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	<title>Historischer Materialismus Archives -</title>
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	<title>Historischer Materialismus Archives -</title>
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		<title>Einführung in den Historischen Materialismus</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Alan Woods]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 11 Jan 2025 08:00:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Bildungsmappe HistoMat]]></category>
		<category><![CDATA[Historischer Materialismus]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Teil 1: Was ist Geschichte? Teil 2: Stufen der historischen Entwicklung  Teil 3: Sklaverei und die asiatische Produktionsweise Teil 4: Feudalismus und Kapitalismus Teil 5: Sozialismus und Kommunismus Teil 1 [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[		<div data-elementor-type="wp-post" data-elementor-id="4638" class="elementor elementor-4638" data-elementor-post-type="post">
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									<p><a href="#Teil1">Teil 1: Was ist Geschichte?</a></p><p><a href="#Teil2">Teil 2: Stufen der historischen Entwicklung </a></p><p><a href="#Teil3">Teil 3: Sklaverei und die asiatische Produktionsweise</a></p><p><a href="#Teil4">Teil 4: Feudalismus und Kapitalismus</a></p><p><a href="#Teil5">Teil 5: Sozialismus und Kommunismus</a></p>								</div>
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					<h2 class="elementor-heading-title elementor-size-default">Teil 1</h2>				</div>
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									<p>Marxisten sehen Geschichte nicht als eine bloße Reihe isolierter Fakten, sondern sie versuchen die allgemeinen Prozesse und Gesetze, welche Natur und Gesellschaft beherrschen, zu entdecken. Die erste Bedingung für die Wissenschaft im Allgemeinen ist, dass wir in der Lage sind über das Einzelne hinwegschauen und beim Allgemeinen angelangen. Die Vorstellung, dass die menschliche Geschichte nicht von Gesetzen bestimmt wird, widerspricht jeglicher Wissenschaft.</p><h3>Was ist Geschichte?</h3><p>Das gesamte Universum, von den kleinsten Partikeln bis zu den entferntesten Galaxien, sowie der Evolutionsprozess aller Lebewesen sind von Gesetzmäßigkeiten bestimmt. Warum sollte das aus irgendeinem seltsamen Grund nicht auch für unsere eigene Geschichte gelten? Die marxistische Methode analysiert die verborgenen Triebkräfte, die der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft von den ersten Stammesgesellschaften bis zur heutigen Zeit zugrunde liegen. Die Art und Weise, mit der der Marxismus diesen verschlungenen Weg nachzeichnet, nennt sich materialistische Geschichtsauffassung.</p><p> </p><p>Diejenigen, die die Existenz jeglicher Gesetze, die die gesellschaftliche Entwicklung der Menschheit beherrschen, ablehnen, betrachten die Geschichte unweigerlich von einem subjektiven und moralistischen Standpunkt aus. Doch um mehr als nur isolierte Fakten betrachten zu können, ist es notwendig, die allgemeinen Tendenzen und die Übergänge von einem Gesellschaftssystem zum nächsten zu erkennen sowie die grundlegenden Triebkräfte herauszuarbeiten, die diese Übergänge bestimmen.</p><p> </p><p>Vor Marx und Engels wurde die Geschichte von den meisten Menschen als eine Reihe von zusammenhangslosen Ereignissen – oder, um einen philosophischen Ausdruck zu benutzen, von »Zufällen« – betrachtet. Für diese These gab es keine allgemeine Erklärung, die über die Entfaltung eines göttlichen Plans hinausreichte; Geschichte hatte schlichtweg keine inneren Gesetzmäßigkeiten.</p><p> </p><p>Indem Marx und Engels herausarbeiteten, dass die gesamte menschliche Entwicklung im Grunde von der Entwicklung der Produktivkräfte abhängt, stellten sie das Studium der Geschichte erstmals auf eine wissenschaftliche Grundlage.</p><p> </p><p>Diese wissenschaftliche Methode ermöglicht es uns, Geschichte nicht als Aneinanderreihung zusammenhangsloser und unvorhersehbarer Ereignisse zu verstehen, sondern vielmehr als Teil eines Prozesses, der konkret verstanden werden kann und dessen Einzelteile miteinander verknüpft sind. Geschichte besteht aus einer Abfolge von Aktionen und Reaktionen, welche die Politik, die Wirtschaft und das gesamte Spektrum der gesellschaftlichen Entwicklung umfasst. Es ist die Aufgabe des Historischen Materialismus, die komplexe dialektische Beziehung zwischen all diesen Phänomenen offenzulegen. Die Menschheit verändert durch Arbeit ständig die Natur – und verändert sich dadurch selbst.</p><h3>Eine Karikatur des Marxismus</h3><p>Je näher sich die einzelnen Gebiete der Wissenschaft mit der Analyse der Gesellschaft befassen, desto stärker tendieren sie im Kapitalismus dazu, ihren wissenschaftlichen Anspruch zu verlieren. Die sogenannten Sozialwissenschaften (Soziologie, Ökonomie, Politik) und die bürgerliche Philosophie bedienen sich in der Regel keiner wirklich wissenschaftlichen Methoden. Sie enden daher als verkappter Versuch, den Kapitalismus zu legitimieren oder zumindest den Marxismus zu diskreditieren – was letztlich auf dasselbe hinausläuft.</p><p> </p><p>Trotz der »wissenschaftlichen« Ansprüche der bürgerlichen Historiker spiegelt sich in der Geschichtsschreibung zwangsläufig ein Klassenstandpunkt wider. Es ist allseits bekannt, dass die Geschichte von Kriegen – auch die von Klassenkriegen – von den Siegern geschrieben wird. Mit anderen Worten: Auswahl und Interpretation der Ereignisse werden vom Ausgang gesellschaftlicher Konflikte geprägt, die auch den Historiker und seine Einschätzung der Erwartungen seiner Leserschaft beeinflussen. Letztendlich werden diese Vorstellungen immer von den Interessen einer gesellschaftlichen Klasse oder Schicht beeinflusst sein.</p><p> </p><p>Wenn Marxisten die Gesellschaft betrachten, geben sie nicht vor, neutral zu sein, sondern unterstützen offen die Interessen der ausgebeuteten und unterdrückten Klassen. Das schließt wissenschaftliche Objektivität jedoch keineswegs aus. Ein Chirurg, der eine komplizierte Operation durchführt, ist der Rettung des Lebens seines Patienten verpflichtet. Er verhält sich keinesfalls neutral zum Ergebnis seiner Handlung. Doch gerade deshalb unterscheidet er ausgesprochen genau zwischen den verschiedenen Schichten des Organismus. Aus demselben Grund sind Marxisten bestrebt, eine genaue wissenschaftliche Analyse gesellschaftlicher Prozesse zu erlangen, um deren Ausgang erfolgreich mitbestimmen zu können.</p><p> </p><p>Sehr oft wird versucht, den Marxismus zu diskreditieren, indem dessen Methode der historischen Analyse entstellt wird. Nichts ist einfacher, als einen Strohmann aufzustellen, um ihn dann wieder umzustoßen. Die übliche Verzerrung lautet, Marx und Engels hätten »alles auf die Ökonomie reduziert«. Diese mechanische Karikatur hat mit dem Marxismus nichts gemein. Wenn das tatsächlich der Fall wäre, wären wir von der mühsamen Notwendigkeit befreit, für die Veränderung der Gesellschaft zu kämpfen. Der Kapitalismus würde zusammenbrechen und die neue Gesellschaft würde von selbst dessen Platz einnehmen, so wie einem schlafenden Mann unter einem Baum ein reifer Apfel in den Schoß fällt. Doch der historische Materialismus hat nichts mit Fatalismus [eine Vorstellung nach der die Menschen keine bewusste Rolle in der Geschichte spielen, sondern sich passiv ihrem Schicksal fügen müssen (lat. fatalis, d. h. das Schicksal betreffend).] zu tun.</p><p> </p><p>Diese offensichtliche Absurdität wurde bereits von Friedrich Engels im folgenden Auszug aus einem Brief an Bloch beantwortet:</p><blockquote id="eins"><p>»Nach materialistischer Geschichtsauffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte die Produktion und Reproduktion des wirklichen Lebens. Mehr hat weder Marx noch ich je behauptet. Wenn nun jemand das dahin verdreht, das ökonomische Moment sei das einzig bestimmende, so verwandelt er jenen Satz in eine nichtssagende, abstrakte, absurde Phrase.«<a href="#1"><sup>[1]</sup></a></p></blockquote><p>In der Heiligen Familie, die vor dem Kommunistischen Manifest geschrieben wurde, verhöhnten Marx und Engels die Idee, Geschichte würde unabhängig von einzelnen Menschen gemacht werden, und erklärten, dies sei lediglich eine leere Abstraktion:</p><blockquote id="zwei"><p>»Die Geschichte tut nichts, sie ›besitzt keinen ungeheuren Reichtum‹, sie ›kämpft keine Kämpfe‹! Es ist vielmehr der Mensch, der wirkliche, lebendige Mensch, der das alles tut, besitzt und kämpft; es ist nicht etwa die ›Geschichte‹, die den Menschen zum Mittel braucht, um ihre – als ob sie eine aparte Person wäre – Zwecke durchzuarbeiten, sondern sie ist nichts als die Tätigkeit des seine Zwecke verfolgenden Menschen.«<a href="#2"><sup>[2]</sup></a></p></blockquote><p>Der Beitrag des Marxismus besteht darin, die Rolle des Individuums als Teil der jeweiligen Gesellschaft zu erklären – in Abhängigkeit von bestimmten objektiven Gesetzen und letztlich als Vertreter der Interessen einer bestimmten Klasse. Ideen besitzen weder unabhängige Existenz, noch ihre eigenständige historische Entwicklung. <q id="drei">»Nicht das Bewusstsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewusstsein«</q><a href="#3"><sup>[3]</sup></a>, schreiben Marx und Engels in der Deutschen Ideologie.</p><h3>Freier Wille?</h3><p>Die Ideen und Handlungen der Menschen sind durch die gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmt, deren Entwicklung nicht vom subjektiven Willen der Menschen abhängig ist, sondern sich nach bestimmten Gesetzen vollzieht. Diese gesellschaftlichen Verhältnisse reflektieren letztendlich die Notwendigkeit der Entwicklung der Produktivkräfte. Die Wechselbeziehungen zwischen diesen Faktoren bilden ein komplexes Netz, das oft nur schwer erkennbar ist. Das Studium dieser Beziehungen ist die Grundlage der marxistischen Geschichtstheorie.</p><p> </p><p>Menschen sind keine Marionetten »blinder historischer Kräfte«. Doch sie sind genauso wenig völlig freie Akteure, die ihr Schicksal ungeachtet der bestehenden Bedingungen gestalten können, die durch den Stand der wirtschaftlichen Entwicklung, der Wissenschaft und Technik vorgegeben sind. Diese Bedingungen entscheiden letztendlich, ob ein sozioökonomisches System lebensfähig ist oder nicht. Im Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte schreibt Marx:</p><blockquote id="vier"><p>»Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorhandenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden.«<a href="#4"><sup>[4]</sup></a></p></blockquote><p>Später drückte Engels den gleichen Gedanken auf eine andere Art aus:</p><blockquote id="fünf"><p>»Die Menschen machen ihre Geschichte, wie diese auch immer ausfalle, indem jeder seine eignen, bewusst gewollten Zwecke verfolgt, und die Resultate dieser vielen in verschiedenen Richtungen agierenden Willen und ihrer mannigfachen Einwirkung auf die Außenwelt ist eben die Geschichte.«<a href="#5"><sup>[5]</sup></a></p></blockquote><p>Was der Marxismus damit behauptet – und das kann wohl niemand bestreiten – ist, dass die Lebensfähigkeit eines bestimmten sozioökonomischen Systems letztlich durch dessen Fähigkeit bestimmt ist, die Produktionsmittel zu entwickeln, d. h. die materiellen Grundlagen, auf denen die Gesellschaft, die Kultur und die Zivilisation aufgebaut sind.</p><p> </p><p>Die Vorstellung, dass die Entwicklung der Produktivkräfte die Grundlage aller gesellschaftlichen Entwicklung bildet, ist eine derart selbstverständliche Wahrheit, und es überrascht, dass diese von einigen Menschen immer noch in Frage gestellt wird. Es bedarf keinen herausragenden Intellekt, um zu verstehen, dass Menschen, bevor sie Kunst, Wissenschaft, Religion oder Philosophie entwickeln können, zunächst einmal Nahrung zum Essen, Kleidung zum Anziehen und Häuser zum Wohnen benötigen. All diese Dinge müssen auf die ein oder andere Art von jemandem produziert werden. Und es ist ebenso offensichtlich, dass die Lebensfähigkeit eines jeden sozioökonomischen Systems durch die Fähigkeit, genau dies zu tun, bestimmt wird. Im Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie erklärt Marx die Beziehung zwischen den Produktivkräften und dem »Überbau« wie folgt:</p><blockquote id="sechs"><p>»In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewusstseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess überhaupt. Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.«<a href="#6"><sup>[6]</sup></a></p></blockquote><p>Wie Marx und Engels wiederholt betonten, sind die Akteure der Geschichte sich nicht immer den Motiven bewusst, aus denen sie handeln. Sie greifen dann zu der einen oder anderen Rechtfertigung für ihr Handeln. Doch es existieren immer solche Motive, die ihre Grundlage in der realen Welt haben.</p><p> </p><p>Daraus lässt sich ablesen, dass der Verlauf und die Richtung der Geschichte von den Kämpfen gegensätzlicher gesellschaftlicher Klassen geprägt wurden und werden. Die Gesellschaft wird nach den unterschiedlichen Klasseninteressen und den daraus resultierenden Konflikten zwischen den Klassen geformt. Daran erinnert uns der erste Satz des Kommunistischen Manifests: »Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.« Der Historische Materialismus erklärt, dass der Klassenkampf die treibende Kraft der gesellschaftlichen Entwicklung ist.</p><h3>Marx und Darwin</h3><p>Unsere Spezies ist das Ergebnis eines sehr langen Evolutionsprozesses. Natürlich folgt die Evolution nicht einer Art großem Plan, mit dem Ziel, Wesen wie uns hervorzubringen. Bei der Evolution geht es nicht darum, einen vorherbestimmten Plan akzeptieren zu müssen, der in Zusammenhang mit einer göttlichen Intervention oder einer Art Teleologie [Teleologie (vom griechischen Wort telos, das wie das englische Wort end sowohl Ende als auch Zweck bedeutet) ist die Auffassung, dass alle Erscheinungen in der Natur, auch die Menschen, von einem Endzweck bestimmt sind.] steht. Es liegt allerdings auf der Hand, dass die der Natur innewohnenden Evolutionsgesetze tatsächlich die Entwicklung der Lebewesen – von einfachen zu komplexeren Formen – bestimmen.</p><p> </p><p>Lebewesen in ihrem frühesten Entwicklungsstadium enthalten bereits den Keim aller zukünftigen Entwicklungen in sich. Es ist möglich, die Entwicklung von Armen, Augen und anderen Organen zu erklären, ohne auf einen vorherbestimmten Plan zurückzugreifen. Ab einem gewissen Zeitpunkt in der evolutionären Entwicklung entstehen Lebewesen mit einem zentralen Nervensystem und einem Gehirn. Mit dem Homo sapiens erlangen wir schließlich menschliches Bewusstsein. Das heißt: Materie erlangt Bewusstsein über sich selbst. Es hat keine wichtigere Revolution seit der Entwicklung der organischen Materie (des Lebens) aus der anorganischen gegeben.</p><p> </p><p>Charles Darwin erklärte, dass Arten nicht in Stein gemeißelt sind: Sie haben eine Vergangenheit, eine Gegenwart und eine Zukunft; sie verändern und entwickeln sich. Auf die gleiche Art haben Marx und Engels erklärt, dass die jeweils vorherrschenden Gesellschaftssysteme nicht ewig existieren. Die Evolution zeigt, dass dieselben Lebensformen, die den Planeten für sehr lange Zeit dominierten, ausgestorben sind, sobald die materiellen Bedingungen, die ihren evolutionären Erfolg garantierten, sich verändert hatten. An die Stelle dieser ehemals dominanten Arten traten andere Lebewesen, die zuvor unbedeutend wirkten oder gar keine Überlebensaussichten zu haben schienen.</p><p> </p><p>Heute gilt die Idee der »Evolution« zumindest unter gebildeten Menschen als allgemein akzeptiert. Die Ideen von Darwin, so revolutionär sie zu seiner Zeit auch waren, werden als Allgemeinplatz anerkannt. Jedoch wird die Evolution gemeinhin als ein langsamer und stetiger Prozess – ohne Unterbrechungen oder plötzliche Umbrüche – verstanden. In der Politik wird diese Vorstellung oft als Argument verwendet, um den Reformismus zu rechtfertigen. Der wirkliche Mechanismus der Evolution bleibt für viele damit sogar heute noch ein Buch mit sieben Siegeln.</p><p> </p><p>Das ist kaum verwunderlich, denn Darwin selbst hat ihn nicht verstanden. Erst seit den 1970ern, mit den neuen Entdeckungen in der Paläontologie durch Stephen J. Gould, der die Theorie vom »unterbrochenen Gleichgewicht« (Punktualismus) entwickelte, wurde nachgewiesen, dass die Evolution kein gradueller Prozess ist. In der Evolution gibt es lange Zeiträume, in denen man keine großen Veränderungen beobachten kann. Doch ab einem bestimmten Punkt wird diese Entwicklungslinie durch eine Explosion durchbrochen. Dabei handelt es sich um eine wahrhafte biologische Revolution, die durch das Massenaussterben der einen und dem raschen Aufstieg anderer Arten charakterisiert ist.</p><p> </p><p>Wir sehen analoge Prozesse beim Aufstieg und Untergang diverser sozioökonomischer Systeme. Dabei handelt es sich beim Vergleich zwischen Gesellschaft und Natur natürlich immer nur um eine Annäherung. Doch selbst die oberflächlichste Untersuchung der Geschichte zeigt, dass man mit einer graduellen Interpretation nicht weiterkommt. Wie die Natur kennt auch die Gesellschaft lange Perioden langsamer und allmählicher Veränderungen, aber auch hier wird dieser Ablauf durch explosive Entwicklungen, wie Kriege und Revolutionen, unterbrochen, in denen sich der Veränderungsprozess enorm beschleunigt. In der Tat sind genau diese Ereignisse die Triebkraft der historischen Entwicklung. Die eigentliche Ursache für eine Revolution ist die Tatsache, dass ein bestimmtes sozioökonomisches System an seine Grenzen gestoßen ist und die Produktivkräfte nicht mehr so entwickeln kann wie bisher.</p><p> </p><p>Die Geschichte hat uns mehr als einmal gezeigt, wie scheinbar mächtige Staaten innerhalb kürzester Zeit zusammengebrochen sind. Außerdem liefert sie auch viele Beispiele, wie politische, religiöse und philosophische Auffassungen, die zuvor geächtet wurden, plötzlich zur allgemein anerkannten Weltanschauung einer neuen revolutionären Kraft werden konnte, die die alte Gesellschaft verdrängte. Die Tatsache, dass der Marxismus die Anschauung einer kleinen Minderheit in dieser Gesellschaft ist, ist daher kein Grund zur Sorge. Jede große Idee wurde zu Beginn immer als verrückter Irrglaube abgetan, das trifft heute auf den Marxismus genauso zu wie vor 2000 Jahren auf das Christentum.</p><p> </p><p>Die »evolutionären Anpassungen«, die es der Sklavenhaltergesellschaft ermöglichten, die Barbarei abzulösen – und dem Feudalismus wiederum, die Sklavenhaltergesellschaft zu ersetzen – schlugen letztlich in ihr Gegenteil um. Heutzutage sind die Merkmale, die es dem Kapitalismus ermöglichten, den Feudalismus abzulösen und zur vorherrschenden Gesellschaftsformation zu werden, zu Ursachen für seinen Verfall geworden. Der Kapitalismus weist alle Symptome eines Gesellschaftssystems im Zustand des endgültigen Niedergangs auf. In vielerlei Hinsicht ähnelt dies der Periode des Niedergangs des Römischen Reiches, wie er von Edward Gibbon beschrieben wurde. In der Periode, die sich vor uns entfaltet, steuert das kapitalistische System auf seinen Untergang zu.</p><h3>Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft</h3><p>Wenn man die Methoden des dialektischen Materialismus auf die Geschichte anwendet, wird einem sofort bewusst, dass die menschliche Geschichte ihre eigenen Gesetze hat, und dass es demzufolge möglich ist, sie als einen Prozess zu verstehen. Aufstieg und Niedergang verschiedener Gesellschaftsformationen lassen sich wissenschaftlich auf deren Fähigkeit – oder deren Unvermögen – zurückführen, die Produktivkräfte zu entwickeln und damit die menschliche Kultur und die zunehmende Beherrschung der Natur durch den Menschen voranzutreiben.</p><p> </p><p>Doch welche Gesetze bestimmen den historischen Wandel? Genau wie die Evolution des Lebens eigene Gesetze hat, die verstanden werden können und zuerst von Darwin und in jüngster Zeit durch die schnellen Fortschritte in der Genetik erklärt wurden, so hat auch die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft ihre eigenen Gesetze, die von Marx und Engels erklärt wurden. In der Deutschen Ideologie erklärten Marx und Engels:</p><blockquote id="sieben"><p>»Die erste Voraussetzung aller Menschengeschichte ist natürlich die Existenz lebendiger menschlicher Individuen. Der erste zu konstatierende Tatbestand ist also die körperliche Organisation dieser Individuen und ihr dadurch gegebenes Verhältnis zur übrigen Natur. (…) Man kann die Menschen durch das Bewusstsein, durch die Religion, durch was man sonst will, von den Tieren unterscheiden. Sie selbst fangen an, sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produzieren, ein Schritt, der durch ihre körperliche Organisation bedingt ist. Indem die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, produzieren sie indirekt ihr materielles Leben selbst.«<a href="#7"><sup>[7]</sup></a></p></blockquote><p>Im Anti-Dühring, der deutlich später geschrieben wurde, liefert uns Engels eine tiefgreifendere Formulierung dieses Gedankens. Hier haben wir eine brillante und bündige Darlegung der Grundprinzipien des Historischen Materialismus:</p><blockquote id="acht"><p>»Die materialistische Anschauung der Geschichte geht von dem Satz aus, dass die Produktion, und nächst der Produktion der Austausch ihrer Produkte, die Grundlage aller Gesellschaftsordnung ist; dass in jeder geschichtlich auftretenden Gesellschaft die Verteilung der Produkte, und mit ihr die soziale Gliederung in Klassen oder Stände, sich danach richtet, was und wie produziert und wie das Produzierte ausgetauscht wird. Hiernach sind die letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Umwälzungen zu suchen nicht in den Köpfen der Menschen, in ihrer zunehmenden Einsicht in die ewige Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern in Veränderungen der Produktions- und Austauschweise (…)«<a href="#8"><sup>[8]</sup></a></p></blockquote><p>Im Gegensatz zu den Ideen der utopischen Sozialisten wie Robert Owen, Saint-Simon und Fourier beruht der Marxismus auf einer wissenschaftlichen Auffassung des Sozialismus. Er erklärt, dass der Schlüssel zur Entwicklung jeder Gesellschaft die Entwicklung der Produktivkräfte ist: menschliche Arbeit, Industrie, Landwirtschaft, Technik und Wissenschaft. Jedes neue Gesellschaftssystem – Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus und Kapitalismus – hat dazu beigetragen, die menschliche Gesellschaft durch die Entwicklung der Produktivkräfte voranzubringen.</p><p> </p><p>Die grundlegende Prämisse des Historischen Materialismus ist, dass die letztendliche Quelle der menschlichen Entwicklung die Entwicklung der Produktivkräfte ist. Dies ist eine sehr wichtige Schlussfolgerung, weil sie es uns ermöglicht, zu einer wissenschaftlichen Geschichtsauffassung zu gelangen. Der Marxismus sieht die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft über Millionen von Jahren als Fortschritt, da sie die Beherrschung der Natur durch den Menschen erhöht und so die materiellen Bedingungen schafft, wirkliche Freiheit für die Menschheit erreichen zu können. Diese Entwicklung verlief jedoch nie linear, wie es sich die viktorianischen [das Viktorianische Zeitalter ist nach der Regentschaft der britischen Königin Victoria von 1837–1901 benannt.] Intellektuellen (die eine vulgäre und undialektische Auffassung der Evolution hatten) fälschlicherweise vorstellten. Die Geschichte hat sowohl ihre aufsteigende als auch ihre absteigende Entwicklungslinie.</p><p> </p><p>Sobald man den materialistischen Standpunkt aufgegeben hat, bleibt als einzige Triebkraft der historischen Ereignisse nur die Rolle von Individuen, d. h. von »großen Männern und Frauen«. Mit anderen Worten: Das Einzige was uns bleibt, ist eine idealistische und subjektivistische Betrachtungsweise des historischen Prozesses. Das war der Standpunkt der utopischen Sozialisten, die trotz ihrer brillanten Einsichten und ihrer durchdringenden Kritik an der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung daran scheiterten, die grundlegenden Gesetze der historischen Entwicklung zu verstehen. Für sie war der Sozialismus nur eine »gute Idee«, etwas, das man sich auch schon vor eintausend Jahren oder eben so gut morgen früh hätte ausdenken können. Wäre der Sozialismus schon vor eintausend Jahren erfunden worden, hätte das der Menschheit viele Probleme erspart!</p><p> </p><p>Doch es ist unmöglich, die Geschichte zu verstehen, indem wir sie aus den subjektiven Interpretationen ihrer Akteure ableiten. Lasst uns ein Beispiel anführen: Die frühen Christen, die das Ende der Welt und die Wiederkunft Christi jeden Augenblick erwarteten, glaubten nicht an die Idee des Privateigentums. In ihren Gemeinden praktizierten sie eine Art Kommunismus (obwohl ihr Kommunismus zur utopischen Art gehörte, basierend auf dem Konsum und nicht auf der Produktion). Ihre frühen kommunistischen Experimente stellten eine gesellschaftliche Sackgasse dar und das konnte auch nicht anders sein, da die Entwicklung der Produktivkräfte zur damaligen Zeit keine wirklich kommunistische Gesellschaft zuließ.</p><p> </p><p>Zur Zeit der Englischen Revolution glaubte Oliver Cromwell leidenschaftlich, er kämpfe für das Recht jedes Einzelnen, seinen jeweiligen Glauben frei und gleichberechtigt praktizieren zu können. Doch der weitere Verlauf der Geschichte bewies, dass die Cromwellsche Revolution die entscheidende Etappe beim unvermeidlichen Aufstieg der englischen Bourgeoisie war. Der Entwicklungsstand der Produktivkräfte im England des 17. Jahrhunderts erlaubte keinen anderen Ausgang der Ereignisse.</p><p> </p><p>Die Führer der großen Französischen Revolution von 1789-93 kämpften unter dem Banner von »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit«. Sie glaubten, für eine Gesellschaftsordnung zu kämpfen, die auf den ewigen Gesetzen von Recht und Vernunft begründet ist. Doch unabhängig von ihren Absichten und Ideen bereiteten die Jakobiner den Weg für die Herrschaft der Bourgeoisie in Frankreich. Aus wissenschaftlicher Sicht war auch zu diesem Zeitpunkt kein anderes Ergebnis der gesellschaftlichen Entwicklung möglich.</p>								</div>
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					<h2 class="elementor-heading-title elementor-size-default">Teil 2</h2>				</div>
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									<h3>Etappen der historischen Entwicklung</h3><p>Genau genommen strebt die Menschheit ihre gesamte Geschichte hindurch danach, sich über das tierische Dasein zu erheben. Dieser lange Kampf begann vor sieben Millionen Jahren, als unsere entfernten menschlichen Vorfahren erstmals aufrecht stehen und ihre Hände für manuelle Arbeit nutzen konnten. Seitdem wurden durch die Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit – d.h. unserer Beherrschung der Natur – fortlaufend neue Phasen der gesellschaftlichen Entwicklung begründet.</p><p>Die menschliche Gesellschaft hat eine Reihe von Entwicklungsstufen durchlaufen, die sich deutlich voneinander unterscheiden. Jede dieser Stufen fußt auf einer bestimmten Produktionsweise, welche sich wiederum in einem bestimmten System gesellschaftlicher Verhältnisse ausdrückt. Diese äußern sich ferner in einer bestimmten gesellschaftlichen Sichtweise, Psychologie, Moral, Gesetzen und Religion.</p><p>Das Verhältnis zwischen der ökonomischen Basis der Gesellschaft und dem Überbau (Ideologie, Moral, Gesetze, Kunst, Religion, Philosophie etc.) ist nicht einfach und direkt, sondern hochkomplex und sogar widersprüchlich. Die unsichtbaren Fäden, welche die Produktivkräfte und die Klassenverhältnisse miteinander verbinden, spiegeln sich in den Köpfen der Menschen auf verworrene und verzerrte Weise wider. Zudem können Vorstellungen, die der urgeschichtlichen Vergangenheit entspringen, in der kollektiven Psyche fortleben und hartnäckig weiterbestehen, auch lange nachdem ihre reale Basis verschwunden ist. Die Religion ist ein gutes Beispiel dafür. Es handelt sich um eine dialektische Wechselbeziehung, die bereits Engels sehr deutlich herausgearbeitet hat:</p><blockquote id="neun"><p>»Was nun die noch höher in der Luft schwebenden ideologischen Gebiete angeht, Religion, Philosophie etc., so haben diese einen vorgeschichtlichen, von der geschichtlichen Periode vorgefundenen und übernommenen Bestand von – was wir heute Blödsinn nennen würden. Diesen verschiedenen falschen Vorstellungen von der Natur, von der Beschaffenheit des Menschen selbst, von Geistern, Zauberkräften etc. liegt meist nur negativ Ökonomisches zum Grunde; die niedrige ökonomische Entwicklung der vorgeschichtlichen Periode hat zur Ergänzung, aber auch stellenweise zur Bedingung und selbst Ursache, die falschen Vorstellungen von der Natur. Und wenn auch das ökonomische Bedürfnis die Haupttriebfeder der fortschreitenden Naturerkenntnis war und immer mehr geworden ist, so wäre es doch pedantisch, wollte man für all diesen urzuständlichen Blödsinn ökonomische Ursachen suchen.</p><p>Die Geschichte der Wissenschaften ist die Geschichte der allmählichen Beseitigung dieses Blödsinns, resp. seiner Ersetzung durch neuen, aber immer weniger absurden Blödsinn. Die Leute, die dies besorgen, gehören wieder besonderen Sphären der Teilung der Arbeit an und kommen sich vor, als bearbeiteten sie ein unabhängiges Gebiet. Und insofern sie eine selbständige Gruppe innerhalb der gesellschaftlichen Arbeitsteilung bilden, insofern haben ihre Produktionen, inkl. ihrer Irrtümer, einen rückwirkenden Einfluss auf die ganze gesellschaftliche Entwicklung, selbst auf die ökonomische.«<a href="#9"><sup>[9]</sup></a></p></blockquote><p>Und weiter:</p><blockquote id="zehn"><p>»Aber als bestimmtes Gebiet der Arbeitsteilung hat die Philosophie jeder Epoche ein bestimmtes Gedankenmaterial zur Voraussetzung, das ihr von ihren Vorgängern überliefert worden und wovon sie ausgeht. Und daher kommt es, dass ökonomisch zurückgebliebene Länder in der Philosophie doch die erste Violine spielen können.«<a href="#10"><sup>[10]</sup></a></p></blockquote><p>Ideologie, Traditionen, Moral, Religion etc. haben einen bedeutenden Einfluss auf die menschlichen Vorstellungen und Überzeugungen. Der Marxismus leugnet diese offensichtliche Tatsache nicht. Im Gegensatz zur Vorstellung der Idealisten ist das menschliche Bewusstsein sehr konservativ. Die meisten Menschen mögen keine Veränderungen, vor allem keine plötzlichen und gewaltsamen Veränderungen. Sie klammern sich an die Dinge, die sie kennen und woran sie sich gewöhnt haben: an die Ideen, Religionen, Institutionen, die Moral sowie die Führung und Parteien der Vergangenheit. Routine, Gewohnheiten und Bräuche lasten wie Blei auf den Schultern der Menschheit. Aus all diesen Gründen hinkt das Bewusstsein den Ereignissen hinterher.</p><p>Zu bestimmten Zeitpunkten jedoch zwingen große Ereignisse die Menschen dazu, ihre alten Überzeugungen und Anschauungen in Frage zu stellen. Sie werden aus ihrer alten, apathischen Gleichgültigkeit gerissen und gezwungen, die Realität anzuerkennen. In solchen Zeiten kann sich das Bewusstsein sehr schnell verändern. Das macht eine Revolution aus. Die gesellschaftliche Entwicklung, die über lange Zeit ziemlich konstant und stabil bleiben kann, wird durch Revolutionen unterbrochen, welche die notwendige Triebkraft für den menschlichen Fortschritt sind.</p><h3>Die frühe menschliche Gesellschaft</h3><p>Wenn wir uns den gesamten Verlauf der Menschheitsgeschichte einschließlich der Urgesellschaft ansehen, sticht zunächst die außergewöhnlich langsame Entwicklung unserer Spezies hervor. Die allmähliche Entwicklung von menschlichen oder menschenähnlichen Lebewesen, weg vom Tierreich hin zur tatsächlichen Menschwerdung, dauerte Millionen von Jahren. Der erste entscheidende Schritt war die Trennung der ersten Hominini (d.h. der mit dem Menschen eng verwandten Arten) von ihren affenähnlichen Vorfahren.</p><p>Der evolutionäre Prozess ist natürlich blind, d. h. er verfolgt kein objektives oder spezifisches Ziel. Unsere homininen Vorfahren fanden zuerst durch den aufrechten Gang, dann durch den Gebrauch von Werkzeugen mittels der Hände, und schließlich durch die Fertigung der Werkzeuge selbst, eine Nische, in der sie sich unter bestimmten Umweltbedingungen entwickeln konnten.</p><p>Vor zehn Millionen Jahren waren Affen die dominante Spezies auf dem Planeten. Es gab eine große Vielfalt von ihnen – Baumbewohner, Bodenbewohner und sehr viele Zwischenformen. Sie entwickelten sich rasch unter den vorherrschenden klimatischen Bedingungen, die eine perfekte tropische Umgebung schufen. Doch all das änderte sich. Vor ungefähr sieben oder acht Millionen Jahren starben die meisten dieser Arten aus. Der Grund dafür ist nicht bekannt.</p><p>Lange Zeit war die Erforschung der menschlichen Ursprünge von idealistischen Vorurteilen geprägt, die hartnäckig daran festhielten, dass unsere frühesten Vorfahren Menschenaffen mit einem großen Gehirn gewesen sein müssen, da der Hauptunterschied zwischen Menschen und Affen eben genau in diesem begründet sei. Die Theorie vom »großen Gehirn« dominierte die frühe Anthropologie völlig. Viele Jahrzehnte wurde erfolglos nach dem »fehlenden Bindeglied« (»missing link«) gesucht, das nach Überzeugung der Anthropologen ein fossiles Skelett mit einem großen Gehirn sein müsste, am Rest des Körpers allerdings affenähnliche Züge aufweist.</p><p>Sie waren so davon überzeugt, dass die wissenschaftliche Gemeinschaft voll und ganz auf eine der außergewöhnlichsten Fälschungen in der Wissenschaftsgeschichte hereinfiel. Am 18. Dezember 1912 wurden Teile eines fossilen Schädels und eines Kieferknochens als das »fehlende Bindeglied« der Öffentlichkeit präsentiert – der sogenannte Piltdown Mensch (benannt nach einem Dorf im Süden Englands). Dies wurde als große Entdeckung gefeiert. Aber 1953 enthüllte eine Gruppe englischer Wissenschaftler, dass es sich beim Piltdown Menschen um einen vorsätzlichen Betrug handelte. Anstatt fast eine Million Jahre alt zu sein, stellte sich heraus, dass die gefundenen Schädelfragmente gerade mal 500 Jahre alt waren und der Kiefer in Wirklichkeit der eines Orang-Utans war.</p><p>Warum ließ sich die Wissenschaftswelt so einfach an der Nase herumführen? Weil ihr etwas geboten wurde, das sie zu finden gehofft hatte: Einen frühen hominiden Schädel mit einem großen Gehirn. Tatsächlich war es der aufrechte Gang (Bipedalismus), und nicht die Größe des Gehirns, der die Hände für die Arbeit frei machte und der entscheidende Wendepunkt in der menschlichen Evolution darstellte.</p><p>Das wurde bereits von Engels in seinem brillanten Werk Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen vorweggenommen. Der berühmte amerikanische Paläontologe Stephen Jay Gould bedauerte es, dass die Wissenschaftler Engels‘ Schrift nicht mehr Beachtung geschenkt hatten, denn so hätten sie sich hundert Jahre Irrtum ersparen können. Die Entdeckung von Lucy, einem weiblichen Fossil, das zur neu entdeckten Spezies der Australopithecus afarensis gehörte, zeigte, dass Engels Recht hatte. Die Körperstruktur der frühen Homininen ist wie die unsrige (das Becken, die Beinknochen etc.) und damit ein Beweis für den aufrechten Gang. Doch das Gehirn ist nicht viel größer als das eines Schimpansen.</p><p>Unsere entfernten Vorfahren waren klein und bewegten sich im Vergleich zu anderen Tieren langsam fort. Sie besaßen keine kräftigen Krallen und Zähne. Noch dazu ist das menschliche Baby bei der Geburt vollkommen hilflos. Delfine können direkt nach der Geburt schwimmen, Kälber und Fohlen können innerhalb von Stunden nach der Geburt laufen und Löwenbabys können 20 Tage nach der Geburt rennen.</p><p>Im Vergleich dazu braucht ein menschlicher Säugling Monate, um überhaupt ohne Unterstützung sitzen zu können. Für das Erlernen fortgeschrittener Fähigkeiten wie Rennen und Springen braucht das Neugeborene sogar Jahre. Als Spezies waren wir deshalb gegenüber den zahlreichen Mitbewerbern in der Savanne Ostafrikas deutlich im Nachteil. Die menschliche Arbeit war zusammen mit der kooperativen sozialen Organisation und der Sprache, die eng mit ihr verbunden sind, das entscheidende Element in der menschlichen Evolution. Die Herstellung von Steinwerkzeugen gab unseren frühen Vorfahren einen entscheidenden evolutionären Vorteil, welcher die Entwicklung des Gehirns ermöglichte.</p><p>Die erste Periode der menschlichen Entwicklung, die Marx und Engels Wildheit nannten, war durch eine extrem niedrige Entwicklung der Produktionsmittel, der Herstellung von Steinwerkzeugen und einer Lebensweise als Jäger und Sammler gekennzeichnet. Aus diesem Grund stagnierte die Entwicklungslinie für einen langen Zeitraum nahezu. Die Produktionsweise der Jäger und Sammler stellt den ursprünglichen Zustand der Menschheit dar. Die lebendigen Überreste aus dieser Zeit, Gesellschaften, die bis vor kurzem in verschiedenen Teilen der Welt beobachtet werden konnten, liefern uns wichtige Hinweise und Einsichten in eine längst vergessene Lebensweise.</p><p>Es entspricht beispielsweise nicht der Wahrheit, dass Menschen von Natur aus egoistisch sind. Wenn das der Fall wäre, wäre unsere Gattung vor über zwei Millionen Jahren ausgestorben. In diesen Gesellschaften gab es ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl, das diese Gruppen angesichts aller Widrigkeiten zusammenhielt. Sie kümmerten sich um ihre Neugeborenen und deren Mütter und respektierten die älteren Mitglieder des Stammes, welche das kollektive Wissen und den gemeinsamen Glauben im Gedächtnis bewahrten. Unsere frühen Vorfahren kannten kein Privateigentum, wie Anthony Burnett darlegte:</p><blockquote id="elf"><p>»Der Unterschied zwischen dem Menschen und anderen Lebewesen wird deutlich, wenn wir das Revierverhalten von Tieren mit dem Umgang von Menschen mit Eigentum vergleichen. Reviere werden durch formelle Signale, die für die gesamte Art gebräuchlich sind, verteidigt. Jedes erwachsene Mitglied der Spezies hält ein Revier. Menschen zeigen kein derartig einheitliches Verhalten: Selbst innerhalb einer einzelnen Gemeinschaft können einer Person große Gebiete gehören, während andere nichts besitzen. Auch heute noch gibt es Eigentum am Menschen selbst. Doch in einigen Ländern ist das Privateigentum auf den persönlichen Besitz beschränkt. In einigen Stammesgruppen gehören sogar geringfügige Besitztümer der Gemeinschaft. Der Mensch hat tatsächlich nicht mehr »Instinkt, Eigentum zu besitzen« als einen »Instinkt zum Stehlen«. Es ist zwar einfach, Kinder zum Besitzstreben zu erziehen, doch die Form des Besitzstrebens und das Ausmaß, in dem es von der Gesellschaft anerkannt wird, sind von Land zu Land und von einer historischen Periode zur nächsten sehr unterschiedlich.«<a href="#11"><sup>[11]</sup></a></p></blockquote><p>Möglicherweise wird der Begriff Wildheit aufgrund der negativen Bedeutung, den er heutzutage erlangt hat, seiner Bedeutung nicht gerecht. Der englische Philosoph Thomas Hobbes, der im 17. Jahrhundert lebte, beschrieb das Leben unserer frühen Vorfahren als von »ständiger Furcht und der Gefahr eines gewaltsamen Todes« geprägt. »Das Leben der Menschen ist einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz«, so Hobbes. Zweifelsohne war das Leben damals hart, aber diese Worte werden der Lebensweise unserer Vorfahren kaum gerecht. Der kenianische Anthropologe und Archäologe Richard Leakey schreibt dazu:</p><blockquote id="dreizehn"><p>»Nichts könnte in der Tat unzutreffender sein als Hobbes‘ Vorstellung, dass Menschen, die noch keine Landwirtschaft betreiben, ›kein soziales Leben‹ kennen und ›Einzelgänger‹ sein würden. Wildbeuter sein bedeutet vielmehr, ein höchst soziales Leben zu führen. Bezüglich der Position sie hätten ›keine Künste‹ und ›keine Schrift‹, so ist es richtig, dass Jäger und Sammler sehr wenig an materieller Kultur aufzuweisen haben, das aber ist einfach eine Konsequenz ihrer mobilen Lebensweise. Wenn die Menschen vom Stamm der !Kung [ein indigener Stamm im südlichen Afrika; Anm.] von einem Lager zum nächsten ziehen, nehmen sie wie alle Wildbeuter alle ihre irdischen Güter mit. Diese haben im Allgemeinen ein Gewicht von 12 Kilogramm, also nicht viel mehr als die Hälfte des Freigepäcks bei den meisten Fluglinien. Beweglichkeit und materielle Besitztümer schließen sich gegenseitig weitgehend aus, und daher tragen die !Kung ihre kulturellen Errungenschaften in ihren Köpfen und nicht auf dem Rücken mit sich herum. Ihre Gesänge, Tänze und Erzählungen stellen einen Kulturschatz dar, der dem anderer Völker um nichts nachsteht.«</p><p>Und weiter: <q id="zwölf">»Richard Lee<a href="#12"><sup>[12]</sup></a> kommt zur Einschätzung, dass die Frauen [in diesen Gesellschaften] sich nicht ausgebeutet fühlen.«</q> Im Gegenteil: »Sie genießen Ansehen als Versorger der Familie und haben ›politischen‹ Einfluss, ein Status, der vielen Frauen in der ›zivilisierten‹ Welt vorenthalten wird.«<a href="#13"><sup>[13]</sup></a></p></blockquote><p>Diese Gesellschaften kannten keine Klassen im modernen Sinn, es gab keinen Staat oder eine organisierte Form der Religion, es herrschte ein starkes Verantwortungsgefühl gegenüber der Gemeinschaft vor und das Teilen hatte einen hohen Stellenwert. Egoismus und Selbstsucht wurden als höchst unsozial und moralisch anstößig betrachtet.</p><blockquote id="vierzehn"><p>»Die große Bedeutung, die der Gleichheit beigemessen wird, erfordert die Einhaltung bestimmter Rituale, wenn ein erfolgreicher Jäger ins Lager zurückkehrt. Ziel dieser Rituale ist es, das Ereignis herunterzuspielen, um keine Selbstgefälligkeit und Anmaßung aufkommen zu lassen. ›Das korrekte Verhalten für einen erfolgreichen Jäger sind Bescheidenheit und Untertreibung‹, erklärt Richard Lee.«</p><p>»Die !Kung haben keine Häuptlinge und Führer. Probleme in ihrer Gemeinschaft werden meistens gelöst, lange bevor sie zu etwas heranreifen, was die soziale Harmonie bedrohen könnte. … Die Gespräche der Menschen sind Allgemeingut und Streitigkeiten werden durch gegenseitige Scherze schnell entschärft. Niemand erteilt oder befolgt Befehle. Richard Lee fragte einmal einen gewissen /Twi!gum, ob es bei den !Kung Häuptlinge gebe. ›Natürlich haben wir Häuptlinge‹, entgegnete er zu Lees großer Überraschung. ›Wir sind überhaupt alle miteinander Häuptlinge; jeder von uns ist Häuptling über sich selbst!‹ /Twi!gum betrachtete die Frage und seine originelle Antwort als einen amüsanten Witz.«<a href="#14"><sup>[14]</sup></a></p></blockquote><p>Das Grundprinzip, das alle Lebensbereiche bestimmt, ist das Teilen. Wird bei den !Kung ein Tier erlegt, beginnt ein aufwendiges Verfahren zur Aufteilung des rohen Fleisches, das sich an Verwandtschaftsbeziehungen, Partnerschaften und sozialen Verpflichtungen orientiert. Richard Lee betont diesen Punkt besonders:</p><blockquote id="fünfzehn"><p>»Mit-anderen-Teilen ist im Verhalten und in den Wertvorstellungen der !Kung-Wildbeuter, innerhalb der Familie und zwischen den Familien tief verwurzelt und wird bis an die Grenzen ihrer sozialen Welt ausgedehnt. Geradeso, wie das Prinzip von Profit und Zweckmäßigkeit im Mittelpunkt der kapitalistischen Moral stehen, so steht das Teilen mit anderen im Mittelpunkt des Gemeinschaftslebens der Wildbeutergesellschaften.«<a href="#15"><sup>[15]</sup></a></p></blockquote><p>Überheblichkeit war verpönt und Bescheidenheit wurde gefördert, wie folgende Schilderung eines !Kung Mannes zeigt:</p><blockquote id="sechszehn"><p>»Nehmen wir an, ein Mann war auf der Jagd. Er darf nicht heimkommen und angeberisch verkünden: ›Ich habe im Busch ein großes Tier erlegt!‹ Er muss sich zuerst schweigend ans Feuer setzen, bis jemand kommt und fragt: ›Was hast du heute gesehen?‹ Darauf antwortet er ruhig: ›Ach, Ich tauge nicht zur Jagd. Ich habe überhaupt nichts… vielleicht etwas ganz Kleines.‹ Dann lache ich in mich hinein, denn nun weiß ich, dass er etwas Großes erlegt hat.«</p></blockquote><p>Dazu meint Leakey:</p><blockquote><p>»Je größer das erlegte Tier ist, desto mehr wird es heruntergespielt. … Dieses Spotten und Untertreiben wird keineswegs nur von den !Kung, sondern auch von vielen anderen Wildbeutervölkern befolgt, mit dem Ergebnis, dass, obwohl manche Männer zweifellos tüchtigere Jäger als andere sind, keiner aufgrund seines Könnens zu mehr Prestige oder Ansehen gelangt.«<a href="#16"><sup>[16]</sup></a></p><p><q id="siebzehn">»Diese Einstellung ist nicht auf die !Kung beschränkt; sie ist ein Merkmal aller Jäger-und-Sammler-Gesellschaften. Ein solches Verhalten stellt sich jedoch keineswegs von selbst ein, es muss vielmehr wie alles menschliche Verhalten von Kindheit an gelehrt werden. ›Jedes Menschenkind ist gleichermaßen mit der Fähigkeit zum Teilen und der Selbstsucht geboren‹, sagt Richard Lee. Die Fähigkeit, die unterstützt und gefördert wird, ist jene, die von der jeweiligen Gesellschaft als wertvoll angesehen wird.«</q><a href="#17"><sup>[17]</sup></a></p></blockquote><p>In diesem Sinne sind die moralischen Werte dieser frühen Gesellschaften denen des Kapitalismus, der den Menschen lehrt, gierig, egoistisch und unsozial zu sein, haushoch überlegen.</p><p>Es ist natürlich unmöglich, mit Gewissheit zu sagen, dass dies ein exaktes Bild der frühen menschlichen Gesellschaft darstellt. Doch ähnliche Bedingungen bringen tendenziell ähnliche Resultate hervor, und die gleichen Tendenzen können in vielen verschiedenen Kulturen, die sich auf dem gleichen Niveau der ökonomischen Entwicklung befinden, beobachtet werden.</p><blockquote id="achtzehn"><p>»Richard Lee weist drauf hin, dass ›wir uns nicht vorstellen dürfen, dies sei die genaue Art und Weise, wie unsere Vorfahren lebten‹. Er glaubt jedoch, dass ›das, was wir bei den !Kung und anderen Wildbeutern sehen, Verhaltensmuster sind, die für die menschliche Entwicklung in der Frühzeit entscheidend waren‹. Von den verschiedenen Homininenarten, die vor zwei oder drei Millionen Jahren lebten, weitete eine – die Linie, die schließlich zum heutigen Menschen führte – ihre Existenzgrundlage dadurch aus, dass sie ihre Nahrung mit anderen teilte und einen größeren Anteil Fleisch in ihre Kost aufnahm. Die Entwicklung der Wildbeuterwirtschaft spielte bei unserer Menschwerdung eine bedeutende Rolle.«<a href="#18"><sup>[18]</sup></a></p></blockquote><p>Vergleicht man die Werte der Jäger- und Sammlergesellschaften mit den unsrigen, kommen wir nicht unbedingt gut weg. Vergleichen wir beispielsweise den Zustand der modernen Familie – mit der Vielzahl an Missbrauchsfällen gegenüber Ehefrauen und Kindern, der Unsumme von Waisenkindern und der Existenz der Prostitution – mit der gemeinschaftlichen Kindererziehung, wie sie den Großteil der Menschheitsgeschichte hindurch praktiziert wurde, also vor dem Aufkommen jener eigentümlichen gesellschaftlichen Ordnung, die gerne als Zivilisation bezeichnet wird.</p><blockquote id="neunzehn"><p>»Ihr weißen Menschen«, sagte ein amerikanischer Ureinwohner zu einem Missionar, »liebt nur eure eigenen Kinder. Wir lieben die Kinder des Stammes. Sie gehören allen Menschen und wir sorgen für sie. Sie sind Knochen von unseren Knochen, Fleisch von unserem Fleisch. Wir sind ihnen alle Vater und Mutter. Weiße Menschen sind Wilde; sie lieben ihre Kinder nicht. Wenn sie zu Waisen werden, müssen Menschen bezahlt werden, damit für sie gesorgt wird. Wir kennen solche barbarischen Ideen nicht.«<a href="#19"><sup>[19]</sup></a></p></blockquote><p>Wir dürfen jedoch keinen idealisierten Blick auf die Vergangenheit haben. Das Leben war für unsere frühen Vorfahren ein ständiger, harter Überlebenskampf gegen die Kräfte der Natur. Der Fortschritt ging extrem langsam vonstatten. Die frühen Menschen begannen vor mindestens 2,6 Millionen Jahren mit der Herstellung von Steinwerkzeugen. Das älteste Werkzeug aus der Oldowan-Kultur war ungefähr eine Million Jahre in Verwendung, bis sich vor ungefähr 1,76 Millionen Jahren die immer raffinierteren, scharfkantigen Faustkeile durchsetzten. Zusammen mit anderen Arten von großen Schneidewerkzeugen kennzeichnet der Faustkeil die Acheuléen Kultur. Diese grundlegenden Werkzeuge wurden über einen sehr langen Zeitraum hergestellt und verwendet, der je nach Fundort vor etwa 400.000 bis 250.000 Jahren endete.</p><h3>Die Neolithische Revolution</h3><p>Während des größten Teils der Menschheitsgeschichte verlief der Entwicklungsprozess schmerzhaft langsam, wie The Economist am Vorabend des neuen Jahrtausends feststellte:</p><blockquote id="zwanzig"><p>»Fast die gesamte Menschheitsgeschichte hindurch war der ökonomische Fortschritt so langsam, dass er innerhalb eines Menschenlebens kaum wahrnehmbar war. Von Jahrhundert zu Jahrhundert lief die jährliche Wachstumsrate gegen Null. Wenn es Wirtschaftswachstum gab, war es so langsam, dass die Zeitgenossen es nicht wahrnehmen konnten – und sogar rückblickend erscheint dieses nicht als Anstieg des Lebensstandards (so wie Wachstum heute gesehen wird), sondern als leichtes Bevölkerungswachstum. Im Laufe der Jahrtausende lief der Fortschritt, abgesehen vom Aufstieg einer winzigen Elite, auf eine Sache hinaus: Es wurde für mehr Menschen möglich, auf dem niedrigsten Existenzniveau zu leben.«<a href="#20"><sup>[20]</sup></a></p></blockquote><p>Der menschliche Fortschritt beschleunigt sich in Folge der ersten und bedeutendsten der großen Revolutionen in der Geschichte, des Übergangs von der ursprünglichen Produktionsweise der Jäger und Sammler zum Ackerbau. Er schuf die Grundlage für einen sesshaften Lebensstil und die Entstehung der ersten Städte. Das war die Epoche, die Marxisten als Barbarei bezeichnen, d. h. das Stadium zwischen der Jäger-und-Sammlergesellschaft (oder »Wildheit«) und der frühen Klassengesellschaft, in der sich Klassen und damit der Staat zu entwickeln begann.</p><p>Dieser entscheidende Wendepunkt, den der Archäologe Vere Gordon Childe als Neolithische Revolution bezeichnete, bedeutete einen großen Sprung in der Entwicklung der menschlichen Produktionsfähigkeit und damit der Kultur. Childe sagt dazu: <q id="zweieins">»Unsere Schuld gegenüber der schriftlosen Barbarei wiegt schwer. Jede einzelne kultivierte Speisepflanze von einiger Bedeutung wurde von einer der vielen namenlosen barbarischen Gesellschaften entdeckt.«</q><a href="#21"><sup>[21]</sup></a></p><p>Der Ackerbau entwickelte sich im Nahen Osten vor etwa 12.000 Jahren. Die neuen Produktionsbedingungen führten zu einer neuen Sichtweise auf das Leben, die gesellschaftlichen Beziehungen und zu einem neuen Verhältnis zwischen dem Menschen, der Natur und dem Universum, deren Geheimnisse in einem bis dahin unvorstellbaren Ausmaß erforscht wurden. Die Erforschung der Natur wird durch die Anforderungen der Landwirtschaft notwendig. Sie schreitet nur langsam voran, bis es den Menschen schließlich gelingt, die unerbittlichen Kräfte der Natur in der Praxis zu bändigen und sie sich durch kollektive Arbeit im großen Maßstab nutzbar zu machen.</p><p>Die eindrucksvollsten Ergebnisse dieser kollektiven Arbeit finden sich in der »megalithischen« Kunst dieser Zeit, wie etwa Stonehenge, bei dessen Bau gigantische Sarsensteine mit einem Gewicht von 25 bis 30 Tonnen über eine Entfernung von 20 Meilen transportiert wurden. Diese Steine wurden zusammen mit anderen, kleineren Blausteinen, die aus Westwales stammten, akribisch genau der Sonnenwende nach angeordnet und ausgerichtet. Dass diese beeindruckende Leistung mit steinzeitlicher Technik vollbracht wurde, verblüfft Archäologen bis heute und dabei handelt es sich nur um eine von vielen megalithischen Fundstätten.</p><p>Diese kulturelle und religiöse Revolution ist ein Spiegelbild der bis heute bedeutendsten sozialen Revolution der gesamten Menschheitsgeschichte, die den Weg für die Auflösung des ursprünglichen Gemeinwesens ebnete und das Privateigentum an Produktionsmitteln – also an den Mitteln des Lebens selbst – einführte.</p><p>Auf der Grundlage der Domestizierung von Pflanzen und Tieren entstand in der Region des Fruchtbaren Halbmonds (im Nahen Osten) eine Fülle von dauerhaft bewohnten Siedlungen. In der Jungsteinzeit entwickelten sich auch die ersten Städte, wie Jericho (heutiges Palästina), das auf 9.500 v. Chr. zurückdatiert wird, und Çatalhöyük (Türkei), das zwischen 7.100 und 5.600 v. Chr. eine Bevölkerung von schätzungsweise 5.000 bis 7.000 Menschen zählte.</p><p>Die neue Produktionsweise verbreitete sich auch in Europa und Südasien. Sie setzte sich unabhängig voneinander, zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Regionen der Welt durch, unter anderem in China, Mittelamerika, den Anden und der Sahelzone.</p><p>Die Periode der Barbarei, die mit dem Neolithikum beginnt, stellt einen äußerst bedeutenden Abschnitt der Menschheitsgeschichte dar. Sie wird in eine Reihe von mehr oder weniger scharf voneinander abgegrenzten Perioden unterteilt. Im Allgemeinen ist sie durch den Übergang von der Lebensweise der Jäger und Sammler zu Viehzucht und Ackerbau gekennzeichnet, d. h. der Übergang von der paläolithischen Wildheit bis zum Beginn der Zivilisation.</p><p>In dieser Periode führte die Entwicklung der Produktivkräfte erstmals in der Geschichte zu einem dauerhaften Überschuss, der nicht nur ein Wachstum der Bevölkerung, sondern auch eine stärkere Arbeitsteilung und eine Ausweitung des Handels zwischen verschiedenen Siedlungen ermöglichte. Dieser Umstand liefert die Grundlage, aus der die großen Städte, Schrift, Industrie und alles andere hervorging, was die sogenannte Zivilisation ausmacht. Dies war allerdings auch die Grundlage für die Entstehung von Ungleichheit, gesellschaftlicher Klassen und des Staates.</p><p>Auf der höchsten Stufe der Barbarei beginnt die alte gemeinschaftliche Lebensweise zu zerfallen, und aus diesem Zerfall entstehen neue, klassenbasierte Institutionen. Dieser Prozess tritt an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten auf – in Mesopotamien bereits im vierten Jahrtausend v. Chr., in Britannien im ersten Jahrtausend v. Chr. und bei den Wikingern noch später.</p><p>In der Bronzezeit und der vorangehenden Kupfersteinzeit verbesserten Innovationen wie die Bewässerung und der Ochsenkarren die Produktivität der Landwirtschaft erheblich. Zusammen mit der Entwicklung der Metallverarbeitung und der Fertigung neuer Werkzeuge wie der Töpferscheibe und dem Webstuhl trug dies zu einer immer ausdifferenzierteren Arbeitsteilung innerhalb der Siedlungen bei, mit Gruppen spezialisierten Handwerks wie etwa der Töpferei.</p><p>In dieser Phase beginnt eine privilegierte Priester- oder Kriegerkaste sich über den Rest der Gesellschaft zu erheben und den Großteil des Überschusses für sich zu beanspruchen. In Mesopotamien und Ägypten beispielsweise wurden die Priester- und Tempelbürokraten von der niederen Arbeit befreit und begannen, Mathematik und Astronomie zu entwickeln, um Produktion und Verteilung des Überschusses besser steuern zu können.</p><p>Die Entwicklung von Waffen und Werkzeugen aus Eisen stellte eine weitere Revolution in der Entwicklung der Produktivkräfte dar. Im Europa der Eisenzeit wurde der wachsende Überschuss ein attraktives Angriffsziel für Überfälle, was zu ständigen Kriegen zwischen benachbarten Stämmen führte. Die Siedlungen wurden daher häufig mit riesigen Erdwällen befestigt, wie z. B. Maiden Castle in Dorset und Danebury in Hampshire.</p><p>Neben den befestigten Siedlungen, die für diese Zeit charakteristisch sind, gab es auch mächtige Kriegsherren oder Häuptlinge und eine deutlich ungleiche Verteilung des Wohlstands in der Gesellschaft. Der erwirtschaftete Überschuss wurde nicht reinvestiert, da es keine Möglichkeit dafür gab. Ein Teil des Überschusses wurde vom Häuptling und seiner Familie angeeignet. Ein anderer Teil wurde für große Feste verbraucht, die in dieser Gesellschaft eine zentrale Rolle spielten.</p><p>Bei einem einzigen Festmahl konnten 200-300 Menschen satt werden. In den Überresten eines solchen Festes wurden die Knochen von 12 Kühen und einer großen Anzahl von Schafen, Schweinen und Hunden gefunden. Diese Versammlungen waren nicht nur Anlass für exzessives Essen und Trinken – sie spielten auch eine wichtige soziale und religiöse Rolle. In solchen Zeremonien dankten die Menschen den Göttern für den Nahrungsüberschuss. Sie ermöglichten die Vermischung der Stämme und die Regelung gemeinschaftlicher Angelegenheiten. Solche üppigen Feste boten den Häuptlingen auch die Möglichkeit, ihren Reichtum und ihre Macht zur Schau zu stellen und so das Prestige des betreffenden Stammes oder Clans zu steigern.</p><p>Ein weiteres Ergebnis der Kriegsführung war eine große Zahl von Kriegsgefangenen, von denen viele versklavt und entweder von ihren Entführern zur Arbeit eingesetzt oder wie Waren verkauft wurden. Sumerische Aufzeichnungen verweisen bereits auf die Verwendung von Kriegsgefangenen als Sklavenarbeiter in Tempelanlagen, während Homer um 700 v. Chr. schrieb:</p><blockquote><p>»Lieber möchte ich mit mühseligen Schritten,<br />ein schweres Los tragen und atmen die lebendige Luft,<br />Sklave eines armen Bauern sein, der sich für Brot abmüht,<br />als mit dem Zepter im Reich der Toten zu regieren.«<br />(Homer, Odysseus, XI. Gesang, eigene Übersetzung.)</p></blockquote><p>Die Zunahme von beweglichem Besitz und Handel förderte die Entstehung des Privateigentums und damit die Konzentration von Reichtum und Macht in den Händen einer Minderheit. Diese Konzentration des Reichtums lässt sich an den imposanten, einzelnen Grabstätten der damaligen Zeit festmachen. Die Frage der Vererbung dieses Vermögens wurde somit zu einer wichtigen Angelegenheit und führte zu einem einschneidenden Wandel in den Beziehungen zwischen Mann und Frau und ihren Nachkommen.</p><p>Auf dieser Grundlage sollten schließlich die ersten Staaten entstehen, »besondere Formationen bewaffneter Menschen« (Lenin), um das Eigentum zu verteidigen und den Kampf zwischen den neu entstandenen Klassen unter Kontrolle zu halten.</p><p>Hier sehen wir den ersten bedeutenden Ausdruck der Entfremdung. Der Mensch entfremdet sich in doppeltem oder dreifachem Sinn. Erstens bedeutet das Privateigentum die Entfremdung vom eigenen (selber hergestellten) Produkt, das sich ein anderer aneignet. Zweitens wird ihm die Kontrolle über sein Leben und sein Schicksal durch den Staat in der Person des Königs oder Pharaos entzogen. Nicht zuletzt wird diese Entfremdung auf das Leben im Jenseits übertragen – das innere Wesen (»Seele«) aller Menschen wird von den Gottheiten vereinnahmt, deren Gunst immer wieder aufs Neue durch Gebete und Opfergaben erlangt werden muss. So wie die Dienste für den Regenten die Grundlage für den Reichtum der Oberschicht der Beamten und Adligen bilden, so bilden die Opfer für die Götter die Grundlage für den Reichtum und die Macht der Priesterkaste, die zwischen dem Volk und den Göttern bzw. Göttinnen steht. Hier haben wir den Ursprung der organisierten Religion.</p><p>Die Wurzeln der Zivilisation liegen also gerade in der Barbarei, und noch mehr in der Sklaverei. Die Etappe der Barbarei entwickelte sich in der Regel entweder zur Gesellschaftsform der Sklaverei oder zur sogenannten »asiatischen Produktionsweise« (Marx).</p><p>Es gab jedoch auch Gesellschaften, die sich offenbar egalitäre Verhältnisse bewahrt haben und gleichzeitig eine hochproduktive Landwirtschaft, ein hochentwickeltes Handwerk und große Städte hervorbrachten. Die Indus-Kultur, die auf den Zeitraum von 3.300 bis 1.300 v. Chr. datiert wird, ist ein bemerkenswertes Beispiel für dieses Phänomen.</p><p>Das Indus-Volk errichtete große Städte, insbesondere Mohenjo-Daro und Harappa (beide im heutigen Pakistan), in denen Zehntausende Menschen gelebt haben müssen. Es entwickelte ein spezialisiertes und hochwertiges Handwerk sowie weitreichende Handelsnetzwerke. Doch bis heute haben Archäologen, die diese Städte untersuchten, keine wirklichen Belege für Tempelkomplexe, Paläste, große Monumente oder aufwendige Gräber wie die der ägyptischen Pharaonen gefunden. Diese Faktenlage legt nahe, dass es in dieser Kultur weder eine ausgebeutete und ausbeutende Klasse noch einen Staat gab oder sie sich allenfalls in einem sehr frühen Entwicklungsstadium befanden.</p><p>Faszinierende Fundstätten wie Mohenjo-Daro geben einen Einblick in die Fülle von Übergangsgesellschaften und Mischformen, die in den Tausenden von Jahren zwischen dem Aufkommen des Ackerbaus und der Entstehung der ersten Staaten entstanden sein müssen. Letztendlich setzten sich jedoch die Klassengesellschaften durch. Die Indus-Kultur trat schließlich ab etwa 1.900 v. Chr. in einen Niedergangsprozess ein. Um 1.700 v. Chr. waren in der gesamten Region die oben beschriebenen Städte gänzlich verschwunden und es etablierte sich schließlich eine höchst ungleiche Gesellschaftsform, wie sie auch in der hinduistischen Schrift Rigveda beschrieben wird.</p><p>Das Entstehen einer Klassengesellschaft führte zur Unterwerfung der Mehrheit durch eine Minderheit. Allgemein handelte es sich dabei jedoch um eine revolutionäre Entwicklung, da sie einen bestimmten Teil der Bevölkerung – die herrschende Klasse – von der unmittelbaren Arbeitslast befreite und ihr so die nötige Zeit gab, um Kunst, Wissenschaft und Kultur zu entwickeln. Die Klassengesellschaft war trotz ihrer rücksichtslosen Ausbeutung und Ungleichheit der Weg, den die Menschheit beschreiten musste, um die notwendigen materiellen Voraussetzungen für eine zukünftige klassenlose Gesellschaft zu schaffen</p>								</div>
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									<h3>Die Asiatische Produktionsweise</h3><p>Eine wirklich rasante Entwicklung der Zivilisation nahm in Ägypten, Mesopotamien, dem Indus-Tal, China, Mexiko und Peru ihren Ausgang. Die Entwicklung der Klassengesellschaft fällt mit einem massiven Aufschwung der Produktivkräfte und damit der menschlichen Kultur zusammen, die eine nie dagewesene Blütezeit erlebte.</p><p>In Süd-Mesopotamien errichteten die Sumerer Ur, Lagaš, Eridu und andere Stadtstaaten. Sie waren ein gebildetes Volk, das lesen und schreiben konnte. Davon zeugen tausende bis heute erhaltene Tontafeln in Keilschrift.</p><p>Die wichtigsten Merkmale der asiatischen Produktionsweise sind:</p><ul><li>eine urbane Gesellschaft auf landwirtschaftlicher Grundlage.</li><li>eine überwiegend agrarisch geprägte Wirtschaft.</li><li>öffentliche Arbeiten, die häufig (aber nicht immer) mit der Notwendigkeit zur Bewässerung sowie der Instandhaltung und dem Ausbau eines umfangreichen Kanal- und Abwassersystems verbunden sind.</li><li>ein despotisches Regierungssystem, oft mit einem Gottkönig an der Spitze.</li><li>eine große Bürokratie.</li><li>ein Ausbeutungssystem, das auf Steuern basiert.</li><li>gemeinsames (Staats-) Eigentum an Grund und Boden.</li></ul><p>Obwohl die Sklaverei in diesen Gesellschaften bereits existierte (Sklaven waren Kriegsgefangene), handelte es sich nicht um Sklavenhaltergesellschaften. Die Arbeitsdienste waren nicht freiwillig, diejenigen, die sie verrichteten, waren allerdings keine Sklaven. Es gibt ein Element des Zwangs, aber wichtiger waren Gewohnheit, Tradition und Religion. Die Gemeinschaft dient dem sogenannten Gottkönig (oder -königin). Sie dient dem Tempel, der eng mit dem Staat verbunden ist bzw. selbst den Staat darstellt.</p><p>Die Ursprünge des Staates sind hier mit der Religion vermischt, und diese religiöse Aura wird bis in die Gegenwart aufrechterhalten. Den Menschen wird beigebracht, mit einem Gefühl von Ehrfurcht und Verehrung zum Staat aufzuschauen, als eine Macht, die über der Gesellschaft und den gewöhnlichen Menschen steht, die ihr wiederum blind zu dienen haben.</p><p>Die Dorfgemeinschaft, die Keimzelle dieser Gesellschaften, lebt fast vollkommen vom eigenen Arbeitsprodukt. Die wenigen Luxusgüter, die einer Bevölkerung von Subsistenzbauern zur Verfügung stehen, werden auf dem Basar oder von reisenden Hausierern, die am Rande der Gesellschaft leben, erworben. Geld ist kaum bekannt. Steuern an den Staat werden in Form von Naturalien bezahlt. Es gibt keine Verbindungen zwischen den einzelnen Dörfern, und der Binnenhandel existiert kaum. Der Staat hält dieses Gefüge zusammen.</p><p>Es gab kaum soziale Mobilität, was in einigen Fällen durch das Kastensystem noch verschärft wurde. Die Gruppe ist gegenüber dem Individuum höhergestellt. Es herrscht die Endogamie vor, d. h. die Menschen neigen dazu, nur innerhalb ihrer Klasse oder Kaste zu heiraten. Üblicherweise ergreifen die Kinder den Beruf der Eltern. Im Kastensystem der Hindus ist dies sogar verpflichtend. Diese fehlende Mobilität und die starre Gesellschaftsstruktur tragen dazu bei, die Menschen an das Land (die Dorfgemeinschaft) zu binden.</p><p>Beispiele für derartige Gesellschaften bieten die Ägypter, Babylonier, die Assyrer sowie die Shang- oder Yin-Dynastie (üblicherweise datiert auf ca. 1766 bis 1122 v.Chr.). Auch die präkolumbischen Zivilisationen Mexikos und Perus, die eine gänzlich eigenständige Entwicklung nahmen, weisen trotz einiger Spezifika erstaunlich viele Ähnlichkeiten zu diesen Gesellschaften auf.</p><p>Das Steuersystem und andere Ausbeutungsmethoden wie der Frondienst (Corvée) für den Staat sind zwar unterdrückerisch, sie werden allerdings als unvermeidlicher Teil der natürlichen Ordnung akzeptiert und durch Tradition sowie Religion legitimiert. Corvée ist unfreie und oft unbezahlte Arbeit, die den Menschen entweder, wie im Feudalismus, von aristokratischen Landbesitzern, oder aber wie in diesen Gesellschaften vom Staat auferlegt wird. Doch während das System des Frondiensts dem des westlichen Feudalismus ähnelt, ist das System des Landbesitzes ein ganz anderes. Tatsächlich hatten die britischen Herrscher bei der Kolonialisierung Indiens die größten Schwierigkeiten, es zu verstehen.</p><p>Dörfer und Städte entstehen in der Regel entlang der Handelsrouten, an den Flussufern, Oasen oder anderen wichtigen Wasserquellen. Die Städte sind Verwaltungs- und Handelszentren für die Dörfer. Hier tummeln sich die Händler und Handwerker: Schmiede, Tischler, Weber, Färber, Schuhmacher, Steinmetze, usw. Auch die lokalen Vertreter der Staatsmacht leben hier, die einzigen, mit denen die Volksmassen überhaupt in Berührung kommen: niedrige Beamte, Schreiber und Polizisten oder Soldaten.</p><p>Es gibt auch Geldverleiher, die von den Bauern Wucherzinsen verlangen, aber selbst wiederum von den Steuereintreibern, den Kaufleuten und den Dorfwucherern geschröpft werden. Viele dieser altertümlichen Strukturen haben in einigen Ländern des Nahen Ostens und Asiens bis in die Neuzeit überlebt. Doch mit dem Aufkommen des Kolonialismus wurde die alte asiatische Produktionsweise endgültig zerstört. Sie repräsentierte eine historische Sackgasse, aus der keine weitere Entwicklung möglich war.</p><p>In diesen Gesellschaften ist der geistige Horizont der Menschen äußerst begrenzt. Die bestimmende Macht im Leben der Menschen ist die Familie oder der Clan, der sie erzieht und sie über ihre Geschichte, Religion und Traditionen unterrichtet. Sie wissen wenig bis gar nichts von der Politik und der Welt im Allgemeinen. Den einzigen Kontakt mit dem Staat haben sie über den Dorfvorsteher, der die Steuern einsammelt.</p><p>Auffallend bei diesen frühen Zivilisationen sind einerseits ihre Langlebigkeit, andererseits die extrem langsame Entwicklung ihrer Produktivkräfte sowie deren ausgesprochen konservative Weltsicht. Es handelte sich im Grunde um ein sehr statisches Gesellschaftsmodell. Die einzigen Veränderungen vollzogen sich als Ergebnis gelegentlicher Invasionen, zum Beispiel durch die nomadischen »Barbaren der Steppe« (die Mongolen u.a.) oder vereinzelten Bauernaufstände (China), die zu einem Herrschaftswechsel führten.</p><p>Die Ersetzung einer Dynastie durch eine andere bedeutete jedoch keine wirkliche Veränderung. Die sozialen Beziehungen und der Staat blieben durch den Wechsel an der Spitze unberührt. Das Endergebnis war immer das Gleiche. Die Eroberer wurden von der Gesellschaft aufgesogen und das System lief ungestört weiter wie zuvor.</p><p>Aufstieg und Zerfall der verschiedenen Großreiche wechselten sich stetig ab. Es gab einen ständigen Prozess von territorialen Vereinigungen und Spaltungen. Doch trotz all dieser politischen und militärischen Verschiebungen veränderte sich für die Bauern am unteren Ende der Gesellschaft nichts. Das Leben entwickelte sich stets im selben von Gott verordneten und scheinbar nie endend wollenden Trott. Die asiatische Vorstellung von einem ewigen Kreislauf in der Religion spiegelt diesen Umstand wider. Ganz unten in der Gesellschaft befand sich die uralte Dorfgemeinschaft, die auf einer Subsistenzwirtschaft beruhte und über Jahrtausende hinweg praktisch unverändert blieb. Da der Großteil der Gesellschaft Landwirtschaft betrieb, war der Lebensrhythmus der Menschen vom ewigen Kreislauf der Jahreszeiten, etwa von den jährlichen Überschwemmungen des Nils, bestimmt.</p><p>In den letzten Jahren wurde in gewissen intellektuellen und pseudomarxistischen Zirkeln viel Wirbel um die asiatische Produktionsweise gemacht. Doch obwohl Marx sie erwähnte, geschah das nur sehr selten und meist als Randbemerkung. Er hat seine Beobachtungen nie vertieft, was er mit Sicherheit getan hätte, wenn er sie für bedeutend gehalten hätte. Der Grund dafür war, dass sie eine historische Sackgasse darstellte, vergleichbar mit den Neandertalern in der menschlichen Evolution. Es handelte sich um eine Gesellschaftsform, die trotz ihrer Errungenschaften letztlich nicht den Keim zukünftiger Entwicklung in sich trug. Dieser wurde an anderer Stelle gepflanzt, namentlich auf dem Boden Griechenlands und Roms.</p><h3>Sklaverei</h3><p>Die griechische Gesellschaft entstand unter anderen Bedingungen als die früheren Zivilisationen. Die kleinen griechischen Stadtstaaten verfügten nicht über die riesigen Flächen an kultivierbarem Land, die großen Ebenen des Nils, des Indus-Tals oder Mesopotamiens. Sie waren eingeschlossen zwischen kargen Gebirgszügen und dem Meer. Dieser Umstand bestimmte deren gesamte Entwicklung. Da das Land für Landwirtschaft und Industrie ungeeignet war, wurden sie in Richtung Meer gedrängt, und die griechischen Stadtstaaten wurden Handelsmächte, wie zuvor die Phönizier.</p><p>Das antike Griechenland hat eine andere sozioökonomische Struktur und folglich einen anderen Zeitgeist und eine andere Weltsicht als die früheren Gesellschaften Ägyptens und Mesopotamiens. Hegel schreibt, dass im Osten der herrschende Geist die Freiheit des Einen (d. h. des Herrschers oder Gottkönigs) bedeutete, aber in Griechenland die Freiheit von Vielen, d. h. die Freiheit der Bürger Athens. [Diesen Gedanken formuliert Hegel in der Einleitung zur <em>Philosophie der Geschichte.</em>] Die Sklaven jedoch, welche die meiste Arbeit verrichteten, hatten überhaupt keine Rechte, ebenso wenig die Frauen und Ausländer.</p><p>Für die freien Bürger war Athen eine ausgesprochen fortschrittliche Demokratie. Dieser neue Geist, durchdrungen von Menschlichkeit und Individualismus, wirkte sich auf die griechische Kunst, Religion und Philosophie aus, die sich qualitativ von der Ägyptens und Mesopotamiens unterschied. Als Athen ganz Griechenland beherrschte, hatte die Stadt weder eine Staatskasse noch ein reguläres Steuersystem. Damit unterschied sie sich gänzlich vom asiatischen System Persiens und anderen frühen Hochkulturen. Doch all das beruhte letztlich auf der Arbeit der Sklaven, die das Privateigentum Einzelner waren.</p><p>Die Haupttrennlinie verlief zwischen freien Menschen und Sklaven. Die freien Bürger zahlten in der Regel keine Steuern, da diese Abgaben (ebenso wie die körperliche Arbeit) als entwürdigend angesehen wurden. In der griechischen Gesellschaft herrschte jedoch auch ein erbitterter Klassenkampf, der durch eine scharfe Trennung innerhalb der freien Bevölkerung auf der Grundlage des Eigentums geprägt war. Die Sklaven, die wie Vieh ge- und verkauft werden konnten, waren Mittel der Produktion. Das römische Wort für einen Sklaven war instrumentum vocale, ein »Werkzeug mit Stimme«. Trotz aller Veränderungen der letzten 2.000 Jahre hat sich die tatsächliche Lage der modernen Lohnsklaven seit damals nicht grundlegend geändert.</p><p>Man mag einwenden, dass die Sklaverei, auf der Griechenland und Rom beruhten, eine abscheuliche und unmenschliche Angelegenheit ist. Doch Marxisten betrachten die Geschichte nicht von einem moralischen Standpunkt aus. Es gibt keine ewig gültige, überhistorische Moral. Jede Gesellschaft hat ihre eigene Moral, Religion, Kultur usw., die einem bestimmten Entwicklungsniveau entsprechen und zumindest ab dem Zeitalter der sogenannten Zivilisation auch den Interessen einer bestimmten Klasse.</p><p>Ob ein bestimmter Krieg als gut, schlecht oder alternativlos bewertet werden kann, lässt sich nicht anhand der Opferzahl feststellen und noch weniger ausgehend von einem abstrakt moralischen Standpunkt. Wir mögen Kriege im Allgemeinen ablehnen, aber eines können wir nicht abstreiten: Im gesamten Verlauf der menschlichen Geschichte sind alle schwierigen Fragen letztendlich durch Krieg gelöst worden. Das gilt sowohl für Konflikte zwischen Nationen (Kriege), aber auch für Konflikte zwischen Klassen (Revolutionen).</p><p>Unsere Haltung gegenüber einer bestimmten Gesellschaftsform und deren Kultur kann nicht durch moralische Erwägungen bestimmt werden. Ob eine bestimmte sozioökonomische Formation historisch progressiv ist oder nicht, ist zuallererst von deren Fähigkeit zur Entwicklung der Produktivkräfte abhängig – der eigentlichen materiellen Grundlage, auf welcher die gesamte menschliche Kultur entsteht und sich entwickelt.</p><p>Hegel, dieser wunderbar tiefgründige Denker, schreibt: »Es ist die Menschheit nicht sowohl aus der Knechtschaft befreit worden, als vielmehr durch die Knechtschaft.« [Hegel bezieht sich hier auf die Knechtschaft der Kirche und der Leibeigenschaft im Mittelalter, die er richtigerweise als notwendigen Schritt für die weitere Entwicklung der Gesellschaft sah. Der gleiche Gedanke lässt sich auch auf die Sklaverei der Antike anwenden, welche eine der brutalsten Formen der Unterjochung bedeutete, gleichzeitig jedoch eine neue Periode in der Entwicklung der Produktivkräfte und somit des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens darstellte. Siehe: G. W. F. Hegel (1837/1970): <em>Vorlesung über die Philosophie der Geschichte.</em> Frankfurt a. M., Suhrkamp Verlag. S. 487.] Trotz ihres ungeheuerlich unterdrückerischen Charakters stellte die Sklavenhaltergesellschaft insofern einen Fortschritt dar, als dass sie eine Weiterentwicklung der gesellschaftlichen Produktivkraft ermöglichte. Wir verdanken Griechenland und Rom all die wundervollen Errungenschaften der modernen Wissenschaften, oder genauer gesagt verdanken wir diese letztlich der Arbeit der Sklaven.</p><p>Die Römer setzten auf brutale Gewalt, um andere Völker zu unterjochen, verkauften ganze Städte in die Sklaverei, schlachteten Tausende von Kriegsgefangenen zur Belustigung bei öffentlichen Veranstaltungen im Zirkus ab und führten so »kultivierte« Hinrichtungsmethoden wie die Kreuzigung ein. Doch wenn wir darüber nachdenken, woher unsere moderne Zivilisation, unsere Kultur, unsere Literatur, unsere Architektur, unsere Medizin, unsere Philosophie und in vielen Fällen unsere Sprache stammen, lautet die Antwort: aus Griechenland und Rom.</p><h3>Der Niedergang der Sklavenhaltergesellschaft</h3><p>Die Sklavenhaltergesellschaft enthält einen inneren Widerspruch, der zu ihrer Zerstörung führte. Obwohl die Arbeit des einzelnen Sklaven aufgrund des Arbeitszwangs nicht besonders produktiv war, so produzierten große Mengen an Sklaven dennoch einen beträchtlichen Überschuss, beispielsweise in den Bergwerken und auf den Latifundien (große Landgüter) in der letzten Periode der Römischen Republik und im Römischen Reich. In der Blütezeit des römischen Kaiserreichs waren Sklaven zahlreich und billig, und die Kriege Roms waren im Grunde großangelegte Sklavenjagden.</p><p>Doch ab einem gewissen Zeitpunkt stieß dieses System an seine Grenzen und trat in eine lange Periode des Niedergangs ein. Da Sklavenarbeit nur dann produktiv ist, wenn sie massenhaft angewandt wird, ist die Grundvoraussetzung für ihren Erfolg eine ständige Versorgung mit billigen Sklaven. Aber Sklaven vermehren sich in der Gefangenschaft nur sehr langsam, und so konnte ein ausreichendes Angebot nur durch ständige Kriege garantiert werden. Als das Römische Reich unter Kaiser Hadrian (76–138 n. Chr.) die Grenzen seiner Expansion erreicht hatte, wurde das immer schwieriger.</p><p>Die Anfänge einer Krise lassen sich bereits in der Spätphase der Römischen Republik beobachten, einer Zeit, die durch intensive soziale und politische Erhebungen und Klassenkampf gekennzeichnet war. Seit den frühesten Anfängen gab es in Rom einen heftigen Kampf zwischen Arm und Reich. Es gibt detaillierte Aufzeichnungen in den Schriften von Livius und anderen über die Kämpfe zwischen Plebejern und Patriziern, die in einem faulen Kompromiss endeten. [Die Plebejer waren das einfache Volk in der römischen Republik, das nicht dem alten Adel, den Patriziern, angehörte. Es waren vor allem Bauern und Handwerker.] Später, als Rom nach dem Sieg über seinen größten Rivalen Karthago bereits den Mittelmeerraum beherrschte, kam es zu einem Kampf um die Aufteilung der Beute.</p><p>Tiberius Gracchus (162–133 v. Chr.) forderte, dass der Wohlstand von Rom unter seinen freien Bürgern aufgeteilt werden sollte. Sein Ziel war es, Italien zu einer Republik der Kleinbauern und nicht der Sklaven zu machen, aber er wurde von den Adeligen und Sklavenhaltern besiegt. Auf lange Sicht war das für Rom katastrophal. Die ruinierte Bauernschaft – das Rückgrat der Republik – zog nach Rom, wo es zum Lumpenproletariat verkam, einer unproduktiven Klasse, die von staatlicher Unterstützung lebte. Obwohl sie große Verbitterung gegenüber den Reichen empfanden, zeigten sie trotzdem ein gemeinsames Interesse an der Ausbeutung der Sklaven – der einzigen produktiven Klasse zur Zeit der Republik und des Kaiserreichs.</p><p>Der große Sklavenaufstand unter Spartacus (73–71 v. Chr.) stellte eine herausragende Episode in der Geschichte der Antike dar. Dass sich die unterdrücktesten Teile der Gesellschaft zum bewaffneten Aufstand erhoben und den Armeen der größten Weltmacht eine Niederlage nach der anderen zufügten, ist eines der phänomenalsten Ereignisse der Geschichte. Wäre es ihnen gelungen, den römischen Staat zu stürzen, hätte sich der Lauf der Geschichte entscheidend verändert.</p><p>Der Hauptgrund für das Scheitern von Spartacus war in der Tatsache begründet, dass die Sklaven sich nicht mit dem Proletariat in den Städten verbinden konnten. Solange letzteres den Staat weiter unterstützte, war der Sieg der Sklaven unmöglich. Das römische Proletariat war hingegen, anders als das moderne Proletariat, keine produktive Klasse, sondern eine rein parasitäre, die von der Arbeit der Sklaven lebte und von ihren Herren abhängig war. Das Scheitern der römischen Revolution ist auf diese Tatsache zurückzuführen.</p><p>Die Niederlage der Sklaven führte zum Ruin des römischen Staates. Da es keine freie Bauernschaft gab, war der Staat gezwungen, seine Kriege von einem Söldnerheer führen zu lassen. Diese Pattsituation im Klassenkampf brachte ein Phänomen hervor, das dem des modernen Bonapartismus ähnelt. Das römische Äquivalent ist der sogenannte Cäsarismus.</p><p>Der römische Legionär war nicht mehr der Republik, sondern seinem Befehlshaber gegenüber loyal – dem Mann, der ihm seinen Sold, seine Beute und, wenn er sich zur Ruhe setzte, ein Stück Land garantierte. Die letzte Periode der Republik ist gekennzeichnet durch eine Verschärfung im Klassenkampf, in dem keine Seite einen entscheidenden Sieg erringen konnte. Als Folge begann der Staat (den Lenin als »besondere Formation bewaffneter Menschen« beschrieb) sich immer mehr zu verselbständigen und sich über die Gesellschaft zu erheben. Er begann immer stärker als letzte Entscheidungsinstanz in den anhaltenden Machtkämpfen um Rom aufzutreten.</p><p>Zu dieser Zeit betraten eine ganze Reihe militärischer Abenteurer die Bühne der Geschichte: Marius, Crassus, Pompeius und schließlich Julius Cäsar (100–44 v. Chr.), ein brillanter General, ein kluger Politiker und ein gewiefter Geschäftsmann, der die Republik praktisch abschaffte, während er sie in Worten verteidigte. Er nutzte sein Ansehen, das durch seine militärischen Erfolge in Gallien, Spanien und Britannien gestiegen war, um alle Macht in seinen Händen zu konzentrieren. Obwohl er durch eine konservative Fraktion, welche die Republik erhalten wollte, ermordet wurde, leitete er den sicheren Untergang des alten Regimes ein.</p><p>Nachdem Brutus und die anderen vom zweiten Triumvirat besiegt worden waren, wurde die Republik formal weitergeführt und dieser Schein wurde auch durch den ersten Kaiser Augustus (63–14 v. Chr.) aufrechterhalten. Der Titel »Kaiser« (Imperator im Lateinischen) ist ein militärischer Titel, der erfunden wurde, um den für republikanische Ohren anstößigen Titel »König« zu vermeiden. Doch in jeder Hinsicht war er ein König, auch wenn er einen anderen Titel führte.</p><p>Die Formen der alten Republik lebten noch für lange Zeit weiter. Doch sie waren nur leere Formen ohne wirklichen Inhalt, eine leere Hülle, die letztendlich vom Winde weg geweht werden konnte. Der Senat hatte keine wirkliche Macht und Autorität. Julius Cäsar hatte die respektable Öffentlichkeit schockiert, als er einen Gallier zum Senatsmitglied machte. Caligula (12–41) ging noch weiter und ernannte sein Pferd zum Senator. Niemand fand das abwegig oder wenn doch, hüllten sie sich in Schweigen.</p><p>Es passiert oft in der Geschichte, dass überholte Institutionen noch lange weiterleben, obwohl sie keine Existenzberechtigung mehr haben. Sie fristen ein erbärmliches Dasein – wie ein klappriger alter Mann, der sich ans Leben klammert – bis sie von einer Revolution weggefegt werden. Der Niedergang des Römischen Reiches dauerte vier Jahrhunderte. Es war kein kontinuierlicher Prozess. Es gab Zeiten des erneuten Aufschwungs und sogar einer neuerlichen Blütezeit, dennoch zeigte die allgemeine Entwicklungstendenz nach unten.</p><p>In derartigen Zeiten herrscht ein allgemeines Unbehagen. Es herrscht eine Stimmung der Skepsis, des Glaubensverlusts und des Zukunftspessimismus vor. Die alten Traditionen, die alte Moral und Religion – Dinge, die wie guter Zement die Gesellschaft zusammenhalten – verlieren ihre Glaubwürdigkeit. Anstelle der alten Religion suchen die Menschen nach neuen Göttern. In der Periode des Niedergangs wurde Rom von einer Welle religiöser Sekten aus dem Osten überflutet. Das Christentum war nur eine davon, und obwohl es sich schließlich durchsetzte, musste es sich gegen zahlreiche Konkurrenten, wie etwa den Mithraskult, behaupten.</p><p>Wenn die Menschen das Gefühl haben, dass die Welt, in der sie leben, ins Wanken gerät, dass sie jegliche Kontrolle über ihre Existenz verloren haben und dass ihr Leben und ihr Schicksal von unsichtbaren Kräften bestimmt werden, dann gewinnen mystische und irrationale Weltanschauungen die Oberhand. Die Menschen glauben, das Ende der Welt ist nahe. Die frühen Christen glaubten dies mit voller Überzeugung. Tatsächlich ging nicht die Welt ihrem Ende entgegen, sondern eine besondere Gesellschaftsform – die Sklavenhaltergesellschaft. Der Erfolg des Christentums gründete sich auf der Tatsache, dass es an dieser allgemeinen Stimmung anknüpfte. Die Welt war schlecht und sündhaft. Es wurde notwendig, sich von dieser Welt und all ihren irdischen Dingen abzuwenden und auf ein besseres Leben nach dem Tod zu hoffen.</p><h3>Warum die Barbaren triumphierten</h3><p>Als die barbarischen Stämme in das Römische Reich eindrangen, befand sich die gesamte Gesellschaft am Rande des Zusammenbruchs, nicht nur ökonomisch, sondern auch moralisch und spirituell. Es war kein Wunder, dass die Barbaren von den Sklaven und den ärmeren Schichten der Gesellschaft als Befreier begrüßt wurden. Sie vollendeten lediglich ein Werk, das im Vorfeld bereits gut vorbereitet worden war. Die Angriffe der Barbaren stellten einen Zufall der Geschichte dar, der eine historische Notwendigkeit zum Ausdruck brachte.</p><p>Der Verfall der Sklavenwirtschaft, die ungeheuerliche Unterdrückung durch das Römische Reich mit seiner aufgeblähten Bürokratie und den räuberischen Steuerpächtern untergrub bereits die gesamte Ordnung. Es kam zu einer stetigen Abwanderung aufs Land, wo bereits die Grundlagen für die Entwicklung einer anderen Produktionsweise – des Feudalismus – im Entstehen waren. Die Barbaren gaben dem verrotteten und maroden System lediglich den Gnadenstoß.</p><p>Im Kommunistischen Manifest schrieben Marx und Engels: <q id="zweizwei">»Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz zueinander, führten einen ununterbrochenen, bald versteckten, bald offenen Kampf, einen Kampf, der jedesmal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen.«</q><a href="#22"><sup>[22]</sup></a></p><p>Was mit dem Römischen Reich geschah, ist ein eindrucksvoller Beweis für die letztere Variante. Das Versagen der unterdrückten Klassen der römischen Gesellschaft, sich zusammenzuschließen und den brutalen und ausbeuterischen Sklavenstaat zu stürzen, führte zu einer inneren Erschöpfung und einer langen und schmerzhaften Periode des sozialen, ökonomischen und kulturellen Zerfalls, der den Weg für die Barbaren frei machte.</p><p>Als das Kaiserreich an seine Grenzen stieß, begannen sich die inneren Widersprüche der Sklaverei zunehmend durchzusetzen. Rom trat in eine lange Phase des Niedergangs ein, die sich über Jahrhunderte hinzog, bis es schließlich von den Barbaren – beginnend mit den Goten – überrannt wurde.</p><p>Erst wurde Griechenland, dann Italien geplündert und verwüstet. Schließlich kam es am 24. August 410 – zum ersten Mal seit sechs Jahrhunderten – zur Plünderung Roms durch die Westgoten unter ihrem König Alarich. Und das war erst der Anfang.</p><p>Nach den Westgoten und Ostgoten kamen die Vandalen, Alanen, Langobarden, Sueben, Alemannen, Burgunder, Franken, Thüringer, Friesen, Heruler, Gepiden, Angeln, Sachsen, Jüten, Hunnen und Magyaren. Sie drangen in mehreren Wellen über die Reichsgrenzen vor. Als die Vandalen im 5. Jahrhundert die afrikanischen Provinzen eroberten, wurde die Nahrungsmittelversorgung Roms plötzlich unterbrochen, was dem Weströmischen Reich einen tödlichen Schlag versetzte.</p><p>Die unmittelbare Auswirkung des Angriffs der Barbaren war die Vernichtung der Zivilisation, was die Gesellschaft und das menschliche Denken um eintausend Jahre zurückwarf. Die Entwicklung der Produktivkräfte erlitt eine gewaltsame Unterbrechung. Die Städte wurden zerstört oder verlassen. Die Eindringlinge waren agrarische Völker, die nichts mit Klein- und Großstädten anfingen konnten. Sie verhielten sich den Städten und ihren Einwohnern gegenüber feindselig (eine Haltung, die unter der Bauernschaft aller Epochen weit verbreitet ist). Dieser Prozess der Zerstörung und Plünderung setzte sich über Jahrhunderte fort und hinterließ ein schreckliches Erbe der Rückständigkeit, das auch als Dunkles Zeitalter (engl. Dark Ages) bezeichnet wird.</p><p>Zwar gelang es den Barbaren, Rom zu erobern, ihre Kultur wurde allerdings relativ schnell absorbiert, sie verloren sogar ihre eigene Sprache und sprachen schließlich einen Dialekt des Lateinischen. So war es auch mit den Franken, die dem heutigen Frankreich ihren Namen gaben. Sie waren einst ein germanischer Stamm, der eine mit dem heutigen Deutsch verwandte Sprache hatte. Das Gleiche geschah mit den germanischen Stämmen, die in Spanien und Italien einfielen. Das ist der übliche Verlauf, wenn ein ökonomisch und kulturell rückständigeres Volk eine höher entwickelte Nation erobert.</p><p>Ebenso erging es später auch den mongolischen Horden, die Indien eroberten. Sie wurden von der fortschrittlicheren Hindu-Kultur aufgesogen und gründeten schließlich eine neue indische Dynastie – das Mogulreich (1526–1858).</p>								</div>
