<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Engels Archives -</title>
	<atom:link href="https://derkommunist.de/tag/engels/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://derkommunist.de/tag/engels/</link>
	<description></description>
	<lastBuildDate>Wed, 11 Jun 2025 07:56:21 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=7.1</generator>

<image>
	<url>https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/02/cropped-cropped-An1cVwm8Ql-32x32.png</url>
	<title>Engels Archives -</title>
	<link>https://derkommunist.de/tag/engels/</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
	<item>
		<title>Der Ursprung der Klassengesellschaft</title>
		<link>https://derkommunist.de/der-ursprung-der-klassengesellschaft/</link>
					<comments>https://derkommunist.de/der-ursprung-der-klassengesellschaft/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Josh Holroyd und Laurie O Connel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 Mar 2023 19:44:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Bildungsmappe HistoMat]]></category>
		<category><![CDATA[Engels]]></category>
		<category><![CDATA[Grundlagen des Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Historischer Materialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Identität & Unterdrückung]]></category>
		<category><![CDATA[Klassengesellschaft]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://derkommunist.de/?p=1588</guid>

					<description><![CDATA[<p>Hundertausende Jahre lebten die Menschen ganz ohne Privateigentum, Klassen, Staaten oder irgendwelche anderen Elemente der Klassengesellschaft. Dennoch will man uns glauben lassen, dass die Aufteilung in Klassen die allgemeingültige Verfassung [&#8230;]</p>
<p>The post <a href="https://derkommunist.de/der-ursprung-der-klassengesellschaft/">Der Ursprung der Klassengesellschaft</a> appeared first on <a href="https://derkommunist.de"></a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[		<div data-elementor-type="wp-post" data-elementor-id="1588" class="elementor elementor-1588" data-elementor-post-type="post">
				<div class="elementor-element elementor-element-96131e e-flex e-con-boxed e-con e-parent" data-id="96131e" data-element_type="container" data-e-type="container">
					<div class="e-con-inner">
				<div class="elementor-element elementor-element-14e88dc8 elementor-widget elementor-widget-text-editor" data-id="14e88dc8" data-element_type="widget" data-e-type="widget" data-widget_type="text-editor.default">
									
<p class="wp-block-paragraph">Hundertausende Jahre lebten die Menschen ganz ohne Privateigentum, Klassen, Staaten oder irgendwelche anderen Elemente der Klassengesellschaft. Dennoch will man uns glauben lassen, dass die Aufteilung in Klassen die allgemeingültige Verfassung menschlicher Existenz ist. Josh Holroyd und Laurie O´Connel erklären in diesem Artikel, dass die moderne Archäologie eine Fülle an Beweismaterial hervorbrachte, welches bestätigt, dass die Entstehung der Klassengesellschaft eine relativ neue Entwicklung der Menschheitsgeschichte ist. Und genauso wie sie ab einem gewissen Punkt entstanden ist, verstehen wir als Marxisten, dass sie letzten Endes auch wieder untergehen muss.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Wenn wir eine wissenschaftliche Herangehensweise an die Frage der Entwicklung der Gesellschaft wählen, dann dürfen wir das Entstehen der Klassengesellschaft nicht als einen unglücklichen Zufall und auch nicht als das Erwachen einer bislang schlummernden, übergeschichtlichen „menschlichen Natur“ begreifen, sondern als notwendige Stufe in der Entwicklung der Gesellschaft, die das Ergebnis der vielleicht größten Revolution der Produktivkräfte war. Das ist keineswegs eine rein akademische Frage. Indem wir die Entstehung der Klassengesellschaft verstehen, können wir auch den wirklichen Charakter ihrer Institutionen begreifen und die Mittel zu ihrer Überwindung entdecken. </p>

<h3 class="wp-block-heading">Mensch und Natur</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Marx legte dar, dass das grundlegendste Kennzeichen einer jeden Gesellschaft das Verhältnis des Menschen zur Natur ist. Dabei handelt es sich nicht um irgendein abstraktes Ideal, sondern um die sehr pragmatische Anerkennung der Tatsache, dass der Mensch zu seinem Überleben immer schon auf Ressourcen angewiesen war, die er in seiner Umwelt vorfand.  </p>

<p class="wp-block-paragraph">Unser Verhältnis zur natürlichen Welt wird von der gesellschaftlich verrichteten Arbeit bestimmt. Durch diesen Prozess gewinnen wir Ressourcen und generieren die notwendigen Nahrungsmittel. Der Mensch musste immer schon arbeiten, um überleben zu können, wie Marx betonte: </p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>„Als Bildnerin von Gebrauchswerten, als nützliche Arbeit, ist die Arbeit daher eine von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen, ewige Naturnotwendigkeit, um den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, also das menschliche Leben zu vermitteln.“[2]</em></p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Arbeit war also während der gesamten Menschheitsgeschichte eine Grundvoraussetzung menschlicher Existenz, doch die Art und Weise, wie die Menschen arbeiteten und welche Bedürfnisse sie zu befriedigen versuchten, haben sich mit der Zeit stark verändert. Über Millionen von Jahren hat die Menschheit Werkzeuge und Techniken entwickelt, um die eigenen Ziele besser erreichen zu können. Doch die Entwicklung der Mittel zur Befriedigung selbst unserer grundlegendsten Bedürfnisse führt zwangsläufig zur Schaffung neuer Bedürfnisse, neuer gesellschaftlicher Verhältnisse und völlig neuer Lebensweisen. Diese ununterbrochene Interaktion war entscheidend für unsere eigene Entwicklung – ob wir als Nomaden lebten oder sesshaft wurden, ob wir ganzjährig arbeiteten oder nur zu gewissen Jahreszeiten. Das wirkte sich auch auf unsere Physiologie und unsere Evolution aus. Wir können also sagen, dass wir, indem wir unsere Umwelt verändern, auch uns selbst verändern. Das ist die Grundlage jeden menschlichen Fortschritts. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Dieses grundlegende Prinzip des historischen Materialismus fasste Friedrich Engels in seiner Trauerrede am Grab von Karl Marx folgendermaßen zusammen: </p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wie Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur, so entdeckte Marx das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte: die bisher unter ideologischen Überwucherungen verdeckte einfache Tatsache, daß die Menschen vor allen Dingen zuerst essen, trinken, wohnen und sich kleiden müssen, ehe sie Politik, Wissenschaft, Kunst, Religion usw. treiben können; daß also die Produktion der unmittelbaren materiellen Lebensmittel und damit die jedesmalige ökonomische Entwicklungsstufe eines Volkes oder eines Zeitabschnitts die Grundlage bildet, aus der sich die Staatseinrichtungen, die Rechtsanschauungen, die Kunst und selbst die religiösen Vorstellungen der betreffenden Menschen entwickelt haben, und aus der sie daher auch erklärt werden müssen.“[3]</em></p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Im <em>Kapital</em> Band 1 schreibt Marx: „Der Gebrauch und die Schöpfung von Arbeitsmitteln, obgleich im Keim schon gewissen Tierarten eigen, charakterisieren den spezifisch menschlichen Arbeitsprozeß.“[4] Die Archäologie liefert dafür genügend Beweise aus allen Epochen der Menschheitsgeschichte. Einige unserer frühesten homininen Vorfahren, der <em>Homo habilis</em> und der <em>Homo ergaster</em>, fertigten bereits Steinwerkzeuge an. Der Oldowan-Komplex, der in der Olduvai-Schlucht in Tansania entdeckt wurde, wird auf ein Alter von rund 2,6 Millionen Jahre datiert. In der Altsteinzeit (bis ca. 10.000 v.Chr.) entstand ein prähistorischer Technokomplex nach dem anderen – Acheuléen, Moustérien, Châtelperronien usw. Entsprechend der Herstellung der Werkzeuge dieser Kulturen können wir wichtige Rückschlüsse auf die Entwicklung von menschlichem Bewusstsein und komplexem Denken ziehen. Im Allgemeinen können wir sagen, dass jedes Werkzeug symmetrischer ist als das vorangegangene und mehr Vorausplanung benötigte, was die Entwicklung des Gehirns des modernen Menschen auf neue Höhen führte.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Diese Erkenntnisse liefern eine wichtige Bestätigung der materialistischen Methode, weshalb auch nichtmarxistische Archäologen gezwungen sind, die Vergangenheit gemäß der in jedem Zeitalter vorherrschenden materiellen Kultur zu periodisieren. Es ist kein Zufall, dass wir vom Paläolithikum („Altsteinzeit“ in Anlehnung an das altgriechische Wort „lithos“ für Stein), Mesolithikum („Mittelsteinzeit“), Neolithikum („Jungsteinzeit“), Bronzezeit und Eisenzeit sprechen. Diese Bezeichnungen beziehen sich auf das Material, mit dem die Werkzeuge hergestellt wurden, die in der jeweiligen Epoche für die Produktion von besonderer Bedeutung waren. Marx schreib dazu im Kapital Band 1:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>„Dieselbe Wichtigkeit, welche der Bau von Knochenreliquien für die Erkenntnis der Organisation untergegangner Tiergeschlechter, haben Reliquien von Arbeitsmitteln für die Beurteilung untergegangner ökonomischer Gesellschaftsformationen. Nicht was gemacht wird, sondern wie, mit welchen Arbeitsmitteln gemacht wird, unterscheidet die ökonomischen Epochen. Die Arbeitsmittel sind nicht nur Gradmesser der Entwicklung der menschlichen Arbeitskraft, sondern auch Anzeiger der gesellschaftlichen Verhältnisse, worin gearbeitet wird.“[5]</em></p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Diese im Grunde simple, aber doch revolutionäre Idee wird in der akademischen Welt durchaus nicht von allen akzeptiert. In Wirklichkeit stößt dieses grundlegende Prinzip des historischen Materialismus an den Universitäten auf eine ähnliche Ablehnung wie einst Darwins Theorie der natürlichen Auslese in den Viktorianischen Salons. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Deshalb hinkt die heutige akademische Welt auf diesem Gebiet sogar den antiken griechischen Philosophen hinterher. Sowohl Plato als auch Aristoteles erkannten die Tatsache an, dass es eine materielle Grundlage für ihre Mußezeit gab. Wie Aristoteles in seiner Metaphysik schreibt, konnte sich die Wissenschaft dort entwickeln, wo Menschen über ausreichend Freizeit verfügten: „Deshalb bildeten sich in Ägypten zuerst die mathematischen Künste (Wissenschaften) aus, weil dort dem Stande der Priester Muße gelassen war.“[6] Das setzt notwendigerweise ein gewisses Maß an Arbeitsproduktivität voraus, mit der auch eine Neuorganisation der gesellschaftlichen Struktur einherging. Wir wollen uns nun den Anfängen dieser Entwicklung zuwenden.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Der Urkommunismus</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Archäologen haben bislang kaum Beweise für eine signifikante Ungleichheit in der Zeit vor dem Neolithikum gefunden, das vor nicht ganz 12.000 Jahren begann. Die Fundstücke in paläolithischen Ausgrabungsstätten auf der ganzen Welt zeichnen ein Bild von kleinen, überwiegend umherziehenden Gesellschaften, die für ihr Überleben vor allem von der Jagd, dem Fischfang und dem Sammeln von essbaren Früchten, Pilzen usw. abhängig waren. In diesen Gesellschaften gab es hinsichtlich des Besitzes und des sozialen Status kaum Unterschiede. Diese Annahme lässt sich zumindest aus den Grabbeigaben jener Zeit schließen.  </p>

<p class="wp-block-paragraph">Natürlich werden wir nie mit völliger Sicherheit sagen können, wie prähistorische Jäger- und Sammlergesellschaften im Detail ausgesehen haben. Doch anthropologische Studien von bis heute existierenden Jäger- und Sammlergesellschaften, wie dem Stamm der !Kung in der Kalahari, lassen erahnen, wie die Menschen einst gelebt haben könnten. Der Anthropologe Richard Leaky schreibt:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die !Kung haben keine Häuptlinge und keine Anführer. […] Niemand erteilt oder befolgt Befehle.“ „Mit-anderen-teilen ist im Verhalten und in den Wertvorstellungen der !Kung-Wildbeuter […] tief verwurzelt“. „Geradeso, wie Gewinn- und Zweckmäßigkeitsdenken im Mittelpunkt kapitalistischer Moral stehen, so steht das Teilen mit anderen im Mittelpunkt der Wildbeutergesellschaften.“[7]</em></p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Diese Ansicht wird durch Studien über Jäger- und Sammlergesellschaften auf der ganzen Welt bestätigt und fügt sich nahtlos in das Bild, das die Erforschung der paläolithischen Ausgrabungsstätten hervorbringt. Doch der Egalitarismus in unserer prähistorischen Vergangenheit war nicht nur von rein kulturellem oder moralischem Gehalt. Er wurzelte vielmehr in der Tatsache, dass es über den Besitz von Werkzeugen und anderen persönlichen Gebrauchsgegenständen hinausgehendes Privateigentum nicht gab und auch nicht geben konnte. Diese Gruppen waren erfolgreiche und sehr fähige Jäger und Sammler, aber sie lebten weitgehend von der Hand in den Mund und verzeichneten keinen nennenswerten Überschuss, den man anhäufen hätte können. Dementsprechend gab es keine Vorstellung von Landbesitz oder Vererbung.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Das lässt sich auch gut an der Lebensweise der Aborigines in der zentralaustralischen Wüste veranschaulichen, die als eine der ältesten noch heute existierenden Kulturen weltweit gilt. In den 1960er Jahren lebte der Anthropologe Richard Gould mit diesen Jägern und Sammlern und erforschte ihre Kultur. Er vermerkte damals, dass alle Nahrungsmittel, die ins Lager gebracht wurden „peinlich genau zwischen allen Mitgliedern der Gruppe aufgeteilt wurden, selbst wenn es nicht mehr als eine kleine Eidechse war“[8]. Gestützt auf die Ausgrabungen in Höhlen und Felsvorsprüngen stellte Gould die Hypothese auf, dass die Bevölkerung dieser Region seit der ersten Besiedelung durch den <em>Homo sapiens</em> auf diese Art und Weise lebte. Das Prinzip hinter dieser ursprünglichen, ja absoluten Form des Kommunismus ist nicht schwer zu entdecken: es ist der Mangel, der letztlich durch die relativ niedrige Entwicklung der Produktivkräfte und das niedrige Niveau der Kontrolle über die natürliche Umwelt gegeben war. Während andere Jäger- und Sammlergesellschaften nicht unter derart schwierigen Bedingungen lebten, war dieses Prinzip doch in der gesamten paläolithischen Welt vorherrschend.  </p>

<h3 class="wp-block-heading">Frauen im Urkommunismus (In Verteidigung von Friedrich Engels)</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Der egalitäre Charakter der paläolithischen Gesellschaften zeichnet sich auch durch die gleichberechtigte Stellung der Frau aus. Schon Friedrich Engels schrieb in seinem Meisterwerk <em>Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates</em>:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>„Es ist eine der absurdesten, aus der Aufklärung des 18. Jahrhunderts überkommenen Vorstellungen, das Weib sei im Anfang der Gesellschaft Sklavin des Mannes gewesen. Das Weib hat bei allen Wilden und allen Barbaren der Unter- und Mittelstufe, teilweise noch der Oberstufe, eine nicht nur freie, sondern hochgeachtete Stellung.“[9]</em></p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Engels stützte sich auf die aktuellsten anthropologischen Studien seiner Zeit, insbesondere auf Henry Lewis Morgans Arbeit über die Irokesen, und kam zu der revolutionären Erkenntnis, dass die systematische Unterdrückung der Frau tatsächlich erst zu einem relativ späten Zeitpunkt in der Menschheitsgeschichte aufgetreten ist. Am Beispiel nicht nur der Gesellschaft der Irokesen, sondern auch der alten Griechen, Römer und Germanen argumentierte Engels, dass die „weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts“ eine ökonomische Grundlage hatte: die Herausbildung des Privateigentums an den Produktionsmitteln, speziell von Grund und Boden und den Viehherden, sowie die Akkumulation derselben in den Händen von Männern. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Wenn also Frauenunterdrückung nicht immer schon existiert hat, dann, so die Schlussfolgerung von Engels, muss es auch möglich sein, ihr ein Ende zu setzen. Durch die Errichtung einer kommunistischen Gesellschaft ohne Privateigentum und Ausbeutung ließe sich die Freiheit und Gleichheit von Männern und Frauen wiederherstellen, allerdings auf einem höheren Niveau als in der fernen Vergangenheit. Diese Perspektive hat Generationen von Marxisten inspiriert, den Kampf um Frauenbefreiung zu führen. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Diese revolutionäre Erkenntnis wurde jedoch nicht nur von den Apologeten der herrschenden Ordnung, sondern teilweise auch von feministischen Theoretikern abgelehnt, die Engels’ Interpretation urkommunistischer Gesellschaften als „tröstlichen Mythos“ abkanzelten. In der jüngeren Vergangenheit stimmten selbst „marxistische“ Akademiker in diesen Chor der Kritiker ein und griffen die Grundlagen von Engels‘ Theorie an. Christophe Darmangeat von der Universität Paris zum Beispiel behauptet: „das männliche Monopol auf die Jagd und den Besitz von Waffen versetzte Männer im Vergleich zu Frauen überall in eine Position der Stärke“, was bedeutet, dass „Frauen überall in eine Situation gebracht wurden, wo sie auf die Rolle reiner Instrumente in den Strategien der Männer reduziert werden konnten.“[10]</p>

<p class="wp-block-paragraph">Während Darmangeat behauptet, er würde Engels auf der Basis neuerer Forschungsergebnisse korrigieren, wiederholt er in Wirklichkeit genau dieselben falschen Annahmen, die Engels bereits vor mehr als hundert Jahren widerlegte. Darmangeat geht zunächst davon aus, dass Jagd und Waffenbesitz immer schon ein männliches Monopol waren. Damit diese These Gültigkeit hat, muss sie universell anwendbar sein, d.h. dieses angebliche Monopol muss immer und überall, ohne Ausnahme existiert haben. Doch eine derartige Annahme ist nicht haltbar und steht im Widerspruch zu den meisten modernen Forschungsergebnissen zu diesem Thema. Auch unsere Kenntnisse von heute noch bestehenden Jäger- und Sammlergesellschaften sprechen dagegen. So weiß man von den Agta auf den Philippinen, dass dort auch Frauen Waffen tragen und sich an der Jagd beteiligen.[11] Wenn wir in die Vergangenheit blicken, ergibt sich ein noch viel komplexeres Bild. Der jüngste Fund einer Jagdausrüstung im Grab einer jungen erwachsenen Frau in den Anden[12], das auf die Zeit von rund 7.000 v. Chr. datiert wird, sowie Darstellungen von mit Speeren bewaffneten Jägerinnen in den frühesten Höhlenmalereien im indischen Burzahom aus der Zeit von 6.000 v. Chr.[13] lassen auf die Rolle von Frauen bei der Jagd schließen. Doch selbst wenn wir die Annahme akzeptierten, dass die Jagd in erster Linie eine männliche Domäne war, beinhaltet Darmangeats Argument eine fatale Unwahrheit: Die Annahme, dass, wo immer es eine Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern gab, Frauen auf die Rolle „reiner Instrumente“ reduziert wurden.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Als Marxisten leugnen wir nicht, dass es natürliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, und dass es deshalb auch in allen Gesellschaften eine bestimmte Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern gab. Die Tatsache, dass Frauen schwanger werden und Kinder gebären können, ist ein augenscheinliches Beispiel dafür. Je nach der Beschaffenheit der natürlichen Umgebung und den dort vorhandenen Ressourcen der jeweiligen Gemeinschaft konnten sich die Männer auch weiter vom Lagerplatz entfernen und zum Beispiel Jagdexpeditionen unternehmen, während Frauen sich tendenziell darauf konzentrierten, Nahrung in der umliegenden Gegend zu sammeln, weil sie dann auch die Kinder mitnehmen konnten. Eine derartige Arbeitsteilung wurde zum Beispiel bei den !Kung beobachtet.[14] Der zentrale Punkt ist aber, dass in solchen Gesellschaften das Vorhandensein einer gewissen Arbeitsteilung nicht als Beweis für Unterdrückung oder Ausbeutung durch andere Teile der Gemeinschaft gesehen werden kann. Im Gegenteil, alle uns zugänglichen Beweise lassen auf das Gegenteil schließen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Mit Bezug auf die !Kung schreibt Patricia Draper: </p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>„Männer und Frauen der Wildbeutergruppen sind egalitär im Umgang miteinander. Typischerweise leben sie in gemischtgeschlechtlichen Gruppen im Lager zusammen, obwohl sie ihre Arbeit für gewöhnlich in gleichgeschlechtlichen Gruppen verrichten. Die Frauen zeigen gegenüber den Männern keine Unterwürfigkeit. Sie leben in kleinen Gruppen ohne stark ausgeprägte Führungsrollen, sie treffen Entscheidungen nach dem Konsensprinzip, wobei Frauen gemeinsam mit den Männern entscheiden.“[15]</em></p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Die Frauen, die hier beschrieben werden, können kaum als „reine Instrumente“ von jemand anderem bezeichnet werden. Ganz im Gegenteil. In vielen Fällen, so auch bei den !Kung, tragen Pflanzen, die von den Frauen gesammelt werden, zu 80% des täglichen Lebensmittelverbrauchs der Gemeinschaft bei, und „anders als männliche Jäger, behalten die weiblichen Wildbeuter die Kontrolle über die endgültige Verteilung der Nahrungsmittel, die sie gesammelt haben“[16]. Der Anthropologe Chris Knight behauptet, dass in vielen Jäger- und Sammlergesellschaften „ein junger Mann nie das dauerhafte Recht auf Sex gegenüber der Frau erlangt, die er regelmäßig besucht. Stattdessen muss er sich ständig Anerkennung verdienen, indem er das von ihm erlegte Fleisch seiner Schwiegermutter überlässt, die es dann nach ihren Vorstellungen verteilen kann.“[17] Auch hier stellt sich die Frage, wer eigentlich wen kontrolliert.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Auch wäre es falsch zu behaupten, dass der Besitz von Waffen oder größere körperliche Stärke automatisch zu Gewalt gegen Frauen führt. Eine Studie aus dem Jahr 1989 kam zu dem Ergebnis, dass die traditionell als Nomaden oder Halbnomaden lebenden San eine von nur sechs Gesellschaften weltweit waren, in der häusliche Gewalt nahezu unbekannt war.[18] Das ist eine wirklich erstaunliche Tatsache, wenn wir berücksichtigen, dass jedes Jahr Gewalt an Frauen unzählige Leben fordert. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Das Bild des Mannes als den dominanten „Ernährer“ und der Frau als untergeordneter „Hausfrau“ ist für diese historische Epoche völlig anachronistisch – es handelt sich um eine Konzeption der Urgeschichte, die direkt der Zeichentrickserie „Familie Feuerstein“ entnommen scheint. Das Fortbestehen dieser Vorstellungen hat jedoch nichts mit dem Wissensstand der prähistorischen Forschung zu tun, sondern spiegelt lediglich die Tatsache wider, dass die Vertreter dieser These unfähig sind, sich eine Welt vorzustellen, die nicht gemäß den heute in der kapitalistischen Klassengesellschaft vorherrschenden Vorurteilen funktioniert. Wenn man aber diese durch die Klassengesellschaft bestimmten Vorurteile akzeptiert, dann muss man auch die letztlich daraus fließenden Schlussfolgerungen akzeptieren, und nicht nur die Möglichkeit einer wirklichen Gleichheit von Mann und Frau, sondern generell die Perspektive einer Gesellschaft frei von Ausbeutung und Unterdrückung verwerfen. Dieses angeblich wissenschaftliche Argument legitimiert in letzter Instanz die Existenz einer Klassengesellschaft auf immer und ewig. Amen! </p>

<h3 class="wp-block-heading">Die Anfänge des Ackerbaus</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Aber wie konnte es sein, dass die Menschheit von dieser scheinbar utopischen urkommunistischen Gesellschaftsform zu einer Ordnung überging, in der die überwältigende Mehrheit der Menschen unterdrückt wurde? Der Anthropologe Marshall Sahlins prägte auf der Grundlage seiner Forschungsarbeiten zu Jäger- und Sammlergesellschaften den Begriff der „ursprünglichen Überflussgesellschaft“. Demzufolge hätten Erwachsene nur drei bis fünf Stunden pro Tag arbeiten müssen, um ausreichend Lebensmittel zu beschaffen. Auch wenn das wahrscheinlich eine Übertreibung ist, die von einer zu engen Definition von Arbeit herrührt, stellt sein Argument doch die Vorstellung in Frage, wonach Jäger- und Sammlergesellschaften permanent am Rande des Verhungerns lebten. Doch genauso, wie wir den von Hobbes geschaffenen Mythos zurückweisen, das Leben sei vor der Befreiung durch die zivilisierte Repression seitens des Staates immer schon „armselig, ekelhaft, tierisch und kurz“ gewesen, sollten wir auch vorsichtig sein und den Bogen nicht zu sehr in die andere Richtung überspannen. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Die paläolithische Gesellschaft war kein paradiesischer Urzustand, in dem alle im Überfluss lebten. In der Eiszeit waren die Gemeinschaften zwangsläufig eher klein, da die Menschen stets in der Unsicherheit lebten, ob sie ihre Existenz sichern können würden. Im Regelfall wurde das vorhandene Essen binnen weniger Stunden oder Tage aufgebraucht. Diese Gemeinschaften generierten, wenn überhaupt, kaum Überschüsse. Die meisten Jäger- und Sammlergesellschaften verzeichneten eine nur sehr geringe Lebenserwartung und eine sehr geringe Geburtenrate. Selbst nach dem Ende der letzten Eiszeit um 9.700 v. Chr. waren diese Gesellschaften ständig mit materiellem Mangel konfrontiert. Nur um ein Beispiel zu geben: In der Ausgrabungsstätte im indischen Mahadaha, die auf die Zeit von 4.000 v. Chr. datiert wird, lag das geschätzte Sterbealter von den 13 dort gefundenen Skeletten zwischen 19 und 28 Jahren, aber „wahrscheinlich viel näher bei 19 Jahren“[19]. Damals war die treibende Kraft hinter jeder Form von Entwicklung der Kampf zur Sicherung des Überlebens der Gruppe – und das gegen alle Widrigkeiten: „die Produktion und Reproduktion des unmittelbaren Lebens“[20].</p>

<p class="wp-block-paragraph">Aus der Notwendigkeit, die Art der Lebensmittelbeschaffung zu verbessern, entwickelten die Menschen mit der Zeit Steinwerkzeuge und sie begannen Ausschau zu halten nach einer größeren Vielfalt an Lebensmitteln, die auch möglichst verlässlich zur Verfügung stehen würde. Diese Entwicklung wurde durch die globale Klimaerwärmung vor rund 20.000 Jahren begünstigt. Steigende Temperaturen und mehr Feuchtigkeit sowie das Abschmelzen der Eisdecke ermöglichten es den Menschen damals, völlig neue Regionen zu besiedeln und neue Nahrungsquellen zu erschließen. Unter den sich stark verändernden Umweltbedingungen begannen die Jäger und Sammler neue, ausgefeiltere Methoden zur Gewinnung von Nahrungsmitteln zu entwickeln, was zu einer sprunghaften Entwicklung der Produktivkräfte führte. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Ältere Steinwerkzeuge wie Faustkeile wurden durch „Mikrolithen“ in Form von Bohrern und Pfeilspitzen ersetzt.[21] Aus Knochen wurden dünne Nadeln angefertigt, mit denen Pelze zusammengenäht werden konnten. Die damit hergestellten Kleidungsstücke ermöglichten wiederum die Besiedelung auch unwirtlicher Gebiete wie Sibirien.[22] Aus Rentiergeweihen wurden Harpunen geschnitzt, womit der Fischfang ertragreicher wurde.[23] Weidenkörbe wurden hergestellt, um Aale zu fangen.[24] All das bedeutete einen sowohl qualitativen als auch quantitativen Sprung in der menschlichen Arbeitsproduktivität.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Doch nicht nur Jagd und Fischfang florierten. Durch das wärmere und feuchtere Klima gediehen auch immer mehr essbare Wildpflanzen, die die Menschen als Nahrungsquelle entdeckten. Die älteste uns bekannte Ernte von Wildgräsern lässt sich auf die Zeit der späten Eiszeit rund 21.000 Jahre v. Chr. datieren. Der Fundort liegt in Ohalo, dem heutigen Israel. 14.000 Jahre v. Chr. wurden in der gesamten Region Emmer, Einkorn und Gerste angebaut. Diese Entwicklung mag anfangs nur als eine kleine Verbesserung erschienen sein, doch sie markiert die frühen Anfänge eines Prozesses, der die Beziehung des Menschen zur natürlichen Welt und damit das menschliche Leben unwiederbringlich verändern sollte.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Von der ersten Bewirtschaftung von Getreide und anderen Pflanzen war es allerdings noch ein weiter Weg zur landwirtschaftlichen Produktion des Neolithikums. In den meisten Regionen glich diese Bewirtschaftung mehr einer „Gartenarbeit in der Wildnis“, in dem die Menschen regelmäßig Orte aufsuchten, an denen essbare Pflanzen wuchsen. Doch selbst durch diese scheinbar passive Form des Sammelns und Erntens begannen die Menschen die Natur in mehr oder weniger bewusster Form umzugestalten.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Viele der Pflanzen und Tiere, die uns heute als Grundnahrungsmittel dienen, haben nicht immer schon in dieser Form existiert. Mais, Bohnen, Speisekürbisse und selbst Schweine, Schafe und Rinder, wie wir sie heute kennen, entwickelten sich erst im Zuge der menschlichen Eingriffe in die Natur vor mehreren tausend Jahren. Zum Beispiel die Wildgräser, die an Orten wie Ohalo angebaut wurden, besaßen viel kleinere Körner als der Weizen, den wir heute kennen. Die Entdeckung von überdurchschnittlich großen Körnern in Jerf el Ahmar im heutigen Syrien lässt darauf schließen, dass die Menschen schon 13.000 v. Chr. gezielt Gräser mit größeren Körnern aussäten, um so den Ertrag zu steigern.[25]</p>

