Sicherlich haben Experimente an Schimpansen gezeigt, dass sie so etwas wie ein Selbstbewusstsein besitzen könnten. Es könnte sogar möglich sein, Elemente, die dem Bewusstsein ähneln, bei niederen Lebensformen wie Vögeln oder sogar Ameisen nachzuweisen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Aber je weiter wir uns vom Menschen entfernen, desto weniger haben diese Dinge mit dem Selbstbewusstsein zu tun. Wir haben es hier mit empfindungsfähigen Lebensformen zu tun, nicht mit Bewusstsein. Daher ist es nicht möglich, das menschliche Bewusstsein mit dem von anderen Tieren gleichzusetzen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Diese Tatsachen sind jedem bekannt, der auch nur das geringste Interesse an der modernen Wissenschaft hat, und nur eine ignorante Person oder jemand, der um jeden Preis die Tatsachen ignorieren und religiöse Vorurteile und Aberglauben verteidigen will, kann sie leugnen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Im richtigen Kontext betrachtet, hat der menschliche Geist nichts Mystisches an sich. Dennoch haben Philosophen Verwirrung in diese Frage gebracht, indem sie, in einigen Fällen ganz bewusst, die Tatsachen verdrehen, falsch interpretieren und ignorieren, um mit religiösen und mystischen Ideen hausieren zu gehen.</p>

<h3 id="empirismus" class="wp-block-heading">Empirismus</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Der Ursprung dieser Verwirrung in der Erkenntnistheorie ist im 17. Jahrhundert zu suchen, als die Menschheit darum kämpfte, sich vom religiösen Obskurantismus (Bestreben, die Menschen bewusst in Unwissenheit zu halten) des Mittelalters zu befreien. Ein wichtiger Schritt in diesem Kampf war die Entwicklung des Empirismus in England.</p>

<p class="wp-block-paragraph">In seinen Anfängen spielte der Empirismus eine äusserst fortschrittliche und revolutionäre Rolle. Er richtete sich gegen die Kirche und die Freiheit der Wissenschaft und verkündete die Überlegenheit von Beobachtung und Experiment gegenüber dem Dogma. Die frühen Empiristen (Bacon, Locke und Hobbes) waren Materialisten. Wie bereits erwähnt, lautete ihr Schlachtruf „Nihil est in intellectu quod non sit prius in sensu“. („Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen gewesen wäre.“)</p>

<p class="wp-block-paragraph">Ihr Beharren auf der Sinneswahrnehmung als Grundlage allen Wissens stellte seinerzeit einen gigantischen Sprung vorwärts dar gegenüber den leeren Spekulationen der mittelalterlichen Gelehrten. Es ebnete den Weg für die rasche Ausbreitung der Wissenschaft, die auf empirischen Untersuchungen, Beobachtungen und Experimenten beruhte.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Doch trotz ihres ungeheuren revolutionären Charakters, war diese frühe Form des Materialismus einseitig, begrenzt und daher unvollständig.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Behauptung, dass es im Verstand nichts gibt, was nicht von den Sinnen abgeleitet ist, enthält den Keim einer zutiefst richtigen Idee. Das ist Materialismus. Aber die Einseitigkeit des Empirismus lässt die Tür zum subjektiven Idealismus offen, der die Existenz einer vom Beobachter unabhängigen materiellen Realität leugnet.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Auf solch verwirrte Form dargelegt hatte diese Idee die schädlichsten Folgen für die weitere Entwicklung der Philosophie. Die bedeutenden Fortschritte der frühen englischen Materialisten Hobbes und Locke wurden von dem oberflächlichen Epigonen David Hume abgelöst, der später einen negativen Einfluss auf die Philosophie von Kant ausübte. In Bischof George Berkeley fand diese Form des subjektiven Idealismus ihren konsequentesten Verfechter.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Dieser einseitige Empirismus, d. h. der subjektive Idealismus, beeinflusste in verschiedenen Verkleidungen immer wieder sowohl die moderne bürgerliche Philosophie als auch die Wissenschaft. Eine der schädlichsten davon war der sogenannte logische Positivismus. Unter dem Einfluss dieser Ideen bestritt der österreichische Wissenschaftler Ernst Mach, mit dem sich Lenin in diesem Buch ausführlich befasst, die Existenz von Atomen, da man sie weder sehen, fühlen noch hören könne.</p>

<h3 id="subjektiver-idealismus-ein-philosophischer-schwindel" class="wp-block-heading">Subjektiver Idealismus: Ein philosophischer Schwindel</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Die Argumente des subjektiven Idealismus scheinen auf den ersten Blick eine unwiderlegbare Logik zu besitzen. Und in der Tat: Wenn man die grundlegende Prämisse akzeptiert, ist es nahezu unmöglich zu antworten. Doch man kann eine solche Prämisse nicht akzeptieren, ohne in die absurdesten Widersprüche zu geraten, wie Bischof Berkeley selbst bald feststellte.</p>

<p class="wp-block-paragraph">In Wirklichkeit beruhen sie auf einem intellektuellen Schwindel, dem philosophischen Äquivalent des Taschenspielertricks. Das Argument geht von folgender Prämisse aus: „Ich erkenne die Welt durch meine Sinne.“ Diese Aussage ist wahr und unbestreitbar, soweit sie reicht. Ich kann die Welt nur durch meine Sinne erkennen. Doch wie wir gesagt haben, müssen wir eine weitere Aussage hinzufügen: Die Welt existiert unabhängig von meinen Sinnen. Sonst verfallen wir in die groteskesten Widersprüche und Absurditäten.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die gesamte Wissenschaft basiert genau auf folgender Tatsache:<br />a) Die Welt existiert ausserhalb von uns selbst, und<br />b) wir können sie im Prinzip verstehen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Der Beweis für diese Behauptungen, wenn es denn eines Beweises bedürfte, besteht in den mehr als 2’000 Jahren des Fortschritts der Wissenschaft, d. h. der ständigen Zunahme des Wissens gegenüber der Unwissenheit.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Das englische Wort „science“ (Wissenschaft) selbst kommt vom lateinischen Wort „wissen“, während das gegenteilige Wort Ignoranz lediglich das lateinische Wort für Nicht-Wissen ist. Natürlich gibt es viele Dinge, die wir über das Universum nicht wissen. Aber die gesamte Geschichte der Wissenschaft beweist, dass wir das, was wir heute nicht wissen, morgen wissen werden. Es ist diese ständige Suche nach der Wahrheit, die die treibende Kraft für jeden Fortschritt im Bereich des Denkens und der Ideen ist.<br />Wie Lenin schreibt:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„In der Erkenntnistheorie muss man, ebenso wie auf allen anderen Gebieten der Wissenschaft, dialektisch denken, d. h. unsere Erkenntnis nicht für etwas Fertiges und Unveränderliches halten, sondern untersuchen, auf welche Weise das Wissen aus Nichtwissen entsteht, wie unvollkommenes, nicht exaktes Wissen vollkommener und exakter wird.“</p>

<p class="wp-block-paragraph">W.I. Lenin, Materialismus und Empiriokritizismus, Werke, Bd. 14, S. 96.</p>
</blockquote>

<h3 id="logischer-positivismus" class="wp-block-heading">Logischer Positivismus</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Das Wiederauftauchen lange toter Ideen in verschiedenen Verkleidungen spiegelt einerseits die Krise der kapitalistischen Ideologie wider. Andererseits widerspiegelt es aber das philosophische Vakuum, das durch die Tatsache verursacht wurde, dass der Marxismus nach dem Zweiten Weltkrieg für eine ganze historische Periode zurückgeworfen wurde.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Im Jahr 1909 hat Lenin in seinem Buch den subjektiven Idealismus von Mach und Avenarius gründlich zerschlagen. Aber der subjektive Idealismus selbst ist bis heute sehr lebendig. Mit einem gezielten Tritt in den Hintern zur Tür hinausgeworfen, schlich er sich einfach hinten herum und unbeobachtet durch ein Seitenfenster wieder hinein.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Dieser subjektive Idealismus wurde von der durch Ernst Mach vertretenen Schule und später vom Wiener Kreis (O. Neurath, Carnap, Schlick, Frank und andere) sowie dem logischen Positivismus in die Philosophie des 20. Jahrhunderts überführt. In Grossbritannien wurde sie von Professor A. J. Ayer vertreten, dessen Buch Sprache, Wahrheit und Logik (Language, Truth and Logic) in den 1960er Jahren Einfluss an den Universitäten hatte.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Grundthese von Ayers Buch ist, dass das einzige gesicherte Wissen, das wir haben können, das ist, was er „Sinnesinhalte“ nennt. In den ersten Kapiteln seines Buches wird diese These auf verschiedene Weise entwickelt und wiederholt, so dass der Eindruck einer absolut unwiderstehlichen logischen Kette entsteht. Aber das ganze Konstrukt bricht zusammen, wenn er zu erklären versucht, worin diese Sinnesinhalte eigentlich bestehen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Wir können die Frage sehr einfach stellen, so dass sogar ein Universitätsprofessor sie verstehen kann: Kann es Sinnesinhalte ohne Augen, Ohren und ein materielles Gehirn geben? Kann es ein materielles Gehirn ohne ein zentrales Nervensystem und einen materiellen Körper geben? Und kann es einen materiellen Körper geben, ohne dass es eine physische Umgebung gibt, die ihn mit den für seine Existenz notwendigen Lebensmitteln versorgt?</p>

<p class="wp-block-paragraph">Selbstverständlich wird keine dieser Fragen beantwortet oder überhaupt gestellt. Wie üblich setzt der Autor das voraus, was zu beweisen wäre und schlussfolgert dann es bewiesen zu haben! Trotz seiner „cleveren“ und kultivierten Erscheinung ist dies eine Denkweise, die im wahrsten Sinne des Wortes kindisch ist, so wie ein Baby weint, wenn seine Mutter das Zimmer verlässt, weil sie für es nicht mehr existiert.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Diese falschen und schädlichen Ideen repräsentieren die Sichtweise der kleinbürgerlichen Intelligenz, für die alles mit dem „Ich“, mit „mir selbst“ beginnt und endet.</p>

<p class="wp-block-paragraph">„Mein Geschäft, meine Karriere, meine Individualität, meine Gefühle, meine Unterdrückung, meine Erfahrungen, mein Kampf gegen die ungerechte Welt, die mich nicht versteht“ und so weiter und so fort. „Wenn die Welt nicht mit mir übereinstimmt, ist etwas mit der Welt nicht in Ordnung.“</p>

<p class="wp-block-paragraph">Dies fasst die Weltanschauung der kleinbürgerlichen Intelligenz zusammen und bestimmt ihre gesamte Psychologie. Es ist daher nicht verwunderlich, dass der subjektive Idealismus ihr natürlicher philosophischer Lebensraum ist. Er übt auf den kleinbürgerlichen „Denker“ die gleiche Faszination aus wie ein Honigtopf auf eine Fliege.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Nun, selbst unter dem Gesichtspunkt der Nützlichkeit müsste man sagen, dass diese Theorie absolut unbrauchbar ist. Sie kann unser Wissen keinen einzigen Millimeter voranbringen. Welchen Unterschied macht es für einen Chemiker in seinem Labor, zu leugnen, dass die Chemikalien in seinem Reagenzglas ein objektives Wesen besitzen, oder sie als blosse Ansammlung von Sinnesinhalten zu beschreiben?</p>

<p class="wp-block-paragraph">Schliesslich muss er immer noch seine Experimente durchführen, um herauszufinden, worin die Realität dieser „unwirklichen“ Objekte besteht. Und: Nachdem Professor Ayer den ganzen Tag damit verbracht hat, die Objektivität der Materie zu leugnen, hat er sich vermutlich nicht geweigert, sein Abendessen zu essen, weil dieses nicht wirklich existieren würde.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Zweifellos werden unsere Freunde des logischen Positivismus diese Argumente als „naiven Realismus“ zurückweisen, womit sie Materialismus meinen. Dieses Wort verwenden sie als Erniedrigung, mit dem sie jede denkbare Kritik abwehren wollen. Wir für unseren Teil ziehen es vor, dieselbe schlichte Sprache zu verwenden, die Lenin benutzte, als er die subjektiven Idealisten lediglich als Wirrköpfe bezeichnete. Dies ist eine zutreffende Charakterisierung von Leuten, die versuchen, lächerliche Vorstellungen als ernsthafte Argumente vorzubringen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">In Materialismus und Empiriokritizismus zeigt Lenin auf, dass der subjektive Idealismus unweigerlich zum Solipsismus führt. Die meisten logischen Positivisten versuchen, den Vorwurf des Solipsismus mit einem Achselzucken abzutun, ihn entrüstet zu leugnen, das Thema mit allerlei kompliziertem und abstrusem Jargon zu verwirren oder es einfach als Witz abzutun.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Aber es bleibt ihnen überlassen, die Frage zu beantworten.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Der britische Philosoph Bertrand Russell traf einmal auf einer Party eine Dame, die ihm mitteilte, dass sie Solipsistin sei, und sich fragte, warum es nicht mehr von ihnen gäbe. Diese amüsante Anekdote offenbart auf eindrucksvolle Weise die inneren Widersprüche des subjektiven Idealismus. Russells Witz kann jedoch das philosophische Problem der Erkenntnis nicht aus der Welt schaffen. Dieses muss philosophisch, d. h. theoretisch, beantwortet werden. Marx hat dies in den Thesen über Feuerbach getan, Lenin noch umfassender in Materialismus und Empiriokritizismus.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Jahrzehntelang präsentierten die Verfechter des logischen Positivismus ihre Ideen arrogant als „Wissenschafts-Philosophie“. Es liegt eine tiefe Ironie darin, denn sie warfen auch dem dialektischen Materialismus (ohne die geringste Grundlage) vor, die Rolle der „Königin der Wissenschaften“ anzustreben.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Mit dem natürlichen Fortschritt der Wissenschaft wird die offene Unterstützung des subjektiven Idealismus, wie zuvor die Religion, zunehmend unhaltbar. Doch paradoxerweise üben die Ideen (oder besser gesagt, die Voreingenommenheit) des subjektiven Idealismus immer noch einen starken Einfluss auf die Köpfe einiger Wissenschaftler aus, die in ihrer Studienzeit dem halbgaren Unsinn des logischen Positivismus ausgesetzt waren und sich von dieser Erfahrung nie erholt haben.</p>

<h3 id="wie-marx-und-engels-die-frage-stellten" class="wp-block-heading">Wie Marx und Engels die Frage stellten</h3>

<p class="wp-block-paragraph">In Ludwig Feuerbach stellt Engels fest, dass die zentrale Grundfrage der gesamten Philosophie, insbesondere der modernen Philosophie, die „Frage nach dem Verhältnis des Denkens zum Sein, des Geistes zur Natur“ ist. Er geht dann auf eine der wichtigsten Fragen der Philosophie ein: die Erkenntnistheorie.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Engels fragt:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Wie verhalten sich unsere Gedanken über die uns umgebende Welt zu dieser Welt selbst? Ist unser Denken imstande, die wirkliche Welt zu erkennen, vermögen wir in unsern Vorstellungen und Begriffen von der wirklichen Welt ein richtiges Spiegelbild der Wirklichkeit zu erzeugen?“</p>

<p class="wp-block-paragraph">Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW, Dietz Verlag, Berlin. Band 21, 1962, S. 275.</p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">„Diese Frage heisst in der philosophischen Sprache die Frage nach der Identität von Denken und Sein und wird von der weitaus grössten Zahl der Philosophen bejaht“ sagt Engels, darunter nicht nur alle Materialisten, sondern auch die konsequentesten Idealisten wie Hegel, der die reale Welt für die Verwirklichung einer mystischen „absoluten Idee“ hielt.</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Daneben gibt es aber noch eine Reihe andrer Philosophen, die die Möglichkeit einer Erkenntnis der Welt oder doch einer erschöpfenden Erkenntnis bestreiten. Zu ihnen gehören unter den neueren Hume und Kant, und sie haben eine sehr bedeutende Rolle in der philosophischen Entwicklung gespielt.“</p>

<p class="wp-block-paragraph">ebd. S. 276.</p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Wir sehen also, dass es in der Philosophie eigentlich drei Strömungen gibt: zwei konsistente oder monistische Tendenzen – Materialismus und Idealismus – und eine inkonsistente Tendenz, die zwischen empirischem Materialismus und subjektivem Idealismus schwankt. Die letztgenannte Denkrichtung fand ihren stärksten Ausdruck in der Philosophie von Immanuel Kant. Hume und Kant, die eigentlichen Vorfahren des logischen Positivismus, tendierten beide dazu, die „Erscheinung“ von dem, was erscheint, die Wahrnehmung von dem, was wahrgenommen wird, das „Ding für uns“ vom „Ding an sich“ zu trennen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Kant räumte die Existenz der materiellen Welt ein, versuchte aber, zwischen dieser und der Erscheinungswelt eine Grenze zu ziehen. Das „Ding an sich“, das er als „unerkennbar“ bezeichnete, sei etwas komplett anderes als die Erscheinung. Es gehöre dem „Jenseits“ an und sei dem Wissen unzugänglich, offenbare sich aber dem Glauben.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Hier erscheint die Sinneswahrnehmung als ein dritter Begriff, der die äussere physische Welt vom wahrnehmenden Subjekt (dem Ich) trennt. Die Sinne erscheinen als Hindernis für wirkliche Erkenntnis, statt als Brücke zum Verständnis und damit zur Beherrschung der realen, physischen Welt.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Der Kant’sche Trick bestand darin, das Unerkennbare mit dem Unbekannten zu verwechseln. In Wirklichkeit wird das „Ding an sich“ durch den ständigen Fortschritt des menschlichen Bewusstseins, der Wissenschaft, der Industrie und der Technologie allmählich zu einem „Ding für uns“. Durch diesen Fortschritt ist das, was gestern noch unbekannt war, uns heute bekannt oder wird morgen bekannt sein.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Für Marxisten sind die menschlichen Ideen und Begriffe letztlich nichts anderes als Widerspiegelungen der materiellen Welt. Der Wahrheitsgehalt dieser Widerspiegelungen wird auf der Grundlage der menschlichen Tätigkeit geprüft und die Ideen gegebenenfalls angepasst.</p>

<h3 id="der-materialistische-standpunkt" class="wp-block-heading">Der materialistische Standpunkt</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Der frühe, mechanische Materialismus war nicht in der Lage, dieses Problem zu lösen und zu einem wissenschaftlichen Verständnis der wirklichen Beziehung von Subjekt und Objekt zu gelangen. Damit befasste sich Marx in seinen Thesen über Feuerbach. Der frühe Materialismus war durch den Stand der damaligen Wissenschaft beschränkt, die sehr starr und mechanisch war (Engels nannte dies die „metaphysische Anschauung“, obwohl wir das Wort Metaphysik heute anders verwenden).</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Mechanik sieht die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt auf eine vereinfachte, statische und einseitige Art und Weise: Stossen, Ziehen, Hebel, Flaschenzug usw. Alle Bewegung wird von aussen zugeführt. Newtons mechanisches Universum bedurfte eines Anstosses durch den Allmächtigen, um es in Bewegung zu setzen, aber danach funktionierte es perfekt, wie ein Uhrwerk. Die Beziehung war passiv und einseitig.</p>

<p class="wp-block-paragraph">In diesem uhrwerkartigen Universum gibt es wenig oder gar keinen Raum für subjektive Tätigkeit und kreative Entschlusskraft. Jede Handlung ist durch die ewigen Gesetze der Natur vorbestimmt.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Im Gegensatz dazu übertrieben die Idealisten die Rolle des Subjekts und betrachteten es als das Allerwichtigste. Sie leiteten sogar die Existenz des Objekts aus dem Subjekt ab. Die Vorstellung von der Tätigkeit des Subjekts wurde von dem objektiven Idealisten Hegel erhalten und entwickelt. Das ist es, was Marx meinte, als er sagte, dass die subjektive Seite von den Idealisten entwickelt wurde, nicht von den Materialisten. Es war die Zusammenführung der beiden Elemente, des Begriffs der Tätigkeit des Subjekts der Idealisten und des Begriffs der Objektivität der materiellen Welt, die den Schlüssel zur Lösung des Problems darstellte.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Argumente des subjektiven Idealismus und des Subjekt-Objekt-Problems lassen sich leicht beheben, wenn wir den Standpunkt der Praxis einnehmen und die Erkenntnistheorie von einem konkreten historischen Standpunkt aus angehen statt vom Standpunkt einer leeren und statischen Abstraktion. Dies wurde von Marx in der zweiten seiner Thesen über Feuerbach behandelt:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme – ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muss der Mensch die Wahrheit, i.e. die Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit des Denkens – das von der Praxis isoliert ist – ist eine rein scholastische Frage.”</p>

<p class="wp-block-paragraph">MEW 3, S. 5ff.</p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Letztlich wird die Wahrheit des Materialismus durch die Geschichte der Wissenschaft selbst geliefert. Der Mensch betrachtet die Natur nicht nur, sondern verändert sie aktiv, und diese unaufhörliche produktive Tätigkeit ist es, die die Richtigkeit oder Unrichtigkeit der Ideen beweist, wie Engels erklärt:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Die schlagendste Widerlegung dieser wie aller andern philosophischen Schrullen ist die Praxis, nämlich das Experiment und die Industrie. Wenn wir die Richtigkeit unsrer Auffassung eines Naturvorgangs beweisen können, indem wir ihn selbst machen, ihn aus seinen Bedingungen erzeugen, ihn obendrein unsern Zwecken dienstbar werden lassen, so ist es mit dem Kant’schen unfassbaren ‘Ding an sich’ zu Ende. Die im pflanzlichen und tierischen Körper erzeugten chemischen Stoffe blieben solche ‘Dinge an sich’, bis die organische Chemie sie einen nach dem andern darzustellen anfing; damit wurde das ‘Ding an sich’ ein Ding für uns“</p>

<p class="wp-block-paragraph">MEW 21, S. 276.</p>
</blockquote>

<h3 id="eine-periode-des-niedergangs" class="wp-block-heading">Eine Periode des Niedergangs</h3>

<p class="wp-block-paragraph">In der Periode ihres historischen Aufstiegs spielte die Bourgeoisie eine äusserst fortschrittliche Rolle. Nicht nur indem sie die Produktivkräfte entwickelte und damit die Macht der Menschheit über die Natur gewaltig steigerte, sondern auch durch die Ausweitung von Wissenschaft, Wissen und Kultur.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Luther, Michelangelo, Leonardo, Dührer, Bacon, Kepler, Galilei und viele andere Wegbereiter der Zivilisation leuchten hell wie eine Galaxie und beleuchten die breite Strasse des kulturellen und wissenschaftlichen Fortschritts der Menschheit, die durch Reformation und Renaissance eröffnet wurde.</p>

<p class="wp-block-paragraph">In seiner Jugend war das Bürgertum in der Lage, grosse Denker hervorzubringen: Locke, Hobbes, Kant, Hegel, Adam Smith und Ricardo. In der Zeit seines Niedergangs ist es nur noch zur Produktion von Haarspaltern imstande.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die letzte grosse Welle solcher Ideen kam in den 70er, 80er und 90er Jahren als Reaktion auf die Niederlagen einer weltweiten Reihe von Revolutionen. Diese Niederlagen wurden durch den Zusammenbruch der Sowjetunion noch verstärkt. Dies führte zum Wachstum der Schule des Postmodernismus, darin inbegriffen die postmoderne Philosophie, der Poststrukturalismus, der Postkolonialismus, die Queer-Theorie und eine ganze Reihe sogenannter identitätspolitischer Theorien.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Aber während Mach und Avenarius, wie Lenin brillant gezeigt hat, schlechte Kopien von Berkeley, Kant und Hume waren, sind die postmodernen Genies von heute schlechte Kopien von schlechten Kopien. Sie versuchen verzweifelt, originell zu erscheinen, und bemühen sich, ihre Stümperhaftigkeit zu verbergen, indem sie ihre Werke mit unverständlicher, verworrener und absichtlich zweideutiger Sprache vollstopfen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Man sagt, es gibt nichts Neues unter der Sonne. Die gesamte Geschichte der bürgerlichen Philosophie unserer Zeit bestätigt diese Aussage. Jede einzelne philosophische Schule der letzten 150 Jahre ist auf die eine oder andere Weise lediglich eine Wiederholung der irrationalen Ideen des subjektiven Idealismus – der grobsten, absurdesten und sinnlosesten Spielart des Idealismus.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die letzte postmoderne Modeerscheinung ist nur eine weitere dieser Varianten. Sie hat dazu gedient, eine ganze Generation von Philosophiestudenten an den Universitäten zu verwirren und zu desorientieren. Sie bilden sich ein, etwas völlig Neues und Neuartiges entdeckt zu haben, während sie in Wirklichkeit nur die Absurditäten früherer Philosophien wiederholen, die bereits 1908 von Lenin umfassend zerschlagen wurden. Hier haben wir den eindrucksvollsten Beweis für die Richtigkeit des gefeierten Ausspruch von Marx: „Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein“.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Degeneration der bürgerlichen Philosophie ist ein Spiegelbild der Sackgasse des kapitalistischen Systems selbst. Ein System, das irrational geworden ist, muss sich auf irrationale Ideen stützen. In ihrem Bemühen, sich selbst zu erhalten, hat sich die Bourgeoisie gegen ihre eigene revolutionäre Vergangenheit gewandt. Indem sie sich gegen die besten Traditionen der Aufklärung wendet, klammert sich der Kapitalismus immer stärker an die modernen Nachfahren des feudalen Mystizismus und der Scholastik.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Ein Mensch, der am Abgrund steht, ist nicht zu rationalem Denken fähig. Auf eine vage Art und Weise spüren die Ideologen der Bourgeoisie, dass das von ihnen verteidigte System an sein Ende kommt. Die Ausbreitung irrationaler Strömungen, von Mystizismus und religiösem Fanatismus spiegeln das Gleiche wider.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Heutzutage sind die subjektiven Idealisten auf ein verzweifeltes Nachhutgefecht beschränkt, das auf die völlige Auflösung der Philosophie hinausläuft und sie ganz auf die Semantik reduziert (das Studium der Bedeutung von Worten).</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die endlosen Diskussionen über Bedeutung und Semantik und die Feinheiten der Bedeutungen erinnern an die endlosen Debatten der mittelalterlichen Gelehrten über so faszinierende Themen wie die Frage, ob Engel ein Geschlecht hätten und wie viele von ihnen auf einem Nadelkopf tanzen können. Das Problem ist, dass sie in ihrer Besessenheit von der Form den Inhalt völlig vergassen. Solange die formalen Regeln befolgt wurden, konnte der Inhalt so absurd sein, wie es beliebte.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Marx bemerkte einmal: „Philosophie und Studium der wirklichen Welt verhalten sich zueinander wie Onanie und Geschlechtsliebe.“ (K. Marx und F. Engels, Die deutsche Ideologie, MEW 3, S. 218.) Die moderne bürgerliche Philosophie zieht das Erstere dem Letzteren vor. In ihrer Besessenheit, den Marxismus (und den Materialismus im Allgemeinen) zu bekämpfen, hat sie die Philosophie in die schlimmste Zeit ihrer alten, überholten und sterilen Vergangenheit zurückgezerrt.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Tatsache, dass all dieses Getue und Gefummel, dieses Spiel mit Worten überhaupt als Philosophie bezeichnet werden konnte, ist ein Beweis dafür, wie tief das moderne bürgerliche Denken gesunken ist. Hegel schrieb in der Phänomenologie des Geistes: „An diesem, woran dem Geiste genügt, ist die Grösse seines Verlustes zu ermessen.“ Das wäre eine passende Grabinschrift für die gesamte bürgerliche Philosophie nach Hegel und Marx.</p>

<p class="wp-block-paragraph">In der gegenwärtigen Periode kommt der revolutionären Avantgarde der Arbeiterklasse, den Marxisten, die Ehre zuteil, gegen den Strom zu kämpfen, das mystische und irrationale Denken zu bekämpfen. Um noch einmal die Worte von Joseph Dietzgen zu zitieren: „Die Philosophie ist keine Wissenschaft, sondern ein Schutzwall gegen die Sozialdemokratie.“ (Damals bezeichneten sich die Marxisten als Sozialdemokraten.)</p>

<p class="wp-block-paragraph">Und er fügte hinzu: „Dann ist es kein Wunder, dass die Sozialdemokraten ihre eigene Philosophie haben.“ Diese Philosophie – die Philosophie des Marxismus – heisst dialektischer Materialismus. Sie bleibt eine der wichtigsten Waffen in unserem revolutionären Arsenal.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Jeder, der verstehen will, wie man diese Waffe richtig einsetzt, sollte es als seine Pflicht betrachten, einen der grundlegendsten Texte aus dem reichen Arsenal des marxistischen Denkens, Materialismus und Empiriokritizismus, nicht nur zu lesen, sondern sorgfältig zu studieren.</p>
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		<title>Marxismus und Religion</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Alan Woods]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 23 Dec 2022 11:32:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der folgende Text von Alan Woods aus 2005 befasst sich mit der Haltung von Marxisten und Marxistinnen zu Religon. Das Ziel von Marxisten&#160;ist der Kampf für die sozialistische Veränderung der Gesellschaft auf [&#8230;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Der folgende Text von <em>Alan Woods</em> aus 2005 befasst sich mit der Haltung von Marxisten und Marxistinnen zu Religon.</p>