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									<h3>Feudalismus und Kapitalismus</h3><p>Der Aufstieg des Feudalsystems nach dem Zusammenbruch Roms ging in ganz Europa nördlich der Pyrenäen mit einer langen Phase der kulturellen Stagnation einher. Es gab in über tausend Jahren, abgesehen vom Wasserrad und den Windmühlen, keine nennenswerten Erfindungen. Eintausend Jahre nach dem Untergang Roms waren die einzigen brauchbaren Straßen in Europa jene aus der Römerzeit. Mit anderen Worten, es gab eine völlige kulturelle Finsternis. Das war das Ergebnis des Zusammenbruchs der Produktivkräfte, von denen die Kultur letztlich abhängt. Genau das ist gemeint, wenn wir von einer rückläufigen Entwicklung in der Geschichte sprechen. Und niemand sollte sich einbilden, dass so etwas nicht wieder geschehen kann.</p><p>Die Invasionen der Barbaren, Kriege und Seuchen führten dazu, dass der gesellschaftliche Fortschritt durch Phasen des Rückschritts unterbrochen wurde. Doch schließlich wurden die chaotischen Zustände, die mit dem Untergang Roms einhergingen, durch ein neues gesellschaftliches Gleichgewicht ersetzt: den Feudalismus. Der Niedergang des Römischen Reiches führte in weiten Teilen Europas zu einem starken Rückgang des städtischen Lebens. Die barbarischen Eroberer wurden allmählich aufgesogen und im 10. Jahrhundert begann in Europa langsam eine neue Periode des Aufschwungs.</p><p>Natürlich ist diese Aussage relativ. Die Kultur erreichte erst mit dem Beginn der Renaissance im 14. und 15. Jahrhundert ein mit der Antike vergleichbares Niveau. Bildung und Wissenschaft waren strikt der Autorität der Kirche untergeordnet. Die Schaffenskraft der Menschen wurde entweder durch ständige Kriege oder klösterliche Träumereien gebannt, doch allmählich nahm die Talfahrt ein Ende und wurde durch eine lange Aufschwungsphase abgelöst.</p><p>Der Zusammenbruch gesicherter Verkehrswege führte zum Zusammenbruch des Handels. Die Geldwirtschaft wurde geschwächt und zunehmend durch den Tauschhandel ersetzt. Anstelle der vernetzten internationalen Wirtschaft des römischen Sklavenreichs traten kleine isolierte landwirtschaftliche Gemeinschaften.</p><p>Der Grundstein für den Feudalismus wurde schon in der römischen Gesellschaft gelegt, als die Sklaven befreit und zu Kolonen (Ackerpächtern) wurden, die an den Boden gebunden waren und später zu Leibeigenen wurden. Dieser Prozess, der zu verschiedenen Zeiten stattfand und in verschiedenen Ländern verschiedene Formen annahm, wurde durch die Eroberung der Barbaren beschleunigt. Die germanischen Kriegsherren wurden zu den Grundherren der eroberten Gebiete, und sie boten deren Bewohnern militärischen Schutz und ein gewisses Maß an Sicherheit im Austausch für die Ausbeutung der Arbeit der Leibeigenen.</p><p>In der frühen Phase des Feudalismus ermöglichte die Vereinzelung des Adels ziemlich starke Monarchien, aber später standen der königlichen Macht starke adelige Grundbesitzer gegenüber, die in der Lage waren, diese herauszufordern und zu stürzen. Die Adeligen hatten ihre eigenen feudalen Armeen, die oft gegeneinander, aber auch gegen den König ins Feld zogen.</p><p>Das Feudalsystem in Europa war im Wesentlichen ein dezentrales System. Die Macht des Königs wurde durch die Aristokratie eingeschränkt. Die Zentralmacht war in der Regel schwach. Die Machtbasis des Feudalherrn war sein Gutshof und sein Grundbesitz. Die Staatsmacht war schwach und es gab keine Bürokratie. Diese Schwäche der Zentralmacht erlaubte später die Unabhängigkeit der Städte mit dem Stadtrecht und die Herausbildung des Bürgertums als eigene Klasse.</p><p>Die romantische Idealisierung des Mittelalters beruht auf einem Mythos. Es war ein blutiges und von Erschütterungen geprägtes Zeitalter, das durch große Grausamkeit und Barbarei gekennzeichnet war und von Marx und Engels als brutale Zurschaustellung von Stärke beschrieben wurde. Die Kreuzfahrer zeichneten sich durch außergewöhnliche Grausamkeit und Unmenschlichkeit aus. Die deutschen Invasionen in Italien waren nutzlose Manöver.</p><p>Die letzte Phase des Mittelalters war eine turbulente Zeit, die von ständigen Erschütterungen, Kriegen und Bürgerkriegen geprägt war – genau wie unsere Zeit. Die alte Ordnung lag im Grunde genommen bereits im Sterben. Auch wenn sie sich noch trotzig auf den Beinen hielt, wurde ihre Existenz nicht mehr als ein Naturgesetz – als etwas, das unvermeidlich akzeptiert werden musste – angesehen.</p><p>Über hundert Jahre lang führten England und Frankreich einen blutigen Krieg, der große Teile Frankreichs in Schutt und Asche legte. Die Schlacht von Azincourt (1415) war die letzte und grausamste Schlacht des Mittelalters. Hier standen sich im Wesentlichen zwei rivalisierende Systeme auf dem Schlachtfeld gegenüber: Die alte feudale Militärordnung, die auf dem Adel und der Vorstellung von Ritterlichkeit und Dienstbarkeit beruhte, traf auf eine Söldnerarmee auf der Grundlage von Lohnarbeit.</p><p>Der französische Adel wurde vernichtend geschlagen und auf beschämende Weise von einer Söldnerarmee aus dem einfachen Volk besiegt. In den ersten 90 Minuten wurden 8.000 Angehörige der französischen Aristokratie getötet und 1.200 gefangen genommen. Am Ende lag nicht nur der gesamte französische Adel blutend am Boden, sondern auch die Feudalordnung selbst.</p><p>Das hatte bedeutende soziale und politische Auswirkungen. Von diesem Moment an begann die Macht des französischen Adels zu schwinden. Die Engländer wurden durch einen Volksaufstand, der von dem Bauernmädchen Jeanne d’Arc angeführt wurde, aus Frankreich vertrieben. Mitten in den Trümmern ihres Lebens, dem Chaos und dem Blutvergießen wurde sich das französische Volk seiner nationalen Identität bewusst und handelte dementsprechend. Das Bürgertum begann, seine Rechte und Privilegien einzufordern. Eine neue monarchische Zentralgewalt, die sich auf das Bürgertum und das Volk stützte, fing an, die Zügel der Macht an sich zu reißen, indem sie einen Nationalstaat schuf, aus dem schließlich das moderne Frankreich hervorgehen sollte.</p><h3>Der Schwarze Tod</h3><p>Wenn ein gesellschaftliches System in eine Phase von Krise und Niedergang eintritt, zeigt sich das nicht nur in der Stagnation der Produktivkräfte, sondern auf allen Ebenen der Gesellschaft. Der Niedergang des Feudalismus war eine Epoche, in der das intellektuelle Leben im Sterben begriffen war. Der Würgegriff der Kirche lähmte alle kulturellen und wissenschaftlichen Initiativen.</p><p>Die Feudalstruktur beruhte auf einer Herrschaftspyramide, in der Gott und König an der Spitze einer vielschichtigen Hierarchie standen und alle Schichten durch sogenannte Pflichten miteinander verbunden waren. In der Theorie »beschützten« die Feudalherren die Bauern, die sie als Gegenleistung mit Nahrungsmitteln und Kleidung versorgten, und ihnen ein Leben in Luxus und Müßiggang ermöglichten; die Priester beteten für ihre Seelen; die Ritter verteidigten sie und so weiter.</p><p>Dieses System bestand für sehr lange Zeit. In Europa währte es eintausend Jahre, von Mitte des 5. bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts. Doch spätestens im 13. Jahrhundert stieß der Feudalismus in England und anderen europäischen Regionen an seine Grenzen. Das Bevölkerungswachstum belastete das gesamte System. Grenzgebiete mussten kultiviert werden und große Teile der Bevölkerung mussten mit dem Nötigsten auskommen und lebten auf kleinen Parzellen.</p><p>Es war eine Situation »am Rande des Chaos«, in der das ganze marode Gesellschaftsgefüge durch einen kräftigen Stoß zum Einsturz gebracht werden konnte. Und welcher Stoß hätte kräftiger sein können, als die Verwüstung durch den Schwarzen Tod, der zwischen einem Drittel und der Hälfte der Bevölkerung Europas dahinraffte? Das Aufkommen der Pest führte die Ungerechtigkeit, das Elend, die Ignoranz und die intellektuelle und geistige Finsternis des 14. Jahrhunderts allen deutlich vor Augen.</p><p>Es ist heute allgemein bekannt, dass der Schwarze Tod eine wichtige Rolle bei der Schwächung des Feudalismus spielte. Das trifft besonders auf England zu. Nachdem die Pest bereits die Hälfte der europäischen Bevölkerung dahingerafft hatte, griff sie im Sommer 1348 auf England über. Die Pest breitete sich landeinwärts in den Dörfern auf dem Land aus und richtete dabei die Bevölkerung zugrunde. Ganze Familien und teilweise sogar ganze Dörfer wurden ausgelöscht. Wie auf dem europäischen Festland kam auch hier die Hälfte der Bevölkerung ums Leben. Diejenigen, denen es gelang zu überleben, kamen oft in den Besitz von großen Landflächen. So entstand eine neue Klasse von reichen Bauern.</p><p>Die enorm hohen Todeszahlen führten zu einem gewaltigen Arbeitskräftemangel. Es gab einfach nicht genug Arbeiter, um die Ernte einzubringen, oder Handwerker, welche die notwendigen Tätigkeiten ausführen konnten. Damit war die Grundlage für einen tiefgreifenden Gesellschaftswandel gelegt. Die Bauern wurden sich ihrer Stärke bewusst und forderten höhere Löhne und geringere Pachtgebühren, und setzten diese auch durch. Wenn der Grundherr sich weigerte, die Forderungen zu erfüllen, konnten sie einfach zum nächsten Herrn weiterziehen, der dazu bereit war. Manche Dörfer wurden so gänzlich verlassen und aufgegeben.</p><p>Die alten Fesseln der Leibeigenschaft wurden zuerst gelockert und dann vollständig aufgelöst. Als die Bauern das Joch der feudalen Verpflichtungen abwarfen, strömten viele von ihnen in die Städte, um dort ihr Glück zu suchen. Das befeuerte weiter das Wachstum der Städte und begünstigte den Aufstieg der Bourgeoisie. 1349 verabschiedete König Edward III. das wahrscheinlich erste Gesetz zur Lohnpolitik, die Ordiance of Labourers (Verordnung der Arbeiter). Darin wurden die Löhne auf dem alten Niveau fixiert. Doch das Gesetz war von Anfang an eine Totgeburt. Die Gesetze von Angebot und Nachfrage waren bereits stärker als jedes königliche Dekret.</p><p>Überall regte sich ein neuer, rebellischer Geist. Die alte Autorität war bereits ausgehöhlt und diskreditiert. Der ganze verrottete Gesellschaftsbau wankte und drohte einzustürzen. Ein kräftiger Stoß, so schien es, würde die Sache erledigen. In Frankreich kam es zu einer Reihe von Bauernaufständen, den Jacqueries. Noch bedeutender waren die Bauernaufstände in England im Jahr 1381, als die Aufständischen zeitweise London besetzten und den König in ihre Gewalt brachten. Letztlich konnten sich diese Aufstände jedoch nicht durchsetzen.</p><p>Diese Aufstände waren in Wirklichkeit eine verfrühte Vorwegnahme der bürgerlichen Revolution zu einem Zeitpunkt, an dem die Bedingungen noch nicht reif dafür waren. Sie waren ein Ausdruck der Sackgasse des Feudalismus und der tiefen Unzufriedenheit der Massen. Doch sie konnten keinen Ausweg aufzeigen. In der Folge überlebte das Feudalsystem, wenn auch in stark veränderter Form, für eine Zeit und zeigte dabei alle Symptome einer kranken, dem Untergang geweihten Gesellschaftsordnung.</p><p>Das Gefühl, dass das Ende der Welt bevorsteht, ist typisch für eine jede historische Periode, in der sich das vorherrschende Gesellschaftssystem in seinem unaufhaltsamen Niedergang befindet. Zur selben Zeit zogen Scharen barfüßiger und in Büßergewand gekleideter Männer durch die Straßen und peitschten sich selbst bis aufs Blut aus. Die Flagellanten-Sekten erwarteten jeden Augenblick voller Schrecken das Ende der Welt.</p><p>Letztendlich wurde nicht das Ende der Welt eingeläutet, sondern lediglich das Ende des Feudalismus, und es trat nicht Jesus in Erscheinung, sondern der Kapitalismus. Doch man konnte nicht erwarten, dass das damals allgemein verstanden wird. Eins war allen klar: Die alte Welt befand sich in einem Zustand des raschen und unaufhaltsamen Zerfalls. Menschen wurden durch die widersprüchlichen Tendenzen innerlich zerrissen. Ihr Glaube wurde erschüttert, und sie irrten in einer kalten, unmenschlichen, feindseligen und unfassbaren Welt umher.</p><h3>Der Aufstieg der Bourgeoisie</h3><p>Als all die alten Gewissheiten und Vorstellungen danieder lagen, war es, als ob der Dreh- und Angelpunkt der Welt entfernt worden wäre. Das Ergebnis war eine beängstigende Unruhe und Unsicherheit. In der Mitte des 15. Jahrhunderts begann das alte Glaubenssystem ins Wanken zu geraten. Die Menschen orientierten sich nicht länger an der Kirche, um Erlösung, Hilfe und Trost zu erhalten. Stattdessen kam es zu religiösen Meinungsverschiedenheiten, die in vielfältigen Formen auftraten und als Deckmantel für soziale und politische Opposition dienten.</p><p>Bauern widersetzten sich den alten Gesetzen und Vorschriften, forderten Bewegungsfreiheit und setzten diese durch, indem sie ohne Genehmigung in die Städte zogen. Zeitgenössische Chroniken berichten von der Entrüstung der Grundherren über die Befehlsverweigerung ihrer Untergebenen. Es kam sogar zu einigen Streiks.</p><p>Inmitten der Dunkelheit regten sich neue Kräfte, welche die Geburt einer neuen Macht und einer neuen Zivilisation ankündigten, die allmählich im Schoß der alten Gesellschaft heranwuchs. Der Aufstieg des Handels und der Städte brachte eine neue aufstrebende Klasse mit sich: die Bourgeoisie. Sie begann mit den herrschenden feudalen Klassen, dem Adel und der Kirche, um Stellung und Macht zu kämpfen. Die Geburt einer neuen Gesellschaft kündigte sich bereits in Kunst und Literatur an, wo im Lauf der nächsten hundert Jahre neue Strömungen entstanden.</p><p>Der Aufstieg der Städte, jener kapitalistischen Inseln im Meer des Feudalismus, untergrub allmählich die alte Ordnung. Die neue Geldwirtschaft, die an den Rändern der Gesellschaft entstand, nagte an den Fundamenten der Feudalwirtschaft. Die alten feudalen Schranken waren nun zu unerträglichen Hindernissen für den Fortschritt geworden. Sie mussten zerschlagen werden. Doch der Triumph der Bourgeoisie vollzog sich nicht auf einen Schlag. Es brauchte lange Zeit, um den endgültigen Sieg über die alte Ordnung zu erringen. Nur allmählich begann in den Städten ein neuer Lebensfunke aufzuleuchten.</p><p>Die langsame Erholung des Handels führte zum Aufstieg der Bourgeoisie und zu einer Belebung der Städte, vor allem in Flandern, Holland und Norditalien. Neue Ideen traten auf. Nach dem vierten Kreuzzug und der Eroberung Konstantinopels (1204) entstand ein neues Interesse an den Ideen und der Kunst der klassischen Antike. In Italien und den Niederlanden entstanden neue Kunstformen. Boccaccios Dekamerone gilt als erster moderner Roman. In England spiegeln die lebendigen und farbenreichen Schriften von Chaucer einen neuen Geist in der Kunst wider. Die Renaissance machte ihre ersten vorsichtigen Schritte. Nach und nach entstand aus dem Chaos eine neue Ordnung.</p><h3>Die Reformation</h3><p>Im 15. Jahrhundert hatte sich das Bürgertum bereits fest etabliert. Die Niederlande wurden die Produktionsstätte Europas, und der Handel florierte entlang des Rheins. Die Städte Norditaliens, die den Handelsverkehr mit dem Osten eröffneten, verschafften dem wirtschaftlichen Wachstum und dem Handel einen mächtigen Auftrieb. Während vom 5. bis zum 12. Jahrhundert Europa aus weitgehend voneinander isolierten Ökonomien bestand, war nun eine vollständige Kehrtwende eingetreten. Die Entdeckung Amerikas, die Umschiffung des Kaps der Guten Hoffnung und die allgemeine Ausweitung des Handels gaben nicht nur der Schaffung von Wohlstand, sondern auch der Entwicklung des menschlichen Denkens einen neuen Anstoß.</p><p>Unter diesen Bedingungen war die alte intellektuelle Stagnation nicht länger möglich. Den Konservativen und Reaktionären wurde der Boden unter den Füßen weggezogen, wie Marx und Engels es im Kommunistischen Manifest beschrieben:</p><blockquote id="zweidrei"><p>»Die Entdeckung Amerikas, die Umschiffung Afrikas schufen der aufkommenden Bourgeoisie ein neues Terrain. Der ostindische und chinesische Markt, die Kolonisierung von Amerika, der Austausch mit den Kolonien, die Vermehrung der Tauschmittel und der Waren überhaupt gaben dem Handel, der Schifffahrt, der Industrie einen nie gekannten Aufschwung und damit dem revolutionären Element in der zerfallenden feudalen Gesellschaft eine rasche Entwicklung.«<a href="#23"><sup>[23]</sup></a></p></blockquote><p>Es ist kein Zufall, dass der Aufstieg der Bourgeoisie in Italien, Holland, England und später in Frankreich von einer außergewöhnlichen Blütezeit von Kultur, Kunst und Wissenschaft begleitet wurde. Revolutionen sind, wie Marx einmal sagte, »die Lokomotiven der Geschichte«. In den Ländern, in denen die bürgerliche Revolution im 17. und 18. Jahrhundert triumphierte, wurde die Entwicklung der Produktivkräfte und der Technologie durch eine parallele Entwicklung von Wissenschaft und Philosophie ergänzt, welche die ideologische Vorherrschaft der Kirche für immer untergrub.</p><p>In ihrer Aufstiegsphase, als der Kapitalismus noch eine historisch fortschrittliche Kraft darstellte, musste die Bourgeoisie einen harten Kampf gegen die ideologischen Stützen des Feudalismus führen – angefangen bei der katholischen Kirche. Lange bevor das Bürgertum die Macht der feudalen Grundherren zerstörte, musste die Bourgeoisie die philosophischen und religiösen Schutzwälle einreißen, die das Feudalsystem mit Hilfe der Kirche und dessen militanten Flügel, der Inquisition, errichtet hatte. Diese Revolution wurde durch die Auflehnung Martin Luthers gegen die Autorität der Kirche vorweggenommen.</p><p>Im 14. und 15. Jahrhundert entwickelten sich in Deutschland, das zuvor vollständig von der Landwirtschaft geprägt war, neue gesellschaftliche Klassen, die mit der traditionellen Feudalhierarchie in Konflikt gerieten.</p><p>Luthers Angriffe auf die römisch-katholische Kirche dienten als Funke, um die Revolution zu entfachen. Die Bürger und der niedere Adel versuchten, die Macht des Klerus zu brechen, sich aus den Fängen Roms zu befreien und nicht zuletzt durch die Enteignung von Kirchengütern zu bereichern. Doch in den Tiefen der feudalen Gesellschaft regten sich noch weitere Kräfte. Als Luthers Appelle gegen den Klerus und seine Ideen über die christliche Freiheit die Aufmerksamkeit der deutschen Bauern bekam, wirkten sie wie ein mächtiger Impuls für die Wut der Massen, die lange schweigend die Unterdrückung durch die Feudalherren ertragen hatten. Nun erhoben sie sich, um sich an ihren Unterdrückern zu rächen.</p><p>Nach dem Beginn des Bauernkrieges 1524 weitete er sich 1525 auf die deutschen Regionen im Heiligen Römischen Reich aus, bis er 1526 niedergeschlagen wurde. Was damals geschah, hat sich in der jüngeren Geschichte vielfach wiederholt: Als Luther mit den Folgen seiner revolutionären Ideen konfrontiert wurde, musste er sich für eine Seite entscheiden, und er schloss sich dem Bürgertum, dem Adel und den Fürsten bei der Niederschlagung der aufständischen Bauern an.</p><p>In der Person von Thomas Müntzer fand die Bauernschaft einen besseren Anführer. Während Luther den friedlichen Widerstand predigte, griff Thomas Müntzer die Priesterschaft in seinen Predigten scharf an und rief das Volk zum bewaffneten Aufstand auf. Wie Luther berief auch er sich auf die Bibel, um seine Handlungen zu rechtfertigen: »Sagt nicht Christus: ›Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert‹?«</p><p>Der radikalste Flügel der Bewegung waren die Wiedertäufer, die damit begannen, das Privateigentum in Frage zu stellen und sich den Urkommunismus der frühen Christen zum Vorbild nahmen, wie er in der Apostelgeschichte beschrieben wird. Müntzer vertrat die Ansicht, dass die Bibel nicht unfehlbar sei und der Heilige Geist durch die Kraft der Vernunft direkt zu uns sprechen könne.</p><p>Luther war entsetzt und schrieb das berüchtigte Pamphlet Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern. Der Aufstand wurde mit unsäglicher Brutalität niedergeschlagen, was Deutschland um Jahrhunderte zurückwarf. Doch die Welle der bürgerlichen Revolte, die sich im Aufstieg des Protestantismus widerspiegelte, war jetzt nicht mehr aufzuhalten.</p><p>Jene Länder, in denen die reaktionären Kräfte des Feudalismus den Keim der neuen Gesellschaft schon in der Wiege erstickten, wurden dazu verdammt, einen Albtraum zu durchleben: Eine lange und schmachvolle Periode der Degeneration, des Niedergangs und des Zerfalls. Dafür ist Spanien das anschaulichste Beispiel.</p><h3>Die bürgerliche Revolution</h3><p>Die erste bürgerliche Revolution der Geschichte vollzog sich in Form eines nationalen Aufstands der Niederlande gegen die unterdrückerische Herrschaft des katholischen Spaniens. Um in ihrem Vorhaben erfolgreich zu sein, stützten sich die wohlhabenden holländischen Bürger auf die Besitzlosen, jene mutigen Desperados, die hauptsächlich aus den ärmsten Schichten der Gesellschaft stammten. Die Stoßtrupps der niederländischen Revolution wurden von ihren Feinden verächtlich auch als »Seebettler« bezeichnet.</p><p>Diese Beschreibung war nicht völlig von der Hand zu weisen. Es handelte sich um arme Handwerker, Arbeiter, Fischer, Obdachlose und Entrechtete – all jene, die als Abschaum der Gesellschaft betrachtet wurden. Doch vom calvinistischen Eifer erfüllt, fügten sie den Armeen des mächtigen Spaniens eine Niederlage nach der anderen zu. Damit wurde die Grundlage für die Entstehung der Niederländischen Republik und des modernen, wohlhabenden, bürgerlichen Hollands gelegt.</p><p>Die nächste Episode der bürgerlichen Revolution war in ihren Auswirkungen noch bedeutsamer und weitreichender. Die Englische Revolution des 17. Jahrhunderts nahm die Form eines Bürgerkrieges an. Sie schuf eine Doppelmacht: Auf der einen Seite stand die königliche Macht, die sich auf die privilegierten Klassen beziehungsweise auf die Spitzen dieser Klassen stützte – die Aristokraten und Bischöfe, die in Oxford beheimatet waren. Ihr gegenüber stand die Bourgeoisie und die kleinen Landbesitzer sowie die plebejischen Massen, die in London lebten.</p><p>Die Englische Revolution war erst dann erfolgreich, als Oliver Cromwell, der sich auf die radikalsten Kräfte stützte, d. h. die bewaffneten Plebejer, die Bourgeoisie beiseiteschob und einen revolutionären Krieg gegen die Royalisten führte. Infolgedessen wurde der König gefangen genommen und hingerichtet. Der Konflikt endete mit der Auflösung des Parlaments und der Diktatur Cromwells.</p><p>Die unteren Ränge der Armee unter der Führung der Levellers – dem äußersten linken Flügel der Revolution – versuchten die Revolution weiterzuführen und stellten das Privateigentum in Frage. Sie wurden allerdings von Cromwell niedergeschlagen. Der Grund für diese Niederlage liegt in den objektiven Bedingungen jener Zeit. Die Industrie war noch nicht so weit entwickelt, dass sie die Grundlage für den Sozialismus hätte bilden können.</p><p>Das Proletariat steckte noch in den Kinderschuhen. Die Levellers selbst repräsentierten die unteren Schichten des Kleinbürgertums und waren daher trotz ihres Heldenmuts nicht in der Lage, einen eigenständigen historischen Weg einzuschlagen. Nach Cromwells Tod schloss die Bourgeoisie einen Kompromiss mit Karl II., der es ihr ermöglichte, die tatsächliche Macht zu ergreifen und gleichzeitig die Monarchie als Bollwerk gegen künftige Revolutionen und zum Schutz des Privateigentums beizubehalten. Dieser Kompromiss hielt bis zum Staatsstreich von 1688/89, der sogenannten Glorious Revolution (Glorreiche Revolution), als Karls Thronfolger, Jakob II., unter der Führung des holländischen Abenteurers Wilhelm von Oranien durch eine gefügigere Dynastie ersetzt wurde.</p><p>Die Amerikanische Revolution, welche sich in der Form eines nationalen Unabhängigkeitskriegs vollzog, war nur in dem Maße erfolgreich, wie sie die breite Masse der verarmten Bauernschaft für sich gewann. Diese führte einen erfolgreichen Guerillakrieg gegen König George III. von England.</p><p>Die Französische Revolution von 1789-1793 stand auf einem weit höheren Niveau als die Englische Revolution. Sie war eines der größten Ereignisse der Menschheitsgeschichte. Bis zum heutigen Tag bleibt sie eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Während Cromwell unter dem Banner der Religion kämpfte, erhob die französische Bourgeoisie die Fahne der Vernunft. Noch bevor sie die gewaltigen Mauern der Bastille zum Einsturz brachte, hatte sie die unsichtbaren, aber nicht weniger gewaltigen Mauern der Kirche und der Religion zu Fall gebracht.</p><p>In jeder Phase war die aktive Beteiligung der Massen die Triebkraft der Französischen Revolution, die alle Hindernisse aus dem Weg räumte. Und als die aktive Beteiligung der Massen abebbte, kam die Revolution zum Stillstand und ging in die entgegengesetzte Richtung. Das führte direkt zur Reaktion, zunächst der thermidorianischen und später der bonapartistischen Variante.</p><p>Die Gegner der Französischen Revolution versuchen immer wieder, sie mit Verleumdungen von Gewalt und Blutvergießen in den Dreck zu ziehen. In Wirklichkeit ist die Gewalt der Massen stets eine unweigerliche Reaktion auf die Gewalt der alten herrschenden Klasse. Die Ursprünge des Terrors sind in der Antwort der Revolution auf die Gefahr eines gewaltsamen Umsturzes durch ihre inneren und äußeren Gegner zu suchen. Die revolutionäre Diktatur war Ergebnis und Ausdruck eines revolutionären Krieges.</p><p>Unter der Herrschaft von Robespierre und den Jakobinern brachten die halbproletarischen Sansculotten die Revolution zu einem erfolgreichen Abschluss. Tatsächlich drängten die Massen ihre Führer dazu, viel weiter zu gehen, als sie beabsichtigt hatten. Die Revolution hatte objektiv einen bürgerlich-demokratischen Charakter, weil die Entwicklung der Produktivkräfte noch nicht so weit war, dass der Sozialismus auf die Tagesordnung gesetzt hätte werden können.</p><p>An einem bestimmten Punkt ist der Prozess an seine Grenzen gestoßen und musste umgekehrt werden. Robespierre und seine Fraktion schlugen den linken Flügel nieder und wurden dann selbst beseitigt. Die thermidorianische Reaktion in Frankreich jagte und unterdrückte die Jakobiner, während die Massen, erschöpft von jahrelanger Anstrengung und Aufopferung, in Passivität und Gleichgültigkeit verfielen. Das Pendel schlug jetzt scharf nach rechts, aber das Ancien Régime wurde nicht wieder errichtet. Die grundlegenden sozio-ökonomischen Errungenschaften der Revolution blieben bestehen. Die Macht des Landadels war gebrochen.</p><p>Auf das verrottete und korrupte Direktorium folgte die genauso verkommene und korrupte persönliche Diktatur von Bonaparte. Die französische Bourgeoisie hatte Angst vor den Jakobinern und den Sansculotten mit ihrem Hang zu Egalität und Gleichmacherei. Doch noch mehr Angst hatte sie vor der Gefahr einer royalistischen Konterrevolution, die ihr die Macht entreißen und die Gesellschaft in die Zeit vor 1789 zurückreißen würde. Die Kriege gingen weiter, und es gab weiterhin reaktionäre Aufstände im Inneren. Der einzige Ausweg war die Wiedereinführung einer Diktatur, allerdings in der Form einer Militärherrschaft. Die Bourgeoisie suchte nach einem Retter und fand ihn in der Person von Napoleon Bonaparte.</p><p>Mit der Niederlage Napoleons in der Schlacht von Waterloo erlosch die letzte flackernde Glut des revolutionären Frankreichs. Eine lange und düstere Periode fiel wie eine dicke, alles erstickende Staubschicht auf Europa herab. Die Kräfte der siegreichen Reaktion schienen fest im Sattel zu sitzen. Doch das war nur eine Momentaufnahme. Unter der Oberfläche grub der Maulwurf der Geschichte fleißig das Fundament für eine neue Revolution.</p><p>Der Sieg des Kapitalismus in Europa legte den Grundstein für einen gewaltigen industriellen Aufschwung und stärkte damit die Klasse, die dazu bestimmt ist, den Kapitalismus zu stürzen und eine neue, höhere Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung einzuleiten – den Sozialismus. Marx und Engels schrieben im Kommunistischen Manifest:</p><blockquote id="zweivier"><p>»Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus. Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet, der Papst und der Zar, Metternich und Guizot, französische Radikale und deutsche Polizisten.«<a href="#24"><sup>[24]</sup></a></p></blockquote><p>Diese Worte beschreiben das reaktionäre System, das nach der Niederlage Napoleons im Jahr 1815 auf dem Wiener Kongress etabliert wurde. Es sollte die Gefahr einer Revolution für immer beseitigen und das Gespenst der Französischen Revolution ein für alle Mal bannen. Die brutale Diktatur der »Mächte des alten Europas« schien unüberwindbar. Doch früher oder später würden sich die Dinge in ihr Gegenteil verkehren. Unter der Oberfläche der Reaktion reiften allmählich neue Kräfte heran und eine neue revolutionäre Klasse – das Proletariat – streckte seine Glieder aus.</p><p>Die Konterrevolution wurde durch eine neue revolutionäre Welle, die 1848 über Europa hinwegfegte, gestürzt. Diese Revolutionen wurden unter dem Banner der Demokratie geführt, demselben Banner, das 1789 über den Barrikaden von Paris gehisst worden war. Doch überall war nicht die feige, reaktionäre Bourgeoisie die führende Kraft, sondern es waren die Nachfahren der französischen Sansculotten – die Arbeiterklasse, die sich ein neues revolutionäres Ideal auf die Fahne geschrieben hatte: das Ideal des Kommunismus.</p><p>Die Revolutionen von 1848–1849 wurden durch die Feigheit und den Verrat der Bourgeoisie und ihrer liberalen Repräsentanten besiegt. Die Reaktion herrschte weiter bis 1871, als das heldenhafte französische Proletariat in der Pariser Kommune den Himmel stürmte: Zum ersten Mal in der Geschichte stürzte die Arbeiterklasse den alten bürgerlichen Staat und begann damit, eine neue Staatsform zu schaffen – einen Arbeiterstaat. Diese glorreiche Episode dauerte nur einige Monate und wurde schließlich in Blut ertränkt. Aber sie hinterließ ein bleibendes Erbe und legte die Grundlage für die Russische Revolution von 1917.</p>								</div>
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									<h3>Die Russische Revolution</h3><p>Für Marxisten war die Russische Revolution das bedeutendste Ereignis der Menschheitsgeschichte. Unter der Führung der bolschewistischen Partei von Lenin und Trotzki gelang es der Arbeiterklasse, ihre Unterdrücker zu stürzen und mit der Aufgabe der sozialistischen Transformation der Gesellschaft wenigstens zu beginnen.</p><p>Die Revolution fand jedoch nicht, wie von Marx erwartet, in einem entwickelten kapitalistischen Land statt, sondern auf der Grundlage der schrecklichsten Rückständigkeit. Um eine ungefähre Vorstellung davon zu geben, mit welchen Bedingungen die Bolschewiki konfrontiert waren, ein Beispiel: 1920 – in nur einem Jahr – verhungerten sechs Millionen Menschen in Sowjetrussland.</p><p>Marx und Engels erklärten schon vor langer Zeit, dass der Sozialismus – eine klassenlose Gesellschaft – nur dann entstehen kann, wenn die entsprechenden materiellen Bedingungen vorhanden sind. Der Ausgangspunkt für den Sozialismus muss ein höherer Entwicklungsstand der Produktivkräfte sein als jener im entwickeltesten kapitalistischen Land (etwa den USA). Nur auf der Basis einer hoch entwickelten Industrie, Landwirtschaft, Wissenschaft und Technologie ist es möglich, die Bedingungen für die freie Entfaltung der Menschen zu garantieren, angefangen bei einer erheblichen Verkürzung des Arbeitstages. Die Voraussetzung dafür ist die Beteiligung der Arbeiterklasse an der demokratischen Kontrolle und der Verwaltung der Gesellschaft.</p><blockquote id="zweifünf"><p>»Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft«, so Marx, »liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andre. Der entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren Staat nichts andres sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats.«<a href="#25"><sup>[25]</sup></a></p></blockquote><p>Wie alle großen marxistischen Theoretiker erklärten, besteht die Aufgabe der sozialistischen Revolution darin, die Arbeiterklasse an die Macht zu bringen, indem der kapitalistische Staatsapparat zerschlagen wird. Dies ist das Repressionsorgan, das die Arbeiterklasse in Schach halten soll. Marx erklärte, dass dieser kapitalistische Staat zusammen mit der Staatsbürokratie nicht den Interessen einer neuen Macht dienen kann. Er muss überwunden werden. Der neue, von der Arbeiterklasse geschaffene Staat unterscheidet sich jedoch grundlegend von allen bisherigen Staaten. Engels bezeichnete ihn als Halbstaat, ein Staat, der dazu bestimmt ist, abzusterben.</p><p>Engels erklärte schon vor geraumer Zeit, dass in einer Gesellschaft, in der eine Minderheit das Monopol auf Kunst, Wissenschaft und Staatsgewalt besitzt, sie diese Stellung immer für ihre eigenen Interessen ausnutzen und missbrauchen wird. Lenin erkannte schon sehr früh die Gefahr der bürokratischen Degeneration der Revolution unter den Bedingungen allgemeiner Rückständigkeit. In seinem Werk Staat und Revolution, welches er 1917 schrieb, arbeitete er auf der Grundlage der Erfahrungen der Pariser Kommune ein Programm aus. Hier erklärt er die Grundbedingungen, nicht für den Sozialismus oder den Kommunismus, sondern für die erste Periode nach der Revolution, der Übergangsperiode zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Diese sind folgende:</p><ul><li>Freie und demokratische Wahlen aller Funktionäre, mit jederzeitiger Abwählbarkeit.</li><li>Kein Funktionär darf mehr verdienen als einen durchschnittlichen Facharbeiterlohn.</li><li>Kein stehendes Heer, sondern ein bewaffnetes Volk.</li><li>Nach und nach sollen die Verwaltungsaufgaben des Staates abwechselnd von jedem Arbeiter übernommen werden: Wenn jeder ein »Bürokrat« ist, ist keiner ein Bürokrat.</li></ul><p>Das ist ein fertiges Programm für Arbeiterdemokratie und es richtet sich direkt gegen die Gefahr des Bürokratismus. Diese Punkte bildeten zudem die Grundlage für das bolschewistische Parteiprogramm von 1919. Mit anderen Worten: Entgegen den Verleumdungen der Gegner des Sozialismus war Sowjetrussland zur Zeit Lenins und Trotzkis die demokratischste Regierungsform der Geschichte.</p><p>Die Regierungsform der sowjetischen Arbeiterdemokratie, die mit der Oktoberrevolution geschaffen wurde, hat jedoch nicht überlebt. Spätestens zu Beginn der 1930er waren die oben genannten Punkte alle abgeschafft. Unter Stalin durchlief der Arbeiterstaat einen bürokratischen Degenerationsprozess, der mit der Schaffung eines monströsen totalitären Systems und der physischen Vernichtung der leninistischen Partei endete. Der entscheidende Faktor für die politische Konterrevolution unter Stalin war die Isolation der Revolution in einem rückständigen Land. Trotzki erklärte in der Verratene Revolution, in welcher Art und Weise sich diese politische Konterrevolution durchsetzte.</p><p>Es ist unmöglich, dass eine Gesellschaft direkt vom Kapitalismus in eine klassenlose Gesellschaft überspringt. Das materielle und kulturelle Erbe der kapitalistischen Gesellschaft ist dafür viel zu arm. Es gibt zu viel Mangel und Ungleichheit, die nicht sofort überwunden werden können. Nach der sozialistischen Revolution muss es eine Übergangsperiode geben, welche den Boden für Überfluss und eine klassenlose Gesellschaft bereitet.</p><p>Marx nannte dieses erste Stadium der neuen Gesellschaft die »niedere Phase des Kommunismus« im Gegensatz zur »höheren Phase des Kommunismus«, in dem die letzten Überreste der materiellen Ungleichheit verschwinden würden. In diesem Sinne hat man Sozialismus und Kommunismus als »niedere« und »höhere« Phase der neuen Gesellschaft einander gegenübergestellt. Marx beschreibt das niedere Stadium des Kommunismus wie folgt:</p><blockquote id="zweisechs"><p>»Womit wir es hier zu tun haben, ist eine kommunistische Gesellschaft, nicht wie sie sich auf ihrer eignen Grundlage entwickelt hat, sondern umgekehrt, wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht, also in jeder Beziehung, ökonomisch, sittlich, geistig, noch behaftet ist mit den Muttermalen der alten Gesellschaft, aus deren Schoß sie herkommt.«<a href="#26"><sup>[26]</sup></a></p></blockquote><p>Für Marx würde diese niedere Stufe des Kommunismus, und das ist ein zentraler Punkt, auf einer höheren Stufe der ökonomischen Entwicklung stehen als der am weitesten entwickelte Kapitalismus. Warum ist das so wichtig? Weil ohne die massive Entwicklung der Produktivkräfte Mangel herrschen und damit ein Kampf ums Überleben erneut entfacht würde. Wie Marx erklärte, würde in einer solchen Lage die Gefahr der Degeneration bestehen:</p><blockquote id="zweisieben"><p>»Die Entwicklung der Produktivkräfte … [ist] auch deswegen eine absolut notwendige praktische Voraussetzung [des Kommunismus], weil ohne sie nur der Mangel verallgemeinert, also mit der Notdurft auch der Streit um das Notwendige wieder beginnen und die ganze alte Scheiße sich herstellen müsste …«<a href="#27"><sup>[27]</sup></a></p></blockquote><p>Diese prophetischen Worte von Marx erklären, warum die Russische Revolution, die so vielversprechend begann, bürokratisch degenerierte und in der monströsen, totalitären Karikatur des Stalinismus endete. Dieser bereitete schließlich den Weg für eine kapitalistische Restauration und damit einen weiteren Rückschritt vor. »Die ganze alte Scheiße« wurde wiederhergestellt, weil die Russische Revolution unter den Bedingungen schwerwiegender materieller und kultureller Rückständigkeit isoliert war. Heute wäre das nicht der Fall, weil der enorme Fortschritt in der Wissenschaft und Technik die notwendigen Voraussetzungen geschaffen haben.</p><h3>Ein beispielloser Fortschritt</h3><p>Jede Phase der Menschheitsgeschichte trägt die Spuren aller vorherigen Entwicklungen in sich. Das trifft sowohl auf die menschliche Evolution als auch auf die gesellschaftliche Entwicklung zu. Wir haben uns aus niederen Arten entwickelt und sind genetisch sogar mit den primitivsten Lebensformen verwandt, wie es das Human Genome Project schlüssig bewiesen hat. Der genetische Unterschied zu unseren nächsten lebenden Verwandten, den Schimpansen, beträgt weniger als zwei Prozent. Doch dieser kleine Prozentsatz bedeutet einen gewaltigen qualitativen Sprung.</p><p>Wir haben die Phasen der Wildheit, der Barbarei, der Sklaverei und des Feudalismus durchgemacht, und jedes dieser Stadien repräsentiert eine bestimmte Stufe in der Entwicklung der Produktivkräfte und der Kultur. Hegel drückte diesen Gedanken auf sehr poetische Weise in der Phänomenologie des Geistes aus:</p><blockquote id="zweiacht"><p>»Die Knospe verschwindet in dem Hervorbrechen der Blüte, und man könnte sagen, daß jene von dieser widerlegt wird, ebenso wird durch die Frucht die Blüte für ein falsches Dasein der Pflanze erklärt, und als ihre Wahrheit tritt jene an die Stelle von dieser. Diese Formen unterscheiden sich nicht nur, sondern verdrängen sich auch als unverträglich miteinander. Aber ihre flüssige Natur macht sie zugleich zu Momenten der organischen Einheit, worin sie sich nicht nur nicht widerstreiten, sondern eins so notwendig als das andere ist, und diese gleiche Notwendigkeit macht erst das Leben des Ganzen aus.«<a href="#28"><sup>[28]</sup></a></p></blockquote><p>Jede Entwicklungsstufe der Gesellschaft beruht auf materieller Notwendigkeit und geht aus den vorherigen Perioden hervor. Die Geschichte kann nur verstanden werden, wenn man diese Stadien als Einheit betrachtet. Jede einzelne dieser Perioden hatte ihre Existenzberechtigung durch die Entwicklung der Produktivkräfte, und geriet wiederum ab einem gewissen Zeitpunkt in Widerspruch zu deren weiteren Entwicklung. Eine derartige Situation erfordert eine Revolution, um sich der alten Formen zu entledigen und den neuen Formen zum Durchbruch zu verhelfen.</p><p>Wie wir gesehen haben, wurde der Sieg der Bourgeoisie mit revolutionären Mitteln errungen, obwohl die Verteidiger des Kapitalismus heute nicht mehr gern an diese Tatsache erinnert werden. Wie Marx und Engels erklärten, hat die Bourgeoisie historisch betrachtet eine höchst revolutionäre Rolle gespielt:</p><blockquote id="zweineun"><p>»Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren. Unveränderte Beibehaltung der alten Produktionsweise war dagegen die erste Existenzbedingung aller früheren industriellen Klassen. Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderen.«<a href="#29"><sup>[29]</sup></a></p></blockquote><p>Unter dem Kapitalismus haben die Produktivkräfte eine beispiellose Entwicklung durchlaufen, die in der Menschheitsgeschichte einzigartig ist – und das, obwohl der Kapitalismus das ausbeuterischste und unterdrückerische System seit jeher darstellt. Das Kapital kam »von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend« (Marx) zur Welt und trotzdem stellte der Kapitalismus einen kolossalen Sprung in der Entwicklung der Produktivkräfte – und damit unserer Beherrschung der Natur – dar.</p><p>In den letzten zweihundert Jahren hat sich die Entwicklung von Technologie und Wissenschaft schneller vollzogen als in der gesamten vorherigen Geschichte. Die Kurve der menschlichen Entwicklung, die im größten Teil unserer Geschichte praktisch stagnierte, erlebte plötzlich einen steilen Anstieg. Der atemberaubende Fortschritt der Technologie ist die Voraussetzung für die endgültige Emanzipation der Menschheit, der Abschaffung von Armut und Analphabetismus, Unwissenheit, Krankheit und die Beherrschung der Natur durch den Menschen durch eine bewusste Planung der Wirtschaft. Der Weg für die tatsächliche Erschließung der gesamten Welt und des Weltalls liegt offen vor uns.</p><h3>Kapitalismus im Niedergang</h3><p>Es ist die Illusion einer jeden Epoche, dass sie ewig bestehen wird. Von jedem Gesellschaftssystem wird geglaubt, dass es die einzig mögliche Lebensweise der Menschheit ist; dass seine Institutionen, seine Religion, seine Moral das letzte Wort darstellen. So sahen es auch die Kannibalen, die ägyptischen Priester, Marie Antoinette und Zar Nikolaus – sie alle waren felsenfest davon überzeugt. Und genau dasselbe wollen uns heute die Bourgeoisie und ihre Vertreter weismachen. Gerade wenn ihr System damit beginnt, alle Verfallserscheinungen gleichzeitig zu zeigen, wollen sie uns ohne jede Erklärung versichern, dass das System der sogenannten freien Marktwirtschaft das einzig mögliche sei. Das heutige kapitalistische System erinnert an Goethes Zauberlehrling, der mächtige Kräfte heraufbeschwor, die er selbst nicht kontrollieren konnte. Der grundlegende Widerspruch der kapitalistischen Gesellschaft ist der Gegensatz zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und der privaten Aneignung. Aus diesem grundlegenden Widerspruch entstehen viele weitere. Dieser Widerspruch zeigt sich in periodischen Krisen, wie Marx und Engels erklärten:</p><blockquote id="dreizig"><p>»In den Handelskrisen wird ein großer Teil nicht nur der erzeugten Produkte, sondern der bereits geschaffenen Produktivkräfte regelmäßig vernichtet. In den Krisen bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus, welche allen früheren Epochen als ein Widersinn erschienen wäre – die Epidemie der Überproduktion. Die Gesellschaft findet sich plötzlich in einen Zustand momentaner Barbarei zurückversetzt; eine Hungersnot, ein allgemeiner Vernichtungskrieg scheinen ihr alle Lebensmittel abgeschnitten zu haben; die Industrie, der Handel scheinen vernichtet, und warum? Weil sie zuviel Zivilisation, zuviel Lebensmittel, zuviel Industrie, zuviel Handel besitzt. Die Produktivkräfte, die ihr zur Verfügung stehen, dienen nicht mehr zur Beförderung der bürgerlichen Eigentumsverhältnisse; im Gegenteil, sie sind zu gewaltig für diese Verhältnisse geworden, sie werden von ihnen gehemmt; und sobald sie dies Hemmnis überwinden, bringen sie die ganze bürgerliche Gesellschaft in Unordnung, gefährden sie die Existenz des bürgerlichen Eigentums. Die bürgerlichen Verhältnisse sind zu eng geworden, um den von ihnen erzeugten Reichtum zu fassen. – Wodurch überwindet die Bourgeoisie die Krisen? Einerseits durch die erzwungene Vernichtung einer Masse von Produktivkräften; anderseits durch die Eroberung neuer Märkte und die gründlichere Ausbeutung alter Märkte. Wodurch also? Dadurch, dass sie allseitigere und gewaltigere Krisen vorbereitet und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert.«<a href="#30"><sup>[30]</sup></a></p></blockquote><p>Dies ist eine exakte Beschreibung der gegenwärtigen Lage. Es ist ein schreckliches Paradoxon: Je mehr die Menschheit ihre Produktionskapazitäten entwickelt, je spektakulärer die Fortschritte in der Wissenschaft und Technik sind, desto größer werden Leid, Hunger, Unterdrückung und Elend für die Mehrheit der Weltbevölkerung. Die Krankhaftigkeit des Kapitalismus zeigte sich weltweit im Zusammenbruch von 2008. Das war der Beginn der größten Krise in der gesamten 200-jährigen Existenz des Kapitalismus, und sie ist noch lange nicht überwunden. Sie ist Ausdruck der Sackgasse des Kapitalismus und zeigt letztlich, dass die Produktivkräfte gegen die engen Fesseln rebellieren, die ihnen durch Privateigentum und Nationalstaat auferlegt wurden.</p><h3>Sozialismus oder Barbarei</h3><p>Tausende Jahre lang hatte eine privilegierte Minderheit das Monopol auf die Kultur, während der Großteil der Menschheit von Wissen, Wissenschaft, Kunst und den Regierungsgeschäften ausgeschlossen war. Das ist auch heute noch der Fall. Trotz aller Behauptungen sind wir nicht wirklich zivilisiert. Die Welt, in der wir leben, verdient diesen Namen jedenfalls nicht. Es ist eine barbarische Welt, die von Menschen bewohnt wird, die ihre barbarische Vergangenheit noch nicht überwunden haben. Das Leben bleibt ein harter und unerbittlicher Überlebenskampf für die große Mehrheit der Weltbevölkerung – nicht nur in den Entwicklungsländern, sondern auch in den entwickelten kapitalistischen Ländern.</p><p>Friedrich Engels wies darauf hin, dass die Menschheit vor der Wahl steht: Sozialismus oder Barbarei. Die folgende Frage muss deshalb mit Nachdruck gestellt werden: In der kommenden Periode wird entweder die Arbeiterklasse die Gesellschaft in die eigene Hand nehmen und das marode kapitalistische System durch eine neue soziale Ordnung ersetzen, auf Grundlage einer harmonischen und rationalen Planung der Produktivkräfte und der bewussten Kontrolle der Menschen über ihr eigenes Leben und Schicksal. Sollte dies nicht eintreffen, steht uns die schreckliche Katastrophe eines gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Zusammenbruchs bevor.</p><p>Die Krise des Kapitalismus bedeutet nicht nur eine Wirtschaftskrise, die die Arbeitsplätze und den Lebensstandard von Millionen auf der gesamten Welt bedroht. Sie bedroht auch die eigentliche Grundlage einer zivilisierten Existenz, soweit diese überhaupt existiert. Die Krise droht, die Menschheit auf allen Ebenen zurückzuwerfen. Falls das Proletariat – die einzige wirklich revolutionäre Klasse – es nicht schafft, die Herrschaft der Banken und Monopole zu stürzen, werden die Voraussetzungen für einen Zusammenbruch der Kultur und sogar eine Rückkehr in die Barbarei geschaffen.</p><h3>Bewusstsein</h3><p>Die Dialektik lehrt uns, dass sich die Dinge früher oder später in ihr Gegenteil verkehren. Es ist möglich, Parallelen zwischen der Geologie und der Gesellschaft zu ziehen. So wie tektonische Platten, die sich nur allzu langsam bewegt haben, diese Verzögerung durch ein schweres Erdbeben ausgleichen, so kann auch das Massenbewusstsein, das hinter den Ereignissen hinterherhinkt, mit einem plötzlichen Sprung zur realen Situation aufschließen. Der augenscheinlichste Beweis der Dialektik ist die Krise des Kapitalismus selbst. Die Dialektik rächt sich an der Bourgeoisie, die nichts verstanden und nichts vorhergesehen hat und unfähig ist, auch nur ein einziges Problem zu lösen.</p><p>Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion verbreitete sich eine pessimistische und verzweifelte Stimmung in der Arbeiterklasse. Die Verteidiger des Kapitalismus begannen eine erbitterte, ideologische Offensive gegen die Ideen des Sozialismus und des Marxismus. Sie versprachen uns eine Zukunft des Friedens, des Wohlstands und der Demokratie, dank der Wunder der freien Marktwirtschaft. Zwei Jahrzehnte sind seitdem vergangen – vor dem Hintergrund der gesamten historischen Entwicklung keine sehr lange Zeit – und von dieser tröstlichen Illusion ist heute nichts mehr übriggeblieben.</p><p>Überall gibt es Kriege, Arbeitslosigkeit, Armut und Hunger, überall regt sich ein neuer Geist des Aufbegehrens, und die Menschen suchen nach Antworten, die erklären können, was in der Welt geschieht. Der alte, stabile, friedliche und florierende Kapitalismus ist tot und mit ihm die friedlichen und harmonischen Klassenbeziehungen. Die Zukunft heißt: Sparpolitik, Arbeitslosigkeit und sinkender Lebensstandard. Das ist ein fertiges Rezept für eine Wiederbelebung des Klassenkampfs weltweit.</p><p>Der Keim einer neuen Gesellschaft reift bereits im Schoß der alten heran. Die Elemente einer Arbeiterdemokratie bestehen schon in Form von Arbeiterorganisationen, Betriebsräten, den Gewerkschaften, den Genossenschaften usw. In der uns bevorstehenden Periode wird es einen Existenzkampf geben – der Keim der neuen Gesellschaft kämpft darum, geboren zu werden und die alte Ordnung setzt dem seinen erbitterten Widerstand entgegen.</p><p>Es stimmt, dass das Bewusstsein der Massen weit hinter den Ereignissen zurückbleibt. Doch auch das wird sich in sein Gegenteil verkehren. Große Ereignisse zwingen die Menschen dazu, ihre alten Überzeugungen und Annahmen in Frage zu stellen. Sie werden aus der alten, apathischen Gleichgültigkeit gerissen und gezwungen, sich mit der Realität auseinanderzusetzen. Wir können dies bereits in groben Zügen in Griechenland sehen. [Griechenland befand sich zu dieser Zeit inmitten eines revolutionären Gärungsprozesses. Das Land erlebte Dutzende Generalstreiks gegen das Spardiktat der EU, welches am 5. Juli 2015 in einem Referendum von 61% der Bevölkerung abgelehnt wurde. Im weiteren Verlauf beging die reformistische Partei Syriza, die zuvor für ihren Widerstand gegen das Sparpaket gewählt wurde, Verrat und akzeptierte die Auflagen der EU. ] In solchen Phasen kann sich das Bewusstsein sehr schnell verändern und genau das ist es, was eine Revolution ausmacht.</p><p>Der Aufstieg des modernen Kapitalismus, der auch seinen eigenen Totengräber – die Arbeiterklasse – schuf, hat den Kern der materialistischen Geschichtsauffassung viel deutlicher hervortreten lassen. Unsere Aufgabe ist es nicht nur, die Geschichte des Klassenkampfs zu verstehen, sondern diesen Kampf durch den Sieg des Proletariats und die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen. Der Kapitalismus hat es nicht geschafft, die Geschichte zu »beenden«. Es ist die Aufgabe der Marxisten, aktiv daran zu arbeiten, den Sturz des alten, verfaulenden Systems zu beschleunigen und zur Geburt einer neuen und besseren Welt beizutragen.</p><h3>Von der Notwendigkeit zur Freiheit</h3><p>Die wissenschaftliche Geschichtsauffassung des Historischen Materialismus ermöglicht uns, dass wir aus den katastrophalen Verfallserscheinungen, die an jeder Ecke der Gesellschaft lauern, keine pessimistischen Schlussfolgerungen ziehen. Im Gegenteil: Die menschliche Geschichte entwickelt sich im Allgemeinen hin zu einer immer stärkeren Entfaltung unseres produktiven und kulturellen Potenzials.</p><p>Der Zusammenhang zwischen der Entwicklung der menschlichen Kultur und den Produktivkräften war bereits dem großen Genie der Antike, Aristoteles, bekannt. In seinem Buch Die Metaphysik erklärte er, dass der Mensch mit der Philosophie begann, <q id="dreieins">»als schon alles Lebensnotwendige erworben war«</q><a href="#31"><sup>[31]</sup></a>, und er fügte hinzu, dass die Astronomie und Mathematik in Ägypten nur entwickelt werden konnten, weil dort die Priesterkaste von der körperlichen Arbeit freigestellt war. Das ist ein zutiefst materialistisches Verständnis der Geschichte.</p><p>Die großen Errungenschaften der letzten hundert Jahre haben zum ersten Mal eine Situation geschaffen, in der alle Probleme der Menschheit leicht gelöst werden könnten. Die Voraussetzungen für eine klassenlose Gesellschaft sind im globalen Maßstab bereits vorhanden. Es ist notwendig, die Produktivkräfte auf eine rationale und harmonische Weise zu planen, damit dieses immense, schier endlose Potenzial realisiert werden kann.</p><p>Sobald die Produktivkräfte aus der Zwangsjacke des Kapitalismus befreit sind, besteht das Potenzial eine Vielzahl von Genies hervorzubringen: Künstler, Schriftsteller, Komponisten, Philosophen, Wissenschaftler und Architekten. Kunst, Wissenschaft und Kultur würden eine nie dagewesene Blütezeit erleben. Diese reiche, großartige und wunderbar vielfältige Welt würde endlich zu einem Ort werden, der dem Leben der Menschen gerecht wird.</p><p>In gewisser Hinsicht ist die sozialistische Gesellschaft eine Wiederherstellung des Urkommunismus, aber auf einem weitaus höheren Stand der Produktivität. Bevor eine klassenlose Gesellschaft verwirklicht werden kann, müssen alle Merkmale der Klassengesellschaft, besonders die Ungleichheit und der Mangel, beseitigt werden. Es wäre absurd, von der Überwindung der Klassen zu sprechen, solange Ungleichheit, Mangel und der Kampf ums nackte Überleben vorherrschen – das wäre ein Widerspruch in sich. Der Sozialismus kann nur auf einer bestimmten Stufe der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft, wenn die Produktivkräfte ein ausreichendes Niveau erreicht haben, verwirklicht werden.</p><p>Auf Grundlage einer echten Revolution in der Produktionsweise wäre es möglich, einen solchen Überfluss zu erreichen, sodass die Menschen sich nicht länger über ihre täglichen Bedürfnisse sorgen müssen. Die bedrückenden Sorgen und Ängste, welche das Leben der Menschen heute prägen, werden verschwinden. Zum ersten Mal werden die Menschen frei sein und ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Erstmals werden sie ein wahrhaft menschliches Leben führen können. Dann erst wird die tatsächliche Geschichte der Menschheit beginnen.</p><p>Auf Grundlage einer einheitlich geplanten Wirtschaft, in der die enorme Produktivkraft von Wissenschaft und Technologie für die Bedürfnisse der Menschen und nicht für die Profite einiger weniger genutzt wird, wird die Kultur neue und ungeahnte Höhen erreichen. Die Römer bezeichneten die Sklaven als »Werkzeuge mit Stimmen«. Heute müssen keine Menschen versklavt werden, damit die notwendige Arbeit verrichtet wird. Wir verfügen bereits über die Technologie zur Entwicklung von Robotern, die nicht nur Schach spielen und einfache Aufgaben am Fließband verrichten können, sondern Fahrzeuge sicherer steuern als Menschen und sogar noch weitaus komplexere Aufgaben ausführen können. Diese Technologie droht im Kapitalismus Millionen von Arbeitern in die Arbeitslosigkeit zu stürzen. Das trifft nicht nur auf LKW-Fahrer und ungelernte Arbeitskräfte zu, sondern auch Buchhalter und Programmierer sind dadurch bedroht, ihren Lebensunterhalt zu verlieren. Millionen werden zur Untätigkeit verdammt, während diejenigen, die ihren Arbeitsplatz behalten, länger arbeiten müssen als zuvor.</p><p>In einer sozialistischen Planwirtschaft würde dieselbe Technologie dafür genutzt werden, die Arbeitszeit zu verkürzen. Wir könnten sofort eine 30-Stunden-Woche einführen und diese in der Folge auf 20 Stunden, zehn Stunden und auf noch weniger reduzieren, während gleichzeitig die Produktion gesteigert und der Wohlstand der Gesellschaft um ein Vielfaches vermehrt werden kann, viel mehr als es im Kapitalismus je denkbar wäre.</p><p>Das würde das Leben der Menschen grundlegend verändern. Zum ersten Mal wäre die Menschheit von der mühsamen Plackerei befreit. Sie wäre frei, um sich selbst körperlich, psychisch und man könnte noch hinzufügen geistig weiterzuentwickeln. Die Menschen wären frei, ihren Blick zu heben, hoch zum Himmel und dem gesamten Universum.</p><p>Trotzki schrieb einst: <q id="dreizwei">»Wie viele Aristoteles hüten Schweine? Und wie viele Schweinehirten sitzen auf einem Thron?«</q><a href="#32"><sup>[32]</sup></a> Die Klassengesellschaft verarmt die Menschen nicht nur materiell, sondern auch geistig. Das Leben von Millionen Menschen ist auf die engsten Bedürfnisse beschränkt, ihr mentaler Horizont beschnitten. Der Sozialismus würde all das gigantische Potenzial, das vom Kapitalismus vergeudet wird, freisetzen.</p><p>Menschen haben unterschiedliche Fähigkeiten und Begabungen. Nicht jeder kann ein Aristoteles, ein Beethoven oder ein Einstein sein. Doch alle haben das Potenzial, auf dem einen oder anderen Gebiet – ob Wissenschaft, Kunst, Musik, Tanz oder Fußball – Großes zu leisten. Der Kommunismus wird die Voraussetzungen schaffen, um diese Potenziale voll und ganz auszuschöpfen.</p><p>Das wäre die größte Revolution aller Zeiten. Sie würde die menschliche Zivilisation auf ein neues und qualitativ höheres Niveau heben. Um es in den Worten Engels zu sagen: Es wäre der Sprung der Menschheit vom Reich der Notwendigkeit in das Reich der wirklichen Freiheit.</p>								</div>
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									<p><a href="#eins">[1]</a>  F. Engels (21. September 1890): Brief an Bloch. In: MEW 37, S. 463.</p>								</div>
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									<p><a href="#zwei">[2]</a> K. Marx/F. Engels (1845): Die heilige Familie. In: MEW 2, S. 98.</p>								</div>
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									<p><a href="#drei">[3]</a>  F. Engels (21. September 1890): Brief an Bloch. In: MEW 37, S. 463.</p>								</div>
				<div class="elementor-element elementor-element-6c4c682 elementor-widget elementor-widget-text-editor" data-id="6c4c682" data-element_type="widget" data-e-type="widget" id="4" data-widget_type="text-editor.default">
									<p><a href="#vier">[4]</a> K. Marx (1852): Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte. In: MEW 8, S. 115.</p>								</div>
				<div class="elementor-element elementor-element-2fddfa0 elementor-widget elementor-widget-text-editor" data-id="2fddfa0" data-element_type="widget" data-e-type="widget" id="5" data-widget_type="text-editor.default">
									<p><a href="#5" data-wplink-edit="true">[5]</a> F. Engels (1886): Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie. In: MEW 21, S. 297.</p>								</div>
				<div class="elementor-element elementor-element-c4b3a86 elementor-widget elementor-widget-text-editor" data-id="c4b3a86" data-element_type="widget" data-e-type="widget" id="6" data-widget_type="text-editor.default">
									<p><a href="#vier">[6]</a> K. Marx (1859): Zur Kritik der Politischen Ökonomie. In: MEW 13, S. 8.</p>								</div>
				<div class="elementor-element elementor-element-9670ba3 elementor-widget elementor-widget-text-editor" data-id="9670ba3" data-element_type="widget" data-e-type="widget" id="7" data-widget_type="text-editor.default">
									<p><a href="#sieben">[7]</a> Die deutsche Ideologie. MEW 3, S. 20f.</p>								</div>
				<div class="elementor-element elementor-element-3d43cae elementor-widget elementor-widget-text-editor" data-id="3d43cae" data-element_type="widget" data-e-type="widget" id="8" data-widget_type="text-editor.default">
									<p><a href="#acht">[8]</a> F. Engels (1878): Anti-Dühring. In: MEW 19, S. 210.</p>								</div>
				<div class="elementor-element elementor-element-2eaba87 elementor-widget elementor-widget-text-editor" data-id="2eaba87" data-element_type="widget" data-e-type="widget" id="9" data-widget_type="text-editor.default">
									<p><a href="#neun">[9]</a> F. Engels (27. Oktober 1890): Brief an Conrad Schmidt. In: MEW 37, S. 492.</p>								</div>
				<div class="elementor-element elementor-element-4d6e7c2 elementor-widget elementor-widget-text-editor" data-id="4d6e7c2" data-element_type="widget" data-e-type="widget" id="10" data-widget_type="text-editor.default">
									<p><a href="#zehn">[10]</a> Ebd. S. 493.</p>								</div>
				<div class="elementor-element elementor-element-b54e6cb elementor-widget elementor-widget-text-editor" data-id="b54e6cb" data-element_type="widget" data-e-type="widget" id="11" data-widget_type="text-editor.default">
									<p><a href="#elf">[11]</a> A. Burnett (1964): The Human Species. Penguin. S. 142.</p>								</div>
				<div class="elementor-element elementor-element-f6d56ec elementor-widget elementor-widget-text-editor" data-id="f6d56ec" data-element_type="widget" data-e-type="widget" id="12" data-widget_type="text-editor.default">
									<p><a href="#zwölf">[12]</a> Anthropologe und Autor von The !Kung San: Men, Women and Work in a Foraging Society, 1979.</p>								</div>
				<div class="elementor-element elementor-element-fc5cd93 elementor-widget elementor-widget-text-editor" data-id="fc5cd93" data-element_type="widget" data-e-type="widget" id="13" data-widget_type="text-editor.default">
									<p><a href="#dreizehn">[13]</a> R. Leakey (1981): The Making of Mankind. Penguin. S. 101-103.</p>								</div>
				<div class="elementor-element elementor-element-db97d3e elementor-widget elementor-widget-text-editor" data-id="db97d3e" data-element_type="widget" data-e-type="widget" id="14" data-widget_type="text-editor.default">
									<p><a href="#vierzehn">[14]</a> Ebd. S. 107.</p>								</div>
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									<p><a href="#fünfzehn">[15]</a> Ebd.</p>								</div>
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									<p><a href="#sechszehn">[16]</a> Ebd. S. 106f.</p>								</div>
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									<p><a href="#siebzehn">[17]</a> Ebd. S. 107.</p>								</div>
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									<p><a href="#achtzehn">[18]</a> Ebd. S. 109.</p>								</div>
				<div class="elementor-element elementor-element-f73fc04 elementor-widget elementor-widget-text-editor" data-id="f73fc04" data-element_type="widget" data-e-type="widget" id="19" data-widget_type="text-editor.default">
									<p><a href="#neunzehn">[19]</a> M. F. Ashley Montagu (1956): Marriage: Past and Present: A Debate Between Robert Briffault and Bronislaw Malinowski. Porter Sargent Publisher. S. 48</p>								</div>
				<div class="elementor-element elementor-element-ab475ff elementor-widget elementor-widget-text-editor" data-id="ab475ff" data-element_type="widget" data-e-type="widget" id="20" data-widget_type="text-editor.default">
									<p><a href="#zwanzig">[20]</a> The Economist (31. Dezember 1999).</p>								</div>
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									<p><a href="#zweieins">[21]</a> G. V. Childe (1923): What happened in history.</p>								</div>
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									<p><a href="#zweizwei">[22]</a> K. Marx/F. Engels: Manifest der Kommunistischen Partei. In: MEW 4, S. 462.</p>								</div>
				<div class="elementor-element elementor-element-2beaf93 elementor-widget elementor-widget-text-editor" data-id="2beaf93" data-element_type="widget" data-e-type="widget" id="23" data-widget_type="text-editor.default">
									<p><a href="#zweidrei">[23]</a> Ebd. S. 463.</p>								</div>
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									<p><a href="#zweivier">[24]</a> Ebd. S. 461.</p>								</div>
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									<p><a href="#zweifünf">[25]</a> K. Marx (1875): Kritik des Gothaer Programms. In: MEW 19, S. 28.</p>								</div>
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									<p><a href="#zweisechs">[26]</a> K. Marx (1852): Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte. In: MEW 8, S. 115.</p>								</div>
				<div class="elementor-element elementor-element-6ffb282 elementor-widget elementor-widget-text-editor" data-id="6ffb282" data-element_type="widget" data-e-type="widget" id="27" data-widget_type="text-editor.default">
									<p><a href="#zweisieben">[27]</a> Die deutsche Ideologie. In: MEW 3, S. 34f.</p>								</div>
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									<p><a href="#zweiacht">[28]</a> G. W. F. Hegel (1807): Phänomenologie des Geistes. Suhrkamp, S. 11.</p>								</div>
				<div class="elementor-element elementor-element-b9b8a4f elementor-widget elementor-widget-text-editor" data-id="b9b8a4f" data-element_type="widget" data-e-type="widget" id="29" data-widget_type="text-editor.default">
									<p><a href="#zweineun">[29]</a> Manifest der Kommunistischen Partei. In: MEW 4, S. 465.</p>								</div>
				<div class="elementor-element elementor-element-7afde38 elementor-widget elementor-widget-text-editor" data-id="7afde38" data-element_type="widget" data-e-type="widget" id="30" data-widget_type="text-editor.default">
									<p><a href="#dreizig">[30]</a> K. Marx (1852): Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte. In: MEW 8, S. 115.</p>								</div>
				<div class="elementor-element elementor-element-93d2240 elementor-widget elementor-widget-text-editor" data-id="93d2240" data-element_type="widget" data-e-type="widget" id="31" data-widget_type="text-editor.default">
									<p><a href="#dreieins">[31]</a> Aristoteles: Metaphysik, Erster Halbband.</p>								</div>
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									<p><a href="#dreizwei">[32]</a> L. Trotzki (1932): On the Suppressed Testament of Lenin.</p>								</div>
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				</div>
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			</item>
		<item>
		<title>Freedom and slavery: the birth of capital</title>
		<link>https://derkommunist.de/freedom-and-slavery-the-birth-of-capital/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Josh Holroyd]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 11 Jan 2025 08:00:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Bildungsmappe HistoMat]]></category>
		<category><![CDATA[Historischer Materialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Wie ist der Kapitalismus entstanden?]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://derkommunist.de/?p=4643</guid>