<p class="wp-block-paragraph">Noch wichtiger war jedoch, dass die Ähren dieser alten Gräser leicht abbrachen und der Samen sich von alleine verteilte, was die Chancen erhöhte, dass sich diese Pflanzen erfolgreich vermehren konnten. Doch was für die Pflanze gut ist, ist für den Sammler nicht notwendigerweise von Vorteil. Ein großer Anteil der potentiellen Ernte ging so verloren, bevor noch der Schnitter zur Stelle war. Bei modernen Getreidesorten ist die Rhachis (Achse der Getreidenähre) so beschaffen, dass die Ähren bis zur Ernte nicht abbrechen. Diese biologische Transformation war das Produkt des Eingriffs durch den Menschen und seiner Innovationskraft. Unter den richtigen Bedingungen führte die Tendenz zur Selektion, die durch die bewusste Verbesserung der Techniken der Sammler entstand, zur Entwicklung neuer Weizen- und Gerstesorten, was für sich genommen einen weiteren großen Fortschritt in der Entwicklung der Produktivkräfte bedeutete.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Die Neolithische Revolution</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Gemeinsam mit der Zunahme an natürlichen Ressourcen und den Verbesserungen der Werkzeuge und Arbeitstechniken entstanden in dieser Epoche die ersten festen Siedlungen. Anfangs handelte es sich dabei wahrscheinlich um Lager, die zu einer bestimmten Saison genutzt wurden, zu denen die Menschen jedoch in immer regelmäßigeren Abständen zurückkehrten. Ein Beispiel dafür ist der Fundort Star Carr im heutigen England aus der Zeit um 9.000 v. Chr.[26] In weiterer Folge wurden die ersten dauerhaft besiedelten Dörfer errichtet. Ein frühes Beispiel liefert die Ausgrabungsstätte ‚Ain Mallaha in der Levante, die auf 12.5000 v. Chr. datiert ist. Man zählt diesen Ort zum Natufien, einer Kultur des Proto-Neolithikums. Hier siedelten Menschen dauerhaft und lebten von der Jagd auf Gazellen und dem Anbau von Wildgetreide.[27]</p>

<p class="wp-block-paragraph">Aber selbst im höchsten Stadium des Epipaläolithikums („Späte Altsteinzeit“) waren dauerhafte Siedlungen noch sehr selten und konnten nur dort gefunden werden, wo es außerordentlich günstige natürliche Bedingungen gab, wie dies in ‚Ain Mallaha oder Poverty Point der Fall war. In diesem Stadium war es sehr schwierig und in einigen Fällen unmöglich, andernorts ähnliche Bedingungen zu schaffen, weshalb in einem bestimmten Ausmaß die Errichtung von Siedlungen letztendlich von der Natur vorgegebenen Bedingungen abhing. Doch die Entwicklungen, die damals vor sich gingen, bereiteten den Boden für eine dramatische Umwälzung der menschlichen Lebensbedingungen, wobei die Ausnahme zur Regel werden sollte.</p>

<p class="wp-block-paragraph">In der Geschichte haben oft Krisen die tiefliegenden Veränderungsprozesse unter der Oberfläche beschleunigt. Solche Krisen können sowohl externe als auch interne Ursachen haben. Vor der Entwicklung der Landwirtschaft im Nahen Osten wurde es spürbar kälter auf der Erde. Es kam zu einer Rückkehr eiszeitlicher Bedingungen in der Jüngeren Dryaszeit (ungefähr von 11.000 – 9.700 v. Chr.). Die Ausbreitung von Wildgräsern wurde dadurch gebremst und die Tierherden mussten auf der Suche nach günstigeren Umweltbedingungen weiterziehen. Die meisten Menschen konnten ihre bisherige Lebensweise daher nicht aufrechterhalten. Die Sterblichkeit nahm erneut zu, und viele Menschen mussten wieder zu einem Nomadenleben zurückkehren. Doch die vorangegangene Entwicklung, die schrittweise über Tausende von Jahren gegangen war, war nicht komplett umsonst gewesen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Als die Menschen die Siedlungen aufgaben, weil dort das Überleben nicht mehr gesichert erschien, nahmen sie geerntete Samenkörner mit und säten sie an völlig neuen Orten. Die Schaffung neuer Anbauflächen und die stärkere Abhängigkeit bestimmter Gemeinschaften vom Getreideanbau dürfte, so die heutige Annahme, die natürliche und künstliche Auslese beschleunigt und zur Herausbildung von domestiziertem Weizen[28] geführt haben. Das kam einem spürbaren Fortschritt gegenüber den alten Siedlungen von Jäger- und Sammlergemeinschaften gleich. Wir können diesen Prozess ganz deutlich in Abu Hureyra, im heutigen Syrien, nachverfolgen, wo die Menschen durch den intensiven Anbau von wildem Roggen auf das kältere Klima reagierten. Daraus entstand das älteste domestizierte Getreide, das bislang nachgewiesen werden konnte. Es stammt in etwa aus der Zeit um 10.500 v. Chr.[29]</p>

<p class="wp-block-paragraph">Rund 9.500 v. Chr. kehrten die Menschen in der Levante und im Südosten der heutigen Türkei zu einem sesshaften Leben zurück, doch dieses Mal auf einer qualitativ weit höheren Stufe, was durch den Anbau von domestizierten Getreidesorten und Viehhaltung (Schafe, Ziegen) möglich wurde. Die Jäger wurden nun durch den gezielten Eingriff in die Natur zu Hirten. Um 8.000 v. Chr. hatte sich dieser neue Lebensstil im gesamten Nahen Osten durchgesetzt und fand bald darauf auch in Europa und Südasien Nachahmung. Unabhängig davon setzte sich auch in anderen Weltregionen, wie in China sowie in Teilen Afrikas und Amerikas, diese neue Form der Landwirtschaft durch. Der marxistische Archäologe V. Gordon Childe bezeichnete diesen Prozess als „Neolithische Revolution“. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Für viele bürgerliche Wissenschaftler erinnert die Bezeichnung „Revolution“ zu sehr an einen marxistischen Ansatz, weshalb sie ihn nicht in Lehrbüchern verwenden. Stattdessen bezeichnen sie die Entwicklung der Landwirtschaft in dieser historischen Phase als „Neolithischen Übergang“, da es sich um einen Prozess handelte, der sich über eine sehr lange Zeitspanne vollzog. Das zeugt allerdings von einem sehr eingeschränkten Verständnis von Geschichte. Die kambrische Explosion (eine Epoche sehr schneller Diversifizierung komplexer, mehrzelliger Tierstämme) erstreckte sich über einen Zeitraum von mehr als zehn Millionen Jahren – eine äußerst kurze, ja explosive Zeitspanne, gemessen an Milliarden Jahren einer unglaublich langsamen Entwicklung, die ihr vorausgegangen war. Die Neolithische Revolution war im Rahmen der Menschheitsgeschichte eine vergleichbar gewaltige und schnelle Transformationsperiode. Der <em>Homo sapiens</em> existiert seit rund 300.000 Jahren, doch diese Entwicklungen erfolgten binnen weniger tausend Jahre und erschütterten das menschliche Leben grundlegend, was zum Entstehen einer neuen Lebensweise, einer neuen Produktionsweise beitrug und so ein neues Kapitel in der Menschheitsgeschichte einläutete.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Die Bedeutung von Ideen</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Ein weiterer Einwand gegen die „traditionelle“ Darstellung der Neolithischen Revolution richtet sich gegen deren materialistische Schlussfolgerungen. Wenn wir mit einem Abstand von 10.000 Jahren auf jene Prozesse zurückblicken, können wir die tiefgreifende Wirkung erahnen, die die damaligen Entwicklungen auf dem Gebiet der menschlichen Arbeit und der Technik sowohl auf die Natur als auch auf die Gesellschaft hatten. Doch selbst diese Bestätigung der grundlegendsten Ideen des historischen Materialismus wollen manche Wissenschaftler nicht akzeptieren. So behauptete etwa Anthony Giddens, der Soziologe hinter Tony Blairs „Drittem Weg“, dass die Entwicklung der Produktivkräfte kein entscheidender Faktor in der Neolithischen Revolution gewesen sein konnte, weil an einigen Orten bereits vor dem Auftauchen der Landwirtschaft menschliche Siedlungen existiert hatten. Giddens schreibt dazu:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>„Das menschliche Sozialleben beginnt nicht und endet auch nicht mit der Produktion. Wenn Mumford den Menschen ein ‘mindmaking, self-mastering, and self-designing animal‘ nennt, und wenn Frankl das menschliche in der „Sinnsuche“ sieht, sind sie näher dran, die Grundlage einer philosophischen Anthropologie der menschlichen Kultur zu liefern, als Marx es war.“[30]</em></p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Vor nicht allzu langer Zeit wurde die Behauptung aufgestellt, dass die Forschungsergebnisse der Ausgrabungsstätte Göbekli Tepe in Südostanatolien, in der heutigen Türkei, neue Beweise zur Untermauerung dieser idealistischen Geschichtsauffassung liefern würden. Göbekli Tepe wird auf 9.600 v. Chr. datiert, die Siedlung existierte in der Frühzeit der neolithischen Epoche. Dort wurden große Steinaltäre gefunden, die darauf schließen lassen, dass ein gewisses Maß an Arbeitsteilung existierte und die Menschen Mehrarbeit zur Errichtung des Baus dieser Tempelanlage aufwenden mussten. Es finden sich auch genügend Beweise, die nahelegen, dass dieser Ort ganzjährig genutzt wurde. Doch die große Menge an Knochen von Wildtieren und das Fehlen von Überresten von domestizierten Tieren lässt den Schluss zu, dass dieser „Tempel“ von Jägern und Sammlern errichtet wurde. Diese bemerkenswerte Entdeckung hat dazu geführt, dass in einer Reihe von Artikeln das Ende des Materialismus ausgerufen wurde. Die These lautet also, die Menschen hätten sich nicht aufgrund der Entwicklung der Landwirtschaft oder, allgemein gesprochen, der Produktivkräfte niedergelassen, sondern wären zum Zweck der Ausübung ihrer Religion sesshaft geworden und haben dann erst eine landwirtschaftliche Produktion entwickelt, um ihre Gemeinschaft ernähren zu können. „Ich glaube, was wir hier sehen können, ist, dass die Zivilisation ein Produkt des menschlichen Geistes ist“[31], verkündete der Grabungsleiter an diesem Fundort, Klaus Schmidt.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Doch die Einsicht, dass Zivilisation ein „Produkt des Geistes“ sei, ist bei weitem nicht so tiefschürfend, wie der Autor glauben mochte. Auch die Dampfmaschine oder das Fabriksystem waren Produkte des menschlichen Verstands. Die aus Feuerstein gefertigte Sichel war ebenso ein Produkt menschlichen Verstands. Selbst wenn der militanteste Materialist sich ein Essen zubereitet, dann macht er das, weil er die Idee hatte, es zu tun. Doch das sagt noch nicht viel, außer die unbestrittene Tatsache, dass all diese Dinge von bewusst denkenden menschlichen Wesen geschaffen wurden.  </p>

<p class="wp-block-paragraph">Schon Friedrich Engels meinte: „Alles, was die Menschen in Bewegung setzt, muß durch ihren Kopf hindurch; aber welche Gestalt es in diesem Kopf annimmt, hängt sehr von den Umständen ab.“[32] Wir müssen uns die Frage stellen, warum die Menschen, die Göbekli Tepe errichtet haben, sich dazu entschlossen haben, zuerst eine derart große und ganzjährig genutzte Kultstätte zu bauen, und warum sie dann den Entschluss fassten, dort auch Weizen anzubauen. Rituelle Handlungen waren schon während des gesamten Paläolithikums wichtiger Bestandteil menschlichen Gemeinschaftslebens. Für die Menschen waren sie ein Mittel, um die Funktionsweise der natürlichen Welt besser zu verstehen und diese Schritt für Schritt zu kontrollieren. Das Ernten von wildem Weizen reicht jedoch zurück in eine Zeit von vor über 23.000 Jahren. Warum kam es also nicht schon in der späten Eiszeit zu einer ähnlichen Entwicklung wie in Göbekli Tepe? Die Erklärung dafür kann letztendlich nur in der Entwicklung der Produktivkräfte gefunden werden: dem Verhältnis der Menschheit zur Natur, das durch die Arbeit der Menschen, ihre Werkzeuge, ihre Arbeitsorganisation und Arbeitstechnik vermittelt wird.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die für Viehzucht und Ackerbau notwendigen Mittel waren bereits im Rahmen der alten Jäger- und Sammlergesellschaft über Tausende von Jahren vor dem Bau von Göbekli Tepe entwickelt worden. Wie bereits erwähnt, fand man Körner von domestiziertem Roggen, die aus der Zeit rund um 10.500 v. Chr. stammen. Jüngere Ausgrabungen in Göbekli Tepe haben aber auch Beweise sowohl für Wohngebäude[33] als auch für den Konsum von Wildgetreide[34] erbracht, was Schmidt inseinem idealistischen Ansatz nicht berücksichtigt oder ignoriert hatte. Das bedeutet, dass Göbekli Tepe nicht nur ein Tempel war, sondern dass es sich um eine Siedlung handelte, die in weiterer Folge auf Ackerbau umstellte, weil die Jagd und das Sammeln von essbaren Pflanzen nicht mehr ausreichten, um die Gemeinschaft zu ernähren. Das unterstreicht nur die Schlussfolgerung, dass die faszinierenden Altäre und religiösen Handlungen der Menschen, die dort lebten, eine materielle Grundlage hatten. Wie auch die Menschen in Tell Abu Hureyra, die angesichts einer Notsituation zum Anbau von Roggen übergingen, markiert auch die Kultur, die Göbekli Tepe schuf, einen Wendepunkt in der Neolithischen Revolution, in dem sich die Notwendigkeit einer neuen Form der gesellschaftlichen Ordnung im bewussten Handeln von Menschen widerspiegelt. Derartige Prozesse sehen wir in allen sozialen Revolutionen. Die Ideen, Wünsche und religiösen Vorstellungen dieser Menschen entsprangen nicht direkt den Werkzeugen, die damals verwendet wurden, sondern waren Produkte des Verstandes von lebendigen Menschen – und sie hatten zweifelsohne einen entscheidenden Effekt auf die Form, die dieser Prozess annahm. Aber es waren die Veränderungen, die sich in der Umwelt dieser Menschen, in ihrer Gesellschaft und der ihr zugrundeliegenden Arbeitsweise abspielten, die den wahren Inhalt dieses Prozesses bestimmten: „Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.“[35]</p>

<h3 class="wp-block-heading">Eine neue Welt</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Marx schreibt im Kapital: „Abstrakt strenge Grenzlinien scheiden ebensowenig die Epochen der Gesellschafts- wie die der Erdgeschichte.“[36] In dieser Hinsicht werden die frühesten Dörfer der neolithischen Epoche den Siedlungen der Jäger- und Sammlergesellschaften, die am Ende des Paläolithikums entstanden waren, sehr ähnlich gewesen sein. In einigen Fällen konnten diese neolithischen Gemeinschaften noch immer relativ mobil sein, besiedelten für eine gewisse Zeit ein Stück Land, wo sie Getreide anbauten, und zogen weiter, wenn sich der Boden nach einiger Zeit regenerieren musste. Henry Morgan beobachtete diese Vorgangsweise auch bei den Irokesen. Die Jagd, der Fischfang und das Sammeln von Früchten blieben neben dem Anbau von Getreide wichtige Methoden der Nahrungsbeschaffung. Es dauerte mehrere hundert Jahre, bis die grundlegenden Veränderungen, die damit einhergingen, offensichtlich wurden. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Eine dieser Veränderungen war der markante Anstieg der Größe und Zahl der Siedlungen. Die durchschnittliche Siedlung im Natufien dürfte schätzungsweise von 100 bis 150 Personen bewohnt worden sein – eine beachtliche Größe für eine Jäger- und Sammlergemeinschaft, aber immer noch klein im Vergleich zu den neolithischen Siedlungen, die ab 9.500 v. Chr. entstanden. Selbst in einem kleinen neolithischen Dorf wohnten rund 250 Menschen[37], also in etwa doppelt so viele wie in der Natufien-Kultur. Jericho, vielleicht die älteste Siedlung, die heute noch existiert, wies um 9.000 v. Chr., also nur wenige Jahrhunderte nach Beginn der neolithischen Epoche, eine Bevölkerung in der Größenordnung von 1.000 Personen auf. Das war nur möglich auf der Grundlage eines massiven Sprungs in der Entwicklung der Produktivkräfte. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Ackerbau rund um feste Siedlungen begünstigte nicht nur die Entstehung großer Gemeinden, sondern beschleunigte auch das Bevölkerungswachstum im Allgemeinen. Allerdings darf man nicht vergessen, dass diese verbesserten Reproduktionsbedingungen nach wie vor durch hohe Kindersterblichkeit und die allgemein sehr niedrige Lebenserwartung von neolithischen Bauern und Bäuerinnen  (aufgrund einer sehr eingeschränkten Ernährung und dem Entstehen bislang unbekannter Krankheiten) konterkariert wurden. Letzteres war eine der Schattenseiten der Sesshaftigkeit – oft lebten tausende Menschen und Tiere auf sehr engem Raum zusammengedrängt. Trotz aller Probleme, die sich aus der Sesshaftwerdung ergaben, führte die höhere Geburtenrate doch zur Ausbreitung neuer und auch größerer Siedlungen, die die nomadischen Jäger- und Sammlergemeinschaften schrittweise verdrängten. Auf den britischen Inseln dürften Menschen, die sich, aus Kontinentaleuropa kommend, hier angesiedelt hatten, um 4.000 v. Chr. mit dem Ackerbau begonnen haben. Innerhalb von 2.000 Jahren, ein im urgeschichtlichen Maßstab sehr kurzer Zeitraum, setzte sich die neue Lebensweise flächendeckend durch.[38]</p>

<p class="wp-block-paragraph">Mit der gewandelten Produktionsweise und den Auswirkungen auf die materielle Reproduktion des Menschen nahmen auch neue ideologische und religiöse Vorstellungen Form an. Ein Beispiel dafür sehen wir in der zunehmenden Verbreitung dessen, was heute als Ahnenkult aufgefasst wird. In Jericho wurden etwa mit Gips verputzte Schädel sowie im Boden der Häuser begrabene Verstorbene gefunden.[39] Die Vorstellung, dass die eigenen Ahnen auch nach dem Tod in der Familie bleiben, manchmal sogar wortwörtlich im Haus der Familie, weil sich dort ihr Grab befand, und sie auf diese Weise ihre lebenden Verwandten beschützten, ist ebenso  durch Quellen aus der chinesischen Kultur sehr gut belegt. Das passt auch zusammen mit der Tatsache, dass die Menschen nun dauerhaft in einem bestimmten Haushalt lebten und dasselbe Land bestellten.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Mit dem Übergang zu sesshafter Landwirtschaft begann sich auch schrittweise die Arbeitsteilung innerhalb der Familie zu verändern. Eine deutlich höhere Geburtenrate bedeutete, dass Frauen häufiger schwanger waren und mehr Zeit für die Kinder aufbringen mussten, weshalb ihnen weniger Zeit für die Feldarbeit blieb. Funde aus einer Reihe von neolithischen Ausgrabungsstätten lassen darauf schließen, dass diese Entwicklung gemeinsam mit der Intensivierung der  Arbeit und der Notwendigkeit, ständig auf den Feldern zu arbeiten und die Herden zu beaufsichtigen, vielerorts zu einer viel rigideren Teilung der Verantwortlichkeiten innerhalb der Familie führte. </p>

<p class="wp-block-paragraph">In dem Maße, wie sich der Anbau von Getreide ausbreitete, wurde auch die Verarbeitung von Weizen und Gerste immer wichtiger. In Tell Abu-Hureyra entdeckten die Forscher bei weiblichen Skeletten Spuren von Arthritis in den Zehen, weil diese Frauen stundenlang kniend und unter Einsatz des Gewichts ihres Körpers Getreide mahlten.[40] Eine ähnliche Arbeitsteilung lässt sich aus den Funden in einer neolithischen Ausgrabungsstätte im heutigen China ablesen, die auf 5.000-6.000 v. Chr. datiert wird. Dort wurden männliche Tote fast durchwegs mit Steingerätschaften begraben, die für den Ackerbau oder die Jagd benutzt wurden, während Frauen ohne derartige Artefakte begraben wurden. In den weiblichen Gräbern fand man jedoch Werkzeug, das man zum Mahlen von Getreide benötigte.[41] Diese Zeugnisse ließen, zusammen mit anderen Studien, viele Anthropologen zu dem Schluss kommen, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Ausbreitung der sesshaften Landwirtschaft und der Tendenz, dass Frauen im Heim „Hausarbeit“ leisteten. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Diese „Hausarbeit“ war jedoch keineswegs zweitrangig oder der Arbeit der Männer untergeordnet. Neolithische Häuser, die man bei Ausgrabungsarbeiten freilegen konnte, verfügten oft über einen eigenen Bereich, wo Webarbeiten verrichtet wurden. Werkzeugherstellung, die häufig als Männerarbeit dargestellt wird, fand ebenfalls im oder um das Heim oder das Dorf statt, und in vielen Fällen waren die Frauen dafür verantwortlich. Anthropologische Studien über die Konso, eine großteils von der Landwirtschaft lebende ethnische Gruppe in Äthiopien, die weltweit zu den letzten Völkern gehören, die noch vorrangig Feuersteinwerkzeuge benutzen, gehen von der These aus, dass in diesen Gemeinschaften gewöhnlich die Frauen Werkzeuge herstellen.[42] Der neolithische Haushalt war also sowohl Heim als auch Werkstatt, und die vorhandenen Zeugnisse sprechen dafür, dass die Frauen in diesen Haushalten eine zentrale Stellung innehatten. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Verschiebungen in der Arbeitsteilung innerhalb der Familie erfolgten weder automatisch noch waren sie absolut. Es gab Gesellschaften, in denen Männer und Frauen ungefähr gleich viel Arbeit innerhalb und außerhalb des eigenen Haushalts verrichteten. Das dürfte beispielsweise am besonders wichtigen neolithischen Fundort Çatalhöyük[43] in der heutigen Türkei der Fall gewesen sein. In etlichen Gesellschaften erledigten auch tendenziell die Frauen, nicht die Männer die landwirtschaftliche Arbeit, wie man es aus Morgans Studie über die Irokesen kennt. Es wäre daher überaus vereinfachend und falsch, wenn wir eine automatische und unmittelbare Verbindung zwischen der landwirtschaftlichen Produktionsweise im Allgemeinen und der Tendenz vermehrter Arbeit der Frauen im Haushalt herstellen würden. Weiters können wir diese Veränderungen in der Arbeitsteilung innerhalb der Familie nicht als verlässlichen Beweis für die systematische Unterdrückung von Frauen und die Durchsetzung des Patriarchats, das zum Kennzeichen aller späteren „zivilisierten“ Gesellschaften gehört, heranziehen. Während Frauen allem Anschein nach mehr Arbeit zu Hause verrichteten, so wurde ihre Arbeit innerhalb der Gemeinschaft doch sehr wertgeschätzt, und Frauen genossen denselben Status wie Männer. Viele neolithische Grabstätten, wie etwa Midhowe Cairn im britischen Orkney, in denen die sterblichen Überreste von in etwa gleich viel Männern wie Frauen gefunden wurden, weisen keine bemerkbaren Unterschiede in Bezug auf Reichtum oder gesellschaftlichen Status auf.[44]</p>

