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	<title>Grundlagen des Marxismus Archives -</title>
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		<title>Warum brauchen wir eine Philosophie?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Alan Woods]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 17 Apr 2025 06:00:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Dialektischer Materialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Grundlagen des Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die RKP wird die Zeit bis zum Weltkongress unserer Internationale im August nutzen, um uns die Grundlagen der marxistischen Theorie zu erschließen: Angefangen mit der marxistischen Philosophie, dem Dialektischen Materialismus. [&#8230;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Die RKP wird die Zeit bis zum Weltkongress unserer Internationale im August nutzen, um uns die Grundlagen der marxistischen Theorie zu erschließen: Angefangen mit der marxistischen Philosophie, dem Dialektischen Materialismus. Während die ganze Welt scheinbar in Chaos und Wahnsinn versinkt, hilft uns diese Theorie zu verstehen, was geschieht. Wir veröffentlichen hier eine gekürzte Fassung des Textes, der im Original in unserem Buch „Ideologiekritik – Gegen die akademische Entstellung des Marxismus“ veröffentlicht ist.</p>

<h3><strong>Verlangen nach „den Fakten“</strong></h3>

<p class="wp-block-paragraph">Viele Menschen fühlen sich nur dann sicher, wenn sie sich auf die Fakten beziehen können. Doch die „Fakten“ wählen sich nicht von selbst aus. Es bedarf einer konkreten Methode, die uns hilft, über das unmittelbar Gegebene hinauszuschauen und die Prozesse, die über die „Fakten“ hinausgehen, bloßzulegen. Trotz gegenteiliger Behauptungen ist es unmöglich, ohne eine vorgefasste Meinung einfach die „Fakten“ als Ausgangspunkt zu nehmen. Eine solche vermeintliche Objektivität gibt es nicht.</p>

<p class="wp-block-paragraph">In unserer Herangehensweise an die Fakten lassen wir unsere eigenen Vorstellungen und Kategorien einfließen. Diese können entweder bewusst oder unbewusst sein, spielen aber immer eine gewisse Rolle. Wer glaubt, ohne Philosophie auskommen zu können – und das trifft auf viele Wissenschaftler zu – wiederholt in der Regel unbewusst die gegenwärtig dominante „offizielle“ Philosophie und die vorherrschenden, gesellschaftlichen Vorurteile. Es ist daher unerlässlich, dass Wissenschaftler und bewusst denkende Menschen im Allgemeinen bestrebt sind, eine konsistente Sichtweise auf die Welt zu entwickeln, eine kohärente Philosophie, die als geeignetes Werkzeug zur Analyse von Dingen und Prozessen dienen kann.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Schlussfolgerungen aus der Sinneswahrnehmung sind hypothetisch und erfordern weitere Beweise. Durch Beobachtung über einen langen Zeitraum hinweg, kombiniert mit praktischer Tätigkeit, die es uns ermöglicht, die (Un-)Richtigkeit unserer Ideen zu überprüfen, können wir eine Reihe von wesentlichen Zusammenhängen zwischen Phänomenen entdecken. Gemeinsame Merkmale erlauben es uns, sie zu einer bestimmten Gattung oder Art zusammenzufassen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Der Prozess der menschlichen Erkenntnis geht vom Besonderen zum Allgemeinen, aber auch vom Allgemeinen zum Besonderen. Es wäre daher falsch und einseitig, das Eine gegen das Andere zu stellen. Im dialektischen Materialismus sind die Methoden der Induktion und der Deduktion (das Schließen von Einzelbeobachtungen auf allgemein gültige Gesetze, und umgekehrt, Anm. d. Red.) nicht miteinander unvereinbar, sondern werden als verschiedene Aspekte des dialektischen Erkenntnisprozesses gesehen, die untrennbar miteinander verbunden sind und sich gegenseitig bedingen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Induktives Denken ist in letzter Instanz die Grundlage allen Wissens, denn alles, was wir wissen, ergibt sich letztlich aus der Beobachtung der objektiven Welt und aus unserer Erfahrung. Bei näherer Betrachtung werden jedoch die Grenzen einer streng induktiven Methode deutlich. Unabhängig davon, wie viele Fakten untersucht werden, bedarf es nur einer einzigen Ausnahme, um die allgemeine Schlussfolgerung, die wir daraus gezogen haben, zu untergraben. Wenn wir tausend weiße Schwäne gesehen haben und daraus den Schluss ziehen, dass alle Schwäne weiß sind, und dann einen schwarzen Schwan sehen, dann ist unsere Schlussfolgerung nicht mehr gültig.</p>

<h3><strong>Dialektik statt Empirismus</strong></h3>

<p class="wp-block-paragraph">Der Begriff „Dialektik“ stammt von dem griechischen Wort dialektike, abgeleitet von dialegomai, sich unterhalten oder diskutieren. Ursprünglich bedeutete es die Kunst der Diskussion, die in ihrer höchsten Form in den Sokratischen Dialogen Platons zu sehen ist.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Ausgehend von einer bestimmten Idee oder Meinung, die sich in der Regel aus den konkreten Erfahrungen und Problemen des Lebens der betroffenen Person ableitet, würde Sokrates Schritt für Schritt in einem rigorosen Argumentationsprozess die im ursprünglichen Vorschlag enthaltenen inneren Widersprüche aufdecken, seine Grenzen aufzeigen, die Diskussion auf eine höhere Ebene heben und so zu einem völlig anderen Vorschlag kommen. <br />Die Dialektik setzt eine dynamische Sicht der Natur voraus, die das menschliche Denken von der Starrheit der formalen Logik befreit. Der erste wirkliche Vertreter der Dialektik war der griechische Philosoph Heraklit (um 544–484 v. Chr.).</p>

<p class="wp-block-paragraph">Im Anti-Dühring gibt Engels folgende Einschätzung über die dialektische Weltauffassung von Heraklit:</p>

<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wenn wir die Natur oder die Menschengeschichte oder unsre eigne geistige Tätigkeit der denkenden Betrachtung unterwerfen, so bietet sich uns zunächst dar das Bild einer unendlichen Verschlingung von Zusammenhängen und Wechselwirkungen, in der nichts bleibt, was, wo und wie es war, sondern alles sich bewegt, sich verändert, wird und vergeht. Diese ursprüngliche, naive, aber der Sache nach richtige Anschauung von der Welt ist die der alten griechischen Philosophie und ist zuerst klar ausgesprochen von Heraklit: Alles ist und ist auch nicht, denn alles fließt, ist in steter Veränderung, in stetem Werden und Vergehn begriffen.“</em></p>

<p class="wp-block-paragraph">In der „Dialektik der Natur“ schreibt Engels auch: </p>

<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Dialektik, die sog. objektive, herrscht in der ganzen Natur, und die sog. subjektive Dialektik, das dialektische Denken, ist nur Reflex der in der Natur sich überall geltend machenden Bewegung in Gegensätzen, die durch ihren fortwährenden Widerstreit und ihr schließliches Aufgehen ineinander, resp. in höhere Formen, eben das Leben der Natur bedingen.“</em></p>

<p class="wp-block-paragraph">Es ist nicht möglich, die Dynamik der Welt, in der wir leben, ohne dialektisches Denken zu verstehen. Und schon gar nicht ist es möglich, ohne ein Verständnis der Dialektik ein bewusster Revolutionär oder eine bewusste Revolutionärin zu sein, die aktiv und bewusst in den historischen Prozess eingreifen möchten. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Das erste Gesetz des dialektischen Materialismus ist die absolute Objektivität der Betrachtung: nicht Beispiele, nicht Umschweife, sondern die Sache selbst. Die Grundlage all unseres Wissens ist natürlich die sinnliche Erfahrung. Ich erlebe die Welt mit meinen Sinnen und kann sie auf keine andere Weise erleben. Das ist die Essenz des Empirismus. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Aber: Die Möglichkeiten der sinnlichen Erkenntnis sind begrenzt. Die Erkenntnis von Phänomenen, die außerhalb der Reichweite der Empfindung liegen, ist nur durch abstraktes Denken, durch dialektisches Denken, möglich. Der Gegenstand des Denkens hat ein ihm innewohnendes Wesen, das Sein an sich. Der Zweck des Denkens ist es, dieses „Sein an sich“ in ein „Sein für uns“ zu verwandeln, d.h. von der Unwissenheit zur Erkenntnis voranzuschreiten.<br />Wir kommen der Wahrheit nicht näher, indem wir einfach eine Masse von Fakten zusammensammeln.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Kraft des Denkens liegt gerade in seiner Fähigkeit zur Abstraktion, seiner Fähigkeit, Besonderheiten auszuschließen und zu Verallgemeinerungen zu gelangen, die die wichtigsten und wesentlichsten Aspekte eines bestimmten Phänomens zum Ausdruck bringen. Der erste Schritt besteht lediglich darin, ein Gefühl für ein Ding als einzelnes Objekt zu bekommen. Dies erweist sich jedoch als unmöglich und zwingt uns, tiefer in die Materie einzutauchen, indem wir innere Widersprüche aufdecken, die den Impuls für Bewegung und Veränderung geben, in denen die Dinge sich in ihr Gegenteil verkehren. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Nur durch das Erkennen dieser widersprüchlichen Tendenzen kann ein betrachtetes Objekt in seiner wahren, dynamischen Realität erkannt werden.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Hegels Grundidee war es, dass Entwicklung durch Widersprüche erfolgt, weshalb man die Dialektik auch als Logik des Widerspruchs bezeichnen kann. Während die traditionelle (formale) Logik Widersprüche zu beseitigen versucht, akzeptiert die Dialektik sie als normale und notwendige Elemente allen Lebens und aller Natur. Giordano Bruno, der italienische Philosoph, Astronom und Mathematiker des 16. Jahrhunderts, dessen Theorien die moderne Wissenschaft antizipierten und der dafür von der Inquisition zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt wurde, gab uns eine entzückende Definition der Dialektik, als er sie als la divina arte degli opposti („die göttliche Kunst der Gegensätze“) bezeichnete.</p>

<h3><strong>Evolution und Revolution</strong></h3>

<p class="wp-block-paragraph">In der Wissenschaft der Logik, insbesondere im Abschnitt über das Maß, erläutert Hegel seine Theorie der Knotenlinie der Entwicklung, in der eine Reihe kleiner, scheinbar unbedeutender Veränderungen schließlich einen kritischen Punkt erreichen, an dem es einen qualitativen Sprung gibt.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Insbesondere die Idee des Umschlags von Quantität in Qualität steht dabei im Mittelpunkt – eines der Grundgesetze der Dialektik.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Engels wies in seinem Anti-Dühring darauf hin, dass die Natur letztendlich dialektisch funktioniert. Die Fortschritte der Wissenschaft in den letzten hundert Jahren haben diese Behauptung vollauf bestätigt. Amerikanische Forscherinnen und Forscher stehen an der Spitze einiger der wichtigsten Entwicklungen in der modernen Wissenschaft. Ich denke insbesondere an die Arbeit von R.C. Lewontin im Feld der Genetik und vor allem an die Schriften des Evolutionsbiologen Stephen J. Gould.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Der genetische Unterschied zwischen Menschen und Schimpansen beträgt weniger als zwei Prozent, und wir teilen einen großen Teil unserer Gene mit Fruchtfliegen und noch primitiveren Organismen. Der letzte verzweifelte Gegenangriff der Kreationisten, die sich hinter dem Banner des „intelligenten Designs“ verstecken, wurde durch die bemerkenswerten Ergebnisse des Humangenomprojekts zerschmettert. Der zweiprozentige Unterschied, der uns von den anderen Primaten unterscheidet, ist jedoch ein qualitativer Sprung, der die Menschheit auf eine ganz andere und höhere Ebene hebt.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Geschichte und Natur kennen sowohl Phasen der Evolution – eine langsame, allmähliche Entwicklung – als auch solche der Revolution – einen qualitativen Sprung, bei dem der Prozess der Evolution enorm beschleunigt wird. Die Evolution bereitet den Weg für die Revolution, die wiederum den Weg für eine neue Periode der Evolution auf einer höheren Ebene bereitet.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Der amerikanische Physiker und Autor Mark Buchanan weist in seinem Buch „Ubiquity“ darauf hin, dass so unterschiedliche Phänomene wie Herzinfarkte, Lawinen, Waldbrände, Aufstieg und Niedergang von Tierpopulationen, Börsenkrisen, Verkehrsbewegungen und sogar Revolutionen in Kunst und Mode dem gleichen Grundprinzip unterliegen, das sich als mathematische Gleichung, bekannt als Potenzgesetz, ausdrücken lässt. Dies ist eine weitere bemerkenswerte Bestätigung des dialektischen Gesetzes des Umschlags von Quantität in Qualität.</p>

<h3><strong>Gesellschaft verstehen</strong></h3>

<p class="wp-block-paragraph">Schon bei oberflächlicher Betrachtung der Geschichte sehen wir, dass die menschliche Gesellschaft eine Reihe von Phasen durchlaufen hat und dass sich gewisse Prozesse in regelmäßigen Abständen wiederholen. So wie wir in der Natur den Umschlag von Quantität in Qualität sehen, so sehen wir auch in der Geschichte, dass lange Perioden langsamer, fast unmerklicher Veränderung durch Perioden unterbrochen werden, in denen der Prozess beschleunigt wird, und es dann auch zu qualitativen Sprüngen kommt.</p>

<p class="wp-block-paragraph">In der Natur können die langen Perioden langsamer Veränderung – Stasis – Millionen von Jahren dauern. Sie werden durch katastrophische Ereignisse unterbrochen, die unweigerlich mit dem Aussterben bisher dominanter Tierarten und dem Aufstieg anderer Arten einhergehen, die vorher unbedeutend waren, sich aber besser an die neuen Umstände anpassen können. In der menschlichen Gesellschaft spielen Kriege und Revolutionen eine so bedeutende Rolle, dass wir sie als Meilensteine betrachten, die eine historische Periode von einer anderen trennen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Es waren Marx und Engels, die zu der Erkenntnis kamen, dass die wahre Triebkraft der Geschichte die Entwicklung der Produktivkräfte ist. Das bedeutet nicht, wie die Gegner des Marxismus oft behaupten, dass Marx alles auf die Ökonomie reduziert hat. Es gibt viele andere Faktoren, die in die Entwicklung der Gesellschaft einfließen: Religion, Moral, Philosophie, Politik, Patriotismus, Stammesbündnisse etc. All dies bildet ein komplexes Netz sozialer Beziehungen, die ein reichhaltiges und verwirrendes Mosaik an Phänomenen und Vorgängen bilden.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Auf den ersten Blick scheint es unmöglich, die gesellschaftlichen Prozesse in dieser Komplexität fassen zu können. Dasselbe könnte man von der Natur oder gar dem Universum sagen. Dies hindert die Wissenschaft aber nicht daran, die verschiedenen Elemente gesondert zu behandeln, sie zu analysieren und zu kategorisieren. Warum sollten die Menschen über der restlichen Natur stehen und die einzige Gattung im ganzen Universum darstellen, die von der Wissenschaft nicht verstanden werden kann? Die Vorstellung selbst ist absurd und ist lediglich Ausdruck des brennenden Wunsches der Menschen, eine Art besondere Schöpfung zu sein, völlig getrennt von allen anderen Tieren und mit einer besonderen Beziehung zum Rest des von Gott geschaffenen Universums. Doch die Wissenschaft hat diese egozentrischen Illusionen gnadenlos zerstört.</p>

<h3><strong>Widersprüche in der Gesellschaft</strong></h3>

<p class="wp-block-paragraph">Die dialektischen Gesetze sind nicht auf die Natur beschränkt, sondern gelten auch im Bereich der menschlichen Gesellschaft, der Geschichte und der Ökonomie. Zu der Liste von Phasenübergängen, die in Büchern wie Ubiquity beschrieben werden, können wir auch Revolutionen hinzufügen, die Ausdruck des Kampfes zwischen den Klassen sind.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Im Kommunistischen Manifest erklären Marx und Engels, dass die Geschichte aller bisher existierenden Klassengesellschaften die Geschichte von Klassenkämpfen ist. Die Existenz von Klassengegensätzen droht die Gesellschaft auseinanderzureißen.</p>

<p class="wp-block-paragraph"><em>Doch</em>: So wie es im Atomkern Kräfte gibt, die verhindern, dass er auseinanderfliegt, so gibt es in der Gesellschaft eine ganze Reihe von Mechanismen, die einem ähnlichen Zweck dienen. Aber die bei weitem mächtigste von ihnen ist eine Kraft, die in Form von Tradition, Gewohnheit und Routine in den Köpfen der Menschen selbst wirkt und ein wichtiges Element der Trägheit in der Gesellschaft darstellt.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die meisten Menschen mögen keine Veränderungen. Sie fürchten jede Störung der bestehenden Ordnung, die ihnen wie ein Sprung ins Unbekannte erscheint. Die meisten Menschen werden mit außergewöhnlicher Hartnäckigkeit an althergebrachten Ideen, Vorurteilen, religiösen Überzeugungen sowie den herkömmlichen politischen Parteien und Führungen festhalten. Keine andere Kraft wirkt so stark im Sinne der Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung. Aber wie alles andere in der Natur kann diese wirksame Trägheit die Dinge nur bis zu einem gewissen Grad zusammenhalten.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Unter der scheinbar ruhigen Oberfläche brodelt es. Unzufriedenheit, Wut, Verbitterung und Frustration ergeben ein explosives Gemisch, das danach strebt, einen Ausdruck zu finden. Früher oder später wird der Punkt erreicht sein, an dem Quantität in Qualität umschlägt.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Wir können den gleichen Prozess bei jedem Streik beobachten. In einem Arbeitskampf verändern sich auch die Menschen, die daran teilnehmen. Arbeiterinnen und Arbeiter, die in der Vergangenheit immer apathisch und passiv waren, werden plötzlich aktiv und überraschen nicht selten gerade diejenigen, die sich sonst gerne als die Fortschrittlichen sehen. In den Worten der Bibel gesprochen: „So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten.“ Dieser Satz ist eine äußerst dialektische Feststellung!</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Widersprüche innerhalb der Gesellschaft – der Klassenkampf – bestehen in der einen oder anderen Form und mit mehr oder weniger starker Intensität fort, bis ein kritischer Punkt erreicht ist. An dieser Stelle treten bestimmte Symptome auf, die die Unmöglichkeit aufzeigen, wie bisher weiterzumachen: Die herrschende Klasse ist gespalten und kann nicht mehr auf die alte Weise regieren; die Massen treten in Aktion, um die bestehende Ordnung herauszufordern; die Mittelschichten schwanken zwischen Revolution und Reaktion. All diese Symptome deuten auf eine bevorstehende drastische Veränderung hin.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Der Umschlag von Quantität in Qualität erfolgt entweder durch einen externen Schock oder durch das Vorhandensein eines Katalysators. Wir sehen genau den gleichen Prozess in einer Revolution.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Aus marxistischer Sicht ist der Sozialismus unvermeidlich, und zwar in dem Sinne, dass der Kapitalismus sein Potenzial zur Entwicklung der Gesellschaft und zur Förderung der Kultur und der Zivilisation ausgeschöpft hat. Indem der Kapitalismus die Produktivkräfte auf das gegenwärtige Niveau gehoben hat, hat er die Basis für die nächste logische Stufe gelegt, nämlich die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, die Überwindung des Privateigentums und des Nationalstaates.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Dieser Prozess kann durch eine Reihe von Faktoren beschleunigt oder verzögert werden, nicht zuletzt durch den subjektiven Faktor. Es wird viele Möglichkeiten für die Arbeiterklasse geben, die Macht in ihre Hände zu nehmen. Doch das bloße Vorhandensein einer Möglichkeit bedeutet nicht unbedingt, dass das Potenzial realisiert wird. Das hängt vom konkreten Handeln der Menschen, ihrer Kampfbereitschaft und der Qualität ihrer Führung ab.</p>

<h3><strong>Philosophie und Revolution</strong></h3>

<p class="wp-block-paragraph">Was die genetische Information für den menschlichen Körper, ist in der revolutionären Partei die marxistische Theorie. Die Partei, auch wenn sie klein ist, kann nur wachsen, wenn sie die notwendige Qualität aufweist. Wenn sie saubere Arbeit leistet und sich ihr die notwendigen Möglichkeiten bieten, wird sie wachsen und sich entwickeln. Qualität wird in Quantität umgewandelt, aber Quantität wiederum wird ab einem gewissen Punkt in eine neue Qualität umschlagen. Unter bestimmten Bedingungen kann eine Massenpartei zu einem Faktor werden, und ihr Handeln kann dann breite Massen beeinflussen. Dann wird sie in eine Position kommen, wo es darum geht, die Massen zum Sieg zu führen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Geschichte der bolschewistischen Partei ist in dieser Hinsicht sehr aufschlussreich. Keine andere Partei in der Geschichte hat in so kurzer Zeit einen so großen Erfolg erzielt und die ursprünglich winzigen und isolierten Gruppen marxistischer Kader in eine Massenpartei verwandelt, die in der Lage war, die größte soziale Revolution der Geschichte durchzuführen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Lenin und Trotzki haben der revolutionären Theorie immer eine enorme Bedeutung beigemessen und auf dieser Grundlage Perspektiven, Taktiken und Strategien ausgearbeitet. Diese ernsthafte Herangehensweise war letztendlich das Geheimnis ihres Erfolgs. Von Anfang an pochte Lenin auf die Schlüsselrolle, die Theorie einnimmt. Schon in „Was tun?“ schrieb Lenin:</p>

<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben. Dieser Gedanke kann nicht genügend betont werden in einer Zeit, in der die zur Mode gewordene Predigt des Opportunismus sich mit der Begeisterung für die engsten Formen der praktischen Tätigkeit paart.“</em></p>

<p class="wp-block-paragraph">Die wesentliche Bedeutung der dialektischen Methode als wissenschaftliche Grundlage für jede revolutionäre Praxis hat Trotzki in seiner Autobiographie „Mein Leben“ auf brillante Weise erläutert:</p>

<p class="wp-block-paragraph"><em>„Später wurde das Gefühl der Überlegenheit des Ganzen über das Detail ein unzertrennliches Stück meines schriftstellerischen Schaffens und meiner politischen Betätigung. Der stumpfsinnige Empirismus, das Anbeten des mitunter nur eingebildeten oder falsch verstandenen Faktums waren mir verhaßt. Ich suchte für die Fakten Gesetze. […] Auf allen Gebieten ohne Ausnahme konnte ich mich nur dann frei bewegen und handeln, wenn ich den Faden des Ganzen in der Hand hielt. Der sozialrevolutionäre Radikalismus, der die geistige Achse meines ganzen Lebens werden sollte, ist gerade aus dieser intellektuellen Feindschaft zu der Brockenrafferei, zum Empirismus, zu allem geistig Umgeformten und theoretisch Zerfahrenen erwachsen.“</em></p>

<p class="wp-block-paragraph">Dieser „stumpfsinnige Empirismus, das Anbeten des mitunter nur eingebildeten oder falsch verstandenen Faktums“ ist, wie Trotzki betont, die philosophische Grundlage des Reformismus, der sich durch die feige Unterordnung unter „die Fakten des Lebens“ auszeichnet und der Politik stets als „die Kunst des Möglichen“ konzipiert. Die ernsthafte Herausforderung der herrschenden Ordnung wird als unmöglich, als utopischer Traum oder als gefährliches Abenteurertum angesehen. Demgegenüber unternimmt der Marxismus eine wissenschaftliche Analyse des Status quo, die unter die Oberfläche der „Fakten“ eindringt, um die verborgenen Widersprüche aufzudecken, die schließlich dazu führen werden, dass sich das, was stabil, solide und unveränderlich erscheint, in sein Gegenteil verkehrt.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Marx und Engels sagten, dass die Menschheit vor zwei Alternativen stehe: Sozialismus oder Barbarei. Die Elemente der Barbarei sehen wir bereits, und zwar nicht nur in den sogenannten Entwicklungsländern, wo Millionen von Menschen gezwungen sind, unter alptraumhaften Bedingungen von Armut, Hunger, Krankheit und Krieg zu leben, sondern auch in den sogenannten hochentwickelten kapitalistischen Ländern.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Das Ziel der Marxistinnen und Marxisten ist die sozialistische Transformation der Gesellschaft – und das weltweit. Wir sind der Ansicht, dass sich der Kapitalismus längst überlebt hat und sich in ein repressives, ungerechtes und unmenschliches System verwandelt hat. Das Ende der Ausbeutung und die Errichtung einer harmonischen sozialistischen Weltordnung, die auf einem rationalen und demokratisch erarbeiteten Wirtschaftsplan beruht, wird der erste Schritt zur Schaffung einer neuen und höheren Gesellschaftsform sein, in der wir uns als wirklich freie Menschen verstehen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Philosophie in der modernen Epoche muss der großen Aufgabe dienen, die Arbeit der sozialistischen Revolution zu erleichtern, falsche Ideen zu bekämpfen und die wichtigsten Erscheinungsformen unserer Zeit rational zu erklären und so den Boden für einen grundlegenden Wandel in der Gesellschaft aufzubereiten. Mit den berühmten Worten von Karl Marx:</p>

<p class="wp-block-paragraph"><strong><em>„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an sie zu verändern!“</em></strong></p>

<h3><strong>Leseliste</strong></h3>

<p class="wp-block-paragraph"><em>Um die marxistische Philosophie besser zu verstehen, empfehlen wir folgende Texte:</em></p>

<ul class="wp-block-list">
<li>Rote Reihe Nr. 41: Marxistische Philosophie</li>

<li>Friedrich Engels: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft</li>

<li>Friedrich Engels: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der Klassischen Deutschen Philosophie</li>