<figure class="wp-block-image size-full"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="741" height="389" src="https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/04/religion-Bild-von-RJA1988-pixabay.jpg" alt="" class="wp-image-1673" srcset="https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/04/religion-Bild-von-RJA1988-pixabay.jpg 741w, https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/04/religion-Bild-von-RJA1988-pixabay-300x157.jpg 300w" sizes="(max-width: 741px) 100vw, 741px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Das Ziel von Marxisten&nbsp;ist der Kampf für die sozialistische Veränderung der Gesellschaft auf nationaler und internationaler Ebene. Wir glauben, dass das kapitalistische System schon seit Langem seine historische Nützlichkeit überlebt hat und sich in ein monströs unterdrückerisches, ungerechtes und unmenschliches System verwandelt hat. Die Beendigung von Ausbeutung und die Schaffung einer harmonischen sozialistischen Weltordnung, die auf einem rationalen und demokratischen Produktionsplan beruht, wird der erste Schritt in der Schöpfung einer neuen und höheren Gesellschaftsform sein, in der sich alle Männer und Frauen als Menschen verstehen werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir glauben, dass es die Pflicht jeden menschlichen Wesens ist, den Kampf gegen ein System, das unglaubliches Elend und Unterdrückung für Millionen auf der Welt bedeutet, zu unterstützen. Wir begrüßen aus ganzem Herzen die Teilnahme jeder fortschrittlich gesinnten Person an diesem Kampf, unabhängig von Nationalität, Hautfarbe oder religiöser Zugehörigkeit. Wir heißen auch die Gelegenheit zum Dialog zwischen Marxisten&nbsp;und Christen, Muslimen&nbsp;und anderen religiösen Gruppen willkommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um jedoch wirksam zu kämpfen, ist es notwendig, ein ernsthaftes Programm zu erarbeiten, sowie eine Politik und Perspektiven, die Erfolg gewährleisten. Wir glauben, dass nur der Marxismus (wissenschaftlicher Sozialismus) eine solche Perspektive bereitzustellen vermag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frage der Religion ist eine komplexe und kann von einer Vielzahl verschiedener Standpunkte aus betrachtet werden: historisch, philosophisch, politisch etc. Der Marxismus begann als Philosophie: als dialektischer Materialismus. Eine sehr gute Erklärung dieser Philosophie kann in Werken wie Engels&#8216;&nbsp;<em>Anti-Dühring</em>&nbsp;und&nbsp;<em>Ludwig Feuerbach</em>&nbsp;gefunden werden. Unser Buch&nbsp;<em>Aufstand der Vernunft</em>, marxistische Philosophie und moderne Naturwissenschaften bietet den Versuch die Aktualität dieser Ideen zu beweisen. Das ist der Ausgangspunkt für eine Klärung der philosophischen Position des Marxismus zur Religion.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Philosophischer Materialismus und Wissenschaft</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Marxisten&nbsp;stehen auf der Grundlage des philosophischen Materialismus, der die Existenz jedweden übernatürlichen Wesens oder irgendetwas „außerhalb“ oder „über“ der Natur Stehenden ausschließt. Es gibt tatsächlich keine Notwendigkeit für eine derartige Erklärung des Lebens und des Universums – heute weniger denn je. Die Natur bietet ihre eigenen Erklärungen und sie bietet sie in großer Fülle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Wissenschaft hat bewiesen, dass sich die Menschheit – wie jede andere Spezies – über Jahrmillionen entwickelt hat und dass das Leben selbst aus anorganischer Materie hervorgegangen ist. Es kann kein Gehirn ohne ein Zentralnervensystem geben, und es kann kein Zentralnervensystem ohne einen materiellen Körper, Blut, Knochen, Muskeln etc. geben. Dieser Körper muss wiederum durch Nahrung, die aus der materiellen Umwelt gewonnen wird, erhalten werden. Die neuesten Entdeckungen der Genetik im Zuge des Human Genome Project haben unwiderlegbaren Beweis für den materialistischen Standpunkt erbracht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Enthüllung der langen und komplexen, lange uneinsehbaren Geschichte des Genoms hat Diskussionen über die Natur der Menschheit und den Prozess ihrer Entstehung hervorgerufen. Unglaublicherweise werden im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts die Ideen Darwins durch die sogenannte kreationistische Bewegung in den USA in Frage gestellt – diese strebt an, dass amerikanische Schulkinder gelehrt werden, dass Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen hätte, dass der Mann aus Staub entstanden und die erste Frau aus einer seiner Rippen geschaffen worden wäre.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die jüngsten Entdeckungen haben den Unsinn der Kreationisten&nbsp;endgültig widerlegt. Sie haben die Annahme, dass jede Spezies eigenständig und der Mensch mit seiner ewigen Seele eigens zur Lobpreisung des Herrn erschaffen worden wäre, umfassend entkräftet. Es ist nun klar bewiesen, dass die Menschen überhaupt keine einzigartigen Kreaturen sind. Die Ergebnisse des Human Genome Projects zeigen schlüssig, dass wir unsere Gene mit anderen Arten teilen – dass alte Gene dazu beitrugen, uns zu dem zu machen, was wir sind. Menschen teilen ihre Gene mit anderen Arten bis weit zurück in die Nebel der Zeit. Tatsächlich kann ein kleiner Teil dieses gemeinsamen genetischen Erbes bis zu primitiven Organismen wie Bakterien zurückverfolgt werden. Menschen haben eine Vielzahl von Genen, die auch bei Ratten, Mäusen, Katzen, Hunden und sogar Fruchtfliegen nachgewiesen werden konnten. Tatsächlich haben Wissenschaftler etwa 200 Gene gefunden, die Menschen mit Bakterien gemeinsam haben. Somit wurde der endgültige Beweis für die Evolution erbracht. Auf grundlegende Weise. Kein göttliches Eingreifen ist dazu erforderlich.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Leben nach dem Tod?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Also warum hat die Religion trotz aller wissenschaftlichen Entwicklung immer noch Einfluss auf das Bewusstsein von Millionen? Die Religion verspricht Männern und Frauen den Trost eines Lebens nach dem Tod. Der philosophische Materialismus weist die Möglichkeit dessen zurück. Geist, Ideen, die Seele – alle diese Dinge sind das Produkt von einer auf bestimmte Weise organisierter Materie. Das organische Leben geht ab einer gewissen Stufe aus anorganischer Materie hervor, genauso wie einfache Lebensformen – Bakterien, Einzeller etc. – zu komplexeren Formen mit einem Rückgrat, einem Zentralnervensystem und einem Gehirn werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Wunsch nach ewigem Leben ist zumindest so alt wie die Zivilisation – wahrscheinlich noch älter. Es gibt etwas in unserem Dasein, das der Vorstellung, dass das „Ich“ zu bestehen aufhöre, widerstrebt. Tatsächlich ist es schwer zu akzeptieren oder auch nur zu verstehen, dass diese wunderbare Welt voll Sonnenschein und Blumenpracht, mit dem Wind im Gesicht, dem Spiel des Wassers, dem Beisammensein mit Freunden&nbsp;für das Eingehen in ein endloses Reich des Nichts aufgegeben werden muss. Daher haben die Menschen bereits früh die fantasierte Gemeinschaft mit einer nicht-materiellen Welt, in der – wie man meint – ein Teil von mir weiterleben wird, gesucht. Das war auch eine der kraftvollsten und dauerhaftesten Botschaften des Christentums: „Ich kann nach dem Tod leben.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Problem ist, dass das Leben, das die meisten Männer und Frauen heute führen, so hart, so unerträglich oder jedenfalls so bedeutungslos ist, dass die Idee des Lebens nach dem Tod das einzige Mittel zu sein scheint, ihm irgendeine Bedeutung zu geben. Wir werden auf diese äußerst wichtige Frage später zurückkommen. Doch davor wollen wir die genaue Bedeutung der Idee des Lebens nach dem Tod analysieren. Und in dem Moment, in dem sie einer ernsthaften Analyse unterworfen ist, zerfällt sie zu Staub.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Problematik wurde schon vor langer Zeit erkannt, unter anderem vom griechischen neo-platonistischen Philosophen Plotin, der über die Unsterblichkeit sagte: „Es ist unaussprechlich, denn wenn man etwas dazu sagt, macht man es zu etwas Besonderem.“ Dieselbe Idee findet sich in indischen Schriften über die Seele: „Das Selbst muss durch Nein, Nein (Neti, neti) beschrieben werden. Es ist unbegreifbar, denn es kann nicht begriffen werden.“ (siehe A.C. Bouquet: Comparative Religion. S. 162). Die Seele ist also für Philosophen&nbsp;und Theologen&nbsp;nur eine „Nacht, in der alle Katzen schwarz sind“, wie Hegel es gesagt hätte. Und doch sprechen alltäglich Menschen ohne jede Bildung ganz selbstverständlich über die Seele und das Leben nach dem Tod. Sie stellen sich vor, dass es wie das Aufwachen nach dem Schlaf wäre, nach dem sie mit den vor langem verlorenen Liebsten glücklich vereint wären und fröhlich immer weiter bestehen würden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Seele wird als immateriell verstanden. Doch was ist das Leben ohne Materie? Die Zerstörung des physischen Körpers bedeutet das Ende des Lebens des Einzelnen. Tatsächlich verschwinden die Trillionen Atome, die den Körper zusammensetzen, nicht, sondern tauchen in neuen Kombinationen wieder auf. In diesem Sinn sind wir alle unsterblich, denn Materie kann nicht geschaffen oder zerstört werden. Zugegebenerweise gibt es Spiritualisten, die darauf bestehen, dass sie Stimmen hören, obwohl kein physisches Wesen zugegen ist. Die Antwort darauf ist ziemlich einfach: wenn es eine Stimme gibt, muss es Stimmbänder geben – oder wir wissen nicht, was eine Stimme ist! Wie man es dreht und wendet, keine einzige Erscheinung unserer menschlichen Lebenstätigkeit kann vom materiellen Körper getrennt werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die allgemeine Vorstellung des „Lebens nach dem Tode“ ist mehr oder weniger die einer Fortsetzung des Lebens, das wir auf Erden geführt haben (ein anderes kennen wir auch nicht). Nachdem die Seele den Körper verlassen hat, „erwacht“ sie offenbar in einem schönen Land, in dem wir auf wundervolle Weise mit unseren Liebsten vereint sind, um ein Leben ewiger Freude zu führen, in dem Krankheit und Alter nicht existieren. Es ist wesentlich, die Frage richtig zu stellen, um zu erkennen, dass das unmöglich ist. Wenn man sich überlegt, worin die Dinge bestehen, die das Leben lebenswert machen &#8211; gutes Essen, feine Weine (oder für Anglophile eine nette Tasse Tee), Gesang, Tanz, Nähe, Liebe und Sex etc. –, wird sofort klar, dass all diese Aktivitäten untrennbar mit dem Körper und seinen physischen Eigenheiten verbunden sind. Stärker geistige Zeitvertreibe wie Plaudern, Lesen, Schreiben oder Denken sind genauso an unsere körperlichen Organe gebunden. Dasselbe gilt für das Atmen oder jede andere Tätigkeit, die wir alles in allem Leben nennen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tatsächlich wäre eine Existenz ohne jeden Schmerz und jedes Leid für Menschen unerträglich. Eine Welt, in der alles weiß wäre, könnte genauso gut völlig schwarz sein. Aus einem streng medizinischen Blickwinkel hat der Schmerz eine wichtige Funktion. Er ist nicht nur Übel, sondern ein Warnsignal des Körpers, dass etwas nicht in Ordnung ist. Schmerz ist Teil des menschlichen Bestehens. Außerdem stehen Schmerz und Lust in einem dialektischen Verhältnis. Ohne Schmerz könnte Lust nicht existieren. Don Quijote erklärte Sancho Pansa, dass Hunger der beste Koch ist. Genauso ruhen wir um einiges besser nach einer Zeit intensiver Anstrengung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ebenso ist der Tod ein integraler Bestandteil des Lebens. Das Leben ist ohne den Tod nicht vorstellbar. Wir beginnen mit dem Moment der Geburt zu sterben, denn in Wirklichkeit ist es nur der Tod von Trillionen von Zellen und ihre Ersetzung durch Trillionen neuer Zellen, was das Leben und die menschliche Entwicklung ausmacht. Ohne den Tod könnte es kein Leben, kein Wachstum, keine Veränderung, keine Entwicklung geben. Somit ist der Versuch, den Tod aus dem Leben zu verbannen – als ob diese beiden voneinander getrennt werden könnten &#8211; , gleichbedeutend mit der Erreichung eines Zustands völliger Unbeweglichkeit, Unveränderlichkeit, ein statisches Gleichgewicht. Das aber ist nur ein anderer Name für – Tod. Es kann nämlich kein Leben ohne Änderung und Bewegung geben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was ist so schlimm daran, an ein weiteres Leben zu glauben? Nichts, so scheint es. Und doch &#8211; ist es wünschenswert, Männer und Frauen irrezuführen und sie zu ermutigen, ihr Leben auf eine Illusion zu gründen? In dem Maß, in dem wir alle Illusionen hinter uns lassen und die Welt so erkennen, wie sie wirklich ist und uns selbst, wie wir wirklich sind, können wir das nötige Wissen erwerben, die Welt und uns selbst zu ändern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was uns als individuelle Persönlichkeiten ausmacht, ist aufs Engste mit unseren materiellen Körpern verbunden und hat von ihnen abgehoben und getrennt keine eigenständige Existenz. Wir werden geboren, wir leben und sterben wie alle anderen lebenden Organismen im Universum. Jede Generation muss ihr Leben leben und dann den Weg für die neuen Generationen freigeben, die dazu bestimmt sind, unseren Platz einzunehmen. Das Streben nach Unsterblichkeit, das eingebildete Recht ewig zu leben ist von Grund auf egoistisch und unrealistisch. Anstatt die Zeit damit zu verschwenden, nach einer nicht existenten „anderen Welt“ Ausschau zu halten, ist es nötig, diese Welt zu einem Ort zu machen, in dem man leben kann. Denn für die große Mehrheit der Männer und Frauen, die auf dieser Welt geboren werden, liegt die Frage nicht darin, ob es ein Leben nach dem Tod gibt, sondern ob es eines davor gibt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Wissen, dass dieses Leben flüchtig ist, dass wir und unsere Liebsten nicht immer da sein werden, sollte uns – weit davon entfernt, Bestürzung hervorzurufen – mit leidenschaftlicher Lebensfreude erfüllen und dem brennenden Wunsch, das Beste daraus zu machen. Wir wissen, dass jede Blume nur blüht, um zu vergehen und in gewisser Weise verleiht ihr das Verblühen eine tragische Schönheit. Aber wir wissen auch, dass die Blüte der Natur sich jedes Frühjahr erneuert und dass der ewige Kreislauf des Lebens und Todes, der die Essenz jeden Lebens darstellt, es ist, was dem Leben seinen bittersüßen Geschmack verleiht und dass Komödie und Tragödie, Lachen und Weinen dazu beitragen, das Leben zu dem reichhaltigen Mosaik menschlicher Erfahrungen zu machen, das es ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist unser unausweichliches Schicksal als Menschen. Denn wir sind Menschen, keine Götter, und müssen unsere menschliche Verfasstheit annehmen. Wir haben gegenüber den Göttern den Nachteil, sterblich zu sein. Aber wir haben ihnen gegenüber auch den großen Vorteil, dass wir tatsächlich in Fleisch und Blut existieren, wohingegen sie nur körperlose Hirngespinste der Phantasie sind.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Pessimistische Schlussfolgerung?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Materialismus als Philosophie hat eine lange und ehrenwerte Geschichte. Die frühen griechischen Philosophen Ioniens waren alle Materialisten. Laut Plato wurde Anaxagoras, einer der bemerkenswertesten unter ihnen und Tutor des Perikles, des Atheismus beschuldigt. Protagoras (ca. 415 v. Chr.) meint mit der den Sophisten eigenen Ironie: „Was die Götter betrifft, ist es mir nicht gelungen, Wissen über ihre Existenz oder Nichtexistenz oder die Form ihres Daseins zu erlangen; denn viele Dinge behindern die Erlangung dieses Wissens, darunter die Unkenntlichkeit des Subjekts und die Kürze des menschlichen Lebens.“ (zitiert nach A.C. Bouquet: Comparative Religion. S. 105f). Diagoras, ein Zeitgenosse, ging noch weiter. Als jemand seine Aufmerksamkeit auf die Votivtafeln in einem Tempel lenkte, die von dankbaren Überlebenden eines Schiffbruchs geopfert worden waren, antwortete er: „Jene, die ertrunken sind, haben keine Votivgaben gestiftet.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kennzeichnet ein materialistisches Verständnis eine pessimistische oder nihilistische Sichtweise des Lebens? Im Gegenteil. Die erste Bedingung für ein volles und befriedigendes Leben auf Erden ist, dass wir eine wahrhafte Sicht der Dinge annehmen. Eine der erhabensten und menschlichsten Sichtweisen des Lebens, die je dargelegt worden sind, ist die Philosophie des Epikur – jenes Genie der Antike, das gemeinsam mit Demokrit und Leukipp entdeckte, dass die Welt aus Atomen besteht. Epikur (341 – 270 v. Chr.), dessen Andenken Jahrhunderte lang von der Kirche verleumdet worden ist, wollte die Menschheit von der Qual der Angst und insbesondere der Todesangst befreien. Ein heiterer und optimistischer Blick auf das Leben war ihm eigen. Am Tag seines eigenen Todes soll er gesagt haben: „Es ist ein guter Tag zu sterben.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Stoiker verkündeten eine Art universeller Bruderschaft, in der alle Mitglieder des großen Gemeinsamen wären und glaubten, dass, nachdem das Universum unzerstörbar ist, die Seelen aller Menschen gemeinsam, aber nicht als Individuen den Tod überdauern würden. Da uns nichts geschehen kann als was im Verlauf und in der Beschaffenheit der Natur liegt, braucht der Tod nicht gefürchtet zu werden. Es war ein Stoiker, der erstmals „Alle Menschen sind frei“ aussprach. Der Stoizismus hatte über die Schriften Epiktets und Marc Aurels auf das Christentum einen großen Einfluss. Doch die Stoiker glaubten überhaupt nicht an Gott (sie benutzten das Wort theos, aber in einem völlig anderen Sinn als beim christlichen Begriff Gott ) und vertraten, dass weise Menschen Zeus gleichgestellt sind. Ihr Anliegen lag nicht darin, in den Himmel zu gelangen, sondern ein gutes Leben zu führen, das sie apatheia nannten, was aber nicht Apathie bedeutete, sondern Kontrolle über die Gefühle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Wirklichkeit standen die meisten Menschen der Antike der Frage, was mit ihnen nach ihrem Tod geschehen würde, offenbar ziemlich gleichgültig gegenüber. Das „Leben“ nach dem Tod war für die Griechen ein besonders wenig einladender Ort, eine graue, düstere Welt plappernder Geister. Die Ägypter hatten ein freundlicheres Bild der Nachwelt, in der es Essen und Wein, Musik und Tanz geben sollte und in der die Bedürfnisse eines jeden von einem Heer von Sklaven erfüllt würden. Jedoch war die Nachwelt für die Ägypter ein Monopol der herrschenden Klasse, deren monumentale Gräber denselben schaustellerischen Reichtum und Luxus zeigen, den sie im Leben genossen hatten. Auch in China und allen anderen frühen Klassengesellschaften war die Aussicht auf ein Leben nach dem Tod auf die Aristokratie, die Häuptlinge, die Könige, die Krieger beschränkt. Sie war nur ein weiteres Privileg, das die herrschende Schicht genoss, eine Fortsetzung jener Vorrechte, die ihnen während ihres Lebens zugestanden hatten – Privilegien, von denen die Massen strikt ausgeschlossen waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unter dem Christentum wird der Himmel endlich demokratisiert – alle werden zugelassen, allerdings gegen Entgelt. Dieses Entgelt liegt mehr oder weniger darin, das eigene Leben auf dieser Welt in Erwartung einer besseren Welt zu opfern. Die Reichen dieser Welt werden mit furchtbaren Strafen für ihre Sünden bedroht. Das mag so manchen beunruhigt haben. Aber im Allgemeinen betrachtet die herrschende Klasse die Möglichkeit künftigen Höllenfeuers mit überraschendem Gleichmut und zieht es vor, sich dem beruhigenden Genuss ihrer Reichtümer und der guten Dinge im Leben zu widmen und die Zukunft sich selbst zu überlassen. Für die Besitzlosen ist die passive Akzeptanz einer Welt voller Schmerz und Leid in diesem Tal der Tränen der Preis für das Versprechen künftiger Glückseligkeit über den Tod hinaus. Dieses Versprechen ließ unzählige Millionen von Männern und Frauen der Vergessenheit anheim fallen, nachdem sie sich in einem Leben endloser harter Arbeit und geistiger Qualen erschöpft hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einigen Menschen mag das gerecht erscheinen. Uns erscheint es mehr als unverhüllter Betrug. „Nehmt dem gemeinen Volk diese Hoffnung, was bliebe ihnen übrig?“ So argumentieren die wohlgenährten Sophisten. Die Antwort lautet: sie hätten die Wahrheit &#8211; und die Bibel lehrt uns, dass die Wahrheit frei macht. So lange die Augen der Menschen himmelwärts gerichtet sind, werden sie außerstande sein, ihren Blick den wahren Problemen und ihren wahren Feinden, die sie quälen, zuzuwenden. Sie werden die Aussicht auf wahres Glück und die Erfüllung ihres menschlichen Potenzials für die falsche Perspektive eines nicht existenten Lebens nach dem Tod aufgeben. Das heißt, sie werden sich als Menschen genauso opfern wie die heiligen Blutopfer der alten Religionen aus ferner Vergangenheit. Echtes Leben wird für den Segen einer Illusion zerstört.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Lebensfreude, die das wahre Kennzeichen des philosophischen Materialismus ist, muss den leidenschaftlichen Wunsch mit sich tragen, die Welt, in der wir leben, zu verändern und das Leben unserer Mitmenschen zu verbessern. Wo uns die Religion lehrt, den Blick zum Himmel zu heben, lehrt uns der Marxismus, für ein besseres Leben auf Erden zu kämpfen. Marxisten&nbsp;glauben, dass Menschen dafür eintreten sollen, ihr Leben zu verändern und eine wahrhaft menschliche Gesellschaft, in der die Menschheit zu ihrer wahren Gestalt gelangen kann, zu errichten. Wir glauben, dass die Menschen nur ein Leben haben und sich in diesem schön einrichten und es der Selbstverwirklichung widmen sollten. Man kann sagen, dass wir für ein Paradies in diesem Leben kämpfen, denn wir wissen, dass es kein anderes gibt. In dem Ausmaß, in dem wir für eine lebenswerte Welt leben und kämpfen, bereiten wir eine bessere Zukunft für unsere Kinder und Enkelkinder vor. Wenngleich jedes Individuum nur eine begrenzte Lebensspanne hat, besteht die Menschheit weiterhin und unser individueller Beitrag zur Sache der Menschheit kann somit fortdauern, auch wenn wir nicht mehr sind. Wir können Unsterblichkeit anstreben, nicht indem wir die Naturgesetze leugnen, sondern in der Erinnerung künftiger Generationen – die einzige Unsterblichkeit, nach der Sterbliche streben dürfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt also einen tiefgreifenden Unterschied zwischen dem Marxismus und allen Formen von Religion. Bedeutet das, dass wir einem gemeinsamen Kampf und gemeinsamer Arbeit für eine bessere Welt nicht zustimmen können? Überhaupt nicht. Jeder hat das Recht, an seiner Meinung über das Schicksal, das uns erwartet, nachdem wir „den Geist aufgegeben haben“, festzuhalten. Diese Meinungsverschiedenheit – so wichtig sie aus einem philosophischen Blickwinkel auch ist – soll uns in keiner Weise davon abhalten, im Kampf gegen irdische Unterdrückung und Ungerechtigkeit vereint aufzutreten. Es ist nur eine Frage der Übereinstimmung hinsichtlich der Grundlage der sozialistischen Transformation der Gesellschaft und der Mittel, mit denen das in die Praxis umgesetzt werden kann. Wir werden genug Zeit haben, die übrigen Angelegenheiten zu diskutieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Welt der Religion ist eine mystifizierte Welt, ein verzerrter Abdruck der Wirklichkeit. Aber wie alle Ideen hat auch diese ihren Ursprung in der realen Welt. Mehr noch, sie ist Ausdruck der Widersprüche der Klassengesellschaft. Diese Tatsache ist am Beispiel der meisten antiken Klassengesellschaften sehr deutlich nachzuweisen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der babylonische Gott Marduk begründete die Schaffung des Menschen zum Dienste an den Göttern mit der Absicht ihrer „Befreiung“ – das heißt, zum Vollzug der niederen Dienste des Tempelrituals und der Versorgung der Götter mit Nahrung. Hier finden wir in der Religion die Widerspiegelung der Realität der Klassengesellschaft, in der die Menschheit in zwei Klassen getrennt ist; die unberührbaren Götter in der Höhe (die herrschende Klasse) und die „Holzschläger und Wasserträger“ (die arbeitenden Klassen). Ihre Absicht liegt darin, eine ideologische (religiöse) Rechtfertigung der Versklavung der Mehrheit durch die Minderheit bereitzustellen. Es war ein sehr realer Bestandteil des Lebens aller antiken (und modernen) Gesellschaften, dass die Priesterkaste von der Notwendigkeit zur Arbeit befreit war und als physische Repräsentanten der Götter auf Erden tatsächlich sehr reale Privilegien genossen.<br><br>S.H. Hooke, der über die babylonischen Schöpfungsmythen (von denen sich das Erste Buch Genesis ableitet) schreibt, bemerkt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Wir haben schon gesehen, dass der Mythos von Lahar und Ahnan mit der Erschaffung des Menschen zum Dienste Gottes endet. Ein anderer Mythos (&#8230;) beschreibt die Art und Weise, wie der Mensch geschaffen worden ist. Obwohl die sumerischen Mythen beträchtlich vom Gehalt der babylonischen Schöpfungsmythen abweichen, stimmen beide Versionen darin überein, wofür der Mensch geschaffen wurde, nämlich für den Dienst an Gott, um den Boden zu bestellen und die Götter davon zu befreien, für ihr Dasein arbeiten zu müssen.“ (S.H. Hooke: Middle Eastern Mythology. S. 29).</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Somit entsteht Religion im engeren Sinn (also anders als Magie, Totemismus und Animismus der früheren, klassenlosen Gesellschaften) aus der Teilung der Gesellschaft in antagonistische Klassen und ist Ausdruck der unlösbaren Widersprüche, die daraus erwachsen. In der ersten Periode blieb eine schwache Erinnerung an eine frühere Zeit, in der alle gleich waren, erhalten. Das tritt in der Mythologie in der Idee des „Goldenen Zeitalters“ hervor und erscheint in der Bibel in Gestalt des Garten Eden. Diese Ideen drücken einen gewissen Verlust und eine Sehnsucht nach einer verlorenen Welt der Glückseligkeit aus. Die Religion versucht diesen Widerspruch zu überwinden, seinen Stachel zu mildern, Männer und Frauen mit der Realität des Leids und der Ausbeutung zu versöhnen, indem sie sie als Willen Gottes darstellt oder als Ergebnis des Versagens des Menschen im Gehorsam gegen Gott oder beides. Unterordnung! Gehorsam! Opfer! Dann ist alles in Ordnung. Die gewaltsame Spaltung der Menschheit durch sie selbst – diese Entfremdung des Menschengeschlechts kann nur durch die Abschaffung der Klassengesellschaft und die Wiedererrichtung wahrhaft menschlicher Bindungen zwischen den Menschen überwunden werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese psychologische Beziehung zwischen Menschen und den Gottheiten, die sie selbst geschaffen haben, erzählt uns viel über die wahren Umstände der Menschheit. Es ist kein Geheimnis, dass die Gottheiten einer Gesellschaft eine bloße Reflexion dieser ihrer Gesellschaft, ihrer Produktionsweise, ihrer sozialen Beziehungen, ihrer Moral und Vorurteile sind. Wie wir in „Aufstand der Vernunft“ schreiben: „Nicht Gott war es, der den Menschen nach seinem Ebenbild schuf, sondern im Gegenteil waren es Männer und Frauen, die Götter nach ihrem Ab- und Ebenbild erschufen. Ludwig Feuerbach meinte einmal: Hätten Vögel eine Religion, würden ihre Götter Flügel tragen.“ (S. 49)<br>Die Religion ist ein Traum, in dem unsere eigenen Vorstellungen und Gefühle uns als eigenständige Existenzen, Wesen außerhalb unserer selbst erscheinen. Das religiöse Bewusstsein unterscheidet nicht zwischen dem Subjektiven und dem Objektiven – es hat keine Zweifel; es hat die Möglichkeit, nicht andere Dinge als sich selbst zu erkennen, sondern seine eigenen Konzepte außerhalb seiner selbst wahrzunehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das wurde schon von Leuten wie Xenophanes von Kolophon (565 – 470 v. Chr.) verstanden, der schrieb „Homer und Hesiod haben den Göttern alles zugeschrieben, was bei Menschen schändlich ist und getadelt wird: zu stehlen, die Ehe zu brechen und sich gegenseitig zu betrügen. &#8230; Die Äthiopier sagen, ihre Götter seien stumpfnasig und schwarz, und die Thraker behaupten, die ihren hätten hellblaue Augen und rote Haare. Aber wenn Rinder und Pferde &#8230; malen und Bildwerke vollenden könnten, wie das die Menschen tun, dann würden die Pferde die Göttergestalten den Pferden und die Rinder den Rindern ähnlich malen&#8230;“ (zit. in: ebd., S. 49)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber diese Götter sind nicht wirklich Kopien der Realität, sondern einer Realität, die durch die Brille der Religion gesehen wird – eine entfremdete, mystische, verkehrte Welt, in der alles auf dem Kopf steht. Sie sind alles, was der Mensch gern wäre und nicht ist. Sie besitzen alle Eigenschaften, die der Mensch gern hätte und nach denen er strebt, aber bei deren Erlangung er unweigerlich scheitern muss. In diesem Sinn repräsentiert Religion eine Sehnsucht nach dem Unerreichbaren. Aber dieses religiöse Gefühl beinhaltet noch ein anderes Element: eine tiefe Sehnsucht nach einer besseren Welt und einem besseren Leben. Wenn der hungrige und unterdrückte Bauer seinen Gott anruft, ruft er nach Gerechtigkeit und wendet sich somit gegen die Ungerechtigkeit, Grausamkeit und Unmenschlichkeit dieser Welt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Glaube an die Gleichheit und Gemeinschaft der Gläubigen wird oft in Form des primitiven Kommunismus ausgedrückt, wie bei den frühen Christen, die wir zuvor erwähnten. Die Massenbewegungen, die vom Christentum und dem Islam in ihrer jeweiligen Frühphase ausgingen, erschütterten die Welt. Doch mangels der notwendigen Entwicklung der Produktivkräfte war die Menschheit dazu gezwungen, weitere zweitausend Jahre unter der Klassensklaverei zu schuften und zu leiden. Der Traum von Gleichheit und Brüderlichkeit war zerbrochen. Hinter den Gutsbesitzenden – und später den Bourgeois – stand nicht nur der irdische Monarch mit seinen Soldaten, der Polizei und den Gefängniswärtern, sondern auch die geistigen Wächter. Widerstand gegen den Status quo wurde nicht nur mit Feuer und Schwert bestraft, sondern auch mit Exkommunikation und ewiger Folter. Verzweifelt über die Unmöglichkeit, Gerechtigkeit in der realen Welt der Menschen zu erfahren, flüchtet man sich in den Gedanken, dass Gerechtigkeit auf der anderen Seite des Grabes gefunden werden könnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir sprechen hier von Männern, weil in der großen Mehrheit der geschriebenen Geschichte die Gesellschaft von Männern dominiert worden ist und Frauen auf die Rolle von Sklavinnen der Sklaven reduziert worden sind. Der Mann war also der Diener seines Herrn, seines Königs und seines Gottes, und die Frau war die Dienerin ihres Gemahls – ihres Herrn und Meisters. Für viele Frauen war der Trost der Religion der einzige Weg, das aus ihrer Sklaverei erwachsende Leid zu lindern. Das erklärt, warum in so vielen Gesellschaften die Frauen von Religion angezogen werden. Ohne sie wäre ihr Leben äußerst unerträglich. Sie ist wie eine Droge, die die Sinne betäubt und sie gegenüber Schmerz unempfindlich macht. Aber sie entfernt nicht die Ursache des Schmerzes oder verbessert das Los der Frauen. Im Gegenteil. Obwohl das Christentum in seinen Anfängen den Frauen neue Hoffnung gab und von seinen römischen Feinden verächtlich als „Religion der Sklaven und Frauen“ tituliert wurde, ist es in der Praxis von einem beträchtlichen Frauenhass geprägt. Die ursprüngliche Sünde des Menschen war – wie man sagt &#8211; von einer Frau, Eva, verursacht worden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die natürlichsten Beziehungen zwischen Männern und Frauen wurden unterdrückt und als Todsünde verflucht. Der Hl. Augustinus beschreibt den Sexualakt als Messe der Verderbnis. Der geeignete Platz einer Frau ist das Leid im Dienst eines Mannes, was bildlich von der kummervollen Jungfrau untermalt wird. Auf dieser Erde ist kein Glück zu erwarten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Über Generationen hat die Religion dem unglücklichen Schicksal der Frauen ihren Stempel aufgedrückt. Was für das Christentum gilt, ist für andere Religionen mindestens genauso wahr. Es gibt ein altes jüdisches Gebet: „Gesegnet seiest Du, o Herr, der du mich nicht als Frau geschaffen hast.“ In einigen muslimischen Ländern hat die Unterdrückung der Frauen eine extreme Form angenommen – etwa im Iran oder noch schlimmer in Afghanistan. In Indien hat die Hindu-Tradition Jahrhunderte lang Witwen dazu verurteilt, sich auf dem Begräbnisscheiterhaufen ihrer Ehemänner zu opfern. Die Emanzipation der Frauen von uralter Sklaverei steht somit im direkten Gegensatz zur Religion.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den meisten großen Weltreligionen, Christentum, Islam, Buddhismus, Sikhismus gab es – zumindest in ihren Ursprüngen &#8211; ein Element der Kritik an der Welt und ihren Werken, in Verbindung mit einem Traum von einer besseren Welt, in der es keine Reichen oder Armen gäbe, keine Unterdrückenden oder Unterdrückten, in der alle Männer und Frauen Brüder und Schwestern wären. Sowohl in christlichen Kirchen als auch in islamischen Moscheen wird die Illusion einer „Gemeinschaft“ und Brüderlichkeit aller Gläubigen, dass alle „gleich vor Gott“ wären usw. aufrecht erhalten. Doch am nächsten Tag widmen sich reiche Christen&nbsp;oder islamische Bosse unverändert der Ausbeutung ihrer werktätigen Mitgläubigen. Wird dieser offene Widerspruch zwischen der Theorie und der Praxis der Religion angesprochen, schütteln sie traurig ihre Köpfe und murmeln etwas über die Unvollkommenheit der Menschen in dieser sündhaften Welt, was für die Arbeitenden nur wenig Trost beinhaltet.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Ursprünge des Christentums</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Rolle der Religion in der Gesellschaft hat sich über die Jahrhunderte und Jahrtausende mehrere Male geändert. Es ist wichtig, dass wir den Ursprung und die historische Entwicklung der großen Religionen verstehen. Ursprünglich waren sowohl das Christentum wie auch der Islam revolutionäre Bewegungen der Armen und Unterdrückten. Zum Beispiel das Christentum: Etwa vor 2000 Jahren organisierten die frühen Christen&nbsp;eine Massenbewegung der ärmsten und geknechtetsten Teile der Gesellschaft. Es ist kein Zufall, dass die Römer die Christen als „Bewegung der Sklaven und Frauen“ bezeichneten. Wie Engels schrieb: „Die Geschichte des Urchristentums bietet merkwürdige Berührungspunkte mit der modernen Arbeiterbewegung. Wie diese, war das Christentum im Ursprung eine Bewegung Unterdrückter: es trat zuerst auf als Religion der Sklaven und Freigelassenen, der Armen und Rechtlosen, der von Rom unterjochten oder zersprengten Völker. Beide, Christentum wie Arbeitersozialismus, predigen eine bevorstehende Erlösung aus Knechtschaft und Elend; das Christentum setzt diese Erlösung in ein jenseitiges Leben nach dem Tod, in den Himmel, der Sozialismus in diese Welt, in eine Umgestaltung der Gesellschaft. Beide werden verfolgt und gehetzt, ihre Anhänger geächtet, unter Ausnahmegesetze gestellt, die einen als Feinde des Menschengeschlechts, die andern als Reichsfeinde, Feinde der Religion, der Familie, der gesellschaftlichen Ordnung. Und trotz aller Verfolgungen, ja sogar direkt gefördert durch sie, dringen beide siegreich, unaufhaltsam vor.“ (Friedrich Engels, Zur Geschichte des Urchristentums)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dass die frühen Christen&nbsp;auch Kommunisten waren, wird beim Lesen der Schriften der Apostel deutlich. Jesus selbst bewegte sich unter den Besitzlosen und Enteigneten und griff oft die Reichen an. Es ist kein Zufall, dass seine erste Handlung beim Einzug in Jerusalem darin bestand, die Geldwechsler aus dem Tempel zu vertreiben. Er sagte auch, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr ginge als dass ein Reicher das Himmelreich Gottes sähe (Lukas, 18:24). Die frühen Christen&nbsp;waren auf Seiten der Armen und ergriffen Partei gegen die Reichen und Mächtigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Brief des Jakobus lesen wir:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Ihr aber, ihr Reichen, weint nur und klagt über das Elend, das euch treffen wird. Euer Reichtum verfault und eure Kleider werden von Motten zerfressen. Euer Gold und Silber verrostet; ihr Rost wird als Zeuge gegen euch auftreten und euer Fleisch verzehren wie Feuer. Noch in den letzten Tagen sammelt ihr Schätze. Aber der Lohn der Arbeiter, die eure Felder abgemäht haben, der Lohn, den ihr ihnen vorenthalten habt, schreit zum Himmel; die Klagerufe derer, die eure Ernte eingebracht haben, dringen zu den Ohren des Herrn der himmlischen Heere. Ihr habt auf Erden ein üppiges und ausschweifendes Leben geführt und noch am Schlachttag habt ihr euer Herz gemästet. Ihr habt den Gerechten verurteilt und umgebracht, er aber leistete euch keinen Widerstand. Darum Brüder, haltet geduldig aus bis zur Ankunft des Herrn!“ (Jakobus 5:1-7).</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist die Stimme des Klassenkampfes, ohne wenn und aber. Es gibt viele solche Stellen in der Bibel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kommunismus der frühen Christen&nbsp;zeigt sich auch in der Tatsache, dass in ihren Kreisen aller Reichtum gemeinschaftlich verwaltet wurde. Jeder, der sich anschließen wollte, hatte zuerst seine oder ihre weltlichen Güter abzugeben. In der Apostelgeschichte lesen wir: „Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft („koinonia“ – d.h. Kommunismus, Anm.), am Brechen des Brotes und an den Gebeten (&#8230;) Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und gaben davon allen, jedem so viel wie er nötig hatte.“ (Apostelgeschichte 2:42-45)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und noch einmal: „Die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele. Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam. (&#8230;) Es gab auch keinen unter ihnen, der Not litt. Denn alle, die Grundstücke oder Häuser besaßen, verkauften ihren Besitz, brachten den Erlös und legten ihn den Aposteln zu Füßen. Jedem wurde davon so viel zugeteilt, wie er nötig hatte.“ (Apostelgeschichte 4:32-35)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich hatte dieser Kommunismus einen etwas naiven Charakter. Das gilt nicht für die Männer und Frauen dieser Zeit, die sehr mutige Menschen waren, die sich nicht davor fürchteten, ihr Leben im Kampf gegen den monströsen römischen Sklavenstaat zu opfern. Doch die wahre Errungenschaft des Kommunismus (also die klassenlose Gesellschaft) war zu dieser Zeit unmöglich, weil die materiellen Bedingungen dafür fehlten. Marx und Engels verliehen dem Kommunismus erstmals einen wissenschaftlichen Charakter. Sie erklärten, dass die wahre Emanzipation der Massen vom Niveau der Entwicklung der Produktivkräfte (Industrie, Landwirtschaft, Wissenschaft und Technologie) abhängt, das die nötigen Bedingungen für eine allgemeine Verringerung des Arbeitstags und den Zugang zur Kultur für alle mit sich bringt, was den einzigen Weg zur Veränderung des Denkens und Verhaltens der Menschen über- und zueinander darstellt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die materiellen Bedingungen zur Zeit des frühen Christentums waren nicht ausreichend fortgeschritten, um eine solche Entwicklung zu erlauben und daher verblieb der Kommunismus der frühen Christen auf einem primitiven Niveau – dem Niveau der Konsumption (das Teilen von Nahrung, Kleidung etc.), während der echte Kommunismus auf dem kollektiven Eigentum der Produktionsmittel beruht. Mangels eines wissenschaftlichen Verständnisses für die Entwicklung der Gesellschaft waren die frühen Christen trotz ihres enormen revolutionären Geistes und Heldentums nicht im Stande, ihre Ideale umzusetzen. Ihr Kommunismus hatte utopischen Charakter und war zum Scheitern verurteilt.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Christentum und Kommunismus</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In den ersten Jahren der Kirche wurden die ursprünglichen – d.h. die kommunistischen – Anteile der Bewegung durch ihre Repräsentanten&nbsp;fortgesetzt wiedergegeben. Der Hl. Clemens schrieb: „Der Gebrauch aller Dinge, die auf dieser Welt bestehen, soll für alle gemeinschaftlich erfolgen. Nur die deutliche Ungleichheit führt dazu zu sagen ‚Das gehört mir, das dir’. Hier liegt der Ursprung des Streits unter den Menschen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist eine richtige Beobachtung und stellt klar fest, dass der Ursprung des Klassenkampfes („Streit unter den Menschen“) das Bestehen des Privateigentums ist. Die Abschaffung des Streits unter den Menschen setzt somit die Auflösung des Privateigentums voraus. Eine ähnliche Idee wurde vom Hl. Basilius dem Großen ausgedrückt: „Was nennt ihr ‚euer’? Wovon könnt ihr sagen, dass es euch gehört? Von wem habt ihr es erhalten? Ihr sprecht und handelt wie jemand, der frühzeitig ins Theater geht und sich ohne Hindernis die für die Öffentlichkeit bestimmten Sitzplätze aneignet und sich deren Eintritt zur üblichen Zeit entgegenstellt und sie davon abhält, selbst Platz zu nehmen und so das Gut zu seinem alleinigen Nutzen fordert, das in Wirklichkeit zum gemeinsamen Gebrauch bestimmt ist. Und in genau dieser Weise handeln die Reichen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ähnlich der Hl. Gregor: „Wenn also jemand sich zum Herrn über allen Wohlstand machen will, um ihn zu besitzen und seine Brüder bis ins dritte oder vierte Glied davon ausschließen will, dann ist solch ein Elender kein Bruder mehr, sondern ein unmenschlicher Tyrann, ein grausamer Barbar oder eher noch eine wilde Bestie, deren Maul immer geöffnet ist, um zur eigenen Sättigung die Nahrung seiner Gefährten zu verschlingen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und der Hl. Ambrosius: „Die Natur stellt ihren Reichtum für alle gleichermaßen zur Verfügung. Gott hat in seiner Gnade alle Dinge geschaffen, damit alle Lebewesen sie gemeinsam genießen können und damit die Erde zum gemeinsamen Besitz aller wird. Es ist die Natur selbst, die das Recht der Gemeinschaft hervorgebracht hat, wohingegen es nur ungerechte Usurpation ist, die das Recht des Privateigentums geschaffen hat.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und der Hl. Gregor der Große: „Die Erde, die sie hervorgebracht hat, ist allen gemein und daher gehört die Frucht, die die Erde hervorbringt, unterschiedslos allen.“ – der Hl. Chrysostomos fügte hinzu: „Der reiche Mann ist ein Dieb.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Zeile sollten ausreichen, um die revolutionären Wurzeln des Christentums in seinen Anfängen zu illustrieren. Diese frühen Christen&nbsp;waren bereit, die grässlichsten Qualen zur Verteidigung ihres Glaubens auf sich zu nehmen und widersetzten sich dem Staat und der herrschenden Klasse und kamen in der Arena um. Der Grund für diese wütende Verfolgung lag darin, dass diese Bewegung der Armen und Enteigneten eine Bedrohung für die bestehende Ordnung darstellte. Doch keine dieser Methoden konnte die Bewegung zerstören, die aus dem Blut ihrer Märtyrer&nbsp;neue Stärke erlangte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch mangels einer materiellen Basis für die Einführung einer klassenlosen Gesellschaft wandelte sich allmählich alles in sein Gegenteil. Unter den vorherrschenden Bedingungen geriet die Führung der Kirche &#8211; beginnend bei den Bischöfen, die die Schatzmeister waren &#8211; unter den Druck der herrschenden Klasse und des Staats und bewegte sich immer mehr vom ursprünglichen kommunistischen Glauben der Bewegung weg. Nachdem die herrschende Klasse die Unmöglichkeit der Niederschlagung der Christenheit durch Unterdrückung erkannt hatte, änderte sie ihre Taktik. Wie die oberen Schichten der Kirche von Kaiser Konstantin korrumpiert wurden, kann aus den folgenden Worten des Historikers der frühen Kirche, Eusebius, ersehen werden, der das Konzil von Nizäa 325 n. Chr., dem der Kaiser selbst „wie ein Botschafter Gottes“ vorstand, schildert:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Die Umstände des Banketts übertreffen in ihrer Herrlichkeit jede Beschreibung. Abteilungen von Leibwächtern und anderen Truppen umstellten den Palasteingang mit gezückten Schwertern und mitten durch diese schritten die Männer Gottes ohne Angst bis ins Innerste der kaiserlichen Gemächer. Einige waren die Tischgefährten des Kaisers, andere lagen auf Liegen an der Seite. Man hätte denken können, dass das ein Bild des Königreichs Christi war, mehr ein Traum als Wirklichkeit.“ (T. Ware: Die Orthodoxe Kirche. S. 27)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Methoden sind Sozialisten&nbsp;und Gewerkschaftern&nbsp;von heute nur allzu bekannt. Es sind genau dieselben Methoden, mit denen Gewerkschaftsführerunter den Einfluss bürgerlicher Ideen gebracht, korrumpiert und ins System absorbiert werden. Die Spitzen der Bewegung werden zu teuren Diners und Partys eingeladen, wo sie Kontakt mit den Reichen und Berühmten aufnehmen. Seit dem Konzil von Nizäa war die Kirche der stärkste Förderer von Reichtum, Privilegien und Unterdrückung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Gewinne für das Reich aus diesem Ausverkauf waren offenkundig. Die frühen Christen weigerten sich, den Staat anzuerkennen oder in der Armee zu dienen. Das hatte sich nun geändert. Die Kirche wurde einer der Hauptpfeiler des Staates und verfolgte aufs Schärfste jeden, der die neuen Lehren in Frage stellte. Als Arius von Alexandria den Nizäa-Glauben zurückwies, fielen seine Gefolgsleute, die Arianer, dem Schwert zum Opfer. Über 3.000 Christen wurden von Mitchristen getötet – mehr als in drei Jahrhunderten römischer Verfolgung. Mit solchen Mitteln wurde aus der Kirche der Armen und Unterdrückten die Haupttriebkraft für deren Versklavung.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Wie man Sünden vergibt&#8230; und Geld macht</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Mit der Zeit wurde die christliche Kirche über ihre Führungsschicht in den Staat absorbiert. Während der gesamten folgenden Geschichte zog die Kirche Vorteil aus menschlicher Schwäche und der Angst vor dem Tod, indem sie das Bewusstsein der Menschen versklavte und allmählich enorme Macht und großen Reichtum gewann, sehr im Widerspruch zu den Lehren des armen galileischen Rebellen, in dessen Namen sie zu sprechen behauptet. Von einer revolutionären Bewegung der Armen und Unterdrückten wurde sie zu einem Bollwerk der Reaktion und das Sprachrohr der Reichen und Mächtigen – eine Situation, die bis heute anhält.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Geschichte der Kirche ist die völlige und absolute Negation ihrer frühen Ideen, Glaubenssätze und Traditionen. Über die Geschichte des Papsttums im Mittelalter und in der Renaissance – eine den Vergleich suchende Chronik der Infamie und des Verbrechens – sind unzählige Bände geschrieben worden. Wir beschränken uns hier auf nur ein Beispiel, das die wahre Lage zusammenfasst und den Abgrund zeigt, der die reale Situation von den scheinheiligen Mythen trennt. Im Jahr 1517 führte Papst Leo X. die Taxa Camerae ein, um Vergebung zu verkaufen, wobei man die eigene Seele um einen bescheidenen Geldbetrag retten konnte. Es gab kein noch so verwerfliches Verbrechen, von dem man nicht durch dieses einfache Mittel losgesprochen werden konnte. In seinen 35 Artikeln ist zu lesen:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„1. Kirchenangehörige, die fleischlich Sünden begehen, sei es mit Nonnen, mit Kusinen, Nichten oder Töchtern (sic!) oder, mit einem Wort, sonst einer Frau, sollen durch die Zahlung von 67 Pfund und 12 Schillingen Vergebung finden.<br>2. Wenn ein Kirchenangehöriger zusätzlich zur Sünde der Unzucht auch Absolution von Sünden gegen die Natur oder der Barbarei sucht, muss er 219 Pfund und 15 Schillinge bezahlen. Wenn er nur unnatürliche Sünden mit Knaben und Tieren, aber nicht mit Frauen getrieben hat, soll er nur 131 Pfund und 15 Schillinge bezahlen.<br>3. Der Priester, der eine Jungfrau defloriert, soll 2 Pfund und 8 Schillinge zahlen.<br>4. Die Nonne, die die Würde der Äbtissin zu erhalten wünscht und sich einem oder mehreren Männern gleichzeitig oder in Folge hingegeben hat, sei es in ihrem Kloster oder außerhalb, soll 131 Pfund und 15 Schillinge zahlen. [&#8230;]<br>7. Die ehebrecherische Frau, die Absolution sucht, um von allen Verfahren befreit zu werden und umfassende Gewährung zur Fortsetzung ihrer verbotenen Beziehungen zu haben, soll dem Papst 87 Pfund und 3 Schillinge zahlen. Genauso soll der Ehemann dieselbe Summe zahlen, wenn er mit seinen Kindern Inzest begangen hat, soll er eine zusätzliche Gewissenszahlung von 6 Pfund leisten.<br>8. Absolution und Sicherheit vor Verfolgung für die Verbrechen der Vergewaltigung, Räuberei oder Brandstiftung soll den Schuldigen 131 Pfund und 7 Schillinge kosten.<br>9. Absolution für einfachen Mord, der durch einen Laien begangen worden ist, soll mit 15 Pfund und 3 Pence festgesetzt werden.<br>10. Wenn der Mörder den Tod von zwei oder mehr Männern am selben Tag verursacht hat, soll er zahlen, als hätte er nur einen getötet.<br>11. Der Ehemann, der seine Frau misshandelt, soll der Truhe des Altarraums 3 Pfund und 4 Schillinge bezahlen; wenn er sie getötet hat, soll er 17 Pfund und 15 Schillinge zahlen und wenn er sie getötet hat, um eine andere zu ehelichen, soll er zusätzlich 32 Pfund und 9 Schillinge zahlen. Jene, die dem Ehemann geholfen haben, das Verbrechen zu begehen, soll durch die Zahlung von je 2 Pfund Vergebung finden.<br>12. Wer sein Kind ertränkt hat, soll 17 Pfund und 15 Schillinge zahlen [was nur zwei Pfund mehr sind als für die Tötung eines Fremden], und wenn der Vater es mit dem Einverständnis der Mutter getötet hat, sollen sie 27 Pfund und 1 Schilling für die Absolution zahlen.“</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Auch Abtreibung konnte leicht vergeben werden:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„13. Die Mutter, die ihr eigenes Kind zerstört, indem sie es aus ihrem Leib entfernt, und der Ehemann, der zu diesem Verbrechen beigetragen hat, sollen jeweils 17 Pfund und 15 Schillinge zahlen. Wer Abtreibung eines Kindes, das nicht sein eigenes ist, ermöglicht, soll 1 Pfund weniger zahlen.<br>14. Für den Mord an einem Bruder oder einer Schwester, Mutter oder Vater, sollen 17 Pfund und 5 Schillinge bezahlt werden.“</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ein Bischof oder Prälat der höheren Ränge ermordet wird, steigt der Preis drastisch – auf 131 Pfund und 14 Schillingen für den ersten Anschlag, die Hälfte dieses Betrags für die weiteren (15). Wenn der Mörder „viele Priester bei verschiedenen Gelegenheiten getötet hat, soll er 137 Pfund und 6 Schillinge für den ersten Mord und die Hälfte für die weiteren zahlen“ (16)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber weit schwerwiegender als Mord, Vergewaltigung oder Kindesmissbrauch war das ruchlose Verbrechen der Gotteslästerung – d.h. der Vertretung von Ideen, die sich von jenen der offiziellen Kirche unterschieden. Sogar wenn sich einE HäretikerIn bekehrt, muss er oder sie noch die Summe von 269 Pfund zahlen, „der Sohn eines Gotteslästerers, der verbrannt oder erhängt oder auf andere Weise exekutiert worden ist, kann nur durch die Zahlung von 218 Pfund, 16 Schillingen und 9 Pence rehabilitiert werden.“ (19)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Liste setzt sich fort mit Betrug, Schmuggel, Nichtbezahlung von Schulden, Genuss von Fleisch an Feiertagen, unehelichen Söhnen von Priestern, die die heiligen Weihen empfangen möchten und sogar Eunuchen, die Priester werden wollen (die gemäß Punkt 33 nicht weniger als 310 Pfund und 16 Schillinge zu zahlen hatten).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotz dieser zynischen Liste der Infamie wird Papst Leo X. von katholischen Historikern&nbsp;als Protagonist der „brillantesten und vielleicht gefährlichsten Periode des Pontifikats in der Geschichte der Kirche“ beschrieben. (siehe P. Rodriguez: Mentiras fundamentales de la Iglesia catolica. Barcelona 1997: Ediciones B., Anhang S. 397ff)<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Religion und Revolution</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In jedem Land hat sich die Kirche über die Jahrhunderte auf die Seite der Unterdrückenden gegen die Unterdrückten geschlagen. Die englischen Landbesitzenden handelten in enger Zusammenarbeit mit den Predigenden der Protestantischen Kirche. In Frankreich, Spanien und Italien waren die Priester die demütigen Diener der Grundbesitzenden und später der Kapitalisten. Die Klassenwidersprüche in der Gesellschaft treten oft in religiöser Gestalt auf, was niemanden, der mit historischem Materialismus vertraut ist, überraschen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Über dieses Thema schrieb Trotzki: „Religiöse wie auch alle anderen Ideen, die aus dem Boden der materiellen Bedingungen des Lebens und vor allem auf dem Boden der Klassenwidersprüche geboren werden, erlöschen nur allmählich von selbst und leben durch die Kraft des Konservativismus länger als die Notwendigkeiten, die ihnen zum Leben verhalfen und verschwinden erst völlig nach den Auswirkungen ernsthafter gesellschaftlicher Schocks und Krisen.“ (Trotzki: Brailsford and Marxism, On Britain. Band 2, S. 167)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu verschiedenen Zeiten haben verschiedene Religionen, Kirchen und Sekten verschiedene Rollen gespielt, die in letzter Analyse verschiedene und sogar gegensätzliche Klasseninteressen widerspiegelten. Die ersten Vorbeben der großen Revolte gegen den Feudalismus waren die Herausforderung der Macht und Autorität der römisch-katholischen Kirche, die bereits ein Echo in den Massen fand. Ein katholischer Historiker meint, dass „ein revolutionärer Geist des Hasses auf die Kirche und den Klerus von den Massen in mehreren Teilen Deutschlands Besitz ergriffen hat &#8230; der Ruf ‚Tod den Priestern!’, der lang im Geheimen geflüstert worden war, war nun die Parole des Tages.“ (zit. in W. Manchester: A World Lit only by Flame. S. 161)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Frühe Ausbrüche wie jener der Lollards in England und der Hussiten in Deutschland bereiteten den Boden für Luthers Reformation. In all diesen Bewegungen gab es eine kommunistische Tendenz, die auf die frühen Traditionen der Kirche zurückgeht und in jedem Fall brutal unterdrückt worden war. Der Chronist Froissart berichtet von Aktivitäten einer Bewegung von abweichlerischen Heckenpriestern (hedge priests) während der von John Ball geführten englischen Bauernaufstände 1381, der kommunistische Ideen in biblischer Gestalt mit seiner gefeierten Losung vorbrachte:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„when Adam delved and Eve span,<br>who was then the Gentleman?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">„als Adam ackerte und Eva spann,<br>war da der Gentleman?“<br>(die sexuelle Konnotation des Originals geht in der Übersetzung verloren, Anm.)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">In der Periode des Aufstiegs der Bourgeoisie spiegelte die protestantische Religion die Revolte des jungen Bürgertums gegen den krisenhaften Feudalismus wider. Darin spielte sie zweifelsohne eine fortschrittliche Rolle. Der Protestantismus war von seiner Entstehung im 16. Jahrhundert an gespalten. Im Ferment dieser turbulenten Zeiten entstand eine ganze Reihe neuer Sekten, die die Ideen und Bestrebungen der verschiedenen Klassen und Unterklassen repräsentierten: Anabaptisten, Mennoniten, Böhmische Brüder, Kongregationalisten, Presbyterianer, Unitarier. Der linke Flügel vertrat mit Thomas Müntzer und den Anabaptisten (Wiedertäufer) in Deutschland eine klar kommunistische Tendenz. Müntzer, früher Lutheraner, brach mit Luther und rief die Bauernschaft zum Aufstand auf. Trotz des revolutionären Einflusses seiner Aktivitäten stand Luther der revolutionären Bewegung der deutschen Bauernschaft, die seine Lehren zur Tat angespornt hatten, erbittert feindlich gegenüber. Er drängte den Adel mit der gewalttätigsten Sprache, die Bewegung zu zerstören. Das geschah. Allein in Sachsen kamen fünftausend Bauern unters Schwert. Etwa 300 wurden verschont, weil ihre Frauen zugestimmt hatten, zwei Priestern, die der Anstiftung der Rebellion beschuldigt wurden, die Köpfe einzuschlagen. Müntzer selbst wurde bis zum Tod gefoltert und enthauptet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Handlungen der Heiligen Inquisition – die Gestapo der Gegenreformation – sind gut genug bekannt, und entbehren daher großem Kommentar. In den spanisch besetzten Niederlanden wurde es zum Schwerverbrechen erklärt, wenn man eine Bibel im Hause hatte. Verurteilte Gotteslästerer&nbsp;wurden lebendig verbrannt, wenn sie gestanden und widerriefen, zeigte die Inquisition Gnade: die Männer wurden enthauptet und die Frauen lebendig begraben. Weniger bekannt sind die Aktivitäten des Protestantismus, was die Unterdrückung von Abweichung betrifft. Calvin, der eine theokratische Diktatur in Genf führte, verbrannte Michael Servetus lebendig, als dieser den Blutkreislauf entdeckte. Servetus flehte um Gnade – nicht um sein Leben, sondern dafür, enthauptet zu werden. Die Bitte wurde verweigert und er wurde eine halbe Stunde lang gebraten.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Englische und Französische Revolution</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In der Englischen Revolution des 17. Jahrhunderts fand der revolutionärste Flügel, der die Bestrebungen der unteren Schichten der Gesellschaft, der Künstler, Arbeiter, des im Entstehen begriffenen Proletariats reflektierte, seinen Ausdruck in einer religiösen Form. Der linke Flügel der Bewegung war in einer Reihe radikaler und demokratischer protestantischer Sekten wie den Männern der Fünften Monarchie, den Ranters („Wütenden“) und den Anabaptisten organisiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im gegebenen historischen Kontext hatten diese Bewegungen einen fortschrittlichen und revolutionären Charakter. Sie spiegelten die ersten verwirrten Aufregungen des Bewusstseins einer Klasse, die sich noch nicht voll ausgeformt hatte, wider. Nach der Restauration erschienen diese radikalen plebejischen Tendenzen in einer verwandelten Form als religiöse Abweichler&nbsp;wieder. Mit enthusiastischer Unterstützung der Anglikanischen Kirche von der Monarchie verfolgt emigrierten viele von ihnen nach Amerika, wo ihre revolutionären Energien durch die Aufgabe der Öffnung eines neuen Kontinents sublimiert wurden. Über die Jahre gingen ihre revolutionären und radikalen Wurzeln völlig verloren. Einige, wie die Quäker, enthalten noch verblichene Elemente der alten Ideen, wenngleich in einer sehr verwässerten Form, die nicht mit der erfolgreichen Verfolgung von Geschäftsinteressen im Widerspruch steht. Doch die meisten sind zu einem Bollwerk der Reaktion und einer grimmigen Verteidigung der Sache des rechten Flügels geworden. In Lateinamerika wurden die evangelischen Sekten durch eine eigenartigen Laune des Schicksals zu den Stoßtruppen der Reaktion und der Verteidigung der Militärdiktatur, wohingegen in einem gewissen Ausmaß zumindest die Basis der römisch-katholischen Kirche sich der Sache der Armen und Unterdrückten annimmt, was vom römischen Papsttum heftig bekämpft wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zur Zeit der Französischen Revolution ein Jahrhundert später hatte das Bewusstsein der Massen einen Punkt erreicht, an dem Religion überhaupt keine Rolle mehr in ihrem Denken spielte. Die enge Verbindung zwischen der Kirche und dem absolutistischen Staat war für alle offensichtlich. In der Periode, die zum Sturm auf die Bastille führte, trugen die materialistischen Philosophen Diderot und Holbach viel dazu bei, die spirituelle Festung der Religion abzutragen. Die Französische Revolution erschütterte die Kirche bis ins Innerste. Der Jakobinische Staat war offiziell atheistisch, wenngleich Robespierre diese Tatsache mit dem Feigenblatt des „Höchsten Wesens“ zu verhüllen versuchte, was niemanden außer vielleicht Robespierre selbst überzeugte. Obwohl das französische Volk als glühende Katholiken&nbsp;galt, verschwand die Religion in der Praxis nach der Revolution (außer in den rückständigsten und reaktionärsten Bezirken wie der Vendée). Tatsächlich hassten die meisten Menschen Priester, die sie richtigerweise als Agenten der herrschenden Klasse betrachteten. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, v.a. nach der Pariser Commune, als die französische Bourgeoisie unter Schock stand, unternahm diese Schritte zur Förderung einer reaktionären religiösen Wiederbelebung, indem sie Tricks wie das fabrizierte „Wunder“ in Lourdes für ihre Absicht verwendeten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Russischen Revolution war die Sache noch klarer. Obwohl die russische Arbeiterklasse zu Beginn im Jänner 1905 mit einem ikonentragenden Priester an der Spitze die Bühne der Geschichte betrat, war davon nach dem Massaker des 9. Jänner, als der überaus christliche Zar seinen Kosaken den Befehl zum Feuer auf unbewaffnete Leute gab, die ihm eine Petition überbringen wollten, nichts mehr übrig. Danach spielte die Religion keine Rolle mehr in der Bewegung, die von Marxisten organisiert und geführt wurde. Nach dem Sieg in der Oktoberrevolution erfolgte der Zusammenbruch des Einflusses der Kirche sogar noch rascher und vollständiger als es in Frankreich der Fall gewesen war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Die orthodoxe Kirche,“ schrieb Trotzki, „hat nie die primitive Bauernmythologie überwunden, gelangte aber in den Apparat des Zarismus. Priester gingen Seite an Seite mit der Polizei, jeder Entwicklung sektiererischer Abweichung wurde mit Repression begegnet. Deswegen erwiesen sich die Wurzeln der orthodoxen Kirche im allgemeinen Bewusstsein und v.a. in den Industriezentren als so schwach. Beim Abschütteln des bürokratischen Kirchenapparats schüttelte der russische Arbeiter in der überwältigenden Masse und mit ihm gemeinsam das bäuerliche Milchmädchen gleich die gesamte Religion ab.“ (Ebd., S. 164)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist ein verheerenden Kommentar für den Stalinismus, und die Art und Weise wie er das Bewusstsein der Massen zurückgeworfen hat, dass unmittelbar nach dem Zusammenbruch der UdSSR aller alter Dreck wieder aufgetaucht ist: Nationalismus, Antisemitismus, Faschismus, Monarchismus – und zusammen mit all dieser Glorie des Zarismus – Religion und Aberglaube. Diese Überbleibsel mittelalterlicher Barbarei verbreiteten sich wie eine Seuche über den kranken und zerschlagenen Körper Russlands und zeigten der ganzen Welt die wahre Natur des „Markts“ und die Tatsache, dass die Bourgeoisie in Russland nichts als die Aussicht auf wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Verfall anzubieten hat.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Kirche und der Sozialismus</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Aufstieg der modernen Arbeiterbewegung im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts und in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg stellten das religiöse Establishment vor eine Herausforderung. Ohne Ausnahme stellte sich die Kirche auf Seite der Ausbeutenden und in Opposition zu Sozialismus und Arbeiterbewegung. Um die Verbreitung sozialistischer Ideen in der Arbeiterklasse zu verhindern, unternahm die katholische Kirche Schritte, die Arbeiterbewegung zu spalten, indem sie eigene katholische Gewerkschaften, Frauen- und Jugendorganisationen in Konkurrenz zur Sozialdemokratie schuf. Tatsächlich kopierte die Kirche die organisatorischen Methoden von der Sozialdemokratie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kirchenhierarchie – immer den Reichen und Mächtigen verpflichtet – blickte auf den Sozialismus und die Arbeiterbewegung mit unverhülltem Misstrauen und Feindseligkeit. Papst Leo XIII. strich in seiner Enzyklika zur Arbeit die Feindlichkeit des Vatikans gegenüber dem Sozialismus heraus:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Zur Hebung dieses Übels verbreiten die Sozialisten, indem sie die Besitzlosen gegen die Reichen aufstacheln, die Behauptung, der private Besitz müsse aufhören, um einer Gemeinschaft der Güter Platz zu machen, welche mittels der Vertreter der städtischen Gemeinwesen oder durch die Regierungen selbst einzuführen wäre. Sie wähnen, durch eine solche Übertragung alles Besitzes von den Individuen an die Gesamtheit die Mißstände heben zu können, es müßten nur einmal das Vermögen und dessen Vorteile gleichmäßig unter den Staatsangehörigen verteilt sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Indessen dieses Programm ist weit entfernt, etwas zur Lösung der Frage beizutragen; es schädigt vielmehr die arbeitenden Klassen selbst; es ist ferner sehr ungerecht, indem es die rechtmäßigen Besitzer vergewaltigt, es ist endlich der staatlichen Aufgabe zuwider, ja führt die Staaten in völlige Auflösung. (&#8230;)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gesetzt, er habe durch Einschränkung Ersparnisse gemacht und sie der Sicherung halber zum Ankauf eines Grundstücks verwendet, so ist das Grundstück eben der ihm gehörige Arbeitslohn, nur in anderer Form; (&#8230;)<br>Aber, was schwerer wiegt, das von den Sozialisten empfohlene Heilmittel der Gesellschaft ist offenbar der Gerechtigkeit zuwider, denn das Recht zum Besitze privaten Eigentums hat der Mensch von der Natur erhalten. (&#8230;)<br>Eben weil er aber mit Vernunft ausgestattet ist, sind ihm irdische Güter nicht zum bloßen Gebrauche anheimgegeben, wie dem Tiere, sondern er hat persönliches Besitzrecht, Besitzrecht nicht bloß auf Dinge, die beim Gebrauche verzehrt werden, sondern auch auf solche, welche in und nach dem Gebrauche bestehen bleiben. (&#8230;)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn nun jedem Menschen, wie gezeigt, als Einzelwesen die Natur das Recht, Eigentum zu besitzen, verliehen hat, so muß sich dieses Recht auch im Menschen, insofern er Haupt einer Familie ist, finden; ja das Recht besitzt im Familienhaupte noch mehr Energie, weit der Mensch sich im häuslichen Kreise gleichsam ausdehnt. (&#8230;)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor allem ist also von der einmal gegebenen unveränderlichen Ordnung der Dinge auszugehen, wonach in der bürgerlichen Gesellschaft eine Gleichmachung von hoch und niedrig, von arm und reich schlechthin nicht möglich ist. Es mögen die Sozialisten solche Träume zu verwirklichen suchen, aber man kämpft umsonst gegen die Naturordnung an.“ (Zitiert aus: Enzyklika Rerum Novarum)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Papst Leo XIII. schrieb auch: „Christliche Demokratie muss, weil sie christlich ist, auf den Prinzipien des Göttlichen Glaubens an seine Anstrengungen zur Verbesserung der Massen beruhen. Daher ist für die Christdemokratie Gerechtigkeit heilig. Sie muss darauf bestehen, dass das Recht des Erwerbs und des Besitzes von Eigentum nicht abgestritten werden kann und muss die diversen Unterschiede und Ausmaße, die in jeder wohlgeordneten Gemeinschaft unentbehrlich sind, absichern. Es ist daher klar, dass es nichts Gemeinsames zwischen Sozial- und Christdemokratie gibt. Sie unterscheiden sich voneinander so sehr wie sich die Sekte des Sozialismus von der Kirche Christi unterscheidet.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">James Conolly, der große irische Marxist und revolutionäre Märtyrer, dessen Polemik zur katholischen Kirche klassische Stellungnahmen des Sozialismus darstellen, bemerkte: „Als ob einer der Jungs in der Schule es nicht völlig logisch fände, dass er für den Rest seiner Schultage die Eselsmütze tragen müsste. Stellt euch einen Priester vor, der das Gutsbesitzwesen wie Pater Kane verteidigt und der Papst sagt nichts dazu. ‚Der Mann, der ein Feld über Winter und Frühling bestellt, hat ein Recht, die Ernte, die er eingefahren hat, zu seinem Eigentum zu behalten’; und stellt euch vor, dass er damit ein Argument gegen den Sozialismus vorbringt. Sozialisten beabsichtigen nicht, sich dem Recht des Mannes, ‚als Eigentum zu behalten, was er verdient’ entgegenzustellen; aber sie bestehen vehement darauf, dass ein solcher Mann, Bauer oder Arbeiter, nicht gezwungen werden soll, den größeren Teil dessen ‚was er verdient hat’ an eine untätige Klasse abzugeben, deren Mitglieder ‚weder arbeiten noch Neues schaffen’, sondern ihren Zugriff auf das Eigentum des Volks durch brutale Gewalt, Plünderung und Betrug legitimieren.“ (J. Conolly: Selected Writings. S. 78f)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am 21. September 1958 schrieb Papst Pius XII.: „Die Vielfalt der Klassen entspricht völlig der Vorsehung des Schöpfers“. Also betrachtet die Kirche Klassengesellschaft als festgeschrieben, ewig und göttlichen Ursprungs. Vergleichen wir das mit der Stellungnahme des Hl. Clemes (schon oben erwähnt): „Der Gebrauch aller Dinge, die auf dieser Welt bestehen, soll für alle gemeinschaftlich erfolgen. Nur die deutliche Ungleichheit führt dazu zu sagen ‚Das gehört mir, das dir’. Hier liegt der Ursprung der Streits unter den Menschen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Position von Pius XII ist dieselbe wie die Zeile des alten anglikanischen Hymnus All Things Bright and Beautiful, der den bekannten Vers beinhaltet:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Der reiche Mann in seinem Schloss, der arme Mann vor seinem Tor:<br>Er (Gott) machte den Hohen und den Niederen und ordnete ihr Gut“</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist absolut typisch für die Haltung der Kirche über Jahrhunderte: eine offene Verteidigung des Status quo und der Spaltung der Gesellschaft in Klassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Folglich war die katholische Kirche als Resultat des Wachstums der Arbeiterbewegung und der unwiderstehlichen Bewegung in Richtung Sozialismus gezwungen, ihren Standpunkt abzuändern. Papst Johannes XXIII. – der intelligenteste Papst im 20. Jahrhundert – nahm eine fortschrittlichere Position ein. Doch unter dem Papst Johannes Paul II. wurde alles zurückgenommen.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Kirche heute</h3>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Straft nicht jeder Augenblick eures praktischen Lebens eure Theorie Lügen? Haltet ihr es für Unrecht, die Gerichte in Anspruch zu nehmen, wenn ihr übervorteilt werdet? Aber der Apostel schreibt, daß es Unrecht sei. Haltet ihr euren rechten Backen dar, wenn man euch auf den linken schlägt, oder macht ihr nicht einen Prozeß wegen Realinjurien anhängig? Aber das Evangelium verbietet es. (&#8230;) Aber es ist euch gesagt, daß dieser Zeit Leiden der künftigen Herrlichkeit nicht wert sei, daß die Passivität des Ertragens und die Seligkeit in der Hoffnung die Kardinaltugenden sind. (&#8230;)Handelt der größte Teil eurer Prozesse und der größte Teil der Zivilgesetze nicht vom Besitz? Aber es ist euch gesagt, daß eure Schätze nicht von dieser Welt sind.“ (Karl Marx, Soll die Philosophie die religiösen Anliegenheiten auch in Zeitungsartikeln besprechen?, Rheinische Zeitung 195, Juli 1842)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die Aktivitäten der Kirche in der modernen Gesellschaft ruhen auf den grellsten Widersprüchen und Heuchelei, wie Marx in der oben zitierten Passage herausstreicht. Die revolutionären Traditionen des frühen Christentums weisen absolut keinen Bezug zur gegenwärtigen Situation auf. Schon seit dem 4. Jahrhundert n.Chr., als die christliche Bewegung durch den Staat in seine Gewalt gebracht und zu einem Instrument der Unterdrückenden gemacht worden war, war die christliche Kirche auf Seiten der Reichen und Mächtigen und gegen die Armen. Heute sind die Großkirchen extrem reiche Institutionen, eng mit dem Big Business verbunden und erhalten außerdem große Summen vom Staat, sowohl in muslimischen wie in christlichen Ländern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Spanien wurde die katholische Kirche zusätzlich zu ihren immensen Reichtümern in Land, Immobilien und Bankkonten regelmäßig vom Staat durch von allen eingehobene Steuern, egal ob religiös oder nicht, subventioniert, obwohl das spanische Volk nie zu dieser auferlegten Zahlung befragt wurde. Dasselbe passiert in anderen Ländern, wo die Kirche einen Handel mit dem Staat durchgesetzt und eine privilegierte und lukrative Position erreicht hat. Was immer man von Religion denkt, ein solcher Zustand ist klar eine nicht zu tolerierende Verletzung der Demokratie. Und obwohl jetzt den spanischen Steuerzahlenden freigestellt wird, ob sie Geld an die Kirche abgeben wollen oder nicht, bleibt die Tatsache aufrecht, dass letztere weiterhin einen privilegierten Zugang zu öffentlichen Geldern hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Mittelalter erklärte die katholische Kirche Wucher (Geldverleih gegen Zinsen) zu einer Todsünde, jetzt besitzt der Vatikan eine große Bank und enormen Reichtum und Macht. Die Kirche von England ist neben anderen zahlreichen Geschäftstätigkeiten auch einer der größten Grundbesitzenden Britanniens. Es wäre leicht zu zeigen, dass derselbe Zustand auch sonst überall besteht. Auch ist dieses Phänomen nicht auf die christliche Religion beschränkt. Der Koran verbietet gleichfalls Wucher und doch sieht man in allen sogenannten islamischen Ländern große Banken, die Moslems gehören. Natürlich greifen sie zu allen möglichen Tricks, um die Tatsache zu verschleiern, doch die Zinsen werden weiterhin aus den Leuten herausgepresst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Politisch haben die Kirchen systematisch die Reaktion gestützt. In den 1930ern haben katholische Bischöfe die Armeen Francos auf ihrem Feldzug gegen die spanischen Arbeiter&nbsp;und Bauern gesegnet. Die spanischen Faschisten drucken oft Fotos von Prälaten ab, die den Hitlergruß vollziehen. Papst Pius XII. unterstützte Hitler und Mussolini. Der Papst behielt Stillschweigen über die Millionen, die in den Nazi-Todeslagern ausgelöscht worden sind und obwohl der Vatikan im Zweiten Weltkrieg offiziell neutral war, sind seine Sympathien für die Nazis gut dokumentiert. G. Lewy schreibt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Von Anfang bis zum Ende der Herrschaft Hitlers wurden es die Bischöfe nicht müde, die Gläubigen zu ermahnen, seine Regierung als legitime Autorität zu akzeptieren, der man Gehorsam schuldig war (&#8230;) Nach dem erfolglosen Attentat auf Hitler in München am 8. November 1939 schickten ihm Kardinal Bertram im Namen des Deutschen Episkopats und Kardinal Faulhaber für die bayrischen Bischöfe Glückwunschtelegramme. Die katholische Presse in ganz Deutschland sprach, den Instruktionen der Reichspresskammer folgend, von der wunderbaren Wirkung der Vorsehung, die den Führer beschützt hatte.“ (G. Lewy: The Catholic Church and Nazi Germany. NY 1965, S. 310f)</p>
</blockquote>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„An zwei wichtigen Punkten zeigen die deutschen Dokumente beeindruckende Übereinstimmung,” schreibt Saul Friedhandler, „einerseits schien der Papst eine Vorliebe für Deutschland gehabt zu haben, die durch das Wesen des Naziregimes keinen Einbruch erlitten zu haben scheint und bis 1944 nicht bestritten wurde; andererseits&nbsp;<strong>fürchtete Pius XII. eine Bolschewisierung Europas mehr als alles andere</strong>&nbsp;und hoffte offenbar, dass Hitlerdeutschland, wenn es mit seinen westlichen Verbündeten versöhnt wäre, die wesentliche Wehr gegen jeden Vorstoß der Sowjetunion gegen den Westen würde.“ (S. Friedhandler: Pius XII. and the Third Reich. A Documentation. NY 1958, S. 236; Hervorhebung durch A.W.)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">In der Geschichte der Ideen hat die Kirche immer eine sehr reaktionäre Rolle gespielt. Galileo Galilei wurde gezwungen, seine Ideen unter Androhung der Folter durch die Heilige Inquisition zu widerrufen. Giordano Bruno wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Charles Darwin wurde gnadenlos vom religiösen Establishment in England gejagt, weil er die anerkannte Idee, dass Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen hätte, herauszufordern gewagt hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bis heute steht die Evolutionstheorie unter den Angriffen der religiösen Rechten in den USA, die in den amerikanischen Schulen das erste Buch Genesis als Unterrichtsmittel anstelle der Evolutionstheorie durchgesetzt sehen wollen. In den USA ist die religiöse Rechte eine wohlhabende Bewegung, die reaktionäre Dinge predigt. Vor einigen Jahren versprach der texanische Ölmagnat Nelson Bunker Hunt mehr als 10 Millionen Dollar für den sogenannten „1 Milliarden-Dollar Fonds des Kreuzzugs für Christus“. Die christliche Freiheitsstiftung, eine „erzieherische Lobby“, wurde von J. Howard Pew, dem Gründer der Sun Oil Company, und „anderen Geschäftsleuten, die für das freie Unternehmertum eintreten“ ins Leben gerufen. Es gibt viele andere Beispiele, die die enge Verbindung zwischen der religiösen Rechten und dem Big Business aufzeigen. Diese reichen Leute investieren solche Summen nicht für nichts. Religion wird hier explizit als Waffe der Reaktion genutzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die kreationistische Bewegung in den USA umfasst Millionen von Menschen und wird – unglaublicherweise –von Wissenschaftlern, einschließlich Genetikern&nbsp;angeführt. Das ist deutlicher Ausdruck der intellektuellen Konsequenzen des Niedergangs des Kapitalismus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist ein besonders schlagendes Beispiel des dialektischen Widerspruchs des Zurückbleibens des menschlichen Bewusstseins. In den technologisch am meisten fortgeschrittenen Ländern der Welt versinkt der Verstand von Millionen Männern und Frauen in Barbarei. Das Niveau ihres Bewusstseins ist nicht viel höher als damals, als Menschen Kriegsgefangene ihren Göttern opferten, sich vor geschnitzten Idolen zu Boden warfen und Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannten. Dies ist eine Bewegung zurück ins Mittelalter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf dem Feld gesellschaftlicher Gesetzgebung und v.a. in Bezug auf Frauenrechte hat die katholische Kirche immer eine reaktionäre Rolle gespielt. Sie verweigert Frauen immer noch das Recht, ihren eigenen Körper zu kontrollieren und lehnt das Recht auf Scheidung, Verhütung und Abtreibung ab. Papst Karol Wojtyla war in dieser Frage sehr freimütig. Die dauerhafte Gegnerschaft der Kirche bezüglich künstlicher Verhütungsmittel erweist sich als besonders verheerend hinsichtlich AIDS. Eine Gallup-Umfrage unter Amerikanischen Katholiken&nbsp;zeigte 1999, dass 80% der Laien und 50% der Priester sich für künstliche Verhütung aussprachen, während eine Umfrage an der Universität von Maryland festhält, dass zwei Drittel der Katholiken&nbsp;zustimmten, dass sie ihrem Gewissen folgen sollten, auch wenn es nicht mit dem Papst übereinstimmt. Ähnliche Aussagen können für andere entwickelte Länder gefunden werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Reich der Politik ist der gegenwärtige Papst und sein Vorgänger ein freimütiger Reaktionär und Feind des Marxismus und Sozialismus. Er kam über das Opus Dei an die Macht – jener notorischen katholischen Mafia, die ihre Tentakel in jeder Ecke des politischen Lebens in Italien, Spanien und anderen Ländern hat.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Lenin über Religion</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Engels strich in seinem Vorwort zum Bürgerkrieg in Frankreich heraus, dass „im Vergleich zum Staat die Religion eine Privatsache“ ist. Sich darauf beziehend, schrieb Lenin 1905: „Den Staat soll die Religion nichts angehen, die Religionsgemeinschaften dürfen mit der Staatsmacht nicht verbunden sein. Jedem muss es vollkommen freistehen, sich zu jeder beliebigen Religion zu bekennen oder gar keine Religion anzuerkennen, d.h. Atheist zu sein, was ja auch jeder Sozialist in der Regel ist.“ (Lenin: Sozialismus und Religion. In: Lenin-Werke Bd. 10; S.71)</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Bezug auf die Partei betonte Lenin auch, dass Engels empfahl, dass die revolutionäre Partei einen Kampf gegen die Religion führen sollte: „Die Partei des Proletariats verlangt, dass der Staat Religion zur Privatsache erklären soll, aber sie betrachtet die Frage des Kampfes gegen das Opium des Volkes – den Kampf gegen religiösen Aberglauben etc. &#8211; nicht einen Moment lang als Privatsache. Die Opportunisten haben die Frage so verzerrt, dass es scheint , dass die Sozialdemokratische Partei Religion als Privatangelegenheit betrachtet.“ (Lenin: On Religion. S. 18)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und er fügte hinzu, dass „die Wurzeln der modernen Religion tief in die soziale Unterdrückung der arbeitenden Massen eingebunden sind und in ihre offensichtlich völlige Hoffnungslosigkeit gegenüber den blinden Kräften des Kapitalismus (&#8230;) keine Lektüre, wie erleuchtend auch immer, wird die Religion (aus dem Bewusstsein der Massen) auslöschen, bis die Massen selbst lernen, gegen die gesellschaftlichen Gegebenheiten, aus denen Religion erwächst, vereint, diszipliniert, geplant und bewusst zu kämpfen – bis sie gegen die Herrschaft der Kapitalisten in all ihren Formen zu kämpfen lernen.“ (ebd., S. 14f)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Marxisten müssen alles mögliche tun, um alle Arbeiter&nbsp;in den Kampf gegen den Kapitalismus einzubinden, einschließlich der religiös Glaubenden. Wir dürfen keine Barrieren zwischen uns und diesen Arbeitern&nbsp;errichten, sondern müssen sie ermutigen, sich aktiv am Klassenkampf zu beteiligen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie wir schon sahen, betrat 1905 die russische Arbeiterklasse die Bühne der Geschichte mit einem Priester an ihrer Spitze und trug religiöse Ikonen in Händen und eine Petition zum Zar – dem „Väterchen“. Sie misstrauten den Revolutionären und manchmal kam es zu Schlägereien gegen sie. Doch das änderte sich 24 Stunden nach dem Massaker des 9. Jänner. Dieselben Arbeiter&nbsp;kamen in der Nacht des 9. zu den Revolutionären und verlangten Waffen. So schnell kann sich das Bewusstsein in der Hitze der Ereignisse ändern!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Übrigens machte Pater Gapon, der die Petition und die friedliche Demonstration organisiert und für die zaristische Polizei gearbeitet hatte, selbst eine plötzliche Veränderung nach dem Blutigen Sonntag durch. Er rief zum revolutionären Sturz des Zaren auf und kam auch den Bolschewiki recht nahe. Lenin stieß ihn nicht zurück, sondern versuchte ihn zu gewinnen, obwohl Gapon religiös blieb.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lenins flexible Haltung zeigte sich in seiner Einstellung zu Streiks. Er warnte vor einer sektiererischen Haltung gegenüber Arbeiter, die religiös waren, aber an Streiks teilnahmen: „Zu einer solchen Zeit und unter solchen Umständen (d.h. während eines Streiks) den Atheismus zu predigen, hieße nur der Kirche und den Priestern in die Hände zu spielen, die sich nichts mehr wünschen als die am Streik beteiligten Werktätigen entlang religiöser Zugehörigkeit gespalten zu sehen.“ (ebd., S. 16)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist der Kern der Sache. Wir kämpfen für die Einheit der Arbeiterorganisation über alle Trennungslinien hinweg: religiös, national, sprachlich oder rassisch. Unsere Aufgabe ist es, alle Unterdrückten und Ausgebeuteten in einer Armee gegen die Bourgeoisie zu vereinen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Marxisten&nbsp;haben die Annahme des Atheismus nie zu einem Teil des Parteiprogramms gemacht. Dieser Nonsens war immer Kennzeichen des Anarchismus. Sehr oft nähern sich Arbeiter, die noch gläubig sind, der Bewegung an, lassen sich von ihrem allgemeinen Programm überzeugen und kämpfen eifrig für den Sozialismus, wollen auf die Religion aber nicht verzichten. Welche Haltung sollen wir einnehmen? Sicher nicht die, sie wegzustoßen. Solche Arbeiter&nbsp;schließen sich nicht der Bewegung an, um Bekehrte für ihre Religion zu finden, sondern um den Kapitalismus zu bekämpfen. Wahrscheinlich sehen sie in gewisser Zeit den Widerspruch zwischen ihren politischen und ihren religiösen Überzeugungen und wenden sich allmählich von der Religion ab. Aber die Frage ist eine heikle und sollte nicht überstürzt oder dränglerisch behandelt werden. Wie Lenin erklärte, sind Marxisten&nbsp;„gegen jeden noch so leisen Angriff auf diese religiösen Überzeugungen der Arbeiter“. (ebd., S. 17)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine völlig andere Sache ist es, wenn Intellektuelle der Mittelklasse Verwirrung in die Ideologie der Bewegung bringen möchten, wie es der Fall war, als Lenin über Religion schrieb. Eine Gruppe ultralinker Bolschewiki (Bogdanow, Lunatscharski, etc.) versuchten, den Marxismus über die Einführung mystischer philosophischer Bemerkungen zu revidieren. Lenin hatte recht, als er gegen diese Tendenz ankämpfte.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Zukunft der Religion</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wie wird die Zukunft der Religion aussehen? Zu dieser Frage gibt es natürlich tiefe Meinungsdifferenzen zwischen Marxisten&nbsp;und den christlichen und anderen Religionen. Es ist selbstverständlich nicht möglich, wie mit einer Kristallkugel die Zukunft zu erkennen, aber Folgendes kann gesagt werden. Obwohl der Marxismus aus philosophischer Sicht mit der Religion unvereinbar ist, sind wir selbstverständlich gegen jede Idee, die Religion zu verbieten oder zu unterdrücken.&nbsp;Wir stehen für die völlige Freiheit des/der Einzelnen, religiösen Glauben oder eben keinen zu pflegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was wir sagen, ist, dass es eine radikale Trennung zwischen Staat und Kirche geben soll. Die Kirche darf weder direkt noch indirekt über Steuern unterstützt werden, noch soll Religion in den staatlichen Schulen unterrichtet werden. Wenn Menschen Religion wollen, sollen sie ihre Kirche selbst über einen Beitrag für ihre Glaubensrichtung erhalten und ihre Lehre in ihrer Freizeit predigen. Dasselbe gilt für den Islam oder jede andere Religion.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So weit es uns betrifft, wird der Dialog über Religion erhalten werden, aber er darf nicht das grundlegende Problem unserer Zeit überschatten. Unsere erste und herausragende Aufgabe ist die Vereinigung im Kampf mit all jenen, die der Diktatur des Kapitals, die die Menschheit in einem Zustand der Sklaverei hält, ein Ende setzen wollen. Der Sozialismus wird die freie Entwicklung der Menschen zulassen, ohne die heutigen Einschränkungen der materieller Bedürfnissen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jahrhunderte lang wurde die organisierte Religion von Ausbeutenden dazu verwendet, die Massen zu täuschen und zu versklaven. Immer wieder gab es Aufstände gegen diese Situation. Vom Mittelalter bis zum heutigen Tag wurden Stimmen des Protests gegen die Unterordnung der Kirche unter die Reichen und Mächtigen laut. So auch heute. Die Leiden der Arbeiter&nbsp;und der Bauernschaft, das Martyrium der Menschheit unter dem infamen Despotismus des Kapitals lässt die Entrüstung breiter Bevölkerungsschichten wachsen, darunter viele, die mit der Philosophie des Marxismus nicht vertraut sind, aber gegen Ungerechtigkeit und Ausbeutung kämpfen wollen. Hier gibt es viele redliche Christen&nbsp;und sogar Angehörige des niederen Klerus, die täglich das Leid der Massen bezeugen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Befreiungstheologie ist ein Ausdruck des revolutionären Ferments in Zentral- und Lateinamerika. Die niederen Ränge der Priesterschaft fühlen sich vom Leid der unterdrückten Massen aufgerufen und nehmen ihren Platz im Kampf um ein besseres Leben ein. Die Kirchenhierarchie, die über die Jahrhunderte eine komfortable Beziehung zu reichen Landbesitzenden, Bankiers und Kapitalisten&nbsp;geschaffen hat, bekämpft diesen Trend oder toleriert ihn widerwillig. Der Klassenkampf hat somit auch die Reihen der römisch-katholischen Kirche selbst durchdrungen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ähnlich haben die Ideen des Marxismus auch unter Muslimen&nbsp;einen Widerhall hervorgerufen; die unterdrückten Massen des Nahen Osten, Irans, Pakistans und Indonesiens beginnen, zur Tat überzugehen, um ihr Leben zu verbessern und suchen nach einem Kampfprogramm zum Sturz ihrer Unterdrückender.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erforderlich ist der Sturz des Kapitalismus, Feudalismus und Imperialismus. Ohne dies wird kein Weg vorwärts möglich sein. Das einzige Programm, das den Sieg in diesem Kampf gewährleisten kann, ist jenes des revolutionären Marxismus. Eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Marxisten&nbsp;und Christen&nbsp;(und Muslimen, Hindus, Buddhisten, Juden&nbsp;und Anhänger&nbsp;anderer Religionen) im Kampf zur Veränderung der Gesellschaft ist durchaus möglich und nötig, trotz der philosophischen Differenzen, die uns trennen. Redliche Christen fühlen sich von der furchtbaren Unterdrückung, der die Mehrheit der Menschheit ausgesetzt ist, tief getroffen. Camillo Torres, früher ein kolumbianischer Priester, erklärte einmal: „Ich habe den Priesterhabit abgelegt, um ein wirklicher Priester zu werden. Es ist die Pflicht jedes Katholiken, revolutionär zu sein; es ist die Pflicht jeden Revolutionärs, die Revolution durchzuführen. Der Katholik, der kein Revolutionär ist, lebt in Todsünde.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das sind die würdigen Nachfolger&nbsp;jener frühen christlichen Revolutionäre, die für die Sache der Armen auf dieser Erde standen, für die Sünderen&nbsp;und die Unterdrückten, und die sich nicht davor fürchteten, ihr Leben im Kampf gegen die Unterdrückung zu geben. Sie sind die modernen Märtyrer, deren Angedenken von allen, denen die Sache der Freiheit und Gerechtigkeit ein Anliegen ist, in Ehren gehalten werden soll. Zwischen 1968 und 1978 wurden über 850 Priester, Nonnen und Bischöfe in Lateinamerika eingesperrt, gefoltert und ermordet. Der salvadorianische Jesuit Rutilio Grande sagte, bevor er getötet wurde: „Heute ist es gefährlich (&#8230;) und praktisch ungesetzlich, in Lateinamerika ein tatsächlicher Christ zu sein.“ Die Betonung liegt auf „tatsächlich“.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Ein alternatives Leben?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Obwohl organisierte Religion in den letzten Jahren an Boden verloren hat, schmücken religiöse Ideen verwirrend und oberflächlich Sekten und Kulte, die einen „alternativen Lebensstil“ anbieten. In dem Ausmaß, in dem das manchmal eine wachsende Unzufriedenheit einer Schicht von Jugendlichen mit dem kapitalistischen System, seinem unmenschlichen, seelenlosen Blick auf das Leben, der leeren Kommerzialisierung aller Aspekte des Daseins, dem kruden Materialismus, dem endlosen und alles durchdringenden Geldmachen, der Vergewaltigung der Umwelt etc. widerspiegelt, kann das den ersten Schritt ins Bewusstsein repräsentieren. Aber dann beginnt das Problem. Es ist nicht genug, den Kapitalismus zurückzuweisen. Es ist notwendig, konkrete Schritte zu seiner Abschaffung zu unternehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das gemeinsame Merkmal all dieser „alternativen“ Bewegungen – New Age, Esoterik etc. – ist, dass sie sich auf einer rein individuellen Weise der Erlösung begründen. Auf diesem Weg ist kein Ausweg möglich. Und in letzter Analyse bieten die Vertreter&nbsp;der sogenannten Alternativen keine wie auch immer geartete Alternative. Der Kapitalismus kann gut mit ein paar Leuten leben, die sich dazu entschlossen haben auszusteigen. Das bedeutet für ihn keine Bedrohung, zumal die Machthabenden weiterhin die Kontrolle über die Gesellschaft halten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sogar jene, die ihren Ausstieg bekunden, werden in der Realität herausfinden, dass sie nicht aussteigen können. Sie sind gezwungen, Geld zu verwenden, die Mittel für den Lebensunterhalt in Geschäften zu kaufen, ihre alten Autos an modernen Tankstellen zu befüllen, womit sie Produkte großer Ölkonzerne erwerben, die die Umwelt vernichten und verschmutzen und werden von der Polizei von einem Gebiet ins nächste abgeschoben – wie wir alle.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Vorstellung, dass es möglich ist, der Gesellschaft und der Politik den Rücken zuzukehren, ist eine Illusion. Versucht es nur! Ihr werdet feststellen, dass die Politik eines Tages zu euch kommt und an der Tür klopft (wenn sie nicht sogar selbst eintritt).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Versuch, eine individuelle Lösung zu finden, ist extrem reaktionär, denn der einzige Weg, gegen den Kapitalismus und den bürgerlichen Staat zu kämpfen, ist die Vereinigung der Arbeiterklasse und ihre Organisierung in einer revolutionären Bewegung. Dabei nicht mitzumachen, heißt so oder so, sich der Gnade des Kapitals auszusetzen und die Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung zu fördern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um ihre Nacktheit zu bedecken, behaupten die Vertreter&nbsp;der Esoterik, für besondere spirituelle Werte zu stehen, die &#8211; wie sie meinen – sie von den „gewöhnlichen“ Sterblichen abheben und ihnen einen direkten Zugang zu übernatürlichen Dingen, die alles Verstehen übersteigen, ermöglichen. Sie fühlen sich damit dem Rest der Menschheit, der nicht in diese großen Mysterien eingeweiht ist, überlegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Wirklichkeit sind diese Ideen dem Denken gewöhnlicher Sterblicher nicht überlegen, sondern eher weit davon entfernt. Die erste Regel für jemanden, der die Gesellschaft verändern will, lautet, sie zu verstehen und darin zu leben. Der Versuch, der Gesellschaft den Rücken zuzukehren, wird nur dazu führen, völlig machtlos angesichts der bestehenden Gesellschaft zu sein und auf ewig, hoffnungslos, unwiderruflich auf jede Chance der Veränderung zu verzichten. Auf diesem Weg liegt keine Alternative, sondern nur mehr desselben – für immer.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Religion und die Krise des Kapitalismus</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Marxisten&nbsp;würden Religion als falsches Bewusstsein bezeichnen, weil es unser Verständnis weg von der Welt und hin zu einem Anderen führt, über das wir nichts wissen können und worüber es sinnlos ist, Fragen zu stellen. Die gesamte Geschichte der Wissenschaft legt zwei grundlegende Annahmen dar: a) die Welt besteht außerhalb meiner selbst und b) ich kann diese Welt verstehen, und wenn es Dinge gibt, die ich derzeit nicht verstehe, kann ich sie zumindest in der Zukunft wissen. Die Errichtung einer Grenze, über die hinaus menschliches Wissen nicht reichen soll, besteht in der Öffnung für alle Arten von Mystizismus und Aberglauben. Über 2000 Jahre kämpft die Menschheit dafür, Wissen über sich selbst und die Welt, in der sie lebt, zu erlangen. Während dieser Zeit war die Religion der Feind des wissenschaftlichen Fortschritts und das nicht zufällig. In dem Ausmaß, in dem das Voranschreiten wissenschaftlichen Verständnisses uns befähigt, Dinge zu begreifen, die uns früher als „geheimnisvoll“ erschienen sind, wird die Religion zurückgedrängt und findet sich nun in einem verzweifelten Rückzugsgefecht, um sich selbst zu retten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Kampf der Wissenschaft gegen die Religion – also im Kampf des rationalen Denkens gegen die Irrationalität – stellt sich der Marxismus überzeugt auf die Seite der Wissenschaft. Aber es steht mehr dahinter. Die Absicht des Wissenserwerbs über die Welt liegt darin, sie zu verändern. Die innere Bedeutung der gesamten menschlichen Geschichte der letzten 100.000 Jahre – und mehr – liegt im unaufhörlichen Ringen der Menschheit um den Sieg im Kampf mit der Natur, um das eigene Schicksal kontrollieren und so frei werden zu können. Die Wurzeln der Religion liegen in der entfernten Vergangenheit, in der Menschen darum kämpften, sich aus der tierischen Welt, aus der wir entstammen, zu befreien. Um natürlichen Erscheinungen, die sich ihrer Kontrolle entzogen, Sinn zu entnehmen, fanden die Menschen Zuflucht in Magie und Animismus – die frühesten Formen der Religion. Dieses kindliche Stadium des Bewusstseins sollte schon lang überwunden sein, doch der menschliche Geist ist unendlich konservativ und hängt an Vorstellungen und Vorurteilen, die längst jede Existenzberechtigung verloren haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Klassengesellschaft trägt das Paradigma „Liebe deinen Nächsten“ einen Heiligenschein. Die Marktwirtschaft mit ihrer Moral „Hl. St. Florian, verschon mein Haus, zünd’s andere an“ usw. erscheint das als schwierig, nein, sogar unmöglich. Um das Verhalten und die Psychologie von Männern und Frauen zu verändern, ist es nötig, ihre Lebensweise zu verändern. In Marxens Worten : „Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein“. Die ganze Welt wird von einer handvoll gigantischer Monopole dominiert, die den Erdball ausplündern, den Planeten schänden, die Umwelt zerstören und zahllose Millionen zu einem Leben unerträglichen Elends und Leids verurteilen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Damen und Herren, die in den Vorständen dieser multinationalen Konzerne sitzen, sind meist praktizierende Christen, weniger Juden, Muslime, Hindus und andere Gläubige. Keine davon ist aber die tatsächliche Religion des Kapitalismus. Diese ist vielmehr die Verehrung des Mammon, des Gottes des Reichtums. Der Kapitalismus dreht die menschlichen Beziehungen auf den Kopf. So verdreht und entstellt ist alles geworden, dass wir einen Menschen als „eine Million Dollar schwer“ bezeichnen – als ob wir über einen Handelsartikel sprächen. Das Fernsehen redet über die Börse, den Markt, den Dollar und das Pfund, als ob es lebende Wesen wären („Der Euro hat sich heute etwas erholt“). Das ist es, was Entfremdung bezeichnet: tote Dinge (Kapital) werden als lebend und Angelegenheiten des Lebens (Menschen, Arbeit) werden als tot, trivial und bedeutungslos betrachtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die menschliche Entwicklung beinhaltet eine absteigende Linie genauso wie eine aufsteigende. Die Schicht moderner Kultur und Zivilisation, die über Jahrtausende aufgebaut worden ist, ist noch sehr dünn. Darunter liegen alle Bestandteile der Barbarei. Wer das bezweifelt, soll die Geschichte Nazi-Deutschlands oder die aktuelleren Ereignisse am Balkan nachlesen. In der Zeit ihres Aufstiegs stand die Bourgeoisie auf dem Boden der Rationalität – ja, selbst des Atheismus. Jetzt in der Periode des kapitalistischen Niedergangs tauchen überall irrationale Züge auf – sogar in den fortgeschrittensten und „kultivierten“ Staaten. Wenn es der Arbeiterklasse nicht gelingt, die Gesellschaft zu ändern, sind alle Errungenschaften der Vergangenheit bedroht und selbst die Zukunft menschlicher Zivilisation ist nicht gewährleistet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die vom Kapitalismus vollführte Verwüstung auf der ganzen Welt hat zahllose Monstrositäten hervorgebracht. In der Periode des altersschwachen Abstiegs verleiht er religiösen und mystischen Tendenzen der rückständigsten Art Aufschwung. Die reaktionäre Rolle der Religion kann heute auf der ganzen Welt gesehen werden, von Afghanistan bis Nordirland. Auf allen Seiten sehen wir die hässlichen Monster des Fundamentalismus: nicht nur des islamischen Fundamentalismus, auch des christlichen, jüdischen und hinduistischen Fundamentalismus. Die Botschaft geschwisterlicher Liebe und Hoffnung verwandelte sich in die Flamme der Verzweiflung, des Hasses und des gegenseitigen Totschlags. Auf diesem Weg ist außer Barbarei und der Auslöschung der Kultur und der menschlichen Zivilisation nichts möglich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Ursache dieses Horrors liegt nicht so sehr in der Religion selbst, wie oberflächliche Beobachtende behaupten, sondern in den Verbrechen des Kapitalismus und Imperialismus, die ganze Länder und Gemeinschaften verheeren und das Gewebe von Gesellschaft und Familie zerstören, ohne etwas an ihre Stelle zu setzen. Voll Angst vor der Zukunft und verzweifelt über die Gegenwart suchten Menschen Trost in den angeblichen „ewigen Wahrheiten“ einer nichtexistenten Vergangenheit. Der Aufstieg des sogenannten religiösen Fundamentalismus ist nur ein deutlicher Ausdruck der Sackgasse der kapitalistischen Gesellschaft, die die Menschen zur Verzweiflung und in den Irrsinn bringt. Wie wir im Iran und in Afghanistan sehen, sind die Versprechen eines religiösen Himmels auf Erden nur ein leerer Traum, der in einen Alptraum mündet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Religion kann nichts von dem, was auf der Welt heute geschieht, erklären. Ihre Rolle ist es auch nicht zu erklären, sondern die Massen mit Träumen zu trösten und auf ihre Wunden den Balsam falscher Versprechen zu schmieren. Aber man erwacht immer aus Träumen und die Wirkung selbst des süßesten Balsams schwindet und lässt den Schmerz umso schärfer fühlen. Religion ist ein falsches Bewusstsein, wo wahres Bewusstsein nötig ist – eine wissenschaftliche Sichtweise des Universums und unseres Platzes darin. Die Vorbedingung für die Gewinnung unserer Freiheit als Menschen liegt im radikalen Bruch mit Träumen und im Willen, die Welt so wie sie ist und uns selbst so wie wir sind, zu sehen: sterbliche Männer und Frauen, die nach einer Existenz streben, die des Menschen auf dieser Erde würdig ist.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Selbstentfremdete Menschheit</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Seit undenklichen Zeiten wurden Männer (und noch mehr Frauen) in einem Geist der Unterwürfigkeit erzogen. Wir wurden gelehrt zu denken, dass wir schwach seien, ohnmächtig, dass es keinen Unterschied macht, egal was wir tun, dass „der Mensch denkt, aber Gott lenkt“. Die vorherrschende Idee war eine des Fatalismus. Gegen die anstehenden Probleme kann nichts unternommen werden. Diese Art fatalistischer Akzeptanz, unterwürfiger Verehrung etablierter Fakten liegt in allen Religionen tief verwurzelt. Christen&nbsp;wird gesagt, dass sie die andere Backe hinhalten sollen, wenn ihnen jemand ins Gesicht schlüge, das Wort Islam bedeutet „Unterwerfung“ und die Propheten des Alten Testaments versichern uns, „alles ist Eitelkeit“. Aus diesem Gefühl der Ohnmacht kommt das Bedürfnis nach einem Höheren Wesen, das alles das ist, was wir nicht sind. Der Mensch ist sterblich; Gott ist unsterblich. Der Mensch ist schwach; Gott ist stark. Der Mensch ist unwissend vor den Geheimnissen des Universums; Gott ist allwissend, usw.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Glaube, dass Menschen für ihre Erlösung zum Himmel blicken müssen, bestärkt den Glauben an Wunder. Das ist durchaus nicht nur auf die ungebildeten Massen beschränkt. Man findet ähnlich abergläubische Geistesentwürfe unter Wirtschaftsprognostikern&nbsp;und Börsenmaklern, die bloß auf einer höheren Ebene die Mentalität eines Spielers wiedergeben, der eine Hasenpfote in der Hand hält, während er die Würfel wirft. In der Bibel werden die Hungrigen gefüttert, die Blinden sehen, die Lahmen gehen&#8230; – alles mittels des Wirkens göttlicher Wunder. Heute brauchen wir die Einwirkung übernatürlicher Kräfte nicht mehr, um solche Wunder zu vollführen. Die Errungenschaften moderner Wissenschaft und Technologie erlauben uns, diese Dinge selbst zu tun. Es sind nur die künstlichen Beschränkungen, die vom Privateigentum an Produktionsmitteln und dem Profitsystem auferlegt werden, die die Ausbreitung dieser Wohltaten auf alle Männer, Frauen und Kinder auf diesem Planeten verhindern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In dem Ausmaß, in dem Männer und Frauen fähig sind, ihr Leben zu kontrollieren und sich als freie Menschen zu entwickeln, wird das Interesse an Religion – d.h. die Suche nach Trost in einem Leben danach – von selbst schwinden, wie Marxiste&nbsp;glauben. Natürlich widersprechen Gläubige dieser Prognose. Die Zeit wird zeigen, wer Recht hat. In der Zwischenzeit sollten Unstimmigkeiten bezüglich solcher Dinge alle redlichen Christen, Hindus, Juden&nbsp;oder Muslimen, die am Kampf gegen Ungerechtigkeit teilnehmen wollen, nicht davon abhalten, Marxisten&nbsp;im Kampf für eine neue und bessere Welt die Hand zu reichen.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading">Für ein Paradies in dieser Welt!</h3>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Wenn ich von vorn beginnen müsste, würde ich (&#8230;) versuchen, diesen oder jenen Fehler zu vermeiden, aber der Verlauf meines Lebens wäre im Großen und Ganzen derselbe. Ich stürbe als proletarischer Revolutionär, als Marxist, als dialektischer Materialist und konsequenterweise als unbekehrbarer Atheist. Mein Glaube an die kommunistische Zukunft der Menschheit ist nicht weniger brennend, vielmehr ist er heute noch stärker als er in den Tagen meiner Jugend war. Der Glaube an den Menschen und seine Zukunft gibt mir sogar jetzt solche Widerstandskraft, wie sie von keiner Religion verliehen werden kann.“ (Trotzki: Stalin. NY 1967, S. 54)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">In seinem Buch „Die Metaphysik“ machte Aristoteles eine wunderbar tiefsinnige Bemerkung, als er sagte, dass der Mensch zu philosophieren beginnt, wenn die Bedürfnisse des Lebens abgedeckt sind. Durch die Beseitigung der alten entwürdigenden Abhängigkeit von Männern und Frauen von materiellen Dingen wird der Sozialismus die Basis für eine radikale Veränderung der Art des Denkens und Handelns einführen. Trotzki führt aus, was in einer klassenlosen Gesellschaft geschähe:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Im Sozialismus wird Solidarität die Grundlage der Gesellschaft sein. Alle Gefühle, die wir Revolutionäre in der Gegenwart nur besorgt benennen – so sehr wurden sie von Heuchelei und Vulgarität ausgedünnt – wie unvoreingenommene Freundschaft, Liebe zum Nächsten, Sympathie, werden die mächtig klingenden Saiten sozialistischer Poesie sein.“ (Trotzki: Literatur und Revolution. S. 60)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die Ketten der Klassenunterdrückung und Sklaverei sind nicht nur materielle, sondern auch psychologische und spirituelle. Es wird Zeit brauchen, auch nach der Abschaffung des Kapitalismus, um die psychologischen und moralischen Narben dieser Sklaverei auszumerzen. Männer und Frauen, die ihr Leben lang in untertänigem Geist herangebildet worden sind, werden ihr Bewusstsein und ihre Seelen nicht sofort von alten Vorurteilen befreien können. Doch wenn die sozialen und materiellen Bedingungen gegeben sind, Männern und Frauen den Zugang zu wirklich menschlichen Beziehungen zu ermöglichen, wird sich ihr Verhalten und ihre Denkungsart gleichfalls verändern. Wenn dieser Tag dämmert, werden die Menschen keine Polizei brauchen – weder materieller noch spiritueller Natur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die antiken griechischen Sophisten waren sehr scharfsinnige Philosophen und erklärten, dass „der Mensch das Maß aller Dinge“ ist. In einer klassenlosen Gesellschaft wäre das zweifelsohne der Fall. Aber wo Männer und Frauen wirklich volle bewusste Kontrolle über ihr Leben und ihr Schicksal haben, welcher Platz bleibt für das Übernatürliche? Statt nach einem imaginären Leben über das Grab hinaus zu dürsten, werden die Menschen ihre Energien darauf konzentrieren, dieses Leben so schön und erfüllend wie möglich zu machen. Das ist die innere Bedeutung des Sozialismus: konkret zu machen, was potenziell immer vorhanden war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In dieser höheren Form menschlicher Gesellschaft werden sich Männer und Frauen zu ihrer wahren Größe erheben. Sie werden die Welt von aller Armut, allem Hass und aller Ungerechtigkeit reinigen. Sie werden unseren Planeten wieder in seiner natürlichen Herrlichkeit herstellen, seine Flüsse, Meere und Wasserfälle werden wieder sauber und all die wunderbare Vielfalt des Lebens wird geschützt und geschätzt werden. Die verstopften, überfüllten Städte werden abgerissen und mit aller Sorgfalt und künstlerischer Kreativität, mit der Menschen ihre Umwelt beschenken sollten, neu gebaut werden. Die Tiefen des Ozeans werden entdeckt werden und ihre letzten Geheimnisse preisgeben. Schließlich und endlich werden wir unsere Hände zum Himmel ausstrecken – nicht zum Gebet, sondern in Raumschiffen, die die Menschheit zu den äußersten Rändern unserer Galaxie und vielleicht darüber hinaus bringen werden. Wenn Männer und Frauen solch unbegrenzte Ausblicke menschlichen Fortschritts, den wir durch eigene Anstrengungen und Ressourcen und ohne irgendwelche Geister erreichen können, genießen, welcher Raum sollte da für Zuflucht zur Religion bleiben? Die Menschen werden die alten Ansichten aufgeben, sobald sie entdecken, dass sie sie nicht mehr brauchen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Bibel kann man Worte großer Weisheit finden, wie bei den Briefen an die Korinther, in denen wir lesen: „Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, legte ich ab, was Kind an mir war.“ (1. Korinther, 13,11) Dasselbe passiert in der Entwicklung unserer Spezies. Wenn die Menschheit schließlich ihr Schicksal erfüllt und fähig ist, auf eigenen Beinen zu stehen und das Leben voll zu leben, wird sie nicht mehr der Stütze der Religion, eines übernatürlichen Wesens zum Anbeten oder eines falschen Trosts des Lebens in einer anderen Welt als dieser bedürfen. Wenn dieser Moment kommt, wird die Menschheit die Religion mit derselben Leichtigkeit abschütteln, mit der Menschen die Märchen zur Seite legen, die sie in ihrer Kindheit so geliebt haben, aber ihre Nützlichkeit überlebt haben.</p>
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		<title>Es kommt darauf an, sie zu verändern</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sandro Tsipouras]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 31 May 2022 11:18:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Dialektischer Materialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
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<p class="wp-block-paragraph">„Die Philosophen“, so die berühmten Worte Marx‘, „haben die Welt nur verschieden interpretiert.“ Mit seinem Werk „Geschichte der Philosophie – eine marxistische Perspektive“ legt der britische Marxist Alan Woods jetzt einen Überblick über die wichtigsten Entwicklungsstadien dieser verschiedenen Interpretationen vor – von den Anfängen der griechischen Philosophie bis zur Entstehung des Marxismus.</p>