<p class="wp-block-paragraph">Was wir an den Funden in Tell Abu-Hureyra und anderen neolithischen Ausgrabungsstätten jedoch ablesen können, sind die ersten Anfänge des Aufkommens neuer gesellschaftlicher Beziehungen innerhalb der neolithischen Gesellschaft. Dazu gehörte auch, dass Frauen tendenziell vermehrt im Heim tätig waren. Das für sich allein genommen bedeutete aber noch nicht, dass Frauen in ökonomische Abhängigkeit gerieten bzw. unterdrückt wurden, doch im Laufe der weiteren Entwicklungen und der Intensivierung der Arbeit auf dem Gebiet der landwirtschaftlichen Produktion verfestigte sich diese Tendenz immer mehr. Dadurch dürfte die Grundlage für eine weitere Verschiebung in den Beziehungen zwischen Männern und Frauen gelegt worden sein. Das war im Neolithikum aber noch nicht der Fall; erst mit dem Entstehen von Klassengesellschaften schlugen diese Entwicklungen in eine systematische Unterdrückung der Frau um.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Die Dorfgemeinschaft</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Trotz der im Keim bereits sichtbaren Anzeichen von Ungleichheit in der neolithischen Periode waren die gesellschaftlichen Verhältnisse nach wie vor weitgehend kommunistischer Natur. Es gibt, wenn überhaupt, kaum Anzeichen von Privatbesitz, Ausbeutung oder vererbbarem Vermögen. Engels stellte die gesellschaftlichen Strukturen dieser klassenlosen Gesellschaften in seinem Buch <em>Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates</em> dar:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ohne Soldaten, Gendarmen und Polizisten, ohne Adel, Könige, Statthalter, Präfekten oder Richter, ohne Gefängnisse, ohne Prozesse geht alles seinen geregelten Gang […] die Haushaltung ist einer Reihe von Familien gemein und kommunistisch, der Boden ist Stammesbesitz, nur die Gärtchen sind den Haushaltungen vorläufig zugewiesen -, so braucht man doch nicht eine Spur unsres weitläufigen und verwickelten Verwaltungsapparats.“ „Arme und Bedürftige kann es nicht geben – die kommunistische Haushaltung und die Gens kennen ihre Verpflichtungen gegen Alte, Kranke und im Kriege Gelähmte. Alle sind gleich und frei – auch die Weiber. Für Sklaven ist noch kein Raum, für Unterjochung fremder Stämme in der Regel auch noch nicht.“[45]</em></p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Anknüpfend an Morgan nannte Engels dieses Stadium in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft „Barbarei“, die eben mit der Entwicklung der Landwirtschaft, der Domestizierung von Tieren und der Erfindung der Keramik ihren Anfang nahm. Für die Menschen, die in diesen bäuerlichen Gemeinschaften lebten und die die moralischen und kulturellen Normen dieser Gemeinschaft bewahrten, muss jede andere Lebensform undenkbar gewesen sein. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Ein wichtiger Hinweis, der darauf schließen lässt, ist das Auftreten von Gruppenbestattungen, wobei alle Individuen gemeinsam in einem Grab beigesetzt wurden, und zwar unabhängig von sozialen Unterschieden und Status. Im bereits erwähnten Midhowe Cairn in Orkney wurden zumindest 25 Personen gemeinsam begraben. Ein ressourcenaufwendiges Monument wie dieses, mit mehreren voneinander getrennten Steinkammern, lässt jedoch nicht auf mangelnden Respekt gegenüber den einzelnen Toten schließen, die dort begraben wurden. Es entspricht der Moral einer Gesellschaft, die gemeinschaftlich organisiert war. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Auch sehr große neolithische Siedlungen beruhten auf dieser kommunalen Grundlage. Im bereits erwähnten Çatalhöyük lebten am Höhepunkt (rund 7.000 v.Chr.) schätzungsweise 10.000 Menschen. Die Stadt war sehr dicht verbaut, wobei die einzelnen Haushalte als unabhängige Einheiten bestanden und die Toten unter dem Boden des eigenen Hauses und nicht in gemeinschaftlichen Friedhöfen bestattet wurden. Doch trotz dieser relativen Unabhängigkeit der einzelnen Haushalte unterschieden sich die Häuser kaum hinsichtlich ihrer Größe, was darauf schließen lässt, dass es kaum soziale Unterschiede gegeben haben dürfte.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Der egalitäre Charakter der neolithischen Siedlungen ließ Zweifel aufkommen, was den Zusammenhang zwischen der Neolithischen Revolution und dem Entstehen von Klassengesellschaften betrifft. Viele neolithische Gemeinden existierten jahrtausendelang ohne Zwangsarbeit, Steuern und nennenswerte soziale Ungleichheit. Inwiefern können wir daher sagen, dass die Entstehung von Klassengesellschaften der neolithischen Produktionsweise inhärent war? Marx erklärte, dass die Entwicklung der Widersprüche innerhalb einer Produktionsweise notwendigerweise die Bedingungen zu ihrer Überwindung hervorbringt: </p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>„Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind.“[46]</em></p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Dass sich Klassengesellschaften unvermeidlich durchsetzten, liegt in der Tatsache begründet, dass die neolithische Produktionsweise die Voraussetzungen für eine solche Veränderung hervorgebracht hat: die immer komplexere Arbeitsteilung in der Gesellschaft und vor allem das wachsende Mehrprodukt. In unserer Darstellung werden wir den Fokus darauf legen, wie sich dieser Prozess im Nahen Osten vollzog. Wir argumentieren nicht, dass jede Entwicklung, die in dieser Region vor sich ging, die Entstehung von Klassengesellschaften auf der ganzen Welt erklären könne. Wir hoffen aber, dass wir mit der Darstellung des Prozesses in all seinen Phasen in einer spezifischen Region doch auch zentrale Elemente der Entwicklung der Klassengesellschaft im Allgemeinen aufdecken können.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Ein größeres Mehrprodukt</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Die gesamte Geschichte des Neolithikums könnte auch in der Frage zusammengefasst werden, was man mit dem zunehmend größeren Mehrprodukt machen sollte. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Die neolithischen Gemeinden begannen zusehends damit, das Mehrprodukt, das nicht unmittelbar konsumiert werden konnte, mit Blick auf die Zukunft zu lagern. Die Dörfer des Neolithikums wie Jerf el Ahmar in Syrien[47] verfügten über Lagerräume, die von der gesamten Gemeinde verwaltet und kontrolliert wurden. Die Existenz eines Mehrprodukts konnte aber auch bedeuten, dass mehr Arbeitszeit für Tätigkeiten aufgewendet werden konnte, die nicht für die unmittelbare Existenzsicherung benötigt wurden. Die Bewohner von Jericho konnten aus diesem Grund mit dem Bau einer Befestigungsmauer und eines großen Turms beginnen,[48] die auf die Zeit um 8.000 v. Chr. datiert werden. Die Produktion von Überschüssen ermöglichte auch die Ausweitung des Handels zwischen den großteils autarken neolithischen Gemeinden, was wiederum den Boden für die Ausbreitung einer regionalen Arbeitsteilung bereitete und die wechselseitige Abhängigkeit der Siedlungen in der Folge verstärkte.[49]</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die bedeutsamste Auswirkung des anwachsenden Mehrprodukts war die Herausbildung einer neuen gesellschaftlichen Arbeitsteilung zwischen geistiger und körperlicher Arbeit, zwischen Kopf- und Handarbeit. Die steigende Arbeitsproduktivität ermöglichte es, eine kleine Schicht in der Gesellschaft von der körperlichen Arbeit auf den Feldern zu befreien. Diese Entwicklung in der Zeit des Neolithikums schuf die Voraussetzungen für das Entstehen der ersten Klassengesellschaften in der Geschichte.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Rund um 7.000 v. Chr. begannen Menschen aus dem Nahen Osten in fruchtbarere Gebiete, wie Mesopotamien im heutigen Irak, zu ziehen. Dort sollten schließlich auch die ersten Staaten entstehen. Das wirft die Frage auf, welche Rolle Umweltbedingungen in der historischen Entwicklung einnehmen. Im „Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur“ ist die natürliche Umgebung freilich von großer Bedeutung. In der Urgeschichte ist ein Großteil der technologischen und sozialen Entwicklung der Menschheit als Antwort auf äußeren, umweltbedingten Druck zurückzuführen. Das ist aber nur eine Seite der Medaille, denn letztlich ist das menschliche Handeln der entscheidende Faktor.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Oft wird behauptet, dass die menschliche Zivilisation oder Klassengesellschaft das Produkt der fruchtbaren Böden rund um den Tigris, den Euphrat, den Nil, den Gelben Fluss oder dem Indus war. Doch die Fruchtbarkeit des Bodens in Mesopotamien wäre nicht viel mehr als ein Potential geblieben, wenn die Menschen nicht die nötigen Werkzeuge zur Kultivierung des Landes zur Verfügung gehabt hätten. Zwischen 7.000 und 6.000 v. Chr. waren große Teile von Untermesopotamien von feuchten Sumpfgebieten durchzogen und deshalb eine unwirtliche Gegend. Außerdem mangelte es in der Region an wichtigen Rohmaterialien wie Holz und später Kupfer, was Untermesopotamien schwer besiedelbar machte und weshalb der Zugang zu Fernhandelsnetzwerken umso wichtiger war. Um diese Hindernisse überwinden zu können, war eine gewisse Entwicklung der Produktivkräfte schon während des Neolithikums notwendig.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Nutzung von Bewässerungssystemen zur Steigerung der Produktivität war sowohl in Jericho als auch in Çatalhöyük schon bekannt. Um 7.000 v. Chr. erlebten diese Siedlungen einen Niedergang, aber die technologischen Errungenschaften waren nicht für alle Zeiten verloren, sondern verbreiteten sich in der Folge in der mesopotamischen Ebene. Der älteste Beweis für eine Landwirtschaft mit Bewässerungssystem konnte in Choga Mami[50] gefunden werden und datiert aus der Zeit um 6.000 v. Chr. Doch diese Siedlung und die samarranische Kultur, zu der sie zählt, wies noch alle Merkmale des frühen Neolithikums auf. Als Siedler, die wahrscheinlich aus der iranischen Hochebene stammten, diese neue Technologie in den überaus fruchtbaren Feuchtgebieten Untermesopotamiens einführten, wurde damit die Grundlage für eine radikale Veränderung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung gelegt, die schließlich im Entstehen der Klassengesellschaft gipfeln sollte.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Die urbane Revolution</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Die „urbane Revolution“ begann im Nahen Osten nicht mit großen neolithischen Siedlungen wie Jericho, sondern mit kleinen Dörfern, die damals zwar noch sehr bescheiden wirkten, die aber ein großes Entwicklungspotential aufwiesen. Die untersten Schichten in der Ausgrabungsstätte von Eridu im heutigen Südirak dürften aus der Zeit um 5.800 v. Chr. stammen. Was an dieser Siedlung so bemerkenswert war, sind nicht nur die Bewässerungskanäle, mit denen man Sumpfgebiete trockenlegen konnte, sondern auch der früheste Fund von „Gebäuden, die ausschließlich Kulthandlungen gewidmet waren“.[51] Diese „Kapellen“, wie sie teilweise genannt werden, waren die physische Manifestation eines epochemachenden Wandels in den sozialen Verhältnissen: dem Aufstieg des Priesterwesens. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Einführung der Bewässerungssysteme musste sich stark auf das Leben und Denken der ersten Bewohner von Eridu ausgewirkt haben, denn damit ging eine tiefreichende Veränderung in der Arbeitsorganisation einher. Das Graben von Kanälen erforderte nicht nur die Arbeit vieler Menschen, sondern setzte auch ein hohes Maß an Planung voraus. Diese Arbeiten konnten von unabhängigen Haushalten, die nur für sich arbeiteten, nicht effizient umgesetzt werden; es brauchte deshalb die Kooperation einer relativ großen Menge von Arbeitskräften unter der Anleitung einer Art Führung. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Marx schrieb dazu im <em>Kapital</em>: „Alle unmittelbar gesellschaftliche oder gemeinschaftliche Arbeit auf größrem Maßstab bedarf mehr oder minder einer Direktion, welche die Harmonie der individuellen Tätigkeiten vermittelt.“[52] Dass diese Rolle zunächst von Priestern eingenommen wurde, ist nicht allzu überraschend. Selbst in Jäger- und Sammlergesellschaften hatten Schamanen oder andere spirituelle Führungspersönlichkeiten oft eine relative privilegierte Stellung im Rahmen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung; dadurch war es ihnen möglich, sich mit der natürlichen Umgebung der Gemeinschaft auseinanderzusetzen, die es schrittweise zu verstehen und zu meistern galt. Jene Personen, die am meisten Einsicht in die Geheimnisse der Natur und somit das „Göttliche“ hatten, erachtete man auch als die besten Kandidaten für die Aufgabe, der Gemeinschaft die Segnungen der Gottheit zu sichern. Doch die Gottheit selbst war natürlich auch ein historisches Produkt. Der Glaube, dass allmächtige Götter existieren, die sich in die Lebensbedingungen der Menschen einmischen und deshalb verehrt werden müssen, kommt in Jäger- und Sammlergesellschaften nur sehr selten vor und dürfte vor dem Neolithikum noch völlig unbekannt gewesen sein.[53] Letztendlich war die Vorstellung von einem Gott, der die oberste Autorität darstellt, selbst schon die ideologische Widerspiegelung der Tatsache, dass eine Schicht an der Spitze der Gesellschaft nicht nur eine zunehmende Kontrolle über die Kräfte der Natur, sondern auch über andere Menschen auszuüben vermochte. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Diese Entwicklung war aber nicht einzig und allein auf die Bedingungen in Mesopotamien zurückzuführen. Die zentrale Aufgabe, die Nilüberschwemmungen vorherzusagen, wurde eine Domäne der ägyptischen Priester, aus der sich auch ihre Machtstellung ableitete. Bei den Mayas auf der mexikanischen Halbinsel Yukatan oblag es ebenfalls den Priestern, die Opferrituale und Zeremonien zu beaufsichtigen, mit denen man die Gunst der heiligen Cenoten (natürliche Höhlen mit Grundwasserzugang) sicherstellen wollte. Das war umso wichtiger, als diese Höhlen die einzige Frischwasserquelle in einer Region waren, in der es keine Flüsse gab. Wir können auch einen ähnlichen Prozess beim Aufstieg der Brahmanenkaste im Indien der vedischen Zeit sehen, die über Tausende von Jahren die gesellschaftliche Elite bleiben sollte. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Herausbildung einer Gesellschaftsschicht, die mit dem Mehrprodukt des Rests der Gemeinschaft erhalten wird und die die Arbeit anleitet, markiert einen Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte. Mit dieser Entwicklung geht in Mesopotamien das Neolithikum zu Ende, und wir sehen den Beginn dessen, was Gordon Childe die „urbane Revolution“ nannte. Es muss jedoch betont werden, dass Eridu um 5.800 v. Chr. mit Sicherheit noch keine Klassengesellschaft war, denn Produktion und Distribution waren im Wesentlichen noch immer kommunistisch organisiert. Die Priester konnten sich nur auf ihre natürliche Autorität in der Gemeinschaft stützen. In all den genannten Fällen spielte die „Priesterkaste“ anfangs eine Rolle, aus der die gesamte Gemeinschaft Nutzen zog. Die Priester dienten, wenn auch aus einer privilegierten Stellung heraus, der Gemeinde. Doch ab einem gewissen Punkt sollte dieser Diener zu einem Usurpator werden.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die neue Arbeitsorganisation, die es in Eridu gab, beschleunigte die Entwicklung der Produktivkräfte noch weiter. Die großen Anbauflächen, die durch die Bewässerungssysteme zur Verfügung standen, erlaubten auch den effizienten Einsatz eines von Ochsen gezogenen Pfluges – ein großer Unterschied zu den bisherigen Arbeitsmethoden. Die verbesserte Wasserversorgung führte zu ersten Experimenten im Anbau von Bäumen, konkret der Dattelpalme.[54] Auf der Grundlage dieser Entwicklungen florierte die „Obed-Kultur“, benannt nach der Fundstätte in Tell el-Obed im heutigen Irak, die von 5.100 bis 4.000 v. Chr. existierte. In dieser Periode kam es zur Ausbreitung landwirtschaftlicher Siedlungen entlang der Bewässerungskanäle, wo überall derselbe, sehr hochwertige Keramikstil Verbreitung fand. Viele dieser Siedlungen gruppierten sich um eine zentrale Tempelstruktur, wie man sie auch in Eridu entdeckt hatte, doch die Tempel der Obed-Zeit waren viel bedeutsamer.  </p>

<p class="wp-block-paragraph">Laut archäologischen Erkenntnissen ist es offensichtlich, dass das deutlich gestiegene Mehrprodukt, großteils in Form von Getreide, nicht nur zu größerem Wohlstand der ganzen Gemeinschaft beigetrug, sondern auch den gesellschaftlichen Einfluss des Leitungsorgans steigerte. Die einzelnen Priester mochten sich zu diesem Zeitpunkt noch kaum selbst Vermögen angeeignet haben, aber die Institution des Tempels kontrollierte sicherlich einen immer größeren Anteil der gesellschaftlichen Arbeit und des daraus fließenden Mehrprodukts. Das bedeutete nicht notwendigerweise einen fundamentalen Bruch mit den egalitären Normen der Vergangenheit. Aber wenn die Gemeinschaft letzten Endes dank der Güte einer beschützenden Gottheit mit neuem Land und reichen Ernten gesegnet war, wer sollte dann wohl am besten das Mehrprodukt zum Dank erhalten?</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Priester verschwendeten den von Gott gegebenen Wohlstand auch nicht leichtfertig. Aus der Obed-Zeit gibt es eine Reihe von Nachweisen über das Aufkommen spezialisierter Handwerker, und am Ende dieser Periode sollte erstmals eine Schicht von Spezialisten existieren, die ihre ganze Arbeitszeit lang einen Handwerksberuf ausübten und deren Werkstätten Teil des Tempelkomplexes waren.[55] Daraus können wir ableiten, dass zwischen den Priestern und den Handwerkern eine enge Beziehung bestand, und die Handwerker im Grunde vom Tempel beschäftigt wurden und dafür im Gegenzug Keramik, Kupferartefakte und Halbedelsteine erhielten. Hier sehen wir erneut die Entwicklung neuer Produktionsbeziehungen, die im Schoß der alten herangereift waren. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Obed-Kultur verbreitete sich in weiten Teilen Mesopotamiens und darüber hinaus. Das bedeutete jedoch keinesfalls, dass zu dieser Zeit bereits etwas bestanden hätte, das man als ein vereintes „Reich“ oder einen Staat bezeichnen könnte. Es fehlen jegliche Beweise, dass die verschiedenen Siedlungen in der Region, die von der Obed-Kultur beeinflusst waren, von den ursprünglichen Obed-Siedlungen erobert oder kolonialisiert worden wären. Viel wahrscheinlicher ist, dass im Zuge der Ausdehnung eines sehr komplexen Netzwerks von Handelsbeziehungen (Keramik, Kupfer, Halbedelsteine sowie das Vulkangestein Obsidian, das zur Herstellung scharfer Klingen verwendet wurde) die Gemeinschaften auch einen engen kulturellen Austausch pflegten. Dabei dürfte der Wohlstand von Siedlungen wie Eridu andere Gemeinschaften dazu inspiriert haben, die bei den reicheren Handelspartnern üblichen Produktionstechniken nachzuahmen. Das heißt aber nicht, dass sie von diesen Handelspartnern jemals „beherrscht“ wurden. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Gesellschaft der Obed-Zeit unterscheidet sich grundlegend von den Dorfgemeinschaften des frühen Neolithikums. Dennoch ähnelte die Obed-Gesellschaft in vielerlei Hinsicht weiterhin stärker dem Urkommunismus als den späteren Klassengesellschaften. Trotz der zunehmend ungleicheren Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums und der zunehmenden Macht der Priester als Hüter des Mehrprodukts blieb die Gemeinschaft selbst unabhängig von anderen, sie war demokratisch organisiert und kannte noch keine Zwangsarbeit. Was wir in der späten Obed-Zeit sehen, kann daher als eine Art Übergangsgesellschaft charakterisiert werden, die sowohl von der urkommunistischen als auch den späteren Klassengesellschaften wichtige Elemente in sich trug. Doch aus den Verhältnissen, die sich in der Obed-Zeit entwickelten, sollte die erste Klassengesellschaft der Geschichte erwachsen, die auf der Herrschaft der Stadt über das Dorf und des Menschen über den Menschen basierte: Uruk.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Die erste Klassengesellschaft</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Uruk ist neben dem Alten Ägypten einer der ersten Staaten der Weltgeschichte. Die Stadt Uruk entstand aus mehreren Obed-Siedlungen um 5.000 v. Chr. Wie andere Siedlungen dieser Epoche gruppierten sie sich um relativ große Tempelkomplexe: einer war An, dem Gott des Himmels, und der andere war <em>Inanna</em>, der Göttin der Liebe, gewidmet. Über die Zeit wuchsen die Dörfer zu einer einzigen, großen Stadt zusammen, in der um 3.100 v. Chr. rund 40.000 Menschen wohnten. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Als Uruk immer größer wurde und damit einhergehend eine Einwohnerschaft von spezialisierten und miteinander im Austausch stehenden Handwerkern entstand, war das Ende der einstigen Autarkie und somit auch der Unabhängigkeit der Gemeinden besiegelt. Die Ausrichtung auf eine handwerkliche Produktion in den Städten und auf die Lebensmittelproduktion in den Dörfern bedeutete, dass die Bevölkerung der größeren Siedlungen nicht mehr länger ausreichend Lebensmittel für die Eigenversorgung herstellte und deshalb begann, auf das Mehrprodukt der umliegenden Dörfer zurückzugreifen.[56] Aus dieser dramatischen Verschiebung in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung erwuchs die früheste Trennung zwischen Stadt und Land, die Marx als derart zentrales Merkmal bei der Herausbildung von Klassengesellschaften erachtete, dass man sagen kann, „daß die ganze ökonomische Geschichte der Gesellschaft sich in der Bewegung dieses Gegensatzes resümiert.”[57]</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Überschüsse aus der Lebensmittelproduktion der Dörfer wurden wohl als Opfergabe an die Götter, die in ihren jeweiligen Tempeln residierten, verwendet. Doch es muss dabei auch ein gewisses Element von Tauschbeziehungen gegeben haben. Die Bäuerinnen und Bauern erhielten Handwerksprodukte und Güter, zu denen sie ansonsten keinen Zugang gehabt hätten. Schließlich wurde diese Beziehung gegenseitiger Abhängigkeit, aus der beide Seiten Nutzen zogen, transformiert und nahm die Form unverblümter Ausbeutung in Form eines „Zehents“[58] an, der von der Dorfbevölkerung an die Tempel in Uruk abgeliefert werden musste, und zwar unabhängig davon, ob die Bauern im Gegenzug etwas erhielten oder nicht. Notfalls erfolgten diese Abgaben auch unter Einsatz von Gewalt. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Zusätzlich zum Mehrprodukt forderte die Tempelbürokratie von der Masse der Bevölkerung auch Mehrarbeit ein. In Uruk kam es so zu einem Umschlagen von Quantität in Qualität in Form der direkten Kontrolle und Ausbeutung von Arbeit nach den Vorstellungen einer eigenen Klasse, die sich über die alten Gemeindestrukturen erhob und alle Macht an sich gerissen hatte. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Dieser historische Wendepunkt findet seinen physischen Ausdruck in den aus dieser Epoche erhaltenen Töpferwaren. Im Gegensatz zu den meisterhaften Schüsseln und Vasen der Obed-Kultur waren die meisten Keramikartefakte aus Uruk einfache Glockentöpfe. Das war aber kein Rückschritt: Uruk war eine blühende Stadt und seine Töpfer waren damit beschäftigt, das erste Massenprodukt der Geschichte herzustellen. Indem sie standardisierte Formen verwendeten, konnten diese Handwerker in einem kurzen Zeitraum tausende dieser Schalen herstellen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Doch wer benutzte diese Schalen? Die häufigste Erklärung lautet, dass darin die Essensrationen an die Arbeitskräfte verteilt wurden, die erzwungene Corvée-Arbeit verrichten mussten. Dabei handelte es sich um Bauern aus den umliegenden Dörfern, die zwangsverpflichtet wurden, bei Projekten wie dem Bau von Bewässerungskanälen oder von Stadtmauern zu arbeiten. Außerdem mussten sie eine bestimmte Zeit die Felder bestellen, die dem Tempel gehörten.[59] Die große Anzahl solcher Schalen, die in Uruk und anderen Ausgrabungsstätten aus dieser Zeit entdeckt wurden, belegen die Masse der dort eingesetzten Arbeitskräfte und das Ausmaß dieser Großprojekte. Die Arbeiter wurden aus verschiedenen Dörfern rekrutiert und bei Projekten eingesetzt, die ihnen selbst oder ihren Familien wenig bis keinen direkten Nutzen brachten. Abseits der alten gemeinschaftlichen Strukturen nahmen neue Klassenbeziehungen Form an.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Veränderungen in den Produktionsverhältnissen brachten mit der Zeit auch neue Eigentumsverhältnisse hervor. Bevor es in Uruk zu diesen Entwicklungen kam, gehörte das gesamte Land kollektiv den Familien und konnte auch nicht an andere übertragen werden. Das bedeutete, dass Grund und Boden immer im Besitz und unter der kollektiven Kontrolle der Dorfgemeinschaft blieben, die sich, ähnlich wie bei den Gentes im Homerischen Griechenland, aus mehreren größeren Gruppen von Familien zusammensetzte. Hinweise auf diese gentile Eigentumsstruktur findet man auch noch viel später in der Frühdynastischen Zeit. In „Verträgen“ zum Erwerb von Feldern wurde festgehalten, dass der Käufer an die erweiterte Familie des Verkäufers „Geschenke“ verteilen musste, bevor er deren Erlaubnis erhielt, dass ein bestimmtes Grundstück aus der kollektiven Kontrolle in privates Eigentum übertragen werden konnte.[60] Doch diese neuen Verhältnisse, die mit dem Entstehen großer Städte aufkamen, bedrohten den bisherigen Zustand.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Als Uruk zu einer Stadt anwuchs, wurde das Land, das den Dorfgemeinschaften gehörte, die dort vorher existiert hatten, weiter nach dem alten Familiensystem verwaltet. Doch mit der Ausweitung der Bewässerungsprojekte, die mit Corvée-Arbeit unter der Anleitung des Tempels umgesetzt wurden, wurde neues Land urbar gemacht, auf das keine alten Familien- oder Gemeindestrukturen Anspruch erheben konnten und das daher nicht unter das alte Gemeinschaftssystem fiel. Dieses neue Land wurde dem Tempel übertragen. Mit der Zeit wurden Teile dieses Landes im Eigentum des Tempels an Individuen übertragen, die sich durch besondere Dienste gegenüber der Stadt verdient gemacht hatten. Diese Personen gehörten natürlich zur herrschenden Elite. Diese Übertragungen waren aber nur von temporärem Charakter und konnten auch wieder rückgängig gemacht werden; es war damit kein absoluter Eigentumsanspruch verbunden. Nichtsdestotrotz hatte dies den Effekt, dass eine Form des individuellen Eigentums über Grund und Boden geschaffen wurde, das unabhängig von dem der Dorfgemeinschaften bestand. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Auflösung der alten Gemeinschaftsordnung kann auch in der Stadt Uruk selbst nachvollzogen werden. Die Bürger von Uruk profitierten nicht alle im selben Ausmaß von dem Mehrprodukt, das den Dörfern entzogen wurde. Der Tempel übte die exklusive Kontrolle über das Mehrprodukt aus und eignete sich einen immer größeren Anteil davon selbst an. Was nicht unmittelbar von der Tempelbürokratie konsumiert wurde, wurde unter ihrer Kontrolle gelagert, verteilt oder gehandelt. Auf der anderen Seite hatte die Auflösung des Familiensystems eine Unterschicht hervorgebracht, die über keine Mittel verfügte. Der zunehmende Druck, der auf den Dörfern lastete, zwang jene Bauern, die ihren Verpflichtungen nicht nachkommen konnten, in die Verschuldung. Wer seine Schulden nicht begleichen konnte, konnte gemeinsam mit seiner Frau und seinen Kindern vom Gläubiger versklavt werden. Aus der Spätphase Uruks gibt es auch Beweise für die Beschäftigung von Witwen und Waisen in einer Art von Sklavenarbeit zur Herstellung von Textilien. Sie arbeiteten in Werkstätten, die dem Tempel gehörten.[61] Die in diesen Werkstätten hergestellten Produkte wurden in der Folge gehandelt. Diese Handelsbeziehungen reichten oft über sehr lange Distanzen und hatten den Zweck, an begehrte Güter wie Kupfer oder Obsidian zu kommen. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Dieses neue Produkt der „Zivilisation“ gibt uns auch einen Hinweis auf die sich verschlechterte Stellung der Frauen in Uruk in dieser Phase. In der Stadt übten nur Männer die Tätigkeit als Handwerker und Priester aus, ihnen wurde somit auch das Land übertragen. Auf dem Land war der Getreideanbau, zu dem ein von einem Ochsen gezogener Pflug verwendet wurde, ebenfalls eine männliche Domäne geworden. Nachdem dieser Teil der gesellschaftlichen Arbeitsteilung immer mehr an Bedeutung gewann, erlangten auch die Männer in der Gesellschaft eine immer dominantere Stellung. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Hatte die Frau einst die Stellung einer gleichwertigen Produzentin innerhalb der Familie inne, so wurde sie in der Folge „entwürdigt, geknechtet, Sklavin seiner Lust und bloßes Werkzeug der Kinderzeugung“[62], wie es Friedrich Engels beschrieb. Das wurde auch von den Sumerern selbst so anerkannt, wie wir im Gilgamesch-Epos lesen können, wenn der Jäger von Schamkat, „der Hure“, fordert: „Dein Gewand entbreite, daß auf dir er sich bette,Schaff ihm, dem Wildmenschen, das Werk des Weibes!“[63] Mit dem Aufkommen der Vererbung in männlicher Linie gerieten Frauen völlig in Abhängigkeit von ihren Männern oder männlichen Verwandten. Wenn ihr Mann starb, war die Witwe gezwungen in einer Werkstatt des Tempels zu arbeiten, um überleben zu können oder die „Arbeit der Frau“ im Heim zu verrichten, um so den Wohlstand der herrschenden Klasse zu vermehren. Nicht zufällig merkte Engels an: „Der erste Klassengegensatz, der in der Geschichte auftritt, fällt zusammen mit der Entwicklung des Antagonismus von Mann und Weib in der Einzelehe, und die erste Klassenunterdrückung mit der des weiblichen Geschlechts durch das männliche.“[64]</p>

<p class="wp-block-paragraph">Wenn wir auf diesen Prozess des Entstehens einer Klassengesellschaft in Uruk zurückblicken, ist es nur schwer vorstellbar, dass dieser gigantische Umsturz einfach so hingenommen wurde. Doch er konnte auch nicht allein mit den Mitteln der Gewalt durchgesetzt werden. Trotzki schrieb dazu: „Die historische Rechtfertigung für jede herrschende Klasse bestand darin, dass das Ausbeutungssystem, an deren Spitze sie stand, die Entwicklung der Produktivkräfte auf eine neue Stufe hob.“[65] Auf der Grundlage dieser Entwicklung stiegen der Lebensstandard und das kulturelle Niveau einer signifikanten Schicht in der Bevölkerung, speziell in den Städten. Diese Entwicklung lässt sich am Aufkommen der Schrift und des Geldes ablesen, zwei der wichtigsten Innovationen der Menschheitsgeschichte.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Schrift und Geld</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Die Entwicklung des Geldes, der Schrift und der Klassengesellschaft dürfte eng miteinander verwoben gewesen sein. Die Schrift entwickelte sich mehr oder weniger gleichzeitig in Mesopotamien und in Ägypten, doch aus Gründen der Einfachheit fokussieren wir uns in diesem Text auf Mesopotamien. Symbole auf Tontafeln, die als Token bezeichnet werden, dürften im Gebiet des heutigen Iran bereits 4.000 v. Chr. Anwendung gefunden haben. Wer drei Schafe verzeichnen wollte, nahm drei „Schaf“-Token und band sie mit einer Schnur zusammen. Mit der Zeit, als die Herden größer wurden, erfand man Symbole, die verschieden große Mengen an Viehbestand repräsentierten. Diese Tokens wurden dann oft in eine Tonhülle, die als bulla bezeichnet wurde, eingeschlossen und dann in einem Backofen gebrannt.[66] Auf piktographischen Tafeln, die man in Ausgrabungsstätten wie Tell Brak in Syrien fand, sieht man Bilder von Tieren neben Zahlen, was zeigt, dass sich die Verwendung von Symbolen schon vor dem Auftreten eines Schriftsystems entwickeln konnte. </p>