					<description><![CDATA[<p>Of all the catchwords used by capital’s paid and unpaid defenders, ‘freedom’ is surely the most used and the least understood. “Capitalism is freedom” according to Turning Point UK. Milton [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[		<div data-elementor-type="wp-post" data-elementor-id="4643" class="elementor elementor-4643" data-elementor-post-type="post">
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<p>Of all the catchwords used by capital’s paid and unpaid defenders, ‘freedom’ is surely the most used and the least understood. “Capitalism is freedom” according to Turning Point UK. Milton Freedman’s <em>Capitalism and Freedom</em> remains a holy text for those faithful to the church of Free Enterprise. In fact, it is impossible even to begin a discussion on the nature of capitalism without hearing, ‘individual freedom’, ‘free choice’, ‘free trade’ or ‘free markets’.</p>

<p>The more individuals are left to trade and enrich themselves, the more capitalism thrives and consequently, the more free and prosperous everyone in society becomes – this argument is simple, familiar, and completely false. In reality, capitalist freedom has always had a deeply contradictory nature from the very beginning.</p>

<p>What the birth of capital required was that the owners of money, land and industry should be confronted by a mass of ‘free’ workers, liberated from any property of their own and completely reliant on the market. This is the real foundation of the capitalist system, and its history is “written in the annals of mankind in letters of blood and fire”, in the words of Karl Marx.</p>

<h3 class="wp-block-heading">The decline of feudalism</h3>

<p>It was amongst the crumbling ruins of feudal Europe that the foundations for a new social order were laid. But the first blows against the old order were struck neither by the merchants nor the money lenders, but by the poorest and most oppressed layer in feudal Europe: the serfs.</p>

<p>Medieval Europe was built on the unpaid labour of this class of semi-slaves, who were granted a small patch of land in return for which they were forced to work for free on the estates of the church and feudal nobility for several days a week. Added to this was ‘boon work’ or corvee, which required the serfs to perform specific tasks for the benefit of their lords. In England at the time of the Domesday Book (1086), it is estimated that as much as 70% of the population were classed as serfs. It is in the struggle of this oppressed class of peasants to free themselves from bondage that the pre-history of capitalism can be traced.</p>

<p>There is an old German saying, “Stadtluft macht frei”, which means “town air makes you free”. Its source is a customary law from the Middle Ages under which any escaped serfs who remained in a town for a year and a day would no longer be subject to the claims of their former lords and hence would become free. But this custom did not simply descend from heaven or come about by a gentlemen’s agreement between the rulers and their slaves. It was the product of years of bitter class struggle.</p>

<p>A serf was considered a part of the lord’s property, as if he and his family had grown out of the soil itself. He was consequently completely under the jurisdiction of his lord, meaning he had little opportunity to seek justice from anyone else. The king was himself just another landlord and the church was the biggest landlord of all.</p>

<p>The easiest and most effective defence against the lords’ exploitation was flight, and throughout the Medieval period a constant struggle thundered between serfs striving to escape the snatching grasp of the lords and their man hunters who roved the country in search of their lost property.</p>

<p>One result of this clash was many of the free towns of Europe. These ramshackle settlements, from such humble beginnings, would in some cases become powerful independent cities. Born out of feudalism and yet in opposition to it, the town dwellers, known in France as ‘bourgeois’, organised themselves into city councils and guilds, which served as local organs of power through which these collection of individuals, thrown together by common struggle, would be transformed into a class.</p>

<p>The growth of these towns and the rapid rise in population up to the Black Death contributed to a powerful upturn in trade, which began gradually to undermine the foundations of feudalism.</p>

<p>Engels remarks that “long before the ramparts of the baronial castles were breached by the new artillery, they had already been undermined by money” in his article, <em>The Decline of Feudalism and the Rise of the Bourgeoisie</em>. As early as the Crusades, some lords were beginning to demand money rents from their subjects in place of labour services, so that they could access the various luxuries and exotic products this trade brought into view.</p>

<p>But the more the lords exacted money rents from their tenants, the more both parties became dependent on the towns. Previously, the feudal manor had been a self-sufficient unit, combining both handicrafts and agriculture. The growth of the towns brought with it more specialised products such as tools and cloth for the masses as well as silks for the nobility. From this growing division of labour sprang a new relationship between the rural peasants and the bourgeois in the towns – a relationship mediated through commodities.</p>

<p>The 14th century represents a point of no return in the struggle against serfdom, which was already in decline in most of Europe. Rather than strengthening the lords against the peasantry, the crisis caused by the Black Death – which reduced the population of Europe by at least a third – actually gave the peasants themselves a great deal of bargaining power. The response of the lords was to try to impose a legal maximum on the wages of labourers and to crush the peasantry with taxation, of which the Poll Tax was the most infamous example.</p>