<li>Friedrich Engels: Anti-Dühring</li>

<li>Alan Woods: Geschichte der Philosophie</li>
</ul>
								</div>
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				</div>
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			</item>
		<item>
		<title>Klassenkampf und der Kampf um demokratische Rechte</title>
		<link>https://derkommunist.de/klassenkampf-und-der-kampf-um-demokratische-rechte/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Ben Gliniecki]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 17 Nov 2024 13:16:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Naher Osten]]></category>
		<category><![CDATA[Revolutionen]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeiterbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Grundlagen des Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Wie bekämpfen wir Unterdrückung wirksam?]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Pro-Palästina-Bewegung wird durch die Beschneidung grundlegender demokratischer Rechte angegriffen. Versammlungen wurden aufgelöst. In einigen Ländern sind Demonstrationen verboten worden. Und pro-palästinensische Stimmen wurden zensiert. Die Kommunisten müssen sich gegen [&#8230;]</p>
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									<p><span style="color: #000000;">Die Pro-Palästina-Bewegung wird durch die Beschneidung grundlegender demokratischer Rechte angegriffen. Versammlungen wurden aufgelöst. In einigen Ländern sind Demonstrationen verboten worden. Und pro-palästinensische Stimmen wurden zensiert. </span></p><p><span style="color: #000000;">Die Kommunisten müssen sich gegen diese Angriffe wehren. Wir verteidigen die demokratischen Rechte, auch in einer bürgerlichen Demokratie. Aber wir tun dies aus unseren eigenen Gründen und mit unseren eigenen Methoden, basierend auf dem Kampf der Arbeiterklasse. </span></p><p><span style="color: #000000;">Auch die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Liberalen sprechen von der „Verteidigung der demokratischen Rechte“. Wir haben nichts mit ihnen gemeinsam.</span></p><p><span style="color: #000000;">Die Kommunisten müssen den Kampf für demokratische Rechte mit dem Kampf für den Sozialismus verbinden.</span></p><h3><span style="color: #000000;">Klassenkampf</span></h3><p><span style="color: #000000;">Demokratische Rechte werden oft als etwas Abstraktes dargestellt, das über der Gesellschaft steht. </span></p><p><span style="color: #000000;">In Wirklichkeit sind sie nur eine juristische Beschreibung der bestehenden sozialen, politischen und wirtschaftlichen Bedingungen in einer bestimmten Gesellschaft. Was diese Bedingungen grundlegend bestimmt, ist der Klassenkampf.</span></p><p><span style="color: #000000;">Das ist es, was Marx meinte, als er schrieb, dass „das <i>Gesetz</i> nur das ideelle, selbstbewusste Abbild der Wirklichkeit sein [kann], der <i>theoretische</i> verselbstständigte Ausdruck der praktischen Lebensmächte.“ Mit „praktischen Lebensmächten“ meint Marx die lebendigen Kräfte des Klassenkampfes.</span></p><figure id="attachment_20995" class="wp-caption alignright" style="width: 530px;" aria-describedby="caption-attachment-20995"><span style="color: #000000;"><img fetchpriority="high" decoding="async" class=" wp-image-20995" src="https://derfunke.at/wp-content/uploads/2024/02/The_execution_of_King_Charles_I_from_NPG-300x264.jpg" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" srcset="https://derfunke.at/wp-content/uploads/2024/02/The_execution_of_King_Charles_I_from_NPG-300x264.jpg 300w, https://derfunke.at/wp-content/uploads/2024/02/The_execution_of_King_Charles_I_from_NPG-1024x902.jpg 1024w, https://derfunke.at/wp-content/uploads/2024/02/The_execution_of_King_Charles_I_from_NPG-768x676.jpg 768w, https://derfunke.at/wp-content/uploads/2024/02/The_execution_of_King_Charles_I_from_NPG.jpg 1280w" alt="" width="530" height="467" /></span><figcaption id="caption-attachment-20995" class="wp-caption-text"><span style="color: #000000;">Die englische Revolution des 17. Jahrhunderts verankerte die Kapitalistenklasse fest an der politischen Macht / Bild: public domain</span></figcaption></figure><p><span style="color: #000000;">Die demokratischen Rechte wurden als Waffe der Bourgeoisie geschaffen. </span></p><p><span style="color: #000000;">Die englische Revolution des 17. Jahrhunderts verankerte die Kapitalistenklasse fest an der politischen Macht. </span></p><p><span style="color: #000000;">Formalisiert wurde dies durch den schmutzigen Staatsstreich der „Glorreichen Revolution“ von 1688 und die Bill of Rights von 1689. Dabei handelte es sich um eine Vereinbarung zwischen der besiegten Aristokratie und der aufstrebenden Bourgeoisie. </span></p><p><span style="color: #000000;">In der Bill of Rights wurde das Recht auf Privateigentum für alle Menschen und das Recht auf freie Meinungsäußerung für Abgeordnete verankert, damit diese sich gegen Übergriffe auf die Kapitalistenklasse aussprechen konnten.</span></p><p><span style="color: #000000;">Diese Gesetzgebung verlangte von der Krone die Einholung der Zustimmung des Unterhauses als Vertreter „des Volkes“, d. h. der besitzenden Klassen, die allein das Wahlrecht besaßen.</span></p><p><span style="color: #000000;">Dieser Beginn der demokratischen Rechte war das Ergebnis eines Klassenkampfes, der die aufstrebende Kapitalistenklasse mit einem Arsenal zur Verteidigung ihrer Interessen bewaffnete. </span></p><p><span style="color: #000000;">Die entstehende Bourgeoisie forderte das Recht, ihre Meinungen und Forderungen zu veröffentlichen, Versammlungen abzuhalten, um sie zu diskutieren, und ihre Vertreter vor willkürlichen Strafen durch das feudale Establishment zu schützen.</span></p><p><span style="color: #000000;">Die bürgerliche Revolution ist der Ursprung der demokratischen Rechte, die wir heute haben: Rechte wie Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit. Sie waren die Waffen der Kaufleute und Bankiers gegen den feudalen Adel.</span></p><h3><span style="color: #000000;">Sicherheitsventil</span></h3><p><span style="color: #000000;">Seitdem wurde die Kapitalistenklasse gezwungen, die demokratischen Rechte auf die Arbeiterklasse auszuweiten. Allerdings hat sie dies zynisch zu ihrem Vorteil genutzt. </span></p><p><span style="color: #000000;">Für die Bourgeoisie waren die demokratischen Rechte nicht nur eine Waffe zur Zerschlagung des Feudalismus. Heute bieten solche Rechte nützliche „sichere Kanäle“, um den Kampf ihres neuen Klassenfeindes, des Proletariats, zu behindern.</span></p><p><span style="color: #000000;">In Zeiten relativer Stabilität werden demokratische Rechte von der Bourgeoisie als Sicherheitsventil genutzt, um einen Teil des Klassendrucks abzubauen, der sich in der kapitalistischen Gesellschaft aufbaut. </span></p><p><span style="color: #000000;">Freie und gerechte Wahlen ermöglichen es, dass einige bürgerliche Politiker abgewählt werden, während andere gewählt werden – und das alles, ohne das Funktionieren der kapitalistischen Wirtschaft zu stören. </span></p><p><span style="color: #000000;">Die Rede- und Versammlungsfreiheit und die Einbindung von Vertretern der Arbeiterklasse in parlamentarische Gesprächsrunden ermöglichen es den Arbeitern, ihren Frustrationen Ausdruck zu verleihen, ohne dass sie tatsächlich materielle Auswirkungen auf den Reichtum und die Macht der Reichen haben.</span></p><p><span style="color: #000000;">Egal ob Labour oder die Tories die nächsten Wahlen gewinnen, die Politik wird dieselbe bleiben. <a style="color: #000000;" href="https://www.ft.com/content/8c6461c6-e976-4563-b277-bf61ae0a2c07">Wie die Financial Times – die seriösen Strategen des Kapitals – kürzlich schrieb</a>: „Die Politiker [beider Parteien] sind in der Wirtschaft gefangen, ihre Wahlmöglichkeiten sind begrenzt.“ Und es sind die Banken und Großunternehmen, die über die Wirtschaft entscheiden. </span></p><p><span style="color: #000000;">In dieser Hinsicht sind unsere demokratischen Rechte nur ein Kostüm der Demokratie und der Gleichheit, das der Diktatur der Reichen als Deckmantel dient. </span></p><p><span style="color: #000000;">Alan Greenspan, der ehemalige Vorsitzende der US-Notenbank, hat dies 2007 offen zugegeben. In einem Interview wurde er gefragt, wen er bei den Präsidentschaftswahlen wählen würde. Er sagte, das sei egal, weil:</span></p><blockquote><p><span style="color: #000000;">„[Wir] haben das Glück, dass die politischen Entscheidungen in den USA dank der Globalisierung weitgehend durch die Kräfte des Weltmarkts ersetzt wurden. Abgesehen von der nationalen Sicherheit macht es kaum einen Unterschied, wer der nächste Präsident sein wird. Die Welt wird von den Marktkräften regiert.“</span></p></blockquote><p><span style="color: #000000;">Die demokratischen Rechte sind deswegen heute ein kostbares Werkzeug für die Kapitalistenklasse. Sie geben die Illusion von Freiheit, während sie uns der Lohnsklaverei unterwerfen. Aus diesem Grund sagte Lenin in Staat und Revolution:</span></p><blockquote><p><span style="color: #000000;">„Die Allmacht des „Reichtums“ ist in der demokratischen Republik deshalb sicherer, weil sie nicht von einzelnen Mängeln des politischen Mechanismus, von einer schlechten politischen Hülle des Kapitalismus abhängig ist. Die demokratische Republik ist die denkbar beste politische Hülle des Kapitalismus, und daher begründet das Kapital … seine Macht derart zuverlässig, derart sicher, daß kein Wechsel, weder der Personen noch der Institutionen noch der Parteien der bürgerlich-demokratischen Republik, diese Macht erschüttern kann.“</span></p></blockquote><h3><span style="color: #000000;">Imperialismus</span></h3><p><span style="color: #000000;">Auf internationaler Ebene behauptet die westliche Kapitalistenklasse sogar, sie verteidige „demokratische Rechte“, um imperialistische Aggressionen zu rechtfertigen. Der Konflikt zwischen dem US-Imperialismus und Russland, der in der Ukraine ausgetragen wird, ist das offensichtlichste Beispiel. </span></p><p><span style="color: #000000;">Im Juli 2023 sagte Joe Biden, dass der Westen in Form von Russland „mit einer Bedrohung für den Frieden und die Stabilität der Welt, für die demokratischen Werte, die wir hochhalten, für die Freiheit selbst“ konfrontiert sei.</span></p><p><span style="color: #000000;">Die gleiche Rhetorik wurde verwendet, um die westlichen Invasionen im Irak und in Afghanistan zu rechtfertigen, als George Bush im Jahr 2005 sagte: „Wir kämpfen heute, weil der Irak jetzt die Hoffnung auf Freiheit in einer lebenswichtigen Region der Welt trägt, und der Aufstieg der Demokratie wird der endgültige Triumph sein.“</span></p><p><span style="color: #000000;">Unter dem Deckmantel, „demokratische Rechte“ zu exportieren und zu verteidigen, hat der westliche Imperialismus seine Fühler in ein Land nach dem anderen ausgestreckt und sie ausgeplündert. </span></p><p><span style="color: #000000;">Nirgendwo ist diese „demokratische“ Fassade dünner geworden als bei der jüngsten Barbarei in Gaza. Dieselben westlichen herrschenden Klassen, die die Zertrampelung des „Selbstbestimmungsrechts“ der Ukraine anprangerten, stehen voll hinter der Vernichtung des palästinensischen Volkes.</span></p><figure id="attachment_20996" class="wp-caption aligncenter" style="width: 540px;" aria-describedby="caption-attachment-20996"><span style="color: #000000;"><img decoding="async" class=" wp-image-20996" src="https://derfunke.at/wp-content/uploads/2024/02/Settlers_and_guns_Image_Friends123_Wikimedia_Commons-300x200.jpeg" sizes="(max-width: 597px) 100vw, 597px" srcset="https://derfunke.at/wp-content/uploads/2024/02/Settlers_and_guns_Image_Friends123_Wikimedia_Commons-300x200.jpeg 300w, https://derfunke.at/wp-content/uploads/2024/02/Settlers_and_guns_Image_Friends123_Wikimedia_Commons-1024x682.jpeg 1024w, https://derfunke.at/wp-content/uploads/2024/02/Settlers_and_guns_Image_Friends123_Wikimedia_Commons-768x511.jpeg 768w, https://derfunke.at/wp-content/uploads/2024/02/Settlers_and_guns_Image_Friends123_Wikimedia_Commons.jpeg 1280w" alt="" width="540" height="359" /></span><figcaption id="caption-attachment-20996" class="wp-caption-text"><span style="color: #000000;">Nirgendwo ist diese „demokratische“ Fassade brüchiger geworden als bei der jüngsten Barbarei in Gaza / Bild: Friends123, Wikimedia Commons</span></figcaption></figure><h3><span style="color: #000000;"><br />Kämpfe der Arbeiterklasse</span></h3><p><span style="color: #000000;">Die herrschende Klasse hat lange Zeit behauptet, sie stehe für die Demokratie, während die Kommunisten angeblich aus Prinzip gegen die demokratische Freiheit sind. Doch wie sieht die Realität heute aus?</span></p><p><span style="color: #000000;">Inmitten der Predigt über die „Verteidigung unserer demokratischen Werte“ erleben wir, wie Pro-Palästina-Proteste verboten und von der Presse zerfleischt werden; wie Versammlungen abgesagt werden; wie <a style="color: #000000;" href="https://communist.red/palestine-solidarity-communists-on-campus-stand-firm-against-right-wing-attacks/">Gewerkschaften vorgeschrieben wird, was sie diskutieren dürfen und was nicht</a>; wie neue Gesetze gegen „Extremismus“ und gegen das Streikrecht erlassen werden.</span></p><p><span style="color: #000000;">Die „demokratischen Rechte“, die unter bestimmten Bedingungen ein nützlicher Deckmantel für eine Diktatur der Reichen sind, können sich in ihr Gegenteil verkehren, wenn sie mit dem aufkommenden Klassenkampf konfrontiert werden. </span></p><p><span style="color: #000000;">Überhaupt mussten sogar die grundlegendsten demokratischen Rechte, die der Arbeiterklasse heute zustehen, erst erkämpft und erobert werden.</span></p><p><span style="color: #000000;">Die Industrielle Revolution brachte in England heftige Klassenkämpfe hervor – aber diesmal nicht zwischen Kapitalisten und Adel, sondern zwischen Arbeitern und Kapitalisten.</span></p><p><span style="color: #000000;">Aus Angst vor der „schweinischen Menge“ führte die Regierung der Kapitalisten und Großgrundbesitzer an der Wende zum 19. Jahrhundert <i>Combination Acts</i> und <i>Unlawful Oath Acts</i> ein, um Arbeiterorganisationen zu verbieten; sie begegnete Arbeiterprotesten mit säbelschwingender Yeomanry, wie beim Massaker von Peterloo; und sie erhob Zölle auf die Billigpresse, um agitatorische Zeitungen für Arbeiter unleistbar zu machen. </span></p><p><span style="color: #000000;">Sie wollten jede Möglichkeit unterbinden, dass Arbeiter die Redefreiheit nutzen, um für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen zu kämpfen, und dass sie die Versammlungsfreiheit nutzen, um Gewerkschaften zu gründen und Versammlungen abzuhalten.</span></p><p><span style="color: #000000;">Die Arbeiter ihrerseits begannen gleiches Wahlrecht, jährliche Parlamente, ein Ende der “rotten boroughs“ (Anm. der Übersetzer: <i>verfaulter/„verrotteter“ </i>Bezirk; Bezirke, in denen es möglich war, alle Stimmen zu kaufen oder die Wähler einzuschüchtern) und die Absetzung von Politikern zu fordern, die bürgerliche Interessen über die der Arbeiter stellten. </span></p><p><span style="color: #000000;">Alle Rechte, die die Bourgeoisie gegen die Monarchie eingefordert hatte, waren nun in den Händen des Proletariats eine Bedrohung für ihre eigene Herrschaft. </span></p><p><span style="color: #000000;">So wurde der Kampf um demokratische Rechte von 1795 bis 1848 zu einem zentralen Schauplatz des Klassenkampfes.</span></p><p><span style="color: #000000;">Das Recht auf Versammlungsfreiheit und insbesondere das Recht, eine Gewerkschaft zu gründen, war Ergebnis eines erbitterten Kampfes. Das Recht der Arbeiter, Abgeordnete abzuwählen, die gegen ihre Interessen handelten, war dabei von zentraler Bedeutung.</span></p><h3><span style="color: #000000;">Chartismus</span></h3><p><span style="color: #000000;">Der höchste Ausdruck des Kampfes der Arbeiterklasse war zu dieser Zeit <a style="color: #000000;" href="https://shop.derfunke.at/chartist-revolution.html">die Chartistenbewegung</a>, deren zentrale Forderungen zwar rein demokratisch waren, die aber eine reine Klassenbewegung war. </span></p><p><span style="color: #000000;">Der Chartist und Pastor Stephens erläuterte den Zusammenhang zwischen demokratischen Forderungen und sozialen und wirtschaftlichen Forderungen. Er verkündete vor einer Menge von 200.000 Menschen in Lancashire: „Die Frage des allgemeinen Wahlrechts ist eine Frage von Messer und Gabel, eine Frage von Brot und Käse.“</span></p><p><span style="color: #000000;">Ein Arbeiter drückte es noch besser aus, indem er erklärte, das Ziel der demokratischen Forderungen der Charta sei „viel Roastbeef, Plumpudding und Starkbier durch drei Stunden Arbeit pro Tag.“ </span></p><p><span style="color: #000000;">Wie Engels damals erklärte: „<i>Politische Macht unser Mittel, soziale Glückseligkeit unser Zweck</i>, das ist jetzt der deutlich ausgesprochene Wahlspruch der Chartisten.“</span></p><p><span style="color: #000000;">Im Rahmen des Plug Plot von 1842 kam es zu einem Generalstreik, der das Potenzial hatte, die Regierung zu stürzen, und zu Arbeiterversammlungen, die ausdrücklich die Umsetzung der demokratischen Forderungen der Charta und die Übernahme der Macht durch die Arbeiter forderten. </span></p><p><span style="color: #000000;">Die Bourgeoisie hatte sich in ihrem Kampf gegen den Feudalismus für demokratische Rechte eingesetzt. Die Ausweitung dieser demokratischen Rechte auf die Arbeiterklasse drohte nun das System zu zerstören, das mit ihrer Hilfe aufgebaut worden war.</span></p><p><span style="color: #000000;">Dies war das erste Beispiel für den zweischneidigen Charakter der demokratischen Rechte. Aber es sollte noch viele weitere geben. Im Laufe der Geschichte war jeder Sieg, der den Arbeitern mehr demokratische Rechte gesichert hat, das Ergebnis eines erbitterten Klassenkampfes.</span></p><h3><span style="color: #000000;">Einschränkungen</span></h3><p><span style="color: #000000;">In Zeiten des relativen Klassenfriedens sind demokratische Rechte ein Instrument der Bourgeoisie, um ihrer ungezügelten Herrschaft einen liberalen Anstrich zu geben. In Zeiten des Klassenkampfes werden sie zu einer Bürde für die Kapitalistenklasse – sie werden von klassenbewussten Arbeitern aufgegriffen und mit sozialen und ökonomischen Forderungen verknüpft. </span></p><p><span style="color: #000000;">Wenn der Kapitalismus in eine Krise gerät, legt die herrschende Klasse ihr demokratisches Gewand ab, fletscht die Zähne und beginnt, die Grundrechte zu beschneiden.</span></p><p><span style="color: #000000;">In den 1970er Jahren begann sich der Klassenkampf in Großbritannien aufzuheizen. Die Gewerkschaften waren stark und führten militante Streikaktionen durch. </span></p><p><span style="color: #000000;">Die herrschende Klasse musste zurückschlagen, was sie in den 1980er Jahren mit der Tory-Regierung von Margaret Thatcher tat. Um die Anweisungen der Kapitalistenklasse auszuführen, trat Thatcher die demokratischen Rechte mit Füßen. </span></p><p><span style="color: #000000;">Sie schränkte das Streikrecht massiv ein, zensierte die britischen Medien in Bezug auf Irland, indem sie die Ausstrahlung von Äußerungen der Sinn Féin und anderer Republikaner verbot, und hetzte die Polizei dazu auf, Jugendliche aus der Arbeiterklasse, insbesondere aus schwarzen und asiatischen Communities, gewaltsam anzugreifen.</span></p><p><span style="color: #000000;">Der Kampf für die Verteidigung demokratischer Grundrechte wie Versammlungs- und Meinungsfreiheit wurde zum Ausdruck der Verteidigung der Interessen der Arbeiterklasse.</span></p><h3><span style="color: #000000;">Heute</span></h3><p><span style="color: #000000;">In der jüngeren Vergangenheit trieb der zunehmende Klassenkampf der letzten Jahre die Tory-Regierung dazu, Angriffe auf demokratische Rechte – wie das Streikrecht und das Recht zu protestieren – zu starten. </span></p><p><span style="color: #000000;">Der <i>Police, Crime, Sentencing, and Courts Act of 2022</i> – der als Reaktion auf die BLM- und <a style="color: #000000;" href="https://derfunke.at/11636-bewegung-gegen-femizide-in-gb-dieses-system-schuetzt-uns-nicht-es-toetet-uns">Sarah-Everard-Demos</a> und die <a style="color: #000000;" href="https://derfunke.at/12090-klimabewegung-bilderstuermer-und-strassenkleber">direkten Aktionen der Aktivisten von </a><a style="color: #000000;" href="https://derfunke.at/12090-klimabewegung-bilderstuermer-und-strassenkleber"><i>Just Stop Oil</i> und <i>Extinction</i><i> Rebellion</i></a> eingeführt wurde – schränkt das Recht auf Protest stark ein.<i></i></span></p><figure id="attachment_20997" class="wp-caption aligncenter" style="width: 608px;" aria-describedby="caption-attachment-20997"><span style="color: #000000;"><img decoding="async" class=" wp-image-20997" src="https://derfunke.at/wp-content/uploads/2024/02/Sarah_Vigil_Article_Image_Socialist_Appeal-300x200.webp" sizes="(max-width: 638px) 100vw, 638px" srcset="https://derfunke.at/wp-content/uploads/2024/02/Sarah_Vigil_Article_Image_Socialist_Appeal-300x200.webp 300w, https://derfunke.at/wp-content/uploads/2024/02/Sarah_Vigil_Article_Image_Socialist_Appeal-1024x683.webp 1024w, https://derfunke.at/wp-content/uploads/2024/02/Sarah_Vigil_Article_Image_Socialist_Appeal-768x512.webp 768w, https://derfunke.at/wp-content/uploads/2024/02/Sarah_Vigil_Article_Image_Socialist_Appeal.webp 1200w" alt="" width="608" height="406" /></span><figcaption id="caption-attachment-20997" class="wp-caption-text"><span style="color: #000000;">Der zunehmende Klassenkampf der letzten Jahre hat die Tory-Regierung dazu veranlasst, Angriffe auf demokratische Rechte zu starten / Bild: Socialist Appeal</span></figcaption></figure><p><span style="color: #000000;">Und als Reaktion auf die größte Arbeitskampfwelle seit den 1980er Jahren in diesem Sommer führen die Tories derzeit Gesetze ein, die in bestimmten Sektoren einen Mindestdienst vorschreiben, selbst wenn gestreikt wird. Damit wird faktisch bis zu 20 Prozent der Arbeiter das Streikrecht weggenommen.</span></p><p><span style="color: #000000;">Die Stärke der Palästina-Solidaritätsbewegung hat in den letzten Monaten zu einer Beschneidung der Meinungsfreiheit und des Versammlungsrechts geführt. Universitäten und andere Einrichtungen haben pro-palästinensische Veranstaltungen abgesagt, manchmal unter direktem Druck der Polizei. Journalisten, Gewerkschafter und Akademiker wurden entlassen, weil sie ihre Meinung geäußert haben, und Gewerkschaftszweigen wird vorgeschrieben, was sie diskutieren dürfen und was nicht. </span></p><p><span style="color: #000000;">Obwohl 76 Prozent der Menschen einen „sofortigen Waffenstillstand“ befürworten und nur 19 Prozent „mehr“ mit Israel als mit Palästina sympathisieren, kommt diese Meinung nirgendwo in der <a style="color: #000000;" href="https://derfunke.at/18769-medienmache-fuer-krieg-unterdrueckung-und-sozialabbau-wir-halten-dagegen-free-palestine">sogenannten „freien“ Presse</a> zum Ausdruck. Die Zeitungen verbreiten Pro-Israel- und Kriegspropaganda, Lügen und Verzerrungen, weil das im Interesse ihrer milliardenschweren Eigentümer ist.</span></p><p><span style="color: #000000;">Die ehemalige Innenministerin Suella Braverman hat versucht, pro-palästinensische Demonstrationen zu verbieten. Der Kommissar der Met-Polizei hat erklärt, dass die rechtliche Befugnis dazu nicht besteht, sagte jedoch, dass er es begrüßen würde, wenn das Parlament der Polizei solche Befugnisse erteilen würde. </span></p><p><span style="color: #000000;">Aber die Flut von Angriffen auf demokratische Rechte liegt nicht nur an der besonders rechten Regierung Großbritanniens. Die gleichen Repressionen gegen Pro-Palästina Proteste wiederholen sich in Frankreich, Deutschland, Österreich, der Schweiz, den USA und anderswo.</span></p><p><span style="color: #000000;">Während sie heute vor allem Muslime und Pro-Palästina-Demonstranten ins Visier nehmen, blickt die herrschende Klasse mit Schrecken in die Zukunft. Sie rechnen mit gewaltigen Klassenkämpfen und revolutionären Umwälzungen. Und sie bereiten sich darauf vor, indem sie die demokratischen Freiheiten beschneiden, ihre Repressionsmittel aufstocken und die öffentliche Meinung an die repressiven Maßnahmen gewöhnen.</span></p><p><span style="color: #000000;">Es hat sich gezeigt, dass im Kapitalismus das Recht auf Meinungsfreiheit für diejenigen reserviert ist, die reich genug sind, um Zeitungen zu veröffentlichen. Und das Recht auf Versammlungsfreiheit steht denen offen, die reich genug sind, um große Gebäude zu besitzen. </span></p><p><span style="color: #000000;">Aber für diejenigen, die nicht über diese Mittel verfügen – und die aufgrund der unendlichen Plackerei, den ganzen Tag zu arbeiten, um andere reich zu machen, ohnehin kaum Zeit haben, diese Rechte wahrzunehmen – sind unsere „demokratischen Rechte“ zwar in der Theorie schön, aber in der Praxis extrem eingeschränkt.</span></p><p><span style="color: #000000;">Wie bei den Chartisten in den 1840er Jahren und der Arbeiterbewegung in den 1980er Jahren wird der Kampf um demokratische Rechte wieder einmal zu einer Arena des Klassenkampfes.</span></p><h3><span style="color: #000000;">Arbeiterdemokratie</span></h3><p><span style="color: #000000;">Die kommunistische Methode besteht darin, die demokratischen Rechte zu verteidigen und einzufordern, indem wir uns auf den erstarkenden Klassenkampf stützen. </span></p><p><span style="color: #000000;">Wir fordern nicht Demokratie im Abstrakten. Wir sind für demokratische Rechte – wie das Recht auf freie Meinungsäußerung, sich zu versammeln und zu organisieren – als Mittel, mit dem die Arbeiterklasse für ihre Interessen kämpfen kann.</span></p><p><span style="color: #000000;">Das bedeutet, dass wir nicht nur für die Verteidigung der bürgerlichen demokratischen Rechte eintreten, sondern für die Ausweitung dieser Rechte auf den wirtschaftlichen Bereich: die Einführung der Arbeiterdemokratie.</span></p><p><span style="color: #000000;">Dies wirft die Klassenfrage auf – die Frage des Eigentums und der Kontrolle in der Wirtschaft und in der Gesellschaft. </span></p><p><span style="color: #000000;">Um den Arbeitern eine wirkliche Vereinigungsfreiheit zu sichern, sollten beispielsweise alle großen Gebäude und Versammlungsorte unter das demokratische Eigentum und die Kontrolle der Arbeiterklasse gestellt werden. </span></p><p><span style="color: #000000;">Um akademische Freiheiten und eine echte Meinungsfreiheit an Schulen und Unis zu gewährleisten, die nicht dem Druck des Großkapitals ausgesetzt sind, sollte die Leitung von Bildungseinrichtungen – wie z. B. Universitäten – in den Händen des Personals und der Studenten liegen. </span></p><p><span style="color: #000000;">Der öffentliche Nahverkehr muss aus den Händen der Profiteure genommen und unter die demokratische Kontrolle der Arbeiter gestellt werden, damit die Menschen ungehindert zu Versammlungen und Demonstrationen fahren können. </span></p><p><span style="color: #000000;">Um echte Pressefreiheit zu gewährleisten, sollten die Massenmedien aus den Händen einer winzigen Handvoll Oligarchen genommen werden, die nur das veröffentlichen, was in ihrem eigenen Interesse liegt. Stattdessen sollten sie dem demokratischen Eigentum und der Kontrolle der Arbeiterklasse unterstellt werden, damit das, was die Menschen wirklich denken, frei in den Zeitungen ausgedrückt und auf unseren Bildschirmen wiedergegeben werden kann.</span></p><p><span style="color: #000000;">Damit die Arbeiter Zeit haben, sich auf Versammlungen vorzubereiten und an ihnen teilzunehmen, für die Presse zu schreiben und sie zu lesen und generell ihre Freiheits- und Vereinigungsrechte auszuüben, muss der Arbeitstag verkürzt werden.</span></p><p><span style="color: #000000;">Die Planung der Wirtschaft – demokratisch im Interesse der Bedürfnisse statt des Profits – würde all die Verschwendung beseitigen, die mit Kartellen, Profitmacherei und dem Verheizen von Arbeitern durch die Kapitalistenklasse einhergeht. Das würde sofort die Länge des Arbeitstages und der Arbeitswoche reduzieren und den Menschen erlauben, ihre demokratischen Rechte wirklich auszuüben. </span></p><p><span style="color: #000000;">Echte Freiheit und Gleichheit ist daher keine Frage der abstrakten Demokratie, sondern des Kampfes für den Sozialismus.</span></p><h3><span style="color: #000000;">Massenbewegung</span></h3><figure id="attachment_20998" class="wp-caption aligncenter" style="width: 616px;" aria-describedby="caption-attachment-20998"><span style="color: #000000;"><img loading="lazy" decoding="async" class=" wp-image-20998" src="https://derfunke.at/wp-content/uploads/2024/02/PentonvilleFive.jpg-300x202.webp" sizes="(max-width: 573px) 100vw, 573px" srcset="https://derfunke.at/wp-content/uploads/2024/02/PentonvilleFive.jpg-300x202.webp 300w, https://derfunke.at/wp-content/uploads/2024/02/PentonvilleFive.jpg.webp 500w" alt="" width="616" height="415" /></span><figcaption id="caption-attachment-20998" class="wp-caption-text"><span style="color: #000000;">1972 war es eine Massenbewegung von organisierten Arbeitern, die den Angriff der Regierung auf das Streikrecht abgewehrt hat / Bild: public domain</span></figcaption></figure><p><span style="color: #000000;">Dieser Kampf wird nicht durch liberale Appelle an bürgerlich-demokratische Institutionen wie das Parlament oder die Gerichte geführt, sondern indem man sich auf die Stärke und den Kampf der Arbeiterklasse selbst stützt. </span></p><p><span style="color: #000000;">1972 war es eine Massenbewegung von organisierten Arbeitern, die den Angriff der Regierung auf das Streikrecht zurückschlug. Zehntausende marschierten zum Pentonville-Gefängnis und erzwangen die Freilassung von fünf Hafenarbeitern, die aufgrund eines neuen Unterdrückungsgesetzes inhaftiert worden waren.</span></p><p><span style="color: #000000;">Beispiele wie diese sollte der TUC (Trade Union Congress, Anm.) bei seiner bevorstehenden Sitzung am 9. Dezember 2023 berücksichtigen, die einberufen wurde, um zu erörtern, wie die Gewerkschaftsbewegung die Angriffe der Regierung auf das Streikrecht bekämpfen sollte. </span></p><p><span style="color: #000000;">Das Ziel der Gewerkschaftsbewegung sollte nicht nur darin bestehen, sich der Umsetzung dieser Tory-Gesetze zu widersetzen, die im Auftrag der Bosse eingeführt werden, sondern sie durch militante Massenaktionen zu zerschlagen.</span></p><p><span style="color: #000000;">Es gibt keine Kraft auf der Welt, die die Arbeiterklasse aufhalten kann, wenn sie organisiert und mobilisiert ist; keinen Repressionsapparat, der die Arbeiter unterdrücken kann, sobald sie sich massenhaft in Bewegung setzen.</span></p><p><span style="color: #000000;">Das zahlenmäßige Kräfteverhältnis ist entschieden <a style="color: #000000;" href="https://derfunke.at/20585-gibt-es-die-arbeiterklasse-noch">auf der Seite der Arbeiterklasse</a>. Das ist ein gutes Zeichen für die gegenwärtigen und zukünftigen Kämpfe um demokratische Rechte. Aber Zahlen allein sind nicht genug. </span></p><p><span style="color: #000000;">Was wir brauchen, ist eine entschlossene politische Partei, die die Angriffe auf das Streikrecht mit der Unterdrückung demokratischer Rechte im Zusammenhang mit der Pro-Palästina-Bewegung in Verbindung bringt, die wiederum mit der Lebenshaltungskostenkrise und der allgemeinen kapitalistischen Krise, die auf den Arbeitern lastet, in Verbindung gebracht werden kann.</span></p><p><span style="color: #000000;">Solange diese Kämpfe nicht miteinander verbunden sind und auf der Grundlage der Methoden der Arbeiterklasse geführt werden, wird nichts grundlegend gelöst werden. Deshalb ist eine Revolutionäre Kommunistische Partei so dringend notwendig. Die müssen wir aufbauen.</span></p>								</div>
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		<title>Marxismus und Pazifismus</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Ben Gliniecki]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 15 Nov 2024 10:00:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Grundlagen des Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Imperialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Marxisten müssen die Welt so sehen, wie sie ist, und nicht so, wie wir sie gern hätten. Gewalt und Krieg sind im Kapitalismus nicht etwa äussere Störfaktoren; sie sind nicht [&#8230;]</p>
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									<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Marxisten müssen die Welt so sehen, wie sie ist, und nicht so, wie wir sie gern hätten. Gewalt und Krieg sind im Kapitalismus nicht etwa äussere Störfaktoren; sie sind nicht das Ergebnis von Fehlern oder Missverständnissen. Sie gehören zum Fundament des Kapitalismus, und solange das kapitalistische System besteht, werden sie Teil unseres Lebens sein. Vor solchen Tatsachen dürfen wir nicht die Augen verschliessen, sondern wir müssen begreifen, warum sie bestehen und so auf eine Veränderung hinarbeiten.<br /><br /></span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<h3 id="kapitalismus-krieg-und-gewalt" class="wp-block-heading"><span style="color: #000000;">Kapitalismus, Krieg und Gewalt</span></h3>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Nationen führen letzten Endes Krieg gegeneinander, um die Interessen ihrer eigenen nationalen herrschenden Klasse zu wahren und ihre imperialistischen Bestrebungen zu verfolgen.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">So bekriegt der kapitalistische Staat manchmal sein eigenes Volk, manchmal rivalisierende Staaten – doch zu jedem Zeitpunkt handelt er als Institution zur Verwaltung der gemeinsamen Interessen der Bourgeoisie.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Diese Bourgeoisie benötigt Gewaltmittel, weil der Kapitalismus auf den Widersprüchen zwischen Klassen aufbaut und die herrschende Klasse die Ausbeutung der Arbeiterklasse aufrechterhalten muss. Widersprüche bestehen auch zwischen Gruppen von Bourgeois, die durch ihre Nationalstaaten repräsentiert werden und wiederum in kapitalistischer Konkurrenz zueinander stehen.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Die Klasse der Kapitalisten führt diesen Kampf gegen die eigenen Arbeiter und gegen andere Kapitalisten mit vielen verschiedenen Waffen, auch mit Propaganda und Diplomatie. Die Geschichte beweist jedoch, dass nackte Gewalt das einzige Mittel ist, um den Kapitalismus langfristig am Leben zu erhalten.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Das Ziel einer jeden herrschenden Klasse ist es, ihren eigenen ökonomischen Vorteil zu bewahren. Dabei ist Gewalt nur Mittel zum Zweck. Krieg wird nicht um des Krieges Willen geführt, sondern um neue Märkte, Rohstoffe und Einflussgebiete zu erobern und so die eigene Stellung zu halten.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Trotzki zeigte auf, dass die Ziele des imperialistischen „Friedens&#8220; deckungsgleich sind mit den Zielen des imperialistischen Krieges: Kapitalistische Staaten sind auch zu Friedenszeiten Systeme organisierter Gewalt zur Unterdrückung und Ausbeutung der Mehrheit durch eine Minderheit. Kriegsführung im Ausland ist lediglich das Spiegelbild der Gewalt im Innern eines Landes, die von Polizei, Armee, Gericht und Gefängnis verübt wird.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Krieg und Gewalt gehören untrennbar zum Kapitalismus. Er kann ohne sie nicht existieren.<br /><br /></span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<h3 id="was-sagt-der-marxismus" class="wp-block-heading"><span style="color: #000000;">Was sagt der Marxismus?</span></h3>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Das lässt nur den Schluss zu, dass der Kapitalismus gestürzt werden muss, um Krieg und Gewalt ein Ende zu setzen. Kapitalisten können nicht dazu überredet oder davon überzeugt werden, weniger gewalttätig zu sein, wenn diese Gewalt das Fundament ihres Systems bildet. Das System muss zerschlagen werden.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Insbesondere meinen wir damit die Institutionen der organisierten bürgerlichen Gewalt wie Polizei und Armee, die wenn nötig mit Gewalt beseitigt werden müssen. Dieser revolutionäre Grundsatz gilt im kapitalistischen „Frieden&#8220; genauso wie zu Kriegszeiten.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Die revolutionäre Methode, um Krieg und Gewalt ein Ende zu setzen, ist <em>immer</em>, den kapitalistischen Staat zu zerschlagen und das System als Ganzes zu stürzen. Nur das ist realistisch, denn nur so wird das Problem an der Wurzel gepackt.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Das bedeutet aber auch, dass wir nicht „im Allgemeinen&#8220; für oder gegen Gewalt sind. Unsere Einstellung beruht auf einer tatsächlichen, konkreten Situation: Kriege zur Befreiung von unterdrückten Völkern und Klassen sind fortschrittlich, wir unterstützen diese. Kriege aber, die im Interesse des Imperialismus geführt werden, auch wenn sie vordergründig der „Selbstverteidigung&#8220; dienen oder dem „Recht der Völker auf Selbstbestimmung&#8220; entsprechen, sind reaktionär. Wir lehnen diese ab.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Die Gewalt des Sklaventreibers, der seine Sklaven in Ketten hält, ist nicht gleichzusetzen mit der Gewalt des Sklaven, der seine Fesseln sprengt. Die Gewalt der Selbstverteidigung ist nicht gleichzusetzen mit der Gewalt des Aggressors.<br /><br /></span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<h3 id="was-ist-pazifismus" class="wp-block-heading"><span style="color: #000000;">Was ist Pazifismus?</span></h3>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Pazifisten widersprechen diesen Ideen. Für sie ist Gewaltlosigkeit eine moralische Norm, die für alle und ewig gilt.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Die herrschende Klasse verschleiert bewusst die wahren Kriegsgründe, und einer ihrer Flügel bedient oft diesen abstrakten Pazifismus, um den Klassencharakter ihrer Handlungen zu vertuschen.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">2003 behaupteten Bush und Blair, der Einmarsch in Irak sei notwendig, um Massenvernichtungswaffen unschädlich zu machen und so den Weltfrieden zu sichern. Natürlich ging es beim Irakkrieg vor allem um Erdöl, und er wurde für die Interessen der westlichen Kapitalisten ausgefochten, nicht etwa, um den Frieden zu wahren.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Marxisten benennen diese Heuchelei, doch Kleinbürger und Reformisten werfen sich davor zu Boden. Sie glauben und stützen die Lügen der Bourgeoisie, nach denen sie eigentlich nur Frieden suchen. Sie sehen Krieg nicht als Produkt der unauflösbaren Widersprüche des Kapitalismus, sondern als Folge individueller Fehler oder Charakterschwächen.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Deswegen stimmten die Sozialdemokratischen Führungen für den Ersten Weltkrieg: Sie machten sich die Propaganda ihrer herrschenden Klassen zu eigen und vertraten den Standpunkt, dass sie sich in einem Verteidigungskrieg gegen blutrünstige, auswärtige Feinde befänden.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Und deswegen vertreten die heutigen reformistischen Führer heute die Lüge, dass die Vereinten Nationen eine Kraft für den Frieden sei, die imperialistische Kriege unterbinden könne. Aus demselben Grund, weshalb Reformisten meinen, die herrschende Klasse von Konzessionen an die Arbeiterklasse überzeugen zu können, denken sie auch, die Bourgeoisie zum Frieden überreden zu können.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Im Grunde ersetzen solche Reformisten eine materialistische Analyse durch philosophischen Idealismus. Sie verstehen nicht, wie der Kapitalismus wirklich funktioniert, dass er in Krisenzeiten keine langfristigen Zugeständnisse oder echten Frieden gewähren kann. Sie haben sich ganz an den Klassenkompromiss und an den sanften diplomatischen Betrieb angepasst. Obwohl dafür keine Grundlage in Theorie oder Praxis besteht, vertreten sie den Standpunkt, dass der Frieden ohne Klassenkampf oder sozialistische Revolution gewährleistet werden kann – zum Beispiel, indem man „Druck&#8220; auf die Imperialisten ausübt.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">In der Realität konnte ein solcher Druck immer nur durch den revolutionären Machtkampf vonseiten der Arbeiterklasse aufgebaut werden. Nicht liberale Appelle, sondern die Oktoberrevolution liess 1917 die russischen Bauern und Arbeiter aus dem Ersten Weltkrieg ausscheiden. Nicht pazifistisches Gejammer, sondern die Deutsche Revolution beendete 1918 den Krieg. Keine moralische Überlegenheit, sondern revolutionäre Räte und Hafenarbeiterstreiks zwangen das britische Empire, seine Invasionsmacht 1920 aus der jungen Sowjetrepublik abzuziehen.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Der Pazifismus ist letzten Endes nichts weniger als der Handlanger des Imperialismus. Pazifisten decken die Verbrechen der Imperialisten, indem sie sie als ideologische Fehlschläge einzelner Individuen darstellen und nicht als unausweichliche Folge von Kapitalismus und Imperialismus. Der Pazifismus positioniert sich als Ventil für Kritik, vermag aber keinen echten Gegenstandpunkt anzubieten.<br /><br /></span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<h3 id="die-vereinten-nationen" class="wp-block-heading"><span style="color: #000000;">Die Vereinten Nationen</span></h3>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Die Vereinten Nationen bilden den Gipfel der pazifistischen Ohnmacht. In diesem Zirkus verschaffen sich kleine Nationen bisweilen Luft, während die grossen Player ihr Veto gegen alles aussprechen, was nicht in ihren Kram passt.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Wiederholt hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen Resolutionen gegen die Gewalt Israels in Palästina angenommen, um nur gleich darauf durch das US-amerikanische Vetorecht gekippt zu werden. So viel zur Friedenswahrung durch die UNO!</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Genauso machtlos ist die UNO, wenn es darum geht, Grossmächte vom Krieg abzuhalten. Die NATO-Kampagne von 1999 gegen den Kosovo wurde von der UNO nicht gutgeheissen, genauso wenig die amerikanisch-britische Invasion des Iraks 2003. 1960 entsandte die UNO eine Friedensmission in die heutige Demokratische Republik Kongo, was den Mord an Premierminister Patrice Lumumba und die Ablösung durch das Regime Mobutus zur Folge hatte – letzterer war ein eifriger Zudiener der Imperialisten. So weit reicht die Ohnmacht der UNO in Sachen Frieden.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Die UNO zelebriert den Pazifismus, aber ist völlig inhaltsleer. UNO-Pazifisten sind bewusst oder unbewusst Diener der durch die sie verschleierten imperialistischen Interessen. Sie stützen die gefährliche Illusion, dass nicht etwa grundsätzliche kapitalistische Widersprüche, sondern einfach unterschiedliche ideologische Standpunkte am Werk seien, die man ausdiskutieren könne.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Trotzki kritisierte die Pazifisten gnadenlos. Er sah ihre Rolle in der Ablenkung von den eigentlichen gesellschaftlichen Prozessen und erklärte, dass die Kriegsgefahr nicht durch die pazifistische Forderung nach Entwaffnung gebannt würde.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Dasselbe liesse sich über die NATO oder andere imperialistische Bündnisse sagen. Es gibt Pazifisten, die die Auflösung der NATO fordern, um Kriege zu verhindern. Sind es aber militärische Bündnisse, die Kriege verursachen, oder ist es die nicht zu leugnende Kriegstendenz im Kapitalismus, die solche Bündnisse erfordert? Bei einer Auflösung der NATO blieben die fundamentalen kapitalistischen Widersprüche unangetastet und würden weiter zu Kriegen führen. Pazifisten verwechseln Ursache und Wirkung.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Den Pazifisten entgegnen die Marxisten: Wir können den imperialistischen Krieg nur mit Bürgerkrieg gegen die Kapitalisten bekämpfen. Wir rufen nicht nach „Frieden auf Erden&#8220;, sondern nach Klassenkampf, und unsere Feinde sind nicht die Arbeiter anderer Länder, sondern die internationale Bourgeoisie, angefangen im eigenen Land.<br /><br /></span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<h3 id="fuer-den-frieden-fuer-den-sozialismus" class="wp-block-heading"><span style="color: #000000;">Für den Frieden? Für den Sozialismus!</span></h3>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Das ist im Grunde das marxistische Programm. Es muss aber zu jedem Zeitpunkt mit der Stimmung der Massen in Übereinstimmung gebracht werden, die unstet, verwirrt und widersprüchlich ist.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Der Wunsch nach Frieden in der Arbeiterklasse ist im Allgemeinen gesund und stellt keinen reaktionären Pazifismus dar, sondern eine Reaktion gegen Imperialismus und bürgerliche Heuchelei. Auch wir wollen Frieden, doch kann nur ein Arbeiterstaat, im eigenen und allen anderen Ländern, diesen Frieden gewährleisten.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Das wiederum erfordert Klassenkampf, angefangen bei Forderungen nach Staatsausgaben für öffentliche Arbeiten statt für Waffen; für die Verstaatlichung der Waffenindustrie unter Kontrolle der Arbeiterklasse; oder auch für die Unterwerfung der Militärkasernen unter die Demokratie der Arbeiterklasse.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Wenn Arbeiter Frieden wollen, macht sie das nicht automatisch zu reaktionären Pazifisten. Genauso ist ihr Kampfwille nicht immer reaktionär, wie etwa bei der Beteiligung zahlreicher Arbeiter im Kampf gegen Hitler und Nazideutschland, oder bei den Massen eines unterdrückten Volkes im Kampf für seine Selbstbestimmung.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">In jedem Fall müssen wir mit dem kapitalistischen Militarismus brechen und hervorheben, dass die Arbeiterklasse eine Politik verfolgen muss, die von den Interessen der kapitalistischen Klasse vollständig unabhängig ist.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Wo dies auch nur im Ansatz geschieht, kann eine riesige Wirkung erzielt werden. 2019 legte ein saudisches Schiff im italienischen Hafen Genua an, wo es Waffen für den imperialistischen Krieg in Jemen laden sollte. Die Hafenarbeiter traten in den Streik und weigern sich, die Kriegsgüter zu verladen. Der italienische Gewerkschaftsbund unterstützte den Streik, womit andere Häfen für das saudische Schiff ebenfalls gesperrt waren, und so musste es leer wieder nach Hause fahren. Mit einer einzigen Aktion hatte der Klassenkampf einen grösseren Erfolg gegen den Imperialismus erzielt, als es irgendeiner liberalen, pazifistischen NGO gelungen war.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Imperialisten begreifen diese Macht der Arbeiterklasse. Es war die bürgerliche Angst vor Massenunruhen, die 1999 eine Bodeninvasion im Kosovo vereitelte und 2013 das britische Bombardement Syriens verhinderte. Der Vietnamkrieg wurde nicht nur in Vietnam selbst, sondern auch in den Vereinigten Staaten verloren, als eine Mehrheit ihn nicht mehr tragen wollte. Das ist die Macht der Arbeiterklasse.<br /><br /></span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<h3 id="gewalt-als-taktische-frage" class="wp-block-heading"><span style="color: #000000;">Gewalt als taktische Frage</span></h3>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Marxisten betrachten Befreiungskriege unterdrückter Nationen und Klassen als historisch gerechtfertigt. Sie lehnen die Gewalt nicht aus abstrakten, moralischen Gründen ab, genauso wenig aber heissen sie im Klassenkampf alle Methoden gut.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Individueller Terrorismus und Guerillakampf beispielweise können, wenn sie von Massenbewegungen isoliert und vereinzelt erfolgen, die Position der Arbeiterklasse im Klassenkampf nicht stärken. Die Taten kleiner Minderheiten oder sogar einzelner Menschen können die kollektive Aktion der Arbeiterklasse nicht ersetzen. Auch stärken sie nicht das Vertrauen der Massen in sich selbst als einzige Kraft, die den Kapitalismus stürzen kann.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Solche Methoden tendieren sogar dazu, die staatliche Repression zu stärken. Die entsetzliche Gewalt des israelischen Staates gegen Palästina wird seit Jahrzehnten mit individuellem Terror beantwortet, was den Staat Israel aber weder zerstören noch irgendwie ernstlich schwächen konnte. Stattdessen vertieft der Terrorismus die Kluft zwischen Palästinensern und israelischen Arbeitern und Jugendlichen, die man für sich hätte gewinnen können.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Heutzutage scheint die Idee, Soldaten in der israelischen Armee gewinnen zu können, sehr weit hergeholt, ja sogar unmöglich. In der Zukunft könnte sich dies wieder ändern, doch im Moment ist dies das Erbe der individualisierten, terroristischen Gewalt, die von Massenbewegungen abgetrennt ist. Sie hat die palästinensische Sache geschwächt.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Unsere Herangehensweise an diese Kampfmethoden ist nicht moralisierend, sondern taktisch. Es sollten nur jene Taktiken angewendet werden, die der Arbeiterklasse ihre Rolle in der Umwälzung der Gesellschaft bewusst machen.<br /><br /></span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<h3 id="die-bewaffnung-der-arbeiterklasse" class="wp-block-heading"><span style="color: #000000;">Die Bewaffnung der Arbeiterklasse</span></h3>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Wir sind also gegen pazifistische Abrüstung, gegen individuellen Terrorismus und gegen Guerillakrieg. Stattdessen befürworten wir die Bewaffnung der Massen und die Spaltung des Militärs entlang der Klassenlinien, indem die unteren Schichten für den Klassenkampf von unten gewonnen werden.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Kleinbürger und Reformisten entgegnen, dies sei unrealistisch, obwohl das in revolutionären Situationen überall auf der Welt und durch die Geschichte hindurch immer und immer wieder eingetreten ist.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Der versuchte Sturz des venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez wurde vereitelt, als die Basis der Armee mit ihren Offizieren brach und sich unter dem Druck der Massen auf deren Seite schlug.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">1920 besetzten italienische Arbeiter ihre Fabriken. Eine Zeitung berichtete, dass sich unter den Arbeitern ehemalige Militärpiloten befanden, die Flugzeuge zum Einsatz brachten. Ein Beamter monierte, dass die Besetzer über Maschinengewehre verfügten und einen Panzer ausgerüstet hatten, der in den Fiat-Werken gebaut worden war. Diese Rotgardisten waren nicht einfach bewaffnete Individuen. Sie waren Teil von organisierten Gruppen, die über ein gewähltes Militärkomitee von den besetzenden Arbeiterorganisationen demokratisch verwaltet wurden.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Pazifisten dürfen nicht einfach damit davonkommen, wenn sie die Bewaffnung der Arbeiterklasse und die Spaltung der Armee als unrealistisch bezeichnen. Es ist bereits geschehen, kann auch wieder geschehen, und ist nachweislich das einzige Mittel gegen imperialistischen Krieg.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Gleichzeitig ist die Spaltung des Militärs natürlich keine Leichtfertigkeit – sie muss als bewusste Massnahme verfolgt und darf nicht einfach der Spontaneität der Massen überlassen werden, wie es in Italien oder Venezuela geschehen war. Die Wirkung bleibt dann zeitlich begrenzt.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Der Kampf für die Zerschlagung von staatlicher Repression und des Bürgertums benötigt ständige Organisation und eine Strategie in politischen, industriellen und militärischen Belangen. Dazu gehören beispielsweise gewählte Soldatenkomitees, die die Kluft zwischen Fussvolk und Offizieren vertiefen sollen.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Eine solche Politik verfolgten die Bolschewiki 1917, als sie in den Gräben und Kasernen agitierten und so einen Keil in die Armee trieben – das Resultat war die komplette Unfähigkeit der russischen herrschenden Klasse, den imperialistischen Ersten Weltkrieg weiter ausfechten oder die Revolution erdrosseln zu können.<br /><br /></span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<h3 id="eine-revolutionaere-moralitaet" class="wp-block-heading"><span style="color: #000000;">Eine revolutionäre Moralität</span></h3>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Krieg und Gewalt, sei es zwischen Klassen oder zwischen Nationen, sind ein grundlegender Bestandteil des Kapitalismus. Petitionen, Debatten, die Vereinten Nationen und so weiter können an seiner Funktionsweise nichts ändern und so auch den Krieg nicht verhindern. Das bleibt allein die Aufgabe der proletarischen sozialistischen Revolution.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Die Moralität des Pazifismus ist hohl und ein wahres Gift für die revolutionäre Bewegung. Wir machen uns eine höhere Moralität zu eigen, die auf dem Vormarsch der Geschichte aufbaut. Der einzige gerechte Krieg ist der Klassenkrieg, und die einzigen gerechten Mittel, ihn zu führen, sind jene, die zur Befreiung der Menschheit führen.<br /><br /></span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<h3 id="lenin-ueber-die-frage-des-friedens-1915-auszuege" class="wp-block-heading"><span style="color: #000000;">Lenin über „Die Frage des Friedens&#8220; (1915, Auszüge)</span></h3>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<blockquote>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">„Es müssen alle Anstrengungen darauf gerichtet werden, die Friedensstimmung der Massen <em>auszunutzen. </em>Aber <em>wie </em>soll das geschehen? Das einfache Aufgreifen und Wiederholen der <em>Losung </em>des Friedens wäre eine Begünstigung der ‹Wichtigtuerei machtloser (ja häufig noch schlimmer: <em>heuchlerischer) </em>Schönredner›. Es wäre ein <em>Betrug </em>am Volke, in dem die Illusion geweckt würde, dass die jetzigen Regierungen, die jetzigen herrschenden Klassen ohne ‹Belehrung› (richtiger gesagt, ohne ihre Beseitigung) durch eine Reihe von Revolutionen <em>imstande </em>seien, einen Frieden herbeizuführen, der die Demokratie und die Arbeiterklasse auch nur halbwegs zufriedenstellt. Nichts wäre schädlicher als ein solcher Betrug.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Nichts wäre besser dazu angetan, den Arbeitern den Blick zu trüben, die trügerische Vorstellung bei ihnen zu erwecken, dass der Widerspruch zwischen Kapitalismus und Sozialismus <em>nicht tiefgehend </em>sei; nichts wäre geeigneter, die kapitalistische Sklaverei zu <em>beschönigen. </em>Nein, wir müssen die Friedensstimmung ausnutzen, um die Massen darüber aufzuklären, dass die guten Dinge, die sie vom Frieden erwarten, ohne eine Reihe von Revolutionen unmöglich sind.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Beendigung der Kriege, Friede unter den Völkern, Aufhören von Raub und Gewalt – das ist fürwahr unser Ideal, jedoch können bürgerliche Sophisten die Massen damit betören, indem sie dieses Ideal von der sofortigen, unmittelbaren Propagierung revolutionärer Aktionen trennen. Der Boden für eine solche Propagierung ist vorhanden; um sie durchzuführen, bedarf es nur des Bruches mit den Verbündeten der Bourgeoisie, den Opportunisten, die der revolutionären Arbeit direkt (sogar durch Denunziationen) wie indirekt Hindernisse in den Weg legen.&#8220;</span></p>
</blockquote>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<blockquote>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">„Wir sind nicht für den Status quo, wir sind nicht für die utopische Spiessbürgeridee, dass man sich von den grossen Kriegen <em>fernhalten </em>solle. Wir sind für den revolutionären Kampf gegen den Imperialismus, d. h. gegen den Kapitalismus.&#8220;</span></p>
<p><span style="color: #000000;">„Es gilt zu wählen: Für den Sozialismus oder für die Unterwerfung unter die Gesetze der Herren Joffre und Hindenburg [Befehlshaber der französischen und deutschen Armeen, Anm.d.Red.], für den revolutionären Kampf oder für die Liebedienerei vor dem Imperialismus. Einen Mittelweg gibt es hier nicht. Und den grössten Schaden, der sich denken lässt, fügen dem Proletariat die heuchlerischen (oder bornierten) Erfinder einer Politik der ‹mittleren Linie› zu.&#8220;</span></p>
</blockquote>
<p><span style="color: #000000;"></span><span style="color: #000000;"></span></p>								</div>
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		<title>In Verteidigung der Theorie  Unwissenheit hat noch nie jemandem geholfen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Alan Woods]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 08 Jul 2024 09:50:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Schon bevor sie das Kommunistische Manifest schrieben, führten Marx und Engels (die, wohlgemerkt, ihr revolutionäres Leben als Studenten der Hegelschen Philosophie begannen) einen Kampf gegen jene „proletarischen“ Führer, die Rückständigkeit [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[		<div data-elementor-type="wp-post" data-elementor-id="2565" class="elementor elementor-2565" data-elementor-post-type="post">
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									<p><span style="font-style: inherit; font-family: var( --e-global-typography-text-font-family ), Sans-serif; text-align: var(--text-align);" data-contrast="auto">Schon bevor sie das Kommunistische Manifest schrieben, führten Marx und Engels (die, wohlgemerkt, ihr revolutionäres Leben als Studenten der Hegelschen Philosophie begannen) einen Kampf gegen jene „proletarischen“ Führer, die Rückständigkeit und primitive Kampfmethoden verehrten und sich hartnäckig gegen die Einführung der wissenschaftlichen Theorie wehrten.</span><span style="font-style: inherit; font-family: var( --e-global-typography-text-font-family ), Sans-serif; text-align: var(--text-align);" data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Der russische Kritiker Annenkow, der sich im Frühjahr 1846 zufällig in Brüssel aufhielt, hat uns einen sehr ungewöhnlichen Bericht über ein Treffen hinterlassen, bei dem ein wütender Streit zwischen Marx und dem deutschen utopischen Kommunisten Weitling entbrannte. An einem Punkt beschwerte sich Weitling, der Arbeiter war, dass die „Intellektuellen“ Marx und Engels über obskure Themen schrieben, die für die Arbeiter nicht von Interesse seien. Er beschuldigte Marx, „Analysen zu schreiben, die weit weg von der Lebensrealität des leidenden Volks sind“. An diesem Punkt wurde Marx, der normalerweise sehr geduldig war, empört. Annenkov schreibt:</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><blockquote><p><span data-contrast="auto">„In den letzten Worten verlor Marx vollständig die Kontrolle über sich und schlug so hart mit seiner Faust auf den Tisch, dass die Lampe darauf schellte und erzitterte. Er sprang auf und sagte: ‚</span><i><span data-contrast="auto">Unwissenheit hat noch nie jemandem geholfen</span></i><span data-contrast="auto">.‘“ [Reminiscences of Marx and Engels, S. 272, Hervorhebung des Autors, eigene Übersetzung]</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p></blockquote><p><span data-contrast="auto">Weitling war gegen Theorie und geduldige Propagandaarbeit. Wie Bakunin vertrat er die Ansicht, dass arme Menschen immer bereit seien, zu revoltieren. Dieser Verfechter der „revolutionären Aktion“ im Gegensatz zur Theorie glaubte, dass eine Revolution jederzeit möglich sei, solange es entschlossene Führer gebe. Wir finden Echos dieser primitiven vormarxistischen Ideen noch heute in den Reihen der Marxisten.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Marx verstand, dass die kommunistische Bewegung nur durch einen radikalen Bruch mit diesen primitiven Vorstellungen und eine gründliche Säuberung in den Reihen vorankommen konnte. Der Bruch mit Weitling war unvermeidlich und erfolgte im Mai 1846. Danach ging Weitling nach Amerika und spielte keine nennenswerte Rolle mehr. Nur durch den Bruch mit dem „Arbeiteraktivisten“ Weitling war es möglich, den Bund der Kommunisten auf eine solide Grundlage zu stellen. Doch die primitive Strömung, die Weitling repräsentierte, reproduziert sich ständig in der Bewegung, zuerst in den Ideen Bakunins und später in den unterschiedlichsten Formen des Linksradikalismus, das die marxistische Bewegung bis heute plagt.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">In den „Gesammelten Werken“ von Marx und Engels finden wir eine wahre Goldgrube an Ideen. Hier finden wir Engels&#8216; Schriften über den Bauernkrieg in Deutschland, über die frühe Geschichte der Deutschen, Slawen und Iren, seine Geschichte des frühen Christentums. In seinem Artikel über den Tod von Engels schrieb Lenin:</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><blockquote><p><span data-contrast="auto">„Marx arbeitete an der Untersuchung der komplizierten Erscheinungen der kapitalistischen Wirtschaft. Engels beleuchtete in außerordentlich flüssig geschriebenen, oft polemischen Arbeiten die allgemeinen wissenschaftlichen Fragen und die verschiedensten Erscheinungen der Vergangenheit und Gegenwart im Geiste der materialistischen Geschichtsauffassung und der ökonomischen Theorie von Marx.“ (Wladimir Lenin zu Friedrich Engels‘ Tod, 1895, Lenin-Werke, Bd. 2)</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p></blockquote><p><span data-contrast="auto">Eine kurze Auflistung der Werke von Engels zeigt sofort sein weitreichendes Blickfeld. Wir haben sein großartiges polemisches Werk gegen Dühring, das sich tiefgründig mit der Philosophie, der Naturwissenschaft und den Sozialwissenschaften befasst. „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats</span><i><span data-contrast="auto">“</span></i><span data-contrast="auto"> behandelt die frühsten Ursprünge der menschlichen Gesellschaft. Was hat das alles mit der Arbeiterklasse und dem Klassenkampf zu tun, werden unsere „praktischen“ Kritiker fragen. Nur das: Dies war das Werk, das die Grundlage für die marxistische Staatstheorie legte, die Lenin später in „Staat und Revolution“ entwickelte, dem Buch, das die theoretischen Grundlagen für die Bolschewistische Revolution legte.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Und was sollen wir über „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“ sagen? In diesem Buch befasst sich Engels nicht nur mit den „abstrakten und abstrusen“ Ideen Hegels, sondern auch mit den Ideen obskurer kleiner deutscher Philosophen der Hegelschen Linken. Besonders in der Korrespondenz von Marx und Engels finden wir eine Schatzkammer von Ideen mit einem erstaunlichen Umfang. Die beiden Freunde tauschten Ansichten über alle möglichen Themen aus, nicht nur über Ökonomie und Politik, sondern auch über Philosophie, Geschichte, Wissenschaft, Kunst, Literatur und Kultur.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Hier ist eine vernichtende Antwort an alle bürgerlichen Kritiker des Marxismus, die ein Zerrbild des Marxismus als trockene, enge Lehre präsentieren, die alle menschlichen Gedanken auf Ökonomie und die Entwicklung der Produktivkräfte reduziert. Doch auch heute noch gibt es Leute, die sich gerne als Marxisten bezeichnen, die nicht die echten Ideen von Marx und Engels in ihrer ganzen Reichhaltigkeit, Breite und Tiefe verteidigen, sondern genau die gleiche „ökonomistische“ Karikatur der bürgerlichen Kritiker des Marxismus. Das ist kein Marxismus, sondern, um Hegels Ausdruck zu verwenden, „die leblosen Knochen eines Skeletts“, worüber Lenin kommentierte: „Notwendig sind nicht ‚leblose Knochen‘, sondern das lebendige Leben.“ (Lenin-Werke, Bd. 38, Konspekt zu Hegels „Wissenschaft der Logik“)</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><h2><b><span data-contrast="auto">Lenin und Theorie</span></b><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></h2><p><span data-contrast="auto">Lenin betonte stets die Bedeutung der Theorie. Selbst in der anfänglichen, embryonalen Phase der Partei führte er einen unbarmherzigen Kampf gegen die Ökonomisten, die die enge Mentalität der „proletarischen Praktiker“ hatten und die Theorie als Bereich der Intellektuellen, nicht der Arbeiter, verachteten. Als Antwort auf diesen Unsinn schrieb Lenin:</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><blockquote><p><span data-contrast="auto">„Marx’ Ausspruch […]: ,Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme.‘ Diese Worte in einer Zeit der theoretischen Zerfahrenheit wiederholen ist dasselbe, als wolle man beim Anblick eines Leichenbegängnisses ausrufen: ,Mögen euch immer so glückliche Tage beschieden sein!‘ Zudem sind die Worte von Marx seinem Brief über das Gothaer Programm entnommen, in dem er den bei der Formulierung der Prinzipien zugelassenen Eklektizismus </span><i><span data-contrast="auto">scharf verurteilt</span></i><span data-contrast="auto">: Wenn man sich schon vereinigen mußte, schrieb Marx an die Parteiführer, so hätte man einfach eine Übereinkunft abschließen sollen, um praktische Ziele der Bewegung zu befriedigen, sich aber auf keinen Prinzipienschacher einlassen, keine theoretischen ,Zugeständnisse‘ machen dürfen. Das war Marx’ Gedanke, bei uns aber finden sich Leute, die in seinem Namen die Bedeutung der Theorie herabzusetzen suchen!</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben. Dieser Gedanke kann nicht genügend betont werden in einer Zeit, in der die zur Mode gewordene Predigt des Opportunismus sich mit der Begeisterung für die engsten Formen der praktischen Tätigkeit paart. Für die russische Sozialdemokratie aber wird die Bedeutung der Theorie noch durch drei Umstände erhöht, die man oft vergißt, nämlich: Erstens dadurch, daß sich unsere Partei eben erst herausbildet, erst ihr eigenes Gesicht herausarbeitet und die Auseinandersetzung mit den anderen Richtungen des revolutionären Denkens, die die Bewegung vom richtigen Wege abzulenken drohen, noch lange nicht abgeschlossen hat.“ (Was tun?, 1902)</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p></blockquote><p><span data-contrast="auto">Die Strömung der Ökonomisten stellte sich, wie Weitling und Bakunin, als „echte proletarische“ Tendenz dar, die gegen den schädlichen Einfluss der „intellektuellen Theoretiker“ kämpfte. Ein scharfer Bruch mit dieser Strömung, die in der Praxis „proletarische“ Demagogie mit reformistischer Gewerkschafterei verband, war die Voraussetzung für die Entstehung des Bolschewismus. Aber der Kampf um die Theorie gegen die „Praktiker“ war noch lange danach ein ständiges Anliegen.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Lenin schrieb 1908:</span><span data-contrast="auto"> </span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><blockquote><p><span data-contrast="auto">„Der ideologische Kampf des revolutionären Marxismus gegen den Revisionismus am Ausgang des 19. Jahrhunderts bedeutete nur eine Vorstufe zu den großen revolutionären Schlachten des Proletariats, das trotz aller Schwankungen und Schwächen des Spießbürgertums dem vollen Sieg seiner Sache entgegenschreitet.“ (Marxismus und Revisionismus, 1908)</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p></blockquote><p><span data-contrast="auto">In seinem Buch „Stalin</span><i><span data-contrast="auto">“</span></i><span data-contrast="auto"> beschreibt Trotzki ausführlich die Psychologie der bolschewistischen „Komiteemänner“, die ebenfalls die „Praktiker“-Mentalität hatten. Sie begingen eine ganze Reihe von Fehlern, weil sie nicht in der Lage waren, die wirkliche Bewegung der Arbeiter in den Jahren 1905–1906 zu verstehen. Der Grund für ihre Fehler (meist linksradikaler Natur) war ihr mangelndes Verständnis der Dialektik. Sie hatten eine völlig abstrakte und formalistische Vorstellung vom Parteiaufbau, die nicht mit der realen Bewegung der Arbeiter in Verbindung stand. Deshalb verließen die Bolschewiki 1905 zu Lenins Entsetzen die erste Sitzung des Sowjets in Petersburg, weil dieser sich weigerte, das Parteiprogramm anzunehmen.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Als Lenin sich 1908 in der Führung der bolschewistischen Fraktion, die von den Linksradikalen Bogdanow und Lunatscharski geleitet wurde, in der Minderheit befand, war er bereit, sich aufgrund einer Streitfrage in der marxistischen Philosophie abzuspalten. Es ist kein Zufall, dass er in dieser schwierigen Zeit, als die revolutionäre Strömung in Gefahr war, viel Zeit mit dem Schreiben eines Buches über Philosophie verbrachte: „Materialismus und Empiriokritizismus“.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Man könnte fragen, was Wladimir Iljitsch mit dem Schreiben solcher Bücher bezweckte. Welche mögliche Bedeutung kann das Studium der Schriften von Bischof Berkeley für die russischen Arbeiter haben? Man könnte auch fragen, warum Lenin es für notwendig hielt, sich wegen einer Frage der Philosophie von der Mehrheit der bolschewistischen Führer zu trennen. Aber Lenin verstand sehr gut den kausalen Zusammenhang zwischen Bogdanows Ablehnung des dialektischen Materialismus und der von der Mehrheit angenommenen linksradikalen Politik.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Während des Ersten Weltkriegs wandte sich Lenin wieder der Philosophie zu und machte ein tiefgründiges Studium von Hegel, das viele Jahre später als „Philosophische Hefte“ veröffentlicht wurde. Eines seiner letzten Werke war „Über die Bedeutung des streitbaren Materialismus“, in dem er erneut die Notwendigkeit des Studiums von Hegel betont:</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><blockquote><p><span data-contrast="auto">„Gewiss ist ein solches Studium, eine solche Auslegung und eine solche Propaganda der Hegelschen Dialektik außerordentlich schwierig, und die ersten Versuche in dieser Richtung werden zweifellos mit Fehlern behaftet sein. Aber nur der macht keine Fehler, der nichts tut. Gestützt auf die Marxsche Anwendung der materialistisch aufgefassten Dialektik Hegels, können und müssen wir diese Dialektik nach allen Seiten hin ausarbeiten, in der Zeitschrift Auszüge aus den Hauptwerken Hegels veröffentlichen und sie materialistisch auslegen, indem wir sie durch Musterbeispiele der Anwendung der Dialektik bei Marx kommentieren, ebenso aber auch durch Musterbeispiele der Dialektik auf dem Gebiet der ökonomischen und politischen Verhältnisse, wie sie uns die neueste Geschichte, besonders der moderne imperialistische Krieg und die Revolution, in so ungewöhnlich großer Anzahl bieten.“</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p></blockquote><p><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><h2><b><span data-contrast="auto">Trotzki und Theorie</span></b><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></h2><p><span data-contrast="auto">Trotzki widmete, wie Lenin, sein ganzes Leben der kompromisslosen Verteidigung der marxistischen Theorie. In seinem ausgezeichneten Artikel über Engels betont er dessen akribische Haltung zur Theorie:</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><blockquote><p><span data-contrast="auto">„Er las für gewöhnlich die wichtigsten Artikelentwürfe des sehr produktiven Kautsky und jeder seiner Kritik-Briefe beinhaltet wertvolle Vorschläge, die das Ergebnis ernsthaften Nachdenkens und manchmal auch eigener Forschungsarbeit sind. Kautskys bekanntes Werk ,Die Klassengegensätze von 1789‘, das in fast alle Sprachen der zivilisierten Menschheit übersetzt wurde, scheint ebenfalls durch das intellektuelle Labor von Engels gegangen zu sein. Sein langer Brief über die sozialen Gruppierungen in der Epoche der großen Revolution des 18. Jahrhunderts – wie auch zur Anwendung der materialistischen Methode auf geschichtliche Ereignisse – gehört zu den großartigsten Dokumenten des menschlichen Geisteslebens. Es handelt sich um einen zu gedrängten Text, und jede darin enthaltene Formel setzt ein viel zu großes Wissen voraus, als dass er weite Verbreitung finden könnte; doch dieses Dokument, das so lange nicht zugänglich war, wird stets nicht nur eine Quelle theoretischer Schulung bleiben, sondern wird auch allen, die sich ernsthaft mit der Dynamik der Klassenbeziehungen in einer revolutionären Epoche sowie mit den generellen Problemen im Zusammenhang mit der materialistischen Interpretation geschichtlicher Ereignisse auseinandersetzen wollen, eine ästhetische Freude bescheren.“ (Trotzki, Engels‘ Briefe an Kautsky, 1935)</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p></blockquote><p><span data-contrast="auto">In allen Werken Trotzkis finden wir eine weitreichende Sichtweise und ein breites Interesse, nicht nur an Geschichte, sondern an Kunst, Literatur und Kultur im Allgemeinen. Vor dem Ersten Weltkrieg schrieb er Artikel über Kunst und über Schriftsteller wie Tolstoi und Gogol. Nach der Oktoberrevolution schrieb er ausführlich über Kunst und Literatur. Sein Buch „Literatur und Revolution“ ist ein Produkt dieser Zeit.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">1923 schrieb er: „Die Literatur verleiht mit ihren Methoden und Verfahren, die mit ihren Wurzeln in die entfernteste Vergangenheit zurückreichen und die angesammelte Erfahrung in der sprachlichen Meisterschaft darstellen, den Gedanken, Gefühlen, Stimmungen, Anschauungen und Hoffnungen ihrer Epoche und ihrer Klasse Ausdruck.“ (Trotzki, Literatur und Revolution) Mitten in der stürmischen Periode der Revolution und Konterrevolution in den 1930er Jahren fand er Zeit, über Literatur und Kunst zu schreiben. 1934, kurz nach der deutschen Katastrophe, schrieb er eine Rezension zu Ignazio Silones Roman „Fontamara“. 1938 verfasste er das Manifest für eine unabhängige revolutionäre Kunst zusammen mit dem surrealistischen Schriftsteller André Breton.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Wir können uns die Empörung des pseudo-marxistischen Philisters vorstellen: „Was ist das? Genosse Trotzki verschwendet seine Zeit in diesem revolutionären Moment der Geschichte damit, über Kunst zu schreiben? Was hat Kunst mit dem Proletariat und dem Klassenkampf zu tun?“ Der Philister schüttelt traurig den Kopf und schlussfolgert, dass Genosse Trotzki nicht mehr der Mann ist, der er einmal war. „Das ist nicht der Trotzki des ,Übergangsprogramms</span><i><span data-contrast="auto">‘</span></i><span data-contrast="auto">! Der alte Mann scheint seine geistigen Fähigkeiten zu verlieren!“ Ja, wir können es uns gut vorstellen!</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">In einem Moment, als Europa von Revolution und Konterrevolution erschüttert wurde, als seine Unterstützer ermordet wurden und die Vierte Internationale um ihr Überleben kämpfte, warum fand Trotzki Zeit, sich solchen Fragen wie Kunst und Literatur zu widmen? Wenn wir diese Frage beantwortet haben, werden wir den Unterschied zwischen echtem Marxismus, echter proletarischer Revolution und der oberflächlichen Karikatur, die in einigen Kreisen als Marxismus durchgeht, erkennen.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><h2><b><span data-contrast="auto">„Reine Theoretiker“</span></b><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></h2><p><span data-contrast="auto">Während des Fraktionskampfes, der zur Spaltung in Militant führte, sagte die Mehrheitsfraktion, dass Ted Grant und Alan Woods „reine Theoretiker“ seien. Dieser abgedroschene Ausdruck sagt alles, was über diese Strömung gesagt werden muss. Jahrzehntelang hatten wir unser Leben dem Aufbau der Strömung gewidmet, die sich als die erfolgreichste trotzkistische Bewegung seit der russischen Linken Opposition herausstellte. Ausgehend von einer sehr kleinen Gruppe in den frühen 1960er Jahren, gelang es uns, eine große Organisation mit soliden Wurzeln in der Arbeiterbewegung aufzubauen.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">All diese Erfolge waren das Ergebnis jahrelanger geduldiger Arbeit. Letztlich waren sie das Ergebnis der richtigen Ideen, Methoden und Perspektiven, die von Ted Grant, diesem großen marxistischen Denker, erarbeitet wurden. Ted war allen seinen Zeitgenossen haushoch überlegen. Er war tief in der marxistischen Theorie verwurzelt und kannte die Werke von Marx, Engels, Lenin und Trotzki wie seine Hosentasche.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Als Ted Grant und ich aus Militant ausgeschlossen wurden, befanden wir uns in einer schwierigen Lage. Die Mehrheit hatte einen riesigen Apparat, viel Geld und ein Team von etwa 200 Hauptamtlichen. Wir hatten nicht einmal eine Schreibmaschine. Doch Ted und ich machten uns keine Sorgen. Wir hatten die Ideen des Marxismus, und das war alles, was zählte. Meine gesamte Erfahrung hat mich überzeugt, dass man, wenn man die richtigen Ideen hat, immer einen Apparat aufbauen kann. Aber das Gegenteil ist nicht wahr. Man kann den größten Apparat der Welt haben, aber wenn man auf der Grundlage falscher Theorien und Methoden arbeitet, wird man scheitern.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Wir betrachteten die Lage und kamen zu dem Schluss, dass in der damaligen Situation, besonders nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, unsere dringendste Aufgabe darin bestand, die grundlegenden Ideen und Theorien des Marxismus zu verteidigen. Das erste Ergebnis war das Buch „Aufstand der Vernunft: Marxistische Philosophie und moderne Wissenschaft“. Unsere ehemaligen Genossen lachten herzlich über dieses Buch. Ihr sarkastischer Kommentar war: „Seht ihr! Ted und Alan haben die Politik aufgegeben, um Bücher über Philosophie zu schreiben!“ Das war ihre Haltung zur marxistischen Theorie – eine Haltung, die in der Tradition von Weitling und den bolschewistischen Komiteemännern steht, aber keineswegs in der von Marx, Engels, Lenin und Trotzki.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Früher oder später schlagen Fehler in der Theorie in eine Katastrophe in der Praxis um. Die ehemalige Mehrheit hat den Preis für ihre Fehler bezahlt. Was früher eine mächtige Strömung mit ernsthaften Wurzeln in der Arbeiterbewegung war, ist zu einem Schatten ihres früheren Selbst geworden. Auf der anderen Seite spielte „Aufstand der Vernunft</span><i><span data-contrast="auto">“</span></i><span data-contrast="auto"> eine Schlüsselrolle im Aufbau der International Marxist Tendency – heute Revolutionäre Kommunistische Internationale. Es wurde in viele Sprachen übersetzt und von vielen Arbeitern, Sozialisten, Kommunisten und Gewerkschaftern gelobt.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Wie können wir das erklären? Die fortgeschrittenen Arbeiter und die Jugend haben einen Durst nach Ideen und Theorie. Sie wollen verstehen, was in der Gesellschaft vor sich geht. Sie fühlen sich nicht von Strömungen angezogen, die ihnen nur sagen, was sie bereits wissen: dass der Kapitalismus in der Krise steckt, dass es Arbeitslosigkeit gibt, dass sie in schlechten Häusern leben, niedrige Löhne verdienen und so weiter. Ernsthafte Menschen wollen wissen, warum die Dinge so sind, wie sie sind, was in Russland passiert ist, was der Marxismus ist und andere theoretische Fragen. Deshalb ist Theorie kein optionales Extra, wie die „Praktiker“ sich vorstellen, sondern ein wesentliches Werkzeug des revolutionären Kampfes.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><h2><b><span data-contrast="auto">Die Arbeiter und die Kultur</span></b><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></h2><p><span data-contrast="auto">Es ist eine Verleumdung des Proletariats zu sagen, dass die Arbeiter sich nicht für die großen Fragen der Kultur, Geschichte, Philosophie usw. interessieren. In meiner langjährigen Erfahrung habe ich festgestellt, dass unter den Arbeitern weit mehr echtes Interesse an Ideen besteht als in vielen der sogenannten kultivierten Mittelklassen. Ich erinnere mich an eine lange Zeit zurück, als ich Vorträge für Arbeiter in meiner Heimat Südwales hielt und einmal auf einen Metallarbeiter stieß, der sich selbst Portugiesisch beigebracht hatte, um die Werke eines brasilianischen Dichters zu lesen, von dem ich noch nie gehört hatte.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Die Vorstellung, dass Arbeiter kein Interesse an Kultur hätten, kommt fast immer von kleinbürgerlichen Intellektuellen, die keine Ahnung von der Arbeiterklasse haben und die Arbeiter mit dem Lumpenproletariat verwechseln. Sie verachten daher die Arbeiterklasse und zeigen ihren eigenen bürgerlichen Snobismus gegenüber den arbeitenden Menschen. Diese Art von Menschen will sich bei den Arbeitern einschmeicheln, indem sie Arbeitskleidung trägt und versucht, einen Akzent der „Arbeiterklasse“ zu imitieren. Sie benutzen eine vulgäre Sprache, um sich als Proletarier zu profilieren.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Ich habe zu viele Fälle von angeblich gebildeten Marxisten gesehen, die denken, es sei klug, die Sprache und Gewohnheiten des Lumpenproletariats nachzuahmen, in der Annahme, dass dies ihnen mehr Glaubwürdigkeit als „echte Arbeiter“ verleiht. Tatsächlich verwenden Arbeiter solche Sprache normalerweise nicht zu Hause oder in höflicher Gesellschaft. Die Nachahmung des Verhaltens der niedrigsten und am meisten degradierten Schichten der Arbeiter und Jugend ist eines Marxisten unwürdig, und noch viel weniger eines, der als Führer angesehen werden will. In seinem wunderbaren Artikel „Der Kampf um kultivierte Sprache</span><i><span data-contrast="auto">“</span></i><span data-contrast="auto"> beschrieb Trotzki solche Sprache als das Kennzeichen einer Sklavenmentalität, die Revolutionäre nicht nachahmen, sondern zu beseitigen versuchen sollten.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">In diesem Artikel, der 1923 geschrieben wurde, lobt Trotzki die Arbeiter in der Schuhfabrik „Pariser Kommune“ dafür, dass sie eine Resolution verabschiedet haben, die das Fluchen untersagt und Geldstrafen für vulgäre Sprache verhängt. Der Führer der Oktoberrevolution betrachtete dies nicht als unbedeutendes Detail, sondern als eine sehr wichtige Manifestation des Strebens der Arbeiterklasse, sich von der Sklavenmentalität zu befreien und nach einem höheren kulturellen Niveau zu streben. „Schimpfwörter und Flüche sind ein Erbe der Sklaverei, der Erniedrigung und der Missachtung der Menschenwürde – der eigenen und der anderer Menschen.“ Das schrieb der Führer der Oktoberrevolution.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Es gibt viele verschiedene Schichten in der Arbeiterklasse, die unterschiedliche Lebensrealitäten und Erfahrungen widerspiegeln. Die fortschrittlichsten Schichten des Proletariats sind in Gewerkschaften und Arbeiterparteien aktiv. Sie streben nach einem besseren Leben. Sie interessieren sich lebhaft für Ideen und Theorie und bemühen sich, sich weiterzubilden. Diese Bestrebungen sind eine Garantie für die sozialistische Zukunft, wenn Männer und Frauen nicht nur die physischen Fesseln gebrochen haben, die sie fesseln, sondern auch die psychologischen, die sie an eine barbarische Vergangenheit binden.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Trotzki betonte die Bedeutung des Kampfes um kultivierte Sprache: „Der Kampf um Bildung und Kultur wird den fortgeschrittenen Elementen der Arbeiterklasse alle Ressourcen der russischen Sprache in ihrer extremen Fülle, Subtilität und Raffinesse zur Verfügung stellen.“</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Er erklärt, die Revolution sei „in erster Linie ein Erwachen der menschlichen Persönlichkeit in den Massen, die dazu bestimmt waren, keine Persönlichkeit zu besitzen.“ Sie ist „vor allem das Erwachen der Menschlichkeit, ihr Voranschreiten, und ist gekennzeichnet durch eine wachsende Achtung vor der persönlichen Würde jedes Einzelnen mit einer immer größeren Sorge um die Schwachen.“ (ebd.)</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Die sozialistische Transformation bedeutet nicht nur die Eroberung der Macht: Das ist nur der erste Schritt. Die wirkliche Revolution – der Sprung der Menschheit aus dem Reich der Notwendigkeit ins Reich der Freiheit – muss noch vollzogen werden. Engels wies darauf hin, dass in jeder Gesellschaft, in der Kunst, Wissenschaft und Regierung das Monopol einer Minderheit sind, diese Minderheit ihre Position nutzen und missbrauchen wird, um die Gesellschaft in Knechtschaft zu halten.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Wenn wir Zugeständnisse an das niedrige Bewusstseinsniveau der rückständigsten und ungebildeten Schichten der Arbeiterklasse machen, helfen wir nicht, ihr Bewusstsein auf das Niveau der von der Geschichte gestellten Aufgaben zu heben. Im Gegenteil, wir helfen</span><span data-contrast="auto">,</span><span data-contrast="auto"> es zu senken</span><span data-contrast="auto">,</span><span data-contrast="auto"> und dies wird immer rückschrittliche und reaktionäre Konsequenzen haben. Wir können die Diskussion wie folgt zusammenfassen: Fortschrittlich und revolutionär ist das, was dazu dient, das Bewusstsein des Proletariats zu heben. Reaktionär ist das, was dazu neigt, es zu senken.</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><p><span data-contrast="auto">Marxisten müssen an vorderster Front der Arbeiterklasse stehen, die darum kämpft, die Gesellschaft zu verändern. Unsere Aufgabe ist es, die Kader der zukünftigen sozialistischen Revolution zu bilden und zu schulen. Um diese Aufgabe zu erfüllen, müssen wir auf dem stehen, was positiv, fortschrittlich und revolutionär ist, und entschieden alles ablehnen, was rückständig, ignorant und primitiv ist. Wir haben unser Ziel auf einen sehr hohen Horizont gerichtet. Wir müssen das Blickfeld der Arbeiterklasse, beginnend mit den fortschrittlichsten Elementen, auf den Horizont lenken, von dem Trotzki in „Literatur und Revolution</span><i><span data-contrast="auto">“</span></i><span data-contrast="auto"> sprach:</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p><blockquote><p><span data-contrast="auto">„Bis zu welchem Ausmaß der Selbstbeherrschung der Mensch der Zukunft es bringen wird – das ist ebenso schwer vorauszusehen wie jene Höhen, zu denen er seine Technik führen wird. Der gesellschaftliche Aufbau und die psychisch-physische Selbsterziehung werden zu zwei Seiten ein und desselben Prozesses werden. Die Künste: Wortkunst, Theater, bildende Kunst, Musik und Architektur – werden diesem Prozess eine herrliche Form verleihen. Genauer gesagt: jene Hülle, in die sich der Prozess des kulturellen Aufbaus und der Selbsterziehung des kommunistischen Menschen kleiden wird, wird alle Lebenselemente der gegenwärtigen Künste bis zur höchsten Leistungsfähigkeit entfalten. Der Mensch wird unvergleichlich viel stärker, klüger und feiner; sein Körper wird harmonischer, seine Bewegungen werden rhythmischer und seine Stimme wird musikalischer werden. Die Formen des Alltagslebens werden dynamische Theatralität annehmen. Der durchschnittliche Menschentyp wird sich bis zum Niveau des Aristoteles, Goethe und Marx erheben. Und über dieser Gebirgskette werden neue Gipfel aufragen.“</span><span data-ccp-props="{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:1,&quot;335551620&quot;:1,&quot;335559738&quot;:240,&quot;335559739&quot;:240,&quot;335559740&quot;:360}"> </span></p></blockquote>								</div>
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		<title>Erobere dir die Macht der marxistischen Ideen!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Alexander Kalabekow]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 08 Jul 2024 09:37:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Zu Erkenntnis gelangt nur derjenige, der die Welt verändern will. Karl Marx erklärt in seiner zweiten These über Feuerbach: „Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme – ist [&#8230;]</p>
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									<p>Zu Erkenntnis gelangt nur derjenige, der die Welt verändern will. Karl Marx erklärt in seiner zweiten These über Feuerbach:</p><blockquote><p>„Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme – ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muss der Mensch die Wahrheit, i.e. die Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit des Denkens – das von der Praxis isoliert ist – ist eine rein scholastische Frage.“</p></blockquote><p>Wirkliche Erkenntnis ist abgesichert durch Jahrhunderte und Jahrtausende gesellschaftlicher Praxis. Dieses Wissen erlaubt es uns, mit dem James-Webb-Weltraumteleskop in die Unendlichkeit des Universums zu blicken sowie mit dem Teilchenbeschleuniger in die umgekehrte Unendlichkeit der Materie. Mit jedem technologischen Fortschritt entschlüsselt die Menschheit weitere Probleme und „Geheimnisse“.</p><p>Mit Erkenntnis schafft die Menschheit ihre Mittel, die Welt für sich nutzbar zu machen. Friedrich Engels sagt in seinem Buch „Anti-Dühring“:</p><blockquote><p>„Nicht in der geträumten Unabhängigkeit von den Naturgesetzen liegt die Freiheit, sondern in der Erkenntnis dieser Gesetze, und in der damit gegebnen Möglichkeit, sie planmäßig zu bestimmten Zwecken wirken zu lassen. Es gilt dies mit Beziehung sowohl auf die Gesetze der äußern Natur, wie auf diejenigen, welche das körperliche und geistige Dasein des Menschen selbst regeln – zwei Klassen von Gesetzen, die wir höchstens in der Vorstellung, nicht aber in der Wirklichkeit voneinander trennen können. Freiheit des Willens heißt daher nichts andres als die Fähigkeit, mit Sachkenntnis entscheiden zu können. Je freier also das Urteil eines Menschen in Beziehung auf einen bestimmten Fragepunkt ist, mit desto größerer Notwendigkeit wird der Inhalt dieses Urteils bestimmt sein; während die auf Unkenntnis beruhende Unsicherheit, die zwischen vielen verschiednen und widersprechenden Entscheidungsmöglichkeiten scheinbar willkürlich wählt, eben dadurch ihre Unfreiheit beweist, ihr Beherrschtsein von dem Gegenstande, den sie grade beherrschen sollte. Freiheit besteht also in der auf Erkenntnis der Naturnotwendigkeiten gegründeten Herrschaft über uns selbst und über die äußere Natur; sie ist damit notwendig ein Produkt der geschichtlichen Entwicklung.“</p></blockquote><p>Aber das gesellschaftliche Wissen steht nicht der gesamten Menschheit zur freien Verfügung. Es wird von einer reichen Minderheit kontrolliert. Diese besitzt die Unternehmen und Banken und nutzt das Wissen nur insoweit, wie es ihren Profitgier befriedigt. In der Klassengesellschaft ist Wissen Macht über Menschen. Macht über das Wissen hat, wer die Produktionsmittel besitzt.</p><p>Das hindert die Menschheit daran, ihr Wissen kollektiv für die Befriedigung der gesellschaftlichen Bedürfnisse zu nutzen. Die Ausgebeuteten und Unterdrückten sind davon ausgeschlossen, die Kultur umfassend zu entwickeln.</p><h2>Ideen der Herrschenden</h2><p>Dieses Kulturmonopol der Herrschenden hat einen Nachteil für die Wissenschaft. In dem Buch „Die deutsche Ideologie“ schreiben Marx und Engels:</p><blockquote><p>„Die Teilung der Arbeit wird erst wirklich Teilung von dem Augenblicke an, wo eine Teilung der materiellen und geistigen Arbeit eintritt. Von diesem Augenblicke an kann sich das Bewußtsein wirklich einbilden, etwas Andres als das Bewußtsein der bestehenden Praxis zu sein, wirklich etwas vorzustellen, ohne etwas Wirkliches vorzustellen – von diesem Augenblicke an ist das Bewußtsein imstande, sich von der Welt zu emanzipieren und zur Bildung der ‚reinen‘ Theorie, Theologie, Philosophie, Moral etc. überzugehen.“</p></blockquote><p>Diese Absonderung der Theorie von der Praxis und die Monopolisierung des Wissens bringen die reaktionärste Ideologie hervor: den Postmodernismus – der moderne Höhepunkt des philosophischen Subjektivismus und Idealismus. Diese Ideologie sagt, dass man nichts über die Welt wissen kann – allem voran nicht über die Gesellschaft.</p><p>Die herrschende Klasse hat kein Interesse daran, dass die Massen verstehen, wie die Gesellschaft funktioniert, sonst wäre der Kapitalismus längst überwunden. Deshalb bringen die Universitäten keine Erkenntnisse über die Gesellschaft hervor, sondern verschleiern die wirklichen Verhältnisse mit neuen Mythen.</p><h2>Revolutionäre Ideen</h2><p>Diese Schleier lassen sich mit den richtigen Ideen und Methoden lüften. Karl Marx formulierte mit der 11. These über Feuerbach einen Schlachtruf: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt drauf an, sie zu verändern.“</p><p>Hier beginnt die Geschichte des wissenschaftlichen Sozialismus, der größten philosophischen Revolution. Lenin schreib über den Marxismus:</p><blockquote><p>„Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist. Sie ist in sich geschlossen und harmonisch, sie gibt den Menschen eine einheitliche Weltanschauung, die sich mit keinerlei Aberglauben, keinerlei Reaktion, keinerlei Verteidigung bürgerlicher Knechtung vereinbaren läßt. Sie ist die rechtmäßige Erbin des Besten, was die Menschheit im 19. Jahrhundert in Gestalt der deutschen Philosophie, der englischen Ökonomie und des französischen Sozialismus hervorgebracht hat.“</p></blockquote><p>Der philosophische Kern des Marxismus – der Dialektische Materialismus – ist der bisherige Höhepunkt wissenschaftlichen Denkens. Es ist die fortschrittlichste Philosophie und das Werkzeug, mit dem die Kommunisten die Welt verändern können. Mit dieser Methode lassen sich alle Geheimnisse der Gesellschaft, ihre Bewegungsgesetze, entschlüsseln. Das gibt der revolutionären Partei und jedem Kommunisten die Möglichkeit, die „Gesetzmäßigkeit der Ereignisse [zu] erkennen und in dieser Gesetzmäßigkeit seinen Platz [zu] finden“, wie es Trotzki in „Mein Leben“ ausdrückte.</p><p>Ein bewusster Kommunist strebt danach, die Philosophie des Marxismus anwenden zu können, um nicht von all den unerwarteten Ereignissen und den plötzlichen Wendungen des Klassenkampfes desorientiert zu werden. Trotzki schreibt weiter:</p><blockquote><p>„Später wurde das Gefühl der Überlegenheit des Ganzen über das Detail ein unzertrennliches Stück meines schriftstellerischen Schaffens und meiner politischen Betätigung. Der stumpfsinnige Empirismus, das Anbeten des mitunter nur eingebildeten oder falsch verstandenen Faktums waren mir verhaßt. Ich suchte für die Fakten Gesetze. Das führte natürlich manchmal zu voreiligen und unrichtigen Verallgemeinerungen, besonders in meiner Jugend, als mir die Verallgemeinerungen sowohl das Buchwissen wie die Lebenserfahrung fehlten. Aber auf allen Gebieten ohne Ausnahme konnte ich mich nur dann frei bewegen und handeln, wenn ich den Faden des Ganzen in der Hand hielt.“</p></blockquote><h2>Historische Notwendigkeit</h2><p>Wer die Bewegungsgesetze der kapitalistischen Gesellschaft versteht, kann der Pflicht jedes Kommunisten nachkommen, der Arbeiterklasse dabei zu helfen, ihren historischen Auftrag zu erfüllen. Diesen Auftrag hat Engels im „Anti-Dühring“ so beschrieben:</p><blockquote><p>„Mit der Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die Gesellschaft ist die Warenproduktion beseitigt und damit die Herrschaft des Produkts über die Produzenten. Die Anarchie innerhalb der gesellschaftlichen Produktion wird ersetzt durch planmäßige bewußte Organisation. Der Kampf ums Einzeldasein hört auf. Damit erst scheidet der Mensch, in gewissem Sinn, endgültig aus dem Tierreich, tritt aus tierischen Daseinsbedingungen in wirklich menschliche. Der Umkreis der die Menschen umgebenden Lebensbedingungen, der die Menschen bis jetzt beherrschte, tritt jetzt unter die Herrschaft und Kontrolle der Menschen, die nun zum ersten Male bewußte, wirkliche Herren der Natur, weil und indem sie Herren ihrer eignen Vergesellschaftung werden. Die Gesetze ihres eignen gesellschaftlichen Tuns, die ihnen bisher als fremde, sie beherrschende Naturgesetze gegenüberstanden, werden dann von den Menschen mit voller Sachkenntnis angewandt und damit beherrscht. Die eigne Vergesellschaftung der Menschen, die ihnen bisher als von Natur und Geschichte oktroyiert gegenüberstand, wird jetzt ihre eigne freie Tat. Die objektiven, fremden Mächte, die bisher die Geschichte beherrschten, treten unter die Kontrolle der Menschen selbst. Erst von da an werden die Menschen ihre Geschichte mit vollem Bewußtsein selbst machen, erst von da an werden die von ihnen in Bewegung gesetzten gesellschaftlichen Ursachen vorwiegend und in stets steigendem Maße auch die von ihnen gewollten Wirkungen haben. Es ist der Sprung der Menschheit aus dem Reiche der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit.“</p></blockquote><h2>Das eigene Denken revolutionieren</h2><p>Der Marxismus ist eine Wissenschaft und gibt auf alle Fragen der Gesellschaft und auch darüber hinaus Antworten. Das macht das Studium dieser Ideen zu einer Lebensaufgabe. Mit etwas muss man beginnen – am besten bei den Grundlagen. Trotzki gab jungen Marxisten einen Ratschlag:</p><blockquote><p>„In der ideologischen Sphäre, genau wie in der ökonomischen, ist die Phase der primitiven Akkumulation die schwierigste und mühsamste. Und erst wenn man bestimmte Grundelemente des Wissens und vor allem Elemente der theoretischen Fertigkeit (Methode) genau beherrscht, sie sozusagen in Fleisch und Blut der eigenen geistigen Tätigkeit übergegangen sind, wird es leichter, mit der Literatur nicht nur in den vertrauten Gebieten, sondern auch in benachbarten und noch weiter entfernten Wissensgebieten Schritt zu halten, denn die Methode ist schließlich universell.“</p></blockquote><p>Leg heute los. Greif zu einem der nachfolgenden Themen und studiere es gründlich. Gemeinsam eignen wir uns die Macht der marxistischen Ideen an, damit wir die sozialistische Weltrevolution noch in unserem Leben zum Erfolg führen!</p>								</div>
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		<title>„Wo bleibt die Revolution?“ Die Notwendigkeit einer revolutionären Führung!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Alan Woods]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 15 Apr 2023 16:18:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In diesem Artikel stellt Alan Woods eine für Revolutionäre äusserst bedeutsame Frage: Wenn der Kapitalismus sich in seinem Niedergang befindet, wieso wurde dieses System noch nicht gestürzt? Bei der Beantwortung [&#8230;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph">In diesem Artikel stellt <strong>Alan Woods</strong> eine für Revolutionäre äusserst bedeutsame Frage: Wenn der Kapitalismus sich in seinem Niedergang befindet, wieso wurde dieses System noch nicht gestürzt? Bei der Beantwortung dieser Frage untersucht er die Gesetze, die Revolutionen und die Entwicklung des Bewusstseins bestimmen, und die entscheidende Rolle, die der subjektive Faktor der revolutionären Führung in diesem Prozess spielt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Die Menschen machen eine Revolution wie auch einen Krieg nicht gern. Der Unterschied jedoch ist, dass im Kriege die entscheidende Rolle der Zwang spielt; in der Revolution gibt es keinen Zwang, sieht man vom Zwang der Verhältnisse ab. Eine Revolution geschieht dann, wenn kein anderer Weg übrigbleibt.” (Leo Trotzki, Die Geschichte der Russischen Revolution. Oktoberrevolution. Kapitel 20. Die Kunst des Aufstands)</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Wenn der Zeitpunkt erreicht ist, wird´s drüben kolossal rasch und energisch gehn, aber bis dahin kann´s noch etwas dauern.”<em>Friedrich Engels, 24. Oktober 1891</em></p>
</blockquote>