<figure class="wp-block-image size-full"><img decoding="async" width="700" height="509" src="https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/04/Lissitzky.jpg" alt="" class="wp-image-1705" srcset="https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/04/Lissitzky.jpg 700w, https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/04/Lissitzky-300x218.jpg 300w" sizes="(max-width: 700px) 100vw, 700px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">„Seit anderthalb Jahrhunderten“, schreibt Woods, „gleicht das Reich der Philosophie einer trockenen Wüste mit nur spärlichen Spuren von Leben. Das Zeitalter der Giganten ist spurlos vergangen. Die Schatzkammer der Vergangenheit mit ihrem uralten Glanz und Lichtblitzen ist verschwunden. Das Feuer ist vollständig erloschen. Diese Wüste, die sich immer noch Philosophie nennt, wird von einem Stamm von Eunuchen und zankenden Pygmäen bewohnt. In dieser geistigen Einöde würde man vergeblich nach einer Quelle der Erleuchtung suchen.“ (Alle folgenden Zitate, wenn nicht anders gekennzeichnet, aus der „Geschichte der Philosophie“.)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es kann also im Buch schon einmal ganz offensichtlich nicht um das gehen, was sich heutzutage als Philosophie ausgibt. Aber worum geht es dann?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wer beginnt, sich die Ideen des Marxismus anzueignen, lernt schnell, dass der Marxismus aus „drei Quellen“ entstanden ist und dementsprechend aus „drei Bestandteilen“ besteht, wie Lenin prägnant formuliert hat. Das Ideengebäude des Marxismus ist aus englischer (klassischer) Ökonomie, französischem (utopischem) Sozialismus und deutscher (idealistischer) Philosophie entstanden und setzt sich daher auch aus der „Kritik der politischen Ökonomie“, dem „wissenschaftlichen Sozialismus“ und dem „dialektischen und historischen Materialismus“ zusammen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf allen drei Gebieten hat der Marxismus alles Positive in sich aufgenommen, was in den vergangenen Jahrtausenden an vernünftigen Einsichten zustande gekommen ist. Aber mit dem Marxismus trennt sich in der Geschichte dieser Gebiete sozusagen ein- für allemal die Spreu vom Weizen. Die Errungenschaften der Philosophie sind im Marxismus aufgehoben. Spätestens seit es ihn gibt, ist die Aufgabe der philosophischen Institute der Universitäten auch nicht mehr, der Wahrheit näher zu kommen, sondern die Klassenunterdrückung ideologisch zu untermauern. Sie sind damit Horte der Reaktion und der Unvernunft, Feinde der Arbeiterklasse und des gesellschaftlichen Fortschritts geworden. Damit ist aber auch das ernsthafte, wissenschaftliche Studium der Geschichte der Philosophie weitgehend verschwunden. Doch dieses ist entscheidend dafür, zwischen gesellschaftlich fortschrittlichen und reaktionären Ideen unterscheiden zu können; zwischen jenen Ideen, die den Klassenkampf voranbringen und jenen, die ihn zurückhalten können. Ein klares Verständnis der Geschichte der Philosophie ist also für alle KämpferInnen für den Sozialismus unverzichtbar, um den Klassenkampf erfolgreich führen zu können und so die Grundlage für eine sozialistische Transformation der Gesellschaft zu legen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Was ist Philosophie?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">„Die Philosophie entsteht“, erklärt Woods, „sobald die Menschen versuchen, sich die Welt ohne das Eingreifen übernatürlicher Instanzen zu erklären“. Mit der Philosophie fing die Menschheit an, urzeitliche, religiöse und märchenhafte Erklärungen hinter sich zu lassen und „die Natur und uns selbst wissenschaftlich zu verstehen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Philosophie war der Versuch, die Welt denkend zu verstehen, bevor viele Methoden der Wissenschaft praktisch möglich wurde, bevor es also Labore, Mikroskope, Teleskope, ein Wissen um chemische Reaktionen und dergleichen gab (das sind Produktionsmittel, die erst der Kapitalismus in vernünftigem Umfang liefert).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Woods‘ Darstellung beginnt also bei den ersten Versuchen der alten Griechen, ohne Götter eine Antwort auf die Frage zu finden, wo alles herkommt, nach welchen Prinzipien es funktioniert und wie man es erklären kann, und arbeitet sich vor bis zur Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft. Seit es diese nämlich gibt, wurde der Philosophie ein Gebiet nach dem anderen von der Wissenschaft streitig gemacht: Physik, Astronomie, Biologie – und mit der Entstehung des Marxismus schließlich die Geschichte der Menschen selbst. Wie Friedrich Engels schon 1880 resümierte: „Was von der ganzen bisherigen Philosophie dann noch selbständig bestehen bleibt, ist die Lehre vom Denken und seinen Gesetzen &#8211; die formelle Logik und die Dialektik. Alles andre geht auf in die positive Wissenschaft von Natur und Geschichte.“[1]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die ist auch der Grund, weshalb heute im Bereich der Philosophie nur alte und überholte Konzepte aus der Geschichte wiedergekäut und neu verpackt werden.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Die Griechen</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">In der ganzen global überlieferten Geschichte waren die Philosophen der griechischen Antike die ersten, die versuchten, „eine allgemeine Gesetzmäßigkeit für die Vorgänge in der Natur zu finden, in dem sie die selbige beobachteten. […] Thales behauptete zum Beispiel, das Wasser sei der Anfang oder Urgrund aller Dinge.“ Spätere griechische Philosophen schlugen hierfür „die Luft“ oder „das Unendliche“ vor. Dass diese Überlegungen unzutreffend waren, ist nicht das Entscheidende. Der Punkt ist, dass es inspirierte Versuche waren, Antworten zu finden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die ersten Philosophen zeichnen sich dabei durch den Versuch aus, die Welt so zu verstehen, wie sie ist, ohne höhere Mächte zur Hilfe zu nehmen – sie waren also im philosophischen Sinne Materialisten. Dabei kamen sie zu genialen Schlussfolgerungen – sie analysierten die Planetenbahnen, errechneten die Größe und Kugelform der Erde und entwickelten weit über 2000 Jahre vor Darwin evolutionstheoretische Ansätze.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese erste Periode der Philosophie war geprägt von hitzigen Kontroversen, in denen die Spekulationen über die Grundlagen der Welt zu extremen Widersprüchen führten, die aber das Verständnis enorm weiterbrachten. Diese Debatten halfen auch dabei, das Denken selbst zu strukturieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So kam Heraklit zum Schluss, dass „alles fließt“. Die Eleaten hielten dem entgegen, dass „sich nichts verändert und […] die Bewegung eine Illusion ist“. Während Heraklits geniale Verallgemeinerung eine „ursprüngliche, naive, aber der Sache nach richtige Anschauung von der Welt“[2] darstellt, trugen auch die Eleaten mit ihrer Ablehnung dessen dazu bei, die inneren Widersprüche der Bewegung selbst herauszuarbeiten. So sah die griechische Philosophie auch die Geburtsstunde der Dialektik, die Untersuchung der grundlegendsten Bewegungsgesetze.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aristoteles komplementierte diese Entdeckungen durch sein System der formalen Logik, das für tausende Jahre die Grundlage des Denkens bilden sollte – so weit, dass noch Kant am Ende des 18. Jahrhunderts sagen konnte, dass die Logik seit Aristoteles keine Schritt vorwärts und keinen Schritt zurück gemacht habe, und dass Generationen von Denkern und Wissenschaftlern (im Gegensatz zu Aristoteles selbst, für den sowohl Logik als auch Dialektik eine Berechtigung hatten) sie so absolut setzten, dass sie versuchten, allen Widerspruch aus dem Denken und der Realität zu verbannen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch unter der zunehmenden Trennung zwischen Kopf- und Handarbeit, der Begrenztheit der tatsächlichen Möglichkeiten, die Thesen auch nachzuprüfen und scharfer gesellschaftlicher Krisen, die die Sackgasse der Sklavenhaltergesellschaft klar machten, streckten Mystizismus und religiöse Vorstellungen in diesen philosophischen Debatten immer wieder ihre Köpfe hervor. Philosophen wie Pythagoras und Platon verkörperte diesen Trend wohl am klarsten, Platon nahm etwa an, „alle Dinge entstünden als Abbilder universeller Vorbilder, die es jenseits der materiellen Welt wirklich geben sollte“. Nach dem griechischen Wort für diese Vorbilder (eidos) ist der philosophische Idealismus benannt. Sie sind auch heute omnipräsent in Vorstellungen von Konzepten wie „Freiheit“, „Gleichheit“, „Menschenrechte“ und „Sitten“, die freischwebend und isoliert von den gesellschaftlichen Verhältnisse das Leben der Menschen bestimmen sollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch idealistische griechische Philosophen trugen trotz ihrer falschen Ansichten einiges zur Entwicklung der Erkenntnis und der Dialektik bei. So etwa Pythagoras und die Pythagoräer, die soetwas wie einem „Kult der Zahlen“ huldigten, aber dabei bahnbrechende mathematische Entdeckungen machten. Doch nach diesem ersten Höhepunkt sollte es für tausend Jahre zu einem Ende dieser Fortschritte kommen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Das Mittelalter</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Infolge der Krise und des letztendlichen Zusammenbruches der antiken Sklavenhaltergesellschaft wurde eine ideologische Terrorherrschaft der katholischen Kirche errichtet, die das kreative philosophische Denken im Mittelalter für jeden Zweck außer einen unterband: Die Legitimation der katholischen Lehre. „In der klösterlichen Bildungstradition war es den Schülern verboten, zu sprechen oder Fragen zu stellen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch mit noch so viel Gewalt kann man das Denken der Menschen nicht ganz zum Schweigen bringen. Unter der Decke des katholischen Dogmas brach der alte Konflikt zwischen Materialismus und Idealismus wieder auf, auch wenn er unter den Bedingungen des Mittelalters nie bis zum offenen Materialismus führen konnte. Ein Ausdruck dieses Konflikts war der sogenannte Universalienstreit. Vordergründig ging es dabei darum, ob die allgemeinen Begriffe im Denken der Menschen (das Wissen darum, was „einen Stein“, „einen Tisch“, „ein Pferd“ u. dgl. ausmacht) wie schon in der platonischen Ideenlehre unabhängig von den Menschen real sind, etwa als Gedanken Gottes – oder ob diese allgemeinen Begriffe von den Menschen selber durch Verallgemeinerung von konkreten Dingen hergestellt werden. In Wirklichkeit geht es bei diesem Konflikt aber um nichts Geringeres als die Frage, ob die menschliche Erkenntnis von Gott kommt oder ob die Menschen selbst Ideen entwickeln können – ob also nur passive, empfangende Anbetung oder aktive Wissenschaft und Forschung möglich ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch diese Debatten blieben notwendigerweise eben das – reine Debatten. Um der Philosophie einen neuen Anstoß zu geben, war eine Umwälzung der gesellschaftlichen Grundlage erforderlich.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Renaissance und Aufklärung</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es war die entstehende kapitalistische Produktionsweise, auf deren Grundlage die Herrschaft der katholischen Kirche über die Köpfe gebrochen wurde. Das erste sichtbare Anzeichen dieses Prozesses war die protestantische Reformation. Die Erforschung der Weltmeere, die zur Entdeckung Amerikas führte, brachte mit sich eine starke Entwicklung der Navigationstechnik und Astronomie. Galilei, Kopernikus und Kepler stellten im 16. Jahrhundert klar, dass die Erde sich gemeinsam mit den anderen Planeten um die Sonne und der Mond um die Erde dreht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Entdeckungen der Wissenschaft beendeten den Universalienstreit. Empiriker wie Bacon und Locke legten im 16. und 17. Jahrhundert dar, wie auf Basis von Experiment und Beobachtung Verallgemeinerungen entstehen. Diese Methode wird Induktion genannt. Doch dieser Empirismus war mit schweren Mängeln behaftet. Einfach „die“ Tatsachen zur Kenntnis nehmen und daraus Schlüsse ziehen – so will es auch die moderne Soziologie oder Politikwissenschaft noch machen. Was dabei aber völlig unter den Tisch fällt, ist die Frage, welche Tatsachen man eigentlich „zur Kenntnis nimmt“. So lassen sich nach Belieben sowohl Gemeinsamkeiten absurd verabsolutieren (Faschismus, Sozialismus und Stalinismus seien eigentlich dasselbe) als auch Unterschiede grotesk übertreiben (Faschismus und bürgerliche Demokratie seien völlig verschiedene Dinge).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gegenüber dem Platonismus, den die Kirche bislang vertreten hatte, war der Empirismus dennoch ein epochaler Fortschritt. Um diesem etwas entgegenstellen zu können, entwickelte der irische Bischof George Berkeley (1685-1753) seine Philosophie. Berkeley wollte mit dem Empirismus fertigwerden, indem er radikal zu den reaktionärsten Positionen im Universalienstreit zurückkehrte und sogar noch über sie hinausging: Nicht nur die „Universalien“, sondern überhaupt jeder Bewusstseinsinhalt komme von Gott. Und in weiterer Folge gebe es um uns herum überhaupt keine Welt, die man erforschen könnte. Unsere Wahrnehmungen seien kein Abbild einer objektiven Realität. Dieses Weltbild erinnert an die moderne philosophische Strömung des Postmodernismus, die im Grunde denselben Gedanken in den Slogan „Es gibt nichts außerhalb des Textes“ verpackt: Es gibt keine objektive Wirklichkeit, jeder Gedanke über die Welt ist in Wahrheit nur ein Gedanke über andere Gedanken. Es gibt kein biologisches Geschlecht und keine Arbeiterklasse, sondern nur Identitäten und „Zuschreibungen“; es gibt keine Tatsachen, sondern „Erzählungen“; es gibt keine Klassenherrschaft, sondern „Klassismus“; es gibt keinen objektiven Wert, sondern nur eine beliebig manipulierbare Geldmenge…</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Materie und Bewusstsein</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Bischof Berkeley sagte es so deutlich wie kaum einer vor ihm: Es gibt keine Materie. Er nannte seine Philosophie sogar „Immaterialismus“, so wichtig war ihm diese Feststellung. Damit legte er aber auch die Frage offen auf den Tisch: Gibt es die Materie? Wenn ja, gibt es sonst auch noch etwas? Wie hängt das Bewusstsein mit der Materie zusammen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Franzose René Descartes (1596-1650) hatte behauptet: Ja, das gibt es beides, aber er konnte nicht sagen, wie es zusammenhängt. Seine Position, dass Bewusstsein („res cogitans“: „Denkendes“) und Materie („res extensa“: „Ausgedehntes“; d.h. im Raum Vorhandenes) zwei unterschiedliche Arten von Realität seien, die auf irgendeine unerklärliche Weise miteinander interagieren, nennt man Dualismus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Niederländer Baruch de Spinoza (1632-1677) versuchte dann, direkt an Descartes anknüpfend, zu argumentieren, dass Bewusstsein und Materie („Denken“ und „Ausdehnung“) zwei Aspekte einer einzigen unendlichen „Substanz“ seien, die er auch „Gott“ nannte. Damit nähert er sich als erster einer konsequent materialistischen Position an, auch wenn er sie in religiöse Begriffe verkleidete. In seinem aus Angst vor der Kirche zu Lebzeiten niemals veröffentlichten Hauptwerk „Die Ethik“, in dem es um buchstäblich alles geht außer „Ethik“, wie wir den Begriff heute verstehen, unterbreitet er uns eine Auffassung von der Welt, in der von „Gott“ bis hin zu den alltäglichsten Gefühlsregungen der Menschen alles, was es gibt, nur Erscheinungsformen ein- und derselben, ewigen „Substanz“ sind.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Die Wiedergeburt der Dialektik</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Während die Philosophie der Neuzeit wichtige Fortschritte machte, blieb die Dialektik als höchste Form des Denkens weitgehen unbeachtet. Ausgehend vom Einfluss des Empirismus machte sich eine starre bzw. metaphysische Sichtweisen unter den Philosophen breit, die sie in eine Sackgasse manövrierte. Der Höhepunkt dieser Krise stellte Berkeley und David Hume (1711-1776) dar, der sogar das Prinzip der Kausalität (Ursache und Wirkung) anzweifelte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein entscheidender Wendepunkt wurde vom deutschen Idealisten Immanuel Kant (1724-1804) eingeleitet, der eine Grundlagenkritik an der metaphysischen Philosophie formulierte, doch jene trotzdem nicht ganz abschütteln konnte. Sein großes Verdienst ist die Anerkennung von inhärenten Wiedersprüchen und damit die Dialektik wieder in die Philosophie einzuführen. Dieser wichtige Impuls nahm der große deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1837) auf und verhalft der dialektischen Denkweise zu seinem Durchbruch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hegel fasste die gesamte Wirklichkeit als ein zusammenhängendes Ganzes auf. Insbesondere die Geschichte sah er als Geschichte von Konflikten, Gegensätzen, Widersprüchen – mit einem Wort: dialektisch; als eine Geschichte, in der sich die Dinge beständig in ihr Gegenteil verwandeln, um dann wieder auf höherer Ebene zum Ausgangspunkt zurückzukehren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hegel ist sich mit Philosophen wie Spinoza und den altgriechischen Materialisten darin einig, dass die Sterne, die Planeten, die Tiere, die Menschen, die Gedanken, die Gefühle und die Träume, die Gesellschaft und der Staat alles untrennbar miteinander verflochtene Teile eines zusammenhängenden Ganzen sind, aber Hegel gibt sich anders als Spinoza nicht damit zufrieden, das einfach nur alles logisch miteinander zu verknüpfen, sondern er will wissen, wie diese „Momente“ zeitlich aufeinander folgen, auseinander hervorgehen, in Konflikt miteinander geraten und ihre Konflikte wieder lösen, sich entfalten und zusammenfallen. Sein philosophisches System ist historisch und stellt den Menschen und sein „Tun und Treiben“ (Phänomenologie des Geistes) in den Mittelpunkt. In einem Satz war für Hegel: „Alles was entsteht, wert das es zu Grunde geht.“ Dies bedeutete eine Revolution in der Philosophie und eine Kriegserklärung an alle Philosophien der Vergangenheit, die stets damit beschäftigt waren ewig gültige Gesetze zu postulieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ausgehend von diesem Punkt entwickelten schließlich Karl Marx und Friedrich Engels in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die materialistische Geschichtsauffassung.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Geschichte wird gemacht</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Dafür mussten sie allerdings zuerst Hegels große Schwäche überwinden: seinen Idealismus. Trotz seiner meisterhaften Beherrschung der Dialektik sah er in den realen Entwicklungen der Welt stets die Widerspiegelung einer mystischen absoluten Idee. Dies führte ihn selbst in eine Sackgasse. Hegel war (zumindest am Ende seines Lebens) selbst konservativ. Seine rechten Anhänger gingen sogar noch weiter – für sie repräsentierte der preußische Staatsapparat den höchsten Punkt aller sozialer Entwicklung. Der dialektische Idealismus verkehrte sich so selbst in sein Gegenteil und verknöcherte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie Alan Woods bemerkt: „Es bedurfte eines Genies wie Marx, um den rationalen Kern, der sich zwischen den Seiten der Hegelschen Logik verbarg, zu entdecken und auf die reale, materielle Welt anzuwenden.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Engels stellte den Fortschritt, den er und Marx gegenüber der bisherigen Philosophie machten, 1886 (drei Jahre nach Marx‘ Tod) wie folgt dar: „Wir faßten die Begriffe unsres Kopfs […] materialistisch als die Abbilder der wirklichen Dinge, statt die wirklichen Dinge als Abbilder dieser oder jener Stufe des absoluten Begriffs. Damit reduzierte sich die Dialektik auf die Wissenschaft von den allgemeinen Gesetzen der Bewegung, sowohl der äußern Welt wie des menschlichen Denkens […] Damit aber wurde die Begriffsdialektik selbst nur der bewußte Reflex der dialektischen Bewegung der wirklichen Welt, und damit wurde die Hegelsche Dialektik auf den Kopf, oder vielmehr vom Kopf, auf dem sie stand, wieder auf die Füße gestellt.“[3]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Damit war den alten metaphysischen Spekulationen über die „Natur des Menschen“, über das Verhältnis von Geist und Materie usw. jede Daseinsberechtigung entzogen, indem die Grundlage dafür gelegt wurde, dass diese Fragen mit der Methode des dialektischen Materialismus in der wissenschaftlichen Forschung aufgelöst werden konnten. Das Bewusstsein, der menschliche Geist, ist eine besondere Existenzform der Materie und als solche objektiv begreifbar und untersuchbar. Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein. Und wie Engels in seinem Vorwort zum „Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ festhielt, ist „das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte: die Produktion und Reproduktion des unmittelbaren Lebens.“[4]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Marx und Engels sahen, dass die Ökonomie, die Philosophie, die Politik einer gegebenen Gesellschaftsform miteinander zusammenhängen, Facetten, Hegel sagte „Momente“, eines Ganzen sind; sie erforschten, wie sie in Konflikt miteinander geraten und wie diese Konflikte sich lösen, sie stellten dar, wie sich daraus eine zusammenhängende Menschheitsgeschichte ergibt und stellten fest, dass die Entwicklung der Produktivkräfte der wesentliche, grundlegende, treibende Faktor in der Entwicklung der Gesellschaft ist. „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“, sagten Marx und Engels, und damit lieferten sie auf die uralte philosophische Frage nach dem Verhältnis von Materie und Bewusstsein erstmals eine wissenschaftliche, praktische, auf die Erforschung der realen Welt gestützte Antwort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber das Verdienst von Marx und Engels ist noch größer. Indem sie den Zusammenhang von philosophischer Theorie und realer geschichtlicher Entwicklung aufgezeigt hatten, konnte sie ihrer eigenen Theorie eine politische Funktion in der Menschheitsgeschichte zuweisen. „Indem sie den rationalen Kern der Hegelschen Philosophie aus seiner idealistischen Hülle befreiten, verwandelten Marx und Engels die Dialektik in eine mächtige Waffe der revolutionären Aktion.“ Denn eines der wichtigsten Argumente der Herrschenden aller historischen Perioden ist die vermeintliche Alternativlosigkeit ihrer Herrschaft, dass die Ausgebeuteten ihr Los akzeptieren müssen, dass sich nie etwas ändert, dass die „menschlichen Natur“ immer gleichbleiben wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch Marx und Engels konnten mithilfe des dialektischen Materialismus zum ersten Mal beweisen, dass sich auch in der menschlichen Gesellschaft die Dinge verändern und auf welche Weise sie das tun. Sie konnten konkret geschichtlich nachweisen, dass sich die gesellschaftlichen Widersprüche in den Klassengesellschaften aufstauen und sich notwendigerweise in Klassenkämpfen und Revolutionen entladen, die, wenn sie erfolgreich sind, mit dem Sturz der alten Ausbeuterklasse und der Machtübernahme einer historisch fortschrittlichen Klasse enden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Marx und Engels konnten wissenschaftlich enthüllen, was die historische Mission der Arbeiterklasse ist und wie diese sie erfüllen kann, „dass der Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führt“ und diese selbst nur „den Übergang zur Aufhebung aller Klassen und zu einer klassenlosen Gesellschaft bildet“[5]. Das war die Geburtsstunde des wissenschaftlichen Sozialismus und der Endpunkt der klassischen Philosophie. Denn indem sie durch die materialistische Geschichtsauffassung der Wissenschaft zum Durchbruch auf den letzten Gebieten verholfen haben, das bis dahin noch der Philosophie vorenthalten waren, konnten sie damit abschließen, die Welt „nur“ zu interpretieren, denn „es kommt darauf an, sie zu verändern.“[6]</p>