<p>The result was the Peasants’ Revolt in 1381 which, allied with the poorest layer of the London masses, took the form of a national uprising. Despite its brutal suppression this revolutionary movement succeed on two fronts: there was no further levying of the Poll Tax (until Thatcher’s ill-fated attempt to resurrect it), and serfdom in England was dead. In its place was an exhausted nobility, increasingly dependent on money rent, independent smallholding peasants and a growing bourgeoisie in the towns.</p>

<p>Engels remarks that in history the actions of the men and women who make history “ultimately have consequences quite other than those intended”. The struggle of the peasants and town dwellers had set the stage for a dramatic new act in world history, but no sooner had their freedom been won, so began a new wave of enslavement out of the fruits of their victory.</p>

<h3 class="wp-block-heading">The world market</h3>

<p>The decline of feudalism gave a powerful spur to the production and exchange of commodities. The developing division of labour between the craft industry in the towns and rural agriculture created an expanding demand for goods of all kinds. And this demand was fed by an increasingly complex and powerful web of commercial routes across Europe and the Mediterranean.</p>

<p>First in Egypt then taken up by the Italian city-states, sophisticated legal instruments such as insurance contracts and trading companies were introduced to cover the risks associated with regular long-distance trade. And along with the growing power of the merchants came the rise of “that common whore of mankind”: money. The founding of merchant banks in the great trading cities of Italy, such as Venice, originally as a response to the needs of merchant ‘capital’ would then act back on this development, pushing it to greater heights.</p>

<p>By the 15th century the burgeoning commodity economy in Europe was straining against what appeared to be a natural limit. The production and exchange of greater and greater masses of commodities created a dire need for money as a means of circulation and payment. Further, producers of much sought-after luxuries in Asia would often only take payment in silver, having no need for European cloth.</p>

<p>The growing thirst for precious metals to feed the developing market could not be quenched by the relatively scanty produce of European mines. The result was the infamous ‘gold lust’ that drove European adventurers on a quest of global pillage we now call the ‘Age of Discovery’.</p>

<p>One particularly quaint myth associated with this period is that it came about as a result of some uniquely European spirit of enquiry and adventure. This would certainly come as a surprise to the Chinese and Arab explorers of the period. But Engels offers us the swiftest rebuttal of this romantic nonsense:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>“It was gold that the Portuguese sought on the African coast, in India and the whole Far East; gold was the magic word which lured the Spaniards over the ocean to America.” <em>(ibid.)</em></p>
</blockquote>

<p>This fact was not lost on the native ‘savages’ who encountered our intrepid European adventurers, one of whom remarked of Cortes’ conquistadors in Mexico:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>“They lifted up the gold as if they were monkeys, with expressions of joy, as if it put new life into them and lit up their hearts&#8230;. They crave gold like hungry swine.” <em>(quoted in Galeano, Open Veins of Latin America: Five Centuries of the Pillage of a Continent)</em></p>
</blockquote>

<p>Everywhere the Europeans landed they discovered new wealth to bring home to sell at an enormous profit. Like old Midas, whatever they touched turned to gold, with calamitous results for the native peoples they encountered. Marx remarks (in <em>Capital,</em> vol. 3) that, “Merchant&#8217;s capital, when it holds a position of dominance, stands everywhere for a system of robbery, so that its development among the trading nations of old and modern times is always directly connected with plundering, piracy, kidnapping slaves, and colonial conquest.” Nowhere can this be more clearly seen than in the period following the discovery of the New World.</p>

<p>https://w.soundcloud.com/player/?url=https%3A//api.soundcloud.com/tracks/568572843&color=%23ff5500&auto_play=false&hide_related=false&show_comments=true&show_user=true&show_reposts=false&show_teaser=true&visual=true</p>

<p>On 3 August 1492, Christopher Columbus sailed out of the Spanish port of Palos. His goal was to reach Asia by sailing west over the Atlantic. Instead, on 12 October he stumbled upon the Bahamas and a people called, in their own language, the Lukku-Cairi. In his diary, Columbus wrote:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>“They go as naked as when their mothers bore them, and so do the women, although I did not see more than one girl. They are very well made, with very handsome bodies, and very good countenances.&#8220;</p>
</blockquote>

<p>Historians estimate there were 1 million Tainos (of which the Lukku-Cairi were part) in 1492. 56 years later there were only 500.</p>

<p>This became a model for the colonisation of the rest of the Americas. Wiped out by unfamiliar diseases (sometimes deliberately), sent to an early death in poisonous mines, almost 100 million human beings were sacrificed at the altar of Commerce. The price of their lives was the 100,000 metric tonnes of silver exported to Europe from Latin America between 1492 and 1800.</p>

<p>Then as now, defenders of this genocide pointed to the benefits of European freedom that were being forcibly administered to the natives. One such pious servant of God, Archbishop Liñán y Cisneros explained:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>“The truth is that they are hiding out to avoid paying tribute, abusing the liberty which they enjoy and which they never had under the Incas.”<em> (quoted in Galeano, ibid.)</em></p>
</blockquote>

<p>But these European liberators didn’t just free the indigenous population of their lives and treasure; each site of human sacrifice became a fresh link in the chain of the growing world market, demanding an intensification of production by the most barbaric means. As the native population of the Caribbean dwindled, it was replaced by African slaves and sugar plantations first trialled by the Portuguese on Cape Verde.</p>

<p>Rather than developing production on a higher level, the original achievement of the world market was to extend and intensify the slavery of old on an ever expanding scale. By the end of the slave trade in 1853 between 12 and 15 million Africans had been transported, of whom as many as 2.4 million died on route.</p>

<p>This horrific slaughter was an integral part of the early development of capitalism. This was not lost on Marx, who emphasised (in <em>Capital</em> vol. 1):</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>“The discovery of gold and silver in America, the extirpation, enslavement and entombment in mines of the indigenous population of that continent, the beginnings of the conquest and plunder of India, and the conversion of Africa into a preserve for the commercial hunting of blackskins, are all things which characterise the dawn of the era of capitalist production.”</p>
</blockquote>

<p>And yet, this period confronts us in one respect as an immense contradiction. On the one hand we see a developing world market with the ever-expanding production and exchange of commodities; but on the other, the methods used to produce these commodities remain nothing more than the intensification of pre-existing forms of exploitation to an agonising pitch.</p>

<p>Capitalism without commodities or money is unimaginable, but these still do not equate to capitalist production. What is required is for labour-power, the ability of human beings to work, to itself become a commodity. This final, decisive, stage in the birth of the capitalist system took the form of an immense social revolution which began in England in the 16th century.</p>

<h3 class="wp-block-heading">The agrarian revolution</h3>

<p>In 1516, the famous Tudor lawyer and writer Thomas More observed:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>“Yea and certyn Abbottes, holy men no doubt…leave no ground for tillers, thei enclose al into pastures: they throw downe houses: they plucke downe townes and leave nothing standynge but only the church to be made a sheephowse…” <em>(quoted in Morton, A People’s History of England)</em></p>
</blockquote>

<p>What he was describing was a revolution, waged by the rich against their own people.</p>

<p>The end of serfdom had dealt a heavy blow to the power of the lords, but they still retained ownership of great swathes of land. It was from this position that the old masters began their counter-offensive against the free peasants of England.</p>

<p>The expansion of trade in the 14th century had also created a growing demand for wool, of which England was a major exporter. In response to this demand, landlords began forcibly evicting their feudal tenants in order to convert entire villages into sheepwalks. The importance of this lucrative trade for the English nobility can even be seen today in the woolsack upon which the Lord Speaker still sits in the House of Lords.</p>

<p>The result of this barefaced robbery was on the dispossession of thousands of peasants, many of whom had no choice but to roam the land looking for work or charity. The problem had already become so widespread that in 1489 Henry VII passed the first of a series of Acts which sought to curtail the depopulation of the countryside.</p>

<p>The discovery of the Americas and the gigantic upswing in trade that came with it only added fuel to the fire. Throughout the Tudor period, agricultural production was shifted towards cash crops for the market, with a new breed of capitalist farmers employing landless paupers as labourers.</p>

<p>Even this new mode of production proved insufficient to soak up the flood of poverty, however. Eventually, the class of pauperised ‘vagabonds’ became so large that it caused Queen Elizabeth I to introduce a special “Poor Rate” as early as 1601 whilst at the same time providing for “unlicenced beggars” to be executed “without mercy” as felons.</p>

<p>In the 17th and 18th centuries, the expropriation and displacement of the rural masses took on an official form through the passing of a series of Enclosure Acts in Parliament. This was catastrophic for the rural population – it had effectively driven the English peasantry to extinction by the 19th century – but it provided an enormous army of propertyless labourers for the growing industries in and around the towns. It was this process of legalised theft that gave birth to the capitalist ‘property rights’ so admired by modern defenders of capitalism.</p>

<h3 class="wp-block-heading">The state</h3>

<p>Another myth that surrounds the birth of capitalism is that it was achieved by the pioneering economic activity of enterprising individuals, in opposition to the dead hand of the state. This fairy tale is regularly dusted off whenever the modern state is forced to pass reforms by the pressure of the workers, but nothing could be further from the truth. At all points our future captains of industry and commerce depended on the most brutal state repression to protect their class interests.</p>

<p>Absolutism arose out of the contradictions of dying feudal society: a feudal monarchy resting alternately on landowners, bourgeois and peasantry. With one hand it placed checks on the expropriation of the peasantry but with another, usually acting in its own interests, actually hastened the development of capitalism.</p>

<p>The sale of lands expropriated from the Church after the Reformation at cut down prices, for example, was an enormous gift to the nascent capitalist farmers of the 16th century. Likewise, the establishment of colonial monopolies by all the absolutist monarchies of Western Europe, provided essential protection for the early development of manufacture.</p>

<p>However, precisely because of its transitional and contradictory nature, at a certain point this form of the state comes into a stark conflict with the interests of the bourgeoisie. Once the bourgeois had seized economic dominance, it must be able to rule in its own interests. And so the last vestige of the feudal political system became just another fetter on the great drive for accumulation which was taking root.</p>

<p>Beginning with the Dutch War of Independence a wave of revolutions swept Europe as the bourgeoisie took the road to political power. In its struggle against the old order, it united all that was healthy and progressive in society behind its call for ‘liberty’. Sweeping away the particularism of the past, the revolutionaries cleared the way for the development of a truly national market. In place of the arbitrary privileges of absolutism, they demanded the ‘rule of law’, which in practice has always meant the rule of the bourgeoisie.</p>

<p>But the great and tragic contradiction of all these movements lay in the fact that, as in the English Revolution, they ultimately delivered power not to the peasants and artisans who formed the ironsides of the revolutionary armies, but a new, even more powerful class of exploiters – something our modern lovers of liberty tend to forget.</p>

<p>Following the burial of absolutism the state came fully into the possession of the new landed aristocracy, ‘bankocracy’ and large manufacturers, either in the form of a republic or, more commonly a ‘constitutional’ (that is, tame) monarchy.</p>

<p>Anyone who doubts the significance of this for the development of capitalism need only look at the measures taken by the English Parliament after the so-called Glorious Revolution in 1688: Enclosures were transformed from a widespread abuse to a deliberate policy; the Bank of England was created along with the ‘National Debt’ – a debt to none other than capitalist speculators; further legislation to impose a ‘maximum wage’ was imposed, while combinations of workers to negotiate better pay and conditions were, of course, forbidden.</p>

<p>The concentrated power of the state was used “to hasten, hot-house fashion, the process of transformation of the feudal mode of production into the capitalist mode, and to shorten the transition,” Marx writes in <em>Capital</em> (vol. 1), adding, “Force is the midwife of every old society pregnant with a new one. It is itself an economic power.”</p>

<p>It might also be noted that in this Golden Age of Liberty and Enlightenment, not a single worker or poor peasant had either a vote or political representation in any form. In reality the rising capitalist landowners and manufacturers needed the power of the state to ‘regulate’ wages and lengthen the working day.</p>

<p>In fact, it is only when their own miniature tyranny in the workplace is secured that the capitalist class will tolerate any political freedoms on the part of the workers, and even then, these are to be limited so as not to infringe upon their sacred right to ‘private property’, that is, the fruit of centuries of theft.</p>

<h3 class="wp-block-heading">The birth of the working class</h3>

<p>The development of society is in the last instance determined by the development of humanity’s productive forces. But on its own technology is incapable of changing society – it is itself socially determined. The ancient Greeks had discovered steam power long before bourgeois Europe. Even the German inventor, Anton Müller produced a loom capable of weaving several pieces of cloth at the same time as early as 1529. The result was not the industrial revolution but, on the contrary, the murder of the inventor by the local city council.</p>

<p>In England, the agrarian and political revolutions of the 16th and 17th centuries laid the basis for the industrial revolution. Without the creation of a ‘surplus’ population of proletarians, the rising productivity of agriculture, and the gigantic boons granted to the capitalists by their conquest of political power, such an enormous social transformation would have been unthinkable.</p>

<p>The newly created proletariat was quickly put to work, usually under the whip of brutal repression, but one more obstacle to the unfettered freedom of capitalist exploitation remained: the guilds. By imposing strict rules and restrictions on the industry the guild system, which was itself a product of the struggle of the early bourgeoisie, became a suffocating fetter on the free development of the capitalist mode of production. In fact, the first manufacture of woolen cloth recorded in 16th century was shut down by the local guilds precisely because it threatened their monopoly.</p>

<p>The first cotton spinning mill was actually set up outside of any major town, in Royton, Lancashire, in order to avoid the resistance of what remained of the guilds in 1764. This quickly established a pattern for what would become the factory system. As one writer noted in 1773:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>&#8222;Working-men are driven from their cottages and forced into the towns to seek for employment; but then a larger surplus is obtained and thus capital is augmented.&#8220; <em>(J Arbuthnot, quoted in Marx, Capital, vol. 1)</em></p>
</blockquote>

<p>Here lies the secret of capital: Not private enterprise but the sweated labour of others; not property rights but the absence of property for the many.</p>

<p>Eventually, the wage limitations which had been in place for centuries were finally repealed in 1813. They were now “an absurd anomaly” according to Marx, as the capitalists could freely dictate their workers’ wages and conditions as they pleased. The advance of capitalist production (helped by the mailed fist of the state) had finally developed “a working class which by education, tradition and habit looks upon the requirements of that mode of production as self-evident natural laws.”</p>

<p>As this newer, more ‘civilised’, form of exploitation took over more and more spheres of production, the British ruling class suddenly discovered that the slaves working its colonial plantations were human beings too. But when it finally abolished slavery in its colonies in 1833, the British government paid out £20m to compensate not the slaves but the 3,000 families that had owned slaves for their loss of ‘property’. This figure represented in today&#8217;s terms around £16.5bn: an enormous gift to the slave-owners, which they promptly put to use in English factories, Irish farms and Indian plantations.</p>

<p>Slavery was not abolished because it was immoral; it was abolished because it was unprofitable. It would be foolish to persist in such an expensive and unproductive enterprise when a shrewd investor could squeeze a never-before-seen profit from the blood of the ‘free-born slaves’ of Britain and its colonies.</p>

<p>But the creation of the working class gave a double gift to the capitalists. Not only did it create their profits from the workers’ surplus labour; it also created the means by which those profits could be realised – the first ever truly mass consumer market.</p>

<p>The average peasant never tended to buy much food or clothing because he would grind his own corn and weave his own cloth. The dispossession of the peasantry meant that not only were they dependent on the capitalists for work and wages, they also had to spend those wages on basic necessities like food and clothing from none other than the same capitalists (looked at on a national scale).</p>

<p>Later, in the 19th century, the British state used tariffs to destroy the Indian home-spinning industry and flood the market with cloth, often spun from Indian cotton. The role of India as a colony thus shifted from solely being a source of loot (which it remained) to also being an enormous captive market. In this way, the Indian masses, like their British counterparts, paid twice for their exploitation by the British capitalists.</p>

<p>This played an important role both in the rise of British capitalism and the struggle for Indian independence. In 1921, the Indian National Congress adopted a flag containing a picture of a spinning wheel to symbolise the home industry destroyed by British-rigged competition. This spinning wheel still survives (in part) in the Indian flag today, although it was changed into a Buddhist chakra wheel.</p>

<p>The importance of mass consumption to capitalism can be seen today on an even grander scale. The effect of this in our culture is the rampant consumerism and debt which bears down on us as individuals like a force of nature. We must not only work; we must buy. In this sense, supply determines demand as much as demand determines supply.</p>

<h3 class="wp-block-heading">A new fight</h3>

<p>Capital now emerged, fully formed and “dripping blood from every pore” (to use Marx’s expression). Ever since, the freedom of capital has continued to find its reflection and source in the unfreedom of human beings. But it has also laid the basis for a new and greater fight.</p>

<p>Just as the bourgeoisie, a class born of the struggle between the feudal lords and serfs, was eventually able to seize power, transform the state to its own ends and wield it to eliminate the old order, so too can the working class, itself created by capitalism’s infinite drive to exploit human labour-power.</p>

<p>Like the medieval serfs, the workers of today give up most of their lives for a parasitic class of property owners. But by taking the immense productive forces created by their own labour into the hands of society as a whole, the workers of the world can put an end to class oppression for good, and usher in a new era of genuine freedom for the whole of the human race.</p>
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		<title>In Verteidigung der Theorie  Unwissenheit hat noch nie jemandem geholfen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Alan Woods]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 08 Jul 2024 09:50:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Schon bevor sie das Kommunistische Manifest schrieben, führten Marx und Engels (die, wohlgemerkt, ihr revolutionäres Leben als Studenten der Hegelschen Philosophie begannen) einen Kampf gegen jene „proletarischen“ Führer, die Rückständigkeit [&#8230;]</p>
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									<p><span style="font-style: inherit; font-family: var( --e-global-typography-text-font-family ), Sans-serif; text-align: var(--text-align);" data-contrast="auto">Schon bevor sie das Kommunistische Manifest schrieben, führten Marx und Engels (die, wohlgemerkt, ihr revolutionäres Leben als Studenten der Hegelschen Philosophie begannen) einen Kampf gegen jene „proletarischen“ Führer, die Rückständigkeit und primitive Kampfmethoden verehrten und sich hartnäckig gegen die Einführung der wissenschaftlichen Theorie wehrten.</span><span style="font-style: inherit; font-family: var( --e-global-typography-text-font-family ), Sans-serif; text-align: var(--text-align);" data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Der russische Kritiker Annenkow, der sich im Frühjahr 1846 zufällig in Brüssel aufhielt, hat uns einen sehr ungewöhnlichen Bericht über ein Treffen hinterlassen, bei dem ein wütender Streit zwischen Marx und dem deutschen utopischen Kommunisten Weitling entbrannte. An einem Punkt beschwerte sich Weitling, der Arbeiter war, dass die „Intellektuellen“ Marx und Engels über obskure Themen schrieben, die für die Arbeiter nicht von Interesse seien. Er beschuldigte Marx, „Analysen zu schreiben, die weit weg von der Lebensrealität des leidenden Volks sind“. An diesem Punkt wurde Marx, der normalerweise sehr geduldig war, empört. Annenkov schreibt:</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><blockquote><p><span data-contrast="auto">„In den letzten Worten verlor Marx vollständig die Kontrolle über sich und schlug so hart mit seiner Faust auf den Tisch, dass die Lampe darauf schellte und erzitterte. Er sprang auf und sagte: ‚</span><i><span data-contrast="auto">Unwissenheit hat noch nie jemandem geholfen</span></i><span data-contrast="auto">.‘“ [Reminiscences of Marx and Engels, S. 272, Hervorhebung des Autors, eigene Übersetzung]</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p></blockquote><p><span data-contrast="auto">Weitling war gegen Theorie und geduldige Propagandaarbeit. Wie Bakunin vertrat er die Ansicht, dass arme Menschen immer bereit seien, zu revoltieren. Dieser Verfechter der „revolutionären Aktion“ im Gegensatz zur Theorie glaubte, dass eine Revolution jederzeit möglich sei, solange es entschlossene Führer gebe. Wir finden Echos dieser primitiven vormarxistischen Ideen noch heute in den Reihen der Marxisten.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Marx verstand, dass die kommunistische Bewegung nur durch einen radikalen Bruch mit diesen primitiven Vorstellungen und eine gründliche Säuberung in den Reihen vorankommen konnte. Der Bruch mit Weitling war unvermeidlich und erfolgte im Mai 1846. Danach ging Weitling nach Amerika und spielte keine nennenswerte Rolle mehr. Nur durch den Bruch mit dem „Arbeiteraktivisten“ Weitling war es möglich, den Bund der Kommunisten auf eine solide Grundlage zu stellen. Doch die primitive Strömung, die Weitling repräsentierte, reproduziert sich ständig in der Bewegung, zuerst in den Ideen Bakunins und später in den unterschiedlichsten Formen des Linksradikalismus, das die marxistische Bewegung bis heute plagt.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">In den „Gesammelten Werken“ von Marx und Engels finden wir eine wahre Goldgrube an Ideen. Hier finden wir Engels&#8216; Schriften über den Bauernkrieg in Deutschland, über die frühe Geschichte der Deutschen, Slawen und Iren, seine Geschichte des frühen Christentums. In seinem Artikel über den Tod von Engels schrieb Lenin:</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><blockquote><p><span data-contrast="auto">„Marx arbeitete an der Untersuchung der komplizierten Erscheinungen der kapitalistischen Wirtschaft. Engels beleuchtete in außerordentlich flüssig geschriebenen, oft polemischen Arbeiten die allgemeinen wissenschaftlichen Fragen und die verschiedensten Erscheinungen der Vergangenheit und Gegenwart im Geiste der materialistischen Geschichtsauffassung und der ökonomischen Theorie von Marx.“ (Wladimir Lenin zu Friedrich Engels‘ Tod, 1895, Lenin-Werke, Bd. 2)</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p></blockquote><p><span data-contrast="auto">Eine kurze Auflistung der Werke von Engels zeigt sofort sein weitreichendes Blickfeld. Wir haben sein großartiges polemisches Werk gegen Dühring, das sich tiefgründig mit der Philosophie, der Naturwissenschaft und den Sozialwissenschaften befasst. „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats</span><i><span data-contrast="auto">“</span></i><span data-contrast="auto"> behandelt die frühsten Ursprünge der menschlichen Gesellschaft. Was hat das alles mit der Arbeiterklasse und dem Klassenkampf zu tun, werden unsere „praktischen“ Kritiker fragen. Nur das: Dies war das Werk, das die Grundlage für die marxistische Staatstheorie legte, die Lenin später in „Staat und Revolution“ entwickelte, dem Buch, das die theoretischen Grundlagen für die Bolschewistische Revolution legte.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Und was sollen wir über „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“ sagen? In diesem Buch befasst sich Engels nicht nur mit den „abstrakten und abstrusen“ Ideen Hegels, sondern auch mit den Ideen obskurer kleiner deutscher Philosophen der Hegelschen Linken. Besonders in der Korrespondenz von Marx und Engels finden wir eine Schatzkammer von Ideen mit einem erstaunlichen Umfang. Die beiden Freunde tauschten Ansichten über alle möglichen Themen aus, nicht nur über Ökonomie und Politik, sondern auch über Philosophie, Geschichte, Wissenschaft, Kunst, Literatur und Kultur.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Hier ist eine vernichtende Antwort an alle bürgerlichen Kritiker des Marxismus, die ein Zerrbild des Marxismus als trockene, enge Lehre präsentieren, die alle menschlichen Gedanken auf Ökonomie und die Entwicklung der Produktivkräfte reduziert. Doch auch heute noch gibt es Leute, die sich gerne als Marxisten bezeichnen, die nicht die echten Ideen von Marx und Engels in ihrer ganzen Reichhaltigkeit, Breite und Tiefe verteidigen, sondern genau die gleiche „ökonomistische“ Karikatur der bürgerlichen Kritiker des Marxismus. Das ist kein Marxismus, sondern, um Hegels Ausdruck zu verwenden, „die leblosen Knochen eines Skeletts“, worüber Lenin kommentierte: „Notwendig sind nicht ‚leblose Knochen‘, sondern das lebendige Leben.“ (Lenin-Werke, Bd. 38, Konspekt zu Hegels „Wissenschaft der Logik“)</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><h2><b><span data-contrast="auto">Lenin und Theorie</span></b><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></h2><p><span data-contrast="auto">Lenin betonte stets die Bedeutung der Theorie. Selbst in der anfänglichen, embryonalen Phase der Partei führte er einen unbarmherzigen Kampf gegen die Ökonomisten, die die enge Mentalität der „proletarischen Praktiker“ hatten und die Theorie als Bereich der Intellektuellen, nicht der Arbeiter, verachteten. Als Antwort auf diesen Unsinn schrieb Lenin:</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><blockquote><p><span data-contrast="auto">„Marx’ Ausspruch […]: ,Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme.‘ Diese Worte in einer Zeit der theoretischen Zerfahrenheit wiederholen ist dasselbe, als wolle man beim Anblick eines Leichenbegängnisses ausrufen: ,Mögen euch immer so glückliche Tage beschieden sein!‘ Zudem sind die Worte von Marx seinem Brief über das Gothaer Programm entnommen, in dem er den bei der Formulierung der Prinzipien zugelassenen Eklektizismus </span><i><span data-contrast="auto">scharf verurteilt</span></i><span data-contrast="auto">: Wenn man sich schon vereinigen mußte, schrieb Marx an die Parteiführer, so hätte man einfach eine Übereinkunft abschließen sollen, um praktische Ziele der Bewegung zu befriedigen, sich aber auf keinen Prinzipienschacher einlassen, keine theoretischen ,Zugeständnisse‘ machen dürfen. Das war Marx’ Gedanke, bei uns aber finden sich Leute, die in seinem Namen die Bedeutung der Theorie herabzusetzen suchen!</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben. Dieser Gedanke kann nicht genügend betont werden in einer Zeit, in der die zur Mode gewordene Predigt des Opportunismus sich mit der Begeisterung für die engsten Formen der praktischen Tätigkeit paart. Für die russische Sozialdemokratie aber wird die Bedeutung der Theorie noch durch drei Umstände erhöht, die man oft vergißt, nämlich: Erstens dadurch, daß sich unsere Partei eben erst herausbildet, erst ihr eigenes Gesicht herausarbeitet und die Auseinandersetzung mit den anderen Richtungen des revolutionären Denkens, die die Bewegung vom richtigen Wege abzulenken drohen, noch lange nicht abgeschlossen hat.“ (Was tun?, 1902)</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p></blockquote><p><span data-contrast="auto">Die Strömung der Ökonomisten stellte sich, wie Weitling und Bakunin, als „echte proletarische“ Tendenz dar, die gegen den schädlichen Einfluss der „intellektuellen Theoretiker“ kämpfte. Ein scharfer Bruch mit dieser Strömung, die in der Praxis „proletarische“ Demagogie mit reformistischer Gewerkschafterei verband, war die Voraussetzung für die Entstehung des Bolschewismus. Aber der Kampf um die Theorie gegen die „Praktiker“ war noch lange danach ein ständiges Anliegen.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Lenin schrieb 1908:</span><span data-contrast="auto"> </span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><blockquote><p><span data-contrast="auto">„Der ideologische Kampf des revolutionären Marxismus gegen den Revisionismus am Ausgang des 19. Jahrhunderts bedeutete nur eine Vorstufe zu den großen revolutionären Schlachten des Proletariats, das trotz aller Schwankungen und Schwächen des Spießbürgertums dem vollen Sieg seiner Sache entgegenschreitet.“ (Marxismus und Revisionismus, 1908)</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p></blockquote><p><span data-contrast="auto">In seinem Buch „Stalin</span><i><span data-contrast="auto">“</span></i><span data-contrast="auto"> beschreibt Trotzki ausführlich die Psychologie der bolschewistischen „Komiteemänner“, die ebenfalls die „Praktiker“-Mentalität hatten. Sie begingen eine ganze Reihe von Fehlern, weil sie nicht in der Lage waren, die wirkliche Bewegung der Arbeiter in den Jahren 1905–1906 zu verstehen. Der Grund für ihre Fehler (meist linksradikaler Natur) war ihr mangelndes Verständnis der Dialektik. Sie hatten eine völlig abstrakte und formalistische Vorstellung vom Parteiaufbau, die nicht mit der realen Bewegung der Arbeiter in Verbindung stand. Deshalb verließen die Bolschewiki 1905 zu Lenins Entsetzen die erste Sitzung des Sowjets in Petersburg, weil dieser sich weigerte, das Parteiprogramm anzunehmen.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Als Lenin sich 1908 in der Führung der bolschewistischen Fraktion, die von den Linksradikalen Bogdanow und Lunatscharski geleitet wurde, in der Minderheit befand, war er bereit, sich aufgrund einer Streitfrage in der marxistischen Philosophie abzuspalten. Es ist kein Zufall, dass er in dieser schwierigen Zeit, als die revolutionäre Strömung in Gefahr war, viel Zeit mit dem Schreiben eines Buches über Philosophie verbrachte: „Materialismus und Empiriokritizismus“.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Man könnte fragen, was Wladimir Iljitsch mit dem Schreiben solcher Bücher bezweckte. Welche mögliche Bedeutung kann das Studium der Schriften von Bischof Berkeley für die russischen Arbeiter haben? Man könnte auch fragen, warum Lenin es für notwendig hielt, sich wegen einer Frage der Philosophie von der Mehrheit der bolschewistischen Führer zu trennen. Aber Lenin verstand sehr gut den kausalen Zusammenhang zwischen Bogdanows Ablehnung des dialektischen Materialismus und der von der Mehrheit angenommenen linksradikalen Politik.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Während des Ersten Weltkriegs wandte sich Lenin wieder der Philosophie zu und machte ein tiefgründiges Studium von Hegel, das viele Jahre später als „Philosophische Hefte“ veröffentlicht wurde. Eines seiner letzten Werke war „Über die Bedeutung des streitbaren Materialismus“, in dem er erneut die Notwendigkeit des Studiums von Hegel betont:</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><blockquote><p><span data-contrast="auto">„Gewiss ist ein solches Studium, eine solche Auslegung und eine solche Propaganda der Hegelschen Dialektik außerordentlich schwierig, und die ersten Versuche in dieser Richtung werden zweifellos mit Fehlern behaftet sein. Aber nur der macht keine Fehler, der nichts tut. Gestützt auf die Marxsche Anwendung der materialistisch aufgefassten Dialektik Hegels, können und müssen wir diese Dialektik nach allen Seiten hin ausarbeiten, in der Zeitschrift Auszüge aus den Hauptwerken Hegels veröffentlichen und sie materialistisch auslegen, indem wir sie durch Musterbeispiele der Anwendung der Dialektik bei Marx kommentieren, ebenso aber auch durch Musterbeispiele der Dialektik auf dem Gebiet der ökonomischen und politischen Verhältnisse, wie sie uns die neueste Geschichte, besonders der moderne imperialistische Krieg und die Revolution, in so ungewöhnlich großer Anzahl bieten.“</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p></blockquote><p><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><h2><b><span data-contrast="auto">Trotzki und Theorie</span></b><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></h2><p><span data-contrast="auto">Trotzki widmete, wie Lenin, sein ganzes Leben der kompromisslosen Verteidigung der marxistischen Theorie. In seinem ausgezeichneten Artikel über Engels betont er dessen akribische Haltung zur Theorie:</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><blockquote><p><span data-contrast="auto">„Er las für gewöhnlich die wichtigsten Artikelentwürfe des sehr produktiven Kautsky und jeder seiner Kritik-Briefe beinhaltet wertvolle Vorschläge, die das Ergebnis ernsthaften Nachdenkens und manchmal auch eigener Forschungsarbeit sind. Kautskys bekanntes Werk ,Die Klassengegensätze von 1789‘, das in fast alle Sprachen der zivilisierten Menschheit übersetzt wurde, scheint ebenfalls durch das intellektuelle Labor von Engels gegangen zu sein. Sein langer Brief über die sozialen Gruppierungen in der Epoche der großen Revolution des 18. Jahrhunderts – wie auch zur Anwendung der materialistischen Methode auf geschichtliche Ereignisse – gehört zu den großartigsten Dokumenten des menschlichen Geisteslebens. Es handelt sich um einen zu gedrängten Text, und jede darin enthaltene Formel setzt ein viel zu großes Wissen voraus, als dass er weite Verbreitung finden könnte; doch dieses Dokument, das so lange nicht zugänglich war, wird stets nicht nur eine Quelle theoretischer Schulung bleiben, sondern wird auch allen, die sich ernsthaft mit der Dynamik der Klassenbeziehungen in einer revolutionären Epoche sowie mit den generellen Problemen im Zusammenhang mit der materialistischen Interpretation geschichtlicher Ereignisse auseinandersetzen wollen, eine ästhetische Freude bescheren.“ (Trotzki, Engels‘ Briefe an Kautsky, 1935)</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p></blockquote><p><span data-contrast="auto">In allen Werken Trotzkis finden wir eine weitreichende Sichtweise und ein breites Interesse, nicht nur an Geschichte, sondern an Kunst, Literatur und Kultur im Allgemeinen. Vor dem Ersten Weltkrieg schrieb er Artikel über Kunst und über Schriftsteller wie Tolstoi und Gogol. Nach der Oktoberrevolution schrieb er ausführlich über Kunst und Literatur. Sein Buch „Literatur und Revolution“ ist ein Produkt dieser Zeit.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">1923 schrieb er: „Die Literatur verleiht mit ihren Methoden und Verfahren, die mit ihren Wurzeln in die entfernteste Vergangenheit zurückreichen und die angesammelte Erfahrung in der sprachlichen Meisterschaft darstellen, den Gedanken, Gefühlen, Stimmungen, Anschauungen und Hoffnungen ihrer Epoche und ihrer Klasse Ausdruck.“ (Trotzki, Literatur und Revolution) Mitten in der stürmischen Periode der Revolution und Konterrevolution in den 1930er Jahren fand er Zeit, über Literatur und Kunst zu schreiben. 1934, kurz nach der deutschen Katastrophe, schrieb er eine Rezension zu Ignazio Silones Roman „Fontamara“. 1938 verfasste er das Manifest für eine unabhängige revolutionäre Kunst zusammen mit dem surrealistischen Schriftsteller André Breton.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Wir können uns die Empörung des pseudo-marxistischen Philisters vorstellen: „Was ist das? Genosse Trotzki verschwendet seine Zeit in diesem revolutionären Moment der Geschichte damit, über Kunst zu schreiben? Was hat Kunst mit dem Proletariat und dem Klassenkampf zu tun?“ Der Philister schüttelt traurig den Kopf und schlussfolgert, dass Genosse Trotzki nicht mehr der Mann ist, der er einmal war. „Das ist nicht der Trotzki des ,Übergangsprogramms</span><i><span data-contrast="auto">‘</span></i><span data-contrast="auto">! Der alte Mann scheint seine geistigen Fähigkeiten zu verlieren!“ Ja, wir können es uns gut vorstellen!</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">In einem Moment, als Europa von Revolution und Konterrevolution erschüttert wurde, als seine Unterstützer ermordet wurden und die Vierte Internationale um ihr Überleben kämpfte, warum fand Trotzki Zeit, sich solchen Fragen wie Kunst und Literatur zu widmen? Wenn wir diese Frage beantwortet haben, werden wir den Unterschied zwischen echtem Marxismus, echter proletarischer Revolution und der oberflächlichen Karikatur, die in einigen Kreisen als Marxismus durchgeht, erkennen.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><h2><b><span data-contrast="auto">„Reine Theoretiker“</span></b><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></h2><p><span data-contrast="auto">Während des Fraktionskampfes, der zur Spaltung in Militant führte, sagte die Mehrheitsfraktion, dass Ted Grant und Alan Woods „reine Theoretiker“ seien. Dieser abgedroschene Ausdruck sagt alles, was über diese Strömung gesagt werden muss. Jahrzehntelang hatten wir unser Leben dem Aufbau der Strömung gewidmet, die sich als die erfolgreichste trotzkistische Bewegung seit der russischen Linken Opposition herausstellte. Ausgehend von einer sehr kleinen Gruppe in den frühen 1960er Jahren, gelang es uns, eine große Organisation mit soliden Wurzeln in der Arbeiterbewegung aufzubauen.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">All diese Erfolge waren das Ergebnis jahrelanger geduldiger Arbeit. Letztlich waren sie das Ergebnis der richtigen Ideen, Methoden und Perspektiven, die von Ted Grant, diesem großen marxistischen Denker, erarbeitet wurden. Ted war allen seinen Zeitgenossen haushoch überlegen. Er war tief in der marxistischen Theorie verwurzelt und kannte die Werke von Marx, Engels, Lenin und Trotzki wie seine Hosentasche.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Als Ted Grant und ich aus Militant ausgeschlossen wurden, befanden wir uns in einer schwierigen Lage. Die Mehrheit hatte einen riesigen Apparat, viel Geld und ein Team von etwa 200 Hauptamtlichen. Wir hatten nicht einmal eine Schreibmaschine. Doch Ted und ich machten uns keine Sorgen. Wir hatten die Ideen des Marxismus, und das war alles, was zählte. Meine gesamte Erfahrung hat mich überzeugt, dass man, wenn man die richtigen Ideen hat, immer einen Apparat aufbauen kann. Aber das Gegenteil ist nicht wahr. Man kann den größten Apparat der Welt haben, aber wenn man auf der Grundlage falscher Theorien und Methoden arbeitet, wird man scheitern.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Wir betrachteten die Lage und kamen zu dem Schluss, dass in der damaligen Situation, besonders nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, unsere dringendste Aufgabe darin bestand, die grundlegenden Ideen und Theorien des Marxismus zu verteidigen. Das erste Ergebnis war das Buch „Aufstand der Vernunft: Marxistische Philosophie und moderne Wissenschaft“. Unsere ehemaligen Genossen lachten herzlich über dieses Buch. Ihr sarkastischer Kommentar war: „Seht ihr! Ted und Alan haben die Politik aufgegeben, um Bücher über Philosophie zu schreiben!“ Das war ihre Haltung zur marxistischen Theorie – eine Haltung, die in der Tradition von Weitling und den bolschewistischen Komiteemännern steht, aber keineswegs in der von Marx, Engels, Lenin und Trotzki.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Früher oder später schlagen Fehler in der Theorie in eine Katastrophe in der Praxis um. Die ehemalige Mehrheit hat den Preis für ihre Fehler bezahlt. Was früher eine mächtige Strömung mit ernsthaften Wurzeln in der Arbeiterbewegung war, ist zu einem Schatten ihres früheren Selbst geworden. Auf der anderen Seite spielte „Aufstand der Vernunft</span><i><span data-contrast="auto">“</span></i><span data-contrast="auto"> eine Schlüsselrolle im Aufbau der International Marxist Tendency – heute Revolutionäre Kommunistische Internationale. Es wurde in viele Sprachen übersetzt und von vielen Arbeitern, Sozialisten, Kommunisten und Gewerkschaftern gelobt.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Wie können wir das erklären? Die fortgeschrittenen Arbeiter und die Jugend haben einen Durst nach Ideen und Theorie. Sie wollen verstehen, was in der Gesellschaft vor sich geht. Sie fühlen sich nicht von Strömungen angezogen, die ihnen nur sagen, was sie bereits wissen: dass der Kapitalismus in der Krise steckt, dass es Arbeitslosigkeit gibt, dass sie in schlechten Häusern leben, niedrige Löhne verdienen und so weiter. Ernsthafte Menschen wollen wissen, warum die Dinge so sind, wie sie sind, was in Russland passiert ist, was der Marxismus ist und andere theoretische Fragen. Deshalb ist Theorie kein optionales Extra, wie die „Praktiker“ sich vorstellen, sondern ein wesentliches Werkzeug des revolutionären Kampfes.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><h2><b><span data-contrast="auto">Die Arbeiter und die Kultur</span></b><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></h2><p><span data-contrast="auto">Es ist eine Verleumdung des Proletariats zu sagen, dass die Arbeiter sich nicht für die großen Fragen der Kultur, Geschichte, Philosophie usw. interessieren. In meiner langjährigen Erfahrung habe ich festgestellt, dass unter den Arbeitern weit mehr echtes Interesse an Ideen besteht als in vielen der sogenannten kultivierten Mittelklassen. Ich erinnere mich an eine lange Zeit zurück, als ich Vorträge für Arbeiter in meiner Heimat Südwales hielt und einmal auf einen Metallarbeiter stieß, der sich selbst Portugiesisch beigebracht hatte, um die Werke eines brasilianischen Dichters zu lesen, von dem ich noch nie gehört hatte.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Die Vorstellung, dass Arbeiter kein Interesse an Kultur hätten, kommt fast immer von kleinbürgerlichen Intellektuellen, die keine Ahnung von der Arbeiterklasse haben und die Arbeiter mit dem Lumpenproletariat verwechseln. Sie verachten daher die Arbeiterklasse und zeigen ihren eigenen bürgerlichen Snobismus gegenüber den arbeitenden Menschen. Diese Art von Menschen will sich bei den Arbeitern einschmeicheln, indem sie Arbeitskleidung trägt und versucht, einen Akzent der „Arbeiterklasse“ zu imitieren. Sie benutzen eine vulgäre Sprache, um sich als Proletarier zu profilieren.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Ich habe zu viele Fälle von angeblich gebildeten Marxisten gesehen, die denken, es sei klug, die Sprache und Gewohnheiten des Lumpenproletariats nachzuahmen, in der Annahme, dass dies ihnen mehr Glaubwürdigkeit als „echte Arbeiter“ verleiht. Tatsächlich verwenden Arbeiter solche Sprache normalerweise nicht zu Hause oder in höflicher Gesellschaft. Die Nachahmung des Verhaltens der niedrigsten und am meisten degradierten Schichten der Arbeiter und Jugend ist eines Marxisten unwürdig, und noch viel weniger eines, der als Führer angesehen werden will. In seinem wunderbaren Artikel „Der Kampf um kultivierte Sprache</span><i><span data-contrast="auto">“</span></i><span data-contrast="auto"> beschrieb Trotzki solche Sprache als das Kennzeichen einer Sklavenmentalität, die Revolutionäre nicht nachahmen, sondern zu beseitigen versuchen sollten.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">In diesem Artikel, der 1923 geschrieben wurde, lobt Trotzki die Arbeiter in der Schuhfabrik „Pariser Kommune“ dafür, dass sie eine Resolution verabschiedet haben, die das Fluchen untersagt und Geldstrafen für vulgäre Sprache verhängt. Der Führer der Oktoberrevolution betrachtete dies nicht als unbedeutendes Detail, sondern als eine sehr wichtige Manifestation des Strebens der Arbeiterklasse, sich von der Sklavenmentalität zu befreien und nach einem höheren kulturellen Niveau zu streben. „Schimpfwörter und Flüche sind ein Erbe der Sklaverei, der Erniedrigung und der Missachtung der Menschenwürde – der eigenen und der anderer Menschen.“ Das schrieb der Führer der Oktoberrevolution.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Es gibt viele verschiedene Schichten in der Arbeiterklasse, die unterschiedliche Lebensrealitäten und Erfahrungen widerspiegeln. Die fortschrittlichsten Schichten des Proletariats sind in Gewerkschaften und Arbeiterparteien aktiv. Sie streben nach einem besseren Leben. Sie interessieren sich lebhaft für Ideen und Theorie und bemühen sich, sich weiterzubilden. Diese Bestrebungen sind eine Garantie für die sozialistische Zukunft, wenn Männer und Frauen nicht nur die physischen Fesseln gebrochen haben, die sie fesseln, sondern auch die psychologischen, die sie an eine barbarische Vergangenheit binden.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Trotzki betonte die Bedeutung des Kampfes um kultivierte Sprache: „Der Kampf um Bildung und Kultur wird den fortgeschrittenen Elementen der Arbeiterklasse alle Ressourcen der russischen Sprache in ihrer extremen Fülle, Subtilität und Raffinesse zur Verfügung stellen.“</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Er erklärt, die Revolution sei „in erster Linie ein Erwachen der menschlichen Persönlichkeit in den Massen, die dazu bestimmt waren, keine Persönlichkeit zu besitzen.“ Sie ist „vor allem das Erwachen der Menschlichkeit, ihr Voranschreiten, und ist gekennzeichnet durch eine wachsende Achtung vor der persönlichen Würde jedes Einzelnen mit einer immer größeren Sorge um die Schwachen.“ (ebd.)</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Die sozialistische Transformation bedeutet nicht nur die Eroberung der Macht: Das ist nur der erste Schritt. Die wirkliche Revolution – der Sprung der Menschheit aus dem Reich der Notwendigkeit ins Reich der Freiheit – muss noch vollzogen werden. Engels wies darauf hin, dass in jeder Gesellschaft, in der Kunst, Wissenschaft und Regierung das Monopol einer Minderheit sind, diese Minderheit ihre Position nutzen und missbrauchen wird, um die Gesellschaft in Knechtschaft zu halten.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Wenn wir Zugeständnisse an das niedrige Bewusstseinsniveau der rückständigsten und ungebildeten Schichten der Arbeiterklasse machen, helfen wir nicht, ihr Bewusstsein auf das Niveau der von der Geschichte gestellten Aufgaben zu heben. Im Gegenteil, wir helfen</span><span data-contrast="auto">,</span><span data-contrast="auto"> es zu senken</span><span data-contrast="auto">,</span><span data-contrast="auto"> und dies wird immer rückschrittliche und reaktionäre Konsequenzen haben. Wir können die Diskussion wie folgt zusammenfassen: Fortschrittlich und revolutionär ist das, was dazu dient, das Bewusstsein des Proletariats zu heben. Reaktionär ist das, was dazu neigt, es zu senken.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Marxisten müssen an vorderster Front der Arbeiterklasse stehen, die darum kämpft, die Gesellschaft zu verändern. Unsere Aufgabe ist es, die Kader der zukünftigen sozialistischen Revolution zu bilden und zu schulen. Um diese Aufgabe zu erfüllen, müssen wir auf dem stehen, was positiv, fortschrittlich und revolutionär ist, und entschieden alles ablehnen, was rückständig, ignorant und primitiv ist. Wir haben unser Ziel auf einen sehr hohen Horizont gerichtet. Wir müssen das Blickfeld der Arbeiterklasse, beginnend mit den fortschrittlichsten Elementen, auf den Horizont lenken, von dem Trotzki in „Literatur und Revolution</span><i><span data-contrast="auto">“</span></i><span data-contrast="auto"> sprach:</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><blockquote><p><span data-contrast="auto">„Bis zu welchem Ausmaß der Selbstbeherrschung der Mensch der Zukunft es bringen wird – das ist ebenso schwer vorauszusehen wie jene Höhen, zu denen er seine Technik führen wird. Der gesellschaftliche Aufbau und die psychisch-physische Selbsterziehung werden zu zwei Seiten ein und desselben Prozesses werden. Die Künste: Wortkunst, Theater, bildende Kunst, Musik und Architektur – werden diesem Prozess eine herrliche Form verleihen. Genauer gesagt: jene Hülle, in die sich der Prozess des kulturellen Aufbaus und der Selbsterziehung des kommunistischen Menschen kleiden wird, wird alle Lebenselemente der gegenwärtigen Künste bis zur höchsten Leistungsfähigkeit entfalten. Der Mensch wird unvergleichlich viel stärker, klüger und feiner; sein Körper wird harmonischer, seine Bewegungen werden rhythmischer und seine Stimme wird musikalischer werden. Die Formen des Alltagslebens werden dynamische Theatralität annehmen. Der durchschnittliche Menschentyp wird sich bis zum Niveau des Aristoteles, Goethe und Marx erheben. Und über dieser Gebirgskette werden neue Gipfel aufragen.“</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p></blockquote>								</div>
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		<title>Der Ursprung der Klassengesellschaft</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Josh Holroyd und Laurie O Connel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 Mar 2023 19:44:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Bildungsmappe HistoMat]]></category>
		<category><![CDATA[Engels]]></category>
		<category><![CDATA[Grundlagen des Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Historischer Materialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Identität & Unterdrückung]]></category>
		<category><![CDATA[Klassengesellschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Hundertausende Jahre lebten die Menschen ganz ohne Privateigentum, Klassen, Staaten oder irgendwelche anderen Elemente der Klassengesellschaft. Dennoch will man uns glauben lassen, dass die Aufteilung in Klassen die allgemeingültige Verfassung [&#8230;]</p>
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<p>Hundertausende Jahre lebten die Menschen ganz ohne Privateigentum, Klassen, Staaten oder irgendwelche anderen Elemente der Klassengesellschaft. Dennoch will man uns glauben lassen, dass die Aufteilung in Klassen die allgemeingültige Verfassung menschlicher Existenz ist. Josh Holroyd und Laurie O´Connel erklären in diesem Artikel, dass die moderne Archäologie eine Fülle an Beweismaterial hervorbrachte, welches bestätigt, dass die Entstehung der Klassengesellschaft eine relativ neue Entwicklung der Menschheitsgeschichte ist. Und genauso wie sie ab einem gewissen Punkt entstanden ist, verstehen wir als Marxisten, dass sie letzten Endes auch wieder untergehen muss.</p>

<p>Wenn wir eine wissenschaftliche Herangehensweise an die Frage der Entwicklung der Gesellschaft wählen, dann dürfen wir das Entstehen der Klassengesellschaft nicht als einen unglücklichen Zufall und auch nicht als das Erwachen einer bislang schlummernden, übergeschichtlichen „menschlichen Natur“ begreifen, sondern als notwendige Stufe in der Entwicklung der Gesellschaft, die das Ergebnis der vielleicht größten Revolution der Produktivkräfte war. Das ist keineswegs eine rein akademische Frage. Indem wir die Entstehung der Klassengesellschaft verstehen, können wir auch den wirklichen Charakter ihrer Institutionen begreifen und die Mittel zu ihrer Überwindung entdecken. </p>

<h3 class="wp-block-heading">Mensch und Natur</h3>

<p>Marx legte dar, dass das grundlegendste Kennzeichen einer jeden Gesellschaft das Verhältnis des Menschen zur Natur ist. Dabei handelt es sich nicht um irgendein abstraktes Ideal, sondern um die sehr pragmatische Anerkennung der Tatsache, dass der Mensch zu seinem Überleben immer schon auf Ressourcen angewiesen war, die er in seiner Umwelt vorfand.  </p>

<p>Unser Verhältnis zur natürlichen Welt wird von der gesellschaftlich verrichteten Arbeit bestimmt. Durch diesen Prozess gewinnen wir Ressourcen und generieren die notwendigen Nahrungsmittel. Der Mensch musste immer schon arbeiten, um überleben zu können, wie Marx betonte: </p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p><em>„Als Bildnerin von Gebrauchswerten, als nützliche Arbeit, ist die Arbeit daher eine von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen, ewige Naturnotwendigkeit, um den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, also das menschliche Leben zu vermitteln.“[2]</em></p>
</blockquote>

<p>Arbeit war also während der gesamten Menschheitsgeschichte eine Grundvoraussetzung menschlicher Existenz, doch die Art und Weise, wie die Menschen arbeiteten und welche Bedürfnisse sie zu befriedigen versuchten, haben sich mit der Zeit stark verändert. Über Millionen von Jahren hat die Menschheit Werkzeuge und Techniken entwickelt, um die eigenen Ziele besser erreichen zu können. Doch die Entwicklung der Mittel zur Befriedigung selbst unserer grundlegendsten Bedürfnisse führt zwangsläufig zur Schaffung neuer Bedürfnisse, neuer gesellschaftlicher Verhältnisse und völlig neuer Lebensweisen. Diese ununterbrochene Interaktion war entscheidend für unsere eigene Entwicklung – ob wir als Nomaden lebten oder sesshaft wurden, ob wir ganzjährig arbeiteten oder nur zu gewissen Jahreszeiten. Das wirkte sich auch auf unsere Physiologie und unsere Evolution aus. Wir können also sagen, dass wir, indem wir unsere Umwelt verändern, auch uns selbst verändern. Das ist die Grundlage jeden menschlichen Fortschritts. </p>

<p>Dieses grundlegende Prinzip des historischen Materialismus fasste Friedrich Engels in seiner Trauerrede am Grab von Karl Marx folgendermaßen zusammen: </p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p><em>„Wie Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur, so entdeckte Marx das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte: die bisher unter ideologischen Überwucherungen verdeckte einfache Tatsache, daß die Menschen vor allen Dingen zuerst essen, trinken, wohnen und sich kleiden müssen, ehe sie Politik, Wissenschaft, Kunst, Religion usw. treiben können; daß also die Produktion der unmittelbaren materiellen Lebensmittel und damit die jedesmalige ökonomische Entwicklungsstufe eines Volkes oder eines Zeitabschnitts die Grundlage bildet, aus der sich die Staatseinrichtungen, die Rechtsanschauungen, die Kunst und selbst die religiösen Vorstellungen der betreffenden Menschen entwickelt haben, und aus der sie daher auch erklärt werden müssen.“[3]</em></p>
</blockquote>

<p>Im <em>Kapital</em> Band 1 schreibt Marx: „Der Gebrauch und die Schöpfung von Arbeitsmitteln, obgleich im Keim schon gewissen Tierarten eigen, charakterisieren den spezifisch menschlichen Arbeitsprozeß.“[4] Die Archäologie liefert dafür genügend Beweise aus allen Epochen der Menschheitsgeschichte. Einige unserer frühesten homininen Vorfahren, der <em>Homo habilis</em> und der <em>Homo ergaster</em>, fertigten bereits Steinwerkzeuge an. Der Oldowan-Komplex, der in der Olduvai-Schlucht in Tansania entdeckt wurde, wird auf ein Alter von rund 2,6 Millionen Jahre datiert. In der Altsteinzeit (bis ca. 10.000 v.Chr.) entstand ein prähistorischer Technokomplex nach dem anderen – Acheuléen, Moustérien, Châtelperronien usw. Entsprechend der Herstellung der Werkzeuge dieser Kulturen können wir wichtige Rückschlüsse auf die Entwicklung von menschlichem Bewusstsein und komplexem Denken ziehen. Im Allgemeinen können wir sagen, dass jedes Werkzeug symmetrischer ist als das vorangegangene und mehr Vorausplanung benötigte, was die Entwicklung des Gehirns des modernen Menschen auf neue Höhen führte.</p>

<p>Diese Erkenntnisse liefern eine wichtige Bestätigung der materialistischen Methode, weshalb auch nichtmarxistische Archäologen gezwungen sind, die Vergangenheit gemäß der in jedem Zeitalter vorherrschenden materiellen Kultur zu periodisieren. Es ist kein Zufall, dass wir vom Paläolithikum („Altsteinzeit“ in Anlehnung an das altgriechische Wort „lithos“ für Stein), Mesolithikum („Mittelsteinzeit“), Neolithikum („Jungsteinzeit“), Bronzezeit und Eisenzeit sprechen. Diese Bezeichnungen beziehen sich auf das Material, mit dem die Werkzeuge hergestellt wurden, die in der jeweiligen Epoche für die Produktion von besonderer Bedeutung waren. Marx schreib dazu im Kapital Band 1:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p><em>„Dieselbe Wichtigkeit, welche der Bau von Knochenreliquien für die Erkenntnis der Organisation untergegangner Tiergeschlechter, haben Reliquien von Arbeitsmitteln für die Beurteilung untergegangner ökonomischer Gesellschaftsformationen. Nicht was gemacht wird, sondern wie, mit welchen Arbeitsmitteln gemacht wird, unterscheidet die ökonomischen Epochen. Die Arbeitsmittel sind nicht nur Gradmesser der Entwicklung der menschlichen Arbeitskraft, sondern auch Anzeiger der gesellschaftlichen Verhältnisse, worin gearbeitet wird.“[5]</em></p>
</blockquote>

<p>Diese im Grunde simple, aber doch revolutionäre Idee wird in der akademischen Welt durchaus nicht von allen akzeptiert. In Wirklichkeit stößt dieses grundlegende Prinzip des historischen Materialismus an den Universitäten auf eine ähnliche Ablehnung wie einst Darwins Theorie der natürlichen Auslese in den Viktorianischen Salons. </p>

<p>Deshalb hinkt die heutige akademische Welt auf diesem Gebiet sogar den antiken griechischen Philosophen hinterher. Sowohl Plato als auch Aristoteles erkannten die Tatsache an, dass es eine materielle Grundlage für ihre Mußezeit gab. Wie Aristoteles in seiner Metaphysik schreibt, konnte sich die Wissenschaft dort entwickeln, wo Menschen über ausreichend Freizeit verfügten: „Deshalb bildeten sich in Ägypten zuerst die mathematischen Künste (Wissenschaften) aus, weil dort dem Stande der Priester Muße gelassen war.“[6] Das setzt notwendigerweise ein gewisses Maß an Arbeitsproduktivität voraus, mit der auch eine Neuorganisation der gesellschaftlichen Struktur einherging. Wir wollen uns nun den Anfängen dieser Entwicklung zuwenden.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Der Urkommunismus</h3>