<p class="wp-block-paragraph">In Uruk entwickelte sich, gestützt auf die Piktogramme der vorangegangenen Periode, ein Schriftsystem, das es den Beamten im Tempel erlaubte, das ökonomische Leben zu organisieren. Um 3.200 v. Chr. dürfte diese Keilschrift (benannt nach der keilartigen Form der Schriftzeichen) entstanden sein. Die uns bekannten Keilschrifttafeln aus Uruk dienten zu 85% der Aufzeichnung wirtschaftlicher und sonstiger administrativer Belange. Ein so außerordentlich komplexes Schriftsystem, wie jenes der Keilschrift, setzt die Existenz einer Schicht in der Gesellschaft voraus, die die Zeit hatte, lesen und schreiben zu lernen: die Schriftgelehrten. Da sie über ein besonderes Wissen verfügten, nahmen sie sowohl in Mesopotamien als auch in Ägypten im Rahmen der herrschenden Klassen eine sehr wichtige Stellung ein. Wie es in der Lehre des Cheti im alten Ägypten zu lesen steht: „Du siehst: Es gibt keinen Beruf ohne Chef. Mit Ausnahme des Schreibers – der ist selbst Chef!“[67]</p>

<p class="wp-block-paragraph">Auch wenn die Schrift als Verwaltungshilfsmittel aus einer ökonomischen Notwendigkeit heraus entstand, kam sie in der Folge auch auf vielen anderen Gebieten zum Einsatz. Die Keilschrift wurde über Tausende von Jahren in ganz Mesopotamien verwendet. Schließlich wurden auch die ersten Werke der Literatur und der Dichtkunst, wie das berühmte Gilgamesch-Epos, oder die Hurritischen Hymnen (wie die Hymne an Nikkal), die ältesten heute noch bekannten Lieder, oder der Codex Hammurapi alle in Keilschrift verfasst. In diesem Sinne trägt jeder Poet den „Scherbenhaufen“ eines Buchhalters in sich. </p>

<p class="wp-block-paragraph">So wie das Wachstum des Mehrprodukts und die zunehmende Macht der Tempelbürokratie ein gesellschaftliches Bedürfnis nach schriftlicher Kommunikation und Informationsweitergabe geschaffen haben, so machte auch die verstärkte Spezialisierung und die damit einhergehende wechselseitige Abhängigkeit innerhalb der Gesellschaft einen konstanten Austausch von immer mehr Produkten notwendig. In Uruk erfolgte dieser Austausch großteils über den Tempel. Ein Töpfer, der Glockentöpfe herstellte, konnte zum Beispiel davon ausgehen, dass er vom Tempel dafür eine ausreichend große Ration Gerste bekam, die als eine Art Zehent in den Dörfern eingehoben wurde. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Was das Ausmaß und die Komplexität der über den Tempel laufenden Distribution anlangt, so ging dies weit über die Tauschbeziehungen in der neolithischen Periode hinaus. Deshalb benötigte man auch ein objektiveres System an Maßeinheiten. Silbergewichte wurden in <em>Gran</em>, <em>Schekel</em>, <em>Mine</em> und <em>Talent</em> gemessen. Aus diesem System entstanden dann Zähleinheiten, womit die Tempelbeamten den Wert der verschiedenen Waren miteinander vergleichen konnten, was wiederum die früheste und grundlegendste Stufe in der Entwicklung des Geldes – „als allgemeines Maß der Werte“[68] – darstellt. Diese Funktion übernahmen anfangs die Volumina von Gerste und die Gewichte wertvoller Metalle: 300 Liter Gerste entsprachen einem Schekel Silber. Diese frühen Formen von Geld zirkulierten gewiss nicht in Form von Münzen in der Bevölkerung. In der Tat wurde im Tempel mit Gerste und Silber der Wert von Produkten bestimmt. Aber wie die Schrift sollte auch das Geld nicht für immer und ewig den Tempelbürokraten vorbehalten sein. Es war dazu prädestiniert, in der Geschichte der Zivilisation eine größere Rolle einzunehmen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Das Zeitmaß wurde mit dem Sexagesimalsystem ebenfalls standardisiert, mit dem man erstaunlicherweise die Länge des Jahres mit 12 Monaten bzw. 360 Tagen festsetzte. Auf dieses System lässt sich auch zurückführen, dass unsere Stunden 60 Minuten haben. Gleichermaßen wurden standardisierte Längenmaße eingeführt, um die Planung der Bewässerungskanäle und Felderbewirtschaftung zu unterstützen. All diese Innovationen, die, wie schon Aristoteles bemerkte, erst durch die Freistellung der Priester und Schriftgelehrten von der Handarbeit möglich wurden, beflügelten das wissenschaftliche Denken in unvorstellbarem Ausmaß und führten zur Entwicklung der Astronomie und der Mathematik. </p>

<h3 class="wp-block-heading">Das Entstehen des Staates</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Für die Zeit um 3.100 v. Chr. gibt es ausreichend Beweise für die Existenz einer Klasse von Priestern und Schriftgelehrten, deren Machtzentrum der Tempel war. Sie übten die ausschließliche Kontrolle über die Produktion und Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums aus und begannen für sich selbst privaten Reichtum zu sichern, den sie auch vererben konnten. Wir können auch sehen, dass sich diese Klasse ihrer Stellung selbst bewusst wurde, und zwar in dem Sinne, dass sie sich als eine Gruppe verstand, die sich über den Rest der Gesellschaft erhoben hatte und die eine Herrschaftsideologie propagierte, die ihre sozialen Interessen widerspiegelte.   </p>

<p class="wp-block-paragraph">Ein weiteres Merkmal des Aufkommens einer neuen herrschenden Klasse in Uruk war der Aufstieg erster „Priesterkönige“, denen Statuen gewidmet wurden und die auf Tonsiegeln dieser Periode abgebildet wurden. Es gibt jedoch keine historisch belegbaren Akten, die mit diesen anonymen Herrschern zuverlässig assoziiert werden können. Selbst die Bezeichnung „Priesterkönig“ ist nicht ganz zutreffend, da der früheste Titel, der für den Herrscher von Uruk nachgewiesen werden konnte, <em>En</em> lautet, was ganz einfach „hoher Priester“ bedeutet. Ob diese Könige wirklich als Staatsoberhaupt im vollen Sinne des Wortes angesehen werden können, ist in Fachkreisen noch umstritten. Wir können aber sicher sein, dass das Auftreten dieser „Priesterkönige“ eine weitere qualitative Verschiebung im Auflösungsprozess der alten gemeinschaftlichen Sozialordnung war und den Anfang einer neuen Form politischer Ordnung markierte.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Mit der deutlichen Zunahme an Überschüssen aus der Landwirtschaft und deren Konzentration in den Tempeln wurde es für Städte wie Uruk zunehmend wichtiger, Stadtmauern zu errichten und eine Art militärische Verteidigung zu organisieren, um Überfälle von nomadischen Hirtenstämmen oder rivalisierenden Städten abwehren zu können. Diese militärische Organisation machte auch eine Kommandostruktur erforderlich. Tonsiegel aus jener Zeit lassen vermuten, dass die Priesterkönige von Uruk und die späteren sumerischen Herrscher diese Rolle einnahmen.[69]</p>

<p class="wp-block-paragraph">Unter dem König stand in der Hierarchie der <em>unkin</em>, eine Versammlung von Vertretern der Gemeinschaft, die aber keine einfache Fortsetzung der alten Gemeindeorganisation war. Die alten Dorfversammlungen hatten einst Entscheidungsbefugnisse, um Konflikte innerhalb der Familien des Dorfes schlichten zu können. Im Gegensatz dazu beanspruchte der aufkommende Staat, oder Proto-Staat, die absolute Autorität nicht nur über die Stadt, in der der Priesterkönig residierte, sondern auch über die umliegenden Gebiete. Die Versammlung konnte ihn beraten, wie die „Ältesten“ im Gilgamesch-Epos, die den ungestümen König vor einem Kampf mit dem Riesen Chumbaba warnten.[70] Doch schlussendlich unterstand der Priesterkönig nur dem Gott, der die Stadt beschützte, und in Wirklichkeit der herrschenden Klasse, in deren Interesse er regierte. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Nicht lange nach dem Aufstieg der Priesterkönige durchlebte Uruk eine Periode von Krisen, die auch zum Niedergang dieser „ersten Urbanisierung“ führte. Nach 3.100 v. Chr. ist nicht nur ein bedeutsamer Abstieg der Uruk-Kultur erkennbar,[71] sondern der kontinuierliche Niedergang bis zum völligen Verschwinden anderer Städte in der Region, die mehr oder weniger zeitgleich mit Uruk entstanden waren. So fand man in der Ausgrabungsstätte von Arslantepe, im Norden Mesopotamiens, Beweise, dass der Tempelkomplex der Stadt durch ein Feuer zerstört und nie mehr wiederaufgebaut wurde.[72]</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Quellen sind jedoch zu rar, um die Gründe dieses weitverbreiteten Zusammenbruchs definitiv klären zu können. Ein möglicher Faktor könnte eine Dürreperiode gewesen sein. Vielleicht war die Bewirtschaftung der Felder zu intensiv und stieß an ihre Grenzen. Es können aber auch andere soziale Faktoren eine wichtige, wenngleich nicht entscheidende Rolle in diesem Niedergangsprozess gespielt haben. Wie man über die gesamte Geschichte der Klassengesellschaften, einschließlich unserer Periode, beobachten kann, versucht die herrschende Klasse stets die Lasten einer Krise auf die Schultern der Arbeitenden abzuwälzen. Wenn die Produktion ausgeweitet werden konnte, war es auch durchaus möglich, die neuen Klassenwidersprüche in der Gesellschaft bis zu einem gewissen Grad zu verschleiern, doch mit dem Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion, so können wir annehmen, wurde wahrscheinlich der Interessenskonflikt zwischen der Dorfbevölkerung und der herrschenden Klasse in den Städten deutlich sichtbar.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Mario Liverani behauptet in seinem Buch <em>The Ancient Near East</em>, dass die Zerstörung des Tempels von Arslantepe durch einen Brand auf eine gewaltsame Auseinandersetzung hindeuten würde. Was man mit ziemlicher Gewissheit sagen kann, ist, dass an der Stelle des Tempels nur einige wenige einfache Haushalte errichtet wurden und keine zentralisierte Tempelstruktur mehr entstand. Es ist durchaus im Rahmen des Möglichen, dass ein ähnlicher Kampf auf dem Territorium von Uruk ausgebrochen war, indem Dörfer den Forderungen des Tempels nach einer Steigerung des Mehrprodukts nicht länger nachkommen wollten und versuchten, sich aus dieser Herrschaft zu befreien.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Infolge der Krise Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. taucht eine völlig neue architektonische Struktur auf: der Palast. Uruk und ähnliche Siedlungen hatten in ihrem Zentrum einen Tempelkomplex, wo das gesamte Mehrprodukt gelagert und verwaltet wurde. Spätere Siedlungen wie Jemdet Nasr verfügten sowohl über einen Tempel- wie auch einen Palastkomplex, mit Lagerhallen und Werkstätten ähnlich den Tempeln der Uruk-Periode.[73] Der Palast, genannt <em>e-gal</em> (was so viel bedeutet wie „großes Gebäude“), diente also als wirtschaftliches und administratives Zentrum und war die Residenz des <em>lugal</em> („großer Mann“). Von diesem Zeitpunkt an ist die Existenz des Staates im eigentlichen Wortsinn unumstritten.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Die Rolle der Gewalt</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Die Krise, die Uruk durchlebte, und der völlige Niedergang anderer Orte wie Arslantepe lassen darauf schließen, dass die Priester trotz ihrer beachtlichen ideologischen Macht doch nicht über die nötigen Mittel zur Ausübung offener Gewalt gegen die arbeitende Bevölkerung verfügten. Die ersten Armeen existierten im Wesentlichen noch in Form der bewaffneten Bevölkerung, die zum Militärdienst herangezogen wurde. Wenn das Volk selbst aufbegehrte, hatten die Priester kaum bewaffnete Kräfte, auf die sie sich stützen konnten. Um die neuen Klassenverhältnisse abzusichern, war eine permanente Kraft von hauptberuflichen Soldaten[74] vonnöten, die vom Rest der Bevölkerung weitgehend abgesondert waren. Diese Kraft sollte die Stadt nicht nur gegen äußere Feinde beschützen, sondern auch die herrschende Klasse vor den unterdrückten Massen verteidigen. Aus diesen „besonderen Formationen bewaffneter Menschen“ sollte der Staat entstehen, an dessen Spitze ein „großer Mann“ stand. Wie schon Engels darlegte:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>„Der Staat ist also keineswegs eine der Gesellschaft von außen aufgezwungne Macht; ebensowenig ist er ‚die Wirklichkeit der sittlichen Idee‘, ‚das Bild und die Wirklichkeit der Vernunft‘ (…) Er ist vielmehr ein Produkt der Gesellschaft auf bestimmter Entwicklungsstufe; er ist das Eingeständnis, daß diese Gesellschaft sich in einen unlösbaren Widerspruch mit sich selbst verwickelt, sich in unversöhnliche Gegensätze gespalten hat, die zu bannen sie ohnmächtig ist. Damit aber diese Gegensätze, Klassen mit widerstreitenden ökonomischen Interessen nicht sich und die Gesellschaft in fruchtlosem Kampf verzehren, ist eine scheinbar über der Gesellschaft stehende Macht nötig geworden, die den Konflikt dämpfen, innerhalb der Schranken der ‚Ordnung‘ halten soll; und diese, aus der Gesellschaft hervorgegangne, aber sich über sie stellende, sich ihr mehr und mehr entfremdende Macht ist der Staat.“[75]</em></p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Im Gegensatz zu dieser Auffassung behaupteten anarchistische Theoretiker, der Staat sei die Wurzel allen Übels und dass Klassenunterdrückung, Ungleichheit und Geld erst auf der Grundlage der organisierten Gewalt von Herrschern und Staaten entstehen konnten. David Graeber zum Beispiel behauptet, dass „die Ursprünge des Geldes bei Verbrechen und Vergeltung zu finden sind, bei Krieg und Sklaverei, Ehre, Schuld und Sühne“.[76] Doch diese These steht im deutlichen Widerspruch zu den archäologischen Erkenntnissen, die eher für die Position von Engels sprechen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Wo der Anarchismus in Bezug auf den Staat durchaus richtig liegt, ist die Betonung der absoluten Wechselbeziehung von Staat und Klassengesellschaft. Die Geschichte von Uruk zeigt, dass keine Klassengesellschaft dauerhaft überleben kann, wenn es nicht einen Staat gibt, der die herrschende Klasse beschützt und in der Gesellschaft eine regulierende Funktion einnimmt. Wenn wir Klassenausbeutung jedoch als Produkt des Staates interpretieren, dann würden wir das Pferd von hinten aufzäumen. Solange wir nicht den Staat mit jeglicher Form von Gewalt und Kontrolle gleichsetzen, und so den Staatsbegriff verewigen und bedeutungslos machen, dann ist aus der Erforschung der ersten Staaten offensichtlich, dass sich die Klassengesellschaft zu dem Zeitpunkt, als die ersten echten Könige und ein erster Staatsapparat aufkamen, bereits in einem Entstehungsprozess befand.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Dass der Aufstieg der Klassengesellschaft überall die gewaltsame Schaffung eines Staates erforderte, spiegelt nur die Tatsache wider, dass die endgültige Auflösung der alten gemeinschaftlichen Verhältnisse, die sich über Jahrtausende anbahnte, nicht auf friedlichem und graduellem Wege vor sich ging. Ein viel zu großer Teil der Gesellschaft hatte Interessen, die unmittelbar mit den neuen Ausbeutungsverhältnissen in Konflikt standen. Gleichzeitig gab es offensichtlich sehr einflussreiche Sektoren in der Gesellschaft, die von der neuen Ordnung sehr profitierten. Daraus erwuchs ein Konflikt, der an einem entscheidenden Punkt die Gesellschaft in zwei gegensätzliche Lager spaltete und der letztlich nur mit den Mitteln der Gewalt gelöst werden konnte: </p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht. Sie selbst ist eine ökonomische Potenz.“[77]</p>
</blockquote>

<h3 class="wp-block-heading">Kombinierte und ungleiche Entwicklung</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Die Staatsgründung in Mesopotamien liefert uns ein beeindruckendes Beispiel, wie die Klassengesellschaft aus der gemeinschaftlichen Gesellschaft des Neolithikums entstehen konnte. Gordon Childe erarbeitete eine Liste von wichtigen „Merkmalen“, die er bei diesen frühen Klassengesellschaften entdeckte. Dazu zählten „spezialisierte Handwerker, Transportarbeiter, Kaufleute, Beamte und Priester“, die Aneignung des Mehrprodukts, die Schrift sowie „eine staatliche Organisation basierend auf dem Wohnort und weniger auf Verwandtschaftsverhältnissen.“[78]</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Kritiker von Childe haben diese wertvolle Beschreibung von einem der wichtigsten Prozesse der Menschheitsgeschichte zu einer Art „Rezept“ für die Gründung von Staaten verabsolutiert. In dieser Darstellung wird der Staat gleichgesetzt mit einer Gesellschaft, in der es Städte sowie die anderen hier angeführten Merkmale gibt. Marxisten verstehen, dass Gesellschaften, in denen es einen Staat gibt, nicht auf eine derartige Liste von Merkmalen reduziert werden können. Es gibt Zivilisationen, wie die Inka, die keine Schrift entwickelten; und in anderen, wie dem Alten Ägypten spielten Städte bei weitem nicht so eine große wirtschaftliche Rolle wie in Mesopotamien. Anstatt Gesellschaften allein auf der Grundlage von oberflächlichen Erscheinungen empirisch, taxonomisch zu klassifizieren, ist es notwendig, ihren Ursprung, ihre Entwicklung und ihr Verhältnis zu anderen Gesellschaften der damaligen Zeit genauer zu betrachten.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Im <em>Kapital</em> schreibt Marx ausführlich über die Entwicklung des Kapitalismus in England, wo dieser seine „klassische Form“[79] besaß, andere Länder sind ihm jedoch nur beiläufige Erwähnungen wert. Gleichzeitig behauptete er an keiner Stelle, dass der Prozess, wie er in England vor sich gegangen war, der einzig mögliche Weg sei, wie sich eine kapitalistische Gesellschaft entwickeln könnte. Die Elemente, die England zum klassischen Land der kapitalistischen Entwicklung machten, trugen auch dazu bei, dass England eine Sonderstellung einnehmen konnte. Die Tatsache, dass England das erste Land war, in dem sich aus der Entwicklung des Feudalismus eine kapitalistische Ökonomie formierte, bedeutete, dass sich der Prozess über Hunderte von Jahren zog und viele Übergangsformen annahm. Das erlaubte eine sehr genaue Erforschung des zugrunde liegenden, generellen Prozesses, der sich nicht nur in England, sondern in vielen Ländern vollzog. Das bedeutet aber umgekehrt nicht, dass jedes Land dieselbe Stufe einer auf den Markt ausgerichteten Wollproduktion, gefolgt von Manufakturen und schlussendlich dem Fabriksystem durchlaufen musste, um eine kapitalistische Produktionsweise zu entwickeln. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Dasselbe kann über die sogenannten „ursprünglichen“ Staaten in Sumer, Ägypten und China gesagt werden. Diese frühen Klassengesellschaften waren alles andere als „ursprünglich“, sondern äußerst widersprüchlich und trugen noch den Stempel früherer, kommunistischer Verhältnisse. Jene, die zu späterem Zeitpunkt und bereits unter dem Einfluss dieser Zivilisationen entstanden, durchliefen eine viel schnellere Entwicklung und ohne viel von dem urgeschichtlichen Erbe, das in Uruk noch vorzufinden war. Die sumerischen Stadtstaaten wie Ur, die sich später entwickelten, konnten Stufen in der Entwicklung ihrer Vorgänger überspringen. Das Privileg als erste Gesellschaft eine gewisse Entwicklung durch zu machen, wird schnell vom „Privileg der Rückständigkeit“ abgelöst werden, wobei ökonomisch rückständigere Gesellschaften sich schneller und planmäßiger entwickeln können, in dem sie sich auf die Errungenschaften der bereits fortgeschritteneren Konkurrenten stützen. Dieses Phänomen kommt im Laufe der Menschheitsgeschichte immer wieder vor, so auch in der Entwicklung des Kapitalismus.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Einen ähnlichen Prozess beschreibt Engels in seinem Buch <em>Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates</em>. Darin erklärt er, dass die Ursprünge des Staates im antiken Athen bis zu den massiven sozialen Unruhen zurückverfolgt werden können, die ihre Ursache in der „zersetzenden“ Wirkung von Privateigentum, Sklaven- und Geldwirtschaft hatten. Unter diesen Bedingungen setzte sich die Klassengesellschaft in Athen nicht nur viel schneller durch als in Uruk, sondern nahm auch eine ganz andere Form an. So gab es keine zentralisierte Tempelbürokratie und auch kein Steuersystem als vorrangiges Mittel zur Aneignung des Mehrprodukts. Athen war eine Gesellschaft, die sich auf eine qualitativ andere Produktionsweise stützte, weil das Privateigentum und damit einhergehend die Sklavenwirtschaft ein anderes Ausmaß erreicht hatten. Der Grund, warum das so war, liegt darin begründet, dass sich Athen erst später, auf der Grundlage der Eisenproduktion und nicht der Technologie der Bronzezeit, und – verglichen mit Sumer und Ägypten – unter anderen Umweltbedingungen entwickelt hatte. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Marxisten werden oft dafür kritisiert, bei der Analyse des Entstehens von Klassengesellschaften eine sehr rigide Schablone zu verwenden. Wenn wir aber die marxistische Methode ordentlich anwenden, zeigt sich sehr rasch, dass das Gegenteil der Fall ist. Wir könnten sogar sagen, dass es zu den ehernen Gesetzen des historischen Materialismus gehört, dass die ständige Interaktion zwischen Gesellschaften, die sich auf verschiedenen Entwicklungsstufen befinden, notwendigerweise Sprünge und sehr vielfältige Formen der sozialen Entwicklung hervorbringt. Leo Trotzki verwendete in Bezug auf dieses Phänomen den Begriff der „kombinierten und ungleichen Entwicklung“.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Was auch immer die Unterschiede zwischen Mesopotamien und Ägypten, zwischen dem Maurya-Reich und den Maya, oder zwischen Griechenland und Rom gewesen sein mögen, der Prozess, der der Herausbildung dieser Staaten zugrunde lag, war stets derselbe. In all diesen Fällen führte die notwendige Entwicklung der Produktivkräfte zur Erzeugung eines gesellschaftlichen Mehrprodukts, das es einer Gruppe von Menschen ermöglichte, von der Arbeit anderer Menschen zu leben. Diese Gruppen entwickelten sich in der Folge zu einer eigenen Klasse mit eigenen Interessen; entweder aufgrund von äußerem Druck oder aufgrund der inneren Widersprüche dieser neuen Klassengesellschaften (gewöhnlich wird beides der Fall gewesen sein), erhob sich früher oder später ein Staat, der die Interessen der herrschenden Klasse repräsentierte, über den Rest der Gesellschaft und nahm die Rolle eines Hüters der „Ordnung“ ein – sprich der Stabilität und der bestehenden Produktionsverhältnisse. Dieser Prozess konnte unterschiedlichste Formen annehmen und sich in gewissen Fällen über Tausende von Jahren erstrecken, in anderen Fällen vollzog er sich viel schneller. Doch die wichtigste Lehre aus der Geschichte ist, dass die Herausbildung des Staates grundsätzlich von der Entwicklung sozialer Klassen und den sich daraus ergebenden Klassenwidersprüchen hervorgerufen wurde. </p>

<h3 class="wp-block-heading">Die Rolle des Individuums</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Das soll nicht heißen, dass sich der Staat und Klassen in jeder Gemeinschaft, die ein gewisses ökonomisches Niveau erreicht hatte, automatisch entwickeln musste. Ein solcher Prozess konnte unterbrochen werden, sich wieder verlangsamen oder unter dem Eindruck bestimmter historischer Ereignisse, speziell im Zuge von Klassenkämpfen in den besagten Gesellschaften, auch wieder rückgängig gemacht werden. Marx erklärte dazu in <em>Die Heilige Familie</em>: </p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Geschichte tut nichts, sie ‚besitzt keinen ungeheuren Reichtum‘, sie ‚kämpft keine Kämpfe‘! Es ist vielmehr der Mensch, der wirkliche, lebendige Mensch, der das alles tut, besitzt und kämpft; es ist nicht etwa die ‚Geschichte‘, die den Menschen zum Mittel braucht, um ihre – als ob sie eine aparte Person wäre – Zwecke durchzuarbeiten, sondern sie ist nichts als die Tätigkeit des seine Zwecke verfolgenden Menschen.“[80]</em></p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Individuen konnten im Prozess der Herausbildung der frühen Staaten eine sehr entscheidende Rolle spielen, wie dies auch im modernen Klassenkampf der Fall ist. In der Archäologie ist ein Konzept sehr populär, wonach der Übergang vom Häuptlingstum zu einem Staat mit einem Herrscher an der Spitze auf die Rolle „großer Männer“ zurückzuführen ist. Die Motivation dieser „großen Männer“ sei die Steigerung ihrer eigenen persönlichen Macht gewesen. Dieses Geschichtsbild präsentiert die Taten großer Einzelpersonen als einen unabhängigen, zentralen Faktor in der Menschheitsgeschichte. Auf der Grundlage einer materialistischen Herangehensweise an die Gründung von Staaten ist es jedoch möglich, diesen „großen Männern“ den ihnen gebührenden Platz zuzuweisen. Am Beispiel der ägyptischen Staatsgründung wird das sehr deutlich, weil wir viele Funde haben, die Rückschlüsse auf aufwändige Begräbnisrituale und die Bestattung von Königen ermöglichen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Anhand von Darstellungen von Narmer, dem Pharao, der Ober- und Unterägypten vereinte, können wir sehen, dass der Staatsgründungsprozess in Ägypten alles andere als automatisch erfolgte. Die Narmer-Palette, eine der ersten uns bekannten Abbildungen eines Königs in der Menschheitsgeschichte, zeigt Narmer mit der Krone Oberägyptens, wie er mit einer Keule in der Hand einen Mann aus Unterägypten zur Aufgabe zwingt.  Die frühdynastischen Könige bekamen keinen fixfertigen Staat vererbt, sondern mussten diesen mittels Gewalt erst errichten.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Wäre Narmer ein inkompetenter, feiger Anführer gewesen, dann hätte die Gründung des ägyptischen Staates gewiss andere Formen angenommen. In diesem Sinne sind die Persönlichkeit und die Taten von Individuen sogar von entscheidender Bedeutung: Wie sich historische Ereignisse abspielen, hängt immer von den handelnden Menschen ab. Ehrgeizige, charismatische Individuen gab es zu jedem Zeitpunkt der Geschichte. Die Frage, die wir jedoch beantworten müssen, wenn wir den Staatsgründungsprozess erklären wollen, ist, warum diese Individuen ausgerechnet an diesem konkreten Punkt der Geschichte ihre Ziele auf so geschichtsmächtige Art und Weise erreichen konnten. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Individuen wie Narmer in Ägypten, König Jaguar bei den Zapoteken oder die <em>lugals</em> in Sumer mögen aus Eigeninteresse gehandelt haben, doch sie reflektierten auch die historische Notwendigkeit, die sich aus den Widersprüchen der jeweiligen Klassengesellschaft ergab. In den Worten Plechanows: </p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ein großer Mann ist nicht dadurch groß, daß seine persönlichen Besonderheiten den großen geschichtlichen Geschehnissen ein individuelles Gepräge verleihen, sondern dadurch. daß er Besonderheiten besitzt, die ihn am fähigsten machen, den großen gesellschaftlichen Bedürfnissen seiner Zeit zu dienen, die unter dem Einfluß der allgemeinen und besonderen Ursachen entstanden sind.“[81]</em></p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Wie die Erbauer des Tempels in Göbekli Tepe und die neolithischen Siedler, die die Sumpfgebiete von Sumer trockenlegten, so waren auch die ersten „großen Männer“ Individuen, die mit ihren Taten und Fähigkeiten Geschichte schrieben. Das erreichten sie aber nicht allein kraft ihres Willens. Ihre Vision von der Zukunft knüpfte an die Bedingungen an, die durch andere materielle Faktoren geschaffen worden waren und die stärker sind als der Wille einzelner Menschen.  </p>