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<p class="wp-block-paragraph">[1] Friedrich Engels: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, in: MEW 19, S. 207.<br>[2] Friedrich Engels: Anti-Dühring, in: MEW 20, S. 20.<br>[3] Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, in: MEW 21, 292f.<br>[4] Friedrich Engels, Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats, in: MEW 21, S. 27.<br>[5] Marx an Joseph Weydemeyer vom 5. März 1852, in: MEW 28, S. 508.<br>[6] Karl Marx: Thesen über Feuerbach, in: MEW 3, S. 5</p>
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		<title>Marxismus versus Postmodernismus: Versteckspiel mit der Wahrheit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Daniel Morley und Hamid Alizadeh]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 07 Apr 2022 12:17:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Dialektischer Materialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Postmodernismus]]></category>
		<category><![CDATA[Warum sind klassenfremde Ideen wie Identitätspolitik oder Rassismus so schädlich?]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der Postmodernismus ist eine absichtlich vage gehaltene philosophische Denkschule, die in der Nachkriegszeit prominent wurde. Zur Zeit ihrer Entstehung ein Randphänomen, entwickelte sie sich seither zur dominanten Denkschule bürgerlicher Philosophie [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">Der Postmodernismus ist eine absichtlich vage gehaltene philosophische Denkschule, die in der Nachkriegszeit prominent wurde. Zur Zeit ihrer Entstehung ein Randphänomen, entwickelte sie sich seither zur dominanten Denkschule bürgerlicher Philosophie und prägt heute den Mainstream der akademischen Welt.</p>