<p>Archäologen haben bislang kaum Beweise für eine signifikante Ungleichheit in der Zeit vor dem Neolithikum gefunden, das vor nicht ganz 12.000 Jahren begann. Die Fundstücke in paläolithischen Ausgrabungsstätten auf der ganzen Welt zeichnen ein Bild von kleinen, überwiegend umherziehenden Gesellschaften, die für ihr Überleben vor allem von der Jagd, dem Fischfang und dem Sammeln von essbaren Früchten, Pilzen usw. abhängig waren. In diesen Gesellschaften gab es hinsichtlich des Besitzes und des sozialen Status kaum Unterschiede. Diese Annahme lässt sich zumindest aus den Grabbeigaben jener Zeit schließen.  </p>

<p>Natürlich werden wir nie mit völliger Sicherheit sagen können, wie prähistorische Jäger- und Sammlergesellschaften im Detail ausgesehen haben. Doch anthropologische Studien von bis heute existierenden Jäger- und Sammlergesellschaften, wie dem Stamm der !Kung in der Kalahari, lassen erahnen, wie die Menschen einst gelebt haben könnten. Der Anthropologe Richard Leaky schreibt:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p><em>„Die !Kung haben keine Häuptlinge und keine Anführer. […] Niemand erteilt oder befolgt Befehle.“ „Mit-anderen-teilen ist im Verhalten und in den Wertvorstellungen der !Kung-Wildbeuter […] tief verwurzelt“. „Geradeso, wie Gewinn- und Zweckmäßigkeitsdenken im Mittelpunkt kapitalistischer Moral stehen, so steht das Teilen mit anderen im Mittelpunkt der Wildbeutergesellschaften.“[7]</em></p>
</blockquote>

<p>Diese Ansicht wird durch Studien über Jäger- und Sammlergesellschaften auf der ganzen Welt bestätigt und fügt sich nahtlos in das Bild, das die Erforschung der paläolithischen Ausgrabungsstätten hervorbringt. Doch der Egalitarismus in unserer prähistorischen Vergangenheit war nicht nur von rein kulturellem oder moralischem Gehalt. Er wurzelte vielmehr in der Tatsache, dass es über den Besitz von Werkzeugen und anderen persönlichen Gebrauchsgegenständen hinausgehendes Privateigentum nicht gab und auch nicht geben konnte. Diese Gruppen waren erfolgreiche und sehr fähige Jäger und Sammler, aber sie lebten weitgehend von der Hand in den Mund und verzeichneten keinen nennenswerten Überschuss, den man anhäufen hätte können. Dementsprechend gab es keine Vorstellung von Landbesitz oder Vererbung.</p>

<p>Das lässt sich auch gut an der Lebensweise der Aborigines in der zentralaustralischen Wüste veranschaulichen, die als eine der ältesten noch heute existierenden Kulturen weltweit gilt. In den 1960er Jahren lebte der Anthropologe Richard Gould mit diesen Jägern und Sammlern und erforschte ihre Kultur. Er vermerkte damals, dass alle Nahrungsmittel, die ins Lager gebracht wurden „peinlich genau zwischen allen Mitgliedern der Gruppe aufgeteilt wurden, selbst wenn es nicht mehr als eine kleine Eidechse war“[8]. Gestützt auf die Ausgrabungen in Höhlen und Felsvorsprüngen stellte Gould die Hypothese auf, dass die Bevölkerung dieser Region seit der ersten Besiedelung durch den <em>Homo sapiens</em> auf diese Art und Weise lebte. Das Prinzip hinter dieser ursprünglichen, ja absoluten Form des Kommunismus ist nicht schwer zu entdecken: es ist der Mangel, der letztlich durch die relativ niedrige Entwicklung der Produktivkräfte und das niedrige Niveau der Kontrolle über die natürliche Umwelt gegeben war. Während andere Jäger- und Sammlergesellschaften nicht unter derart schwierigen Bedingungen lebten, war dieses Prinzip doch in der gesamten paläolithischen Welt vorherrschend.  </p>

<h3 class="wp-block-heading">Frauen im Urkommunismus (In Verteidigung von Friedrich Engels)</h3>

<p>Der egalitäre Charakter der paläolithischen Gesellschaften zeichnet sich auch durch die gleichberechtigte Stellung der Frau aus. Schon Friedrich Engels schrieb in seinem Meisterwerk <em>Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates</em>:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p><em>„Es ist eine der absurdesten, aus der Aufklärung des 18. Jahrhunderts überkommenen Vorstellungen, das Weib sei im Anfang der Gesellschaft Sklavin des Mannes gewesen. Das Weib hat bei allen Wilden und allen Barbaren der Unter- und Mittelstufe, teilweise noch der Oberstufe, eine nicht nur freie, sondern hochgeachtete Stellung.“[9]</em></p>
</blockquote>

<p>Engels stützte sich auf die aktuellsten anthropologischen Studien seiner Zeit, insbesondere auf Henry Lewis Morgans Arbeit über die Irokesen, und kam zu der revolutionären Erkenntnis, dass die systematische Unterdrückung der Frau tatsächlich erst zu einem relativ späten Zeitpunkt in der Menschheitsgeschichte aufgetreten ist. Am Beispiel nicht nur der Gesellschaft der Irokesen, sondern auch der alten Griechen, Römer und Germanen argumentierte Engels, dass die „weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts“ eine ökonomische Grundlage hatte: die Herausbildung des Privateigentums an den Produktionsmitteln, speziell von Grund und Boden und den Viehherden, sowie die Akkumulation derselben in den Händen von Männern. </p>

<p>Wenn also Frauenunterdrückung nicht immer schon existiert hat, dann, so die Schlussfolgerung von Engels, muss es auch möglich sein, ihr ein Ende zu setzen. Durch die Errichtung einer kommunistischen Gesellschaft ohne Privateigentum und Ausbeutung ließe sich die Freiheit und Gleichheit von Männern und Frauen wiederherstellen, allerdings auf einem höheren Niveau als in der fernen Vergangenheit. Diese Perspektive hat Generationen von Marxisten inspiriert, den Kampf um Frauenbefreiung zu führen. </p>

<p>Diese revolutionäre Erkenntnis wurde jedoch nicht nur von den Apologeten der herrschenden Ordnung, sondern teilweise auch von feministischen Theoretikern abgelehnt, die Engels’ Interpretation urkommunistischer Gesellschaften als „tröstlichen Mythos“ abkanzelten. In der jüngeren Vergangenheit stimmten selbst „marxistische“ Akademiker in diesen Chor der Kritiker ein und griffen die Grundlagen von Engels‘ Theorie an. Christophe Darmangeat von der Universität Paris zum Beispiel behauptet: „das männliche Monopol auf die Jagd und den Besitz von Waffen versetzte Männer im Vergleich zu Frauen überall in eine Position der Stärke“, was bedeutet, dass „Frauen überall in eine Situation gebracht wurden, wo sie auf die Rolle reiner Instrumente in den Strategien der Männer reduziert werden konnten.“[10]</p>

<p>Während Darmangeat behauptet, er würde Engels auf der Basis neuerer Forschungsergebnisse korrigieren, wiederholt er in Wirklichkeit genau dieselben falschen Annahmen, die Engels bereits vor mehr als hundert Jahren widerlegte. Darmangeat geht zunächst davon aus, dass Jagd und Waffenbesitz immer schon ein männliches Monopol waren. Damit diese These Gültigkeit hat, muss sie universell anwendbar sein, d.h. dieses angebliche Monopol muss immer und überall, ohne Ausnahme existiert haben. Doch eine derartige Annahme ist nicht haltbar und steht im Widerspruch zu den meisten modernen Forschungsergebnissen zu diesem Thema. Auch unsere Kenntnisse von heute noch bestehenden Jäger- und Sammlergesellschaften sprechen dagegen. So weiß man von den Agta auf den Philippinen, dass dort auch Frauen Waffen tragen und sich an der Jagd beteiligen.[11] Wenn wir in die Vergangenheit blicken, ergibt sich ein noch viel komplexeres Bild. Der jüngste Fund einer Jagdausrüstung im Grab einer jungen erwachsenen Frau in den Anden[12], das auf die Zeit von rund 7.000 v. Chr. datiert wird, sowie Darstellungen von mit Speeren bewaffneten Jägerinnen in den frühesten Höhlenmalereien im indischen Burzahom aus der Zeit von 6.000 v. Chr.[13] lassen auf die Rolle von Frauen bei der Jagd schließen. Doch selbst wenn wir die Annahme akzeptierten, dass die Jagd in erster Linie eine männliche Domäne war, beinhaltet Darmangeats Argument eine fatale Unwahrheit: Die Annahme, dass, wo immer es eine Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern gab, Frauen auf die Rolle „reiner Instrumente“ reduziert wurden.</p>

<p>Als Marxisten leugnen wir nicht, dass es natürliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, und dass es deshalb auch in allen Gesellschaften eine bestimmte Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern gab. Die Tatsache, dass Frauen schwanger werden und Kinder gebären können, ist ein augenscheinliches Beispiel dafür. Je nach der Beschaffenheit der natürlichen Umgebung und den dort vorhandenen Ressourcen der jeweiligen Gemeinschaft konnten sich die Männer auch weiter vom Lagerplatz entfernen und zum Beispiel Jagdexpeditionen unternehmen, während Frauen sich tendenziell darauf konzentrierten, Nahrung in der umliegenden Gegend zu sammeln, weil sie dann auch die Kinder mitnehmen konnten. Eine derartige Arbeitsteilung wurde zum Beispiel bei den !Kung beobachtet.[14] Der zentrale Punkt ist aber, dass in solchen Gesellschaften das Vorhandensein einer gewissen Arbeitsteilung nicht als Beweis für Unterdrückung oder Ausbeutung durch andere Teile der Gemeinschaft gesehen werden kann. Im Gegenteil, alle uns zugänglichen Beweise lassen auf das Gegenteil schließen.</p>

<p>Mit Bezug auf die !Kung schreibt Patricia Draper: </p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p><em>„Männer und Frauen der Wildbeutergruppen sind egalitär im Umgang miteinander. Typischerweise leben sie in gemischtgeschlechtlichen Gruppen im Lager zusammen, obwohl sie ihre Arbeit für gewöhnlich in gleichgeschlechtlichen Gruppen verrichten. Die Frauen zeigen gegenüber den Männern keine Unterwürfigkeit. Sie leben in kleinen Gruppen ohne stark ausgeprägte Führungsrollen, sie treffen Entscheidungen nach dem Konsensprinzip, wobei Frauen gemeinsam mit den Männern entscheiden.“[15]</em></p>
</blockquote>

<p>Die Frauen, die hier beschrieben werden, können kaum als „reine Instrumente“ von jemand anderem bezeichnet werden. Ganz im Gegenteil. In vielen Fällen, so auch bei den !Kung, tragen Pflanzen, die von den Frauen gesammelt werden, zu 80% des täglichen Lebensmittelverbrauchs der Gemeinschaft bei, und „anders als männliche Jäger, behalten die weiblichen Wildbeuter die Kontrolle über die endgültige Verteilung der Nahrungsmittel, die sie gesammelt haben“[16]. Der Anthropologe Chris Knight behauptet, dass in vielen Jäger- und Sammlergesellschaften „ein junger Mann nie das dauerhafte Recht auf Sex gegenüber der Frau erlangt, die er regelmäßig besucht. Stattdessen muss er sich ständig Anerkennung verdienen, indem er das von ihm erlegte Fleisch seiner Schwiegermutter überlässt, die es dann nach ihren Vorstellungen verteilen kann.“[17] Auch hier stellt sich die Frage, wer eigentlich wen kontrolliert.</p>

<p>Auch wäre es falsch zu behaupten, dass der Besitz von Waffen oder größere körperliche Stärke automatisch zu Gewalt gegen Frauen führt. Eine Studie aus dem Jahr 1989 kam zu dem Ergebnis, dass die traditionell als Nomaden oder Halbnomaden lebenden San eine von nur sechs Gesellschaften weltweit waren, in der häusliche Gewalt nahezu unbekannt war.[18] Das ist eine wirklich erstaunliche Tatsache, wenn wir berücksichtigen, dass jedes Jahr Gewalt an Frauen unzählige Leben fordert. </p>

<p>Das Bild des Mannes als den dominanten „Ernährer“ und der Frau als untergeordneter „Hausfrau“ ist für diese historische Epoche völlig anachronistisch – es handelt sich um eine Konzeption der Urgeschichte, die direkt der Zeichentrickserie „Familie Feuerstein“ entnommen scheint. Das Fortbestehen dieser Vorstellungen hat jedoch nichts mit dem Wissensstand der prähistorischen Forschung zu tun, sondern spiegelt lediglich die Tatsache wider, dass die Vertreter dieser These unfähig sind, sich eine Welt vorzustellen, die nicht gemäß den heute in der kapitalistischen Klassengesellschaft vorherrschenden Vorurteilen funktioniert. Wenn man aber diese durch die Klassengesellschaft bestimmten Vorurteile akzeptiert, dann muss man auch die letztlich daraus fließenden Schlussfolgerungen akzeptieren, und nicht nur die Möglichkeit einer wirklichen Gleichheit von Mann und Frau, sondern generell die Perspektive einer Gesellschaft frei von Ausbeutung und Unterdrückung verwerfen. Dieses angeblich wissenschaftliche Argument legitimiert in letzter Instanz die Existenz einer Klassengesellschaft auf immer und ewig. Amen! </p>

<h3 class="wp-block-heading">Die Anfänge des Ackerbaus</h3>

<p>Aber wie konnte es sein, dass die Menschheit von dieser scheinbar utopischen urkommunistischen Gesellschaftsform zu einer Ordnung überging, in der die überwältigende Mehrheit der Menschen unterdrückt wurde? Der Anthropologe Marshall Sahlins prägte auf der Grundlage seiner Forschungsarbeiten zu Jäger- und Sammlergesellschaften den Begriff der „ursprünglichen Überflussgesellschaft“. Demzufolge hätten Erwachsene nur drei bis fünf Stunden pro Tag arbeiten müssen, um ausreichend Lebensmittel zu beschaffen. Auch wenn das wahrscheinlich eine Übertreibung ist, die von einer zu engen Definition von Arbeit herrührt, stellt sein Argument doch die Vorstellung in Frage, wonach Jäger- und Sammlergesellschaften permanent am Rande des Verhungerns lebten. Doch genauso, wie wir den von Hobbes geschaffenen Mythos zurückweisen, das Leben sei vor der Befreiung durch die zivilisierte Repression seitens des Staates immer schon „armselig, ekelhaft, tierisch und kurz“ gewesen, sollten wir auch vorsichtig sein und den Bogen nicht zu sehr in die andere Richtung überspannen. </p>

<p>Die paläolithische Gesellschaft war kein paradiesischer Urzustand, in dem alle im Überfluss lebten. In der Eiszeit waren die Gemeinschaften zwangsläufig eher klein, da die Menschen stets in der Unsicherheit lebten, ob sie ihre Existenz sichern können würden. Im Regelfall wurde das vorhandene Essen binnen weniger Stunden oder Tage aufgebraucht. Diese Gemeinschaften generierten, wenn überhaupt, kaum Überschüsse. Die meisten Jäger- und Sammlergesellschaften verzeichneten eine nur sehr geringe Lebenserwartung und eine sehr geringe Geburtenrate. Selbst nach dem Ende der letzten Eiszeit um 9.700 v. Chr. waren diese Gesellschaften ständig mit materiellem Mangel konfrontiert. Nur um ein Beispiel zu geben: In der Ausgrabungsstätte im indischen Mahadaha, die auf die Zeit von 4.000 v. Chr. datiert wird, lag das geschätzte Sterbealter von den 13 dort gefundenen Skeletten zwischen 19 und 28 Jahren, aber „wahrscheinlich viel näher bei 19 Jahren“[19]. Damals war die treibende Kraft hinter jeder Form von Entwicklung der Kampf zur Sicherung des Überlebens der Gruppe – und das gegen alle Widrigkeiten: „die Produktion und Reproduktion des unmittelbaren Lebens“[20].</p>

<p>Aus der Notwendigkeit, die Art der Lebensmittelbeschaffung zu verbessern, entwickelten die Menschen mit der Zeit Steinwerkzeuge und sie begannen Ausschau zu halten nach einer größeren Vielfalt an Lebensmitteln, die auch möglichst verlässlich zur Verfügung stehen würde. Diese Entwicklung wurde durch die globale Klimaerwärmung vor rund 20.000 Jahren begünstigt. Steigende Temperaturen und mehr Feuchtigkeit sowie das Abschmelzen der Eisdecke ermöglichten es den Menschen damals, völlig neue Regionen zu besiedeln und neue Nahrungsquellen zu erschließen. Unter den sich stark verändernden Umweltbedingungen begannen die Jäger und Sammler neue, ausgefeiltere Methoden zur Gewinnung von Nahrungsmitteln zu entwickeln, was zu einer sprunghaften Entwicklung der Produktivkräfte führte. </p>

<p>Ältere Steinwerkzeuge wie Faustkeile wurden durch „Mikrolithen“ in Form von Bohrern und Pfeilspitzen ersetzt.[21] Aus Knochen wurden dünne Nadeln angefertigt, mit denen Pelze zusammengenäht werden konnten. Die damit hergestellten Kleidungsstücke ermöglichten wiederum die Besiedelung auch unwirtlicher Gebiete wie Sibirien.[22] Aus Rentiergeweihen wurden Harpunen geschnitzt, womit der Fischfang ertragreicher wurde.[23] Weidenkörbe wurden hergestellt, um Aale zu fangen.[24] All das bedeutete einen sowohl qualitativen als auch quantitativen Sprung in der menschlichen Arbeitsproduktivität.</p>

<p>Doch nicht nur Jagd und Fischfang florierten. Durch das wärmere und feuchtere Klima gediehen auch immer mehr essbare Wildpflanzen, die die Menschen als Nahrungsquelle entdeckten. Die älteste uns bekannte Ernte von Wildgräsern lässt sich auf die Zeit der späten Eiszeit rund 21.000 Jahre v. Chr. datieren. Der Fundort liegt in Ohalo, dem heutigen Israel. 14.000 Jahre v. Chr. wurden in der gesamten Region Emmer, Einkorn und Gerste angebaut. Diese Entwicklung mag anfangs nur als eine kleine Verbesserung erschienen sein, doch sie markiert die frühen Anfänge eines Prozesses, der die Beziehung des Menschen zur natürlichen Welt und damit das menschliche Leben unwiederbringlich verändern sollte.</p>

<p>Von der ersten Bewirtschaftung von Getreide und anderen Pflanzen war es allerdings noch ein weiter Weg zur landwirtschaftlichen Produktion des Neolithikums. In den meisten Regionen glich diese Bewirtschaftung mehr einer „Gartenarbeit in der Wildnis“, in dem die Menschen regelmäßig Orte aufsuchten, an denen essbare Pflanzen wuchsen. Doch selbst durch diese scheinbar passive Form des Sammelns und Erntens begannen die Menschen die Natur in mehr oder weniger bewusster Form umzugestalten.</p>

<p>Viele der Pflanzen und Tiere, die uns heute als Grundnahrungsmittel dienen, haben nicht immer schon in dieser Form existiert. Mais, Bohnen, Speisekürbisse und selbst Schweine, Schafe und Rinder, wie wir sie heute kennen, entwickelten sich erst im Zuge der menschlichen Eingriffe in die Natur vor mehreren tausend Jahren. Zum Beispiel die Wildgräser, die an Orten wie Ohalo angebaut wurden, besaßen viel kleinere Körner als der Weizen, den wir heute kennen. Die Entdeckung von überdurchschnittlich großen Körnern in Jerf el Ahmar im heutigen Syrien lässt darauf schließen, dass die Menschen schon 13.000 v. Chr. gezielt Gräser mit größeren Körnern aussäten, um so den Ertrag zu steigern.[25]</p>

<p>Noch wichtiger war jedoch, dass die Ähren dieser alten Gräser leicht abbrachen und der Samen sich von alleine verteilte, was die Chancen erhöhte, dass sich diese Pflanzen erfolgreich vermehren konnten. Doch was für die Pflanze gut ist, ist für den Sammler nicht notwendigerweise von Vorteil. Ein großer Anteil der potentiellen Ernte ging so verloren, bevor noch der Schnitter zur Stelle war. Bei modernen Getreidesorten ist die Rhachis (Achse der Getreidenähre) so beschaffen, dass die Ähren bis zur Ernte nicht abbrechen. Diese biologische Transformation war das Produkt des Eingriffs durch den Menschen und seiner Innovationskraft. Unter den richtigen Bedingungen führte die Tendenz zur Selektion, die durch die bewusste Verbesserung der Techniken der Sammler entstand, zur Entwicklung neuer Weizen- und Gerstesorten, was für sich genommen einen weiteren großen Fortschritt in der Entwicklung der Produktivkräfte bedeutete.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Die Neolithische Revolution</h3>

<p>Gemeinsam mit der Zunahme an natürlichen Ressourcen und den Verbesserungen der Werkzeuge und Arbeitstechniken entstanden in dieser Epoche die ersten festen Siedlungen. Anfangs handelte es sich dabei wahrscheinlich um Lager, die zu einer bestimmten Saison genutzt wurden, zu denen die Menschen jedoch in immer regelmäßigeren Abständen zurückkehrten. Ein Beispiel dafür ist der Fundort Star Carr im heutigen England aus der Zeit um 9.000 v. Chr.[26] In weiterer Folge wurden die ersten dauerhaft besiedelten Dörfer errichtet. Ein frühes Beispiel liefert die Ausgrabungsstätte ‚Ain Mallaha in der Levante, die auf 12.5000 v. Chr. datiert ist. Man zählt diesen Ort zum Natufien, einer Kultur des Proto-Neolithikums. Hier siedelten Menschen dauerhaft und lebten von der Jagd auf Gazellen und dem Anbau von Wildgetreide.[27]</p>

<p>Aber selbst im höchsten Stadium des Epipaläolithikums („Späte Altsteinzeit“) waren dauerhafte Siedlungen noch sehr selten und konnten nur dort gefunden werden, wo es außerordentlich günstige natürliche Bedingungen gab, wie dies in ‚Ain Mallaha oder Poverty Point der Fall war. In diesem Stadium war es sehr schwierig und in einigen Fällen unmöglich, andernorts ähnliche Bedingungen zu schaffen, weshalb in einem bestimmten Ausmaß die Errichtung von Siedlungen letztendlich von der Natur vorgegebenen Bedingungen abhing. Doch die Entwicklungen, die damals vor sich gingen, bereiteten den Boden für eine dramatische Umwälzung der menschlichen Lebensbedingungen, wobei die Ausnahme zur Regel werden sollte.</p>

<p>In der Geschichte haben oft Krisen die tiefliegenden Veränderungsprozesse unter der Oberfläche beschleunigt. Solche Krisen können sowohl externe als auch interne Ursachen haben. Vor der Entwicklung der Landwirtschaft im Nahen Osten wurde es spürbar kälter auf der Erde. Es kam zu einer Rückkehr eiszeitlicher Bedingungen in der Jüngeren Dryaszeit (ungefähr von 11.000 – 9.700 v. Chr.). Die Ausbreitung von Wildgräsern wurde dadurch gebremst und die Tierherden mussten auf der Suche nach günstigeren Umweltbedingungen weiterziehen. Die meisten Menschen konnten ihre bisherige Lebensweise daher nicht aufrechterhalten. Die Sterblichkeit nahm erneut zu, und viele Menschen mussten wieder zu einem Nomadenleben zurückkehren. Doch die vorangegangene Entwicklung, die schrittweise über Tausende von Jahren gegangen war, war nicht komplett umsonst gewesen.</p>

<p>Als die Menschen die Siedlungen aufgaben, weil dort das Überleben nicht mehr gesichert erschien, nahmen sie geerntete Samenkörner mit und säten sie an völlig neuen Orten. Die Schaffung neuer Anbauflächen und die stärkere Abhängigkeit bestimmter Gemeinschaften vom Getreideanbau dürfte, so die heutige Annahme, die natürliche und künstliche Auslese beschleunigt und zur Herausbildung von domestiziertem Weizen[28] geführt haben. Das kam einem spürbaren Fortschritt gegenüber den alten Siedlungen von Jäger- und Sammlergemeinschaften gleich. Wir können diesen Prozess ganz deutlich in Abu Hureyra, im heutigen Syrien, nachverfolgen, wo die Menschen durch den intensiven Anbau von wildem Roggen auf das kältere Klima reagierten. Daraus entstand das älteste domestizierte Getreide, das bislang nachgewiesen werden konnte. Es stammt in etwa aus der Zeit um 10.500 v. Chr.[29]</p>

<p>Rund 9.500 v. Chr. kehrten die Menschen in der Levante und im Südosten der heutigen Türkei zu einem sesshaften Leben zurück, doch dieses Mal auf einer qualitativ weit höheren Stufe, was durch den Anbau von domestizierten Getreidesorten und Viehhaltung (Schafe, Ziegen) möglich wurde. Die Jäger wurden nun durch den gezielten Eingriff in die Natur zu Hirten. Um 8.000 v. Chr. hatte sich dieser neue Lebensstil im gesamten Nahen Osten durchgesetzt und fand bald darauf auch in Europa und Südasien Nachahmung. Unabhängig davon setzte sich auch in anderen Weltregionen, wie in China sowie in Teilen Afrikas und Amerikas, diese neue Form der Landwirtschaft durch. Der marxistische Archäologe V. Gordon Childe bezeichnete diesen Prozess als „Neolithische Revolution“. </p>

<p>Für viele bürgerliche Wissenschaftler erinnert die Bezeichnung „Revolution“ zu sehr an einen marxistischen Ansatz, weshalb sie ihn nicht in Lehrbüchern verwenden. Stattdessen bezeichnen sie die Entwicklung der Landwirtschaft in dieser historischen Phase als „Neolithischen Übergang“, da es sich um einen Prozess handelte, der sich über eine sehr lange Zeitspanne vollzog. Das zeugt allerdings von einem sehr eingeschränkten Verständnis von Geschichte. Die kambrische Explosion (eine Epoche sehr schneller Diversifizierung komplexer, mehrzelliger Tierstämme) erstreckte sich über einen Zeitraum von mehr als zehn Millionen Jahren – eine äußerst kurze, ja explosive Zeitspanne, gemessen an Milliarden Jahren einer unglaublich langsamen Entwicklung, die ihr vorausgegangen war. Die Neolithische Revolution war im Rahmen der Menschheitsgeschichte eine vergleichbar gewaltige und schnelle Transformationsperiode. Der <em>Homo sapiens</em> existiert seit rund 300.000 Jahren, doch diese Entwicklungen erfolgten binnen weniger tausend Jahre und erschütterten das menschliche Leben grundlegend, was zum Entstehen einer neuen Lebensweise, einer neuen Produktionsweise beitrug und so ein neues Kapitel in der Menschheitsgeschichte einläutete.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Die Bedeutung von Ideen</h3>

<p>Ein weiterer Einwand gegen die „traditionelle“ Darstellung der Neolithischen Revolution richtet sich gegen deren materialistische Schlussfolgerungen. Wenn wir mit einem Abstand von 10.000 Jahren auf jene Prozesse zurückblicken, können wir die tiefgreifende Wirkung erahnen, die die damaligen Entwicklungen auf dem Gebiet der menschlichen Arbeit und der Technik sowohl auf die Natur als auch auf die Gesellschaft hatten. Doch selbst diese Bestätigung der grundlegendsten Ideen des historischen Materialismus wollen manche Wissenschaftler nicht akzeptieren. So behauptete etwa Anthony Giddens, der Soziologe hinter Tony Blairs „Drittem Weg“, dass die Entwicklung der Produktivkräfte kein entscheidender Faktor in der Neolithischen Revolution gewesen sein konnte, weil an einigen Orten bereits vor dem Auftauchen der Landwirtschaft menschliche Siedlungen existiert hatten. Giddens schreibt dazu:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p><em>„Das menschliche Sozialleben beginnt nicht und endet auch nicht mit der Produktion. Wenn Mumford den Menschen ein ‘mindmaking, self-mastering, and self-designing animal‘ nennt, und wenn Frankl das menschliche in der „Sinnsuche“ sieht, sind sie näher dran, die Grundlage einer philosophischen Anthropologie der menschlichen Kultur zu liefern, als Marx es war.“[30]</em></p>
</blockquote>

<p>Vor nicht allzu langer Zeit wurde die Behauptung aufgestellt, dass die Forschungsergebnisse der Ausgrabungsstätte Göbekli Tepe in Südostanatolien, in der heutigen Türkei, neue Beweise zur Untermauerung dieser idealistischen Geschichtsauffassung liefern würden. Göbekli Tepe wird auf 9.600 v. Chr. datiert, die Siedlung existierte in der Frühzeit der neolithischen Epoche. Dort wurden große Steinaltäre gefunden, die darauf schließen lassen, dass ein gewisses Maß an Arbeitsteilung existierte und die Menschen Mehrarbeit zur Errichtung des Baus dieser Tempelanlage aufwenden mussten. Es finden sich auch genügend Beweise, die nahelegen, dass dieser Ort ganzjährig genutzt wurde. Doch die große Menge an Knochen von Wildtieren und das Fehlen von Überresten von domestizierten Tieren lässt den Schluss zu, dass dieser „Tempel“ von Jägern und Sammlern errichtet wurde. Diese bemerkenswerte Entdeckung hat dazu geführt, dass in einer Reihe von Artikeln das Ende des Materialismus ausgerufen wurde. Die These lautet also, die Menschen hätten sich nicht aufgrund der Entwicklung der Landwirtschaft oder, allgemein gesprochen, der Produktivkräfte niedergelassen, sondern wären zum Zweck der Ausübung ihrer Religion sesshaft geworden und haben dann erst eine landwirtschaftliche Produktion entwickelt, um ihre Gemeinschaft ernähren zu können. „Ich glaube, was wir hier sehen können, ist, dass die Zivilisation ein Produkt des menschlichen Geistes ist“[31], verkündete der Grabungsleiter an diesem Fundort, Klaus Schmidt.</p>

<p>Doch die Einsicht, dass Zivilisation ein „Produkt des Geistes“ sei, ist bei weitem nicht so tiefschürfend, wie der Autor glauben mochte. Auch die Dampfmaschine oder das Fabriksystem waren Produkte des menschlichen Verstands. Die aus Feuerstein gefertigte Sichel war ebenso ein Produkt menschlichen Verstands. Selbst wenn der militanteste Materialist sich ein Essen zubereitet, dann macht er das, weil er die Idee hatte, es zu tun. Doch das sagt noch nicht viel, außer die unbestrittene Tatsache, dass all diese Dinge von bewusst denkenden menschlichen Wesen geschaffen wurden.  </p>

<p>Schon Friedrich Engels meinte: „Alles, was die Menschen in Bewegung setzt, muß durch ihren Kopf hindurch; aber welche Gestalt es in diesem Kopf annimmt, hängt sehr von den Umständen ab.“[32] Wir müssen uns die Frage stellen, warum die Menschen, die Göbekli Tepe errichtet haben, sich dazu entschlossen haben, zuerst eine derart große und ganzjährig genutzte Kultstätte zu bauen, und warum sie dann den Entschluss fassten, dort auch Weizen anzubauen. Rituelle Handlungen waren schon während des gesamten Paläolithikums wichtiger Bestandteil menschlichen Gemeinschaftslebens. Für die Menschen waren sie ein Mittel, um die Funktionsweise der natürlichen Welt besser zu verstehen und diese Schritt für Schritt zu kontrollieren. Das Ernten von wildem Weizen reicht jedoch zurück in eine Zeit von vor über 23.000 Jahren. Warum kam es also nicht schon in der späten Eiszeit zu einer ähnlichen Entwicklung wie in Göbekli Tepe? Die Erklärung dafür kann letztendlich nur in der Entwicklung der Produktivkräfte gefunden werden: dem Verhältnis der Menschheit zur Natur, das durch die Arbeit der Menschen, ihre Werkzeuge, ihre Arbeitsorganisation und Arbeitstechnik vermittelt wird.</p>

<p>Die für Viehzucht und Ackerbau notwendigen Mittel waren bereits im Rahmen der alten Jäger- und Sammlergesellschaft über Tausende von Jahren vor dem Bau von Göbekli Tepe entwickelt worden. Wie bereits erwähnt, fand man Körner von domestiziertem Roggen, die aus der Zeit rund um 10.500 v. Chr. stammen. Jüngere Ausgrabungen in Göbekli Tepe haben aber auch Beweise sowohl für Wohngebäude[33] als auch für den Konsum von Wildgetreide[34] erbracht, was Schmidt inseinem idealistischen Ansatz nicht berücksichtigt oder ignoriert hatte. Das bedeutet, dass Göbekli Tepe nicht nur ein Tempel war, sondern dass es sich um eine Siedlung handelte, die in weiterer Folge auf Ackerbau umstellte, weil die Jagd und das Sammeln von essbaren Pflanzen nicht mehr ausreichten, um die Gemeinschaft zu ernähren. Das unterstreicht nur die Schlussfolgerung, dass die faszinierenden Altäre und religiösen Handlungen der Menschen, die dort lebten, eine materielle Grundlage hatten. Wie auch die Menschen in Tell Abu Hureyra, die angesichts einer Notsituation zum Anbau von Roggen übergingen, markiert auch die Kultur, die Göbekli Tepe schuf, einen Wendepunkt in der Neolithischen Revolution, in dem sich die Notwendigkeit einer neuen Form der gesellschaftlichen Ordnung im bewussten Handeln von Menschen widerspiegelt. Derartige Prozesse sehen wir in allen sozialen Revolutionen. Die Ideen, Wünsche und religiösen Vorstellungen dieser Menschen entsprangen nicht direkt den Werkzeugen, die damals verwendet wurden, sondern waren Produkte des Verstandes von lebendigen Menschen – und sie hatten zweifelsohne einen entscheidenden Effekt auf die Form, die dieser Prozess annahm. Aber es waren die Veränderungen, die sich in der Umwelt dieser Menschen, in ihrer Gesellschaft und der ihr zugrundeliegenden Arbeitsweise abspielten, die den wahren Inhalt dieses Prozesses bestimmten: „Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.“[35]</p>

<h3 class="wp-block-heading">Eine neue Welt</h3>

<p>Marx schreibt im Kapital: „Abstrakt strenge Grenzlinien scheiden ebensowenig die Epochen der Gesellschafts- wie die der Erdgeschichte.“[36] In dieser Hinsicht werden die frühesten Dörfer der neolithischen Epoche den Siedlungen der Jäger- und Sammlergesellschaften, die am Ende des Paläolithikums entstanden waren, sehr ähnlich gewesen sein. In einigen Fällen konnten diese neolithischen Gemeinschaften noch immer relativ mobil sein, besiedelten für eine gewisse Zeit ein Stück Land, wo sie Getreide anbauten, und zogen weiter, wenn sich der Boden nach einiger Zeit regenerieren musste. Henry Morgan beobachtete diese Vorgangsweise auch bei den Irokesen. Die Jagd, der Fischfang und das Sammeln von Früchten blieben neben dem Anbau von Getreide wichtige Methoden der Nahrungsbeschaffung. Es dauerte mehrere hundert Jahre, bis die grundlegenden Veränderungen, die damit einhergingen, offensichtlich wurden. </p>

<p>Eine dieser Veränderungen war der markante Anstieg der Größe und Zahl der Siedlungen. Die durchschnittliche Siedlung im Natufien dürfte schätzungsweise von 100 bis 150 Personen bewohnt worden sein – eine beachtliche Größe für eine Jäger- und Sammlergemeinschaft, aber immer noch klein im Vergleich zu den neolithischen Siedlungen, die ab 9.500 v. Chr. entstanden. Selbst in einem kleinen neolithischen Dorf wohnten rund 250 Menschen[37], also in etwa doppelt so viele wie in der Natufien-Kultur. Jericho, vielleicht die älteste Siedlung, die heute noch existiert, wies um 9.000 v. Chr., also nur wenige Jahrhunderte nach Beginn der neolithischen Epoche, eine Bevölkerung in der Größenordnung von 1.000 Personen auf. Das war nur möglich auf der Grundlage eines massiven Sprungs in der Entwicklung der Produktivkräfte. </p>

<p>Ackerbau rund um feste Siedlungen begünstigte nicht nur die Entstehung großer Gemeinden, sondern beschleunigte auch das Bevölkerungswachstum im Allgemeinen. Allerdings darf man nicht vergessen, dass diese verbesserten Reproduktionsbedingungen nach wie vor durch hohe Kindersterblichkeit und die allgemein sehr niedrige Lebenserwartung von neolithischen Bauern und Bäuerinnen  (aufgrund einer sehr eingeschränkten Ernährung und dem Entstehen bislang unbekannter Krankheiten) konterkariert wurden. Letzteres war eine der Schattenseiten der Sesshaftigkeit – oft lebten tausende Menschen und Tiere auf sehr engem Raum zusammengedrängt. Trotz aller Probleme, die sich aus der Sesshaftwerdung ergaben, führte die höhere Geburtenrate doch zur Ausbreitung neuer und auch größerer Siedlungen, die die nomadischen Jäger- und Sammlergemeinschaften schrittweise verdrängten. Auf den britischen Inseln dürften Menschen, die sich, aus Kontinentaleuropa kommend, hier angesiedelt hatten, um 4.000 v. Chr. mit dem Ackerbau begonnen haben. Innerhalb von 2.000 Jahren, ein im urgeschichtlichen Maßstab sehr kurzer Zeitraum, setzte sich die neue Lebensweise flächendeckend durch.[38]</p>

<p>Mit der gewandelten Produktionsweise und den Auswirkungen auf die materielle Reproduktion des Menschen nahmen auch neue ideologische und religiöse Vorstellungen Form an. Ein Beispiel dafür sehen wir in der zunehmenden Verbreitung dessen, was heute als Ahnenkult aufgefasst wird. In Jericho wurden etwa mit Gips verputzte Schädel sowie im Boden der Häuser begrabene Verstorbene gefunden.[39] Die Vorstellung, dass die eigenen Ahnen auch nach dem Tod in der Familie bleiben, manchmal sogar wortwörtlich im Haus der Familie, weil sich dort ihr Grab befand, und sie auf diese Weise ihre lebenden Verwandten beschützten, ist ebenso  durch Quellen aus der chinesischen Kultur sehr gut belegt. Das passt auch zusammen mit der Tatsache, dass die Menschen nun dauerhaft in einem bestimmten Haushalt lebten und dasselbe Land bestellten.</p>

<p>Mit dem Übergang zu sesshafter Landwirtschaft begann sich auch schrittweise die Arbeitsteilung innerhalb der Familie zu verändern. Eine deutlich höhere Geburtenrate bedeutete, dass Frauen häufiger schwanger waren und mehr Zeit für die Kinder aufbringen mussten, weshalb ihnen weniger Zeit für die Feldarbeit blieb. Funde aus einer Reihe von neolithischen Ausgrabungsstätten lassen darauf schließen, dass diese Entwicklung gemeinsam mit der Intensivierung der  Arbeit und der Notwendigkeit, ständig auf den Feldern zu arbeiten und die Herden zu beaufsichtigen, vielerorts zu einer viel rigideren Teilung der Verantwortlichkeiten innerhalb der Familie führte. </p>

<p>In dem Maße, wie sich der Anbau von Getreide ausbreitete, wurde auch die Verarbeitung von Weizen und Gerste immer wichtiger. In Tell Abu-Hureyra entdeckten die Forscher bei weiblichen Skeletten Spuren von Arthritis in den Zehen, weil diese Frauen stundenlang kniend und unter Einsatz des Gewichts ihres Körpers Getreide mahlten.[40] Eine ähnliche Arbeitsteilung lässt sich aus den Funden in einer neolithischen Ausgrabungsstätte im heutigen China ablesen, die auf 5.000-6.000 v. Chr. datiert wird. Dort wurden männliche Tote fast durchwegs mit Steingerätschaften begraben, die für den Ackerbau oder die Jagd benutzt wurden, während Frauen ohne derartige Artefakte begraben wurden. In den weiblichen Gräbern fand man jedoch Werkzeug, das man zum Mahlen von Getreide benötigte.[41] Diese Zeugnisse ließen, zusammen mit anderen Studien, viele Anthropologen zu dem Schluss kommen, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Ausbreitung der sesshaften Landwirtschaft und der Tendenz, dass Frauen im Heim „Hausarbeit“ leisteten. </p>

<p>Diese „Hausarbeit“ war jedoch keineswegs zweitrangig oder der Arbeit der Männer untergeordnet. Neolithische Häuser, die man bei Ausgrabungsarbeiten freilegen konnte, verfügten oft über einen eigenen Bereich, wo Webarbeiten verrichtet wurden. Werkzeugherstellung, die häufig als Männerarbeit dargestellt wird, fand ebenfalls im oder um das Heim oder das Dorf statt, und in vielen Fällen waren die Frauen dafür verantwortlich. Anthropologische Studien über die Konso, eine großteils von der Landwirtschaft lebende ethnische Gruppe in Äthiopien, die weltweit zu den letzten Völkern gehören, die noch vorrangig Feuersteinwerkzeuge benutzen, gehen von der These aus, dass in diesen Gemeinschaften gewöhnlich die Frauen Werkzeuge herstellen.[42] Der neolithische Haushalt war also sowohl Heim als auch Werkstatt, und die vorhandenen Zeugnisse sprechen dafür, dass die Frauen in diesen Haushalten eine zentrale Stellung innehatten. </p>

<p>Die Verschiebungen in der Arbeitsteilung innerhalb der Familie erfolgten weder automatisch noch waren sie absolut. Es gab Gesellschaften, in denen Männer und Frauen ungefähr gleich viel Arbeit innerhalb und außerhalb des eigenen Haushalts verrichteten. Das dürfte beispielsweise am besonders wichtigen neolithischen Fundort Çatalhöyük[43] in der heutigen Türkei der Fall gewesen sein. In etlichen Gesellschaften erledigten auch tendenziell die Frauen, nicht die Männer die landwirtschaftliche Arbeit, wie man es aus Morgans Studie über die Irokesen kennt. Es wäre daher überaus vereinfachend und falsch, wenn wir eine automatische und unmittelbare Verbindung zwischen der landwirtschaftlichen Produktionsweise im Allgemeinen und der Tendenz vermehrter Arbeit der Frauen im Haushalt herstellen würden. Weiters können wir diese Veränderungen in der Arbeitsteilung innerhalb der Familie nicht als verlässlichen Beweis für die systematische Unterdrückung von Frauen und die Durchsetzung des Patriarchats, das zum Kennzeichen aller späteren „zivilisierten“ Gesellschaften gehört, heranziehen. Während Frauen allem Anschein nach mehr Arbeit zu Hause verrichteten, so wurde ihre Arbeit innerhalb der Gemeinschaft doch sehr wertgeschätzt, und Frauen genossen denselben Status wie Männer. Viele neolithische Grabstätten, wie etwa Midhowe Cairn im britischen Orkney, in denen die sterblichen Überreste von in etwa gleich viel Männern wie Frauen gefunden wurden, weisen keine bemerkbaren Unterschiede in Bezug auf Reichtum oder gesellschaftlichen Status auf.[44]</p>

<p>Was wir an den Funden in Tell Abu-Hureyra und anderen neolithischen Ausgrabungsstätten jedoch ablesen können, sind die ersten Anfänge des Aufkommens neuer gesellschaftlicher Beziehungen innerhalb der neolithischen Gesellschaft. Dazu gehörte auch, dass Frauen tendenziell vermehrt im Heim tätig waren. Das für sich allein genommen bedeutete aber noch nicht, dass Frauen in ökonomische Abhängigkeit gerieten bzw. unterdrückt wurden, doch im Laufe der weiteren Entwicklungen und der Intensivierung der Arbeit auf dem Gebiet der landwirtschaftlichen Produktion verfestigte sich diese Tendenz immer mehr. Dadurch dürfte die Grundlage für eine weitere Verschiebung in den Beziehungen zwischen Männern und Frauen gelegt worden sein. Das war im Neolithikum aber noch nicht der Fall; erst mit dem Entstehen von Klassengesellschaften schlugen diese Entwicklungen in eine systematische Unterdrückung der Frau um.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Die Dorfgemeinschaft</h3>

<p>Trotz der im Keim bereits sichtbaren Anzeichen von Ungleichheit in der neolithischen Periode waren die gesellschaftlichen Verhältnisse nach wie vor weitgehend kommunistischer Natur. Es gibt, wenn überhaupt, kaum Anzeichen von Privatbesitz, Ausbeutung oder vererbbarem Vermögen. Engels stellte die gesellschaftlichen Strukturen dieser klassenlosen Gesellschaften in seinem Buch <em>Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates</em> dar:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p><em>„Ohne Soldaten, Gendarmen und Polizisten, ohne Adel, Könige, Statthalter, Präfekten oder Richter, ohne Gefängnisse, ohne Prozesse geht alles seinen geregelten Gang […] die Haushaltung ist einer Reihe von Familien gemein und kommunistisch, der Boden ist Stammesbesitz, nur die Gärtchen sind den Haushaltungen vorläufig zugewiesen -, so braucht man doch nicht eine Spur unsres weitläufigen und verwickelten Verwaltungsapparats.“ „Arme und Bedürftige kann es nicht geben – die kommunistische Haushaltung und die Gens kennen ihre Verpflichtungen gegen Alte, Kranke und im Kriege Gelähmte. Alle sind gleich und frei – auch die Weiber. Für Sklaven ist noch kein Raum, für Unterjochung fremder Stämme in der Regel auch noch nicht.“[45]</em></p>
</blockquote>

<p>Anknüpfend an Morgan nannte Engels dieses Stadium in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft „Barbarei“, die eben mit der Entwicklung der Landwirtschaft, der Domestizierung von Tieren und der Erfindung der Keramik ihren Anfang nahm. Für die Menschen, die in diesen bäuerlichen Gemeinschaften lebten und die die moralischen und kulturellen Normen dieser Gemeinschaft bewahrten, muss jede andere Lebensform undenkbar gewesen sein. </p>

<p>Ein wichtiger Hinweis, der darauf schließen lässt, ist das Auftreten von Gruppenbestattungen, wobei alle Individuen gemeinsam in einem Grab beigesetzt wurden, und zwar unabhängig von sozialen Unterschieden und Status. Im bereits erwähnten Midhowe Cairn in Orkney wurden zumindest 25 Personen gemeinsam begraben. Ein ressourcenaufwendiges Monument wie dieses, mit mehreren voneinander getrennten Steinkammern, lässt jedoch nicht auf mangelnden Respekt gegenüber den einzelnen Toten schließen, die dort begraben wurden. Es entspricht der Moral einer Gesellschaft, die gemeinschaftlich organisiert war. </p>

<p>Auch sehr große neolithische Siedlungen beruhten auf dieser kommunalen Grundlage. Im bereits erwähnten Çatalhöyük lebten am Höhepunkt (rund 7.000 v.Chr.) schätzungsweise 10.000 Menschen. Die Stadt war sehr dicht verbaut, wobei die einzelnen Haushalte als unabhängige Einheiten bestanden und die Toten unter dem Boden des eigenen Hauses und nicht in gemeinschaftlichen Friedhöfen bestattet wurden. Doch trotz dieser relativen Unabhängigkeit der einzelnen Haushalte unterschieden sich die Häuser kaum hinsichtlich ihrer Größe, was darauf schließen lässt, dass es kaum soziale Unterschiede gegeben haben dürfte.</p>

<p>Der egalitäre Charakter der neolithischen Siedlungen ließ Zweifel aufkommen, was den Zusammenhang zwischen der Neolithischen Revolution und dem Entstehen von Klassengesellschaften betrifft. Viele neolithische Gemeinden existierten jahrtausendelang ohne Zwangsarbeit, Steuern und nennenswerte soziale Ungleichheit. Inwiefern können wir daher sagen, dass die Entstehung von Klassengesellschaften der neolithischen Produktionsweise inhärent war? Marx erklärte, dass die Entwicklung der Widersprüche innerhalb einer Produktionsweise notwendigerweise die Bedingungen zu ihrer Überwindung hervorbringt: </p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p><em>„Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind.“[46]</em></p>
</blockquote>

<p>Dass sich Klassengesellschaften unvermeidlich durchsetzten, liegt in der Tatsache begründet, dass die neolithische Produktionsweise die Voraussetzungen für eine solche Veränderung hervorgebracht hat: die immer komplexere Arbeitsteilung in der Gesellschaft und vor allem das wachsende Mehrprodukt. In unserer Darstellung werden wir den Fokus darauf legen, wie sich dieser Prozess im Nahen Osten vollzog. Wir argumentieren nicht, dass jede Entwicklung, die in dieser Region vor sich ging, die Entstehung von Klassengesellschaften auf der ganzen Welt erklären könne. Wir hoffen aber, dass wir mit der Darstellung des Prozesses in all seinen Phasen in einer spezifischen Region doch auch zentrale Elemente der Entwicklung der Klassengesellschaft im Allgemeinen aufdecken können.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Ein größeres Mehrprodukt</h3>

<p>Die gesamte Geschichte des Neolithikums könnte auch in der Frage zusammengefasst werden, was man mit dem zunehmend größeren Mehrprodukt machen sollte. </p>

<p>Die neolithischen Gemeinden begannen zusehends damit, das Mehrprodukt, das nicht unmittelbar konsumiert werden konnte, mit Blick auf die Zukunft zu lagern. Die Dörfer des Neolithikums wie Jerf el Ahmar in Syrien[47] verfügten über Lagerräume, die von der gesamten Gemeinde verwaltet und kontrolliert wurden. Die Existenz eines Mehrprodukts konnte aber auch bedeuten, dass mehr Arbeitszeit für Tätigkeiten aufgewendet werden konnte, die nicht für die unmittelbare Existenzsicherung benötigt wurden. Die Bewohner von Jericho konnten aus diesem Grund mit dem Bau einer Befestigungsmauer und eines großen Turms beginnen,[48] die auf die Zeit um 8.000 v. Chr. datiert werden. Die Produktion von Überschüssen ermöglichte auch die Ausweitung des Handels zwischen den großteils autarken neolithischen Gemeinden, was wiederum den Boden für die Ausbreitung einer regionalen Arbeitsteilung bereitete und die wechselseitige Abhängigkeit der Siedlungen in der Folge verstärkte.[49]</p>

<p>Die bedeutsamste Auswirkung des anwachsenden Mehrprodukts war die Herausbildung einer neuen gesellschaftlichen Arbeitsteilung zwischen geistiger und körperlicher Arbeit, zwischen Kopf- und Handarbeit. Die steigende Arbeitsproduktivität ermöglichte es, eine kleine Schicht in der Gesellschaft von der körperlichen Arbeit auf den Feldern zu befreien. Diese Entwicklung in der Zeit des Neolithikums schuf die Voraussetzungen für das Entstehen der ersten Klassengesellschaften in der Geschichte.</p>

<p>Rund um 7.000 v. Chr. begannen Menschen aus dem Nahen Osten in fruchtbarere Gebiete, wie Mesopotamien im heutigen Irak, zu ziehen. Dort sollten schließlich auch die ersten Staaten entstehen. Das wirft die Frage auf, welche Rolle Umweltbedingungen in der historischen Entwicklung einnehmen. Im „Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur“ ist die natürliche Umgebung freilich von großer Bedeutung. In der Urgeschichte ist ein Großteil der technologischen und sozialen Entwicklung der Menschheit als Antwort auf äußeren, umweltbedingten Druck zurückzuführen. Das ist aber nur eine Seite der Medaille, denn letztlich ist das menschliche Handeln der entscheidende Faktor.</p>

<p>Oft wird behauptet, dass die menschliche Zivilisation oder Klassengesellschaft das Produkt der fruchtbaren Böden rund um den Tigris, den Euphrat, den Nil, den Gelben Fluss oder dem Indus war. Doch die Fruchtbarkeit des Bodens in Mesopotamien wäre nicht viel mehr als ein Potential geblieben, wenn die Menschen nicht die nötigen Werkzeuge zur Kultivierung des Landes zur Verfügung gehabt hätten. Zwischen 7.000 und 6.000 v. Chr. waren große Teile von Untermesopotamien von feuchten Sumpfgebieten durchzogen und deshalb eine unwirtliche Gegend. Außerdem mangelte es in der Region an wichtigen Rohmaterialien wie Holz und später Kupfer, was Untermesopotamien schwer besiedelbar machte und weshalb der Zugang zu Fernhandelsnetzwerken umso wichtiger war. Um diese Hindernisse überwinden zu können, war eine gewisse Entwicklung der Produktivkräfte schon während des Neolithikums notwendig.</p>

<p>Die Nutzung von Bewässerungssystemen zur Steigerung der Produktivität war sowohl in Jericho als auch in Çatalhöyük schon bekannt. Um 7.000 v. Chr. erlebten diese Siedlungen einen Niedergang, aber die technologischen Errungenschaften waren nicht für alle Zeiten verloren, sondern verbreiteten sich in der Folge in der mesopotamischen Ebene. Der älteste Beweis für eine Landwirtschaft mit Bewässerungssystem konnte in Choga Mami[50] gefunden werden und datiert aus der Zeit um 6.000 v. Chr. Doch diese Siedlung und die samarranische Kultur, zu der sie zählt, wies noch alle Merkmale des frühen Neolithikums auf. Als Siedler, die wahrscheinlich aus der iranischen Hochebene stammten, diese neue Technologie in den überaus fruchtbaren Feuchtgebieten Untermesopotamiens einführten, wurde damit die Grundlage für eine radikale Veränderung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung gelegt, die schließlich im Entstehen der Klassengesellschaft gipfeln sollte.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Die urbane Revolution</h3>

<p>Die „urbane Revolution“ begann im Nahen Osten nicht mit großen neolithischen Siedlungen wie Jericho, sondern mit kleinen Dörfern, die damals zwar noch sehr bescheiden wirkten, die aber ein großes Entwicklungspotential aufwiesen. Die untersten Schichten in der Ausgrabungsstätte von Eridu im heutigen Südirak dürften aus der Zeit um 5.800 v. Chr. stammen. Was an dieser Siedlung so bemerkenswert war, sind nicht nur die Bewässerungskanäle, mit denen man Sumpfgebiete trockenlegen konnte, sondern auch der früheste Fund von „Gebäuden, die ausschließlich Kulthandlungen gewidmet waren“.[51] Diese „Kapellen“, wie sie teilweise genannt werden, waren die physische Manifestation eines epochemachenden Wandels in den sozialen Verhältnissen: dem Aufstieg des Priesterwesens. </p>

<p>Die Einführung der Bewässerungssysteme musste sich stark auf das Leben und Denken der ersten Bewohner von Eridu ausgewirkt haben, denn damit ging eine tiefreichende Veränderung in der Arbeitsorganisation einher. Das Graben von Kanälen erforderte nicht nur die Arbeit vieler Menschen, sondern setzte auch ein hohes Maß an Planung voraus. Diese Arbeiten konnten von unabhängigen Haushalten, die nur für sich arbeiteten, nicht effizient umgesetzt werden; es brauchte deshalb die Kooperation einer relativ großen Menge von Arbeitskräften unter der Anleitung einer Art Führung. </p>

<p>Marx schrieb dazu im <em>Kapital</em>: „Alle unmittelbar gesellschaftliche oder gemeinschaftliche Arbeit auf größrem Maßstab bedarf mehr oder minder einer Direktion, welche die Harmonie der individuellen Tätigkeiten vermittelt.“[52] Dass diese Rolle zunächst von Priestern eingenommen wurde, ist nicht allzu überraschend. Selbst in Jäger- und Sammlergesellschaften hatten Schamanen oder andere spirituelle Führungspersönlichkeiten oft eine relative privilegierte Stellung im Rahmen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung; dadurch war es ihnen möglich, sich mit der natürlichen Umgebung der Gemeinschaft auseinanderzusetzen, die es schrittweise zu verstehen und zu meistern galt. Jene Personen, die am meisten Einsicht in die Geheimnisse der Natur und somit das „Göttliche“ hatten, erachtete man auch als die besten Kandidaten für die Aufgabe, der Gemeinschaft die Segnungen der Gottheit zu sichern. Doch die Gottheit selbst war natürlich auch ein historisches Produkt. Der Glaube, dass allmächtige Götter existieren, die sich in die Lebensbedingungen der Menschen einmischen und deshalb verehrt werden müssen, kommt in Jäger- und Sammlergesellschaften nur sehr selten vor und dürfte vor dem Neolithikum noch völlig unbekannt gewesen sein.[53] Letztendlich war die Vorstellung von einem Gott, der die oberste Autorität darstellt, selbst schon die ideologische Widerspiegelung der Tatsache, dass eine Schicht an der Spitze der Gesellschaft nicht nur eine zunehmende Kontrolle über die Kräfte der Natur, sondern auch über andere Menschen auszuüben vermochte. </p>