<h3 class="wp-block-heading" id="alles-was-existiert-verdient-dass-es-zugrunde-geht">„Alles was existiert, verdient, dass es zugrunde geht“</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Hegel erklärte, dass alles, was existiert, verdient, dass es zugrunde geht. Mit anderen Worten: Alles, was existiert, trägt in sich den Keim seiner eigenen Zerstörung. Das ist tatsächlich der Fall. Lange Zeit schien es, als würde der Kapitalismus bis in alle Ewigkeit bestehen. Der Status quo wurde von den meisten Menschen unhinterfragt hingenommen. Die bürgerlichen Institutionen machten einen unerschütterlichen Eindruck. Und selbst die schwersten Krisen konnten gelöst werden und hinterliessen auf den ersten Blick keine sichtbaren Spuren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch der Schein trügt. Die Dialektik lehrt uns, dass sich Dinge in ihr Gegenteil verkehren. Nach einer langen Periode der politischen Stagnation stellen die Entwicklungen der letzten Jahre, ausgehend von der Krise von 2008, einen grundlegenden Wendepunkt auf globaler Ebene dar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Wirklichkeit haben sich die Bürgerlichen seither noch immer nicht von dieser Krise erholt. Wir haben damals betont, dass jeder Versuch der Bourgeoisie, das ökonomische Gleichgewicht wiederherzustellen, nur dazu beitragen wird, das soziale und politische Gleichgewicht zu zerstören. Und diese Aussage hat sich seither auf Punkt und Beistrich bestätigt. Die Bürgerlichen haben verzweifelte Massnahmen zur Lösung der Krise gesetzt und die Staatsausgaben in einem noch nie gesehenen Ausmass erhöht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als 2020 mit Ausbruch der Corona-Pandemie die Weltwirtschaft in die Rezession schlitterte, wurde diese Politik in noch grösserem Umfang wiederholt. Damit konnte ein unmittelbarer Zusammenbruch der Wirtschaft vermieden werden, aber nur zu exorbitant hohen Kosten. Dadurch wurden neue, und zwar unlösbare Widersprüche angehäuft, die nun überall zum Vorschein kommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das System wurde mit enormen Staatsausgaben gerettet, und das gegen den bisherigen Konsens im bürgerlichen Lager, nach dem sich der Staat nicht in den Markt einmischen soll. Aber wie ein altes Sprichwort so schön sagt: Geld wächst nicht auf Bäumen. Diese Ausgabenorgie, bei der riesige Geldsummen aufgewendet wurden, die man gar nicht hatte, liess die Schuldenberge auf ein gigantisches Niveau anwachsen. Die Gesamtverschuldung weltweit beträgt mittlerweile 300 Billionen $.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Friedenszeiten gab es noch nie eine vergleichbare Entwicklung. Zwar gab die herrschende Klasse im Zweiten Weltkrieg vergleichbare Summen aus, die in der langen Phase des Nachkriegsaufschwungs wieder &nbsp;hereingeholt wurden. Das war aber nur dank der sehr speziellen Verkettung besonderer Umstände möglich, die es heute nicht gibt und die sich in der Zukunft höchstwahrscheinlich auch nicht wiederholen werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der unvermeidliche Effekt dieses Schuldenbergs ist ein Anstieg der Inflation, der sich nun in steigenden Preisen für Benzin, Gas, Strom und Konsumgüter spürbar macht und vor allem die Einkommensschwachen schwer trifft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Konsequenz wird eine neue Periode wirtschaftlicher, sozialer und politischer Instabilität sein. Die Massenproteste in Kasachstan Anfang des Jahres waren ein erster Warnschuss. Was wir dort gesehen haben, kann sich jederzeit in anderen Ländern wiederholen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die gegenwärtige Krise ist nicht nur eine Wirtschafts- und Finanzkrise, sondern hat auch eine soziale und politische, ja sogar eine moralische und psychologische Dimension. Und diese Krise zeichnet sich dadurch aus, dass alle Länder von einer beispiellosen Instabilität erfasst werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das kapitalistische System ist durch die schwerste Wirtschaftskrise seiner 300jährigen Geschichte gegangen. Das müssen sich alle ernsthaften Kapitalstrategen eingestehen. Dazu kommt, dass im Zuge der Pandemie Millionen Menschen ihr Leben verloren haben. Und diese Pandemie ist entgegen den Behauptungen der Bürgerlichen noch nicht zu Ende.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei diesem Faktengemenge sollte es doch auf der Hand liegen, dass die objektiven Bedingungen für eine sozialistische Revolution bereits jetzt weltweit existieren. Und das stimmt auch. Allgemein betrachtet kann man sagen, dass dies schon seit sehr langer Zeit der Fall ist. Doch marxistische Perspektiven erschöpfen sich nicht im Postulieren von Allgemeinheiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir dürfen uns nicht damit begnügen, einfach nur die allgemeine Feststellung von der Unvermeidlichkeit der sozialistischen Revolution zu wiederholen. Man muss auch erklären können, warum diese Aussage korrekt ist. Hegel wies darauf hin, dass es die Aufgabe der Wissenschaft ist, nicht nur möglichst viele Detailinformationen anzuhäufen, sondern eine rationale Einsicht zu erlangen. Genau darin liegt auch die Aufgabe von Marxisten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nur zu oft zitieren Linke und selbst einige Marxisten endlos ökonomische Statistiken, die man auf den Seiten der bürgerlichen Presse leicht nachlesen kann. Ihre Ausführungen schliessen sie dann ab mit der Feststellung, dass „der Sozialismus die einzige Antwort ist“ oder dergleichen. Das mag durchaus stimmen, aber diese Schlussfolgerung wurzelt nicht in der Liste von Zahlen und Fakten und ist daher auch nur von geringem Wert. Eine derart mechanische Methode lässt vielmehr auf geistige Faulheit schliessen und löst bei der Zuhörerschaft eher Langeweile und Ungeduld aus, weil sie diese Argumente nur zu oft schon gehört haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Abstrakte Formeln und Schemata werden uns nicht helfen, die Realität der Epoche, die wir gerade durchleben, konkret zu erfassen. Und die reine Wiederholung der Feststellung, der Kapitalismus sei in einer Krise, verliert durch ständige Wiederholung seine Aussagekraft und Bedeutung und wird zu einer leeren Worthülse.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir müssen die Situation in all ihren Entwicklungsstufen konkret verfolgen und analysieren. Und wir sind gezwungen, eine Frage, die sich wohl viele Menschen stellen müssen, zu beantworten: „Gut, ihr Marxisten sagt, dass sich das kapitalistische System in der Krise befindet. Und ganz offensichtlich ist das auch der Fall. Aber warum gab es dann noch keine Revolution?”</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frage mag auf den ersten Blick naiv erscheinen. Sie stellt aber ein zentrales Problem dar, das wir nicht unterschätzen sollten. Jedenfalls verdient diese Frage eine sorgfältige Erörterung. Wenn wir uns ehrlich sind, dann stellen sich sogar einige, die sich selbst als Marxisten sehen, diese Frage: Warum haben sich die Massen nicht schon längst erhoben, wenn die Krise doch so tief ist?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich beziehe mich dabei vor allem auf diese sogenannten Aktivisten, die sich durch eine verächtliche Haltung gegenüber der Bedeutung von Ideen und Theorie auszeichnen, und die glauben, sie könnten die Massen zur Aktion anstacheln, indem sie selbst wie kopflose Hühner herumlaufen und laut „Revolution“ rufen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich kann mich noch gut an diese schwärmerischen Studentenführer in Paris im Mai 1968 erinnern, und ich sehe, was aus ihnen geworden ist: dickbäuchige, selbstzufriedene Bürgerliche, die sich über alle Revolutionäre lustig machen und auf ihre eigene Vergangenheit spucken. Ich muss gestehen, dass ich über diesen Wandel nicht sonderlich überrascht war. Welchen Weg sie einschlagen würden, konnte man schon im Mai 1968 erahnen. Sie haben damals schon nicht viel verstanden, und heute verstehen sie noch weniger.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese „Aktivisten“ zeichnen sich durch Ungeduld gegenüber den Massen aus, und wenn ihre ständig wiederholten „revolutionären“ Slogans – die an die gemurmelten Beschwörungsformeln eines müden, alten Priesters erinnern – nicht die gewünschten Resultate zeitigen, geben sie der Arbeiterklasse die Schuld, sind demoralisiert und ziehen sich aus der politischen Aktivität zurück. Gedankenloser Aktivismus und ohnmächtige Apathie sind nur zwei Seiten derselben Medaille. &nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist nicht die Aufgabe von Marxisten, der Arbeiterklasse ein Thermometer unter die Achsel zu schieben, um bestimmen zu können, wann sie bereit ist, sich zu erheben. Solch ein Thermometer hat es nie gegeben und wird es auch nie geben. Und die Ereignisse werden sich durch Ungeduld nicht beschleunigen lassen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Entwickelt sich alles zu langsam aus deiner Sicht? Nun, wir würden uns alle wünschen, dass es schneller geht. Aber der Prozess wird seine Zeit brauchen, und Ungeduld ist unser gefährlichster Feind. Es gibt keine Abkürzungen! Schon Trotzki hat einst gewarnt, man könne nur ernten, wo man zuvor gesät hat. Alles andere ist zum Scheitern verurteilt und wird entweder zu ultralinken oder zu opportunistischen Fehlern führen. Und wer versucht, lauter zu schreien, als es seine Stimmbänder zulassen, wird ganz einfach seine Stimme verlieren. &nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn du nach der Lektüre dieses kurzen Artikels unbedingt darauf bestehst, wissen zu wollen, wann sich die Arbeiterklasse erheben wird, um den Kapitalismus zu stürzen, dann kann ich eine sehr präzise Antwort anbieten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Arbeiter werden sich erheben, <em>wenn sie dazu bereit sind</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Keine Minute früher.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und nicht eine Minute später.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="geologie-und-soziologie">Geologie und Soziologie</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Allein schon die Tatsache, dass jemand die Frage stellt, warum die Revolution bislang ausgeblieben ist, lässt einen eigentlich fassungslos zurück. Denn das zeugt von einer völligen Ignoranz sowohl gegenüber den grundlegenden Gesetzen der Revolution als auch gegenüber der Art und Weise, wie sich Massenbewusstsein entwickelt. In beiden Fällen haben wir es nicht mit automatischen, mechanischen Prozessen zu tun, und, wie wir sehen werden, sind beide Aspekte eng miteinander verbunden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Beginnen wir, wie wir es immer tun, mit den Grundlagen marxistischer Theorie. Die Dialektik zeigt uns, dass es Parallelen zwischen den Entwicklungsgesetzen der Gesellschaft und der Geologie gibt. Unsere Sinne sagen uns, dass der Boden, auf dem wir uns bewegen, solide und fest ist („felsenfest“, wie man so schön sagt). Doch die Geologie lehrt uns, dass Felsen alles andere als fest sind, und dass der Boden unter unseren Füßen sich ständig verschiebt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">An der Oberfläche mag alles friedlich und stabil erscheinen, so dass man sich keine Sorgen machen muss. Doch unter der Oberfläche befindet sich ein weiter Ozean aus brodelndem, flüssigem Gestein, wo unvorstellbare Temperaturen herrschen und sich Druck aufbaut, der in der Erdoberfläche einen Schwachpunkt sucht. Früher oder später werden diese Kräfte unter der Erde ein Ausmass erreichen, denen die Erdkruste nicht mehr standhalten kann, und das Magma wird in Form einer gewaltigen Explosion an die Oberfläche schiessen. Gewaltige Kräfte, die sich mit der Zeit angestaut haben, werden sich dann in einem Vulkanausbruch entladen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Analogie hilft uns zu verstehen, wie der Prozess auch in der menschlichen Gesellschaft verläuft. An der Oberfläche ist alles ruhig, und diese Ruhe wird nur durch gelegentliche Beben gestört, die den Status quo jedoch weitgehend unverändert lassen. Die Verteidiger des herrschenden Systems lassen sich von der Vorstellung täuschen, dass alles in Ordnung sei. Doch unter der Oberfläche machen sich Unzufriedenheit, Verbitterung und Zorn breit. Diese Stimmung akkumuliert sich langsam, bis sie einen kritischen Punkt erreicht, an dem ein soziales Erdbeben unvermeidlich wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Zeitpunkt, an dem das passiert, kann unmöglich exakt vorhergesagt werden, so wie es auch unmöglich ist, trotz aller Fortschritte der modernen Wissenschaft und Technologie ein Erdbeben genau vorherzusagen. Die Wissenschaft sagt uns, dass die Stadt San Francisco auf einer Verwerfung der Erdkruste, der San-Andreas-Verwerfung, errichtet wurde. Das bedeutet, dass hier die Stadt früher oder später erneut ein verheerendes Erdbeben erleben wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dass es dazu kommen wird, ist nahezu gewiss, auch wenn niemand weiss, wann dies passieren wird. Und genauso sicher ist es, dass es zu revolutionären Explosionen kommen wird, wenn die Bourgeoisie und ihre bezahlten Strategen, Ökonomen und Politiker es am wenigsten erwarten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzki verwendete den äusserst anschaulichen Begriff „Molekularprozess der Revolution“, der sich ununterbrochen in den Köpfen der Arbeiter vollzieht. Da es sich dabei aber um einen graduellen Prozess handelt, der die allgemeine politische Physiognomie der Gesellschaft unberührt lässt, bleibt er, mit Ausnahme für die Marxisten, weitgehend unbemerkt. &nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber nicht alle, die sich als Marxisten bezeichnen, haben die grundlegendsten Methoden des Marxismus auch wirklich begriffen. Wir haben das zum Beispiel in Frankreich im Mai 1968 gesehen, als die Sektierer vom Schlage eines Ernest Mandel die französischen Arbeiter endgültig als „verbürgerlicht“ und „amerikanisiert“ abgeschrieben haben. Weniger als vier Millionen Arbeiter waren damals Gewerkschaftsmitglieder, aber 10 Millionen Arbeiter besetzten im grössten revolutionären Generalstreik der Geschichte die Fabriken. Ob derartige Explosionen zu einer erfolgreichen sozialistischen Revolution führen können oder nicht, ist jedoch eine völlig andere Frage.</p>