<figure class="wp-block-image size-full"><img decoding="async" width="700" height="367" src="https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/04/postmoderne.jpg" alt="" class="wp-image-1731" srcset="https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/04/postmoderne.jpg 700w, https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/04/postmoderne-300x157.jpg 300w" sizes="(max-width: 700px) 100vw, 700px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Wir veröffentlichen hier Teil I einer Artikelreihe, die unterschiedliche Aspekte des Postmodernismus aus einer marxistischen Perspektive beleuchtet. Der Artikel ist Teil der ersten Ausgabe des Theoriemagazins <em>In Verteidigung des Marxismus</em>, das alle drei Monate erscheint. Hier kannst du dir <a href="https://shop.derfunke.de/theoriemagazin/127-in-verteidigung-des-marxismus-nr-1.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">die Ausgabe</a>&nbsp;bestellen oder&nbsp;<a href="https://shop.derfunke.de/17-theoriemagazin" target="_blank" rel="noreferrer noopener">ein Abo</a> abschließen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Geschichte der Philosophie kennt eine breite Palette von Denkschulen, Untergruppierungen und Strömungen, die ein vielfältiges Spektrum von Weltanschauungen und Grundsätzen umfassen. Doch inmitten dieser Unzahl an philosophischen Richtungen – einige rational und materialistisch, andere idealistisch und völlig mystisch – existierte zumindest der Grundkonsens, dass der Maßstab für gute Theorie Konsistenz, Genauigkeit und viel Liebe zum Detail ist. Was auch immer die jeweilige Philosophie formulierte, letztendlich war es ein Ringen um die Wahrheit. Selbst die reaktionärsten Philosophen stellten sich auf diesen Standpunkt. Personen wie Augustinus von Hippo, dessen Theorie der göttlichen Erleuchtung das ideologische Rückgrat für die Reaktion des finsteren Mittelalters bildete, versuchten ihre Argumente zumindest schlüssig und vernünftig darzustellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie sich die Zeiten verändert haben: In der Periode des kapitalistischen Verfalls wird auch die Philosophie von einem Niedergangsprozess erfasst. Der Postmodernismus ist der klarste Ausdruck für diese Entwicklung. Seit einem guten halben Jahrhundert verbreitet sich diese Denkschule über die ganze Welt, springt von einem Land ins andere und mutiert dabei ständig in neue und immer absonderlichere Varianten. So entstand ein Komplex von Teildisziplinen und Strömungen wie der Postkolonialismus, die Queer-Theory, verschiedene Spielarten des Feminismus und viele mehr, die in offener oder versteckter Form in den heutigen Sozialwissenschaften sowie in der akademischen Welt im Allgemeinen vorherrschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die postmoderne Philosophie begegnet den ausgezeichnetsten Denker der Geschichte mit Verachtung und entledigt sich ihrer rüde. Die Vernunft wird unter Generalverdacht gestellt, während gleichzeitig Irrationalität und Unverständlichkeit zum Prinzip erhoben werden. Aufrichtigkeit in der Theorie und das Streben nach der Wahrheit werden in endlosen Vorbehalten, Mehrdeutigkeiten und unverständlicher Sprache ertränkt. Folgende Passage von Lyotard bietet ein Musterbeispiel für diesen Trend:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Viel wichtiger als der politische Linksradikalismus, viel enger mit einer Politik der Intensitäten verbunden: eine ungeheure unterirdische Bewegung, noch zögernd, eher noch eine Unruhe. Sie entzieht dem Wertgesetz die Affekte. Bremsen der Produktion, Konsumverweigerung, ‚Arbeits‘-verweigerungen, (illusorische?) Kommunen, Happenings, Bewegungen zur sexuellen Befreiung, Fabrik- und Hausbesetzungen, Entführungen, Produktion von Tönen, Worten, Farben ohne ‚Werkintentionen‘. Das sind die ‚Menschen der Steigerung‘, die ‚Herren‘ von heute: Außenseiter, experimentierende Maler, Popkünstler, Hippies und Yippies, Parasiten, Verrückte, Eingesperrte. Eine Stunde ihres Lebens enthält mehr an Intensität (und weniger an Intention) als tausend Worte eines Berufsphilosophen.”[1]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir wissen nicht, ob eine Stunde im Leben von Außenseitern, experimentierenden Malern, Popkünstlern, Hippies und Yippies, Parasiten, Verrückten oder Eingesperrten mehr Intensität bzw. Tiefgang bieten kann, als die Wörter eines nicht näher bestimmten „Berufsphilosophen“. Doch durch diesen auch nur sehr kurzen Textauszug wird glasklar, dass nur fünf Minuten aus dem Leben irgendeines Menschen weitaus mehr wert sind als 300.000 Wörter dieses speziellen Philosophen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ohne nur mit der Wimper zu zucken, stellen postmoderne Philosophen die lächerlichsten und absurdesten Behauptungen und Thesen auf. Jean Baudrillard sagt beispielsweise, dass die Realität und mit ihr jeglicher Sinn nun einfach verschwunden wäre. Um seine Aussage zu veranschaulichen, paraphrasiert (und überspitzt) er die Worte von Elias Canetti mit offensichtlicher Zustimmung:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Jenseits eines bestimmten Zeitpunkts ist die Geschichte nicht mehr real. Ohne es zu merken, ließ die gesamte Menschheit plötzlich die Realität hinter sich. Nichts, was seither geschehen ist, ist wahr, aber wir sind nicht in der Lage, es zu erkennen. Unsere Aufgabe und Pflicht ist es nun, diesen Punkt zu entdecken, oder wir sind, solange wir ihn nicht fassen, dazu verdammt, unseren gegenwärtigen zerstörerischen Kurs fortzusetzen.“[2]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Leser fühlt sich möglichweise im Recht zu fragen: Was soll das heißen? Doch diese Frage wurde im Vorhinein bereits beantwortet. Da die Realität sich jetzt aufgelöst hat und mit ihr jeglicher tiefer Sinn, so ist es generell sinnlos, nach irgendeiner Bedeutung zu fragen. Diese Methode hat den unzweifelhaften Vorteil, jede unbequeme Frage im Vorhinein auszuschließen. Sie lässt jede mögliche Kritik verstummen und löst konsequent angewandt die Grundlage für rationales Denken im Allgemeinen auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Argumentationslinie, die uns als etwas fabelhaft Neues aufgetischt wird, ist – wie jeder andere Aspekt des Postmodernismus – weder neu noch originell. Es ist lediglich ein Wiederkäuen der alten Argumente von Tertullian aus dem dritten Jahrhundert, der die Absurditäten des christlichen Dogmas mit der Aussage rechtfertigte: „Credo quia absurdum est – „Ich glaube, weil es der Vernunft zuwiderläuft.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Wirklichkeit führt uns dieser Hang zum Widersinn direkt zum Kerngedanken des Postmodernismus, welcher jegliches rationale Denken ablehnt. Gilles Deleuze und Félix Guattari, die oft als „linker Flügel“ des Postmodernismus dargestellt werden, heben diese Absurditäten auf ein völlig neues Level:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„&#8230;das menschliche Wesen der Natur und das natürliche Wesen des Menschen werden in der Natur als Produktion oder Industrie, das heißt gleichermaßen im Gattungsleben der Menschen, identisch. Die Industrie wird in diesem Falle nicht mehr unter einem äußerlichen Verhältnis der Nützlichkeit begriffen, vielmehr in ihrer fundamentalen Identität mit der Natur als Produktion des Menschen und durch den Menschen. Nun aber nicht der Mensch als Krone der Schöpfung, sondern eher jener von allen Formen und Ausprägungen des Lebens ergriffene Mensch, <strong>dem selbst Sterne und Tiere zur Bürde aufgegeben sind und der nie aufhören wird, eine Organmaschine an eine Energiemaschine anzuschließen, oder einen Baum in seinen Körper, eine Brust in den Mund, die Sonne in den Hintern einzuführen, ewiger Verwalter der Maschinen des Universums.</strong> Darin besteht die zweite Bedeutung des Prozesses; Mensch und Natur stehen sich nicht wie zwei distinkte Begriffe gegenüber&#8230;“ [3]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Michel Foucault, einem engen Freund von Deleuze und Guattari, gingen in seinem überschwänglichen Lob dieses Schwachsinns die Pferde durch. Sein Kommentar lautet:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„…ein Licht, das einmal den Namen Deleuze tragen wird. Ein neues Denken ist möglich geworden; es ist überhaupt wieder möglich zu denken.” [4]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier haben wir es! Anscheinend war es völlig unmöglich zu denken, bis Monsieur Deleuze die Flamme der Weisheit entzündete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die gesamte postmoderne Literatur ist reichlich mit dieser pompösen, selbstgefälligen, grobschlächtigen Rhetorik durchzogen, was nichts als ein Feigenblatt für ihre schlecht durchdachten Theorien ist. Diese Lobpreisung aber schlägt dem Fass den Boden aus: Nach der Lektüre der obigen Zeile, kann die gesamte Menschheit erleichtert aufatmen. <em>Wir können alle endlich anfangen zu denken.<br><br></em>Hier stellt sich nun die Frage: Über was genau sollen wir nachdenken?</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Das Undefinierbare definieren</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Philosophie, die einen solch großen Anspruch an sich selbst stellt, ist es mit Sicherheit wert, beachtet zu werden. Wir üben uns deshalb in Geduld und scheuen keine Mühen, alles zu erfassen, was sich an Bedeutung in ihr finden lässt. Was genau ist Postmodernismus, was verbirgt sich hinter diesem Begriff? Hier stoßen wir sofort auf das erste Problem: den Selbstanspruch des Postmodernismus, dass er undefinierbar sei. Es handelt sich beim Postmodernismus um eine Idee, welche per Definition Definitionen ablehnt – so weit, so unklar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Begriff „Postmoderne“ wurde erstmals 1979 von Jean-François Lyotard geprägt. In seinen eigenen Worten – und zwar „bei extremer Vereinfachung“ – definierte er ihn als die „Skepsis gegenüber Metaerzählungen“[5].</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Oxford English Dictionary definiert „Metaerzählung“ folgendermaßen:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ein umfassendes Verständnis oder eine Interpretation von Ereignissen und Umständen, eine Vorlage oder Struktur für die Überzeugungen von Menschen zur Verfügung stellen und ihren Erlebnissen Bedeutung verleihen.”</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber Moment mal! Ist Lyotards eigene Definition nicht auch … <em>eine Metaerzählung</em>? Gewiss – so ist es! Wenn er uns informiert, dass wir unbedingt vermeiden müssen, in gewissen Weisen zu denken, mit denen er sich nicht einverstanden erklärt, bietet er uns dann etwa nicht eine allgemeine Theorie bzw. „ein umfassendes Verständnis oder eine Interpretation von Ereignissen und Umständen“? Und wenn er uns erzählt, dass gewisse Ideen vermieden werden müssen, bietet er uns nicht auch „eine Vorlage oder Struktur für die Überzeugungen von Menschen“, die „ihren Erlebnissen Bedeutung verleihen“?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Beide Fragen sind eindeutig zu bejahen. Daher steht Jean-François Lyotard von vornherein unter der Anklage des absurden Selbstwiderspruchs oder des himmelschreienden Betrugs. Wir haben es entweder mit einem Tölpel oder einem Gauner zu tun; oder möglicherweise mit beidem. Es ist schwer, sich hier festzulegen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einer Sache können wir leicht zustimmen. Es stimmt, dass im kapitalistischen System der Epoche seines Niedergangs kein ernsthafter Fortschritt für die Menschheit möglich ist. Aber können wir daraus schließen, dass Fortschritt im Allgemeinen nicht existiert oder die Geschichte keine Phasen kannte, in denen riesige Schritte nach vorne gemacht wurden? Nein, dies steht uns nicht zu. Alle, die die Geschichte studieren, werden sofort entdecken, dass die menschliche Gesellschaft Phasen des großen Fortschritts kennt, gekennzeichnet durch eine rasante Entwicklung der Produktivkräfte, der Wissenschaft und Technologie sowie dem Aufblühen von Kunst und Kultur.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>„Kein Fortschritt“?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Postmodernisten sind ebenfalls dafür bekannt, die Auffassung des Fortschritts in der Geschichte abzulehnen. Sie behaupten, die Entwicklung der Wissenschaft und der Philosophie kenne keinen Fortschritt, es gäbe schlichtweg nur unterschiedliche Arten, die Welt zu interpretieren. Außerdem handele es sich um eine Welt, die nicht einmal unseren Interpretationen von ihr entspricht. Und doch präsentiert der Postmodernismus seine Denkschule als die Einzige, die diese Situation erklären könne. Wenn wir diesen Standpunkt akzeptieren, ist jeder Gedanke so gut wie der nächste, unabhängig davon, ob er dem Verstand eines steinzeitlichen Schamanen, eines Aristoteles, eines Einsteins oder eines Marx entspringt. Zu keinem Zeitpunkt konnte das menschliche Verständnis der Natur und der Gesellschaft einen einzigen Schritt voranschreiten – tatsächlich gibt es für die postmodernen Philosophen gar kein „vorwärts“. Nichts ist progressiv, abgesehen natürlich vom Postmodernismus selbst, welcher spät aber triumphierend auf die Bühne tritt, um die uralte Schande des Fortschrittsglaubens aufzudecken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Geschichte kennt auch andere Epochen der Stagnation, der Degeneration, des Verfalls und sogar des Rückfalls in die Barbarei. Der Untergang des Römischen Reiches war der Beginn von hunderten Jahren der Rückwärtsentwicklung in Europa, die berechtigterweise als „dunkles Zeitalter“ bezeichnet werden. Die Renaissance (15. und 16. Jahrhundert) war ein Wendepunkt der Entwicklung der Kultur in jedem Bereich. Kunst, Wissenschaft, Literatur: Alles erfuhr eine beeindruckende Wiedergeburt (die eigentliche Bedeutung des Wortes „Renaissance“). Das war das Zeitalter des Aufstiegs der Bourgeoisie, der Trägerin einer neuen, höheren Entwicklungsstufe der menschlichen Gesellschaft. Sie leitete ein Zeitalter der Entdeckungen ein und erlöste dabei die Menschheit aus den Ketten des Feudalismus, mitsamt der irrationalen Obskurität der Kirche und dem Feuer der Inquisition.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im weiteren Verlauf schuf die revolutionäre Bourgeoisie in Frankreich die Aufklärung, die die Postmoderne mit besonderer Abscheu betrachtet, gerade weil sie für rationales Denken und für Wissenschaftlichkeit steht. Wie schon der Name impliziert, glaubt der Postmodernismus, dass die sogenannte Moderne am Ende ist. Die Moderne bezeichnet in der Philosophie das Set der Ideen, die aus der Aufklärung hervorgegangen sind. Dies war die heroische Epoche des Kapitalismus, als die Bourgeoisie noch in der Lage war, eine fortschrittliche Rolle zu spielen. Doch die aktuelle Epoche zeichnet ein Bild des sozialen, ökonomischen, politischen und ideologischen Zerfalls. Der menschliche Fortschritt ist in der Tat zum Stillstand gekommen. Die tiefste Krise seit 300 Jahren lähmt die Produktivkräfte. Die kulturelle Entwicklung steht still und die Errungenschaften der Wissenschaft, weit davon entfernt, die Menschheit zu befreien, drohen sich in Massenarbeitslosigkeit und Umweltkatastrophe zu verwerten. Die kapitalistische Klasse wurde zu einem Hindernis für den Fortschritt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf Basis des aktuellen Systems ist die Aussicht für die Menschheit in der Tat düster. Doch statt den Schluss zu ziehen, dass das kapitalistische Gesellschaftssystem dem Fortschritt den Weg versperrt, folgern die Postmodernisten, dass Fortschritt an sich ausgeschlossen sei, weil er nie existiert habe. Die herrschende Klasse und ihre Mittelschichts-Groupies an den Universitäten sind von einem Geist des Pessimismus durchdrungen. Sie beklagen sich über den schrecklichen Zustand der Gesellschaft. Doch indem sie Wissenschaft, rationales Denken und Fortschritt im Allgemeinen ablehnen, spiegeln sie selbst nur die Weltanschauung einer degenerierten und heruntergekommenen herrschenden Klasse wider.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Unehrlichkeit</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Pionier der deutschen Arbeiterbewegung, Josef Dietzgen, sagte einmal, dass die offizielle Philosophie keine Wissenschaft sei, sondern „ein Schutzschirm gegen die Sozialdemokratie“, wobei Dietzgen mit der Sozialdemokratie die revolutionäre Bewegung der Arbeiterklasse meinte. Die Aufgabe der herrschenden Ideen ist gerade die Verschleierung der Kluft zwischen den Interessen der Massen und dem Status-quo des Kapitalismus. Dies ist die Grundlage für die Kniffe, Täuschungen und die extreme Verlogenheit, die die bürgerliche Philosophie im Allgemeinen und den Postmodernismus im Besonderen auszeichnen. Einer dieser Kniffe ist das ständige Runterrasseln von widersprüchlichen Aussagen, um die eigenen Spuren zu verwischen. In einem Interview von 1977, veröffentlicht unter dem Titel „Prison Talk“, wurde Foucault mit einer unangenehm direkten Frage zu seiner Ablehnung des „Fortschrittsbegriffs“ konfrontiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier ein Auszug:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ich bin auf einen Satz in ‚Wahnsinn und Gesellschaft‘ gestoßen in dem Sie sagen, dass wir ‚historische Chronologien und sukzessive Ordnungen von allen Formen der progressistischen Perspektive befreien‘ müssen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Foucault darauf:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Das ist etwas, was ich den Wissenschaftshistorikern verdanke. Ich mache mir die methodische Vorsicht und den radikalen, aber nicht aggressiven Skeptizismus zu eigen, der es sich zum Prinzip macht, den Zeitpunkt, an dem wir jetzt stehen, nicht als Resultat eines teleologischen Vorwärtsschreitens zu betrachten, das es historisch zu rekonstruieren gälte: jene Skepsis gegenüber uns selbst und dem, was wir sind, unserem Hier und Jetzt, die verhindert, dass man annimmt, das, was wir haben, sei besser als – oder mehr als – in der Vergangenheit. Das heißt nicht, dass man nicht versuchen soll, generative Prozesse zu rekonstruieren, sondern dass man dies tun muss, ohne ihnen eine Positivität oder eine Aufwertung aufzuerlegen.“[6]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn wir uns die Mühe machen, in die obskure Welt der foucaultschen Sprache einzudringen, sehen wir, dass seine Ablehnung der interpretativen „Aufwertung“ des „generativen Prozesses“ der Geschichte nichts anderes als die Ablehnung des Fortschritts ist. In einem Akt zynischer Täuschung führt er den Begriff „teleologisch“ ein, um die Sache verworrener zu machen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jeder mit dem geringsten philosophischen Wissen weiß, dass Teleologie ein Begriff ist, der die „Vorherbestimmung“ bezeichnet. Diese religiös konnotierte Idee ist himmelweit von der marxschen Entdeckung entfernt, dass Geschichte von bestimmten Gesetzmäßigkeiten beherrscht wird, die unabhängig vom subjektiven Willen der individuellen Menschen wirken. Beiden gegenüber steht die foucaultsche Vorstellung, dass die menschliche Geschichte eine reine Aneinanderreihung von bedeutungslosen Zufällen ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Interviewer, der sich nicht so einfach von der Fährte abbringen lässt, stellte darauf die logische Folgefrage:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Auch wenn die Wissenschaft seit langer Zeit den Grundsatz teilt, dass der Mensch sich weiterentwickelt?“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Foucault erwidert:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Es ist nicht die Wissenschaft, die das sagt, sondern die Geschichte der Wissenschaft. Und ich sage nicht, dass die Menschheit keinen Fortschritt macht. Ich sage, es ist eine schlechte Methode das Problem so darzustellen: ‚Wie kommt es, dass wir Fortschritte gemacht haben?‘ Das Problem ist: Wie geschehen die Dinge? Und was jetzt passiert, ist nicht unbedingt besser oder fortschrittlicher oder besser verstanden als das, was in der Vergangenheit passiert ist.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein klassischer Fall von gleichzeitig überall sein wollen. Während er den Fortschritt in der Geschichte klar leugnet (zumindest so klar, wie es ihm seine eigenartige Sprache erlaubt) erklärt er im darauffolgenden gelassen das Gegenteil: Er würde gar nicht sagen, dass „die Menschheit keinen Fortschritt macht“. Doch im nächsten Atemzug fügt er hinzu „was jetzt passiert, ist nicht unbedingt besser oder fortschrittlicher oder besser verstanden als das, was in der Vergangenheit passiert ist“. Also gab es tatsächlich keinen Fortschritt. Ist das deutlich genug?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dies ist ein gutes Beispiel, wie sich diese Damen und Herren drehen und wenden, mit Wörtern spielen, um ihre Bedeutung zu verdunkeln, so wie ein Tintenfisch zur Verwirrung seiner Fressfeinde eine Tintenwolke absondert. Wenn also jemals irgendjemand Foucault kritisiert, den Fortschritt in der Geschichte zu verneinen – was der Kern seines Werks ist – könnte er dies jederzeit zurückweisen und sagen „Oh nein, einmal habe ich doch gesagt, dass ich nicht sage, dass die Menschheit nicht voranschreite.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Intellektuelle Verlogenheit und Feigheit ist ein essentieller Bestandteil des Postmodernismus. Er vollzieht eine ganze Menge an Manövern, um die Leser zu verwirren und irritieren, um sie von seinem tatsächlichen reaktionären Charakter abzulenken. Beeindruckend sind die schamlose Arroganz und Kühnheit, mit der diese Irreführung vorgetragen wird.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Sprachspiele</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">„Manchmal denke ich bereits vor dem Frühstück an sechs unmögliche Dinge.“ (Lewis Carrol, Alice im Wunderland)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Postmodernismus beruht auf der Grundannahme, dass Konzepte, Ideen und selbst die Sprache subjektive und beliebige „Konstrukte“ sind. Somit sind auch alle konzeptionellen Gedanken, inklusive der Wissenschaft, unterdrückerisch. Es kann keine objektive Wahrheit geben. Nichts ist wahr oder kann als sicheres Kriterium gelten. Die einzige Wahrheit liegt in der individuellen Erfahrung, der „gelebten Erfahrung“, und dies kann immer nur eine persönliche Wahrheit sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht zufrieden damit, jeden rationalen Gedanken und „Metanarrative“ zu verwerfen, gehen manche Postmodernisten so weit, die Idee zu vertreten, dass, da die Sprache ein unterdrückerisches Konstrukt sei, auch die Grammatik als unterdrückerisches, der menschlichen Freiheit abträgliches Konstrukt abzuschaffen sei. Wenn wir einmal frei von den fesselnden Ketten der Grammatik und Syntax sind, können wir in den Himmel der absoluten Freiheit aufsteigen, wo wir in einer völlig neuen Art, jeder für sich allein, aber untereinander unverständlich, reden können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch die Sprache ist kein Konstrukt. Sie wurde von niemandem erfunden. Sie entwickelte sich über einen langen Zeitraum von hunderttausenden Jahren, als Folge der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft. Dies trifft auch auf die Gesetze des Denkens zu, die die Postmodernisten gerne zerstört wünschen. Doch durch was sollen sie ersetzt werden? Uns können die Regeln der Grammatik und der Syntax zusagen oder missfallen, egal ob es sich dabei um die Grammatik einer Hochsprache handelt oder um eine nicht-kanonisierte Grammatik eines Dialektes. Doch ohne diese Regeln wird die Sprache komplett unverständlich oder mindestens hochgradig inkohärent. Die Philosophen der Postmoderne haben aber natürlich auch für diese Schachtel einen passenden Deckel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf den Vorwurf ihrer eigenen Unverständlichkeit antwortend, prangerte Judith Butler, eine Säulenheilige der Postmoderne, das „Erlernen der Regeln, die verständliches Sprechen regulieren“[7] an. Gemäß Butler ist das Lernen solcher Regeln „eine Einimpfung normalisierter Sprache, wobei der Preis der Nicht-Anpassung der Verlust der Verständlichkeit an sich ist&#8220;[8]. Sie fährt fort:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Es ist nichts Radikales am gesunden Menschenverstand. Es wäre ein Fehler zu denken, dass die allgemein akzeptierte Grammatik das beste Vehikel ist, um radikale Ansichten auszudrücken, angesichts des Zwanges, die die Grammatik dem Denken, ja dem Denkbaren an sich auferlegt.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">So, jetzt wissen es alle! Der „gesunde Menschenverstand“ ist nicht radikal, der Unsinn aber schon. Gestärkt und gerüstet macht Butler sich auf den Weg, um ihre eigene Grammatik zu erobern, eine, die sich nicht ihren Gedanken „aufzwingt“. Nach dieser Eroberung bestreitet sie allerhand weitere Abenteuer, denkt an Dinge, die für jene von uns, die in der Sprache der Normalsterblichen gefangen sind, vollständig „undenkbar“ sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frage ist nur, wie sie diese undenkbaren Gedanken mit Normalsterblichen kommunizieren kann, welche nach wie vor an die Einschränkungen der „verständlichen Sprache“ gebunden sind, die nicht die geringste Ahnung haben, von was sie eigentlich redet? Butlers Methode ist reine Sophistik. In anderen Worten, sie ist ein Täuschungsmanöver: „Meine Ideen sind nicht schlecht und unverständlich; du bist nur nicht fortgeschritten genug, um sie zu verstehen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dies gesagt habend, wäre es übertrieben zu behaupten, dass postmoderne Texte völlig unbegreifbar sind. Der Zweck ihrer verworrenen Rhetorik ist ihre alten, albernen und reaktionären Ideen originell, ausgefeilt und sogar radikal erscheinen zu lassen. Es verlangt ein wenig Aufwand, dies offenzulegen, doch es existiert definitiv ein durchgängiges Motiv hinter der rhetorischen Fassade. Wenn ihre Ideen erst mal aus ihrer „Fachsprache“ in die Sprache von Normalsterblichen übersetzt wurden, sind sie nicht so schwierig zu erfassen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Es gibt nichts außerhalb des Textes</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Von Jacques Derrida, einem der einflussreichsten Postmodernisten, stammt der berühmte Ausspruch: „Ein Text-Äußeres gibt es nicht.“[9] Damit meint er, dass Bedeutung – und damit Erkenntnis – sich nicht auf die Wirklichkeit, sondern nur auf sich selbst bezieht. Die Wörter, die wir verwenden, sind in keiner Weise mit den Dingen verbunden, die wir bezeichnen wollen. Nach Derrida ist vielmehr jedes einzelne Wort nur durch sein Verhältnis zu anderen Wörtern definiert. Um irgendetwas verstehen zu können, müssen wir also zuerst alle Wörter erfassen, die unseren Wörtern Bedeutung geben, und dann all die Wörter, die jenen Wörtern Bedeutung geben und so weiter und so fort. Das ist natürlich unmöglich und deshalb wird das flüchtige Ding, das man „Bedeutung“ nennt, so sagt man uns, immer weiter „verschleppt“ und nie ganz erfassbar sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tatsächlich kann die Bedeutung der Sprache Derridas niemals wirklich begriffen werden, aber das ist ein anderes Thema. Auf was Derrida abzielt, ist die Erschütterung der Vorstellung, dass die objektive Realität an sich erfassbar sei. Anders ausgedrückt, in letzter Instanz gäbe es gar keine Realität „außerhalb des Textes“. Wir haben möglicherweise ein Wort für Hund oder Katze, aber wenn es nach Derrida geht, sind diese Begriffe lediglich abstrakte und subjektive Schöpfungen des menschlichen Verstandes und haben keine Verbindung zu irgendeiner echten Katze oder einem Hund.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotz dieser „tiefen“ Beobachtung haben Menschen über tausende Jahre nie aufgehört die Sprache zu nutzen, unbekümmert jener höheren Wahrheit, die ihnen sagt, dass ein Hund nicht wirklich ein Hund sei und eine Katze nicht wirklich eine Katze und generell die Sprache nicht fähig sei, überhaupt irgendetwas Verständliches zu formulieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weit von einer allseitigen Sichtweise entfernt, wie es Derrida behaupten würde, zeigt seine Philosophie vielmehr ein sehr einseitiges Verständnis von Erkenntnis. Wenn unsere Vorstellungen keine objektive Wahrheit widerspiegeln und wenn „Sinn“ von den Menschen nach Lust und Laune erzeugt und „dekonstruiert“ werden kann, wie können Menschen, sei es durch Texte oder durch andere Mittel, kommunizieren? Wieso müht sich Derrida mit dem Schreiben von Texten ab, wenn es keine objektive oder gemeinsame Basis für Sprache gibt? Und wie können wir überhaupt feststellen, dass wir alle die gleiche Realität erleben? Sofern eine solche überhaupt existiert, ist sie doch für uns alle unerfassbar?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Derartige Widersprüchlichkeiten scheinen Derrida nicht zu stören. Wie alle gefestigten postmodernen Denker empfindet Derrida Inkonsistenz als Ehrenauszeichnung. Sein bekanntester Begriff, jener der „Dekonstruktion“, bedeutet – wenn überhaupt irgendetwas – nur, dass die „Freiheit“ darin besteht, die Konsistenz und Kohärenz von Ideen zu zerstören. So kann jedes Individuum seine eigene Realität konstruieren und „dekonstruieren“. In der Tat argumentiert dies auch Judith Butler, die einflussreichste postmoderne Feministin:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Die Unbestreitbarkeit des ‚biologischen Geschlechts‘ oder seiner ‚Materialität‘ ‚einzuräumen‘ heißt stets, daß man irgendeine Version des ‚biologischen Geschlechts‘, irgendeine Ausformung von ‚Materialität‘ anerkennt. Ist nicht der Diskurs, in dem und durch den dieses Zugeständnis erfolgt – und zu diesem Zugeständnis kommt es ja unweigerlich – selbst formierend für genau das Phänomen, das er einräumt? […] Auf ein solches außer-diskursives Objekt naiv oder direkt ‚zu referieren‘, wird sogar immer die vorausgegangene Abgrenzung des Außer-Diskursiven erfordern.“[10]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der „Diskurs“ ist „formierend für genau das Phänomen, das er einräumt“. Denken schafft also Realität. Die materielle Realität, sogar das biologische Geschlecht ist „diskursiv“ und kann selbstverständlich durch den Diskurs verändert werden. Wenn das biologische Geschlecht nur ein Produkt des „Diskurses“ ist, dann trifft dies auch auf dich, mich und alles andere zu. Aber ist es dann nicht auch einfach möglich, dass du meine eigene Realität konstruierst und dekonstruierst, und ich umgekehrt die deine? Butler sagt nichts dazu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Theorie ist weder modern noch postmodern, sondern ziemlich alt. Womit wir es hier zu tun haben, ist subjektiver Idealismus – eine philosophische Strömung, die auf die Frühzeit der Philosophie zurück geht. Das Grundprinzip des subjektiven Idealismus ist die Ablehnung einer unabhängig von den Gedanken und Sinneswahrnehmungen der Menschen existierenden, objektiven Realität.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Derridas Ansatz ist schlichtweg eine primitive Kopie Immanuel Kants, der im 18. Jahrhundert argumentierte, dass das menschliche Bewusstsein die materielle Wirklichkeit, oder wie er es nannte, das „Ding an sich“, nie wirklich erkennen könne. Laut Kant ist der Verstand „a priori“ (von vornherein, unabhängig von der Erfahrung und Wahrnehmung; Anm. d. Ü.) mit einer Reihe von Denkkategorien, wie Raum, Zeit, Substanz, etc., ausgestattet, die es uns ermöglichen die „Welt der Erscheinungen“ (Phänomene) sinnlich wahrzunehmen. Doch unser Verstand sei dabei nicht in der Lage, die materielle Wirklichkeit, so wie sie wirklich „an sich“ ist, verstehen zu können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Derrida greift jedoch vor Kant zurück, indem er für jegliche Konzepte nur Spott überhat. Alle verallgemeinerten Konzepte sieht er als Produkte des menschlichen Verstandes an, ohne dass diese in Verbindung zur objektiven Realität stünden. Diese Ideen setzen noch vor Kant an. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts brachte Bischof George Berkeley im Kampf gegen den Materialismus die gleichen absurden Argumente vor, wenngleich auf eine viel durchdachtere Weise:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Es besteht in der Tat eine auffallend verbreitete Meinung, dass Häuser, Berge, Flüsse, mit einem Wort, alle sinnlichen Objekte eine natürliche oder reale Existenz haben, die von ihrem Perzipiertwerden durch den Verstand verschieden ist.”[11]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt allerdings ein Problem bei dieser Theorie, das nicht so leicht vom Tisch gewischt werden kann. Dieses Argument führt nämlich logisch unausweichlich zum Solipsismus (aus dem lateinischen solo ipsus, dt.: nur ich selbst). Dies ist die Vorstellung, dass wir der Existenz von nichts und niemandem sicher sein können, außer jener unseres Denkens. Daher müssen wir uns darauf beschränken, nichts als Einzelhäftlinge unserer inneren Welten zu sein und alles andere ist eine Einbildung unserer Vorstellungskraft. Aber wenn dies so ist, so muss auch Gott nur eine Einbildung unseres Denkens sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Geht es nach dieser Vorstellung, kann nichts jemals objektiv sein, da niemandes Existenz bewiesen werden kann. Alles ist eine Schöpfung („Konstrukt“) des Denkens. Diese Vorstellung ist klarerweise durch tausende Jahre menschlicher Erfahrung und Praxis widerlegt. Auch mindestens zweieinhalb Jahrtausende Wissenschaftsgeschichte widerlegen diese Aussage. Doch dies bekümmert die Postmodernisten nicht, sie bestreiten sowieso jeglichen Fortschritt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bischof Berkeley war ein reaktionärer und entschiedener Verteidiger der Kirche. Sein erklärtes Ziel war es, den Kampf gegen die Wissenschaft, das rationale Denken, den Atheismus sowie den Materialismus der Aufklärung zu führen. In allen Punkten, außer einem (Atheismus), befinden sich die Postmodernisten in vollständiger Übereinstimmung mit ihm. Seine Argumentation richtete sich gegen den Empirismus, eine frühe, damals vorherrschende Erscheinungsform des Materialismus. Die Empiriker behaupteten, dass alle Erkenntnis in letzter Instanz aus den Sinneseindrücken kommt. Das stimmt, ist aber einseitig. Die Argumentation wurde vom schottischen Philosophen David Hume bis zur Absurdität überspitzt. Er vertrat den Standpunkt, dass wir nicht beweisen könnten, dass es mehr gibt, als unsere Sinneseindrücke.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn wir die Grundannahme der subjektiven Idealisten akzeptieren, existiert nur ein Ausweg aus dieser Absurdität: der Weg, den Bischof Berkeley vorschlägt. Namentlich, dass es Gott ist, der auf uns einwirkt, so dass unsere Ideen objektiv werden und in einem allgemeinen Bezugsrahmen eingebettet sind. Doch es gibt auch einen anderen Weg: jenen des Materialismus und der Wissenschaft. Zu der Prämisse, dass jegliche Erkenntnis über die Sinneserfahrung gewonnen wird, müssen wir eine weitere hinzufügen: dass eine objektive materielle Wirklichkeit unabhängig von unseren Ideen und Erfahrungen tatsächlich existiert und dass die Menschen in der Lage sind, diese Realität zu untersuchen und ihre Merkmale und inneren Bewegungsgesetze offenzulegen. Genau das lehnt der Postmodernismus jedoch ab.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Kann man die Wahrheit feststellen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine wahre Idee steht im Einklang mit der Realität. Das ist allgemein anerkannt. Ein kleines Kind könnte denken, dass es Spaß macht, mit dem Feuer zu spielen. Es wird schnell entdecken, dass dies keine richtige Annahme ist. Über einen schmerzhaften Lernprozess, durch praktisches Herumprobieren, wird das Kind jedoch mit der Zeit die Idee entwickeln, dass Feuer mit der richtigen Herangehensweise etwas sehr Nützliches sein kann und in gewissen Situation vielleicht sogar Spaß macht. Das Feuer wird von einem „Ding an sich“ zu einem „Ding für uns“. So verläuft der generelle Weg der menschlichen Entwicklung – von der Unwissenheit zur Erkenntnis.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Postmodernisten allerdings lehnen diesen Ansatz ab. Mehr noch, sie lehnen kategorisch ab, dass Ideen überhaupt richtig oder falsch sein können. Sie verspotten grundsätzliche Aussagen (wiewohl nicht alle, wie wir noch sehen werden), da dies implizieren würde, dass manche Aussagen richtiger wären als andere. Dementsprechend stopfen sie ihre Schriften mit vagen und im höchsten Maße zweideutigen Äußerungen voll, welche reich an bedingten Aussagen und langen, widersprüchlichen Erklärungen sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Foucault, der bedeutendste Denker der Postmoderne, findet es unmöglich, nach der objektiven Wahrheit zu streben. Wir könnten nicht auf einen Gedanken hoffen, dessen Inhalt nicht von Menschen abhinge. Der Wahrheitsgehalt einer Idee – das Wissen – soll ihm zufolge nicht von unserer Erfahrung der materiellen Wirklichkeit abgeleitet sein, sondern von dem, was er „Macht“ nennt. Macht in dem Sinn, den wir diesem Begriff für gewöhnlich geben, etwa die Staatsmacht oder die Macht einer Klasse über eine andere, ist damit nicht gemeint. „Macht“ im foucaultschen Sinn bezeichnet im Wesentlichen ganz allgmein Wissen. Das heißt, die „Macht“ schafft das Wissen und das Wissen schafft die „Macht“. Oder, um es anders auszudrücken, Wissen erzeugt Wissen. Das ist eine reine Tautologie, die genau nichts erklärt. Im Wesentlichen ist es das gleiche Prinzip, welches Derrida aufstellt. Nämlich dass Ideen und allgemeine Konzepte nicht die objektive Realität widerspiegeln, sondern nur andere Ideen und Konzepte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Foucault argumentiert weiter, dass Wahrheit nichts ist, was wir durch Austesten von Ideen in der realen Welt erreichen können. Vielmehr würde die Wahrheit von der „Macht“ ‚geschaffen‘. Und „Wahrheitsregime“[12] werden der Gesellschaft von der „Macht“ aufgezwungen. Die „Macht“ bestimmt, was richtig und was falsch ist. Laut Foucault existieren in Wirklichkeit die Kategorien „richtig“ und „falsch“ jedoch nicht. Folglich ist nichts richtig oder falsch. Einer der Wege, dies zu entdecken, sei die Einnahme von LSD, informiert Foucault seine Leserschaft:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nun sieht man auch leicht, wie LSD das Verhältnis zwischen schlechter Laune, Dummheit und Denken umzukehren vermag. Es setzt nicht die Oberhoheit der Kategorien außer Kraft, sondern entzieht der Indifferenz [der Oberhoheit] den Boden und reduziert die stumpfsinnige Nachahmung der Dummheit auf null. Und diese ganze einstimmige, akategoriale Masse erscheint nun nicht nur als bunt, beweglich, asymmetrisch, dezentriert, spiralförmig und klingend, sondern wimmelt plötzlich von Phantasma-Ereignissen.”[13]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn wir uns an einer Übersetzung dieses Kauderwelschs versuchen, vermittelt uns Foucault hier, dass LSD-induzierte Halluzinationen offenbaren, dass die Realität nicht so beschaffen ist, wie wir es normalerweise annehmen würden. An einem Tag denkt man, Elefanten wären wilde Tiere, die in Zoos oder tropischen Regionen leben und am nächsten Tag sind sie möglicherweise kleine, pinke Kreaturen, die im Kreis rund um meinen Kopf fliegen. Wer darf denn urteilen, welche dieser Vorstellungen richtig und welche falsch ist?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Keinesfalls könne man über Wahrheit reden, weder über meine noch über deine. Hierzu gibt es natürlich eine Ausnahme, die absolut und ewig gültige Wahrheit der universellen Zurückweisung des Wahrheitsbegriffes durch Monsieur Foucault. Hier haben wir ein weiteres Beispiel eines postmodernen Selbstwiderspruchs. Foucault bemerkt nicht einmal, dass er versucht, die „Richtigkeit“ seiner Auffassung der Nicht-Existenz von Wahrheit zu beweisen. Wurde nicht genau das zuvor als Unmöglichkeit argumentiert?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kann man tatsächlich behaupten, wie es Foucault im Wesentlichen tut, dass die objektive Wahrheit eine Fiktion sei? Man kann glauben, ein Vogel zu sein und fliegen zu können. Doch wenn man vom Rand einer Klippe runterspringt, wird diese Vorstellung zusammen mit dem fallenden Körper abstürzen. Man kann sich vorstellen, ein Multimillionär zu sein. Wenn man aber in die Bank geht und eine Million abheben will, wird man für verrückt erklärt werden, etc., etc. Anhänger der Postmoderne sind herzlich eingeladen, den Gegenbeweis anzutreten. Die Praxis wird uns dann zeigen, wer hier im Recht ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Über das ganze Mittelalter hinweg, bis hinein ins 18. Jahrhundert glaubte man in Europa landläufig, dass Gott die Erde vor wenigen Jahrtausenden erschaffen habe. Doch die Wissenschaft hat diese Ansicht vollständig zerstört. Heutzutage existiert diese Vorstellung daher nur noch auf Basis des Glaubens. Die Ablehnung der objektiven Wahrheit läuft schlussendlich darauf hinaus, die ganze menschliche Erkenntnis auf das Niveau von Glauben und Aberglaube zu drücken. Sie zieht uns zurück in den Sumpf der Religion.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Gegensatz zum Glauben fußt jede Wissenschaft auf der Annahme, dass die natürliche Welt unabhängig von unseren Ideen existiert und unsere Vorstellungen Naturphänomene widerspiegeln können. Wahrheit existiert folglich objektiv, das bedeutet unabhängig vom menschlichen Verstand. Das abzulehnen, kommt der Ablehnung von Wissenschaft gleich. Dies ist allerdings genau, was die Postmodernisten tun, wie wir später noch sehen werden.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Subjektive und objektive Erkenntnis</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Postmodernismus erhebt die Subjektivität zu einem absoluten Prinzip. Daraus leitet er ab, dass das Denken im Allgemeinen begrenzt und einseitig ist, weshalb es die objektive Wahrheit nicht erfassen kann. Für die kleinkarierten Akademiker hört die Welt tatsächlich jenseits der eigenen Nasenspitze oder wenigstens an der Tür ihres Seminarraums auf zu existieren. Universitätsprofessoren produzieren Worte. Das ergibt die Gesamtsumme ihrer eigenen, kleinen Welt, ihr Habitat – die einzige Umgebung, die sie kennen. So erklärt sich die Besessenheit der Postmodernisten auf Worte und Sprache. Es erklärt auch die extreme Enge ihrer Weltanschauung und die Armut ihres Denkens.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch das Denken geht über „das Subjekt“ hinaus. Die großen wissenschaftlichen und philosophischen Theorien der Geschichte sind nicht bloß das Produkt von großen Denkern; sie sind der höchste Ausdruck der Entwicklung des menschlichen Denkens in ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Epoche. Wenn wir über menschliches Denken sprechen, besprechen wir nicht die Gedankengänge eines individuellen Denkers, sondern das kollektive, menschliche Denken im Allgemeinen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es stimmt, dass jeder einzelne Mensch von Natur aus eine einseitige und begrenzte Perspektive hat. Aber durch Kooperation kann die Menschheit die Grenzen des Individuums überwinden, indem sie die Objektivität jeder Behauptung aus einer Vielzahl von Blickwinkeln kollektiv prüft und im wirklichen Leben anwendet. Die Gedanken im Kopf eines Menschen gehören nicht ihm allein – alle unsere Theorien und unsere Sprache sind das Produkt der Gesamtheit menschlich-gesellschaftlicher Entwicklung, die von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird. Das Verhältnis von Subjekt und Objekt ist aber auch nicht nur eine Frage abstrakten Nachdenkens. Die Menschheit interagiert aktiv mit der materiellen Welt, nicht passiv.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Mensch verändert die Welt durch kollektive Arbeit und dadurch verändert er sich selbst. Dieser unaufhörliche Schaffensprozess findet im Fortschritt der Wissenschaft seinen höchsten Ausdruck, eine offensichtliche Tatsache, die der Postmodernismus abzustreiten sucht. Von der Unwissenheit zur Erkenntnis ist es ein endloser Weg. Was wir heute noch nicht wissen, werden wir morgen wissen. In diesem Sinne ist das kollektive menschliche Denken nicht nur zur Objektivität fähig, es ist auch grenzenlos und absolut. Kein Wissen ist außerhalb seiner Reichweite.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Marx erklärte in seinen Thesen über Feuerbach:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme – ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, i.e. die Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit des Denkens &#8211; das von der Praxis isoliert ist – ist eine rein scholastische Frage.“[14]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Losgelöst von der realen menschlichen Aktivität die Frage nach der Objektivität von Wahrheit zu stellen, läuft auf leere Spekulation hinaus. Denken ist ein Ausdruck der Praxis und letztendlich werden Ideen in der Praxis abgetestet. Die Weiterentwicklung von Ideen dient der Verbesserung unserer Praxis. Ebenso werden bei dieser Tätigkeit die objektiv wahren Elemente aller Ideen bestimmt und von ihren falschen oder überbetonten Aspekten getrennt.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Relative und absolute Wahrheit</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Bedeutet aber die Tatsache, dass Ideen als objektiv wahr bewiesen werden können, dass menschliche Ideen wahr sind, von dem Moment an, in dem sie gedacht werden, bis in alle Ewigkeit? Natürlich nicht. Vom Standpunkt des Materialismus aus betrachtet, ist es sinnlos, vom Erreichen einer absoluten Wahrheit, im Sinne einer abschließenden Erkenntnis der Gesamtheit des Universums, zu sprechen. Die Menschheit ist in der Lage, die Naturgesetze auf allen Ebenen zu entdecken. Der ständige Fortschritt in der modernen Wissenschaft und Technologie beweist dies. Doch die Menschheit wird nie einen Punkt erreichen, an dem sie alles entdeckt hat, was es zu entdecken gibt. Für jede Frage, die die Wissenschaft löst, und für jedes Gebiet der Natur, das der Mensch meistert, eröffnen sich neue Wege und neue Fragestellungen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Geschichte der Wissenschaft ist ein Prozess einer nie enden wollenden Reihe von Theorien, die aufsteigen und angesichts fortgeschrittener Theorien bald wieder verblassen. Doch auch hier zieht der Postmodernismus wieder aus einer formal korrekten Beobachtung eine übertriebene und einseitige Schlussfolgerung. Da alle Theorien ab einem gewissen Punkt durch neuere und fortgeschrittenere Theorien ersetzt werden, wird daraus abgeleitet, dass keine Idee richtig sein kann und jegliche Wahrheit relativ und beliebig ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In seinem Buch „Wahnsinn und Gesellschaft: Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft“ – das vorgeblich eine historische Abhandlung der Psychiatrie ist – präsentiert uns Foucault eine Reihe von Ideen und Methoden, die in der Vergangenheit in der Psychiatrie angewandt wurden, sich aber dann als falsch herausstellten. Tatsächlich wäre eine heutige Anwendung dieser Methoden äußerst reaktionär. Auf dieser Grundlage versucht er, den Anspruch der Wissenschaft auf objektive Wahrheit im Allgemeinen anzugreifen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dies ist ein allgemeiner Trend in allen „historischen Abhandlungen“ von Foucault. Es ist, als erwarte er, dass die Wissenschaft der heilige Gral der absoluten und ewigen Wahrheit sei. Aufgrund dieser Erwartungshaltung ist er stets von dem enttäuscht, was er vorfindet und folgert, dass es notwendig sei, alle Wissenschaft und den Begriff der Wahrheit komplett zu verwerfen. Ein klassisches Strohmann-Argument. Denn in der Wissenschaft kann es nie darum gehen, die absolute Wahrheit festzulegen. Sie setzt sich ein weit bescheideneres Ziel: Schritt für Schritt die Wahrheit zu entdecken, durch die geduldige Anwendung der wirklichen wissenschaftlichen Methode: Beobachtung und Experiment.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Postmodernisten betrachten die Wissenschaft vorangegangener Perioden mit Verachtung. Natürlich ist es leicht, eine weniger fortgeschrittene Periode vom späteren Standpunkt aus zu kritisieren. Es offenbart eine ignorante und feige Haltung, wie ein Erwachsener, der ein Kind lächerlich macht, weil es nicht so raffiniert und selbstbewusst spricht, wie er selbst. Aber die Ideen verschiedener historischer Etappen sind nicht zufällig entstanden. Sie spiegeln die Fähigkeiten der menschlichen Gesellschaft in jeder ihrer Phasen wider und sind als solche für diesen Zeitraum absolut. Das heißt, sie sind die höchsten Wahrheiten, die die Gesellschaft zu dieser bestimmten Zeit erreichen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die von einer bestimmten Gesellschaft entdeckten besonderen Wahrheiten werden nicht willkürlich erkannt. Es wäre für Newton unmöglich gewesen, die Quantenmechanik zu entwickeln. Die Newtonsche Mechanik ist ein notwendiges Bindeglied, das später zu den Entdeckungen der Quantenmechanik führte. Letztlich spiegelt das Denken – mit dem wissenschaftlichen Denken als dessen höchsten Ausdruck – den Entwicklungsstand der Gesellschaft ihrer jeweiligen Zeit wider. Sie entwickelt aber wiederum auch die Gesellschaft als Ganzes, so dass diese Entwicklung zu einem bestimmten Zeitpunkt selbst zum Aufkommen neuer, komplexerer und fortschrittlicherer Denkformen führt. Dies ist der nie endende Entwicklungsprozess von der Unwissenheit zur Erkenntnis; von niedrigeren zu höheren Wahrheitsformen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das bedeutet nicht, dass die alten Ideen als reiner Unsinn verworfen werden. Im Gegenteil, ihr rationaler Kern wird zu einem notwendigen Element für den weiteren Fortschritt der Wissenschaft. Jede Ebene der Natur, die der Mensch zu beherrschen lernt, öffnet den Weg zu einer tieferliegenden Ebene. Die Entwicklung der Newtonschen Mechanik war eine große Eroberung für die Menschheit. Es war einer der ersten großen Fortschritte, die durch den Aufstieg des Kapitalismus eingeleitet wurden und spielte eine wichtige Rolle für die Entwicklung der Wissenschaft und der Gesellschaft im Allgemeinen. Aber die Wissenschaft war damit nicht zu Ende. Nach der klassischen Mechanik kam die Quantenmechanik. Die Quantenmechanik hat die klassische Mechanik nicht außer Kraft gesetzt. Im Gegenteil, sie hat sie als Voraussetzung benötigt, so wie auch die Quantenmechanik in Zukunft die Grundlage für noch größere wissenschaftliche Fortschritte bilden wird. Die Quantenmechanik wird den Boden bereiten, um über sich selbst hinausgehen zu können. Sie wird dabei bis zu einem gewissen Grad gültig bleiben, aber über sie hinaus werden höhere Theorien entstehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Gegensatz zur Vorstellung der Postmodernisten springt die Geschichte des wissenschaftlichen Denkens nicht von einer zufälligen Theorie zur anderen, in einer unglücklichen Jagd auf eine flüchtige, ultimative Wahrheit. Es ist ein nie endender Prozess von immer tieferem Verständnis der Natur und der Gesetzmäßigkeiten, die sie beherrschen. Jede Theorie wird letztendlich durch unermüdliches Ausprobieren und Experimentieren abgetestet. Ihre zufälligen, subjektiven und falschen Elemente werden ausgesiebt, ihre Grenzen definiert und so ihr wahrer Kern der Gesamtheit menschlicher Erkenntnis hinzugefügt, um so den Weg für neue, weiterentwickeltere Ideen zu ebnen, die sie dann ersetzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine einzelne Theorie ist nicht isoliert von anderen und diesen diametral entgegengesetzt. Vielmehr bilden sie alle zusammen unterschiedliche Stadien der dialektischen Entwicklung der menschlichen Erkenntnis als Ganzes – eine unendliche Weiterentwicklung von niedrigen zu höheren Formen der Wahrheit.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>„Metaerzählung“</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Da die Philosophen der Postmoderne den Wahrheitsbegriff ablehnen, sehen sie ihren Hauptgegner in jenen, die ihn anerkennen. Kehren wir für einen Moment zu dem Buch „Das postmoderne Wissen“ zurück, in dem Jean-Francois Lyotard versucht, die Bedeutung vom Begriff „postmodern“ zu erklären:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wenn dieser Metadiskurs explizit auf diese oder jene große Erzählung zurückgreift wie die Dialektik des Geistes, die Hermeneutik des Sinns, die Emanzipation des vernünftigen oder arbeitenden Subjekts, so beschließt man ‚modern‘ jene Wissenschaft zu nennen, die sich auf ihn bezieht, um sich zu legitimieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei extremer Vereinfachung hält man die Skepsis gegenüber den Metaerzählungen für ‚postmodern‘. Diese ist ohne Zweifel ein Resultat des Fortschritts der Wissenschaften; aber dieser Fortschritt setzt seinerseits diese Skepsis voraus. Dem Veralten des metanarrativen Dispositivs der Legitimation entspricht namentlich die Krise der metaphysischen Philosophie und der von ihr abhängigen universitären Institution. Die narrative Funktion verliert ihre Funktoren, den großen Heroen, die großen Gefahren, die großen Irrfahrten und das große Ziel.“[15]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier haben wir ein absolut unbezahlbares Beispiel für das unverständliche Kauderwelsch des Postmodernismus vor uns. Bitte bedenkt, dass Lyotard zu unserem Vorteil „bei extremer Vereinfachung“ formuliert. Das ist auch gut so, denn sonst würden wir ernsthaft Gefahr laufen, wirklich zu verstehen, was er sagen möchte: Nämlich, dass die Postmoderne alle Denkrichtungen ablehnt, die versuchen, eine zusammenhängende, kohärente Weltsicht zu entwickeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Ablehnung einer in sich geschlossenen Weltanschauung folgt logischerweise aus der Ablehnung der Existenz einer vom menschlichen Bewusstsein unabhängigen, objektiven Realität. Wenn die Existenz einer objektiven Realität und damit einer objektiven Wahrheit unabhängig von unserem Verstand geleugnet wird, dann kann es niemals allgemein gültige Theorien geben. Jedes Individuum wird seine eigenen Theorien entwickeln, die auf seine besondere Realität anwendbar sind. In einem solchen Fall würden „Meta-Erzählungen“ in der Tat auf den Formalismus und Schematismus hinauslaufen, die Gesetze meiner Welt der der anderen aufzuzwingen oder umgekehrt. Diejenigen, die sich dieses Verbrechens schuldig gemacht hätten, wären aber die Postmodernisten selbst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Ablehnung von Metaerzählungen ist selbst die vulgärste und umfassendste Metaerzählung, die man sich nur vorstellen kann. Und sie wird uns ohne einen einzigen Beweis oder ein einziges echtes Argument vorgesetzt. Im Wesentlichen wird von uns verlangt, die postmoderne Metaerzählung einfach in blindem Vertrauen zu akzeptieren. Der Postmodernismus ist die einzig wahre Metaerzählung. Alle anderen liegen falsch, weil er das einfach behauptet. Dies ist genau die Art jenes intellektuellen Mobbings und jener „Unterdrückung“, gegen die die Postmodernisten so vehement protestieren. Und es ist die Grundlage für ihre hysterischen Angriffe auf jeden, der ernsthafte Einwände gegen ihre Aussagen erhebt. Die postmodernen Ideen unterscheiden sich damit nicht von irgendwelchen religiösen Dogmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Postmodernisten kritisieren den Marxismus dafür, dass er dogmatisch sei und die Einbeziehung anderer Ideen in die marxistische Theorie ablehne. Für manche Personen mag diese Kritik stimmig erscheinen. Wieso bei einer Philosophie bleiben, wenn man aus den besten Ideen, unabhängig davon, von welchem Philosophen oder welcher Denkrichtung sie entwickelt wurden, auswählen kann? Doch das ist der springende Punkt. Die Postmodernisten <em>sagen eben nicht</em>, dass wir die besten Ideen auswählen sollten. Wir erinnern uns: Es gibt keine guten oder schlechten, wahren oder falschen Ideen! Es geht nicht darum, richtige Ideen zu haben, sondern darauf zu bestehen, dass die Ideen inkohärent sein müssen. Erstmals in der Geschichte der Philosophie wird die „eklektische Bettelsuppe“, wie Engels sie nannte, zum Leitprinzip einer philosophischen Denkschule erhoben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Marxistinnen und Marxisten werden auch dafür kritisiert, dass sie anderen Denkschulen gegenüber nicht „offen“ sind. Aber in Wirklichkeit ist das genaue Gegenteil der Fall! Die Damen und Herren des Postmodernismus sind besessen davon, neu und originell zu sein (was bei weitem nicht der Fall ist). Sie tun so, als ob die Geschichte mit ihnen selbst beginne und auch ende. Der Marxismus hingegen erhebt nicht den Anspruch, sich als etwas von früheren philosophischen Strömungen völlig Losgelöstes abzuheben. Wir behaupten nicht, dass die Ideen des wissenschaftlichen Sozialismus allein aus dem besonderen schöpferischen Genie von Karl Marx und Friedrich Engels entsprungen seien.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Marxismus ist eine Synthese des rationalen Kerns <em>aller</em> früheren Philosophien, die jeweils auf den Fortschritt früherer Epochen aufbauen. Er bildet ein einheitliches und harmonisches Ganzes. Die marxistische Lehre enthält in sich die wertvollsten und beständigsten Bestandteile der früheren Denkschulen – der antiken griechischen Philosophie, der deutschen klassischen Philosophie, der französischen Materialisten der Aufklärung, der englischen politischen Ökonomie und der brillanten Entwürfe der früheren utopischen Sozialisten. All dies enthielt auf die eine oder andere Weise wertvolle Wahrheiten und Einsichten, die verschiedene Seiten und Aspekte <em>derselben, einzigen objektiven Realität</em> widerspiegelten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Laufe der Jahrtausende der Entwicklungsgeschichte der Wissenschaft und des Denkens hat sich das Bild einer einzigen, wechselwirkenden materiellen Welt geformt, die nach ihren eigenen inhärenten Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen funktioniert. Dies wird jeden Tag deutlicher und bildet die Grundlage für die einheitliche Weltanschauung des Marxismus und jeder echten wissenschaftlichen Theorie. Die systematische Untersuchung dieser Gesetze auf den verschiedensten Ebenen der Natur ist der Hauptzweck jeder Wissenschaft. All dies ist den postmodernen Philosophen, die sich gegen sämtliche Formen von systematischem Denken sträuben, ein Gräuel.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>„Anti-Wissenschaft“</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Ablehnung der systematischen Untersuchung und der Wissenschaft im Allgemeinen ist genau, was hinter der Ablehnung der „Metaerzählungen“ steckt. Achtet im Folgenden auf Foucaults spöttische Schimpftirade gegen „die Tyrannei der übergreifenden Diskurse mitsamt ihrer Hierarchie und sämtlichen Privilegien der theoretischen Avantgarden“[16], und weiter: „Den Machtwirkungen, wie sie einem als wissenschaftlich betrachteten Diskurs eigen sind, muss die Genealogie den Kampf ansagen.“[17]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tatsächlich definiert Foucault seine wichtigste Methode, die „Genealogie“, nicht mehr und nicht weniger als „Anti-Wissenschaft“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nicht Empirismus also durchdringt das genealogische Projekt, noch folgt aus ihm ein Positivismus im üblichen Sinn des Worts. Vielmehr geht es darum, lokale, unzusammenhängende, disqualifizierte, nicht legitimierte Wissen gegen die theoretische Einheitsinstanz ins Spiel zu bringen, die den Anspruch erhebt, sie im Namen wahrer Erkenntnis, im Namen der Rechte einer von gewissen Leuten betriebenen Wissenschaft zu filtern, zu hierarchisieren und zu ordnen. Die Genealogien sind somit nicht positivistische Rückgriffe auf eine gewissenhaftere und genauere Form der Wissenschaft. <strong>Die Genealogien sind gerade Anti-Wissenschaft</strong>.“[18]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was ist dies anderes, als eine Kriegserklärung gegen die Wissenschaft und das rationale Denken, sowie eine Verteidigung des Obskurantismus?[19] Schlimmer noch, diese reaktionären Ideen werden als die radikalste existierende Denkweise verkauft. Die Feministin Luce Irigaray beispielsweise zeichnet sich durch ihre Ablehnung von Einsteins Relativitätstheorie aus. Sie begründet dies damit, dass die Theorie „sexistisch“ sei, vermutlich weil Albert Einstein das Pech hatte, ein Mann zu sein. Ihr Aufsatz von 1987 trägt den Titel „Le Sujet de la Science Est-il Sexué?“ (Ist das Subjekt der Wissenschaft vergeschlechtlicht?). Sich mit dieser Frage auseinandersetzend schreibt sie:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Möglicherweise ist es das. Stellen wir die Hypothese auf, dass es das insofern so ist, als es die Lichtgeschwindigkeit gegenüber anderen Geschwindigkeiten bevorzugt, die für uns lebenswichtig sind. Was mir eine mögliche Vergeschlechtlichung der Gleichung nahezulegen scheint, ist nicht unmittelbar ihre Verwendung durch Atomwaffen, sondern die Privilegierung dessen, was am schnellsten geht.“[20]</p>