<p class="wp-block-paragraph">In den Anfängen der Klassengesellschaft gehört die Überwindung der Dorfgemeinde und die Gründung von Staaten zu den „großen gesellschaftlichen Bedürfnissen“ jener Zeit. Es brauchte eine Lösung der Krise, die in der Gesellschaft Wirkung entfaltete, und der Staat schien diese Lösung zu bieten. Das Handeln von Führungspersönlichkeiten vom Schlage eines Narmer spielte dabei eine wichtige Rolle. Viele Historiker und Archäologen machen aber den Fehler, dass sie nicht den Zusammenhang zwischen der Rolle des Individuums und dem Faktor geschichtlicher Notwendigkeit erkennen, obwohl in allen historischen Ereignissen beides zusammenspielt. In der Realität kommt genau durch den Konflikt unzähliger individueller Willenskundgebungen die historische Notwendigkeit zur Geltung. </p>

<h3 class="wp-block-heading">In Verteidigung historischen Fortschritts</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Angesichts der harten Lebensbedingungen, denen neolithische Bauern ausgesetzt waren, und der Ausbeutung, die so viele ihrer Nachkommen in den frühen Klassengesellschaften erleiden mussten, wird oft bezweifelt, ob es legitim ist, diese Entwicklung überhaupt als „Fortschritt“ zu beschreiben. Mit Gewissheit können wir sagen, dass der liberale Mythos von einem aufgeklärten „Gesellschaftsvertrag“, in dessen Rahmen die gesamte Menschheit in Frieden und Wohlstand lebte, offenkundig falsch ist. Das Leben eines sumerischen Bauern war wahrscheinlich genauso „armselig, ekelhaft, tierisch und kurz“ wie das seiner neolithischen Vorfahren. Fortschritt kann auch nicht als eine Art moralischer Überlegenheit gegenüber vorangegangenen historischen Epochen aufgefasst werden, wenn man die Versklavung der Frau berücksichtigt. Das einzige Konzept von Fortschritt, das stimmig ist, liefert eine Analyse der Entwicklung der Produktivkräfte: die Beherrschung der Naturkräfte durch den Menschen und die Kontrolle des Menschen über seine eigene gesellschaftliche Entwicklung.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Wenn wir unter Fortschritt eine Verbesserung in allen Lebensbereichen für alle Menschen verstehen, dann wird es uns schwerfallen, ausgehend von der letzten Eiszeit genuinen Fortschritt für die Menschheit ausfindig machen zu können. Nichtsdestotrotz ist der Fortschritt der Menschheit als Gesamtheit in dieser Periode unübersehbar. Zwischen 5.000 v. Chr. und 2.000 v. Chr. wuchs die Weltbevölkerung von schätzungsweise 5 Millionen auf 25 Millionen Menschen an.[82] Liverani schätzt, dass der Aufstieg der ersten Stadtstaaten, im Vergleich zum Niveau des Neolithikums, mit einer Verzehnfachung der Produktion einherging.[83] Dieser Anstieg in der Produktivität, der auch mit wichtigen, noch für uns heute relevanten Entdeckungen auf den Gebieten der Naturwissenschaft, der Mathematik und der Kunst einherging, wurde unter Verhältnissen erreicht, die viel ungleicher und unterdrückerischer waren; und er verfestigte diese Verhältnisse noch mehr. Dasselbe könnte über den Aufstieg des Kapitalismus gesagt werden. Was aber sowohl den Aufstieg der ersten Klassengesellschaften als auch des Kapitalismus fortschrittlich machte, war nicht die abstrakte moralische Überlegenheit dieser Gesellschaftsordnungen, sondern deren konkrete Notwendigkeit als Stufen in der Entwicklung der Produktivkräfte. Und nur in dieser Form konnte eine weitere Entwicklung vonstatten gehen. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Tatsache jedoch, dass Ausbeutung und Unterdrückung zu einem bestimmten Zeitpunkt ein notwendiger Teil gesellschaftlicher Entwicklung waren, bedeutet nicht, dass das für immer und ewig der Fall sein muss. Der Urkommunismus war notwendig und unvermeidlich, und dennoch war seine Überwindung ebenfalls unvermeidlich. Mit welchem Recht kann die Klassengesellschaft als letztgültige und absolute Ausdrucksform der menschlichen Natur angesehen werden? In der Geschichte wie in der Natur ist „alles was entsteht; wert, dass es zugrunde geht“; alles, was der Entwicklung dient, ist schlussendlich dazu verdammt, durch den Lauf der Dinge überwunden zu werden. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Jede Errungenschaft, die dem Menschen in seinem Existenzkampf gelungen ist, stellt ihn vor neue Hürden, konfrontiert ihn mit neuen Bedrohungen. Diese zu meistern, ist die Aufgabe des Kampfes um weiteren Fortschritt. Das gilt umso mehr in einer Klassengesellschaft, in der „jeder Fortschritt zugleich ein relativer Rückschritt [ist], in dem das Wohl und die Entwicklung der einen sich durchsetzt durch das Wehe und die Zurückdrängung der andern“.[84] Der wahre Gehalt von Fortschritt, die Entwicklung der Produktivkräfte der Menschheit, wird somit in einer Abfolge von in sich begrenzten und widersprüchlichen Formen realisiert. Wenn uns aus heutiger Sicht vergangene Ausdrucksformen dieser Entwicklung verwerflich erscheinen, dann sagt uns das vor allem, dass sie mit der Zeit obsolet geworden sind. Das widerspricht keinesfalls der Tatsache, dass es im Allgemeinen einen Fortschritt gibt. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Wir leben heute in einer Welt, in der die Produktivkräfte an die Grenzen stoßen, die ihnen durch das Privateigentum, den sogenannten „freien Markt“ und die Teilung der Welt in kapitalistische Nationalstaaten, gesetzt sind. Die regelmäßigen Wirtschaftskrisen, imperialistische Kriege und die zunehmende Bedrohung durch den Klimawandel sind allesamt Hinweise dafür, dass es unter kapitalistischen Bedingungen für die Menschheit keinen Fortschritt geben kann. Nur durch die Überwindung dieses dahinsiechenden Systems können wir hoffen, die Menschheit aus diesem Alptraum zu befreien. Doch das ist nur denkbar, wenn es gelingt, die gigantischen Produktivkräfte, die von Milliarden eigentumsloser Arbeiter geschaffen wurden, in öffentliches Eigentum zu überführen und die Weltwirtschaft nach dem Vernunftprinzip und auf demokratischer Grundlage zu planen. Kurzum, der weitere Fortschritt der Menschheit setzt das Ende der Klassengesellschaft und des Staates voraus.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Friedrich Engels schrieb in diesem Sinne schon im Jahr 1884: </p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wir nähern uns jetzt mit raschen Schritten einer Entwicklungsstufe der Produktion, auf der das Dasein dieser Klassen nicht nur aufgehört hat, eine Notwendigkeit zu sein, sondern ein positives Hindernis der Produktion wird. Sie werden fallen, ebenso unvermeidlich, wie sie früher entstanden sind. Mit ihnen fällt unvermeidlich der Staat. Die Gesellschaft, die die Produktion auf Grundlage freier und gleicher Assoziation der Produzenten neu organisiert, versetzt die ganze Staatsmaschine dahin, wohin sie dann gehören wird: ins Museum der Altertümer, neben das Spinnrad und die bronzene Axt.“[85]</em></p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Heute haben wir diese Stufe längst erreicht. Die Bedingungen für die Überwindung des Kapitalismus und die Errichtung des Sozialismus sind nicht nur gegeben, sie sind überreif. Kämpfen wir dafür, dass Engels’ Vorhersage Wirklichkeit wird und bauen wir eine Zukunft, in der die obersten Prinzipien die Freiheit und die Bedürfnisbefriedigung für die gesamte Menschheit sind.</p>

<p class="wp-block-paragraph"><strong>Für eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Thema und den beschriebenen Prozesse empfehlen wir folgende Literatur:</strong></p>

<ul class="wp-block-list">
<li>Karl Marx (1867): Das Kapital. Band 1.</li>

<li>Friedrich Engels (1884): Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates.</li>

<li>Friedrich Engels (1888): Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie.</li>

<li>Mario Liverani (2014): The Ancient Near East.</li>

<li>Steven Mithen (2003): After The Ice. a global human history, 20.000 – 5000 BC.</li>
</ul>

<p class="wp-block-paragraph"><strong>Andere wichtige Quellen des Artikels:</strong></p>

<ul class="wp-block-list">
<li>Richard Leakey (1981): Die Suche nach dem Menschen: Was wir wurden, was wir sind.</li>

<li>Patricia Draper (1997): Institutional, Evolutionary, and Demographic Contexts of Gender Roles: A Caste Study of !Kung Bushmen.</li>

<li>Kent Flannery (1999): Process and Agency in Early State Formation.</li>

<li>Barry Kemp (2018): Ancient Egypt: Anatomy of a Civilisation.</li>

<li>Vere Gordon Childe (1950): The Urban Revolution</li>

<li>Vere Gordon Childe (1936): Der Mensch schafft sich selbst.</li>
</ul>

<p class="wp-block-paragraph"><strong>Quellenverzeichnis:</strong></p>

<p class="wp-block-paragraph">[1] Karl Marx (1847/1977): Das Elend der Philosophie, in: MEW Bd. 4. Dietz Verlag, Berlin, S. 160.<br />[2] Karl Marx (1847/1977): Das Elend der Philosophie, in: MEW Bd. 4. Dietz Verlag, Berlin, S. 160.<br />[3] Karl Marx (1864/1962): Das Kapital. Bd. 1, in: MEW Bd. 23. Dietz Verlag, Berlin, S. 57.<br />[4] Friedrich Engels (1883/1987): Das Begräbnis von Karl Marx, in: MEW Bd. 19. Dietz Verlag, Berlin, S. 335f.<br />[5] Marx: Kapital Bd. 1, S. 194. Marx: Kapital Bd. 1, S. 194f.<br />[6] Aristoteles (1995): Metaphysik, in: Philosophische Schriften in sechs Bänden, Bd. 5. Felix Meiner Verlag, Hamburg, S. 4.<br />[7] Richard Leakey (1981): Die Suche nach dem Menschen. Umschau, Frankfurt a.M., S. 107.<br />[8] Steven Mithen (2004): After the Ice. Phoenix, S. 323 – eigene Übersetzung.<br />[9] Friedrich Engels (1884/1962): Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats, in: MEW Bd. 21. Dietz Verlag, Berlin, S. 53.<br />[10] Christophe Darmangeat (Juni 2010): L’oppression des femmes, hier et aujourd’hui: pour en finir demain!, online: <a href="https://nouveaupartianticapitaliste.org/opinions/feminisme/loppression-des-femmes-hier-et-aujourdhui-pour-en-finir-demain-une-perspective">https://nouveaupartianticapitaliste.org/opinions/feminisme/loppression-des-femmes-hier-et-aujourdhui-pour-en-finir-demain-une-perspective</a> (zuletzt aufgerufen: 22.10.2021) – eigene Übersetzung.<br />[11] Vgl. Marlize Lombard und Katharine Kyriacou (28. September 2020): Hunter-gatherer women, in: Oxford Research Encyclopedia of Anthropology, online: <a href="https://oxfordre.com/anthropology/view/10.1093/acrefore/9780190854584.001.0001/acrefore-9780190854584-e-105">https://oxfordre.com/anthropology/view/10.1093/acrefore/9780190854584.001.0001/acrefore-9780190854584-e-105</a> (zuletzt aufgerufen: 10.10.2021) – eigene Übersetzung.<br />[12] Vgl. Haas, u. a. (1. November 2020): Female Hunters of the Early Americas, in: Science Advances 6, no. 45, online: <a href="https://doi.org/10.1126/sciadv.abd0310">https://doi.org/10.1126/sciadv.abd0310</a> (zuletzt aufgerufen: 10.10.2021).<br />[13] Vgl. Irfan Habib (2015): People’s History of India, vol. 1. Tulika, S. 66 – eigene Übersetzung.<br />[14] Vgl. Patricia Draper (1997): Institutional, Evolutionary, and Demographic Contexts of Gender Roles: A Case Study of !Kung Bushmen, online: <a href="https://digitalcommons.unl.edu/anthropologyfacpub/4">https://digitalcommons.unl.edu/anthropologyfacpub/4</a> (zuletzt aufgerufen: 10.10.2021).<br />[15] Ebd. – eigene Übersetzung.<br />[16] Lombard und Kyriacou: Hunter-gatherer, online.<br />[17] Chris Knight, Did communism make us human?, online: <a href="https://brooklynrail.org/2021/06/field-notes/Did-communism-make-us-human">https://brooklynrail.org/2021/06/field-notes/Did-communism-make-us-human</a> (zuletzt aufgerufen: 22.10.2021).<br />[18] Amanda Moller (2019): The changing women’s rights of Africa’s San people, online: <a href="https://www.unearthwomen.com/2019/08/13/the-changing-womens-rights-of-africas-san-people/">https://www.unearthwomen.com/2019/08/13/the-changing-womens-rights-of-africas-san-people/</a> (zuletzt aufgerufen: 22.10.2021)<br />[19] Habib: People’s History of India, S. 41 – eigene Übersetzung.<br />[20] Engels: Ursprung, S. 27.<br />[21] Mithen: After the Ice, S. 139.<br />[22] Ebd. S. 391.<br />[23] Ebd. S. 136.<br />[24] Ebd. S. 140.<br />[25] George Willcox and Danielle Stordeur (2012): Large-scale cereal processing before domestication during the tenth millennium cal BC in northern Syria. Cambridge, S. 99 – 114 – eigene Übersetzung.<br />[26] Vgl. Nicky Milner (2018): Star Carr Volume 1, online: <a href="https://universitypress.whiterose.ac.uk/site/books/e/10.22599/book1/">https://universitypress.whiterose.ac.uk/site/books/e/10.22599/book1/</a> (zuletzt aufgerufen: 22.10.2021).<br />[27] Vgl. Mithen: After the Ice, S. 53.<br />[28] Vgl. Ebd. S. 37.<br />[29] Vgl. Gordon Hillman, u. a. (Mai 2001): New evidence of Lateglacial cereal cultivation at Abu Hureyra on the Euphrates, in: The Holocene, 11(4). S. 383–393.<br />[30] Anthony Giddens (1981): A Contemporary Critique of Historical Materialism. California, S. 156.<br />[31] Charles Mann (Juni 2011): The Birth of Religion, in: National Geographic, online: <a href="https://www.nationalgeographic.com/magazine/2011/06/gobeki-tepe/">https://www.nationalgeographic.com/magazine/2011/06/gobeki-tepe/</a> (zuletzt aufgerufen: 10.10.2021) – eigene Übersetzung.<br />[32] Friedrich Engels (1886/1962): Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, in: MEW Bd. 21. Dietz Verlag, Berlin, S. 298.<br />[33] Lee Clare (2019): A brief summary of research at a new World Heritage Site, online: <a href="https://lens.idai.world/?url=/repository/eDAI-F_2020-2/eDAI-F_Clare.xml#citations">https://lens.idai.world/?url=/repository/eDAI-F_2020-2/eDAI-F_Clare.xml#citations</a> (zuletzt aufgerufen: 10.10.2021).<br />[34] Andrew Curry (22. Juni 2021): How ancient people fell in love with bread, beer and other carbs, online: <a href="https://www.nature.com/articles/d41586-021-01681-w">https://www.nature.com/articles/d41586-021-01681-w</a> (zuletzt aufgerufen: 10.10.2021).<br />[35] Karl Marx (1859/1961): Zur Kritik der politischen Ökonomie, in: MEW Bd. 13. Dietz Verlag, Berlin, S. 9.<br />[36] Marx: Kapital Bd. 1, S. 391.<br />[37] Vgl. Mario Liverani (2014): The Ancient Near East. Routledge, New York, S. 38.<br />[38] Vgl. Selina Brace, u.a. (2019): Ancient genomes indicate population replacement in Early Neolithic Britain, online: <a href="https://www.nature.com/articles/s41559-019-0871-9?proof=t">https://www.nature.com/articles/s41559-019-0871-9?proof=t</a> (zuletzt aufgerufen: 22.10.2021), S. 765–771.<br />[39] Vgl. Mithen: After the Ice, S. 60.<br />[40] Vgl. Theya Molleson (1994): The Eloquent Bones of Abu Hureyra, in: Scientific American 271, Nr. 2. S. 70-75.<br />[41] Casper Hansen, u.a. (4. November 2012): Modern Gender Roles and Agricultural History: The Neolithic Inheritance, online: <a href="http://dx.doi.org/10.2139/ssrn.2170945">http://dx.doi.org/10.2139/ssrn.2170945</a> (zuletzt aufgerufen: 22.10.2021), S. 5.<br />[42] Vgl. Tara Belkin, u.a. (2006): Woman the Toolmaker: Hideworking and Stone Tool Use In Konso, Ethiopia, in: DVD. Left Coast Press.<br />[43] Vgl. Paul Cockshott (2020): How the World Works: The Story of Human Labor from Prehistory to the Modern Day, Monthly Review Press, S. 38.<br />[44] Vgl. Audery Henshall (1985): The Chambered Cairns, in: The Prehistory of Orkney BC 4000–1000 AD. Edinburgh University Press.<br />[45] Engels: Ursprung, S. 95f.<br />[46] Marx: Zur Kritik, S.9.<br />[47] Vgl. Bernadette Arnaud (2006): First Farmers, in: Archaeology Vol. 53 Nr. 6. S. 56 – 59.<br />[48] Vgl. Mithen: After the Ice, S. 59.<br />[49] Vgl. Ebd. S. 434.<br />[50] Vgl. Liverani: Near East, S. 48.<br />[51] Ebd. S. 52 – eigene Übersetzung.<br />[52] Marx: Kapital Bd. 1, 350.<br />[53] Hervey Peoples, Pavel Duda und Frank Marlowe (6. Mai 2016): Hunter-Gatherers and the Origins of Religion, in: Human Nature 2016, 27, online: <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27154194/">https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27154194/</a> (zuletzt aufgerufen: 24.10.2021), S. 261–282.<br />[54] Vgl. Liverani: Near East, S. 53.<br />[55] Ebd.<br />[56] Vgl. Ebd. S. 62.<br />[57] Marx: Kapital Bd. 1, S. 373.<br />[58] Vgl. Liverani, Near East, S. 69.<br />[59] Vgl. Ebd. S. 72.<br />[60] Vgl. Ebd. S. 101.<br />[61] Vgl. James Scott (2017): Against the Grain: A Deep History of the Earliest States. Yale University, S. 159 – eigene Übersetzung.<br />[62] Engels: Ursprung, S. 61.<br />[63] Gilgamesch-Epos, online: <a href="https://www.lyrik.ch/lyrik/spur1/gilgame/gilgam1.htm">https://www.lyrik.ch/lyrik/spur1/gilgame/gilgam1.htm</a> (zuletzt aufgerufen: 10.10.2021).<br />[64] Engels: Ursprung, S. 68.<br />[65] Leo Trotzki (1939/2006): Die UdSSR im Krieg, in: Verteidigung des Marxismus. Arbeiterpresse Verlag, Essen, S. 7.<br />[66] Vgl. William Hallo und William Simpson (1971): The Ancient Near East. Harcourt, New York, S. 25-26 – eigene Übersetzung.<br />[67] Miriam Lichtheim (2006): Ancient Egyptian Literature, Vol. I. Berkeley, S. 186 – 189 – übersetzt von Marksu Sanke.<br />[68] Marx: Kapital Bd.1, S. 109.<br />[69] Liverani: Near East, S. 75.<br />[70] Vgl. Gilgamesch-Epos, online.<br />[71] Vgl. Liverani: Near East, S. 88.<br />[72] Vgl. Ebd.<br />[73] Vgl. Ebd. S. 89.<br />[74] Vgl. Ebd. S. 80.<br />[75] Engels: Ursprung, S. 165.<br />[76] David Graeber (2012): Schulden. Die ersten 5000 Jahre. Klett-Cotta, Stuttgart, S. 25.<br />[77] Marx: Kapital Bd. 1, S. 779.<br />[78] Gordon Childe (1950): The Urban Revolution, in: The Town Planning Review. Liverpool, S. 3 – 17 – eigene Übersetzung.<br />[79] Marx: Kapital Bd. 1, S. 744.<br />[80] Friedrich Engels und Karl Marx (1845/1972): Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik, in: MEW Bd. 2. Dietz Verlag, Berlin, S. 98.<br />[81] Georgi Plechanow (1898): Über die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte, online: <a href="https://www.marxists.org/deutsch/archiv/plechanow/1898/rolle/rolle2.htm#t8">https://www.marxists.org/deutsch/archiv/plechanow/1898/rolle/rolle2.htm#t8</a> (zuletzt aufgerufen: 24.10.2021).<br />[82] Vgl. Scott: Against the Grain, S. 4.<br />[83] Vgl. Liverani: Near East, S. 572.<br />[84] Engels: Urspung, S. 68.<br />[85] Ebd. S. 168.</p>
								</div>
					</div>
				</div>
				</div>
		<p>The post <a href="https://derkommunist.de/der-ursprung-der-klassengesellschaft/">Der Ursprung der Klassengesellschaft</a> appeared first on <a href="https://derkommunist.de"></a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://derkommunist.de/der-ursprung-der-klassengesellschaft/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Was lernen wir aus dem Bauernkrieg?</title>
		<link>https://derkommunist.de/was-lernen-wir-aus-dem-bauernkrieg/</link>
					<comments>https://derkommunist.de/was-lernen-wir-aus-dem-bauernkrieg/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Franz Rieger]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 05 Jan 2021 23:50:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Bauernkrieg]]></category>
		<category><![CDATA[Engels]]></category>
		<category><![CDATA[Revolutionen]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://derkommunist.de/?p=1632</guid>

					<description><![CDATA[<p>Dass der DGB Nordwürttemberg mit einer Ausstellung in Stuttgart an Friedrich Engels erinnert, ist gut und löblich. Fraglich sind allerdings einige Aussagen und Kommentare der Verfasser, die das Lebenswerk und politische Erbe [&#8230;]</p>
<p>The post <a href="https://derkommunist.de/was-lernen-wir-aus-dem-bauernkrieg/">Was lernen wir aus dem Bauernkrieg?</a> appeared first on <a href="https://derkommunist.de"></a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">Dass der DGB Nordwürttemberg mit einer <a href="https://nordwuerttemberg.dgb.de/termine/++co++3fd3a9e2-0c71-11eb-989b-001a4a160123" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Ausstellung in Stuttgart</a> an Friedrich Engels erinnert, ist gut und löblich. Fraglich sind allerdings einige Aussagen und Kommentare der Verfasser, die das Lebenswerk und politische Erbe des bedeutenden Weggefährten von Karl Marx und Pioniers des wissenschaftlichen Sozialismus verzerren. Als Beispiel sei hier der Deutsche Bauernkrieg genannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Jahre 1850, ein Jahr nach der endgültigen Niederlage der Revolution von 1848/49, schrieb Friedrich Engels seine historische Abhandlung über den revolutionären deutschen Bauernkrieg von 1525. In der Ausstellungstafel über diese Schrift befassen sich die Autoren gar nicht erst mit deren eigentlichem Inhalt. Stattdessen schießen sie sich auf einige Sätze ein, die Engels in der Einleitung zu diesem Werk schrieb:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Auch das deutsche Volk hat seine revolutionäre Tradition. […] Es ist an der Zeit, gegenüber der augenblicklichen Erschlaffung, die sich nach zwei Jahren des Kampfes fast überall zeigt, die ungefügen, aber kräftigen und zähen Gestalten des großen Bauernkriegs dem deutschen Volke wieder vorzuführen. Drei Jahrhunderte sind seitdem verflossen, und manches hat sich geändert; und doch steht der Bauernkrieg unsern heutigen Kämpfen so überaus fern nicht, und die zu bekämpfenden Gegner sind großenteils noch dieselben. Die Klassen und Klassenfraktionen, die 1848 und 49 überall verraten haben, werden wir schon 1525, wenn auch auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe, als Verräter vorfinden.“ </em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Engels begründet also seine Beschäftigung mit dem deutschen Bauernkrieg damit, dass aus ihm wichtige Lehren für die Revolution von 1848 gezogen werden können. Das erzürnt unsere Autoren und&nbsp;<a href="https://nordwuerttemberg.dgb.de/termine/++co++c752cd54-22b9-11eb-9b66-001a4a160123">sie werfen ihm vor</a>: „Er [Engels] nahm also gerade nicht die verlorene Revolution [von 1848/49] in den Blick und legte sich Rechenschaft ab über das, was 1848 in Deutschland passierte, sondern verglich die Situation mit einer anderen deutschen Revolution ein paar hundert Jahre zuvor. […] Ganz so, als müsse man über ‚die ökonomische Lage und den soziale Schichtenbau Deutschlands 1525‘ [MEW 7/330] etwas wissen, um gegen die deutschen Verhältnisse 1850 zu sein.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieses Argument ist schlicht falsch und es verwundert, dass die Autoren es nicht besser wissen. Denn Friedrich Engels nahm nicht nur, wie von ihnen richtigerweise erwähnt, aktiv an der Revolution von 1848 teil. Er und Marx arbeiteten auch theoretisch minutiös die Revolution und die Gründe für deren Niederlage auf. Und zwar sowohl während des Geschehens in Form von <a href="http://www.mlwerke.de/me/me_ak49.htm" target="_blank" rel="noreferrer noopener">zahlreichen</a> <a href="http://www.mlwerke.de/me/me_nrz49.htm" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Artikeln</a> in der Neuen Rheinischen Zeitung als auch in einer gemeinsamen <a href="https://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1850/03/zen-bund.htm" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Rede vor dem Bund der Kommunisten</a>. Und 1851/52 schrieb Engels gar ein ganzes Buch über die Revolution von 1848 und die Gründe für ihr Scheitern: „<a href="https://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1851/deutsch/index.htm">Revolution und Konterrevolution in Deutschland</a>“ . Neben den in der Ausstellung behandelten Schriften gehört diese zu den wichtigsten und bekanntesten Schriften Engels‘. Schwer vorstellbar, dass die Autoren der Ausstellung sie nicht kennen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Alles Schnee von gestern?</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Unsere Autoren zielen aber auf eine andere Frage ab: Können und sollten wir aus den Revolutionen und revolutionären Klassenkämpfen der Vergangenheit für die Gegenwart lernen? „Was nützt uns der Schnee von gestern?“, würden sie vielleicht fragen. Heute sei doch sowieso alles anders. „Was nützt es etwas über ‚die ökonomische Lage und den soziale Schichtenbau Deutschlands 1525‘ [MEW 7/330] [zu] wissen, um gegen die deutschen Verhältnisse 1850 zu sein?“ Unsere Autoren stehen vermutlich eher auf dem Standpunkt Henry Fords, für den Geschichte nichts weiter war als „just one damn thing after another“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Marx und Engels waren hingegen der Auffassung, dass die Geschichte der menschlichen Gesellschaft ein Prozess mit eigenen Gesetzmäßigkeiten ist. Natürlich: Nichts wiederholt sich; die Situation 1525 ist eine andere als 1848 oder 2021. Aber in jeder revolutionären Situation können ähnliche Phänomene beobachtet werden: Der Prozess der Bewusstseinsentwicklung und Radikalisierung der Massen, die anfängliche Naivität und Gutgläubigkeit der revolutionären Massen, dank derer sie der List und den Lügen der Herrschenden zum Opfer fielen; wie wichtig es für die revolutionäre Klasse ist, Nägel mit Köpfen zu machen, konsequent durchzugreifen und sich nicht auf verlogene Kompromisse mit der herrschenden Klasse einzulassen; wie Sieg oder Niederlage von der Einheit der revolutionären Klasse abhängen – all das (und noch viel mehr) sind die entscheidenden Lehren, die wir aus der Erfahrung des</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bauernkrieges von 1525 lernen können. Lehren, die heute noch genau so aktuell und entscheidend für den Erfolg einer Revolution sind, wie sie es 1848 waren. Jeder ernsthafte Revolutionär sollte deswegen gerade auch im Jahre 2021 Engels‘ Schrift über den deutschen Bauernkrieg lesen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Gutgläubigkeit und Kompromisslereien mit Fürsten und Königen führten 1525 und 1848 die revolutionären Klassen in die Niederlage: Zu Beginn des Bauernkrieges 1525 standen die Bauern kurz vor dem Sieg. Der Aufstand der Bauern war scheinbar plötzlich gekommen und hatte die überheblichen Fürsten überrumpelt. Tausende Bauern standen bewaffnet vor der Burg des Fürsten, welcher keine Möglichkeit mehr hatte, irgendeine nennenswerte Streitkraft zu seiner Verteidigung zu mobilisieren. Die Bauern hätten die Burg nur stürmen und den Fürsten gefangen nehmen müssen, um zu siegen. Ein Sieg, der nahezu blutlos errungen worden wäre, da niemand da war, der ernsthaften Widerstand hätte leisten können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Fürsten boten jedoch einen Waffenstillstand an und versprachen mit den Bauern zu verhandeln. Sie beteuerten, sie würden die Forderungen ihrer Untertanen ernst nehmen und appellierten an den guten Willen, an den Menschenverstand und die Gutmütigkeit der revolutionären Bauern. Diese gingen heim. Einige Wochen später fanden Verhandlungen statt, in denen der Fürst den Bauern keinen Millimeter entgegenkam. Die Verhandlungen scheiterten. Doch die inzwischen verstrichene Zeit hatte es dem Fürsten ermöglicht, ein Söldnerheer zusammenzuziehen und die demobilisierten Bauern abzumetzeln und ein abscheuliches Blutbad anzurichten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Genau dieselbe Taktik wurde 1848 angewandt, als sich die bürgerlichen Abgeordneten ein Jahr lang in der Frankfurter Paulskirche den Mund fusselig redeten, während die Fürsten Truppen zusammenzogen, um die Revolution in Blut zu ertränken. Das ist bis heute die Taktik der herrschenden Klasse geblieben – in jeder Revolution, ja selbst in jedem Streik oder Arbeitskampf: Die Mobilisierung der Arbeiter wird abgeblasen, stattdessen gibt es Verhandlungen. Doch ohne die mobilisierten und kampfbereiten Arbeiter im Rücken zu haben, fehlt ihren Vertretern in den Verhandlungen jede Kraft, die Forderungen der Arbeiter durchzusetzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sowohl 1525 als auch 1848 führte der Verrat der bürgerlichen Kräfte, die sich im entscheidenden Moment mit dem Adel gegen die ausgebeuteten Massen verbündeten, zur Niederlage. Sie hatten schließlich mehr mit den Fürsten gemein als mit hungernden Arbeitern und Bauern. Sowohl 1525 als auch 1848 schlug sich die Bourgeoisie zunächst, wenn auch widerwillig, auf die Seite der Revolution. Doch sobald es darum ging, ernsthaft mit der Fürstenmacht Schluss zu machen, bremste sie die Revolution aus. Zu viel Angst hatte sie davor, dass die revolutionären Massen, wenn sie einmal ihre Macht verstanden hatten, nicht beim Sturz der Fürstenherrschaft Halt machten und sich gegen die Bourgeoisie wenden würden. Auch wenn die Bourgeoisie im Absolutismus auf direkte politische Macht verzichten musste, so war der absolutistische Staat wenigstens ein gutes Werkzeug, um die Arbeiter und verarmenden Bauern in Schach zu halten. Indem die Bourgeoisie die Revolution ausbremste, die Mobilisierung von neuen revolutionären Truppen verzögerte und in geheimen Verhandlungen mit den Fürsten stand, gab sie diesen Zeit, eine konterrevolutionäre Streitmacht aufzustellen, um die Revolution brutal niederzuschlagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Marx und Engels zogen in ihrer „<a href="https://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1850/03/zen-bund.htm">Ansprache der Zentralbehörde an den Bund vom März 1850</a>“ die Lehren aus diesen Erfahrungen: Das Proletariat wird in der Bourgeoisie nie einen revolutionären Verbündeten im Kampf gegen die Reste des Feudalismus finden. Das Proletariat darf daher unter keinen Umständen nur das Anhängsel der liberalen Bourgeoisie sein, sondern muss zu jedem Zeitpunkt einen unabhängigen Klassenstandpunkt bewahren. Sobald die Bourgeoisie auf die Seite der Konterrevolution übergeht, muss das Proletariat eigenständig den revolutionären Kampf gegen Adel und Bourgeoisie aufnehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist eine der wichtigsten Lehren des Marxismus. In der Russischen Revolution 1917 und in jeder kolonialen Revolution seitdem, hat dieses Prinzip, die Klassenunabhängigkeit des Proletariats zu jedem Zeitpunkt, über Sieg oder Niederlage entschieden. Wer will, dass die Arbeiterklasse das vergisst, bereitet die nächste Niederlage vor.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Würde die Menschheit nicht aus den Erfahrungen der Vergangenheit lernen und das Rad bei jedem Mal neu erfinden, wären wir zu ewiger Rückständigkeit verdonnert. Aus Erfahrungen zu lernen, um zukünftige Aufgaben zu bewältigen, ist entscheidend für den Erfolg menschlichen Handelns. Wir tun es im Alltag, Wissenschaft und Technik basieren darauf. Dies für die Geschichte der menschlichen Gesellschaft abzustreiten, ist absurd, passt aber zu dem verbitterten Feldzug unserer Autoren gegen die Dialektik in anderen Ausstellungstafeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Revolutionäre, klassenbewusste Arbeiterinnen und Arbeitern müssen heute die revolutionären Prozesse der Vergangenheit gründlich studieren, vom Spartakusaufstand im Jahre 70 v. Chr. über den deutschen Bauernkrieg von 1525 und die bürgerlichen Revolutionen 1640, 1776, 1789 oder 1848 bis hin zu den proletarischen Revolutionen von 1871, 1917, 1918, 1936, 1968, 1978, 2011 oder der revolutionären Welle, die Ende 2019 Lateinamerika und den Nahen Osten erschütterte. Nur die Lehren aus den Erfahrungen vergangener Kämpfe wappnen uns für den zukünftigen Sieg.</p>
<p>The post <a href="https://derkommunist.de/was-lernen-wir-aus-dem-bauernkrieg/">Was lernen wir aus dem Bauernkrieg?</a> appeared first on <a href="https://derkommunist.de"></a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://derkommunist.de/was-lernen-wir-aus-dem-bauernkrieg/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Engels&#8216; Briefe an Kautsky &#8211; von Leo Trotzki (Oktober 1935)</title>
		<link>https://derkommunist.de/engels-briefe-an-kautsky-von-leo-trotzki-oktober-1935/</link>
					<comments>https://derkommunist.de/engels-briefe-an-kautsky-von-leo-trotzki-oktober-1935/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Die Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 27 Nov 2020 01:03:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Dialektischer Materialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Engels]]></category>
		<category><![CDATA[Historischer Materialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Trotzki]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://derkommunist.de/?p=1646</guid>