<p class="wp-block-paragraph">1968 lag die Macht in den Händen der französischen Arbeiterklasse. Präsident De Gaulle informierte damals den US-Botschafter mit den Worten: „Das Spiel ist aus. In wenigen Tagen werden die Kommunisten an der Macht sein.“ Das war damals tatsächlich eine realistische Option. Dass es nicht dazu gekommen ist, war nicht die Schuld der Arbeiterklasse, die alles in ihrer Macht Stehende tat, um die Revolution zu machen. Verantwortlich für das Scheitern dieser Bewegung war die Politik der Führung. Auf diesen zentralen Aspekt werden wir später zu sprechen kommen.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="voraussetzungen-fuer-eine-revolution">Voraussetzungen für eine Revolution</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Damit eine sozialistische Revolution erfolgreich sein kann, braucht es gewisse Voraussetzungen sowohl objektiver als auch subjektiver Natur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Tatsache allein, dass es eine Wirtschaftskrise gibt, ist an und für sich genauso wenig ausreichend, dass eine Revolution ausbricht, wie ein sinkender Lebensstandard. Leo Trotzki merkte einmal an, dass die Massen ständig zur Revolution bereit wären, wenn Armut die Ursache für Revolution wäre.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt Sektierer, die sich in der Tat so verhalten, als wären die Massen permanent zur Revolution bereit. Aber das ist nicht der Fall. Dass das kapitalistische System in einer tiefen Krise steckt, ist offensichtlich. Das müssen wir nicht gross beweisen. Aber wie das von den Massen wahrgenommen wird, ist eine völlig andere Sache. Illusionen, die über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte genährt wurden, werden nicht von einem Tag auf den anderen überwunden. Es wird eine Reihe von tiefen Erschütterungen brauchen, damit das bestehende Gleichgewicht zerstört wird. &nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es stimmt, dass objektiv betrachtet die Voraussetzungen für eine sozialistische Revolution nicht nur existieren, sondern schon seit geraumer Zeit herangereift sind. In Wirklichkeit sind sie schon etwas überreif. Doch die Geschichte wird durch das Handeln von Menschen bestimmt. Als Materialisten wissen wir, dass das menschliche Bewusstsein im Allgemeinen nicht revolutionär, sondern zutiefst konservativ ist. Der menschliche Geist steht jeder Veränderung abgeneigt gegenüber. &nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei handelt es sich um einen tiefsitzenden psychologischen Mechanismus, der dem Selbstschutz dient – ein Erbe aus der fernen Vergangenheit, die schon vor langer Zeit aus unserer Erinnerung gestrichen wurde, die aber in unserem Unterbewussten unauslöschliche Spuren hinterlassen hat. Es handelt sich um ein Prinzip, das im Wunsch nach Selbsterhaltung tief verwurzelt ist. &nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Infolgedessen hinkt das Massenbewusstsein den Ereignissen tendenziell immer hinterher. Und die sich daraus ergebende Kluft kann entsprechend dem Charakter der vorangegangenen Erfahrungen beträchtliche Ausmasse annehmen. Diese Tatsache müssen wir ständig mitberücksichtigen, wenn wir die gegenwärtige Situation analysieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt einen alten chinesischen Fluch, der lautet: „Möge er in interessanten Zeiten leben.“ Wenn der Boden unter den eigenen Füssen zu beben beginnt, wenn die alten Tempel und Paläste in sich zusammenstürzen, dann ist das zuallererst eine zutiefst beunruhigende Erfahrung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Menschen werden sich wie wild auf die Suche nach einer neuen Sicherheit machen. Doch in den alten Bahnen lässt sich keine Sicherheit finden. Deshalb muss man die alten, ausgetretenen Wege verlassen und neue suchen. Tiefreichende Schocks haben bereits das Vertrauen der Menschen in die bestehende Gesellschaft erschüttert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch es ist auch eine unbestreitbare Tatsache, dass sich die meisten Menschen in ihrer bekannten Umgebung, in einer Welt, in der sie aufgewachsen und schon immer gelebt haben, sicherer und wohler fühlen. Selbst wenn die Zeiten schlecht sind, werden sie an dem Gedanken festhalten, dass es morgen wieder besser werden und dass früher oder später eine Rückkehr zu „normalen Zeiten“ möglich sein wird.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn die revolutionären Kräfte die Notwendigkeit einer Revolution aufzeigen, dann werden die meisten als erste Reaktion den Kopf schütteln und sagen: „Von zwei Übeln wählt man am besten das, was man schon kennt.“ Und das ist eine völlig natürliche Reaktion. Eine Revolution ist wie ein Sprung ins Dunkel, und man weiss nicht, was einen erwartet.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="das-gesetz-der-traegheit">Das Gesetz der Trägheit</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die herrschende Klasse hält in ihren Händen sehr starke Waffen zur Verteidigung ihres Reichtums und ihrer Macht: den Staatsapparat einschliesslich der Armee, der Polizei, der Justiz, der Gefängnisse, die Massenmedien und das ganze Bildungssystem. Doch die stärkste Waffe in ihrem Arsenal ist eine ganz andere. Es ist die Macht der Gewohnheit, das gesellschaftliche Äquivalent zur Trägheitskraft in der Mechanik.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Trägheitsprinzip ist ein allgemein anerkanntes Gesetz, das auf alle Körper anwendbar ist. Es besagt, dass Körper immer in ihrem Zustand, entweder in Ruhe oder in Bewegung, bleiben, solange nicht eine äussere Ursache sie dazu zwingt, ihren Zustand zu ändern, was als Aktion und Reaktion bezeichnet wird. Dasselbe Gesetz ist auf die Gesellschaft anwendbar.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das kapitalistische System erzieht die Menschen zu Gehorsam. Diese Gewohnheit zu gehorchen wird schon in der Schule erlernt und braucht es dann auch am Fliessband in der Fabrik und als Soldat in der Kaserne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Last der Tradition und der Alltagsroutine wiegt schwer auf den Schultern der Menschen und zwingt ihnen deren Einschätzungen auf. Das bedeutet, dass die Massen zumindest in einer ersten Phase immer den Weg des geringsten Widerstands gehen werden. Doch im Endeffekt werden sie durch die Hammerschläge der Ereignisse gezwungen sein, ihre Werte, ihre Moral, ihre Religion und ihre Anschauungen, die ein Leben lang ihr Denken geprägt haben, zu hinterfragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es braucht schon gewaltige Ereignisse, damit die Massen aus der bewusstseinsermattenden Routine aufgerüttelt werden und sie gezwungen sind, ihre tatsächliche Stellung in der Gesellschaft zu erkennen, die alten, scheinbar ewig gültigen Glaubensgrundsätze zu hinterfragen und revolutionäre Schlussfolgerungen zu ziehen. So ein Prozess braucht seine Zeit. Doch im Zuge einer Revolution erfährt das Massenbewusstsein einen gewaltigen Anstoss und kann sich binnen 24 Stunden vollständig verändern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir sehen eine ähnliche Entwicklung schon in Streikbewegungen. Es kommt nicht selten vor, dass die klassenbewussteren Arbeiter überrascht sind, wenn vormals eher desinteressierte und konservative Kollegen plötzlich besonders kämpferisch auftreten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Streik ist in gewisser Hinsicht eine Revolution im Miniaturformat. Und in jedem Streik ist die Frage der Führung für den Prozess der Entwicklung des Bewusstseins von zentraler Bedeutung. Nicht selten kann das entschlossene Auftreten eines einzelnen in einer Massenversammlung über Sieg oder Niederlage eines Streiks entscheiden. Das bringt uns zum Kern des Problems.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="der-subjektive-faktor-in-der-geschichte">Der subjektive Faktor in der Geschichte</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Spontane revolutionäre Bewegungen sind der Beweis für die gewaltige Stärke der Massen. Doch es handelt sich dabei nur um eine potentielle Stärke, keine faktische. Fehlt der subjektive Faktor, dann kann selbst die stürmischste Massenbewegung die brennenden Probleme der Klasse nicht lösen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir müssen verstehen, dass es zwischen den bürgerlichen Revolutionen der Vergangenheit und der sozialistischen Revolution einen grundlegenden Unterschied gibt. Anders als bei der bürgerlichen Revolution braucht es in der sozialistischen Revolution die bewusste Bewegung der Arbeiterklasse, die nicht nur die Staatsmacht erobern, sondern von Anfang an auch die bewusste Kontrolle über die Produktivkräfte ausüben muss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mittels der Arbeiterkontrolle in den Fabriken und Betrieben schafft sie die Voraussetzungen für eine demokratisch verwaltete sozialistische Planwirtschaft. In der bürgerlichen Revolution war der Prozess ein ganz anderer, denn die kapitalistische Marktwirtschaft braucht keine Planung oder bewusste Intervention der revolutionären Klasse.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kapitalismus entstand historisch betrachtet spontan in Folge der Entwicklung der Produktivkräfte im Feudalismus. Die Theorien der Führer der bürgerlichen Revolutionen, soweit es so etwas gegeben hat, waren nicht viel mehr als eine unbewusste Widerspiegelung der Erfordernisse der aufstrebenden Bourgeoisie, ihrer Werte, ihrer Religion und Moral.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Den Zusammenhang zwischen dem Protestantismus (und speziell dem Calvinismus[1]) und den Werten der aufsteigenden Bourgeoisie hat der Soziologe Max Weber ausführlich erklärt. Als Idealist hat er diese Beziehung jedoch auf den Kopf gestellt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Jahrhundert später bereitete der Rationalismus der Aufklärung den Boden für die Grosse Französische Revolution. Die Aufklärung proklamierte kühn die Herrschaft der Vernunft, während sie in der Praxis der Herrschaft der Bourgeoisie den Weg ebnete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Selbstredend brachten die Ideen der Bourgeoisie weder in ihrem früheren religiösen Gewand noch im glänzenden Mantel der Vernunft ihre rohen, materialistischen, von Geldgier gekennzeichneten Interessen direkt zum Ausdruck. Im Gegenteil, nur indem sie ihre Interessen auf diese Weise verschleierte, konnte die Bourgeoisie die Volksmassen gegen die alte Ordnung mobilisieren. Die Massen sollten dadurch unter dem Banner ihrer künftigen Herren kämpfen. &nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Insofern als diese Theorie die Interessen der aufsteigenden bürgerlichen Klasse nicht angemessen widerspiegelte (oder sogar in Widerspruch zu diesen stand), wurde sie stillschweigend fallengelassen und durch andere Ideen ersetzt, die besser zur neuen gesellschaftlichen Ordnung passten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den ersten Stadien der Englischen Revolution musste Oliver Cromwell die bürgerlichen Elemente in der Bewegung zur Seite schieben, um den Sturz der alten monarchischen Ordnung vollenden zu können. Dabei stützte er sich auf die plebejischen und halbproletarischen Kräfte in der Gesellschaft, die am entschlossensten für den revolutionären Wandel kämpften. Cromwell stand für die Idee vom Königreich Gottes auf Erden, was die Massen begeisterte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als er diese Aufgabe erfüllt hatte, ging er gegen den linken Flügel vor und zerschlug die Bewegung der Levellers[2], was der konterrevolutionären Bourgeoisie den Weg freimachte. Die Bürgerlichen ihrerseits suchten einen Kompromiss mit dem König und führten die sogenannte Glorreiche Revolution von 1688 aus, die letztlich der Herrschaft der Bourgeoisie zum Durchbruch verhalf. Die alten Ideen der Puritaner[3] wurden verfolgt und ihre Anhänger gezwungen, in die Neue Welt auszuwandern, wenn sie ihren religiösen Glauben praktizieren wollten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ähnlich verlief der Prozess in der Französischen Revolution, wo sich die revolutionäre Diktatur der Jakobiner, die sich auf die halbproletarischen Massen der Pariser Sansculotten gestützt hatte, von der Reaktion des Thermidors gestürzt wurde. Auf das Direktorium folgte die Diktatur von Napoleon Bonaparte und schlussendlich die Restauration der Herrschaft der Bourbonen (französisches Adelsgeschlecht; Anm.) nach der Schlacht bei Waterloo. Der endgültige Sieg der französischen Bourgeoisie wurde erst durch die Revolution von 1830 und die Niederschlagung der proletarischen Revolution von 1848 sichergestellt.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="die-russische-revolution">Die Russische Revolution</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die zentrale Rolle des subjektiven Faktors lässt sich sehr gut anhand der Geschichte der Russischen Revolution zeigen. Lenin schrieb 1902 in <em>Was tun</em>:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben. Dieser Gedanke kann nicht genügend betont werden in einer Zeit, in der die zur Mode gewordene Predigt des Opportunismus sich mit der Begeisterung für die engsten Formen der praktischen Tätigkeit paart.”</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und er fügte dem hinzu, dass „die Rolle des Vorkämpfers nur eine Partei erfüllen kann, die von einer fortgeschrittenen Theorie geleitet wird.”[4]</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das war in der bürgerlichen Revolution nicht der Fall, wie wir bereits gezeigt haben. Für den Erfolg der sozialistischen Revolution war es aber eine notwendige Voraussetzung, wie das Beispiel von 1917 gezeigt hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Februarrevolution gab es keine bewusste revolutionäre Führung. Die Arbeiter und Soldaten (Bauern in Uniform) waren stark genug, um das zaristische Regime, das Russland über Jahrhunderte beherrscht hatte, zu stürzen. Dennoch haben sie im Februar nicht die Macht erobert. Stattdessen gab es eine Doppelherrschaft, die bis zur Machtübernahme der Sowjets in der Oktoberrevolution 1917 unter der Führung der Bolschewiki andauern sollte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Warum haben die Arbeiter im Februar nicht die Macht erobert? Natürlich könnte man diese Frage mit einer Reihe von „cleveren“ Argumenten beantworten. Sogar einige Bolschewiki vertraten die Meinung, dass der Grund dafür in der Tatsache zu suchen sei, dass das Proletariat das „eherne Gesetz der historischen Etappen“ einhalten müsse, und dass die Revolution zuerst durch eine „bürgerliche Etappe“ gehen müsse. In Wirklichkeit versuchten diese Leute ihre eigene Ängstlichkeit, ihre politische Verwirrung und Ohnmacht damit zu verschleiern, indem sie sich auf die „objektiven Faktoren“ herausredeten. Ihnen antwortete Lenin verächtlich:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Warum ist die Macht nicht ergriffen worden? Steklow sagt: aus dem und dem Grunde. Das ist Unsinn. Die Sache ist die, dass <em>das Proletariat nicht klassenbewusst genug und nicht organisiert genug ist</em>. Das muss man zugeben; <em>die materielle Kraft ist beim Proletariat, die Bourgeoisie aber war klassenbewusst und vorbereitet.</em> Das ist eine ungeheuerliche Tatsache, aber man muss sie offen und unumwunden zugeben und dem Volke erklären, dass die Massen darum die Macht nicht ergriffen haben, weil sie unorganisiert und nicht genügend klassenbewusst sind.“[5]</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Einer Sache müssen wir uns bewusst sein. Hätte es damals keine Bolschewistische Partei gegeben – im Grunde, wären damals zwei Männer, Lenin und Trotzki, nicht zur Stelle gewesen – wäre es nie zur Oktoberrevolution gekommen. Die Revolution wäre nicht vollendet worden. Stattdessen hätte die Konterrevolution gesiegt, und ein faschistisches Regime wäre an die Macht gekommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit anderen Worten, die Macht der Arbeiterklasse – die ein Faktum ist – würde ohne subjektiven Faktor ein reines Potential bleiben. Und das reicht nicht aus, um den Kapitalismus zu stürzen. Darin liegt die grosse Bedeutung des subjektiven Faktors in der Geschichte.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="der-zusammenbruch-der-mitte">Der Zusammenbruch der Mitte</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In der objektiven Situation sind heute revolutionäre Erschütterungen angelegt. Unabhängig davon, ob eine revolutionäre Partei existiert oder nicht, wird es zu Revolutionen kommen, genauso wie auf die Nacht der Tag folgt. Doch im Krieg zwischen den Klassen, genauso wie im Krieg zwischen den Nationen, ist ein guter Generalstab von entscheidender Bedeutung. Und genau hier liegt das Problem. &nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Massen suchen einen Ausweg aus dem Alptraum der kapitalistischen Krise. Dabei testen sie eine Partei und Führungspersönlichkeit nach der anderen, nur um sie früher oder später auf dem Misthaufen der Geschichte zu entsorgen. Das erklärt die grosse Instabilität im politischen Leben aller Länder in der gegenwärtigen Periode. Das politische Pendel schwingt heftig einmal nach rechts und dann wieder nach links.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die politische Mitte zerbröselt in diesem Prozess zusehends. Diese Entwicklung macht den Kapitalstrategen ernste Sorgen, weil das Zentrum stets ein stabilisierender Faktor war, der die extremen Pole auf der Linken und auf der Rechten ausglich und diese neutralisierte. Dieses politische System erinnert an eine Landschaft, wo alle klaren Demarkationslinien zu Unkenntlichkeit verschwimmen, wo leere Rhetorik und vage Versprechungen für bare Münze gehalten oder zumindest wie ein Schuldschein gesehen werden, den man irgendwann in der Zukunft einlösen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lange Zeit wurde das Zentrum in den USA von zwei Parteien repräsentiert, den Republikanern und den Demokraten, und in Grossbritannien von Labour und den Konservativen, die sich nur in Nuancen unterschieden. Doch dieses politische System hatte eine materielle Grundlage.&nbsp; &nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Nachkriegsperiode, als der Kapitalismus einen ungeahnten Wirtschaftsaufschwung durchlebte, war es den Sozialdemokratien möglich, wichtige Sozialreformen durchzusetzen, wie das staatliche Gesundheitssystem NHS in Grossbritannien. Doch diese Zeit ist längst vorbei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Heutzutage kann die herrschende Klasse nicht einmal die alten Errungenschaften der Vergangenheit dulden, geschweige denn ist sie bereit, neue Reformen zuzulassen. Die alten Gewissheiten sind passé und damit die einstige Stabilität. Überall sehen wir turbulente Entwicklungen und Krisen. Und die Krise des Kapitalismus geht einher mit einer Krise des Reformismus.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="die-rolle-der-linken">Die Rolle der „Linken“</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Krise des Reformismus und der Zusammenbruch des Stalinismus haben dazu geführt, dass auf der Linken ein riesiges Vakuum entstanden ist. Da die Natur aber kein Vakuum zulässt, muss dieses gefüllt werden. Und nachdem die marxistische Strömung nicht über die dazu notwendigen Kräfte verfügt, wird dieser Raum vom Linksreformismus besetzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus historischen Gründen, die wir hier nicht näher ausführen können, wurden die Kräfte des Marxismus vor langer Zeit weit zurückgeworfen. Angesichts dieser Schwäche des subjektiven Faktors ist es unvermeidlich, dass sich die Massen, wenn sie wieder zu politischem Leben erwachen, in einer ersten Phase an die bestehenden Organisationen und deren prominente Führer, speziell jene mit einem „linken“ Ruf, wenden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der gegenwärtigen Epoche werden wir daher den Aufstieg linksreformistischer und sogar zentristischer Strömungen sehen. Doch auch diese politischen Strömungen werden von den Massen auf die Probe gestellt werden, und in vielen Fällen werden sie nicht viel mehr als ein kurzlebiges Phänomen darstellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ausgehend von einem Verständnis für diese Perspektive muss die marxistische Strömung eine flexible Herangehensweise an den Linksreformismus entwickeln. Wir werden die Linksreformisten insofern unterstützen, als sie bereit sind, gegen den Rechtsreformismus einen politischen Kampf zu führen, aber wir werden sie überall dort kritisierten, wo sie schwanken, inakzeptable Kompromisse schliessen und vor dem Druck der bürgerlichen Meinungsmacher und der rechtsreformistischen Verräter in die Knie gehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Wunsch nach einer grundlegenden Veränderung der Gesellschaft kann nicht darauf reduziert werden, ein richtiges Programm und klare Perspektiven zu haben. Es braucht auch Willensstärke bzw. eine gesunde Portion Willen zur Macht: das heisst einen bewussten Willen zu gewinnen, alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die Macht zu erobern und die Gesellschaft zu verändern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dazu braucht es im Gegenzug eine Vision von der Zukunft und ein komplettes Vertrauen in die gesellschaftsverändernde Kraft der Arbeiterklasse. Die linksreformistischen Strömungen haben weder das eine noch das andere. Deshalb drücken sie sich ständig vor der zentralen Aufgabe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie machen lieber Ausflüchte, zögern und suchen nach Kompromissen, was nur ein anderes Wort für Kapitulation ist, weil sie Kompromisse suchen, wo es keine geben kann, weil sie unversöhnliche Klasseninteressen unter einen Hut bekommen wollen und dadurch die Quadratur des Kreises versuchen. Zweifel, fehlende Klarheit und Unentschlossenheit prägen ihr inneres Wesen. Defätismus ist ihnen tief in ihre Seele und Psyche eingeschrieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Natürlich werden sie das nicht zugeben und es sich auch nicht eingestehen. Im Gegenteil, sie sind überzeugt davon, dass ihr Ansatz der einzig wahre ist und alle anderen Konzepte unvermeidlich zum Scheitern verurteilt sind. Ihnen fallen tausend Gründe ein, sich selbst etwas vorzumachen, und sie sind so überzeugt davon, dass es ihnen umso besser gelingt, anderen etwas vorzumachen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In den meisten Fällen sind diese Linken ehrliche Menschen, die von der Richtigkeit ihrer Argumente vollkommen überzeugt sind. Doch ein ehrlicher Linksreformist kann mehr Schaden anrichten als ein unehrlicher. Ihr Verrat ist kein vorsätzlicher. Die Massen setzen all ihr Vertrauen in sie und werden umso sicherer von ihnen in eine Niederlage geführt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Menschewik Julius Martow war zweifelsohne ein sehr ehrlicher und aufrichtiger Mensch, und er war noch dazu sehr fähig und intelligent. Dennoch spielte er in der Russischen Revolution eine äusserst negative Rolle.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="der-fall-griechenland">Der Fall Griechenland</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In der stürmischen Periode der 1930er Jahre befanden sich die sozialdemokratischen Massenorganisationen in einem permanenten Gärungszustand. Die Wirtschaftskrise im Gefolge des Börsencrashs von 1929, die Massenarbeitslosigkeit und der Aufstieg des Faschismus in Europa brachte ein Phänomen hervor, das Marxisten als „Zentrismus“ bezeichnen. Trotzki verwendete den Begriff „Zentrismus“ für eine Reihe von Strömungen und Gruppierungen, die damals zwischen Reformismus und Marxismus hin- und herschwankten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der gegenwärtigen Periode jedoch findet die revolutionäre Bewegung in der Gesellschaft keinen Ausdruck in den Reihen der Sozialdemokratie, wie das in den 1930ern der Fall war. Bewegungen wie Podemos in Spanien, SYRIZA in Griechenland und in einem geringen Ausmass die Bewegung hinter Mélenchon in Frankreich spiegelten diese wachsende Unzufriedenheit teilweise wider. Doch diese Formationen zeichneten sich allesamt durch sehr konfuse politische Positionen aus und sind nur eine sehr blasse Widerspiegelung der zentristischen Strömungen in den 1930ern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Fall von Griechenland und unter den Bedingungen einer extremen sozialen Krise wuchs die kleine Linkspartei SYRIZA, die als rechte Abspaltung der stalinistischen KKE entstanden war, sehr schnell, und zwar auf Kosten der traditionellen reformistischen Massenpartei, der PASOK, die in den Augen der Massen weitgehend diskreditiert war. Im Januar 2015 wurde SYRIZA durch einen Erdrutschsieg über die rechte Nea Demokratia an die Macht gespült.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach der Krise von 2008 stand Griechenland am Rande des Abgrunds und war de facto pleite. Es gehörte zu den EU-Ländern, die am stärksten von der Staatsschuldenkrise betroffen waren. Die EU, der IWF und die Europäische Zentralbank boten Griechenland ein „Rettungspaket“ an, im Gegenzug musste Griechenland jedoch brutale Sparmassnahmen umsetzen. Das löste eine gewaltige Massenbewegung gegen das Spardiktat aus. Im Gegensatz zur Nea Demokratia und zur PASOK versprach SYRIZA ein Ende der Austeritätspolitik. Doch vor dem Hintergrund der kapitalistischen Krise war das unmöglich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die europäischen Kapitalisten sahen darin jedoch eine Bedrohung. Sie mussten SYRIZA in die Knie zwingen und anderen linken Parteien wie Podemos in Spanien, die versucht gewesen wären, denselben Weg einzuschlagen, einen Schuss vor den Bug zu setzen. Sie waren entschlossen, die linke Regierung in Athen mit allen Mitteln niederzuringen. Unter diesen Bedingungen war es absolut korrekt, ein Referendum abzuhalten und auf diesem Weg die Massen hinter der Regierung und gegen das Spardiktat zu mobilisieren.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Beim Referendum am 5. Juli 2015 stimmten 61 Prozent mit „Nein“ gegen die von der EU-Spitze vorgelegten Bedingungen für die Rettungspakete. Angesichts dieses überwältigenden Ergebnisses kann wohl niemand am Kampfgeist der griechischen Arbeiterklasse zweifeln. Nicht nur die Arbeiter, sondern alle Schichten der Bevölkerung mobilisierten für diesen Sieg. Alle Schichten, mit Ausnahme jener, die in dieser Situation eine Führung darstellen hätten sollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wäre der Parteichef Tsipras ein Marxist gewesen, hätte er versucht, diese Bewegung zu nutzen, um die Gesellschaft grundlegend zu verändern. Er hätte die Arbeiter dazu aufgefordert, die Banken und Fabriken zu übernehmen. Die griechische Bevölkerung wäre in dieser Situation zu Opfern bereit gewesen, so wie die russischen Arbeiter nach der Revolution von 1917 dazu bereit waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine revolutionäre Politik in Kombination mit einem Aufruf zu internationaler Solidarität hätte einen elektrisierenden Effekt auf die Arbeiter in Europa und der ganzen Welt gehabt. Die Massen in Spanien, Italien, Frankreich und anderswo hätten mit Enthusiasmus auf einen internationalistischen Appell der belagerten griechischen Bevölkerung reagiert. Demonstrationen und Streiks hätten in der Folge die Banker und Kapitalisten in die Defensive gezwungen und auch in anderen Ländern eine revolutionäre Perspektive eröffnet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Frage wurde geradeheraus gestellt: entweder Kampf bis zum Ende oder eine krachende Niederlage. Der Linksreformismus kämpft aber nie bis zum Ende, sondern hält immer Ausschau nach dem Weg des geringsten Widerstands und bemüht sich um einen Kompromiss mit der herrschenden Klasse. Das Verhandlungsteam von SYRIZA spielte mit Worten und bot halbgare Lösungsvorschläge an, die das Problem lösten. Doch die andere Seite hatte kein Interesse an einem Kompromiss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schlussendlich zwang die europäische Bourgeoisie die griechische Regierung, Farbe zu bekennen. Vor der klaren Entscheidung, Kampf oder Kapitulation, entschied sich Tsipras für die Kapitulation. Er akzeptierte Bedingungen, die noch bei weitem härter waren als die ursprünglichen Pläne, die die griechische Bevölkerung im Referendum abgelehnt hatte. Nach diesem Ausverkauf akzeptierten Tsipras und sein Team sklavisch das Diktat aus Brüssel und Berlin. Auf die Welle des Zorns folgten Enttäuschung und Verzweiflung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist die unvermeidliche Konsequenz linksreformistischer Konfusion.&nbsp;</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="podemos">Podemos</h3>



<p class="wp-block-paragraph">In Spanien wurde Podemos ähnlich wie SYRIZA binnen kürzester Zeit zu einer Massenkraft, was den spürbaren Wunsch der Massen nach Veränderung und einem klaren Bruch mit der Vergangenheit widerspiegelt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die wichtigsten Führungsfiguren von Podemos wurden durch die Erfahrung der Bolivarischen Revolution in Venezuela geprägt. Doch sie waren völlig unfähig, die Lehren aus dieser revolutionären Bewegung zu ziehen und sich an ihren Stärken zu orientieren – nämlich die Notwendigkeit einer Mobilisierung der Massen mit einer kühnen revolutionären Botschaft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen kopierten sie die schwachen Seiten der Bolivarischen Bewegung: ihre fehlende theoretische Klarheit, ihre unterschiedlich interpretierbaren Botschaften und die Weigerung, die Revolution bis zum Ende durchzuführen. Mit einem Wort, sie kopierten die negativen Elemente, die letztendlich auch zum Scheitern der Venezolanischen Revolution führten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dennoch weckte Podemos in Millionen Menschen die Hoffnung auf Veränderung. Dank der radikal klingenden Rhetorik von Pablo Iglesias schaffte Podemos den Aufstieg von einer unbekannten Gruppierung zur Nummer 1 in den Umfragen. Doch je näher Podemos den Schalthebeln der Macht kam, desto moderater traten Pablo Iglesias und die anderen aus der Spitze von Podemos auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anstatt zu versuchen, die sozialdemokratische PSOE von links zu überholen, begnügten sie sich damit, als Juniorpartner in einer Koalition mit der PSOE Ministerposten zu übernehmen. Statt eines radikalen Bruchs mit dem Kapitalismus akzeptierten sie eine Regierungsbeteiligung mit dem Ziel, die Krise des spanischen Kapitalismus zu verwalten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für ein paar Ministerposten war Unidas Podemos (UP), wie die Partei jetzt heisst, bereit, mitverantwortlich für eine Regierung zu sein, die die Sonderpolizei gegen streikende Metallarbeiter in Cadiz einsetzte. Ausserdem verwaltet sie nun EU-Gelder, die an die Umsetzung einer harten Austeritätspolitik geknüpft sind.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Infolgedessen ist die Unterstützung für die UP stark zurückgegangen. Die Partei ist in einer ständigen Krise und hat viel von ihrer aktiven Basis verloren. Sie ist mittlerweile eine leere Hülle und nur ein Schatten ihrer selbst. Das revolutionäre Potential, das dieser Bewegung inhärent war, wurde vergeudet, was zu einer weit verbreiteten Demoralisierung unter den fortgeschrittensten Arbeitern und Jugendlichen geführt hat. Das ist das logische Resultat linksreformistischer Politik.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="die-lehren-des-scheiterns-von-corbyn">Die Lehren des Scheiterns von Corbyn</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der bedeutsamste Erfolg des Linksreformismus war mit Sicherheit die Wahl von Jeremy Corbyn zum Parteivorsitzenden der britischen Labour Party. Entscheidend dafür war, dass Corbyn die Unzufriedenheit mit dem Establishment und dem Status quo zum Ausdruck brachte. Er fuhr einen entscheidenden Sieg ein und erhielt bei der Vorsitzwahl fast 60 Prozent der Stimmen. Plötzlich standen die Tore weit offen und Hunderttausende neue Mitglieder traten der Partei bei, um Corbyn zu unterstützen. Sie waren bereit und willens, einen Kampf gegen die Parteirechte auszutragen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die herrschende Klasse war darüber sehr erschrocken. Die Voraussetzungen für eine grundlegende Transformation der Labour Party waren nun gegeben. Es gab Erwägungen, eine verpflichtende Wahl aller LP-Kandidaten vor den Parlamentswahlen („mandatory reselection“), sowie die Möglichkeit der Abwahl, sollten sie gegen die Parteilinie verstossen, einzuführen. Zudem sollten die Rechte der Parteimitglieder gestärkt werden. Der rechte Flügel war verzweifelt. Mehrere „Blairites“ im Parlamentsklub verliessen daraufhin die Partei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Rechtsreformismus hatte aber die Unterstützung der herrschenden Klasse und der Massenmedien, die eine regelrechte Hetzkampagne gegen Corbyn organisierten, um ihn zum Rücktritt zu zwingen. In der Folge wurde der Konflikt in der Labour Party offen ausgetragen und von der Parteirechten ständig befeuert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unter diesen Bedingungen schien eine Spaltung der Labour Party unvermeidlich. Die Blairites bereiteten eine solche Spaltung auch vor. Die Strategen des Kapitals waren ebenfalls zu dem Schluss gekommen, dass daran kein Weg vorbeiführen würde. Doch schlussendlich kam es anders, und die Anhänger Corbyns wurden von den Rechten einfach überrollt. Warum? Wie war das möglich, wenn Corbyn doch eine derart grosse Unterstützung seitens der Basis in der Labour Party genoss? Die Antwort liegt im Wesen des Linksreformismus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine besonders üble Rolle in all dem spielte „Momentum“, eine linke Initiative in der Labour Party, die Corbyn unterstützte. Diese Gruppierung hätte für tausende Aktivisten ein Kristallisationspunkt werden können. In verschiedensten Städten hielt „Momentum“ grosse Versammlungen ab, und überall fand die wütende und radikale Stimmung einen Ausdruck.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch die Parteirechte legte genau die Entschlossenheit an den Tag, die den Linken so offensichtlich fehlte. Die Führung von „Momentum“ fürchtete sich mehr vor der Basis als vor den Rechten. Bei jedem Schritt legten sie der Bewegung Zügel an und sabotierten die Kampagne zur Abwahl rechter Labour-Abgeordneter, die von den Marxisten von Anfang an und konsequent gefordert wurde. Dabei war diese Forderung bei der Parteibasis äusserst populär. Aufgrund der Rolle von „Momentum“ kann man sagen, dass der Basis in diesem Kampf beide Hände gebunden waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch verheerend wirkte sich auch die Rolle von Corbyn selbst aus. Die Linken, allen voran Corbyn, waren nicht bereit, einen ernsthaften Kampf gegen den rechten Flügel im Parlamentsklub der Labour Party zu führen. Die Führung von „Momentum“ verteidigte ihren Verrat mit den Worten: „Wir haben auf eine Abwahl der rechten Abgeordneten verzichtet, weil Jeremy die Mitglieder darum bat.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Entschuldigt wurde diese Haltung stets mit der Aussage „Wir stehen für die Einheit der Partei.“ Sie fürchteten eine Spaltung des Parlamentsklubs. Dabei wäre dieser Schritt absolut notwendig gewesen, wenn die Linke dafür sorgen hätte wollen, dass sie nicht wieder alles verliert, was sie zuvor gewonnen hat. Doch genau das passierte letztendlich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Rechten wussten, wofür sie stehen, und gingen aggressiv gegen die Linke und speziell gegen die marxistische Strömung vor. Sie waren bereit, den Kampf zu Ende zu führen, und zwar unabhängig davon, welche Kosten dieser Kampf erfordern würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man muss nicht extra erwähnen, dass die Parteirechten im Kampf gegen die Linke keinerlei Zurückhaltung zeigten, sobald sie sich in der Offensive befanden. Gestützt auf die bürgerlichen Massenmedien liessen sie nichts unversucht, um Corbyn zu diskreditieren. Im Endeffekt verhängten sie gegen Corbyn wie auch gegen eine Reihe von linken Parteimitgliedern den Ausschluss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es erklärt sich von selbst, dass sich diese Angriffe allen voran gegen die marxistische Strömung richteten. <em>Socialist Appeal</em> wurde verboten, doch unsere Strömung organisierte einen sehr wirksamen Gegenangriff, der sehr viel Unterstützung bekam. Im Gegensatz dazu verhielt sich die Linke äusserst feige und weigerte sich, gegen Starmers Hexenjagd Widerstand zu leisten. Somit hatte die rechte Parteiführung unter Starmer freie Hand.<br></p>



<h3 class="wp-block-heading" id="die-krise-in-grossbritannien">Die Krise in Grossbritannien</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Corbyn repräsentierte also nur ein Zwischenspiel, das zwar sehr vielversprechend begonnen hatte, aber letztlich mit einer gewaltigen Schlappe endete. Tausende Menschen haben seither angewidert die Partei verlassen, und die Linke wurde vollständig unterdrückt. Die Hoffnungen, die Corbyn geweckt hatte, waren zerstört und wichen einer tiefsitzenden Skepsis gegenüber der Labour Party.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach der Niederlage der Labour-Linken entwickelt sich die Situation nun in eine völlig andere Richtung. Das ist aber nicht das Ende der Geschichte. Sowohl aus objektiven wie auch aus subjektiven Gründen ergibt sich, dass Grossbritannien in der Krise des europäischen Kapitalismus eine besondere – wenn nicht die – zentrale Rolle einnehmen wird. War es vor ein paar Jahren noch das stabilste Land in Europa, so ist es nun das wahrscheinlich instabilste. Es ist nun eines der schwächsten Glieder in der Kette des europäischen Kapitalismus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach dieser Niederlage auf der politischen Ebene wenden sich die Arbeiter nun dem ökonomischen Klassenkampf zu. Wir sehen bereits jetzt den Beginn einer Radikalisierung in den Gewerkschaften. Früher oder später wird die Regierung von Boris Johnson stürzen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Pendel wird zweifelsohne in der Zukunft wieder nach links schwingen, vor allem wenn die Labour Party unter der Führung von Keir Starmer und den Blairites unter den Bedingungen einer tiefen sozialen und wirtschaftlichen Krise an die Macht kommt. Dann werden alle inneren Widersprüche in der Labour Party, die vorübergehend unterdrückt wurden, wieder an die Oberfläche kommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das wird für die marxistische Strömung grosse Möglichkeiten eröffnen. Alles hängt nun davon ab, ob wir bis dahin stark genug werden. Wir repräsentieren zwar noch immer einen sehr kleinen Faktor, doch die britische Sektion der IMT verfügt mittlerweile über einen erfahrenen Stock an Kadern, eine starke Basis in der Jugend, ist landesweit vertreten, und unsere Zeitung ist in der Arbeiterbewegung weithin bekannt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf jeden Fall sind wir heute bei weitem stärker als die Kräfte, auf die sich Trotzki in Grossbritannien in den 1930ern stützen konnte, und unser politisches Niveau ist bei weitem höher. Mit der richtigen Taktik sind die Möglichkeiten für den Aufbau und das Wachstum der Organisation aussergewöhnlich gut.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="veraenderte-stimmung">Veränderte Stimmung</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die gegenwärtige Krise, die wir weltweit sehen können, unterscheidet sich qualitativ von den Krisen der Vergangenheit. In den letzten beiden Jahren haben Millionen ganz gewöhnlicher Menschen langsam aber sicher begonnen, politische Schlüsse aus dieser Krise zu ziehen. Überall herrscht unter der scheinbar ruhigen Oberfläche eine enorme Unzufriedenheit. Die Stimmung der Massen ist gekennzeichnet von Wut, Ärger, einem brennenden Ungerechtigkeitsempfinden und vor allem Frustration – nicht zu ertragender Frustration.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie reden wenig darüber, aber sie murren, weil die herrschenden Zustände nicht länger toleriert werden können. Die Idee, dass in der jetzigen Gesellschaft etwas grundlegend falsch läuft, findet immer mehr Verbreitung. Unmittelbar sind die meisten noch nicht bereit, selbst gegen die etablierte Ordnung aktiv zu werden.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Früher oder später werden sie aber aktiv werden und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, und zwar unabhängig davon, ob es die notwendige politische Führung gibt oder nicht. Wir haben in den letzten Jahren schon etliche Beispiele einer derartigen Entwicklung gesehen. Denken wir nur an die revolutionären oder vorrevolutionären Massenproteste in Chile, im Sudan, in Myanmar, im Libanon, in Hong Kong und weiteren Ländern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu Beginn dieses Jahres kam zu dieser Liste noch der Volksaufstand in Kasachstan hinzu, der durch Proteste von Ölarbeitern gegen steigende Treibstoffpreise losgetreten wurde. Das war ein Warnschuss, denn die Faktoren, die zu diesem Aufstand führten, sind auch in vielen anderen Ländern vorhanden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die herrschende Klasse ist sich dieser Gefahr bewusst, und die Kapitalstrategen machen düstere Vorhersagen für das kommende Jahr. Die Pandemie hat die Arbeiterbewegung eine Zeit lang stark eingeschränkt. Doch nun gibt es Anzeichen des Wiedererwachens des Klassenkampfs. Die steigenden Preise und sinkenden Lebensstandards führen wieder zu mehr Streiks und Arbeitskämpfen.&nbsp;&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die demagogischen Aufrufe zum nationalen Schulterschluss stossen auf Skepsis. Dazu kommt, dass in der Pandemie der Zynismus, die Gier und der Egoismus der herrschenden Klasse offen zu Tage traten, und das stösst vielen sauer auf. Die Stimmung in der Bevölkerung ist geprägt von Desillusionierung und Wut. Dies hat sich schon über Jahre aufgebaut, mittlerweile ist diese Stimmung aber nicht mehr zu übersehen. Die Zustimmung zum Status quo und zu den Regierungen nimmt rapide ab. Aber all das führt nicht automatisch zu einer erfolgreichen sozialistischen Revolution.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Trotzki schrieb einmal über die Spanische Revolution, dass die spanische Arbeiterklasse nicht nur einmal, sondern zehnmal die Macht erobern hätte können. Doch er erklärte auch, dass selbst die grösste Massenbewegung nichts lösen kann, wenn sie nicht über eine Führung verfügt, die den Aufgaben der Zeit gewachsen ist.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="eine-lange-periode-von-revolution-und-konterrevolution">Eine lange Periode von Revolution und Konterrevolution</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt viele Parallelen zwischen der heutigen Situation und den 1920ern und 1930ern. Doch es gibt auch grosse Unterschiede zu damals. Vor dem Zweiten Weltkrieg konnte eine vorrevolutionäre Situation nicht allzu lange andauern und musste relativ schnell in die eine oder andere Richtung aufgelöst werden. Entweder siegte die Revolution oder die Konterrevolution (der Faschismus) zerschlug die revolutionäre Bewegung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber das ist nicht länger der Fall. Auf der einen Seite verfügt die herrschende Klasse, anders als in der Vergangenheit, über keine soziale Massenbasis zum Aufbau der reaktionären Kräfte. Auf der anderen Seite wirkt die beispiellose Degeneration der Arbeiterorganisationen wie ein gewaltiger Bremsklotz, der es dem Proletariat unmöglich macht, die Macht zu erobern. Die gegenwärtige Krise wird sich daher noch sehr lange ziehen. Sie kann Jahre andauern, mit Auf- und Abschwüngen im Klassenkampf. Wie lange dieser Prozess genau andauern wird, kann unmöglich vorhergesagt werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn wir sagen, dass sich diese Krise lange ziehen wird, heisst das nicht, dass es sich um einen friedlichen und ruhigen Prozess handeln wird. Ganz im Gegenteil! Wir sind längst in die turbulenteste und unruhigste Periode der jüngeren Geschichte eingetreten. Diese Krise wird ein Land nach dem anderen erfassen, und die Arbeiterklasse wird viele Gelegenheiten vorfinden, um die Macht zu erobern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Überraschende und scharfe Wendungen sind in dieser Situation angelegt. Binnen 24 Stunden kann alles auf dem Kopf stehen. Und wir müssen ehrlich zugeben, dass die Gefahr besteht, dass wir zu sehr in Routinen verfallen, immer an denselben alten Methoden festhalten und deshalb nicht alle neuen Möglichkeiten zum Aufbau einer starken revolutionären Bewegung am Schopf ergreifen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Zeiten wie diesen müssen Marxisten ein hohes Mass an Energie, Entschlossenheit und taktischer Flexibilität an den Tag legen. Sie müssen alles unternehmen, um die Schichten, die eine revolutionäre Antwort auf die Krise suchen, zu organisieren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die gegenwärtige Situation kann einige Jahre so weitergehen, ohne dass es zu einer entscheidenden Lösung kommt. Aber das ist aus unserer Perspektive nicht unbedingt schlecht. Im Gegenteil, es spielt uns in die Hände, weil es uns Zeit gibt – wenn auch nicht alle Zeit der Welt! – unsere Organisation aufzubauen und zu festigen, die besten Arbeiter und Jugendlichen für den Marxismus zu gewinnen, sie auszubilden und zu schulen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Überall sehen wir Regierungskrisen und eine zunehmend kritische Stimmung in der Bevölkerung, die sich gegen das Establishment und all seine Institutionen richtet. In ganz besonderem Masse trifft dies auf die Jugend zu, die besonders offen ist für revolutionäre Ideen.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir stehen am Beginn eines grossen Lernprozesses. Dieser mag uns sehr langsam erscheinen. Doch die Geschichte hat ihre eigenen Bewegungsgesetze, und der Verlauf der Prozesse hat seine eigene Geschwindigkeit, die von vielen Faktoren bestimmt wird und im Vorhinein nur schwer zu bestimmen ist. &nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir haben aus der ganzen Welt Berichte, die darauf hindeuten, dass in der Jugend eine Bewegung im Entstehen begriffen ist, die ein kommunistisches Ziel verfolgt. Selbst in den konservativsten Gebieten des Südens der USA gibt es eine beachtliche Schicht von radikalisierten Jugendlichen, die sich selbst als Kommunisten sehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist kein isoliertes Phänomen. Das sind ganz wichtige Symptome, die erkennen lassen, dass sich in der Gesellschaft etwas Grundlegendes verändert, und Marxisten müssen versuchen, diese Entwicklung zu nutzen.</p>



<h3 class="wp-block-heading" id="bauen-wir-die-imt-auf">Bauen wir die IMT auf!</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Wir müssen den Tatsachen ins Auge schauen: Der subjektive Faktor wurde aus einer Reihe von objektiven Gründen, die wir an dieser Stelle nicht näher ausführen müssen, weit zurückgeworfen. In organisierter Form existiert der subjektive Faktor aber zumindest in einer embryonalen Form in Gestalt der International Marxist Tendency (IMT).</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch ein Embryo ist noch immer nur ein abstraktes Potential. Damit wir unsere Aufgabe erledigen und eine reale Kraft im Klassenkampf werden können, müssen wir uns über dieses Stadium hinaus entwickeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die IMT hat in der vergangenen Periode beeindruckende Fortschritte gemacht. In allen Ländern wachsen wir, während andere sogenannte linke Gruppen, die dem Marxismus schon vor langem den Rücken zugewandt haben, überall in der Krise sind, sich spalten und zusammenbrechen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unsere positive Entwicklung wurde durch zwei Schwerpunkte in unserer Arbeit möglich gemacht: eine unnachgiebige Fokussierung auf Theoriearbeit und eine Orientierung auf die Jugend. Wie schon Lenin sagte: Wer die Jugend hat, dem gehört die Zukunft. Dennoch müssen wir uns eingestehen, dass wir für die gewaltigen Herausforderungen, denen wir dann ausgesetzt sein werden, wenn wir am wenigsten damit rechnen, noch lange nicht bereit sind.&nbsp;&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um von einer revolutionären oder vorrevolutionären Situation voll profitieren zu können, muss eine revolutionäre Organisation zumindest über ein Mindestmass an erfahrenen Kadern und eine schlagkräftige Organisation verfügen.&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine revolutionäre Organisation, die in der Bewegung eine führende Rolle einnehmen will, braucht eine gewisse Grösse, um von der Arbeiterklasse überhaupt wahrgenommen zu werden. So etwas kann nicht improvisiert oder in der Hitze des Gefechts aufgebaut werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In letzter Instanz hängt alles von unserem Wachstum ab. Und das braucht seine Zeit. Trotzki schrieb im November 1931: „In der gegenwärtigen Weltsituation ist Zeit das wertvollste Gut.” Und diese Worte sind heute treffender als jemals zuvor in der Geschichte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn wir an die Arbeit gehen, dann muss uns diese Dringlichkeit bewusst sein. Denn wenn unsere Kräfte für die bevorstehenden Herausforderungen der kommenden Jahre nicht ausreichen, dann werden wichtige Möglichkeiten für uns ungenutzt bleiben. Wir müssen auf grosse Ereignisse vorbereitet sein! Unsere Losung muss jene des grossen französischen Revolutionärs Danton sein:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„De l’audace, encore de l’audace, et toujours de l’audace!”</p>



<p class="wp-block-paragraph">Kühnheit, Kühnheit, und abermals Kühnheit!</p>



<p class="wp-block-paragraph">geschrieben von Alan Woods im Januar 2022</p>



<p class="wp-block-paragraph">[1] Der Calvinismus ist eine religiöse Strömung, die in der Reformation entstand und die von dem aufsteigenden Bürgertum, insbesondere jenem im anglosächsischen Raum, aufgegriffen wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">[2] Der extrem linke Flügel der Englischen Revolution, der auch das Privateigentum in Frage stellte und für eine Weiterführung der Revolution war.</p>



<p class="wp-block-paragraph">[3]&nbsp;Eine religiös motivierte Bewegung, die calvinistische Grundsätze vertrat und in der Englischen Revolution vom vorwärtstreibenden Teil rund um Oliver Cromwell verkörpert wurde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">[4] W. I. Lenin (1902/1978): Was tun, in: LW Bd. 5. Dietz Verlag, Berlin, S. 379f.</p>



<p class="wp-block-paragraph">[5] W. I. Lenin (1917/1967): Rede in der Versammlung bolschewistischer Delegierter am 4. (17.) April 1917, in: LW Bd. 36. Dietz Verlag, Berlin, S. 425.</p>
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		<title>Der Ursprung der Klassengesellschaft</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Josh Holroyd und Laurie O Connel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 Mar 2023 19:44:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Bildungsmappe HistoMat]]></category>
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		<category><![CDATA[Historischer Materialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Identität & Unterdrückung]]></category>
		<category><![CDATA[Klassengesellschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Hundertausende Jahre lebten die Menschen ganz ohne Privateigentum, Klassen, Staaten oder irgendwelche anderen Elemente der Klassengesellschaft. Dennoch will man uns glauben lassen, dass die Aufteilung in Klassen die allgemeingültige Verfassung [&#8230;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Hundertausende Jahre lebten die Menschen ganz ohne Privateigentum, Klassen, Staaten oder irgendwelche anderen Elemente der Klassengesellschaft. Dennoch will man uns glauben lassen, dass die Aufteilung in Klassen die allgemeingültige Verfassung menschlicher Existenz ist. Josh Holroyd und Laurie O´Connel erklären in diesem Artikel, dass die moderne Archäologie eine Fülle an Beweismaterial hervorbrachte, welches bestätigt, dass die Entstehung der Klassengesellschaft eine relativ neue Entwicklung der Menschheitsgeschichte ist. Und genauso wie sie ab einem gewissen Punkt entstanden ist, verstehen wir als Marxisten, dass sie letzten Endes auch wieder untergehen muss.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Wenn wir eine wissenschaftliche Herangehensweise an die Frage der Entwicklung der Gesellschaft wählen, dann dürfen wir das Entstehen der Klassengesellschaft nicht als einen unglücklichen Zufall und auch nicht als das Erwachen einer bislang schlummernden, übergeschichtlichen „menschlichen Natur“ begreifen, sondern als notwendige Stufe in der Entwicklung der Gesellschaft, die das Ergebnis der vielleicht größten Revolution der Produktivkräfte war. Das ist keineswegs eine rein akademische Frage. Indem wir die Entstehung der Klassengesellschaft verstehen, können wir auch den wirklichen Charakter ihrer Institutionen begreifen und die Mittel zu ihrer Überwindung entdecken. </p>

<h3 class="wp-block-heading">Mensch und Natur</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Marx legte dar, dass das grundlegendste Kennzeichen einer jeden Gesellschaft das Verhältnis des Menschen zur Natur ist. Dabei handelt es sich nicht um irgendein abstraktes Ideal, sondern um die sehr pragmatische Anerkennung der Tatsache, dass der Mensch zu seinem Überleben immer schon auf Ressourcen angewiesen war, die er in seiner Umwelt vorfand.  </p>

<p class="wp-block-paragraph">Unser Verhältnis zur natürlichen Welt wird von der gesellschaftlich verrichteten Arbeit bestimmt. Durch diesen Prozess gewinnen wir Ressourcen und generieren die notwendigen Nahrungsmittel. Der Mensch musste immer schon arbeiten, um überleben zu können, wie Marx betonte: </p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>„Als Bildnerin von Gebrauchswerten, als nützliche Arbeit, ist die Arbeit daher eine von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen, ewige Naturnotwendigkeit, um den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, also das menschliche Leben zu vermitteln.“[2]</em></p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Arbeit war also während der gesamten Menschheitsgeschichte eine Grundvoraussetzung menschlicher Existenz, doch die Art und Weise, wie die Menschen arbeiteten und welche Bedürfnisse sie zu befriedigen versuchten, haben sich mit der Zeit stark verändert. Über Millionen von Jahren hat die Menschheit Werkzeuge und Techniken entwickelt, um die eigenen Ziele besser erreichen zu können. Doch die Entwicklung der Mittel zur Befriedigung selbst unserer grundlegendsten Bedürfnisse führt zwangsläufig zur Schaffung neuer Bedürfnisse, neuer gesellschaftlicher Verhältnisse und völlig neuer Lebensweisen. Diese ununterbrochene Interaktion war entscheidend für unsere eigene Entwicklung – ob wir als Nomaden lebten oder sesshaft wurden, ob wir ganzjährig arbeiteten oder nur zu gewissen Jahreszeiten. Das wirkte sich auch auf unsere Physiologie und unsere Evolution aus. Wir können also sagen, dass wir, indem wir unsere Umwelt verändern, auch uns selbst verändern. Das ist die Grundlage jeden menschlichen Fortschritts. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Dieses grundlegende Prinzip des historischen Materialismus fasste Friedrich Engels in seiner Trauerrede am Grab von Karl Marx folgendermaßen zusammen: </p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wie Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur, so entdeckte Marx das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte: die bisher unter ideologischen Überwucherungen verdeckte einfache Tatsache, daß die Menschen vor allen Dingen zuerst essen, trinken, wohnen und sich kleiden müssen, ehe sie Politik, Wissenschaft, Kunst, Religion usw. treiben können; daß also die Produktion der unmittelbaren materiellen Lebensmittel und damit die jedesmalige ökonomische Entwicklungsstufe eines Volkes oder eines Zeitabschnitts die Grundlage bildet, aus der sich die Staatseinrichtungen, die Rechtsanschauungen, die Kunst und selbst die religiösen Vorstellungen der betreffenden Menschen entwickelt haben, und aus der sie daher auch erklärt werden müssen.“[3]</em></p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Im <em>Kapital</em> Band 1 schreibt Marx: „Der Gebrauch und die Schöpfung von Arbeitsmitteln, obgleich im Keim schon gewissen Tierarten eigen, charakterisieren den spezifisch menschlichen Arbeitsprozeß.“[4] Die Archäologie liefert dafür genügend Beweise aus allen Epochen der Menschheitsgeschichte. Einige unserer frühesten homininen Vorfahren, der <em>Homo habilis</em> und der <em>Homo ergaster</em>, fertigten bereits Steinwerkzeuge an. Der Oldowan-Komplex, der in der Olduvai-Schlucht in Tansania entdeckt wurde, wird auf ein Alter von rund 2,6 Millionen Jahre datiert. In der Altsteinzeit (bis ca. 10.000 v.Chr.) entstand ein prähistorischer Technokomplex nach dem anderen – Acheuléen, Moustérien, Châtelperronien usw. Entsprechend der Herstellung der Werkzeuge dieser Kulturen können wir wichtige Rückschlüsse auf die Entwicklung von menschlichem Bewusstsein und komplexem Denken ziehen. Im Allgemeinen können wir sagen, dass jedes Werkzeug symmetrischer ist als das vorangegangene und mehr Vorausplanung benötigte, was die Entwicklung des Gehirns des modernen Menschen auf neue Höhen führte.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Diese Erkenntnisse liefern eine wichtige Bestätigung der materialistischen Methode, weshalb auch nichtmarxistische Archäologen gezwungen sind, die Vergangenheit gemäß der in jedem Zeitalter vorherrschenden materiellen Kultur zu periodisieren. Es ist kein Zufall, dass wir vom Paläolithikum („Altsteinzeit“ in Anlehnung an das altgriechische Wort „lithos“ für Stein), Mesolithikum („Mittelsteinzeit“), Neolithikum („Jungsteinzeit“), Bronzezeit und Eisenzeit sprechen. Diese Bezeichnungen beziehen sich auf das Material, mit dem die Werkzeuge hergestellt wurden, die in der jeweiligen Epoche für die Produktion von besonderer Bedeutung waren. Marx schreib dazu im Kapital Band 1:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>„Dieselbe Wichtigkeit, welche der Bau von Knochenreliquien für die Erkenntnis der Organisation untergegangner Tiergeschlechter, haben Reliquien von Arbeitsmitteln für die Beurteilung untergegangner ökonomischer Gesellschaftsformationen. Nicht was gemacht wird, sondern wie, mit welchen Arbeitsmitteln gemacht wird, unterscheidet die ökonomischen Epochen. Die Arbeitsmittel sind nicht nur Gradmesser der Entwicklung der menschlichen Arbeitskraft, sondern auch Anzeiger der gesellschaftlichen Verhältnisse, worin gearbeitet wird.“[5]</em></p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Diese im Grunde simple, aber doch revolutionäre Idee wird in der akademischen Welt durchaus nicht von allen akzeptiert. In Wirklichkeit stößt dieses grundlegende Prinzip des historischen Materialismus an den Universitäten auf eine ähnliche Ablehnung wie einst Darwins Theorie der natürlichen Auslese in den Viktorianischen Salons. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Deshalb hinkt die heutige akademische Welt auf diesem Gebiet sogar den antiken griechischen Philosophen hinterher. Sowohl Plato als auch Aristoteles erkannten die Tatsache an, dass es eine materielle Grundlage für ihre Mußezeit gab. Wie Aristoteles in seiner Metaphysik schreibt, konnte sich die Wissenschaft dort entwickeln, wo Menschen über ausreichend Freizeit verfügten: „Deshalb bildeten sich in Ägypten zuerst die mathematischen Künste (Wissenschaften) aus, weil dort dem Stande der Priester Muße gelassen war.“[6] Das setzt notwendigerweise ein gewisses Maß an Arbeitsproduktivität voraus, mit der auch eine Neuorganisation der gesellschaftlichen Struktur einherging. Wir wollen uns nun den Anfängen dieser Entwicklung zuwenden.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Der Urkommunismus</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Archäologen haben bislang kaum Beweise für eine signifikante Ungleichheit in der Zeit vor dem Neolithikum gefunden, das vor nicht ganz 12.000 Jahren begann. Die Fundstücke in paläolithischen Ausgrabungsstätten auf der ganzen Welt zeichnen ein Bild von kleinen, überwiegend umherziehenden Gesellschaften, die für ihr Überleben vor allem von der Jagd, dem Fischfang und dem Sammeln von essbaren Früchten, Pilzen usw. abhängig waren. In diesen Gesellschaften gab es hinsichtlich des Besitzes und des sozialen Status kaum Unterschiede. Diese Annahme lässt sich zumindest aus den Grabbeigaben jener Zeit schließen.  </p>