<p class="wp-block-paragraph">An anderer Stelle führt Irigaray ihre Schmährede gegen den bedauernswerten Einstein fort:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Aber was bringt uns die mächtige Relativitätstheorie, außer die Errichtung der Kernkraftwerke und die Infragestellung unserer körperlichen Trägheit, jener notwendigen Bedingung des Lebens?“[21]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach der verworrenen Argumentation von Irigaray ist Geschwindigkeit also ein überwiegend männliches Merkmal und daher ist Einsteins „Fixierung“ auf die Geschwindigkeit in seiner Gleichung (E = mc²) „sexistisch“. Warum Männer mehr von Geschwindigkeit besessen sein sollten, als Frauen, ist ein Rätsel, das nur Irigaray klären kann. Soweit wir aber wissen, würde es Mann und Frau genau gleich schwer fallen, sich auf Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier zeigt sich die irrationale wissenschaftsfeindliche Natur der Postmoderne in ihrer vollen Pracht. Die Relativitätstheorie, einer der grundlegendsten Eckpfeiler der modernen Wissenschaft, wird als „sexistisch“ angeprangert, weil ihr Urheber, Albert Einstein, ein Mann war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hinter der scheinbar unschuldigen Absage an „Metaerzählungen“ und „übergreifende Diskurse“, gekleidet in radikal klingende Rhetorik, betreibt der Postmodernismus weltweit eine wahrhafte Inquisition gegen Wissenschaft und Kultur. Hier wird „lokales, unzusammenhängendes, disqualifiziertes, nicht legitimiertes Wissen“ angepriesen, im Klartext: diskreditierte, mystische Ideen, die auf dem Abfallhaufen der Philosophiegeschichte herumliegen. Gleichzeitig werden die großartigsten Theorien und Köpfe der Menschheit verdammt, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Sollten diese Ideen jemals im realen Leben umgesetzt werden, würde dies die vollständige Verwüstung aller Errungenschaften der Zivilisation anrichten.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Antimarxistisch</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Während die Postmoderne die höchste Entwicklungsstufe der Irrationalität darstellt, ist der Marxismus die höchste Form des wissenschaftlichen Denkens. Gerade weil der Marxismus die konsequenteste und wissenschaftlichste Weltanschauung ist, zieht er den besonderen Zorn der Postmodernisten auf sich. Es ist interessant festzuhalten, dass Foucaults Haupteinwand gegen den Marxismus gerade darin besteht, dass er wissenschaftlich ist. Um mit Foucaults Worten zu sprechen:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wenn wir etwas gegen den Marxismus einzuwenden haben, dann eben dies, dass er wirklich eine Wissenschaft sein könnte.“[22]</p>