<p>Diese Entwicklung war aber nicht einzig und allein auf die Bedingungen in Mesopotamien zurückzuführen. Die zentrale Aufgabe, die Nilüberschwemmungen vorherzusagen, wurde eine Domäne der ägyptischen Priester, aus der sich auch ihre Machtstellung ableitete. Bei den Mayas auf der mexikanischen Halbinsel Yukatan oblag es ebenfalls den Priestern, die Opferrituale und Zeremonien zu beaufsichtigen, mit denen man die Gunst der heiligen Cenoten (natürliche Höhlen mit Grundwasserzugang) sicherstellen wollte. Das war umso wichtiger, als diese Höhlen die einzige Frischwasserquelle in einer Region waren, in der es keine Flüsse gab. Wir können auch einen ähnlichen Prozess beim Aufstieg der Brahmanenkaste im Indien der vedischen Zeit sehen, die über Tausende von Jahren die gesellschaftliche Elite bleiben sollte. </p>

<p>Die Herausbildung einer Gesellschaftsschicht, die mit dem Mehrprodukt des Rests der Gemeinschaft erhalten wird und die die Arbeit anleitet, markiert einen Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte. Mit dieser Entwicklung geht in Mesopotamien das Neolithikum zu Ende, und wir sehen den Beginn dessen, was Gordon Childe die „urbane Revolution“ nannte. Es muss jedoch betont werden, dass Eridu um 5.800 v. Chr. mit Sicherheit noch keine Klassengesellschaft war, denn Produktion und Distribution waren im Wesentlichen noch immer kommunistisch organisiert. Die Priester konnten sich nur auf ihre natürliche Autorität in der Gemeinschaft stützen. In all den genannten Fällen spielte die „Priesterkaste“ anfangs eine Rolle, aus der die gesamte Gemeinschaft Nutzen zog. Die Priester dienten, wenn auch aus einer privilegierten Stellung heraus, der Gemeinde. Doch ab einem gewissen Punkt sollte dieser Diener zu einem Usurpator werden.</p>

<p>Die neue Arbeitsorganisation, die es in Eridu gab, beschleunigte die Entwicklung der Produktivkräfte noch weiter. Die großen Anbauflächen, die durch die Bewässerungssysteme zur Verfügung standen, erlaubten auch den effizienten Einsatz eines von Ochsen gezogenen Pfluges – ein großer Unterschied zu den bisherigen Arbeitsmethoden. Die verbesserte Wasserversorgung führte zu ersten Experimenten im Anbau von Bäumen, konkret der Dattelpalme.[54] Auf der Grundlage dieser Entwicklungen florierte die „Obed-Kultur“, benannt nach der Fundstätte in Tell el-Obed im heutigen Irak, die von 5.100 bis 4.000 v. Chr. existierte. In dieser Periode kam es zur Ausbreitung landwirtschaftlicher Siedlungen entlang der Bewässerungskanäle, wo überall derselbe, sehr hochwertige Keramikstil Verbreitung fand. Viele dieser Siedlungen gruppierten sich um eine zentrale Tempelstruktur, wie man sie auch in Eridu entdeckt hatte, doch die Tempel der Obed-Zeit waren viel bedeutsamer.  </p>

<p>Laut archäologischen Erkenntnissen ist es offensichtlich, dass das deutlich gestiegene Mehrprodukt, großteils in Form von Getreide, nicht nur zu größerem Wohlstand der ganzen Gemeinschaft beigetrug, sondern auch den gesellschaftlichen Einfluss des Leitungsorgans steigerte. Die einzelnen Priester mochten sich zu diesem Zeitpunkt noch kaum selbst Vermögen angeeignet haben, aber die Institution des Tempels kontrollierte sicherlich einen immer größeren Anteil der gesellschaftlichen Arbeit und des daraus fließenden Mehrprodukts. Das bedeutete nicht notwendigerweise einen fundamentalen Bruch mit den egalitären Normen der Vergangenheit. Aber wenn die Gemeinschaft letzten Endes dank der Güte einer beschützenden Gottheit mit neuem Land und reichen Ernten gesegnet war, wer sollte dann wohl am besten das Mehrprodukt zum Dank erhalten?</p>

<p>Die Priester verschwendeten den von Gott gegebenen Wohlstand auch nicht leichtfertig. Aus der Obed-Zeit gibt es eine Reihe von Nachweisen über das Aufkommen spezialisierter Handwerker, und am Ende dieser Periode sollte erstmals eine Schicht von Spezialisten existieren, die ihre ganze Arbeitszeit lang einen Handwerksberuf ausübten und deren Werkstätten Teil des Tempelkomplexes waren.[55] Daraus können wir ableiten, dass zwischen den Priestern und den Handwerkern eine enge Beziehung bestand, und die Handwerker im Grunde vom Tempel beschäftigt wurden und dafür im Gegenzug Keramik, Kupferartefakte und Halbedelsteine erhielten. Hier sehen wir erneut die Entwicklung neuer Produktionsbeziehungen, die im Schoß der alten herangereift waren. </p>

<p>Die Obed-Kultur verbreitete sich in weiten Teilen Mesopotamiens und darüber hinaus. Das bedeutete jedoch keinesfalls, dass zu dieser Zeit bereits etwas bestanden hätte, das man als ein vereintes „Reich“ oder einen Staat bezeichnen könnte. Es fehlen jegliche Beweise, dass die verschiedenen Siedlungen in der Region, die von der Obed-Kultur beeinflusst waren, von den ursprünglichen Obed-Siedlungen erobert oder kolonialisiert worden wären. Viel wahrscheinlicher ist, dass im Zuge der Ausdehnung eines sehr komplexen Netzwerks von Handelsbeziehungen (Keramik, Kupfer, Halbedelsteine sowie das Vulkangestein Obsidian, das zur Herstellung scharfer Klingen verwendet wurde) die Gemeinschaften auch einen engen kulturellen Austausch pflegten. Dabei dürfte der Wohlstand von Siedlungen wie Eridu andere Gemeinschaften dazu inspiriert haben, die bei den reicheren Handelspartnern üblichen Produktionstechniken nachzuahmen. Das heißt aber nicht, dass sie von diesen Handelspartnern jemals „beherrscht“ wurden. </p>

<p>Die Gesellschaft der Obed-Zeit unterscheidet sich grundlegend von den Dorfgemeinschaften des frühen Neolithikums. Dennoch ähnelte die Obed-Gesellschaft in vielerlei Hinsicht weiterhin stärker dem Urkommunismus als den späteren Klassengesellschaften. Trotz der zunehmend ungleicheren Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums und der zunehmenden Macht der Priester als Hüter des Mehrprodukts blieb die Gemeinschaft selbst unabhängig von anderen, sie war demokratisch organisiert und kannte noch keine Zwangsarbeit. Was wir in der späten Obed-Zeit sehen, kann daher als eine Art Übergangsgesellschaft charakterisiert werden, die sowohl von der urkommunistischen als auch den späteren Klassengesellschaften wichtige Elemente in sich trug. Doch aus den Verhältnissen, die sich in der Obed-Zeit entwickelten, sollte die erste Klassengesellschaft der Geschichte erwachsen, die auf der Herrschaft der Stadt über das Dorf und des Menschen über den Menschen basierte: Uruk.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Die erste Klassengesellschaft</h3>

<p>Uruk ist neben dem Alten Ägypten einer der ersten Staaten der Weltgeschichte. Die Stadt Uruk entstand aus mehreren Obed-Siedlungen um 5.000 v. Chr. Wie andere Siedlungen dieser Epoche gruppierten sie sich um relativ große Tempelkomplexe: einer war An, dem Gott des Himmels, und der andere war <em>Inanna</em>, der Göttin der Liebe, gewidmet. Über die Zeit wuchsen die Dörfer zu einer einzigen, großen Stadt zusammen, in der um 3.100 v. Chr. rund 40.000 Menschen wohnten. </p>

<p>Als Uruk immer größer wurde und damit einhergehend eine Einwohnerschaft von spezialisierten und miteinander im Austausch stehenden Handwerkern entstand, war das Ende der einstigen Autarkie und somit auch der Unabhängigkeit der Gemeinden besiegelt. Die Ausrichtung auf eine handwerkliche Produktion in den Städten und auf die Lebensmittelproduktion in den Dörfern bedeutete, dass die Bevölkerung der größeren Siedlungen nicht mehr länger ausreichend Lebensmittel für die Eigenversorgung herstellte und deshalb begann, auf das Mehrprodukt der umliegenden Dörfer zurückzugreifen.[56] Aus dieser dramatischen Verschiebung in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung erwuchs die früheste Trennung zwischen Stadt und Land, die Marx als derart zentrales Merkmal bei der Herausbildung von Klassengesellschaften erachtete, dass man sagen kann, „daß die ganze ökonomische Geschichte der Gesellschaft sich in der Bewegung dieses Gegensatzes resümiert.”[57]</p>

<p>Die Überschüsse aus der Lebensmittelproduktion der Dörfer wurden wohl als Opfergabe an die Götter, die in ihren jeweiligen Tempeln residierten, verwendet. Doch es muss dabei auch ein gewisses Element von Tauschbeziehungen gegeben haben. Die Bäuerinnen und Bauern erhielten Handwerksprodukte und Güter, zu denen sie ansonsten keinen Zugang gehabt hätten. Schließlich wurde diese Beziehung gegenseitiger Abhängigkeit, aus der beide Seiten Nutzen zogen, transformiert und nahm die Form unverblümter Ausbeutung in Form eines „Zehents“[58] an, der von der Dorfbevölkerung an die Tempel in Uruk abgeliefert werden musste, und zwar unabhängig davon, ob die Bauern im Gegenzug etwas erhielten oder nicht. Notfalls erfolgten diese Abgaben auch unter Einsatz von Gewalt. </p>

<p>Zusätzlich zum Mehrprodukt forderte die Tempelbürokratie von der Masse der Bevölkerung auch Mehrarbeit ein. In Uruk kam es so zu einem Umschlagen von Quantität in Qualität in Form der direkten Kontrolle und Ausbeutung von Arbeit nach den Vorstellungen einer eigenen Klasse, die sich über die alten Gemeindestrukturen erhob und alle Macht an sich gerissen hatte. </p>

<p>Dieser historische Wendepunkt findet seinen physischen Ausdruck in den aus dieser Epoche erhaltenen Töpferwaren. Im Gegensatz zu den meisterhaften Schüsseln und Vasen der Obed-Kultur waren die meisten Keramikartefakte aus Uruk einfache Glockentöpfe. Das war aber kein Rückschritt: Uruk war eine blühende Stadt und seine Töpfer waren damit beschäftigt, das erste Massenprodukt der Geschichte herzustellen. Indem sie standardisierte Formen verwendeten, konnten diese Handwerker in einem kurzen Zeitraum tausende dieser Schalen herstellen.</p>

<p>Doch wer benutzte diese Schalen? Die häufigste Erklärung lautet, dass darin die Essensrationen an die Arbeitskräfte verteilt wurden, die erzwungene Corvée-Arbeit verrichten mussten. Dabei handelte es sich um Bauern aus den umliegenden Dörfern, die zwangsverpflichtet wurden, bei Projekten wie dem Bau von Bewässerungskanälen oder von Stadtmauern zu arbeiten. Außerdem mussten sie eine bestimmte Zeit die Felder bestellen, die dem Tempel gehörten.[59] Die große Anzahl solcher Schalen, die in Uruk und anderen Ausgrabungsstätten aus dieser Zeit entdeckt wurden, belegen die Masse der dort eingesetzten Arbeitskräfte und das Ausmaß dieser Großprojekte. Die Arbeiter wurden aus verschiedenen Dörfern rekrutiert und bei Projekten eingesetzt, die ihnen selbst oder ihren Familien wenig bis keinen direkten Nutzen brachten. Abseits der alten gemeinschaftlichen Strukturen nahmen neue Klassenbeziehungen Form an.</p>

<p>Die Veränderungen in den Produktionsverhältnissen brachten mit der Zeit auch neue Eigentumsverhältnisse hervor. Bevor es in Uruk zu diesen Entwicklungen kam, gehörte das gesamte Land kollektiv den Familien und konnte auch nicht an andere übertragen werden. Das bedeutete, dass Grund und Boden immer im Besitz und unter der kollektiven Kontrolle der Dorfgemeinschaft blieben, die sich, ähnlich wie bei den Gentes im Homerischen Griechenland, aus mehreren größeren Gruppen von Familien zusammensetzte. Hinweise auf diese gentile Eigentumsstruktur findet man auch noch viel später in der Frühdynastischen Zeit. In „Verträgen“ zum Erwerb von Feldern wurde festgehalten, dass der Käufer an die erweiterte Familie des Verkäufers „Geschenke“ verteilen musste, bevor er deren Erlaubnis erhielt, dass ein bestimmtes Grundstück aus der kollektiven Kontrolle in privates Eigentum übertragen werden konnte.[60] Doch diese neuen Verhältnisse, die mit dem Entstehen großer Städte aufkamen, bedrohten den bisherigen Zustand.</p>

<p>Als Uruk zu einer Stadt anwuchs, wurde das Land, das den Dorfgemeinschaften gehörte, die dort vorher existiert hatten, weiter nach dem alten Familiensystem verwaltet. Doch mit der Ausweitung der Bewässerungsprojekte, die mit Corvée-Arbeit unter der Anleitung des Tempels umgesetzt wurden, wurde neues Land urbar gemacht, auf das keine alten Familien- oder Gemeindestrukturen Anspruch erheben konnten und das daher nicht unter das alte Gemeinschaftssystem fiel. Dieses neue Land wurde dem Tempel übertragen. Mit der Zeit wurden Teile dieses Landes im Eigentum des Tempels an Individuen übertragen, die sich durch besondere Dienste gegenüber der Stadt verdient gemacht hatten. Diese Personen gehörten natürlich zur herrschenden Elite. Diese Übertragungen waren aber nur von temporärem Charakter und konnten auch wieder rückgängig gemacht werden; es war damit kein absoluter Eigentumsanspruch verbunden. Nichtsdestotrotz hatte dies den Effekt, dass eine Form des individuellen Eigentums über Grund und Boden geschaffen wurde, das unabhängig von dem der Dorfgemeinschaften bestand. </p>

<p>Die Auflösung der alten Gemeinschaftsordnung kann auch in der Stadt Uruk selbst nachvollzogen werden. Die Bürger von Uruk profitierten nicht alle im selben Ausmaß von dem Mehrprodukt, das den Dörfern entzogen wurde. Der Tempel übte die exklusive Kontrolle über das Mehrprodukt aus und eignete sich einen immer größeren Anteil davon selbst an. Was nicht unmittelbar von der Tempelbürokratie konsumiert wurde, wurde unter ihrer Kontrolle gelagert, verteilt oder gehandelt. Auf der anderen Seite hatte die Auflösung des Familiensystems eine Unterschicht hervorgebracht, die über keine Mittel verfügte. Der zunehmende Druck, der auf den Dörfern lastete, zwang jene Bauern, die ihren Verpflichtungen nicht nachkommen konnten, in die Verschuldung. Wer seine Schulden nicht begleichen konnte, konnte gemeinsam mit seiner Frau und seinen Kindern vom Gläubiger versklavt werden. Aus der Spätphase Uruks gibt es auch Beweise für die Beschäftigung von Witwen und Waisen in einer Art von Sklavenarbeit zur Herstellung von Textilien. Sie arbeiteten in Werkstätten, die dem Tempel gehörten.[61] Die in diesen Werkstätten hergestellten Produkte wurden in der Folge gehandelt. Diese Handelsbeziehungen reichten oft über sehr lange Distanzen und hatten den Zweck, an begehrte Güter wie Kupfer oder Obsidian zu kommen. </p>

<p>Dieses neue Produkt der „Zivilisation“ gibt uns auch einen Hinweis auf die sich verschlechterte Stellung der Frauen in Uruk in dieser Phase. In der Stadt übten nur Männer die Tätigkeit als Handwerker und Priester aus, ihnen wurde somit auch das Land übertragen. Auf dem Land war der Getreideanbau, zu dem ein von einem Ochsen gezogener Pflug verwendet wurde, ebenfalls eine männliche Domäne geworden. Nachdem dieser Teil der gesellschaftlichen Arbeitsteilung immer mehr an Bedeutung gewann, erlangten auch die Männer in der Gesellschaft eine immer dominantere Stellung. </p>

<p>Hatte die Frau einst die Stellung einer gleichwertigen Produzentin innerhalb der Familie inne, so wurde sie in der Folge „entwürdigt, geknechtet, Sklavin seiner Lust und bloßes Werkzeug der Kinderzeugung“[62], wie es Friedrich Engels beschrieb. Das wurde auch von den Sumerern selbst so anerkannt, wie wir im Gilgamesch-Epos lesen können, wenn der Jäger von Schamkat, „der Hure“, fordert: „Dein Gewand entbreite, daß auf dir er sich bette,Schaff ihm, dem Wildmenschen, das Werk des Weibes!“[63] Mit dem Aufkommen der Vererbung in männlicher Linie gerieten Frauen völlig in Abhängigkeit von ihren Männern oder männlichen Verwandten. Wenn ihr Mann starb, war die Witwe gezwungen in einer Werkstatt des Tempels zu arbeiten, um überleben zu können oder die „Arbeit der Frau“ im Heim zu verrichten, um so den Wohlstand der herrschenden Klasse zu vermehren. Nicht zufällig merkte Engels an: „Der erste Klassengegensatz, der in der Geschichte auftritt, fällt zusammen mit der Entwicklung des Antagonismus von Mann und Weib in der Einzelehe, und die erste Klassenunterdrückung mit der des weiblichen Geschlechts durch das männliche.“[64]</p>

<p>Wenn wir auf diesen Prozess des Entstehens einer Klassengesellschaft in Uruk zurückblicken, ist es nur schwer vorstellbar, dass dieser gigantische Umsturz einfach so hingenommen wurde. Doch er konnte auch nicht allein mit den Mitteln der Gewalt durchgesetzt werden. Trotzki schrieb dazu: „Die historische Rechtfertigung für jede herrschende Klasse bestand darin, dass das Ausbeutungssystem, an deren Spitze sie stand, die Entwicklung der Produktivkräfte auf eine neue Stufe hob.“[65] Auf der Grundlage dieser Entwicklung stiegen der Lebensstandard und das kulturelle Niveau einer signifikanten Schicht in der Bevölkerung, speziell in den Städten. Diese Entwicklung lässt sich am Aufkommen der Schrift und des Geldes ablesen, zwei der wichtigsten Innovationen der Menschheitsgeschichte.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Schrift und Geld</h3>

<p>Die Entwicklung des Geldes, der Schrift und der Klassengesellschaft dürfte eng miteinander verwoben gewesen sein. Die Schrift entwickelte sich mehr oder weniger gleichzeitig in Mesopotamien und in Ägypten, doch aus Gründen der Einfachheit fokussieren wir uns in diesem Text auf Mesopotamien. Symbole auf Tontafeln, die als Token bezeichnet werden, dürften im Gebiet des heutigen Iran bereits 4.000 v. Chr. Anwendung gefunden haben. Wer drei Schafe verzeichnen wollte, nahm drei „Schaf“-Token und band sie mit einer Schnur zusammen. Mit der Zeit, als die Herden größer wurden, erfand man Symbole, die verschieden große Mengen an Viehbestand repräsentierten. Diese Tokens wurden dann oft in eine Tonhülle, die als bulla bezeichnet wurde, eingeschlossen und dann in einem Backofen gebrannt.[66] Auf piktographischen Tafeln, die man in Ausgrabungsstätten wie Tell Brak in Syrien fand, sieht man Bilder von Tieren neben Zahlen, was zeigt, dass sich die Verwendung von Symbolen schon vor dem Auftreten eines Schriftsystems entwickeln konnte. </p>

<p>In Uruk entwickelte sich, gestützt auf die Piktogramme der vorangegangenen Periode, ein Schriftsystem, das es den Beamten im Tempel erlaubte, das ökonomische Leben zu organisieren. Um 3.200 v. Chr. dürfte diese Keilschrift (benannt nach der keilartigen Form der Schriftzeichen) entstanden sein. Die uns bekannten Keilschrifttafeln aus Uruk dienten zu 85% der Aufzeichnung wirtschaftlicher und sonstiger administrativer Belange. Ein so außerordentlich komplexes Schriftsystem, wie jenes der Keilschrift, setzt die Existenz einer Schicht in der Gesellschaft voraus, die die Zeit hatte, lesen und schreiben zu lernen: die Schriftgelehrten. Da sie über ein besonderes Wissen verfügten, nahmen sie sowohl in Mesopotamien als auch in Ägypten im Rahmen der herrschenden Klassen eine sehr wichtige Stellung ein. Wie es in der Lehre des Cheti im alten Ägypten zu lesen steht: „Du siehst: Es gibt keinen Beruf ohne Chef. Mit Ausnahme des Schreibers – der ist selbst Chef!“[67]</p>

<p>Auch wenn die Schrift als Verwaltungshilfsmittel aus einer ökonomischen Notwendigkeit heraus entstand, kam sie in der Folge auch auf vielen anderen Gebieten zum Einsatz. Die Keilschrift wurde über Tausende von Jahren in ganz Mesopotamien verwendet. Schließlich wurden auch die ersten Werke der Literatur und der Dichtkunst, wie das berühmte Gilgamesch-Epos, oder die Hurritischen Hymnen (wie die Hymne an Nikkal), die ältesten heute noch bekannten Lieder, oder der Codex Hammurapi alle in Keilschrift verfasst. In diesem Sinne trägt jeder Poet den „Scherbenhaufen“ eines Buchhalters in sich. </p>

<p>So wie das Wachstum des Mehrprodukts und die zunehmende Macht der Tempelbürokratie ein gesellschaftliches Bedürfnis nach schriftlicher Kommunikation und Informationsweitergabe geschaffen haben, so machte auch die verstärkte Spezialisierung und die damit einhergehende wechselseitige Abhängigkeit innerhalb der Gesellschaft einen konstanten Austausch von immer mehr Produkten notwendig. In Uruk erfolgte dieser Austausch großteils über den Tempel. Ein Töpfer, der Glockentöpfe herstellte, konnte zum Beispiel davon ausgehen, dass er vom Tempel dafür eine ausreichend große Ration Gerste bekam, die als eine Art Zehent in den Dörfern eingehoben wurde. </p>

<p>Was das Ausmaß und die Komplexität der über den Tempel laufenden Distribution anlangt, so ging dies weit über die Tauschbeziehungen in der neolithischen Periode hinaus. Deshalb benötigte man auch ein objektiveres System an Maßeinheiten. Silbergewichte wurden in <em>Gran</em>, <em>Schekel</em>, <em>Mine</em> und <em>Talent</em> gemessen. Aus diesem System entstanden dann Zähleinheiten, womit die Tempelbeamten den Wert der verschiedenen Waren miteinander vergleichen konnten, was wiederum die früheste und grundlegendste Stufe in der Entwicklung des Geldes – „als allgemeines Maß der Werte“[68] – darstellt. Diese Funktion übernahmen anfangs die Volumina von Gerste und die Gewichte wertvoller Metalle: 300 Liter Gerste entsprachen einem Schekel Silber. Diese frühen Formen von Geld zirkulierten gewiss nicht in Form von Münzen in der Bevölkerung. In der Tat wurde im Tempel mit Gerste und Silber der Wert von Produkten bestimmt. Aber wie die Schrift sollte auch das Geld nicht für immer und ewig den Tempelbürokraten vorbehalten sein. Es war dazu prädestiniert, in der Geschichte der Zivilisation eine größere Rolle einzunehmen.</p>

<p>Das Zeitmaß wurde mit dem Sexagesimalsystem ebenfalls standardisiert, mit dem man erstaunlicherweise die Länge des Jahres mit 12 Monaten bzw. 360 Tagen festsetzte. Auf dieses System lässt sich auch zurückführen, dass unsere Stunden 60 Minuten haben. Gleichermaßen wurden standardisierte Längenmaße eingeführt, um die Planung der Bewässerungskanäle und Felderbewirtschaftung zu unterstützen. All diese Innovationen, die, wie schon Aristoteles bemerkte, erst durch die Freistellung der Priester und Schriftgelehrten von der Handarbeit möglich wurden, beflügelten das wissenschaftliche Denken in unvorstellbarem Ausmaß und führten zur Entwicklung der Astronomie und der Mathematik. </p>

<h3 class="wp-block-heading">Das Entstehen des Staates</h3>

<p>Für die Zeit um 3.100 v. Chr. gibt es ausreichend Beweise für die Existenz einer Klasse von Priestern und Schriftgelehrten, deren Machtzentrum der Tempel war. Sie übten die ausschließliche Kontrolle über die Produktion und Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums aus und begannen für sich selbst privaten Reichtum zu sichern, den sie auch vererben konnten. Wir können auch sehen, dass sich diese Klasse ihrer Stellung selbst bewusst wurde, und zwar in dem Sinne, dass sie sich als eine Gruppe verstand, die sich über den Rest der Gesellschaft erhoben hatte und die eine Herrschaftsideologie propagierte, die ihre sozialen Interessen widerspiegelte.   </p>

<p>Ein weiteres Merkmal des Aufkommens einer neuen herrschenden Klasse in Uruk war der Aufstieg erster „Priesterkönige“, denen Statuen gewidmet wurden und die auf Tonsiegeln dieser Periode abgebildet wurden. Es gibt jedoch keine historisch belegbaren Akten, die mit diesen anonymen Herrschern zuverlässig assoziiert werden können. Selbst die Bezeichnung „Priesterkönig“ ist nicht ganz zutreffend, da der früheste Titel, der für den Herrscher von Uruk nachgewiesen werden konnte, <em>En</em> lautet, was ganz einfach „hoher Priester“ bedeutet. Ob diese Könige wirklich als Staatsoberhaupt im vollen Sinne des Wortes angesehen werden können, ist in Fachkreisen noch umstritten. Wir können aber sicher sein, dass das Auftreten dieser „Priesterkönige“ eine weitere qualitative Verschiebung im Auflösungsprozess der alten gemeinschaftlichen Sozialordnung war und den Anfang einer neuen Form politischer Ordnung markierte.</p>

<p>Mit der deutlichen Zunahme an Überschüssen aus der Landwirtschaft und deren Konzentration in den Tempeln wurde es für Städte wie Uruk zunehmend wichtiger, Stadtmauern zu errichten und eine Art militärische Verteidigung zu organisieren, um Überfälle von nomadischen Hirtenstämmen oder rivalisierenden Städten abwehren zu können. Diese militärische Organisation machte auch eine Kommandostruktur erforderlich. Tonsiegel aus jener Zeit lassen vermuten, dass die Priesterkönige von Uruk und die späteren sumerischen Herrscher diese Rolle einnahmen.[69]</p>

<p>Unter dem König stand in der Hierarchie der <em>unkin</em>, eine Versammlung von Vertretern der Gemeinschaft, die aber keine einfache Fortsetzung der alten Gemeindeorganisation war. Die alten Dorfversammlungen hatten einst Entscheidungsbefugnisse, um Konflikte innerhalb der Familien des Dorfes schlichten zu können. Im Gegensatz dazu beanspruchte der aufkommende Staat, oder Proto-Staat, die absolute Autorität nicht nur über die Stadt, in der der Priesterkönig residierte, sondern auch über die umliegenden Gebiete. Die Versammlung konnte ihn beraten, wie die „Ältesten“ im Gilgamesch-Epos, die den ungestümen König vor einem Kampf mit dem Riesen Chumbaba warnten.[70] Doch schlussendlich unterstand der Priesterkönig nur dem Gott, der die Stadt beschützte, und in Wirklichkeit der herrschenden Klasse, in deren Interesse er regierte. </p>

<p>Nicht lange nach dem Aufstieg der Priesterkönige durchlebte Uruk eine Periode von Krisen, die auch zum Niedergang dieser „ersten Urbanisierung“ führte. Nach 3.100 v. Chr. ist nicht nur ein bedeutsamer Abstieg der Uruk-Kultur erkennbar,[71] sondern der kontinuierliche Niedergang bis zum völligen Verschwinden anderer Städte in der Region, die mehr oder weniger zeitgleich mit Uruk entstanden waren. So fand man in der Ausgrabungsstätte von Arslantepe, im Norden Mesopotamiens, Beweise, dass der Tempelkomplex der Stadt durch ein Feuer zerstört und nie mehr wiederaufgebaut wurde.[72]</p>

<p>Die Quellen sind jedoch zu rar, um die Gründe dieses weitverbreiteten Zusammenbruchs definitiv klären zu können. Ein möglicher Faktor könnte eine Dürreperiode gewesen sein. Vielleicht war die Bewirtschaftung der Felder zu intensiv und stieß an ihre Grenzen. Es können aber auch andere soziale Faktoren eine wichtige, wenngleich nicht entscheidende Rolle in diesem Niedergangsprozess gespielt haben. Wie man über die gesamte Geschichte der Klassengesellschaften, einschließlich unserer Periode, beobachten kann, versucht die herrschende Klasse stets die Lasten einer Krise auf die Schultern der Arbeitenden abzuwälzen. Wenn die Produktion ausgeweitet werden konnte, war es auch durchaus möglich, die neuen Klassenwidersprüche in der Gesellschaft bis zu einem gewissen Grad zu verschleiern, doch mit dem Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion, so können wir annehmen, wurde wahrscheinlich der Interessenskonflikt zwischen der Dorfbevölkerung und der herrschenden Klasse in den Städten deutlich sichtbar.</p>

<p>Mario Liverani behauptet in seinem Buch <em>The Ancient Near East</em>, dass die Zerstörung des Tempels von Arslantepe durch einen Brand auf eine gewaltsame Auseinandersetzung hindeuten würde. Was man mit ziemlicher Gewissheit sagen kann, ist, dass an der Stelle des Tempels nur einige wenige einfache Haushalte errichtet wurden und keine zentralisierte Tempelstruktur mehr entstand. Es ist durchaus im Rahmen des Möglichen, dass ein ähnlicher Kampf auf dem Territorium von Uruk ausgebrochen war, indem Dörfer den Forderungen des Tempels nach einer Steigerung des Mehrprodukts nicht länger nachkommen wollten und versuchten, sich aus dieser Herrschaft zu befreien.</p>

<p>Infolge der Krise Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. taucht eine völlig neue architektonische Struktur auf: der Palast. Uruk und ähnliche Siedlungen hatten in ihrem Zentrum einen Tempelkomplex, wo das gesamte Mehrprodukt gelagert und verwaltet wurde. Spätere Siedlungen wie Jemdet Nasr verfügten sowohl über einen Tempel- wie auch einen Palastkomplex, mit Lagerhallen und Werkstätten ähnlich den Tempeln der Uruk-Periode.[73] Der Palast, genannt <em>e-gal</em> (was so viel bedeutet wie „großes Gebäude“), diente also als wirtschaftliches und administratives Zentrum und war die Residenz des <em>lugal</em> („großer Mann“). Von diesem Zeitpunkt an ist die Existenz des Staates im eigentlichen Wortsinn unumstritten.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Die Rolle der Gewalt</h3>

<p>Die Krise, die Uruk durchlebte, und der völlige Niedergang anderer Orte wie Arslantepe lassen darauf schließen, dass die Priester trotz ihrer beachtlichen ideologischen Macht doch nicht über die nötigen Mittel zur Ausübung offener Gewalt gegen die arbeitende Bevölkerung verfügten. Die ersten Armeen existierten im Wesentlichen noch in Form der bewaffneten Bevölkerung, die zum Militärdienst herangezogen wurde. Wenn das Volk selbst aufbegehrte, hatten die Priester kaum bewaffnete Kräfte, auf die sie sich stützen konnten. Um die neuen Klassenverhältnisse abzusichern, war eine permanente Kraft von hauptberuflichen Soldaten[74] vonnöten, die vom Rest der Bevölkerung weitgehend abgesondert waren. Diese Kraft sollte die Stadt nicht nur gegen äußere Feinde beschützen, sondern auch die herrschende Klasse vor den unterdrückten Massen verteidigen. Aus diesen „besonderen Formationen bewaffneter Menschen“ sollte der Staat entstehen, an dessen Spitze ein „großer Mann“ stand. Wie schon Engels darlegte:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p><em>„Der Staat ist also keineswegs eine der Gesellschaft von außen aufgezwungne Macht; ebensowenig ist er ‚die Wirklichkeit der sittlichen Idee‘, ‚das Bild und die Wirklichkeit der Vernunft‘ (…) Er ist vielmehr ein Produkt der Gesellschaft auf bestimmter Entwicklungsstufe; er ist das Eingeständnis, daß diese Gesellschaft sich in einen unlösbaren Widerspruch mit sich selbst verwickelt, sich in unversöhnliche Gegensätze gespalten hat, die zu bannen sie ohnmächtig ist. Damit aber diese Gegensätze, Klassen mit widerstreitenden ökonomischen Interessen nicht sich und die Gesellschaft in fruchtlosem Kampf verzehren, ist eine scheinbar über der Gesellschaft stehende Macht nötig geworden, die den Konflikt dämpfen, innerhalb der Schranken der ‚Ordnung‘ halten soll; und diese, aus der Gesellschaft hervorgegangne, aber sich über sie stellende, sich ihr mehr und mehr entfremdende Macht ist der Staat.“[75]</em></p>
</blockquote>

<p>Im Gegensatz zu dieser Auffassung behaupteten anarchistische Theoretiker, der Staat sei die Wurzel allen Übels und dass Klassenunterdrückung, Ungleichheit und Geld erst auf der Grundlage der organisierten Gewalt von Herrschern und Staaten entstehen konnten. David Graeber zum Beispiel behauptet, dass „die Ursprünge des Geldes bei Verbrechen und Vergeltung zu finden sind, bei Krieg und Sklaverei, Ehre, Schuld und Sühne“.[76] Doch diese These steht im deutlichen Widerspruch zu den archäologischen Erkenntnissen, die eher für die Position von Engels sprechen.</p>

<p>Wo der Anarchismus in Bezug auf den Staat durchaus richtig liegt, ist die Betonung der absoluten Wechselbeziehung von Staat und Klassengesellschaft. Die Geschichte von Uruk zeigt, dass keine Klassengesellschaft dauerhaft überleben kann, wenn es nicht einen Staat gibt, der die herrschende Klasse beschützt und in der Gesellschaft eine regulierende Funktion einnimmt. Wenn wir Klassenausbeutung jedoch als Produkt des Staates interpretieren, dann würden wir das Pferd von hinten aufzäumen. Solange wir nicht den Staat mit jeglicher Form von Gewalt und Kontrolle gleichsetzen, und so den Staatsbegriff verewigen und bedeutungslos machen, dann ist aus der Erforschung der ersten Staaten offensichtlich, dass sich die Klassengesellschaft zu dem Zeitpunkt, als die ersten echten Könige und ein erster Staatsapparat aufkamen, bereits in einem Entstehungsprozess befand.</p>

<p>Dass der Aufstieg der Klassengesellschaft überall die gewaltsame Schaffung eines Staates erforderte, spiegelt nur die Tatsache wider, dass die endgültige Auflösung der alten gemeinschaftlichen Verhältnisse, die sich über Jahrtausende anbahnte, nicht auf friedlichem und graduellem Wege vor sich ging. Ein viel zu großer Teil der Gesellschaft hatte Interessen, die unmittelbar mit den neuen Ausbeutungsverhältnissen in Konflikt standen. Gleichzeitig gab es offensichtlich sehr einflussreiche Sektoren in der Gesellschaft, die von der neuen Ordnung sehr profitierten. Daraus erwuchs ein Konflikt, der an einem entscheidenden Punkt die Gesellschaft in zwei gegensätzliche Lager spaltete und der letztlich nur mit den Mitteln der Gewalt gelöst werden konnte: </p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p>„Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht. Sie selbst ist eine ökonomische Potenz.“[77]</p>
</blockquote>

<h3 class="wp-block-heading">Kombinierte und ungleiche Entwicklung</h3>

<p>Die Staatsgründung in Mesopotamien liefert uns ein beeindruckendes Beispiel, wie die Klassengesellschaft aus der gemeinschaftlichen Gesellschaft des Neolithikums entstehen konnte. Gordon Childe erarbeitete eine Liste von wichtigen „Merkmalen“, die er bei diesen frühen Klassengesellschaften entdeckte. Dazu zählten „spezialisierte Handwerker, Transportarbeiter, Kaufleute, Beamte und Priester“, die Aneignung des Mehrprodukts, die Schrift sowie „eine staatliche Organisation basierend auf dem Wohnort und weniger auf Verwandtschaftsverhältnissen.“[78]</p>

<p>Die Kritiker von Childe haben diese wertvolle Beschreibung von einem der wichtigsten Prozesse der Menschheitsgeschichte zu einer Art „Rezept“ für die Gründung von Staaten verabsolutiert. In dieser Darstellung wird der Staat gleichgesetzt mit einer Gesellschaft, in der es Städte sowie die anderen hier angeführten Merkmale gibt. Marxisten verstehen, dass Gesellschaften, in denen es einen Staat gibt, nicht auf eine derartige Liste von Merkmalen reduziert werden können. Es gibt Zivilisationen, wie die Inka, die keine Schrift entwickelten; und in anderen, wie dem Alten Ägypten spielten Städte bei weitem nicht so eine große wirtschaftliche Rolle wie in Mesopotamien. Anstatt Gesellschaften allein auf der Grundlage von oberflächlichen Erscheinungen empirisch, taxonomisch zu klassifizieren, ist es notwendig, ihren Ursprung, ihre Entwicklung und ihr Verhältnis zu anderen Gesellschaften der damaligen Zeit genauer zu betrachten.</p>

<p>Im <em>Kapital</em> schreibt Marx ausführlich über die Entwicklung des Kapitalismus in England, wo dieser seine „klassische Form“[79] besaß, andere Länder sind ihm jedoch nur beiläufige Erwähnungen wert. Gleichzeitig behauptete er an keiner Stelle, dass der Prozess, wie er in England vor sich gegangen war, der einzig mögliche Weg sei, wie sich eine kapitalistische Gesellschaft entwickeln könnte. Die Elemente, die England zum klassischen Land der kapitalistischen Entwicklung machten, trugen auch dazu bei, dass England eine Sonderstellung einnehmen konnte. Die Tatsache, dass England das erste Land war, in dem sich aus der Entwicklung des Feudalismus eine kapitalistische Ökonomie formierte, bedeutete, dass sich der Prozess über Hunderte von Jahren zog und viele Übergangsformen annahm. Das erlaubte eine sehr genaue Erforschung des zugrunde liegenden, generellen Prozesses, der sich nicht nur in England, sondern in vielen Ländern vollzog. Das bedeutet aber umgekehrt nicht, dass jedes Land dieselbe Stufe einer auf den Markt ausgerichteten Wollproduktion, gefolgt von Manufakturen und schlussendlich dem Fabriksystem durchlaufen musste, um eine kapitalistische Produktionsweise zu entwickeln. </p>

<p>Dasselbe kann über die sogenannten „ursprünglichen“ Staaten in Sumer, Ägypten und China gesagt werden. Diese frühen Klassengesellschaften waren alles andere als „ursprünglich“, sondern äußerst widersprüchlich und trugen noch den Stempel früherer, kommunistischer Verhältnisse. Jene, die zu späterem Zeitpunkt und bereits unter dem Einfluss dieser Zivilisationen entstanden, durchliefen eine viel schnellere Entwicklung und ohne viel von dem urgeschichtlichen Erbe, das in Uruk noch vorzufinden war. Die sumerischen Stadtstaaten wie Ur, die sich später entwickelten, konnten Stufen in der Entwicklung ihrer Vorgänger überspringen. Das Privileg als erste Gesellschaft eine gewisse Entwicklung durch zu machen, wird schnell vom „Privileg der Rückständigkeit“ abgelöst werden, wobei ökonomisch rückständigere Gesellschaften sich schneller und planmäßiger entwickeln können, in dem sie sich auf die Errungenschaften der bereits fortgeschritteneren Konkurrenten stützen. Dieses Phänomen kommt im Laufe der Menschheitsgeschichte immer wieder vor, so auch in der Entwicklung des Kapitalismus.</p>

<p>Einen ähnlichen Prozess beschreibt Engels in seinem Buch <em>Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates</em>. Darin erklärt er, dass die Ursprünge des Staates im antiken Athen bis zu den massiven sozialen Unruhen zurückverfolgt werden können, die ihre Ursache in der „zersetzenden“ Wirkung von Privateigentum, Sklaven- und Geldwirtschaft hatten. Unter diesen Bedingungen setzte sich die Klassengesellschaft in Athen nicht nur viel schneller durch als in Uruk, sondern nahm auch eine ganz andere Form an. So gab es keine zentralisierte Tempelbürokratie und auch kein Steuersystem als vorrangiges Mittel zur Aneignung des Mehrprodukts. Athen war eine Gesellschaft, die sich auf eine qualitativ andere Produktionsweise stützte, weil das Privateigentum und damit einhergehend die Sklavenwirtschaft ein anderes Ausmaß erreicht hatten. Der Grund, warum das so war, liegt darin begründet, dass sich Athen erst später, auf der Grundlage der Eisenproduktion und nicht der Technologie der Bronzezeit, und – verglichen mit Sumer und Ägypten – unter anderen Umweltbedingungen entwickelt hatte. </p>

<p>Marxisten werden oft dafür kritisiert, bei der Analyse des Entstehens von Klassengesellschaften eine sehr rigide Schablone zu verwenden. Wenn wir aber die marxistische Methode ordentlich anwenden, zeigt sich sehr rasch, dass das Gegenteil der Fall ist. Wir könnten sogar sagen, dass es zu den ehernen Gesetzen des historischen Materialismus gehört, dass die ständige Interaktion zwischen Gesellschaften, die sich auf verschiedenen Entwicklungsstufen befinden, notwendigerweise Sprünge und sehr vielfältige Formen der sozialen Entwicklung hervorbringt. Leo Trotzki verwendete in Bezug auf dieses Phänomen den Begriff der „kombinierten und ungleichen Entwicklung“.</p>

<p>Was auch immer die Unterschiede zwischen Mesopotamien und Ägypten, zwischen dem Maurya-Reich und den Maya, oder zwischen Griechenland und Rom gewesen sein mögen, der Prozess, der der Herausbildung dieser Staaten zugrunde lag, war stets derselbe. In all diesen Fällen führte die notwendige Entwicklung der Produktivkräfte zur Erzeugung eines gesellschaftlichen Mehrprodukts, das es einer Gruppe von Menschen ermöglichte, von der Arbeit anderer Menschen zu leben. Diese Gruppen entwickelten sich in der Folge zu einer eigenen Klasse mit eigenen Interessen; entweder aufgrund von äußerem Druck oder aufgrund der inneren Widersprüche dieser neuen Klassengesellschaften (gewöhnlich wird beides der Fall gewesen sein), erhob sich früher oder später ein Staat, der die Interessen der herrschenden Klasse repräsentierte, über den Rest der Gesellschaft und nahm die Rolle eines Hüters der „Ordnung“ ein – sprich der Stabilität und der bestehenden Produktionsverhältnisse. Dieser Prozess konnte unterschiedlichste Formen annehmen und sich in gewissen Fällen über Tausende von Jahren erstrecken, in anderen Fällen vollzog er sich viel schneller. Doch die wichtigste Lehre aus der Geschichte ist, dass die Herausbildung des Staates grundsätzlich von der Entwicklung sozialer Klassen und den sich daraus ergebenden Klassenwidersprüchen hervorgerufen wurde. </p>

<h3 class="wp-block-heading">Die Rolle des Individuums</h3>

<p>Das soll nicht heißen, dass sich der Staat und Klassen in jeder Gemeinschaft, die ein gewisses ökonomisches Niveau erreicht hatte, automatisch entwickeln musste. Ein solcher Prozess konnte unterbrochen werden, sich wieder verlangsamen oder unter dem Eindruck bestimmter historischer Ereignisse, speziell im Zuge von Klassenkämpfen in den besagten Gesellschaften, auch wieder rückgängig gemacht werden. Marx erklärte dazu in <em>Die Heilige Familie</em>: </p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p><em>„Die Geschichte tut nichts, sie ‚besitzt keinen ungeheuren Reichtum‘, sie ‚kämpft keine Kämpfe‘! Es ist vielmehr der Mensch, der wirkliche, lebendige Mensch, der das alles tut, besitzt und kämpft; es ist nicht etwa die ‚Geschichte‘, die den Menschen zum Mittel braucht, um ihre – als ob sie eine aparte Person wäre – Zwecke durchzuarbeiten, sondern sie ist nichts als die Tätigkeit des seine Zwecke verfolgenden Menschen.“[80]</em></p>
</blockquote>

<p>Individuen konnten im Prozess der Herausbildung der frühen Staaten eine sehr entscheidende Rolle spielen, wie dies auch im modernen Klassenkampf der Fall ist. In der Archäologie ist ein Konzept sehr populär, wonach der Übergang vom Häuptlingstum zu einem Staat mit einem Herrscher an der Spitze auf die Rolle „großer Männer“ zurückzuführen ist. Die Motivation dieser „großen Männer“ sei die Steigerung ihrer eigenen persönlichen Macht gewesen. Dieses Geschichtsbild präsentiert die Taten großer Einzelpersonen als einen unabhängigen, zentralen Faktor in der Menschheitsgeschichte. Auf der Grundlage einer materialistischen Herangehensweise an die Gründung von Staaten ist es jedoch möglich, diesen „großen Männern“ den ihnen gebührenden Platz zuzuweisen. Am Beispiel der ägyptischen Staatsgründung wird das sehr deutlich, weil wir viele Funde haben, die Rückschlüsse auf aufwändige Begräbnisrituale und die Bestattung von Königen ermöglichen.</p>

<p>Anhand von Darstellungen von Narmer, dem Pharao, der Ober- und Unterägypten vereinte, können wir sehen, dass der Staatsgründungsprozess in Ägypten alles andere als automatisch erfolgte. Die Narmer-Palette, eine der ersten uns bekannten Abbildungen eines Königs in der Menschheitsgeschichte, zeigt Narmer mit der Krone Oberägyptens, wie er mit einer Keule in der Hand einen Mann aus Unterägypten zur Aufgabe zwingt.  Die frühdynastischen Könige bekamen keinen fixfertigen Staat vererbt, sondern mussten diesen mittels Gewalt erst errichten.</p>

<p>Wäre Narmer ein inkompetenter, feiger Anführer gewesen, dann hätte die Gründung des ägyptischen Staates gewiss andere Formen angenommen. In diesem Sinne sind die Persönlichkeit und die Taten von Individuen sogar von entscheidender Bedeutung: Wie sich historische Ereignisse abspielen, hängt immer von den handelnden Menschen ab. Ehrgeizige, charismatische Individuen gab es zu jedem Zeitpunkt der Geschichte. Die Frage, die wir jedoch beantworten müssen, wenn wir den Staatsgründungsprozess erklären wollen, ist, warum diese Individuen ausgerechnet an diesem konkreten Punkt der Geschichte ihre Ziele auf so geschichtsmächtige Art und Weise erreichen konnten. </p>

<p>Individuen wie Narmer in Ägypten, König Jaguar bei den Zapoteken oder die <em>lugals</em> in Sumer mögen aus Eigeninteresse gehandelt haben, doch sie reflektierten auch die historische Notwendigkeit, die sich aus den Widersprüchen der jeweiligen Klassengesellschaft ergab. In den Worten Plechanows: </p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p><em>„Ein großer Mann ist nicht dadurch groß, daß seine persönlichen Besonderheiten den großen geschichtlichen Geschehnissen ein individuelles Gepräge verleihen, sondern dadurch. daß er Besonderheiten besitzt, die ihn am fähigsten machen, den großen gesellschaftlichen Bedürfnissen seiner Zeit zu dienen, die unter dem Einfluß der allgemeinen und besonderen Ursachen entstanden sind.“[81]</em></p>
</blockquote>

<p>Wie die Erbauer des Tempels in Göbekli Tepe und die neolithischen Siedler, die die Sumpfgebiete von Sumer trockenlegten, so waren auch die ersten „großen Männer“ Individuen, die mit ihren Taten und Fähigkeiten Geschichte schrieben. Das erreichten sie aber nicht allein kraft ihres Willens. Ihre Vision von der Zukunft knüpfte an die Bedingungen an, die durch andere materielle Faktoren geschaffen worden waren und die stärker sind als der Wille einzelner Menschen.  </p>

<p>In den Anfängen der Klassengesellschaft gehört die Überwindung der Dorfgemeinde und die Gründung von Staaten zu den „großen gesellschaftlichen Bedürfnissen“ jener Zeit. Es brauchte eine Lösung der Krise, die in der Gesellschaft Wirkung entfaltete, und der Staat schien diese Lösung zu bieten. Das Handeln von Führungspersönlichkeiten vom Schlage eines Narmer spielte dabei eine wichtige Rolle. Viele Historiker und Archäologen machen aber den Fehler, dass sie nicht den Zusammenhang zwischen der Rolle des Individuums und dem Faktor geschichtlicher Notwendigkeit erkennen, obwohl in allen historischen Ereignissen beides zusammenspielt. In der Realität kommt genau durch den Konflikt unzähliger individueller Willenskundgebungen die historische Notwendigkeit zur Geltung. </p>

<h3 class="wp-block-heading">In Verteidigung historischen Fortschritts</h3>

<p>Angesichts der harten Lebensbedingungen, denen neolithische Bauern ausgesetzt waren, und der Ausbeutung, die so viele ihrer Nachkommen in den frühen Klassengesellschaften erleiden mussten, wird oft bezweifelt, ob es legitim ist, diese Entwicklung überhaupt als „Fortschritt“ zu beschreiben. Mit Gewissheit können wir sagen, dass der liberale Mythos von einem aufgeklärten „Gesellschaftsvertrag“, in dessen Rahmen die gesamte Menschheit in Frieden und Wohlstand lebte, offenkundig falsch ist. Das Leben eines sumerischen Bauern war wahrscheinlich genauso „armselig, ekelhaft, tierisch und kurz“ wie das seiner neolithischen Vorfahren. Fortschritt kann auch nicht als eine Art moralischer Überlegenheit gegenüber vorangegangenen historischen Epochen aufgefasst werden, wenn man die Versklavung der Frau berücksichtigt. Das einzige Konzept von Fortschritt, das stimmig ist, liefert eine Analyse der Entwicklung der Produktivkräfte: die Beherrschung der Naturkräfte durch den Menschen und die Kontrolle des Menschen über seine eigene gesellschaftliche Entwicklung.</p>

<p>Wenn wir unter Fortschritt eine Verbesserung in allen Lebensbereichen für alle Menschen verstehen, dann wird es uns schwerfallen, ausgehend von der letzten Eiszeit genuinen Fortschritt für die Menschheit ausfindig machen zu können. Nichtsdestotrotz ist der Fortschritt der Menschheit als Gesamtheit in dieser Periode unübersehbar. Zwischen 5.000 v. Chr. und 2.000 v. Chr. wuchs die Weltbevölkerung von schätzungsweise 5 Millionen auf 25 Millionen Menschen an.[82] Liverani schätzt, dass der Aufstieg der ersten Stadtstaaten, im Vergleich zum Niveau des Neolithikums, mit einer Verzehnfachung der Produktion einherging.[83] Dieser Anstieg in der Produktivität, der auch mit wichtigen, noch für uns heute relevanten Entdeckungen auf den Gebieten der Naturwissenschaft, der Mathematik und der Kunst einherging, wurde unter Verhältnissen erreicht, die viel ungleicher und unterdrückerischer waren; und er verfestigte diese Verhältnisse noch mehr. Dasselbe könnte über den Aufstieg des Kapitalismus gesagt werden. Was aber sowohl den Aufstieg der ersten Klassengesellschaften als auch des Kapitalismus fortschrittlich machte, war nicht die abstrakte moralische Überlegenheit dieser Gesellschaftsordnungen, sondern deren konkrete Notwendigkeit als Stufen in der Entwicklung der Produktivkräfte. Und nur in dieser Form konnte eine weitere Entwicklung vonstatten gehen. </p>

<p>Die Tatsache jedoch, dass Ausbeutung und Unterdrückung zu einem bestimmten Zeitpunkt ein notwendiger Teil gesellschaftlicher Entwicklung waren, bedeutet nicht, dass das für immer und ewig der Fall sein muss. Der Urkommunismus war notwendig und unvermeidlich, und dennoch war seine Überwindung ebenfalls unvermeidlich. Mit welchem Recht kann die Klassengesellschaft als letztgültige und absolute Ausdrucksform der menschlichen Natur angesehen werden? In der Geschichte wie in der Natur ist „alles was entsteht; wert, dass es zugrunde geht“; alles, was der Entwicklung dient, ist schlussendlich dazu verdammt, durch den Lauf der Dinge überwunden zu werden. </p>

<p>Jede Errungenschaft, die dem Menschen in seinem Existenzkampf gelungen ist, stellt ihn vor neue Hürden, konfrontiert ihn mit neuen Bedrohungen. Diese zu meistern, ist die Aufgabe des Kampfes um weiteren Fortschritt. Das gilt umso mehr in einer Klassengesellschaft, in der „jeder Fortschritt zugleich ein relativer Rückschritt [ist], in dem das Wohl und die Entwicklung der einen sich durchsetzt durch das Wehe und die Zurückdrängung der andern“.[84] Der wahre Gehalt von Fortschritt, die Entwicklung der Produktivkräfte der Menschheit, wird somit in einer Abfolge von in sich begrenzten und widersprüchlichen Formen realisiert. Wenn uns aus heutiger Sicht vergangene Ausdrucksformen dieser Entwicklung verwerflich erscheinen, dann sagt uns das vor allem, dass sie mit der Zeit obsolet geworden sind. Das widerspricht keinesfalls der Tatsache, dass es im Allgemeinen einen Fortschritt gibt. </p>

<p>Wir leben heute in einer Welt, in der die Produktivkräfte an die Grenzen stoßen, die ihnen durch das Privateigentum, den sogenannten „freien Markt“ und die Teilung der Welt in kapitalistische Nationalstaaten, gesetzt sind. Die regelmäßigen Wirtschaftskrisen, imperialistische Kriege und die zunehmende Bedrohung durch den Klimawandel sind allesamt Hinweise dafür, dass es unter kapitalistischen Bedingungen für die Menschheit keinen Fortschritt geben kann. Nur durch die Überwindung dieses dahinsiechenden Systems können wir hoffen, die Menschheit aus diesem Alptraum zu befreien. Doch das ist nur denkbar, wenn es gelingt, die gigantischen Produktivkräfte, die von Milliarden eigentumsloser Arbeiter geschaffen wurden, in öffentliches Eigentum zu überführen und die Weltwirtschaft nach dem Vernunftprinzip und auf demokratischer Grundlage zu planen. Kurzum, der weitere Fortschritt der Menschheit setzt das Ende der Klassengesellschaft und des Staates voraus.</p>

<p>Friedrich Engels schrieb in diesem Sinne schon im Jahr 1884: </p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p><em>„Wir nähern uns jetzt mit raschen Schritten einer Entwicklungsstufe der Produktion, auf der das Dasein dieser Klassen nicht nur aufgehört hat, eine Notwendigkeit zu sein, sondern ein positives Hindernis der Produktion wird. Sie werden fallen, ebenso unvermeidlich, wie sie früher entstanden sind. Mit ihnen fällt unvermeidlich der Staat. Die Gesellschaft, die die Produktion auf Grundlage freier und gleicher Assoziation der Produzenten neu organisiert, versetzt die ganze Staatsmaschine dahin, wohin sie dann gehören wird: ins Museum der Altertümer, neben das Spinnrad und die bronzene Axt.“[85]</em></p>
</blockquote>

<p>Heute haben wir diese Stufe längst erreicht. Die Bedingungen für die Überwindung des Kapitalismus und die Errichtung des Sozialismus sind nicht nur gegeben, sie sind überreif. Kämpfen wir dafür, dass Engels’ Vorhersage Wirklichkeit wird und bauen wir eine Zukunft, in der die obersten Prinzipien die Freiheit und die Bedürfnisbefriedigung für die gesamte Menschheit sind.</p>

<p><strong>Für eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Thema und den beschriebenen Prozesse empfehlen wir folgende Literatur:</strong></p>

<ul class="wp-block-list">
<li>Karl Marx (1867): Das Kapital. Band 1.</li>

<li>Friedrich Engels (1884): Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates.</li>

<li>Friedrich Engels (1888): Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie.</li>

<li>Mario Liverani (2014): The Ancient Near East.</li>

<li>Steven Mithen (2003): After The Ice. a global human history, 20.000 – 5000 BC.</li>
</ul>

<p><strong>Andere wichtige Quellen des Artikels:</strong></p>

<ul class="wp-block-list">
<li>Richard Leakey (1981): Die Suche nach dem Menschen: Was wir wurden, was wir sind.</li>

<li>Patricia Draper (1997): Institutional, Evolutionary, and Demographic Contexts of Gender Roles: A Caste Study of !Kung Bushmen.</li>