<p class="wp-block-paragraph">Natürlich werden wir nie mit völliger Sicherheit sagen können, wie prähistorische Jäger- und Sammlergesellschaften im Detail ausgesehen haben. Doch anthropologische Studien von bis heute existierenden Jäger- und Sammlergesellschaften, wie dem Stamm der !Kung in der Kalahari, lassen erahnen, wie die Menschen einst gelebt haben könnten. Der Anthropologe Richard Leaky schreibt:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die !Kung haben keine Häuptlinge und keine Anführer. […] Niemand erteilt oder befolgt Befehle.“ „Mit-anderen-teilen ist im Verhalten und in den Wertvorstellungen der !Kung-Wildbeuter […] tief verwurzelt“. „Geradeso, wie Gewinn- und Zweckmäßigkeitsdenken im Mittelpunkt kapitalistischer Moral stehen, so steht das Teilen mit anderen im Mittelpunkt der Wildbeutergesellschaften.“[7]</em></p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Diese Ansicht wird durch Studien über Jäger- und Sammlergesellschaften auf der ganzen Welt bestätigt und fügt sich nahtlos in das Bild, das die Erforschung der paläolithischen Ausgrabungsstätten hervorbringt. Doch der Egalitarismus in unserer prähistorischen Vergangenheit war nicht nur von rein kulturellem oder moralischem Gehalt. Er wurzelte vielmehr in der Tatsache, dass es über den Besitz von Werkzeugen und anderen persönlichen Gebrauchsgegenständen hinausgehendes Privateigentum nicht gab und auch nicht geben konnte. Diese Gruppen waren erfolgreiche und sehr fähige Jäger und Sammler, aber sie lebten weitgehend von der Hand in den Mund und verzeichneten keinen nennenswerten Überschuss, den man anhäufen hätte können. Dementsprechend gab es keine Vorstellung von Landbesitz oder Vererbung.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Das lässt sich auch gut an der Lebensweise der Aborigines in der zentralaustralischen Wüste veranschaulichen, die als eine der ältesten noch heute existierenden Kulturen weltweit gilt. In den 1960er Jahren lebte der Anthropologe Richard Gould mit diesen Jägern und Sammlern und erforschte ihre Kultur. Er vermerkte damals, dass alle Nahrungsmittel, die ins Lager gebracht wurden „peinlich genau zwischen allen Mitgliedern der Gruppe aufgeteilt wurden, selbst wenn es nicht mehr als eine kleine Eidechse war“[8]. Gestützt auf die Ausgrabungen in Höhlen und Felsvorsprüngen stellte Gould die Hypothese auf, dass die Bevölkerung dieser Region seit der ersten Besiedelung durch den <em>Homo sapiens</em> auf diese Art und Weise lebte. Das Prinzip hinter dieser ursprünglichen, ja absoluten Form des Kommunismus ist nicht schwer zu entdecken: es ist der Mangel, der letztlich durch die relativ niedrige Entwicklung der Produktivkräfte und das niedrige Niveau der Kontrolle über die natürliche Umwelt gegeben war. Während andere Jäger- und Sammlergesellschaften nicht unter derart schwierigen Bedingungen lebten, war dieses Prinzip doch in der gesamten paläolithischen Welt vorherrschend.  </p>

<h3 class="wp-block-heading">Frauen im Urkommunismus (In Verteidigung von Friedrich Engels)</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Der egalitäre Charakter der paläolithischen Gesellschaften zeichnet sich auch durch die gleichberechtigte Stellung der Frau aus. Schon Friedrich Engels schrieb in seinem Meisterwerk <em>Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates</em>:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>„Es ist eine der absurdesten, aus der Aufklärung des 18. Jahrhunderts überkommenen Vorstellungen, das Weib sei im Anfang der Gesellschaft Sklavin des Mannes gewesen. Das Weib hat bei allen Wilden und allen Barbaren der Unter- und Mittelstufe, teilweise noch der Oberstufe, eine nicht nur freie, sondern hochgeachtete Stellung.“[9]</em></p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Engels stützte sich auf die aktuellsten anthropologischen Studien seiner Zeit, insbesondere auf Henry Lewis Morgans Arbeit über die Irokesen, und kam zu der revolutionären Erkenntnis, dass die systematische Unterdrückung der Frau tatsächlich erst zu einem relativ späten Zeitpunkt in der Menschheitsgeschichte aufgetreten ist. Am Beispiel nicht nur der Gesellschaft der Irokesen, sondern auch der alten Griechen, Römer und Germanen argumentierte Engels, dass die „weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts“ eine ökonomische Grundlage hatte: die Herausbildung des Privateigentums an den Produktionsmitteln, speziell von Grund und Boden und den Viehherden, sowie die Akkumulation derselben in den Händen von Männern. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Wenn also Frauenunterdrückung nicht immer schon existiert hat, dann, so die Schlussfolgerung von Engels, muss es auch möglich sein, ihr ein Ende zu setzen. Durch die Errichtung einer kommunistischen Gesellschaft ohne Privateigentum und Ausbeutung ließe sich die Freiheit und Gleichheit von Männern und Frauen wiederherstellen, allerdings auf einem höheren Niveau als in der fernen Vergangenheit. Diese Perspektive hat Generationen von Marxisten inspiriert, den Kampf um Frauenbefreiung zu führen. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Diese revolutionäre Erkenntnis wurde jedoch nicht nur von den Apologeten der herrschenden Ordnung, sondern teilweise auch von feministischen Theoretikern abgelehnt, die Engels’ Interpretation urkommunistischer Gesellschaften als „tröstlichen Mythos“ abkanzelten. In der jüngeren Vergangenheit stimmten selbst „marxistische“ Akademiker in diesen Chor der Kritiker ein und griffen die Grundlagen von Engels‘ Theorie an. Christophe Darmangeat von der Universität Paris zum Beispiel behauptet: „das männliche Monopol auf die Jagd und den Besitz von Waffen versetzte Männer im Vergleich zu Frauen überall in eine Position der Stärke“, was bedeutet, dass „Frauen überall in eine Situation gebracht wurden, wo sie auf die Rolle reiner Instrumente in den Strategien der Männer reduziert werden konnten.“[10]</p>

<p class="wp-block-paragraph">Während Darmangeat behauptet, er würde Engels auf der Basis neuerer Forschungsergebnisse korrigieren, wiederholt er in Wirklichkeit genau dieselben falschen Annahmen, die Engels bereits vor mehr als hundert Jahren widerlegte. Darmangeat geht zunächst davon aus, dass Jagd und Waffenbesitz immer schon ein männliches Monopol waren. Damit diese These Gültigkeit hat, muss sie universell anwendbar sein, d.h. dieses angebliche Monopol muss immer und überall, ohne Ausnahme existiert haben. Doch eine derartige Annahme ist nicht haltbar und steht im Widerspruch zu den meisten modernen Forschungsergebnissen zu diesem Thema. Auch unsere Kenntnisse von heute noch bestehenden Jäger- und Sammlergesellschaften sprechen dagegen. So weiß man von den Agta auf den Philippinen, dass dort auch Frauen Waffen tragen und sich an der Jagd beteiligen.[11] Wenn wir in die Vergangenheit blicken, ergibt sich ein noch viel komplexeres Bild. Der jüngste Fund einer Jagdausrüstung im Grab einer jungen erwachsenen Frau in den Anden[12], das auf die Zeit von rund 7.000 v. Chr. datiert wird, sowie Darstellungen von mit Speeren bewaffneten Jägerinnen in den frühesten Höhlenmalereien im indischen Burzahom aus der Zeit von 6.000 v. Chr.[13] lassen auf die Rolle von Frauen bei der Jagd schließen. Doch selbst wenn wir die Annahme akzeptierten, dass die Jagd in erster Linie eine männliche Domäne war, beinhaltet Darmangeats Argument eine fatale Unwahrheit: Die Annahme, dass, wo immer es eine Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern gab, Frauen auf die Rolle „reiner Instrumente“ reduziert wurden.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Als Marxisten leugnen wir nicht, dass es natürliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, und dass es deshalb auch in allen Gesellschaften eine bestimmte Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern gab. Die Tatsache, dass Frauen schwanger werden und Kinder gebären können, ist ein augenscheinliches Beispiel dafür. Je nach der Beschaffenheit der natürlichen Umgebung und den dort vorhandenen Ressourcen der jeweiligen Gemeinschaft konnten sich die Männer auch weiter vom Lagerplatz entfernen und zum Beispiel Jagdexpeditionen unternehmen, während Frauen sich tendenziell darauf konzentrierten, Nahrung in der umliegenden Gegend zu sammeln, weil sie dann auch die Kinder mitnehmen konnten. Eine derartige Arbeitsteilung wurde zum Beispiel bei den !Kung beobachtet.[14] Der zentrale Punkt ist aber, dass in solchen Gesellschaften das Vorhandensein einer gewissen Arbeitsteilung nicht als Beweis für Unterdrückung oder Ausbeutung durch andere Teile der Gemeinschaft gesehen werden kann. Im Gegenteil, alle uns zugänglichen Beweise lassen auf das Gegenteil schließen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Mit Bezug auf die !Kung schreibt Patricia Draper: </p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>„Männer und Frauen der Wildbeutergruppen sind egalitär im Umgang miteinander. Typischerweise leben sie in gemischtgeschlechtlichen Gruppen im Lager zusammen, obwohl sie ihre Arbeit für gewöhnlich in gleichgeschlechtlichen Gruppen verrichten. Die Frauen zeigen gegenüber den Männern keine Unterwürfigkeit. Sie leben in kleinen Gruppen ohne stark ausgeprägte Führungsrollen, sie treffen Entscheidungen nach dem Konsensprinzip, wobei Frauen gemeinsam mit den Männern entscheiden.“[15]</em></p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Die Frauen, die hier beschrieben werden, können kaum als „reine Instrumente“ von jemand anderem bezeichnet werden. Ganz im Gegenteil. In vielen Fällen, so auch bei den !Kung, tragen Pflanzen, die von den Frauen gesammelt werden, zu 80% des täglichen Lebensmittelverbrauchs der Gemeinschaft bei, und „anders als männliche Jäger, behalten die weiblichen Wildbeuter die Kontrolle über die endgültige Verteilung der Nahrungsmittel, die sie gesammelt haben“[16]. Der Anthropologe Chris Knight behauptet, dass in vielen Jäger- und Sammlergesellschaften „ein junger Mann nie das dauerhafte Recht auf Sex gegenüber der Frau erlangt, die er regelmäßig besucht. Stattdessen muss er sich ständig Anerkennung verdienen, indem er das von ihm erlegte Fleisch seiner Schwiegermutter überlässt, die es dann nach ihren Vorstellungen verteilen kann.“[17] Auch hier stellt sich die Frage, wer eigentlich wen kontrolliert.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Auch wäre es falsch zu behaupten, dass der Besitz von Waffen oder größere körperliche Stärke automatisch zu Gewalt gegen Frauen führt. Eine Studie aus dem Jahr 1989 kam zu dem Ergebnis, dass die traditionell als Nomaden oder Halbnomaden lebenden San eine von nur sechs Gesellschaften weltweit waren, in der häusliche Gewalt nahezu unbekannt war.[18] Das ist eine wirklich erstaunliche Tatsache, wenn wir berücksichtigen, dass jedes Jahr Gewalt an Frauen unzählige Leben fordert. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Das Bild des Mannes als den dominanten „Ernährer“ und der Frau als untergeordneter „Hausfrau“ ist für diese historische Epoche völlig anachronistisch – es handelt sich um eine Konzeption der Urgeschichte, die direkt der Zeichentrickserie „Familie Feuerstein“ entnommen scheint. Das Fortbestehen dieser Vorstellungen hat jedoch nichts mit dem Wissensstand der prähistorischen Forschung zu tun, sondern spiegelt lediglich die Tatsache wider, dass die Vertreter dieser These unfähig sind, sich eine Welt vorzustellen, die nicht gemäß den heute in der kapitalistischen Klassengesellschaft vorherrschenden Vorurteilen funktioniert. Wenn man aber diese durch die Klassengesellschaft bestimmten Vorurteile akzeptiert, dann muss man auch die letztlich daraus fließenden Schlussfolgerungen akzeptieren, und nicht nur die Möglichkeit einer wirklichen Gleichheit von Mann und Frau, sondern generell die Perspektive einer Gesellschaft frei von Ausbeutung und Unterdrückung verwerfen. Dieses angeblich wissenschaftliche Argument legitimiert in letzter Instanz die Existenz einer Klassengesellschaft auf immer und ewig. Amen! </p>

<h3 class="wp-block-heading">Die Anfänge des Ackerbaus</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Aber wie konnte es sein, dass die Menschheit von dieser scheinbar utopischen urkommunistischen Gesellschaftsform zu einer Ordnung überging, in der die überwältigende Mehrheit der Menschen unterdrückt wurde? Der Anthropologe Marshall Sahlins prägte auf der Grundlage seiner Forschungsarbeiten zu Jäger- und Sammlergesellschaften den Begriff der „ursprünglichen Überflussgesellschaft“. Demzufolge hätten Erwachsene nur drei bis fünf Stunden pro Tag arbeiten müssen, um ausreichend Lebensmittel zu beschaffen. Auch wenn das wahrscheinlich eine Übertreibung ist, die von einer zu engen Definition von Arbeit herrührt, stellt sein Argument doch die Vorstellung in Frage, wonach Jäger- und Sammlergesellschaften permanent am Rande des Verhungerns lebten. Doch genauso, wie wir den von Hobbes geschaffenen Mythos zurückweisen, das Leben sei vor der Befreiung durch die zivilisierte Repression seitens des Staates immer schon „armselig, ekelhaft, tierisch und kurz“ gewesen, sollten wir auch vorsichtig sein und den Bogen nicht zu sehr in die andere Richtung überspannen. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Die paläolithische Gesellschaft war kein paradiesischer Urzustand, in dem alle im Überfluss lebten. In der Eiszeit waren die Gemeinschaften zwangsläufig eher klein, da die Menschen stets in der Unsicherheit lebten, ob sie ihre Existenz sichern können würden. Im Regelfall wurde das vorhandene Essen binnen weniger Stunden oder Tage aufgebraucht. Diese Gemeinschaften generierten, wenn überhaupt, kaum Überschüsse. Die meisten Jäger- und Sammlergesellschaften verzeichneten eine nur sehr geringe Lebenserwartung und eine sehr geringe Geburtenrate. Selbst nach dem Ende der letzten Eiszeit um 9.700 v. Chr. waren diese Gesellschaften ständig mit materiellem Mangel konfrontiert. Nur um ein Beispiel zu geben: In der Ausgrabungsstätte im indischen Mahadaha, die auf die Zeit von 4.000 v. Chr. datiert wird, lag das geschätzte Sterbealter von den 13 dort gefundenen Skeletten zwischen 19 und 28 Jahren, aber „wahrscheinlich viel näher bei 19 Jahren“[19]. Damals war die treibende Kraft hinter jeder Form von Entwicklung der Kampf zur Sicherung des Überlebens der Gruppe – und das gegen alle Widrigkeiten: „die Produktion und Reproduktion des unmittelbaren Lebens“[20].</p>

<p class="wp-block-paragraph">Aus der Notwendigkeit, die Art der Lebensmittelbeschaffung zu verbessern, entwickelten die Menschen mit der Zeit Steinwerkzeuge und sie begannen Ausschau zu halten nach einer größeren Vielfalt an Lebensmitteln, die auch möglichst verlässlich zur Verfügung stehen würde. Diese Entwicklung wurde durch die globale Klimaerwärmung vor rund 20.000 Jahren begünstigt. Steigende Temperaturen und mehr Feuchtigkeit sowie das Abschmelzen der Eisdecke ermöglichten es den Menschen damals, völlig neue Regionen zu besiedeln und neue Nahrungsquellen zu erschließen. Unter den sich stark verändernden Umweltbedingungen begannen die Jäger und Sammler neue, ausgefeiltere Methoden zur Gewinnung von Nahrungsmitteln zu entwickeln, was zu einer sprunghaften Entwicklung der Produktivkräfte führte. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Ältere Steinwerkzeuge wie Faustkeile wurden durch „Mikrolithen“ in Form von Bohrern und Pfeilspitzen ersetzt.[21] Aus Knochen wurden dünne Nadeln angefertigt, mit denen Pelze zusammengenäht werden konnten. Die damit hergestellten Kleidungsstücke ermöglichten wiederum die Besiedelung auch unwirtlicher Gebiete wie Sibirien.[22] Aus Rentiergeweihen wurden Harpunen geschnitzt, womit der Fischfang ertragreicher wurde.[23] Weidenkörbe wurden hergestellt, um Aale zu fangen.[24] All das bedeutete einen sowohl qualitativen als auch quantitativen Sprung in der menschlichen Arbeitsproduktivität.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Doch nicht nur Jagd und Fischfang florierten. Durch das wärmere und feuchtere Klima gediehen auch immer mehr essbare Wildpflanzen, die die Menschen als Nahrungsquelle entdeckten. Die älteste uns bekannte Ernte von Wildgräsern lässt sich auf die Zeit der späten Eiszeit rund 21.000 Jahre v. Chr. datieren. Der Fundort liegt in Ohalo, dem heutigen Israel. 14.000 Jahre v. Chr. wurden in der gesamten Region Emmer, Einkorn und Gerste angebaut. Diese Entwicklung mag anfangs nur als eine kleine Verbesserung erschienen sein, doch sie markiert die frühen Anfänge eines Prozesses, der die Beziehung des Menschen zur natürlichen Welt und damit das menschliche Leben unwiederbringlich verändern sollte.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Von der ersten Bewirtschaftung von Getreide und anderen Pflanzen war es allerdings noch ein weiter Weg zur landwirtschaftlichen Produktion des Neolithikums. In den meisten Regionen glich diese Bewirtschaftung mehr einer „Gartenarbeit in der Wildnis“, in dem die Menschen regelmäßig Orte aufsuchten, an denen essbare Pflanzen wuchsen. Doch selbst durch diese scheinbar passive Form des Sammelns und Erntens begannen die Menschen die Natur in mehr oder weniger bewusster Form umzugestalten.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Viele der Pflanzen und Tiere, die uns heute als Grundnahrungsmittel dienen, haben nicht immer schon in dieser Form existiert. Mais, Bohnen, Speisekürbisse und selbst Schweine, Schafe und Rinder, wie wir sie heute kennen, entwickelten sich erst im Zuge der menschlichen Eingriffe in die Natur vor mehreren tausend Jahren. Zum Beispiel die Wildgräser, die an Orten wie Ohalo angebaut wurden, besaßen viel kleinere Körner als der Weizen, den wir heute kennen. Die Entdeckung von überdurchschnittlich großen Körnern in Jerf el Ahmar im heutigen Syrien lässt darauf schließen, dass die Menschen schon 13.000 v. Chr. gezielt Gräser mit größeren Körnern aussäten, um so den Ertrag zu steigern.[25]</p>

<p class="wp-block-paragraph">Noch wichtiger war jedoch, dass die Ähren dieser alten Gräser leicht abbrachen und der Samen sich von alleine verteilte, was die Chancen erhöhte, dass sich diese Pflanzen erfolgreich vermehren konnten. Doch was für die Pflanze gut ist, ist für den Sammler nicht notwendigerweise von Vorteil. Ein großer Anteil der potentiellen Ernte ging so verloren, bevor noch der Schnitter zur Stelle war. Bei modernen Getreidesorten ist die Rhachis (Achse der Getreidenähre) so beschaffen, dass die Ähren bis zur Ernte nicht abbrechen. Diese biologische Transformation war das Produkt des Eingriffs durch den Menschen und seiner Innovationskraft. Unter den richtigen Bedingungen führte die Tendenz zur Selektion, die durch die bewusste Verbesserung der Techniken der Sammler entstand, zur Entwicklung neuer Weizen- und Gerstesorten, was für sich genommen einen weiteren großen Fortschritt in der Entwicklung der Produktivkräfte bedeutete.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Die Neolithische Revolution</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Gemeinsam mit der Zunahme an natürlichen Ressourcen und den Verbesserungen der Werkzeuge und Arbeitstechniken entstanden in dieser Epoche die ersten festen Siedlungen. Anfangs handelte es sich dabei wahrscheinlich um Lager, die zu einer bestimmten Saison genutzt wurden, zu denen die Menschen jedoch in immer regelmäßigeren Abständen zurückkehrten. Ein Beispiel dafür ist der Fundort Star Carr im heutigen England aus der Zeit um 9.000 v. Chr.[26] In weiterer Folge wurden die ersten dauerhaft besiedelten Dörfer errichtet. Ein frühes Beispiel liefert die Ausgrabungsstätte ‚Ain Mallaha in der Levante, die auf 12.5000 v. Chr. datiert ist. Man zählt diesen Ort zum Natufien, einer Kultur des Proto-Neolithikums. Hier siedelten Menschen dauerhaft und lebten von der Jagd auf Gazellen und dem Anbau von Wildgetreide.[27]</p>

<p class="wp-block-paragraph">Aber selbst im höchsten Stadium des Epipaläolithikums („Späte Altsteinzeit“) waren dauerhafte Siedlungen noch sehr selten und konnten nur dort gefunden werden, wo es außerordentlich günstige natürliche Bedingungen gab, wie dies in ‚Ain Mallaha oder Poverty Point der Fall war. In diesem Stadium war es sehr schwierig und in einigen Fällen unmöglich, andernorts ähnliche Bedingungen zu schaffen, weshalb in einem bestimmten Ausmaß die Errichtung von Siedlungen letztendlich von der Natur vorgegebenen Bedingungen abhing. Doch die Entwicklungen, die damals vor sich gingen, bereiteten den Boden für eine dramatische Umwälzung der menschlichen Lebensbedingungen, wobei die Ausnahme zur Regel werden sollte.</p>

<p class="wp-block-paragraph">In der Geschichte haben oft Krisen die tiefliegenden Veränderungsprozesse unter der Oberfläche beschleunigt. Solche Krisen können sowohl externe als auch interne Ursachen haben. Vor der Entwicklung der Landwirtschaft im Nahen Osten wurde es spürbar kälter auf der Erde. Es kam zu einer Rückkehr eiszeitlicher Bedingungen in der Jüngeren Dryaszeit (ungefähr von 11.000 – 9.700 v. Chr.). Die Ausbreitung von Wildgräsern wurde dadurch gebremst und die Tierherden mussten auf der Suche nach günstigeren Umweltbedingungen weiterziehen. Die meisten Menschen konnten ihre bisherige Lebensweise daher nicht aufrechterhalten. Die Sterblichkeit nahm erneut zu, und viele Menschen mussten wieder zu einem Nomadenleben zurückkehren. Doch die vorangegangene Entwicklung, die schrittweise über Tausende von Jahren gegangen war, war nicht komplett umsonst gewesen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Als die Menschen die Siedlungen aufgaben, weil dort das Überleben nicht mehr gesichert erschien, nahmen sie geerntete Samenkörner mit und säten sie an völlig neuen Orten. Die Schaffung neuer Anbauflächen und die stärkere Abhängigkeit bestimmter Gemeinschaften vom Getreideanbau dürfte, so die heutige Annahme, die natürliche und künstliche Auslese beschleunigt und zur Herausbildung von domestiziertem Weizen[28] geführt haben. Das kam einem spürbaren Fortschritt gegenüber den alten Siedlungen von Jäger- und Sammlergemeinschaften gleich. Wir können diesen Prozess ganz deutlich in Abu Hureyra, im heutigen Syrien, nachverfolgen, wo die Menschen durch den intensiven Anbau von wildem Roggen auf das kältere Klima reagierten. Daraus entstand das älteste domestizierte Getreide, das bislang nachgewiesen werden konnte. Es stammt in etwa aus der Zeit um 10.500 v. Chr.[29]</p>

<p class="wp-block-paragraph">Rund 9.500 v. Chr. kehrten die Menschen in der Levante und im Südosten der heutigen Türkei zu einem sesshaften Leben zurück, doch dieses Mal auf einer qualitativ weit höheren Stufe, was durch den Anbau von domestizierten Getreidesorten und Viehhaltung (Schafe, Ziegen) möglich wurde. Die Jäger wurden nun durch den gezielten Eingriff in die Natur zu Hirten. Um 8.000 v. Chr. hatte sich dieser neue Lebensstil im gesamten Nahen Osten durchgesetzt und fand bald darauf auch in Europa und Südasien Nachahmung. Unabhängig davon setzte sich auch in anderen Weltregionen, wie in China sowie in Teilen Afrikas und Amerikas, diese neue Form der Landwirtschaft durch. Der marxistische Archäologe V. Gordon Childe bezeichnete diesen Prozess als „Neolithische Revolution“. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Für viele bürgerliche Wissenschaftler erinnert die Bezeichnung „Revolution“ zu sehr an einen marxistischen Ansatz, weshalb sie ihn nicht in Lehrbüchern verwenden. Stattdessen bezeichnen sie die Entwicklung der Landwirtschaft in dieser historischen Phase als „Neolithischen Übergang“, da es sich um einen Prozess handelte, der sich über eine sehr lange Zeitspanne vollzog. Das zeugt allerdings von einem sehr eingeschränkten Verständnis von Geschichte. Die kambrische Explosion (eine Epoche sehr schneller Diversifizierung komplexer, mehrzelliger Tierstämme) erstreckte sich über einen Zeitraum von mehr als zehn Millionen Jahren – eine äußerst kurze, ja explosive Zeitspanne, gemessen an Milliarden Jahren einer unglaublich langsamen Entwicklung, die ihr vorausgegangen war. Die Neolithische Revolution war im Rahmen der Menschheitsgeschichte eine vergleichbar gewaltige und schnelle Transformationsperiode. Der <em>Homo sapiens</em> existiert seit rund 300.000 Jahren, doch diese Entwicklungen erfolgten binnen weniger tausend Jahre und erschütterten das menschliche Leben grundlegend, was zum Entstehen einer neuen Lebensweise, einer neuen Produktionsweise beitrug und so ein neues Kapitel in der Menschheitsgeschichte einläutete.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Die Bedeutung von Ideen</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Ein weiterer Einwand gegen die „traditionelle“ Darstellung der Neolithischen Revolution richtet sich gegen deren materialistische Schlussfolgerungen. Wenn wir mit einem Abstand von 10.000 Jahren auf jene Prozesse zurückblicken, können wir die tiefgreifende Wirkung erahnen, die die damaligen Entwicklungen auf dem Gebiet der menschlichen Arbeit und der Technik sowohl auf die Natur als auch auf die Gesellschaft hatten. Doch selbst diese Bestätigung der grundlegendsten Ideen des historischen Materialismus wollen manche Wissenschaftler nicht akzeptieren. So behauptete etwa Anthony Giddens, der Soziologe hinter Tony Blairs „Drittem Weg“, dass die Entwicklung der Produktivkräfte kein entscheidender Faktor in der Neolithischen Revolution gewesen sein konnte, weil an einigen Orten bereits vor dem Auftauchen der Landwirtschaft menschliche Siedlungen existiert hatten. Giddens schreibt dazu:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>„Das menschliche Sozialleben beginnt nicht und endet auch nicht mit der Produktion. Wenn Mumford den Menschen ein ‘mindmaking, self-mastering, and self-designing animal‘ nennt, und wenn Frankl das menschliche in der „Sinnsuche“ sieht, sind sie näher dran, die Grundlage einer philosophischen Anthropologie der menschlichen Kultur zu liefern, als Marx es war.“[30]</em></p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Vor nicht allzu langer Zeit wurde die Behauptung aufgestellt, dass die Forschungsergebnisse der Ausgrabungsstätte Göbekli Tepe in Südostanatolien, in der heutigen Türkei, neue Beweise zur Untermauerung dieser idealistischen Geschichtsauffassung liefern würden. Göbekli Tepe wird auf 9.600 v. Chr. datiert, die Siedlung existierte in der Frühzeit der neolithischen Epoche. Dort wurden große Steinaltäre gefunden, die darauf schließen lassen, dass ein gewisses Maß an Arbeitsteilung existierte und die Menschen Mehrarbeit zur Errichtung des Baus dieser Tempelanlage aufwenden mussten. Es finden sich auch genügend Beweise, die nahelegen, dass dieser Ort ganzjährig genutzt wurde. Doch die große Menge an Knochen von Wildtieren und das Fehlen von Überresten von domestizierten Tieren lässt den Schluss zu, dass dieser „Tempel“ von Jägern und Sammlern errichtet wurde. Diese bemerkenswerte Entdeckung hat dazu geführt, dass in einer Reihe von Artikeln das Ende des Materialismus ausgerufen wurde. Die These lautet also, die Menschen hätten sich nicht aufgrund der Entwicklung der Landwirtschaft oder, allgemein gesprochen, der Produktivkräfte niedergelassen, sondern wären zum Zweck der Ausübung ihrer Religion sesshaft geworden und haben dann erst eine landwirtschaftliche Produktion entwickelt, um ihre Gemeinschaft ernähren zu können. „Ich glaube, was wir hier sehen können, ist, dass die Zivilisation ein Produkt des menschlichen Geistes ist“[31], verkündete der Grabungsleiter an diesem Fundort, Klaus Schmidt.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Doch die Einsicht, dass Zivilisation ein „Produkt des Geistes“ sei, ist bei weitem nicht so tiefschürfend, wie der Autor glauben mochte. Auch die Dampfmaschine oder das Fabriksystem waren Produkte des menschlichen Verstands. Die aus Feuerstein gefertigte Sichel war ebenso ein Produkt menschlichen Verstands. Selbst wenn der militanteste Materialist sich ein Essen zubereitet, dann macht er das, weil er die Idee hatte, es zu tun. Doch das sagt noch nicht viel, außer die unbestrittene Tatsache, dass all diese Dinge von bewusst denkenden menschlichen Wesen geschaffen wurden.  </p>

<p class="wp-block-paragraph">Schon Friedrich Engels meinte: „Alles, was die Menschen in Bewegung setzt, muß durch ihren Kopf hindurch; aber welche Gestalt es in diesem Kopf annimmt, hängt sehr von den Umständen ab.“[32] Wir müssen uns die Frage stellen, warum die Menschen, die Göbekli Tepe errichtet haben, sich dazu entschlossen haben, zuerst eine derart große und ganzjährig genutzte Kultstätte zu bauen, und warum sie dann den Entschluss fassten, dort auch Weizen anzubauen. Rituelle Handlungen waren schon während des gesamten Paläolithikums wichtiger Bestandteil menschlichen Gemeinschaftslebens. Für die Menschen waren sie ein Mittel, um die Funktionsweise der natürlichen Welt besser zu verstehen und diese Schritt für Schritt zu kontrollieren. Das Ernten von wildem Weizen reicht jedoch zurück in eine Zeit von vor über 23.000 Jahren. Warum kam es also nicht schon in der späten Eiszeit zu einer ähnlichen Entwicklung wie in Göbekli Tepe? Die Erklärung dafür kann letztendlich nur in der Entwicklung der Produktivkräfte gefunden werden: dem Verhältnis der Menschheit zur Natur, das durch die Arbeit der Menschen, ihre Werkzeuge, ihre Arbeitsorganisation und Arbeitstechnik vermittelt wird.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die für Viehzucht und Ackerbau notwendigen Mittel waren bereits im Rahmen der alten Jäger- und Sammlergesellschaft über Tausende von Jahren vor dem Bau von Göbekli Tepe entwickelt worden. Wie bereits erwähnt, fand man Körner von domestiziertem Roggen, die aus der Zeit rund um 10.500 v. Chr. stammen. Jüngere Ausgrabungen in Göbekli Tepe haben aber auch Beweise sowohl für Wohngebäude[33] als auch für den Konsum von Wildgetreide[34] erbracht, was Schmidt inseinem idealistischen Ansatz nicht berücksichtigt oder ignoriert hatte. Das bedeutet, dass Göbekli Tepe nicht nur ein Tempel war, sondern dass es sich um eine Siedlung handelte, die in weiterer Folge auf Ackerbau umstellte, weil die Jagd und das Sammeln von essbaren Pflanzen nicht mehr ausreichten, um die Gemeinschaft zu ernähren. Das unterstreicht nur die Schlussfolgerung, dass die faszinierenden Altäre und religiösen Handlungen der Menschen, die dort lebten, eine materielle Grundlage hatten. Wie auch die Menschen in Tell Abu Hureyra, die angesichts einer Notsituation zum Anbau von Roggen übergingen, markiert auch die Kultur, die Göbekli Tepe schuf, einen Wendepunkt in der Neolithischen Revolution, in dem sich die Notwendigkeit einer neuen Form der gesellschaftlichen Ordnung im bewussten Handeln von Menschen widerspiegelt. Derartige Prozesse sehen wir in allen sozialen Revolutionen. Die Ideen, Wünsche und religiösen Vorstellungen dieser Menschen entsprangen nicht direkt den Werkzeugen, die damals verwendet wurden, sondern waren Produkte des Verstandes von lebendigen Menschen – und sie hatten zweifelsohne einen entscheidenden Effekt auf die Form, die dieser Prozess annahm. Aber es waren die Veränderungen, die sich in der Umwelt dieser Menschen, in ihrer Gesellschaft und der ihr zugrundeliegenden Arbeitsweise abspielten, die den wahren Inhalt dieses Prozesses bestimmten: „Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.“[35]</p>

<h3 class="wp-block-heading">Eine neue Welt</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Marx schreibt im Kapital: „Abstrakt strenge Grenzlinien scheiden ebensowenig die Epochen der Gesellschafts- wie die der Erdgeschichte.“[36] In dieser Hinsicht werden die frühesten Dörfer der neolithischen Epoche den Siedlungen der Jäger- und Sammlergesellschaften, die am Ende des Paläolithikums entstanden waren, sehr ähnlich gewesen sein. In einigen Fällen konnten diese neolithischen Gemeinschaften noch immer relativ mobil sein, besiedelten für eine gewisse Zeit ein Stück Land, wo sie Getreide anbauten, und zogen weiter, wenn sich der Boden nach einiger Zeit regenerieren musste. Henry Morgan beobachtete diese Vorgangsweise auch bei den Irokesen. Die Jagd, der Fischfang und das Sammeln von Früchten blieben neben dem Anbau von Getreide wichtige Methoden der Nahrungsbeschaffung. Es dauerte mehrere hundert Jahre, bis die grundlegenden Veränderungen, die damit einhergingen, offensichtlich wurden. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Eine dieser Veränderungen war der markante Anstieg der Größe und Zahl der Siedlungen. Die durchschnittliche Siedlung im Natufien dürfte schätzungsweise von 100 bis 150 Personen bewohnt worden sein – eine beachtliche Größe für eine Jäger- und Sammlergemeinschaft, aber immer noch klein im Vergleich zu den neolithischen Siedlungen, die ab 9.500 v. Chr. entstanden. Selbst in einem kleinen neolithischen Dorf wohnten rund 250 Menschen[37], also in etwa doppelt so viele wie in der Natufien-Kultur. Jericho, vielleicht die älteste Siedlung, die heute noch existiert, wies um 9.000 v. Chr., also nur wenige Jahrhunderte nach Beginn der neolithischen Epoche, eine Bevölkerung in der Größenordnung von 1.000 Personen auf. Das war nur möglich auf der Grundlage eines massiven Sprungs in der Entwicklung der Produktivkräfte. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Ackerbau rund um feste Siedlungen begünstigte nicht nur die Entstehung großer Gemeinden, sondern beschleunigte auch das Bevölkerungswachstum im Allgemeinen. Allerdings darf man nicht vergessen, dass diese verbesserten Reproduktionsbedingungen nach wie vor durch hohe Kindersterblichkeit und die allgemein sehr niedrige Lebenserwartung von neolithischen Bauern und Bäuerinnen  (aufgrund einer sehr eingeschränkten Ernährung und dem Entstehen bislang unbekannter Krankheiten) konterkariert wurden. Letzteres war eine der Schattenseiten der Sesshaftigkeit – oft lebten tausende Menschen und Tiere auf sehr engem Raum zusammengedrängt. Trotz aller Probleme, die sich aus der Sesshaftwerdung ergaben, führte die höhere Geburtenrate doch zur Ausbreitung neuer und auch größerer Siedlungen, die die nomadischen Jäger- und Sammlergemeinschaften schrittweise verdrängten. Auf den britischen Inseln dürften Menschen, die sich, aus Kontinentaleuropa kommend, hier angesiedelt hatten, um 4.000 v. Chr. mit dem Ackerbau begonnen haben. Innerhalb von 2.000 Jahren, ein im urgeschichtlichen Maßstab sehr kurzer Zeitraum, setzte sich die neue Lebensweise flächendeckend durch.[38]</p>

<p class="wp-block-paragraph">Mit der gewandelten Produktionsweise und den Auswirkungen auf die materielle Reproduktion des Menschen nahmen auch neue ideologische und religiöse Vorstellungen Form an. Ein Beispiel dafür sehen wir in der zunehmenden Verbreitung dessen, was heute als Ahnenkult aufgefasst wird. In Jericho wurden etwa mit Gips verputzte Schädel sowie im Boden der Häuser begrabene Verstorbene gefunden.[39] Die Vorstellung, dass die eigenen Ahnen auch nach dem Tod in der Familie bleiben, manchmal sogar wortwörtlich im Haus der Familie, weil sich dort ihr Grab befand, und sie auf diese Weise ihre lebenden Verwandten beschützten, ist ebenso  durch Quellen aus der chinesischen Kultur sehr gut belegt. Das passt auch zusammen mit der Tatsache, dass die Menschen nun dauerhaft in einem bestimmten Haushalt lebten und dasselbe Land bestellten.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Mit dem Übergang zu sesshafter Landwirtschaft begann sich auch schrittweise die Arbeitsteilung innerhalb der Familie zu verändern. Eine deutlich höhere Geburtenrate bedeutete, dass Frauen häufiger schwanger waren und mehr Zeit für die Kinder aufbringen mussten, weshalb ihnen weniger Zeit für die Feldarbeit blieb. Funde aus einer Reihe von neolithischen Ausgrabungsstätten lassen darauf schließen, dass diese Entwicklung gemeinsam mit der Intensivierung der  Arbeit und der Notwendigkeit, ständig auf den Feldern zu arbeiten und die Herden zu beaufsichtigen, vielerorts zu einer viel rigideren Teilung der Verantwortlichkeiten innerhalb der Familie führte. </p>

<p class="wp-block-paragraph">In dem Maße, wie sich der Anbau von Getreide ausbreitete, wurde auch die Verarbeitung von Weizen und Gerste immer wichtiger. In Tell Abu-Hureyra entdeckten die Forscher bei weiblichen Skeletten Spuren von Arthritis in den Zehen, weil diese Frauen stundenlang kniend und unter Einsatz des Gewichts ihres Körpers Getreide mahlten.[40] Eine ähnliche Arbeitsteilung lässt sich aus den Funden in einer neolithischen Ausgrabungsstätte im heutigen China ablesen, die auf 5.000-6.000 v. Chr. datiert wird. Dort wurden männliche Tote fast durchwegs mit Steingerätschaften begraben, die für den Ackerbau oder die Jagd benutzt wurden, während Frauen ohne derartige Artefakte begraben wurden. In den weiblichen Gräbern fand man jedoch Werkzeug, das man zum Mahlen von Getreide benötigte.[41] Diese Zeugnisse ließen, zusammen mit anderen Studien, viele Anthropologen zu dem Schluss kommen, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Ausbreitung der sesshaften Landwirtschaft und der Tendenz, dass Frauen im Heim „Hausarbeit“ leisteten. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Diese „Hausarbeit“ war jedoch keineswegs zweitrangig oder der Arbeit der Männer untergeordnet. Neolithische Häuser, die man bei Ausgrabungsarbeiten freilegen konnte, verfügten oft über einen eigenen Bereich, wo Webarbeiten verrichtet wurden. Werkzeugherstellung, die häufig als Männerarbeit dargestellt wird, fand ebenfalls im oder um das Heim oder das Dorf statt, und in vielen Fällen waren die Frauen dafür verantwortlich. Anthropologische Studien über die Konso, eine großteils von der Landwirtschaft lebende ethnische Gruppe in Äthiopien, die weltweit zu den letzten Völkern gehören, die noch vorrangig Feuersteinwerkzeuge benutzen, gehen von der These aus, dass in diesen Gemeinschaften gewöhnlich die Frauen Werkzeuge herstellen.[42] Der neolithische Haushalt war also sowohl Heim als auch Werkstatt, und die vorhandenen Zeugnisse sprechen dafür, dass die Frauen in diesen Haushalten eine zentrale Stellung innehatten. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Verschiebungen in der Arbeitsteilung innerhalb der Familie erfolgten weder automatisch noch waren sie absolut. Es gab Gesellschaften, in denen Männer und Frauen ungefähr gleich viel Arbeit innerhalb und außerhalb des eigenen Haushalts verrichteten. Das dürfte beispielsweise am besonders wichtigen neolithischen Fundort Çatalhöyük[43] in der heutigen Türkei der Fall gewesen sein. In etlichen Gesellschaften erledigten auch tendenziell die Frauen, nicht die Männer die landwirtschaftliche Arbeit, wie man es aus Morgans Studie über die Irokesen kennt. Es wäre daher überaus vereinfachend und falsch, wenn wir eine automatische und unmittelbare Verbindung zwischen der landwirtschaftlichen Produktionsweise im Allgemeinen und der Tendenz vermehrter Arbeit der Frauen im Haushalt herstellen würden. Weiters können wir diese Veränderungen in der Arbeitsteilung innerhalb der Familie nicht als verlässlichen Beweis für die systematische Unterdrückung von Frauen und die Durchsetzung des Patriarchats, das zum Kennzeichen aller späteren „zivilisierten“ Gesellschaften gehört, heranziehen. Während Frauen allem Anschein nach mehr Arbeit zu Hause verrichteten, so wurde ihre Arbeit innerhalb der Gemeinschaft doch sehr wertgeschätzt, und Frauen genossen denselben Status wie Männer. Viele neolithische Grabstätten, wie etwa Midhowe Cairn im britischen Orkney, in denen die sterblichen Überreste von in etwa gleich viel Männern wie Frauen gefunden wurden, weisen keine bemerkbaren Unterschiede in Bezug auf Reichtum oder gesellschaftlichen Status auf.[44]</p>