<p class="wp-block-paragraph">An einer anderen Stelle im selben Text schreibt er:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ob diese Institutionalisierung des wissenschaftlichen Diskurses in einer Universität oder, allgemeiner, in einem theoretisch-kommerziellen Netz wie der Psychoanalyse oder in einem politischen Apparat sich verkörpert, mit all ihren Seitenlinien, wie im Falle des Marxismus, ist im Grunde genommen von nachrangiger Bedeutung. <strong>Den Machtwirkungen, wie sie einem als wissenschaftlich betrachteten Diskurs eigen sind, muss die Genealogie den Kampf ansagen</strong>.“ [23]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hier entlarvt sich der Postmodernismus als eine wissenschaftsfeindliche und konterrevolutionäre Ideologie, die dem Marxismus auf das fundamentalste entgegengesetzt ist. Manchmal wird die Meinung vertreten, dass man postmoderne und marxistische Ideen miteinander verbinden soll. Doch diese zwei Denkschulen sind grundlegend miteinander unvereinbar. Foucault erkennt dies an, wenn er schreibt:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Nicht, dass diese umfassenden und globalen Theorien nicht ziemlich konstant lokal einsetzbare Instrumente geliefert hätten und immer noch liefern: Marxismus und Psychoanalyse sind nur dazu da, dies zu beweisen. Aber sie haben diese lokal einsetzbaren Instrumente, wie ich glaube, <strong>nur unter der Bedingung bereitgestellt, dass die theoretische Einheit des Diskurses gleichsam aufgehoben oder jedenfalls unterteilt, hin und her gezerrt, zerfetzt, umgedreht, verschoben, karikiert, ausgespielt, theatralisiert usw. werde.</strong> In jedem Fall hat jede Wiederaufnahme sogar in Kategorien die Totalität [zu denken] in Wirklichkeit zu einem Bremseffekt geführt.“[24]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Marxismus und Postmodernismus sind nur auf Kosten der „theoretischen Einheitlichkeit“ des Marxismus miteinander in Einklang zu bringen, also wenn der Marxismus aufhört, eine Wissenschaft zu sein, wenn der Marxismus aufhört, wahr zu sein und wenn er aufhört, materialistisch zu sein &#8230; Anders formuliert: Postmoderne und Marxismus sind nur vereinbar, wenn der Marxismus aufhört, Marxismus zu sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Marxismus steht in unversöhnlicher Opposition zum Postmodernismus. Wir sind Materialisten und stehen fest auf der Grundlage der objektiven Wahrheit und der Wissenschaftlichkeit. Wir sind von der Existenz einer einzigen, zusammenhängenden materiellen Welt überzeugt, die schon immer existiert hat und weder die Schöpfung eines Gottes, noch der „Macht“ von Monsieur Foucault ist. Das Leben ist ein Produkt der materiellen Welt und der Mensch ist seine höchstentwickelte Lebensform. Durch unsere Tätigkeit sind wir in der Lage, die Naturgesetze zu entdecken und zu unserem Vorteil zu nutzen, wiewohl auch die menschliche Spezies den Naturgesetzen unterliegt, gestalten wir unsere Umwelt und wir verändern uns dabei auch selbst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine konsequente, materialistische Erkenntnistheorie vertritt, dass Wissen letztlich aus Sinneserfahrungen abgeleitet wird. Unsere Sinne sind keine Barrieren, sondern vielmehr Brücken zur Außenwelt. Warum sollten unsere Sinne sonst unser Hirn mit genau jener, und nicht mit einer beliebigen anderen Information versorgen? Wir ändern die Welt nicht, indem wir die Sprache oder unsere Denkweise verändern. Die Wahrheit lässt sich nicht im „Text“ oder im „Diskurs“ finden, sondern in der realen, materiellen Welt. Wir können die Welt auf bestimmte Weisen verändern und unsere Sinne vermitteln uns, ob wir erfolgreich waren. Durch die Interaktion mit der Welt entdecken, testen und perfektionieren wir unsere Ideen und verleihen ihnen letztendlich objektive Gültigkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das sind die Grundsätze der Wissenschaft. Sich von ihnen zu entfernen, bedeutet, den Weg der Religion und Mystik zu betreten. Die Postmodernisten haben die Wissenschaftlichkeit über Bord geworfen und führen auch einen aktiven Kampf gegen das Wesen der Wissenschaft selbst. Die Tatsache, dass diese reaktionären Ideen an den Universitäten, Schulen und über die Medien auf der ganzen Welt auf und ab gepredigt werden, zeigt, wie kaputt der Kapitalismus heute ist. Die Existenz dieses Systems ist mit den Interessen der überwiegenden Mehrheit der Menschheit nicht mehr vereinbar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Ablehnung der Existenz einer objektiven Realität und objektiver Wahrheit dient letztendlich der Behübschung und der ideologischen Verteidigung des Status quo. Wenn Fortschritt unmöglich ist, ist es auch zwecklos, bewusst eine bessere Gesellschaft anzustreben. Und wenn es keine objektive Wahrheit gibt, können wir nicht sagen, dass Ausbeutung, Armut, Unterdrückung und Krieg „schlecht“ sind – es ist alles nur eine Frage der Perspektive. Die Verfechter der Postmoderne enden so als Apologeten des Kapitalismus. Eine wahrhaft revolutionäre Philosophie kann nur eine durch und durch wissenschaftliche und materialistische Philosophie sein, die der Realität direkt ins Gesicht sieht. Nur das klarste und genaueste Verständnis der Gesetzmäßigkeiten von Natur und Gesellschaft kann einen Weg aus der Sackgasse des Kapitalismus und der Klassengesellschaft aufzeigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den Worten von Karl Marx, der das endgültige und vernichtende Urteil über die gesamte bürgerliche Philosophie gesprochen hat: Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt drauf an, sie zu verändern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">[1] Jean-François Lyotard (1978): Bemerkungen über die Wiederkehr und das Kapital, in: Intensitäten. Merve Verlag, Berlin, S. 32.<br>[2] Jean Baudrillard (1990): Cool Memories 1980-1985. Verso, London, S. 67 – eigene Übersetzung.<br>[3] Gilles Deleuze und Felix Guattari (1974): Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I. SuhrkampVerlag, Frankfurt a. M., S. 10.<br>[4] Michel Foucault (1981): Theatrum Philosophicum, in: Schriften in vier Bänden: Band 2: 1970– 1975. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M., S. 122.<br>[5] Jean-François Lyotard (1979): Das postmoderneWissen: Ein Bericht. Passagen Verlag, Wien, S. 24.<br>[6] Michel Foucault (1977): Prison Talk: an interview, in: Radical Philosophy, Vol. 16. Group, London, S. 14 &#8211; eigene Übersetzung.<br>[7] Judith Butler (1990): Gender Trouble: Feminism and the Subversion of Identity. Routledge, New York/London, S. xviii – eigene Übersetzung.<br>[8] Butler verwendet den mehrdeutigen Begriff „Intelligibilität“, was eigentlich das nur durch Vernunft Erfassbare bezeichnet; Anm. d. Ü.<br>[9] Jacques Derrida: Grammatologie. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M., S. 274.<br>[10] Judith Butler (1993): Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Berlin Verlag, Berlin, S. 33f.<br>[11] George Berkeley (1710/1979): Eine Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis. Meiner Verlag, Hamburg, S. 27.<br>[12] Michel Foucault (1980): Power/Knowledge: Selected Intervies &amp; Other Writings 1972 – 1977. Pantheon Books, New York, S. 83 – eigene Übersetzung.<br>[13[ Michel Foucault (1981): Theatrum Philosophicum, S. 117.<br>[14] Karl Marx: Thesen über Feuerbach, in: MEW Bd. 3, Dietz Verlag, Berlin, 1969, S. 533f.<br>[15] Jean-François Lyotard (1979): Das postmoderne Wissen: Ein Bericht. Passagen Verlag, Wien, S.23f.<br>[16] Michel Foucault (1976/2001): In Verteidigung der Gesellschaft: Vorlesungen am Collège de France (1975 – 76). Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., S. 23.<br>[17] Ebd. S. 24.<br>[18] Ebd. S. 23.<br>[19] Bestrebung die Menschen unwissend zu haltenund im Glauben an Übernatürliches zu erziehen;Anm. d. Ü.<br>[20] Luce Irigaray &amp; Carol Mastrangelo Bové(1987): Le Sujet de la Science Est-ll Sexué?/Is the Subject of Science Sexed?, in: Feminism &amp; Sciene.Vol. 2. No. 3. Cambridge University Press, Cambridge, S. 65 – 87 – eigene Übersetzung.<br>[21] Ebd.<br>[22] Michel Foucault (1976/2001): In Verteidigung der Gesellschaft, S. 24.<br>[23] Ebd.<br>[24] Ebd. S. 20.</p>
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		<title>Hegel und die Dialektik</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Martin Kohler]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 22 Feb 2022 13:53:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Dialektischer Materialismus]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der dialektische Materialismus, die Philosophie des Marxismus, steht am höchsten Punkt einer langen Entwicklung der Philosophie. Um seine revolutionäre Bedeutung zu verstehen, müssen wir seine Geschichte verstehen. Teil 3: Die [&#8230;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Der dialektische Materialismus, die Philosophie des Marxismus, steht  am höchsten Punkt einer langen Entwicklung der Philosophie. Um seine  revolutionäre Bedeutung zu verstehen, müssen wir seine Geschichte  verstehen. Teil 3: Die idealistische Dialektik Hegels. Hier geht es zu <a href="https://derkommunist.de/?p=1740" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Teil 1</a> und <a href="https://derkommunist.de/?p=1743" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Teil 2</a>.<td colspan="4"></td></p>