<li>Kent Flannery (1999): Process and Agency in Early State Formation.</li>

<li>Barry Kemp (2018): Ancient Egypt: Anatomy of a Civilisation.</li>

<li>Vere Gordon Childe (1950): The Urban Revolution</li>

<li>Vere Gordon Childe (1936): Der Mensch schafft sich selbst.</li>
</ul>

<p><strong>Quellenverzeichnis:</strong></p>

<p>[1] Karl Marx (1847/1977): Das Elend der Philosophie, in: MEW Bd. 4. Dietz Verlag, Berlin, S. 160.<br />[2] Karl Marx (1847/1977): Das Elend der Philosophie, in: MEW Bd. 4. Dietz Verlag, Berlin, S. 160.<br />[3] Karl Marx (1864/1962): Das Kapital. Bd. 1, in: MEW Bd. 23. Dietz Verlag, Berlin, S. 57.<br />[4] Friedrich Engels (1883/1987): Das Begräbnis von Karl Marx, in: MEW Bd. 19. Dietz Verlag, Berlin, S. 335f.<br />[5] Marx: Kapital Bd. 1, S. 194. Marx: Kapital Bd. 1, S. 194f.<br />[6] Aristoteles (1995): Metaphysik, in: Philosophische Schriften in sechs Bänden, Bd. 5. Felix Meiner Verlag, Hamburg, S. 4.<br />[7] Richard Leakey (1981): Die Suche nach dem Menschen. Umschau, Frankfurt a.M., S. 107.<br />[8] Steven Mithen (2004): After the Ice. Phoenix, S. 323 – eigene Übersetzung.<br />[9] Friedrich Engels (1884/1962): Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats, in: MEW Bd. 21. Dietz Verlag, Berlin, S. 53.<br />[10] Christophe Darmangeat (Juni 2010): L’oppression des femmes, hier et aujourd’hui: pour en finir demain!, online: <a href="https://nouveaupartianticapitaliste.org/opinions/feminisme/loppression-des-femmes-hier-et-aujourdhui-pour-en-finir-demain-une-perspective">https://nouveaupartianticapitaliste.org/opinions/feminisme/loppression-des-femmes-hier-et-aujourdhui-pour-en-finir-demain-une-perspective</a> (zuletzt aufgerufen: 22.10.2021) – eigene Übersetzung.<br />[11] Vgl. Marlize Lombard und Katharine Kyriacou (28. September 2020): Hunter-gatherer women, in: Oxford Research Encyclopedia of Anthropology, online: <a href="https://oxfordre.com/anthropology/view/10.1093/acrefore/9780190854584.001.0001/acrefore-9780190854584-e-105">https://oxfordre.com/anthropology/view/10.1093/acrefore/9780190854584.001.0001/acrefore-9780190854584-e-105</a> (zuletzt aufgerufen: 10.10.2021) – eigene Übersetzung.<br />[12] Vgl. Haas, u. a. (1. November 2020): Female Hunters of the Early Americas, in: Science Advances 6, no. 45, online: <a href="https://doi.org/10.1126/sciadv.abd0310">https://doi.org/10.1126/sciadv.abd0310</a> (zuletzt aufgerufen: 10.10.2021).<br />[13] Vgl. Irfan Habib (2015): People’s History of India, vol. 1. Tulika, S. 66 – eigene Übersetzung.<br />[14] Vgl. Patricia Draper (1997): Institutional, Evolutionary, and Demographic Contexts of Gender Roles: A Case Study of !Kung Bushmen, online: <a href="https://digitalcommons.unl.edu/anthropologyfacpub/4">https://digitalcommons.unl.edu/anthropologyfacpub/4</a> (zuletzt aufgerufen: 10.10.2021).<br />[15] Ebd. – eigene Übersetzung.<br />[16] Lombard und Kyriacou: Hunter-gatherer, online.<br />[17] Chris Knight, Did communism make us human?, online: <a href="https://brooklynrail.org/2021/06/field-notes/Did-communism-make-us-human">https://brooklynrail.org/2021/06/field-notes/Did-communism-make-us-human</a> (zuletzt aufgerufen: 22.10.2021).<br />[18] Amanda Moller (2019): The changing women’s rights of Africa’s San people, online: <a href="https://www.unearthwomen.com/2019/08/13/the-changing-womens-rights-of-africas-san-people/">https://www.unearthwomen.com/2019/08/13/the-changing-womens-rights-of-africas-san-people/</a> (zuletzt aufgerufen: 22.10.2021)<br />[19] Habib: People’s History of India, S. 41 – eigene Übersetzung.<br />[20] Engels: Ursprung, S. 27.<br />[21] Mithen: After the Ice, S. 139.<br />[22] Ebd. S. 391.<br />[23] Ebd. S. 136.<br />[24] Ebd. S. 140.<br />[25] George Willcox and Danielle Stordeur (2012): Large-scale cereal processing before domestication during the tenth millennium cal BC in northern Syria. Cambridge, S. 99 – 114 – eigene Übersetzung.<br />[26] Vgl. Nicky Milner (2018): Star Carr Volume 1, online: <a href="https://universitypress.whiterose.ac.uk/site/books/e/10.22599/book1/">https://universitypress.whiterose.ac.uk/site/books/e/10.22599/book1/</a> (zuletzt aufgerufen: 22.10.2021).<br />[27] Vgl. Mithen: After the Ice, S. 53.<br />[28] Vgl. Ebd. S. 37.<br />[29] Vgl. Gordon Hillman, u. a. (Mai 2001): New evidence of Lateglacial cereal cultivation at Abu Hureyra on the Euphrates, in: The Holocene, 11(4). S. 383–393.<br />[30] Anthony Giddens (1981): A Contemporary Critique of Historical Materialism. California, S. 156.<br />[31] Charles Mann (Juni 2011): The Birth of Religion, in: National Geographic, online: <a href="https://www.nationalgeographic.com/magazine/2011/06/gobeki-tepe/">https://www.nationalgeographic.com/magazine/2011/06/gobeki-tepe/</a> (zuletzt aufgerufen: 10.10.2021) – eigene Übersetzung.<br />[32] Friedrich Engels (1886/1962): Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, in: MEW Bd. 21. Dietz Verlag, Berlin, S. 298.<br />[33] Lee Clare (2019): A brief summary of research at a new World Heritage Site, online: <a href="https://lens.idai.world/?url=/repository/eDAI-F_2020-2/eDAI-F_Clare.xml#citations">https://lens.idai.world/?url=/repository/eDAI-F_2020-2/eDAI-F_Clare.xml#citations</a> (zuletzt aufgerufen: 10.10.2021).<br />[34] Andrew Curry (22. Juni 2021): How ancient people fell in love with bread, beer and other carbs, online: <a href="https://www.nature.com/articles/d41586-021-01681-w">https://www.nature.com/articles/d41586-021-01681-w</a> (zuletzt aufgerufen: 10.10.2021).<br />[35] Karl Marx (1859/1961): Zur Kritik der politischen Ökonomie, in: MEW Bd. 13. Dietz Verlag, Berlin, S. 9.<br />[36] Marx: Kapital Bd. 1, S. 391.<br />[37] Vgl. Mario Liverani (2014): The Ancient Near East. Routledge, New York, S. 38.<br />[38] Vgl. Selina Brace, u.a. (2019): Ancient genomes indicate population replacement in Early Neolithic Britain, online: <a href="https://www.nature.com/articles/s41559-019-0871-9?proof=t">https://www.nature.com/articles/s41559-019-0871-9?proof=t</a> (zuletzt aufgerufen: 22.10.2021), S. 765–771.<br />[39] Vgl. Mithen: After the Ice, S. 60.<br />[40] Vgl. Theya Molleson (1994): The Eloquent Bones of Abu Hureyra, in: Scientific American 271, Nr. 2. S. 70-75.<br />[41] Casper Hansen, u.a. (4. November 2012): Modern Gender Roles and Agricultural History: The Neolithic Inheritance, online: <a href="http://dx.doi.org/10.2139/ssrn.2170945">http://dx.doi.org/10.2139/ssrn.2170945</a> (zuletzt aufgerufen: 22.10.2021), S. 5.<br />[42] Vgl. Tara Belkin, u.a. (2006): Woman the Toolmaker: Hideworking and Stone Tool Use In Konso, Ethiopia, in: DVD. Left Coast Press.<br />[43] Vgl. Paul Cockshott (2020): How the World Works: The Story of Human Labor from Prehistory to the Modern Day, Monthly Review Press, S. 38.<br />[44] Vgl. Audery Henshall (1985): The Chambered Cairns, in: The Prehistory of Orkney BC 4000–1000 AD. Edinburgh University Press.<br />[45] Engels: Ursprung, S. 95f.<br />[46] Marx: Zur Kritik, S.9.<br />[47] Vgl. Bernadette Arnaud (2006): First Farmers, in: Archaeology Vol. 53 Nr. 6. S. 56 – 59.<br />[48] Vgl. Mithen: After the Ice, S. 59.<br />[49] Vgl. Ebd. S. 434.<br />[50] Vgl. Liverani: Near East, S. 48.<br />[51] Ebd. S. 52 – eigene Übersetzung.<br />[52] Marx: Kapital Bd. 1, 350.<br />[53] Hervey Peoples, Pavel Duda und Frank Marlowe (6. Mai 2016): Hunter-Gatherers and the Origins of Religion, in: Human Nature 2016, 27, online: <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27154194/">https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27154194/</a> (zuletzt aufgerufen: 24.10.2021), S. 261–282.<br />[54] Vgl. Liverani: Near East, S. 53.<br />[55] Ebd.<br />[56] Vgl. Ebd. S. 62.<br />[57] Marx: Kapital Bd. 1, S. 373.<br />[58] Vgl. Liverani, Near East, S. 69.<br />[59] Vgl. Ebd. S. 72.<br />[60] Vgl. Ebd. S. 101.<br />[61] Vgl. James Scott (2017): Against the Grain: A Deep History of the Earliest States. Yale University, S. 159 – eigene Übersetzung.<br />[62] Engels: Ursprung, S. 61.<br />[63] Gilgamesch-Epos, online: <a href="https://www.lyrik.ch/lyrik/spur1/gilgame/gilgam1.htm">https://www.lyrik.ch/lyrik/spur1/gilgame/gilgam1.htm</a> (zuletzt aufgerufen: 10.10.2021).<br />[64] Engels: Ursprung, S. 68.<br />[65] Leo Trotzki (1939/2006): Die UdSSR im Krieg, in: Verteidigung des Marxismus. Arbeiterpresse Verlag, Essen, S. 7.<br />[66] Vgl. William Hallo und William Simpson (1971): The Ancient Near East. Harcourt, New York, S. 25-26 – eigene Übersetzung.<br />[67] Miriam Lichtheim (2006): Ancient Egyptian Literature, Vol. I. Berkeley, S. 186 – 189 – übersetzt von Marksu Sanke.<br />[68] Marx: Kapital Bd.1, S. 109.<br />[69] Liverani: Near East, S. 75.<br />[70] Vgl. Gilgamesch-Epos, online.<br />[71] Vgl. Liverani: Near East, S. 88.<br />[72] Vgl. Ebd.<br />[73] Vgl. Ebd. S. 89.<br />[74] Vgl. Ebd. S. 80.<br />[75] Engels: Ursprung, S. 165.<br />[76] David Graeber (2012): Schulden. Die ersten 5000 Jahre. Klett-Cotta, Stuttgart, S. 25.<br />[77] Marx: Kapital Bd. 1, S. 779.<br />[78] Gordon Childe (1950): The Urban Revolution, in: The Town Planning Review. Liverpool, S. 3 – 17 – eigene Übersetzung.<br />[79] Marx: Kapital Bd. 1, S. 744.<br />[80] Friedrich Engels und Karl Marx (1845/1972): Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik, in: MEW Bd. 2. Dietz Verlag, Berlin, S. 98.<br />[81] Georgi Plechanow (1898): Über die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte, online: <a href="https://www.marxists.org/deutsch/archiv/plechanow/1898/rolle/rolle2.htm#t8">https://www.marxists.org/deutsch/archiv/plechanow/1898/rolle/rolle2.htm#t8</a> (zuletzt aufgerufen: 24.10.2021).<br />[82] Vgl. Scott: Against the Grain, S. 4.<br />[83] Vgl. Liverani: Near East, S. 572.<br />[84] Engels: Urspung, S. 68.<br />[85] Ebd. S. 168.</p>
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		<title>Engels&#8216; Briefe an Kautsky &#8211; von Leo Trotzki (Oktober 1935)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Die Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 27 Nov 2020 01:03:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Dialektischer Materialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Engels]]></category>
		<category><![CDATA[Historischer Materialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Trotzki]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>An diesem Samstag feiern wir den 200. Geburtstag von Friedrich Engels. Im vergangenen August begingen vor den 80. Jahrestag der Ermordung Leo Trotzkis durch einen stalinistischen Agenten. Der folgende Text [&#8230;]</p>
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<p>An diesem Samstag feiern wir den 200. Geburtstag von Friedrich Engels. Im vergangenen August begingen vor den 80. Jahrestag der Ermordung Leo Trotzkis durch einen stalinistischen Agenten. Der folgende Text von Trotzki über Engels und Karl Kautsky erscheint hier erstmals auf Deutsch. Er ist nicht nur als historisches Dokument wertvoll, sondern auch für das Verständnis der wissenschaftlichen Methode des Marxismus und der Rolle von Revolutionären.</p>



<p>Friedrich Engels, der kongeniale Genosse, Weggefährte und Freund von Karl Marx, wurde vor genau 200 Jahren geboren: am 28. November 1820. Gemeinsam mit Marx entwickelte er die theoretischen Grundlagen des „wissenschaftlichen Sozialismus“ (revolutionären Marxismus). Mit seinen Arbeiten vertiefte er das Verständnis von der Entstehung der Menschheit, der Herausbildung der Familie und des Staates als Unterdrückungsmaschinerie und – aus unserer Sicht ganz entscheidend – er leistete einen großen Beitrag zur Darlegung des dialektischen Materialismus, der philosophischen Methode des Marxismus.</p>



<p>Neben seinen Leistungen auf dem Gebiet der Theoriearbeit war Friedrich Engels jedoch auch ein Mann der revolutionären Praxis. Mit seinen Büchern (z.B. „Anti-Dühring“), Artikeln und in unzähligen Briefen gab er einer ganzen Generation von führenden Köpfen der Arbeiterbewegung in Europa theoretisches Rüstzeug, Perspektiven und politische Orientierung, ohne die es niemals möglich gewesen wäre, die Sozialdemokratie im 19. Jahrhundert in eine Massenbewegung zu verwandeln.</p>



<p>Gerade die österreichische Sozialdemokratie verdankt Engels, der zu Victor Adler und Adelheid Popp ein sehr enges persönliches und politisches Verhältnis pflegte, sehr viel. So waren Engels und seine engste Mitarbeiterin Louise Kautsky federführend im Entstehungsprozess der proletarischen Frauenbewegung in Österreich.Genau diesen Aspekt seines Lebenswerks beleuchtet der folgende Artikel von Leo Trotzki. Er entstand 1935 aus Anlass der Veröffentlichung des Briefwechsels von Friedrich Engels und dem deutsch-österreichischen Sozialdemokraten Karl Kautsky in Buchform (Karl Kautsky [Hg.], Aus der Frühzeit des Marxismus – Engels‘ Briefwechsel mit Kautsky, Orbis-Verlag A.-G., Prag, 1935).</p>



<p>Trotzki zeichnet auf der Grundlage dieses bis dahin unbekannten Materials ein außergewöhnliches Porträt des großen Revolutionärs.Kautsky galt lange Zeit als jener Theoretiker, der das Werk von Marx und Engels weiterführte. Er kann als der Begründer jener Schule gesehen werden, die später als „Austromarxismus“ bekannt wurde. Trotzki, der selbst lange Jahre in Wien lebte, hier in der Sozialdemokratie aktiv war und die austromarxistischen Führer aus nächster Nähe kennenlernen konnte, unterzieht in mehreren Büchern diese Denkrichtung einer scharfen politischen Kritik, wobei er nachweist, dass die Methode von Kautsky, Otto Bauer &amp; Co. mit der dialektischen Methode und dem revolutionären Spirit des Marxismus nicht viel gemein hat.</p>



<p>Mit dem folgenden Artikel zeichnet er nach, welche Kluft in der persönlichen Haltung und in der politischen Ausrichtung zwischen Engels und der nachfolgenden Generation der sozialdemokratischen Arbeiterführer bestand. Der aus der 68er-Bewegung bekannte Spruch „das Private ist politisch“ nimmt anhand dieses Briefwechsels konkrete Form an.</p>



<p>Wir halten diesen Artikel nicht nur als historisches Dokument, das Einblick in die frühe Geschichte der Arbeiterbewegung und des Marxismus bietet, für interessant, sondern er beinhaltet auch wichtige Ansatzpunkte, um das Verständnis von der wissenschaftlichen Methode des Marxismus und der Rolle von RevolutionärInnen in der Arbeiterbewegung zu schärfen.</p>



<p>Das Jahr 1935 markiert den 40. Todestag von Friedrich Engels, einem der beiden Autoren des Kommunistischen Manifests. Der andere war Karl Marx. Dieser Jahrestag ist auch deshalb beachtenswert, da Karl Kautsky, mittlerweile 81 Jahre alt, endlich seine Korrespondenz mit Engels veröffentlicht hat. Das ist ein sehr wertvolles Geschenk für all jene, die sich ernsthaft für die politische Geschichte der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, die Entwicklung der Ideen des Marxismus, das Schicksal der Arbeiterbewegung und letztlich die Persönlichkeit von Friedrich Engels interessieren.</p>



<p>Zu Marx‘ Lebzeiten spielte Engels, wie er es selbst ausdrückte, die zweite Geige. Aber mit der letzten Erkrankung und speziell nach dem Tod von Marx wurde Engels der direkte und unbestrittene Dirigent im Orchester des Weltsozialismus und blieb es die kommenden 12 Jahre. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Engels längst von seinen geschäftlichen Verpflichtungen befreit. Er war finanziell völlig unabhängig und konnte daher seine ganze Zeit der Redaktion und Publikation des literarischen Nachlasses von Marx widmen, seine eigene Forschungsarbeit betreiben und eine umfangreiche Korrespondenz mit den Linken in der Arbeiterbewegung in allen Ländern führen. Sein Briefwechsel mit Karl Kautsky stammt aus seiner letzten Lebensphase (1881-1895).</p>



<p>Die in ihrer Zielstrebigkeit und Klarheit einzigartige Persönlichkeit von Engels wurde in den nachfolgenden Jahren vielen Interpretationsversuchen unterzogen – das ist die Logik des Kampfes. Man muss sich nur in Erinnerung rufen, wie Ebert, Scheidemann und andere während des letzten Krieges Engels als deutschen Patrioten porträtierten, während die Publizisten der Entente ihn als Pangermanisten darstellten. In diesen und anderen Fragen helfen die Briefe, tendenziöse Überlagerungen von Engels‘ Persönlichkeit zu beseitigen. Doch das ist nicht die zentrale Bedeutung dieser Briefe. Man kann ohne Angst vor Übertreibung sagen, dass jedes neue Dokument mit einem Bezug zu Engels ihn als noch viel feineren, edleren und faszinierenderen Menschen zeigt, als er uns zuvor erscheinen musste.</p>



<p>In den frühen 1880er Jahren tat sich Kautsky in der Rolle des offiziellen Theoretikers der deutschen Sozialdemokratie hervor, die ihrerseits wieder zur führenden Partei der Zweiten Internationale aufstieg. So wie Engels zu Lebzeiten von Marx, so spielte auch Kautsky bestenfalls die zweite Geige, solange Engels am Leben war – mit großen Abweichungen vom ersten Violinisten. Nach dem Tode Engels‘ wuchs die Autorität des Schülers rasant an und erreichte um die erste Russische Revolution 1905 ihren Zenit. In seinem Kommentar zum Briefwechsel beschreibt Kautsky seine Aufregung bei seinem ersten Besuch bei Marx und Engels. Ein Vierteljahrhundert später haben viele junge Marxisten – speziell auch der Autor dieses Artikels – dieselbe Aufregung verspürt, als sie die Stufen zum bescheidenen Haus in Friedenau, in der Vorstadt Berlins, wo Kautsky über viele Jahre wohnte, erklommen. Er wurde damals in Fragen der Theorie als der überragende und unangefochtene Führer der Internationale angesehen. Von seinen Gegnern wurde er als „Papst“ des Marxismus bezeichnet.</p>



<p>Doch Kautsky konnte sich diese Autorität nicht lange erhalten. Große Ereignisse im letzten Vierteljahrhundert haben ihm gewaltig mitgespielt. Während und nach dem Krieg war Kautsky regelrecht die Personifizierung nervöser Unentschlossenheit. Was bis dahin nur einige Wenige erahnt hatten, wurde nun vollauf bestätigt, nämlich, dass sein Marxismus im Wesentlichen von rein akademischem und kontemplativem Charakter war. Wenn Kautsky von Wien aus, während eines Streiks im April 1889, schrieb, „meine Gedanken sind mehr auf der Straße, als beim Schreibtisch“ (S. 242), dann erscheinen diese Worte überraschend und fast schon falsch, selbst wenn sie aus der Feder des jungen Kautsky stammen. Sein ganzes Leben lang blieb der Schreibtisch sein wichtigstes Betätigungsfeld. Straßenkämpfe erschienen ihm eher als Hindernisse. Er hat den Ruf, die Doktrin popularisiert zu haben, er gilt als der Interpret der Vergangenheit, als Verteidiger der Methode. Ja, das war er, aber er war nie ein Mann der Tat, nie ein Revolutionär oder Erbe des Geistes von Marx und Engels.<br>Dieser Briefwechsel legt nicht nur die radikalen Unterschiede zwischen den beiden Persönlichkeiten vollständig frei, sondern auch etwas zumindest für die gegenwärtige Generation völlig Unerwartetes – den Antagonismus, der zwischen Engels und Kautsky bestand, und der schlussendlich auch zum Bruch in ihren persönlichen Beziehungen führte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">„Der General“</h3>



<p>Engels zeichnete sich durch seine Fähigkeit zur Einschätzung konkreter Umstände und Kräfteverhältnisse aus. Das und sein umfassendes Spezialwissen in militärischen Angelegenheiten befähigten ihn dazu, während des Französisch-Preußischen Krieges in der Londoner Pall-Mall Gazette bemerkenswerte militärtheoretische Artikel zu veröffentlichen. Dieser Artikelserie verdankte er die Zuschreibung, einer der besten Militärexperten seiner Zeit zu sein (zweifelsohne schauten sich die Herren aus der „Obrigkeit“ nicht ohne beträchtliches Erstaunen in den Spiegel). In seinem engsten Umfeld erhielt Engels deshalb den scherzhaften Spitznamen „General“. Mit diesem Namen zeichnete er auch eine Reihe von Briefen an Kautsky.</p>



<p>Engels war kein großer Redner, aber vielleicht hatte er auch einfach nie die Gelegenheit, einer zu werden. Gegenüber „Rednern“ zeigte er sogar einen Hauch von Verachtung, weil er – nicht ganz grundlos – die Meinung vertrat, sie würden komplexe Ideen zu Banalitäten reduzieren. Kautsky erinnert sich an Engels aber als einen bemerkenswerten Gesprächspartner, der über ein unerschöpfliches Erinnerungsvermögen und Witz verfügte und sich äußerst präzise auszudrücken pflegte. Leider ist Kautsky selbst nur ein mittelmäßiger Beobachter und alles andere als ein Künstler: In seinen eigenen Briefen sticht Engels unendlich klarer hervor als in den Kommentaren und Erinnerungen von Kautsky.</p>



<p>Engels Beziehungen zu anderen Menschen waren frei von Gefühlsduselei und Illusionen, zeichneten sich deshalb durch Unkompliziertheit aus und waren somit auch zutiefst menschlich. In seiner Gesellschaft bei einem Abendessen, wo Vertreter verschiedener Länder und Kontinente zusammenkamen, lösten sich alle Gegensätze zwischen der geschliffenen radikalen Gräfin Schack und der alles andere als geschliffenen russischen Nihilistin Vera Sassulitsch wie von Zauberhand auf. Die prächtige Persönlichkeit des Gastgebers drückte sich darin aus, dass er imstande war, sich selbst und die anderen über alles Zweitrangige und Oberflächliche zu erheben, ohne auch nur im Geringsten von seinen Sichtweisen oder gar seinen Gewohnheiten abzuweichen.</p>



<p>Man wird an diesem Revolutionär vergeblich die Wesenszüge des Bohemiens suchen, die sonst unter radikalen Intellektuellen so weit verbreitet sind. Engels war sowohl in kleinen wie auch in großen Dingen gegenüber Schlamperei und Pflichtvergessenheit äußerst unduldsam. Er schätzte Genauigkeit im Denken, Genauigkeit beim Finanzgebaren, Exaktheit in gesprochenem und gedrucktem Wort. Als ein deutscher Verleger versuchte, seine Schreibweise abzuändern, verlangte Engels mehrere Druckfahnen zurück, um sie noch einmal überprüfen zu können. Er schrieb: „Ich ließe mir eine Orthographie ebensowenig aufoktroyieren als eine Frau.“ (S. 147). Diese Verbindung von Zorn und Humor holt Engels beinahe ins Leben zurück! Zusätzlich zu seiner Muttersprache, die er wie ein Virtuose beherrschte, schrieb Engels frei auf Englisch, Französisch und Italienisch. Außerdem konnte er Spanisch und nahezu alle slawischen und skandinavischen Sprachen lesen. Sein Wissen auf den Gebieten der Philosophie, der Ökonomie, der Geschichte, der Physik, der Philologie und der Militärwissenschaften hätten für ein gutes dutzend ordentlicher und außerordentlicher Professuren gereicht. Doch abseits dieser Fähigkeiten besaß er einen ganz besonderen Schatz: Das geflügelte Denken.</p>



<p>Im Juni 1884, als Bernstein und Kautsky sich bei Engels über den einsetzenden Druck von allen nur denkbaren „gebildeten“ Biedermännern in der Partei beschwerten, antwortete ihnen Engels: „Hauptsache ist, sich nichts bieten zu lassen, aber dabei in aller Gemüthsruhe zu bleiben“ (S. 119). Während der General nicht immer „Gemüthsruhe“ im wörtlichen Sinne bewahrte – im Gegenteil, gelegentlich kochte er über vor Wut –, gelang es ihm doch immer, bald wieder über den Dingen zu stehen und das notwendige Gleichgewicht zwischen seinen Gedanken und Gefühlen wiederherzustellen. Die urwüchsige Seite seiner Persönlichkeit war von einer Mischung aus Optimismus und Humor gegenüber sich selbst und seinem engsten Umfeld sowie Ironie gegenüber seinen Gegnern gekennzeichnet. In seinem Optimismus war kein Fünkchen Selbstzufriedenheit. Die Quelle seiner Lebensfreude entsprang seinem fröhlichen und harmonischen Temperament, doch Letzteres war völlig durchdrungen mit dem Wissen, das mit der größten aller Freuden einherging: Der Freude kreativer Auffassungsgabe.</p>



<p>Engels‘ Optimismus wirkte sich gleichermaßen in politischen Fragen wie in persönlichen Angelegenheiten aus. Nach jeder Niederlage hielt er umgehend Ausschau nach Bedingungen, die einen neuen Aufschwung vorbereiteten, und nach jedem Rückschlag, dem ihm das Leben verpasste, gab er sich einen Ruck und schaute wieder in die Zukunft. So hielt er es bis zum Sterbetag. Es gab Zeiten, in denen er wochenlang nicht aufstehen konnte, um einem Knochenbruch, den er bei einem Sturz während einer Fuchsjagd der englischen Gentry erlitten hatte, auszukurieren. Manchmal verweigerten ihm seine gealterten Augen bei künstlichem Licht den Dienst, ohne dass es bei Nebel in London auch tagsüber kein Auskommen gibt. Doch Engels schreibt nie über seine körperlichen Leiden, und wenn, dann nur nebenbei, um eine verzögerte Antwort zu erklären und um umgehend zu versprechen, dass alles bald wieder besser laufen und die Arbeit wieder mit voller Geschwindigkeit fortgesetzt werde.</p>



<p>Einer von Marx‘ Briefen bezieht sich auf Engels Gewohnheit bei Konversationen scherzhaft zu zwinkern. Dieses „Augenzwinkern“ zieht sich durch die gesamte Korrespondenz von Engels. Dieser Mann der Pflicht und sehr tiefgehender Bindungen erinnert an alles andere als an einen Asketen. Er war ein Natur- und Kunstliebhaber, er genoss die Gemeinschaft kluger und lustiger Menschen, er umgab sich gerne mit Frauen und liebte gute Scherze, lachte gerne, schätzte ein gutes Abendessen, guten Wein und guten Tabak. Gelegentlich war er auch nicht abgeneigt, sich bei der Lektüre von Rabelais, der sich gerne seine Inspiration unter der Gürtellinie suchte, einen Lachkrampf zu holen. Generell kann man sagen, dass ihm nichts Menschliches fremd war. Nicht selten finden wir in seinen Briefen Anspielungen, dass in seinem Haus mehrere Flaschen guten Weines geöffnet wurden, wenn es darum ging Neujahr oder den erfolgreichen Ausgang einer Wahl in Deutschland, seinen eigenen Geburtstag und manchmal auch Anlässe von geringerer Bedeutung zu feiern. Selten nur finden wir Stellen, wo sich der General beschwert, dass er lieber auf dem Sofa liegen blieb, „anstatt mit euch zu kneipen… Nun, aufgehoben ist nicht aufgeschoben.“ (S. 335) Engels war 72 Jahre alt, als er das schrieb. Einige Monate später machte ein falsches Gerücht in der Presse die Runde, wonach Engels schwer krank sei. Der 73 Jahre alte General schrieb darüber: „Nun, wir haben auf den hochgradigen Kräfteverfall und das stündlich erwartete Ableben diverse Flaschen geleert.“ (S. 352)</p>



<p>War er ein Epikureer? Die zweitrangigen „Segen des Lebens“ waren nie das Entscheidende im Leben dieses Mannes. Er interessierte sich aufrichtig für die Familienmoral aus der Epoche der Wildheit oder die Geheimnisse der irischen Philologie, doch er war stets untrennbar verbunden mit dem zukünftigen Schicksal der Menschheit. Wenn er sich selbst einen trivialen Scherz erlaubte, dann war es nur in der Gesellschaft nicht trivialer Menschen. Seinem Humor, seiner Ironie und seiner Lebensfreude, das fühlt man, lag immer ein gewisses moralisches Pathos zugrunde – aber ohne die geringste Phrasendrescherei oder sonderliches Getue, immer gut versteckt, aber umso aufrichtiger und er war stets bereit, selbst ein Opfer zu bringen. Der Geschäftsmann, der Eigentümer einer Fabrik, eines Jagdpferdes und eines Weinkellers war bis auf die Knochen ein revolutionärer Kommunist.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Nachlassverwalter von Marx</h3>



<p>Kautsky übertreibt nicht im Geringsten, wenn er in seinem Kommentar zum Briefwechsel feststellt, dass es unmöglich wäre, in der Geschichte einen vergleichbaren Fall zu finden, wo zwei Männer von so kraftvollem Temperament und eigenständigem ideologischen Denken wie Marx und Engels ihr ganzes Leben lang durch die Entwicklung ihrer Ideen, ihre soziale Aktivität und persönliche Freundschaft so untrennbar miteinander verbunden blieben. Engels hatte ein schnelleres Auffassungsvermögen, war flexibler, umtriebiger und vielseitiger; Marx war schwerfälliger, sturer und zu sich selbst und zu anderen strenger. Selbst ein hell leuchtender Stern erster Güte, war es ihm doch möglich, die intellektuelle Autorität von Marx mit jener Bescheidenheit anzuerkennen, mit der er generell seine persönlichen und politischen Beziehungen aufbaute.</p>



<p>Die Zusammenarbeit dieser beiden Freunde – hier haben wir den Rahmen, wo dieser Begriff seine volle Bedeutung erlangt – war so tiefgehend, dass es unmöglich ist, eine Trennlinie zwischen ihren Werken zu ziehen. Aber unendlich wichtiger als das rein literarische Zusammenwirken war die geistige Verbundenheit, die zwischen den beiden existierte und die niemals zerbrach. Sie schrieben sich entweder täglich Briefe, schickten sich epigrammatische Notizen und verstanden sich gegenseitig auch auf der Grundlage von kleinen Anspielungen, oder sie setzten ihre gleichermaßen epigrammatische Konversation inmitten von Zigarrenrauch fort. Über vier Jahrzehnte stärkten sich Marx und Engels so in ihrem ununterbrochenen Kampf gegen die offizielle Wissenschaft und den traditionellen Aberglauben gegenseitig den Rücken. Die öffentliche Meinung hatten sie dabei stets gegen sich.</p>



<p>Engels sah in der materiellen Unterstützung von Marx eine politische Verpflichtung von größter Wichtigkeit. Das war auch das Hauptmotiv dafür, dass er sich selbst so viele Jahre an die harte Arbeit im „fluchbeladenen Geschäft“ gebunden hat – wobei er auch in diesem Bereich genauso erfolgreich wirkte wie in allen anderen. Sein Vermögen wurde immer größer und damit verbesserten sich auch die Lebensumstände der Familie Marx. Nachdem Marx gestorben war, unterstützte Engels weiterhin dessen Töchter. Die alte Haushälterin des Ehepaares Marx, Helene Demuth, die ein fester Bestandteil der Familie war, übernahm er in seinen Dienst. Ihr gegenüber verhielt sich Engels in liebevoller Loyalität. Nach ihrem Tod klagte er, wie sehr er ihre Ratschläge nicht nur in persönlichen, sondern auch in Parteiangelegenheiten vermisse. Engels vermachte Marx‘ Töchtern praktisch sein gesamtes Vermögen, das abgesehen von der Bibliothek, den Möbeln usw. rund 30.000 Pfund betrug.</p>



<p>Wenn sich Engels in seinen jungen Jahren in die Schatten der Textilindustrie von Manchester zurückzog, um Marx die Arbeit am „Kapital“ zu ermöglichen, dann stellte er später als alter Mann, und dann ohne zu klagen, und wir können mit Sicherheit sagen, ohne Bedauern, seine eigene Forschungsarbeit zurück, um Jahre damit zu verbringen, die hieroglyphischen Manuskripte von Marx zu entziffern, Übersetzungen penibel zu überprüfen und nicht weniger sorgfältig seine Schriften in nahezu allen europäischen Sprachen zu korrigieren. In diesem Epikureer steckte ein vollkommen ungewöhnlicher Stoiker!</p>



<p>Berichte über den Fortschritt der Arbeit an Marx‘ literarischem Nachlass stellen ein konstantes Leitmotiv im Briefwechsel zwischen Engels und Kautsky und anderen Gleichgesinnten dar. In einem Brief an Kautskys Mutter (1885), die eine ziemlich bekannte Autorin beliebter Romane war, bringt Engels seine Hoffnung zum Ausdruck, dass das alte Europa endlich wieder in Bewegung geraten wird. Und er fügt hinzu: „Ich will nur hoffen, dass es mir Zeit lässt, noch den dritten Band vom Kapital fertig zu machen, nachher kanns losgehen!“ (S. 206) Aus dieser halb scherzhaften Feststellung lässt sich ganz eindeutig die Bedeutung ablesen, die er dem „Kapital“ beimaß; doch es zeigt auch, dass ihm die revolutionäre Aktion weit höher stand als jedes Buch, auch „Das Kapital“. Am 3. Dezember 1891, also sechs Jahre später, erklärt Engels Kautsky den Grund für sein langes Schweigen: „…verantwortlich ist der dritte Band, über dem ich erneut schwitze.“ Er ist damit beschäftigt, die Kapitel in der furchtbaren Handschrift über Geldkapital, Banken und Kredit zu entziffern und studiert gleichzeitig Literatur zu den entsprechenden Themen. Wohl weiß er schon im Vorhinein, dass er in der Mehrzahl der Fälle das Manuskript aus der Feder von Marx unverändert lassen könne, doch will er sich mit seinen zusätzlichen Forschungen gegen redaktionelle Fehler absichern. Und dann kommt noch die endlose, sorgfältig zu erledigende Kleinarbeit dazu! Engels tauscht sich darüber aus, ob an einer bestimmten Stelle ein Komma vonnöten wäre, und er dankt Kautsky für das Aufzeigen eines Rechtschreibfehlers im Manuskript. Das ist keine Pedanterie – sondern eine Form der Gewissenhaftigkeit, der zufolge nichts unwichtig ist, das zum wissenschaftlichen Gesamtwerk von Marx‘ Leben beiträgt.</p>



<p>Engels aber war weit davon entfernt, den Originaltext blind zu bewundern. Beim Überprüfen einer Kurzfassung von Marx‘ ökonomischer Theorie durch den französischen Sozialisten Deville, empfand Engels, seinen eigenen Worten zufolge, oft die Versuchung, hie und da Sätze zu streichen oder zu korrigieren, die sich bei genauerem Hinsehen als Marx‘ eigene Formulierungen erwiesen. Dem lag zugrunde, dass die Sätze „im Original eine durch das Vorausgegangene klargelegte Beschränkung erfahren, bei Deville aber eine ganz absolut-allgemeine und damit unrichtige Geltung erhalten“ (S. 95). Diese wenigen Worte liefern eine klassische Charakterisierung des häufigen Missbrauchs von fix fertigen Formeln des großen Meisters („magister dixit“).</p>



<p>Aber das ist nicht alles. Engels beschränkte sich nicht darauf, die Manuskripte für den zweiten und dritten Band vom Kapital zu entziffern, feinzuschleifen, zu transkribieren, Korrektur zu lesen und mit Kommentaren zu versehen, sondern wachte mit Argusaugen über Marx‘ Erbe und verteidigte es gegen feindliche Angriffe. Der konservative preußische Sozialist Rodbertus und seine Bewunderer behaupteten, Marx hätte die wissenschaftlichen Erkenntnisse von Rodbertus übernommen, ohne die Quelle anzugeben. Mit anderen Worten: Marx habe von Rodbertus abgeschrieben. 1884 schrieb Engels darüber in einem Brief an Kautsky: „Welche horrende Unwissenheit dazu gehört, so etwas nur zu behaupten.“ (S. 140) Und einmal mehr ging Engels selbst daran, die unbrauchbaren Arbeiten von Rodbertus zu studieren, um diese Vorwürfe restlos zurückweisen zu können.</p>



<p>Die Briefe von Kautsky beinhalten eine gleichermaßen erleuchtende Betrachtung der Affäre mit dem deutschen Ökonomen Brentano, der Marx beschuldigte, Gladstone falsch zitiert zu haben. Marx‘ und Engels‘ Haltung gegenüber den Ideen ihrer Gegenspieler ähnelte, so absurd sie auch waren, der Haltung eines Bakteriologen gegenüber einem krankheitserregenden Bazillus. Immer wieder stößt man in den Briefen von Engels an Marx und an ihre gemeinsamen Freunde auf Stellen, in denen er Marx für sein Übermaß an wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit tadelte, das dieser an den Tag legte. Es überrascht daher keineswegs, dass er all seine Arbeit zur Seite legte, um Brentano wütend in die Schranken zu weisen.</p>



<p>Engels trug sich mit dem Gedanken, eine Biographie von Karl Marx zu schreiben. Niemand hätte sie so schreiben können wie er, da es notwendigerweise in einem großen Ausmaß Engels‘ eigene Autobiographie gewesen wäre. Er schreibt an Kautsky: „An diese Arbeit, auf die ich mich seit langem gefreut habe, gehe ich sobald ich irgend kann.“ (S. 382) Engels legt ein Gelübde ab, sich nicht länger ablenken zu lassen: „Ich bin nun 74 Jahre alt – ich muss mich beeilen.“ Noch heute kann man nur mit Bedauern daran denken, dass Engels dieses Projekt nicht umsetzen konnte.</p>



<p>Für das Ölportrait von Marx, das in der Schweiz in Vorbereitung war, lieferte Engels über Kautsky die folgende Farbbeschreibung seines verstorbenen Freundes: „So braun wie nur für einen Südeuropäer möglich, ohne viel Röthe auf den Backen… Schnurrbart pechschwarz mit weißen Härchen aber ohne die geringste Beimischung von Braun, ausgenommen verschoßne Haare, sonst Haar und Bart schneeweiß.“ (S. 149) Diese Beschreibung macht deutlich, warum Marx von seiner Familie und seinem engsten Umfeld den Spitznamen „Mohr“ erhielt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Lehrmeister</h3>



<p>In den ersten beiden Jahren adressierte Engels seinen Briefpartner mit „Lieber Herr Kautsky“ (der Begriff „Genosse“ war damals noch nicht gebräuchlich); nachdem sie sich in London näher kennengelernt hatten verkürzte er die Anrede auf „Lieber Kautsky“; von März 1884 ging er zum Du über, wenn er mit Bernstein und Kautsky schrieb, die beide 25 Jahre jünger als er waren. Kautsky schreibt nicht ohne Grund: „Von 1883 an betrachtete Engels Bernstein und mich als die zuverlässigsten Vertreter der Marxschen Theorie.“ (S. 93) Der Übergang zur Du-Form spiegelt zweifelsohne die wohlwollende Haltung des Lehrers zu seinen Schülern wider. Doch diese äußere Vertrautheit ist kein Beweis für ein tatsächlich inniges Verhältnis: dem stand hauptsächlich die Tatsache entgegen, dass sich Kautsky und Bernstein zu einem beträchtlichen Maße als Spießbürger erwiesen. Während ihres langen Aufenthalts in London unterstützte Engels sie dabei, sich die Marxsche Methode anzueignen. Doch er konnte in ihnen weder die revolutionäre Willenskraft noch die Fähigkeit zu kühnem Denken entfachen. Die Schüler waren und blieben Kinder einer anderen Geisteshaltung.</p>



<p>Marx und Engels waren in der Sturm- und Drang-Epoche zu politischem Leben erwacht, und sie nahmen als ausgereifte Kämpfer an der Revolution von 1848 teil. Kautsky und Bernstein wurden durch die vergleichsweise ruhige Zeitspanne zwischen der von Kriegen und Revolutionen geprägten Epoche der Jahre 1848 und 1871 einerseits und der Epoche zwischen der Russischen Revolution von 1905 und dem Ausbruch des Weltkriegs 1914 andererseits geprägt. Und diese Phase wirkt bis heute nach. Während seines gesamten und langen Lebens gelang es Kautsky all jene Schlussfolgerungen zu umschiffen, die seinen geistigen und physischen Frieden zu stören drohten. Er war kein Revolutionär, und das erwies sich als eine unüberwindbare Barriere, die ihn vom Roten General trennte.</p>



<p>Aber selbst, wenn man davon absieht, waren die beiden viel zu unterschiedlich. Es ist unbestreitbar, dass Engels im persönlichen Kontakt eine noch viel stärkere Wirkung entfaltete: Seine Persönlichkeit war viel reicher und bestechender als alles, was er tat und schrieb. Von Kautsky kann das nicht gesagt werden. Seine besten Bücher sind bei weitem klüger als er es selbst war. Im persönlichen Umgang verlor Kautsky an Gewicht. Es mag dies auch dazu beigetragen haben, dass Rosa Luxemburg, die in unmittelbarer Nachbarschaft von Kautsky wohnte, viel früher als Lenin sein Spießbürgertum erkannte, auch wenn sie, was das politische Verständnis anlangte, mit Lenin nicht mithalten konnte. Aber das bezieht sich alles auf eine weit spätere Phase.</p>



<p>Aus dem Briefwechsel geht eindeutig hervor, dass zwischen dem Lehrer und dem Schüler nicht nur auf dem Gebiet der Politik, sondern auch in der Herangehensweise an die Theorie eine unsichtbare Barriere bestehen blieb. Engels, der generell sehr zurückhaltend war, wenn es um Lob ging, bezog sich manchmal durchaus mit Begeisterung („Ausgezeichnet“) auf die Schriften von Franz Mehring oder Georgi Plechanow; doch bei Kautsky blieb er mit Lob stets sehr sparsam, und man erahnt eine gewisse Gereiztheit in seiner Kritik. Wie schon Marx beim ersten Besuch von Kautsky bei ihm zu Hause, so war auch Engels von der passiven Selbstzufriedenheit des jungen Wieners und dessen Art, so zu tun, als würde er alles wissen, abgestoßen. Wie einfach dieser Antworten auf die komplexesten Fragen fand! Es stimmt, dass auch Engels dazu neigte, übereilt Verallgemeinerungen zu formulieren; doch im Gegenzug hatte er die Flügel und den Blick eines Adlers, und mit den Jahren eignete er sich die kompromisslose wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit, die schon Marx auszeichnete, auch selbst an. Doch Kautsky blieb trotz all seiner Fähigkeiten stets ein Mann der Goldenen Mitte.</p>



<p>„Neun Zehntel der deutschen heutigen Schreiberei ist Schreiberei über andre Schreiberei.“ (S. 139) Mit anderen Worten: Es mangelte an Analysen der lebendigen Realität und an einer fortschrittlichen Bewegung des Denkens. Engels nahm Kautskys Buch zu Fragen der Urgesellschaft zum Anlass, ihm nahezulegen, dass es nur dann möglich sei, auf diesem so breiten und noch zu erhellenden Gebiet etwas wirklich Neues zu sagen, wenn man eine gründliche und erschöpfende Forschung zu diesem Thema betreibt. Und er fügt ziemlich schonungslos hinzu: „Sonst wären Bücher wie Das Kapital viel zahlreicher.“ (S. 85)</p>



<p>Ein Jahr später (am 20. September 1884) rügt Engels Kautsky erneut für dessen „apodiktische Behauptungen auf Gebieten, wo du dich selbst nicht sicher weißt.“ (S. 144) Solche Anmerkungen ziehen sich durch die gesamte Korrespondenz. Indem er Kautsky dafür tadelt, „Abstraktionen“ abzulehnen – ohne die das Denken generell nicht möglich ist – gibt Engels eine klassische Definition, die den Unterschied zwischen einer anregenden und einer leblosen Abstraktion aufzeigt: „Marx faßt in den Dingen und Verhältnissen vorliegenden gemeinsamen Inhalt auf ihren allgemeinsten Gedankenausdruck zusammen, seine Abstraktion gibt also nur in Gedankenform den schon in den Dingen liegenden Inhalt wieder. Rodbertus dagegen macht sich einen solchen mehr oder weniger unvollkommnen Gedankenausdruck, und mißt die Dinge an diesem Begriff, nach dem sie sich richten sollen.“ (S. 144) Neun Zehntel aller Fehler im menschlichen Denken lassen sich auf diese Formel zurückführen. Elf Jahre später übt Engels in seinem letzten Brief an Kautsky Kritik, in dem er ihm zwar gebührende Anerkennung für seine Forschungsarbeit über die Vorläufer des neueren Sozialismus zollt, ihn aber für seinen Hang zum „Gemeinplätzlichen, wo eine Lücke im Studium vorlag“ rügt. „Im Style fällst Du – um populär zu bleiben – bald in den Leitartikel bald in den Schulmeister.“ (S. 388) Man kann die literarischen Angewohnheiten von Kautsky nicht treffender zum Ausdruck bringen!</p>



<p>Er las für gewöhnlich die wichtigsten Artikelentwürfe des sehr produktiven Kautsky und jeder seiner Kritik-Briefe beinhaltet wertvolle Vorschläge, die das Ergebnis ernsthaften Nachdenkens und manchmal auch eigener Forschungsarbeit sind. Kautskys bekanntes Werk „Die Klassengegensätze von 1789“, das in fast alle Sprachen der zivilisierten Menschheit übersetzt wurde, scheint ebenfalls durch das intellektuelle Labor von Engels gegangen zu sein. Sein langer Brief über die sozialen Gruppierungen in der Epoche der großen Revolution des 18. Jahrhunderts – wie auch zur Anwendung der materialistischen Methode auf geschichtliche Ereignisse – gehört zu den großartigsten Dokumenten des menschlichen Geisteslebens. Es handelt sich um einen zu gedrängten Text, und jede darin enthaltene Formel setzt ein viel zu großes Wissen voraus, als dass er weite Verbreitung finden könnte; doch dieses Dokument, das so lange nicht zugänglich war, wird stets nicht nur eine Quelle theoretischer Schulung bleiben, sondern wird auch allen, die sich ernsthaft mit der Dynamik der Klassenbeziehungen in einer revolutionären Epoche sowie mit den generellen Problemen im Zusammenhang mit der materialistischen Interpretation geschichtlicher Ereignisse auseinandersetzen wollen, eine ästhetische Freude bescheren.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kautskys Scheidung und sein Konflikt mit Engels</h3>



<p>Kautsky behauptet – und nicht ohne Hintergedanken, wie wir noch sehen werden – dass sich Engels durch schlechte Menschenkenntnis auszeichnete. Marx war zweifelsohne der bessere „Menschenfischer“. Er konnte weit besser mit den starken und schwachen Seiten anderer Menschen umgehen, was er im Zuge seiner ziemlich schwierigen Arbeit im äußerst heterogenen Generalrat der Ersten Internationale unter Beweis stellte. Aber Engels‘ Korrespondenz ist der unumstößliche Beweis, dass sich sein nicht immer sehr glückliches Verhalten in persönlichen Beziehungen aus seiner stürmischen Direktheit und nicht aus einer mangelnden Menschenkenntnis ergab. Kautsky, der in Fragen der Psychologie selbst sehr kurzsichtig ist, führt als konkretes Beispiel Engels sture Verteidigung von Edward Aveling, dem Lebensgefährten der Marx-Tochter Eleanor, an. Aveling hatte zweifelsohne seine Stärken, die aber nicht auf dem Gebiet des Menschlichen lagen. Vorsichtig, aber sehr nachdrücklich, versucht Kautsky die Ansicht zu verbreiten, dass Engels ihm gegenüber keine psychologische Sensibilität an den Tag legte. Das ist der wahre Grund, warum er Engels Fähigkeit zur Beurteilung von Menschen in Frage stellt.</p>



<p>Sein ganzes Leben lang zeichnete sich Engels durch eine besonders zuvorkommende Haltung gegenüber Frauen aus, da diese doppelt unterdrückt sind. Dieser Weltbürger mit seiner enzyklopädischen Bildung war mit einer einfachen Textilarbeiterin, einem irischen Mädchen, verheiratet. Und nach ihrem Tod lebte er mit ihrer Schwester zusammen. Seine liebevolle Beziehung zu den beiden war wirklich bemerkenswert. Marx‘ unpassende Reaktion auf den Tod von Mary Burns, Engels erster Frau, ließ einen ersten Schatten über ihrer Beziehung aufziehen, doch nach allem, was wir wissen, gab es sonst keine Vorkommnisse, die ihre 40-jährige Freundschaft belasteten. Gegenüber den Töchtern von Marx verhielt sich Engels, als wären sie seine eigenen Kinder. Zu einer Zeit, als Marx, scheinbar nicht ohne Einflussnahme seiner Frau, versuchte, sich in das Gefühlsleben seiner Töchter einzumischen, gab ihm Engels vorsichtig zu verstehen, dass solche Angelegenheiten niemanden etwas angehen, außer die unmittelbar Beteiligten selbst. Engels fühlte sich der jüngsten Tochter von Marx, Eleanor, besonders verbunden. Sie ging mit Aveling eine Beziehung ein; er war ein verheirateter Mann, der seine erste Familie verlassen hatte. Dieser Umstand hatte zur Folge, dass sich rund um das „unrechtmäßige“ Paar die Stickigkeit der wahren britischen Heuchelei breitmachte. Ist es erstaunlich, dass Engels in Verteidigung Eleanors und ihres Partners, dessen moralischer Eigenschaften ungeachtet, ausrückte? Eleanor kämpfte für ihre Liebe zu Aveling, solange sie die Kraft dafür aufbringen konnte. Engels war nicht blind, doch er war der Ansicht, dass die Frage von Avelings Persönlichkeit in erster Linie Eleanor selbst beurteilen müsse. Von seiner Seite sah er es nur als seine Pflicht, sie gegen Heuchelei und üble Gerüchte in Schutz zu nehmen. „Hände weg!“ hielt er den frömmelnden Heuchlern standhaft entgegen. Letztendlich war Eleanor nicht mehr imstande, mit den Schlägen, die ihr das Leben versetzte, fertig zu werden und beging Selbstmord.</p>



<p>Kautsky bezieht sich auch auf die Tatsache, dass Engels Aveling in politischen Angelegenheiten ebenfalls unterstützte. Doch dies lässt sich ganz einfach damit erklären, dass Eleanor, wie auch Aveling, politisch direkt unter seiner Anleitung arbeiteten. Zwar führte diese Aktivität nicht zu den erwünschten Resultaten, doch die Arbeit ihres Gegenspielers Hyndman, den Kautsky weiterhin unterstützte, erlitt ebenfalls Schiffbruch. Die Ursache für das Scheitern dieser ersten marxistischen Organisationsversuche muss in den objektiven Bedingungen im damaligen England gesehen werden, die Engels selbst so treffend dargelegt hat. Engels‘ persönlicher Gegensatz zu Hyndman ergab sich insbesondere aus dessen hartnäckiger Ausdauer, wenn es darum ging, den Namen von Marx zu übergehen, was er damit rechtfertigte, dass die Engländer keine ausländischen Autoritäten akzeptieren würden. Engels jedoch hegte den Verdacht, Hyndman selbst sei „der chauvinistischste John Ball, den es gibt“ (S. 140). Kautsky versucht Engels‘ Vermutung in diesem Punkt zu entkräften, als ob Hyndman durch sein schändliches Verhalten im Krieg – worüber Kautsky kein Wort verliert! – seinen niederträchtigen Chauvinismus nicht offen zur Schau gestellt hätte. Um wie viel klarer sah Engels auch in diesem Fall!</p>



<p>Das wichtigste Beispiel für Engels „Unfähigkeit“ bei der Beurteilung von Menschen bezieht sich auf Kautskys eigenes Privatleben. In dem nun veröffentlichten Briefwechsel nimmt das Thema von Kautskys Scheidung von seiner ersten Frau einen beachtlichen, wenn nicht den zentralen Platz ein. Dieser heikle Umstand war zweifelsohne ausschlaggebend dafür, dass Kautsky so lange die alten Briefe nicht öffentlich gemacht hatte.<br>Das junge Ehepaar Kautsky lebte mehr als sechs Jahre in London in ständiger und ungetrübter Gemeinschaft mit Engels und seinem familiären Umfeld. Den General hat es wortwörtlich umgehauen, als er fast unmittelbar nach deren Ankunft auf dem Kontinent die Nachricht vom Scheidungsverfahren von Karl und Louise Kautsky erhielt. Die engsten Freunde wurden nun wohl oder übel zu den moralischen Schiedsrichtern in diesem Konflikt. Engels stellte sich umgehend und bedingungslos auf Louises Seite und blieb bis zu seinem Tod bei dieser Position.</p>



<p>In einem Brief von 17. Oktober 1888 schrieb Engels eine Antwort an Kautsky: „Wenn nun eine Störung so bedeutend war… daß du ernstlich die Absicht der Trennung faßtest, so war nach meiner Ansicht nach zu erwägen die Verschiedenheit der Lage von Frau und Mann unter den heutigen Verhältnissen… Daraus folgt, daß der Mann nur im äußersten Fall, nur nach reifer Überlegung, nur in vollster Klarheit über die Notwendigkeit der Sache diesen äußersten Schritt tun darf, und dann auch nur in der rücksichtsvollsten Form.“ (S. 227) Aus dem Munde von Engels, der sich bewusst war, dass Herzensangelegenheiten nur die unmittelbar Betroffenen etwas angehen, klingen diese Worte wie eine unerwartete Moralpredigt. Es ist aber kein Zufall, dass er diese Sätze an Kautsky richtet. Wir sind nicht in der Lage, diesen Ehekonflikt zu analysieren, von dem wir auch nicht alle Seiten kennen. Kautsky selbst ist äußerst zurückhaltend mit Informationen über diese familiäre Angelegenheit, die schon so lange zurückliegt. Aus seinen zugeknöpften Kommentaren muss man aber schließen, dass Engels seinen Standpunkt unter dem einseitigen Einfluss von Louise entwickelte. Doch woher stammte dieser Einfluss? Während der Scheidung blieben beide Seiten in Österreich. Wie im Falle Eleanors weicht Kautsky offensichtlich dem Kern der Sache aus. Seinem ganzen Zugang nach dürfte Engels – bei ansonsten gleichwertigen Umständen – dazu tendiert haben, sich auf die Seite des Benachteiligten zu stellen. Doch es ist offensichtlich, dass in seinen Augen nicht „alle übrigen Umstände“ gleich waren. Dass Louise überhaupt die Möglichkeit gehabt hätte, ihn zu beeinflussen, spricht schon für sie. Auf der anderen Seite gab es in Kautskys Persönlichkeit viele Züge, die Engels ganz klar abstoßend fand. Darüber konnte er still hinwegsehen, solange ihre Beziehung rein auf Fragen der Theorie und der Politik beschränkt blieb. Nachdem er jedoch auf Initiative von Kautsky selbst in diesen persönlichen Streitfall hineingezogen wurde, sprach er offen aus, was er darüber dachte. Die Standpunkte eines Menschen und seine Moral sind, wie wir nur zu gut wissen, nicht immer identisch. In Kautsky, dem Marxisten, erahnte Engels den Wiener Kleinbürger, selbstzufrieden, egoistisch und konservativ. Einer der wichtigsten Maßstäbe für die Persönlichkeit eines Mannes ist seine Haltung gegenüber Frauen. Engels war ganz offensichtlich der Meinung, dass der Marxist Kautsky auf diesem Gebiet noch immer gewisse Gebote bürgerlichen Humanismus nötig hatte. Unabhängig davon, ob Engels richtig oder falsch lag, liegt genau darin die Erklärung für seine Haltung.</p>