<p class="wp-block-paragraph">Was wir an den Funden in Tell Abu-Hureyra und anderen neolithischen Ausgrabungsstätten jedoch ablesen können, sind die ersten Anfänge des Aufkommens neuer gesellschaftlicher Beziehungen innerhalb der neolithischen Gesellschaft. Dazu gehörte auch, dass Frauen tendenziell vermehrt im Heim tätig waren. Das für sich allein genommen bedeutete aber noch nicht, dass Frauen in ökonomische Abhängigkeit gerieten bzw. unterdrückt wurden, doch im Laufe der weiteren Entwicklungen und der Intensivierung der Arbeit auf dem Gebiet der landwirtschaftlichen Produktion verfestigte sich diese Tendenz immer mehr. Dadurch dürfte die Grundlage für eine weitere Verschiebung in den Beziehungen zwischen Männern und Frauen gelegt worden sein. Das war im Neolithikum aber noch nicht der Fall; erst mit dem Entstehen von Klassengesellschaften schlugen diese Entwicklungen in eine systematische Unterdrückung der Frau um.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Die Dorfgemeinschaft</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Trotz der im Keim bereits sichtbaren Anzeichen von Ungleichheit in der neolithischen Periode waren die gesellschaftlichen Verhältnisse nach wie vor weitgehend kommunistischer Natur. Es gibt, wenn überhaupt, kaum Anzeichen von Privatbesitz, Ausbeutung oder vererbbarem Vermögen. Engels stellte die gesellschaftlichen Strukturen dieser klassenlosen Gesellschaften in seinem Buch <em>Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates</em> dar:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ohne Soldaten, Gendarmen und Polizisten, ohne Adel, Könige, Statthalter, Präfekten oder Richter, ohne Gefängnisse, ohne Prozesse geht alles seinen geregelten Gang […] die Haushaltung ist einer Reihe von Familien gemein und kommunistisch, der Boden ist Stammesbesitz, nur die Gärtchen sind den Haushaltungen vorläufig zugewiesen -, so braucht man doch nicht eine Spur unsres weitläufigen und verwickelten Verwaltungsapparats.“ „Arme und Bedürftige kann es nicht geben – die kommunistische Haushaltung und die Gens kennen ihre Verpflichtungen gegen Alte, Kranke und im Kriege Gelähmte. Alle sind gleich und frei – auch die Weiber. Für Sklaven ist noch kein Raum, für Unterjochung fremder Stämme in der Regel auch noch nicht.“[45]</em></p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Anknüpfend an Morgan nannte Engels dieses Stadium in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft „Barbarei“, die eben mit der Entwicklung der Landwirtschaft, der Domestizierung von Tieren und der Erfindung der Keramik ihren Anfang nahm. Für die Menschen, die in diesen bäuerlichen Gemeinschaften lebten und die die moralischen und kulturellen Normen dieser Gemeinschaft bewahrten, muss jede andere Lebensform undenkbar gewesen sein. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Ein wichtiger Hinweis, der darauf schließen lässt, ist das Auftreten von Gruppenbestattungen, wobei alle Individuen gemeinsam in einem Grab beigesetzt wurden, und zwar unabhängig von sozialen Unterschieden und Status. Im bereits erwähnten Midhowe Cairn in Orkney wurden zumindest 25 Personen gemeinsam begraben. Ein ressourcenaufwendiges Monument wie dieses, mit mehreren voneinander getrennten Steinkammern, lässt jedoch nicht auf mangelnden Respekt gegenüber den einzelnen Toten schließen, die dort begraben wurden. Es entspricht der Moral einer Gesellschaft, die gemeinschaftlich organisiert war. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Auch sehr große neolithische Siedlungen beruhten auf dieser kommunalen Grundlage. Im bereits erwähnten Çatalhöyük lebten am Höhepunkt (rund 7.000 v.Chr.) schätzungsweise 10.000 Menschen. Die Stadt war sehr dicht verbaut, wobei die einzelnen Haushalte als unabhängige Einheiten bestanden und die Toten unter dem Boden des eigenen Hauses und nicht in gemeinschaftlichen Friedhöfen bestattet wurden. Doch trotz dieser relativen Unabhängigkeit der einzelnen Haushalte unterschieden sich die Häuser kaum hinsichtlich ihrer Größe, was darauf schließen lässt, dass es kaum soziale Unterschiede gegeben haben dürfte.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Der egalitäre Charakter der neolithischen Siedlungen ließ Zweifel aufkommen, was den Zusammenhang zwischen der Neolithischen Revolution und dem Entstehen von Klassengesellschaften betrifft. Viele neolithische Gemeinden existierten jahrtausendelang ohne Zwangsarbeit, Steuern und nennenswerte soziale Ungleichheit. Inwiefern können wir daher sagen, dass die Entstehung von Klassengesellschaften der neolithischen Produktionsweise inhärent war? Marx erklärte, dass die Entwicklung der Widersprüche innerhalb einer Produktionsweise notwendigerweise die Bedingungen zu ihrer Überwindung hervorbringt: </p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>„Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind.“[46]</em></p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Dass sich Klassengesellschaften unvermeidlich durchsetzten, liegt in der Tatsache begründet, dass die neolithische Produktionsweise die Voraussetzungen für eine solche Veränderung hervorgebracht hat: die immer komplexere Arbeitsteilung in der Gesellschaft und vor allem das wachsende Mehrprodukt. In unserer Darstellung werden wir den Fokus darauf legen, wie sich dieser Prozess im Nahen Osten vollzog. Wir argumentieren nicht, dass jede Entwicklung, die in dieser Region vor sich ging, die Entstehung von Klassengesellschaften auf der ganzen Welt erklären könne. Wir hoffen aber, dass wir mit der Darstellung des Prozesses in all seinen Phasen in einer spezifischen Region doch auch zentrale Elemente der Entwicklung der Klassengesellschaft im Allgemeinen aufdecken können.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Ein größeres Mehrprodukt</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Die gesamte Geschichte des Neolithikums könnte auch in der Frage zusammengefasst werden, was man mit dem zunehmend größeren Mehrprodukt machen sollte. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Die neolithischen Gemeinden begannen zusehends damit, das Mehrprodukt, das nicht unmittelbar konsumiert werden konnte, mit Blick auf die Zukunft zu lagern. Die Dörfer des Neolithikums wie Jerf el Ahmar in Syrien[47] verfügten über Lagerräume, die von der gesamten Gemeinde verwaltet und kontrolliert wurden. Die Existenz eines Mehrprodukts konnte aber auch bedeuten, dass mehr Arbeitszeit für Tätigkeiten aufgewendet werden konnte, die nicht für die unmittelbare Existenzsicherung benötigt wurden. Die Bewohner von Jericho konnten aus diesem Grund mit dem Bau einer Befestigungsmauer und eines großen Turms beginnen,[48] die auf die Zeit um 8.000 v. Chr. datiert werden. Die Produktion von Überschüssen ermöglichte auch die Ausweitung des Handels zwischen den großteils autarken neolithischen Gemeinden, was wiederum den Boden für die Ausbreitung einer regionalen Arbeitsteilung bereitete und die wechselseitige Abhängigkeit der Siedlungen in der Folge verstärkte.[49]</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die bedeutsamste Auswirkung des anwachsenden Mehrprodukts war die Herausbildung einer neuen gesellschaftlichen Arbeitsteilung zwischen geistiger und körperlicher Arbeit, zwischen Kopf- und Handarbeit. Die steigende Arbeitsproduktivität ermöglichte es, eine kleine Schicht in der Gesellschaft von der körperlichen Arbeit auf den Feldern zu befreien. Diese Entwicklung in der Zeit des Neolithikums schuf die Voraussetzungen für das Entstehen der ersten Klassengesellschaften in der Geschichte.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Rund um 7.000 v. Chr. begannen Menschen aus dem Nahen Osten in fruchtbarere Gebiete, wie Mesopotamien im heutigen Irak, zu ziehen. Dort sollten schließlich auch die ersten Staaten entstehen. Das wirft die Frage auf, welche Rolle Umweltbedingungen in der historischen Entwicklung einnehmen. Im „Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur“ ist die natürliche Umgebung freilich von großer Bedeutung. In der Urgeschichte ist ein Großteil der technologischen und sozialen Entwicklung der Menschheit als Antwort auf äußeren, umweltbedingten Druck zurückzuführen. Das ist aber nur eine Seite der Medaille, denn letztlich ist das menschliche Handeln der entscheidende Faktor.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Oft wird behauptet, dass die menschliche Zivilisation oder Klassengesellschaft das Produkt der fruchtbaren Böden rund um den Tigris, den Euphrat, den Nil, den Gelben Fluss oder dem Indus war. Doch die Fruchtbarkeit des Bodens in Mesopotamien wäre nicht viel mehr als ein Potential geblieben, wenn die Menschen nicht die nötigen Werkzeuge zur Kultivierung des Landes zur Verfügung gehabt hätten. Zwischen 7.000 und 6.000 v. Chr. waren große Teile von Untermesopotamien von feuchten Sumpfgebieten durchzogen und deshalb eine unwirtliche Gegend. Außerdem mangelte es in der Region an wichtigen Rohmaterialien wie Holz und später Kupfer, was Untermesopotamien schwer besiedelbar machte und weshalb der Zugang zu Fernhandelsnetzwerken umso wichtiger war. Um diese Hindernisse überwinden zu können, war eine gewisse Entwicklung der Produktivkräfte schon während des Neolithikums notwendig.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Nutzung von Bewässerungssystemen zur Steigerung der Produktivität war sowohl in Jericho als auch in Çatalhöyük schon bekannt. Um 7.000 v. Chr. erlebten diese Siedlungen einen Niedergang, aber die technologischen Errungenschaften waren nicht für alle Zeiten verloren, sondern verbreiteten sich in der Folge in der mesopotamischen Ebene. Der älteste Beweis für eine Landwirtschaft mit Bewässerungssystem konnte in Choga Mami[50] gefunden werden und datiert aus der Zeit um 6.000 v. Chr. Doch diese Siedlung und die samarranische Kultur, zu der sie zählt, wies noch alle Merkmale des frühen Neolithikums auf. Als Siedler, die wahrscheinlich aus der iranischen Hochebene stammten, diese neue Technologie in den überaus fruchtbaren Feuchtgebieten Untermesopotamiens einführten, wurde damit die Grundlage für eine radikale Veränderung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung gelegt, die schließlich im Entstehen der Klassengesellschaft gipfeln sollte.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Die urbane Revolution</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Die „urbane Revolution“ begann im Nahen Osten nicht mit großen neolithischen Siedlungen wie Jericho, sondern mit kleinen Dörfern, die damals zwar noch sehr bescheiden wirkten, die aber ein großes Entwicklungspotential aufwiesen. Die untersten Schichten in der Ausgrabungsstätte von Eridu im heutigen Südirak dürften aus der Zeit um 5.800 v. Chr. stammen. Was an dieser Siedlung so bemerkenswert war, sind nicht nur die Bewässerungskanäle, mit denen man Sumpfgebiete trockenlegen konnte, sondern auch der früheste Fund von „Gebäuden, die ausschließlich Kulthandlungen gewidmet waren“.[51] Diese „Kapellen“, wie sie teilweise genannt werden, waren die physische Manifestation eines epochemachenden Wandels in den sozialen Verhältnissen: dem Aufstieg des Priesterwesens. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Einführung der Bewässerungssysteme musste sich stark auf das Leben und Denken der ersten Bewohner von Eridu ausgewirkt haben, denn damit ging eine tiefreichende Veränderung in der Arbeitsorganisation einher. Das Graben von Kanälen erforderte nicht nur die Arbeit vieler Menschen, sondern setzte auch ein hohes Maß an Planung voraus. Diese Arbeiten konnten von unabhängigen Haushalten, die nur für sich arbeiteten, nicht effizient umgesetzt werden; es brauchte deshalb die Kooperation einer relativ großen Menge von Arbeitskräften unter der Anleitung einer Art Führung. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Marx schrieb dazu im <em>Kapital</em>: „Alle unmittelbar gesellschaftliche oder gemeinschaftliche Arbeit auf größrem Maßstab bedarf mehr oder minder einer Direktion, welche die Harmonie der individuellen Tätigkeiten vermittelt.“[52] Dass diese Rolle zunächst von Priestern eingenommen wurde, ist nicht allzu überraschend. Selbst in Jäger- und Sammlergesellschaften hatten Schamanen oder andere spirituelle Führungspersönlichkeiten oft eine relative privilegierte Stellung im Rahmen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung; dadurch war es ihnen möglich, sich mit der natürlichen Umgebung der Gemeinschaft auseinanderzusetzen, die es schrittweise zu verstehen und zu meistern galt. Jene Personen, die am meisten Einsicht in die Geheimnisse der Natur und somit das „Göttliche“ hatten, erachtete man auch als die besten Kandidaten für die Aufgabe, der Gemeinschaft die Segnungen der Gottheit zu sichern. Doch die Gottheit selbst war natürlich auch ein historisches Produkt. Der Glaube, dass allmächtige Götter existieren, die sich in die Lebensbedingungen der Menschen einmischen und deshalb verehrt werden müssen, kommt in Jäger- und Sammlergesellschaften nur sehr selten vor und dürfte vor dem Neolithikum noch völlig unbekannt gewesen sein.[53] Letztendlich war die Vorstellung von einem Gott, der die oberste Autorität darstellt, selbst schon die ideologische Widerspiegelung der Tatsache, dass eine Schicht an der Spitze der Gesellschaft nicht nur eine zunehmende Kontrolle über die Kräfte der Natur, sondern auch über andere Menschen auszuüben vermochte. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Diese Entwicklung war aber nicht einzig und allein auf die Bedingungen in Mesopotamien zurückzuführen. Die zentrale Aufgabe, die Nilüberschwemmungen vorherzusagen, wurde eine Domäne der ägyptischen Priester, aus der sich auch ihre Machtstellung ableitete. Bei den Mayas auf der mexikanischen Halbinsel Yukatan oblag es ebenfalls den Priestern, die Opferrituale und Zeremonien zu beaufsichtigen, mit denen man die Gunst der heiligen Cenoten (natürliche Höhlen mit Grundwasserzugang) sicherstellen wollte. Das war umso wichtiger, als diese Höhlen die einzige Frischwasserquelle in einer Region waren, in der es keine Flüsse gab. Wir können auch einen ähnlichen Prozess beim Aufstieg der Brahmanenkaste im Indien der vedischen Zeit sehen, die über Tausende von Jahren die gesellschaftliche Elite bleiben sollte. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Herausbildung einer Gesellschaftsschicht, die mit dem Mehrprodukt des Rests der Gemeinschaft erhalten wird und die die Arbeit anleitet, markiert einen Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte. Mit dieser Entwicklung geht in Mesopotamien das Neolithikum zu Ende, und wir sehen den Beginn dessen, was Gordon Childe die „urbane Revolution“ nannte. Es muss jedoch betont werden, dass Eridu um 5.800 v. Chr. mit Sicherheit noch keine Klassengesellschaft war, denn Produktion und Distribution waren im Wesentlichen noch immer kommunistisch organisiert. Die Priester konnten sich nur auf ihre natürliche Autorität in der Gemeinschaft stützen. In all den genannten Fällen spielte die „Priesterkaste“ anfangs eine Rolle, aus der die gesamte Gemeinschaft Nutzen zog. Die Priester dienten, wenn auch aus einer privilegierten Stellung heraus, der Gemeinde. Doch ab einem gewissen Punkt sollte dieser Diener zu einem Usurpator werden.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die neue Arbeitsorganisation, die es in Eridu gab, beschleunigte die Entwicklung der Produktivkräfte noch weiter. Die großen Anbauflächen, die durch die Bewässerungssysteme zur Verfügung standen, erlaubten auch den effizienten Einsatz eines von Ochsen gezogenen Pfluges – ein großer Unterschied zu den bisherigen Arbeitsmethoden. Die verbesserte Wasserversorgung führte zu ersten Experimenten im Anbau von Bäumen, konkret der Dattelpalme.[54] Auf der Grundlage dieser Entwicklungen florierte die „Obed-Kultur“, benannt nach der Fundstätte in Tell el-Obed im heutigen Irak, die von 5.100 bis 4.000 v. Chr. existierte. In dieser Periode kam es zur Ausbreitung landwirtschaftlicher Siedlungen entlang der Bewässerungskanäle, wo überall derselbe, sehr hochwertige Keramikstil Verbreitung fand. Viele dieser Siedlungen gruppierten sich um eine zentrale Tempelstruktur, wie man sie auch in Eridu entdeckt hatte, doch die Tempel der Obed-Zeit waren viel bedeutsamer.  </p>

<p class="wp-block-paragraph">Laut archäologischen Erkenntnissen ist es offensichtlich, dass das deutlich gestiegene Mehrprodukt, großteils in Form von Getreide, nicht nur zu größerem Wohlstand der ganzen Gemeinschaft beigetrug, sondern auch den gesellschaftlichen Einfluss des Leitungsorgans steigerte. Die einzelnen Priester mochten sich zu diesem Zeitpunkt noch kaum selbst Vermögen angeeignet haben, aber die Institution des Tempels kontrollierte sicherlich einen immer größeren Anteil der gesellschaftlichen Arbeit und des daraus fließenden Mehrprodukts. Das bedeutete nicht notwendigerweise einen fundamentalen Bruch mit den egalitären Normen der Vergangenheit. Aber wenn die Gemeinschaft letzten Endes dank der Güte einer beschützenden Gottheit mit neuem Land und reichen Ernten gesegnet war, wer sollte dann wohl am besten das Mehrprodukt zum Dank erhalten?</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Priester verschwendeten den von Gott gegebenen Wohlstand auch nicht leichtfertig. Aus der Obed-Zeit gibt es eine Reihe von Nachweisen über das Aufkommen spezialisierter Handwerker, und am Ende dieser Periode sollte erstmals eine Schicht von Spezialisten existieren, die ihre ganze Arbeitszeit lang einen Handwerksberuf ausübten und deren Werkstätten Teil des Tempelkomplexes waren.[55] Daraus können wir ableiten, dass zwischen den Priestern und den Handwerkern eine enge Beziehung bestand, und die Handwerker im Grunde vom Tempel beschäftigt wurden und dafür im Gegenzug Keramik, Kupferartefakte und Halbedelsteine erhielten. Hier sehen wir erneut die Entwicklung neuer Produktionsbeziehungen, die im Schoß der alten herangereift waren. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Obed-Kultur verbreitete sich in weiten Teilen Mesopotamiens und darüber hinaus. Das bedeutete jedoch keinesfalls, dass zu dieser Zeit bereits etwas bestanden hätte, das man als ein vereintes „Reich“ oder einen Staat bezeichnen könnte. Es fehlen jegliche Beweise, dass die verschiedenen Siedlungen in der Region, die von der Obed-Kultur beeinflusst waren, von den ursprünglichen Obed-Siedlungen erobert oder kolonialisiert worden wären. Viel wahrscheinlicher ist, dass im Zuge der Ausdehnung eines sehr komplexen Netzwerks von Handelsbeziehungen (Keramik, Kupfer, Halbedelsteine sowie das Vulkangestein Obsidian, das zur Herstellung scharfer Klingen verwendet wurde) die Gemeinschaften auch einen engen kulturellen Austausch pflegten. Dabei dürfte der Wohlstand von Siedlungen wie Eridu andere Gemeinschaften dazu inspiriert haben, die bei den reicheren Handelspartnern üblichen Produktionstechniken nachzuahmen. Das heißt aber nicht, dass sie von diesen Handelspartnern jemals „beherrscht“ wurden. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Gesellschaft der Obed-Zeit unterscheidet sich grundlegend von den Dorfgemeinschaften des frühen Neolithikums. Dennoch ähnelte die Obed-Gesellschaft in vielerlei Hinsicht weiterhin stärker dem Urkommunismus als den späteren Klassengesellschaften. Trotz der zunehmend ungleicheren Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums und der zunehmenden Macht der Priester als Hüter des Mehrprodukts blieb die Gemeinschaft selbst unabhängig von anderen, sie war demokratisch organisiert und kannte noch keine Zwangsarbeit. Was wir in der späten Obed-Zeit sehen, kann daher als eine Art Übergangsgesellschaft charakterisiert werden, die sowohl von der urkommunistischen als auch den späteren Klassengesellschaften wichtige Elemente in sich trug. Doch aus den Verhältnissen, die sich in der Obed-Zeit entwickelten, sollte die erste Klassengesellschaft der Geschichte erwachsen, die auf der Herrschaft der Stadt über das Dorf und des Menschen über den Menschen basierte: Uruk.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Die erste Klassengesellschaft</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Uruk ist neben dem Alten Ägypten einer der ersten Staaten der Weltgeschichte. Die Stadt Uruk entstand aus mehreren Obed-Siedlungen um 5.000 v. Chr. Wie andere Siedlungen dieser Epoche gruppierten sie sich um relativ große Tempelkomplexe: einer war An, dem Gott des Himmels, und der andere war <em>Inanna</em>, der Göttin der Liebe, gewidmet. Über die Zeit wuchsen die Dörfer zu einer einzigen, großen Stadt zusammen, in der um 3.100 v. Chr. rund 40.000 Menschen wohnten. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Als Uruk immer größer wurde und damit einhergehend eine Einwohnerschaft von spezialisierten und miteinander im Austausch stehenden Handwerkern entstand, war das Ende der einstigen Autarkie und somit auch der Unabhängigkeit der Gemeinden besiegelt. Die Ausrichtung auf eine handwerkliche Produktion in den Städten und auf die Lebensmittelproduktion in den Dörfern bedeutete, dass die Bevölkerung der größeren Siedlungen nicht mehr länger ausreichend Lebensmittel für die Eigenversorgung herstellte und deshalb begann, auf das Mehrprodukt der umliegenden Dörfer zurückzugreifen.[56] Aus dieser dramatischen Verschiebung in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung erwuchs die früheste Trennung zwischen Stadt und Land, die Marx als derart zentrales Merkmal bei der Herausbildung von Klassengesellschaften erachtete, dass man sagen kann, „daß die ganze ökonomische Geschichte der Gesellschaft sich in der Bewegung dieses Gegensatzes resümiert.”[57]</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Überschüsse aus der Lebensmittelproduktion der Dörfer wurden wohl als Opfergabe an die Götter, die in ihren jeweiligen Tempeln residierten, verwendet. Doch es muss dabei auch ein gewisses Element von Tauschbeziehungen gegeben haben. Die Bäuerinnen und Bauern erhielten Handwerksprodukte und Güter, zu denen sie ansonsten keinen Zugang gehabt hätten. Schließlich wurde diese Beziehung gegenseitiger Abhängigkeit, aus der beide Seiten Nutzen zogen, transformiert und nahm die Form unverblümter Ausbeutung in Form eines „Zehents“[58] an, der von der Dorfbevölkerung an die Tempel in Uruk abgeliefert werden musste, und zwar unabhängig davon, ob die Bauern im Gegenzug etwas erhielten oder nicht. Notfalls erfolgten diese Abgaben auch unter Einsatz von Gewalt. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Zusätzlich zum Mehrprodukt forderte die Tempelbürokratie von der Masse der Bevölkerung auch Mehrarbeit ein. In Uruk kam es so zu einem Umschlagen von Quantität in Qualität in Form der direkten Kontrolle und Ausbeutung von Arbeit nach den Vorstellungen einer eigenen Klasse, die sich über die alten Gemeindestrukturen erhob und alle Macht an sich gerissen hatte. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Dieser historische Wendepunkt findet seinen physischen Ausdruck in den aus dieser Epoche erhaltenen Töpferwaren. Im Gegensatz zu den meisterhaften Schüsseln und Vasen der Obed-Kultur waren die meisten Keramikartefakte aus Uruk einfache Glockentöpfe. Das war aber kein Rückschritt: Uruk war eine blühende Stadt und seine Töpfer waren damit beschäftigt, das erste Massenprodukt der Geschichte herzustellen. Indem sie standardisierte Formen verwendeten, konnten diese Handwerker in einem kurzen Zeitraum tausende dieser Schalen herstellen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Doch wer benutzte diese Schalen? Die häufigste Erklärung lautet, dass darin die Essensrationen an die Arbeitskräfte verteilt wurden, die erzwungene Corvée-Arbeit verrichten mussten. Dabei handelte es sich um Bauern aus den umliegenden Dörfern, die zwangsverpflichtet wurden, bei Projekten wie dem Bau von Bewässerungskanälen oder von Stadtmauern zu arbeiten. Außerdem mussten sie eine bestimmte Zeit die Felder bestellen, die dem Tempel gehörten.[59] Die große Anzahl solcher Schalen, die in Uruk und anderen Ausgrabungsstätten aus dieser Zeit entdeckt wurden, belegen die Masse der dort eingesetzten Arbeitskräfte und das Ausmaß dieser Großprojekte. Die Arbeiter wurden aus verschiedenen Dörfern rekrutiert und bei Projekten eingesetzt, die ihnen selbst oder ihren Familien wenig bis keinen direkten Nutzen brachten. Abseits der alten gemeinschaftlichen Strukturen nahmen neue Klassenbeziehungen Form an.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Veränderungen in den Produktionsverhältnissen brachten mit der Zeit auch neue Eigentumsverhältnisse hervor. Bevor es in Uruk zu diesen Entwicklungen kam, gehörte das gesamte Land kollektiv den Familien und konnte auch nicht an andere übertragen werden. Das bedeutete, dass Grund und Boden immer im Besitz und unter der kollektiven Kontrolle der Dorfgemeinschaft blieben, die sich, ähnlich wie bei den Gentes im Homerischen Griechenland, aus mehreren größeren Gruppen von Familien zusammensetzte. Hinweise auf diese gentile Eigentumsstruktur findet man auch noch viel später in der Frühdynastischen Zeit. In „Verträgen“ zum Erwerb von Feldern wurde festgehalten, dass der Käufer an die erweiterte Familie des Verkäufers „Geschenke“ verteilen musste, bevor er deren Erlaubnis erhielt, dass ein bestimmtes Grundstück aus der kollektiven Kontrolle in privates Eigentum übertragen werden konnte.[60] Doch diese neuen Verhältnisse, die mit dem Entstehen großer Städte aufkamen, bedrohten den bisherigen Zustand.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Als Uruk zu einer Stadt anwuchs, wurde das Land, das den Dorfgemeinschaften gehörte, die dort vorher existiert hatten, weiter nach dem alten Familiensystem verwaltet. Doch mit der Ausweitung der Bewässerungsprojekte, die mit Corvée-Arbeit unter der Anleitung des Tempels umgesetzt wurden, wurde neues Land urbar gemacht, auf das keine alten Familien- oder Gemeindestrukturen Anspruch erheben konnten und das daher nicht unter das alte Gemeinschaftssystem fiel. Dieses neue Land wurde dem Tempel übertragen. Mit der Zeit wurden Teile dieses Landes im Eigentum des Tempels an Individuen übertragen, die sich durch besondere Dienste gegenüber der Stadt verdient gemacht hatten. Diese Personen gehörten natürlich zur herrschenden Elite. Diese Übertragungen waren aber nur von temporärem Charakter und konnten auch wieder rückgängig gemacht werden; es war damit kein absoluter Eigentumsanspruch verbunden. Nichtsdestotrotz hatte dies den Effekt, dass eine Form des individuellen Eigentums über Grund und Boden geschaffen wurde, das unabhängig von dem der Dorfgemeinschaften bestand. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Auflösung der alten Gemeinschaftsordnung kann auch in der Stadt Uruk selbst nachvollzogen werden. Die Bürger von Uruk profitierten nicht alle im selben Ausmaß von dem Mehrprodukt, das den Dörfern entzogen wurde. Der Tempel übte die exklusive Kontrolle über das Mehrprodukt aus und eignete sich einen immer größeren Anteil davon selbst an. Was nicht unmittelbar von der Tempelbürokratie konsumiert wurde, wurde unter ihrer Kontrolle gelagert, verteilt oder gehandelt. Auf der anderen Seite hatte die Auflösung des Familiensystems eine Unterschicht hervorgebracht, die über keine Mittel verfügte. Der zunehmende Druck, der auf den Dörfern lastete, zwang jene Bauern, die ihren Verpflichtungen nicht nachkommen konnten, in die Verschuldung. Wer seine Schulden nicht begleichen konnte, konnte gemeinsam mit seiner Frau und seinen Kindern vom Gläubiger versklavt werden. Aus der Spätphase Uruks gibt es auch Beweise für die Beschäftigung von Witwen und Waisen in einer Art von Sklavenarbeit zur Herstellung von Textilien. Sie arbeiteten in Werkstätten, die dem Tempel gehörten.[61] Die in diesen Werkstätten hergestellten Produkte wurden in der Folge gehandelt. Diese Handelsbeziehungen reichten oft über sehr lange Distanzen und hatten den Zweck, an begehrte Güter wie Kupfer oder Obsidian zu kommen. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Dieses neue Produkt der „Zivilisation“ gibt uns auch einen Hinweis auf die sich verschlechterte Stellung der Frauen in Uruk in dieser Phase. In der Stadt übten nur Männer die Tätigkeit als Handwerker und Priester aus, ihnen wurde somit auch das Land übertragen. Auf dem Land war der Getreideanbau, zu dem ein von einem Ochsen gezogener Pflug verwendet wurde, ebenfalls eine männliche Domäne geworden. Nachdem dieser Teil der gesellschaftlichen Arbeitsteilung immer mehr an Bedeutung gewann, erlangten auch die Männer in der Gesellschaft eine immer dominantere Stellung. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Hatte die Frau einst die Stellung einer gleichwertigen Produzentin innerhalb der Familie inne, so wurde sie in der Folge „entwürdigt, geknechtet, Sklavin seiner Lust und bloßes Werkzeug der Kinderzeugung“[62], wie es Friedrich Engels beschrieb. Das wurde auch von den Sumerern selbst so anerkannt, wie wir im Gilgamesch-Epos lesen können, wenn der Jäger von Schamkat, „der Hure“, fordert: „Dein Gewand entbreite, daß auf dir er sich bette,Schaff ihm, dem Wildmenschen, das Werk des Weibes!“[63] Mit dem Aufkommen der Vererbung in männlicher Linie gerieten Frauen völlig in Abhängigkeit von ihren Männern oder männlichen Verwandten. Wenn ihr Mann starb, war die Witwe gezwungen in einer Werkstatt des Tempels zu arbeiten, um überleben zu können oder die „Arbeit der Frau“ im Heim zu verrichten, um so den Wohlstand der herrschenden Klasse zu vermehren. Nicht zufällig merkte Engels an: „Der erste Klassengegensatz, der in der Geschichte auftritt, fällt zusammen mit der Entwicklung des Antagonismus von Mann und Weib in der Einzelehe, und die erste Klassenunterdrückung mit der des weiblichen Geschlechts durch das männliche.“[64]</p>

<p class="wp-block-paragraph">Wenn wir auf diesen Prozess des Entstehens einer Klassengesellschaft in Uruk zurückblicken, ist es nur schwer vorstellbar, dass dieser gigantische Umsturz einfach so hingenommen wurde. Doch er konnte auch nicht allein mit den Mitteln der Gewalt durchgesetzt werden. Trotzki schrieb dazu: „Die historische Rechtfertigung für jede herrschende Klasse bestand darin, dass das Ausbeutungssystem, an deren Spitze sie stand, die Entwicklung der Produktivkräfte auf eine neue Stufe hob.“[65] Auf der Grundlage dieser Entwicklung stiegen der Lebensstandard und das kulturelle Niveau einer signifikanten Schicht in der Bevölkerung, speziell in den Städten. Diese Entwicklung lässt sich am Aufkommen der Schrift und des Geldes ablesen, zwei der wichtigsten Innovationen der Menschheitsgeschichte.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Schrift und Geld</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Die Entwicklung des Geldes, der Schrift und der Klassengesellschaft dürfte eng miteinander verwoben gewesen sein. Die Schrift entwickelte sich mehr oder weniger gleichzeitig in Mesopotamien und in Ägypten, doch aus Gründen der Einfachheit fokussieren wir uns in diesem Text auf Mesopotamien. Symbole auf Tontafeln, die als Token bezeichnet werden, dürften im Gebiet des heutigen Iran bereits 4.000 v. Chr. Anwendung gefunden haben. Wer drei Schafe verzeichnen wollte, nahm drei „Schaf“-Token und band sie mit einer Schnur zusammen. Mit der Zeit, als die Herden größer wurden, erfand man Symbole, die verschieden große Mengen an Viehbestand repräsentierten. Diese Tokens wurden dann oft in eine Tonhülle, die als bulla bezeichnet wurde, eingeschlossen und dann in einem Backofen gebrannt.[66] Auf piktographischen Tafeln, die man in Ausgrabungsstätten wie Tell Brak in Syrien fand, sieht man Bilder von Tieren neben Zahlen, was zeigt, dass sich die Verwendung von Symbolen schon vor dem Auftreten eines Schriftsystems entwickeln konnte. </p>

<p class="wp-block-paragraph">In Uruk entwickelte sich, gestützt auf die Piktogramme der vorangegangenen Periode, ein Schriftsystem, das es den Beamten im Tempel erlaubte, das ökonomische Leben zu organisieren. Um 3.200 v. Chr. dürfte diese Keilschrift (benannt nach der keilartigen Form der Schriftzeichen) entstanden sein. Die uns bekannten Keilschrifttafeln aus Uruk dienten zu 85% der Aufzeichnung wirtschaftlicher und sonstiger administrativer Belange. Ein so außerordentlich komplexes Schriftsystem, wie jenes der Keilschrift, setzt die Existenz einer Schicht in der Gesellschaft voraus, die die Zeit hatte, lesen und schreiben zu lernen: die Schriftgelehrten. Da sie über ein besonderes Wissen verfügten, nahmen sie sowohl in Mesopotamien als auch in Ägypten im Rahmen der herrschenden Klassen eine sehr wichtige Stellung ein. Wie es in der Lehre des Cheti im alten Ägypten zu lesen steht: „Du siehst: Es gibt keinen Beruf ohne Chef. Mit Ausnahme des Schreibers – der ist selbst Chef!“[67]</p>

<p class="wp-block-paragraph">Auch wenn die Schrift als Verwaltungshilfsmittel aus einer ökonomischen Notwendigkeit heraus entstand, kam sie in der Folge auch auf vielen anderen Gebieten zum Einsatz. Die Keilschrift wurde über Tausende von Jahren in ganz Mesopotamien verwendet. Schließlich wurden auch die ersten Werke der Literatur und der Dichtkunst, wie das berühmte Gilgamesch-Epos, oder die Hurritischen Hymnen (wie die Hymne an Nikkal), die ältesten heute noch bekannten Lieder, oder der Codex Hammurapi alle in Keilschrift verfasst. In diesem Sinne trägt jeder Poet den „Scherbenhaufen“ eines Buchhalters in sich. </p>

<p class="wp-block-paragraph">So wie das Wachstum des Mehrprodukts und die zunehmende Macht der Tempelbürokratie ein gesellschaftliches Bedürfnis nach schriftlicher Kommunikation und Informationsweitergabe geschaffen haben, so machte auch die verstärkte Spezialisierung und die damit einhergehende wechselseitige Abhängigkeit innerhalb der Gesellschaft einen konstanten Austausch von immer mehr Produkten notwendig. In Uruk erfolgte dieser Austausch großteils über den Tempel. Ein Töpfer, der Glockentöpfe herstellte, konnte zum Beispiel davon ausgehen, dass er vom Tempel dafür eine ausreichend große Ration Gerste bekam, die als eine Art Zehent in den Dörfern eingehoben wurde. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Was das Ausmaß und die Komplexität der über den Tempel laufenden Distribution anlangt, so ging dies weit über die Tauschbeziehungen in der neolithischen Periode hinaus. Deshalb benötigte man auch ein objektiveres System an Maßeinheiten. Silbergewichte wurden in <em>Gran</em>, <em>Schekel</em>, <em>Mine</em> und <em>Talent</em> gemessen. Aus diesem System entstanden dann Zähleinheiten, womit die Tempelbeamten den Wert der verschiedenen Waren miteinander vergleichen konnten, was wiederum die früheste und grundlegendste Stufe in der Entwicklung des Geldes – „als allgemeines Maß der Werte“[68] – darstellt. Diese Funktion übernahmen anfangs die Volumina von Gerste und die Gewichte wertvoller Metalle: 300 Liter Gerste entsprachen einem Schekel Silber. Diese frühen Formen von Geld zirkulierten gewiss nicht in Form von Münzen in der Bevölkerung. In der Tat wurde im Tempel mit Gerste und Silber der Wert von Produkten bestimmt. Aber wie die Schrift sollte auch das Geld nicht für immer und ewig den Tempelbürokraten vorbehalten sein. Es war dazu prädestiniert, in der Geschichte der Zivilisation eine größere Rolle einzunehmen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Das Zeitmaß wurde mit dem Sexagesimalsystem ebenfalls standardisiert, mit dem man erstaunlicherweise die Länge des Jahres mit 12 Monaten bzw. 360 Tagen festsetzte. Auf dieses System lässt sich auch zurückführen, dass unsere Stunden 60 Minuten haben. Gleichermaßen wurden standardisierte Längenmaße eingeführt, um die Planung der Bewässerungskanäle und Felderbewirtschaftung zu unterstützen. All diese Innovationen, die, wie schon Aristoteles bemerkte, erst durch die Freistellung der Priester und Schriftgelehrten von der Handarbeit möglich wurden, beflügelten das wissenschaftliche Denken in unvorstellbarem Ausmaß und führten zur Entwicklung der Astronomie und der Mathematik. </p>

<h3 class="wp-block-heading">Das Entstehen des Staates</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Für die Zeit um 3.100 v. Chr. gibt es ausreichend Beweise für die Existenz einer Klasse von Priestern und Schriftgelehrten, deren Machtzentrum der Tempel war. Sie übten die ausschließliche Kontrolle über die Produktion und Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums aus und begannen für sich selbst privaten Reichtum zu sichern, den sie auch vererben konnten. Wir können auch sehen, dass sich diese Klasse ihrer Stellung selbst bewusst wurde, und zwar in dem Sinne, dass sie sich als eine Gruppe verstand, die sich über den Rest der Gesellschaft erhoben hatte und die eine Herrschaftsideologie propagierte, die ihre sozialen Interessen widerspiegelte.   </p>

<p class="wp-block-paragraph">Ein weiteres Merkmal des Aufkommens einer neuen herrschenden Klasse in Uruk war der Aufstieg erster „Priesterkönige“, denen Statuen gewidmet wurden und die auf Tonsiegeln dieser Periode abgebildet wurden. Es gibt jedoch keine historisch belegbaren Akten, die mit diesen anonymen Herrschern zuverlässig assoziiert werden können. Selbst die Bezeichnung „Priesterkönig“ ist nicht ganz zutreffend, da der früheste Titel, der für den Herrscher von Uruk nachgewiesen werden konnte, <em>En</em> lautet, was ganz einfach „hoher Priester“ bedeutet. Ob diese Könige wirklich als Staatsoberhaupt im vollen Sinne des Wortes angesehen werden können, ist in Fachkreisen noch umstritten. Wir können aber sicher sein, dass das Auftreten dieser „Priesterkönige“ eine weitere qualitative Verschiebung im Auflösungsprozess der alten gemeinschaftlichen Sozialordnung war und den Anfang einer neuen Form politischer Ordnung markierte.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Mit der deutlichen Zunahme an Überschüssen aus der Landwirtschaft und deren Konzentration in den Tempeln wurde es für Städte wie Uruk zunehmend wichtiger, Stadtmauern zu errichten und eine Art militärische Verteidigung zu organisieren, um Überfälle von nomadischen Hirtenstämmen oder rivalisierenden Städten abwehren zu können. Diese militärische Organisation machte auch eine Kommandostruktur erforderlich. Tonsiegel aus jener Zeit lassen vermuten, dass die Priesterkönige von Uruk und die späteren sumerischen Herrscher diese Rolle einnahmen.[69]</p>

<p class="wp-block-paragraph">Unter dem König stand in der Hierarchie der <em>unkin</em>, eine Versammlung von Vertretern der Gemeinschaft, die aber keine einfache Fortsetzung der alten Gemeindeorganisation war. Die alten Dorfversammlungen hatten einst Entscheidungsbefugnisse, um Konflikte innerhalb der Familien des Dorfes schlichten zu können. Im Gegensatz dazu beanspruchte der aufkommende Staat, oder Proto-Staat, die absolute Autorität nicht nur über die Stadt, in der der Priesterkönig residierte, sondern auch über die umliegenden Gebiete. Die Versammlung konnte ihn beraten, wie die „Ältesten“ im Gilgamesch-Epos, die den ungestümen König vor einem Kampf mit dem Riesen Chumbaba warnten.[70] Doch schlussendlich unterstand der Priesterkönig nur dem Gott, der die Stadt beschützte, und in Wirklichkeit der herrschenden Klasse, in deren Interesse er regierte. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Nicht lange nach dem Aufstieg der Priesterkönige durchlebte Uruk eine Periode von Krisen, die auch zum Niedergang dieser „ersten Urbanisierung“ führte. Nach 3.100 v. Chr. ist nicht nur ein bedeutsamer Abstieg der Uruk-Kultur erkennbar,[71] sondern der kontinuierliche Niedergang bis zum völligen Verschwinden anderer Städte in der Region, die mehr oder weniger zeitgleich mit Uruk entstanden waren. So fand man in der Ausgrabungsstätte von Arslantepe, im Norden Mesopotamiens, Beweise, dass der Tempelkomplex der Stadt durch ein Feuer zerstört und nie mehr wiederaufgebaut wurde.[72]</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Quellen sind jedoch zu rar, um die Gründe dieses weitverbreiteten Zusammenbruchs definitiv klären zu können. Ein möglicher Faktor könnte eine Dürreperiode gewesen sein. Vielleicht war die Bewirtschaftung der Felder zu intensiv und stieß an ihre Grenzen. Es können aber auch andere soziale Faktoren eine wichtige, wenngleich nicht entscheidende Rolle in diesem Niedergangsprozess gespielt haben. Wie man über die gesamte Geschichte der Klassengesellschaften, einschließlich unserer Periode, beobachten kann, versucht die herrschende Klasse stets die Lasten einer Krise auf die Schultern der Arbeitenden abzuwälzen. Wenn die Produktion ausgeweitet werden konnte, war es auch durchaus möglich, die neuen Klassenwidersprüche in der Gesellschaft bis zu einem gewissen Grad zu verschleiern, doch mit dem Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion, so können wir annehmen, wurde wahrscheinlich der Interessenskonflikt zwischen der Dorfbevölkerung und der herrschenden Klasse in den Städten deutlich sichtbar.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Mario Liverani behauptet in seinem Buch <em>The Ancient Near East</em>, dass die Zerstörung des Tempels von Arslantepe durch einen Brand auf eine gewaltsame Auseinandersetzung hindeuten würde. Was man mit ziemlicher Gewissheit sagen kann, ist, dass an der Stelle des Tempels nur einige wenige einfache Haushalte errichtet wurden und keine zentralisierte Tempelstruktur mehr entstand. Es ist durchaus im Rahmen des Möglichen, dass ein ähnlicher Kampf auf dem Territorium von Uruk ausgebrochen war, indem Dörfer den Forderungen des Tempels nach einer Steigerung des Mehrprodukts nicht länger nachkommen wollten und versuchten, sich aus dieser Herrschaft zu befreien.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Infolge der Krise Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. taucht eine völlig neue architektonische Struktur auf: der Palast. Uruk und ähnliche Siedlungen hatten in ihrem Zentrum einen Tempelkomplex, wo das gesamte Mehrprodukt gelagert und verwaltet wurde. Spätere Siedlungen wie Jemdet Nasr verfügten sowohl über einen Tempel- wie auch einen Palastkomplex, mit Lagerhallen und Werkstätten ähnlich den Tempeln der Uruk-Periode.[73] Der Palast, genannt <em>e-gal</em> (was so viel bedeutet wie „großes Gebäude“), diente also als wirtschaftliches und administratives Zentrum und war die Residenz des <em>lugal</em> („großer Mann“). Von diesem Zeitpunkt an ist die Existenz des Staates im eigentlichen Wortsinn unumstritten.</p>

<h3 class="wp-block-heading">Die Rolle der Gewalt</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Die Krise, die Uruk durchlebte, und der völlige Niedergang anderer Orte wie Arslantepe lassen darauf schließen, dass die Priester trotz ihrer beachtlichen ideologischen Macht doch nicht über die nötigen Mittel zur Ausübung offener Gewalt gegen die arbeitende Bevölkerung verfügten. Die ersten Armeen existierten im Wesentlichen noch in Form der bewaffneten Bevölkerung, die zum Militärdienst herangezogen wurde. Wenn das Volk selbst aufbegehrte, hatten die Priester kaum bewaffnete Kräfte, auf die sie sich stützen konnten. Um die neuen Klassenverhältnisse abzusichern, war eine permanente Kraft von hauptberuflichen Soldaten[74] vonnöten, die vom Rest der Bevölkerung weitgehend abgesondert waren. Diese Kraft sollte die Stadt nicht nur gegen äußere Feinde beschützen, sondern auch die herrschende Klasse vor den unterdrückten Massen verteidigen. Aus diesen „besonderen Formationen bewaffneter Menschen“ sollte der Staat entstehen, an dessen Spitze ein „großer Mann“ stand. Wie schon Engels darlegte:</p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>„Der Staat ist also keineswegs eine der Gesellschaft von außen aufgezwungne Macht; ebensowenig ist er ‚die Wirklichkeit der sittlichen Idee‘, ‚das Bild und die Wirklichkeit der Vernunft‘ (…) Er ist vielmehr ein Produkt der Gesellschaft auf bestimmter Entwicklungsstufe; er ist das Eingeständnis, daß diese Gesellschaft sich in einen unlösbaren Widerspruch mit sich selbst verwickelt, sich in unversöhnliche Gegensätze gespalten hat, die zu bannen sie ohnmächtig ist. Damit aber diese Gegensätze, Klassen mit widerstreitenden ökonomischen Interessen nicht sich und die Gesellschaft in fruchtlosem Kampf verzehren, ist eine scheinbar über der Gesellschaft stehende Macht nötig geworden, die den Konflikt dämpfen, innerhalb der Schranken der ‚Ordnung‘ halten soll; und diese, aus der Gesellschaft hervorgegangne, aber sich über sie stellende, sich ihr mehr und mehr entfremdende Macht ist der Staat.“[75]</em></p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Im Gegensatz zu dieser Auffassung behaupteten anarchistische Theoretiker, der Staat sei die Wurzel allen Übels und dass Klassenunterdrückung, Ungleichheit und Geld erst auf der Grundlage der organisierten Gewalt von Herrschern und Staaten entstehen konnten. David Graeber zum Beispiel behauptet, dass „die Ursprünge des Geldes bei Verbrechen und Vergeltung zu finden sind, bei Krieg und Sklaverei, Ehre, Schuld und Sühne“.[76] Doch diese These steht im deutlichen Widerspruch zu den archäologischen Erkenntnissen, die eher für die Position von Engels sprechen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Wo der Anarchismus in Bezug auf den Staat durchaus richtig liegt, ist die Betonung der absoluten Wechselbeziehung von Staat und Klassengesellschaft. Die Geschichte von Uruk zeigt, dass keine Klassengesellschaft dauerhaft überleben kann, wenn es nicht einen Staat gibt, der die herrschende Klasse beschützt und in der Gesellschaft eine regulierende Funktion einnimmt. Wenn wir Klassenausbeutung jedoch als Produkt des Staates interpretieren, dann würden wir das Pferd von hinten aufzäumen. Solange wir nicht den Staat mit jeglicher Form von Gewalt und Kontrolle gleichsetzen, und so den Staatsbegriff verewigen und bedeutungslos machen, dann ist aus der Erforschung der ersten Staaten offensichtlich, dass sich die Klassengesellschaft zu dem Zeitpunkt, als die ersten echten Könige und ein erster Staatsapparat aufkamen, bereits in einem Entstehungsprozess befand.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Dass der Aufstieg der Klassengesellschaft überall die gewaltsame Schaffung eines Staates erforderte, spiegelt nur die Tatsache wider, dass die endgültige Auflösung der alten gemeinschaftlichen Verhältnisse, die sich über Jahrtausende anbahnte, nicht auf friedlichem und graduellem Wege vor sich ging. Ein viel zu großer Teil der Gesellschaft hatte Interessen, die unmittelbar mit den neuen Ausbeutungsverhältnissen in Konflikt standen. Gleichzeitig gab es offensichtlich sehr einflussreiche Sektoren in der Gesellschaft, die von der neuen Ordnung sehr profitierten. Daraus erwuchs ein Konflikt, der an einem entscheidenden Punkt die Gesellschaft in zwei gegensätzliche Lager spaltete und der letztlich nur mit den Mitteln der Gewalt gelöst werden konnte: </p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht. Sie selbst ist eine ökonomische Potenz.“[77]</p>
</blockquote>

<h3 class="wp-block-heading">Kombinierte und ungleiche Entwicklung</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Die Staatsgründung in Mesopotamien liefert uns ein beeindruckendes Beispiel, wie die Klassengesellschaft aus der gemeinschaftlichen Gesellschaft des Neolithikums entstehen konnte. Gordon Childe erarbeitete eine Liste von wichtigen „Merkmalen“, die er bei diesen frühen Klassengesellschaften entdeckte. Dazu zählten „spezialisierte Handwerker, Transportarbeiter, Kaufleute, Beamte und Priester“, die Aneignung des Mehrprodukts, die Schrift sowie „eine staatliche Organisation basierend auf dem Wohnort und weniger auf Verwandtschaftsverhältnissen.“[78]</p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Kritiker von Childe haben diese wertvolle Beschreibung von einem der wichtigsten Prozesse der Menschheitsgeschichte zu einer Art „Rezept“ für die Gründung von Staaten verabsolutiert. In dieser Darstellung wird der Staat gleichgesetzt mit einer Gesellschaft, in der es Städte sowie die anderen hier angeführten Merkmale gibt. Marxisten verstehen, dass Gesellschaften, in denen es einen Staat gibt, nicht auf eine derartige Liste von Merkmalen reduziert werden können. Es gibt Zivilisationen, wie die Inka, die keine Schrift entwickelten; und in anderen, wie dem Alten Ägypten spielten Städte bei weitem nicht so eine große wirtschaftliche Rolle wie in Mesopotamien. Anstatt Gesellschaften allein auf der Grundlage von oberflächlichen Erscheinungen empirisch, taxonomisch zu klassifizieren, ist es notwendig, ihren Ursprung, ihre Entwicklung und ihr Verhältnis zu anderen Gesellschaften der damaligen Zeit genauer zu betrachten.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Im <em>Kapital</em> schreibt Marx ausführlich über die Entwicklung des Kapitalismus in England, wo dieser seine „klassische Form“[79] besaß, andere Länder sind ihm jedoch nur beiläufige Erwähnungen wert. Gleichzeitig behauptete er an keiner Stelle, dass der Prozess, wie er in England vor sich gegangen war, der einzig mögliche Weg sei, wie sich eine kapitalistische Gesellschaft entwickeln könnte. Die Elemente, die England zum klassischen Land der kapitalistischen Entwicklung machten, trugen auch dazu bei, dass England eine Sonderstellung einnehmen konnte. Die Tatsache, dass England das erste Land war, in dem sich aus der Entwicklung des Feudalismus eine kapitalistische Ökonomie formierte, bedeutete, dass sich der Prozess über Hunderte von Jahren zog und viele Übergangsformen annahm. Das erlaubte eine sehr genaue Erforschung des zugrunde liegenden, generellen Prozesses, der sich nicht nur in England, sondern in vielen Ländern vollzog. Das bedeutet aber umgekehrt nicht, dass jedes Land dieselbe Stufe einer auf den Markt ausgerichteten Wollproduktion, gefolgt von Manufakturen und schlussendlich dem Fabriksystem durchlaufen musste, um eine kapitalistische Produktionsweise zu entwickeln. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Dasselbe kann über die sogenannten „ursprünglichen“ Staaten in Sumer, Ägypten und China gesagt werden. Diese frühen Klassengesellschaften waren alles andere als „ursprünglich“, sondern äußerst widersprüchlich und trugen noch den Stempel früherer, kommunistischer Verhältnisse. Jene, die zu späterem Zeitpunkt und bereits unter dem Einfluss dieser Zivilisationen entstanden, durchliefen eine viel schnellere Entwicklung und ohne viel von dem urgeschichtlichen Erbe, das in Uruk noch vorzufinden war. Die sumerischen Stadtstaaten wie Ur, die sich später entwickelten, konnten Stufen in der Entwicklung ihrer Vorgänger überspringen. Das Privileg als erste Gesellschaft eine gewisse Entwicklung durch zu machen, wird schnell vom „Privileg der Rückständigkeit“ abgelöst werden, wobei ökonomisch rückständigere Gesellschaften sich schneller und planmäßiger entwickeln können, in dem sie sich auf die Errungenschaften der bereits fortgeschritteneren Konkurrenten stützen. Dieses Phänomen kommt im Laufe der Menschheitsgeschichte immer wieder vor, so auch in der Entwicklung des Kapitalismus.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Einen ähnlichen Prozess beschreibt Engels in seinem Buch <em>Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates</em>. Darin erklärt er, dass die Ursprünge des Staates im antiken Athen bis zu den massiven sozialen Unruhen zurückverfolgt werden können, die ihre Ursache in der „zersetzenden“ Wirkung von Privateigentum, Sklaven- und Geldwirtschaft hatten. Unter diesen Bedingungen setzte sich die Klassengesellschaft in Athen nicht nur viel schneller durch als in Uruk, sondern nahm auch eine ganz andere Form an. So gab es keine zentralisierte Tempelbürokratie und auch kein Steuersystem als vorrangiges Mittel zur Aneignung des Mehrprodukts. Athen war eine Gesellschaft, die sich auf eine qualitativ andere Produktionsweise stützte, weil das Privateigentum und damit einhergehend die Sklavenwirtschaft ein anderes Ausmaß erreicht hatten. Der Grund, warum das so war, liegt darin begründet, dass sich Athen erst später, auf der Grundlage der Eisenproduktion und nicht der Technologie der Bronzezeit, und – verglichen mit Sumer und Ägypten – unter anderen Umweltbedingungen entwickelt hatte. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Marxisten werden oft dafür kritisiert, bei der Analyse des Entstehens von Klassengesellschaften eine sehr rigide Schablone zu verwenden. Wenn wir aber die marxistische Methode ordentlich anwenden, zeigt sich sehr rasch, dass das Gegenteil der Fall ist. Wir könnten sogar sagen, dass es zu den ehernen Gesetzen des historischen Materialismus gehört, dass die ständige Interaktion zwischen Gesellschaften, die sich auf verschiedenen Entwicklungsstufen befinden, notwendigerweise Sprünge und sehr vielfältige Formen der sozialen Entwicklung hervorbringt. Leo Trotzki verwendete in Bezug auf dieses Phänomen den Begriff der „kombinierten und ungleichen Entwicklung“.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Was auch immer die Unterschiede zwischen Mesopotamien und Ägypten, zwischen dem Maurya-Reich und den Maya, oder zwischen Griechenland und Rom gewesen sein mögen, der Prozess, der der Herausbildung dieser Staaten zugrunde lag, war stets derselbe. In all diesen Fällen führte die notwendige Entwicklung der Produktivkräfte zur Erzeugung eines gesellschaftlichen Mehrprodukts, das es einer Gruppe von Menschen ermöglichte, von der Arbeit anderer Menschen zu leben. Diese Gruppen entwickelten sich in der Folge zu einer eigenen Klasse mit eigenen Interessen; entweder aufgrund von äußerem Druck oder aufgrund der inneren Widersprüche dieser neuen Klassengesellschaften (gewöhnlich wird beides der Fall gewesen sein), erhob sich früher oder später ein Staat, der die Interessen der herrschenden Klasse repräsentierte, über den Rest der Gesellschaft und nahm die Rolle eines Hüters der „Ordnung“ ein – sprich der Stabilität und der bestehenden Produktionsverhältnisse. Dieser Prozess konnte unterschiedlichste Formen annehmen und sich in gewissen Fällen über Tausende von Jahren erstrecken, in anderen Fällen vollzog er sich viel schneller. Doch die wichtigste Lehre aus der Geschichte ist, dass die Herausbildung des Staates grundsätzlich von der Entwicklung sozialer Klassen und den sich daraus ergebenden Klassenwidersprüchen hervorgerufen wurde. </p>