<figure class="wp-block-image size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="700" height="442" src="https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/04/hegel.jpg" alt="" class="wp-image-1752" srcset="https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/04/hegel.jpg 700w, https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/04/hegel-300x189.jpg 300w" sizes="(max-width: 700px) 100vw, 700px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Im letzten Teil dieser Artikelserie haben wir gesehen, wie der philosophische Materialismus mit dem Entstehen der bürgerlichen Gesellschaft im Schoße des Feudalismus wieder auf die Tagesordnung gesetzt wurde. Gestützt auf ein streng naturwissenschaftliches Weltbild war dieser Materialismus die ideologische Brechstange der aufstrebenden Bourgeoisie gegen Adel und Kirche und deren überkommene feudale Verhältnisse.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für diesen praktischen Zweck war irrelevant, dass der bürgerliche Materialismus philosophisch arm war. Er litt, wie wir erklärt haben, an einer starren und ahistorischen Auffassung der Natur, unfähig, die Dinge in ihrem Zusammenhang und ihrer Entwicklung zu begreifen. Der Mensch galt ihm als passives Objekt, das dem mechanischen Gang des «Uhrwerks» Natur ausgeliefert war. Für die Kraft des menschlichen Denkens und die bewusste historische Tätigkeit der Menschen, für die subjektive Seite der gesellschaftlichen Entwicklung, ließ dieser leblose Materialismus kaum Platz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist es deshalb nicht erstaunlich, kommentiert Plechanow, dass den «fähigen und talentierten Menschen», die nicht selbst in den revolutionären Klassenkampf der Bourgeoisie einbezogen waren und die kein praktisches Bedürfnis nach einer Brechstange hatten, «diese Lehre grau und totenhaft vorkam». So in Deutschland, wo es die noch kaum entwickelte Bourgeoisie am Ausgang des 18. Jahrhunderts noch zu keiner lebendigen Kraft gebracht hatte. Ohne Verbindung zur materiellen Praxis einer gesellschaftlichen Kraft flüchtete sich die Philosophie des bürgerlichen Zeitalters ins Reich der abstrakten Theorie, in den Idealismus. Die großen Köpfe in der Linie von Kant zu Hegel setzten zum Gegenschlag gegen den mechanischen Materialismus an.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Die Wiedergeburt der Dialektik</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Hegel ist der abschließende Höhepunkt dieser Entwicklung des «deutschen Idealismus» und in Wahrheit der gesamten Philosophie, übertroffen nur noch von Marx und Engels, die direkt an diesem großen Philosophen anknüpften.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hegel war der philosophische Ausdruck der tiefen gesellschaftlichen Umwälzungen am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts, die rund um die Französische Revolution ganz Europa erschütterten. Es war eine Welt im Umbruch, im Kampf zwischen den fortschrittlichen Kräften der Revolution und den reaktionären Kräften der Restauration, zwischen dem Durchbruch der neuen bürgerlichen und dem Versuch der Wiederherstellung der alten feudalen Ordnung. Das schlug sich unverkennbar im hoch-dynamischen Charakter seiner Philosophie nieder, wo nichts bleibt wie es ist, sondern alles sich in ständiger Bewegung und Veränderung befindet, angetrieben durch den fortwährenden Kampf unversöhnlicher Gegensätze.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während die vorherigen Philosophen versuchten, die Welt zu erklären, wie sie ist, rückte Hegel den gesamten Fokus auf die Welt, wie sie sich entwickelt. Um etwas zu begreifen, reicht es nicht, es in seinem momentanen Zustand zu betrachten. Das ist nur eine oberflächliche Erscheinung. Wir müssen seine Geschichte anschauen und sehen, wie es zu dem geworden ist, was es ist und wie es wird und vergeht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die starre mechanische Auffassung geht davon aus, dass die Dinge grundsätzlich in Ruhe sind. Sie kommen nur in Bewegung, wenn sie durch eine äußere Kraft angestoßen werden. Die dialektische Auffassung erkennt umgekehrt, dass die Dinge in sich selbst bewegt sind durch ihren inneren Widerspruch: «Nur insofern etwas in sich selbst einen Widerspruch hat, bewegt es sich, hat Trieb und Tätigkeit» (Hegel). Plechanow fasst diese dialektische Auffassung zusammen: «Das Leben selbst trägt die Keime des Todes in sich. Jede Erscheinung ist in dem Sinne widerspruchsvoll, als sie aus sich selbst heraus die Elemente entwickelt, die früher oder später ihrer Existenz ein Ende machen, sie in ihr Gegenteil verwandeln».</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist das große Verdienst Hegels, diese dialektische Auffassung von Heraklit und den alten Griechen nach über 2000 Jahren wieder ausgegraben und zum ersten Mal umfassend ausgearbeitet zu haben.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Ein Blitz… das Gebilde einer neuen Welt</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Selbst wenn es scheint, als wären die Dinge unbewegt, so ist das doch nur eine oberflächliche Ruhe, das Resultat eines temporären Gleichgewichts im größeren Prozess der Bewegung und Veränderung. Blicken wir unter die Oberfläche, so erkennen wir, wie in ihrem Innern Kräfte wirken, die es in dem gegebenen Zustand bewahren, und andere, die auf die Auflösung dieses Zustands hintreiben; die allmählich und kaum merkbar die Bedingungen untergraben, die das Gleichgewicht noch aufrechterhalten – bis es plötzlich einbricht und ein neuer Zustand entsteht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Dialektik ist eine fundamental historische Auffassung, sie ist die Lehre der Entwicklung. Aber sie lehrt uns auch, dass die Entwicklung keinen linearen Charakter hat. Sowohl graduelle, allmähliche wie auch plötzliche, sprunghafte Veränderung sind notwendige Seiten desselben Entwicklungsprozesses. Viele allmähliche, quantitative Veränderungen häufen sich an, ohne dabei das Wesen des Ganzen, seinen Zustand und seine Qualität, zu verändern. Bis ein Punkt erreicht ist, an dem der sprichwörtliche Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt, wo nur ein kleiner zusätzlicher Schritt zu einem Sprung führt, mit dem sich die Qualität des Ganzen verändert; gerade so, wie das Erhitzen des Wassers zwar dessen Temperatur allmählich steigen lässt, aber erst am Siedepunkt einen neuen Aggregatzustand hervorbringt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">«Ein Teilchen des Baues seiner vorhergehenden Welt löst sich nach dem anderen auf», schreibt Hegel, «ihr Wanken wird nur durch einzelne Symptome angedeutet. (…) Dies allmähliche Zerbröckeln, das die Physiognomie des Ganzen nicht veränderte, wird durch den Aufgang unterbrochen, der, ein Blitz, in einem Male das Gebilde einer neuen Welt hinstellt.» (PhG S. 18) Diese Zeilen könnten nicht treffender sein für die heutige Periode. Zu Hegels Zeit lag die alte feudale Gesellschaft im Sterben, während die neue bürgerlich-kapitalistische Ordnung um ihren endgültigen Durchbruch rang. Heute liegt die alte kapitalistische Welt im Sterben, während die neue sozialistische es noch nicht geschafft hat, geboren zu werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Revolution ist der Blitz, der qualitative Sprung, der scheinbar auf einen Schlag eine neue Welt zum Vorschein bringt. Aber aus heiterem Himmel kommt der Blitz nur für jene, die nicht sehen, wie sich allmählich ein Gewitter zusammenbraut. Für das Auge, das in der Dialektik geschult ist, zeigen die scheinbar zufälligen und zusammenhangslosen «einzelnen Symptome» deutlich das Wanken der alten Welt an – und das Potenzial einer neuen, die sich in ihrem Schosse entwickelt hat und zur Verwirklichung drängt.</p>
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		<title>Der bürgerliche Materialismus und seine Grenzen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Martin Kohler]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 21 Feb 2022 13:48:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Dialektischer Materialismus]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der dialektische Materialismus, die Philosophie des Marxismus, steht am höchsten Punkt einer langen Entwicklung der Philosophie. Um seine revolutionäre Bedeutung zu verstehen, müssen wir seine Geschichte verstehen. Teil 2: Der [&#8230;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Der dialektische Materialismus, die Philosophie des Marxismus, steht am höchsten Punkt einer langen Entwicklung der Philosophie. Um seine revolutionäre Bedeutung zu verstehen, müssen wir seine Geschichte verstehen. Teil 2: Der bürgerliche Materialismus und seine Grenzen. Hier geht es zu <a href="https://derkommunist.de/?p=1740" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Teil 1</a>.</p>



<figure class="wp-block-image size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="700" height="466" src="https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/04/mue-1.jpg" alt="" class="wp-image-1750" srcset="https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/04/mue-1.jpg 700w, https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/04/mue-1-300x200.jpg 300w" sizes="(max-width: 700px) 100vw, 700px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Der Marxismus ist eine materialistische Philosophie. Er erklärt die Natur und die Gesellschaft aus sich selbst heraus und anerkennt keine höheren geistigen Kräfte, welche die Welt antreiben. Wir werden in dieser Artikelserie zeigen, dass der Marxismus den Materialismus erstmals zu seiner vollen Schlüssigkeit gebracht hat. Er ist die höchste Blüte einer langen Entwicklung, in der sich die Philosophie, wie die Menschheit insgesamt, in einer spiralförmigen Bewegung vom Niederen zum Höheren hocharbeitet.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Philosophische Waffe gegen Kirche und Feudalismus</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im ersten Teil haben wir gesehen, wie die Philosophie und mit ihr der erste Materialismus im antiken Griechenland entstand: als Produkt der beginnenden Zivilisation und der Warenproduktion, getragen von einer neuen Händlerklasse in Abgrenzung von den barbarischen Stammesgesellschaften. Der Niedergang der antiken griechisch-römischen Hochkultur hatte den Materialismus in Europa für über ein Jahrtausend begraben. Der Idealismus der katholischen Kirche wurde für Jahrhunderte zur dominierenden Form, in der sich die Welt des Denkens und des Wissens bewegte.<br><br>Der Materialismus kam mit dem Anbruch der bürgerlichen Gesellschaft im Schoße des westeuropäischen Feudalismus in einer neuen Form wieder auf. Der bürgerliche Materialismus ist Ausdruck und Produkt der gigantischen Umwälzungen, die vor allem seit Beginn des 16. Jahrhunderts bis zum Ende des 18. Jahrhunderts einen Bereich der Gesellschaft nach dem anderen – Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst, Religion, Politik und Recht – revolutionierten und schließlich im Durchbruch des Kapitalismus mündeten.<br><br>Das Wiederaufblühen des Handels und der Geldwirtschaft bereits ab dem Hochmittelalter führte zu einem neuen Aufstieg der Städte und einer neuen aufstrebenden Klasse: dem städtischen Bürgertum und den Kaufleuten. Das gab den Impuls für riesige Fortschritte in der Naturwissenschaft ab dem 16. Jahrhundert. Figuren wie Kopernikus oder Galilei verkörpern diesen allgemeinen Prozess, durch zahlreiche neue Erkenntnisse und Experimente das göttliche Weltbild zu hinterfragen und durch ein neues, naturwissenschaftliches Weltbild zu ersetzen. Der Zusammenstoß zwischen dem alten religiösen und dem neuen naturwissenschaftlichen Weltbild war Ausdruck des Klassenwiderspruchs, in den die aufstrebende Bourgeoisie mit dem herrschenden Adel und der Kirche kam.<br><br>Der neue Materialismus war die philosophische Ausarbeitung dieses Standpunktes der Naturwissenschaften. Francis Bacon, der «Stammvater des britischen Materialismus» (Marx), und die englischen «Empiristen» in seiner Folge nahmen den Kampf auf gegen die idealistische Scholastik des Mittelalters. Für diese bewies sich die Wahrheit rein innerhalb der religiösen Schriften und der Köpfe der Philosophen – ohne jede sinnliche Beziehung zur wirklichen Außenwelt. Bacon erklärte dagegen, dass unser Wissen über die außer uns existierende Welt uns durch die Sinneswahrnehmung zukommt. Über den britischen Empirismus kam der Materialismus nach Frankreich, wo der bürgerliche Materialismus im 18. Jahrhundert seine radikalste Form annahm.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Dieser Materialismus war die philosophische Waffe der aufstrebenden Bourgeoisie in ihrem Kampf gegen Feudalismus und Absolutismus, die sich als ewige göttliche Ordnung legitimierten.</p>
</blockquote>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Grenzen der bürgerlichen Auffassung der Natur</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der bürgerliche Materialismus konnte sich auf die enormen Fortschritte in den Naturwissenschaften stützen. Er stellt damit gegenüber dem antiken eine klar höhere Form des Materialismus dar. Aber in einer beispielhaften dialektischen Verkehrung, stellt gerade das, was gegenüber dem antiken Materialismus den größten Fortschritt ausmacht, auch einen Rückschritt dar: Engels erklärt in einer wunderbaren Passage im Anti-Dühring, wie die antiken Griechen «geborene, naturwüchsige Dialektiker» waren. Sie richteten den Blick auf die allgemeinen Zusammenhänge, in denen sich die Dinge verändern. Aber durch den noch beschränkten Stand der Technologie und der Wissenschaft, vermochten sie es noch nicht, die Einzelheiten einer genaueren Betrachtung zu unterziehen. Umgekehrt der bürgerliche Materialismus: Die Naturwissenschaften hatten seit dem Ausgang des Mittelalter riesige Fortschritte gemacht, indem sie die Natur in ihre einzelnen Teile zerlegte und untersuchte. «Aber sie hat uns ebenfalls die Gewohnheit hinterlassen, die Naturdinge und Naturvorgänge in ihrer Vereinzelung, außerhalb des großen Gesamtzusammenhangs aufzufassen; daher nicht in ihrer Bewegung, sondern in ihrem Stillstand; nicht als wesentlich veränderliche, sondern als feste Bestände; nicht in ihrem Leben, sondern in ihrem Tod.» Übertragen in die Philosophie blieb diese undialektische Anschauungsweise völlig unfähig, die Dinge als Prozess, das heißt historisch anzuschauen. So musste sie dieser lebendigen Welt in permanenter Veränderung ihre starren, ewig gleichbleibenden Kategorien gewaltsam von außen aufdrücken.<br><br>Der bürgerliche Materialismus hatte noch eine zweite, eng damit verbundene Beschränktheit. Er war «mechanisch», aus dem einfachen Grund, dass die mechanische, newtonsche Physik damals die einzige entwickelte Naturwissenschaft war. Die Zweige der Naturwissenschaften, die Entwicklungen und Übergänge von einem Zustand in einen anderen begriffen (wie die Chemie, die Zellbiologie, die Wärmelehre oder die Evolutionstheorie Darwins), entwickelten sich erst im 19. Jahrhundert. So übertrug der bürgerliche Materialismus die Vorstellungen der Mechanik auf alle Bereiche des Lebens. Er stellte sich die Welt vor wie ein riesiges Uhrwerk, in dem jedes Teilchen aufs andere einwirkt, ohne dadurch selbst verändert zu werden. Die Materie ist fundamental träge und passiv. Sie bewegt sich nur, wenn ein äußerer Impuls sie anstößt. Einmal angestoßen, läuft das Uhrwerk im immergleichen Zyklus und kennt damit keine wirkliche Entwicklung und Veränderung. Diese Auffassung, so materialistisch und deterministisch sie in der Erklärung der Naturgesetze war, implizierte einen vor der Natur existierenden Gott, der das Uhrwerk durch einen Erstimpuls in Bewegung setzte.<br><br>Dieser bürgerliche Materialismus, der angetreten war gegen die dogmatischen idealistischen Vorstellungen der Kirche von ewigen absoluten Wahrheiten, verfällt so letztlich selbst in die plattesten Abstraktionen. Er betrachtet die Dinge unabhängig von Raum und Zeit und damit als ewig gleichbleibend.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Abstrakter Mensch: Der Materialismus verkehrt sich in Idealismus</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Beschränktheit und die Inkonsequenz des mechanischen Materialismus wird umso schlagender, wo die Menschen und die Gesellschaft ins Spiel kommen. Hier rächt sich die ahistorische Auffassung und verkehrt den Materialismus vollends in Idealismus.<br><br>Als Materialisten erkannten sie den Menschen korrekterweise als Produkt und Teil der Natur. Die Ideen und das Verhalten der Menschen sind nur Produkt der Einwirkungen der äußeren, objektiven Welt auf die Sinne der Menschen. So erklärten sie: Die Menschen werden von den Umständen zu dem gemacht, was sie sind. Wenn die Menschen sich moralisch schlecht und unvernünftig verhalten? Dann müssen die Umstände verändert und nach den Geboten der Vernunft eingerichtet werden! «Religion, Naturanschauung, Gesellschaft, Staatsordnung, alles wurde der schonungslosesten Kritik unterworfen; alles sollte seine Existenz vor dem Richterstuhl der Vernunft rechtfertigen oder auf die Existenz verzichten.» (Engels) Das ist der unverkennbar revolutionäre Charakter dieser Auffassung zu einer Zeit, als der entstehende Kapitalismus gegenüber dem Feudalismus den historischen Fortschritt bedeutete und die Bourgeoisie damit effektiv noch revolutionär war.<br><br>Aber hier verstrickte sich der bürgerliche Materialismus in einen für ihn unlösbaren Widerspruch. In seiner mechanischen, undialektischen Auffassung existiert der Mensch nur als passives und isoliertes Objekt der Natur, nicht als arbeitendes und in der Geschichte handelndes gesellschaftliches Wesen. Aber isolierte Menschen hat es nie gegeben und, wie Franz Mehring erklärt, müssen wir nicht nur davon ausgehen, dass die Menschen in der Natur, sondern auch in der Gesellschaft leben. Der bürgerliche Materialismus konnte nicht verstehen, dass diese «Umstände», die den Menschen prägen und die er zu seinem Ausgangspunkt der Kritik machte, gesellschaftliche Umstände sind, die geschichtlich entstanden sind und von den arbeitenden Menschen selbst hervorgebracht werden.<br><br>Die Frage, welche Gesetzmäßigkeiten die Geschichte regieren, musste von diesem Standpunkt aus ein unlösbares Rätsel bleiben. Wenn die Menschen passive Objekte der Natur und der Umstände sind, wenn diese Umstände einfach fertig gegeben sind (man weiß nicht von wem und woher), wie können diese Umstände dann kritisiert und verändert werden? Dem bürgerlichen Materialismus blieb nur die Flucht ins losgelöste Reich der Ideen: Es galt, durch die Vernunft zu erkennen, wie «gute» und «gerechte» gesellschaftliche Einrichtungen auszusehen haben und die Erziehung der Menschen entsprechend zu verändern. Über die materielle, gesellschaftliche Grundlage seiner eigenen Gebote der Moral und der Vernunft wusste dieser inkonsequente Materialismus nicht das Geringste zu sagen. Gestartet vom fundamental materialistischen Standpunkt, dass die Menschen Produkt ihrer Umstände sind, landete der bürgerliche Materialismus wieder auf dem Kopf und erklärte, dass die Ideen der Antrieb der Geschichte sind – also beim Idealismus.</p>
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		<title>Die Entstehung des philosophischen Materialismus</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Martin Kohler]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 17 Feb 2022 13:43:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Dialektischer Materialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
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<p class="wp-block-paragraph">Der dialektische Materialismus, die Philosophie des Marxismus, steht am höchsten Punkt einer langen Entwicklung der Philosophie. Um seine revolutionäre Bedeutung zu verstehen, müssen wir seine Geschichte verstehen. Teil 1: Die Ursprünge des Materialismus im antiken Griechenland</p>



<figure class="wp-block-image size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="700" height="466" src="https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/04/mue.jpg" alt="" class="wp-image-1741" srcset="https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/04/mue.jpg 700w, https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/04/mue-300x200.jpg 300w" sizes="(max-width: 700px) 100vw, 700px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Die Arbeiterklasse braucht eine klare und konsistente Auffassung ihrer historischen Aufgaben und Ziele: dem Sturz des Kapitalismus und dem Aufbau einer sozialistischen Planwirtschaft. Das erfordert ein wissenschaftliches, das heißt, ein konsequent materialistisches Verständnis der Natur und der Gesellschaft. Die Bourgeoisie in ihrer gegenwärtigen Phase des Niedergangs verbreitet dagegen in allen Bereichen des Lebens Ideen, deren philosophische Grundlage der Idealismus ist. Jede Form des Idealismus stellt einen Rückfall in den Mystizismus längst vergangener Zeiten dar, verschleiert die wirklichen Verhältnisse und ist ein Hindernis für den Fortschritt der Menschheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Klassenkampf zwischen dem gesellschaftlichen Fortschritt und dem Niedergang, zwischen der Arbeiterklasse und der Bourgeoisie, ist in vollem Gange – auch auf der ideologischen Ebene. Um diesen Kampf zu gewinnen und die Menschheit von den Fesseln der Klassengesellschaft zu befreien, brauchen wir größte Klarheit und ein Verständnis des philosophischen Kerns der gegenüberstehenden Ideen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Materialismus und Idealismus</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Geschichte der Philosophie war seit ihrer Entstehung im antiken Griechenland geprägt vom Kampf zwischen ihren beiden sich unvereinbar widersprechenden Hauptrichtungen: dem Materialismus und dem Idealismus. Materialismus und Idealismus geben direkt entgegengesetzte Antworten auf das, was Friedrich Engels die «große Grundfrage aller Philosophie» nannte, jene «nach dem Verhältnis zwischen Denken und Sein»: «Was ist das Ursprüngliche, der Geist oder die Natur?».</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der philosophische Materialismus erklärt, dass die Realität materiell ist. Die Materie (die Natur) bringt das Denken (den «Geist») hervor, nicht umgekehrt. Die Natur existiert objektiv außerhalb und unabhängig des Denkens der Menschen. Das Denken ist ein Produkt der Materie auf besonders hoher Entwicklungsstufe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Idealismus basiert auf den umgekehrten Annahmen: Der Geist existiert vor der Natur und damit unabhängig von der materiellen Welt. Der Geist erschafft die Welt. Egal mit welchem Begriff die Philosophen diesen Geist bezeichnen, ist dies letztlich der religiöse Glauben an eine übernatürliche Macht, einen Gott.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der dialektische Materialismus, die Philosophie des Marxismus, steht am Ende und höchsten Punkt einer langen Entwicklung des Fortschritts der Wissenschaft und der Philosophie. Mit ihm erst hat es der Materialismus zu seiner vollen Reife gebracht und die letzten Überreste des idealistischen Mystizismus überwunden zugunsten einer konsequent wissenschaftlichen Herangehensweise. Um ihn zu verstehen, müssen wir die Geschichte der Philosophie kennen. Dazu gehört auch ein Blick auf seine Ursprünge.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Spontaner Materialismus vs. Magie und Religion</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Ideen und Denkweisen der Menschen fallen nicht vom Himmel, sie sind das Produkt der Gesellschaft auf einer bestimmten Entwicklungsstufe. Das philosophische Denken konnte, wie wir gleich zeigen werden, erst mit dem Anbruch der Zivilisation und der damit verbundenen Klassengesellschaft entstehen. Die Keime des späteren philosophischen Gegensatzes von Materialismus und Idealismus finden sich allerdings schon im primitiven Denken der Menschen auf niedereren Entwicklungsstufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf der einen Seite enthält schon das Denken in urkommunistischen Stammesgesellschaften einen spontanen, naiven Materialismus. Dieser spontane Materialismus erwächst aus der kollektiven menschlichen Praxis der Bearbeitung der Natur zur Bedürfnisbefriedigung und ist entsprechend tief in den Vorstellungen der Menschen verankert. Der Großteil allen menschlichen Handelns basiert auf der (unbewussten) Annahme, dass die Welt objektiv außer uns existiert und gegenüber unserem Denken primär ist. Und diese Annahme wird uns durch unsere alltägliche Praxis immer wieder aufs Neue bestätigt. Durch die Erfahrungen der Menschen in den millionenfachen Wiederholungen der gleichen Handlungen entsteht wirkliches Wissen über die Eigenschaften und die Prozesse der Natur. Das ist die durchgängige Grundlage jedes Materialismus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieses wirkliche Wissen der Menschen wächst in dem Grad, wie die Menschen die Mittel entwickeln, die Natur effektiv ihrer Kontrolle zu unterwerfen. Doch hier kommt die Gegenseite: Primitive Menschen beherrschen durch ihre Arbeit erst einen sehr kleinen Teil der Vorgänge in der Natur. Sie sind umgeben von Unkontrollierbarem und damit Unbekanntem und Rätselhaftem. Als Platzhalter für das fehlende Wissen durch die fehlende Beherrschung der Natur tritt die Annahme, dass größere, übernatürliche Kräfte existieren und die Naturvorgänge und das Schicksal der Menschen bestimmen. Magie ist der Versuch von primitiven Völkern, durch Rituale an diese Kräfte zu appellieren und von den Naturkräften die Resultate zu erhoffen, zu der die Menschen noch nicht im Stande sind, durch ihre eigene Tätigkeit zu kommen. Das ist die Grundlage für das mystische, irrationale Denken, das nicht auf wirklichem Wissen der objektiven Welt basiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf höherer Entwicklungsstufe, mit dem Übergang von der urkommunistischen Wildheit zur Barbarei, nimmt auch dieses mystische Denken eine höhere Form an: die Religion. Die Naturkräfte werden nun in Göttern personifiziert, deren Gunst sich die Menschen durch Rituale und Abgaben erkaufen sollten – ein Spiegel der auf der Stufe der Barbarei entstehenden sozialen Ungleichheiten.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Materielle Grundlage für die Entstehung der Philosophie</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Übergang von der Bronzezeit zur Eisenzeit in Teilen des Mittelmeerraumes markiert den Übergang von der Barbarei zur Zivilisation. Es entstand eine Klassengesellschaft, die erstmals wesentlich auf der Sklaverei zur Warenproduktion und der Geldwirtschaft basierte. Im Rahmen der umfassenden Umwälzungen in der Wirtschaft und Gesellschaft erhoben sich eine Reihe griechischer Stadtstaaten zu florierenden Handelszentren – und mit diesen entstand eine neue Klasse von unabhängigen Händlern, die eng verbunden war mit den Schiffbauern und -besitzern, Seefahrern, Handwerkern und Financiers.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese aufstrebende Klasse und ihre Bedürfnisse waren die treibende, revolutionierende Kraft der entstehenden Zivilisation des antiken Griechenland, mit Auswirkungen auf alle Felder der Gesellschaft: der Technologie, der Wissenschaft, dem Denken, der Kunst und nicht zuletzt der Politik. Diese neue Mittelklasse, die ihren Reichtum auf den Handel und mobiles Eigentum und nicht auf den Boden stützte, forderte die politische Herrschaft der Aristokratie der Grundeigentümer heraus. Wo sie siegreich war, resultierten aus den turbulenten Klassenkämpfe und Revolutionen unter anderem die ersten Formen der Demokratie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf der Grundlage dieser Umwälzungen entstanden auch die Bedingungen für eine neue Form des Denkens: der Philosophie. Die Erfordernisse des Handels befruchteten das mathematische und damit das abstrakte Denken in Verallgemeinerungen und Beziehungen, was die Grundlage des philosophischen Denkens bildet. Und mit der Entstehung der Klassengesellschaft kam ein Teil der herrschenden Klasse in die Lage, von der Arbeit anderer leben zu können und sich nicht selbst um die materielle Bedürfnisbefriedigung kümmern zu müssen. Sie hatte Zeit zum Denken und wissenschaftlichen Forschen.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Materialismus: Philosophie des Fortschritts</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die entstehende Philosophie war beeinflusst und angetrieben von den neuen Bedürfnissen und Fortschritten der aufstrebenden städtischen Händlerklasse, die im Gegensatz standen zu den religiösen Anschauungen der Landaristokratie. Wie Novack in seinem hervorragenden The Origins of Materialism erklärt, musste die Philosophie deshalb notwendigerweise zunächst eine materialistische Form annehmen: Sie entstand in der Abgrenzung zur Magie und Religion der Wildheit und Barbarei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die ersten Philosophen in den ionischen Städten, ab dem 6. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung, waren «Naturphilosophen» (Thales, Anaximander, Anaximenes, Heraklit). Sie suchten nach den Ursachen und Erklärungen der Dinge in der Natur selbst und strebten nach der Erkenntnis von Gesetzmäßigkeiten der Natur durch Beobachtung der sich wiederholenden Ereignisse. Für Thales war alles Bestehende auf das materielle Element Wasser zurückzuführen. Für die Atomisten, die nächste Generation griechischer Materialisten, erklärten sich alle Dinge aus den unendlichen Kombinationen von Atomen (unteilbaren kleinsten Teilchen) im leeren Raum. Alle Bewegung und Veränderung erklärt sich aus diesem Zusammenspiel, Bewegung hat immer existiert und hat keinen höheren (göttlichen) Zweck und keine Vorbestimmung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Selbst wenn ideologische Altlasten wie Götter auch bei diesen Naturphilosophen mitgeschleppt wurden, zeichnete sich ihre Philosophie gerade dadurch aus, dass ihre Erklärungen ohne Rückgriff auf die Aktionen oder das Wirken übernatürlicher Kräfte auskommen. Diese materialistische Methode, die sich in der Untersuchung der objektiven Realität nur auf die Vernunft stützt, ist die Basis jeder Wissenschaft.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Idealismus: Ausdruck der Reaktion</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ebenso wie sich die demokratische Bewegung der Händler und Handwerker nicht langfristig gegen die Oligarchen der grundbesitzenden Sklavenaristokratie durchsetzte, ebenso setzte sich der Materialismus letztlich nicht gegen den Idealismus durch.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Blüte der antiken griechischen Philosophie war der Idealismus in der Linie, die von Sokrates über Platon zu Aristoteles führte. Sokrates war der Urheber dieser idealistischen Wende weg vom Materialismus. Statt die objektive Welt selbst zu erforschen, ging er dazu über, die Argumente und Aussagen der Menschen über die Natur zu untersuchen; statt wie die ionischen Naturphilosophen von der Natur und ihren Gesetzen zum menschlichen Denken und Handeln zu gehen, ging er den umgekehrten Weg: Die Welt wurde erklärt durch das Denken, nicht die Menschen durch die Entwicklung und die Gesetze der Natur. Die logische Konsequenz: Die Natur und die Menschheit werden erschaffen von einem übernatürlichen Geist, der vor der natürlichen Welt existierte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Idealismus ist seinem Wesen nach eine Weiterführung der früheren, vor-zivilisatorischen Formen der Magie und der Religion in der neuen Form der philosophischen Kategorien der Vernunft. Die Idealisten waren der philosophische Ausdruck der oligarchischen Reaktion der sklavenhaltendenden Aristokratie, die zur Verteidigung oder Wiederherstellug ihrer Herrschaft gegen die demokratisierenden Tendenzen auf die Rehabilitierung der Religion angewiesen war.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Fortschritt im Rückschritt</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Fortschritt der Menschheit von der Ohnmacht gegenüber den Naturkräften zur Beherrschung der Natur ist gleichermaßen der Fortschritt vom Unwissen zum Wissen: Es ist der Prozess des Abstreifens des mystischen und religiösen Glaubens an übernatürliche Kräfte und des Voranschreitens zur Wissenschaft. In der Geschichte der Philosophie repräsentiert der Materialismus die Seite, die vom Mystizismus zur wissenschaftlichen Erkenntnis der wirklichen Welt drängt. Die grundlegenden Prämissen und letztlich die Schlussfolgerungen des Idealismus dagegen sind gänzlich unwissenschaftlich und repräsentieren eine Bremse in der Entwicklung der Menschen vom Unwissen und Spiritualismus zum wissenschaftlichen Verständnis der Natur und Gesellschaft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das heißt durchaus nicht, dass jeder Idealismus – derjenige in Griechenland sowenig wie später der Idealismus der Aufklärung – ausschließlich negative Auswirkungen auf den Fortschritt der Wissenschaft und des Wissen hatte. Einige seiner Denker, nicht zuletzt Aristoteles, gehören zu den Giganten der Menschheitsgeschichte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Fortschritt in der Geschichte ist keineswegs direkt und linear. Im Gegenteil, er ist überaus verschlungen und widersprüchlich. Die Geschichte der Menschheit arbeitet sich im Kampf und durch den Kampf entgegengesetzter Kräfte auf ein höheres Niveau. So auch in der Philosophie. Sokrates untersuchte den Menschen und rückte die Gesellschaft in den Mittelpunkt. Er und die Idealisten waren damit die Pioniere der wissenschaftlichen Erforschung der Gesellschaft und der Politik. Und ihr Fokus aufs Denken machte sie zu Meistern der Untersuchung des menschlichen Denkens und dessen Gesetzmäßigkeiten: der Logik, die von Aristoteles zuerst systematisch ausgearbeitet wurde. Auf dialektische Weise trugen sie damit zweifellos zum Fortschritt bei. Die Idealisten entwickelten gerade dank ihres verkehrten und einseitigen Fokus auf die Ideen das, was der damalige unreife Materialismus mit seinem einseitigen Fokus auf die Natur zu entwickeln noch nicht vermochte.</p>



<p class="has-medium-font-size wp-block-paragraph"><strong>Konsequenter Materialismus</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Idealismus siegte in der griechischen Philosophie, weil er sich auf die mächtige herrschende Klasse der Sklavenaristokratie stützen konnte. In seiner Verbindung mit der christlichen Religion wurde er zur dominierenden Kraft Europas für die ganze Epoche des Mittelalters. Der Materialismus erlebte erst mit der Renaissance und dem Anbruch der bürgerlichen Gesellschaft seine Wiedergeburt auf höherer Ebene; wiederum als ideologischer Ausdruck einer neuen aufstrebenden, revolutionären Klasse von bürgerlichen Händlern und Handwerkern. Und wiederum wird es die beste Tradition des Idealismus sein, die sich den Schwächen und Einseitigkeiten des bürgerlichen Materialismus annimmt und damit dem Materialismus der nächsten aufstrebenden Klasse – dem Proletariat – den Boden bereiten wird: dem dialektischen Materialismus von Marx und Engels, der höchsten Blüte der gesamten Entwicklung der Philosophie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Kapitalismus in seiner Phase des Niedergangs braucht die Arbeiterklasse, und insbesondere ihre Speerspitze von bewussten und organisierten RevolutionärInnen, die Waffe des dialektischen Materialismus. Nur mit felsenfester ideologischer Klarheit ist der Kampf gegen die Bourgeoisie und ihren Idealismus zu gewinnen, die heute jede fortschrittliche Kraft verloren haben und einzig und alleine reaktionär geworden sind. Was den dialektischen Materialismus zum ersten konsequenten Materialismus macht, werden wir in einem nächsten Teil anschauen.</p>
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