					<description><![CDATA[<p>An diesem Samstag feiern wir den 200. Geburtstag von Friedrich Engels. Im vergangenen August begingen vor den 80. Jahrestag der Ermordung Leo Trotzkis durch einen stalinistischen Agenten. Der folgende Text [&#8230;]</p>
<p>The post <a href="https://derkommunist.de/engels-briefe-an-kautsky-von-leo-trotzki-oktober-1935/">Engels&#8216; Briefe an Kautsky &#8211; von Leo Trotzki (Oktober 1935)</a> appeared first on <a href="https://derkommunist.de"></a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">An diesem Samstag feiern wir den 200. Geburtstag von Friedrich Engels. Im vergangenen August begingen vor den 80. Jahrestag der Ermordung Leo Trotzkis durch einen stalinistischen Agenten. Der folgende Text von Trotzki über Engels und Karl Kautsky erscheint hier erstmals auf Deutsch. Er ist nicht nur als historisches Dokument wertvoll, sondern auch für das Verständnis der wissenschaftlichen Methode des Marxismus und der Rolle von Revolutionären.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Friedrich Engels, der kongeniale Genosse, Weggefährte und Freund von Karl Marx, wurde vor genau 200 Jahren geboren: am 28. November 1820. Gemeinsam mit Marx entwickelte er die theoretischen Grundlagen des „wissenschaftlichen Sozialismus“ (revolutionären Marxismus). Mit seinen Arbeiten vertiefte er das Verständnis von der Entstehung der Menschheit, der Herausbildung der Familie und des Staates als Unterdrückungsmaschinerie und – aus unserer Sicht ganz entscheidend – er leistete einen großen Beitrag zur Darlegung des dialektischen Materialismus, der philosophischen Methode des Marxismus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Neben seinen Leistungen auf dem Gebiet der Theoriearbeit war Friedrich Engels jedoch auch ein Mann der revolutionären Praxis. Mit seinen Büchern (z.B. „Anti-Dühring“), Artikeln und in unzähligen Briefen gab er einer ganzen Generation von führenden Köpfen der Arbeiterbewegung in Europa theoretisches Rüstzeug, Perspektiven und politische Orientierung, ohne die es niemals möglich gewesen wäre, die Sozialdemokratie im 19. Jahrhundert in eine Massenbewegung zu verwandeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gerade die österreichische Sozialdemokratie verdankt Engels, der zu Victor Adler und Adelheid Popp ein sehr enges persönliches und politisches Verhältnis pflegte, sehr viel. So waren Engels und seine engste Mitarbeiterin Louise Kautsky federführend im Entstehungsprozess der proletarischen Frauenbewegung in Österreich.Genau diesen Aspekt seines Lebenswerks beleuchtet der folgende Artikel von Leo Trotzki. Er entstand 1935 aus Anlass der Veröffentlichung des Briefwechsels von Friedrich Engels und dem deutsch-österreichischen Sozialdemokraten Karl Kautsky in Buchform (Karl Kautsky [Hg.], Aus der Frühzeit des Marxismus – Engels‘ Briefwechsel mit Kautsky, Orbis-Verlag A.-G., Prag, 1935).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzki zeichnet auf der Grundlage dieses bis dahin unbekannten Materials ein außergewöhnliches Porträt des großen Revolutionärs.Kautsky galt lange Zeit als jener Theoretiker, der das Werk von Marx und Engels weiterführte. Er kann als der Begründer jener Schule gesehen werden, die später als „Austromarxismus“ bekannt wurde. Trotzki, der selbst lange Jahre in Wien lebte, hier in der Sozialdemokratie aktiv war und die austromarxistischen Führer aus nächster Nähe kennenlernen konnte, unterzieht in mehreren Büchern diese Denkrichtung einer scharfen politischen Kritik, wobei er nachweist, dass die Methode von Kautsky, Otto Bauer &amp; Co. mit der dialektischen Methode und dem revolutionären Spirit des Marxismus nicht viel gemein hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit dem folgenden Artikel zeichnet er nach, welche Kluft in der persönlichen Haltung und in der politischen Ausrichtung zwischen Engels und der nachfolgenden Generation der sozialdemokratischen Arbeiterführer bestand. Der aus der 68er-Bewegung bekannte Spruch „das Private ist politisch“ nimmt anhand dieses Briefwechsels konkrete Form an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir halten diesen Artikel nicht nur als historisches Dokument, das Einblick in die frühe Geschichte der Arbeiterbewegung und des Marxismus bietet, für interessant, sondern er beinhaltet auch wichtige Ansatzpunkte, um das Verständnis von der wissenschaftlichen Methode des Marxismus und der Rolle von RevolutionärInnen in der Arbeiterbewegung zu schärfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Jahr 1935 markiert den 40. Todestag von Friedrich Engels, einem der beiden Autoren des Kommunistischen Manifests. Der andere war Karl Marx. Dieser Jahrestag ist auch deshalb beachtenswert, da Karl Kautsky, mittlerweile 81 Jahre alt, endlich seine Korrespondenz mit Engels veröffentlicht hat. Das ist ein sehr wertvolles Geschenk für all jene, die sich ernsthaft für die politische Geschichte der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, die Entwicklung der Ideen des Marxismus, das Schicksal der Arbeiterbewegung und letztlich die Persönlichkeit von Friedrich Engels interessieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu Marx‘ Lebzeiten spielte Engels, wie er es selbst ausdrückte, die zweite Geige. Aber mit der letzten Erkrankung und speziell nach dem Tod von Marx wurde Engels der direkte und unbestrittene Dirigent im Orchester des Weltsozialismus und blieb es die kommenden 12 Jahre. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Engels längst von seinen geschäftlichen Verpflichtungen befreit. Er war finanziell völlig unabhängig und konnte daher seine ganze Zeit der Redaktion und Publikation des literarischen Nachlasses von Marx widmen, seine eigene Forschungsarbeit betreiben und eine umfangreiche Korrespondenz mit den Linken in der Arbeiterbewegung in allen Ländern führen. Sein Briefwechsel mit Karl Kautsky stammt aus seiner letzten Lebensphase (1881-1895).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die in ihrer Zielstrebigkeit und Klarheit einzigartige Persönlichkeit von Engels wurde in den nachfolgenden Jahren vielen Interpretationsversuchen unterzogen – das ist die Logik des Kampfes. Man muss sich nur in Erinnerung rufen, wie Ebert, Scheidemann und andere während des letzten Krieges Engels als deutschen Patrioten porträtierten, während die Publizisten der Entente ihn als Pangermanisten darstellten. In diesen und anderen Fragen helfen die Briefe, tendenziöse Überlagerungen von Engels‘ Persönlichkeit zu beseitigen. Doch das ist nicht die zentrale Bedeutung dieser Briefe. Man kann ohne Angst vor Übertreibung sagen, dass jedes neue Dokument mit einem Bezug zu Engels ihn als noch viel feineren, edleren und faszinierenderen Menschen zeigt, als er uns zuvor erscheinen musste.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den frühen 1880er Jahren tat sich Kautsky in der Rolle des offiziellen Theoretikers der deutschen Sozialdemokratie hervor, die ihrerseits wieder zur führenden Partei der Zweiten Internationale aufstieg. So wie Engels zu Lebzeiten von Marx, so spielte auch Kautsky bestenfalls die zweite Geige, solange Engels am Leben war – mit großen Abweichungen vom ersten Violinisten. Nach dem Tode Engels‘ wuchs die Autorität des Schülers rasant an und erreichte um die erste Russische Revolution 1905 ihren Zenit. In seinem Kommentar zum Briefwechsel beschreibt Kautsky seine Aufregung bei seinem ersten Besuch bei Marx und Engels. Ein Vierteljahrhundert später haben viele junge Marxisten – speziell auch der Autor dieses Artikels – dieselbe Aufregung verspürt, als sie die Stufen zum bescheidenen Haus in Friedenau, in der Vorstadt Berlins, wo Kautsky über viele Jahre wohnte, erklommen. Er wurde damals in Fragen der Theorie als der überragende und unangefochtene Führer der Internationale angesehen. Von seinen Gegnern wurde er als „Papst“ des Marxismus bezeichnet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch Kautsky konnte sich diese Autorität nicht lange erhalten. Große Ereignisse im letzten Vierteljahrhundert haben ihm gewaltig mitgespielt. Während und nach dem Krieg war Kautsky regelrecht die Personifizierung nervöser Unentschlossenheit. Was bis dahin nur einige Wenige erahnt hatten, wurde nun vollauf bestätigt, nämlich, dass sein Marxismus im Wesentlichen von rein akademischem und kontemplativem Charakter war. Wenn Kautsky von Wien aus, während eines Streiks im April 1889, schrieb, „meine Gedanken sind mehr auf der Straße, als beim Schreibtisch“ (S. 242), dann erscheinen diese Worte überraschend und fast schon falsch, selbst wenn sie aus der Feder des jungen Kautsky stammen. Sein ganzes Leben lang blieb der Schreibtisch sein wichtigstes Betätigungsfeld. Straßenkämpfe erschienen ihm eher als Hindernisse. Er hat den Ruf, die Doktrin popularisiert zu haben, er gilt als der Interpret der Vergangenheit, als Verteidiger der Methode. Ja, das war er, aber er war nie ein Mann der Tat, nie ein Revolutionär oder Erbe des Geistes von Marx und Engels.<br>Dieser Briefwechsel legt nicht nur die radikalen Unterschiede zwischen den beiden Persönlichkeiten vollständig frei, sondern auch etwas zumindest für die gegenwärtige Generation völlig Unerwartetes – den Antagonismus, der zwischen Engels und Kautsky bestand, und der schlussendlich auch zum Bruch in ihren persönlichen Beziehungen führte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">„Der General“</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Engels zeichnete sich durch seine Fähigkeit zur Einschätzung konkreter Umstände und Kräfteverhältnisse aus. Das und sein umfassendes Spezialwissen in militärischen Angelegenheiten befähigten ihn dazu, während des Französisch-Preußischen Krieges in der Londoner Pall-Mall Gazette bemerkenswerte militärtheoretische Artikel zu veröffentlichen. Dieser Artikelserie verdankte er die Zuschreibung, einer der besten Militärexperten seiner Zeit zu sein (zweifelsohne schauten sich die Herren aus der „Obrigkeit“ nicht ohne beträchtliches Erstaunen in den Spiegel). In seinem engsten Umfeld erhielt Engels deshalb den scherzhaften Spitznamen „General“. Mit diesem Namen zeichnete er auch eine Reihe von Briefen an Kautsky.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Engels war kein großer Redner, aber vielleicht hatte er auch einfach nie die Gelegenheit, einer zu werden. Gegenüber „Rednern“ zeigte er sogar einen Hauch von Verachtung, weil er – nicht ganz grundlos – die Meinung vertrat, sie würden komplexe Ideen zu Banalitäten reduzieren. Kautsky erinnert sich an Engels aber als einen bemerkenswerten Gesprächspartner, der über ein unerschöpfliches Erinnerungsvermögen und Witz verfügte und sich äußerst präzise auszudrücken pflegte. Leider ist Kautsky selbst nur ein mittelmäßiger Beobachter und alles andere als ein Künstler: In seinen eigenen Briefen sticht Engels unendlich klarer hervor als in den Kommentaren und Erinnerungen von Kautsky.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Engels Beziehungen zu anderen Menschen waren frei von Gefühlsduselei und Illusionen, zeichneten sich deshalb durch Unkompliziertheit aus und waren somit auch zutiefst menschlich. In seiner Gesellschaft bei einem Abendessen, wo Vertreter verschiedener Länder und Kontinente zusammenkamen, lösten sich alle Gegensätze zwischen der geschliffenen radikalen Gräfin Schack und der alles andere als geschliffenen russischen Nihilistin Vera Sassulitsch wie von Zauberhand auf. Die prächtige Persönlichkeit des Gastgebers drückte sich darin aus, dass er imstande war, sich selbst und die anderen über alles Zweitrangige und Oberflächliche zu erheben, ohne auch nur im Geringsten von seinen Sichtweisen oder gar seinen Gewohnheiten abzuweichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man wird an diesem Revolutionär vergeblich die Wesenszüge des Bohemiens suchen, die sonst unter radikalen Intellektuellen so weit verbreitet sind. Engels war sowohl in kleinen wie auch in großen Dingen gegenüber Schlamperei und Pflichtvergessenheit äußerst unduldsam. Er schätzte Genauigkeit im Denken, Genauigkeit beim Finanzgebaren, Exaktheit in gesprochenem und gedrucktem Wort. Als ein deutscher Verleger versuchte, seine Schreibweise abzuändern, verlangte Engels mehrere Druckfahnen zurück, um sie noch einmal überprüfen zu können. Er schrieb: „Ich ließe mir eine Orthographie ebensowenig aufoktroyieren als eine Frau.“ (S. 147). Diese Verbindung von Zorn und Humor holt Engels beinahe ins Leben zurück! Zusätzlich zu seiner Muttersprache, die er wie ein Virtuose beherrschte, schrieb Engels frei auf Englisch, Französisch und Italienisch. Außerdem konnte er Spanisch und nahezu alle slawischen und skandinavischen Sprachen lesen. Sein Wissen auf den Gebieten der Philosophie, der Ökonomie, der Geschichte, der Physik, der Philologie und der Militärwissenschaften hätten für ein gutes dutzend ordentlicher und außerordentlicher Professuren gereicht. Doch abseits dieser Fähigkeiten besaß er einen ganz besonderen Schatz: Das geflügelte Denken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Juni 1884, als Bernstein und Kautsky sich bei Engels über den einsetzenden Druck von allen nur denkbaren „gebildeten“ Biedermännern in der Partei beschwerten, antwortete ihnen Engels: „Hauptsache ist, sich nichts bieten zu lassen, aber dabei in aller Gemüthsruhe zu bleiben“ (S. 119). Während der General nicht immer „Gemüthsruhe“ im wörtlichen Sinne bewahrte – im Gegenteil, gelegentlich kochte er über vor Wut –, gelang es ihm doch immer, bald wieder über den Dingen zu stehen und das notwendige Gleichgewicht zwischen seinen Gedanken und Gefühlen wiederherzustellen. Die urwüchsige Seite seiner Persönlichkeit war von einer Mischung aus Optimismus und Humor gegenüber sich selbst und seinem engsten Umfeld sowie Ironie gegenüber seinen Gegnern gekennzeichnet. In seinem Optimismus war kein Fünkchen Selbstzufriedenheit. Die Quelle seiner Lebensfreude entsprang seinem fröhlichen und harmonischen Temperament, doch Letzteres war völlig durchdrungen mit dem Wissen, das mit der größten aller Freuden einherging: Der Freude kreativer Auffassungsgabe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Engels‘ Optimismus wirkte sich gleichermaßen in politischen Fragen wie in persönlichen Angelegenheiten aus. Nach jeder Niederlage hielt er umgehend Ausschau nach Bedingungen, die einen neuen Aufschwung vorbereiteten, und nach jedem Rückschlag, dem ihm das Leben verpasste, gab er sich einen Ruck und schaute wieder in die Zukunft. So hielt er es bis zum Sterbetag. Es gab Zeiten, in denen er wochenlang nicht aufstehen konnte, um einem Knochenbruch, den er bei einem Sturz während einer Fuchsjagd der englischen Gentry erlitten hatte, auszukurieren. Manchmal verweigerten ihm seine gealterten Augen bei künstlichem Licht den Dienst, ohne dass es bei Nebel in London auch tagsüber kein Auskommen gibt. Doch Engels schreibt nie über seine körperlichen Leiden, und wenn, dann nur nebenbei, um eine verzögerte Antwort zu erklären und um umgehend zu versprechen, dass alles bald wieder besser laufen und die Arbeit wieder mit voller Geschwindigkeit fortgesetzt werde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Einer von Marx‘ Briefen bezieht sich auf Engels Gewohnheit bei Konversationen scherzhaft zu zwinkern. Dieses „Augenzwinkern“ zieht sich durch die gesamte Korrespondenz von Engels. Dieser Mann der Pflicht und sehr tiefgehender Bindungen erinnert an alles andere als an einen Asketen. Er war ein Natur- und Kunstliebhaber, er genoss die Gemeinschaft kluger und lustiger Menschen, er umgab sich gerne mit Frauen und liebte gute Scherze, lachte gerne, schätzte ein gutes Abendessen, guten Wein und guten Tabak. Gelegentlich war er auch nicht abgeneigt, sich bei der Lektüre von Rabelais, der sich gerne seine Inspiration unter der Gürtellinie suchte, einen Lachkrampf zu holen. Generell kann man sagen, dass ihm nichts Menschliches fremd war. Nicht selten finden wir in seinen Briefen Anspielungen, dass in seinem Haus mehrere Flaschen guten Weines geöffnet wurden, wenn es darum ging Neujahr oder den erfolgreichen Ausgang einer Wahl in Deutschland, seinen eigenen Geburtstag und manchmal auch Anlässe von geringerer Bedeutung zu feiern. Selten nur finden wir Stellen, wo sich der General beschwert, dass er lieber auf dem Sofa liegen blieb, „anstatt mit euch zu kneipen… Nun, aufgehoben ist nicht aufgeschoben.“ (S. 335) Engels war 72 Jahre alt, als er das schrieb. Einige Monate später machte ein falsches Gerücht in der Presse die Runde, wonach Engels schwer krank sei. Der 73 Jahre alte General schrieb darüber: „Nun, wir haben auf den hochgradigen Kräfteverfall und das stündlich erwartete Ableben diverse Flaschen geleert.“ (S. 352)</p>