<p>Im September 1889, als die Scheidung bereits vollzogen war, schrieb Kautsky, ganz offensichtlich mit dem Wunsch zu zeigen, dass er doch nicht so hartherzig und egoistisch ist, achtlos an Engels, dass er Louise „bedauert“. Doch es war genau dieses Wort, mit dem er sich einen Ausbruch der Empörung einhandelte. Der zornige General donnerte in seiner Antwort: „Louise hat sich in dieser ganzen Sache mit einem solchen Heroismus und einer solchen Weiblichkeit benommen, daß wir alle sie nicht genug bewundern können. Wenn in dieser Angelegenheit überhaupt jemand zu bedauern wäre, so wäre es sicher nicht Louise.“ (S. 248) Diese schonungslosen Worte, die auf eine etwas versöhnlichere Feststellung folgt („Ihr Zwei seid allein kompetent und was Ihr gutheißt, müssen wir Andern acceptiren.“) liefern den Schlüssel zu Engels Haltung in dieser Frage und werfen ein gutes Licht auf seine Persönlichkeit.</p>



<p>Das Scheidungsverfahren zog sich eine ganze Weile lang, so dass sich Kautsky gezwungen sah, ein ganzes Jahr in Wien zu verbringen. Bei seiner Rückkehr nach London im Herbst 1889 wurde er von Engels nicht mehr so herzlich empfangen, wie er es von früher gewohnt war. Außerdem lud Engels fast schon demonstrativ Louise ein, seinen Haushalt zu führen, nachdem dieser seit dem Tod von Helene Demuth verwaist war. Louise heiratete bald darauf ein zweites Mal und lebte mit ihrem Ehemann im Haus von Engels. Schließlich bestimmte Engels Louise zu einer seiner Erbinnen. Der General war nicht nur großherzig, sondern auch unnachgiebig. Am 21. Mai 1895, zehn Wochen vor seinem Tod, schrieb Engels von seinem Krankenbett aus einen Brief an Kautsky, der von seinem Ton her äußerst gereizt und voller unwirscher Vorhaltungen ist. Kautsky schwört, dass diese Vorwürfe zur Gänze unbegründet waren. Mag sein. Doch er erhielt keine Antwort auf seinen Versuch, die Verdächtigungen des alten Manns zu zerstreuen. Am 6. August starb Engels. Kautsky versucht den für ihn so tragischen Bruch zwischen den beiden mit der krankheitsbedingten Gereiztheit seines Lehrmeisters zu erklären. Abseits von den wütenden Vorhaltungen enthält Engels Brief jedoch auch Bewertungen komplexer historischer Fragen, eine wohlwollende Beurteilung von Kautskys letzter wissenschaftlicher Arbeit und lässt generell auf einen äußerst hellen Geisteszustand schließen. Nebenbei bemerkt wissen wir von Kautsky selbst, dass schon sieben Jahre vor dem Bruch ein Wandel in der Beziehung zwischen den beiden erfolgt war, und dass dies in einer Form passierte, die keinen Interpretationsspielraum offen ließ.</p>



<p>Im Januar 1889 hatte es Engels noch immer ernsthaft in Betracht gezogen, Kautsky und Bernstein zu seinen und Marx‘ Nachlassverwaltern zu ernennen. Bald darauf ging er jedoch von dieser Idee ab, was zumindest Kautsky betraf. Er fragte, offensichtlich unter einem Vorwand, ob Kautsky ihm die bereits für die Entzifferung und Transkription übergebenen Manuskripte (Theorien über den Mehrwert) zurückgeben könne. Das passierte im selben Jahr, 1889, als noch kein Gerede von einer krankhaften Gereiztheit war. Wir können nur mutmaßen, aus welchen Gründen Engels Kautsky von der Liste der Nachlassverwalter nahm; doch sie ergeben sich fast zwingend aus den Umständen dieses Falls. Engels selbst sah, wie wir wissen, die Veröffentlichung von Marx‘ literarischem Nachlass als wichtigste Aufgabe seines Lebens. Es gibt keinerlei Anzeichen für eine ähnliche Haltung bei Kautsky. Der junge und sehr produktive Schreiber war zu sehr mit seiner eigenen Arbeit beschäftigt, um den Manuskripten von Marx die Aufmerksamkeit zu schenken, die Engels verlangte. Vielleicht hatte der alte Mann die Sorge, dass der produktive Kautsky, bewusst oder unbewusst, einige von Marx‘ Ideen als seine eigenen „Entdeckungen“ verkaufen könnte. Das ist die einzig sinnvolle Erklärung, warum Kautsky durch Bebel ersetzt wurde. Letzterer war von seinem theoretischen Verständnis zwar weit weniger qualifiziert, aber er genoss im Gegensatz zu Kautsky das volle Vertrauen von Engels.</p>



<p>Während wir bislang von Kautsky gehört haben, dass Engels im Gegensatz zu Marx ein schlechter Psychologe war, unterzieht er an einer anderen Stelle seiner Kommentare beide seine Meister dieser Kritik. Er schreibt: „Große Menschenkenner scheinen beide nicht gewesen zu sein.“ (S. 44) Diese Feststellung scheint nicht sehr glaubwürdig, wenn wir uns in Erinnerung rufen, wie reichhaltig und unvergleichlich präzise die persönlichen Charakterisierungen nicht nur in den Briefen von Marx, sondern auch im Kapital sind. Man kann durchaus sagen, dass Marx imstande war, aus einzelnen Charakterzügen auf die Persönlichkeit eines Menschen zu schließen, so wie Cuvier aus einem einzelnen Kieferknochen ein Tier zu rekonstruieren vermochte. Wenn Marx 1852 den ungarisch-preußischen Provokateur Banya nicht durchschaute – das einzige Beispiel, auf das sich Kautsky bezieht! – ist es lediglich ein Beweis dafür, dass Marx weder ein Hellseher noch ein Hexenmeister war, sondern auch Fehler bei der Einschätzung von Menschen machte, speziell von jenen, die eher zufällig die Bühne betraten. Mit dieser Behauptung versucht Kautsky ganz offensichtlich Marx‘ unvorteilhafter Aussage nach deren erstem und letztem Zusammentreffen zuvorzukommen. Kautsky widerspricht sich selbst, wenn er zwei Seiten später schreibt: „[Dass] Marx die Kunst der Menschenbehandlung sehr gut verstand, zeigte er wohl am glänzendsten im Generalrat der ‚Internationale‘.“ (S. 46) Eine Frage bleibt jedoch: Wie kann jemand einen „glänzenden“ Umgang mit Menschen haben, ohne die Fähigkeit zu besitzen, deren Persönlichkeit zu ergründen? Wie kann man da nicht zu dem Schluss kommen, dass Kautsky Argumente sucht, die ihm erlauben, eine negative Bilanz aus seinem Verhältnis zu seinen Lehrern zu ziehen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Einschätzungen und Prognosen</h3>



<p>Die Briefe von Engels sind reich an Charakterisierungen verschiedener Persönlichkeiten und an prägnanten Einschätzungen von weltpolitischen Ereignissen. Wir werden uns auf einige wenige Beispiele beschränken. „Der paradoxe Belletrist Shaw – als Belletrist sehr talentiert und witzig – als Ökonom und Politiker absolut unbrauchbar.“ (S. 338) Diese Bemerkung aus dem Jahr 1892 hat bis heute seine ganze Aussagekraft bewahrt.</p>



<p>Der bekannte Journalist V. T. Stead wird als „ein ganz verrückter Kerl, aber brillanter Geschäftsmann“ charakterisiert. Zu Sydney Webb merkt Engels kurz und bündig an, dass er „ein echter Britischer politician“ ist. Das war der herbste Begriff in Engels Wortschatz.</p>



<p>Im Januar 1889 schrieb Engels in der Hitze der Wahlkampagne von Boulanger: „Die Wahl Boulangers bringt die Lage in Frankreich zur Krisis. Die Radikalen haben sich zu Knechten des Opportunismus und der Korruption gemacht und damit den Boulangerismus förmlich gezüchtet.“ (S. 231) Diese Worte erscheinen erstaunlich aktuell – man muss nur anstelle von Boulangerismus Faschismus schreiben.</p>



<p>Engels geißelt die Theorie einer „evolutionären“ Transformation vom Kapitalismus zum Sozialismus als das „das frischfrommfröhlichfreie ‚Hineinwachsen‘ der alten Sauerei ‚in die sozialistische Gesellschaft‘“ (MEW, bd. 38, S. 125). Diese epigrammatische Formel greift der Kontroverse voraus, die viele Jahre später in der Arbeiterbewegung geführt werden sollte.</p>



<p>In demselben Brief zerreißt Engels die Rede des sozialdemokratischen Abgeordneten Vollmar: „Vollmars Rede mit ihrem ganz überflüssigen Entgegenkommen gegen die jetzigen Offiziellen und ihren noch überflüssigeren und obendrein unautorisierten Versicherungen, die Sozialdemokraten würden mitmachen, wenn das Vaterland angegriffen würde – würden also die Annexion von Elsaß-Lothringen Verteidigen helfen –, hat hier und in Frankreich bei unsern Gegnern helle Freude erregt.“ (MEW, Bd. 38, S. 126) Engels verlangte, dass sich die führenden Zeitungen der Partei öffentlich von Vollmar distanzieren. Während des Großen Krieges, als die Sozialpatrioten Engels Namen auf jede nur erdenkliche Weise missbrauchten, kam es Kautsky nie in den Sinn, diese Zeilen zu veröffentlichen. Warum sich groß Gedanken machen? Der Krieg sorgte auch so für genügend Kummer.</p>



<p>Am 1. April 1895 protestierte Engels gegen die Art und Weise, wie im Vorwärts, dem Zentralorgan der Partei, sein Vorwort zu Marx‘ Klassenkämpfe in Frankreich ausgelegt wurde. Durch Auslassungen sei der Artikel derart verzerrt worden, schäumte Engels, „daß ich als friedfertiger Anbeter der Gesetzlichkeit quand même (unter allen Umständen, Anm.) dastehe.“ (MEW, Bd. 39, S. 452) Er verlangt, dass dieser „schmähliche Eindruck“ (S. 383) – koste es, was es wolle – beseitigt wird. Engels, der zu dem Zeitpunkt auf seinen 75. Geburtstag zuging, war ganz offensichtlich noch nicht bereit, dem revolutionären Enthusiasmus seiner Jugend abzuschwören.</p>



<p>Wenn man über all die Fehleinschätzungen von Engels in Bezug auf andere Personen spricht, dann sollte man als Beispiele nicht Aveling, den Schmutzfink in persönlichen Angelegenheiten, oder den Spion Banya anführen, sondern die herausragenden Führer des Sozialismus: Victor Adler, Guesde, Bernstein, Kautsky selbst und viele andere. Sie alle haben ohne Ausnahme seine Erwartungen verraten – auch wenn wir klar sagen müssen, dass dies erst nach seinem Tod passierte. Doch genau die Tatsache, dass dieser Fehler so allumfassend war, ist der Beweis, dass es sich hierbei nicht um Probleme der individuellen Psychologie handelte.</p>



<p>1884 schrieb Engels mit Bezug auf die deutsche Sozialdemokratie, die schnelle Erfolge erzielte, dass sie eine Partei sei, die „frei von allem Philisterthum im philiströsesten, frei von allem Chauvinismus im siegestrunkensten Land Europas“ (S. 154) war. Der weitere Lauf der Dinge zeigte, dass sich Engels die zukünftige revolutionäre Entwicklung zu sehr als geradlinigen Prozess vorgestellt hatte. Vor allem hat er den kraftvollen kapitalistischen Aufschwung, der unmittelbar nach seinem Tod einsetzte und bis zum Vorabend des imperialistischen Krieges andauerte, nicht vorhergesehen. Es war genau in diesen 15 Jahren wirtschaftlicher Hochblüte, in denen die vollständige opportunistische Degeneration der führenden Kreise der Arbeiterbewegung vonstattenging. Diese Degeneration zeigte sich im Krieg in vollem Ausmaß, und in letzter Instanz führte sie zur schändlichen Kapitulation vor dem Nationalsozialismus.</p>



<p>Kautsky zufolge war Engels schon damals, in den 1880er Jahren, angeblich der Meinung, die deutsche Revolution „werde zuerst die bürgerliche Demokratie ans Ruder bringen und dann erst die Sozialdemokratie“. Im Gegensatz dazu schrieb Kautsky: „Ich nehme an, die nächste deutsche Revolution könne nur noch eine proletarische sein.“ (S. 190) Das Bemerkenswerte in Verbindung zu dieser alten Meinungsdifferenz, die kaum jemals korrekt wiedergegeben wurde, ist, dass Kautsky es nicht schafft, überhaupt die Frage aufzuwerfen, was die deutsche Revolution von 1918 wirklich war. Denn in diesem Fall müsste er sagen: Diese Revolution war eine proletarische Revolution; sie legte unmittelbar die Macht in die Hände der Sozialdemokratie; doch die Sozialdemokratie gab die Macht, mit der Unterstützung von Kautsky selbst, der Bourgeoisie zurück. Diese war jedoch unfähig, die Macht auszuüben und musste Hitler zu Hilfe rufen.</p>



<p>Die historische Wirklichkeit ist unendlich reicher an Optionen und Übergangsstadien, als es das größte Genie sich vorstellen könnte. Der Wert politischer Prognosen liegt nicht darin, dass diese mit jeder Stufe der Wirklichkeit übereinstimmen, sondern darin, dass sie eine Hilfestellung bieten, den wahren Lauf der Entwicklung zu verstehen. Von diesem Standpunkt aus hat Friedrich Engels den Test der Geschichte bestanden.</p>
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		<title>Friedrich Engels – Leben und Ideen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Adam Booth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 09 Aug 2020 00:40:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Neben Karl Marx war Friedrich Engels einer der Gründerväter des „wissenschaftlichen Sozialismu, also der theoretischen Ideen, die heute allgemein als Marxismus bekannt sind. Am 28. November 2020 feiern wir seinen [&#8230;]</p>
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<p>Neben Karl Marx war Friedrich Engels einer der Gründerväter des „wissenschaftlichen Sozialismu, also der theoretischen Ideen, die heute allgemein als Marxismus bekannt sind. Am 28. November 2020 feiern wir seinen 200. Geburtstag.</p>



<p>Die enge Zusammenarbeit zwischen Marx und Engels dauerte etwa 40 Jahre. Sowohl im Leben als auch im Tod stand Engels jedoch immer im Schatten des unbestreitbaren Genies Marx. Engels wird oft – etwas zu Unrecht – als zweite Geige nach Marx angesehen. Selbst Engels nährte diese Ansicht häufig.</p>



<p>In der Tat war Engels äußerst zurückhaltend und bescheiden und betonte stets die wichtige Rolle von Marx gegenüber seiner eigenen. „Was ich beigetragen habe – jedenfalls mit Ausnahme meiner Arbeit auf einigen Spezialgebieten &#8211; hätte Marx sehr wohl auch ohne mich tun können“, schrieb Engels.</p>



<p>„Was Marx geleistet, hätte ich nicht fertiggebracht. Marx stand höher, sah weiter, überblickte mehr und rascher als wir andern alle. Marx war ein Genie, wir andern höchstens Talente. Ohne ihn wäre die Theorie heute bei weitem nicht das, was sie ist. Sie trägt daher auch mit Recht seinen Namen.“ (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21, S.291)</p>



<p>Trotz dieser Bescheidenheit ist es unbestreitbar, dass Engels einen umfassenden und herausragenden Beitrag zur marxistischen Theorie geleistet hat, und zwar nicht nur „auf einigen wenigen Spezialgebieten“. Seine fruchtbare Zusammenarbeit mit Marx war alles andere als einseitig.</p>



<p>In seinem Tagebuch im Exil unterstrich Leo Trotzki diesen Punkt:</p>



<p>„In der Reihe der großen Männer ist Engels ohne Zweifel eine der lautersten, in sich geschlossensten und in ihrem Wesen edelsten Persönlichkeiten. &#8230; Das Christentum hat die Gestalt Christi geschaffen, um den ungreifbaren Gott Zebaoth zu vermenschlichen und ihn den Sterblichen näher zu bringen. Neben dem Olympier Marx erscheint Engels menschlicher, näher. Wie sie sich gegenseitig ergänzen; vielmehr: wie bewusst ergänzt doch Engels durch sich selbst Marx; und wie er sich im Laufe seines ganzen Lebens in der Ergänzung Marxens verzehrt! Darin erblickt er seine Lebensbestimmung, darin findet er Genugtuung – ohne die geringste Spur eines persönlichen Opfers –, stets sich selbst treu, stets lebensbejahend, stets seinem Milieu und seiner Zeit überlegen, inmitten schier grenzenloser geistiger Interessen, Hüter des echten Funkens der Genialität in der nie erkaltenden Glut des Gedankens.</p>



<p>Vor dem Hintergrund des alltäglichen Lebens gewinnt die Gestalt von Engels an Marxens Seite ungemein an Wert (wobei die Persönlichkeit von Marx nicht das geringste einbüßt). Ich entsinne mich, Lenin einmal n, dass im Gesamtbild seines Verhältnisses zu dem Titanen Marx der treue Fred nicht nur nichts einbüßt, sondern eher gewinnt. Lenin stimmte diesem Gedanken mit größter Lebhaftigkeit, ja, ich möchte sagen, mit Genuss zu: er empfand eine heiße Liebe für Engels, gerade wegen dessen Charaktergeschlossenheit und vielschichtiger Menschlichkeit nach der Lektüre des Marx-Engelsschen Briefwechsels, in meinem Frontzuge meine Begeisterung für die Persönlichkeit von Engels gerade in dem Sinne ausgedrückt zu habe.“ (Leo Trotzki, Tagebuch in Exil, Köln-Berlin 1958)</p>



<h3 class="wp-block-heading">Theoretischer Riese</h3>



<p>In den Geschichtsbüchern wird Engels oft einfach als der philanthropische Wohltäter von Marx bezeichnet. Zwar trugen Engels&#8216; finanzielle Beiträge (die aus dem Reichtum der Textilindustrie seiner bürgerlichen Familie stammten) wesentlich dazu bei, dass Marx seine Lebenszeit dem Schreiben widmen konnte. Aber infolgedessen werden Engels&#8216; eigene wichtige politische Beiträge zu den Ideen des Marxismus oft übersehen.</p>



<p>In Wahrheit war Engels selbst ein theoretischer Riese. Er war wahrscheinlich der am weitesten und besten ausgebildete Mann seiner Zeit und hatte einen enzyklopädischen Geist. Er verfügte nicht nur über profunde Kenntnisse in Wirtschaft und Geschichte, sondern auch über ein brennendes Interesse an Philosophie, Wissenschaft, Literatur und sogar an militärischen Taktiken.</p>



<p>In einigen akademischen Kreisen ist es Mode, politische Unterschiede zwischen Marx und Engels hervorzuheben. Die umfangreiche Korrespondenz zwischen den beiden lebenslangen Freunden zeigt jedoch die Untrennbarkeit ihrer Verbindung. Ihre zahlreichen gemeinsam verfassten Titel sind ein weiterer Beweis für ihren enge politischen Zusammenhalt. Zwar waren die beiden deutschen Sozialisten bei ihrem ersten Treffen 1842 nicht voneinander beeindruckt. Aber ihr Respekt füreinander wuchs mit der Zeit.</p>



<p>Marx wurde erstmals durch die 1845 erschienenen Schriften über „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ auf Engels&#8216; Talente aufmerksam. Diese Artikelserie basierte auf Engels&#8216; Beobachtungen des Arbeiterlebens in der geschäftigen Industriemetropole Manchester, wo sich die Textilfabrik seiner Familie befand. Die von Engels zusammengetragenen Beobachtungen waren prägend für die Gestaltung von Marx&#8216; eigenen Vorstellungen über die revolutionäre Rolle der Arbeiterklasse.</p>



<p>Ihre Verbindung beruhte vor allem auf einem gemeinsamen Verständnis der Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Herangehensweise an die Fragen von Geschichte, Gesellschaft und Wirtschaft.</p>



<p>Marx und Engels waren in der Tat unabhängig voneinander zu diesem Schluss gekommen. Beide waren desillusioniert über die Sackgasse der zeitgenössischen Philosophie, die von radikalen Gruppen der damaligen Zeit, wie den Junghegelianern, dargestellt wurde. Es war dieses gegenseitige Gefühl der Unzufriedenheit mit ihren intellektuellen Altersgenossen, das zu ihrer frühen gemeinsamen Kritik in „Die Heilige Familie“ und „Die deutsche Ideologie“ führte.</p>



<p>Insbesondere das letztere Werk – 1846 als eine Reihe unvollendeter Manuskripte verfasst, aber zu Lebzeiten von Marx und Engels noch nicht veröffentlicht – diente dazu, die Grundlage ihrer gemeinsamen philosophischen Ideen zu umreißen und den theoretischen Rahmen ihrer revolutionären Weltanschauung festzulegen: den historischen Materialismus. Dies wiederum bildete die Grundlage für künftige gemeinsame Anstrengungen &#8211; am bekanntesten ist das „Manifest der Kommunistischen Partei“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wissenschaftlicher Sozialismus</h3>



<p>Das Manifest wurde 1848 für den Bund der Kommunisten geschrieben, der zuvor unter dem Namen Bund der Gerechten bekannt war, aber auf Drängen von Marx und Engels umbenannt wurde. Dabei handelte es sich um eine Gruppe vorwiegend deutscher Emigranten, die ihre kommunistischen Landsleute Marx und Engels beauftragten, das Gründungsprogramm ihrer Partei zu verfassen.</p>



<p>Engels verfasste den ersten Entwurf des Manifests in Form einer Reihe von Fragen und Antworten mit dem Titel „Grundsätze des Kommunismus“. Dieser wurde dann von den beiden zu jenem historischen Dokument umgearbeitet, das heute in der ganzen Welt für seinen berühmten Schlachtruf bekannt ist: Proletarier aller Länder, vereinigt euch!</p>



<p>Die einleitenden Zeilen des Manifests – „Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus“ &#8211; heben auch die revolutionären Ereignisse zu Lebzeiten von Marx und Engels hervor, die das Denken der beiden Männer eindeutig tiefgreifend beeinflusst haben.</p>



<p>Die Französische Revolution hatte eine Fülle von sozialistischen Bewegungen hervorgebracht. Diese waren jedoch im Allgemeinen utopischer Natur und sahen im Sozialismus lediglich eine „große Idee“, die von „großen Männern“ erkämpft werden müsse.</p>



<p>Im Gegensatz zu diesem Idealismus versuchten Marx und Engels, eine materialistische Grundlage für die Bewegung der Arbeiterklasse zu schaffen; daher ihre eigene Beschreibung ihrer Ideen als „wissenschaftlicher Sozialismus“. Sie erklärten, dass der Sozialismus keine ahistorische Blaupause für die Gesellschaft sei, sondern ein System sozioökonomischer Beziehungen. Dieses System wiederum erfordert bestimmte materielle Voraussetzungen – die Entwicklung von Großindustrie und Monopolen; eine starke Arbeiterklasse; die Vernetzung des Weltmarkts – damit es entstehen und gedeihen kann.</p>



<p>Vor allem identifizierten Marx und Engels die Träger dieses revolutionären Wandels: die organisierte Arbeiterklasse – die „Totengräber“ des Kapitalismus. Dieses radikale Potenzial der Arbeiterklasse konnte in den gewaltigen Bewegungen gesehen werden, die Europa zu dieser Zeit erschütterten: von den Chartisten in Großbritannien bis zu den Revolutionen, die 1848 über den Kontinent fegten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Theorie und Aktion</h3>



<p>Aber die Begründer des Marxismus waren nicht bloße Beobachter solcher Ereignisse. Vielmehr widmeten sie ihr Leben dem Aufbau einer revolutionären Organisation, die in der Lage war, die Arbeiterklasse zum Sieg zu führen. Deshalb waren die beiden 1864 tatkräftig bei der Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA) beteiligt, die im Nachhinein als Erste Internationale bezeichnet wurde.</p>



<p>Die Internationale war ein vielfältiger Flickenteppich von Organisationen der Arbeiterklasse und linken Gruppen, darunter auch utopische Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten. Aber trotz der ideologischen Verwirrung innerhalb der IAA sahen Marx und Engels die Schaffung der Internationale als einen enormen Fortschritt für die Arbeiterklasse an. Ähnliches erklärten sie später in ihrer „Kritik des Gothaer Programms“, dem politischen Dokument, das 1875 von der im Entstehen begriffenen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands angenommen wurde: „Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme.“</p>



<p>Dennoch machten Marx und Engels es sich zum Ziel, ideologische Klarheit in die internationale Arbeiterbewegung zu bringen und die Bewegung auf ein festes theoretisches Fundament zu stellen. Aus diesem Grund widmeten sowohl Marx als auch Engels einen Großteil ihrer Zeit und Energie der Korrespondenz mit anderen führenden politischen Persönlichkeiten und – was am wichtigsten ist – der Erstellung wichtiger Werke der marxistischen Theorie.</p>



<p>Dieser Prozess der politischen Klärung bedeutet jedoch auch heftige Kämpfe und Auseinandersetzungen – vor allem mit Bakunin und den Anarchisten, die mit ihren Intrigen versuchten, die Internationale zu untergraben.</p>



<p>Nach der Niederlage der Pariser Kommune 1871 und angesichts des destruktiven Verhaltens der Anarchisten setzten sich Marx und Engels für die Auflösung der Ersten Internationale ein und lenkten ihre Aufmerksamkeit auf andere Bereiche. Aber ihre Bemühungen waren nicht vergeblich. Vielmehr kann dieser gescheiterte Versuch, eine internationale revolutionäre Organisation zu schaffen, rückblickend als der Auftakt zur Gründung von Massenparteien der Arbeiterklasse auf der Grundlage marxistischer Ideen angesehen werden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Dialektik der Natur</h3>



<p>Engels war seiner Zeit weit voraus, insbesondere was die Frage der“ Wissenschaft betraf. Er sah in den Vorgängen in der Natur eine Bestätigung der Gesetze der Dialektik. „Nicht in der geträumten Unabhängigkeit von den Naturgesetzen liegt die Freiheit, sondern in der Erkenntnis dieser Gesetze, und in der damit gegebnen Möglichkeit, sie planmäßig zu bestimmten Zwecken wirken zu lassen“, schrieb Engels. Eines seiner wichtigsten Werke war in dieser Hinsicht ein unvollendetes: seine Sammlung von Notizen, die später in der Dialektik der Natur zusammengestellt wurden. Diese waren ein Versuch, die Naturwissenschaften insgesamt vom materialistischen Standpunkt aus zu begreifen.</p>



<p>Es liegt auf der Hand, dass ein Großteil von Engels&#8216; Analysen zu wissenschaftlichen Fragen durch das Wissen, die Daten und die Theorien der damaligen Zeit begrenzt war. So verwendet er zum Beispiel Wörter wie „Kraft“, „Bewegung“ und „Vis-Viva“, während wir heute von Energie sprechen würden. An anderer Stelle spricht er von „eiweißhaltigen Körpern“, während wir heute von DNA-, RNA- und Proteinmolekülen sprechen würden.</p>



<p>Wichtig sind jedoch nicht so sehr die konkreten Schlussfolgerungen oder Hypothesen, zu denen Engels gelangte, sondern die dialektische und materialistische Analysemethode, die er anwandte, um die ungelösten wissenschaftlichen Theorien seiner Zeit herauszuarbeiten.</p>



<p>Tatsächlich ist es nicht überraschend, dass es in Engels&#8216; Werk Fehler gibt, sondern dass sich seine Ideen im Großen und Ganzen über die Zeit bewährt haben. Allein diese Tatsache zeigt die Richtigkeit der dialektischen Ideen, die Engels wie folgt beschrieb: „Die Dialektik ist aber weiter nichts als die Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des Denkens.“ (Friedrich Engels, MEW 20, S.131)</p>



<h3 class="wp-block-heading">Evolution und Arbeit</h3>



<p>In der Tat war Engels durch die Anwendung der marxistischen philosophischen Methode auf die wissenschaftlichen Probleme der damaligen Zeit sogar in der Lage, viele der späteren Entwicklungen und Entdeckungen der Naturwissenschaft brillant vorherzusehen.<br>Zum Beispiel zeigte Engels in seinem Aufsatz „Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ die wichtige Rolle der Hand und der Werkzeuge bei der Evolution unserer Spezies auf. Spätere Evolutionsbiologen – geblendet von dem Idealismus, der im Kapitalismus und in der Klassengesellschaft einen Großteil der Wissenschaft durchdringt – glaubten an das Konzept des „zerebralen Primats“ – also die Annahme, dass das menschliche Gehirn zuerst größer geworden sei und erst dann die Menschen in der Lage waren, komplexere Aufgaben zu erfüllen, die sie von anderen Spezies unterschieden.</p>



<p>Tatsächlich aber betonte Engels, dass die Vergrößerung des Gehirns – und die größere Intelligenz – unserer Vorfahren keine zufällige oder unabhängige Ursache ist. Vielmehr ist diese evolutionäre Entwicklung ein Produkt der verstärkten Interaktion zwischen dem Menschen und seiner Umwelt, die durch die Zweifüßigkeit, eine aufrechte Körperhaltung und die anschließende Befreiung der Hände möglich wurde.</p>



<p>In ähnlicher Weise stellte Engels fest, dass die soziale Interaktion im Prozess der primitiven Produktion zur Entwicklung der Sprache führte. Dies wiederum verschaffte den frühen Menschen die Fähigkeit, komplexere Denkprozesse und höhere Bewusstseinsebenen zu bilden, die Abstraktion, Verallgemeinerung und Zukunftsplanung beinhalten.</p>



<p>Diese unglaublichen Erkenntnisse über die Frage der menschlichen Evolution wurden damals weitgehend ignoriert. Aber sie wurden durch neuere Entdeckungen bestätigt, wobei moderne Paläontologen wie der verstorbene Stephen Jay Gould verkündeten, dass sich Wissenschaftler auf diesem Gebiet eine beträchtliche Menge an vergeudeter Zeit hätten sparen können, wenn sie von Anfang an auf Engels gehört hätten.</p>



<p>An anderer Stelle, in „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“, wandte Engels die marxistische Methode des historischen Materialismus auf neue anthropologische Nachweise der frühen menschlichen Gesellschaften an. Auf diese Weise gelang es ihm, den Schleier des Geheimnisses der modernen Klassengesellschaft zu lüften und unter anderem zu erklären, wie die Unterdrückung der Frau entstanden war.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kämpfer und Lehrer</h3>



<p>Das wohl bedeutendste Werk Engels&#8216; war jedoch seine Antwort an den akademischen Philosophen Eugen Dühring, der arrogant seine eigene „große Theorie“ als Widerlegung des Marxismus geschrieben hatte. Leider fanden Dührings Ideen bei einigen deutschen Sozialdemokraten ein Echo. Marx selbst war zu sehr mit der Arbeit am „Kapital“ beschäftigt, um auf Dührings Verzerrungen zu antworten. Es blieb daher Engels überlassen, die Dinge richtig zu stellen. Dies tat er mit Bravour, indem er dessen Polemik zum Anlass nahm, die Grundprinzipien des wissenschaftlichen Sozialismus zu präzisieren und hervorragend zu erklären.</p>



<p>In Anti-Dühring kehrt Engels zur Frage der Dialektik der Natur zurück und zeigt an wissenschaftlichen Beispielen die Richtigkeit eines dialektischen und materialistischen Ansatzes im Gegensatz zum Idealismus und den formalistischen Schemata seines Gegners Dühring auf.<br>Auch hier sind viele seiner Kommentare eine erstaunliche Vorwegnahme von Problemen, die moderne Wissenschaftler beschäftigen – insbesondere seine Ausführungen über das Konzept der Unendlichkeit in Bezug auf Materie und Bewegung und warum es unsinnig ist, von einem „Anfang der Zeit“ zu sprechen. Die heutigen Kosmologen, die sich an das widersprüchliche „Urknall“-Modell des Universums klammern, könnten sich mit der Lektüre dieser Kapitel von Engels einen großen Gefallen tun.<br>Nach dem Tod seines engen Freundes Marx im Jahre 1883 setzte Engels dessen politische Arbeit fort – sowohl theoretisch als auch organisatorisch. Wichtig war, dass er die umfangreiche Sammlung von Notizen zur Ökonomie redigierte und zusammenstellte, die Marx hinterlassen hatte und die Bände zwei und drei von Das Kapital bildeten.</p>



<p>Aus all diesen Gründen – und mehr noch – schrieb der junge russische Revolutionär Wladimir Lenin, als er 1895 vom Tode Friedrich Engels&#8216; erfuhr:</p>



<p>&#8222;Der Name und das Leben von Engels sollte jedem Arbeiter bekannt sein&#8230; Vor allem lehrte er die Arbeiterklasse, sich selbst zu kennen und sich ihrer selbst bewusst zu sein, indem er die Wissenschaft an die Stelle der Träume setzte&#8230; Lasst uns stets das Andenken an Friedrich Engels ehren – einen großen Kämpfer und Lehrer des Proletariats!“</p>



<p><strong>Zum Weiterlesen:</strong></p>



<p>Friedrich Engels:&nbsp;<a href="https://www.youtube.com/watch?v=Qr2VHp37Z5Y" target="_blank" rel="noreferrer noopener">200 Jahre Friedrich Engels</a>&nbsp;(Audio)<br><a href="https://www.derfunke.de/rubriken/geschichte/2718-lenin-ueber-friedrich-engels" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Lenin über Friedrich Engels<br></a><a href="https://www.derfunke.de/rubriken/theorie/2779-engels-briefe-an-kautsky-von-leo-trotzki-oktober-1935" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Engels&#8216; Briefe an Kautsky &#8211; von Leo Trotzki</a><a href="https://www.derfunke.de/rubriken/theorie/1776-marxistische-klassiker-neu-gelesen-qder-anti-dngq-von-friedrich-engels" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Marxistische Klassiker neu gelesen: &#8222;Der Anti-Dühring&#8220; von Friedrich Engels<br></a><a href="https://shop.derfunke.de/adv/29-das-kommunistische-manifest.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei<br></a><a href="https://www.derfunke.de/rubriken/geschichte/786-friedrich-engels-afghanistan-das-schon-gegen-die-briten-widerstand-leistete" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Friedrich Engels über Afghanistan, das schon gegen die Briten Widerstand leistete</a><a href="https://www.derfunke.de/rubriken/theorie/1776-marxistische-klassiker-neu-gelesen-qder-anti-dngq-von-friedrich-engels" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><br></a><a href="https://www.derfunke.de/rubriken/oekologie/240-interview-mit-karl-marx-und-friedrich-engels-umweltkatastrophen-und-kapitalismus" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Interview mit Karl Marx und Friedrich Engels über Umweltkatastrophen und Kapitalismus</a></p>
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		<title>Holocaust: Zum 75. Jahrestag der Befreiung des ehemaligen KZ Auschwitz</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Die Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 26 Jan 2020 16:37:00 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Auschwitz]]></category>
		<category><![CDATA[Historischer Materialismus]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung des ehemaligen Konzentrationslagers in Auschwitz gibt es eine Reihe von Gedenkveranstaltungen und Bemühungen den Holocaust aufzuarbeiten, das angeblich Unfassbare einer Erklärung zuzuführen. Wie konnte so etwas geschehen?</p>
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<p><strong>Antisemitismus</strong></p>



<p>Antisemitismus hat in Ländern wie Deutschland, Österreich, Polen, der Ukraine oder in den baltischen Staaten u.a. eine lange Tradition. Auch hier kam es immer wieder zu gewaltsamen Übergriffen, Pogromen und massenhafter Verfolgung. Der Antisemitismus, der in Europa bis dahin vor allem religiös motiviert war und seit Jahrhunderten gehegt und gepflegt wurde, bekam unter den Nazis aber eine völlig neue Ausrichtung und wurde rassistisch erklärt. Ernest Mandel schreibt in seinem Buch &#8222;Der Zweite Weltkrieg&#8220;, dass die alte Form des Antisemitismus &#8222;zu Pogromen führte, die im Vergleich zu den Nazi-Mördern das waren, was ein Messer im Vergleich zur Atombombe ist.&#8220;</p>



<p>Der Antisemitismus gehörte von Anfang an zu den Grundpfeilern des nationalsozialistischen Gedankenguts. Die Nazis waren aber keineswegs die Erfinder dieser rassistischen Ideologie. Hitler und seine Mitstreiter sahen sich als die konsequentesten Vertreter der nationalen Idee, die in der Gesellschaft des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts immer stärker an Einfluss gewann. Der Nationalismus jener Epoche ging meist Hand in Hand mit einer Anwendung der Darwinschen Evolutionstheorie auf die Gesellschaft und die Nation, welche als Organismen dargestellt wurden, die von außen durch eine Art gefährlichen Virus bedroht seien. Hier liegt auch der gedankliche Ursprung so mancher Umvolkungsideologen von heute.</p>



<p>Es sollte hier aber doch auch darauf hingewiesen, dass Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus alles andere als rein deutsche Phänomene darstellten. In ganz Europa erlebten diese Ideologien in dieser Zeit eine Hochblüte. Ein wesentlicher Bereich der bürgerlichen Kultur war durch Rückgriffe auf den Mystizismus, eine hysterische Angst vor den Massen und eine Idealisierung vorchristlicher, germanischer Kulte geprägt. Die nationalsozialistische Bewegung knüpfte an diese reaktionäre &#8222;New Age&#8220;-Welle gezielt an und wurde zu ihrem wichtigsten Sprachrohr.</p>



<p>Gegen diesen Aufschwung reaktionärer Ideologie war auch die Arbeiterbewegung nicht immer immun. Je stärker reformistische Strömungen in dieser wurden, desto eher machten sich auch nationalistische und rassistische Ideen breit. Der Reformismus unterstützte in der Regel die imperialistischen Expansionsbemühungen der eigenen herrschenden Klasse und war dementsprechend offen für Ideologien, die diese Politik zu rechtfertigen versuchten.</p>



<p><strong>Imperialismus und Rassismus</strong></p>



<p>Die faschistischen Regime verfolgten im Interesse der herrschenden Klasse eine aggressive imperialistische Politik. In Deutschland war diese Idee einer Expansion der eigenen Einflusszonen eng mit dem Konzept der Eroberung &#8222;neuen Lebensraums&#8220; vor allem im Osten Europas verbunden. Hier, wo das deutsche Großkapital nach Märkten, Rohstoffquellen und billigen Arbeitskräften strebte, sahen viele Deutsche die Möglichkeit, auf fruchtbarem Boden dem Ideal des &#8222;freien deutschen Bauern&#8220; nachzugehen. Vor allem die deutschen Minderheiten in den durch die Neuaufteilung Europas nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen osteuropäischen Staaten wurden dabei gezielt als Speerspitze des vom deutschen Imperialismus gewünschten &#8222;Drangs nach Osten&#8220; eingesetzt.</p>



<p>Dabei bot der Rassismus der Nazis die passende Ideologie für diese imperialistische Expansionsstrategie. Slawen und Juden, welche diesen Plänen im Wege standen, wurden von den Nazi-Vordenkern als &#8222;minderwertige Rassen&#8220; definiert. Diese Rassenideologie sollte auch die Versklavung, Vertreibung und schließlich sogar die Vernichtung dieser Nationen legitimieren.</p>



<p>Der Rassismus war im Nationalsozialismus in den Rang einer Wissenschaft erhoben worden. Die Juden wurden mit Tieren gleichgesetzt, denen konsequenterweise die grundlegenden Menschenrechte sodann auch nicht zukommen können. Die angebliche Minderwertigkeit der &#8222;jüdischen Rasse&#8220; wurde nun zu einer genetischen Tatsache hochstilisiert. Dies gipfelte in dem Wahn, die &#8222;deutsche Volksgemeinschaft&#8220; vor dieser Gefahr schützen zu müssen. Die konsequente Antwort musste in der Vernichtung der Juden liegen. Den Weg einer kulturellen oder religiösen Assimilation, den viele Juden in den Jahrzehnten zuvor gegangen waren, um dem Antisemitismus zu entfliehen, gab es unter den Nazis nicht mehr. Wer nicht fliehen konnte oder wollte, dem/der war die Deportation in die Todeslager gewiss.</p>



<p>Mit der Machteroberung Hitlers im Jahre 1933 ging eine gezielte Umsetzung antisemitischer Konzepte einher. Anfangs beschränkte sich dieser staatliche Rassismus auf das Verdrängen der Juden aus dem öffentlichen Leben. Dem folgte das systematische Konfiszieren jüdischen Eigentums. Mit der &#8222;Reichskristallnacht&#8220; 1938 bekam der Antisemitismus eine neue Dimension. Systematisch wurde nun eine Pogromstimmung gegen die jüdische Bevölkerung geschaffen. Diese gewaltsamen Übergriffe waren aber kein &#8222;spontaner Ausdruck des Volkszorns&#8220;, sondern vielmehr eine organisierte Aktion der Nazi-Schlägertrupps – mit oder ohne Uniform der SA oder der SS. Die Nazis verfügten zweifelsohne über eine breite Massenbasis, vor allem im durch die kapitalistische Krise deklassierten Kleinbürgertum.</p>



<p>Es gibt aber durchaus Hinweise, wie der Soziologe Zygmunt Baumann in seinem Buch &#8222;Modernität und der Holocaust&#8220; aufzeigt, dass sich die Nazis in Folge der Reichspogromnacht klar wurden, dass diese Politik der Gewalt in der Bevölkerung nicht die von ihnen erhoffte Unterstützung genoss. Aus dieser Erfahrung erst wurden die Stimmen in der NSDAP und im Staatsapparat lauter, die eine besser organisierte Vorgehensweise bei der &#8222;Lösung des Judenproblems&#8220; einforderten.</p>



<p>In diesem Zusammenhang sei auch darauf verwiesen, dass die westlichen Demokratien wie die USA, Großbritannien, Frankreich oder auch das &#8218;liberale&#8216; Schweden bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 die wirtschaftlichen und diplomatischen Beziehungen zu Hitler-Deutschland aufrecht erhielten. Zu verführerisch waren für die Kapitalisten die winkenden Profite im Zuge der deutschen Aufrüstungspolitik. </p>



<p>Dabei waren sich die anderen imperialistischen Mächte durchaus bewusst, mit wem sie da ihren Umgang pflegten. An Nachrichten über die innenpolitische Lage in Deutschland, die systematische Verfolgung Oppositioneller, die Existenz der Konzentrationslager, in denen anfangs in erster Linie &#8222;Politische&#8220; (vor allem aus der Arbeiterbewegung) saßen, die antisemitische Ideologie der Nazis usw. mangelte es nicht. Mit Ausbruch des Krieges sollte sich dies ändern, aber nicht so sehr weil man in den Nazis eine Gefahr für die Demokratie und die Menschenrechte sah, sondern weil die Eroberung Polens das gesamte Machtgefüge in Europa in Frage stellte und die britischen und französischen Imperialisten um ihre Einflusssphären fürchteten.</p>



<p><strong>Der Krieg und die &#8222;Endlösung&#8220;</strong></p>



<p>Im Zuge des Krieges verfolgten die Nazis auch in ihrer Politik gegenüber den Juden eine immer extremere Strategie. Der Krieg bot erst die Voraussetzungen für &#8222;die Endlösung&#8220;. Widerstand wurde unter diesen Umständen immer schwieriger. Es herrschte Kriegsrecht und jede Form des Protests und des Widerstands wurde als Hochverrat gehandhabt. Neben dieser offenen Repression, die von einem engmaschigen Netz an nationalsozialistischen &#8222;Blockwarten&#8220; in Kooperation mit dem Staatsapparat durchgesetzt wurde, stand der antifaschistische Widerstand zumindest zu Beginn des Krieges noch einer weiteren großen Hürde gegenüber.</p>



<p>Viele Deutsche verknüpften das eigene Schicksal, wie es in einem Krieg eben üblich ist, mit dem Schicksal der gesamten Nation. Alles wird auf die Frage des eigenen Überlebens bzw. dem Überleben der engsten Verwandten und Freunden reduziert. Die nationalistische Ideologie vom &#8222;wir&#8220; gegen &#8222;die anderen&#8220; scheint zum einzig wahren Erklärungsmuster zu werden. In einer Situation, wo der Tod allgegenwärtig ist, verliert auch schrittweise der Respekt vor der menschlichen Würde an Kraft. Angesichts des Kriegs und der allgegenwärtigen Repression war für die überwältigende Mehrheit, die ums tägliche Überleben kämpfte, Widerstand keine wirkliche Option. Die anfänglichen Kriegserfolge der Wehrmacht ließen viele wahrscheinlich sogar an die Nazi-Propaganda von einem schnellen Sieg glauben und von der Möglichkeit in Zukunft unter besseren Umständen, wenn nicht sogar in Wohlstand, leben zu können. Die Bedingungen für einen massenhaften Widerstand ähnlich wie in Italien, wo sich das faschistische Regime schon stark abgenutzt hatte, oder anderen von den Nazis besetzten Ländern waren somit (noch) nicht gegeben. Zu stark saß das nationalsozialistische Regime noch im Sattel.</p>



<p>Vor diesem Hintergrund konnten die Nazis tatsächlich an die Umsetzung ihres menschenverachtenden Rassenwahns gehen. Die Eroberung Polens und die Invasion in der Sowjetunion im Jahre 1941 brachten große Teile der jüdischen Bevölkerung Europas unter die Kontrolle der Nazis. Ghettos wurden nun errichtet, wo die Juden zusammengetrieben wurden. In den von der Wehrmacht besetzten Gebieten der Sowjetunion machten die Nazis in Kooperation mit lokalen faschistischen Kollaborateuren meist kurzen Prozess mit Juden, &#8222;Zigeunern&#8220;, aber auch mit Kommunisten und Partisanen.</p>



<p>Da Deutschland in der ersten Hälfte des Krieges fast den gesamten Kontinent unter seine Kontrolle bringen konnte und über ein gut ausgebautes Transportsystem verfügte, gab es auch die materiellen Voraussetzung für die Umsetzung des braunen Rassenwahns. Dazu kam, dass der Krieg und die innere Repressionsmaschinerie die deutsche Arbeiterklasse atomisiert hatte und in einem Zustand der individuellen Passivität hielt. Die Arbeiterklasse war durch den Nationalsozialismus ihrer Organisationen und ihrer kollektiven Stärke beraubt worden. Dies ließ dem reaktionären Treiben der braunen Brut, die sich aus den Massen des deklassierten Kleinbürgertums rekrutierte, freien Lauf. Unter diesen Bedingungen fanden sich die willigen Vollstrecker für die Vernichtungskonzepte der Nazis.</p>



<p>1942 ging man ausgehend von der berühmt berüchtigten &#8222;Wannsee-Konferenz&#8220; nahe Berlins an die &#8222;Endlösung&#8220; für ein &#8222;Problem&#8220;, das nur in den von Irrationalität geprägten Köpfen der Nazi-Schergen existierte. Gleichzeitig war aber die Spaltung der deutschen Arbeiterklasse entlang nationaler Linien eine Voraussetzung für das Kapital, um international wieder konkurrenzfähig zu werden. Hier wurde der Weg für die industrielle Vernichtung der Juden, also das was als Holocaust in die Geschichtsbücher einging, geebnet – ein grauenhafter Massenmord, der zumindest die Folge kapitalistischer Profitlogik ist.</p>



<p>Die Methoden für diese Vernichtungsmaschinerie wurden auf niedrigerer Stufenleiter bereits im Vorfeld in speziellen Kliniken an anderen Bevölkerungsgruppen (z.B. geistig Behinderten, psychisch Kranken) ausgetestet. In dieser &#8222;Aktion T4&#8220; wurden rund 200.000 Deutsche, die man als &#8222;Untermenschen&#8220; aussiebte, bereits vergast. Als die Massenexekutionen, die an der Ostfront auf der Tagesordnung standen und auch für gewöhnliche Wehrmachtssoldaten zur Realität gehörten, die Moral der Truppen zu untergraben drohten, entschieden sich die Nazis für eine industrielle Form der Massenvernichtung in Form der Vergasungen. Die Lösung lag in einer nach den Kriterien der industriellen Produktion – mit der dazu gehörigen Arbeitsteilung – organisierten Vernichtungsmaschinerie. Die Beteiligten an diesem unmenschlichen System waren plötzlich nur noch kleine Räder in einer großen Maschine ohne all zu viel individuelle Verantwortung (ohne als Person zu töten), was ihr Funktionieren erleichtern sollte.</p>



<p><strong>Irrational und einzigartig?</strong></p>



<p>Von nicht wenigen bürgerlichen Historikern wird das System des Holocaust als völlig irrational beschrieben. Hier wähnt man einen Schwachpunkt in der marxistischen Faschismusanalyse, welche den Faschismus als Produkt der kapitalistischen Krise und als Versuch zur Verbesserung der Kapitalverwertungsbedingungen definiert und die Machteroberung von Hitler als im Interesse des deutschen Kapitals sieht. Überausbeutung und Sklaverei, wie wir es in den KZs hatten, sind tendenziell immer irrational. Die Kosten der Arbeitskraft werden dabei so weit eingeschränkt, dass die Reproduktion der Arbeitskraft nicht mehr gewährleistet ist. Wer 10 Stunden im Steinbruch schuften muss und nur 800 Kalorien beziehen darf, der/die ist früher oder später dem Tod geweiht. Die durchschnittliche Arbeitsproduktivität ist in diesem System natürlich extrem niedrig. Unter der Prämisse, dass jedoch permanent Arbeitskräfte nachgeliefert werden können, erhalten selbst solche Methoden eine gewisse Rationalität – zwar nicht im Sinne der Menschen, aber im Sinne des Geldes.</p>



<p>Der Eroberungsfeldzug in Osteuropa sollte diesen Nachschub an Arbeitskräften garantieren. In den KZs wurden durch ein ausgefeiltes Selektionssystem die &#8222;Untermenschen&#8220; in geeignete Arbeitskräfte und sofort zu Liquidierende unterteilt. Das KZ wurde so einerseits zur Fabrik im Sinne von Produktionsstätte, mit der sich einige eine goldene Nase verdienten, und andererseits zur Todesfabrik, wo Menschen nicht viel mehr als Rohstoffe waren. Zahnfüllungen oder abrasierte Haare, die wieder verwertet wurden, waren mehr wert als das menschliche Individuum selbst. Dies ist die konsequente, wenn auch rassistisch übersteigerte Fortsetzung einer Praxis, die Menschen als reines Anhängsel von Maschinen und als Waren behandelt, wie es im Kapitalismus immer der Fall ist. Auch wenn der Kapitalismus (und zwar auch der deutsche unter der nationalsozialistischen Herrschaft) auf der freien Lohnarbeit beruht, die im Nationalsozialismus ganz nach den Bedürfnissen des Kapitals zugerichtet war, so war das System der Sklavenarbeit in den KZs doch in die gesamte kapitalistische Produktionsweise integriert.</p>



<p>Der Holocaust hatte unvorstellbare Dimensionen erreicht. Dies gilt sowohl für die Zahl der Opfer (rund 6 Millionen Juden wurden ermordet) wie auch für die Tatsache, dass hier systematisch die Vernichtung einer ganzen Nation betrieben wurde. Auch wenn z.B. mehr Russen (nämlich ca. 20 Millionen) als Juden im Zweiten Weltkrieg ums Leben kamen, so lässt gerade dieser systematische Charakter und sein ideologischer Zweck den Holocaust als besonders schreckliches Kapitel der Geschichte des 20. Jahrhunderts, ja als etwas einzigartig Grausames in der Menschheitsgeschichte erscheinen. Der Holocaust war somit wohl der schlimmste Auswuchs des Zweiten Weltkriegs mit seiner hochkomplexen und chaotischen Dynamik.</p>



<p>Die Auseinandersetzung der Bürgerlichen mit dem Holocaust versucht diesen als jenseits aller rationalen Erklärung darzustellen. Auf der Grundlage einer materialistischen Analyse von Kapitalismus und Imperialismus bekommt aber selbst dieses historische Ereignis eine Logik. Der Rassismus ging, wie gesagt, von Anfang an Hand in Hand mit Kolonialismus und Imperialismus. In nicht wenigen Fällen gipfelte dieser Rassismus in Massenvernichtung und Genozid. Die imperialistische Unterdrückung braucht eine ideologische Legitimation, die der Rassismus liefern soll.</p>



<p>Insofern reiht sich der Holocaust in eine lange Kette von unvorstellbaren Verbrechen des Kapitalismus ein. Der Genozid an den Juden knüpft an konkrete historische Vorbilder an. Die Massenversklavung und Tötung von Schwarzen im Zuge des Sklavenhandels mit Amerika, die Ausrottung eines Großteils der indigenen Bevölkerung ebendort durch die Konquisitadoren usw. Auch hier wurden die Verbrechen damit begründet, dass es sich um &#8222;minderwertige&#8220; Gruppen handle, denen das Menschsein abgesprochen wurde.</p>



<p>Die Nazis, deren imperialistisches Projekt vor allem gegen Osteuropa gerichtet war, brachten diese Methoden aber erstmals nach Europa. Der Völkermord an den Juden war dabei nur der Beginn. Hitlers Zielvorstellung eines &#8222;Tausendjährigen Reiches&#8220;, das sich bis zum Ural erstrecken sollte, sah die Vormachtstellung der &#8222;arischen Rasse&#8220; vor. Alle Nationen, die dem entgegen standen und eine Gefahr für dieses Projekt darstellten, mussten über kurz oder lang mit einer ähnlichen Verfolgung rechnen, wie dies im Zweiten Weltkrieg den Juden widerfahren ist. Sinti, Roma, Slawen und Homosexuelle waren ebenfalls auf der Liste gewesen.</p>



<p>Der Holocaust war im extremen Rassismus (wovon ja der Antisemitismus letztlich nur eine Sonderform ist), dessen sich der deutsche Imperialismus bediente, angelegt. Rassenwahn und das Kalkül der Elite des deutschen Kapitals und Staatsapparates gingen dabei Hand in Hand. Die planmäßige Vernichtung der Juden war auf der Grundlage einer materialistischen Analyse der ganzen Entwicklung des nationalsozialistischen Deutschlands voraussehbar. So schrieb Leo Trotzki bereits 1938: &#8222;Es ist ohne Schwierigkeit möglich, sich vorzustellen, was die Juden beim bloßen Ausbruch des künftigen Weltkrieges erwartet. Aber sogar ohne Krieg wird die nächste Entwicklung der Weltreaktion die physische Ausrottung der Juden bedeuten.&#8220;</p>



<p><strong>Niemals wieder!</strong></p>



<p>Das offizielle Holocaust-Gedenken, das sich auf die Darstellung des Leidens und auf beschämte Schweigeminuten und Trauerakte beschränkt und die Wurzeln des Faschismus und seiner Verbrechen im Dunkeln lässt, leistet keinen ausreichenden Beitrag dazu, dass sich diese Verbrechen nicht wiederholen können. Genau da muss aber eine marxistische Auseinandersetzung mit diesem Thema ansetzen und auf die Frage nach dem &#8222;Warum&#8220; klare Antworten geben können.</p>



<p>&#8222;Niemals wieder!&#8220; – das muss unsere Losung sein. MarxistInnen werden mit aller Kraft gegen jegliche Versuche des Geschichtsrevisionismus von Nazis und Rechtsextremisten auftreten. Es ist aber auch unser Anliegen, nicht nur dieser furchtbaren historischen Ereignissen zu gedenken, sondern es gilt auch in der Arbeiterbewegung, das Bewusstsein für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Faschismus und den eigenen Fehlern, die zur Machteroberung der Nazis geführt haben, zu schärfen.</p>



<p>Wie in allen anderen Fragen, so vertreten wir auch in der Frage des Nationalsozialismus und seiner unmenschlichen Verbrechen einen unabhängigen Klassenstandpunkt. Im Kampf gegen den Faschismus können wir uns nicht auf den bürgerlichen Staat und seine Institutionen verlassen. Das beginnt beim Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus und der historische Aufarbeitung der Geschichte. Wir brauchen unsere eigenen theoretischen Analysen und eine eigene Geschichtswissenschaft, die wir als Ausgangspunkt für den heutigen Kampf gegen die extreme Rechte und den Faschismus nehmen müssen. Gleichzeitig ist eine Theorie ohne Praxis nichts; sie kann sich nur auf der Basis derselben wirklich entwickeln. Daher müssen wir heute überall dort sein, wo die faschistische Hydra ihre Köpfe aus dem braunen Sumpf reckt!</p>



<p>Erstveröffentlichung 2015.</p>
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