<h3 class="wp-block-heading">Die Rolle des Individuums</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Das soll nicht heißen, dass sich der Staat und Klassen in jeder Gemeinschaft, die ein gewisses ökonomisches Niveau erreicht hatte, automatisch entwickeln musste. Ein solcher Prozess konnte unterbrochen werden, sich wieder verlangsamen oder unter dem Eindruck bestimmter historischer Ereignisse, speziell im Zuge von Klassenkämpfen in den besagten Gesellschaften, auch wieder rückgängig gemacht werden. Marx erklärte dazu in <em>Die Heilige Familie</em>: </p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>„Die Geschichte tut nichts, sie ‚besitzt keinen ungeheuren Reichtum‘, sie ‚kämpft keine Kämpfe‘! Es ist vielmehr der Mensch, der wirkliche, lebendige Mensch, der das alles tut, besitzt und kämpft; es ist nicht etwa die ‚Geschichte‘, die den Menschen zum Mittel braucht, um ihre – als ob sie eine aparte Person wäre – Zwecke durchzuarbeiten, sondern sie ist nichts als die Tätigkeit des seine Zwecke verfolgenden Menschen.“[80]</em></p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Individuen konnten im Prozess der Herausbildung der frühen Staaten eine sehr entscheidende Rolle spielen, wie dies auch im modernen Klassenkampf der Fall ist. In der Archäologie ist ein Konzept sehr populär, wonach der Übergang vom Häuptlingstum zu einem Staat mit einem Herrscher an der Spitze auf die Rolle „großer Männer“ zurückzuführen ist. Die Motivation dieser „großen Männer“ sei die Steigerung ihrer eigenen persönlichen Macht gewesen. Dieses Geschichtsbild präsentiert die Taten großer Einzelpersonen als einen unabhängigen, zentralen Faktor in der Menschheitsgeschichte. Auf der Grundlage einer materialistischen Herangehensweise an die Gründung von Staaten ist es jedoch möglich, diesen „großen Männern“ den ihnen gebührenden Platz zuzuweisen. Am Beispiel der ägyptischen Staatsgründung wird das sehr deutlich, weil wir viele Funde haben, die Rückschlüsse auf aufwändige Begräbnisrituale und die Bestattung von Königen ermöglichen.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Anhand von Darstellungen von Narmer, dem Pharao, der Ober- und Unterägypten vereinte, können wir sehen, dass der Staatsgründungsprozess in Ägypten alles andere als automatisch erfolgte. Die Narmer-Palette, eine der ersten uns bekannten Abbildungen eines Königs in der Menschheitsgeschichte, zeigt Narmer mit der Krone Oberägyptens, wie er mit einer Keule in der Hand einen Mann aus Unterägypten zur Aufgabe zwingt.  Die frühdynastischen Könige bekamen keinen fixfertigen Staat vererbt, sondern mussten diesen mittels Gewalt erst errichten.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Wäre Narmer ein inkompetenter, feiger Anführer gewesen, dann hätte die Gründung des ägyptischen Staates gewiss andere Formen angenommen. In diesem Sinne sind die Persönlichkeit und die Taten von Individuen sogar von entscheidender Bedeutung: Wie sich historische Ereignisse abspielen, hängt immer von den handelnden Menschen ab. Ehrgeizige, charismatische Individuen gab es zu jedem Zeitpunkt der Geschichte. Die Frage, die wir jedoch beantworten müssen, wenn wir den Staatsgründungsprozess erklären wollen, ist, warum diese Individuen ausgerechnet an diesem konkreten Punkt der Geschichte ihre Ziele auf so geschichtsmächtige Art und Weise erreichen konnten. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Individuen wie Narmer in Ägypten, König Jaguar bei den Zapoteken oder die <em>lugals</em> in Sumer mögen aus Eigeninteresse gehandelt haben, doch sie reflektierten auch die historische Notwendigkeit, die sich aus den Widersprüchen der jeweiligen Klassengesellschaft ergab. In den Worten Plechanows: </p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>„Ein großer Mann ist nicht dadurch groß, daß seine persönlichen Besonderheiten den großen geschichtlichen Geschehnissen ein individuelles Gepräge verleihen, sondern dadurch. daß er Besonderheiten besitzt, die ihn am fähigsten machen, den großen gesellschaftlichen Bedürfnissen seiner Zeit zu dienen, die unter dem Einfluß der allgemeinen und besonderen Ursachen entstanden sind.“[81]</em></p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Wie die Erbauer des Tempels in Göbekli Tepe und die neolithischen Siedler, die die Sumpfgebiete von Sumer trockenlegten, so waren auch die ersten „großen Männer“ Individuen, die mit ihren Taten und Fähigkeiten Geschichte schrieben. Das erreichten sie aber nicht allein kraft ihres Willens. Ihre Vision von der Zukunft knüpfte an die Bedingungen an, die durch andere materielle Faktoren geschaffen worden waren und die stärker sind als der Wille einzelner Menschen.  </p>

<p class="wp-block-paragraph">In den Anfängen der Klassengesellschaft gehört die Überwindung der Dorfgemeinde und die Gründung von Staaten zu den „großen gesellschaftlichen Bedürfnissen“ jener Zeit. Es brauchte eine Lösung der Krise, die in der Gesellschaft Wirkung entfaltete, und der Staat schien diese Lösung zu bieten. Das Handeln von Führungspersönlichkeiten vom Schlage eines Narmer spielte dabei eine wichtige Rolle. Viele Historiker und Archäologen machen aber den Fehler, dass sie nicht den Zusammenhang zwischen der Rolle des Individuums und dem Faktor geschichtlicher Notwendigkeit erkennen, obwohl in allen historischen Ereignissen beides zusammenspielt. In der Realität kommt genau durch den Konflikt unzähliger individueller Willenskundgebungen die historische Notwendigkeit zur Geltung. </p>

<h3 class="wp-block-heading">In Verteidigung historischen Fortschritts</h3>

<p class="wp-block-paragraph">Angesichts der harten Lebensbedingungen, denen neolithische Bauern ausgesetzt waren, und der Ausbeutung, die so viele ihrer Nachkommen in den frühen Klassengesellschaften erleiden mussten, wird oft bezweifelt, ob es legitim ist, diese Entwicklung überhaupt als „Fortschritt“ zu beschreiben. Mit Gewissheit können wir sagen, dass der liberale Mythos von einem aufgeklärten „Gesellschaftsvertrag“, in dessen Rahmen die gesamte Menschheit in Frieden und Wohlstand lebte, offenkundig falsch ist. Das Leben eines sumerischen Bauern war wahrscheinlich genauso „armselig, ekelhaft, tierisch und kurz“ wie das seiner neolithischen Vorfahren. Fortschritt kann auch nicht als eine Art moralischer Überlegenheit gegenüber vorangegangenen historischen Epochen aufgefasst werden, wenn man die Versklavung der Frau berücksichtigt. Das einzige Konzept von Fortschritt, das stimmig ist, liefert eine Analyse der Entwicklung der Produktivkräfte: die Beherrschung der Naturkräfte durch den Menschen und die Kontrolle des Menschen über seine eigene gesellschaftliche Entwicklung.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Wenn wir unter Fortschritt eine Verbesserung in allen Lebensbereichen für alle Menschen verstehen, dann wird es uns schwerfallen, ausgehend von der letzten Eiszeit genuinen Fortschritt für die Menschheit ausfindig machen zu können. Nichtsdestotrotz ist der Fortschritt der Menschheit als Gesamtheit in dieser Periode unübersehbar. Zwischen 5.000 v. Chr. und 2.000 v. Chr. wuchs die Weltbevölkerung von schätzungsweise 5 Millionen auf 25 Millionen Menschen an.[82] Liverani schätzt, dass der Aufstieg der ersten Stadtstaaten, im Vergleich zum Niveau des Neolithikums, mit einer Verzehnfachung der Produktion einherging.[83] Dieser Anstieg in der Produktivität, der auch mit wichtigen, noch für uns heute relevanten Entdeckungen auf den Gebieten der Naturwissenschaft, der Mathematik und der Kunst einherging, wurde unter Verhältnissen erreicht, die viel ungleicher und unterdrückerischer waren; und er verfestigte diese Verhältnisse noch mehr. Dasselbe könnte über den Aufstieg des Kapitalismus gesagt werden. Was aber sowohl den Aufstieg der ersten Klassengesellschaften als auch des Kapitalismus fortschrittlich machte, war nicht die abstrakte moralische Überlegenheit dieser Gesellschaftsordnungen, sondern deren konkrete Notwendigkeit als Stufen in der Entwicklung der Produktivkräfte. Und nur in dieser Form konnte eine weitere Entwicklung vonstatten gehen. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Die Tatsache jedoch, dass Ausbeutung und Unterdrückung zu einem bestimmten Zeitpunkt ein notwendiger Teil gesellschaftlicher Entwicklung waren, bedeutet nicht, dass das für immer und ewig der Fall sein muss. Der Urkommunismus war notwendig und unvermeidlich, und dennoch war seine Überwindung ebenfalls unvermeidlich. Mit welchem Recht kann die Klassengesellschaft als letztgültige und absolute Ausdrucksform der menschlichen Natur angesehen werden? In der Geschichte wie in der Natur ist „alles was entsteht; wert, dass es zugrunde geht“; alles, was der Entwicklung dient, ist schlussendlich dazu verdammt, durch den Lauf der Dinge überwunden zu werden. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Jede Errungenschaft, die dem Menschen in seinem Existenzkampf gelungen ist, stellt ihn vor neue Hürden, konfrontiert ihn mit neuen Bedrohungen. Diese zu meistern, ist die Aufgabe des Kampfes um weiteren Fortschritt. Das gilt umso mehr in einer Klassengesellschaft, in der „jeder Fortschritt zugleich ein relativer Rückschritt [ist], in dem das Wohl und die Entwicklung der einen sich durchsetzt durch das Wehe und die Zurückdrängung der andern“.[84] Der wahre Gehalt von Fortschritt, die Entwicklung der Produktivkräfte der Menschheit, wird somit in einer Abfolge von in sich begrenzten und widersprüchlichen Formen realisiert. Wenn uns aus heutiger Sicht vergangene Ausdrucksformen dieser Entwicklung verwerflich erscheinen, dann sagt uns das vor allem, dass sie mit der Zeit obsolet geworden sind. Das widerspricht keinesfalls der Tatsache, dass es im Allgemeinen einen Fortschritt gibt. </p>

<p class="wp-block-paragraph">Wir leben heute in einer Welt, in der die Produktivkräfte an die Grenzen stoßen, die ihnen durch das Privateigentum, den sogenannten „freien Markt“ und die Teilung der Welt in kapitalistische Nationalstaaten, gesetzt sind. Die regelmäßigen Wirtschaftskrisen, imperialistische Kriege und die zunehmende Bedrohung durch den Klimawandel sind allesamt Hinweise dafür, dass es unter kapitalistischen Bedingungen für die Menschheit keinen Fortschritt geben kann. Nur durch die Überwindung dieses dahinsiechenden Systems können wir hoffen, die Menschheit aus diesem Alptraum zu befreien. Doch das ist nur denkbar, wenn es gelingt, die gigantischen Produktivkräfte, die von Milliarden eigentumsloser Arbeiter geschaffen wurden, in öffentliches Eigentum zu überführen und die Weltwirtschaft nach dem Vernunftprinzip und auf demokratischer Grundlage zu planen. Kurzum, der weitere Fortschritt der Menschheit setzt das Ende der Klassengesellschaft und des Staates voraus.</p>

<p class="wp-block-paragraph">Friedrich Engels schrieb in diesem Sinne schon im Jahr 1884: </p>

<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><em>„Wir nähern uns jetzt mit raschen Schritten einer Entwicklungsstufe der Produktion, auf der das Dasein dieser Klassen nicht nur aufgehört hat, eine Notwendigkeit zu sein, sondern ein positives Hindernis der Produktion wird. Sie werden fallen, ebenso unvermeidlich, wie sie früher entstanden sind. Mit ihnen fällt unvermeidlich der Staat. Die Gesellschaft, die die Produktion auf Grundlage freier und gleicher Assoziation der Produzenten neu organisiert, versetzt die ganze Staatsmaschine dahin, wohin sie dann gehören wird: ins Museum der Altertümer, neben das Spinnrad und die bronzene Axt.“[85]</em></p>
</blockquote>

<p class="wp-block-paragraph">Heute haben wir diese Stufe längst erreicht. Die Bedingungen für die Überwindung des Kapitalismus und die Errichtung des Sozialismus sind nicht nur gegeben, sie sind überreif. Kämpfen wir dafür, dass Engels’ Vorhersage Wirklichkeit wird und bauen wir eine Zukunft, in der die obersten Prinzipien die Freiheit und die Bedürfnisbefriedigung für die gesamte Menschheit sind.</p>

<p class="wp-block-paragraph"><strong>Für eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Thema und den beschriebenen Prozesse empfehlen wir folgende Literatur:</strong></p>

<ul class="wp-block-list">
<li>Karl Marx (1867): Das Kapital. Band 1.</li>

<li>Friedrich Engels (1884): Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates.</li>

<li>Friedrich Engels (1888): Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie.</li>

<li>Mario Liverani (2014): The Ancient Near East.</li>

<li>Steven Mithen (2003): After The Ice. a global human history, 20.000 – 5000 BC.</li>
</ul>

<p class="wp-block-paragraph"><strong>Andere wichtige Quellen des Artikels:</strong></p>

<ul class="wp-block-list">
<li>Richard Leakey (1981): Die Suche nach dem Menschen: Was wir wurden, was wir sind.</li>

<li>Patricia Draper (1997): Institutional, Evolutionary, and Demographic Contexts of Gender Roles: A Caste Study of !Kung Bushmen.</li>

<li>Kent Flannery (1999): Process and Agency in Early State Formation.</li>

<li>Barry Kemp (2018): Ancient Egypt: Anatomy of a Civilisation.</li>

<li>Vere Gordon Childe (1950): The Urban Revolution</li>

<li>Vere Gordon Childe (1936): Der Mensch schafft sich selbst.</li>
</ul>

<p class="wp-block-paragraph"><strong>Quellenverzeichnis:</strong></p>

<p class="wp-block-paragraph">[1] Karl Marx (1847/1977): Das Elend der Philosophie, in: MEW Bd. 4. Dietz Verlag, Berlin, S. 160.<br />[2] Karl Marx (1847/1977): Das Elend der Philosophie, in: MEW Bd. 4. Dietz Verlag, Berlin, S. 160.<br />[3] Karl Marx (1864/1962): Das Kapital. Bd. 1, in: MEW Bd. 23. Dietz Verlag, Berlin, S. 57.<br />[4] Friedrich Engels (1883/1987): Das Begräbnis von Karl Marx, in: MEW Bd. 19. Dietz Verlag, Berlin, S. 335f.<br />[5] Marx: Kapital Bd. 1, S. 194. Marx: Kapital Bd. 1, S. 194f.<br />[6] Aristoteles (1995): Metaphysik, in: Philosophische Schriften in sechs Bänden, Bd. 5. Felix Meiner Verlag, Hamburg, S. 4.<br />[7] Richard Leakey (1981): Die Suche nach dem Menschen. Umschau, Frankfurt a.M., S. 107.<br />[8] Steven Mithen (2004): After the Ice. Phoenix, S. 323 – eigene Übersetzung.<br />[9] Friedrich Engels (1884/1962): Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats, in: MEW Bd. 21. Dietz Verlag, Berlin, S. 53.<br />[10] Christophe Darmangeat (Juni 2010): L’oppression des femmes, hier et aujourd’hui: pour en finir demain!, online: <a href="https://nouveaupartianticapitaliste.org/opinions/feminisme/loppression-des-femmes-hier-et-aujourdhui-pour-en-finir-demain-une-perspective">https://nouveaupartianticapitaliste.org/opinions/feminisme/loppression-des-femmes-hier-et-aujourdhui-pour-en-finir-demain-une-perspective</a> (zuletzt aufgerufen: 22.10.2021) – eigene Übersetzung.<br />[11] Vgl. Marlize Lombard und Katharine Kyriacou (28. September 2020): Hunter-gatherer women, in: Oxford Research Encyclopedia of Anthropology, online: <a href="https://oxfordre.com/anthropology/view/10.1093/acrefore/9780190854584.001.0001/acrefore-9780190854584-e-105">https://oxfordre.com/anthropology/view/10.1093/acrefore/9780190854584.001.0001/acrefore-9780190854584-e-105</a> (zuletzt aufgerufen: 10.10.2021) – eigene Übersetzung.<br />[12] Vgl. Haas, u. a. (1. November 2020): Female Hunters of the Early Americas, in: Science Advances 6, no. 45, online: <a href="https://doi.org/10.1126/sciadv.abd0310">https://doi.org/10.1126/sciadv.abd0310</a> (zuletzt aufgerufen: 10.10.2021).<br />[13] Vgl. Irfan Habib (2015): People’s History of India, vol. 1. Tulika, S. 66 – eigene Übersetzung.<br />[14] Vgl. Patricia Draper (1997): Institutional, Evolutionary, and Demographic Contexts of Gender Roles: A Case Study of !Kung Bushmen, online: <a href="https://digitalcommons.unl.edu/anthropologyfacpub/4">https://digitalcommons.unl.edu/anthropologyfacpub/4</a> (zuletzt aufgerufen: 10.10.2021).<br />[15] Ebd. – eigene Übersetzung.<br />[16] Lombard und Kyriacou: Hunter-gatherer, online.<br />[17] Chris Knight, Did communism make us human?, online: <a href="https://brooklynrail.org/2021/06/field-notes/Did-communism-make-us-human">https://brooklynrail.org/2021/06/field-notes/Did-communism-make-us-human</a> (zuletzt aufgerufen: 22.10.2021).<br />[18] Amanda Moller (2019): The changing women’s rights of Africa’s San people, online: <a href="https://www.unearthwomen.com/2019/08/13/the-changing-womens-rights-of-africas-san-people/">https://www.unearthwomen.com/2019/08/13/the-changing-womens-rights-of-africas-san-people/</a> (zuletzt aufgerufen: 22.10.2021)<br />[19] Habib: People’s History of India, S. 41 – eigene Übersetzung.<br />[20] Engels: Ursprung, S. 27.<br />[21] Mithen: After the Ice, S. 139.<br />[22] Ebd. S. 391.<br />[23] Ebd. S. 136.<br />[24] Ebd. S. 140.<br />[25] George Willcox and Danielle Stordeur (2012): Large-scale cereal processing before domestication during the tenth millennium cal BC in northern Syria. Cambridge, S. 99 – 114 – eigene Übersetzung.<br />[26] Vgl. Nicky Milner (2018): Star Carr Volume 1, online: <a href="https://universitypress.whiterose.ac.uk/site/books/e/10.22599/book1/">https://universitypress.whiterose.ac.uk/site/books/e/10.22599/book1/</a> (zuletzt aufgerufen: 22.10.2021).<br />[27] Vgl. Mithen: After the Ice, S. 53.<br />[28] Vgl. Ebd. S. 37.<br />[29] Vgl. Gordon Hillman, u. a. (Mai 2001): New evidence of Lateglacial cereal cultivation at Abu Hureyra on the Euphrates, in: The Holocene, 11(4). S. 383–393.<br />[30] Anthony Giddens (1981): A Contemporary Critique of Historical Materialism. California, S. 156.<br />[31] Charles Mann (Juni 2011): The Birth of Religion, in: National Geographic, online: <a href="https://www.nationalgeographic.com/magazine/2011/06/gobeki-tepe/">https://www.nationalgeographic.com/magazine/2011/06/gobeki-tepe/</a> (zuletzt aufgerufen: 10.10.2021) – eigene Übersetzung.<br />[32] Friedrich Engels (1886/1962): Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, in: MEW Bd. 21. Dietz Verlag, Berlin, S. 298.<br />[33] Lee Clare (2019): A brief summary of research at a new World Heritage Site, online: <a href="https://lens.idai.world/?url=/repository/eDAI-F_2020-2/eDAI-F_Clare.xml#citations">https://lens.idai.world/?url=/repository/eDAI-F_2020-2/eDAI-F_Clare.xml#citations</a> (zuletzt aufgerufen: 10.10.2021).<br />[34] Andrew Curry (22. Juni 2021): How ancient people fell in love with bread, beer and other carbs, online: <a href="https://www.nature.com/articles/d41586-021-01681-w">https://www.nature.com/articles/d41586-021-01681-w</a> (zuletzt aufgerufen: 10.10.2021).<br />[35] Karl Marx (1859/1961): Zur Kritik der politischen Ökonomie, in: MEW Bd. 13. Dietz Verlag, Berlin, S. 9.<br />[36] Marx: Kapital Bd. 1, S. 391.<br />[37] Vgl. Mario Liverani (2014): The Ancient Near East. Routledge, New York, S. 38.<br />[38] Vgl. Selina Brace, u.a. (2019): Ancient genomes indicate population replacement in Early Neolithic Britain, online: <a href="https://www.nature.com/articles/s41559-019-0871-9?proof=t">https://www.nature.com/articles/s41559-019-0871-9?proof=t</a> (zuletzt aufgerufen: 22.10.2021), S. 765–771.<br />[39] Vgl. Mithen: After the Ice, S. 60.<br />[40] Vgl. Theya Molleson (1994): The Eloquent Bones of Abu Hureyra, in: Scientific American 271, Nr. 2. S. 70-75.<br />[41] Casper Hansen, u.a. (4. November 2012): Modern Gender Roles and Agricultural History: The Neolithic Inheritance, online: <a href="http://dx.doi.org/10.2139/ssrn.2170945">http://dx.doi.org/10.2139/ssrn.2170945</a> (zuletzt aufgerufen: 22.10.2021), S. 5.<br />[42] Vgl. Tara Belkin, u.a. (2006): Woman the Toolmaker: Hideworking and Stone Tool Use In Konso, Ethiopia, in: DVD. Left Coast Press.<br />[43] Vgl. Paul Cockshott (2020): How the World Works: The Story of Human Labor from Prehistory to the Modern Day, Monthly Review Press, S. 38.<br />[44] Vgl. Audery Henshall (1985): The Chambered Cairns, in: The Prehistory of Orkney BC 4000–1000 AD. Edinburgh University Press.<br />[45] Engels: Ursprung, S. 95f.<br />[46] Marx: Zur Kritik, S.9.<br />[47] Vgl. Bernadette Arnaud (2006): First Farmers, in: Archaeology Vol. 53 Nr. 6. S. 56 – 59.<br />[48] Vgl. Mithen: After the Ice, S. 59.<br />[49] Vgl. Ebd. S. 434.<br />[50] Vgl. Liverani: Near East, S. 48.<br />[51] Ebd. S. 52 – eigene Übersetzung.<br />[52] Marx: Kapital Bd. 1, 350.<br />[53] Hervey Peoples, Pavel Duda und Frank Marlowe (6. Mai 2016): Hunter-Gatherers and the Origins of Religion, in: Human Nature 2016, 27, online: <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27154194/">https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27154194/</a> (zuletzt aufgerufen: 24.10.2021), S. 261–282.<br />[54] Vgl. Liverani: Near East, S. 53.<br />[55] Ebd.<br />[56] Vgl. Ebd. S. 62.<br />[57] Marx: Kapital Bd. 1, S. 373.<br />[58] Vgl. Liverani, Near East, S. 69.<br />[59] Vgl. Ebd. S. 72.<br />[60] Vgl. Ebd. S. 101.<br />[61] Vgl. James Scott (2017): Against the Grain: A Deep History of the Earliest States. Yale University, S. 159 – eigene Übersetzung.<br />[62] Engels: Ursprung, S. 61.<br />[63] Gilgamesch-Epos, online: <a href="https://www.lyrik.ch/lyrik/spur1/gilgame/gilgam1.htm">https://www.lyrik.ch/lyrik/spur1/gilgame/gilgam1.htm</a> (zuletzt aufgerufen: 10.10.2021).<br />[64] Engels: Ursprung, S. 68.<br />[65] Leo Trotzki (1939/2006): Die UdSSR im Krieg, in: Verteidigung des Marxismus. Arbeiterpresse Verlag, Essen, S. 7.<br />[66] Vgl. William Hallo und William Simpson (1971): The Ancient Near East. Harcourt, New York, S. 25-26 – eigene Übersetzung.<br />[67] Miriam Lichtheim (2006): Ancient Egyptian Literature, Vol. I. Berkeley, S. 186 – 189 – übersetzt von Marksu Sanke.<br />[68] Marx: Kapital Bd.1, S. 109.<br />[69] Liverani: Near East, S. 75.<br />[70] Vgl. Gilgamesch-Epos, online.<br />[71] Vgl. Liverani: Near East, S. 88.<br />[72] Vgl. Ebd.<br />[73] Vgl. Ebd. S. 89.<br />[74] Vgl. Ebd. S. 80.<br />[75] Engels: Ursprung, S. 165.<br />[76] David Graeber (2012): Schulden. Die ersten 5000 Jahre. Klett-Cotta, Stuttgart, S. 25.<br />[77] Marx: Kapital Bd. 1, S. 779.<br />[78] Gordon Childe (1950): The Urban Revolution, in: The Town Planning Review. Liverpool, S. 3 – 17 – eigene Übersetzung.<br />[79] Marx: Kapital Bd. 1, S. 744.<br />[80] Friedrich Engels und Karl Marx (1845/1972): Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik, in: MEW Bd. 2. Dietz Verlag, Berlin, S. 98.<br />[81] Georgi Plechanow (1898): Über die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte, online: <a href="https://www.marxists.org/deutsch/archiv/plechanow/1898/rolle/rolle2.htm#t8">https://www.marxists.org/deutsch/archiv/plechanow/1898/rolle/rolle2.htm#t8</a> (zuletzt aufgerufen: 24.10.2021).<br />[82] Vgl. Scott: Against the Grain, S. 4.<br />[83] Vgl. Liverani: Near East, S. 572.<br />[84] Engels: Urspung, S. 68.<br />[85] Ebd. S. 168.</p>
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		<title>Warum die marxistische Theorie lernen?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jannick Hayoz]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 14 Sep 2022 11:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Grundlagen des Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Marxismus Grundlagen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der Sozialismus ist notwendig. Wer die Gesellschaft revolutionieren will, muss sie verstehen. Das ist unmöglich ohne die Theorie des Marxismus. Wer es heute ernst meint mit der Revolution, muss die [&#8230;]</p>
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									<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Der Sozialismus ist notwendig. Wer die Gesellschaft revolutionieren will, muss sie verstehen. Das ist unmöglich ohne die Theorie des Marxismus. Wer es heute ernst meint mit der Revolution, muss die Theorie des Marxismus lernen – als Teil der International Marxist Tendency, der revolutionären marxistischen Internationale.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<figure class="wp-block-image size-large"><span style="color: #000000;"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="564" class="wp-image-1692" src="https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/04/SiD-ZO-dummy-schulung-2022-Untitled-Page-scaled-e1652599997386-1180x650-1-1024x564.jpeg" alt="" srcset="https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/04/SiD-ZO-dummy-schulung-2022-Untitled-Page-scaled-e1652599997386-1180x650-1-1024x564.jpeg 1024w, https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/04/SiD-ZO-dummy-schulung-2022-Untitled-Page-scaled-e1652599997386-1180x650-1-300x165.jpeg 300w, https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/04/SiD-ZO-dummy-schulung-2022-Untitled-Page-scaled-e1652599997386-1180x650-1-768x423.jpeg 768w, https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/04/SiD-ZO-dummy-schulung-2022-Untitled-Page-scaled-e1652599997386-1180x650-1.jpeg 1180w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></span></figure>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Der Kapitalismus hat seinen Zenit überschritten. Die Krise wird zur Normalität, die Bourgeoisie hat keinen Ausweg. Die Arbeiterklasse sucht nach Auswegen. Nur schon dieses Jahr sahen wir aufständische Massenbewegungen in Kasachstan und Sri Lanka. Diese Prozesse sind nicht auf Drittwelt- und imperialistisch geknebelte Länder beschränkt. In den USA sahen wir große Lehrerstreiks 2018/2019, 2020 die größte Massenbewegung in der Geschichte des Landes („Black Lives Matter“), eine Streikwelle Ende letztes Jahr („striketober“) und jetzt eine Welle der gewerkschaftlichen Organisierung bei Amazon usw. Überall auf der Welt sind die Bedingungen der Weltrevolution am Reifen: Die herrschende Klasse kann immer weniger herrschen wie bisher und die Arbeiterklasse ist immer weniger bereit, beherrscht zu werden wie bisher.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<h3 class="wp-block-heading"><span style="color: #000000;">Führung und Theorie</span></h3>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Die Massen lernen durch die Hammerschläge der Krise und mit doppelter und dreifacher Geschwindigkeit in den Kämpfen. Aber diese spontane Bewusstseinsentwicklung in einem mühseligen und harten „trial and error“-Prozess ist beschränkt: Sie reicht nicht, um in dem relativ kurzen Zeitfenster der revolutionären Massenbewegung die konsequenten Schlussfolgerungen zu ziehen.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Die Erfahrung von fast 200 Jahren Kämpfe der Arbeiterklasse zeigt, dass es für eine erfolgreiche sozialistische Revolution eine bewusste Führung braucht mit den richtigen Ideen, dem richtigen Programm und der richtigen Strategie und Taktik. Denn die Arbeiterklasse braucht Klarheit über ihre historische Aufgabe: im Kampf mit der Bourgeoisie die Macht erobern, die Kapitalisten enteignen und eine Planwirtschaft aufbauen. Die Aufgabe einer revolutionären Führung besteht darin, die Suche der Massen nach einem Ausweg abzukürzen, indem sie die Keime von richtigen spontanen Schlussfolgerungen zu entfalten und die Überreste von falschen Illusionen zu zerstören hilft. Sie ist der Katalysator, der den notwendigen spontanen Bewusstseinsprozess beschleunigt.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Dazu muss die Führung bereits vor den revolutionären Prozessen ein gewisses Maß an Verankerung in der Arbeiterklasse erkämpft haben. Und sie muss allem voran wirkliches Verständnis der Welt mitbringen. Sie muss die Lehren aus den vergangenen Kämpfen der Arbeiterklasse und die kondensierte Erfahrung der gesamten Menschheitsgeschichte mitbringen. Sie braucht allem voran die richtige Theorie.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<h3 class="wp-block-heading"><span style="color: #000000;">Die Welt verstehen, um sie zu verändern</span></h3>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Die Menschen bilden sich hartnäckig ein, dass die Menschengeschichte – im Gegensatz zum ganzen Rest der Natur – keinen Gesetzen gehorcht. Aber in Wahrheit ist die Gesellschaft genauso wie die äußere Natur von objektiven Gesetzen bestimmt. Man kann die Gesellschaft genauso wenig wie die Natur willkürlich und völlig frei verändern. Wir können die Gesellschaft, genauso wie die Natur, nur entlang ihrer eigenen inneren Gesetzmäßigkeiten verändern. Wer die Welt verändern will, muss sie verstehen. Die marxistische Theorie – und nur sie – ist die Wissenschaft, die fähig ist, die Welt zu verändern, weil deren allgemeinen Entwicklungsgang versteht.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Alles, was die einzelnen Menschen tun und lassen, geht durch ihre Köpfe. Insofern handeln sie bewusst. Aber die Logik der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung spielt sich bislang hinter dem Rücken der Menschen ab. Das sehen wir heute krasser denn je. Die Krisen des Kapitalismus brechen mit der Gewalt und unbeherrscht wie Meteoriteneinschläge über die Menschen herein. Die Arbeiterklasse zahlt brutal, die Spitzen der Bourgeoisie profitieren noch von der größten Krise. Aber niemand versteht die Prozesse und hat sie bewusst und willentlich herbeigeführt. Auch nicht die Bourgeoisie, ihre Staaten und Ideologen. Noch in den 90ern sprachen diese vom „Ende der Geschichte“. Heute stecken wir am Beginn der turbulentesten Periode der Menschheitsgeschichte. Das sagt alles. Die Theorie des Marxismus enthüllt das Geheimnis, wie die Menschheitsgeschichte funktioniert. Sie erkennt die Notwendigkeit hinter den vermeintlichen Zufälligkeiten. Sie erkennt die Zusammenhänge zwischen den vermeintlich isolierten Phänomenen. Kurz: der unbewusste geschichtliche Prozess findet im Marxismus seinen bewussten Ausdruck.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Der Test, ob das stimmt oder nicht – ob die marxistische Theorie den geschichtlichen Prozess wahrheitsgetreu abbildet oder nicht – beantwortet sich durch die Frage, ob diese Theorie die geschichtlichen Prozesse in ihren Grundzügen voraussehen kann oder ob sie permanent überrascht ist von den Ereignissen. Ein Beispiel. Marx hat in seinem „Kapital“ die allgemeinen Bewegungsgesetze des Kapitalismus herausgearbeitet. Ein wichtiges Gesetz hat er so formuliert: „Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist … zugleich Akkumulation von Elend … auf dem Gegenpol, d.h. auf Seite der Klasse, die ihr eignes Produkt als Kapital produziert.“ Im Oxfam-Bericht vom letzten Jahr lesen wir Folgendes. Seit 1995 hat das oberste 1% mehr als zwanzig Mal mehr vom global erarbeiteten globalen Reichtum erbeutet als die untere Hälfte der Gesellschaft. So besitzen die reichsten zehn Männer heute mehr als die unteren 3.1 Milliarden Menschen „auf dem Gegenpol“, wo alle vier Sekunden jemand wegen dieser Ungleichheit stirbt. Die gesamte Entwicklung des Kapitalismus zeigt: Die marxistische Theorie hat sich bewährt.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Was ist die marxistische Theorie? Sie bildet eine „einheitliche Weltanschauung“ (Lenin), die sich aber unterteilen lässt in drei Bestandteile: die Philosophie, die Geschichtsauffassung und die Ökonomie.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<h3 class="wp-block-heading"><span style="color: #000000;">Dialektischer Materialismus</span></h3>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Jeder hat eine Philosophie: eine Weltsicht, eine Denkweise. Die Frage ist einzig, wie nahe sie der objektiven Wahrheit ist.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Die Philosophie ist auf die Welt gekommen als Bruch mit der Religion: als Versuch, die natürliche Welt aus sich selbst zu erklären, ohne Rückgriff auf Geister, Götter und überhaupt mystische Übersinnlichkeiten, also als Materialismus. Der dialektische Materialismus (die Philosophie des Marxismus) vollendet das. Er hat alles Rationale aus zweitausend Jahren Philosophiegeschichte in sich aufgenommen und alles Mystische abgestreift. Er ist der vollständige Bruch mit allen vermeintlichen göttlich-geistigen Ursprüngen und Antreibern der natürlichen Welt; der vollständige Bruch mit jeglichem gedanklichen Stopp der absolut bewegten Natur in unseren Köpfen.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Was ist die Grundaussage des dialektischen Materialismus? Es gibt eine unendliche, natürliche, materielle Welt. Bewusstsein ist nichts von der Materie Abgekoppeltes. Es ist die höchste Funktion der Materie. Die Entwicklung des Denkens ist der Fortschritt in der Selbsterkenntnis der Materie. Die Welt ist absolut dynamisch, angetrieben durch ihre inneren Widersprüche. Die Ruhe ist ein Sonderfall der Bewegung.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Die Natur ist „die Probe auf die Dialektik“ (Engels). Die Entwicklung der Naturwissenschaften seit Mitte des 19. Jahrhunderts und ihre industrielle gesellschaftliche Anwendung beweisen zunehmend die Weltanschauung des dialektischen Materialismus. Würden sich die Naturwissenschaften die Methode der materialistischen Dialektik aneignen, würde ihnen das nicht nur eine Menge an Verwirrung und Umwegen ersparen. Es würde ihr einen riesigen Anstoß geben.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Die materialistische Dialektik ist aber nicht nur potenzielles Arbeitswerkzeug für Naturwissenschaftler, sondern auch die wichtigste Waffe für Revolutionäre. Schauen wir die Welt statisch (undialektisch) an dann begnügen wir uns mit Momentaufnahmen des Prozesses – mit Fotos der Welt, wie sie bereits geworden ist. Diese Methode ist von Grund auf unbrauchbar, um zu antizipieren, wohin der Prozess geht und ihn dadurch mitbestimmen zu können. Als dialektische Materialisten begnügen wir uns nicht mit den gewordenen Phänomenen. Wir sehen unter der ruhig und stabil erscheinenden Oberfläche die verborgenen Spannungen und Widersprüche. So können wir die Entwicklung einer Sache verstehen, denn der Widerspruch ist sozusagen der Motor der Bewegung. Wir können erkennen, wie sich die Widersprüche im Prozess zuspitzen – bis zu dem Punkt, wo das Ganze gesprengt wird. Die materialistische Dialektik sieht, wie im Bestehenden die Bedingungen seiner revolutionären Sprengung reifen: wie die Gegenwart mit der Zukunft schwanger geht, wie im Alten dessen Zerstörung und die sprunghafte Geburt des Neuen vorbereitet wird.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Der dialektische Materialismus drückt der Welt nicht willkürliche Gesetze von aussen auf. Sondern er hat die allgemeinen Bewegungsgesetze der Materie enthüllt. Darum funktionieren – bei aller Besonderheit – alle Phänomene im Allgemeinen nach diesen Gesetzen, auch die menschliche Geschichte. So konnte Rosa Luxemburg sagen, die materialistische Dialektik sei „die geistige Waffe, womit es [das Proletariat], materiell noch im Joch, die Revolution im Reiche des Geistes bereits vollzogen hat“. Aber natürlich hat die menschliche Gesellschaft ihre Eigenarten: Ihre immanenten Gesetze müssen untersucht werden. Das macht der historische Materialismus. Er ist die Anwendung der materialistischen Dialektik auf die menschliche Geschichte.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<h3 class="wp-block-heading"><span style="color: #000000;">Historischer Materialismus</span></h3>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Der historische Materialismus ist materialistische Geschichtsauffassung. Der Mensch ist ein Naturwesen und muss sich physisch erhalten. Die Grundlage und das bestimmende Element jeder Gesellschaft ist darum die Arbeit: der Stoffwechsel dieses menschlichen Naturwesens mit der äußeren Natur. Ab dem Punkt, wo sich durch die Arbeit menschliches Bewusstsein entwickelt hat, geht alles durch den Kopf der Menschen. Ideen sind also ein Faktor in der Menschheitsgeschichte. Aber die materiellen Interessen und Bedürfnisse der Menschen sind primär: „Die ‘Idee’ blamierte sich immer, soweit sie von dem ‘Interesse’ unterschieden war.“ (Marx und Engels)</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Es sind denn auch nicht die Ideen, die den Geschichtsprozess antreiben, sondern der Kampf um die Befriedigung der natürlichen Bedürfnisse durch die Arbeit. Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte des Fortschritts in der Beherrschung der Natur durch die Entwicklung der menschlichen Produktivkräfte (Produktionsmittel, Technologie).</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Dieser Prozess der Entwicklung der Produktivkräfte ist nicht ein rein evolutionärer, linearer Prozess, sondern geschieht an gewissen Knotenpunkten in Sprüngen, Revolutionen; er geschieht nicht in gesellschaftlicher Harmonie, sondern durch den Kampf antagonistischer Klassen. Der Stand in der Entwicklung der Produktivkräfte bringt bestimmte Produktionsverhältnisse hervor und damit einhergehend bestimmte soziale Gruppen (Klassen): „Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten“ (Marx). Die Produktionsverhältnisse sind der Rahmen, innerhalb dessen sich die Produktivkräfte entwickeln – bis zu einem Punkt, wo der Rahmen aus einem Katalysator zu einer Zwangsjacke wird, und die weitere Entwicklung hemmt: Der Niedergang einer Gesellschaftsformation beginnt, der Kampf zwischen den Klassen verschärft sich. Das ergibt die revolutionären Perioden in der Geschichte. Gewisse herrschende Klassen halten an der überkommenen Gesellschaftsordnung fest, sie werden reaktionär. Fortschrittliche Klassen kämpfen für eine neue Gesellschaftsformation, in der die Produktivkräfte auf höherer Stufe entwickelt werden können. Der lebendige Klassenkampf entscheidet in den Phasen der organischen Krise einer gesellschaftlichen Epoche darüber, ob die revolutionären Klassen die überkommene Ordnung stürzen und eine neue Gesellschaftsordnung errichten können – oder ob die kämpfenden Klassen gemeinsam untergehen.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Marxistische Politik ist alles andere als unparteilich. Wir stellen uns voll und ganz auf die Seite der Befreiung der Menschen von Unterdrückung und Ausbeutung. Aber die Parteilichkeit der Marxisten ist nicht moralistisch und abstrakt, sondern wissenschaftlich untermauert. Wir sehen mit der materialistischen Geschichtsauffassung, welche Klassen die überkommene Ordnung verteidigen und welche Klassen potenzielle Träger des menschlichen Fortschritts sind, also der Befreiung des Menschen von der Herrschaft der äußeren Natur wie auch der Unterdrückung durch Menschen selbst. Marxistische Politik bedeutet, sich voll auf die Seite der fortschrittlichen Klassen im realen Klassenkampf zu stellen, diese Klassen zum Bewusstsein ihrer historischen Mission verhelfen – und sie so zum Sieg zu führen. Nur so können wir wirklich für Befreiung und gegen Unterdrückung kämpfen. Abstrakte Utopien und Moralvorstellungen – so gut gemeint und verständlich sie sein mögen – sind völlig untauglich dafür.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Die Gesellschaft, in der wir leben, ist der Kapitalismus. Die materialistische Geschichtsauffassung hat uns gezeigt, dass die Wirtschaft die Basis jeder Gesellschaftsform ist. Hier liegt der Schlüssel, um die kapitalistische Gesellschaft zu verstehen – und zu stürzen. Genau das macht die marxistische Ökonomie.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<h3 class="wp-block-heading"><span style="color: #000000;">Marxistische Ökonomie</span></h3>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Die bürgerliche Ökonomie sieht den Kapitalismus als letztes Wort in der Geschichte der Menschheit. Die marxistische Ökonomie hingegen analysiert den Kapitalismus wie jedes Phänomen zwischen Himmel und Hölle: mit der materialistischen Dialektik. Für sie ist „die jetzige Gesellschaft kein fester Kristall, sondern ein umwandlungsfähiger und beständig im Prozess der Umwandlung begriffener Organismus“ (Marx). Sie enthüllt die Notwendigkeit, mit der sich durch die widersprüchliche Entwicklung des Kapitalismus die Bedingungen verschärfen, welche die kapitalistische Gesellschaft sprengen werden.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Das „absolute Gesetz“ der kapitalistischen Wirtschaftsweise ist die „Produktion von Mehrwert“ (Marx). Aus Wert muss mehr Wert werden, Kapital muss angehäuft werden, sonst rührt kein Kapitalist einen Finger, sonst steht die Fabrik still. Marx hat das Geheimnis dieser Plusmacherei enthüllt. Im Kapitalismus wird die Arbeitskraft zur Ware, das macht die kapitalistische Warenwirtschaft aus. Der Kapitalist kauft diese spezielle Ware auf dem sogenannten Arbeitsmarkt. Der Konsum dieses Potenzials zu arbeiten, bedeutet Verausgabung von Arbeit. Durch diese Arbeit wird mehr Wert geschaffen als die Arbeitskraft Wert hat. Der Mehrwert entstammt also der Produktion, nicht dem Warentausch.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Daraus ergibt sich der grundlegende soziale Gegensatz unserer kapitalistischen Gesellschaft. Auf der einen Seite steht die Arbeiterklasse: die Gruppe von Menschen, die nichts besitzt als ihre Arbeitskraft und dadurch gezwungen ist, diese an die Kapitalisten zu verkaufen und ausgebeutet zu werden. Auf der anderen Seite steht die Bourgeoisie: die winzige Gruppe an Menschen, welche die Macht zur Ausbeutung hat, weil sie die Mittel zur Produktion besitzt. Darin sind die Widersprüche, die den Kapitalismus sprengen werden, bereits im Kern enthalten.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Diese grundlegende Logik des Kapitalismus – durch die Ausbeutung der Arbeiterklasse Kapital anhäufen – schafft die Keime des Sozialismus im Kapitalismus. Die Anhäufung von Kapital die Produktion immer mehr vergesellschaftet und hat die Produktivkräfte krasser als jede vorhergehende Produktionsweise entwickelt. Damit schafft erst der Kapitalismus die grundlegendste Voraussetzung für eine klassenlose, egalitäre Gesellschaft, den Kommunismus: so weit entwickelte Produktivkräfte, dass es möglich wird, auf einem Niveau zu wirtschaften, dass kein Mangel mehr herrscht. Dieses Niveau ist längst erreicht. Aber im Kapitalismus kann dieses Potenzial nicht verwirklicht werden, ganz im Gegenteil: Die Überalterung des Kapitalismus bedeutet zunehmendes Elend für die Massen. Der Kapitalismus schafft und entwickelt auch eine Klasse, die sowohl die potenzielle Macht und das objektive Interesse hat, den Kapitalismus zu stürzen. Diese Klasse ist die Arbeiterklasse. Sie produziert jeglichen Wert, jeden Franken Profit. Darum hat sie die Macht, die Bourgeoisie zu stürzen. Und sie hat auch das Interesse daran: Sie hat nichts zu verlieren als ihre kapitalistischen Ketten – aber sie hat im Kommunismus eine Welt zu gewinnen.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Genau dieselben Entwicklungsgesetze des Kapitalismus, die eine ungeheure Entwicklung von Produktivkräften und Arbeiterklasse hervorgebracht haben — genau dieselbe Logik führt auch zu immer tieferen und breiteren Krisen. Der Kapitalismus „gleicht dem Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor“ (Marx und Engels). Die kapitalistische Gesellschaft beginnt zu serbeln: Es kommt zu Kriegen, Wirtschaftskrisen und Angriffen auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiterklasse. Als Materialisten sehen wir, dass das Bewusstsein träge ist. Aber die Hammerschläge der Krise reißen das Bewusstsein der Arbeiterklasse aus seinem Trägheitszustand heraus. Es ist dieselbe Entwicklung des Kapitalismus, die eine starke Arbeiterklasse erschafft, die diese Klasse zwingt, nach Auswegen aus dem zerfallenden Kapitalismus zu suchen. Es kommt zu revolutionären Prozessen. Genau diese Entwicklung sehen wir heute: Die Arbeiterklasse wird, mit historischer Notwendigkeit, von einer potenziell revolutionären Klasse immer mehr zur tatsächlich revolutionären Klasse.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<h3 class="wp-block-heading"><span style="color: #000000;">Glitschiger Abhang oder granitenes Fundament</span></h3>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Die objektive historische Aufgabe der Arbeiterklasse ist der Sprung der Menschheit aus dem Reich der Notwendigkeit ins Reich der Freiheit: der Sprung in eine klassenlose Gesellschaft, in der die Beherrschung der Natur ein Niveau erreicht hat, auf dem sich alle frei entfalten können und keine Unterdrückung von Menschen durch Menschen mehr nötig ist. Dazu muss die Arbeiterklasse in einer Revolution die Bourgeoisie besiegen und die entwickelten Produktivkräfte in eine sozialistische Planwirtschaft hinüberretten und weiterentwickeln. Planwirtschaft bedeutet, dass die Menschen ihre Produktivkräfte und ihre eigenen gesellschaftliche Verhältnisse der menschlichen Vernunft unterordnen, sie „aus dämonischen Herrschern in willige Diener verwandeln“ (Engels). Das ist von den ersten Schritten der Machtübernahme an eine bewusste Revolution. Aber die herrschende Klasse hat das Monopol auf die Kultur: Die herrschenden Ideen sind die Ideen der herrschenden Klasse.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Die Bourgeoisie hat das menschliche Denken auf ein nie gekanntes Niveau gehoben. Die Höhepunkte außerhalb der Naturwissenschaften waren Hegels Dialektik (Philosophie), die Wertlehre von Smith und Ricardo (Ökonomie); das bürgerliche Denken hat auch den utopischen Sozialismus hervorgebracht und die – in Ansätzen materialistischen – Historiker der Epoche nach der französischen Revolution (Geschichtswissenschaft). Der Marxismus hat nicht bei null begonnen. Er hat angesetzt an diesen damaligen Höhepunkten des menschlichen Denkens. Sie sind die drei Quellen der marxistischen Theorie. Diese hat die Probleme, die von der Bourgeoisie gestellt wurden, gelöst. „Die ganze Genialität Marx’ besteht gerade darin, dass er auf die Fragen Antworten gegeben hat, die das fortgeschrittene Denken der Menschheit bereits gestellt hatte“ (Lenin). So wurden aus den drei Quellen die drei Bestandteile des Marxismus, die wir kurz zu erklären versucht haben.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Aber seit der Marxismus mit Marx und Engels die theoretischen Probleme unserer Epoche in den Grundzügen gelöst hat, und seit der Kapitalismus rund um die Wende zum 20. Jahrhundert aufgehört hat, eine fortschrittliche Rolle zu spielen – seither ist die Bourgeoisie weit hinter die Errungenschaften ihres eigenen Denkens zurückgefallen. Sie wurde auch im Bereich der Ideen reaktionär. Die Grundaufgabe ihres Denkens – mit Ausnahme der Naturwissenschaften – besteht seither nicht mehr darin, die Wahrheit zu finden, sondern sie zu vernebeln. Sie muss die marxistische Theorie delegitimieren und die Arbeiterklasse daran hindern, mit ihr in Kontakt zu kommen. Wissenschaftlichkeit, Materialismus und Dialektik weichen Mystizismus, Idealismus und Verklärung. Der sogenannte Postmodernismus ist auch in dieser Hinsicht nichts Neues, sondern nur der bisherige Höhepunkt dieser Zerfallsgeschichte des bürgerlichen Denkens – oder der Tiefpunkt in der Geschichte des Denkens, wie man’s nimmt.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Es gibt kein Vakuum in den Köpfen der Menschen. Entweder wir nehmen also die Ideen des Marxismus in der vollen Konsequenz an: die Ideen, die den Standpunkt der revolutionären Arbeiterklasse einnehmen. Oder das Vakuum wird von bürgerlichen und kleinbürgerlichen Ideen gefüllt. Wer nicht auf dem granitenen Standpunkt der marxistischen Theorie steht, der steht auf einem glitschigen Abhang, der im Sumpf der reaktionären Ideen der (Klein-)Bourgeoisie landet. Der Ukraine-Krieg beweist das vor unseren Augen. Der Krieg testet alle linken Organisationen. Wir haben die Frage andernorts genau analysiert. Hier kommt es auf die Resultate an. Alle linken Strömungen – linke wie rechte Reformisten und die meisten pseudo-marxistischen Sekten – sind im Lager des westlichen Imperialismus gelandet. Sie unterstützen ökonomische Sanktionen und Waffenlieferungen des westlichen Imperialismus. Das heißt sie unterstützen die reaktionärste imperialistische Kraft auf dem Erdball, die gerade mit dem Blut der ukrainischen Massen einen Krieg darum führt, ob die Ukraine unter dem Einfluss des US- oder des russischen Imperialismus stehen soll. Die Arbeiterklasse kann nur verlieren.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<h3 class="wp-block-heading"><span style="color: #000000;">Was tun?</span></h3>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Die Arbeiterklasse braucht eine bewusste Führung, um ihre historische Mission wahrzunehmen. Politische Strömungen, die auf diesem glitschigen Abhang stehen, können die Arbeiterklasse nur verwirren.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Wir müssen mit der größten Dringlichkeit eine Organisation aufbauen, die voll auf dem Boden der marxistischen Theorie steht. Genau das macht die International Marxist Tendency. Unsere Kräfte sind zahlenmäßig noch zu schwach, um eine Rolle in den großen Kämpfen zu spielen. Aber wir haben bereits die richtigen Ideen: die Theorie des Marxismus. Darum und nur darum sagen wir, die IMT ist das Embryo einer zukünftigen revolutionären Führung der Arbeiterklasse. Heute schwimmen wir nicht mehr gegen den Strom: Mit der Jugend an der vordersten Front suchen immer weitere Teile der Arbeiterklasse nach Ideen, welche die Krisenspirale erklären und dadurch einen Ausweg aufzeigen können. Wir stehen am Beginn einer Periode, in der die Kräfte des Marxismus zu einer Massenkraft werden können.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>
<p class="wp-block-paragraph"><span style="color: #000000;">Wer es heute ernst meint damit, dass der Kapitalismus gestürzt werden muss und dass es eine sozialistische Revolution braucht, der muss sich die Theorie des Marxismus aneignen. Das beginnt mit den Grundlagen seiner drei Bestandteile. Ohne diesen allgemeinen Leitfaden können wir weder die Kriegsfrage, noch die Frage der Inflation, und schon gar nicht die Probleme von Strategie und Taktik der Weltrevolution lösen. Wir fordern alle Interessierten jetzt auf, der IMT beizutreten und als Teil der marxistischen Internationale den Marxismus zu lernen und diesen zu einer Massenkraft zu machen. Das ist der Weg zur sozialistischen Weltrevolution.</span></p>
<p><span style="color: #000000;"></span></p>								</div>
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		<p>The post <a href="https://derkommunist.de/warum-die-marxistische-theorie-lernen/">Warum die marxistische Theorie lernen?</a> appeared first on <a href="https://derkommunist.de"></a>.</p>
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		<title>Wieso du heute noch Kommunist werden solltest</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Dersu Heri]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 09 Sep 2022 11:04:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Jugend]]></category>
		<category><![CDATA[Grundlagen des Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[RKI]]></category>
		<category><![CDATA[RKP]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>„Die Jugend verachtet offiziell den Kapitalismus!“ titelt das Vice-Magazin. Wir von der International Marxist Tendency wenden uns direkt an dich: Wenn du den Kapitalismus verachtest, solltest du heute noch der kommunistischen [&#8230;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><div id="t3-mainbody" class="container t3-mainbody"><div class="row"><div id="t3-content" class="t3-content col-xs-12 col-sm-7  col-md-8"><article class="item-page"><div class="articleview"><table border="0"><tbody><tr><td colspan="4"><p>„Die Jugend verachtet offiziell den Kapitalismus!“ titelt das  Vice-Magazin. Wir von der International Marxist Tendency wenden uns  direkt an dich: Wenn du den Kapitalismus verachtest, solltest <a href="https://www.derfunke.de/werde-aktiv">du heute noch der kommunistischen Organisation der Funke beitreten.</a></p></td></tr></tbody></table></div></article></div></div></div></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="564" src="https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/04/Hammer-and-Sickle-on-Red-only-scaled-e1661773941211-1180x650-1-1024x564.jpg" alt="" class="wp-image-1695" srcset="https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/04/Hammer-and-Sickle-on-Red-only-scaled-e1661773941211-1180x650-1-1024x564.jpg 1024w, https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/04/Hammer-and-Sickle-on-Red-only-scaled-e1661773941211-1180x650-1-300x165.jpg 300w, https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/04/Hammer-and-Sickle-on-Red-only-scaled-e1661773941211-1180x650-1-768x423.jpg 768w, https://derkommunist.de/wp-content/uploads/2024/04/Hammer-and-Sickle-on-Red-only-scaled-e1661773941211-1180x650-1.jpg 1180w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Eine große Mehrheit der Jugend hasst den Kapitalismus. Die Erklärung dafür ist sehr einfach: Seitdem wir die Welt bewusst wahrnehmen, kennen wir nur den Kapitalismus im Niedergang. Unser ganzes Leben ist geprägt von Krisen, Kriegen und Klima-Katastrophen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Studie aus Deutschland belegt, dass nur 8 % (!) der Jugendlichen glauben, dass es ihren Kindern besser gehen wird als ihnen selbst. In Großbritannien sagen sieben oder gar acht von zehn jungen Menschen, dass der Kapitalismus Schuld sei an der Klimakrise oder der Wohnungsnot. Die radikalsten Jugendlichen heute wollen nicht mehr nur dieses oder jenes spezifische Problem angehen. Das System als Ganzes muss weg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch der Kapitalismus wird nicht einfach von selbst kollabieren. Er muss bewusst gestürzt und bewusst mit einer neuen, menschlichen Gesellschaft ersetzt werden. Dafür braucht es klare Analysen, klare Ideen und eine revolutionäre Organisation.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Jene, die den Kapitalismus verachten, müssen drei Punkte verinnerlichen: Erstens die Notwendigkeit der kommunistischen Revolution durch die Arbeiterklasse. Zweitens, dafür braucht es eine revolutionäre Organisation, die wir heute aufbauen müssen. Und drittens müssen wir uns mit der marxistischen Theorie bewaffnen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Für die Revolution! Für den Kommunismus!</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kapitalismus hat sich historisch erschöpft. Einerseits sehen wir Produktion im Überfluss, andererseits breitet sich die Misere auf allen Ebenen aus. Aktuell leiden 850 Millionen Menschen an Hunger, doch die weltweite Getreideproduktion würde ausreichen, um alle Menschen auf der Welt zweimal zu ernähren. Jeder zehnte Mensch auf der Welt ist von Armut betroffen. Gleichzeitig wurden allein im Jahr 2021 drei Billionen Dollar in Kryptowährungen und NFTs investiert, was nur riesige Spekulationsprofite für Einzelne aber keinen gesellschaftlichen Wert schafft. Die technischen Voraussetzungen für eine nachhaltige Gesellschaft wären vorhanden, doch die Zerstörung des Planeten durch die Kapitalisten und ihre Regierungen geht ungehindert weiter.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kapitalismus hat vor langer Zeit aufgehört, ein fortschrittliches und innovatives System zu sein. Anstatt die Lebensbedingungen zu verbessern, bietet er den großen Massen nur unsichere Zukunftsaussichten. Ein solches System kann nicht „reformiert“, sondern muss revolutionär gestürzt werden. Die Arbeiterklasse – die überwältigende Mehrheit der Weltbevölkerung – muss die Macht ergreifen. Der bürgerliche Staat muss zerschlagen und durch einen Arbeiterstaat ersetzt werden, in dem die arbeitende Bevölkerung in demokratischen Gremien (wie Räten) in den Betrieben und Quartieren selbst regiert. Die Produktionsmittel müssen den Händen der Kapitalisten entrissen und unter Kontrolle und Leitung der wirklichen Produzenten gestellt werden. Die anarchische, profitgetriebene kapitalistische Produktionsweise muss durch eine sozialistische Planwirtschaft ersetzt werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auf der Grundlage eines rationalen Plans könnten wir alle Menschen mit den lebensnotwendigen Dingen versorgen. Durch Automatisierung und technologische Innovationen könnten wir unsere Arbeitslast verringern, unsere Freizeit verlängern und sinnvoll einsetzen. Wissenschaft und Kultur würden sich zu unvorstellbaren Höhen entwickeln.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese sozialistische Revolution ist die erste Stufe auf dem Weg zum Kommunismus. Das heißt eine klassenlose Gesellschaft, wo erstmals gilt:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>„Alle nach ihren Fähigkeiten, alle nach ihren Bedürfnissen!“ – Karl Marx</em></p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Rolle der Arbeiterklasse</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kommunismus ist kein utopisches Wunschbild, sondern die reale Entwicklungstendenz der Menschheitsgeschichte. Der Kommunismus ist total realistisch, weil die materiellen Bedingungen für ein gutes Leben für alle heute vorhanden sind. Und der Kommunismus ist total realistisch, weil die Arbeiterklasse existiert: Jene soziale Kraft, welche den Kapitalismus tatsächlich stürzen und den Kommunismus tatsächlich aufbauen kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viele politische Strömungen erkennen korrekt im Kapitalismus das Grundübel der Welt. Doch was die Marxisten grundlegend von allen anderen Linken unterscheidet, ist unser unerschütterliches Vertrauen in die Arbeiterklasse. Nur die Arbeiterklasse kann den Kapitalisten die Macht entreißen, denn nur die Arbeiter haben jeden Tag die gesellschaftlichen Produktionsmittel (Maschinen, Computer, etc.) in ihren Händen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch das größte Vertrauen in die Arbeiterklasse ziehen wir aus ihrer eigenen Geschichte. In den letzten 200 Jahren haben die Arbeiter immer und immer wieder bewiesen, dass irgendwann der Punkt kommt, an dem die Arbeiter erkennen, dass „sie nichts zu verlieren haben, außer ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen“ (Marx und Engels, Manifest). Ab diesem Punkt kann sie nichts mehr aufhalten, kein Polizeiapparat, kein Spaltungsmechanismus, keine Angst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wer ernsthaft für die Revolution einsteht, muss sich auf die Arbeiterklasse stützen! Selbstverständlich sind die großen Massen nicht jederzeit zum revolutionären Aufstand bereit. Im Gegenteil, Menschen sind eher konservative Wesen, die gerne am bereits Bekannten festhalten. Doch wer seriös die Geschichte der Menschheit und der Arbeiterklasse studiert, kann daraus unmöglich in Pessimismus bezüglich der sozialistischen Weltrevolution verfallen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Gesellschaft, genau wie die Natur, kennt lange Perioden von nur sehr langsamem, kaum merklichem Wandel. Doch ab einem gewissen Punkt, wenn sich die Spannungen aufgeladen haben, werden die langsamen Phasen abgelöst von explosiven, revolutionären Entwicklungen. Tatsächlich sind Revolutionen die wahre Lokomotive der Geschichte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Grundursache aller Revolutionen der Geschichte ist die Tatsache, dass sich ein spezifisches System historisch erschöpft hat. Dass es nicht mehr fähig ist, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern. Und zwar bis zu jenem gewissen Punkt, an dem die Angst der Massen, so weiterleben zu müssen wie bisher, grösser ist als die Angst, gegen das scheinbar übermächtige System und für eine neue Welt zu kämpfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Arbeiterklasse steuert heute auf diesen Punkt zu. Die revolutionäre Massenbewegung in Sri Lanka, die historische Streikwelle in Großbritannien und auch die massive Radikalisierung der Jugend weltweit sind deutliche Anzeichen dafür.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Bolschewismus</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Revolutionen finden statt, völlig unabhängig von den Kommunisten. Die Krise des Kapitalismus zwingt die Massen in den Kampf. Im 20. Jahrhundert gab es in jedem Jahrzehnt mindestens eine revolutionäre Bewegung. Gerade aktuell findet in Sri Lanka eine Revolution statt, die am Anfang einer regelrechten Revolutionswelle der nächsten Jahre und Jahrzehnte steht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch eine erfolgreiche sozialistische Revolution kann es nur geben, wenn die revolutionäre Kampfkraft der Arbeiterklasse in Richtung des Sturzes des Kapitalismus und des Aufbaus des Kommunismus geführt wird. Es braucht den Sturz der Bourgeoisie, den Aufbau eines Arbeiterstaats sowie die sozialistische Planwirtschaft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Beispiel&nbsp;<a href="https://www.derfunke.de/rubriken/international/asien/3065-sri-lanka-zukunftsaussichten">Sri Lanka</a>&nbsp;beweist überdeutlich, dass das Fehlen einer revolutionären Führung immer dazu führt, dass sich der Kapitalismus von jeder Krise und jeder Revolution wieder aufrichten kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das einzige Mal in der Geschichte, als es der Arbeiterklasse gelang, die Macht zu ergreifen und zu behaupten, war die Russische Revolution von 1917. Der entscheidende Faktor war die Präsenz der marxistischen Bolschewiki. Die bolschewistische Partei hat die revolutionäre Bewegung weder ausgerufen noch ausgelöst. Doch die revolutionäre, kommunistische Organisation von Lenin und Trotzki hat den kämpfenden russischen Massen den Weg vorwärts gezeigt. Der einzige realistische Weg aus der Krise des Kapitalismus war und ist in Richtung Kommunismus. Die Aufgabe der revolutionären Führung ist es, den unbewussten Willen der Arbeiterklasse bewusst zu machen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Anfang des Jahres 1917 zählten die Bolschewiki knapp 8000 Mitglieder, im Juli waren es bereits 177000 und im Oktober, bei der revolutionären Machtübernahme durch die Arbeiterklasse, war die bolschewistische Partei auf überwältigende 650000 Mitglieder angewachsen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Grund dafür war, dass die Bolschewiki sich über Jahre und Jahrzehnte unablässig im Marxismus ausgebildet hatten. So waren sie während des Jahres 1917 fähig, in einer extrem turbulenten Phase jederzeit hochflexibel die nächsten Schritte der Arbeiterklasse in ihrem Kampf gegen den Kapitalismus anzuleiten. Wie Victor Hugo sagte: „Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Heute steuern wir direkt auf eine längere Periode von Kriegen, Revolutionen und Konterrevolutionen zu. Es wird immer deutlicher, dass die Ideen des Marxismus den einzigen Weg vorwärts darstellen. Wer es ernst meint mit der Revolution, muss sich auf die reichen Erfahrungen der Bolschewiki stützen. Denn ihre Methoden sind die einzigen, die sich als effizient und erfolgreich erwiesen haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dies ist genau, was wir in der International Marxist Tendency tun: Wir bilden uns zu Bolschewiki, sozusagen zu Spezialisten der Revolution, aus. Mach bei uns mit!</p>