<p class="wp-block-paragraph">War er ein Epikureer? Die zweitrangigen „Segen des Lebens“ waren nie das Entscheidende im Leben dieses Mannes. Er interessierte sich aufrichtig für die Familienmoral aus der Epoche der Wildheit oder die Geheimnisse der irischen Philologie, doch er war stets untrennbar verbunden mit dem zukünftigen Schicksal der Menschheit. Wenn er sich selbst einen trivialen Scherz erlaubte, dann war es nur in der Gesellschaft nicht trivialer Menschen. Seinem Humor, seiner Ironie und seiner Lebensfreude, das fühlt man, lag immer ein gewisses moralisches Pathos zugrunde – aber ohne die geringste Phrasendrescherei oder sonderliches Getue, immer gut versteckt, aber umso aufrichtiger und er war stets bereit, selbst ein Opfer zu bringen. Der Geschäftsmann, der Eigentümer einer Fabrik, eines Jagdpferdes und eines Weinkellers war bis auf die Knochen ein revolutionärer Kommunist.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Nachlassverwalter von Marx</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Kautsky übertreibt nicht im Geringsten, wenn er in seinem Kommentar zum Briefwechsel feststellt, dass es unmöglich wäre, in der Geschichte einen vergleichbaren Fall zu finden, wo zwei Männer von so kraftvollem Temperament und eigenständigem ideologischen Denken wie Marx und Engels ihr ganzes Leben lang durch die Entwicklung ihrer Ideen, ihre soziale Aktivität und persönliche Freundschaft so untrennbar miteinander verbunden blieben. Engels hatte ein schnelleres Auffassungsvermögen, war flexibler, umtriebiger und vielseitiger; Marx war schwerfälliger, sturer und zu sich selbst und zu anderen strenger. Selbst ein hell leuchtender Stern erster Güte, war es ihm doch möglich, die intellektuelle Autorität von Marx mit jener Bescheidenheit anzuerkennen, mit der er generell seine persönlichen und politischen Beziehungen aufbaute.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Zusammenarbeit dieser beiden Freunde – hier haben wir den Rahmen, wo dieser Begriff seine volle Bedeutung erlangt – war so tiefgehend, dass es unmöglich ist, eine Trennlinie zwischen ihren Werken zu ziehen. Aber unendlich wichtiger als das rein literarische Zusammenwirken war die geistige Verbundenheit, die zwischen den beiden existierte und die niemals zerbrach. Sie schrieben sich entweder täglich Briefe, schickten sich epigrammatische Notizen und verstanden sich gegenseitig auch auf der Grundlage von kleinen Anspielungen, oder sie setzten ihre gleichermaßen epigrammatische Konversation inmitten von Zigarrenrauch fort. Über vier Jahrzehnte stärkten sich Marx und Engels so in ihrem ununterbrochenen Kampf gegen die offizielle Wissenschaft und den traditionellen Aberglauben gegenseitig den Rücken. Die öffentliche Meinung hatten sie dabei stets gegen sich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Engels sah in der materiellen Unterstützung von Marx eine politische Verpflichtung von größter Wichtigkeit. Das war auch das Hauptmotiv dafür, dass er sich selbst so viele Jahre an die harte Arbeit im „fluchbeladenen Geschäft“ gebunden hat – wobei er auch in diesem Bereich genauso erfolgreich wirkte wie in allen anderen. Sein Vermögen wurde immer größer und damit verbesserten sich auch die Lebensumstände der Familie Marx. Nachdem Marx gestorben war, unterstützte Engels weiterhin dessen Töchter. Die alte Haushälterin des Ehepaares Marx, Helene Demuth, die ein fester Bestandteil der Familie war, übernahm er in seinen Dienst. Ihr gegenüber verhielt sich Engels in liebevoller Loyalität. Nach ihrem Tod klagte er, wie sehr er ihre Ratschläge nicht nur in persönlichen, sondern auch in Parteiangelegenheiten vermisse. Engels vermachte Marx‘ Töchtern praktisch sein gesamtes Vermögen, das abgesehen von der Bibliothek, den Möbeln usw. rund 30.000 Pfund betrug.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn sich Engels in seinen jungen Jahren in die Schatten der Textilindustrie von Manchester zurückzog, um Marx die Arbeit am „Kapital“ zu ermöglichen, dann stellte er später als alter Mann, und dann ohne zu klagen, und wir können mit Sicherheit sagen, ohne Bedauern, seine eigene Forschungsarbeit zurück, um Jahre damit zu verbringen, die hieroglyphischen Manuskripte von Marx zu entziffern, Übersetzungen penibel zu überprüfen und nicht weniger sorgfältig seine Schriften in nahezu allen europäischen Sprachen zu korrigieren. In diesem Epikureer steckte ein vollkommen ungewöhnlicher Stoiker!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Berichte über den Fortschritt der Arbeit an Marx‘ literarischem Nachlass stellen ein konstantes Leitmotiv im Briefwechsel zwischen Engels und Kautsky und anderen Gleichgesinnten dar. In einem Brief an Kautskys Mutter (1885), die eine ziemlich bekannte Autorin beliebter Romane war, bringt Engels seine Hoffnung zum Ausdruck, dass das alte Europa endlich wieder in Bewegung geraten wird. Und er fügt hinzu: „Ich will nur hoffen, dass es mir Zeit lässt, noch den dritten Band vom Kapital fertig zu machen, nachher kanns losgehen!“ (S. 206) Aus dieser halb scherzhaften Feststellung lässt sich ganz eindeutig die Bedeutung ablesen, die er dem „Kapital“ beimaß; doch es zeigt auch, dass ihm die revolutionäre Aktion weit höher stand als jedes Buch, auch „Das Kapital“. Am 3. Dezember 1891, also sechs Jahre später, erklärt Engels Kautsky den Grund für sein langes Schweigen: „…verantwortlich ist der dritte Band, über dem ich erneut schwitze.“ Er ist damit beschäftigt, die Kapitel in der furchtbaren Handschrift über Geldkapital, Banken und Kredit zu entziffern und studiert gleichzeitig Literatur zu den entsprechenden Themen. Wohl weiß er schon im Vorhinein, dass er in der Mehrzahl der Fälle das Manuskript aus der Feder von Marx unverändert lassen könne, doch will er sich mit seinen zusätzlichen Forschungen gegen redaktionelle Fehler absichern. Und dann kommt noch die endlose, sorgfältig zu erledigende Kleinarbeit dazu! Engels tauscht sich darüber aus, ob an einer bestimmten Stelle ein Komma vonnöten wäre, und er dankt Kautsky für das Aufzeigen eines Rechtschreibfehlers im Manuskript. Das ist keine Pedanterie – sondern eine Form der Gewissenhaftigkeit, der zufolge nichts unwichtig ist, das zum wissenschaftlichen Gesamtwerk von Marx‘ Leben beiträgt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Engels aber war weit davon entfernt, den Originaltext blind zu bewundern. Beim Überprüfen einer Kurzfassung von Marx‘ ökonomischer Theorie durch den französischen Sozialisten Deville, empfand Engels, seinen eigenen Worten zufolge, oft die Versuchung, hie und da Sätze zu streichen oder zu korrigieren, die sich bei genauerem Hinsehen als Marx‘ eigene Formulierungen erwiesen. Dem lag zugrunde, dass die Sätze „im Original eine durch das Vorausgegangene klargelegte Beschränkung erfahren, bei Deville aber eine ganz absolut-allgemeine und damit unrichtige Geltung erhalten“ (S. 95). Diese wenigen Worte liefern eine klassische Charakterisierung des häufigen Missbrauchs von fix fertigen Formeln des großen Meisters („magister dixit“).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber das ist nicht alles. Engels beschränkte sich nicht darauf, die Manuskripte für den zweiten und dritten Band vom Kapital zu entziffern, feinzuschleifen, zu transkribieren, Korrektur zu lesen und mit Kommentaren zu versehen, sondern wachte mit Argusaugen über Marx‘ Erbe und verteidigte es gegen feindliche Angriffe. Der konservative preußische Sozialist Rodbertus und seine Bewunderer behaupteten, Marx hätte die wissenschaftlichen Erkenntnisse von Rodbertus übernommen, ohne die Quelle anzugeben. Mit anderen Worten: Marx habe von Rodbertus abgeschrieben. 1884 schrieb Engels darüber in einem Brief an Kautsky: „Welche horrende Unwissenheit dazu gehört, so etwas nur zu behaupten.“ (S. 140) Und einmal mehr ging Engels selbst daran, die unbrauchbaren Arbeiten von Rodbertus zu studieren, um diese Vorwürfe restlos zurückweisen zu können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Briefe von Kautsky beinhalten eine gleichermaßen erleuchtende Betrachtung der Affäre mit dem deutschen Ökonomen Brentano, der Marx beschuldigte, Gladstone falsch zitiert zu haben. Marx‘ und Engels‘ Haltung gegenüber den Ideen ihrer Gegenspieler ähnelte, so absurd sie auch waren, der Haltung eines Bakteriologen gegenüber einem krankheitserregenden Bazillus. Immer wieder stößt man in den Briefen von Engels an Marx und an ihre gemeinsamen Freunde auf Stellen, in denen er Marx für sein Übermaß an wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit tadelte, das dieser an den Tag legte. Es überrascht daher keineswegs, dass er all seine Arbeit zur Seite legte, um Brentano wütend in die Schranken zu weisen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Engels trug sich mit dem Gedanken, eine Biographie von Karl Marx zu schreiben. Niemand hätte sie so schreiben können wie er, da es notwendigerweise in einem großen Ausmaß Engels‘ eigene Autobiographie gewesen wäre. Er schreibt an Kautsky: „An diese Arbeit, auf die ich mich seit langem gefreut habe, gehe ich sobald ich irgend kann.“ (S. 382) Engels legt ein Gelübde ab, sich nicht länger ablenken zu lassen: „Ich bin nun 74 Jahre alt – ich muss mich beeilen.“ Noch heute kann man nur mit Bedauern daran denken, dass Engels dieses Projekt nicht umsetzen konnte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für das Ölportrait von Marx, das in der Schweiz in Vorbereitung war, lieferte Engels über Kautsky die folgende Farbbeschreibung seines verstorbenen Freundes: „So braun wie nur für einen Südeuropäer möglich, ohne viel Röthe auf den Backen… Schnurrbart pechschwarz mit weißen Härchen aber ohne die geringste Beimischung von Braun, ausgenommen verschoßne Haare, sonst Haar und Bart schneeweiß.“ (S. 149) Diese Beschreibung macht deutlich, warum Marx von seiner Familie und seinem engsten Umfeld den Spitznamen „Mohr“ erhielt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Lehrmeister</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In den ersten beiden Jahren adressierte Engels seinen Briefpartner mit „Lieber Herr Kautsky“ (der Begriff „Genosse“ war damals noch nicht gebräuchlich); nachdem sie sich in London näher kennengelernt hatten verkürzte er die Anrede auf „Lieber Kautsky“; von März 1884 ging er zum Du über, wenn er mit Bernstein und Kautsky schrieb, die beide 25 Jahre jünger als er waren. Kautsky schreibt nicht ohne Grund: „Von 1883 an betrachtete Engels Bernstein und mich als die zuverlässigsten Vertreter der Marxschen Theorie.“ (S. 93) Der Übergang zur Du-Form spiegelt zweifelsohne die wohlwollende Haltung des Lehrers zu seinen Schülern wider. Doch diese äußere Vertrautheit ist kein Beweis für ein tatsächlich inniges Verhältnis: dem stand hauptsächlich die Tatsache entgegen, dass sich Kautsky und Bernstein zu einem beträchtlichen Maße als Spießbürger erwiesen. Während ihres langen Aufenthalts in London unterstützte Engels sie dabei, sich die Marxsche Methode anzueignen. Doch er konnte in ihnen weder die revolutionäre Willenskraft noch die Fähigkeit zu kühnem Denken entfachen. Die Schüler waren und blieben Kinder einer anderen Geisteshaltung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Marx und Engels waren in der Sturm- und Drang-Epoche zu politischem Leben erwacht, und sie nahmen als ausgereifte Kämpfer an der Revolution von 1848 teil. Kautsky und Bernstein wurden durch die vergleichsweise ruhige Zeitspanne zwischen der von Kriegen und Revolutionen geprägten Epoche der Jahre 1848 und 1871 einerseits und der Epoche zwischen der Russischen Revolution von 1905 und dem Ausbruch des Weltkriegs 1914 andererseits geprägt. Und diese Phase wirkt bis heute nach. Während seines gesamten und langen Lebens gelang es Kautsky all jene Schlussfolgerungen zu umschiffen, die seinen geistigen und physischen Frieden zu stören drohten. Er war kein Revolutionär, und das erwies sich als eine unüberwindbare Barriere, die ihn vom Roten General trennte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber selbst, wenn man davon absieht, waren die beiden viel zu unterschiedlich. Es ist unbestreitbar, dass Engels im persönlichen Kontakt eine noch viel stärkere Wirkung entfaltete: Seine Persönlichkeit war viel reicher und bestechender als alles, was er tat und schrieb. Von Kautsky kann das nicht gesagt werden. Seine besten Bücher sind bei weitem klüger als er es selbst war. Im persönlichen Umgang verlor Kautsky an Gewicht. Es mag dies auch dazu beigetragen haben, dass Rosa Luxemburg, die in unmittelbarer Nachbarschaft von Kautsky wohnte, viel früher als Lenin sein Spießbürgertum erkannte, auch wenn sie, was das politische Verständnis anlangte, mit Lenin nicht mithalten konnte. Aber das bezieht sich alles auf eine weit spätere Phase.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus dem Briefwechsel geht eindeutig hervor, dass zwischen dem Lehrer und dem Schüler nicht nur auf dem Gebiet der Politik, sondern auch in der Herangehensweise an die Theorie eine unsichtbare Barriere bestehen blieb. Engels, der generell sehr zurückhaltend war, wenn es um Lob ging, bezog sich manchmal durchaus mit Begeisterung („Ausgezeichnet“) auf die Schriften von Franz Mehring oder Georgi Plechanow; doch bei Kautsky blieb er mit Lob stets sehr sparsam, und man erahnt eine gewisse Gereiztheit in seiner Kritik. Wie schon Marx beim ersten Besuch von Kautsky bei ihm zu Hause, so war auch Engels von der passiven Selbstzufriedenheit des jungen Wieners und dessen Art, so zu tun, als würde er alles wissen, abgestoßen. Wie einfach dieser Antworten auf die komplexesten Fragen fand! Es stimmt, dass auch Engels dazu neigte, übereilt Verallgemeinerungen zu formulieren; doch im Gegenzug hatte er die Flügel und den Blick eines Adlers, und mit den Jahren eignete er sich die kompromisslose wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit, die schon Marx auszeichnete, auch selbst an. Doch Kautsky blieb trotz all seiner Fähigkeiten stets ein Mann der Goldenen Mitte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Neun Zehntel der deutschen heutigen Schreiberei ist Schreiberei über andre Schreiberei.“ (S. 139) Mit anderen Worten: Es mangelte an Analysen der lebendigen Realität und an einer fortschrittlichen Bewegung des Denkens. Engels nahm Kautskys Buch zu Fragen der Urgesellschaft zum Anlass, ihm nahezulegen, dass es nur dann möglich sei, auf diesem so breiten und noch zu erhellenden Gebiet etwas wirklich Neues zu sagen, wenn man eine gründliche und erschöpfende Forschung zu diesem Thema betreibt. Und er fügt ziemlich schonungslos hinzu: „Sonst wären Bücher wie Das Kapital viel zahlreicher.“ (S. 85)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Jahr später (am 20. September 1884) rügt Engels Kautsky erneut für dessen „apodiktische Behauptungen auf Gebieten, wo du dich selbst nicht sicher weißt.“ (S. 144) Solche Anmerkungen ziehen sich durch die gesamte Korrespondenz. Indem er Kautsky dafür tadelt, „Abstraktionen“ abzulehnen – ohne die das Denken generell nicht möglich ist – gibt Engels eine klassische Definition, die den Unterschied zwischen einer anregenden und einer leblosen Abstraktion aufzeigt: „Marx faßt in den Dingen und Verhältnissen vorliegenden gemeinsamen Inhalt auf ihren allgemeinsten Gedankenausdruck zusammen, seine Abstraktion gibt also nur in Gedankenform den schon in den Dingen liegenden Inhalt wieder. Rodbertus dagegen macht sich einen solchen mehr oder weniger unvollkommnen Gedankenausdruck, und mißt die Dinge an diesem Begriff, nach dem sie sich richten sollen.“ (S. 144) Neun Zehntel aller Fehler im menschlichen Denken lassen sich auf diese Formel zurückführen. Elf Jahre später übt Engels in seinem letzten Brief an Kautsky Kritik, in dem er ihm zwar gebührende Anerkennung für seine Forschungsarbeit über die Vorläufer des neueren Sozialismus zollt, ihn aber für seinen Hang zum „Gemeinplätzlichen, wo eine Lücke im Studium vorlag“ rügt. „Im Style fällst Du – um populär zu bleiben – bald in den Leitartikel bald in den Schulmeister.“ (S. 388) Man kann die literarischen Angewohnheiten von Kautsky nicht treffender zum Ausdruck bringen!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Er las für gewöhnlich die wichtigsten Artikelentwürfe des sehr produktiven Kautsky und jeder seiner Kritik-Briefe beinhaltet wertvolle Vorschläge, die das Ergebnis ernsthaften Nachdenkens und manchmal auch eigener Forschungsarbeit sind. Kautskys bekanntes Werk „Die Klassengegensätze von 1789“, das in fast alle Sprachen der zivilisierten Menschheit übersetzt wurde, scheint ebenfalls durch das intellektuelle Labor von Engels gegangen zu sein. Sein langer Brief über die sozialen Gruppierungen in der Epoche der großen Revolution des 18. Jahrhunderts – wie auch zur Anwendung der materialistischen Methode auf geschichtliche Ereignisse – gehört zu den großartigsten Dokumenten des menschlichen Geisteslebens. Es handelt sich um einen zu gedrängten Text, und jede darin enthaltene Formel setzt ein viel zu großes Wissen voraus, als dass er weite Verbreitung finden könnte; doch dieses Dokument, das so lange nicht zugänglich war, wird stets nicht nur eine Quelle theoretischer Schulung bleiben, sondern wird auch allen, die sich ernsthaft mit der Dynamik der Klassenbeziehungen in einer revolutionären Epoche sowie mit den generellen Problemen im Zusammenhang mit der materialistischen Interpretation geschichtlicher Ereignisse auseinandersetzen wollen, eine ästhetische Freude bescheren.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kautskys Scheidung und sein Konflikt mit Engels</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Kautsky behauptet – und nicht ohne Hintergedanken, wie wir noch sehen werden – dass sich Engels durch schlechte Menschenkenntnis auszeichnete. Marx war zweifelsohne der bessere „Menschenfischer“. Er konnte weit besser mit den starken und schwachen Seiten anderer Menschen umgehen, was er im Zuge seiner ziemlich schwierigen Arbeit im äußerst heterogenen Generalrat der Ersten Internationale unter Beweis stellte. Aber Engels‘ Korrespondenz ist der unumstößliche Beweis, dass sich sein nicht immer sehr glückliches Verhalten in persönlichen Beziehungen aus seiner stürmischen Direktheit und nicht aus einer mangelnden Menschenkenntnis ergab. Kautsky, der in Fragen der Psychologie selbst sehr kurzsichtig ist, führt als konkretes Beispiel Engels sture Verteidigung von Edward Aveling, dem Lebensgefährten der Marx-Tochter Eleanor, an. Aveling hatte zweifelsohne seine Stärken, die aber nicht auf dem Gebiet des Menschlichen lagen. Vorsichtig, aber sehr nachdrücklich, versucht Kautsky die Ansicht zu verbreiten, dass Engels ihm gegenüber keine psychologische Sensibilität an den Tag legte. Das ist der wahre Grund, warum er Engels Fähigkeit zur Beurteilung von Menschen in Frage stellt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sein ganzes Leben lang zeichnete sich Engels durch eine besonders zuvorkommende Haltung gegenüber Frauen aus, da diese doppelt unterdrückt sind. Dieser Weltbürger mit seiner enzyklopädischen Bildung war mit einer einfachen Textilarbeiterin, einem irischen Mädchen, verheiratet. Und nach ihrem Tod lebte er mit ihrer Schwester zusammen. Seine liebevolle Beziehung zu den beiden war wirklich bemerkenswert. Marx‘ unpassende Reaktion auf den Tod von Mary Burns, Engels erster Frau, ließ einen ersten Schatten über ihrer Beziehung aufziehen, doch nach allem, was wir wissen, gab es sonst keine Vorkommnisse, die ihre 40-jährige Freundschaft belasteten. Gegenüber den Töchtern von Marx verhielt sich Engels, als wären sie seine eigenen Kinder. Zu einer Zeit, als Marx, scheinbar nicht ohne Einflussnahme seiner Frau, versuchte, sich in das Gefühlsleben seiner Töchter einzumischen, gab ihm Engels vorsichtig zu verstehen, dass solche Angelegenheiten niemanden etwas angehen, außer die unmittelbar Beteiligten selbst. Engels fühlte sich der jüngsten Tochter von Marx, Eleanor, besonders verbunden. Sie ging mit Aveling eine Beziehung ein; er war ein verheirateter Mann, der seine erste Familie verlassen hatte. Dieser Umstand hatte zur Folge, dass sich rund um das „unrechtmäßige“ Paar die Stickigkeit der wahren britischen Heuchelei breitmachte. Ist es erstaunlich, dass Engels in Verteidigung Eleanors und ihres Partners, dessen moralischer Eigenschaften ungeachtet, ausrückte? Eleanor kämpfte für ihre Liebe zu Aveling, solange sie die Kraft dafür aufbringen konnte. Engels war nicht blind, doch er war der Ansicht, dass die Frage von Avelings Persönlichkeit in erster Linie Eleanor selbst beurteilen müsse. Von seiner Seite sah er es nur als seine Pflicht, sie gegen Heuchelei und üble Gerüchte in Schutz zu nehmen. „Hände weg!“ hielt er den frömmelnden Heuchlern standhaft entgegen. Letztendlich war Eleanor nicht mehr imstande, mit den Schlägen, die ihr das Leben versetzte, fertig zu werden und beging Selbstmord.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kautsky bezieht sich auch auf die Tatsache, dass Engels Aveling in politischen Angelegenheiten ebenfalls unterstützte. Doch dies lässt sich ganz einfach damit erklären, dass Eleanor, wie auch Aveling, politisch direkt unter seiner Anleitung arbeiteten. Zwar führte diese Aktivität nicht zu den erwünschten Resultaten, doch die Arbeit ihres Gegenspielers Hyndman, den Kautsky weiterhin unterstützte, erlitt ebenfalls Schiffbruch. Die Ursache für das Scheitern dieser ersten marxistischen Organisationsversuche muss in den objektiven Bedingungen im damaligen England gesehen werden, die Engels selbst so treffend dargelegt hat. Engels‘ persönlicher Gegensatz zu Hyndman ergab sich insbesondere aus dessen hartnäckiger Ausdauer, wenn es darum ging, den Namen von Marx zu übergehen, was er damit rechtfertigte, dass die Engländer keine ausländischen Autoritäten akzeptieren würden. Engels jedoch hegte den Verdacht, Hyndman selbst sei „der chauvinistischste John Ball, den es gibt“ (S. 140). Kautsky versucht Engels‘ Vermutung in diesem Punkt zu entkräften, als ob Hyndman durch sein schändliches Verhalten im Krieg – worüber Kautsky kein Wort verliert! – seinen niederträchtigen Chauvinismus nicht offen zur Schau gestellt hätte. Um wie viel klarer sah Engels auch in diesem Fall!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das wichtigste Beispiel für Engels „Unfähigkeit“ bei der Beurteilung von Menschen bezieht sich auf Kautskys eigenes Privatleben. In dem nun veröffentlichten Briefwechsel nimmt das Thema von Kautskys Scheidung von seiner ersten Frau einen beachtlichen, wenn nicht den zentralen Platz ein. Dieser heikle Umstand war zweifelsohne ausschlaggebend dafür, dass Kautsky so lange die alten Briefe nicht öffentlich gemacht hatte.<br>Das junge Ehepaar Kautsky lebte mehr als sechs Jahre in London in ständiger und ungetrübter Gemeinschaft mit Engels und seinem familiären Umfeld. Den General hat es wortwörtlich umgehauen, als er fast unmittelbar nach deren Ankunft auf dem Kontinent die Nachricht vom Scheidungsverfahren von Karl und Louise Kautsky erhielt. Die engsten Freunde wurden nun wohl oder übel zu den moralischen Schiedsrichtern in diesem Konflikt. Engels stellte sich umgehend und bedingungslos auf Louises Seite und blieb bis zu seinem Tod bei dieser Position.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einem Brief von 17. Oktober 1888 schrieb Engels eine Antwort an Kautsky: „Wenn nun eine Störung so bedeutend war… daß du ernstlich die Absicht der Trennung faßtest, so war nach meiner Ansicht nach zu erwägen die Verschiedenheit der Lage von Frau und Mann unter den heutigen Verhältnissen… Daraus folgt, daß der Mann nur im äußersten Fall, nur nach reifer Überlegung, nur in vollster Klarheit über die Notwendigkeit der Sache diesen äußersten Schritt tun darf, und dann auch nur in der rücksichtsvollsten Form.“ (S. 227) Aus dem Munde von Engels, der sich bewusst war, dass Herzensangelegenheiten nur die unmittelbar Betroffenen etwas angehen, klingen diese Worte wie eine unerwartete Moralpredigt. Es ist aber kein Zufall, dass er diese Sätze an Kautsky richtet. Wir sind nicht in der Lage, diesen Ehekonflikt zu analysieren, von dem wir auch nicht alle Seiten kennen. Kautsky selbst ist äußerst zurückhaltend mit Informationen über diese familiäre Angelegenheit, die schon so lange zurückliegt. Aus seinen zugeknöpften Kommentaren muss man aber schließen, dass Engels seinen Standpunkt unter dem einseitigen Einfluss von Louise entwickelte. Doch woher stammte dieser Einfluss? Während der Scheidung blieben beide Seiten in Österreich. Wie im Falle Eleanors weicht Kautsky offensichtlich dem Kern der Sache aus. Seinem ganzen Zugang nach dürfte Engels – bei ansonsten gleichwertigen Umständen – dazu tendiert haben, sich auf die Seite des Benachteiligten zu stellen. Doch es ist offensichtlich, dass in seinen Augen nicht „alle übrigen Umstände“ gleich waren. Dass Louise überhaupt die Möglichkeit gehabt hätte, ihn zu beeinflussen, spricht schon für sie. Auf der anderen Seite gab es in Kautskys Persönlichkeit viele Züge, die Engels ganz klar abstoßend fand. Darüber konnte er still hinwegsehen, solange ihre Beziehung rein auf Fragen der Theorie und der Politik beschränkt blieb. Nachdem er jedoch auf Initiative von Kautsky selbst in diesen persönlichen Streitfall hineingezogen wurde, sprach er offen aus, was er darüber dachte. Die Standpunkte eines Menschen und seine Moral sind, wie wir nur zu gut wissen, nicht immer identisch. In Kautsky, dem Marxisten, erahnte Engels den Wiener Kleinbürger, selbstzufrieden, egoistisch und konservativ. Einer der wichtigsten Maßstäbe für die Persönlichkeit eines Mannes ist seine Haltung gegenüber Frauen. Engels war ganz offensichtlich der Meinung, dass der Marxist Kautsky auf diesem Gebiet noch immer gewisse Gebote bürgerlichen Humanismus nötig hatte. Unabhängig davon, ob Engels richtig oder falsch lag, liegt genau darin die Erklärung für seine Haltung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im September 1889, als die Scheidung bereits vollzogen war, schrieb Kautsky, ganz offensichtlich mit dem Wunsch zu zeigen, dass er doch nicht so hartherzig und egoistisch ist, achtlos an Engels, dass er Louise „bedauert“. Doch es war genau dieses Wort, mit dem er sich einen Ausbruch der Empörung einhandelte. Der zornige General donnerte in seiner Antwort: „Louise hat sich in dieser ganzen Sache mit einem solchen Heroismus und einer solchen Weiblichkeit benommen, daß wir alle sie nicht genug bewundern können. Wenn in dieser Angelegenheit überhaupt jemand zu bedauern wäre, so wäre es sicher nicht Louise.“ (S. 248) Diese schonungslosen Worte, die auf eine etwas versöhnlichere Feststellung folgt („Ihr Zwei seid allein kompetent und was Ihr gutheißt, müssen wir Andern acceptiren.“) liefern den Schlüssel zu Engels Haltung in dieser Frage und werfen ein gutes Licht auf seine Persönlichkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Scheidungsverfahren zog sich eine ganze Weile lang, so dass sich Kautsky gezwungen sah, ein ganzes Jahr in Wien zu verbringen. Bei seiner Rückkehr nach London im Herbst 1889 wurde er von Engels nicht mehr so herzlich empfangen, wie er es von früher gewohnt war. Außerdem lud Engels fast schon demonstrativ Louise ein, seinen Haushalt zu führen, nachdem dieser seit dem Tod von Helene Demuth verwaist war. Louise heiratete bald darauf ein zweites Mal und lebte mit ihrem Ehemann im Haus von Engels. Schließlich bestimmte Engels Louise zu einer seiner Erbinnen. Der General war nicht nur großherzig, sondern auch unnachgiebig. Am 21. Mai 1895, zehn Wochen vor seinem Tod, schrieb Engels von seinem Krankenbett aus einen Brief an Kautsky, der von seinem Ton her äußerst gereizt und voller unwirscher Vorhaltungen ist. Kautsky schwört, dass diese Vorwürfe zur Gänze unbegründet waren. Mag sein. Doch er erhielt keine Antwort auf seinen Versuch, die Verdächtigungen des alten Manns zu zerstreuen. Am 6. August starb Engels. Kautsky versucht den für ihn so tragischen Bruch zwischen den beiden mit der krankheitsbedingten Gereiztheit seines Lehrmeisters zu erklären. Abseits von den wütenden Vorhaltungen enthält Engels Brief jedoch auch Bewertungen komplexer historischer Fragen, eine wohlwollende Beurteilung von Kautskys letzter wissenschaftlicher Arbeit und lässt generell auf einen äußerst hellen Geisteszustand schließen. Nebenbei bemerkt wissen wir von Kautsky selbst, dass schon sieben Jahre vor dem Bruch ein Wandel in der Beziehung zwischen den beiden erfolgt war, und dass dies in einer Form passierte, die keinen Interpretationsspielraum offen ließ.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Januar 1889 hatte es Engels noch immer ernsthaft in Betracht gezogen, Kautsky und Bernstein zu seinen und Marx‘ Nachlassverwaltern zu ernennen. Bald darauf ging er jedoch von dieser Idee ab, was zumindest Kautsky betraf. Er fragte, offensichtlich unter einem Vorwand, ob Kautsky ihm die bereits für die Entzifferung und Transkription übergebenen Manuskripte (Theorien über den Mehrwert) zurückgeben könne. Das passierte im selben Jahr, 1889, als noch kein Gerede von einer krankhaften Gereiztheit war. Wir können nur mutmaßen, aus welchen Gründen Engels Kautsky von der Liste der Nachlassverwalter nahm; doch sie ergeben sich fast zwingend aus den Umständen dieses Falls. Engels selbst sah, wie wir wissen, die Veröffentlichung von Marx‘ literarischem Nachlass als wichtigste Aufgabe seines Lebens. Es gibt keinerlei Anzeichen für eine ähnliche Haltung bei Kautsky. Der junge und sehr produktive Schreiber war zu sehr mit seiner eigenen Arbeit beschäftigt, um den Manuskripten von Marx die Aufmerksamkeit zu schenken, die Engels verlangte. Vielleicht hatte der alte Mann die Sorge, dass der produktive Kautsky, bewusst oder unbewusst, einige von Marx‘ Ideen als seine eigenen „Entdeckungen“ verkaufen könnte. Das ist die einzig sinnvolle Erklärung, warum Kautsky durch Bebel ersetzt wurde. Letzterer war von seinem theoretischen Verständnis zwar weit weniger qualifiziert, aber er genoss im Gegensatz zu Kautsky das volle Vertrauen von Engels.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während wir bislang von Kautsky gehört haben, dass Engels im Gegensatz zu Marx ein schlechter Psychologe war, unterzieht er an einer anderen Stelle seiner Kommentare beide seine Meister dieser Kritik. Er schreibt: „Große Menschenkenner scheinen beide nicht gewesen zu sein.“ (S. 44) Diese Feststellung scheint nicht sehr glaubwürdig, wenn wir uns in Erinnerung rufen, wie reichhaltig und unvergleichlich präzise die persönlichen Charakterisierungen nicht nur in den Briefen von Marx, sondern auch im Kapital sind. Man kann durchaus sagen, dass Marx imstande war, aus einzelnen Charakterzügen auf die Persönlichkeit eines Menschen zu schließen, so wie Cuvier aus einem einzelnen Kieferknochen ein Tier zu rekonstruieren vermochte. Wenn Marx 1852 den ungarisch-preußischen Provokateur Banya nicht durchschaute – das einzige Beispiel, auf das sich Kautsky bezieht! – ist es lediglich ein Beweis dafür, dass Marx weder ein Hellseher noch ein Hexenmeister war, sondern auch Fehler bei der Einschätzung von Menschen machte, speziell von jenen, die eher zufällig die Bühne betraten. Mit dieser Behauptung versucht Kautsky ganz offensichtlich Marx‘ unvorteilhafter Aussage nach deren erstem und letztem Zusammentreffen zuvorzukommen. Kautsky widerspricht sich selbst, wenn er zwei Seiten später schreibt: „[Dass] Marx die Kunst der Menschenbehandlung sehr gut verstand, zeigte er wohl am glänzendsten im Generalrat der ‚Internationale‘.“ (S. 46) Eine Frage bleibt jedoch: Wie kann jemand einen „glänzenden“ Umgang mit Menschen haben, ohne die Fähigkeit zu besitzen, deren Persönlichkeit zu ergründen? Wie kann man da nicht zu dem Schluss kommen, dass Kautsky Argumente sucht, die ihm erlauben, eine negative Bilanz aus seinem Verhältnis zu seinen Lehrern zu ziehen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Einschätzungen und Prognosen</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Briefe von Engels sind reich an Charakterisierungen verschiedener Persönlichkeiten und an prägnanten Einschätzungen von weltpolitischen Ereignissen. Wir werden uns auf einige wenige Beispiele beschränken. „Der paradoxe Belletrist Shaw – als Belletrist sehr talentiert und witzig – als Ökonom und Politiker absolut unbrauchbar.“ (S. 338) Diese Bemerkung aus dem Jahr 1892 hat bis heute seine ganze Aussagekraft bewahrt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der bekannte Journalist V. T. Stead wird als „ein ganz verrückter Kerl, aber brillanter Geschäftsmann“ charakterisiert. Zu Sydney Webb merkt Engels kurz und bündig an, dass er „ein echter Britischer politician“ ist. Das war der herbste Begriff in Engels Wortschatz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Januar 1889 schrieb Engels in der Hitze der Wahlkampagne von Boulanger: „Die Wahl Boulangers bringt die Lage in Frankreich zur Krisis. Die Radikalen haben sich zu Knechten des Opportunismus und der Korruption gemacht und damit den Boulangerismus förmlich gezüchtet.“ (S. 231) Diese Worte erscheinen erstaunlich aktuell – man muss nur anstelle von Boulangerismus Faschismus schreiben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Engels geißelt die Theorie einer „evolutionären“ Transformation vom Kapitalismus zum Sozialismus als das „das frischfrommfröhlichfreie ‚Hineinwachsen‘ der alten Sauerei ‚in die sozialistische Gesellschaft‘“ (MEW, bd. 38, S. 125). Diese epigrammatische Formel greift der Kontroverse voraus, die viele Jahre später in der Arbeiterbewegung geführt werden sollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In demselben Brief zerreißt Engels die Rede des sozialdemokratischen Abgeordneten Vollmar: „Vollmars Rede mit ihrem ganz überflüssigen Entgegenkommen gegen die jetzigen Offiziellen und ihren noch überflüssigeren und obendrein unautorisierten Versicherungen, die Sozialdemokraten würden mitmachen, wenn das Vaterland angegriffen würde – würden also die Annexion von Elsaß-Lothringen Verteidigen helfen –, hat hier und in Frankreich bei unsern Gegnern helle Freude erregt.“ (MEW, Bd. 38, S. 126) Engels verlangte, dass sich die führenden Zeitungen der Partei öffentlich von Vollmar distanzieren. Während des Großen Krieges, als die Sozialpatrioten Engels Namen auf jede nur erdenkliche Weise missbrauchten, kam es Kautsky nie in den Sinn, diese Zeilen zu veröffentlichen. Warum sich groß Gedanken machen? Der Krieg sorgte auch so für genügend Kummer.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Am 1. April 1895 protestierte Engels gegen die Art und Weise, wie im Vorwärts, dem Zentralorgan der Partei, sein Vorwort zu Marx‘ Klassenkämpfe in Frankreich ausgelegt wurde. Durch Auslassungen sei der Artikel derart verzerrt worden, schäumte Engels, „daß ich als friedfertiger Anbeter der Gesetzlichkeit quand même (unter allen Umständen, Anm.) dastehe.“ (MEW, Bd. 39, S. 452) Er verlangt, dass dieser „schmähliche Eindruck“ (S. 383) – koste es, was es wolle – beseitigt wird. Engels, der zu dem Zeitpunkt auf seinen 75. Geburtstag zuging, war ganz offensichtlich noch nicht bereit, dem revolutionären Enthusiasmus seiner Jugend abzuschwören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn man über all die Fehleinschätzungen von Engels in Bezug auf andere Personen spricht, dann sollte man als Beispiele nicht Aveling, den Schmutzfink in persönlichen Angelegenheiten, oder den Spion Banya anführen, sondern die herausragenden Führer des Sozialismus: Victor Adler, Guesde, Bernstein, Kautsky selbst und viele andere. Sie alle haben ohne Ausnahme seine Erwartungen verraten – auch wenn wir klar sagen müssen, dass dies erst nach seinem Tod passierte. Doch genau die Tatsache, dass dieser Fehler so allumfassend war, ist der Beweis, dass es sich hierbei nicht um Probleme der individuellen Psychologie handelte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">1884 schrieb Engels mit Bezug auf die deutsche Sozialdemokratie, die schnelle Erfolge erzielte, dass sie eine Partei sei, die „frei von allem Philisterthum im philiströsesten, frei von allem Chauvinismus im siegestrunkensten Land Europas“ (S. 154) war. Der weitere Lauf der Dinge zeigte, dass sich Engels die zukünftige revolutionäre Entwicklung zu sehr als geradlinigen Prozess vorgestellt hatte. Vor allem hat er den kraftvollen kapitalistischen Aufschwung, der unmittelbar nach seinem Tod einsetzte und bis zum Vorabend des imperialistischen Krieges andauerte, nicht vorhergesehen. Es war genau in diesen 15 Jahren wirtschaftlicher Hochblüte, in denen die vollständige opportunistische Degeneration der führenden Kreise der Arbeiterbewegung vonstattenging. Diese Degeneration zeigte sich im Krieg in vollem Ausmaß, und in letzter Instanz führte sie zur schändlichen Kapitulation vor dem Nationalsozialismus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kautsky zufolge war Engels schon damals, in den 1880er Jahren, angeblich der Meinung, die deutsche Revolution „werde zuerst die bürgerliche Demokratie ans Ruder bringen und dann erst die Sozialdemokratie“. Im Gegensatz dazu schrieb Kautsky: „Ich nehme an, die nächste deutsche Revolution könne nur noch eine proletarische sein.“ (S. 190) Das Bemerkenswerte in Verbindung zu dieser alten Meinungsdifferenz, die kaum jemals korrekt wiedergegeben wurde, ist, dass Kautsky es nicht schafft, überhaupt die Frage aufzuwerfen, was die deutsche Revolution von 1918 wirklich war. Denn in diesem Fall müsste er sagen: Diese Revolution war eine proletarische Revolution; sie legte unmittelbar die Macht in die Hände der Sozialdemokratie; doch die Sozialdemokratie gab die Macht, mit der Unterstützung von Kautsky selbst, der Bourgeoisie zurück. Diese war jedoch unfähig, die Macht auszuüben und musste Hitler zu Hilfe rufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die historische Wirklichkeit ist unendlich reicher an Optionen und Übergangsstadien, als es das größte Genie sich vorstellen könnte. Der Wert politischer Prognosen liegt nicht darin, dass diese mit jeder Stufe der Wirklichkeit übereinstimmen, sondern darin, dass sie eine Hilfestellung bieten, den wahren Lauf der Entwicklung zu verstehen. Von diesem Standpunkt aus hat Friedrich Engels den Test der Geschichte bestanden.</p>
<p>The post <a href="https://derkommunist.de/engels-briefe-an-kautsky-von-leo-trotzki-oktober-1935/">Engels&#8216; Briefe an Kautsky &#8211; von Leo Trotzki (Oktober 1935)</a> appeared first on <a href="https://derkommunist.de"></a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://derkommunist.de/engels-briefe-an-kautsky-von-leo-trotzki-oktober-1935/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Friedrich Engels – Leben und Ideen</title>
		<link>https://derkommunist.de/friedrich-engels-leben-und-ideen/</link>
					<comments>https://derkommunist.de/friedrich-engels-leben-und-ideen/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Adam Booth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 09 Aug 2020 00:40:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Dialektischer Materialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Engels]]></category>
		<category><![CDATA[Historischer Materialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Trotzki]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://derkommunist.de/?p=1656</guid>

					<description><![CDATA[<p>Neben Karl Marx war Friedrich Engels einer der Gründerväter des „wissenschaftlichen Sozialismu, also der theoretischen Ideen, die heute allgemein als Marxismus bekannt sind. Am 28. November 2020 feiern wir seinen [&#8230;]</p>
<p>The post <a href="https://derkommunist.de/friedrich-engels-leben-und-ideen/">Friedrich Engels – Leben und Ideen</a> appeared first on <a href="https://derkommunist.de"></a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">Neben Karl Marx war Friedrich Engels einer der Gründerväter des „wissenschaftlichen Sozialismu, also der theoretischen Ideen, die heute allgemein als Marxismus bekannt sind. Am 28. November 2020 feiern wir seinen 200. Geburtstag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die enge Zusammenarbeit zwischen Marx und Engels dauerte etwa 40 Jahre. Sowohl im Leben als auch im Tod stand Engels jedoch immer im Schatten des unbestreitbaren Genies Marx. Engels wird oft – etwas zu Unrecht – als zweite Geige nach Marx angesehen. Selbst Engels nährte diese Ansicht häufig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Tat war Engels äußerst zurückhaltend und bescheiden und betonte stets die wichtige Rolle von Marx gegenüber seiner eigenen. „Was ich beigetragen habe – jedenfalls mit Ausnahme meiner Arbeit auf einigen Spezialgebieten &#8211; hätte Marx sehr wohl auch ohne mich tun können“, schrieb Engels.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Was Marx geleistet, hätte ich nicht fertiggebracht. Marx stand höher, sah weiter, überblickte mehr und rascher als wir andern alle. Marx war ein Genie, wir andern höchstens Talente. Ohne ihn wäre die Theorie heute bei weitem nicht das, was sie ist. Sie trägt daher auch mit Recht seinen Namen.“ (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21, S.291)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotz dieser Bescheidenheit ist es unbestreitbar, dass Engels einen umfassenden und herausragenden Beitrag zur marxistischen Theorie geleistet hat, und zwar nicht nur „auf einigen wenigen Spezialgebieten“. Seine fruchtbare Zusammenarbeit mit Marx war alles andere als einseitig.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In seinem Tagebuch im Exil unterstrich Leo Trotzki diesen Punkt:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„In der Reihe der großen Männer ist Engels ohne Zweifel eine der lautersten, in sich geschlossensten und in ihrem Wesen edelsten Persönlichkeiten. &#8230; Das Christentum hat die Gestalt Christi geschaffen, um den ungreifbaren Gott Zebaoth zu vermenschlichen und ihn den Sterblichen näher zu bringen. Neben dem Olympier Marx erscheint Engels menschlicher, näher. Wie sie sich gegenseitig ergänzen; vielmehr: wie bewusst ergänzt doch Engels durch sich selbst Marx; und wie er sich im Laufe seines ganzen Lebens in der Ergänzung Marxens verzehrt! Darin erblickt er seine Lebensbestimmung, darin findet er Genugtuung – ohne die geringste Spur eines persönlichen Opfers –, stets sich selbst treu, stets lebensbejahend, stets seinem Milieu und seiner Zeit überlegen, inmitten schier grenzenloser geistiger Interessen, Hüter des echten Funkens der Genialität in der nie erkaltenden Glut des Gedankens.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor dem Hintergrund des alltäglichen Lebens gewinnt die Gestalt von Engels an Marxens Seite ungemein an Wert (wobei die Persönlichkeit von Marx nicht das geringste einbüßt). Ich entsinne mich, Lenin einmal n, dass im Gesamtbild seines Verhältnisses zu dem Titanen Marx der treue Fred nicht nur nichts einbüßt, sondern eher gewinnt. Lenin stimmte diesem Gedanken mit größter Lebhaftigkeit, ja, ich möchte sagen, mit Genuss zu: er empfand eine heiße Liebe für Engels, gerade wegen dessen Charaktergeschlossenheit und vielschichtiger Menschlichkeit nach der Lektüre des Marx-Engelsschen Briefwechsels, in meinem Frontzuge meine Begeisterung für die Persönlichkeit von Engels gerade in dem Sinne ausgedrückt zu habe.“ (Leo Trotzki, Tagebuch in Exil, Köln-Berlin 1958)</p>



<h3 class="wp-block-heading">Theoretischer Riese</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In den Geschichtsbüchern wird Engels oft einfach als der philanthropische Wohltäter von Marx bezeichnet. Zwar trugen Engels&#8216; finanzielle Beiträge (die aus dem Reichtum der Textilindustrie seiner bürgerlichen Familie stammten) wesentlich dazu bei, dass Marx seine Lebenszeit dem Schreiben widmen konnte. Aber infolgedessen werden Engels&#8216; eigene wichtige politische Beiträge zu den Ideen des Marxismus oft übersehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Wahrheit war Engels selbst ein theoretischer Riese. Er war wahrscheinlich der am weitesten und besten ausgebildete Mann seiner Zeit und hatte einen enzyklopädischen Geist. Er verfügte nicht nur über profunde Kenntnisse in Wirtschaft und Geschichte, sondern auch über ein brennendes Interesse an Philosophie, Wissenschaft, Literatur und sogar an militärischen Taktiken.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In einigen akademischen Kreisen ist es Mode, politische Unterschiede zwischen Marx und Engels hervorzuheben. Die umfangreiche Korrespondenz zwischen den beiden lebenslangen Freunden zeigt jedoch die Untrennbarkeit ihrer Verbindung. Ihre zahlreichen gemeinsam verfassten Titel sind ein weiterer Beweis für ihren enge politischen Zusammenhalt. Zwar waren die beiden deutschen Sozialisten bei ihrem ersten Treffen 1842 nicht voneinander beeindruckt. Aber ihr Respekt füreinander wuchs mit der Zeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Marx wurde erstmals durch die 1845 erschienenen Schriften über „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ auf Engels&#8216; Talente aufmerksam. Diese Artikelserie basierte auf Engels&#8216; Beobachtungen des Arbeiterlebens in der geschäftigen Industriemetropole Manchester, wo sich die Textilfabrik seiner Familie befand. Die von Engels zusammengetragenen Beobachtungen waren prägend für die Gestaltung von Marx&#8216; eigenen Vorstellungen über die revolutionäre Rolle der Arbeiterklasse.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre Verbindung beruhte vor allem auf einem gemeinsamen Verständnis der Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Herangehensweise an die Fragen von Geschichte, Gesellschaft und Wirtschaft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Marx und Engels waren in der Tat unabhängig voneinander zu diesem Schluss gekommen. Beide waren desillusioniert über die Sackgasse der zeitgenössischen Philosophie, die von radikalen Gruppen der damaligen Zeit, wie den Junghegelianern, dargestellt wurde. Es war dieses gegenseitige Gefühl der Unzufriedenheit mit ihren intellektuellen Altersgenossen, das zu ihrer frühen gemeinsamen Kritik in „Die Heilige Familie“ und „Die deutsche Ideologie“ führte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Insbesondere das letztere Werk – 1846 als eine Reihe unvollendeter Manuskripte verfasst, aber zu Lebzeiten von Marx und Engels noch nicht veröffentlicht – diente dazu, die Grundlage ihrer gemeinsamen philosophischen Ideen zu umreißen und den theoretischen Rahmen ihrer revolutionären Weltanschauung festzulegen: den historischen Materialismus. Dies wiederum bildete die Grundlage für künftige gemeinsame Anstrengungen &#8211; am bekanntesten ist das „Manifest der Kommunistischen Partei“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wissenschaftlicher Sozialismus</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Das Manifest wurde 1848 für den Bund der Kommunisten geschrieben, der zuvor unter dem Namen Bund der Gerechten bekannt war, aber auf Drängen von Marx und Engels umbenannt wurde. Dabei handelte es sich um eine Gruppe vorwiegend deutscher Emigranten, die ihre kommunistischen Landsleute Marx und Engels beauftragten, das Gründungsprogramm ihrer Partei zu verfassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Engels verfasste den ersten Entwurf des Manifests in Form einer Reihe von Fragen und Antworten mit dem Titel „Grundsätze des Kommunismus“. Dieser wurde dann von den beiden zu jenem historischen Dokument umgearbeitet, das heute in der ganzen Welt für seinen berühmten Schlachtruf bekannt ist: Proletarier aller Länder, vereinigt euch!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die einleitenden Zeilen des Manifests – „Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus“ &#8211; heben auch die revolutionären Ereignisse zu Lebzeiten von Marx und Engels hervor, die das Denken der beiden Männer eindeutig tiefgreifend beeinflusst haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Französische Revolution hatte eine Fülle von sozialistischen Bewegungen hervorgebracht. Diese waren jedoch im Allgemeinen utopischer Natur und sahen im Sozialismus lediglich eine „große Idee“, die von „großen Männern“ erkämpft werden müsse.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Gegensatz zu diesem Idealismus versuchten Marx und Engels, eine materialistische Grundlage für die Bewegung der Arbeiterklasse zu schaffen; daher ihre eigene Beschreibung ihrer Ideen als „wissenschaftlicher Sozialismus“. Sie erklärten, dass der Sozialismus keine ahistorische Blaupause für die Gesellschaft sei, sondern ein System sozioökonomischer Beziehungen. Dieses System wiederum erfordert bestimmte materielle Voraussetzungen – die Entwicklung von Großindustrie und Monopolen; eine starke Arbeiterklasse; die Vernetzung des Weltmarkts – damit es entstehen und gedeihen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor allem identifizierten Marx und Engels die Träger dieses revolutionären Wandels: die organisierte Arbeiterklasse – die „Totengräber“ des Kapitalismus. Dieses radikale Potenzial der Arbeiterklasse konnte in den gewaltigen Bewegungen gesehen werden, die Europa zu dieser Zeit erschütterten: von den Chartisten in Großbritannien bis zu den Revolutionen, die 1848 über den Kontinent fegten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Theorie und Aktion</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Aber die Begründer des Marxismus waren nicht bloße Beobachter solcher Ereignisse. Vielmehr widmeten sie ihr Leben dem Aufbau einer revolutionären Organisation, die in der Lage war, die Arbeiterklasse zum Sieg zu führen. Deshalb waren die beiden 1864 tatkräftig bei der Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA) beteiligt, die im Nachhinein als Erste Internationale bezeichnet wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Internationale war ein vielfältiger Flickenteppich von Organisationen der Arbeiterklasse und linken Gruppen, darunter auch utopische Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten. Aber trotz der ideologischen Verwirrung innerhalb der IAA sahen Marx und Engels die Schaffung der Internationale als einen enormen Fortschritt für die Arbeiterklasse an. Ähnliches erklärten sie später in ihrer „Kritik des Gothaer Programms“, dem politischen Dokument, das 1875 von der im Entstehen begriffenen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands angenommen wurde: „Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dennoch machten Marx und Engels es sich zum Ziel, ideologische Klarheit in die internationale Arbeiterbewegung zu bringen und die Bewegung auf ein festes theoretisches Fundament zu stellen. Aus diesem Grund widmeten sowohl Marx als auch Engels einen Großteil ihrer Zeit und Energie der Korrespondenz mit anderen führenden politischen Persönlichkeiten und – was am wichtigsten ist – der Erstellung wichtiger Werke der marxistischen Theorie.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Prozess der politischen Klärung bedeutet jedoch auch heftige Kämpfe und Auseinandersetzungen – vor allem mit Bakunin und den Anarchisten, die mit ihren Intrigen versuchten, die Internationale zu untergraben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach der Niederlage der Pariser Kommune 1871 und angesichts des destruktiven Verhaltens der Anarchisten setzten sich Marx und Engels für die Auflösung der Ersten Internationale ein und lenkten ihre Aufmerksamkeit auf andere Bereiche. Aber ihre Bemühungen waren nicht vergeblich. Vielmehr kann dieser gescheiterte Versuch, eine internationale revolutionäre Organisation zu schaffen, rückblickend als der Auftakt zur Gründung von Massenparteien der Arbeiterklasse auf der Grundlage marxistischer Ideen angesehen werden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Dialektik der Natur</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Engels war seiner Zeit weit voraus, insbesondere was die Frage der“ Wissenschaft betraf. Er sah in den Vorgängen in der Natur eine Bestätigung der Gesetze der Dialektik. „Nicht in der geträumten Unabhängigkeit von den Naturgesetzen liegt die Freiheit, sondern in der Erkenntnis dieser Gesetze, und in der damit gegebnen Möglichkeit, sie planmäßig zu bestimmten Zwecken wirken zu lassen“, schrieb Engels. Eines seiner wichtigsten Werke war in dieser Hinsicht ein unvollendetes: seine Sammlung von Notizen, die später in der Dialektik der Natur zusammengestellt wurden. Diese waren ein Versuch, die Naturwissenschaften insgesamt vom materialistischen Standpunkt aus zu begreifen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es liegt auf der Hand, dass ein Großteil von Engels&#8216; Analysen zu wissenschaftlichen Fragen durch das Wissen, die Daten und die Theorien der damaligen Zeit begrenzt war. So verwendet er zum Beispiel Wörter wie „Kraft“, „Bewegung“ und „Vis-Viva“, während wir heute von Energie sprechen würden. An anderer Stelle spricht er von „eiweißhaltigen Körpern“, während wir heute von DNA-, RNA- und Proteinmolekülen sprechen würden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wichtig sind jedoch nicht so sehr die konkreten Schlussfolgerungen oder Hypothesen, zu denen Engels gelangte, sondern die dialektische und materialistische Analysemethode, die er anwandte, um die ungelösten wissenschaftlichen Theorien seiner Zeit herauszuarbeiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tatsächlich ist es nicht überraschend, dass es in Engels&#8216; Werk Fehler gibt, sondern dass sich seine Ideen im Großen und Ganzen über die Zeit bewährt haben. Allein diese Tatsache zeigt die Richtigkeit der dialektischen Ideen, die Engels wie folgt beschrieb: „Die Dialektik ist aber weiter nichts als die Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des Denkens.“ (Friedrich Engels, MEW 20, S.131)</p>



<h3 class="wp-block-heading">Evolution und Arbeit</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In der Tat war Engels durch die Anwendung der marxistischen philosophischen Methode auf die wissenschaftlichen Probleme der damaligen Zeit sogar in der Lage, viele der späteren Entwicklungen und Entdeckungen der Naturwissenschaft brillant vorherzusehen.<br>Zum Beispiel zeigte Engels in seinem Aufsatz „Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ die wichtige Rolle der Hand und der Werkzeuge bei der Evolution unserer Spezies auf. Spätere Evolutionsbiologen – geblendet von dem Idealismus, der im Kapitalismus und in der Klassengesellschaft einen Großteil der Wissenschaft durchdringt – glaubten an das Konzept des „zerebralen Primats“ – also die Annahme, dass das menschliche Gehirn zuerst größer geworden sei und erst dann die Menschen in der Lage waren, komplexere Aufgaben zu erfüllen, die sie von anderen Spezies unterschieden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Tatsächlich aber betonte Engels, dass die Vergrößerung des Gehirns – und die größere Intelligenz – unserer Vorfahren keine zufällige oder unabhängige Ursache ist. Vielmehr ist diese evolutionäre Entwicklung ein Produkt der verstärkten Interaktion zwischen dem Menschen und seiner Umwelt, die durch die Zweifüßigkeit, eine aufrechte Körperhaltung und die anschließende Befreiung der Hände möglich wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In ähnlicher Weise stellte Engels fest, dass die soziale Interaktion im Prozess der primitiven Produktion zur Entwicklung der Sprache führte. Dies wiederum verschaffte den frühen Menschen die Fähigkeit, komplexere Denkprozesse und höhere Bewusstseinsebenen zu bilden, die Abstraktion, Verallgemeinerung und Zukunftsplanung beinhalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese unglaublichen Erkenntnisse über die Frage der menschlichen Evolution wurden damals weitgehend ignoriert. Aber sie wurden durch neuere Entdeckungen bestätigt, wobei moderne Paläontologen wie der verstorbene Stephen Jay Gould verkündeten, dass sich Wissenschaftler auf diesem Gebiet eine beträchtliche Menge an vergeudeter Zeit hätten sparen können, wenn sie von Anfang an auf Engels gehört hätten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">An anderer Stelle, in „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“, wandte Engels die marxistische Methode des historischen Materialismus auf neue anthropologische Nachweise der frühen menschlichen Gesellschaften an. Auf diese Weise gelang es ihm, den Schleier des Geheimnisses der modernen Klassengesellschaft zu lüften und unter anderem zu erklären, wie die Unterdrückung der Frau entstanden war.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kämpfer und Lehrer</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Das wohl bedeutendste Werk Engels&#8216; war jedoch seine Antwort an den akademischen Philosophen Eugen Dühring, der arrogant seine eigene „große Theorie“ als Widerlegung des Marxismus geschrieben hatte. Leider fanden Dührings Ideen bei einigen deutschen Sozialdemokraten ein Echo. Marx selbst war zu sehr mit der Arbeit am „Kapital“ beschäftigt, um auf Dührings Verzerrungen zu antworten. Es blieb daher Engels überlassen, die Dinge richtig zu stellen. Dies tat er mit Bravour, indem er dessen Polemik zum Anlass nahm, die Grundprinzipien des wissenschaftlichen Sozialismus zu präzisieren und hervorragend zu erklären.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Anti-Dühring kehrt Engels zur Frage der Dialektik der Natur zurück und zeigt an wissenschaftlichen Beispielen die Richtigkeit eines dialektischen und materialistischen Ansatzes im Gegensatz zum Idealismus und den formalistischen Schemata seines Gegners Dühring auf.<br>Auch hier sind viele seiner Kommentare eine erstaunliche Vorwegnahme von Problemen, die moderne Wissenschaftler beschäftigen – insbesondere seine Ausführungen über das Konzept der Unendlichkeit in Bezug auf Materie und Bewegung und warum es unsinnig ist, von einem „Anfang der Zeit“ zu sprechen. Die heutigen Kosmologen, die sich an das widersprüchliche „Urknall“-Modell des Universums klammern, könnten sich mit der Lektüre dieser Kapitel von Engels einen großen Gefallen tun.<br>Nach dem Tod seines engen Freundes Marx im Jahre 1883 setzte Engels dessen politische Arbeit fort – sowohl theoretisch als auch organisatorisch. Wichtig war, dass er die umfangreiche Sammlung von Notizen zur Ökonomie redigierte und zusammenstellte, die Marx hinterlassen hatte und die Bände zwei und drei von Das Kapital bildeten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus all diesen Gründen – und mehr noch – schrieb der junge russische Revolutionär Wladimir Lenin, als er 1895 vom Tode Friedrich Engels&#8216; erfuhr:</p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;Der Name und das Leben von Engels sollte jedem Arbeiter bekannt sein&#8230; Vor allem lehrte er die Arbeiterklasse, sich selbst zu kennen und sich ihrer selbst bewusst zu sein, indem er die Wissenschaft an die Stelle der Träume setzte&#8230; Lasst uns stets das Andenken an Friedrich Engels ehren – einen großen Kämpfer und Lehrer des Proletariats!“</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Zum Weiterlesen:</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Friedrich Engels:&nbsp;<a href="https://www.youtube.com/watch?v=Qr2VHp37Z5Y" target="_blank" rel="noreferrer noopener">200 Jahre Friedrich Engels</a>&nbsp;(Audio)<br><a href="https://www.derfunke.de/rubriken/geschichte/2718-lenin-ueber-friedrich-engels" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Lenin über Friedrich Engels<br></a><a href="https://www.derfunke.de/rubriken/theorie/2779-engels-briefe-an-kautsky-von-leo-trotzki-oktober-1935" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Engels&#8216; Briefe an Kautsky &#8211; von Leo Trotzki</a><a href="https://www.derfunke.de/rubriken/theorie/1776-marxistische-klassiker-neu-gelesen-qder-anti-dngq-von-friedrich-engels" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Marxistische Klassiker neu gelesen: &#8222;Der Anti-Dühring&#8220; von Friedrich Engels<br></a><a href="https://shop.derfunke.de/adv/29-das-kommunistische-manifest.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei<br></a><a href="https://www.derfunke.de/rubriken/geschichte/786-friedrich-engels-afghanistan-das-schon-gegen-die-briten-widerstand-leistete" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Friedrich Engels über Afghanistan, das schon gegen die Briten Widerstand leistete</a><a href="https://www.derfunke.de/rubriken/theorie/1776-marxistische-klassiker-neu-gelesen-qder-anti-dngq-von-friedrich-engels" target="_blank" rel="noreferrer noopener"><br></a><a href="https://www.derfunke.de/rubriken/oekologie/240-interview-mit-karl-marx-und-friedrich-engels-umweltkatastrophen-und-kapitalismus" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Interview mit Karl Marx und Friedrich Engels über Umweltkatastrophen und Kapitalismus</a></p>
<p>The post <a href="https://derkommunist.de/friedrich-engels-leben-und-ideen/">Friedrich Engels – Leben und Ideen</a> appeared first on <a href="https://derkommunist.de"></a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://derkommunist.de/friedrich-engels-leben-und-ideen/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