<h3 class="wp-block-heading">Marxistische Theorie</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Im Aufbau einer bolschewistischen Partei gibt es keine Abkürzungen. Wir können uns nicht darauf beschränken, auf die Straße zu gehen und laut „Anti-Kapitalismus“ zu schreien. Wir brauchen ein tiefes wissenschaftliches Verständnis des „molekularen Prozesses der Revolution“ (Trotzki), der Menschheitsgeschichte, der Arbeiterklasse und des Kommunismus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir können nicht in Hyperaktivismus verfallen und versuchen, jedes kapitalistische Problem (oder ein besonders schlimmes) eigenhändig zu lösen. Wir müssen uns geduldig zu Bolschewiki ausbilden. Denn dies ist die größte Hilfe, die wir der Arbeiterklasse in ihrem Kampf gegen den Kapitalismus liefern können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Marxismus macht den Kommunismus zu einer Wissenschaft. Es ist jene Theorie, die uns erlaubt zu verstehen, wie die Menschheit dahin gekommen ist, wo sie heute steht. Und vor allem, wie die Menschheit aus der Sackgasse des Kapitalismus kommen kann. Deshalb ist der Marxismus nicht einfach eine interessante Idee neben vielen anderen. Der Marxismus ist genau die Theorie, die wir brauchen, um den Kapitalismus zu stürzen und den Kommunismus aufzubauen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Heute, in der tiefsten Krise des Kapitalismus, ist der Marxismus die aktuellste Theorie überhaupt. Wir haben hier leider nur den Platz für ein Beispiel aus dem Manifest der kommunistischen Partei von Karl Marx:</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Wodurch überwindet die Bourgeoisie die Krisen? (…) Dadurch, dass sie allseitigere und gewaltigere Krisen vorbereitet und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert.“ Dies ist heute wahrer denn je. Die historische Krise von 2020 folgte sehr kurz auf die historische Krise von 2008. Und die aktuelle Krise – geprägt vom Ukraine-Krieg, der Inflation und dem Energiemangel – folgt noch viel schneller. Krisen sind heute nicht mehr „Jahrhundertereignisse“, sondern werden immer häufiger und schlimmer. Der Kapitalismus befindet sich in seinem zähen und langwierigen Todeskampf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dies ist nur ein Beispiel. Alle, die den Kapitalismus heute bekämpfen wollen, sollten das Kommunistische Manifest und allgemein den Marxismus studieren. Am besten geht das, indem man mit den Kommunisten vom Funke diskutiert. Es ist schlicht umwerfend, wie viele Punkte und Tendenzen heute noch viel wahrer sind, als sie 1848 bereits waren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dies liegt daran, dass der Marxismus einen tiefen Einblick in die inneren Tendenzen des Kapitalismus und der Menschheitsgeschichte allgemein ermöglicht. Der Marxismus ist kein Dogma, kein Rezept, das man auswendig lernt und repetiert. Sondern es ist eine dynamische Methode, welche ständig neu auf eine sich verändernde Welt angewendet werden muss.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dies bedeutet auch, dass der Marxismus nie nur von einem gemütlichen Sessel von der Universität aus als reine akademische Theorie erlernt werden kann. Es ist eine Anleitung zur Aktion. Marxismus heißt, die Welt zu verstehen, damit wir sie verändern können.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wir brauchen dich, du brauchst uns!</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist nicht möglich, den Marxismus und den Bolschewismus alleine Zuhause oder im Internet zu lernen. Dies geht nur als Teil einer kommunistischen Organisation, in der wir zusammen den Marxismus auf die reale Welt anwenden. Was für die Arbeiterklasse gilt, gilt auch für die Kommunisten: Allein sind wir nur ein Rädchen, aber gemeinsam sind wir eine Maschine – eine Kampfmaschine für eine lebenswerte Welt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Du brauchst uns Marxisten, um wirklich für den Sturz des Systems kämpfen zu können. Aber wir brauchen auch dich. Die kommenden Jahre werden den Kommunisten viele Möglichkeiten bieten. Doch um diese wahrzunehmen, müssen wir unbedingt mehr revolutionäre Aktivisten sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Für jene, die den Kapitalismus „offiziell verabscheuen“, ist heute die wichtigste Aufgabe der Aufbau einer bolschewistischen Organisation in Deutschland und weltweit. Dies bedeutet unermüdliche theoretische Bildung und ständiges Verbinden mit der Arbeiterklasse und der Jugend.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Niemand wird uns diese absolut entscheidende Aufgabe abnehmen. Wenn DU den Kapitalismus stürzen willst, dann musst&nbsp;<a href="https://www.derfunke.de/werde-aktiv">DU heute noch der International Marxist Tendency beitreten.</a>&nbsp;Nur so können wir die Ideen des Marxismus an breitere Schichten bringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir müssen völlig ehrlich sein: Niemand wird als Marxist geboren und niemand wird an einem Tag zum Bolschewisten ausgebildet. „Kommunist sein“ ist kein Hobby, es ist keine Lifestyle-Entscheidung. Es ist die Verpflichtung, für die Befreiung des bisher unterdrückten, riesigen menschlichen Potenzials zu kämpfen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Um bei uns Mitglied zu sein ist es völlig egal, welche Hautfarbe du hast, welche Sprache du sprichst oder mit welchem Geschlecht du dich identifizierst. Wir Marxisten wehren uns mit aller Kraft gegen jegliche identitätspolitischen Spaltungen. Die einzige Frage, die wir stellen, ist: Bist du bereit, dich ernsthaft mit den Ideen des Marxismus auseinanderzusetzen – der mächtigsten Waffe der Arbeiterklasse in ihrem Kampf gegen den Kapitalismus?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Unser ganzes Leben wird von Krisen, Kriegen und Katastrophen geprägt sein. Die Menschheit steht heute vor der Entscheidung Kommunismus oder Barbarei. Es ist nicht vorbestimmt, welches es sein wird. Es hängt davon ab, ob die Bolschewiki fähig sein werden, der Arbeiterklasse zum Sieg zu verhelfen.</p>
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		<title>Warum wir eine revolutionäre Philosophie brauchen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Yola Kipcak]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Nov 2021 13:34:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Dialektischer Materialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Grundlagen des Marxismus]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wenn man von Philosophie spricht, assoziieren die meisten Menschen damit ein realitätsfernes Spekulieren. „Philosophieren“ ist quasi synonym mit dem fruchtlosen Zeitvertreib, sich irrelevante Gedanken über „Gott und die Welt“ zu [&#8230;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph">Wenn man von Philosophie spricht, assoziieren die meisten Menschen damit ein realitätsfernes Spekulieren. „Philosophieren“ ist quasi synonym mit dem fruchtlosen Zeitvertreib, sich irrelevante Gedanken über „Gott und die Welt“ zu machen. Und für jene Ideen, die heute in der Philosophie dominieren, ist das auch durchaus zutreffend.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gerade weil die Welt widersprüchlich ist, kommt man mit oberflächlichen Erklärungen und Eindrücken nicht sehr weit. Wir sehen in den letzten Jahren, wie das „Altbekannte“ und Vertraute vor unseren Augen zerbröckelt. Die traditionellen Parteien, die Kirche, die bürgerliche Demokratie, der Sozialstaat – all das wird nach jahrelangen Krisenerfahrungen, Sparmaßnahmen und immer wieder gebrochenen Versprechen hinterfragt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Laut einer <a href="https://www.ogm.at/2021/07/30/ogm-vertrauensindex-institutionen-juli-2021/">OGM-Umfrage</a> vom Juli 2021 „genießen“ wesentliche Säulen der bürgerlichen Gesellschaft in Österreich vor allem Misstrauen: Versicherungen -23% Vertrauen, Medien -20%, katholische Kirche -19%, Regierung -17%, Banken -13%, Industriellenvereinigung -9% usw. Allein scheinbar neutrale oder für „Sicherheit“ bekannte Institutionen können einen deutlich positiven Wert erreichen, also genießen von einer größeren Mehrheit der Bevölkerung das Vertrauen (Polizei +53%, Verfassungsgerichtshof +45%, Arbeiterkammer +44%&#8230;).</p>



<p class="wp-block-paragraph">„Die harten Erfahrungen, die Menschen Anfang 20 in den letzten zwei Jahren gemacht haben, führen laut Politikwissenschaftern wahrscheinlich zu einer – potenziell dramatischen – Radikalisierung ihrer Weltsicht,“ sorgt sich die „<a href="https://www.ft.com/content/0960efc6-4220-4172-8961-c94bb6efcbf8">Financial Times</a>“ und verweist auf eine Studie der Cambridge Universität, nach der der Glaube an das demokratische System bei 18-34-Jährigen schon vor der Pandemie den tiefsten Abfall der Geschichte verzeichnete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleichzeitig sahen wir eine Reihe von inspirierenden Massenbewegungen rund um den Globus, über die <a href="https://derfunke.at/theorie/umwelt/11492-thesen-der-imt-zur-klimakrise">Klimabewegung</a>, <a href="https://derfunke.at/aktuelles/international/nordamerika/11420-aufstaendische-wut-fegt-ueber-die-usa">Black Lives Matter</a>, Aufstände in <a href="https://derfunke.at/aktuelles/international/lateinamerika/11246-el-pueblo-unido-2-0-die-chilenische-revolution-hat-begonnen">Chile</a> (2019), dem <a href="https://derfunke.at/aktuelles/international/afrika/11118-sudan-massenbewegung-stuerzt-diktator">Sudan</a> (2019), einen Kampf gegen Militärdiktaturen (<a href="https://derfunke.at/theorie/wissenschaft/philosophie?id=1837">Arabische Revolution</a> 2011-13, <a href="https://derfunke.at/aktuelles/international/asien/11666-myanmar-fuer-den-sturz-der-militaerdiktatur">Myanmar 2021</a>) und neue linke Massenphänomene wie der Linksruck in der britischen <a href="https://derfunke.at/aktuelles/international/europa/10301-jeremy-corbyn-politisches-erdbeben-erschuettert-britisches-establishment">Labour Party unter Jeremy Corbyn</a>. Doch diese Bewegungen ebbten ab, schlugen in Konterrevolution und Rechtsruck um. Die Polarisierung nach rechts mit Politikern wie Trump oder einem zunehmenden Rassismus sind ebenso Teil der Gegenwart.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Lässt man sich von temporären Erscheinungen und Eindrücken hinreißen und verabsolutiert diese, ohne die dahinterliegenden Prozesse zu erkennen, führt das zu einem politischen Zick-Zack-Kurs und Verwirrung: Ohne einem klaren Kompass, mit dem man durch die widersprüchliche Gegenwart steuern kann, wechseln sich Euphorie und Demoralisierung in einem manisch-depressiven Politikzyklus ab. Genau deshalb benötigen wir als Revolutionäre ein stabiles, philosophisches Fundament.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die marxistische Philosophie, der dialektische Materialismus, analysiert die objektive Realität und begreift sie in ihrer Bewegung. Wir schauen unter die Oberflächensymptome und betrachten die darunterliegenden Entwicklungstendenzen – und in welche Richtung sie zeigen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Materialismus</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Der Marxismus ist materialistisch, d.h. wir erkennen an, dass die materielle, objektive Realität die Basis ist, auf der unsere gesellschaftlichen Lebensformen, Ideen und Moralvorstellungen entstehen: Das Sein bestimmt das Bewusstsein.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Kampf um unser Überleben, die Art wie wir produzieren, um Leben zu können, bestimmt, welche Ideen wir entwickeln und wissenschaftlichen Erkenntnisse wir gewinnen können. Beispielsweise wäre es auch dem größten Genie in der Urzeit unmöglich gewesen, ein Virus wie SARS-CoV2 zu untersuchen, geschweige denn eine Impfung dagegen zu entwickeln. Auf dieser Basis kann der Marxismus daher auch feststellen, dass der Klassenkampf – der Kampf zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten darüber, unter welchen Bedingungen wir produzieren – der Motor der Geschichte ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Damit stellt sich der Marxismus in die philosophische Tradition des Materialismus – und gegen den Idealismus, der davon ausgeht, dass die menschlichen Ideen die Entwicklung der Gesellschaft und Geschichte bestimmen. Diese Vorstellung, dass letztendlich der „Geist“ das Primäre ist, läuft schlussendlich immer auf die Vorstellung eines Gottes hinaus. Auch wenn heutige Idealisten sich oft als atheistisch verstehen, lässt ihre Philosophie keinen anderen Schluss zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dennoch ist es nicht so, wie es dem Marxismus oft fälschlicherweise untergeschoben wird, dass die Wirtschaft das einzig bestimmende Element der Entwicklung ist. Im Gegenteil: Ideen sind hochrelevant dafür, wie Menschen die Welt um sich begreifen und verändern können. Doch, das ist der Punkt, sie sind „Produkte ihrer Zeit“ und können sich nicht über die materiellen Bedingungen hinwegsetzen. Ideen spielen eine wichtige Rolle, aber revolutionäre, vorwärtstreibende Ideen können nur dann „realisiert“ werden, wenn sie der Richtung der historischen Entwicklung entsprechen, oder, wie das geflügelte Zitat von Victor Hugo lautet, wenn „ihre Zeit gekommen ist“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ideen spiegeln letztlich gesellschaftliche Kräfte wider. Allgemein gesehen sind die herrschenden Ideen einer Zeit die Ideen der herrschenden Klasse – sie sind das ideologische, moralische Unterfutter ihrer Herrschaft. So waren der Katholizismus und die Kirche eine wichtige Rechtfertigung für die Herrschaft von Königen und Fürsten im Feudalismus. Doch im Schoß dieser alten Gesellschaftsordnung entwickelten sich die Widersprüche und die Anfänge einer neuen Produktionsweise entstanden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Aufstieg des Bürgertums führte zu einer enormen Entwicklung des menschlichen Denkens und des Materialismus, der im 17. Jahrhundert in Großbritannien durch Francis Bacon neu geboren wurde und dem französischen Materialismus des 18. Jahrhundert den Weg bereitete.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Materialismus und Rationalismus der Aufklärung waren die Ideengeber für die Französische Revolution, die ihr ein theoretisches Fundament, Forderungen und Ziele gaben. Sie riefen die „Vernunft“ aus gegen den Aberglauben und die Irrationalität der Kirche und des Klerus. Diese großen Denker gehören zu unserem revolutionären, philosophischen Erbe. Und wie auch die bürgerliche Revolution ihre ideologischen und theoretischen Vorreiter und Wegbereiter gebraucht hat, braucht auch die sozialistische Revolution ihr festes, philosophisches Fundament.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der englische und französische Materialismus des Bürgertums wollte streng naturwissenschaftlich nur Fakten und Daten gelten lassen und unterzog sämtliche natürliche und gesellschaftliche Phänomene einer rigiden Untersuchung. Es sollte eine widerspruchsfreie, klare Darstellung der Welt gefunden werden. Doch dieser Anspruch führte auch zu einer starren, mechanischen Überbetonung. Die reale Welt funktioniert nicht wie ein mechanischer Apparat mit ewig bestehenden, distinktiven Einzelteilen, die wie ein Uhrwerk in einem ewigen Kreislauf zusammenwirken. Wer hat dieses Uhrwerk schließlich in Bewegung gesetzt? Wie kann aus Ruhe Bewegung entstehen? Diese Fragen kann der mechanische, metaphysische Materialismus nicht erklären und verknöchert somit – zum Idealismus!</p>



<h3 class="wp-block-heading">Dialektik und die Widersprüche des Kapitalismus</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Die Realität ist ständiger Veränderung und Entwicklung unterzogen und permanent in Bewegung. Und jede Bewegung ist im Grunde ein Widerspruch in sich.<br>Genau um die Widersprüchlichkeit der Welt und die Prozesse, die in ihr vorgehen, zu erfassen, braucht man daher die Dialektik, die nichts anderes ist als die „Logik der Bewegung, Entwicklung, Evolution“ (Trotzki, Über dialektischen Materialismus). Deren Gesetze beschrieb Engels als „die allgemeinsten Gesetze (…) der geschichtlichen Entwicklung sowie des Denkens selbst.“ (Dialektik der Natur)</p>



<p class="wp-block-paragraph">Man kann nun berechtigterweise fragen: Was hat das mit meinem realen Leben und mit dem Verständnis des Kapitalismus zu tun?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die kapitalistische Klassengesellschaft ist ein widersprüchliches System. Einerseits produzieren wir tagtäglich gesellschaftlich an gemeinsamen Arbeitsplätzen, stellen unsere Produkte kollektiv über die ganze Welt verteilt her und sind in jedem einzelnen Lebensakt voneinander abhängig: Das Haus in dem ich wohne, das Essen, das ich verzehre, das Wissen das ich mir aneigne, all das sind Ergebnisse von gemeinschaftlicher, menschlicher Arbeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch die Früchte dieser Arbeit, die Waren, die Produkte und die Profite eignet sich eine kleine Minderheit an Kapitalisten an, die die Arbeiterklasse ausbeutet. Die Konkurrenz zwischen einzelnen Kapitalisten, ihren Nationalstaaten und verschiedenen Sektoren in der Anarchie des „freien Marktes“ erzeugen permanent Ungleichheit und Krisen. Die Ursachen unserer Probleme sind gesellschaftlich – doch sie werden ständig individualisiert: weil „du“ keinen Job findest, weil „du“ im falschen Land geboren bist, weil „du“ nicht genug leistest; das ist die allgegenwärtige Entfremdung im Kapitalismus und erzeugt das Gefühl von Machtlosigkeit gegenüber dem System.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In wirtschaftlichen Aufschwungsphasen werden die Widersprüche des Kapitalismus abgemildert. Ein Sozialstaat, Zugang zu Bildung und stabile Zukunftsperspektiven zeichneten im Westen das Leben der Nachkriegsgeneration aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch der Kapitalismus folgt heute einer Abwärtstendenz; er befindet sich im Niedergang. Die Unterordnung der Gesellschaft unter das Profitinteresse der Herrschenden erzeugt Kriege, Hunger und Umweltzerstörung. Die Vereinten Nationen <a href="https://www.welthungerhilfe.de/aktuelles/publikation/detail/faktenblatt-hunger/">schätzen</a>, dass 2020 weltweit zwischen 720 und 811 Millionen – das ist jeder 10. Mensch – hungerten. Die Kluft zwischen Arm und Reich <a href="https://www.oxfam.de/system/files/2020_oxfam_ungleichheit_studie_deutsch_schatten-der-profite.pdf">erreicht historisch beispiellose Ausmaße</a>; 1 Prozent der Menschheit gehören 45% des globalen Vermögens. <a href="https://science.orf.at/stories/3208437/">Naturkatastrophen nehmen indes rasant zu</a>. Zwischen 2000-9 waren es fünfmal so viele, wie in den 1970er Jahren. Das <a href="https://hiik.de/wp-content/uploads/2021/05/ConflictBarometer_2020_2.pdf">Konfliktbarometer</a> des Heidelberg Institute for International Conflict Research zählte 2020-21 „full-scale“ Kriege (+6 in einem Jahr). Das sind heute die prägnantesten Ausdrücke eines Systems, dass den Zenit überschritten hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine zentrale Aussage der Dialektik ist, dass früher oder später alles in sein Gegenteil umschlägt. Dies lässt sich eindrücklich an den einst fortschrittlichen Ideen der Bürgerlichen darstellen. Denn die „Vernunft“ und die „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“, die Schlachtrufe der aufstrebenden Bourgeoisie, sind heute nichts als hohle Phrasen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt steigenden Unmut und Zorn. Es gibt ein wachsendes Bewusstsein darüber, dass das System gänzlich verrottet ist und die Welt vollständig umgekrempelt werden muss. Viele Menschen verspüren ein brennendes Bedürfnis, die gegenwärtigen Zustände zu zerschlagen und die permanente Zerstörung des Planeten und unseres Lebens nicht länger hinzunehmen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Strategen der herrschenden Klasse beobachten das mit zunehmendem Unwohlsein. Auf der einen Seite verdammen bürgerliche Kommentatoren die Polarisierung in der Gesellschaft und Politiker, die diese schüren (Trump, Bolsonaro, Johnson, etc.). Doch ihr Ruf nach einer (klassenübergreifenden) „Vernunft“ verhallt ungehört. Denn die Herrschenden, die sich sehnlichst nach der „Mitte“ und der „Vernunft“ sehnen, sind gleichzeitig zunehmend darauf angewiesen, das wachsende Gefühl der Solidarität, des Klassenkampfs und des Widerstands zu unterbinden, indem sie Spaltung bewusst schüren und die Polarisierung befeuern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Österreich spiegelt sich das in der Marginalisierung der „sozialpartnerschaftlichen“ Schwarzen in der ÖVP und dem Aufstieg des Slim-Fit-Raiffeisen-Posterboys Sebastian Kurz und seiner Clique wider. Permanente Sündenbock-Mentalität, Schimpfen über Ausländer, Migranten, Flüchtlinge und Sozialschmarotzer werden in der Regierungs-PR abgespult und der Kanzler erklärt, die Pandemie sei ab sofort „individuelle“ Verantwortung. Dass rassistische Vorurteile auch in der Arbeiterklasse Anklang finden, ist Ausdruck der momentanen Individualisierung und kein Urteil über eine angeblich unverbesserliche „menschliche Natur“. Diese Spaltungsmechanismen werden zurückgedrängt, sobald sich die Arbeiterklasse kollektiv in Bewegung setzt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Während der Kapitalismus also einerseits das Gewebe der Gesellschaft zerreißt und das Altbekannte und Vertraute ständig untergräbt, schafft er andererseits die Basis für den kollektiven Kampf der Arbeiterklasse gerade gegen das kapitalistische System. Die Krise des Kapitalismus lässt sich nicht mit PR-Gags wegmanipulieren.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kleinbürgerlicher Utopismus und subjektiver Idealismus</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Empiriker, die nur Momentaufnahmen und oberflächliche Symptome sehen, erkennen diesen tief revolutionären Prozess nicht. Sie verabsolutieren einzelne Aspekte der Gegenwart, können ihre Ursachen und ihren Prozess nicht erklären, geschweige denn einen Ausweg aufzeigen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Pessimismus durchdringt das Kleinbürgertum, das angesichts der Aussichtslosigkeit seiner eigenen Existenz, zerrieben zwischen den großen Klassen der Gesellschaft, unwillkürlich zu trübseligen Schlussfolgerungen kommt. Doch dieser triefende Pessimismus hat nun auch immer mehr in der herrschenden Klasse selbst die frühere Ideologie der „Weitsicht“ und „Vernunft“ verdrängt: Die Bourgeoisie hat heute zu Recht nur düstere Perspektiven für ihr eigenes System vor Augen und stützt sich immer mehr auf eine Ideologie, die diese düsteren Perspektiven so weit wie möglich verallgemeinert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber auch innerhalb der Linken finden kleinbürgerliche Vorstellungen eine große Anhängerschaft. Diejenigen, die „linke“ Antworten suchen, jedoch die marxistische Philosophie und die daraus fließende Klassenanalyse der Gesellschaft ablehnen, suchen ihre Antworten in eben dieser kleinbürgerlichen Philosophie des subjektiven Idealismus. Denis Diderot, ein französischer Materialist des 18. Jahrhunderts, beschrieb diesen subjektiv-idealistischen Zugang so:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Idealisten werden diejenigen Philosophen genannt, die nur ihre eigene Existenz und die Existenz der Empfindungen, die sich in ihnen selbst abspielen, und nichts anderes anerkennen. Ein extravagantes System, das seine Entstehung, wie mir scheint, nur Blinden zu verdanken haben kann!“ (Brief für die Blinden zum Gebrauch für die Sehenden, zitiert in: Materialismus und Empiriokritizismus von Lenin)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Den Schrecken des Kapitalismus sehen subjektive Idealisten nicht in seinen Klassenwidersprüchen, sondern in der „rechten Ideologie“ seiner Vertreter begründet. Sie wollen daher Ideen mit Ideen begegnen. Sie wollen neue Geschichten erzählen („Narrative konstruieren“), rufen nach „echter“ Demokratie, Menschenrechten und Gleichberechtigung, an die sich die Herrschenden bitte halten mögen. Ein leuchtendes Beispiel ist der kürzliche Auftritt Alexandria Ocasio-Cortez‘ (AOC), Gallionsfigur der „Linken“ innerhalb den US-Demokraten, die ein Ballkleid mit der Aufschrift „Tax the Rich“ zur Met-Gala mit 35.000$ Eintrittstickets trug.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Linken können sich eine Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung nicht vorstellen und sind von einem tiefen Pessimismus befallen. „Ich bin ganz und gar nicht der Meinung (…) dass es jetzt an der Zeit sei, zur traditionellen linken Politik, also zur Klassenpolitik zurückzukehren“, <a href="https://mosaik-blog.at/linkspopulismus-mouffe-kulturpolitik/">erklärt</a> etwa die prominente Verfechterin eines sogenannten Linkspopulismus, die belgische Akademikerin Chantal Mouffe. Und weiter: „Ich war nie davon überzeugt, dass die Pandemie ein Fenster für progressive Politik öffnen würde. Und heute bin ich eher pessimistisch.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der sich radikal gebende philosophische subjektive Idealismus, der nicht weiter als bis zur eigenen Nasenspitze sieht, ist letztlich nur der Zwilling der klassisch-bürgerlichen Ideen – in der Praxis landen beide stets auf der gleichen Seite der Barrikade. Linksliberale Forderungen, losgelöst vom Klassenkampf, sind weit davon entfernt die Profitgier der Reichen zu stoppen. Sie werden als symbolpolitisches Zugeständnis von den Kapitalisten aufgesogen und in ihrem Interesse verwirklicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So die Forderung der CO2-Steuer der Klimabewegung, die nun als protektionistische Zollpolitik gegen feindliche Wirtschaftsblöcke (v.a. China) implementiert wird und die Kosten für völlig unzureichende, kosmetische Umweltmaßnahmen den Massen aufhalsen soll.</p>



<p class="wp-block-paragraph">So der Ruf nach „Demokratie“ und „Schutz von Frauen und Kindern“ in Afghanistan, wo die Taliban als das „kleinere Übel“ akzeptiert werden, um zumindest „NGO-Hilfsgelder wieder ins Land fließen“ zu lassen. So der Appell nach Repräsentanz von Frauen oder Minderheiten in Regierungen und Aufsichtsratsposten – der zwar die Wiener Polizei auf Twitter mit Sternchen gendern lässt, die systematische Unterdrückung der Frau aber weiterhin völlig unangetastet lässt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gerade daran sieht man deutlich, wie eine idealistische philosophische Basis in der Praxis zum Spielball nicht nur der Herrschenden wird, sondern auch Reformisten, die jedes Vertrauen in die Arbeiterklasse verloren haben und sich in Hoffnung an die Klassenzusammenarbeit mit den Herrschenden klammern, in die Hände spielt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es ist eine Philosophie der Rechtfertigung des Bestehenden. Und das gerade in einer Zeit, in der der Kapitalismus gebrechlicher und instabiler nicht sein könnte!</p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Praxis waren es genau diese Ideen und ihre Verfechtern, die die zahlreichen Massenbewegungen der letzten Jahre in eine Sackgasse geführt haben. Sie stellten in entscheidenden Momenten die Machtfrage nicht und forderten die Kapitalisten nicht heraus. In Chile wurde aus der Forderung der Sturz des Milliardärs-Präsidenten („Piñera raus!“) ein Dialog um eine verfassungsgebende Versammlung; die Black Lives Matter Bewegung, bei der Polizeistationen unter Applaus der Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung angezündet wurden und die die Abschaffung der Polizei forderte, ging in einem „geringeres-Übel-Wahlkampf“ für den Kriegstreiber Joe Biden auf. Fridays for Future weigerte sich, „politisch“ zu sein und aus „system change, not climate change“ wurden sie zur Marionette einer grün-kapitalistischen Fraktion der Bourgeoisie.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Individuum und Masse</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Rückschläge sind jedoch, wenn man einen weiteren Blick auf die Gesellschaft wirft, nur temporär. Es sind Erfahrungen, aus denen die Massen wichtige Lehren ziehen werden und zunehmend erkennen, was nützliche Ideen sind und welche Strategien in eine Sackgasse führen. Zweifellos sind solche Phasen der Ebbe im Klassenkampf begleitet von einem Gefühl der Unruhe, der Demoralisierung gewisser Schichten der Arbeiterklasse und der Vereinzelung. Die Aspekte der „Zerstörung“ des Alten überschatten für eine Zeit das revolutionäre Potenzial, das indes unter der Oberfläche weiter geschürt wird. Wir erleben Phasen, in denen die Individualisierung von Problemen, Gefühle der Einsamkeit und Ohnmacht überhandnehmen und Elemente der gesellschaftlichen Barbarei, wie Rassismus und spiritueller Obskurantismus Zulauf gewinnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn wir heute am Arbeitsplatz um uns schauen und befinden, dass die Kollegen passiv und apathisch sind, darf man jedoch nicht in die Falle tappen, diese temporäre Phase zu verabsolutieren. Denn wir wissen, dass die grundlegenden Widersprüche nicht gelöst sind – und dass die unterirdischen Prozesse, die sich anstauende Unzufriedenheit, sich ihren Weg an die Oberfläche bahnen werden! Trotzki schrieb dazu folgende Worte, die wir nur vollständig unterstreichen können:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Idealisierung der Massen liegt uns fern. Wir haben sie unter verschiedenen Bedingungen, in verschiedenen Epochen und außerdem in den schwersten politischen Erschütterungen gesehen. Wir haben ihre starken und schwachen Seiten kennengelernt. Ihre starken Seiten: Entschlossenheit, Opfergeist, Heroismus, haben immer in Zeiten revolutionären Aufschwungs ihren klarsten Ausdruck gefunden. In dieser Periode standen die Bolschewiken an der Spitze der Massen. Danach begann ein anderes Kapitel der Geschichte, das die schwachen Seiten der Unterdrückten an die Oberfläche spülte: Ungleichartigkeit, Mangel an Kultur, ein zu beschränkter Gesichtskreis. (…)</p>



<p class="wp-block-paragraph">In diesen gewaltigen Ereignissen lernten die ‚Trotzkisten‘ den Rhythmus der Geschichte, d.h. die Dialektik des Klassenkampfes. Sie lernten auch, und, wie es scheint, bis zu einem gewissen Grade mit Erfolg, wie sie ihre subjektiven Pläne und Programme diesem objektiven Rhythmus unterzuordnen haben. Sie lernten, nicht an der Tatsache zu verzweifeln, daß die Gesetze der Geschichte weder von ihrem persönlichen Geschmack abhängen, noch ihren Moralkriterien untergeordnet sind. Sie lernten, ihre persönlichen Wünsche den Gesetzen der Geschichte unterzuordnen. Sie lernten, sich auch von den mächtigsten Feinden nicht schrecken zu lassen, wenn deren Macht im Widerspruch zu den Gesetzen der historischen Entwicklung steht. Sie verstehen es, gegen den Strom zu schwimmen in der tiefen Gewißheit, daß die neue historische Flut sie an das andere Ufer tragen wird.“ (Ihre Moral und unsere)</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die gleichen Kollegen, die noch heute jammern und rassistischen Vorurteilen anhängen, können in Zukunft entschlossene Klassenkämpfer werden. Das menschliche Bewusstsein ist konservativ und hält, solange es tragbar ist, am altbekannten Trott fest. Doch die menschliche Natur ist nichts Unveränderliches und auch dieser Trott wird ins Gegenteil umschlagen und das Bewusstsein mit einem Schlag zu den objektiven Notwendigkeiten aufholen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Aufgabe des Marxismus ist es, die geduldige Vorarbeit zu leisten, sodass wir uns genau auf diese Situationen des Klassenkampfes und Umschwungs vorbereiten. Engels spricht von den drei Seiten des Klassenkampfes: der „theoretischen, der politischen und der praktisch-ökonomischen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Aufgabe der marxistischen Philosophie ist es, den alten Schutt der bürgerlichen Ideen zu beseitigen und den Weg freizuräumen, für jene Ideen, die tatsächlich den Bestrebungen der Massen einen Weg aufzeigen. Diese wichtige Aufgabe verkürzt die schmerzliche Erfahrung des Abtestens von idealistischen, bürgerlichen und reformistischen Ansätzen in Bewegungen und ihrem Scheitern. Dem Druck dieser Ideen nachzugeben, bedeutet, sich die alten, überholten Ideen zum eigenen Problem zu machen. Mit dem Niedergang der alten Gesellschaft und ihrer Ideen wird man mit in den Sumpf des Pessimismus und der Niederlagen gezogen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die marxistische Theorie schult uns im Verständnis über die tieferliegenden Prozesse und die weitreichende Instabilität des Kapitalismus. Die Richtung der historischen Entwicklung ist klar: Der Kapitalismus steckt in seiner tiefsten Krise zumindest seit den 1930er Jahren – egal, was die Bourgeoisie macht, sie manövriert sich nur tiefer in ihre eigenen Widersprüche. Die Arbeiterklasse ist zahlenmäßig so stark wie noch nie in der Geschichte und in den letzten Jahren haben Arbeiter und die Jugend sich in Bewegung gesetzt, um deutlich „Nein“ zu den Zumutungen des Systems zu sagen. Doch „Nein“ zu sagen, ist nicht genug, um das schlummernde Potenzial zu verwirklichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es braucht eine positive Antwort, wie der Kapitalismus überwunden werden kann. Und diese Antwort kann der Marxismus liefern: die marxistische Theorie ist die verallgemeinerte Erfahrung der Geschichte, mit denen wir die kommenden Bewegungen zum Sieg führen können.</p>
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